Der letzte Reformierte

29. Oktober 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Anhaltgeschichte(n): Vor 370 Jahren starb in Zerbst Christian Beckmann (1580 bis 1648), Vater des berühmten Geschichtsschreibers Johann Christoph Beckmann.

Wir gläuben, lehren und bekennen, daß die Wort des Testaments Christi nicht anders zu verstehen sein, dann wie sie nach dem Buchstaben lauten, also daß nicht das Brot den abwesenden Leib, und der Wein das abwesende Blut Christi bedeute, sondern daß es wahrhaftig … der Leib und Blut Christi sei.«

Nach all den Entbehrungen muss es sich für Christian Beckmann wie die Zerstörung seines Lebenswerks angefühlt haben, als Fürst Johann von Anhalt-Zerbst diesen Glaubenssatz 1644 zur verbindlichen Wahrheit erklärte und begann, seine Lande entsprechend umzugestalten.
Die Konkordienformel von 1577, der dieser Satz entstammt, hatte man in Anhalt stets abgelehnt. Zu sehr hatte man sich hier Melanchthon verpflichtet gefühlt, der eine solche Interpretation zurückgewiesen hatte und für offenere Formeln eingetreten war, die dem Glauben weniger Zwang antaten. Zu eindeutig hatte man sich hier seit 1596 auf der Seite derjenigen positioniert, für die es »nur« ein symbolisches Essen des Leibes und Blutes Christi gab.

Beckmann, der aus der Nähe von Meißen stammte, war 1608 in Naumburg, 1612 in Mühlhausen Rektor geworden. In einer Zeit, in der die Differenz von Lutheranern und Reformierten sich extrem vertiefte, konnte er, der die (lutherische) Lehre von der Allenthalbenheit Christi ablehnte, nicht in Thüringen bleiben und ging in die reformierte Oberpfalz. In Amberg wurde er Hochschulrektor. Als die Oberpfalz 1625 von Bayern rekatholisiert wurde, entschied sich Beckmann, nach Anhalt zu gehen, zunächst nach Bernburg, dann nach Zerbst. Ausgerechnet die Stadt wurde 1626 erst durch protestantische, dann katholische Truppen geplündert und von der Pest heimgesucht. Der Betrieb des »Gymnasiums Illustre« kam zum Erliegen.

Die Ruine von St. Nicolai in Zerbst: Ausgehend von St. Nicolai wurde in Zerbst Anfang der 1520er-Jahre die Reformation eingeführt. Foto: Helmut Rohm

Die Ruine von St. Nicolai in Zerbst: Ausgehend von St. Nicolai wurde in Zerbst Anfang der 1520er-Jahre die Reformation eingeführt. Foto: Helmut Rohm

Dass Beckmann 1627 nicht nur zum Pfarrer an St. Nicolai und Superintendenten, sondern auch zum Professor für Theologie berufen wurde, war ein politisches Signal. Die Fürsten wollten den Hochschulstandort aufwerten zu einer Zeit, da »fast kein ort im Reich nicht übrig [sei,] dahin die studirende Jugend bey itzigem Zustand verschickt werden könnte«. Beckmann hatte sich einen Namen als lateinischer Dichter und Sprachwissenschaftler gemacht; vor allem war er als Theologe hervorgetreten, der reformierte Positionen vertrat und für die Einheit der Protestanten argumentierte. Seine Schriften erschienen in Leipzig, Wittenberg, Frankfurt a.M. und Frankfurt a.O., Marburg, Hanau und Amsterdam.

Bis 1640 veranstaltete Beckmann 40 Disputationen. Dies war eine enorme Menge. Nur wenige Studenten schrieben sich ein. Zerbst lag in Trümmern; seine Einwohner litten Hunger. Schutz suchende Landbevölkerung schleppte 1636 abermals die Pest ein; an die 1 500 Einwohner (etwa die Hälfte) starben – darunter Beckmanns Frau Christine.

Erst aus der zweiten, 1637 geschlossenen Ehe mit Margaretha, Tochter des Stadtkämmerers, stammte mit Johann Christoph der später berühmte Autor der Historie des Fürstentums Anhalt (1710). Der Sohn wurde 1667 Professor in Frankfurt a.O. – in einer neuen Zeit: Die Erfahrungen des Religionskrieges führten 1648 zu einer Friedensordnung, in der das Bekenntnis kein Gegenstand staatlicher Herrschaftsansprüche mehr sein sollte.

Die Einführung der Konkordienformel durch Fürst Johann, die jahrelange Konflikte (nicht nur) unter den Fürsten von Anhalt hervorrief, wurzelte noch in der alten Zeit. Nachfolger Beckmanns als Superintendent wurde der Lutheraner Johann Dürre. Beckmann erlitt 1644 einen Schlaganfall und starb im März 1648. Den Friedensschluss, der endlich auch die Reformierten als Protestanten anerkannte, erlebte er nicht mehr.

Jan Brademann

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