Engagiert für das Kulturerbe

22. Januar 2018 von redaktionguh  
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Porträt: Georg Graf von Zech-Burkersroda

Georg Graf von Zech-Burkersroda hat in der Region Saale-Unstrut Spuren hinterlassen. Und obwohl der gebürtige Hallenser bereits seit einigen Jahren nicht mehr das ehrwürdige Amt des Dechanten der Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstifts Zeitz bekleidet, ist der 79-Jährige weiterhin mit Land und Leuten seiner Heimat verbunden. Er engagiert sich in verschiedenen Ämtern: als Ehrendomherr, als Vorsitzender des Vereins Freunde und Förderer der Vereinigten Domstifter, als Ehrenmitglied des Fördervereins Welterbe an Saale und Unstrut sowie als Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Schulpforta.

Für sein Wirken für die Rettung und den Erhalt von Bau- und Kunstdenkmalen als Dechant und fortwährend auch in seinem Ruhestand erhielt er den Denkmalpreis des Landes Sachsen-Anhalt. »Ich habe mich sehr gefreut und fühle mich sehr geehrt«, sagte Graf von Zech-Burkersroda. Der Denkmalschutz nahm in seiner Amtszeit und auch darüber hinaus eine wichtige Rolle in seinem Wirken ein, betonte er. Allein vier Kirchen in Naumburg, Merseburg und Zeitz, darunter zwei Dome, fallen in die Zuständigkeit der Vereinigten Domstifter. »In den vergangenen Jahren ist im Denkmalschutz in Mitteldeutschland gewaltig viel erreicht und nach der Zerstörung durch die Kriege und den Sanierungsstau in der DDR viel aufgearbeitet worden. Aber es gibt weiterhin viel zu tun, weil es eine große Menge an historischen Bauten gibt. Eine Kirche oder ein anderes unter Denkmalschutz stehendes Gebäude benötigt stetige Aufmerksamkeit. Da hört die Arbeit nie auf«, so Graf von Zech-Burkersroda, der 2015 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt wurde.

Seine Verbindung zur Heimat riss nie ab

In seine zehnjährige Amtszeit als Dechant fiel die Landesausstellung rund um den Naumburger Meister im Jahr 2011 sowie die ersten Schritte der Welterbe-Bewerbung der Saale-Unstrut-Region. »Ein sehr wichtiges Projekt. Die Region hat sehr viel Potenzial. Und obwohl nur der Naumburger Dom und nicht wie erhofft die Region diesen Titel erhalten wird, wird der Dom auf das Umland ausstrahlen«, ist er gewiss.

»Die Arbeit hört nie auf«: Georg Graf von Zech-Burkersroda ist auch im Ruhestand für den Denkmalschutz aktiv. Foto: Torsten Biel

»Die Arbeit hört nie auf«: Georg Graf von Zech-Burkersroda ist auch im Ruhestand für den Denkmalschutz aktiv. Foto: Torsten Biel

Geboren 1938 in Halle, verbrachte er die ersten Kindheitsjahre auf Schloss Goseck, das seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Familienbesitz war. Mit der Bodenreform 1945 verlor die Familie das Anwesen, sie wurde enteignet. Die Mutter flüchtete, zog mit den Kindern nach Naumburg, später in ein Dorf nahe Hof in Bayern. »Wir mussten innerhalb weniger Stunden das Haus verlassen«, erinnert sich Graf von Zech-Burkersroda. Dieses Kapitel seiner Biografie prägt ihn bis heute. Der Vater wurde inhaftiert und starb wenige Wochen später im Zuchthaus in Torgau.

Nach dem Abitur studierte Graf von Zech-Burkersroda Maschinenbau mit Schwerpunkt auf Landtechnik in Bonn und Köln sowie im Anschluss dank eines Stipendiums dreieinhalb Jahre lang Betriebswirtschaft in den USA. Nach dem Studium blieb er in Übersee, arbeitete für die Gehl-Company. Nach der Rückkehr nach Deutschland Ende der 1960er-Jahre baute er als Anteilseigner eine Tochterfirma des Konzerns auf.

