»Nicht irgendeine Kirche«
19. März 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt plus
Luther-Freunde wollen zehn Millionen Euro für Schloss und Schlosskirche in Wittenberg sammeln

Die Schloßkirche in Wittenberg, Foto: Wikipedia
Rund zehn Millionen Euro will der am Reformationstag 2009 in Wittenberg gegründete »Freundeskreis Luther« für die Sanierung von Schloss und Schlosskirche der Lutherstadt sammeln. Das gab der Vorsitzende des Vereins, der Bielefelder Unternehmer August Oetker, am 16. März in Berlin bekannt. Zum Freundeskreis gehören zahlreiche Prominente aus Politik, Wirtschaft und Kultur, darunter der durch sein Engagement für die Dresdener Frauenkirche bekannt gewordene Trompeter Ludwig Güttler und Hamburgs Kultursenatorin Karin von Welck, die auch Präsidentin des Deutschen Evangelischen Kirchentags im vergangenen Jahr in Bremen war. »Die Schlosskirche ist nicht irgendeine Kirche, sondern die Kirche, von der die Reformation ausging«, begründete Oetker das Engagement des Vereins.
Derzeit befinden sich Schloss und Schlosskirche im Besitz der Stadt Wittenberg beziehungsweise des Landes Sachsen-Anhalt. Nach einer auch mit Bundes-, Landes- und EU-Mitteln finanzierten Sanierung, die nach Angaben des Direktors der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, Stefan Rhein, »30 Millionen Euro plus X« kosten wird, sollen die Gebäude in den Besitz der EKD übergehen. Im Schloss könnte ein kirchliches Besucherzentrum entstehen, außerdem sollen dort das Wittenberger Predigerseminar, das Zentrum für Evangelische Predigtkultur sowie eine Forschungsbibliothek zur Reformationsgeschichte untergebracht werden. »Wir erleben derzeit die Entdeckung Wittenbergs durch die EKD«, sagte Rhein. Es bleibe eine gewaltige bauliche Aufgabe, Schloss und Schlosskirche pünktlich zum Reformationsjubiläum am 31. Oktober 2017 fertigzustellen.
Auch der ehemalige ungarische Botschafter in der Bundesrepublik, Gergely Pröhle, erinnerte an die Rolle der Wittenberger Schlosskirche in der Reformation. Eine gemeinschaftliche Spendensammlung zu ihrem Erhalt könne dazu beitragen, dass sich Lutheraner überall auf der Welt wieder ihrer Ursprünge besinnen. Konkrete Pläne für die Umsetzung der Spendensammlung hat der »Freundeskreis Luther« nach Angaben Oetkers derzeit allerdings noch nicht.
Benjamin Lasssiwe
Wenn die Masken fallen
11. Februar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Wort zur Woche

Foto: Sorina Bindea, sxc.hu
Denn du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen. Psalm 31, Vers 4
Wikinger sind in diesem Jahr stark im Kurs. Piraten immer noch. Auch Rotkäppchen und Löwenkönige … An diesem Wochenende ist Karneval, Fasching oder Fastnacht – je nach Tradition. Gehen Sie hin? Oder lässt sie dieses Thema kalt? In unserem 600-Einwohner-Dorf wird die fünfte Jahreszeit ganz groß geschrieben. An zwei Sitzungsabenden treten unter der Aufsicht des Elferrates mehrere Büttenredner auf. Kinder und Mädchen tanzen, und selbst die Männer machen Ballett. Immer eingeführt von der Prinzengarde und begleitet von Live-Musik. Schätzungsweise 30 Prozent aller Dorfbewohner sind für diese Tage aktiv. Mit viel Enthusiasmus und Aufwand an Zeit, Geld und Disziplin wird der Karneval geplant und gefeiert. Und »am Aschermittwoch …« – Sie kennen den Spruch.
