Basecap und Talar

1. Oktober 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Jennifer Scherf ist 32 Jahre und damit die jüngste Pfarrerin im Merseburger Kirchenkreis

Am liebsten trägt Jennifer Scherf Sportschuhe, Jeans und Basecap. Hat sie frei, spielt sie Squash oder geht an der Saale joggen. Neulich war sie in Berlin auf einem Konzert der Rocksängerin Pink. Selbst schlägt sie sanftere Töne auf dem Klavier, der Gitarre und Trompete an. Ist sie im Dienst, trägt sie Talar. Jennifer Scherf ist seit April vergangenen Jahres Pfarrerin in Leuna und dem Unteren Geiseltal. Sie ist mit ihren 32 Jahren die jüngste von 17 Pfarrerinnen und Pfarrern im Kirchenkreis Merseburg, wo der Altersdurchschnitt bei über 50 Jahren liegt.

Leuna statt Wolfsburg: Dafür hat sich die junge Theologin Jennifer Scherf entschieden. Privat sieht man die Pfarrerin mit Basecap, Jeans und Turnschuhen. Foto: Petra Wozny

Leuna statt Wolfsburg: Dafür hat sich die junge Theologin Jennifer Scherf entschieden. Privat sieht man die Pfarrerin mit Basecap, Jeans und Turnschuhen. Foto: Petra Wozny

»Ich möchte keinen anderen Beruf und ich möchte hier auch so schnell nicht wieder weg«, sagt sie entschieden. Jennifer Scherf ist im Glauben fest verankert. Mit zehn Jahren trat sie gemeinsam mit Oma Elsa in den kirchlichen Posaunenchor ein. Den Auslöser, Pfarrerin zu werden, gab ihr Religionslehrer auf dem Gymnasium. »Man darf im Glauben nicht nur denken, man soll sogar denken. Das hat mich neugierig auf die Kirchengeschichte, die Bibelarbeit und christliche Ethik gemacht«, schildert sie. Die junge Frau stammt aus Wolfsburg, wo man eigentlich beim Automobilhersteller VW arbeitet. So wie ihre Eltern, die die Tochter dort gern gesehen hätten. Theologie studierte sie acht Jahre unter anderem in Göttingen und Leipzig. Nach dem Gemeindepraktikum habe sie gewusst, dass die Arbeit im Gemeindepfarramt die richtige für sie ist. »Hier sehe ich, wie die christliche Botschaft ins Leben übergeht«, sagt sie. Nach dem Vikariat standen viele Fragen im Raum: Gehe ich wieder zurück in die Heimat, bleibe ich in Sachsen oder nehme ich ein neues Ziel ins Visier? Sie entschied sich für Leuna in Sachsen-Anhalt – Chemiestandort und Gartenstadt.

Als sich Jennifer Scherf im Gemeindekirchenrat vorstellte, über ihre Ausbildung, Arbeit und ihre angetraute Frau Denise offen sprach, spürte sie schnell: Hier stimmt die Chemie. »Ich war beeindruckt, wie offen die Menschen mir entgegen kamen und wie gut strukturiert die Kirchenarbeit ist, die von vielen engagierten Ehrenamtlern getragen wird. Ich wurde gut aufgenommen.« Zum Gotteshaus in der Stadt Leuna kommen weitere zwölf in den umliegenden Dörfern dazu. Etwa 1 000 Kirchenmitglieder zählt man in diesem Gebiet. Das sind etwa sieben Prozent der Bevölkerung. »Ich hatte etwas Bedenken, dass ich zum Gottesdienst vor zwei bis drei Leuten stehe. Das war jedoch nie der Fall. Überall sind es meist bis zu 20 Personen«, erzählt Jennifer Scherf. Erst stellten sie sich aus Neugier ein, aber nun haben sich die Besucherzahlen etabliert. Der Predigtstil der Neuen komme an. Viele moderne Kirchenlieder hatte sie im Gepäck. Das habe jedoch nicht jeden gefreut. Nun einigte sich die Gemeinde auf mehrheitlich altes Liedgut, wobei Jennifer Scherf immer auch ein neues Lied singt und spielt.

Beziehungen aufzubauen, Menschen zu besuchen – das ist ihr wichtig. Da komme es auch vor, dass die 32-Jährige eine 90-Jährige trösten muss, die vor ihr zu weinen beginnt. Stark angestiegen ist die Zahl der kirchlichen Beerdigungen. Zeitfressend sei die Verwaltungsarbeit. An fast allen Kirchen müsste etwas gemacht werden. Mal ist es die Orgel, mal das Dach. Gerade wird das Leunaer Pfarrhaus samt Sakristei saniert.

Wie gut Jennifer Scherf der Gemeinde tut, ist an den steigenden Zahlen bei Trauungen und Taufen zu spüren: Fünf Trauungen und elf Taufen gab es in einem Jahr, acht weitere sind angemeldet. Natürlich freut das die Pfarrerin, die sich in der Jugendarbeit stärker einbringen will. Da gebe es noch viel zu tun. Aber wie sagt Jennifer Scherf: »Ich habe Zeit. Ich will hier so schnell nicht weg.«

Petra Wozny

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