Mutter, Vater, Kind und Kirche

2. November 2018 von redaktionguh  
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Ausgezeichnet: Am Samstag werden die Sieger des Wett­bewerbs »Familiengerechte Kirchengemeinde« gekürt. Wie steht es um Familien in mitteldeutschen Gemeinden? Eine Bestandsaufnahme.

In den vergangenen fünf bis sechs Jahren habe sich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) einiges in Sachen Familienfreundlichkeit getan, ist Jürgen Reifarth, Referent für Bildungsarbeit mit Familien bei der EKM, überzeugt. Den Grundstein dafür legte die Synode 2011, als sie sich intensiv dem Thema »Kirche und Familie« widmete. Beschlossen wurden damals neben dem Wettbewerb auch das Einsetzen von Modellregionen.

Zwischen 2015 und 2017 konnten so in drei Kirchenkreisen familienbezogene Projekte weiterentwickelt werden. Die Kosten der Prozessbegleitung durch externe Berater zahlte die EKM. Ab dem kommenden Jahr gibt es wieder drei solcher Modellregionen, sie werden Mitte November ausgewählt.

Einer, der die Entwicklung auch seit einigen Jahren verfolgt, ist Klaus Roes, Geschäftsführer der Evangelischen Aktionsgemeinschaft für Familienfragen Sachsen-Anhalt und Vorsitzender des Beirats für familienbezogene Themen in der EKM. »Das Thema Familie ist bei der Kirchenleitung und bei den Verantwortlichen vor Ort stärker ins Bewusstsein gerückt«, diagnostiziert er. Aber das sei erst der Anfang. Man dürfe nicht nachlassen: »Wenn es uns nicht gelingt, Familien aufzunehmen, werden wir sie als Kirche auf Dauer verlieren.« Für eine intensivere Förderung der familienbezogenen Arbeit im Allgemeinen sei durchaus noch Luft nach oben – finanziell wie personell.

Mit der Taufe beginnt es: Doch inzwischen braucht es mehr als die klassischen Angebote für einzelne Zielgruppen, damit Familien sich wirklich am Gemeindeleben beteiligen. Foto: epd-bild

Mit der Taufe beginnt es: Doch inzwischen braucht es mehr als die klassischen Angebote für einzelne Zielgruppen, damit Familien sich wirklich am Gemeindeleben beteiligen. Foto: epd-bild

2016 waren von fast 63 000 Gottesdiensten in der EKM rund 13 Prozent Familiengottesdienste, 0,56 Prozent Jugendgottesdienste. Dazu kamen 4 600 Kindergottesdienste.

Die 231 Eltern-Kind-Gruppen, über 1 400 Kindergruppen sowie fast 400 Gruppen für Jugendliche wurden im Durchschnitt von neun Teilnehmern besucht. Doch die Trennung nach Zielgruppen mit klassischen Angeboten unter der Woche würden nicht mehr wie bisher funktionieren, sagt Klaus Roes. Kirche müsse vielmehr Angebote machen, die die Familien als Ganzes in den Blick nehmen. Da bei ihnen Zeit heute knapp sei, wollen sie die, die ihnen bleibt, gemeinsam verbringen. Daher brauche es kirchliche Angebote, die alle Familienmitglieder ansprechen.

Was sich grundlegend ändern müsse, da sind sich Roes und Reifarth einig, ist das Verständnis von Kirche. Roes: »Kirche muss sich als Teil des Gemeinwesens begreifen, die für alle da ist.« Dazu gehöre auch die Beteiligung kirchlicher Akteure in Kinder- und Jugendhilfeausschüssen von Kommunen, das Vernetzen mit außerkirchlichen Einrichtungen. Reifarth unterstützt diese Forderung und präzisiert: »Wir müssen von der »Komm-Struktur« zur »Geh-Struktur« gelangen.« Das hieße, Angebote nicht nur in Kirchen vorzuhalten, sondern dahin zu gehen, wo ein Bedarf sei, der mit dem Know-how und der Tatkraft von Christen gedeckt werden könne. »Suchet der Stadt Bestes«, müsse das Credo lauten.

Wenn es konkret wird, biete die EKM Hilfe beispielsweise durch die Mitarbeiter der gemeindlichen Dienste und das Kinder- und Jugendpfarramt oder die Angebote des Pädagogisch-Theologischen Instituts an. Doch das sei ausbaufähig, so Roes. »Viele wissen gar nicht, dass es den Beirat für familienbezogene Arbeit gibt und was wir machen. Einige nehmen das in Anspruch, aber wir könnten noch mehr unterstützen.« Etwa beim Entwickeln und Konzipieren von neuen Ideen, beim Durchführen von Veranstaltungen oder beim Anbieten von Elternkursen. »Wir kommen gern in die Kirchenkreise und Gemeinden«, betont er.

Auch Reifarth macht Mut, die Angebote anzunehmen: »Macht euch auf den Weg, wir begleiten euch. Das Ziel muss dabei kein wunderbar großes Projekt sein. Oft ist es besser, erst einmal einen Prozess zu beginnen. Dann wird man sehen, wo der Weg hingeht.«

Er rät vor allem dazu, auf Beziehungspflege zu setzen und Familien zusammenbringen – in Räumen, die attraktiv und ansprechend sind. Das bewirke oft mehr als ausschließlich Investitionen in die Verkündigung.

Mirjam Petermann

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