An diesem Wochenende wird unser Posaunenchor nicht proben und im Gottesdienst … nun gut, die da kommen, sind am Sonntagmorgen wieder fit. Prinz Karneval hat offenbar eine wesentlich größere Gemeinde als unsere schöne Dorfkirche. Aber er hat ja auch ganz andere Grundsätze! Positiv gesehen: ein Hoch für Freude und Frohsinn. Kritisch betrachtet: eine Parade der unterdrückten Lebenswünsche. Der Aschermittwoch aber holt die ganze Gesandtschaft wieder in den Alltag zurück. Der Rausch ist verflogen. Mancher streut sich Asche aufs Haupt. Der Alltag hat uns wieder mit den gleichen Perspektiven und Stolpersteinen wie eine Woche zuvor.
Weder die Kraft der Wikinger noch die Verschlagenheit eines Piraten, auch nicht die Fürsorge eines Rotkäppchens stehen uns mehr zur Verfügung. Alles wieder auf Null. Da bin ich doch froh, dass ich mich nicht bloßgestellt fühlen muss, wenn die Masken fallen und der Alltag ruft. Denn mein Lebensanker ist mein Gott, der mein Fels und meine Burg ist, der mich leitet und führt – auch im Karneval und vor allem nach der Maskerade.
Gerhard Richter, Pfarrer in Bibra
Die Aldi-DDR
11. Februar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Kommentar

Foto: Jelle Weidema, sxc.hu
Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Seit der Mensch über sich nachdenkt, seit er Religionen hat, zieht sich die Phase des bewussten Verzichts durch nahezu alle Kulturen. Warum eigentlich, wo doch alles zur Verfügung steht? Gerade deswegen!
Eines Tages hatte Homo sapiens es mit Ackerbau und Viehzucht geschafft, seine Ernährung auf eine planbare Grundlage zu stellen. Jetzt war er nicht länger nur ein zotteliger Primat, der Beeren, Nüsse und Früchte klaubend durch die Wälder zog, Tag für Tag auf die Gnade der Natur angewiesen. Doch auf Wohlstand und Überfluss ist sein biologisches Programm nicht eingestellt, sondern auf den Wechsel von guten und schlechten Zeiten. Gibt es reichlich zu essen, langt der Mensch zu und legt sich Polster an für Hunger und Not. Dieses Muster hat alles Verhalten des Menschen geprägt: Zugreifen, wenn die Gelegenheit günstig ist, morgen könnte sie vorüber sein. Die Mangelwirtschaft der DDR wurde auch dadurch in den Ruin getrieben. Lag eine begehrte Ware endlich in den Regalen, war sie sofort ausverkauft.
Der Handel macht sich das seit jeher zunutze. Täglich wird eine neue günstige Gelegenheit hinausposaunt. Niemand spielt auf dieser Klaviatur des Unbewussten so virtuos wie der Discounter Aldi. Dort wird jede Woche aufs Neue die DDR inszeniert. Konsumartikel werden künstlich verknappt. Nur ein- oder zweimal im Jahr gibt es dort, was andere Märkte ständig bereithalten. Aldi ist indes nur ein Beispiel. Oft hält jedoch der niedrige Preis näherer Überprüfung nicht stand. Und andere kommt er teuer zu stehen. Wenn ein Kilo Apfelsinen bei Aldi nur 70 Cent kostet, kann für den marokkanischen Orangenpflücker nur ein Hungerlohn herausspringen.
Ohne Scheu – so lautet in diesem Jahr das Motto der Fastenaktion »7 Wochen ohne«. Vielleicht sollte man das mal versuchen: Ohne Scheu ein Geschäft voller Schnäppchen betreten – und mit leeren Händen wieder rausgehen.
Wolfgang Weissgerber
Predigen mit den Händen
15. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Titelseite
Die Gehörlosen- und Schwerhörigenseelsorge hat in der Kirche an Bedeutung gewonnen
Gehörlose und Schwerhörige brauchen andere Formen der Kommunikation. In der Evangelischen Kirche in
Mitteldeutschland kümmern sich ausgebildete Seelsorger um die Betroffenen und ihre Belange.

