Teufelszeug

18. August 2018 von redaktionguh  
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Du kannst dir nicht vorstellen, wie schwer es ist, davon loszukommen, wenn man wie ich schon in der Pubertät begonnen hat«, sagt die drogenabhängige Tochter zu ihrer Mutter. Suchtkranke Menschen sind in einem Teufelskreis gefangen. Aus diesem herauszukommen ist nicht aussichtslos, etliche schaffen das. In der Aussage der 35-jährigen Frau indes schwingt Verzweiflung mit. Denn sie bemüht sich seit Jahren, von den Drogen loszukommen, hat mehrere Therapien hinter sich, nimmt Beratung und Hilfe in Anspruch – und schafft es doch nicht, dauerhaft abstinent zu leben.

Die Hirnforschung erkennt in der Sucht eine Fehlsteuerung des Belohnungssystems unseres Gehirns. Dieses wird aktiviert, etwa wenn wir ein gutes Essen genießen oder im Beruf Lob und Anerkennung ernten. Unser Gehirn schüttet Botenstoffe aus, einen chemischen Cocktail, der für gute Laune sorgt.

Es gibt einen kurzen, allerdings verhängnisvollen Weg, dieses Belohnungssystem zu aktivieren: Zigaretten, Alkohol oder eine Dosis Heroin. Diese Suchtmittel – über längere Zeit regelmäßig konsumiert – verändern das Belohnungssystem. Um glücklich zu sein, verlangt das Gehirn nach einer immer stärkeren Dosis an Suchtmitteln. So gerät der/die Suchtkranke in eine zerstörerische, abwärtsführende Spirale.

Die medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Vorgänge in unserem Gehirn mögen eine Leitlinie in der Therapie darstellen und Verständnis für suchtkranke Menschen wecken.

Die drogensüchtige junge Frau glaubt, dass rechtzeitige Aufklärung und Prävention dem Teufel das Handwerk legen können. Ihre Erfahrungen jedoch zeigen bitter und schmerzlich, dass in unserer Welt auch der Teufel am Werk ist, mit dem Betroffene einen harten Kampf führen.

Sabine Kuschel

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Die vermeintliche Katastrophe und Gottes Liebe

17. August 2018 von redaktionguh  
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Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

Jesaja 42, Vers 3

Zu gern wäre ich blinder Passagier auf dem Wagen des Kämmerers der Kandake gewesen, als ihm Philippus den Jesajatext (Apg. 8,26 f) erklärte.

Ich sehe die beiden vor mir, den dunkelhäutigen Äthiopier vom anderen Ende der Welt und Philippus, einfühlsamer Jerusalemer Diakon, wie sie sich gemeinsam, eingehüllt im Staub der Straße nach Gaza, in das Prophetenbuch vertiefen. Als die beiden daraus wieder auftauchten, wollte der Äthiopier und königliche Eunuch sofort getauft werden. Was hat ihn so betroffen gemacht?

Gott sieht, hört, leidet mit, gibt nicht preis, – auch keinen Verschnittenen, heilt und rettet seinen Knecht und sein Lamm, sein Volk und auch die Heiden.

Sabine Wegner, Pfarrerin in Hohenstein

Sabine Wegner, Pfarrerin in Hohenstein

Es spricht einiges dagegen, dass ein glimmender Docht nicht erlischt und ein geknicktes Rohr nicht zerbricht. Inmitten der Zerrissenheit der Welt erreicht diesen Wagen und uns der ganze Balsam und Trost Jesajas und ein klarer Maßstab der Bibel, der Maßstab der Misericordias Domini, der Barmherzigkeit des Herrn. Die Worte des Trösters Jesaja lassen mich, kleines Sandkorn, nicht untergehen in der Röhre von Raum und Zeit und bleiben doch Geheimnis des Himmels. Zugleich haben sie eine klare Ansage. Gottes Gerechtigkeit heißt, bei denen zu sitzen, die kurz vor dem Verlöschen und Zerbrechen sind. Was für eine Botschaft! Nach Geknickt- kommt nicht Gebrochensein; nach Glimmen nicht Ausgelöschtsein. Das, was eindeutig nach einer Katastrophe ausgesehen hat, ist in der Liebe Gottes aufgehoben. Das spricht gegen jede Definition unwerten Lebens! Ich würde gern in die Welt rufen: »Steigt auf, in den Wagen, ob ihr nun an den Wassern Babylons weintet, oder über den Jordan gehen werdet, …, lasst uns gemeinsam Gottes Wort studieren und gründlicher in die Texte anderer Religionen schauen, lasst mehrere Deutungen zu und uns mit weitem Horizont fröhlich unsere Straße ziehen. Wir verstehen noch lange nicht, was wir lesen! Wir müssen miteinander reden! Fahren wir ein Stück zusammen!«

Sabine Wegner, Pfarrerin in Hohenstein

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Offen sein für neue Wege

17. August 2018 von redaktionguh  
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Jubiläum: Warmsdorf wurde vor 1 000 Jahren erstmals erwähnt und feiert das am 18. August. Die Christen im Ort setzen auf Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden.

Sie sieht zwar noch so aus, ist aber längst keine Kirche mehr. Warmsdorf, der vor 1 000 Jahren erstmals erwähnte Ort bei Güsten, hat seine Kirche schon 1974 aufgegeben. Weil immer weniger Besucher zu den Gottesdiensten kamen, wurde sie entwidmet und zum Abriss freigeben, denn zum Erhalt fehlte das Geld. Dennoch prägt das neugotische Gotteshaus bis heute das Bild des Dorfes – als von Klaus Gerner über Jahre schmuck gemachte Kirchenpension. Zur halben und vollen Stunde schlägt von 7 bis 21 Uhr sogar die Glocke. Die thront 50 Meter von ihrem alten Joch entfernt auf einen Holzgestell. Manchmal, zu Beerdigungen, bitten Einwohner, sie von Hand zu läuten.

Zum Gottesdienst fahren die Warmsdorfer schon lange ins benachbarte Amesdorf. »Jetzt trennt uns die desolate Wipperbrücke noch mehr, denn den kurzen Kirchenweg können wir mit unseren Fahrrädern nicht nehmen«, bedauert Marlis Szymanski, die Stellvertreterin des Gemeindekirchenratsvorsitzenden Siegfried Albrecht. In der Amesdorfer »Kirche ohne Schutzheiligen« in Sichtweite von Warmsdorf erinnern in Zusammenarbeit mit dem Heimatverein entstandene Schrifttafeln an die Kirchengeschichte von Warmsdorf. Immerhin erwähnen Chroniken 1339 erstmalig einen Pfarrer und die Kirche. Zudem war der Ort 1552 sogar Landeshauptstadt und Regierungssitz.

