Muttis Arbeit

26. Juli 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Wenn Mutti früh zur Arbeit geht, dann bleibe ich zu Haus. Ich binde meine Schürze um und kehr die Stube aus …«, hieß es in einem Kinderlied aus DDR-Zeiten, das die Kleinen stolz am Frauentag der Patenbrigade vortrugen. Der Umstand, dass ein Kind hier scheinbar unbeaufsichtigt zu Hause war, blieb allerdings ungeklärt. Das Lied besang die Emanzipation der Frau – und des Kindes: Während Mutti den Beruf ausübt, macht das Kind die Hausarbeit. Heute macht Mutti das alles allein. Zumindest, wenn man einer Studie glaubt, die Gewerkschaft und Familienministerium zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Auftrag gegeben hatten und die vorige Woche in Leipzig vorgestellt wurde.

1282781_72634331Während immer mehr Frauen die Hauptverdiener ihrer Familie sind – 21 Prozent sind es gegenüber 15 Prozent 1991 – bleibe die Rollenverteilung im Haushalt die gleiche wie immer, heißt es da. Mutti putzt und kocht und kümmert sich um die Kinder neben dem Beruf. Und oft sei sie noch Druck vonseiten ihres Arbeitgebers ausgesetzt, wenn sich Arbeitszeit und Öffnungszeit des Kindergartens nicht vereinbaren lassen, sagt die Studie.

»Wenn ich gewusst hätte, wie schwer das alles ist, hätte ich mich nicht für ein Kind entschieden«, bekennt eine junge Frau in einer Radioreportage, als es um einen Betreuungsplatz geht, den sie für ihr Kind nur schwer und für viel Geld ergatterte.
Dazu passt eine Meldung des Müttergenesungswerkes. Das hat erneut die Ablehnungspraxis der Krankenkassen für Mutter-Kind-Kuren kritisiert. Es sei unverständlich, warum kranke und belastete Mütter so viele Hürden überwinden müssen, wenn sie einen Kurantrag einreichen, hieß es da.

So richtig wundern kann man sich deshalb nicht, wenn Deutschland immer älter wird und immer weniger Kinder geboren werden. Umso mehr freut man sich über jede Kinderwagen schiebende Familie und jeden Vater, der Elternzeit nimmt. Dabei müsste das alles doch selbstverständlich sein.

Christine Reuter

Offene Türen in Henfstädt

23. Juli 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Thüringen

Kirche und Tourismus: Unterwegs auf dem Werratal-Radweg

Radtouristen kämpfen nicht nur mit Wetter, Anstiegen und Sitzbeschwerden. Sie versuchen, ­während sie unterwegs sind, den Widerspruch zwischen Vorwärtskommen und Verweilen zu lösen. Deshalb lieben sie weder Umwege noch Wartezeiten.

Hans Langner wohnt im ehemaligen Pfarrhaus gleich neben der Kirche und kümmert sich um Gebäude, Blumen und Gäste. Foto: Thomas Schäfer

Hans Langner wohnt im ehemaligen Pfarrhaus gleich neben der Kirche und kümmert sich um Gebäude, Blumen und Gäste. Foto: Thomas Schäfer

Im April ist die Morgenluft im Oberen Werratal noch sehr kalt, auch wenn dann tagsüber die Sonne schon wärmt. Wir sind der Aschewolke über Island inzwischen dankbar, die den Besuch bei Freunden in England verhinderte und Freiraum für eine spontane Fahrradtour von der Quelle bis zur Mündung der Werra schaffte. Was für eine herrliche Landschaft, was für ein zumeist gut ausgebauter Werratal-Radweg und was für eine Fülle sehenswerter Dinge: zum Beispiel die Kirche in Henfstädt genau auf der Mitte zwischen Hildburghausen und Meiningen. Ihre imposante Lage und der interessante Staffelgiebel am Turm machen uns neugierig.

Es ist noch nicht einmal 9 Uhr, als wir die Fahrräder an der Kirche abstellen. Eine freundliche Frau putzt die Fenster im Haus daneben. Unsere Frage, ob man in die Kirche könne, beantwortet sie mit einem lauten Ruf nach Hans Langner. Er wohnt im Obergeschoss des ehemaligen Pfarrhauses, das jetzt der politischen Gemeinde gehört und im Erdgeschoss die Heimatstube birgt.

