Diese Frage ist der Maßstab: Was würde Jesus dazu sagen?

17. November 2018 von redaktionguh  
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Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.

2. Korinther 5, Vers 10

Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.« So sprechen wir es Sonntag für Sonntag in unseren Gottesdiensten. Glauben wir das noch ernsthaft oder sprechen wir es nur mehr oder weniger gedankenlos mit? Wer glaubt schon an die Hölle? Ja, an den Himmel, da glauben wir alle. »Die Oma ist im Himmel«, so wird es kleinen Kindern erzählt, wenn sie nach dem Tod der Oma fragen. Ja, sogar Hund und Katze werden in den Himmel versetzt. »Und von dort schauen sie auf uns herunter …« So aber ist es bestimmt nicht. Nur wie es ist, das weiß niemand.

Thomas Begrich, Oberkirchenrat i. R., Magdeburg

Thomas Begrich, Oberkirchenrat i. R., Magdeburg

Hieronymus Bosch versuchte das einst mit seinen wunderbaren und gewiss erschreckenden Altarbildern zu ergründen. Aber so ist es wohl auch nicht. Das übersteigt nun einmal unsere Vorstellungskraft und darum entzieht es sich auch irgendwie unserem Glauben. Vor seinem Richterstuhl stehen? Und doch ist es etwas, das wir nicht auf die leichte Schulter nehmen sollten.

Wenn wir auch auf die Gnade durch unseren Herrn Jesus Christus vertrauen dürfen, so ist sie doch nicht wie ein Wegwerfartikel: billig zu haben. Und wenn man sie mal braucht, holt man sie sich wieder. Das Leben als Christ will ernst gemeint sein. In unserem Alltag. Paulus weiß das, darum bekräftigt er das wiederholt: »Alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.« (Kol 3,17) Das ist eine nicht geringe Herausforderung! Er mahnt uns damit sehr ernst, jederzeit christlich zu handeln und christlich zu reden. Verantwortlich. Martin Niemöller hatte einst sein Leben geändert, als er das erkannte, und so fragte er sich immer wieder: Was würde Jesus dazu sagen? Das ist der Maßstab. Und das kann man sich sogar wieder vorstellen. Denn darauf kommt es an, sich an etwas halten zu können, hier und heute. Wenn wir so leben wollten, dann, ja dann können wir wohl auf seine Gnade hoffen, wenn wir einst vor seinem Richterstuhl stehen sollten. Und das könnte ja schon morgen sein …

Thomas Begrich, Oberkirchenrat i. R., Magdeburg

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»Lasst uns singen!«

16. November 2018 von redaktionguh  
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»Cantiamo«: Die Idee kam von den jungen Leuten selbst und nun begeistert die Junge Kantorei Merseburg das Publikum bereits seit zwei Jahrzehnten.

Zugegeben, so richtig hat Stefan Mücksch an die Zukunft eines neuen Ensembles, bestehend aus Jugendlichen, die da eigene Musik machen wollten, nicht geglaubt. Doch nun steckt der Domkantor gemeinsam mit den damals »jungen Wilden« in den Vorbereitungen zu einem Jubiläum. 1998 wurde »Cantiamo« in Merseburg gegründet. Die anfängliche Skepsis beim Kirchenmusiker ist längst der Freude und inneren Zufriedenheit, ja auch dem Stolz auf das Erreichte gewichen.

Stefan Mücksch entstammt einer Wittenberger Kirchenmusiker-Familie. Mit Musik ist er groß geworden, lernte jedoch Werkzeugmacher. »An sich war es gut, aber ich merkte dann doch recht bald, dass Musik mein Leben ist«, sagt er. Nach der Ausbildung zum Kirchenmusiker – er spielt Orgel, Geige, Klavier und Posaune – wird er in Merseburg sesshaft. Ein Glücksgriff. Hier darf er, selbst kaum 30 Jahre alt, die Domkantorei mit mehr als 80 Sängerinnen und Sängern aller Altersgruppen leiten. »Unter ihnen gab es auch etliche jüngere Leute. Die kamen auf mich zu und machten den Vorschlag, eine eigene Gruppe zu gründen. Sie wollten einfach mehr machen«, erzählt Stefan Mücksch. Keine Konkurrenz zur traditionsreichen Domkantorei, und die Proben werden zusätzlich abgehalten – das waren die Bedingungen des Kantors.

Jede Stimme ist unersetzlich, sagt Stefan Mücksch, Leiter der Jungen Kantorei Merseburg. Foto: privat

Jede Stimme ist unersetzlich, sagt Stefan Mücksch, Leiter der Jungen Kantorei Merseburg. Foto: privat

Die etwa 15 Jugendlichen waren einverstanden und suchten nach einem Namen für das damals jüngste musikalische Kind in der Domstadt. »Cantiamo« – Junge Kantorei Merseburg, so lautete schließlich die Entscheidung. »Lasst uns singen« ist fortan der Slogan.

»Der erste Auftritt war in der evangelischen Kirche St. Viti.« Das wird Stefan Mücksch nicht vergessen. Das Gotteshaus war brechend voll und nach dem Konzert mit weltlicher und kirchlicher Musik war das Publikum restlos begeistert.

Seit jenem Tag im November vor zwei Jahrzehnten treffen sich die nunmehr 25 Schüler, Auszubildende, Studenten und jungen Berufstätigen unter Leitung von Stefan Mücksch zum Proben. Donnerstags, um Konzerte für die Domkantorei einzustudieren und freitags, um »Cantiamo« in Schwung zu halten. Zu den Sängerinnen gehören auch Stefan Mückschs Frau Katharina sowie die drei Töchter Anna Caroline (19), Marie Luise (15) und Alma Sophie (5). Sonntags geht ein Teil der Sänger zum Gottesdienst, um ihn musikalisch auszugestalten. Etwa sechs große Auftritte organisiert »Cantiamo« pro Jahr, hinzu kommen solche Termine wie das Weihnachtssingen am Heiligen Abend um 23 Uhr. »Ja, klar, ist das ein Mammutprogramm, aber ich kenne nicht einen, der das missen möchte. Alle sind mit Begeisterung dabei«, weiß der Kirchenmusiker.