Informativ: Der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates von Warmsdorf, Siegfried Albrecht, und seine Stellvertreterin Marlis Szymanski stehen in der Kirche von Amesdorf vor einer kleinen Ausstellung, die an die Kirchengeschichte des Nachbarortes erinnert. Fotos: Uwe Kraus

Informativ: Der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates von Warmsdorf, Siegfried Albrecht, und seine Stellvertreterin Marlis Szymanski stehen in der Kirche von Amesdorf vor einer kleinen Ausstellung, die an die Kirchengeschichte des Nachbarortes erinnert. Fotos: Uwe Kraus

Die Gemeinde Amesdorf-Warmsdorf gehört zur von Pfarrer Arne Tesdorff betreuten Parochie Güsten. Er wird dabei sein, wenn am 18. August ein festlicher Gottesdienst mit dem anhaltischen Kirchenpräsidenten Joachim Liebig die 1 000-Jahr-Feier eröffnet. Nicht irgendwo, sondern an der Georgskapelle in Warmsdorf, die im 16. Jahrhundert die Schreibstube des Fürsten Georg III. von Anhalt-Plötzkau (1507–1553) war. Sie gilt als das einzige erhaltene bauliche Zeugnis, das an die unmittelbare Wirksamkeit des Reformationsfürsten in Mitteldeutschland erinnert. Georg III. wurde von Martin Luther 1545 zum ersten evangelischen Bischof von Merseburg eingesetzt.

Der GKR-Vorsitzende Siegfried Albrecht weiß, dass sich mit seinen knapp 60 Gemeindegliedern allein wenig bewegen lässt. »Wenn nicht gerade ein besonderer Feiertag ist, kommen vielleicht sechs bis acht Gottesdienstbesucher.« Für ihn steht fest: Wenn Kirche eine Zukunft haben will, müsse man sich konzentrieren. Nicht nur, weil Pfarrer Tesdorff sehr lange Wege von Kirche zu Kirche hat, denn auch die Nachbarpfarrstelle ist nicht besetzt. Die Kirchenälteste Marlis Szymanski verweist auf Kontakte zu den Kirchengemeinden in Freckleben und Hecklingen, mit denen auf Reise gegangen wird. Auch Ilberstedt, Drohndorf und Rathmannsdorf böten Kooperationspotenzial: »Am 21. Oktober ist dann wieder der Frecklebener Chor bei uns in der Kirche zu Gast.«

Siegfried Albrecht hebt die Gottesdienste hervor, die die Gemeinden in diesem Teil des Salzlandkreises gemeinschaftlich feiern. Der Ackergottesdienst ins Osmarsleben beispielsweise, zu dem am 26. August ebenso die Bernburger Blechbläser spielen wie zum Warmsdorfer Jubiläum.

Dieser Posaunenchor entstand 1999 aus Mitgliedern der Posaunenchöre in Beesenlaublingen, Bernburg, Güsten, Köthen und Zabitz, weil entweder die eigenen Posaunenchöre zu klein geworden waren, als dass sie hätten weiter existieren können, oder weil das Bedürfnis bestand, Musik mit Gleichbegeisterten zu machen. »Wir sind auch dabei, wenn Pfarrer Tesdorff zum Johannisfest mit seinen Täuflingen durchs Dorf zum Wipper-Ufer zieht. Dafür kommen umliegende Gemeinden, wenn wir in Warmsdorf den Reformationstag an der Georgskapelle begehen.«

Offen sein für neue Wege in der Gemeindearbeit, das beschwört der GKR-Vorsitzende immer wieder. Dieses Amt hat er in der zweiten Wahlperiode inne. Dem Gemeindekirchenrat gehört er seit 1984 an. Das Erntedankfest, zu dem längst nicht nur die Christen des Ortes ihre Gaben bringen und das regen Zuspruch findet, soll künftig durch die Kirchen der Parochie Güsten »kreisen«. Siegfried Albrecht plädiert dafür, die Gotteshäuser stärker zu beleben, ohne sie zur Eventbühne zu machen.

Uwe Kraus

18. August, Warmsdorf, 10 Uhr: Jubiläumsgottesdienst an der Georgskapelle

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Der »Friedenstornado«

17. August 2018 von redaktionguh  
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Bergern: Die gemalte Botschaft des Künstlers Matt Lamb feiert Jubiläum

Die kleine Kirche »Zum Kripplein Christi« steht direkt neben dem ehemaligen Rittergut in der Gemeinde Bergern bei Bad Berka im Kirchenkreis Weimar. Das Bauwerk passt sich an die Umgebung an, und auch ihr Turm erhebt sich kaum über die Dächer des Dorfes in unmittelbarer Nähe von Bad Berka. Doch beim Eintreten wird der Besucher von einer expressiven Bildwelt überrascht, die ihn ganz einnimmt. In kräftigen Farben leuchtet der Zyklus des amerikanischen Friedensaktivisten und Künstlers Matt Lamb, der Szenen aus dem Leben Jesu darstellt.

Die Erzählung beginnt hinter dem Altar mit der Entscheidung Gottes, seinen Sohn Mensch werden zu lassen. Dazwischen immer wieder der Teufel, der in unterschiedlicher Gestalt auftritt und versucht, das heilbringende Werk des Gottessohnes zu verhindern. Ein wiederkehrendes Symbol ist die Krone, die für König, Schöpfer, Gottesmutter und den Heiligen Geist stehen kann. Matt Lamb bezeichnete sein Werk als »Friedenstornado«, der durch die Kirche wirbelt.

Expressive Farbwucht: Die Ausmalung der kleinen Kirche von Bergern bei Bad Berka ist eines der letzten Großprojekte des 2012 verstorbenen Künstlers Matt Lamb. Foto: Doris Weilandt

Expressive Farbwucht: Die Ausmalung der kleinen Kirche von Bergern bei Bad Berka ist eines der letzten Großprojekte des 2012 verstorbenen Künstlers Matt Lamb. Foto: Doris Weilandt

Rolf Kirchner gehört zum Freundeskreis »Matt-Lamb-Kirche Zum Kripplein Christi Bergern«. Jeden ersten Sonntag im Monat öffnen die Mitglieder die Kirche für Besucher und erzählen dabei von ihrer Erfahrung mit einem Projekt, das ihr Zusammenleben nachhaltig verändert hat. »Die Kirche ist wieder das, was sie eigentlich sein soll: der Mittelpunkt der Gemeinde. Das Kunstwerk hat alle zusammen gebracht«, erzählt Kirchner.

Die Ausmalung ist eines der letzten großen Arbeiten des 2012 verstorbenen Künstlers. Die Verbindung zu ihm kam durch die Freundschaft einer Bergerner Familie mit Gemeindemitgliedern aus dem saarländischen Tünsdorf zustande. Dort hatte der Künstler 2003 die Friedenskapelle »Regina-Pacis-Maria Friedenskönigin« ausgestaltet und das »Matt Lamb Center of Modern Art« mitbegründet.

