Viel Lärm um nichts

26. Oktober 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Unter einer Tatsache, einem Faktum, versteht man gemeinhin einen eindeutigen, anerkannten und nachgewiesenen Sachverhalt. Eine historische Tatsache liegt dann vor, wenn durch eindeutige Quellenbelege unzweideutig erwiesen werden kann, dass z. B. ein Ereignis zu einem Zeitpunkt tatsächlich stattgefunden hat. Bei der Frage nach Luthers Thesenanschlag ist die Sache die, dass aufgrund normativer Quellen bekannt ist, dass Disputationsthesen in Wittenberg an den entsprechenden Kirchentüren anzubringen waren, spätere Zeitgenossen, die nicht dabei waren, einen Thesenanschlag Luthers bezeugen, und aufgrund eines Briefes bezeugt ist, dass er die Thesen an diesem Tag versandte.

Aus diesen Indizien hat die Forschung seit geraumer Zeit die Konsequenz gezogen, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass eine öffentliche Anbringung der 95 Thesen mutmaßlich an dem traditionellen Datum erfolgt sei. Dieses Wahrscheinlichkeitsurteil ist von einigen wenigen Forschern dadurch bestärkt worden, dass sie auffällige Parallen zwischen Luthers 95 und jenen 151 Thesen Karlstadts aufzeigten, die dieser aus Anlass des zweiten großen Ablassfestes in Wittenberg neben Allerheiligen öffentlich anheftete.

Das Büchlein von Hasselhorn und Gutjahr (Seite 3) hat, nicht zuletzt durch das demonstrative Ausrufungszeichen hinter dem Titel (Tatsache!), etwas

Sensationsheischendes. Sensationalisierungen sind – erst recht in der Wissenschaft – allenfalls dann angebracht, wenn bahnbrechende, neue Erkenntnisse präsentiert werden. Doch die haben die Verfasser nicht zu bieten; nicht einmal eine einzige bisher unbekannte Quelle bringen sie bei. Zu viel Lärm um nichts!

Thomas Kaufmann

Der Autor ist Theologe und Kirchenhis­toriker an der Unversität Göttingen.

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