Mit »Cantiamo« verfügt das Kirchspiel Merseburg über einen hochklassigen, ganz besonderen Kirchenchor. Das Repertoire umfasst weltliche und geistliche Musik aus mehreren Jahrhunderten: Motetten, englische Chormusik, italienische Madrigale und jede Menge heitere weltliche Lieder. Was »Cantiamo« bietet, bringt die Luft im Kirchenschiff zum Schwingen. Klangsicher, anspruchsvoll und hochklassig singen die Musiker a cappella achtstimmig – und Stefan Mücksch schmunzelt, als wollte er sagen »Hab ich doch gewusst, dass sie gut sind.«

Der Lauf der Zeit brachte es mit sich, dass einige Sänger »Cantiamo« wegen der Arbeit oder der Liebe verlassen haben. Doch neue kamen hinzu, meist gewonnen durch Mundpropaganda, Kontakte und Freundschaften. Den meisten Neukandidaten sei bewusst, dass es sich um ein renommiertes Ensemble handelt.

»Cantiamo« dankt seinem Publikum am 17. November um 18 Uhr in der Stadtkirche von Merseburg mit einem Jubiläumskonzert. Die Gäste dürfen sich auf das anrührende Requiem für Soli, Chor, Streicher und Harfe von Michael Porr freuen – damit wird auch an das Ende des Kirchenjahres erinnert. Zudem gibt es eine Uraufführung: Christian Quinque aus Merseburg hat zum 20-jährigen Bestehen für den Chor eigens ein Stück mit den Namen »An die Sonne« komponiert. »Cantiamo« wird mit dem Orchester, a cappella und mit ehemaligen Sängern zu hören sein. Lampenfieber hat Stefan Mücksch nicht. Nur eine Sorge: »Hoffentlich wird keiner krank. Denn jede Stimme von ›Cantiamo‹ ist unersetzlich.«

Petra Wozny

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Zu spät

16. November 2018 von redaktionguh  
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Zeit und Ewigkeit: Gedanken zum Ewigkeitssonntag bevor er vom Kerzentag oder Glühweinsonntag abgelöst wird.

Zu spät«, sagte die nette Dame mit dem mitleidigen Lächeln am Check-in-Schalter des Flughafens, als mir die Maschine vor der Nase abgeflogen war. Ich war im Parkhaus hängen geblieben, weil eine Schranke nicht funktionierte. Diese 10 Minuten und vorher im Stau am Frankfurter Nordwestkreuz hatten mir am Ende gefehlt. Ärgerlich, sehr ärgerlich. »Hätten Sie nicht etwas früher losfahren können?« Gute Frage.

Kollektiver Albtraum: Gräber von gefallenen Soldaten der Weltkriege auf dem Gertraudenfriedhof in Halle (Foto). Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg. Knapp 20 Millionen Menschen fanden den Tod. Der Volkstrauertag wird seit 1952 zwei Sonntage vor dem ersten Advent begangen und erinnert an die Kriegstoten und Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen. Foto: epd-bild/Steffen Schellhorn

Kollektiver Albtraum: Gräber von gefallenen Soldaten der Weltkriege auf dem Gertraudenfriedhof in Halle (Foto). Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg. Knapp 20 Millionen Menschen fanden den Tod. Der Volkstrauertag wird seit 1952 zwei Sonntage vor dem ersten Advent begangen und erinnert an die Kriegstoten und Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen. Foto: epd-bild/Steffen Schellhorn

»Zu spät«, sagte die Verkäuferin, die die Wurstschneidemaschine schon 10 Minuten vor Ladenschluss geputzt hatte. Kein Aufschnitt für Leute, die trotz langer Ladenöffnungszeiten notorisch auf den letzten Drücker kommen. »Kommen Sie nächstes Mal doch ein wenig früher!« Aha. Gut, dass ich das jetzt weiß, auf die Idee wäre ich allein nicht gekommen. »Zu spät«, sagte der Eheberater. »Da geht nichts mehr. Das hätten Sie früher aufarbeiten müssen. Das läuft auf eine Scheidung raus.« »Zu spät«, sagte der Arzt, als die Metastasen bereits im ganzen Körper gestreut hatten. »Wären Sie doch nur früher gekommen, dann hätten wir mit Chemo- und Strahlentherapie noch was retten können!« Zu spät! Welch ein vernichtendes Urteil, wenn es um Leben und Tod geht.

Wir Deutschen gehören weltweit zu den Menschen mit dem größten Sicherheitsbedürfnis. Früh anfangen, bald einzahlen, rechtzeitig dran denken, nachhaltig vorsorgen. Wir stehen auf Vorsorge.

Wir sorgen uns rechtzeitig um die Rente und mindestens um eine Zusatzversicherung. Wir sind meistens überversichert.

Nun kann man sich schon für die irgendwann fälligen Beerdigungskosten versichern, denn das kostet selbst bei Sargmodell »Spanplatte rustikal« richtig viel Geld. Wann wird es eigentlich Zeit, sich mit der Frage nach dem Tod zu beschäftigen? Ganz einfach: Bevor es zu spät ist. Solange der Kopf noch klar ist und nicht in der Demenz versinkt.

Darum ist ein Sonntag im November der wichtigsten Frage des Lebens gewidmet, der Frage nach dem Leben und dem Tod, der Frage nach der Ewigkeit. Wir sollten heute fragen, ob ich für die letzte Reise meines Lebens bereit bin, nicht morgen. Diese Frage stelle ich mir vor jedem Flug.

