Forschungsschiff Gemeinde

3. September 2018 von redaktionguh  
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In jungen Jahren steuerte er Schiffe über Binnengewässer. Jetzt steuert er in Anhalt ein Schiff, das sich Gemeinde nennt. Angela Stoye sprach mit dem Bernburger Pfarrer Lambrecht Kuhn über seinen Lebensweg zwischen Technik und Theologie.

Anker geworfen in Bernburg: Pfarrer Lambrecht Kuhn an der Saale vor einem Passagierschiff, wie er es einst selbst auf dem Scharmützelsee steuerte. Im Hintergrund sind die Giebel des Renaissanceschlosses zu sehen. Foto: Engelbert Pülicher

Anker geworfen in Bernburg: Pfarrer Lambrecht Kuhn an der Saale vor einem Passagierschiff, wie er es einst selbst auf dem Scharmützelsee steuerte. Im Hintergrund sind die Giebel des Renaissanceschlosses zu sehen. Foto: Engelbert Pülicher

Sie stammen aus einer Pfarrfamilie und waren auch in der Jungen Gemeinde zu Hause. Eines Tages verließen Sie den festen Boden unter den Füßen und wurden Binnenschiffer. Wie kam es dazu?
Kuhn:
Ich wuchs in Fürstenwalde in Brandenburg auf, wo mein Vater Super-
intendent war. Die Spree und die vielen Seen in der Gegend haben durchaus zu dem Wunsch beigetragen. Eine Rolle spielte auch, dass es Vorfahren gab, die zur See gefahren sind.

Den Ausschlag gab mein Bruder, der Schiffbau studierte, mein Interesse an Schiffen und anderer Technik sah und mich zu diesem Weg ermutigte – obwohl ich eigentlich Bühnentischler werden wollte. Als das nicht klappte, bewarb ich mich, wurde angenommen und lernte ab 1983 an der DDR-Schifferschule »Karl Meseberg« in Schönebeck-Frose.

Wie ging es dann weiter?
Kuhn:
Mit dem Austreiben der »Rosinen aus dem Kopf«. Die waren wirklich ganz schnell weg. Gleich zu Anfang wurden wir in Uniformen gesteckt und mussten eine vormilitärische Ausbildung absolvieren. Dann erst begann die Ausbildung im Blockmodell: drei Monate Schulbank drücken und drei, vier Monate Praxis auf dem Schiff.

Dennoch: Es waren interessante Jahre, in denen ich mich ausprobieren musste und konnte. Bald bin ich aus dem Lehrlingswohnheim aus- und in ein leerstehendes Pfarrhaus eingezogen, wo ich mit anderen in einer Art Kommune gelebt habe. Von dort bin ich jeden Tag mit dem Rad die vier Kilometer zur Ausbildung nach Frose und zurück gefahren.

Wie hieß Ihr erstes Schiff?
Kuhn:
SSS 2508. Mit dem Stromschubschiff war ich auf der Oder und dem Oder-Spree-Kanal unterwegs. Später steuerte ich ein Ausflugsschiff auf dem Scharmützelsee südlich von Fürstenwalde. Ich war beim Kraftverkehr Fürstenwalde angestellt, der auch die Weiße Flotte auf dem Scharmützelsee betrieb.

Ihr Lebensweg führte Sie bald vom Wasser weg zu den Bausoldaten und dann weiter. Was haben Sie mitgenommen?
Kuhn:
Dinge, die einen im Leben tragen. Die technische Lehre, die Kenntnisse in Maschinentechnik, die Ausbildung bei sehr strengen Lehrmeistern, was wirklich nicht rosig war.
Bei der Armee hat mir auch geholfen, dass ich schon mit 16 von zu Hause weg und über lange Zeit allein zurechtkommen musste. Auch das Wissen, dass man lange Trennungszeiten durchhalten kann, hilft einem im Leben weiter.

