Tischgebet in der Gaststätte?

30. September 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Öffentliches Glaubenszeugnis: Ein sicht- und hörbares Tischgebet vor dem Essen im Restaurant oder ein stilles Dankgebet? Ist es angebracht, der Bibel zu folgen und nur im stillen Kämmerlein zu beten (Matthäus 6, Vers 6)? Die Meinungen gehen da auseinander.

Harald Krille

Harald Krille

Pro

Harald Krille


Noch vor 20 Jahren habe ich mit Inbrunst Jesu Worte vom Gebet und dem stillen Kämmerlein aus der Bergpredigt als Argument gegen das Beten vor dem Essen in Gaststätten oder Kantinen zitiert. Inzwischen habe ich begriffen, dass Jesu Worte in eine völlig andere gesellschaftliche und religiöse Situation hineingesprochen sind. Wenn ich heute in der Gaststätte bete, dann doch nicht, um mich vor den Leuten zu produzieren, sondern um meinem Glauben Ausdruck zu geben. Wieso soll ich in der Öffentlichkeit nicht das tun, was ich zu Hause ganz selbstverständlich praktiziere? Es nicht zu tun, empfinde ich heute eher als die Heuchelei, gegen die Jesus sich wendet. Denn der Glaube gehört eben nicht, wie uns viele Menschen einreden wollen, allein in die Privatsphäre.

Wie ich bete, hängt dabei von den Umständen ab. Bin ich allein, halte ich kurz inne und spreche ein stilles Dank- bzw. Segensgebet. Händefalten und Köpfchensenken oder auch das Kreuzzeichen können den Moment begleiten, müssen es aber nicht. Sind wir mehrere Personen, dann bete ich auch laut. Freilich nicht in der Art, wie ich es – in einem anderen Land – erlebt habe, wo der Familienvater sich und seine Stimme am Tisch erhob und im ganzen Restaurant die Gespräche peinlich berührt verstummten. Aber so, wie wir uns am Tisch zu zweit oder zu viert unterhalten, können wir doch für einen Moment auch bewusst den unsichtbaren Partner unseres Lebens in das Gespräch einbeziehen. Das muss anderen gar nicht sonderlich auffallen. Und wenn doch – wo ist das Problem?

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Sabine Kuschel

Sabine Kuschel

Kontra

Sabine Kuschel


Die lutherische Rechtfertigungslehre, dass der Mensch allein durch den Glauben vor Gott gerecht wird, heißt für mich auf einen einfachen Nenner gebracht: Ich muss nichts, ganz und gar nichts tun, um vor Gott zu bestehen. Diese grundlegende reformatorische Erkenntnis, geboren durch seelische Qualen, hat es bis heute schwer, wirklich beherzigt zu werden. Sie steht immer in der Gefahr, hintergangen zu werden.

Ich will damit nicht sagen, dass der Glauben keine Folgen hat für die Art, wie ich lebe und auf soziale und ethische Fragen reagiere. Aber die permanente Erwartung, Christen müssten sich persönlich, gesellschaftlich und politisch so oder so positionieren, ist nichts anderes als ein Streben nach der von Luther abgelehnten Werkgerechtigkeit. Deshalb sträubten sich mir auch ein wenig die Haare, als ein Pfarrer im Gottesdienst sagte, es sei vorbildlich und ein Ausdruck von Mut, wenn Christen in der Gaststätte öffentlich vor dem Essen beten.

Ich kann zwar gut verstehen und es ist ehrenwert, wenn sich Christen Gedanken machen, wie sie ihren Glauben in der Öffentlichkeit zeigen können. Denn er hat es schwer, wahrgenommen zu werden. Meinetwegen, indem sie im Restaurant ein Tischgebet sprechen. Meiner Art zu glauben entspricht das nicht. Mir bedeutet das Gebet sehr viel und ich halte regelmäßig Zwiesprache mit Gott. Innerlich und stumm manchmal auch inmitten von Menschen und im Trubel. Ein Gebet vor den Augen anderer jedoch stört meine Konzen­tration und lenkt mich ab. Deshalb bete ich lieber nach Matthäus 6, Vers 6, im stillen Kämmerlein.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

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