Sein Lebensthema: Passion

31. März 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

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Eine Ausstellung in der Propstei Zella/Rhön zeigt Werke des Holzbildhauers Manfred Vogel

Der Leidensweg Jesu Christi bis hin zu Kreuzigung und Tod ist ein Thema, das den Holzbildhauer Manfred Vogel aus Empfertshausen (Kirchenkreis Bad Salzungen-Dermbach) von Kindheit an beschäftigt. Seit er in den Schnitzerhänden seines Vaters und des Großvaters Figuren entstehen sah, die Schmerz und Enttäuschung und doch auch Hoffnung ausdrückten, war er fasziniert von diesem Mann, von seinem Leben, Wirken und Leiden. So wurde Jesus Christus eines der Hauptmotive im Schaffen Manfred Vogels, nachdem er 1954 der ­Familientradition folgend die Holzbildhauerlaufbahn einschlug.

Wer Glück hat, kann Manfred Vogel bei der Arbeit zuschauen. An bestimmten Ausstellungstagen kommt der Rhöner Künstler zum Schauschnitzen in die Propstei Zella. Hier meißelt er Christus aus einer Astgabel heraus. Sie ist aus dem sehr harten Holz des Weißdorns. Foto: Jürgen Glocke

Wer Glück hat, kann Manfred Vogel bei der Arbeit zuschauen. An bestimmten Ausstellungstagen kommt der Rhöner Künstler zum Schauschnitzen in die Propstei Zella. Hier meißelt er Christus aus einer Astgabel heraus. Sie ist aus dem sehr harten Holz des Weißdorns. Foto: Jürgen Glocke

»Solange du keinen Christus schnitzen kannst, bist du kein Schnitzer.« Dieser Ausspruch des Vaters war zunächst ein wesentlicher Ansporn bei seiner Arbeit. Die Herausforderungen auf dem Weg zur Vervollkommnung: das Leiden und die Hoffnung des Gemarterten ausdrücken und ein authentisch anmutendes Mienen- und Muskelspiel so in das Holz schneiden, dass das Werk am Ende den Betrachter berührt. Doch mit jeder geschaffenen Skulptur, mit jeder neuen Darstellungsfacette kamen auch veränderte Sichtweisen und ­Fragen zur Person Jesu hinzu. Die ­Passion wurde für Manfred Vogel zu einem Lebensthema.

Der längst weit über die Grenzen seines Heimatortes bekannte und ­geachtete Schnitzer musste 71 Jahre alt werden, ehe er dem Thema Passion eine eigene Ausstellung widmen konnte. Dazu gedrängt wurde er schon lange von Freunden, Bewunderern und Galeristen. Doch es fehlte ihm die Zeit, insbesondere seit durch seine Elisabeth-Skulptur für das Elisabeth-Jahr 2007 in Thüringen ein Bekanntheitsboom ausgelöst wurde, der viele Aufträge nach sich zog. Selbst Papst Benedikt nennt eine Arbeit Vogels sein Eigen: eine Rose, ganz schlicht und wunschgemäß vergoldet.

Mehr als ein Jahr hat Manfred Vogel auf seine Passion-Ausstellung hingearbeitet, hat sich auf vielen Ebenen mit der Passion beschäftigt und sich inspirieren lassen, hat entworfen, verworfen, neu konzeptioniert und geschnitzt. Über 100 Besucher kamen zur Eröffnung am 26. Februar, wenige Tage nach dem Beginn der kirchenkalendarischen Passionszeit, in die Gewölbe der Propstei im Nachbarort Zella. Ein Gang durch die Präsentation zeigt, dass sich der Bildhauer nicht mit traditionellen Herangehensweisen begnügt, sondern seine Handschrift um moderne Facetten erweitert hat. Die Publikumsreaktionen verdeutlichen, dass dies den Zugang für alle Altersgruppen erleichtert.

Neben der Suche nach der vollkommensten Darstellung beschäftigten den Künstler ganz spezielle Fragen: Wurde Jesus die Dornenkrone bereits nach seiner Verurteilung aufgesetzt oder erst vor der Kreuzigung? Manfred Vogel favorisiert die erste ­Variante. Abweichend von der Mehrheitsmeinung auch seine Auffassung über Ausführungsdetails der Kreuzigung. In der Kreuzigungsgruppe mit Maria und dem Jünger Johannes hat Vogel deshalb Jesus mit seitlich an den senkrecht stehenden Balken genagelten Füßen dargestellt. Diese Art der Kreuzigung erscheine ihm aus »statischen« Gründen wahrscheinlicher.

Absoluter Blickfang in der Ausstellung ist eine 130 Zentimeter große, aus Lindenholz – Vogels bevorzugtem Material – gefertigte Statue vom auferstehenden Christus. Fast drei Jahre hat er daran gearbeitet. Der Strahlenkranz im Hintergrund, der schlichte Faltenwurf des Gewands, das schmerzfreie Antlitz – all das strahlt eine besondere, anrührende und einnehmende Ruhe aus, die die Besucher lange verweilen lässt.

Welche Wirkung erhofft sich der Künstler Manfred Vogel von seinen Werken? »Dass die Betrachter vom Thema Passion gepackt werden. Dass sie sich fragen: Wer war dieser Mann? Für mich ist Jesus die außergewöhnlichste und einzigartigste Persönlichkeit aller Zeiten.«

Jürgen Glocke

Die Passion-Ausstellung in der Propstei Zella/Rhön ist noch bis zum 15. April zu ­sehen.
Geöffnet ist dienstags bis freitags von 9 bis 17 Uhr,
samstags und sonntags von 13 bis 17 Uhr.

Aus dem Geist des Wortes

30. März 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

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Sieben Kompositionen erklingen sieben Monate in der Friedenskirche Jena

Frieden suchen, Frieden finden, Frieden wahren« – unter diesem Motto erklingt vom 1. April bis 31. Oktober in der Friedenskirche Jena fortwährend eine siebenteilige Klanginstallation des Berliner Komponisten Michael Muschner, die sich auf die Historie und Architektur des Gotteshauses bezieht und auf der Basis biblischer Texte entstanden ist. Sie ist nicht nur zu den Öffnungszeiten von 13 bis 20 Uhr zu hören, sondern kann rund um die Uhr in geringer Lautstärke auch im angrenzenden Johannisfriedhof wahrgenommen werden:
214 Tage,
5136 Stunden,
308160 Minuten.