Gebärdensprachdolmetscherin Andrea Michelmann zeigt die Gebärde für das Verbundensein mit Gott. Foto: Viktoria Kühne
Elisabeth Strube singt mit der Gemeinde ein Lied. Ihr Mund formt Buchstaben und Laute, die Hände machen Zeichen in der Luft. Alle singen ohne Worte. Es ist die Gebärdensprache, die an diesem Sonntag im Januar die Gemeinde in Halberstadt zusammenkommen lässt. Zwölf Gemeindemitglieder sind versammelt, um gemeinsam den Gottesdienst in der Gebärdensprache zu feiern. Einige haben ihre hörenden Angehörigen mitgebracht. Der grelle Polylux sorgt dafür, dass der Liedtext an der Wand abgebildet wird.
»Ich zeige damit auch Bilder«, sagt Elisabeth Strube, die seit Oktober als Pfarrerin für Gehörlosen- und Schwerhörigenseelsorge der EKM in Halberstadt arbeitet. Man braucht die 52-Jährige nur ein Weilchen zu beobachten, und der Funke der Begeisterung springt über. »Ich liebe diese Sprache«, sagt sie und lacht. Nach dem Gottesdienst gibt es Kaffee und Kuchen. »Alle haben sich einen Monat nicht gesehen und sich viel zu erzählen«, sagt die Pfarrerin, die sich um den Norden der EKM kümmert.
In den vergangenen Jahren hat Gottes Wort in der Welt der Stille immer mehr an Bedeutung gewonnen. Die kommunikative Grenze zwischen der Welt der Hörenden und der Schwerhörigen und Gehörlosen wurde erfolgreich aufgeweicht. Die Botschaft Jesu Christi ist längst in der Welt der Gebärdensprachler angekommen. »Glaube und Kirche sind inzwischen nicht mehr nur ein Gut der Hörenden«, sagt Andreas Konrath, EKM-Landespfarrer für Gehörlose und Schwerhörige, aus Saara.
Die genaue Zahl der Gehörlosengemeinden in der EKM ist ebenso vage bis unbekannt wie die Zahl der Betroffenen. Im Jahr 2006 wurde für die ehemalige Kirchenprovinz Sachsen eine Zahl von 5.000 gehörlosen Menschen angegeben. Die Zahl der Schwerhörigen liegt im Dunkeln. »Leider kann es nicht genau beziffert werden, weil sie in ihren Ortsgemeinden angemeldet sind«, weiß Seelsorger Konrath. Gottesdienste in Gebärdensprache werden seinen Angaben zufolge derzeit in 18 Orten der EKM angeboten. »Die Seelsorger und auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter erreichen immer mehr Gläubige. Das macht uns froh.«
Zusammen mit Elisabeth Strube hat Konrath eine Fachtagung vorbereitet, die vom 11. bis 14. Januar in Neudietendorf veranstaltet wurde. Ihr Ziel: Glaube soll nicht nur durch die »gesprochene« Predigt die Menschen erreichen, sondern auch durch einen Wink oder ein Handzeichen. Das viertägige Treffen diente dem Erfahrungsaustausch und der Weiterbildung der Pfarrer und Mitarbeiter der Gehörlosen- und Schwerhörigenseelsorge. Das Tagungsmotto bildete ein Zitat von Dr. Helen Keller, selbst gehörlos und blind: »Nicht-Sehen trennt von den Dingen, Nicht-Hören trennt von den Menschen.«
»Schwerhörige sind davon abhängig, dass die kirchlichen Mitarbeiter ihnen die Teilhabe am Gemeindeleben ermöglichen«, erklärt Pfarrer Konrath. »Oft fühlen sie sich jedoch im Nachteil, weil sie nur partiell informiert werden.« Gerade bei Gruppenveranstaltungen würden sie schnell ins Hintertreffen geraten. Die Folge sind Missverständnisse, Kommunikationsprobleme und Einschränkungen der persönlichen Lebensqualität. Schätzungsweise 15 Millionen Menschen in ganz Deutschland hören schwer, vorwiegend sind es Ältere.