War auch etwas für den Pfarrberuf dabei?
Kuhn:
Auf jeden Fall die Selbstdisziplin. Und ich habe durch den erlernten Beruf ganz andere Anknüpfungspunkte für Gespräche mit Gemeindemitgliedern. Ich weiß nicht, wovon ich hätte zehren sollen, wenn ich nach Abitur und Studium mit 25 Jahren auf eine Gemeinde losgelassen worden wäre.

Aber dazu kam es ja nicht …
Kuhn:
Nein, wohl auch deswegen, weil es mich mit Anfang 20 nach Berlin zog. Das war eine spannende Zeit, die mit der kniffligen Wohnungsfrage begann.

Zur Erinnerung: Eine Wohnung bekam in der DDR-Hauptstadt nur der, der eine Arbeit vorweisen konnte. Und einen Arbeitsvertrag bekam nur der, der eine Wohnung in Berlin vorweisen konnte. Ich hatte das Glück, ohne Mietvertrag im Hedwigskrankenhaus eine Arbeit zu finden. Später legte ich an der Humboldt-Universität eine Sonderreifeprüfung ab und begann 1989 – noch in der DDR – mit dem Theologiestudium, auf das ein Vikariat und das Zweite Theologische Examen folgten.

Die Veränderungen, die sich aus der Friedlichen Revolution ergaben, waren für mich segensreich. Unter anderem bot das Studium Generale weitere Lern-Möglichkeiten an anderen Fakultäten, und ich konnte ein Spezialvikariat in einer evangelischen Gemeinde in Polen absolvieren.

Sie waren einige Zeit wissenschaftlicher Honorarmitarbeiter am Lehrstuhl für Christliche Archäologie, Denkmalkunde und Kulturgeschichte der Humboldt-Universität. Was fasziniert Sie so an der alten Zeit?
Kuhn:
Das Fach Christliche Archäologie umfasste unter anderem die vorreformatorische Zeit in der Mark Brandenburg. Grundsätzlich finde ich die Suche nach Antworten darauf spannend, wie Menschen gelebt, warum sie was geschaffen haben und was das über sie aussagt.
Ich habe über das Bistum Lebus promoviert, eine polnische Gründung aus dem zwölften Jahrhundert, das später unter den Einfluss der Markgrafen und Kurfürsten von Brandenburg kam. Letzter Bischofssitz war bis zum Ende 1598 übrigens Fürstenwalde.

Inzwischen haben Sie sich der neueren und neusten Geschichte zugewandt …
Kuhn:
Stimmt. Denn interessante Themen bietet auch sie. Einen Anknüpfungspunkt habe ich in meiner Familie gefunden. Die beiden älteren Brüder meines Vaters fielen im Zweiten Weltkrieg. In der Schule lernte ich, dass alle Angehörigen der Wehrmacht Faschisten durch und durch gewesen wären. Das stimmt natürlich nicht.

Es ist spannend zu lesen, welche Doktrinen einem früher und welche einem heute angeboten werden. Deshalb rate ich zum gründlichen Informieren und Differenzieren und zum nüchternen Umgang mit den Themen. Das würde allen guttun. Die Beschäftigung mit den Familienschicksalen führte auch dazu, dass ich vor zehn Jahren den Kreisvorsitz des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge des Salzlandkreises übernahm.

Seit 2001 steuern Sie das »Schiff« Bernburger Martinsgemeinde. Wie kamen Sie an Deck?
Kuhn:
In der Kirche Berlin-Brandenburg gab es damals keine beruflichen Möglichkeiten für mich. Aber ich hatte das Glück, nach Anhalt in eine interessante Stelle wechseln zu können. Bald bot sich die Chance, ein Kinder- und Gemeindezentrum zu errichten. Das Martinszentrum mit seiner einzigartigen Kombination aus Kirchengemeinde, Kindertagesstätte, Grundschule und Schulhort am Leben zu halten, ist eine Herausforderung. Da sind meine Frau Berit als Schulleiterin und ich als Gemeindepfarrer am richtigen Ort.