Gotthard Lemke und Michael Muschner bei der Präsentation des Langzeitprojektes, das nicht nur im Kirchenraum erklingt, sondern auch 24 Stunden am Tag ununterbrochen auf dem historischen ­Johannisfriedhof zu hören ist. Zu jeder der monatlich wechselnden Kompositionen gibt es eine Textpostkarte, auf der mit einem Bibelwort und ­einem Luther-­Kommentar die Friedensbotschaft verkündet wird. Foto: TLZ/Lioba Knipping

Gotthard Lemke und Michael Muschner bei der Präsentation des Langzeitprojektes, das nicht nur im Kirchenraum erklingt, sondern auch 24 Stunden am Tag ununterbrochen auf dem historischen ­Johannisfriedhof zu hören ist. Zu jeder der monatlich wechselnden Kompositionen gibt es eine Textpostkarte, auf der mit einem Bibelwort und ­einem Luther-­Kommentar die Friedensbotschaft verkündet wird. Foto: TLZ/Lioba Knipping

Ein Werk, das traditionelle Dimensionen sprengt und der »offenen Kirche« eine besondere Anziehungskraft verleihen wird. Wie der Klangkünstler auf einer Pressekonferenz erläuterte, ist seine Komposition »untrennbar mit der Friedenskirche verbunden, mit ihrem Gebäude, das dem Klang ­einen Raum gibt, ihren Akteuren, die dem Projekt ihre Stimme geben, und ihrer Theologie, in der die Musik begründet ist«. Er habe eine »geistliche Musik« geschaffen, »die in den histo­rischen Kirchenraum hineinkomponiert ist und seine Aura erstrahlen lässt«.

Pfarrer Gotthard Lemke hat hierfür sieben Bibelworte und die dazu gehörigen Kommentare Luthers ausgewählt, in denen die Friedensbotschaft verkündet wird. In jeder der sieben Phasen ist eine neue Komposition zu hören, die jeweils am ersten Sonntag eines Monats mit einem Gottesdienst zum »WortWechsel« und einer besonderen künstlerischen Intervention eröffnet wird.

Die erste Phase vom 1. April bis 5. Mai dauert 35 Tage und steht unter dem Bibelwort »Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist« (Römer 14,17). Mit einer besonderen kleinen Liturgie wird dann das verklingende Stück verabschiedet und das beginnende begrüßt.

Im Vorfeld wurden die ausgewählten Texte von Pfarrer Lemke verlesen und von Michael Muschner aufgenommen, der das vielfältige Spektrum der menschlichen Stimme als Ausgangspunkt und Klangmaterial für den musikalischen Kompositionsprozess verwendete. Er hat »geradezu ­mikroskopisch« in die Sprache hineingehört und aus den akustischen Bausteinen etwas Neues entstehen lassen. Dabei tritt »die semantische Ebene«, der Inhalt, »in den Hintergrund, es bleibt der reine Klang«.

Damit die Botschaft nicht auf der Strecke bleibt, wurde zu jeder Komposition eine Textpostkarte erstellt, die dem Hörer das Projekt und die Bedeutungsebene des Textes nahebringt.

Bei der Verarbeitung des »Rohmaterials« hat der erfahrene Künstler, der ähnliche Projekte bereits in Berlin, Pforzheim und Wittenberg realisierte, spezielle Klangbearbeitungsprogram­me am Computer genutzt. Seine pulsierenden atmosphärischen Schwebungen weisen ins Imaginäre und beflügeln die Fantasie.

Jede einzelne Komposition besteht aus vier unabhängigen Klangschichten unterschiedlicher Dauer, die sich im Verlauf der Präsentation in ihrer zeitlichen Beziehung zueinander verschieben. »Im Laufe eines Monats«, so Muschner, »verändert die Musik in diesem Permutations-Ablauf immer wieder ihre Gestalt: Sie wiederholt sich nie, 30 mal 24 Stunden lang.«

Dabei gibt es ein besonderes Raum-Klang-Erlebnis, da die einzelnen Schichten des Werkes über die 20 Wiedergabekanäle eines Lautsprechersystems im Kirchenschiff positioniert sind. So kann eine Bewegung der Klänge im Kirchenraum wahrgenommen werden. Der akustische Eindruck ist an jeder Hörposition ein anderer. Darüber hinaus kann das räumliche Volumen in seiner Gesamtheit erfahren werden.

Um eine optische Ablenkung zu vermeiden, sind die Lautsprecher so im Innenraum der Kirche eingebaut, dass sie visuell kaum wahrgenommen werden können. Die Deckengewölbe des Kirchenschiffes dienen »als akustische Linsen«. Die Gesamtkosten des Projektes betragen 35000 Euro, die zum Großteil vom Land Thüringen, aber auch von »JenaKultur« und dem Kirchenkreis Jena aufgebracht wurden.

So ist die Friedenskirche in den nächsten sieben Monaten erfüllt vom Klang des Wortes der Bibel!

In einem Gästebuch können die Besucher ihre Höreindrücke zu Papier bringen.

Michael von Hintzenstern

Verwaltung und Seelsorge

27. März 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Am vergangenen Sonntag wurde der Superintendent von Gotha, Michael Lehmann (46), im dritten Wahlgang zum neuen Personaldezernenten im Landeskirchenamt der EKM gewählt. Dietlind Steinhöfel sprach mit dem Theologen.

Michael Lehmann

Michael Lehmann

Herr Lehmann, zunächst Glückwunsch zur Wahl. Vom Superintendenten in die Verwaltung – fällt Ihnen der Schritt aus der Praxis schwer?
Lehmann: Ich sehe nicht, dass mich dieser Schritt aus der Praxis herausführt. Ich verstehe die Funktion eines Personaldezernenten zuerst als pastorale Aufgabe. Die seelsorgerliche Betrachtungsweise ist mir vor allen anderen sehr wichtig. Den Mitarbeitern im Verkündigungsdienst wurden im Prozess des Zusammenwachsens beider Kirchen erhebliche Transformationsprozesse zugemutet.