Es vergehen nur wenige Minuten, bis Hans Langner kommt. Obwohl wir ihn in der Morgentoilette gestört haben und er normalerweise erst gegen 10 Uhr aufschließt, begrüßt er uns und öffnet wie selbstverständlich alle Türen. »So alte Gemäuer können nicht genug lüften«, erklärt er ohne Umschweife. Wir schauen uns in der gepflegten Dorfkirche gotischen Ursprungs um. Dass sie einmal vom Verfall bedroht war, ist heute nicht mehr vorstellbar. Hans Langner weist uns auf einige Besonderheiten hin, drückt uns schließlich eine Beschreibung in die Hand und lässt uns allein. Als wir wieder in die Pedale treten, verbindet sich mit Henfstädt eine freundliche Erinnerung.

Nach einigen Monaten kommen wir noch einmal hierher. Diesmal ist es sommerlich heiß und Hans Langner erwartet uns, denn wir sind angemeldet. Wie an jedem Mittwochnachmittag treffen sich die Frauen zum ­gemeinsamen Kaffeetrinken in der Heimatstube. Wir setzen uns zum Gespräch in den Schatten der Kirche.

Hans Langner, der ehemalige Rinderzüchter aus Berlin, kam 1954 nach Henfstädt, heiratete, wanderte in den letzten DDR-Jahren nach Niedersachsen aus und kehrte schließlich 2005 zurück. Seither wohnt er hier mit seiner Frau, hat die Kirche und das Umfeld in seine ganz persönliche Pflege genommen und ins Herz geschlossen. Das ist zu spüren an der Art, wie er erzählt, und an vielen Details zu sehen. »Man muss immer dranbleiben«, ist die Devise des fast 71-Jährigen. »Spinnweben finden Sie bei mir nicht.« Kleine Ausbesserungen von Farbe und Putz nimmt er in Absprache mit den Verantwortlichen selbst vor, mäht die Wiese hinter dem Gotteshaus, hat gemütliche Sitzmöglichkeiten eingerichtet und sorgt innen und außen für Blumenschmuck. Demnächst sei eine Taufe, da müsse er schon weiße Blüten besorgen, erklärt er, der selbst nicht zur evangelischen Kirchengemeinde gehört. Wenn er Blumen braucht, fragt er im Dorf nach.

Als in den vergangenen Jahren die Nößler-Orgel restauriert und schließlich 2009 eingeweiht wurde, legte er mit Hand an, und die Orgelbauer ­blieben nicht ohne einen heißen Tee. Begeistert erzählt er vom Konzert des Saalfelder Kirchenchores, dessen Mitglieder alle im Dorf untergebracht ­waren, oder vom Krippenspiel, von Fackeln im Hof vor der ­Kirche, von Glühweinausschank oder dem »lebendigen Adventskalender«. »Wie man in den Wald reinruft, schallt es zurück«, sagt er und ist um ein gutes Klima bemüht.

Uta Schäfer

Neue Lust aufs Land wecken

14. Juli 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Foto: Christa Richert, sxc.hu

Foto: Christa Richert, sxc.hu


Vertreter aus Mitteldeutschland sehen Nachholbedarf beim Thema Kirche auf dem Land.

»Endlich werden wir mal gehört.« Pfarrerin Anne-Katrin Kummer aus dem thüringischen Gefell zeigt sich sichtlich angetan vom Treffen der Landpfarrer in Hannover. Rund 70 Theologen aus der gesamten EKD trafen sich Ende Juni erstmals zu einem Konsultationstag. Aus der mitteldeutschen Kirche sind das Pfarrerehepaar Kummer aus Gefell (Kirchenkreis Schleiz) und Pfarrerin Magdalena Wohlfahrt aus Kirchheilingen (Kirchenkreis Mühlhausen) dabei gewesen. Die anhaltische Landeskirche hat Pfarrer Mathias Kipp aus Sandersleben (Kirchenkreis Bernburg) und Kreisoberpfarrer Dietrich Lauter (Kirchenkreis Köthen) entsandt.

»Es ist gut, wenn sich der Blick auf die Landgemeinden richtet«, findet auch Magdalena Wohlfahrt. Allerdings hofft sie, dass bei künftigen Treffen mehr Zeit für den Erfahrungstausch bleibt. Ansonsten begrüßt die Pfarrerin den Ansatz, sich einem vernachlässigten Arbeitsfeld zuzuwenden. Ihr Kollege Wolfram Kummer aus Gefell geht sogar ein Stück weiter. Bei der Konsultation sei deutlich geworden, »dass die Landgemeinden nicht das Problem sind«. Hier werde das Geld eingenommen, das andernorts mit ausgegeben wird. Darüber hinaus habe sich bei dem Treffen gezeigt, dass die Situation im ländlichen Raum keineswegs einheitlich und miteinander vergleichbar sei. »Hier gibt es sehr große Unterschiede – nicht nur zwischen Ost und West«, so Kummer. Dennoch sieht auch er die Notwendigkeit, am Thema dranzubleiben.