Auf Einladung der Bergerner präsentierte Matt Lamb den Bilderzyklus zum Leben Jesu während der Dorfkirmes 2007. Das überzeugte die Gemeinde so sehr, dass sie in der Folgezeit alles daran setzte, das Projekt zu realisieren. Nach Abstimmung mit der Pastorin und der Denkmalpflege fand sich mit der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen auch ein engagierter Sponsor.

2008 konnte die Ausmalung in der Kirche, die zur Erhöhung der Beständigkeit der Farbe auf vorgeblendeten Tafeln vorgenommen wurde, beginnen. Kirchner erinnert sich genau: »Es begann an einem Montag und endete Freitag. Matt Lamb hat Familien aus dem Dorf dabei ermutigt, selbst tätig zu werden und Teile im Emporenbereich auszumalen«. Zögerlich näherten sich die Bergerner dem Malgrund. Doch mit jedem Strich fassten sie Mut und kreierten eigene Bildschöpfungen im Stil des Meisters.

Als der Zyklus fertig war, hat sich die Dorfgemeinschaft zusammen gefunden, um das Gotteshaus zu restaurieren. »Fast alle haben sich beteiligt«, erzählt Kirchner mit strahlendem Lächeln. Die Einweihung war gleichzeitig der Einführungsgottesdienst von Pfarrer Ulrich-Matthias Spengler. Bis heute wirkt die Aktion nach und sorgt für einen außergewöhnlichen Zusammenhalt.

Der Freundeskreis, der das Kunstwerk zugänglich halten will, hat sich 2010 gegründet. Neben den sonntäglichen Führungen werden Musikveranstaltungen organisiert und eine Wanderausstellung zum Kunstwerk anderen Kirchgemeinden angeboten. Zum 10-jährigen Bestehen des Bildzyklus lädt er für den 18. und 19. August zu einem Festwochenende mit Gottesdiensten und umfangreichem Programm ein, bei dem am Sonnabend der Tango Argentino mit der Jenaer Band »Celina« im Mittelpunkt steht.

Doris Weilandt

www.matt-lamb-kirche-bergern.com/Veranstaltungshinweise

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Prosit Deutschland!

17. August 2018 von redaktionguh  
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Drogen: Deutschland, das Land der Säufer und Kiffer? Fast scheint es so.

Die Statistiken sprechen eine deutliche Sprache: Im Jahr 2016 konsumierte im Durchschnitt jeder Bürger, also vom Säugling bis zum Greis, knapp 105 Liter Bier, 20,6 Liter Wein, 3,7 Liter Schaumwein und 5,4 Liter Spirituosen. Und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung schlug erst kürzlich Alarm: Nach ihren Umfragen gaben 2016 16,8 Prozent der jungen Menschen zwischen 18 und 25 Jahren an, in den letzten zwölf Monaten mindestens einmal Cannabis konsumiert zu haben. 2008 waren es noch 11,6 Prozent. Besonders bedenklich: Bei den 12- bis 17-jährigen männlichen Jugendlichen stieg die Zahl zwischen 2011 und 2016 von 6,2 auf 9,5 Prozent.

Der Grundtenor sei seit Jahren gleich: »Es gibt in Deutschland eine große Zahl an Menschen mit Suchtproblematik«, bilanziert Jürgen Naundorff, Bundessekretär des Blauen Kreuzes. Und auch wenn die illegalen Drogen oft im Fokus der Wahrnehmung stehen: (Volks)Droge Nummer eins ist und bleibt der Alkohol. Etwa 3,38 Millionen Erwachsene sind jährlich von einer »alkoholbezogenen Störung« betroffen.

Zu den Forderungen des Blauen Kreuzes, einem Fachverband im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirchen in Deutschland, gehört deshalb, neben der persönlichen Verhaltensprävention, eine stärkere Verhältnisprävention. Gemeint ist, dass der Staat in Sachen Verfügbarkeit und Preis regulierend in den Alkoholmarkt eingreift. Naundorff verweist auf eine Studie der Weltgesundheitsorganisation, nach der in Norwegen auf Grund der stärkeren Verhältnisprävention die suchtbedingten Krankheitstage um ein Drittel geringer als in Deutschland seien.

Foto: Pixabay/Creative-Commons CC0

Foto: Pixabay/Creative-Commons CC0

Doch der Staat zeigt sich in der Suchtprävention ausgesprochen zwiespältig: Während die sogenannten weichen Drogen, wie Hasch und Cannabis, verboten und nur auf dem bis in die Gefängnisse hinein blühenden Schwarzmarkt erhältlich sind, stehen Wodka und Co. in jedem Supermarktregal. Und der Staat verdient – wie ein Drogendealer – an jeder Flasche kräftig mit. Auf 3,165 Milliarden Euro beziffert die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen die Einnahmen aus der Alkoholsteuer allein für das Jahr 2016.

Ein lohnendes Geschäft also? »Eine Milchmädchenrechnung!«, sagt Naundorff und hält entgegen, dass sich nach aktuellen Untersuchungen die direkten und indirekten Kosten des Alkoholkonsums auf rund 40 Milliarden Euro pro Jahr summieren.

Auch Katharina Schoett, Chefärztin der Suchtklinik im Ökumenischen Hainich Klinikum, spricht davon, dass in Deutschland alle sieben Minuten ein Mensch an den Folgen von Alkoholmissbrauch stirbt (siehe das Sommerinterview auf Seite 3). Das passe dann »nicht mehr zur fröhlichen Bierwerbung«. Und sie konstatiert, dass in der gesellschaftlich-politischen Debatte medizinischer Sachverstand nicht immer gefragt sei. Dafür sorgen nicht zuletzt Lobbyisten aus dem Bereich der Wirtschaft, die nicht müde werden, Bier und Wein als »deutsches Kulturgut« zu preisen. 557 Millionen Euro wurde 2016 allein für Alkoholwerbung in TV und Rundfunk, auf Plakaten und in der Presse ausgegeben.

Warum also nicht auch weitere weiche Drogen wie Cannabis freigeben? Für »kontraproduktiv« hält diese Diskussion die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler. Denn sie suggeriere gerade Jüngeren, Cannabis sei eine ungefährliche Substanz. »Das ist schlicht falsch«, so die CDU-Politikerin.

Auf der anderen Seite fragen auch die Suchtexperten des Blauen Kreuzes, ob es richtig ist, die Konsumenten von Cannabis zu kriminalisieren. Immerhin steigt trotz Repression die Zahl der Erstkonsumenten ständig. Gemeinsam mit anderen Akteuren fordert man deshalb schon länger die Einsetzung einer Enquete-Kommission in Sachen Cannabis.