Mir geht immer das Gleichnis von einem reichen Großagrarier durch den Kopf, der alles richtig gemacht hat. Die Ernten wurden von Jahr zu Jahr besser, dass er immer größere Silos bauen musste. Vorsorgen, anlegen, nachhaltig deponieren, damit man die nächste Wirtschaftskrise übersteht. Eine vernünftige Entscheidung. Und dann machte er es sich bequem und bilanzierte: »Liebe Seele, du hast alles gut angelegt, nun lass es dir gut gehen!«

Auch mitten in der Wirtschaftskrise kann die Mehrheit in diese Bilanz einstimmen oder wenigstens hoffen, dass es schon immer irgendwie gut gegangen ist. Schroff und unvermittelt, so erzählt Jesus, sei die Antwort Gottes auf diesen Sparfuchs ausgefallen: »Du Narr! Du kluger Finanzoptimierer! In dieser Nacht wird es um deine Seele gehen. Wem gehört dann, was du im Leben erreicht hast?«

Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, dass ich so direkt frage, aber es geht schließlich um Ihr Leben und um das, was Sie mitnehmen können, wenn die Pumpe eines Tages nicht mehr mag oder der Tumor das Kommando über Ihren Körper übernimmt. Die ehemalige Landesbischöfin Margot Käßmann sagte bei der Generalversammlung einer Genossenschaftsbank: »Von allem, was uns gehörte, bleibt uns nur das, was wir verschenkt haben!«

Kommen Sie nicht zu spät, wenn es um das Finale geht. Wenn die scheinbar klugen Anleger und Überversicherten das Urteil »Du Narr!« hören müssen. An alles gedacht, nur nicht an die Ewigkeit. Respekt gegenüber allen, die gut vorgesorgt haben. Aber die eigentliche Lebens- und Sterbensversicherung heißt Jesus. Jesus, der uns hinterlassen hat, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.

Dass wir alle vor Gott offenbar werden müssen und dass wir zu einer ewigen Gemeinschaft mit Gott bestimmt sind, ganz ohne Leid und Tränen. Wer sich diesem Jesus Christus hier und heute überlässt, für den gibt es kein »Zu spät!« mehr. Ich wünsche Ihnen einen stillen Ewigkeitssonntag.

Jürgen Mette

Der Autor ist Theologe, Publizist und Verfasser des Buches »Alles außer Mikado« über seine Parkinson-Erkrankung.

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Im Herzen des 19. Jahrhunderts

13. November 2018 von redaktionguh  
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Wiederentdeckungen: Die Ausstellung »Die Welt von gestern« in Altenburg öffnet den Blick für bisher weithin unbekannte Gemälde aus der Schatzkammer des Lindenau-Museums.

Beim Eintritt empfängt den Besucher eine Gruppe mit Porträts italienischer Dichter wie Petrarca und Dante, die gerade von ihren Musen geküsst werden. Dahinter das programmatische Bild einer schönen Frau mit leuchtenden Augen. »Die Albanerin« (1818) bekam ihren Namen durch die Stadt Albano in der Nähe von Rom, die hinter ihr zu sehen ist. Dem Maler Ludwig Döll, der zur Zeit der Entstehung des Gemäldes an der Zeichenschule in Altenburg unterrichtete, ging es um das Idealbild einer jungen Frau: selbstbewusst in Festtagstracht. Diese Darstellung sorgte für Furore und entsprechende Nachfrage. Durch Herzog Ernst von Sachsen-Altenburg kam das Gemälde ins Lindenau-Museum. Italien galt als das Land der Sehnsucht – und was sich die Zeitgenossen im 19. Jahrhundert darunter vorstellten, wird an einem Bild von Erdmann Julius Dietrich mit dem Titel »Italienische Ideallandschaft« deutlich. Wie auf einer Bühne lagert eine Familie im Vordergrund, eingerahmt von Felsen, die sich zu dramatischen Formationen steigern. Auch Dietrich spielte in Altenburg eine große Rolle. Er war Schüler Dölls, wurde erster Kustos des Kunstmuseums und später Professor der von Lindenau gegründeten Museumsschule.

Faszinierend: Die stellvertretende Direktorin Sabine Hofmann und Museumsdirektor Dr. Roland Krischke vor einer Berglandschaft von Eduard Theodore Compton (1849–1921). Foto: Doris Weilandt

Faszinierend: Die stellvertretende Direktorin Sabine Hofmann und Museumsdirektor Dr. Roland Krischke vor einer Berglandschaft von Eduard Theodore Compton (1849–1921). Foto: Doris Weilandt

Ein besonderer Schwerpunkt der nach einem Buch von Stephan Zweig benannten Ausstellung liegt auf den Malern mit Nähe zur Stadt. »Sie erzählt zugleich einen Teil der Sammlungsgeschichte des Lindenau-Museums und zeigt, wie eng viele Künstlerbiografien mit Altenburg verbunden sind«, erklärt Museumsdirektor Roland Krischke. An den Werken wird aber auch der Wandel der Stile deutlich, die vom Klassizismus, über die Romantik, das Biedermeier bis zum Impressionismus reichen. Krischke nennt Gründe für das Thema: »Wir wollen das Depot vorstellen, das kein Mensch kennt.« Aus dieser Schatzkammer haben viele Arbeiten selten, einige noch nie das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Der Direktor möchte »auf die Kunstgeschichte mit heutigem Blick schauen«. Gemeint sind die Naturkatastrophen unserer Tage, die in die Betrachtung von Ideallandschaften und Seestücken einfließen. Ein weiterer Aspekt ist die Suche nach Restaurierungspaten für einige Gemälde. Unter der Beschriftung finden sich entsprechende Hinweise.

