Aktuell


Wagt wieder wahre Worte!


»Luther – die Pleite des Jahres«, titelte im Sommer eine große deutsche Zeitung. Begründung: die große Kluft zwischen den erwarteten und den tatsächlichen Besucherzahlen. Weltausstellung in Wittenberg, Kirchentag in Berlin, »Kirchentage auf dem Weg« – überall seien deutlich weniger gekommen als erwartet. Nun könnte man einwenden, dass sich Nutzen und Erfolg nicht allein auf nackte Besucherzahlen reduzieren lassen. Nur: Wenn die Zahlen den Erwartungen der Kirchenoberen entsprochen hätten, wären sie die ersten gewesen, die sich darin gesonnt hätten, denn genau das ist ihnen während der letzten zwei Jahrzehnte von McKinsey-Managern eingebläut worden: Erfolg bemisst sich in Zahlen.

Und die glänzen wohl nicht ganz so wie die Zahlen der Firma Playmobil. Mehr als eine Million mal hat das Spielzeug-Unternehmen den kleinen Plastik-Luther verkauft, und auch die anderen Hersteller des ganzen Luther-Trallalla – Luther-Enten, Luther-Socken, Luther-Bier, Luther-dies und Luther-das – können nicht klagen.

Wäre also weniger mehr gewesen? Lag es am Overkill? Wenn man an jedem Tag an jedem Ort zu jeder Zeit auf allen Kanälen ein ganzes Jahr lang über ein Großereignis informiert wird, ist man schnell übersättigt, vor allem dann, wenn es nur noch um die Events geht, und die Inhalte auf der Strecke bleiben – oder wie die FAZ schon vor einem Jahr zu wissen glaubte: wenn »das Reformationsjubiläum zu einem Festival des Banalen« und Luther fürs »Liebsein« in Dienst genommen wird.

Weichgespülte oder friedfertige Kirche?

Ja, es stimmt, die freundliche Harmlosigkeit des mit Frieden, Achtsamkeit, Toleranz, Respekt, Feminismus, Umwelt und Political Correctness beschäftigten Protestantismus steht in einem seltsamen Gegen satz zu ihrem Jubilar, diesem fundamentalistischen Berserker Martin Luther.

Aber: Hätten die Kritiker des heutigen Protestantismus lieber aggressiv dogmatische Prediger als Galionsfi guren der evangelischen Kirche? Haben wir nicht schon genug misogyne, homophobe, xenophobe, nationalistische und fundamentalistische Prediger in fast allen Religionen und Konfessionen?

Wer den Protestanten heute vorwirft, zu lieb und zu harmlos zu sein, argumentiert nicht nur gegenwarts-, sondern vor allem geschichtsvergessen und hat wohl verdrängt, wie das 300. und 400. Reformationsjubiläum gefeiert wurden: Fürs 300. hatte sich der Kosmopolit Goethe gewünscht, dieses Fest »so zu begehen, dass es jeder wohldenkende Katholik mitfeierte«. Stattdessen begann der deutsche Nationalismus, wurde Luther vereinnahmt als deutscher Held, pfl ichtbewusster Hausvater und vorbildlicher Untertan. Zahlreiche Reden waren getränkt mit antifranzösischen Ressentiments und Antipathien gegen den Geist der Französischen Revolution.

Ein weiteres Jahrhundert später, 1917, war die aggressiv-nationalistische Saat aufgegangen. Man befand sich im Krieg mit Frankreich. Luther wurde vor den Karren des Ersten Weltkriegs gespannt als Retter der Deutschen, Vorbild für Kampfeswillen, Soldat gegen den Feind. »Ein feste Burg ist unser Gott« avancierte zum Kampfl ied der deutschen Soldaten. Der Tiefpunkt war erreicht, als die protestantische Kirche 1933 begeistert mit Hitler und den Nazis Luthers 450. Geburtstag feierte.