»Tatsächlich müssen wir überlegen, wie kirchliche Arbeit auf dem Land strukturiert werden kann, um zukunftsfähig zu bleiben«, sagt Wolf von Nordheim, Referent im Reformbüro der EKD und selbst lange Landpfarrer. Heute ist der Theologe als Referent im Reformbüro für das Thema »Kirche auf dem Land« zuständig. Nach seiner Ansicht muss es darum gehen, die Auflösung von Kirchengemeinden zu vermeiden, »so lange es irgend geht«.

Eine dezidiert evangelische Antwort auf Überalterung und Abwanderung könnte sein: Gemeinde gebe es solange vor Ort, wie sich Christenmenschen finden, die das wollen. Das bedeute freilich auch eine Veränderung im Profil des Pfarramtes, eine Stärkung der Kernkompetenzen in Verkündigung und Seelsorge und eine stärkere Übernahme von Verantwortung in den Gemeinden. »Dann steht zum Beispiel die Frage, wie sich Gemeinde organisieren muss, wenn kein Hauptamtlicher mehr vor Ort ist.« Zugleich will von Nordheim aus dem allgemeinen Klagen heraus und zu positiven Ansätzen kommen, um wieder die Lust aufs Land zu wecken.

Für die Zukunft hat sich die EKD dabei einiges vorgenommen. Noch im Oktober soll sich nach dem Willen des Reformbüros eine Landkirchenkonferenz konstituieren – in Analogie zur seit Jahren bestehenden Citykirchenkonferenz – als Arbeits- und Austauschebene. Dieser Zusammenschluss könnte der Kirche auf dem Land »eine eigene Stimme geben«, hofft von Nordheim. Zudem ist eine Tagung geplant zur Präsenz in den ausgedünnten Räumen. Arbeitstitel: »Lagerfeuer, Leuchtfeuer, Herdfeuer.« Außerdem sei an Workshops gedacht, wo es um die spezielle Frage und »aufsuchende Analyse« von gelungenen Beispielen gehen soll, so der Referent im Reformbüro. Der Grund ist denkbar einfach. »Es gibt viele tolle Sachen und niemand erfährt davon.«

Martin Hanusch

Afrika im Herzen

8. Juli 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Am Sonntag, wenn das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft abgepfiffen wird, dürfte das Fieber der vergangenen Wochen schnell wieder vorbei sein. Es waren besondere Wochen, in denen die Fußballfans im Begleitprogramm der Fernsehsendungen und auch in großen Aufmachern von Zeitungen auf die Situation im WM-Land Südafrika und dem ganzen Kontinent aufmerksam gemacht wurden.

Kapstadt, Foto: Gareth Weeks, sxc.hu

Kapstadt, Foto: Gareth Weeks, sxc.hu


Nach den Olympischen Spielen 2008 in Peking ist es bereits das zweite Mal, dass die Nöte der Menschen im jeweiligen Land in den Fokus von Medien und Öffentlichkeit geraten. Was wichtig und begrüßenswert erscheint, ist nur leider nicht von großer Nachhaltigkeit geprägt. Wenn nach dem Großereignis Sportler, Funktionäre, auch Politiker und die zahlreichen Medienvertreter Südafrika verlassen, droht das Land wieder aus dem Blick westlicher Realitäten zu geraten – zumal wohl auch in Deutschland noch hitzige Debatten über die Zukunft der Sozialpolitik anstehen.

Aktiven in der Entwicklungshilfe und den Nichtregierungsorganisationen wird es wieder schwerer fallen, die Menschen im Wohlstandsland Deutschland für Aids, Armut, Korruption und Verletzung von Menschenrechten zu sensibilisieren. Für Christen sollte das eigentlich nicht gelten. Ihr Anspruch auf gelebte Nächstenliebe und ihr Streben nach Gerechtigkeit hebt die Ärmsten der Welt zum Glück immer wieder auf die Gesprächs- und Handlungsagenda.

Die lutherischen Christen der Welt jedenfalls haben sich das für ihre bevorstehende Vollversammlung in Stuttgart auf die Tagesordnung geschrieben. Dort soll es um die Themen Aids, Hunger, Klimagerechtigkeit gehen. Kurz nach der WM-Euphorie hat der Lutherische Weltbund gute Chancen, damit auch andere Menschen für das Thema zu gewinnen. Wenn das gelingt, wäre das wirklich ein nachhaltiger WM-Erfolg.