Die Verbindung zur Heimat jenseits der deutsch-deutschen Grenze brach nicht ab: »Ich war in der Zeit der DDR regelmäßig zu Besuch, vor allem die Leipziger Messe führte mich in die Gegend.« Im Frühjahr 2002 wählte ihn das Domkapitel zum Dechanten. Vor allem sein betriebswirtschaftliches Wissen habe dabei den Ausschlag gegeben.

In Angelmodde, einem Stadtteil von Münster, ist er seit vielen Jahren an der Seite seiner Frau Gudrun heimisch. Doch seine Wege führen ihn auch im Ruhestand regelmäßig an Saale und Unstrut. Wichtige Sitzungen und Gespräche stehen immer wieder in seinem Kalender.

Constanze Matthes

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Christlich-jüdischer Dialog: EKM vergibt erstmals Werner-Sylten-Preis

22. Januar 2018 von redaktionguh  
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Foto: Paul-Philipp Braun

Foto: Paul-Philipp Braun

Der Werner-Sylten-Preis für besondere Anstrengungen im christlich-jüdischen Dialog ist zum ersten Mal verliehen worden. Preisträger der mit je 750 Euro dotieren Auszeichnung sind die Evangelische Schulstiftung in Mitteldeutschland und der »Arbeitskreis gegen das Vergessen« aus Bibra (Kirchenkreis Meiningen).

Das ausgezeichnete Programm der Schulstiftung widmet sich der Frage, wie christlich-jüdischer Dialog auf Schulebene aussehen kann. Der Arbeitskreis in Bibra hat es sich zur Aufgabe gemacht, jüdisches Leben im Dorf zu entdecken, der Opfer zu gedenken und Begegnung zu fördern. (v. l. n. r.) Lehrer Jürgen Junker und die Schüler des Evangelischen Ratsgymnasiums in Erfurt Justin, Henriette, Lucca; der Arbeitskreis aus Bibra: Hartwig Floßmann, Dagmar Winkel, Karl Stockmann, Mimi Floßmann, Pfarrer Michael Schlauraff.

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Feindlich, staatszersetzend, Christ

22. Januar 2018 von redaktionguh  
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Erinnerung: Mit dem Porträt des Kirchenhistorikers und Zeitzeugen, Professor Peter Maser, der sich in Sachen Aufarbeitung verdient gemacht hat, startet unsere Serie über »Christen in der DDR«.

Peter Maser steht im Innenhof der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße in Erfurt und blickt auf den Kubus, einen dunklen Würfel, bemalt mit Comiczeichnungen, die von den aufwühlenden Tagen im Spätherbst 1989 in Erfurt erzählen. »Ich glaube, das ist das bisher einzige gelungene und überzeugende Denkmal der friedlichen Revolution, das wir haben«, erklärt er nachdenklich.

Maser ist 74 Jahre alt und seine Geschichte ist eng und untrennbar mit der Andreasstraße verbunden. Dabei hat er zu diesem Ort gar keinen persönlichen Bezug. »Ich habe hier weder eingesessen, noch kenne ich irgendwelche Familienangehörige oder Freunde, die das taten«, betont er. Aber natürlich hat er in den vergangenen Jahren zahlreiche Menschen getroffen, deren Biografie auf fatale Weise mit diesem Ort verbunden ist.

Maser selbst hat auch eine DDR-Vergangenheit. Der gebürtige Berliner, der in Sachsen-Anhalt aufwuchs und heute in Bad Kösen lebt, besuchte in den 1950er-Jahren die Landesschule Pforta, ein Internatsgymnasium in Naumburg. »Das war eine sehr bekannte und traditionsträchtige Lehranstalt, die in der Zeit, als ich da zur Schule ging, gerade mit brachialer Gewalt zu einer sozialistischen Heimoberschule umgestaltet wurde.«

Zeitzeuge und Wissenschaftler: Peter Maser ist eng mit der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße verbunden. Foto: Diana Steinbauer