Wie sehen Sie das »Schiff« Martinsgemeinde? Als Supertanker? Als Fracht- oder eher als Kreuzfahrtschiff?
Kuhn:
Vielleicht als ein sehr diffiziles Forschungsschiff, weil es letztlich darum geht, etwas Gutes für künftige Generationen zu tun. Da muss man ausprobieren und sich herantasten, herausfinden, was geht und was nicht. Das Forschungsschiff kann auch ein Bild für die Landeskirche Anhalts sein, die sich anschickt, mit dem Verbundsystem Neues zu probieren. Ich bin zuversichtlich, dass Gutes dabei herauskommt, obwohl ich anfangs skeptisch war. Für die Kirchengemeinden kann es nur besser werden. Und für die Pfarrer ist es wichtig, dass sie sich wieder auf ihre Kernkompetenz konzentrieren können.

Wo sehen Sie Probleme bei der Weiterfahrt, um im Bild vom Schiff zu bleiben?
Kuhn:
Unser größtes Problem ist die Kirchturmmentalität. Zudem muss die Mündigkeit der Gemeinde gefördert werden. Schon von daher darf der Pfarrer nicht alles machen.
Einer meiner Freunde in Holland ist Ältester. Dort kommt der Pfarrer nur zu Gottesdiensten, Kasualien oder zur Seelsorge in die Gemeinde. Er hat aber nichts mit Finanzen, Baufragen oder Geburtstagsbesuchen zu tun. Diese Aufgaben übernehmen andere. In Holland sind sie da viel weiter als wir hier.

Seit 13 Jahren sind Sie der landeskirchliche Beauftragte für die Arbeit mit Motorradfahrern. Wie kam es dazu?
Kuhn:
Das mit den Zweirädern begann schon vor der Lehre mit dem Moped-Führerschein. Nach der Wende habe ich mir dann ein Motorrad von der Bauart gekauft, von der ich davor nur habe träumen können. Und als ich 2001 nach Bernburg kam, gab es in der Landeskirche niemanden für diese Zielgruppenarbeit. Da habe ich damit begonnen und inzwischen gute Kontakte zu den Pfarrkollegen in anderen Landeskirchen, die ebenfalls auf diesem Gebiet tätig sind.

Ich weiß, dass dieses Arbeitsgebiet von manchen Pfarrer-Kollegen belächelt wird. Aber ich finde, es ist wichtig für die Menschen und auch für die Kirche.

Wieso das?
Kuhn:
Diejenigen, die zu den Gottesdiensten und den Ausfahrten kommen, haben zu 80 Prozent nichts mit Kirche zu tun. Aber in den Gottesdiensten werden sie empfänglich für andere Dinge, andere Themen, die sonst kaum in ihrem Leben vorkommen.

Ich wähle für die Treffen am Saisonbeginn immer ein Thema, das sich durch den Tag zieht. 2017 zum Beispiel ging es um Recht und Recht haben und um Eike von Repgow, der als Verfasser des Sachsenspiegels die deutsche Rechtsgeschichte prägte.

Dass die Arbeit mit Motorradfahrern ankommt, zeigt das stetige Interesse. Ich habe sogar eine Gruppe aus Essen dabei, die in jedem Jahr den weiten Weg zu den Treffen in Bernburg auf sich nimmt.

Sind Sie nun »nur« noch zu Lande unterwegs? Oder besitzen sie privat ein Boot?
Kuhn:
Besitze ich nicht. Ich habe zwar auch einen Führerschein für Sportboote. Aber als Familie sind wir anders unterwegs.

Wenn Sie nicht ausfahren, sondern einladen: Wo gehen Sie mit Gästen in Bernburg hin?
Kuhn:
In die Innenstadt mit dem Renaissanceschloss zum Beispiel. Oder wir schlendern durch die einst nicht zerstörten Straßenzüge, in denen zu sehen ist, was eine kleine ehemalige Fürstenresidenz für einen Charme hat. Das habe ich inzwischen sehr zu schätzen gelernt – obwohl mir die Seen und Wälder aus Brandenburg noch immer ein wenig fehlen.

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