Corinna Buschow

Wissen braucht ein menschliches Maß

1. Juli 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt plus

EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider würdigt Melanchthon und schlägt dabei einen Bogen in die Gegenwart.

Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider sprach in Magdeburg. Foto: ekir

Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider sprach in Magdeburg. Foto: ekir

»Nichts liegt hier näher, als das Augenmerk auf die Themen Reformation und Bildung zu werfen.« Nikolaus Schneider, amtierender Ratsvorsitzender der EKD und Präses der Kirche im Rheinland, lässt keinen Zweifel aufkommen, worum es ihm geht. Reformation und Bildung gehörten untrennbar zusammen. »Es war«, sagt Schneider, »ein elementares Anliegen der Reformation, Menschen zu bilden.« Und dies sei bis heute so geblieben. Anlass für seinen Vortrag am vergangenen Sonnabend ist das Melanchthon-Jahr, das die EKD anlässlich des 450. Todestages des Refor­mators ausgerufen hat und das an den »Praeceptor Germaniae« (Lehrer Deutschlands) erinnern soll.

Dass Schneider den Vortrag in Magdeburg hält, ist ebenfalls kein Zufall. Am 26. Juni erinnert der Kirchenkreis traditionell an die Einführung der Reformation in der Elbestadt. An diesem Tag vor 486 Jahren hatte Martin Luther in der Johanniskirche gepredigt, worauf sich der Rat und die Stadt wenig später der Reformation anschlossen. »Damit ist Magdeburg die erste Großstadt gewesen, in der die evangelische Lehre eingeführt wurde«, erklärt Pfarrer Sebastian Neuß in seiner Einführung nicht ohne Stolz.

Schon bei Melanchthon sei die Forderung »Bildung für alle« vorgezeichnet, unterstreicht der amtierende EKD-Ratsvorsitzende. Gegenüber einer Gesellschaft, in der die familiäre Herkunft eines Kindes über den Bildungserfolg entscheidet, hätte er »alle rhetorischen Bataillone« aufgeboten, um sie »auf den Weg der Bildungsgerechtigkeit zu bringen«. Auch heute spiele eine frü­he Sprachförderung in der Elementarbildung eine große Rolle, besonders bei der Einbeziehung von Kindern und ­Jugendlichen mit unterschied­lichen erzieherischen, sprachlichen und kulturellen Voraussetzungen.

Denn Schneider bleibt in seinem Vortrag zum Thema »Reformation und Bildung – eine Erinnerung an Philipp Melanchthon« keineswegs in der Vergangenheit stehen. Er nutzt ihn auch zu einem Plädoyer für einen weiten Bildungsbegriff. Heute werde den Kindern in den Schulen nur wenig Sozialkompetenz vermittelt und die Bildung zu sehr auf den Wissensaspekt verengt, moniert der EKD-Ratsvorsitzen­de. Wissen brauche ein »menschliches Maß«, so Schneider weiter. Oft genug hätten die Kinder und Jugend­lichen wegen der hohen Zeit- und Leistungsanforderungen der Schule zu wenig Muße in der Jugendarbeit, aber auch für Musik, Sport und Kunst. Dabei bestehe ein wichtiger Zusammenhang von Lernen, Wissen, Können, Wertebewusstsein und Handeln.

Aus diesem Grund sei die Kirche auch selbst Bildungsträgerin. Hier schaffe sie »zentrale Orte der Selbstvergewisserung für junge Menschen«. Zugleich macht Schneider deutlich, dass Religion Bildung braucht und Bildung Religion. Schließlich ziele die Bildung auf den ganzen Menschen und nicht nur auf den Kopf.

Martin Hanusch

Ein Hoffnungsbild vom Friedensreich Gottes

3. Juni 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Von deinem Schelten, Gott Jakobs, sinken in Schlaf Ross und Wagen.
Psalm 76, Vers 7

Foto: majaFOTO, sxc.hu

Foto: majaFOTO, sxc.hu


Der Krieg ist sehr verschieden vom Frieden«, heißt der Titel einer Geschichte von James Krüss. Wie verschieden der Krieg vom Frieden ist, erlebte der weltberühmte Autor als Soldat im ­Zweiten Weltkrieg. Und wieder erleben es in diesen Tagen Menschen, die unsäglich leiden und trauern. Ob in Afghanistan, Thailand, Nord- und Südkorea, Jamaika, beim Angriff auf den Gaza-Konvoi … überall töten Kriegstreiber auf »Ross und Wagen«.