Zu den Höhepunkten der Wiederentdeckung gehört ein großformatiges Bild des Briten Eduard Theodore Compton, der nicht nur Maler, sondern auch ein bedeutender Bergsteiger war. Die beeindruckende Bergkulisse zeigt er aus der realistischen Perspektive des Sportlers, der gerade diesen Gipfel erklommen hat. Compton konnte auf viele Erstbesteigungen verweisen. Der Betrachter kann teilhaben an dem Gefühl, das sich einstellt, wenn das Ziel erreicht ist. Die beiden Kiefern, die sich an einer Felsplatte festklammern, zeigen die Kraft, die nötig ist, in dieser kargen Welt zu bestehen. Am Horizont reißt der Himmel auf und gibt den Blick frei auf einen schneebedeckten Gipfel. In manches Idyll bricht zum Ende des Jahrhunderts der industrielle Fortschritt ein. Auf einem Bild des zur Weimarer Malerschule zählenden Alfred Brendel sieht man im Hintergrund eine Eisenbahn fahren. Eine Kuhherde blickt sich auseinanderdriftend nach ihr um. Das Ende einer Epoche zeichnet sich ab.

Doris Weilandt

»Die Welt von gestern. Malerei und Grafik des 19. Jahrhunderts«, bis 3. Februar 2019 im Lindenau-Museum Altenburg

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Dorfkirche Gorden wird gerettet

13. November 2018 von redaktionguh  
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Sanierung: Hohe Luftfeuchte hat Holz zerstört und Statik gefährdet

Das Jahr 1749 ist auf der Wetterfahne der Dorfkirche vermerkt und seither hat die Kirche kaum wesentliche Sanierungen erhalten. Dementsprechend schlecht war ihr Zustand noch vor einigen Wochen. Nachdem im Innern eine extrem hohe Luftfeuchtigkeit gemessen wurde, sind vor zwei Jahren schon einmal zwei Fenster ausgetauscht worden. Somit lässt sich nun das Kirchenschiff belüften.

Zu spät kommt diese Maßnahme jedoch für viele Balkenköpfe, Sparren und Deckenbalken der inneren Konstruktion. Hier hatte sich der Hausschwamm eingenistet, der letztendlich die Statik eines Gebäudes zerstören kann. In einer aufwendigen Aktion hat nun die Zimmermannsfirma Voigtländer aus Oschatz sechs Deckenbalken über die komplette Länge und weitere sechs Deckenbalkenköpfe ausgewechselt. Im Turm haben die auf solche historischen Restaurierungen spezialisierten Fachleute die Stuhlsäulen gewechselt und zwei Streben ersetzt. Für die komplizierte Sanierung wurden insgesamt 1 400 Vollgewindeschrauben eingedreht, einige davon mit bis zu 30 Zentimetern Länge.

Dachdeckermeister Gerd Borchhardt schließt die Zimmermannszugänge im Dach der kleinen Dorfkirche von Gorden. Foto: Veit Rösler

Dachdeckermeister Gerd Borchhardt schließt die Zimmermannszugänge im Dach der kleinen Dorfkirche von Gorden. Foto: Veit Rösler

Nun muss im Innern noch ein Teil der Raumdecke ersetzt werden. Im Außenbereich schließt Dachdeckermeister Gerd Borchhardt (60) mit seinen Kollegen die Baustelle der Zimmerleute mit gotischen Biberschwanzziegeln. Das Dach wurde zuletzt vor 80 Jahren gedeckt. Weil einige der Ziegel zerbrochen oder von Salpeter betroffen sind, mussten insgesamt 60 Stück nach Auflagen des Denkmalschutzes in einer Spezialfirma originalgetreu nachgestaltet werden.
Danach wurde die Kirche umhüllt und mit Gas zur Holzschädlingsbekämpfung befüllt. Insgesamt 90 000 Euro werden in diesem Jahr für die Sanierung aus verschiedenen Fördertöpfen und einem Eigenanteil für die Bauarbeiten aufgebracht, sagt Kerstine Jantoss vom Gemeindekirchenrat. Danach möchte die Gemeinde die Bestuhlung, insbesondere die alten Bänke, erneuern sowie die Orgel und dann den Altar restaurieren. Bei einer Spendenaktion seien bisher 3 000 Euro zusammen gekommen, erzählt Kerstine Jantoss. Dieses Geld sei wichtig, um den Eigenanteil zur Förderung beisteuern zu können.

Die Kirche soll wieder zum Leben erweckt werden. So sollen hier nicht nur Gottesdienste, sondern auch Konzerte und Lesungen veranstaltet werden. Vorbild sei derzeit die Döllinger Barockkirche, die seit einer Krisensitzung der Einwohnerschaft im vergangenen Jahr nun wieder mit verschiedenen Veranstaltungsbausteinen mehr in den Fokus der Einwohnergemeinschaft gerückt wird.

Veit Rösler

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»Schön sauber lösen«

13. November 2018 von redaktionguh  
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Streitgespräch: Die Friedensbeauftragte und der Militärpfarrer debattieren über Kriegsführung und die Friedensdekade

Der Krieg spielt in der Friedensdekade 2018 eine wichtige Rolle. Thorsten Keßler sprach über die Digitalisierung des Krieges und die Beteiligung der Bundeswehr an der Friedensdekade mit Eva Hadem, landeskirchliche Beauftragte für Friedensarbeit, und Andreas Kölling, Militärpfarrer in Burg (Kirchenkreis Elbe-Fläming).

»Krieg 3.0« lautet das Motto Friedensdekade. Ungewöhnlich, oder?
Hadem:
Ein umstrittenes Motto. Die Kolleginnen und Kollegen im Magdeburger Arbeitskreis fanden es sehr unglücklich: Da steht Krieg im Mittelpunkt und unser Auftrag ist doch, Frieden stark zu machen. Darum haben die Magdeburger entschieden: Das Motto auf unserem Flyer ist nicht nur Krieg 3.0, sondern auch Frieden 3.0.

Kölling: Ich begrüße das Motto und finde es sehr gut, weil es einen Aspekt in den Mittelpunkt rückt, nämlich Krieg, über den wir gar nicht sprechen wollen. Das Thema fragt nach dem, was Soldaten beschäftigt und was ihren Dienst ausmacht.

