Unser tägliches Brot

5. Oktober 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Erntedank: Eine Reaktion auf das uns widerfahrene Gute?

In jedem Gottesdienst wiederholen wir einen an Gott gerichteten Wunsch: »unser tägliches Brot gib uns heute«. Doch meinen wir diese Bitte des Vaterunsers wirklich ernst?

Sehen wir uns tatsächlich in einer Abhängigkeit von göttlichem Segen und seiner Fürsorge im Sinne existenzieller Bedürfnisvorsorge? Welche Rolle spielt die häufig ohne große Betonung dahergesagte Gebetsformel heute in unserem Bewusstsein, das geprägt ist von einem reichhaltigen Angebot an Brot, ja Nahrungsmitteln insgesamt im Überfluss?

Wenn wir nicht hochmütig und ichbezogen sind und diesen Überfluss als wirkliches Echo auf unsere Bitte verstehen, sollten wir angemessen reflektieren, dass das uns widerfahrene Gute unser Gefühl der Anerkennung verdient. Mit der Erkenntnis, dass wir es mit Geschenken Gottes zu tun haben, überwinden wir die Selbstverständlichkeit.

Foto: epd-bild

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Eine gute Gelegenheit, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, bietet alljährlich Erntedank. Seit etwa 200 Jahren hat das Erntedankfest Anfang Oktober seinen bestimmten Platz im kirchlichen Festkalender. Dabei charakterisieren Experten die wirtschaftliche Situation vieler Agrarunternehmen und der sie tragenden Familien derzeit als angespannt. Steht den betroffenen Landwirten wohl der Sinn nach Erntedank und milder Gabe?

Sehen sie sich angesichts signifikanter Ertragseinbußen nicht selber als unbedingte Adressaten gesellschaftlicher Solidarität und politisch organisierter finanzieller Unterstützung?

Ernteschwankungen und dadurch induzierte fehlende Preisstabilität gehören seit jeher zu den grundlegenden Seins-Faktoren der bäuerlichen Existenz. Doch während noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts der Anteil der in der Land- und Forstwirtschaft Erwerbstätigen bei 38 Prozent lag, beträgt er heute unter zwei Prozent. Ein wenig so, als wollten sie diesen realen Bedeutungsverlust nicht wahrhaben wollen, schwingt in Diskussionen, in denen Landwirte das Wort ergreifen, regelmäßig ihr Unverständnis mit für die gesellschaftlichen Ansprüche, denen sich der Berufsstand heute ausgesetzt sieht.

Oft reichen schon wenige Schlagworte, um ein mit Landwirtschaft und ihren Prozessen nicht mehr vertrautes Publikum dazu zu bringen, populistischen, aber nicht immer sachgerechten Argumentationen wohlwollend zu folgen. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit den – zugegebenermaßen komplexen – Fakten wird so umgangen. Und das, obwohl gut die Hälfte der Menschen in Deutschland noch immer in Dörfern, Gemeinden und Städten auf dem Land wohnt. Heute werden ganze 145 von ihnen von nur noch einem Landwirt ernährt.

Vielleicht lässt sich das diesjährige Erntedankfest vor diesem Hintergrund dazu nutzen, den Versuch gegenseitigen Verstehens zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft in den Vordergrund zu rücken. Kirche kann dazu Raum geben. Treten wir in einen Dialog! Nutzen wir Erntedank 2018, um sachlich miteinander zu reden! Schließlich ist es an uns allen, gemeinsam deutlich zu machen, dass es ohne Gottes Segen nicht geht. Es steht uns daher gut zu Gesicht, in Demut die Erkenntnis zu bekräftigen, dass wir das Leben nicht uns selber verdanken, sondern Gott, der alles in seinen Händen hält. Auf besonders schöne Weise nimmt auch der deutsche Dichter Matthias Claudius (1740–1815) in einem Text aus dem Jahr 1783, der heute unter der Nummer 508 Teil des Evangelischen Gesangbuchs ist, Bezug auf Gottes lenkenden Hand. So heißt es in der ersten Strophe: »Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand: der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf und träuft, wenn heim wir gehen, Wuchs und Gedeihen drauf«.

Claudius zeigt uns in bildhafter Sprache, dass es für eine auskömmliche Ernte mithin viel mehr bedarf als nur menschlichen Zutuns. Der Refrain des Liedes bringt es auf den Punkt: Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn!

Bernhard Voget

Der Autor ist promovierter Agrarökonom und bewirtschaftet Gut Bergmühle im Unstrut-Hainich-Kreis.

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