Noch wichtiger ist: Der demografische Wandel und die Säkularisierung unserer Gesellschaft verändern die Berufsbilder, die Ansprüche an die kirchlichen Berufe wandeln sich und steigen. Ich glaube, dass die landeskirchliche Ebene hier zuallererst den seelsorgerlichen Blick braucht. Darum will ich mich meiner neuen Aufgabe als ein ordinierter Pfarrer meiner Kirche stellen.

Was macht Ihrer Meinung nach einen guten Personaldezernenten aus?
Lehmann: Ein Personaldezernent muss erstens wissen, dass sein Amt im Wesentlichen ein stilles Amt ist. Die beste Personalabteilung ist sicher die, die ihre Arbeit lautlos und reibungslos verrichtet. Dazu gehört auch, dass mögliche Probleme mit den Betroffenen selbst und nicht in der Öffentlichkeit ausgetragen werden. Zweitens darf dieses Amt auch ein deutlich hörbares Amt sein: Wenn junge Menschen ermuntert werden sollen, ein Theologiestudium oder eine kirchliche Ausbildung zu beginnen, wenn wir auf die beruflichen Perspektiven in unserer Landeskirche aufmerksam machen wollen, wenn wir die Hauptberuflichen für Fort- und Weiterbildungen werben. Drittens weiß ein guter Personaldezernent, dass sein Amt in das Miteinander aller Personalverantwortlichen eingebettet ist. Denken Sie nur an eine Pfarrstellenbesetzung: Hier sind alle kirchlichen Ebenen beteiligt, und alle sollten an einem Strang ziehen.

Der Kirchenkreis Gotha verliert mit Ihnen innerhalb von 14 Jahren den vierten Superintendenten. Sind Sie optimistisch, was Ihre Nachfolge an dieser Stelle angeht?
Lehmann: Ich verlasse Gotha ungern. Der Kirchenkreis und auch die Augustinergemeinde, in der ich als Pfarrer arbeite, sind mir ans Herz gewachsen. Dennoch glaube ich, dass wir in den drei Jahren gute Arbeit geleistet haben. Der Kirchenkreis ist nach dem Wechsel des Finanzsystems gut aufgestellt. Wir haben keine Pfarrstellenvakanzen. Wir können uns in der Kirchenkreissozialarbeit engagieren. Wir stellen den Gemeinden erhebliche Mittel zur Verfügung. Hier ist mir besonders die Förderung der ehrenamtlich verantworteten Kirchenmusik wichtig. Wer sich auf das Superintendentenamt bewirbt, darf sich auf großartige Mitarbeiter und lebendige Gemeinden freuen.

Menschen mit Blut und Herz

27. März 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Kirchenkreis Altenburger Land lud zum Themenabend gegen Fremdenfeindlichkeit ein

Zurzeit leben 1364 Ausländer im Altenburger Land. Das sind etwa 1,4 Prozent der Bevölkerung. Um ein klares Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit zu setzen, hat der Kirchenkreis Altenburger Land am 15. März zu einem Themenabend in den Gasthof von Kosma eingeladen, bei dem Menschen mit Zuwanderungsgeschichten im Mittelpunkt standen. Das Motto lautete »Ach, das hab’ ich nicht gewusst«. Denn oft wird aus Unkenntnis über andere Kulturen und Religionen geurteilt.

»Die Erfahrung zeigt, dass Vorurteile und ausgrenzende Gedanken da besonders lebendig sind, wo es kaum Begegnungen mit Betroffenen gibt«, betont in diesem Zusammenhang Superintendentin Anne-Kristin Ibrügger.

Beim Themenabend in Kosma: Kirchenkreissozialarbeiter Christoph Schmidt (rechts) bat Marija und Grigorij Awakimjan, von ihrer Flucht aus der Region Bergkarabach zu erzählen. – Foto: Ilka Jost

Beim Themenabend in Kosma: Kirchenkreissozialarbeiter Christoph Schmidt (rechts) bat Marija und Grigorij Awakimjan, von ihrer Flucht aus der Region Bergkarabach zu erzählen. – Foto: Ilka Jost

Zur Veranstaltung, die von der Katholischen Pfarrei Altenburg/Schmölln, der Caritas, der Diakonie Ostthüringen und dem Netzwerk Integration unterstützt wurde, fanden sich Verantwortliche aus Kirche, Politik, Bildung sowie interessierte Bürger ein, um mit Migranten und Flüchtlingen ins Gespräch zu kommen.

Am Schluss des Abends, bei dem 130 Besucherinnen und Besucher anwesend waren, stand eine Podiumsdiskussion. »Mit diesem Erfolg hatten wir nicht gerechnet«, freute sich Kirchenkreissozialarbeiter Christoph Schmidt. Besonders bewegten die Einzelschicksale und vielfältige Alltagserfahrungen, die häufig von Diskriminierung und Ausgrenzung begleitet sind.

In fließendem Deutsch schilderte Hedi Mariwan, wie sie mit ihren Eltern und ihren sieben Geschwistern im Asylbewerberheim Schmölln wohnt. Die Irakerin besucht die neunte Klasse der Schmöllner Regelschule »Am Eichberg«. Sie hat sehr gute Noten und kommt mit ihren Mitschülern gut klar. »Im Heim ist es sehr eng, wir leben zu zehnt in drei kleinen Zimmern. 22 Personen müssen sich Toilette und Dusche teilen. In der Nacht ist es oft sehr laut und ich kann schlecht schlafen«, erzählt die aufgeschlossene junge Frau, die seit elf Jahren in Deutschland wohnt. Sehr unangenehm sei auch das Einkaufen mit den Gutscheinen. »Manchmal fühlen wir uns wie Diebe, wenn die Leute so auf uns schauen«, sagt sie.

Auch Marija und Grigorij Awakimjan haben anfangs im Schmöllner Heim gelebt. Nach einem Klinikaufenthalt von Marija hat man sich dafür stark gemacht, dass das Ehepaar eine Wohnung in Altenburg-Nord bekommt. Denn die junge Frau kam mit der Situation im Heim nicht klar, was zu psychischen Problemen führte. Schon als Kinder mussten Marija und Grigorij ihre Heimat verlassen und aus Bergkarabach, einer von Armenien und Aserbaidschan umkämpften Region im Südkaukasus, nach Russland flüchten. Von dort kamen sie vor drei Jahren nach Deutschland.