Zeitzeuge und Wissenschaftler: Peter Maser ist eng mit der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße verbunden. Foto: Diana Steinbauer

Maser war aktives Mitglied der Jungen Gemeinde, die der DDR-Führung ein Dorn im Auge war. Nachdem er seine Aktivitäten nicht einschränkte, musste er nach der 10. Klasse die Oberschule verlassen. Er ging ans Proseminar nach Halle, eine der kirchlichen Hochschulen in der DDR, die auf das Theologiestudium vorbereiten durften. »Eigentlich konnten die Absolventen dieser Schulen nur an kirchlichen Hochschulen studieren, aber zu meiner Zeit war es gerade möglich, auch an staatliche Universitäten zu gehen.« So kam er nach Halle, studierte ab 1962 Theologie und machte später dort auch seinen Doktor. Und das ganz ohne Hochschulreife. Er sei wohl der einzige Professor und Direktor eines geisteswissenschaftlichen Instituts in Deutschland, der nie Abitur gemacht habe, sagt er heute nicht ohne Stolz.

Peter Maser führt durch die verschiedenen Etagen der Andreasstraße. Das Gebäude diente schon zur Kaiserzeit als Gefängnis. Die Nationalsozialisten brachten hier ihre Gefangenen unter. Später nutzte die Stasi diese Räume, um vermeintliche Gegner einzusperren.
»Haft – Diktatur – Revolution« ist die Ausstellung überschrieben. Hier wird die Geschichte des Ortes lebendig. Das wird in der Dauerausstellung, aber vor allem auf der Haftetage deutlich. Man spürt förmlich die Wirkmächtigkeit des DDR-Apparats und das Ausgeliefertsein derer, die sich nicht konform zeigten.

Dem langen Arm der Stasi konnte sich der Kirchenhistoriker nicht entziehen. Der unbeugsame junge Mann, der auch aus seinem Glauben und seinen Ansichten keinen Hehl machte, war der Stasi ein Dorn im Auge. Die Staatssicherheit ließ ihn nicht mehr aus den Fängen. Wähnte man Maser doch als das Haupt einer feindlichen, staatszersetzenden Gruppe. »Das war ich nicht«, erklärt Maser. »Natürlich waren wir kritisch. Wir haben im privaten Kreis den jungen Marx gelesen und auch über die aktuellen Verhältnisse kritisch diskutiert, aber eine feindliche Gruppe waren wir ganz sicher nicht.«

Die Übergriffe der Stasi wurden immer massiver. Maser stellte 1976 einen Ausreiseantrag und verlor daraufhin seine Stelle. »1977 reiste ich mit meiner Familie und der tatkräftigen Unterstützung der Kirchenleitung in Magdeburg, die erkannt hatte, dass es mit mir in der DDR nicht mehr lange gutgehen wird, in die Bundesrepublik aus«, so Maser.

Er wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter des Kirchenamtes der EKD in Hannover und Lehrbeauftragter der Universität Münster. Dort habilitierte er sich 1988 in Kirchengeschichte. In all diesen Jahren verlor Maser jedoch nie den Blick für die Situation der Kirche in der DDR. Immer wieder publizierte er zu diesem Thema.

Nach der Wende berief man ihn im Bundestag als Berater zur ersten Enquete-Kommission. Es sei schon damals klar gewesen, »dass es im Grunde genommen kein Kapitel der DDR- und SED-Geschichte gab, in dem die Kirche nicht maßgeblich vorkam.«

Peter Maser vereinigt zwei Attribute. Er ist Zeitzeuge und Wissenschaftler. Einer, der sich sehr früh darüber Gedanken machte, wie dieser Teil der deutschen Geschichte aufgearbeitet und tradiert werden sollte. In die Überlegungen zur Nutzung des früheren Stasi-Gefängnisses in der Erfurter Andreasstraße bezog 1992 das Thüringer Kultusministerium Maser ein. »Daraus entwickelte sich dann über mehrere Jahre eine sehr intensive, anstrengende, aber immer spannende Mitarbeit und Zusammenarbeit in Erfurt«, so Maser. Es war von Beginn an keineswegs klar, was werden sollte. Eine aktive Gruppe, die sich im »Freiheits e.V.« zusammengeschlossen hatte und zu der viele ehemalige Häftlinge gehörten, schlug eine Gedenkstätte für die Opfer der SED-Diktatur vor.