Ihre Meinungen gehen schon beim Motto sehr auseinander.
Hadem:
Das liegt an unseren Perspektiven. Herr Kölling guckt auf die Soldaten. Ich gucke vorrangig auf die Friedensaktiven und die zivile Friedensstimme. Unser großes Anliegen ist es, die Stimme der Kirche für den Frieden und die gewaltfreie Konfliktlösung stark zu machen. So formuliert auch die Friedensdenkschrift der EKD den vorrangigen Auftrag: Wer aus dem Frieden Gottes lebt, tritt für den Frieden in der Welt ein.

Kölling: Ich glaube, es steht der Kirche gut an, dass wir nach Dingen fragen, die das Leben gefährden – dazu gehört Krieg. Wir sollten danach fragen, was das mit uns macht und was das für Soldaten bedeutet und wir müssen uns einmischen.

Im Zentrum der Friedensdekade steht die Digitalisierung des Krieges. Welche Gefahren birgt die Digitalisierung?
Hadem:
Die Gefahr eines sauberen Krieges. Wenn ich an Drohnen denke: Man steuert sie aus der Ferne und sieht die Gegner nicht. Das macht es einer alternden Gesellschaft, wie der unseren, einfach. Man muss keine jungen Leute mehr in den Krieg schicken. Wir können das schön sauber lösen, vergessen aber, welche Gefahr das für die Menschen in Ländern bedeutet, die von diesem Drohnen bedroht sind.

Unter der Regenbogenfahne: In ihrem Büro diskutiert Eva Hadem, Leiterin des Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrums und landeskirchliche Beauftragte für Friedens- arbeit, mit dem Burger Militärseelsorger Andreas Kölling. Foto: Viktoria Kühne

Unter der Regenbogenfahne: In ihrem Büro diskutiert Eva Hadem, Leiterin des Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrums und landeskirchliche Beauftragte für Friedensarbeit, mit dem Burger Militärseelsorger Andreas Kölling. Foto: Viktoria Kühne

Auch ist möglicherweise nicht genug im Blick – da weiß Herr Kölling sicherlich mehr – dass Soldaten dennoch posttraumatische Störungen bekommen können, weil es auch belasten kann, jemanden aus der Ferne zu töten.

Kölling: Ein Soldat sagte mir: »Die Digitalisierung erschreckt mich! Maschinen und Programme sind nur so gut wie die, die sie programmieren.« Mir ist für die Bundeswehr kein Fall von Traumatisierung durch Drohnenbedienung bekannt. Das muss aber nicht heißen, dass es das nicht gibt. Ein weiteres Problem ist die Frage von Schuld. Kirche hat fast ein Alleinstellungsmerkmal, die Schuldgefühle von Menschen ernst zu nehmen. Das begegnet uns auch in der Militärseelsorge.

Warum ist Bundeswehr bei der Friedensdekade dabei?.
Kölling:
Die Idee entstand nach dem »Magdeburger Manifest« vom Kirchentag auf dem Weg 2017, das von Kirche fordert, den Dialog mit Soldaten einzuschränken. Das hat zu sehr starker Verunsicherung geführt. Soldaten fragten: »Warum ist kein offener Dialog zwischen Kirche und uns möglich?« Für mich ist die Friedensdekade eine Möglichkeit, diesen Dialog wieder aufzugreifen.

Die Teilnahme wurde in Magdeburg sehr diskutiert?
Hadem:
Der Magdeburger Arbeitskreis hat das Angebot der Militärseelsorge und der Bundeswehr intensiv diskutiert. Wir hatten aber das Gefühl, es ist gerade bei dem Thema Krieg 3.0 gut, man führt diesen Dialog. Aber uns waren ein neutraler Ort und andere Beteiligte wichtig, so dass es wirklich ein Dialog wird.

Kölling: So wie ich das verstehe, ist die Friedensdekade beteiligungsoffen. Insofern hätte die Militärseelsorge das sicher auch alleine einbringen können. Es war auch uns wichtig, daraus ein gemeinsames Projekt zu machen.

Brauchen wir die Friedensdekade?
Hadem:
Auf jeden Fall. Ich wünsche mir, dass wir als Kirche mutiger sind, auch unbequeme Fragen zu stellen. Nicht zu sagen: ja, ja, liebe Politik, wir folgen euch in ultima ratio, sondern lange die Frage zu stellen: Geht’s nicht auch anders? Das halte ich für unseren wichtigen Auftrag, und da leide ich an meiner EKD, dass ich sie hier oft als zurückhaltend erlebe.

Kölling: Soldaten, mit denen ich spreche, wünschen sich eine starke Friedensbewegung. Denn es gibt viele Fragen. Etwa, ob es nicht problematisch ist, bei Auslandseinsätzen autoritäre Regime als Partner zu haben, die gar nicht so demokratisch aufgestellt sind wie wir. Und Soldaten reflektieren ihren Dienst. Es ist wichtig, dass sie damit nicht alleine sind.

Die Fragen stellte Thorsten Keßler.

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Engagiert, gelegentlich schockiert

13. November 2018 von redaktionguh  
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EKD-Synodale Colleen Michler will das Bewusstsein für die Herausforderungen kleiner werdender Gemeinden wecken

Soeben kommt die selbständige Architektin von einer Bauberatung. Auf dem Weg fällt ihr ein ratlos über der Straßenkarte sitzendes Ehepaar im Campingmobil auf. Schnell gibt Colleen Michler ihnen ein paar Tipps zur Orientierung. Wenige Schritte weiter ist sie dann als Bürgermeisterin des kleinen Ortes Oettern im Ilmtal bei Weimar gefragt: Kurze Absprachen mit dem Gemeindearbeiter sind nötig.

Noch ein paar Schritte weiter sitzen wir in der Küche ihres Hauses und schalten auf Kirche um. Denn Colleen Michler gehört als Vertreterin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) an. Darüber hinaus ist sie ebenfalls Mitglied der Generalsynode der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), gehört dort sogar zum Präsidium.