Für Gehörlose ist die Gebärdensprache etwas Vertrautes, ein Mittel, mit dem sie aus ihrer »Parallelwelt« nach draußen kommunizieren. Seit acht Jahren ist diese Form der Sprache gesetzlich anerkannt. Und auch wenn schon viel erreicht ist, geht die Arbeit für Landespfarrer Konrath und seine Kolleginnen und Kollegen weiter. »Taubblinde sind besonders ausgegrenzt und die Gemeinden können nur ganz selten mit ihnen richtig umgehen«, sagt er. Auch ihren Problemen wollen sich die Tagungsteilnehmer zuwenden. »Wir müssen schauen, was die Betroffenen wollen und wie wir ihnen als Partner begegnen können.«
Elisabeth Strube hat den letzten Gottesdienstteilnehmer an diesem Sonntagnachmittag verabschiedet – mit einer netten Geste. Sie ist zuversichtlich, dass sich Schwerhörige und Gehörlose in Zukunft nicht mehr ausgegrenzt fühlen müssen. »Ich bin geduldig und sicher, dass auf dem Gebiet etwas Großes wachsen wird.«
Sabrina Gorges
Kriegslogik?
15. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Kommentar

Dr. Margot Käßmann, Vorsitzende des Rates der EKD (Foto Monika Lawrenz/ LVH)
Eigentlich könnte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zufrieden sein. So viel Aufmerksamkeit wie nach der Kritik der Ratsvorsitzenden Margot Käßmann am Bundeswehreinsatz in Afghanistan ist ihr lange nicht zuteil geworden. Endlich wird über den Krieg am Hindukusch und friedensethische Fragen intensiv diskutiert. Nach den ersten massiven Reaktionen auf die Bedenken der Bischöfin hat sich die Aufregung inzwischen wieder etwas gelegt. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und die EKD-Ratsvorsitzende haben sich zu einem klärenden Gespräch getroffen. Soweit scheint es ein völlig normaler Vorgang.
Nicht normal sind dagegen die Unterstellungen, die Ratsvorsitzende könne nicht für die gesamte evangelische Kirche sprechen, übe »populistische Fundamentalkritik« und falle noch dazu mit ihren Äußerungen den Soldaten in den Rücken. Hier gibt es offensichtlich einigen Klärungsbedarf, was Aufgabe der Kirche ist. Die Rechtfertigung eines Krieges kann es jedenfalls nicht sein. Natürlich hat eine EKD-Ratsvorsitzende das Recht und die Pflicht, sich zu einem Bundeswehreinsatz zu äußern, der viel zu lange verharmlost worden ist.
Die Politik hat sich zuletzt um eine Diskussion über Ziele und Länge des Engagements in Afghanistan gedrückt – wohl auch aus Sorge vor der öffentlichen Meinung. Nun wagt es endlich jemand, offen zu sagen, dass die Logik des Krieges durchbrochen werden muss. Vermutlich sind die Reaktionen deshalb so heftig ausgefallen. Zudem herrscht bei manchen Politikern augenscheinlich das fatale Missverständnis vor, die Kirchen seien allein für die inneren Werte zuständig.
Doch der christliche Glaube hat auch ganz praktische Konsequenzen. Vor wenigen Wochen erst ist die mutige Rolle der Kirchen in der DDR gefeiert worden. Damals haben sich die Protestanten deutlich positioniert – auch politisch. Was früher richtig war, kann jedoch nicht plötzlich falsch sein, nur weil es der eigenen Position widerspricht.
Martin Hanusch
Jetzt ist die Zeit … zum Feiern – Abend der Begegnung
25. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Mitteldeutschland, Thüringen
Auf dem Boden der Jakobskirche liegt eine große Deutschlandkarte. Immer wieder kommen Besucher, um einen roten Punkt darauf zu kleben. Neben Weimar, Jena, Erfurt und Meiningen haben auch Magdeburg, Hamburg, Kaiserslautern, Stuttgart und Darmstadt bereits ihre Markierung erhalten. »Meine Patentochter wohnt dort«, erklärt eine Besucherin den Punkt im Hessischen. Die Aktion ist Teil der »Liturgischen Nacht«, die zum Auftakt des 1. Mitteldeutschen Kirchentages am 19. September Hunderte Besucher in die Jakobskirche lockt. »Unsere Aufgabe ist es«, sagt Jugendreferent Frederik Seeger vom CVJM Thüringen, »Menschen aus dem Dunkel ins Licht zu führen.« Dazu sollen auch die
Bündel mit Haushaltskerzen dienen, die in Anspielung auf die Zeit vor 20 Jahren rund um das Gotteshaus verteilt sind.

