Fred macht das schon

28. Oktober 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Wiehe: Nach 28 Jahren ist die Sanierung der St. Bartholomäuskirche abgeschlossen. Ein Mammutprojekt, über eine Million Euro schwer, gestemmt von einer Kirchengemeinde mit gerade einmal 320 Mitgliedern. Ein Porträt.

Stillsitzend über »seine« Kirche berichten – eine Situation, die nicht gemacht ist für Manfred Reinhardt. Der Vorsitzende des Gemeindekirchenrats in Wiehe, den hier alle nur Fred nennen, sagt bald: »Ach, kommen Sie, das muss ich zeigen.« Mit dem großen Schlüsselbund in der Hand ist er in seinem Element. Die silbern glänzenden Türöffner für die Stadtkirche St. Bartholomäus, die Radwegekirche St. Ursula, für Gemeinderaum, Pfarramt und Radlerherberge trägt er in der Hosentasche. Die Namen und Daten, die großen und kleinen Geschichten von Sanierungsarbeiten, Pfarrerwechseln und dem Festhalten am Glauben in den bewegten 90er-Jahren, als die Schließung des Möbelwerks auch seine Arbeitsstelle kostete, die hat er im Kopf. Manfred Reinhardt ist eine lebendige Chronik – eine, an der er selbst mitschreibt.

Zur Bartholomäuskirche hat er eine besondere Beziehung. Schon als Kind saß der heute 60-Jährige mit der Oma in der Kirchenbank, seine Kinder sind hier getauft und konfirmiert. Er ist ein echter Wiehescher, wie man hier sagt. Seit 20 Jahren steht er nun ehrenamtlich im Dienst seiner Gemeinde, die heute zum Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda gehört.

Als Vorsitzender des Kirchbaufördervereins ist für ihn nun mit der Bauabnahme Mitte Oktober ein weiteres Kapitel geschrieben. Anfang der 1990er-Jahre wurden Dach und Glasfenster der Bartholomäuskirche saniert, wenig später folgten Turm, Giebel und Fassade. Ab 2014 kamen Tonnengewölbe, Empore, Altar, Epitaphe und die romantische Orgel mit ihrem barocken Prospekt in die Kur. Zuletzt wurde Hand an die Patronatsloge gelegt, die zukünftig als Ausstellungsraum dienen soll.

Insgesamt 1,2 Millionen Euro investierte die Kirchengemeinde in das Gotteshaus am Markt. Zu den Geldgebern zählten, neben Kirchenkreis und Denkmalpflege, unter anderem auch die Partnergemeinde in Hessen und die Familie von Werthern, deren Vorfahren 1468 den Bau einer Kirche an diesem Ort stifteten. Die Gräber der Patrone auf dem Friedhof an der St. Ursulakirche sind noch erhalten. Beachtliche Summen seien aber vor allem von privaten Spendern aus dem Ort selbst gekommen, betont Reinhardt. Eine erstaunliche Leistung für die kleine Kirchengemeinde, die 320 Mitglieder zählt.

»Mammutprojekte wie diese brauchen auch ein ›Mammut‹, das mit Kräften voran geht«, sagt Pfarrer Helfried Maas anerkennend. Seit April ist er zuständig für den insgesamt 850 Gläubige zählenden Kirchengemeindeverband, zu dem auch die Orte Allerstedt, Garnbach, Langenroda, Nausitz, Gehofen, Donndorf und Kleinroda gehören. Die große Spendenbereitschaft erklärt sich der Pfarrer mit der besonderen Heimatverbundenheit, für welche die Kirche steht: »Gerade im ländlichen Raum ist die Identifizierung mit der Kirche als dem zentralen Punkt in der Mitte des Ortes groß.«

Engagieren sich für St. Bartholomäus: Manfred Reinhardt, der Vorsitzende des Kirchbaufördervereins, sagt Gisela Reimer, Katechetin im Ruhestand, sei die Seele der Gemeinde. Fotos: Beatrix Heinrichs

Engagieren sich für St. Bartholomäus: Manfred Reinhardt, der Vorsitzende des Kirchbaufördervereins, sagt Gisela Reimer, Katechetin im Ruhestand, sei die Seele der Gemeinde. Fotos: Beatrix Heinrichs

Der 31-jährige Pfarrer ist dankbar für das Engagement des Kirchenältesten, weiß aber auch, dass eine sanierte Kirche kein Selbstzweck ist. Ein solcher Ort wolle auch belebt sein, sagt Maas. Mit der offenen Radwegekirche St. Ursula sei das beispielhaft gelungen, das belegten die Einträge im Gästebuch und die Anmeldezahlen für die Radlerunterkunft in der ersten Etage des Pfarramts.

