»Vater aller Rettungshäuser«

25. Oktober 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Er zählt zu den Pionieren der Jugendsozialarbeit. Seine Pädagogik fand Nachahmer über die Grenzen Thüringens, ja Deutschlands hinweg: Johann Daniel Falk, der am 28. Oktober vor 250 Jahren in Danzig geboren wurde.

Johann Hinrich Wichern, der Gründer der Inneren Mission und des »Rauhen Hauses« in Hamburg, nannte Falk den »Vater aller Rettungshäuser«. Bekannt wurde er vor allem durch sein Weihnachtslied »O du fröhliche«, das er als Dreifeiertagslied 1815 seinen Zöglingen als Weihnachtsgeschenk schrieb.

Geboren als Sohn eines Perückenmachers, konnte Johann Daniel Falk, so sein Taufname, durch ein Stipendium der Danziger Ratsherren ein Theologiestudium in Halle aufnehmen. Doch schon bald merkte er, dass ein theoretisches Christentum nicht seine Sache war. »Eine Predigt ist keine Tat, aber eine Tat eine Predigt«, formuliert er später. Nach zwei Semestern Theologie wechselte Falk schließlich zur Altphilologie und Philosophie. Und begann, sich als Dichter einen Namen zu machen. Hatte er schon als Jugendlicher Spottgedichte geschrieben, so bediente er sich nun als Student der spitzen Feder. Das brachte ihm sowohl Ruhm als auch Schwierigkeiten ein. So wurde seine Satire von keinem Geringeren als dem Dichter Christoph Martin Wieland über die Maßen gelobt. Dieser ermutigte ihn sogar, nach Weimar überzusiedeln. 1797 zog er mit seiner frisch angetrauten Frau Caroline tatsächlich in die Klassikerstadt. Goethe und Schiller konnten der Satire nichts abgewinnen. Der Dichterfürst von Weimar wollte Falk sogar der Stadt verweisen, weil er im Epilog seines Puppentheaterstücks »Die Prinzessin mit dem Schweinerüssel« die Weimarer Schauspieler aufs Korn nahm.

Ein Glück für die Stadt, dass Falk blieb. Denn in den Kriegsjahren und während der französischen Besatzung 1806 bis 1813 bewies Johannes Falk diplomatisches Geschick. Er stellte sich den plündernden Soldaten entgegen, organisierte freiwillige Helfer fürs Lazarett, beschaffte Verbandsmaterial usw. Für seine Verdienste ernannte ihn Großherzog Carl August zum Legationsrat. Auch ihn selbst traf es hart im Jahr 1813. Drei seiner Kinder starben kurz hintereinander an Scharlach, den noch nicht einmal einjährigen Roderich hatte die Familie schon im Frühjahr jenen Jahres verloren. Caroline gebar insgesamt zehn Kinder, von denen sie nur drei überlebte. Ständig war sie in Sorge um die Familie. Umso bemerkenswerter, dass sie den Einsatz ihres Mannes für andere mittrug und unterstützte.

Falk-Museum: Im Weimarer Lutherhof befindet sich seit 2001 eine kleine Gedenkstätte, in der als Leihgabe der Klassik Stiftung Weimar ein Ölgemälde des Sozialreformers von Henriette Westermayr zu sehen ist. Foto: Burkhard Dube

Falk-Museum: Im Weimarer Lutherhof befindet sich seit 2001 eine kleine Gedenkstätte, in der als Leihgabe der Klassik Stiftung Weimar ein Ölgemälde des Sozialreformers von Henriette Westermayr zu sehen ist. Foto: Burkhard Dube

Um die Kriegsnot zu lindern, gründete Johannes Falk im Mai 1813 mit dem Stiftsprediger Carl Friedrich Horn die »Gesellschaft der Freunde in der Not«. Mit gespendetem Geld half die Gesellschaft den Bauern zu kaufen, was die durchziehenden Soldaten geplündert hatten, wie Saatgut und Ackergeräte. Bald wendete sich Falk jedoch den herumstreunenden Kindern und Jugendlichen zu. Durch Seuchen und Krieg waren Hunderte Kinder elternlos, vor allem nach der Völkerschlacht bei Leipzig. Oft wurden sie wegen kleiner Delikte ins Zuchthaus gesteckt. Das kritisierte Falk scharf: »Es ist das Vaterhaus, nicht das Strafhaus, zu welchem die Verirrten zurückkehren müssen.«

Mit dem »Institut der Freunde in der Not« und später dem »Lutherhof« entsteht die erste moderne Erziehungsanstalt in Deutschland. Sein Erziehungskonzept ist bis heute aktuell: Falk sucht in jedem Kind das Individuelle, das es anzusprechen und zu fördern gilt. Kultur-vor-Ort-2-43-2018Zudem ist ihm eine ständige Kontrolle des Werdegangs seiner Zöglinge wichtig. Die von ihm eingerichtete Sonntagsschule ist für alle Lehrburschen verpflichtend. »Daher ist die größte Wohltat, die man einem Kind erweisen kann, die, dass man es dazu anhält, etwas Nützliches zu lernen«, formuliert es der nun zum Pädagogen gewordene Falk.

Und einer seiner Zöglinge schreibt unter einen selbstgefertigten Kupferstich: »Ich bin nun ein frommer Schmied und Zimmermann. Ich breche nicht mehr Häuser auf – ich baue welche!«

Heute würden wir von ganzheitlicher Bildung sprechen, die Falk in seiner Sonntagsschule umsetzt: neben rechnen, lesen, schreiben wird musiziert, gezeichnet, gespielt und vor allem die Bibel studiert und mancher Text auswendig gelernt. Die christliche Erziehung, ihre Ethik und der »Schatz religiöser Gefühle« sind ihm wichtig, denn der Mensch sei ohne sie ein Schiff ohne Kompass und Ruder. Viel Geduld und Liebe bringt er den Kindern entgegen und wird somit beispielgebend für eine christlich-praktische Volksbildung.

In deutschen Städten, aber auch europaweit entstehen nach diesem Vorbild Rettungshäuser wie das schon erwähnte »Rauhe Haus« in
Hamburg.

Dietlind Steinhöfel

Termine zum Falk-Gedenken
25. 10., 14 Uhr, Otto-Neururer-Haus, Weimar (Paul-Schneider-Str. 5): Vortrag von Dietlind Steinhöfel (Weimar)
28. 10., 10 Uhr, Herderkirche, Weimar: Kantaten-Gottesdienst zum Falk-Geburtstag »Soziale Herausforderungen heute«; Musik von Johann Nepomuk Hummel, an der Orgel Johannes Kleinjung. 11.30 bis 13 Uhr: Geburtstags-Empfang der Stadt Weimar im Rathaus (Herderplatz) mit Grußwort von OB Peter Kleine; 17 Uhr: Großer Johannes-Umzug, beginnend am Falk-Denkmal am Graben über Lutherhof, Markt, Schillerstraße zum Historischen Friedhof.
30. 10., 9 und 10.30, Stadtbibliothek Rudolstadt: Buchlesung aus »Jakob sucht die Himmelsleiter« von und mit Dietlind Steinhöfel (Weimar)

www.johannesfalkverein.de


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