Gemessen an dieser Vergangenheit war das 500. Reformationsjubiläum das friedlichste, aufgeklärteste, selbstkritischste und refl ektierteste, das je gefeiert wurde. Dieses Jubiläum haben auch die Katholiken mitfeiern können, und es war ja sogar der Papst dabei und hatte in Lund gratuliert.

»Schau an der schönen Gärten Zier!«

Gemessen an den Erwartungen, die an dieses Jubeljahr herangetragen wurden, können natürlich alle, die zu viel erwartet hatten, nun behaupten, es sei ein Flop gewesen. Um es aber einigermaßen realistisch und gerecht einordnen zu können, müsste man jetzt einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung befragen.

Ist mehr hängengeblieben als dass dieser Luther da vor einem halben Jahrtausend ein großes Ding losgetreten hat? Wurde verstanden, dass es sich bei der Reformation nicht um eine Kirchenreform, sondern um eine Kulturrevolution mit weltweiten Folgen handelt? Versteht man jetzt besser, wozu diese Kirchenspalterei gut war? Hat uns dieser Luther heute noch etwas zu sagen, und wenn ja was?

Ein Erfolg wäre es auch gewesen – und kann es im übrigen noch werden – wenn gefragt und diskutiert worden wäre oder noch wird, was eigentlich so schlimm daran sein soll, dass es die eine große supergeordnete katholische Weltkirche gibt und zugleich die 300 chaotischen evangelischen Schrebergartenkirchen? Ist diese Vielfalt nicht sogar besser als ein Kirchenmonopol?

Klartext zum Thema Auferstehung reden

Ein noch größerer Erfolg wäre es gewesen oder könnte es noch werden, wenn in den Gemeinden wieder ernsthaft Th eologie betrieben würde und man erführe, was die evangelische Kirche eigentlich wirklich glaubt. Wollen die Bischöfe und Pfarrer die ernsthaft Fragenden, Interessierten und Zweifl er bei der Frage nach der Auferstehung wirklich bis zum Jüngsten Tag mit einem Dutzend Varianten der Null-Aussage abspeisen, Auferstehung bedeute, dass Gott sich auch im Tod weiter zu uns verhält? Oder hat vielleicht ein Bischof mal den Mut zu sagen, dass er es auch nicht weiß?

Dann wäre zu fragen, was daraus folgt, ob die Kirche sich mit diesem Eingeständnis selbst aufgäbe oder, im Gegenteil, das Tor zu einem neuen Verständnis von Kirche und Glaube aufstieße und die Zukunft wieder off en wäre?

Natürlich wäre das riskant. Aber wer, wie die Kirche, seit Jahrzehnten keine gewagte Antwort mehr riskiert, nur noch den Steinbruch vergangener Antworten verwaltet und die Welt in der Sprache gehobener Traktatliteratur langweilt, darf sich nicht wundern, wenn neue Mitglieder nicht kommen und die alten wegsterben.

Christian Nürnberger

——————————————————————————————————-

Mit der Kirchenzeitung im Urlaub: Leser Thomas Schäfer aus Weimar hat seine Lieblingslektüre an die Algarve (Portugal) mitgenommen. Schicken Sie uns auch Ihr Urlaubsfoto mit der Kirchenzeitung und wir schicken Ihnen die »Weimarer Kinderbibel« oder das Buch »Unterwegs zu Luther«. E-Mail: redaktion@glaube-und-heimat.de - Foto: Uta Schäfer
Mit der Kirchenzeitung im Urlaub: Leser Thomas Schäfer aus Weimar hat seine Lieblingslektüre an die Algarve (Portugal) mitgenommen. Schicken Sie uns auch Ihr Urlaubsfoto mit der Kirchenzeitung und wir schicken Ihnen die »Weimarer Kinderbibel« oder das Buch »Unterwegs zu Luther«.
E-Mail: redaktion@glaube-und-heimat.de

Foto: Uta Schäfer

——————————————————————————————————-

Impressionen von den Kirchentagen auf dem  Weg

Zur besseren Lesbarkeit hier als pdf öffnen.

Panoramaseite-aus-GuH-22