Zudem scheuten sich mitunter Lehrkräfte und Präventionsmitarbeiter, mit Jugendlichen offen über das Konsumverhalten zu sprechen: Aus Furcht, selbst als potentielle Mitwisser in Konflikt mit den Gesetzen zu kommen. Doch Verhaltensprävention ist wichtig: Für Schulen und Jugendeinrichtungen hat das Blaue Kreuz deshalb die »blu:app for school« entwickelt. Sie steht gemeinsam mit einem Handbuch für Lehrer im Internet zur Verfügung.

Harald Krille

https://school.bluprevent.de/

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Wie sich die EKM entwickelt hat

13. August 2018 von redaktionguh  
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Nach dem Rückblick auf den Brief aus Halle zur Kirchenfusion (Nr. 27, S. 5) wollte Leserin Christiane Paul wissen, wie sich die Vereinigung der Kirchenprovinz Sachsen (KPS) mit der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Thüringen zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in den vergangenen 15 Jahren entwickelt hat. Brigitte Andrae, Präsidentin des Landeskirchenamtes der EKM, und der Leiter des Finanzdezernates, Oberkirchenrat Stefan Große, antworten.

Hat sich das Zusammenlegen von zwei Kirchen auch innerhalb der EKD ausgewirkt?
Andrae:
Der Prozess des Zusammenschlusses der Kirchenprovinz Sachsen und der Thüringer Landeskirche ist innerhalb der EKD mit großer Aufmerksamkeit verfolgt worden. Das hing sicher auch damit zusammen, dass eine Vereinigung von Landeskirchen ein eher seltener Vorgang ist.

Außerdem schlossen sich zwei Kirchen zusammen, die nach Gemeindegliederzahlen annähernd gleich groß waren sowie unterschiedlichen Konfessionen und damit unterschiedlichen konfessionellen Zusammenschlüssen (UEK und VELKD) angehörten. Die EKM ist die einzige Landeskirche innerhalb der EKD, die Mitglied beider konfessioneller Zusammenschlüsse ist. Innerhalb dieser, wie auch innerhalb der EKD, hat die EKM eine wichtige Stimme.

Wie zeigt sich das?
Andrae:
Ich nenne einige Beispiele: Unsere Kirchenverfassung gilt als eine der modernsten innerhalb der EKD und war Vorbild für andere Kirchenverfassungen wie die der Nordkirche 2012. Unsere Erfahrungen im praktischen Umgang mit verschiedenen Bekenntnisgrundlagen werden immer wieder nachgefragt.

Wir haben eine Vereinheitlichung wichtiger rechtlicher Regelungen innerhalb der EKD angeregt. So ging der Anstoß, ein EKD-weit einheitliches Pfarrdienstgesetz zu schaffen, von der damaligen, aus beiden Vorgängerkirchen bestehenden Föderation aus.

Die Bischofskirche: Der Magdeburger Dom ist die Predigtkirche der Landesbischöfin. Gleich daneben, der Bischofssitz und Teilbereiche des Landeskirchenamtes. Im Erfurter Collegium maius ist das Landeskirchenamt beheimatet. Foto: epd-bild

Die Bischofskirche: Der Magdeburger Dom ist die Predigtkirche der Landesbischöfin. Gleich daneben, der Bischofssitz und Teilbereiche des Landeskirchenamtes. Im Erfurter Collegium maius ist das Landeskirchenamt beheimatet. Foto: epd-bild

Zu nennen sind auch unsere innovativen Vorhaben und Projekte wie die Erprobungsräume, das Pachtvergabeverfahren, für das die EKM 2015 den 1. Preis beim Wettbewerb »BodenWertSchätzen« der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und des Rates für Nachhaltigkeit erhielt, oder das erst kürzlich preisgekrönte Projekt »Vereinheitlichung und Optimierung des Personalmanagements nach dem Zusammenschluss der evangelischen Kirchen in Mitteldeutschland«. Diese Beispiele wären ohne die mit dem Zusammenschluss gewonnenen Ressourcen so nicht möglich gewesen. Nachgefragt werden auch unsere praktischen Erfahrungen als Kirche in einem stark säkularisierten Umfeld von anderen Landeskirchen. Die Ausgestaltung und weitere Entwicklung der EKM wird daher nach wie vor mit Interesse verfolgt. Gelegentlich machen wir dabei die Erfahrung, dass unsere Stimme, wie die anderer östlicher Landeskirchen auch, nicht ausreichend gehört wird. Es bleibt also eine wichtige Aufgabe, auf unsere spezielle kirchliche und gesellschaftliche Situation immer wieder hinzuweisen.

Brigitte Andrae. Foto: epd-bild

Brigitte Andrae. Foto: epd-bild

Konnte die vereinigte Kirche stärker ausstrahlen?
Andrae:
Das gerade Gesagte möchte ich mit dem Hinweis ergänzen, dass die EKM ein wichtiger Player im Dialog mit staatlichen Stellen auf Landes- und kommunaler Ebene und mit anderen Akteuren der Zivilgesellschaft ist. Auch dafür einige Beispiele:

So nehmen Landesbischöfin Ilse Junkermann und andere Leitungsverantwortliche auf allen Ebenen unserer Landeskirche regelmäßig zu wichtigen Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens Stellung. Die EKM, ihre Kirchenkreise und Gemeinden öffnen mit ihren Veranstaltungen Räume für den öffentlichen Diskurs. Das gilt beispielsweise auch für das Landeskirchenamt in Erfurt, das seit 2011 zusammen mit zwei Kooperationspartnern zu der Reihe »Collegium maius Abende« einlädt. Und mit der Übernahme der Trägerschaft für die Opferberatung »ezra« (für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt) 2012 hat die EKM ein wichtiges Signal gesetzt.

Wurden die Hoffnungen auf Einsparungen erfüllt? Oder wurden diese durch Mehrausgaben an anderer Stelle nicht erreicht?
Große:
Der Zusammenschluss der beiden ehemaligen Teilkirchen zur EKM hatte einen wichtigen Kernprozess: die Strukturanpassung im übergemeindlichen Bereich. Ziel war es, die Explosion der Ausgaben oberhalb der Gemeinden zu vermeiden, Einsparungen nachzuweisen, Doppelstrukturen zu überprüfen sowie innovative Ansätze und eine qualitätsvolle Arbeit im Landeskirchenamt sowie den unselbstständigen Werken und Einrichtungen zu ermöglichen.

Stefan Große. Foto: EKM

Stefan Große. Foto: EKM

Mit Beschluss der Landessynode vom 10. November 2010 wurde dieser flächendeckende Prozess abgeschlossen. Die Ziele wurden erreicht. Die Kostendisziplin im Landeskirchenamt und den unselbstständigen Werken und Einrichtungen wurde befördert. Das gilt insbesondere für den anschließenden Prozess der Organisationsentwicklung im Landeskirchenamt.