Eröffnet worden ist der »24-Stunden-Kirchentag« bereits am späten Nachmittag mit einem Festgottesdienst in der Stadtkirche. Hier reichen die Plätze kaum aus, um die rund 800 Besucher zu fassen. »Wir mussten sogar Stühle dazustellen«, erklärt Weimars Superintendent Henrich Herbst später zufrieden. Von Anfang an herrscht in und vor der Kirche eine locker-beschwingte Atmosphäre. Eine Band begleitet die Gemeinde beim Gesang, und als die Konfirmanden Transparente mit Sprüchen aus der Wendezeit in die Herderkirche tragen, brandet Beifall auf. »Lügen haben kurze Beine, Egon zeig’ mal deine«, »Stasi in die Volkswirtschaft!« oder »Wir sind das Volk!« ist darauf zu lesen. Doch der Eröffnungsgottesdienst bleibt nicht beim verklärten Blick zurück. »Heute müssen wir über das reden, wie die Wirtschaft sich neu ausrichten kann, damit sie den Menschen dient«, sagt der württembergische Landesbischof Otfried July in seiner Predigt. Vertreterinnen aus drei Generationen geben Zeugnisse der Betroffenheit, und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind aufgerufen, das aufzuschreiben, wozu jetzt die Zeit sein sollte.
Aus den Partnerkirchen ist nicht allein der Stuttgarter Landesbischof gekommen. Sein slowakischer Amtskollege, Generalbischof Milos Klátik, äußert die Hoffnung, dass die einstige Dreierbeziehung zwischen Thüringen, Württemberg und der Slowakei nun auf Sachen-Anhalt ausgedehnt werden könne. Auch die Stadt zeigt sich »fürchterlich stolz« darauf, Gastgeberin für den Mitteldeutschen Kirchentag zu sein. »Lassen Sie uns gemeinsam der Gesellschaft und der Stadt Bestes suchen«, ruft Oberbürgermeister Stefan Wolf den Besuchern zu.
Bei denen kommt vor allem die Aktion der Konfirmanden gut an. »Die Geschichte mit den Transparenten war einfach super«, findet eine Kirchentagsbesucherin aus Bad Sulza. Ähnlich äußert sich Maria Guericke aus Weimar: »Das hat mich schon sehr bewegt.« Er, sagt Michael Wetzker aus Eisenach, sei ein bisschen enttäuscht über die Beteiligung aus dem Norden der EKM. Zudem wäre ein stärkerer Bezug zum Heute schön gewesen.
Lob kommt von Friedrich Hörsch aus Württemberg. Der langjährige Leiter des Thüringer Seelsorgeseminars, der nach seiner Dienstzeit in seine alte Heimat zurückkehrte, ist bereits zur Eröffnung angereist, genießt nun den lauen Spätsommerabend in dem von Fackeln und Kerzen beleuchteten Herdergarten. »Der Kirchentag hat prima angefangen«, ist er überzeugt.
Das finden auch die 600 Jugendlichen, die sich im und rund um das Kulturzentrum »mon ami« am Goetheplatz tummeln. Während draußen Gaukler und Akrobaten ihre Kunststücke präsentieren, geht es im Inneren laut und poetisch zu. Im großen Saal spielen Bands, und unten im Foyer bringen Jugendliche beim »Poetry slam« eigene Texte zu Gehör. »Ein Kirchentag lebt von den Menschen, die sich beteiligen, und von der Begegnung«, sagt Pfarrer Hardy Rylke. Jetzt am Abend und in der Nacht ist die Zeit dafür – und zum Feiern.
Martin Hanusch
Der Markt richtet nicht alles
25. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Der katholische Sozialethiker Friedhelm Hengsbach forderte eine Demokratisierung des Kapitalismus.