Für seinen dreijährigen Entsendungsdienst hat sich der gebürtige Leipziger, der zuvor Vikar an der Marktkirche in Halle war, vorgenommen, den Gemeindeaufbau »von unten« zu stärken. »In Wiehe gibt es seitens der Stadt kein allzu großes Angebot für Kinder und Jugendliche. Hier sehe ich eine Chance für die Kirche diese Leerstellen zu füllen.« Was den Pfarrer an seiner jetzigen Aufgabe jedoch besonders reizt, ist die Kombination aus Gemeindepfarramt und Bildungsarbeit. Mit einem Viertel Stellenanteil ist Maas an der Ländlichen Heimvolkshochschule, der Bildungs- und Begegnungsstätte Kloster Donndorf, beschäftigt. »Ich möchte Kirchengemeinde und Kloster stärker vernetzten. Donndorf soll nicht als Insel wahrgenommen werden, sondern als Teil der Gemeinde.« Mit Kooperationen, zum Beispiel im Bereich der Kirchenmusik, oder mit kleineren gemeinsamen Projekten solle diese Verbindung wachsen.

Von einer übertriebenen Eventkultur im Gemeindeleben hält Maas jedoch wenig. Manchmal genügten einfache, gut gemachte Angebote, um Menschen auch über den eigenen Kirchturm hinaus mit den Christen aus den Nachbargemeinden zusammenzubringen. Eine Erfahrung, die man in Wiehe schon seit vielen Jahren macht – mit wechselnden Pfarrern und in Vakanzzeiten. Am traditionellen Ostermontagsspaziergang von Nausitz nach Gehofen haben zuletzt etwa 80 Mitglieder aus dem gesamten Kirchgemeindeverband teilgenommen. Zum nunmehr zehnten Fahrrad-Gottesdienst zur Saisoneröffnung im Frühling waren es gar 100 Gäste. Auch die Einladung zur offenen Bartholomäuskirche am zweiten Adventswochenende werde regelmäßig sehr gut angenommen.

Große, gemeinsame Veranstaltungen scheut der Pfarrer nicht – im Gegenteil: »Nur so bekommen wir eine relevante Gruppe von Menschen zusammen, um wertvolles geistiges Leben miteinander zu teilen.« Die kleinen Orte dürfe man darüber aber nicht aus dem Auge verlieren, weiß Maas. »Auch die beiden Rentnerinnen, die sonntags die einzigen in der Kirche sind, haben ein Anrecht darauf, ihren Gottesdienst so zu feiern, wie sie es gewohnt sind. Ich bin kein Fan von Kurzandachten für kleine Gemeinden.«

Klingt nach einem Spagat, Helfried Maas aber ist zuversichtlich. Vielleicht auch weil er um die Unterstützung weiß, die »Mammutschultern«, die ihm helfen, die ein oder andere organisatorische Aufgabe in der Gemeinde zu tragen. Eine Gemeinde, die Manfred Reinhardt ans Herz gewachsen ist – und er in ihres. »Er hat immer ein gutes Wort, er hält hier so vieles zusammen«, sagt Gisela Reimer. Die Katechetin im Ruhestand kümmert sich regelmäßig um den Blumenschmuck in der Kirche, wie auch jetzt vorm Reformationstag, an dem mit einem Orgelkonzert der Sanierungsabschluss begangen werden soll. »Ohne Fred läuft hier nichts, er ist die Seele hier, er macht das schon.«

Beatrix Heinrichs

Orgelkonzert mit Kantor Pascal Salzmann und dem Erfurter Domorganist Silvius von Kessel: 31. Oktober, 10 Uhr, St. Bartholomäus Wiehe.

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