Welche Veränderungen gibt es?
Große:
Mit dem Haushalt 2014 haben wir Finanzbudgets eingeführt, die sich an der Organisationsstruktur des Landeskirchenamtes orientieren. Damit steht den Dezernaten und der Landesbischöfin für ihre Bereiche ein Gesamtbetrag (Budget) zur Verfügung, mit dem alle anfallenden Ausgaben zu decken sind. Damit wird die Eigenverantwortung der Dezernate gestärkt, sie werden zu einer sparsamen Haushaltsführung motiviert und die laufende Bewirtschaftung wird durch die Deckungsfähigkeit der Personal- und Sachkosten auf der Ebene des jeweiligen Budgets erleichtert.

Was bedeuten die Veränderungen für die Kirchenkreise und -gemeinden?
Große:
Mit der Neufassung des Finanzgesetzes konnten wir eine bessere Umsetzung der Vorgaben aus der Verfassung erreichen. Es gewährleistet den solidarischen, sparsamen, wirtschaftlichen und transparenten Einsatz aller kirchlichen Mittel und setzt auf das eigenverantwortliche Handeln der Kirchenkreise und Kirchengemeinden gemäß der jeweils eigenen spezifischen Situation.

Besonders hervorzuheben ist, dass verbindlich geregelt ist, dass der Löwenanteil der kirchlichen Mittel zur Finanzierung der Aufgaben der Kirchengemeinden und Kirchenkreise einzusetzen ist. Das passiert in den jährlichen Haushaltsplänen, mit denen in den vergangenen Jahren stets der Nachweis geführt wurde, dass diese Regelung mit durchschnittlich 77 Prozent der Plansumme strikt eingehalten wird. Ganz besonders erwähnenswert ist auch, dass die EKM im Finanzgesetz die Finanzierung des Verkündigungsdienstes der Kirchengemeinden und Kirchenkreise in den Mittelpunkt rückt. Veränderungen dort bedeuten automatisch die gleichen Veränderungen im Bereich der Landeskirche. Das ist auch der Grund dafür, dass im Etat 2019 die Kürzungen im Verkündigungsdienst im gleichen Verhältnis den landeskirchlichen Anteil an der Plansumme betreffen.

Ich betone: Ohne die Kirchenfusion wären derartige Regelungen zugunsten der Kirchengemeinden und Kirchenkreise nicht gelungen, ganz abgesehen davon, dass die jeweilige Teilkirche für sich drastischer hätte einsparen müssen und die Qualität ihrer Werke und Dienste wie auch der landeskirchlichen Verwaltung nicht hätte halten oder gar ausbauen können.

Benötigt die EKM weiterhin drei Leitungsebenen, wo doch die Gemeinden zum Fusionieren aufgefordert werden, um Personal zu sparen? Käme die Landeskirche nicht mit Bischof oder Bischöfin und Superintendenten aus?
Andrae:
Was ist das für ein merkwürdiges Kirchenbild? Als Juristin verweise ich auf unsere Kirchenverfassung. Die Grundbestimmungen heben hervor, dass die EKM in den vielfältigen Formen von Gemeinden und Diensten lebt und die verschiedenen Rechtsformen (Ebenen) als Zeugnis- und Dienstgemeinschaft eine innere und äußere Einheit bilden. Innerhalb dieser Einheit nehmen die verschiedenen Ebenen ihre jeweiligen Aufgaben eigenverantwortlich wahr.

Oder ist gemeint, dass es keine Regionalbischöfinnen und Regionalbischöfe mehr in der EKM geben soll? Dem würde ich widersprechen. Das regionalbischöfliche Amt hat eine wichtige Scharnierfunktion zwischen der landeskirchlichen Ebene und den Kirchenkreisen und Gemeinden. Regionalbischöfinnen und Regionalbischöfe haben Anteil an der geistlichen Leitung der EKM, sie begleiten die Mitarbeitenden in ihrem Dienst, repräsentieren Kirche auch gegenüber staatlichen Stellen und der Gesellschaft.

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Nur »katholischer Sauerteig«?

13. August 2018 von redaktionguh  
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Anhaltgeschichte(n): Vor 400 Jahren differenzierten sich im Christentum alternative Konzepte von Heiligkeit heraus. Anhalt ging einen Weg, der radikal mit der Tradition brach.

Schon im Winter 1521/22, während Luthers Aufenthalt auf der Wartburg, war sie zu Wittenberg erprobt worden, diese neue Art, Gottesdienst zu feiern: Andreas Karlstadt hatte mit dem Stadtrat eine »evangelische Messe« eingeführt. Erstmals war der Laienkelch gereicht worden; neben dem Verzicht auf einige andere Elemente hatten aber folgende Veränderungen besondere Aufmerksamkeit erweckt: Der Liturg war in ein Laiengewand gekleidet, er sprach den Einsetzungsbericht deutsch und zur Gemeinde gewandt, er verzichtete bei der Wandlung auf das Kreuzzeichnen sowie das Erheben, und die Kommunikanten nahmen Kelch und Hostie selbst in die Hand. Letzteres hatte zu unterschiedlichen Reaktionen geführt, die vor allem eines zeigten: Den Dingen eignete eine Aura, die anzog, aber auch Angst machte.

Religion hat es mit dem Paradox zu tun, das Jenseits im Diesseits zu verorten. Ihre Vorstellungen werden durch Texte, Rituale, Symbole und Dinge in der Welt anschaulich. So werden sie Teil sozialer Wirklichkeit und Glaubensgegenstand; so kommen sie aber auch mit dem profanen Leben in Berührung und müssen sich dessen Normen gegenüber behaupten. Die Konfessionen entwickelten hier unterschiedliche Strategien.

Widerstand: In der Stiftskirche in Hecklingen sollten die romanischen  Engelsreliefs im Zuge der zweiten Reformation entfernt werden. Die Bewohner wehrten sich erfolgreich dagegen. Foto: Jürgen Meusel

Widerstand: In der Stiftskirche in Hecklingen sollten die romanischen Engelsreliefs im Zuge der zweiten Reformation entfernt werden. Die Bewohner wehrten sich erfolgreich dagegen. Foto: Jürgen Meusel

Die Reformation, die sich im Reich seit den 1520er-Jahren durchsetzte, hatte zwar einerseits mit der Werkfrömmigkeit gebrochen und entsprechend viele alte Andachtsformen abgeschafft. Doch sie war auch dadurch geprägt, dass sie in der Messe vieles beibehielt. Luther hatte nämlich nach seiner Rückkehr die oben genannten Reformen allesamt zurücknehmen lassen. Sie waren aus seiner Sicht einem »fleischlichen Missverstehen« entsprungen, das nicht zur Abwertung der Dinge, sondern ihrer Überbewertung führe, indem man so sehr auf sie fokussierte. Und Luther blieb von einer leiblichen Realpräsenz Christi im Abendmahl überzeugt, die durch den Einsetzungsbericht bewirkt wurde und an die Elemente gebunden war.