Gleich mit neun Veranstaltungen wartete das Themenzentrum 1 »Demokratie und Gerechtigkeit gestalten« auf. Fulminant war dabei gleich der Start: In der gut gefüllten Herderkirche sprach Friedhelm Hengsbach (Ludwigshafen) zum Thema »Nach der Krise ist vor der Krise – für eine Demokratie jenseits des Finanzkapitalismus«. Der Theologe, Wirtschaftswissenschaftler und Jesuit war bis 2005 Professor für christliche Gesellschaftsethik in Frankfurt (Main).
In seinem Vortrag fand er deutliche Worte für die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise, für die er den Neoliberalismus und die »hemmungslose Kreditvergabe« verantwortlich machte. »Glaubenssätze wie ›Der Markt heilt alles‹ und ›Ein schlanker Staat ist das beste für alle‹ sind über Nacht weggebrochen«, meinte Hengsbach und machte deutlich, dass der Staat nicht nur Retter aus der Krise, sondern auch selbst Teil von ihr sei: »Den Staat als ›Hüter des Gemeinwohls‹ gibt es nicht mehr.« Er sei inzwischen selbst nur ein Knoten im Netzwerk von Wirtschaft, Finanzwelt und gesellschaftlichen Verbänden und gegenwärtig regelrecht zur »Geisel der Finanzeliten« mutiert: »Wenn der Bundesfinanzminister sagt, er habe in den Abgrund geschaut, dann doch nur in den, den ihn die Banker haben schauen lassen«, so Hengsbach. Und wenn Banken »systemrelevant« seien, dann wären sie zu groß und müssten zerschlagen werden.
In seinem Plädoyer für eine »Demokratisierung des Kapitalismus« forderte er mehr Mitbestimmung der Arbeitnehmer in den Betrieben ebenso wie starke Gewerkschaften, einen radikalen ökologischen Umbau der Wirtschaft und reale Investitionen des Staates in die Arbeit an und mit Menschen.
»Kirche zwischen Widerstand und Anpassung?« war ein weiterer Vortrag im Themenzentrum 1 überschrieben, den Franz Segbers (Marburg) hielt. Der Professor für Sozialethik und Diakonie-Referent stellte in seinem Beitrag klar, dass Kirche und Gesellschaft sich fragen müssen: »Vor wem gehen wir in die Knie – vor Gott oder dem Mammon?« Dabei sei mit Mammon nicht der Reichtum an sich gemeint, sondern die permanente Geldvermehrung.
Heftig kritisierte er in diesem Zusammenhang das EKD-Papier »Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive« von 2008, das nach seiner Ansicht dem Mammon das Wort rede, zum Beispiel mit dem Satz: »In einem Ordnungsrahmen, der sowohl scharfen Wettbewerb wie auch sozialen Ausgleich sichert, kann dieses Streben nach persönlichem Wohlergehen zugleich zum Wohlstand aller führen.« Es sei ein fataler Irrtum anzunehmen, dass sich aus der Habgier vieler das Gemeinwohl aller ergäbe.
Und statt auf den scheinbar weltweiten Siegeszug des Kapitalismus zynisch oder resigniert zu reagieren, forderte Segbers dazu auf, in »tätiger Hoffnung für die Verheißung Christi aktiv zu werden«. Und das bedeute für Kirche nicht nur, wie ein Samariter »die unter die Räuber bzw. Räder Geratenen« zu pflegen, sondern die Stimme zu erheben und für deren Rechte einzutreten. »Die Kirche muss Teil einer neuen Gerechtigkeitsbewegung werden«, betonte Segbers.
Rainer Borsdorf
Weltkindertag in Erfurt
25. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Foto: Axel Heyder
Zu den Prominenten, die Kindern in Erfurt Spirelli mit Tomatensoße servierten, gehörte auch KiKa-Moderator Juri Tetzlaff. Zum ökumenischen Weltkindertag waren am 18. September über 1000 Kinder aus ganz Thüringen nach Erfurt gekommen.
Eröffnet wurde das Fest unter dem Motto »…dass es gerecht zugeht« mit einem Kindergottesdienst. Anschließend konnten die Kinder Trommeln bauen und basteln.