Umso schlimmer empfinde ich es, wenn Menschen, die nach Gott fragen, vorgehalten wird, sie seien Träumer, Utopisten, Gutmenschen, Sozialromantiker oder Gerechtigkeitsfanatiker. Die Welt sei doch viel komplizierter und differenzierter. So einfach, wie es die Bibel und die Kirchen sagen, gehe es doch nicht mit Frieden und Gerechtigkeit.

Seit Urzeiten ist Menschen eine tiefe Sehnsucht nach Frieden und Ruhe inne. Sie malen Bilder, ­erzählen Geschichten und singen Lieder ihrer ­Hoffnung, um einander in ihrem Ringen um eine bessere Welt zu stärken und zu ermutigen. Psalm 76 gehört dazu. Er malt erzählend, singend und betend ein Hoffnungsbild vom Friedensreich Gottes.

»Dort zerbricht er die Pfeile des Bogens, Schild, Schwert und Streitmacht. Von deinem Schelten, Gott Jakobs, sinken in Schlaf Ross und Wagen. Wenn du das Urteil lässt hören vom Himmel, erschrickt das Erdreich und wird still, wenn Gott sich aufmacht zu richten, dass er helfe allen Elenden auf Erden.«

Der Beter des Psalms hofft zuerst auf Gottes Gegenwart und Hilfe, weil er weiß, dass menschliche Bemühungen um Frieden und Gerechtigkeit im Strudel von Schuld, Verzweiflung und Ohnmacht untergehen können. Du bist herrlicher und mächtiger, betet er und vertraut der Kraft Gottes. Sie macht ihn frei und stark, in der Vision vom Friedensreich Gottes hier und jetzt seine Stimme für die Elenden zu erheben. Der Krieg ist sehr verschieden vom Frieden. Deshalb beten wir auch heute um den Frieden Gottes, der höher ist als alles, was wir begreifen können.

Christine Voigt, Pfarrerin in Bischofroda

Kein Vorbild

3. Juni 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Das hat es noch nicht gegeben: Weil er den Respekt vor dem höchsten Staatsamt vermisste, ist Horst Köhler am vergangenen Montag als Bundespräsident zurückgetreten. Vor allem die Kritik nach dem Interview zum  Afghanistaneinsatz hat ihn wohl so getroffen, dass er keinen anderen Ausweg sah. Mit diesem Paukenschlag mag er für sich die Konsequenz gezogen haben, der Bundesrepublik hat er damit keinen guten Dienst erwiesen. Der Rücktritt stürzt das Land in eine neue Verlegenheit. Offensichtlich hat Horst Köhler weder in der Politik noch in seiner Kirche oder im Glauben einen notwendigen Rückhalt gefunden. Auch das gibt zu denken.

Foto: Dariusz Rompa, sxc.hu

Foto: Dariusz Rompa, sxc.hu

Sein Schritt lässt zudem aus einem anderen Grund aufhorchen. Nach Margot Käßmann und Roland Koch ist dies bereits der dritte Rückzug eines Spitzenrepräsentanten von allen Ämtern. Doch anders als bei der früheren EKD-Ratsvorsitzenden, die das Amt durch ihre Alkoholfahrt beschädigt sah und um ihre Glaubwürdigkeit fürchtete, und dem hessischen Ministerpräsidenten, der aus persönlichen Gründen seinen Rückzug angekündigt hat, wirkt Köhlers Abgang wie eine Flucht. Gerade in der derzeitigen Situation hätte er im Amt bleiben müssen. Zudem ist die Debatte um den Krieg in Afghanistan keineswegs ausgestanden. Von der Lage auf den Finanzmärkten einmal ganz abgesehen. Gerade hier wäre der frühere Banker und Chef des Internationalen Währungsfonds weiter gefragt gewesen.

Schließlich: Wie sollen in den Städten und Gemeinden Bürger gefunden werden, die sich politisch engagieren und Verantwortung übernehmen sollen, wenn der oberste Repräsentant schon bei leichtem Gegenwind davonläuft? Was gibt ein Präsident, der gerade in der Bevölkerung sehr beliebt war, hier für ein Vorbild ab? Die Bürger erwarten zu Recht, dass ein Politiker oder Quereinsteiger, der ein solches Amt übernimmt, sie auch in schweren Zeiten nicht im Stich lässt. Mit seinem Rücktritt hat Horst Köhler selbst den Respekt vor dem Amt vermissen lassen.