Und so blieb die Liturgie der Evangelischen noch durch etwas geprägt, das seit dem Konzil von Trient zu dem Kennzeichen des Katholizismus werden sollte: Das Göttliche sollte durch Rituale, die dem Profanen besonders enthoben waren, präsent gemacht werden. Die heilswirkende Kraft der Messliturgie beruhte auf der durch den Liturgen objektivierten Präsenz Gottes in den eucharistischen Gaben. Und so setzten zum Beispiel die katholischen Reformer im Münsterland seit den 1590er-Jahren eine intensive Reform in Gang, der es gerade auf den äußerlich korrekten Vollzug des Kults und die Heiligung der Zeit wie der Orte (Kirche und Kirchhof) ankam. Die Sphäre des Göttlichen konstituierte sich hier durch Performanz und Präsenz.

In die, wenn man so will, entgegengesetzte Richtung liefen zur gleichen Zeit die Reformen in den anhaltischen Fürstentümern. Sie setzten auf Repräsentation und Innerlichkeit. Die Gegenwart Gottes wurde symbolisch verstanden: Der Gottessohn wurde im Abendmahl allein geistig gegenwärtig, und für die Aneignung der im Einsetzungsbericht verheißenen Gnade war die innere Haltung der Teilnehmer die wichtigste Bedingung. Alles, was noch den »katholischen Sauerteig« in sich trug, was also noch den Eindruck erwecken konnte, dass man Gott durch einen feierlichen Ritus quasi verobjektivieren könne, wurde seit 1596 entfernt – vom Hochaltar im Raum über die Messgewänder bis hin zur Hostie in der Kommunion.

Wie schon 1521 ging es um Entheiligung der alten Ordnung, und wieder war das Berühren der Dinge der neuralgische Punkt. Dem Einsetzungsbericht folgend wurde nun Brot gebrochen und den Kommunikanten gereicht. Aber noch immer hätten sich diese, so verlautete es, »vor [=für] vnrein, vnheilig, vnwerdig geachtet, das geheiligte brod mit ihren henden anzurühren«. Aus Sicht der Lutheraner würde so nämlich »das Sacrament … in Verachtung kom[m]en«. Ein Bürger in Jeßnitz nahm im Sommer 1600 am neuen Abendmahl teil, aber das »calvinische Brot« dann heimlich nach Hause in seine Küche, »um es dort … zu verspeisen«. Am profanen Ort zeigte sich, dass dieses Stück Brot, dieses Ding nicht mehr über jene Aura verfügte, die bis dato die Hostie ausgezeichnet hatte.

Wie andere »reformierte« Reichsstände scheiterten die Anhaltiner mit dem Versuch, ihr Territorium zu »reformieren«. Zu stark war der Widerstand. Zu radikal war wohl auch ihr Ansatz. Aber die Idee, Gott dort zu verorten, wo Menschen das Wort hören, die Zeichen sehen und darum glauben, diese Idee hat doch bestimmt etwas für sich.

Jan Brademann

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Beten, Bauhaus, Krankenpflege

12. August 2018 von redaktionguh  
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Fernsehtipp: Der MDR stellt am 14. August das Diakonissenmutterhaus in Elbingerode vor


Ihre bewegte Geschichte reicht bis ins Jahr 1899 zurück: Ganz im Trend der damaligen Zeit gründete Pfarrer Blazejewski ein »Gemeinschafts-Schwesternhaus« im ostpreußischen Borken bei Bartenstein. Schon ein Jahr später zog die Lebensgemeinschaft nach Vandsburg in Westpreußen um. Als dieser Ort nach dem ersten Weltkrieg an den neugegründeten polnischen Nationalstaat fiel, zogen 300 der damals 450 Diakonissen westwärts auf der Suche nach einem neuen Ort für ihre Gemeinschaft. Über Stationen in Berlin und im sächsischen Rathen gelangten sie nach Elbingerode im Harz und gründeten dort in einem ehemaligen Kurhotel das Diakonissenmutterhaus »Neuvandburg«.

Theologisch konservativ, architektonisch modern: Die Diakonissen entschieden sich Anfang der 1930er-Jahre gerade nicht für die besonders von nationalistischen Kräften propagierte »Heimatschutzarchitektur«, sondern für einen modernen Zweckbau – ganz im Geiste des vom Bauhaus geprägten »Neuen Bauens«. Foto: MDR/Philipp Bauer

Theologisch konservativ, architektonisch modern: Die Diakonissen entschieden sich Anfang der 1930er-Jahre gerade nicht für die besonders von nationalistischen Kräften propagierte »Heimatschutzarchitektur«, sondern für einen modernen Zweckbau – ganz im Geiste des vom Bauhaus geprägten »Neuen Bauens«. Foto: MDR/Philipp Bauer

Das Domizil wurde bald zu klein, und so traf die Gemeinschaft eine wichtige Entscheidung: Ein Neubau sollte entstehen. Das besondere: Sie entschieden sich Anfang der 1930er-Jahre für einen modernen Zweckbau im Geiste des Bauhauses, das damals von nationalistischen Kräften heftig bekämpft, aus Weimar nach Dessau vertrieben und später gänzlich verboten wurde. Entstanden ist ein bis heute mustergültig funktionierendes Architektur­ensemble mit Wohn- und Gemeinschaftsräumen sowie, als Clou, einem Schwimmbad unter dem Kirchensaal.

Der spannenden Geschichte der Elbingeröder Schwesternschaft mit ihrem diakonischen Engagement in dem angeschlossenen Krankenhaus geht am Dienstag, 14. August, das MDR-Fernsehen nach. Unter dem Motto »Der Osten – Entdecke, wo du lebst« gibt es einen Einblick in Vergangenheit und Gegenwart des Diakonissenhauses und die Besonderheiten der Lebensgemeinschaft »evangelischer Nonnen«. Auch nach der Zukunft fragt der Film – haben die derzeit 150 hier lebenden Diakonissen doch einen Altersdurchschnitt von 78 Jahren erreicht. Nachwuchs ist nicht in Sicht. Dennoch ist der heutige Leiter, Pastor Reinhard Holmer, zuversichtlich, dass Elbingerode auch in Zukunft ein Ort der Nächstenliebe und Hilfe für Menschen bleibt. (G+H)

Der Osten – Entdecke wo du lebst, MDR Fernsehen, 14. August, 20.45 Uhr

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Lust am Gestalten

12. August 2018 von redaktionguh  
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Zeit zum Innehalten und Reflektieren sollte sein, auch im hektischen Schulleben. Pia Kampelmann, Leiterin der Evangelischen Sekundarschule in Haldensleben, fand sie im Gespräch mit Renate Wähnelt.