Architektin mit vielen Ehrenämtern: Colleen Michler vertritt die EKM in der VELKD- und der EKD-Synode. Foto: Harald Krille

Architektin mit vielen Ehrenämtern: Colleen Michler vertritt die EKM in der VELKD- und der EKD-Synode. Foto: Harald Krille

In keines ihrer vielen Ämter hat sie sich je gedrängt. In Oettern lebt die ursprünglich aus Kiel stammende Frau, seitdem ihr Mann, Klaus Dicke, einen Ruf als Professor nach Jena erhielt. Was Colleen Michler überraschte: Schon kurz nach ihrem Einzug klingelte die Ortspfarrerin bei ihnen, begrüßte die neuen Mitglieder der Kirchengemeinde und lud zum Mittun ein. »Das hatte ich bisher in meiner Kirche so nicht erlebt. Da war eher der Eindruck: Die Claims sind abgesteckt, jeder hat seine Aufgabe, neue Leute werden gar nicht unbedingt gebraucht.«

In Oettern wurde sie schnell gebraucht: Bald kam die Frage, ob sie nicht in der Kreissynode Weimar mitarbeiten wolle. Ihrem »Ja« folgte ein »Integrationsprogramm« in der neuen Heimat, wie sie es rückblickend nennt: Musste sie doch nun den Informationsfluss von der Kreissynode in die fünf Gemeindekirchenräte ihres Gemeindeverbundes sicherstellen und umgekehrt. »Da habe ich schnell die Menschen der Region kennen- und schätzen gelernt.«

Was wohl auch umgekehrt galt: 2010 wählte man sie zu Oetterns Bürgermeisterin. Auch innerkirchlich folgten weitere Aufgaben. Etwa in der Auswahlkommission für die Vikarinnen und Vikare der EKM. »Ich war wohl doch etwas auffällig in den verschiedenen Gremien«, vermutet sie. Denn schon bald erreichte Colleen Michler der nächste Ruf: Ob sie die EKM in der EKD-Synode sowie der VELKD-Generalsynode vertreten würde?

Leicht hat sie sich die Entscheidung nicht gemacht und erst einmal viele Informationen eingeholt. Zumal sie ja auch nicht Mitglied der EKM-Synode war und sich schon genügend beruflichen und nebenberuflichen Herausforderungen gegenüber sah.

Die ersten Tagungen der 12. EKD-Synode im Mai und im November 2015 brachten nicht nur positive Erfahrungen. »Befremdend« sei es gewesen, wie etwa bei den Wahlen zum Rat der EKD vorher getroffene Absprachen nicht eingehalten und Kandidaten fallen gelassen wurden, sich Wahlgänge endlos hinzogen. Geradezu »abstoßend« sei es gewesen, »wie wir hier als Kirche mit Menschen umgegangen sind«. Ein Grund, warum sich Colleen Michler in den vergangen Jahren auch nicht an eine der Synodalen Arbeitsgruppen, die eine Art von Fraktionen im Kirchenparlament darstellen, gebunden hat.

Worin sie ihre Aufgabe in der Synode sieht? Vor allem möchte sie das Bewusstsein für die Herausforderung durch kleiner werdende Kirchengemeinden schärfen. Das Problem sei im Osten Deutschlands besonders akut, wo für hauptamtliche Mitarbeiter »längst die Grenze der Belastung überschritten ist«.

Doch die Kirchen im Westen sieht Colleen Michler über kurz oder lang vor den gleichen Problemen. Ihre Vision: Neue Wege gehen, mehr niedrigschwellige Angebote, wie sie sie etwa bei den »Kirchentagen auf dem Weg« im vergangene Jahr erlebt hat. Und: »Wir dürfen unsere Ideen nicht nur in den eigenen Gebäuden diskutieren, wir müssen mit unseren Angeboten in die Häuser der Menschen, in die Kneipen, in die Krankenhäuser, in die Schulen.« Wichtig ist ihr zudem die Ökumene – denn die lebt Colleen Michler selbst in ihrer Ehe: Sie als überzeugte Lutheranerin, ihr Mann als engagierter katholischer Christ. Auf dem sonntäglichen Frühstückstisch liegen zwei Zeitungen: der katholische »Tag des Herrn« und »Glaube + Heimat«.
Harald Krille

Nordlicht mit ostdeutscher Perspektive

EKD-Synodaler Jan Lemke will juristischen Sachverstand und die spezifischen Erfahrungen aus dem Osten stärker einbringen

Wenn Jan Lemke sich in der Synode der mitteldeutschen Kirche zu Wort meldet, ist ihm die Aufmerksamkeit gewiss. Das liegt keineswegs nur an der Statur des Juristen – »ich bin nicht von Natur aus schlank«, sagt er selbstironisch – sondern mehr noch an seinem trockenen norddeutschen Humor und seinen treffenden Einwürfen. Dass der 51-jährige Richter am Magdeburger Landgericht seit 2016 die mitteldeutsche Kirche auch in der EKD-Synode vertritt, kommt also nicht von ungefähr.

Zum einen gilt Lemke als erfahrener Synodaler, außerdem ist er als Jurist auch in der Kirche ein gefragter Ratgeber. Seine kirchliche Karriere war ihm gleichwohl nicht in die Wiege gelegt. Obwohl er aus Hamburg stammt und in Kiel und Wilhelmshaven groß geworden ist, kommt er nicht aus einem christlichen Elternhaus. Sein Vater fährt zur See, die Mutter ist gelernte Bankerin, kümmert sich aber vorwiegend um die Kinder.

Sein Weg in die Kirche sei damals eine bewusste Entscheidung gewesen, erinnert sich Lemke. Er geht mit anderen Jugendlichen in den Konfirmandenunterricht und findet erst in Kiel, später in Wilhelmshaven-Fedderwarden Pfarrer, die den richtigen Ton treffen.

