Am Montag war nichts wie früher

3. September 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Mattstedt: Hunderte demonstrierten friedlich nach Verbot des Rechtsrock-Konzerts

Seit diesem Wochenende gilt Mattstedt als »das Dorf, das die Neonazis vertrieb«, wie die Lokalzeitung titelte. Das als politische Versammlung angemeldete Rechtsrock-Festival wurde abgesagt. Grund war ein gerichtlich bestätigtes Betretungsverbot für das Festivalgelände. 3 000 Rechtsextreme aus Deutschland und Europa wurden im Weimarer Land erwartet.

Von Erleichterung zu sprechen, fällt Diana Schuchardt dennoch schwer. Gemeinsam mit ihrem Mann Andreas, Bürgermeister des 500-Seelen-Ortes, organisierte sie den Protest. »In den letzten Wochen haben wir gebetet und gesungen ›Heiland, reiß die Himmel auf‹. Als uns die Nachricht vom Verbot erreichte, haben wir uns gefreut, aber gejubelt haben wir nicht«, erinnert sich die Gemeindepädagogin. Denn was dem Dorf jetzt bevorsteht, ist, was Diana Schuchardt diplomatisch einen »langen Prozess« nennt.

Bunte Meile: Aus dem Protest gegen die Neonazi-Veranstaltung machte das Bürgerbündnis ein Fest für die Demokratie. Foto: Maik Schuck

Bunte Meile: Aus dem Protest gegen die Neonazi-Veranstaltung machte das Bürgerbündnis ein Fest für die Demokratie. Foto: Maik Schuck

Der begann schon mit Bekanntwerden des angemeldeten Rechtsrock-Konzerts. »Nach einer kurzen Schockstarre sind wir aktiv geworden und haben in Mattstedt alle Familien besucht, mit ihnen gesprochen, mit jedem einzelnen.« Vier Familien aus dem Dorf organisierten schließlich den Protest, über 30 Bewohner sagten dem Bürgermeister und seiner Frau ihre Unterstützung zu. Beistand und Solidarität erfuhren die Mattstedter auch von den Bürgerbündnissen aus Themar und Kloster Veßra.

In den Gesprächen mit den Dorfbewohnern sei ihr viel Frust und Enttäuschung entgegengeschlagen, erinnert sich Diana Schuchardt. »Wir haben den Menschen versichert, dass wir ihre Meinung akzeptieren. Aber viele haben gefragt: Warum lasst ihr euch so davon aufreiben? Das ist doch die Sache der Politik. Und warum lassen die uns damit allein?« Nicht jedem hätten sie begreiflich machen können, erzählt sie, dass es wichtig sei, sich dagegen zu stellen.

Und da wird sichtbar, welcher Gestalt dieser »lange Prozess« ist, von dem Diana Schuchardt spricht. »Solch eine Situation bedeutet eine eindeutige Positionierung – egal, ob man sich engagiert oder zu Hause bleibt.« Es verlange den Menschen viel ab, ihre Meinung in Handeln umzusetzen. Zudem, meint sie, sei die Beteiligung an einem zivilgesellschaftlichen Protest für viele neu gewesen. »Ich vermute, es gibt nur wenige Mattstedter, die schon mal bei einer Demo waren. Und dann ist da noch die Angst.« Diana Schuchardt berichtet, dass viele Familien entschieden hätten, über das Wochenende zu verreisen.

Trotz der Absage fanden in Mattstedt die Proteste gegen das angekündigte Neonazi-Treffen statt. Etwa 500 Menschen beteiligten sich laut Polizei, die mit Kontrollen und Straßensperren Mattstedt für anreisende Rechtsextremisten gesperrt hatte. Zum Friedensgottesdienst und dem anschließenden Demonstrationszug durch den Ort waren auch der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) und andere Politiker angereist.

Inzwischen haben die Einsatzkräfte, die Politiker und Journalisten das Dorf längst verlassen. Was bleibt, ist die Sehnsucht nach Normalität – und ein Streifenwagen, der in Mattstedt seine Runden dreht. Vor der Unsicherheit, der Frage, wie man jetzt dem Nachbarn begegnet, wie mit ihm redet, biete das keinen Schutz. »Es wird Risse geben«, sagt Diana Schuchardt. Sie wisse von Mattstedtern, bei denen die unterschiedliche Positionierung zu diesem Wochenende die eigene Familie spalte. »Einige meinten: Wenn es erst Montag ist, wird alles wie früher. Aber so einfach ist das nicht«, sagt Diana Schuchardt.

Mit Unterstützung der Mobilen Beratung in Thüringen (MOBIT) will sie weiter aufklären, vor allem die ländliche Jugend. »Schauen Sie nach Themar, nach Kloster Veßra oder jetzt ganz aktuell nach Chemnitz. Es geht gar nicht um Mattstedt. Es geht um die Verharmlosung solcher Situationen, wie wir sie hier hatten. Dadurch wird das Gefahrenpotenzial der rechten Szene, der Konzerte und Aufmärsche, mit denen sie den ländlichen Raum unterwandern, völlig außer Acht gelassen.«

Beatrix Heinrichs

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Bookmark and Share
Möchten Sie ein Exemplar der gedruckten Zeitung in den Händen halten? Gern senden wir Ihnen ein kostenloses Probeheft. Einfach und unverbindlich hier bestellen. (Link)

Für diesen Artikel ist der Bereich für Lesermeinungen geschlossen.