Dank für Braten und Kloß an Koch und Schöpfer

6. Oktober 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Aller Augen warten auf dich, Herr, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.

Psalm 145, Vers 15

Als vierstimmiger Gesang erklingt »Aller Augen warten auf dich, Herr« in der Vertonung von Heinrich Schütz. Als Tischgebet wird es gesungen oder gesprochen. »Aller Augen« ist in aller Munde, wo es Sitte ist, dass zum Essen gebetet wird.

Sabine Kramer, Direktorin des Predigerseminars in Wittenberg

Sabine Kramer, Direktorin des Predigerseminars in Wittenberg

Doch wo ist das so? In meiner Kindheit und Jugend kannte ich kein Tischgebet. In meinem Elternhaus wurde gutbürgerlich gekocht und sonntags festlich gedeckt. Die Mutter wurde für den schmackhaften Braten gelobt, der Großvater für die handgemachten Klöße aus Zweidrittel rohen und einem Drittel gekochten Kartoffeln. Doch zum Essen gebetet oder »Aller Augen« gesungen wurde nicht. Das Beten zu Tisch und das Beten als Gesang habe ich erst spät in meinem Leben durch die Familie meines Mannes kennen gelernt. In der Ausbildung angehender Pfarrerinnen, Pfarrer und Gemeindepädagogen im Predigerseminar gehört das Mittagssingen eine halbe Stunde vor dem Essen zum festen Bestand des Tages und für mich zu den unverzichtbaren Momenten.

Das Tischgebet hebt das Essen auf eine andere Ebene: vor den gefüllten Tellern sitzend, für einen Moment Gott zu erwarten, sich die Augen nicht allein an den Köstlichkeiten in den Schüsseln übergehen zu lassen, sondern aufzuschauen, sich von Gott die Speise geben, sich sättigen zu lassen. Zu spüren: Gott schenkt mir das zum Leben Notwendige zur rechten Zeit. Indem ich »Aller Augen warten auf dich, Herr« singe, werde ich zurückgebunden an Gott und die Welt, die Gott geschaffen hat. Von Gott kommt alles Leben, mein Leben eingenommen. Mir ist aufgegeben, das von Gott Geschaffene zu verwalten. Wie sorgsam oder wie achtlos gehe ich damit um? Das Tischgebet macht mich nachdenklich.

Zu Erntedank liebe ich den Duft, die Farben der Blumen und Früchte in der Kirche. Die Natur zeigt sich mit ihrem ganzen Reichtum. Ihn zu schmecken, sich daran zu erfreuen und neu oder wieder einzustimmen in das Tischgebet »Aller Augen warten auf dich, Herr«, dafür ist zu Erntedank die beste Gelegenheit.

Sabine Kramer, Direktorin des Predigerseminars in Wittenberg

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