Martin Hanusch

Farbenpracht statt Grau

28. Mai 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt plus

Pfarrer Johannes Christian Rost vor zwei der sechs neuen »Hoffnungsfenster«, die in der Glaswerkstatt Wilde in Bellingen angefertigt wurden. Die Apsis der Kirche in Schönwalde zieren ältere Fenster der Quedlinburger Glasmalereianstalt Ferdinand Müller.  Foto: Kerstin Kinszorra

Pfarrer Johannes Christian Rost vor zwei der sechs neuen »Hoffnungsfenster«, die in der Glaswerkstatt Wilde in Bellingen angefertigt wurden. Die Apsis der Kirche in Schönwalde zieren ältere Fenster der Quedlinburger Glasmalereianstalt Ferdinand Müller. Foto: Kerstin Kinszorra

Gemeinde Schönwalde weiht am 30. Mai Kirche mit »Hoffnungsfenstern« ein

Die neuen Fenster bringen eine Farbenpracht in diese Kirche – das kann man wirklich nicht mit dem Zustand vorher vergleichen.« Bürgermeister Wilfried Horstmann steht in der Kirche seines altmärkischen Heimatortes Schönwalde und bestaunt die Kunstwerke, die jetzt an Stelle der schmuck- und farblosen Behelfsfenster getreten sind. Er kann sich noch gut an das Gebäude erinnern, bevor 1943 Fliegerbomben auf das Dorf abgeworfen wurden und durch die Druckwelle der Detonation fast alle Scheiben im Gotteshaus zu Bruch gingen. Die letzte Renovierung der Kirche lag damals schon Jahrzehnte zurück, die Kirchenwände waren vergilbt und nun noch die wunderschönen Buntglasfenster zerstört. Welch ein Unterschied zu heute!

»Wir hatten schon lange vor, die Kirche neu malern zu lassen, aber uns fehlte die zündende Idee«, erinnert sich die Kirchenälsteste Ina Altenberger. Der damalige Pfarrer Matthias Heinrich kam dann mit dem Projekt »Hoffnungsfenster« zu den Schönwaldern. Zusätzlich zum geplanten neuen Anstrich schlug er vor, auch die Fenster zu ersetzen.

Grundlage des Projekts ist die Frage, was den Menschen in der Vergangenheit, jetzt und in Zukunft Hoffnung gab und gibt, und das sind die Texte der Bibel. Er wählte sechs besonders prägnante Verse aus und legte sie altmärkischen Künstlern vor. Diese waren bereit, ihre Entwürfe kostenlos zur Verfügung zu stellen. Außer den Bibelversen gab es keine Vorgaben. So entstanden sechs unterschiedliche Fenster, die aber durch die Bleiverglasung und die gleich großen Spitzbögen genügend Gemeinsamkeiten aufweisen, um als ein Gesamtkunstwerk wahrgenommen zu werden. Die Schönwalder haben herausgefunden, dass die »Hoffnungsfenster« einmalig in Deutschland sind.

Die Neugestaltung der Schönwalder Kirche brauchte nicht nur kreative Künstler und eine Glaserwerkstatt wie die der Wildes aus dem nahegelegenen Bellingen. Ohne unzählige Spender wäre die Restaurierung nicht möglich gewesen. Der größte Teil des benötigten Geldes kam vom EU-Förderprogramm »Leader«, die Kirchen- und die politische Gemeinde sowie der Kirchenkreis Stendal beteiligten sich an der Finanzierung.

Darüber hinaus flossen Spendengelder – für die Kirchenälteste Ina Altenberger Grund zu großer Dankbarkeit. Das Projekt sei ein gutes Beispiel, dass die Kirche ins Dorf gehört: »Wir haben von so vielen Seiten Hilfe bekommen, und das ist nicht selbstverständlich, schließlich sind nicht alle Schönwalder kirchlich gebunden.« Umso größer sei jetzt die Freude, in dieser Kirche zu stehen. »Das Gemeindefest wird deshalb auch unter dem Motto Gotteslob und Gottes Dank stehen.«

Kerstin Kinszorra

Der Festgottesdienst unter Leitung von Pfarrer Johannes-Christian Rost am 30. Mai beginnt um 13 Uhr.

Immer noch eine singende Kirche?

