Hoffnungslos religiös

28. September 2018 von redaktionguh  
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Mut zur Religion: Die meisten Menschen in Ostdeutschland gehören heute keiner Religion an. Die Entwicklung von der selbstverständlichen Kirchenzugehörigkeit zur Religionslosigkeit beleuchtete eine Tagung.

Bedarf es heutzutage und hierzulande des Mutes zur Religion? Zunächst lässt sich diese Frage getrost mit Nein beantworten, denn in unserem Land ist die Religionsfreiheit vom Staat garantiert und geschützt. Auf den zweiten Blick indes ist nicht zu übersehen, dass es das Christentum hier in unseren Breiten äußerst schwer hat. Warum das so ist, darauf suchte ein Kongress in Dresden mit dem Thema »Gott? – Mut zur Religion in der modernen Gesellschaft« eine Antwort.

Religion auf der Bühne: Am 14. Oktober um 10 Uhr gibt es wieder einen Zwiebelmarkt-Gottesdienst auf dem Weimarer Herderplatz. Kirchengemeinde und Falk-Verein feiern den Schöpfer der Zwiebel, so wie auf dem Foto von 2016. Superintendent Henrich Herbst (Mitte) segnet die Besucher, dahinter »The Jakob Singers«. Foto: Archiv/John Böhme

Religion auf der Bühne: Am 14. Oktober um 10 Uhr gibt es wieder einen Zwiebelmarkt-Gottesdienst auf dem Weimarer Herderplatz. Kirchengemeinde und Falk-Verein feiern den Schöpfer der Zwiebel, so wie auf dem Foto von 2016. Superintendent Henrich Herbst (Mitte) segnet die Besucher, dahinter »The Jakob Singers«. Foto: Archiv/John Böhme

Lange Zeit sei die Kirche davon ausgegangen, dass der Mensch von Natur aus religiös gebunden sei. Michael Seewald, Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, spricht vom hoffnungslos religiösen Menschen. Ihm wird ein natürliches Verlangen nach Gott, ein Hang zur Religion zugeschrieben. Diese Vorstellung, so Seewald, sei nicht mehr haltbar. Die Idee des Menschen, dem ein natürlicher Hang zur Religion eigen ist, werde der gesellschaftlichen Situation, etwa in Ostdeutschland, wo areligiös die Normalität sei, nicht gerecht. Seewald bezeichnet den hoffnungslos der Religion sich hingebenden Menschen als das Wunschprodukt einer geschichtsvergessenen Theologie und konstatiert: »Er ist eine vom Aussterben bedrohte Spezies.« Der katholische Theologe ist einer der jüngsten Professoren Deutschlands in einer geisteswissenschaftlichen Disziplin – Seewald wurde 2016 mit 29 Jahren Lehrstuhlinhaber.

Wenn der Mensch seinem Wesen nach nicht mehr als zwingend religiös gedacht werden könne, schlussfolgert er, gehe der kirchlichen Verkündigung ein im wörtlichen Sinn natürlicher Haltepunkt verloren. In dieser Lage befinde sich die Kirche. Eine durchaus dramatische Veränderung, um deren Anerkennung die Kirche nicht herumkomme. »In einer Welt, in der der Mensch von Natur aus als religiös galt, war Religion hoch relevant.« Daher schenkten die Menschen in großer Zahl dem Aufmerksamkeit, was kirchliche Institutionen zu vermitteln hatten. »Heute ist das nicht mehr der Fall«, so Seewald. Nach seinem Eindruck registriert die Kirche zwar diesen Verlust, hat ihn aber bisher kaum verarbeitet. Stattdessen werde versucht, sich gegen diesen Verlust mit allen Kräften zu stemmen.

Einen Rückblick auf frühere Gesellschaften, in denen Religion selbstverständlich ihren Platz hatte, unternimmt auch die Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig. »Das damalige Leben war nicht nur durch gesellschaftliche Strukturen stark vorgeprägt. Seit das Christentum unter Kaiser Konstantin als Religion akzeptiert war, schuf auch der christliche Glaube, der sich nach und nach in Europa und dann auch in anderen Teilen der Welt durchsetzte, eine Bindung, die den Einzelnen in einen größeren Zusammenhang einordnete.« Es könne zwar kaum festgestellt werden, inwieweit die Menschen früher tatsächlich gläubig waren oder sich äußerlich nur angepasst hatten, weil man sich als Christ zu bekennen hatte. Aber die Kirchenzugehörigkeit war identitätsstiftend, und wer den Glauben ernst nahm, hatte zusätzlich eine innere Leitlinie, der er folgen konnte.

Diese trifft heute auf viele Menschen nicht mehr zu. Die Säkularisierung hat die Bedeutung der Religion in Europa zurückgedrängt. Zehnpfennig würdigt die moderne liberale Demokratie, »das freiheitlichste System, das man sich denken kann«, mit einer unübersehbaren Fülle an Möglichkeiten. Zugleich aber stelle uns die Freiheit vor die Qual der Wahl. Die bunte Vielfalt bietet zwar Raum für freie Entfaltung der Persönlichkeit, aber es sei schwer, sich in der Vielfalt nicht zu verirren und selbstständig Orientierung zu gewinnen, wenn so wenig Verbindliches vorhanden ist. Ein Grund für die Politikwissenschaftlerin, darüber nachzudenken, ob es nicht die Religion sein könnte, die dem Menschen Orientierung gibt.

Sabine Kuschel

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