Bis heute bedeutet für ihn die Kirche ein Stück Heimat. »Egal, wo man hinkommt, unterm Kreuz gibt es einen Ort, wo man seinen Anker werfen kann«, ist er überzeugt. Diese Erfahrung macht er auch, als er nach dem Jurastudium in Trier und Kiel und seinem Referendariat in Oldenburg 1995 in den Osten ans Magdeburger Landgericht wechselt. Hier ist er für Straf- und Zivilsachen zuständig, seit 2005 nur noch für Strafsachen. »Im Landgericht trägt man schon große Verantwortung, da ist es hilfreich, einen Ausgleich zu haben.«

Jurist mit »Ankerplatz unter dem Kreuz«: Jan Lemke vertritt die EKM in der EKD-Synode sowie in der UEK-Vollkonferenz. Foto: Martin Hanusch

Jurist mit »Ankerplatz unter dem Kreuz«: Jan Lemke vertritt die EKM in der EKD-Synode sowie in der UEK-Vollkonferenz. Foto: Martin Hanusch

Heimisch wird er zunächst in der Magdeburger Pauluskirche. »Hier hat man mich schnell als Fremdkörper ausgemacht und dann schnell in den Gemeindekirchenrat geholt«, sagt er mit einem Schmunzeln. Den Ausgleich findet er in der Familie mit seiner Frau, die ihm 1999 nach Magdeburg folgt, und den beiden Töchtern. Und neben seinem Interesse an Geschichte kommen im Laufe der Jahre weitere kirchliche Funktionen dazu – im Kirchenkreis und auf landeskirchlicher Ebene.

Von Anfang an begleitet er den Fusionsprozess zwischen Kirchenprovinz Sachsen und Thüringer Landeskirche und gestaltet ihn in der Verfassungskommission auch direkt mit. »Das waren spannende Geschichten.« Die Aufgabe als EKD-Synodaler ist für ihn gleichwohl jetzt noch einmal »eine ganz andere Nummer«.

Er sei zwar keine genuin ostdeutsche Stimme, aber als ein Sachwalter der ostdeutschen Perspektive verstehe er sich dabei schon. »Wenn ich etwas mache, will ich es auch richtig machen.« So hält er es auch für einen Fehler, »dass im Rat der EKD kein in Ostdeutschland sozialisierter Vertreter der hiesigen Christenheit sitzt«. Nach seiner Beobachtung sind die Probleme der hiesigen Diaspora in der EKD noch nicht wirklich angekommen. Zudem gebe es ostdeutsche Kulturformen, die er auch für einen Vorteil hält – etwas weniger Selbstdarstellung und mehr Bescheidenheit zum Beispiel.

Ein weiterer zentraler Punkt, der ihn umtreibt, ist die Frage des Identitätserhalts bei Strukturveränderungen. Die damit einhergehenden Probleme kennt er aus eigener Anschauung in der EKM nur zu gut. »Hier hätten wir einige Härten durchaus abmildern können«, sagt er im Rückblick.

Diese Erfahrungen sollen ihm nun in der EKD-Synode zugutekommen. Insbesondere will er sich für den Erhalt der Bekenntnisvielfalt einsetzen. »Die unierte Tradition hat ihre Berechtigung, und das reformierte Bekenntnis ist ebenfalls wichtig«, unterstreicht er nachdrücklich. Vermutlich kommt diese Sicht noch aus der Zeit, als er sich u.a. intensiv mit friesischer Philologie und Minderheitenfragen beschäftigt hat. Der Titel seiner Doktorarbeitet lautet denn auch vielsagend »Nationale Minderheiten und Volksgruppen im schleswig-holsteinischen und übrigen deutschen Verfassungsrecht«.
Martin Hanusch

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Eine Hausnummer in Güsten

13. November 2018 von redaktionguh  
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Umbau: Die mehr als 400 Jahre alte Kirche St. Vitus wurde zum Gemeindezentrum umgestaltet

Der Kraftakt ist geschafft: Möbel, Technik, Akten und sogar ein Tresor für das Archiv sind vom Güstener Pfarrhaus in die Kirche St. Vitus umgezogen. »Es ging alles viel schneller als gedacht«, freut sich Pfarrer Arne Tesdorff über die zupackende Hilfe von Ehrenamtlichen. Nur beim Telefonanschluss ruckelt es noch, und natürlich müssen in den kommenden Tagen die Kartons ausgepackt werden. Doch im Großen und Ganzen ist der Umbau von St. Vitus zur Kirche mit Gemeindezentrum abgeschlossen.

Opa als Vorbild: Der 18-jährige Lehrling Hannes Büchtemann spendete für St. Vitus in Güsten und durfte als Dank dafür das neue Hausnummernschild enthüllen. Foto: Kay Schmidt

Opa als Vorbild: Der 18-jährige Lehrling Hannes Büchtemann spendete für St. Vitus in Güsten und durfte als Dank dafür das neue Hausnummernschild enthüllen. Foto: Kay Schmidt

Der 1591 errichtete Bau bot einst Platz für 500 Gottesdienstbesucher und ist damit für die schrumpfende Gemeinde längst zu groß geworden. Schon 1985 wurde eine Winterkirche eingebaut. Im Jahr 2010 zählte Güsten rund 800 evangelische Christen, zum Jahreswechsel 2018 waren es 323 Gemeindeglieder. Sie trugen die Verantwortung für die Kirche und zwei Pfarrhäuser. Da dies nicht auf Dauer zu schultern ist, regte Pfarrer Tesdorff den Umbau der Kirche und den Verkauf der Pfarrhäuser an. Für viele Gemeindeglieder war das kein leichter Schritt, erzählt Arne Tesdorff. »Viele haben beim letzten Umbau der Kirche in den 1970er- und 1980er-Jahren viel Herzblut hineingesteckt.«

Von Februar bis Oktober war St. Vitus eine Baustelle: Der Raum unter dem Turmgewölbe – einst romantisch als »Brautkapelle« bezeichnet, zuletzt aber eher eine Rumpelkammer – wurde zum Büro mit Küchenzeile und Besprechungsecke umgebaut. Die in die Jahre gekommene Winterkirche unter der Orgelempore wurde ausgebaut und saniert. Sie dient heute als Gemeinderaum und natürlich auch weiterhin als Winterkirche. Stahlsäulen stützen nun die mächtige Orgelempore. Außerdem wurde eine Sanitäranlage eingebaut.