Was hat Sie nach Haldensleben verschlagen?
Kampelmann:
Die Neugierde. 1991 wollte ich die neuen Bundesländer kennenlernen und übernachtete zufällig in Stendal. Dort las ich in der Zeitung, dass eine Jugendamtsleitung gesucht wurde, bewarb mich und wurde prompt genommen.

Ich finde es immer spannend, etwas Neues zu machen. Nach einem zweijährigen Intermezzo als Jugendamtsleiterin bei Hamburg übernahm ich gut zehn Jahre später ein Gymnasium in Brandenburg, aber die Fahrerei wurde auf die Dauer doch zu viel, sodass ich mich nach etwas Anderem umgesehen habe. Die Johannes-Schulstiftung hatte diese Stelle ausgeschrieben und wir wurden uns vor acht Jahren schnell einig.

Kurz vor den Ferien machte Ihre Schule Schlagzeilen, weil sie beste »Energiesparschule 2018« in Sachsen-Anhalt wurde und beim bundesweiten Online-Voting den 3. Platz belegte. Wie war es bei der Preisverleihung im Bundesumweltministerium?
Kampelmann:
Es war, insbesondere für unsere Schüler, schon sehr beeindruckend. Auch war schön zu sehen, wie so viele junge Leute aus 16 Bundesländern für ihr Engagement belohnt wurden.

Seit drei Schuljahren haben Sie eine Schule mit Passivhaus-Standard. Fördermittel machten den Umbau möglich. Da ist es leicht, Energiesparmeister zu werden.
Kampelmann:
Die beste Technik bringt nichts, wenn die Nutzer nicht richtig damit umgehen. Deshalb haben wir Workshops veranstaltet, Vorträge organisiert, auch die Eltern einbezogen. Mit der Landes-Energie-Agentur haben wir schon vor der Fertigstellung des Schulgebäudes Energiedetektive ausgebildet. Aber das wäre als singuläres Projekt zu wenig. So fließt das Thema überall in den Unterricht ein unter der großen Überschrift »Die Schöpfung bewahren«. Klingt doch auch viel schöner als »Energie sparen«. Es sind ganz viele kleine Bausteine im Alltag. Bisher haben wir 350 Tonnen Kohlendioxid weniger erzeugt als im gleichen Zeitraum vor der Sanierung und 90 Prozent der vorherigen Energie weniger verbraucht.

Da ziehen alle mit?
Kampelmann:
Das ist mit unseren Schülern wirklich gut möglich, da sie sich oft, besonders bei praktischen Dingen, viel interessierter zeigen als ihre Altersgenossen. Wir haben eine Schulgemeinschaft, in der es Freude macht zu arbeiten – manchmal sogar Spaß.

Natürlich gibt es auch schwierige Schüler und Situationen. Aber, und das ist etwas, was viele christliche Schulen auszeichnet: Wir sehen vor allem den Menschen, nicht was er an Leistung bringt. Das sage ich auch immer bei der Zeugnisausgabe: Die Noten sind nur ein ganz kleiner Teil von Euch.

Sie bieten u. a. Reha-Sport an. Ist die Schule inklusiv?
Kampelmann:
Was heißt inklusiv eigentlich? Ich glaube schon, dass wir hier noch vieles besser machen können, jedoch schon auf einem guten Weg sind. Aber manchmal denke ich, dass das Land die letzten Schritte eigentlich nur eingeleitet hat, um perspektivisch Geld zu sparen.

Wir haben ein Mädchen im Rollstuhl und weitere Kinder mit Einschränkungen, Adipositas ist in dieser bewegungsarmen Zeit auch nicht zu unterschätzen – nicht nur bei uns. In einem Trainingsraum üben wir mit diesen Kindern gezielt, parallel zum Sportunterricht, an dem sie nicht teilnehmen können: Laufband, Dehnübungen.

Es fehlt noch einiges an Geräten. Für die Anschaffung nutzen wir das Geld vom Landes-Energiesparmeister.

Die Schule entstand aus einer Elterninitiative. Wie wird sie angenommen?
Kampelmann:
Wir haben weit mehr Anfragen als Plätze. Aber wir wollen bewusst zweizügig bleiben mit höchstens 25 Kindern in einer Klasse. So ist das Gebäude angelegt. Die Schule ist überschaubar. Ich kenne noch jeden, auch wenn ich nicht alle Namen weiß.

Welche Kontakte haben Sie ins Umfeld und umgekehrt?
Kampelmann:
Da geht es uns so gut! Mit dem Kirchenkreis organisieren wir vieles gemeinsam: die Segensfeier für die 8. Klassen, den Bandworkshop mit der evangelischen Jugend, auch tagen die Synode und der Konvent manchmal bei uns, der Ortspfarrer ist Mitglied in der Arbeitsgruppe Tansania und fährt im kommenden Jahr mit den Schülern aus unserer Tansania-AG mit nach Afrika zu unserer Partnerschule Itamba High. Die Schule nutzt die Kirche für Gottesdienste, wir helfen einander; das ist eng verwoben und verzahnt.

Die meisten Eltern sind sehr zufrieden mit uns, auch wenn sich immer mal jemand beschwert, weil sein Kind eine Vier hat – wo er doch Schulgeld bezahlt. Eltern schätzen die christlichen Werte, auch wenn sie kirchenfern sind.Und die Zusammenarbeit mit den anderen Schulen und der Stadt genieße ich sehr.

Gelingt es, die Eltern einzubinden?
Kampelmann:
Vor ein paar Jahren sagte eine Mutter, dass ihr Kind ja nun Englisch lernt und sie das nicht kann. Seitdem gibt es einen Englischkurs für Eltern, inzwischen auch Spanisch mit einem jährlichen Ausflug nach England bzw. Spanien. Diese Kurse geben mir dann natürlich auch die Möglichkeit, ganz anders mit Eltern in Kontakt zu kommen und mich mit ihnen auszutauschen.

Manche Eltern haben Sorge, dass wir ihr Kind missionieren. Nein, wir bieten Brücken an. Ob die Menschen darüber gehen, müssen sie selbst entscheiden. Aus dieser Erfahrung heraus wollen wir im nächsten Jahr einen Religionskurs für Eltern anbieten. Über die Inhalte müssen wir noch diskutieren.