Die beiden Armenier sind mit dem christlichen Glauben verbunden und wurden 2010 in der evangelischen Stadtkirche von Schmölln getauft. »Wir haben schon viel Hilfsbereitschaft erfahren, aber auch Ablehnung. Dabei sind wir doch Menschen wie alle, mit Blut und Herz«, formulierte es Marija Awakimjan sehr treffend.

Dass die Lebensumstände der Flüchtlinge im Altenburger Land bisher kaum bekannt sind, zeigte die Podiumsdiskussion, an der die im Kreistag vertretenen Fraktionen teilnahmen. Unabhängig vom Parteibuch herrschte bei allen Betroffenheit. Die Vertreter der Politik kündigten an, das Thema im Kreistag und in den Ausschüssen zu behandeln. Dabei solle das Netzwerk für Integration und der Freundeskreis Asyl einbezogen werden.

Ilka Jost

Demütig das Schweigen brechen

26. März 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Lutheraner luden in Zella-Mehlis Mennoniten zum Versöhnungs-Gottesdienst ein

Sie feierten am 18. März in der Kirche Zella St. Blasii gemeinsam Gottesdienst: Pfarrer Andreas Wucher, Pastorin Ulrike Becker, Lenemarie Funck-Späth, Pröpstin Marita Krüger und Mitglieder der Mennonitengemeinde Bad Königshofen (v. l. n. r.). – Foto: Karl-Heinz Frank/frankphoto.de

Sie feierten am 18. März in der Kirche Zella St. Blasii gemeinsam Gottesdienst: Pfarrer Andreas Wucher, Pastorin Ulrike Becker, Lenemarie Funck-Späth, Pröpstin Marita Krüger und Mitglieder der Mennonitengemeinde Bad Königshofen (v. l. n. r.). – Foto: Karl-Heinz Frank/frankphoto.de

»Wir sind gerne gekommen – und wir haben uns sehr über die Einladung gefreut!« Lenemarie Funck-Späth, Vorsitzende der Bayerischen Mennonitengemeinde, zeigt sich noch sichtlich berührt von dem eben Erlebten in der Kirche St. Blasii in Zella-Mehlis. Für sie, wie für die gleichsam mit großem Interesse angereisten Mitglieder der Mennonitengemeinde Bad Königshofen (darunter deren Vorsitzender Otto Funck), war es eine erste Begegnung mit einer evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Thüringen.

Rein verkehrsmäßig ist das mittlerweile ein sehr kurzer Weg aus dem Fränkischen ins Südthüringische. Aus kirchengeschichtlicher Sicht aber ein sehr langer und sehr steiniger Gang durch die Jahrhunderte. Doch diese erste gemeinsame Stunde des Gebetes, des Gedenkens und vor allem des nachdrücklichen Wunsches nach Versöhnung sowie der tief empfundenen Buße seitens der Zella-Mehliser Kirchengemeinde offenbarte, dass dieser eingeschlagene Pfad ein Wegweiser sein kann. Es ist notwendig, sich bewusst jener dunklen Seite der Reformation zu stellen, die dereinst auch mit Unterstützung lutherischer Reformatoren Leid, Verfolgung und Tod über christliche Mitmenschen brachte.

Solch heutiges Zugehen auf die mennonitische Glaubensgemeinde, die hervorgegangen ist aus der Täuferbewegung der Reformationszeit des 16. Jahrhunderts, trägt sich auch durch die besondere Verpflichtung, die der Rat des Lutherischen Weltbundes auf der Elften Vollversammlung 2010 in Stuttgart seinen Mitgliedern auf den Weg gab: Gemeinsam mit den mennonitischen Geschwistern jener dunklen Geschichte einen Platz des Gedächtnisses und der Erinnerung zu geben, und vor allem: jahrhundertealte Interpretationen und Lehren fortan aus religiöser Gemeinschaft heraus neu zu hinterfragen.

Diesen Auftrag nahm auch Pröpstin Marita Krüger sehr speziell mit nach Mitteldeutschland. Die Regionalbischöfin für Meiningen-Suhl initiierte jetzt mit der Zella-Mehliser Pastorin Ulrike Becker und Pfarrer Andreas Wucher diesen gemeinsamen Bußgottesdienst. Erinnern und wahrnehmen, um Vergebung bitten – das Bindeglied ist die auf jener Vollversammlung namentlich genannte Märtyrerin Barbara Unger aus Zella Sankt Blasii. Sie bezahlte dereinst die Unbeugsamkeit ihres erneuerten Glaubens mit dem Leben.

Die Mutter von vier Kindern wurde am 18. Januar 1530 im Kloster Reinhardsbrunn, 18 Monate nach ihrer neuerlichen Taufe, hingerichtet. Mit ihr zusammen weitere Christen, die sich mit der Historie von Zella und Mehlis verbinden: Andreas und Katherina Kolb, Katharina König, Christoph Ortlep und Elsa Kuntz. So signalisierte dieser Sonntag mehr als nur eine Geste des schmerzlichen Bedauerns und die Bitte um Vergebung. Gemeinsam das Schweigen brechen, das heißt an diesem Zella-Mehliser Ort ganz konkret: reden über menschliche Schicksale zu Zeiten der Reformation, über Verfehlungen im Namen des Glaubens, über Schuld und Buße. Das geht unter die Haut und tief in die Seele.

Dieser Bußgottesdienst mit Pröpstin Marita Krüger schließt nach 482 Jahren auch in der Kirche Zella St. Blasii einen Kreis, der nach schicksalhaft-schmerzlichen Wirrungen sehr individuell und sehr emotional Lutheraner und Mennoniten einander ein Stück näherbringt. Lenemarie Funck-Späth zeigt sich beeindruckt davon, wie sich hier Hintergründe zur Geschichte der Täuferbewegung derzeit eng mit dem Jubiläum 900 Jahre Zella St. Blasii verbinden. Die momentan sehr intensiv betriebene kirchengeschichtliche Aufarbeitung spart jene dunkle Seite der Reformation nicht aus.

Tage vor diesem besonderen Gottesdienst referierte Oberpfarrer i. R. Hans-Joachim Köhler im Rahmen eines Gemeindeabends zu »Zella St. Blasii und Mehlis in den Widersprüchen der Reformation«. Und in der im April erscheinenden sehr umfangreichen Jubiläums-Festschrift ist ein Kapitel jenen gewidmet, die sich dereinst sehr früh, geleitet von Menno Simons, von den gewaltbereiten Täufern abwandten. Hans-Joachim Köhler nennt sie die »Stillen im Lande«.