Zum Abschluss gab es eine große Tafel, an der die Teilnehmer von Prominenten aus Kirche und Politik bedient wurden. Als Gäste kamen neben Diakoniechef Eberhard Grüneberg und dem katholischen Weihbischof Reinhard Hauke auch die Thüringer Justizministerin Marion Walsmann (CDU) und der Erfurter Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD).
Premiere
25. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Kommentar

Die Rechnung ist aufgegangen. Es sollte ein buntes Fest des Glaubens und der Begegnung werden, und das war es am Ende auch. Mehr als 8000 Menschen drängten sich am vergangenen Wochenende beim 1. Mitteldeutschen Kirchentag durch die Weimarer Innenstadt. Eine bessere Werbung in eigener Sache kann es eigentlich kaum geben. Erfahrene Kirchentagsbesucher kennen das vom großen Deutschen Evangelischen Kirchentag. Von dem hatten sich die Organisatoren auch manches abgeguckt. Mit gut 90 Veranstaltungen ist der Kirchentag deutlich über ein regional begrenztes Ereignis hinausgegangen. Das zeigt im Übrigen auch die öffentliche Resonanz.
Zugleich hat das Treffen, das in der Tradition der Thüringer Kirchentage steht, noch einmal an Profil gewonnen. Denn ähnlich den großen Protestantentreffen schreckte der Kirchentag in Weimar nicht vor Kontroversen zurück. Mit seinen Schwerpunkten im Blick auf das Thema Gerechtigkeit und den kirchlichen Reformprozess hat er hier Maßstäbe gesetzt. Das war kein nostalgischer Blick zurück auf die Zeit vor 20 Jahren, wie mancher mutmaßte, sondern Zeitansage im besten Sinne.
Einziger Wermutstropfen eines gelungenen Festes dürfte die Tatsache sein, dass es zwar der 1. Mitteldeutsche Kirchentag war, aber keiner der gesamten EKM, wie Kirchentagsgeschäftsführerin Claudia Rühlemann erklärte. Und das lag nicht allein an der fehlenden Resonanz aus dem Nordteil der Landeskirche. Es ist auch dem Umstand geschuldet, dass es weiterhin zwei Landesausschüsse gibt. Das muss ja nicht schlecht sein. Doch wenn am Ende der Eindruck entsteht, dass der eine einlädt und der andere nur irgendwie am Rande mitwirkt, ist das kein gutes Zeichen. Ein mitteldeutscher Kirchentag hätte hier etwas mehr Gemeinsamkeit verdient. Die Besucher haben davon nichts gespürt. Sie haben vor allem ein Fest erlebt, das die Kirche von ihrer angenehmsten Seite zeigt – fröhlich, fromm und frei. Daraus könnte eine Tradition werden, dann aber gemeinsam.
Martin Hanusch
Gesegnete Unruhe ist angesagt – Zusammenfassung zum Kirchentag in Weimar
25. September 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Titelseite
Weimar öffnete die Türen – und mehr als 8000 Menschen kamen zum 24-Stunden-Kirchentag am 19. und 20. September.
Die ganze Stadt war voller Kirchentag. Musik auf Plätzen und in Straßen, Tanz, Gesang und Gespräch. Die evangelische Kirche zeigte ihr fröhliches Gesicht in Weimar. Es war die Zeit zum Feiern, aber auch zum Nachdenken. Das Thema dess »Jetzt ist die Zeit« füllte sich mit Vorträgen und Diskussionen, mit Informationen in Ausstellungen und auf dem »Markt der Möglichkeiten«. Wofür jetzt die Zeit ist, das formulierten Hunderte Besucherinnen und Besucher des Eröffnungsgottesdienstes bereits am Sonnabend in der Herderkirche. Die Wünsche nach Frieden und einer gerechten Welt, nach Arbeit für alle, Glauben, aber auch nach einer spannenden Jugendarbeit verbanden sich damit, dass nun die Zeit des Dankens für die deutsche Einheit ist.