28. Mai 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Nicht überalll gelingt es den Kirchenchören, junge Sängerinnen und Sänger zu gewinnen. Nachwuchsarbeit ist deshalb besonders gefragt. Foto: Jürgen Meusel

Nicht überalll gelingt es den Kirchenchören, junge Sängerinnen und Sänger zu gewinnen. Nachwuchsarbeit ist deshalb besonders gefragt. Foto: Jürgen Meusel


Landeskirchenchortag:  Erstmals gibt es ein Treffen von Chören aus der gesamten mitteldeutschen Kirche

Eingebunden in die Feiern zum Jubiläum des ersten deutschen Musikfestes, das 1810 in Bad Frankenhausen über die Bühne ging, wird am 30. Mai zum Landeskirchenchortag in die nordthüringische Stadt eingeladen. Doch wie steht es um das Singen in der Kirche?

An die 500 Sängerinnen und Sänger aus dem gesamten Gebiet der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) werden in der Unterkirche des traditionsträchtigen Ortes gemeinsam das Gotteslob anstimmen. Das ist zugleich eine Premiere. Früher fanden Landeskirchenchortage in der Thüringer Landeskirche im Abstand von drei Jahren statt. In der ehemaligen Kirchenprovinz Sachen gab es regelmäßige Propstei-Kirchenchortreffen. Erstmals wird das Treffen nun für Sänger aus beiden früheren Landeskirchen organisiert.

Von den 34 Chören, die in Bad Frankenhausen dabei sind, kommen 24 aus Thüringen und zehn aus der einstigen Kirchenprovinz Sachsen. »Hauptanliegen ist das Singen in einer großen Gemeinschaft«, sagt Landessingwart Christoph Peter (Eisenach). Das sei gerade für die kleinen Chöre ein ganz besonderes Erlebnis.

Denn das gemeinsame Singen ist auch in der Kirche beileibe keine Selbstverständlichkeit mehr. Die Frage »Sind wir noch eine singende Kirche?« wird zwar von den Obmännern der beiden weiterhin existierenden Kirchenchorwerke mit einem eindeutigen »Ja!« beantwortet. Dennoch stimmen sie nicht ohne Problemanzeige zu.

»Bewegende Chorkonzerte mit kirchenmusikalischen Werken verschiedener Stilepochen, mitreißende Aufführungen von Kindermusicals, festlich gestaltete Gottesdienste«, so KMD Christoph Peter, zeugten ebenso von der Sangesfreude »wie die Singwochen für alle Generationen und die gut besuchten Chorleiterseminare«. Allerdings sei das Wörtchen »noch« in der Fragestellung nicht von der Hand zu weisen. Dabei verweist er auf die »Unterschiede zwischen Ideal und Wirklichkeit« beim Singen mit Kindern oder auch ihren Eltern sowie »beim Überliefern von wichtigen ›Kernliedern‹ in- und außerhalb der Kirche«.

Wie Kantor Matthias Visarius (Zörbig) berichtet, wachse »zurzeit die zweite Generation heran, die nicht mehr singt«. Auf der anderen Seite kämen vor allem ältere Menschen, die noch singen, in die Kirche. »Wie es allerdings in zehn Jahren aussieht, darüber wage ich keine Prognose«, führt er weiter aus. Selbst die Kirchenchöre seien von diesem Trend nicht verschont. Es werde immer schwerer, junge Menschen zum Mitmachen zu bewegen. Derzeit existieren in der EKM 750 Chöre mit 15.000 Sängerinnen und Sängern.

Die Schwerpunkte der Kirchenchorarbeit sollte deshalb darin liegen, »als erstes den Leuten ihr ureigenstes Instrument zu erhalten, also Stimmbildung zu machen, aber auch darin, Gottesdienste lebendig mitzugestalten«. Neben der Weiterführung bewährter Formen, so Landessingwart Christoph Peter, stelle »das Wachsen des Altersdurchschnitts gerade in ländlichen Chören« eine Herausforderung dar, auf die mit »einer ausführlichen und guten Stimmbildung« reagiert werden müsse. Das sei nicht zuletzt vor dem Hintergrund zu berücksichtigen, »dass auch Chorleitung mehr und mehr eine neben- und ehrenamtliche Tätigkeit wird«.

Das Anliegen des Programms in Bad Frankenhausen, so Christoph Peter, sei vor allem das gemeinsame Musizieren in einem großen Chor, beim offenen Singen, im Gottesdienst und danach in der Öffentlichkeit der gastgebenden Stadt. Wie sein Kollege Matthias Visarius versichert, gelte es dabei, »nicht nur die Mitwirkenden in den Chören zu erreichen, sondern vor allem auch Menschen, die nichts mit der Kirche zu tun haben oder sich nicht in die Kirche trauen, indem wir zum Abschluss auch auf dem Marktplatz singen werden«. Da die meisten Chöre sehr klein sind und oft nur zwei- bis dreistimmig singen könnten, biete der Landeskirchenchortag die Chance, auch größere Werke zusammen aufzuführen.