Bei der Arbeit an dem Jubiläums-Werk ist er im Hauptstaatsarchiv in Weimar auch auf die regionalbezogenen Dokumente und Signaturen aus jener Zeit gestoßen. Absehbar schon jetzt, dass solche Thematisierung der Täufer-Bewegung aus Sicht christlicher Ethik ein erster Schritt auf einem fortan gemeinsamen Weg ist – und dass sich damit ein ebenso enormer Spannungsbogen zum Demokratie-Verständnis ins Heute auftut.

Hannelore Frank

Pilatus’ sprechende Hände

24. März 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Schönebecker Künstler schenkt der Kirchengemeinde Plötzky eine Plastik

Vorsichtig streicht der Schönebecker Bildhauer Dario Malkowski der Skulptur über den Kopf. »Das ist mein Pilatus«, sagt er und in seiner Stimme klingt ein bisschen Stolz mit. Aufrecht steht die Figur da und hält die Hände über eine Wasserschale, die von einer zweiten, gebückten Gestalt getragen wird. Die Kleidung ist nur angedeutet. Um so auffälliger stechen die Hände hervor, die besonders herausgearbeitet sind und auch größer erscheinen als normal.

Der Bildhauer Dario Malkowski ist seit seinem 18. Lebensjahr blind.

Der Bildhauer Dario Malkowski ist seit seinem 18. Lebensjahr blind.

Malkowski, Schöpfer der Plastik, ist seit seinem 18. Lebensjahr blind. Kurz vor Kriegsende hat eine Granate sein Augenlicht zerstört. Nicht zerstört hat die Kriegsverletzung seinen Willen und seine Neigung, sich künstlerisch auszudrücken. Trotz der Einschränkung arbeitet der heute 85-jährige Bildhauer seit Jahrzehnten in Ton, Holz oder Bronze. Den Pilatus etwa hat er 1996 für eine Ausstellung im Magdeburger Landtag geschaffen. Jetzt will er die Terrakotta-Plastik der Kirchengemeinde in Plötzky übereignen. Das ist weit mehr, als Pfarrer Andreas Holtz aus Gommern (Kirchenkreis Elbe-Fläming) erwartet hat.

»Ich war von einer Dauerleihgabe ausgegangen«, sagt der überrascht. Hergestellt hat den Kontakt Rüdiger Meussling, der langjährige und rührige Pfarrer in Pretzien und Plötzky. Am 25. März soll die Figur nun im Beisein des Künstlers in einem Gottesdienst an die Gemeinde übergeben werden.

Doch es ist beileibe nicht die erste Arbeit Dario Malkowskis mit religiösen Motiven. Ein segnender Engel und Kreuzigungsdarstellungen gehören ebenso zum Werk wie Krippenfiguren oder betende Hände. Überhaupt nehmen Hände eine besondere Bedeutung in seinem Schaffen und für ihn ein, nicht zuletzt deshalb, weil er seine Kunstwerke selbst ertasten muss.

Schon zu DDR-Zeiten hat der blinde Künstler mit den »sehenden Händen« (Hans-Herrmann Laube) etliche Arbeiten für Kirche und Diakonie geschaffen. »Biblische Themen haben mich immer interessiert«, erzählt Malkowski, der sich bewusst als Protestant versteht und seinen Glauben schon früh und auch in der schweren Zeit nach dem Krieg als Halt empfunden hat. Seine Skulpturen zu geistlichen Themen sind jedoch keine einfachen biblischen Illustrationen, sondern immer eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema.

Auch mit der Pilatus-Figur verbindet Malkowski eine eigene Interpretation. Den Anstoß dazu habe die »Wende« gegeben und die Frage, wie sich Menschen in solchen Fällen verhalten, erklärt der Künstler. »Auf einmal weisen sie alle Schuld von sich und wollen es – wie Pilatus – gar nicht gewesen sein.« Das sei so nach 1945 gewesen und auch nach 1989. Dagegen setzt Malkowski seine Sicht der Dinge: »Ein Gewaltherrscher wie Pilatus ist nur möglich durch die Leute, die es zulassen, die Kriecher und Ja-Sager.« Für sie steht die gebeugte Figur, die die Wasserschale trägt.

Ihren Platz soll die Skulptur nun in der Marienkapelle der Gemeinde in Plötzky finden. Für den zuständigen Pfarrer ist es dabei nur folgerichtig, dass die Übergabe im Rahmen eines Gottesdienstes erfolgt. »Verkündigung und Kunst«, sagt Andreas Holtz, »gehören für mich einfach zusammen.«

Martin Hanusch

Der Gottesdienst mit Übergabe des Kunstwerkes am 25. März beginnt um 14 Uhr.

Eine Form von Zwangsarbeit

23. März 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt (Archiv)

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Buch über den Einsatz von Bausoldaten im Chemiedreieck vorgestellt

Bis heute prägt das Chemiedreieck zwischen Leuna, Buna und Wolfen-Bitterfeld Industrielandschaft und Regionalbewusstsein im Süden Sachsen-Anhalts. Kein Wunder bei einer 100-jährigen Geschichte und wirtschaftlich starken Gegenwart. Doch gibt es auch dunkle Kapitel in der Vergangenheit. Eines davon stellte Justus Vesting auf der Leipziger Buchmesse vor. Rund 50 Besucher waren zur Premiere seines Buches »Zwangsarbeit im Chemiedreieck – Strafgefangene und Bausoldaten in der Industrie der DDR« in die Runde Ecke gekommen.

So freute sich Verleger Christoph Links eingangs auch über die Aufmerksamkeit für dieses zeitgeschichtliche Thema. Im Blick auf die Bausoldaten in den 1980er Jahren stellte er fest: In Prora hätte man trotz harter Arbeit wenigstens gute Luft und den Blick aufs Meer gehabt. Dagegen sei die Gefährdung durch schädliche Substanzen in der maroden Chemieindustrie höher gewesen.