Mehr als 100 000 Euro hat die Gemeinde verbaut. Unter den Spenden in Höhe von 7 200 Euro sind auch zwei ganz besondere: eine anonyme Einzelspende in Höhe von 2 500 Euro und die Spende von Hannes Büchtemann. Der 18-Jährige wurde in Güsten getauft und konfirmiert, er kommt regelmäßig zu den Gottesdiensten und führt auf dem Pferd reitend auch schon mal den Martinsumzug an. Der Kirche ist er auch durch seine Familie verbunden: Großvater Reinhold Büchtemann begleitete als Statiker den Umbau der Kirche während der DDR-Zeit. Im Sommer spendete Hannes nun die Hälfte seines Lehrlingsgelds für den Umbau der Kirche.

Als Dank war es ihm vorbehalten, Ende Oktober die neue Hausnummer an der Kirche zu enthüllen. Unter der Adresse »Kirchplatz 2« ist das Güstener Pfarramt ab sofort zu erreichen.
(G+H)

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Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben

12. November 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils.

2. Korinther 6, Vers 2

In einer alten Familienkiste fand ich einen Stapel von Predigten meines Urgroßvaters. So zwischen 1860 und 1890 geschrieben. Darunter ein Text, den er als junger Pfarrer als Antrittsrede für seinen ersten, altmärkischen Pfarrkonvent verfasst hatte. Er wollte eine alte Tradition wieder beleben: die tägliche Hausandacht in den Familien. Es ist ihm wohl nicht gelungen.

Und wenn ich heute junge – durchaus christliche Familien – besuche, wundere ich mich, dass es kein Tischgebet gibt. Das tun wir nicht, erklärt man mir. Brauchen wir nicht? Haben wir Zeit, unseren Glauben irgendwann zu leben? Reicht es am Heiligabend?

Thomas Begrich, Oberkirchenrat i.R., Magdeburg

Thomas Begrich, Oberkirchenrat i.R., Magdeburg

Es sieht so aus, als ob unser Glaube Schritt für Schritt auswandert, kleiner wird. Meine Enkel sind nicht mehr getauft, sagte ein Bekannter resignierend zu mir. Meine Kinder sollen sich später selbst entscheiden, erklärte eins meiner Patenkinder. Und dann?

Jesus erzählte die Geschichte von den klugen und den törichten Jungfrauen, von denen, die kein Öl für ihre Lampen haben und zu spät zur Hochzeit kommen. Man lässt sie nicht ein: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben! Ist das nicht eine unchristliche Geschichte? Warum erzählt Jesus – ausgerechnet er! – so etwas?

Damit wir lernen: Jetzt, jetzt sollen wir tun, was nötig ist. Jetzt leben wir. Und jetzt stehen wir eben auch in der Verantwortung für das, was wir tun, und das, was wir lassen. Lastet das nun als ein großer Druck auf uns? Weil wir nicht alles schaffen? Sind wir unserem begrenzten Vermögen hilflos ausgesetzt? Warum denn ist Jesus Christus zu uns gekommen?

Darum: Um uns Lasten abzunehmen, die wir nicht tragen können. Wir sind eben nicht für alle und alles zuständig. Gott ist uns gnädig, auch in unserem Unvermögen. Paulus hat das verstanden: Leben in Verantwortung vor Gott ist Leben in seiner Gnade, ist Leben in der Gewissheit des Heils. Heute und nicht irgendwann. Darum hat er diese Erkenntnis in diesen wunderbaren Satz fassen können: Jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist die Zeit des Heils.

Thomas Begrich, Oberkirchenrat i. R., Magdeburg

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Diese Jugend

12. November 2018 von redaktionguh  
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Diese Jugend! Wie oft ist dieser Satz zu hören. Selten im Ton der Anerkennung,

zumeist mit Stirnrunzeln und Kopfschütteln. Nun nimmt sich in Würzburg die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland des Themas Jugend an. Denn Jugend und Kirche erweisen sich, auch laut einer in Auftrag gegebenen Studie, als weithin inkompatibel. Das kann freilich fast jede Familie bestätigen, die versucht, ihre pubertierenden Kinder zum Gottesdienstbesuch zu animieren.

Neu ist das nicht. Eine junge Praktikantin in unserer Redaktion hatte in den vergangenen Wochen den Jahrgang 1948 von »Glaube + Heimat« durchforstet. Ihr Resümee zur Feststellung, dass die Kirche die Jugend verliert: »Das Gleiche steht auch schon in den alten Ausgaben.«

Ein Blick in die Geschichte zeigt zudem: Jugend sucht immer eigene Wege und Formen. Und dieses Suchen wurde von der etablierten Gesellschaft immer kritisch gesehen. Das gilt für die »Studentenbewegung« von 1815 – Gründung der »Urburschenschaft« – genauso, wie für die Wandervogelbewegung der 1920er-Jahre. Auch christliche Jugendarbeit etablierte sich oft außerhalb der verfassten Kirche. Siehe die Geschichte des »Christlichen Vereins Junger Männer« (CVJM). Zudem sind es zumeist einzelne Personen, ebenso charismatisch wie umstritten, die den Zugang zu Jugendlichen finden: Ob der legendäre Essener Jugendpfarrer Wilhelm Busch, der sächsische Prediger Theo Lehmann oder heute der von vielen argwöhnisch beäugte Jenaer Jugendpfarrer Lothar König. Eins verbindet sie: Sie hörten und hören Jugendlichen vor allem erst einmal zu.

Nun also Jugend als Synodenthema. Wenn am Ende der eine oder andere zu der Erkenntnis kommt, dass das Schlimmste an der heutigen Jugend die Tatsache ist, dass man selbst nicht mehr dazugehört, ist vielleicht schon viel gewonnen.

Harald Krille

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