Michael von Hintzenstern

Ablauf: 10 Uhr Gesamtprobe aller Chöre, 11.45 Uhr Mittagessen, 13 Uhr Offenes Singen, 14 Uhr Kaffeepause, 15 Uhr Gottesdienst, anschließend Abschluss-Singen vor dem Rathaus

Wenn Kirchen zu Arenen werden

20. Mai 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Thüringen

Frauenkirchenkantor Matthias Grünert  an der Sauer-Orgel im Sonneberger Rathaus. Foto: Andreas Schneider

Frauenkirchenkantor Matthias Grünert an der Sauer-Orgel im Sonneberger Rathaus. Foto: Andreas Schneider


Matthias Grünert auf Orgelmarathon durch das Sonneberg-Coburger Grenzland

Was dem einen alljährlich sein ­geliebter Marathonlauf über den Rennsteig ist, das ist für Matthias Grünert ein Marathon an verschiedenen Orgeln durch eine ganze Region. 28 Konzerte absolvierte der bekannte Kirchenmusiker am vergangenen Himmelfahrtswochenende von Donnerstag bis Sonntag. Der gebürtige Nürnberger (Jahrgang 1973) und jetzige Wahl-Dresdner tourte diesmal durch kleinere und größere Kirchen bzw. Konzertsäle des Sonneberger und Coburger Landes. Aber auch die Landkreise Saalfeld, Lichtenfels und Kronach wurden beteiligt.

Damit künstlerisch niemals Langeweile aufkam, hatte Grünert für jedes Konzert seiner »OrgelArena 2010« ein eigenes Programm erstellt, wobei sich kein einziges Orgelstück wiederholte und natürlich auch keine Instrument. »Den Zugang findet man aber recht schnell, auch wenn ich vorher nicht jede Orgel testen konnte«, so Matthias Grünert recht gelassen. Überhaupt bewies der renommierte Kirchenmusiker einmal mehr gute Kondition und Souveränität. »Ich habe halt mein tägliches Arbeitspensum als Frauenkirchenkantor einfach nur etwas verlagert. Außerdem bekommt man von den netten Menschen und den schönen Landschaften der Region ja auch wieder etwas zurück«, begründet er seine stressige Reise durch die Provinz.

Im zwanzigsten Jahr der deutschen Einheit passte die musikalische Tournee durch das thüringisch-fränkische Grenzland natürlich bestens ins Bild. Der Sonneberger Musikschulleiter Volker Sesselmann hatte Matthias Grünert als weithin bekannten Orgelvirtuosen der berühmten Dresdner Frauenkirche erneut eingeladen, nachdem er vor drei Jahren schon einmal mit einer Konzertreihe in Coburg, Kronach und Lichtenfels zu erleben war. Groß die entsprechende Resonanz. Mit den über 2.500 Besuchern waren die Organisatoren jedenfalls äußerst zufrieden. Der Eintritt für alle Konzerte war frei. Die jeweilige Kollekte dient der Erhaltung der Orgeln in der Stadtkirche Sonneberg und im Haus der Begegnung in Haarbrücken. Projektleiterin Christiane Linke: »Es wurde fleißig gespendet, so dass für beide Orgeln etwas herausspringen wird, auch wenn wir die genauen Zahlen erst in ein paar Tagen nennen können.«

Die Auswahl der Konzertorte erschien zudem überaus gelungen. So waren die kleinen Dorfkirchen in Köppelsdorf, Judenbach, Rauenstein oder Lichtenhain ebenso mit von der Partie wie die ehrwürdige Basilika Vierzehnheiligen, die Stiftskirche Kloster Banz oder die Schlosskirche in Lahm im ­Itzgrund. Einige Zuschauer übrigens absolvierten als treue Begleiter fast die gesamte viertägige Tour mit, »Quasi als Fanclub«, wie Matthias Grünert schmunzelnd formulierte. Er selbst übte sich dabei in Bescheidenheit und nächtigte statt in einem teuren Hotel in einem Zimmer des Berufschul-
zentrums in Sonneberg-Köppelsdorf. Und selbst am Männertag begnügte sich der erfahrene Künstler mit einem trockenen Brötchen. Also doch ein wenig Flair vom Rennsteiglauf …

Thomas Höfling

nächste Seite »