Warum aber setzte man Menschen überhaupt solchen Gefahren aus? Vestings Antwort lautete: Die Arbeitsbedingungen im Chemiedreieck waren selbst für DDR-Verhältnisse extrem schlecht. Deshalb konnten die Betriebe auch mit hohen Löhnen nie genügend Arbeitskräfte gewinnen. So griff man auf Menschen zurück, die nicht Nein sagen konnten. Beim Einsatz von Strafgefangenen und Bausoldaten handelte es sich deshalb um eine Form von Zwangsarbeit, die mit Diskriminierung und bewusster Inkaufnahme gesundheitlicher Folgeschäden einherging.

Bausoldaten, die seit 1986 in der Region arbeiten mussten, hätten sich mit Eingaben zur Wehr gesetzt. Darin sei von Furcht um die Gesundheit durch Staub und Gase sowie von menschenunwürdigen Zuständen die Rede. Gezielt würden die Verantwortlichen im ZK der SED angefragt, wie sich diese Arbeitsbedingungen mit der Ethik und Moral eines sozialistischen Staates vertrügen.

Härter noch hatte es ab 1968 die Bitterfelder Strafgefangenen im dortigen Chemischen Kombinat getroffen, unter ihnen viele wegen Republikflucht verurteilte. Vesting berichtete von aggressiven Reaktionen auf Arbeitsverweigerung von Einzel- und Dunkelarrest über Schläge mit dem Gummiknüppel bis hin zu quälenden Fesselungen.

Anfangs als »Erziehung durch Arbeit« gedacht, habe sich der Einsatz von Gefangenen letztlich als »reine Ausbeutung« erwiesen. Vestings Vortrag endete mit einem sprechenden Bild. Auf einer Mauer der Strafvollzugseinrichtung Bitterfeld stand in Großbuchstaben zu lesen: »Die Gesellschaft und deine Familie wartet auf Dich: Denkst Du immer daran?«

Zwei Todesfälle von Häftlingen durch Quecksilbervergiftung zu DDR-Zeiten sind aktenkundig. Noch heute leiden ehemalige Gefangene an Zahnausfall, Leber- und Nierenschäden. Ein Zusammenhang mit ihrer Arbeit im Chemischen Kombinat Bitterfeld lässt sich schwer nachweisen. Deshalb steht ihre Entschädigung für gesundheitliche Folgeschäden oft noch aus. Vesting hofft, dass sein Buch nicht nur historisches Interesse weckt, sondern ebenso zur Sensibilisierung der Behörden beiträgt.

Sebastian Kranich

Justus Vesting: Zwangsarbeit im Chemiedreieck – Strafgefangene und Bausoldaten in der Industrie der DDR, Ch. Links Verlag, 224 S., ISBN 9783861536758, 24,90 Euro

Evangelium im Mittelpunkt

22. März 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Superintendent Christian Stawenow wird Regionalbischof in Eisenach

Am Ende geht es auf der in Gera tagenden Synode überraschend glatt. Im dritten Wahlgang wird der Superintendent des Kirchenkreises Torgau-Delitzsch, Christian Stawenow, am 17. März mit der erforderlichen Zwei-Drittel-Mehrheit zum Regionalbischof des Propstsprengels Eisenach-Erfurt gewählt. Unter dem Beifall der 72 anwesenden Synodalen nimmt der 56-Jährige die Wahl an. Damit hat sich der Superintendent aus Delitzsch gegen Hanna Kasparick, Direktorin des Wittenberger Predigerseminars, durchgesetzt, die nach dem zweiten Wahlgang ausgeschieden war.

Schon bei seiner Vorstellung am Vortag präsentiert sich Stawenow als ein Mann, dem das Miteinander in der Kirche besonders am Herzen liegt. »In der Kirche gibt es kein oben und kein unten.« Nun muss er selbst den »Paradigmenwechsel« vom Superintendenten zum Propst schaffen. Dass ihm die Begleitung der Mitarbeiter und die »Geschwisterlichkeit« besonders am Herzen liegt, betont er mehrfach.

Kirchenamtspräsidentin Brigitte Andrae gratuliert Christian Stawenow – Foto: Martin Hanusch

Kirchenamtspräsidentin Brigitte Andrae gratuliert Christian Stawenow – Foto: Martin Hanusch

Zugleich freut sich der fünffache Familienvater aber auch auf die Möglichkeiten, die Kirche mitzugestalten, und auf die ökumenische Zusammenarbeit mit dem Bistum. In der politischen Diskussion will sich Stawenow dagegen eher zurückhalten, ohne unpolitisch zu sein. »Ich glaube nicht, dass die Politik darauf wartet, dass wir uns zu allen Fragen zu Wort melden.« Die Stimme des Evangeliums will er trotzdem laut werden lassen. Eine sehr konkrete Aufgabe sieht er etwa darin, die Frage nach den Wurzeln des Rechtsextremismus’ anzugehen und die Menschen, die in die rechte Szene abgerutscht sind, nicht einfach aufzugeben.

Sein neuer Wirkungsort Eisenach ist ihm keineswegs fremd. Er stammt zwar aus Seegrehna bei Wittenberg, doch er wächst in Tastungen im Eichsfeld auf. Besonders geprägt hat ihn sein »frommes Elternhaus«. Nach dem Abitur in Worbis und der Zeit als Bausoldat studiert er in Naumburg Theologie. Die erste Pfarrstelle tritt er in Schafstädt bei Merseburg an. »Eine sehr glückliche Zeit«, wie Stawenow selbst sagt. 1996 wird er Superintendent im sächsischen Eilenburg. Seit 2006 steht der promovierte Theologe an der Spitze des Kirchenkreises Torgau-Delitzsch. Zudem unterrichtet er als Dozent an der Hochschule für Kirchenmusik in Halle und im Kirchlichen Fernunterricht.

Bis zu seinem Dienstantritt in Eisenach muss sich Christian Stawenow allerdings noch ein Stück gedulden. Erst mit Bildung des Sprengels Eisenach-Erfurt zum 1. Januar 2013 wird er das Amt von Propst Reinhard Werneburg übernehmen, der zum Jahresende seinen Dienst beendet.

Dass hier einiges auf ihn zukommt, ist dem neuen Mann an der Spitze des Sprengels mit rund 170000 Christen und etwa 250 Mitarbeitern durchaus bewusst. So will er das Zusammenwachsen innerhalb der Propstei befördern, die sich aus Kirchenkreisen der ehemaligen Thüringer Landeskirche und der früheren Kirchenprovinz Sachsen zusammensetzt. Auch im Blick auf die Lutherdekade wird die Region mit ihren zahlreichen Lutherstätten besonders gefordert sein.

