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24. September 2018 von redaktionguh  
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Dem Humor und wie er die menschliche Widerstandskraft stärkt, widmet sich der Kongress Christlicher Krankenhäuser am 21. September in Schkeuditz. Zu den Rednern gehört Eva Ullmann, Gründerin des Deutschen Instituts für Humor in Leipzig. Katja Schmidtke sprach mit ihr.

Frau Ullmann, Sie haben sechs Semester Medizin studiert und sich dann mit dem Humorinstitut selbstständig gemacht. Haben Sie im Studium gemerkt, am Humor fehlt’s im deutschen Gesundheitssystem?
Ullmann:
Es war andersherum. Ich habe vorher Sozial- und Religionspädagogik studiert und suchte für meine Abschlussarbeit nach einem spannenden Thema. So bin ich über den Humor gestolpert und schaute mir verschiedene Therapeuten an; schon um 1900 hat Siegmund Freud eine Abhandlung über den Witz geschrieben.

Aus einem sozialpädagogischen Blickwinkel habe ich mich gefragt, welche Art von Humor Patienten und Klienten helfen würde. In der Medizin war das kaum ein Thema.

Warum nicht?
Ullmann:
Ärzte und Pflegekräfte denken zunächst, Humor sei Aufgabe der Klinikclowns und man müsse sich dafür verkleiden, schminken oder eine rote Nase aufsetzen. Aber Humor funktioniert auch ohne rote Nase.

Was braucht es stattdessen?
Ullmann:
Sensibilität in Gesprächen zwischen Tür und Angel, in der Kommunikation zwischen Arzt und Patient. Der Patient kann zum Beispiel nach einer OP noch nicht gut greifen, ihm fällt ein Glas herunter, dann sagt die Pflegekraft: »Oh, Sie können ja gut loslassen. Das ist beeindruckend, ich muss jede Woche zum Yoga.« oder: »Gut, dass Sie es runterschmeißen, ich wollte ohnehin neue Gläser für die Klinik anschaffen.« Humor kann helfen, negative Situationen in positive zu verwandeln.

 Eva Ullmann. Foto: privat

Eva Ullmann. Foto: privat

Wichtig ist für mich, mit dem Klinikpersonal zu trainieren, dass es einen Unterschied zwischen aggressivem und liebevollem Humor gibt. Unser Beispiel mit dem Glas: Der Pfleger könnte auch sagen: »In Ihrem Alter kann man das Wasser nicht mehr so gut halten.« Haha. Auf einer Kabarettbühne ist das witzig, im Krankenhaus nicht. Jemanden zu beschämen, der ohnehin in einer beschämten Position ist, weil er krank und schwach ist, hat für medizinisches Personal eine größere Konsequenz als für einen Kabarettisten, zu dem ich gesund und freiwillig gehe.

Kann man Humor lernen?
Ullmann:
Wir machen gerade eine Studie und haben bereits 150 Teilnehmer vor und nach unseren Trainings befragt. Bislang konnten wir nachweisen: Ja, Humor kann man trainieren.

Tun sich Ärzte damit schwerer als Pflegepersonal?
Ullmann:
Humor ist kein Statussymbol, deshalb tun sich Ärzte damit oft schwerer, sie haben eher Angst vor Statusverlust. Sobald sie aber wissen, sie müssen keine rote Nase aufsetzen, sind sie sehr offen und neugierig. Neulich haben wir erstmals einen Flyer im sächsischen Ärzteblatt beigelegt und hatten danach sofort drei Seminare voll. Offensichtlich gibt es einen Bedarf.

Pflegekräfte haben meistens einen näheren Draht zu Patienten und oft auch zu ihrem eigenen Humor. Zum Beispiel: Auf der Geriatriestation gibt es eine Patientin, die sich auf den Boden legt und nicht aufstehen will. Drei Pflegekräfte probieren es, die vierte legt sich dazu und hält mit der Dame erstmal ein Schwätzchen.

Humor öffnet Türen und ermöglicht einen Perspektivwechsel. Viele Menschen bringen einen liebevollen Humor mit. Was wir dann tun, ist daraus eine wiederholbare Technik zu machen.

Ihr Vortrag auf dem Kongress Christlicher Krankenhäuser lautet: »Kann Humor Ihrem Burnout schaden?« Ist das Galgenhumor?
Ullmann:
Natürlich kommen eher Menschen zum Kongress, die noch Energie und Ressourcen haben, überhaupt solch einen Kongress zu besuchen. In Anbetracht des Pflegenotstands gibt es sicher Kliniken, die über einen längeren Zeitraum zu viel Programm mit zu wenig Personal stemmen müssen. Die haben gar keine Kapazitäten für Humor.

Ich hatte schon Anfragen, wo sich in Unternehmen die Struktur veränderte, wo das Unternehmen verkauft werden sollte und alle Mitarbeiter Angst hatten – und die Geschäftsführung wollte erstmal ein Gute-Laune-Training buchen. Das habe ich abgelehnt. Humor ist nicht die Lösung für alles. Humor ersetzt keine Betriebswirtschaft.

Aber Humor kann mich durch einen stressigen Klinikalltag tragen und meinem Burnout schaden?
Ullmann:
Das meine ich ernst, das ist kein Galgenhumor. Für mich ist Humor eine Kraftquelle. Natürlich fördert dieser stressige Beruf als Arzt oder Pfleger einen aggressiven, zynischen Humor. Aber das umzuwandeln kann man üben, und dann wird Humor zu einer Kraftquelle, die durch den Tag helfen kann.

Was passiert im Körper, wenn wir lachen?
Ullmann:
Lachen hat physiologische Effekte: Die Muskeln bewegen und entspannen sich, der Blutkreislauf kommt in Wallung, schmerzstillende Endorphine werden ausgeschüttet, das Immunsystem wird gestärkt. Der zweite Ansatz der Forschung geht davon aus, dass eine positive Einstellung zum Leben Stress abpuffert.

Humor und eine positive Einstellung sind zwei von vielen Resilienzfaktoren. Resilienz heißt nicht, dass ich immer fröhlich bin und lache. Es heißt auch nicht nur auf Lösungen zu gucken, sondern auch die Krisen und Abgründe zu sehen, sie anzuerkennen. Das ist nicht Selbstmitleid, sondern Achtsamkeit gegenüber sich selbst.

www.arztmithumor.de

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

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