Das letzte Tabu

12. Oktober 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Auch Sterben ist Lebenszeit. Wie gehen wir um mit Abschied, Tod und Trauer? Von der Notwendigkeit über das Unsagbare zu sprechen.

Es war Februar, als mein Urgroßvater starb. Winterwochen, kalt und dunkel. Warm war nur der Schein der Nachttischlampe in dem sonst sonnenhellen Schlafzimmer. Das kleine Licht brannte bei Tag und in der Nacht. Es brach durch den Türspalt, wenn sie einander abwechselten, die Uroma, meine Großeltern und Eltern. Sie wachten an seinem Bett, hielten seine Hand, bis er die Augen schloss. Ich war neun Jahre alt. Es ist meine erste Erinnerung an den Tod. Und es ist das friedlichste Bild vom Sterben, das ich mir denken kann.

Dennoch: es ist ein idealisiertes, wie Christine Vonderlind weiß. Die Fachärztin für Anästhesie ist Vorsitzende des Thüringer Hospiz- und Palliativverbandes (THPV) und betreut Sterbende auf ihrem letzten Weg. »Die Mehrheit meiner Patienten wünscht sich, zu Hause im Kreise der Angehörigen einzuschlafen. Die Regel ist das aber nicht.« Nach Angaben des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes (DHPV) sind es tatsächlich etwa 25 Prozent. Gut die Hälfte der Menschen in Deutschland stirbt im Krankenhaus, rund 30 Prozent in einer stationären Pflegeeinrichtung.

Zahlen und Fakten, die den Tod schnell zum statistischen Detail werden lassen. Vom Sterben ganz zu schweigen. Über die letzte Phase, die ein Mensch durchlebt, wenn die Tage zu Ende gehen, wird kaum gesprochen. Woran liegt das? »Nicht nur die Auseinandersetzung mit dem Gedanken an die eigene Endlichkeit, auch das Sterben selbst braucht Zeit«, erklärt Christine Vonderlind. Und Zeit sei nicht nur im Gesundheitswesen, sondern allgemein eine knappe Ressource.

Wie also Anspruch und Wirklichkeit in Einklang bringen? Und was bedeutet »gutes Sterben« überhaupt? Die Schweizer Theologin und Psychologin Monika Renz ist eine willkommene Fachreferentin, wenn es um die Beantwortung dieser Fragen geht. Erst kürzlich sprach die Leiterin der Psychoonkologie am Schweizer Kantonsspital St. Gallen auf einer Tagung des THPV. Renz geht davon aus, dass Sterbende eine Bewusstseinsveränderung durchlaufen – ein Prozess, der im Sinne eines »guten Sterbens« möglichst ganzheitlich erlebbar werden soll. Als therapeutische Hilfen dienen Renz dabei Traumdeutungen nach C. G. Jung oder sogenannte »Klangreisen«.

»Weil du wichtig bist!«: Das Motto des Welthospiztags am 13. Oktober ist eine Reminiszenz an das Credo der Begründerin der Hospizbewegung, Cicely Saunders, die in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Foto: pexels.com/tookapic

»Weil du wichtig bist!«: Das Motto des Welthospiztags am 13. Oktober ist eine Reminiszenz an das Credo der Begründerin der Hospizbewegung, Cicely Saunders, die in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Foto: pexels.com/tookapic

Christine Vonderlind sieht eine konzeptorientierte Sterbebegleitung, die dem Prozess eine werthaltige Prägung aufdrückt, kritisch. »Mit Absolutismen, die den Sterbeprozess in »gut« und »schlecht« unterteilen, wird man dem Einzelnen nicht gerecht. Für mich ist ein friedliches Sterben eines, das Beziehung zu- und vielleicht sogar wachsen lässt.« Die grundsätzliche Frage sei, so die Medizinerin, wie man menschliche Zuwendung organisieren kann. »Sterbende brauchen Menschen an ihrer Seite, die sie berühren, die greifbar sind. Was zählt, ist echtes Interesse. Zum Ende hin entwickelt der Mensch ein starkes Bewusstsein für Authentizität.«

Das Interesse an ehrenamtlichem Engagement in diesem Bereich ist groß: Laut Anagaben des DHPV unterstützen mehr als 100 000 Menschen deutschlandweit die Arbeit für Schwerstkranke und Sterbende. »Das zeigt doch, dass die Hoffnung besteht, dass Sterben ein Tabu ist, das aufgeweicht werden kann«, so die Ärztin.

2015 trat das Hospiz- und Palliativgesetz für eine verbesserte Versorgung von Menschen in der letzten Lebensphase in Kraft. Heute gibt es in Deutschland rund 1 500 ambulante Hospizdienste, etwa 240 stationäre Hospize sowie mehr als 300 Palliativstationen in Krankenhäusern. Vielerorts bieten Hospizvereine Kurse für ehrenamtliche Sterbebegleitung an. Seit 2014 müssen Medizinstudenten, die ihr Zweites Staatsexamen ablegen, Leistungsnachweise im Fach Schmerz- und Palliativmedizin erbringen.

Gerade aber in der Sterbebegleitung gäbe es immer wieder Situationen, die im besten Wissen nicht so verliefen, wie gewünscht, erzählt Vonderlind. Wie gehen Ärzte, die per Eid geschworen haben, Leben zu retten und Leid zu lindern, damit um, wenn Krankheitsverläufe komplexer werden und die Belastung steigt? »Für mich ist es wichtig zu wissen, dass ich nicht den Part der letzten Instanz annehmen muss«, sagt Christine Vonderlind. »Mein Glaube gibt mir die Gewissheit dazu.«

Beatrix Heinrichs

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