Doch seine zentrale Frage bei allem bleibt, »wie wir das Evangelium unter die Leute bringen können«. Dabei weiß er realistisch um die Möglichkeiten der kleiner werdenden Gemeinden. Hier setzt er auf die Beteiligung möglichst vieler Christen.

»Die Verkündigung braucht Menschen, die das Wort weitersagen. Dafür will ich mich gerne einsetzen.«

Martin Hanusch

Das Haus am Lutherplatz

22. März 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Eisenacher Lutherhaus ist der wahrscheinlich ältester Fachwerkbau Thüringens

Neben der Wartburg ist das Lutherhaus einer der authentischen ­Lutherstätten in Eisenach. Hier soll nach einer alten Überlieferung Martin Luther während seiner Eisenacher Schulzeit gewohnt haben. Das Haus war damals im Besitz der in der Stadt angesehenen Familie Cotta. Jährlich besuchen rund 30000 Gäste das Haus. Zum Reformationsjubiläum 2017 werden 100000 Besucher erwartet.

Diesen Ansturm kann das jetzige alte Haus allein nicht bewältigen. Deshalb sollen moderne Ausstellungsräume, ein Museumsshop und ein geräumiger Vortragssaal angemietet werden. Diese entstehen in einem Neubau auf dem noch brachliegenden Grundstück neben dem historischen Gebäude. Für den 29. März ist der erste Spatenstich für das Wohn- und Geschäftshaus vorgesehen, das der Investor Günther Höpfner errichtet und in dessen Erdgeschoss die Museumsräume Platz finden werden.

Neueste Untersuchungen ­haben eine kleine Sensation ans Licht ­gebracht: Das Eisenacher ­Lutherhaus ist das wahrscheinlich älteste Fachwerkgebäude in Thüringen. Foto: EKM/Gerhard Seifert

Neueste Untersuchungen ­haben eine kleine Sensation ans Licht ­gebracht: Das Eisenacher ­Lutherhaus ist das wahrscheinlich älteste Fachwerkgebäude in Thüringen. Foto: EKM/Gerhard Seifert

Zudem hat die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) einen kleinen Teil des Grundstücks erworben, um den Altbau durch ein Treppenhaus mit Fahrstuhl, Empfangsbereich, Garderoben und Sanitäranlagen zu ergänzen. Im Zuge dieser Vorhaben gab die EKM als Eigentümerin mit Unterstützung des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie eine bauhistorische Untersuchung in Auftrag. Dabei stießen die Forscher auf eine kleine Sensation. Sie fanden heraus, dass Bereiche der Fachwerk-Konstruktion aus dem Mittelalter stammen.

Die ältesten ermittelten Teile – Eichenbalken in der Lutherstube – wurden auf das Jahr 1269 ­datiert. Somit ist das Lutherhaus in ­Eisenach wahrscheinlich der älteste erhaltene Fachwerkbau Thüringens.

»Wir sind uns als Bauherr der großen geschichtlichen Verantwortung bewusst«, sagt der Finanzdezernent der EKM, Stefan Große. »Alle geplanten Veränderungen im Sinne der neuen Museumskonzeption erfolgen mit Rücksicht auf die Baugeschichte und werden von den Denkmalfachbehörden begleitet.« Er kündigt an, dass die Untersuchungen während der Bauarbeiten fortgeführt werden, um die bisherigen Ergebnisse zu festigen und zu ergänzen. »Wir hoffen, dass wir ein geschlossenes Bild zur Baugeschichte erstellen können«, so Große.

Der mit der Bauforschung betraute Restaurator aus Eisenach hat weiterhin festgestellt, dass das heutige Erscheinungsbild mit dem mittelalterlichen Aussehen wenig zu tun hat – das Gebäude wurde häufig umgebaut, erweitert und restauriert. Bei einem Luftangriff am Ende des Zweiten Weltkrieges wurde das Haus besonders stark beschädigt, den schnellen Wiederaufbau hatten alliierte Offiziere durch Spenden finanziert.

Für den Erweiterungsbau wird die Landeskirche rund 600000 Euro bereitstellen. Außerdem beteiligen sich der Freistaat Thüringen sowie die Stadt Eisenach mit Mitteln der Städtebauförderung und des Denkmalschutzes an der Finanzierung. Der Förderverein des Lutherhauses unterstützt die Pläne mit Spendengeldern.

(mkz)

www.lutherhaus-eisenach.de

Starke Gemeinden sind Basis der Kirche

21. März 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

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Matthias Rein wird neuer Senior im Kirchenkreis Erfurt

Sportlich schlank, mit gewinnendem Lächeln, auskunftsfreudig und sehr gut vorbereitet – so präsentierte sich Matthias Rein den Synodalen des Kirchenkreises Erfurt bei der Wahl zum neuen Senior am 18. Februar. Im zweiten Wahlgang erreichte er, nach Rückzug seines im ersten Wahlgang unterlegenen Konkurrenten, deutlich mehr Stimmen als die ­erforderliche Zweidrittelmehrheit.

Geboren 1964 in Sanitz bei Rostock, zog es den Pfarrerssohn nach Abitur und Bausoldatenzeit zum Theologiestudium nach Halle. Er wollte authentische Lutherorte und die Frömmigkeit an diesen Orten ­kennenlernen. 1994 promovierte er mit einer Dissertation zum Johannesevangelium. Nach dem Vikariat in Halle wurde er Pastor der Landeskirche Mecklenburgs, übernahm eine kleine Dorfgemeinde nahe Schwerin. Weil seine Gemeinde einem Strukturwandel zum Opfer fiel, musste er sich beruflich neu orientieren.

Präses Falk Oesterheld (li.) gratuliert dem zukünftigen Senior des Kirchenkreises. Foto: Matthias Frank Schmidt

Präses Falk Oesterheld (li.) gratuliert dem zukünftigen Senior des Kirchenkreises. Foto: Matthias Frank Schmidt

In Pullach bei München wurde er Studienleiter am Theologischen Studienseminar der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche in Deutschland und 2009 dessen Rektor. Unter anderem gehörte die Weiterbildung kirchlicher Führungskräfte zu seinen Aufgaben, verbunden mit Kontaktpflege zu anderen Landeskirchen und theologischen Fakultäten. Für sein neues Amt als Senior bringt Rein ­somit einen breiten beruflichen Erfahrungshorizont mit. Dass er als Ostdeutscher im bayerischen Pullach offen aufgenommen worden sei, gehört zu seinen positiven Erfahrungen.