Auf der Homepage Ihrer Schule reiht sich Projekt an Projekt, Unterricht ist ja auch noch. Hat Ihr Tag und der der Schule mehr als 24 Stunden?
Kampelmann:
Es sind ja nicht immer Dinge und Projekte, die ich selbst mache; viele Ideen wie zum Beispiel die Ausbildung von Schülern zu Rettungsschwimmern oder der Etikette-und Benimmkurs sind Ideen aus dem Kollegium. Die Arbeit verteilt sich Gott sei Dank auf ganz viele Schultern und Gruppen, aber bestimmt finden mich meine Kollegen und Schüler manchmal ganz schön anstrengend, wenn ich wieder einmal eine neue Idee habe. Sie bremsen mich dann auch, und ich glaube, das ist auch gut so.

Am besten gelingen Vorhaben, wenn es innerhalb eines Handlungsrahmens die Freiheit gibt, selbstständig zu handeln. Und dabei Fehler machen zu dürfen – das ist ganz wichtig. Wenn was schief gelaufen ist, guckt man gemeinsam, wie man die Sache korrigiert. Das hat etwas mit Ehrlichkeit und Vertrauen zu tun. Ich bin dankbar, dass wir uns da innerhalb der Stiftung sehr frei bewegen können.

Bei aller Freiheit sind Sie auch für klare Ansagen. Darauf reagieren junge Leute meist störrisch.
Kampelmann:
Natürlich, auch das gehört zur Entwicklung der Persönlichkeit unbedingt dazu! Pädagogik bedeutet für mich auf jeden Fall stets, einerseits Grenzen zu setzen, andererseits den Kindern und Jugendlichen zu vertrauen und ihnen auch viel zuzutrauen. Auch deshalb können sie vieles selbst entscheiden.

Wir haben jede Woche unsere Schulversammlung mit ca. 300 Leuten. Lehrer, Klassensprecher, die Leitenden der Arbeitsgemeinschaften – das sind sowohl Lehrer als auch Schüler – und auch Gäste berichten dort, was Gutes und Schlechtes passiert ist. So wissen alle, was los ist und bestimmen mit.

Zum Beispiel?
Kampelmann:
Nach wiederholten Beschwerden über Schubsereien am Bäckerwagen schlug ich vor, eine Kamera zu installieren. Darüber haben dann die Klassen diskutiert und entschieden: Keine Kamera.

Diese Schulversammlung fordern die Kinder und Jugendlichen inzwischen auch ganz selbstverständlich ein. Und Ehemalige erzählten mir, dass ihnen das manchmal fehlt, vor allem das Segenslied zum Abschluss.

Was machen Sie nach Feierabend?
Kampelmann (schmunzelt):
Die Schule ist schon irgendwie gleichzeitig mein Hobby; aber es bleibt noch ein wenig Zeit für ein interessantes Fußballspiel, ein wenig Gartenarbeit und, viel zu selten, einen Besuch im Theater.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten – welche wären das?
Kampelmann:
Der Schulhof ist noch sehr langweilig. Ich hoffe, dass wir für die Gestaltung Fördermittel bekommen. Ich wünsche mir, dass das Miteinander so bleibt, dass Schüler und Lehrer und alle anderen Mitarbeitenden gern zur Schule kommen, dass Eltern weiter zur Beratung zu uns kommen, wenn sie Sorgen haben. Die Pubertät ist nicht immer einfach, das weiß ich aus eigener Erfahrung bei meinen Kindern.

Da dreht sich’s wieder um die Schule. Machen Sie denn Urlaub?
Kampelmann:
Wir fuhren dieses Jahr an die Nordsee. Die Kinder sind ja schon groß, kamen aber mit. Nach den zwei Wochen fühle ich mich 20 Jahre jünger als am Ende des Schuljahres.

Pia Kampelmann (58) stammt aus Dortmund und ist immer noch Anhängerin des BVB und des Ruhrgebiets. Seit 27 Jahren lebt die dreifache Mutter mit Partnerin in Stendal. Die Lehrerin für Deutsch und Englisch hat einen Abschluss in Erziehungswissenschaften sowie psychotherapeutische Kenntnisse. Vor ihrem Wechsel ins Jugendamt nach Stendal arbeitete sie als Erziehungsleiterin in einem Heim. Sie trägt ein kleines, silbernes Kreuz am Hals und ist katholisch.

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Der Blasierte war hochmütig, die Jungens waren demütig

11. August 2018 von redaktionguh  
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Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.

1. Petrus 5, Vers 5

Der ältere Herr, Blouson in rentnerbeige, gut behütet mit dunkelbraunem Cord, ist sichtlich bewegt. Oder aufgeregt. Schließlich spricht er in die Kamera des Lokalsenders. »Die Jungens gehör’n tüchtig belohnt. Für jeden ein’n Eisbecher. Mindestens. Aber die kennt ja keiner, die Jungens. Verschwunden sind se.« Er unterstreicht seine Verwunderung mit einer ausladenden Geste seiner Hand, in der er seinen Stock trägt.

Stefan Körner, Pfarrer in Gera

Stefan Körner, Pfarrer in Gera

Die Kamera wackelt, der Praktikant hat kurz Sorge, der Stock träfe ihn. Der Interviewer fragt, woher die Spendierlaune käme. Und der ältere Herr erzählt. Wie er am Bahnhof stand und von ferne sah, wie ein noch älterer Herr kollabierte. Herz und Hitze, Hitze und Herz. Er wollte helfen, sei aber nicht mehr so gut zu Fuß. »Sie verstehen?« Aber da standen plötzlich »die Jungens«. Zwischen »elf« und »fuffzehn«, wie er in die Kamera sagt. Und machen alles ganz schnell – Herzdruckmassage, Notarzt rufen, Notarzt lotsen. »Respekt«, sagt der ältere Herr. »Wo man doch immer nur Schlechtes von der Jugend hört.«

Auf dem Bahnsteig neben dem Wiederbelebungsknäuel stand noch ein jüngerer Mann. »Sah blasiert aus, der Bursche.« Der Kamerapraktikant weiß nicht recht, was blasiert ist, aber er kennt die Geschichte aus der Zeitung. Da hatte sich der Blasierte als Lebensretter hingestellt. Mit Bild, Pomp und Pomade. Das hatte der ältere Herr gelesen und wollte das nun richtigstellen: Der blasierte Bursche habe denen, die Hilfe leisteten, nur sein Handy geliehen. Mehr nicht. »Ne Sauerei ist das«, sagt er in die Kamera. »Sich mit fremden Lorbeeren schmücken.« Und während der eine sich schmückte, machten sich die Jungs aus dem Staub. Der Kollabierte war auf dem Weg ins Krankenhaus, da verschwanden die Jungs einfach. »Denen gehört das Lob. Und ein Eisbecher.« Das müsse die Stadt wissen, sagt der ältere Herr im Blouson. Er setzt nach: »Der Blasierte, der war hochmütig. Die Jungens aber, die waren richtig demütig.« Und der Kamerapraktikant wundert sich über die alten Worte. Aber was der Herr meint, das weiß er schon.

Stefan Körner, Pfarrer in Gera

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