Sie werden ein Fleisch sein

21. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Lebendspende: Auf ihren Garten sind Silke und Uwe Alberti zu Recht stolz. Hinter ihrem Haus in Apolda steigt er an. Gerade im goldenen Herbst ein Refugium mit Gewächshaus, bewachsenem Spalier, Sitzecke und Pavillon.

Das Ehepaar trinkt Espresso und genießt die Abendsonne. Als sie am 12. April 2010 die Haustüre abschließen, um nach Jena in die Universitätsklinik zu fahren, war nicht klar, ob sie diese Idylle jemals wieder gemeinsam erleben können.

Uwe hat eine Autoimmunerkrankung. Der Fachbegriff Primär sklerosierende Cholangitis (PSC) kommt ihm locker über die Lippen. Eine Verengung der Gallengänge, so dass die Galle aus der Leber nicht mehr abfließen kann. Die Leber entzündet sich. Als Uwe Alberti zum ersten Mal mit 40 Fieber in die Notaufnahme muss, schreibt der Arzt auf die Einwilligungserklärung: »Die Untersuchung kann zum Tod führen.« Fünf Monate mit Fieber­schüben, Blutvergiftung, Gelbsucht, Antibiotika-Behandlung, Schmerzen und Schwächeanfällen folgen.

Dann ist klar: Besserung oder überhaupt ein Weiterleben ist nur mit einer gesunden Spenderleber möglich. Damit ist der selbstständige Fernsehtechniker-Meister einer von 3 000 Patienten, die auf eine der verfügbaren knapp 500 Spenderlebern warten. Zwischenzeitlich stabilisiert sich sein Gesundheitszustand wieder. Das ist ein Nachteil, denn auf der Rangliste der Bedürftigen rutscht er damit wieder weit nach hinten. Nur wer die nächsten 72 Stunden nicht überleben würde hat die Chance, eher dranzukommen. Die Wartezeit beträgt im Schnitt drei Jahre. Für viele kommt die Nachricht zu spät.

Freuen sich des Lebens: Ehepaar Alberti genießt die Zeit zu zweit. »Ohne Silkes Spende würde ich heute nicht mehr leben«, ist sich Uwe Alberti sicher. Foto: Willi Wild

Freuen sich des Lebens: Ehepaar Alberti genießt die Zeit zu zweit. »Ohne Silkes Spende würde ich heute nicht mehr leben«, ist sich Uwe Alberti sicher. Foto: Willi Wild

Für Silke Alberti beginnt eine stressige Zeit. Tagsüber arbeitet sie in ihrem Floristikgeschäft, abends fährt sie nach Jena und verbringt die Zeit am Krankenbett ihres Mannes. Heute sagt sie, dass es auch ein Stück weit Selbstschutz gewesen sei, als sie sich entschließt: Ich spende Uwe einen Teil meiner Leber. Der lehnt zunächst ab. »Es ist doch verrückt, einen gesunden Menschen zu zerschneiden, nur damit es mir wieder besser geht«, meint er.

Als dann aber die Untersuchungen ergeben haben, dass die Voraussetzungen für eine Lebendspende gegeben sind, und Silke unbeirrt bleibt, willigt er ein.

Rückblickend sagt sie: »Mir war damals klar: das klappt. Da war ein absolutes Gottvertrauen.« Bei Uwe überwiegt die Skepsis: »Ich habe in mancher Nacht meine Todesanzeige vorgestaltet, weil ich dachte, das überlebe ich nicht«.

Vor dem OP-Termin regelt Uwe alles, als gäbe es kein Danach. Er beteiligt einen Mitarbeiter an der Firma, macht ein Testament und bestellt die Zeitung ab. Für Silke kam das nicht infrage. Sie denkt bereits an die Zeit nach dem Eingriff.

Am 13. April ist es dann endlich so weit. Um 7 Uhr wird Silke in den Operationssaal geschoben, um 10 Uhr folgt Uwe. Um 17 Uhr, 10 Stunden später, legen die Ärzte das Operationsbesteck aus der Hand. Es ist geschafft. Nun beginnt die Zitterpartie und das bange Warten. Wird das Organ im Körper angenommen? Kann die Funktionalität hergestellt werden? Wie verkraftet Silke die Entnahme von zwei Drittel ihrer Leber? Die Sterblichkeitsrate in den ersten Wochen ist bei Transplantierten sehr hoch. Uwes Ziel war es, den 49. Geburtstag noch zu erleben.

11 Tage nach der OP ist es so weit. Seinen zweiten Geburtstagstermin hat er nun immer am 13. April.

»Der Pfarrer sagte bei unserer Trauung, ihr werdet ein Fleisch sein«, meint Uwe und lächelt dabei verschmitzt. »Bei uns stimmt das. Ich habe ein Stück Silke in mir.« Die Gebete und Unterstützung von Freunden aus der Kirchengemeinde haben beiden geholfen. Silke findet Halt in der Liturgie. Für Uwe muss es eine gute Predigt sein. Mittlerweile sind über acht Jahre seit der Operation vergangen. Beide müssen sich schonen und passen aufeinander auf.

Uwe ist aktiver Rentner und studiert seit zwei Jahren in Jena Astrophysik. Silke fertigt ihre kunstvollen Blumensträuße und -gebinde von Zuhause aus. »Wir leben heute viel ruhiger als früher und genießen die Zeit, die wir jetzt miteinander haben.« Für sie war die Spende selbstverständlich und nicht der Rede wert. Uwe sieht das anders: »Silkes Lebendspende schafft eine ewige Verbindung. Etwas Größeres kann ein Mensch nicht für einen anderen tun.«

Mit dieser Erfahrung wirbt Uwe Alberti leidenschaftlich und pausenlos für den Organspendeausweis. Silke lehnt den Ausweis ab. Für sie kommt eine generelle Bereitschaft zur Organspende überhaupt nicht in Frage. Sie will nicht ausgeschlachtet werden. Die Vorstellung, dass eine Klinik Geschäfte mit ihren Organen machen könnte, macht sie wütend. Uwe lässt sich davon nicht beirren: »Bitte füllen Sie den Ausweis aus, egal wie.«

Am Vorabend vor dem gemeinsamen Gang ins Krankenhaus haben Silke und Uwe Alberti in ihrem Garten noch eine Pfingstrose gepflanzt. In der chinesischen Gartenkunst symbolisiert die Päonie ein Liebespfand. »Die mickert so vor sich hin«, sagt Uwe und lacht dabei. »Die braucht Geduld und Pflege, wie wir«, meint die Floristmeisterin Silke.

Willi Wild

www.uwe-alberti.de

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