Ehrenamtlich engagiert sich Rein seit 1997 als Dozent im Kirchlichen Fernunterricht der EKM. Hier werden Prädikanten für den ehrenamtlichen Dienst ausgebildet – eine Aufgabe, die ihm liegt. Den Theologen bewegt deshalb, wie sich künftig die Zusammenarbeit von Pfarrern mit ordinierten Prädikanten gestalten lässt und was dies für die Ortsgemeinden bedeutet. Überhaupt beschäftigt ihn die künftige Gestalt der Kirche, besonders im Blick auf die Gemeinde vor Ort, die er gestärkt wissen will.

Das EKD-Impulspapier »Kirche der Freiheit« sieht er kritisch und fragt, welche Rolle die ­erfahrene Gemeinschaft der Glaubenden für die Existenz der Kirche spiele. Als Senior will er sich dem ökumenischen Gespräch stellen und auch den interreligiösen Kontakt suchen.

Der Präses der Kreissynode Erfurt, Falk Oesterheld, erwartet vom neuen Senior vor allem, dass er im Spannungsfeld von den Stadt- zu den Dorfkirchengemeinden den notwendigen Ausgleich herstellt. Seine hohe theologische Kompetenz, breite berufliche Erfahrung und sein aufgeschlossenes Wesen seien für sein neues Amt beste Voraussetzungen.

Matthias Rein wird bis zum Dienstbeginn am 1. September mit seiner Frau, einer promovierten Pfarrerin der EKM, nach Erfurt umziehen. Er freut sich auf die aus seiner Sicht attraktive Stadt und Lutherstätte. Den drei handballbegeisterten Söhnen im Alter von 16, 13 und 10 Jahren will der Umzug allerdings noch nicht so recht schmecken.

Inge Linck

Vorboten der 100 Originale?

Dauerausstellung auf dem Landgut Holzdorf zeigt 14 Repliken aus der Sammlung Otto Krebs

Das Plagiat ist die vielleicht aufrichtigste Form der Verehrung.« Mit diesem Zitat des Schriftstellers ­Alfred Polgar eröffnete Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht am 7. März eine Dauerausstellung auf dem Landgut Holzdorf, in der 14 Kopien aus der Gemäldesammlung des Mannheimer Industriellen Otto Krebs gezeigt werden, die einst hier ihren Standort hatte. Die unschätzbar wertvolle Kollektion, die nach 1945 als Beutekunst in die Sowjetunion verbracht wurde, galt lange Zeit als ­verschollen.

Es war eine Sensation, als sie nach 50 Jahren wieder auftauchte und 1995 in der Leningrader Eremitage im Rahmen der Ausstellung »Verschollene Meisterwerke deutscher Privatsammlungen« erstmals wieder der Fachwelt präsentiert wurde. Dabei waren 60 Gemälde aus der insgesamt 100 Bilder umfassenden Holzdorfer Sammlung zu sehen.

Da an eine Rückgabe der Kunstwerke vorerst nicht zu denken ist, wurde die Idee geboren, von Studenten der Petersburger Akademie für Angewandte Kunst unter der Leitung ihrer Professorin Tatjana Pozelujewa 20 Repliken anfertigen zu lassen. Dabei kam es zu einer intensiven Zusammenarbeit mit Prof. Sabine Maier, die an der Erfurter Fachhochschule Konservierung und Restaurierung lehrt.

Die Initiative zu alledem ging vom Geschäftsführer des Landgutes, Norbert Hetterle, aus, dem es auch ­gelang, die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, die Sparkasse Mittelthüringen und die Kreissparkasse Saale-Orla als Förderer zu gewinnen, die das Projekt mit insgesamt 50000 Euro unterstützten. So dankte die ­Ministerpräsidentin in ihrer launigen Festansprache nicht ohne Grund ­»allen Könnern und Gönnern«.

Schülerinnen der Erfurter Kunstschule ließen sich von den im Obergeschoss  des Landgutes Holzdorf ausgestellten Bildern inspirieren und fertigten sogleich Repliken der Repliken an. Foto: Maik Schuck

Schülerinnen der Erfurter Kunstschule ließen sich von den im Obergeschoss des Landgutes Holzdorf ausgestellten Bildern inspirieren und fertigten sogleich Repliken der Repliken an. Foto: Maik Schuck

Die bislang 14 kopierten Gemälde können an jedem ersten Sonntag des Monats von 14 bis 16 Uhr besichtigt werden. Sie hängen in den einstigen Schlafzimmern von Otto Krebs und seiner Lebensgefährtin, der Pianistin Frieda Kwast-Hodapp, im Obergeschoss des Herrenhauses. Bei aller technischen Meisterschaft, die den kopierenden Malern zu bescheinigen ist, fehlt ihnen die Aura des ursprünglichen Schöpfungsaktes. Das mag auch darin begründet liegen, dass es besonders schwierig ist, ein impressionistisches Bild mit seinen Lichtwirkungen und differenzierten Farbschichten »nachzugestalten«.

Zugänglich ist auch der Tresor, der von russischen Soldaten aufgeschweißt wurde. Er kann gemeinsam mit anderen Gegenständen aus der Blütezeit des Landgutes und der Besatzerzeit im Verwalterhaus betrachtet werden. Außerdem wird ein siebenminütiger Film über das Leben des Kunstmäzens und das Mustergut Holzdorf gezeigt.

»Damit kommen wir unserem Ziel, Holzdorf nicht nur zu einem diakonischen, sozial engagierten Zentrum auszubauen, sondern auch die kunsthistorische Tradition zu beleben, einen großen Schritt näher«, freut sich der Geschäftsführer.

Die gemeinnützige Gesellschaft »Diakonie Landgut Holzdorf« trägt heute die Verantwortung für das Anwesen, das 1999 von der Stadt Weimar an das damalige Diakonische Zentrum Sophienhaus Weimar übertragen wurde. Damals wurde vereinbart, das bedeutende Erbe des Ortes mit seinen kulturellen Zeugnissen aus der Sammlung von Otto Krebs ­lebendig zu halten.

Michael von Hintzenstern

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