Doch das Fleisch ist schwach

8. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Erntedank: Auch für Braten und Wurst lässt sich »Danke« sagen. Und das mit gutem Grund. Doch für den Menschen  müssen Millionen Tiere leiden – hat Gott das gewollt?

Die Wurst wird zum Erntedankfest gewürdigt, und selbst der Schinken. Hat Gott selbst nicht in seinem Bund mit Noah den Menschen gesagt: »Furcht und Schrecken vor euch sei über allen Tieren auf Erden … In eure Hände seien sie gegeben. Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise.« (1. Mose 9,2 f.)?

Auch in den Tagen um das Erntedankfest drängen sich Schweine, Hühner und Kühe in engen Ställen, liegen die Schreie der Ferkel beim Messerschnitt ihrer Kastration in der Luft, werden männliche Küken geschreddert. Hat Gott das so gemeint? Als er nach der Sintflut dem Menschen das Tiere-Essen frei gab, klang es eher wie eine Kapitulation. Eine Kapitulation aus Liebe. »Denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf«, spricht Gott zu Noah. Aber er will nicht mehr gegen die Menschen kämpfen.

Sein Kompromissvorschlag scheint Gott selbst schwer zu fallen: »Allein esst das Fleisch nicht mit seinem Blut, in dem sein Leben ist!« Denn Leben ist Gott heilig. Alles Leben. Danach schließt er einen Bund mit Noah, mit den Menschen und »mit allem lebendigen Getier«.

Foto: Daniel Fleck – fotolia.com

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Menschen haben die Bibel aufgeschrieben. Menschen haben in ihr auch ihre eigenen Interessen hinterlassen, und sie sind die längste Zeit Fleischesser. Um so erstaunlicher, was die beiden Schöpfungserzählungen darüber erzählen, was Gott eigentlich will. Noch vor dem Menschen schuf er die Vögel und Fische, heißt es in der ersten Erzählung – und er segnete sie auch als erste (1. Mose 1,22). In der zweiten Schöpfungserzählung schuf Gott die Tiere, damit der Mensch nicht »allein sei« (1. Mose 2,18). Er sollte den Mitgeschöpfen Namen geben, er sollte über sie herrschen – ernähren aber sollte er sich nur von Pflanzen. Und in der Tat waren die frühesten Vorfahren der Menschen wirklich Vegetarier.

Dass die Menschen sich am Ende von den anderen Tieren entfernten, erzählt die Bibel mit einem Wort: dem Sündenfall. Denn sie aßen, obwohl Gott es ihnen verboten hatte, vom »Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen«. Sie haben nun einen freien Willen, können reflektieren, abwägen, sich entscheiden.

Auch die Tür, bewusst Böses zu tun, war damit geöffnet. Sie trennt die Menschen von Gott. Und von den anderen Tieren. Gott vertrieb die Menschen, die die Schuld auf die Schlange schieben wollten, aus dem Paradies. Die Tiere nicht.

Biologisch lässt sich diese Trennung auch beschreiben. Viele Wissenschaftler erklären die Absonderung der Menschen mit ihrem Umstieg auf Fleisch: Es ließ ihre Gehirne anwachsen – und die Jagd lehrte sie die Grundlagen von Kooperation, Arbeitsteilung und Fortschrittsglauben. Erst am Ende der Tage, heißt es in der Bibel, wird diese Kluft zwischen Gott und den Menschen, zwischen Tieren und Menschen überwunden sein. Wenn der Messias kommt »werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen«, schreibt der Prophet Jesaja, »ein kleiner Junge wird Kälber und junge Löwen und Kühe miteinander treiben. Und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder« (Jesaja 11,6). Selbst fleischfressende Tiere werden in Gottes Reich zu Vegetariern.

Ja, Jesus ließ die Netze auswerfen und hat Fische gebraten, so schreibt es zumindest der Evangelist Johannes. Vielleicht hat er sie auch gegessen, doch das bleibt offen. Er war auch ganz Mensch. Und er spürte sicher auch das, was Paulus so beschrieb: »Wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstigt« (Römer 8,22). Tiere inbegriffen. Jesu Antwort auf das Leiden, wie er sie etwa in der Geschichte vom barmherzigen Samariter gab, ist ganz kurz. Sie lautet: Mitgefühl. Und dann handeln.

Andreas Roth

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