Mohn am Revers als Friedenszeichen

5. November 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Es ist ein einfaches Symbol: Eine rote Mohnblume an der Jacke heißt: Ja zum Leben und Nein zum Krieg. Einer 100-jährigen Tradition folgend mahnt der Reformierte Kirchenkreis in der EKM so zum Frieden.

Es ist selten geworden, dass wir heute Stellung beziehen; unsere Welt wird immer komplexer«, sagt Jutta Noetzel. Dabei ist es manchmal so einfach. Sich eine rote Mohnblume an die Jacke zu heften, heißt: Ja zum Leben und zum Frieden, Nein zum Krieg. Jutta Noetzel, Senior des Reformierten Kirchenkreises in der EKM, trägt bereits eine aus festem rotem Stoff handgefertigte Blüte am Mantel. Ende Oktober hatte die Pfarrerin in die Domgemeinde Halle eingeladen, um gemeinsam mit Schere, Nadel, Stoff und Faden viele solcher Blüten zu fertigen. Sie sollen verkauft und der Erlös an ein Projekt für Opfer des Nordirlandkonflikts gespendet werden.

Wer heute von Krieg spricht, der denkt an Syrien oder an den Jemen, an den Irak oder Afghanistan. Dass bis 1998 am Rand Europas, in Nordirland, ein Konflikt um Macht und Identität tobte, scheint aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Aber wie das Beispiel Nordirlands zeigt: Die Wunden, die Kriege hinterlassen, verheilen langsam. »Auch wenn der Konflikt vor 20 Jahren beendet wurde, leiden noch immer Menschen an posttraumatischen Belastungsstörungen«, sagt Judith Königsdörfer, Referentin der Evangelisch-reformierten Domgemeinde in Halle.

Blüten für den Frieden: Judith Königsdörfer (links) und Gisela Hintzsche fertigen die stilisierten Mohnblumen aus festem Stoff. Sie sollen in der Woche vor dem 11. November getragen werden – dem Tag, an dem sich der Waffenstillstand des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal jährt. Foto: Katja Schmidtke

Blüten für den Frieden: Judith Königsdörfer (links) und Gisela Hintzsche fertigen die stilisierten Mohnblumen aus festem Stoff. Sie sollen in der Woche vor dem 11. November getragen werden – dem Tag, an dem sich der Waffenstillstand des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal jährt. Foto: Katja Schmidtke

Das »Wave Trauma Center« fördert diese Menschen, ganz gleich welcher Konfession sie angehören. Dies wollen die Gemeinden des Reformierten Kirchenkreises unterstützen – und darüber hinaus ein Zeichen setzen. Mit der Aktion »Mohnblüten für den Frieden« rufen sie dazu auf, in der Woche vor dem 11. November die rote Blume an der Jacke zu tragen. Am 11. November jährt sich zum 100. Mal der Tag des Waffenstillstands des Ersten Weltkriegs. Gleichzeitig markiert der Tag in diesem Jahr den Beginn der Friedensdekade.

Das öffentliche Tragen von künstlichen Mohnblüten in der Woche vor dem 11. November kommt aus dem englischsprachigen Raum.

Vor allem im alten britischen Empire ist es seit 1920 nahezu Bürgerpflicht, um an das Ende des Krieges zu erinnern, die Toten zu betrauern, aber auch um die Helden zu ehren und die Nation zu feiern. »Wir haben die Idee deswegen lange diskutiert«, sagt Jutta Noetzel. Doch letztlich überwog der ursprüngliche Gedanke: die Verbundenheit mit den Opfern, die Hoffnung auf Frieden.
Klatschmohn ist so zart wie robust. Er wächst auch auf kargem Grund, auf Schutt und selbst auf den von Granaten zerfetzten Böden, so war es damals in Ypern, Passendale und Langemarck. In der belgischen Region Flandern tobten zwischen 1914 und 1918 vier große Schlachten, vier Jahre lang verlief hier die Front.

»Auf Flanderns Feldern« ist eines der berühmtesten Gedichte über das Grauen des Ersten Weltkrieges. Der kanadische Sanitätsoffizier John McCrae hatte es 1915 in Trauer um gefallene Kameraden verfasst. Der blühende Mohn spielt darin eine große Rolle: »So werden wir nicht schlafen, obgleich Mohn wächst/ Auf Flanderns Feldern«.

Inspiriert von diesen Zeilen verfasste die New Yorkerin Moina Michael drei Jahre später und nur zwei Tage vor dem Waffenstillstand ein weiteres Gedicht über den Krieg, über Flandern und den Mohn. So kam ihr auch die Idee, die Blume zu einem Symbol gegen den Krieg und für das Leben werden zu lassen. Wer sich Mohn ans Revers steckt, drückt seine Verbundenheit mit den Opfern und ihren Angehörigen aus.

Eindrücklich schildert Daniel Schönpflug in seinem Buch »Kometenjahre« Moina Michaels spontane Aktion – ein Buch, das Senior Jutta Noetzel sehr bewegt und zur Aktion des Kirchenkreises inspiriert hat. In einer Broschüre mit dem Titel »… dass Frieden blühe« sind alle Informationen über den Mohn auf Flanderns Feldern, über das »Wave Trauma Center« und eine Bastelanleitung für die Mohnblüten enthalten. Das Heft wurde in den Reformierten Gemeinden verbreitet.

Katja Schmidtke

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