Kerzen waren als Symbol der friedlichen Revolution und Motiv des Kirchentages überall zu sehen. Im Abschlussgottesdienst wurden die Haushaltskerzen, die die Teilnehmer zu Beginn erhalten hatten, an 20 überdimensionalen Kerzen angezündet. (Foto: Maik Schuck)
Das Erinnern und Suchen nach Antworten für heute geschah in den vier Themenzentren ebenso wie bei Gesprächen am Rande mit Menschen, die man gerade erst kennengelernt hatte, und zog sich durch die 24 Stunden des evangelischen Festes. Begeistert waren die Besucher von der Lichtinstallation zur Liturgischen Nacht, konzipiert von der Erfurter Theaterpädagogin Sabine Kappelt. Die Jakobskirche wurde in verschiedenen Farben angestrahlt und eine Fülle von Lichtquellen illuminierte den Jakobsfriedhof.
Auch dem Aufruf, dass Gemeinden ihre Partner aus den westlichen Bundesländern einladen sollten, war gefolgt worden. Die Gäste kamen aus Bohmenkirch bei Ulm, aus Stuttgart, Steinenkirch, Oberaspach, Schwäbisch-Hall oder Untersondheim. Die Gemeinde Magdala (Kirchenkreis Jena) feierte mit ihren Gästen aus dem württembergischen Kleinbottwar bereits am Sonnabend ihr Herbstfest. Am Sonntag fuhren sie miteinander zum Kirchentag. Auch aus dem Norden der EKM kamen Kirchentagsbesucher: aus Wittenberg, ein Bus mit 47 Leuten aus dem Pfarrbereich Oschersleben und Gemeindeglieder aus Sangerhausen. Der Kirchenkreis Egeln war mit einem eigenen Stand auf dem »Markt der Möglichkeiten« vertreten.
Die Escola Popular der Evangelischen Jugend, die mit Samba-Rhythmen den Jugendkirchentag begleitet hatte, zog am Sonntagnachmittag durch die Innenstadt und etwa 300 Menschen wie der Rattenfänger von Hameln hinter sich her. Es ging zum Abschlussgottesdienst auf den Platz der Demokratie. Als der bunte Zug ankam, waren die Sitzplätze längst besetzt. Mehrere Tausend hatten sich eingefunden, um den Festabschluss mitzuerleben. In ihrer Predigt rief Landesbischöfin Ilse Junkermann dazu auf, sich auf den Weg zu machen. »Jetzt ist die Zeit! Tut endlich was!« Dankbar blickte sie auf 20 Jahre friedliche Revolution, leitete jedoch bald zur Frage über, was denn heute sei. »Ist alles gut?« Manches sei nicht gut. Zum Beispiel dass täglich 100 Menschen Thüringen verlassen, das sei ein ganzes Dorf pro Woche.
Sie rief die Christen auf, sich einzumischen und gegen Ungerechtigkeit aufzustehen. Demokratie brauche Basisgruppen, »die mitreden, mit handeln, mit verantworten wollen, die heute sagen: Nicht nur der Sozialismus war verbesserlich … auch der Kapitalismus ist für uns Christen verbesserlich.« Gesegnete Unruhe brauche diese Welt. Die deutlichen Worte der Bischöfin wurden mit Applaus beantwortet.
Der Vorsitzende des Thüringer Landesausschusses des Deutschen Evangelischen Kirchentages, Wolfgang Musigmann, verlas eine Erklärung des Kirchentages. »Der Gebrauch von militärischer Gewalt schafft keinen Frieden«, heißt es darin. Das Papier thematisiert die Armut in der Welt und unserem Land sowie die Gefährdung der Schöpfung.
Große Symbolkraft hatten 20 überdimensionale Kerzen, die von Gemeindegliedern auf eine Mauer, die am Bühnenrand errichtet war, aufgestellt wurden und schließlich diese Mauer zum Einsturz brachten. Ein Fest bei strahlendem Sonnenschein ging zu Ende. »Es war wunderbar«, resümierte Ursula Eckardt (68) aus Tambach-Dietharz. Aus dem Thüringer Kirchspiel, zu dem noch Georgenthal gehört, war ein Bus mit 34 Menschen aller Altersgruppen gekommen.
Dietlind Steinhöfel




