Ein dankbarer Blick auf das Leben mit all seinen Facetten

1. September 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Psalm 103,2

Auf den ersten Blick hatte er nicht viel Gutes erlebt. Der alte Mann am Ende seiner Tage. Noch in die Kindheit fiel der Verlust der Mutter. Der Vater war im Ersten Weltkrieg gefallen. Den Zweiten Weltkrieg erlebte er selbst an der Ostfront. Als Jugendlicher in den letzten Kriegstagen. Nach dem Krieg die Vertreibung und der Verlust der Heimat. Gerade als er und seine Frau sich ein bescheidenes Glück aufgebaut hatten, starb die einzige Tochter. Seine Frau war über dem Schmerz verzweifelt. Inzwischen ist sie dement. Viel Gutes hat er auf den ersten Blick nicht erlebt.

Ramón Seliger, Pfarrer in Weimar und der EKM-Onlinekirche

Ramón Seliger, Pfarrer in Weimar und der EKM-Onlinekirche

Und doch sagt er: »Ich habe allen Grund dankbar zu sein. Ich kann mit meinem Leben hadern und mich beschweren, dass mein Körper dieses oder jenes nicht mehr schafft. Dass ich all die Verluste verkraften musste. Oder ich kann aufstehen und dankbar sein für alles, was ich noch kann. Ich nehme jeden Tag als ein Geschenk, gerade weil ich erfahren habe, dass das Leben schnell zu Ende sein kann. Ich freue mich jeden Morgen über das neue Licht des Tages und die Kraft, die ich noch habe. Ich bin dankbar für das Gute, das ich erleben durfte.«

Ich staune über eine solch warmherzige Lebensbilanz. Sie irritiert mich auch. Wohl dem Menschen, dem ein solcher Blick auf sein Leben geschenkt ist. Und doch ist er nicht nur geschenkt. Der alte Mann sagt: »Ich habe nicht immer in der Hand, was ich im Leben erfahre. Aber ich habe in der Hand, was ich daraus mache, wie ich auf mein Leben blicke.« Weiß Gott hat er in seinem Leben nicht nur Gutes aus der Hand seines Gottes empfangen. Und doch hat sich manches in der Rückschau auch verändert. Manche schmerzhafte Erfahrung erscheint im Laufe der Jahre in einem anderen Licht. Er ist an ihnen gewachsen. Nein, er sei nicht dankbar für den Schmerz und die Verluste. Aber das sei ein Teil seines Lebens. Ein anderer ist die Kraft, die ihm immer wieder zugewachsen ist. Über all die Jahre. Bis heute. Die Kraft, das Gute zu sehen und dankbar zu sein.

Ramón Seliger, Pfarrer in Weimar und der EKM-Onlinekirche


Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Bookmark and Share
Möchten Sie ein Exemplar der gedruckten Zeitung in den Händen halten? Gern senden wir Ihnen ein kostenloses Probeheft. Einfach und unverbindlich hier bestellen. (Link)

Für diesen Artikel ist der Bereich für Lesermeinungen geschlossen.