Was uns im Leben trägt

21. September 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Das Selbst stärken: Es gibt Menschen, bei denen wird aus einer Krise eine Depression, während andere wie Phoenix aus der Asche aufsteigen. Was stärkt die menschliche Seele?

Im Leben mehr zu sehen als das, was die Augen wahrnehmen, Sinn und Bedeutung zu erfahren, an Gott zu glauben, das hat Einfluss auf unsere Widerstandsfähigkeit.
Resilienz nennen Wissenschaftler die Aufrechterhaltung oder rasche Wiederherstellung der psychischen Gesundheit nach leidvollen Umständen. Wie Menschen Krisen bewältigen, hängt von komplexen neurobiologischen, psychologischen und sozialen Lernprozessen ab, ebenso wie von strukturellen Faktoren wie unserer Erziehung sowie von gesellschaftlichen Bedingungen, schildert die promovierte Psychologin Donya A. Gilan vom Deutschen Resilienzzentrum der Universitätsmedizin in Mainz. Der Glaube ist ein Resilienzfaktor unter vielen.

Das Leben so zu gestalten, dass es unsere Resilienz fördert, ist eine gesamtgesellschaftliche, ja sogar politische Aufgabe, so Dr. Gilan. Andererseits ist es höchst persönlich. »Resilienz ist trainierbar«, sagt die Psychologin. Das gilt für unser Verhalten, also ob wir Emotionen wie Zorn regulieren können, ebenso wie für unsere Grundhaltungen, also ob wir realistisch-optimistisch und überzeugt davon sind, Anforderungen aus eigener Kraft zu bewältigen. Beides muss immer wieder geübt werden. »Bei Resilienz geht es um einen lebenslangen Lernprozess«, sagt Dr. Gilan.

Foto: Pixabay/Creative-Commons CC0

Foto: Pixabay/Creative-Commons CC0

Dabei kann der Glaube sowohl eine Ressource zur Heilung sein als auch ihr entgegenstehen, sagt der Psychotherapeut Stefan Hilffert. Wer sich Glaubenslehren unterworfen sieht, die den eigenen Empfindungen widersprechen, kann Religion als einengend und gefangennehmend empfinden.

In seiner Praxis in Laucha bei Naumburg arbeitet er mit einem psychotherapeutischen Ansatz, im Privatleben ist Stefan Hilffert engagierter Christ. Er selbst empfindet die lutherische Botschaft als befreiend, dass nicht die Werke, sondern allein Gottes Gnade einen Menschen gerecht machen. »Ich fühle mich geborgen. Es ist gut zu wissen, nicht funktionieren zu müssen, sondern sein zu dürfen«, sagt er.

Der Schlüssel zur Heilung seelischer Wunden liegt in den Menschen selbst, sagt der Psychotherapeut. Den einen trägt Gott, der andere erfährt Trost in einer intakten Beziehung oder, ganz profan, im Sportverein. Hilfferts Aufgabe ist es, seinen Patienten zu helfen, diese Ressourcen zu entdecken, den Schlüssel zu finden und Türen zu öffnen. Heilung ist ein Prozess, aber er endet nicht damit, dass am Ende alles heil ist, sondern dass Wunden versorgt sind, dass Narben sich nicht entzünden, dass der Schmerz nachlässt.

Ob sich der Glaube positiv oder negativ auswirkt, hängt laut Donya Gilan vom Resilienzzentrum weniger mit der Stärke religiöser Überzeugungen zusammen, sondern mehr mit dem Einfluss des Glaubens auf Krisenstrategien. Wer in stressvollen Lebensphasen mit Gott hadert, kann Religion als belastend empfinden. Immerhin konnte die Wissenschaft in den vergangenen Jahren die Freudsche Annahme widerlegen, dass Religiosität an sich der seelischen Gesundheit schadet. In einer Reihe von Studien wurde gezeigt, dass Religiosität nicht vorrangig mit Passivität, Abwehr oder Verdrängung einhergeht. Vielmehr konnte bei Gläubigen ein aktives Bewältigungsverhalten und ein eher ausgeprägtes Selbstwertgefühl beobachtet werden. Durch den sinnstiftenden Charakter, ritualisierte Handlungen und die Verbundenheit mit anderen Gläubigen kann der Glaube positive Effekte auf die psychische Gesundheit haben, so Dr. Gilan.

Der religiösen Bildung schreibt sie gerade in Zeiten zunehmend multireligiöser Gesellschaften eine Bedeutung zu: Im Sinne einer Schule der Toleranz kann Religion eine Quelle sein, um die psychische Entwicklung von Kindern zu fördern. Damit hat sich auch Sabine Müller-Langsdorf vom Zentrum Ökumene der hessischen Kirchen beschäftigt. Besonders Kinder erfahren ihre eigene Stärke durch stabile Beziehungen. »Glaube ist eine Ressource, um zu Kräften zu kommen«, sagt sie. Dies zu erkennen und zu fördern, darin bestärkt die Bibel: Die Kindersegnung, das Gleichnis vom verlorenen Schaf, aber auch die Schöpfungsgeschichte oder die Psalmen 23 und 139 erzählen davon, dass der Mensch nicht tiefer fallen kann als in Gottes Hand.

Katja Schmidtke

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Bookmark and Share
Möchten Sie ein Exemplar der gedruckten Zeitung in den Händen halten? Gern senden wir Ihnen ein kostenloses Probeheft. Einfach und unverbindlich hier bestellen. (Link)

Für diesen Artikel ist der Bereich für Lesermeinungen geschlossen.