Am Ende eines langen Prozesses stand die Entscheidung, hier einen Ort mit zweipoliger Erinnerung zu schaffen, der zwei scheinbar gegensätzliche Themen verbindet: Unterdrückung und Befreiung. Die Gedenkstätte erinnert an Haft und Repression, an DDR-Unrecht in vielfältiger Form und an das Wirken des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Zugleich hält sie die Erinnerung an die friedliche Revolution wach. Deren Geschichte mit der erzwungenen Öffnung der Stasi-Zentrale am 4. Dezember 1989 durch Bürgerrechtler wird hier erzählt.

Peter Masers Engagement für die Andreasstraße ist ungebrochen. An der Aufarbeitung der Geschichte von Christen in der DDR ist er ebenfalls beteiligt. Auch in der Arbeitsgemeinschaft, die die interministerielle Arbeitsgruppe in der Thüringer Staatskanzlei unterstützt, ist er dabei. Er ist zuversichtlich, was die Aufarbeitungsbemühungen anbelangt: »Dass das Thema ›Christen in der DDR‹ mit Ernsthaftigkeit und auf unterschiedlichen Ebenen behandelt wird, wirkt sich allmählich aus«, ist er sich sicher. »Also, ich kann kein Bundesland sehen, in dem das mit dieser Intensität abläuft, wie das hier in Thüringen geschieht.«

Diana Steinbauer

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Der Traum soll wahr werden

22. Januar 2018 von redaktionguh  
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Neue Synagoge: Jüdische Gemeinde zu Dessau will in diesem Jahr den Grundstein legen

Es war eine große Überraschung«, erzählt Alexander Wassermann, wenn er an den Februar 2014 zurückdenkt. Zur Eröffnung des 22. Kurt-Weill-Festes im Anhaltischen Theater regte die Kurt-Weill-Gesellschaft den Neubau einer Synagoge in Dessau an. In der Pogromnacht 1938 brannte der mächtige Kuppelbau mit dem goldenen Davidstern als einer der ersten im Deutschen Reich. Nach dieser Nacht verschwand mit der Synagoge auch schnell das jüdische Gemeindeleben. Die Familie Weill war für ein paar Jahre Teil der Gemeinde. Den Vater des berühmten Komponisten zog es einst mit seiner Familie aus dem Badischen für eine Anstellung als Kantor nach Dessau. Kurt Weill wurde hier geboren. Noch vor der Pogromnacht kehrte die Familie der Stadt den Rücken.

Rundbau: Der Entwurf des Architekten Alfred Jacoby zeigt, wie die neue Synagoge einmal aussehen soll. Repro: Lutz Sebastian

Rundbau: Der Entwurf des Architekten Alfred Jacoby zeigt, wie die neue Synagoge einmal aussehen soll. Repro: Lutz Sebastian

Was die Dessauer Fürsten durch ihre Toleranzpolitik über Jahrhunderte zur Blüte brachten, vernichteten die Nationalsozialisten in kurzer Zeit. Es sollte bis Anfang der 1990er-Jahre dauern, bis sich wieder jüdisches Gemeindeleben in Dessau etablierte. Heute haben die rund 300 Gemeindemitglieder ein Haus in der Kantorstraße als Anlaufpunkt, das dort steht, wo einst die Synagoge stilprägend war. Der bestehende Gemeindesaal ist oft zu eng für größere Veranstaltungen, weshalb immer Räume etwa im Georgenzentrum oder im Hotel »Fürst Leopold« gemietet werden müssen.

Eine Stele erinnert daran, was der Stadt im Jahr 1938 genommen wurde. Deshalb elektrisiert der Gedanke eines Neubaus einer Synagoge seit fast vier Jahren die Gemeinde. Doch erst jetzt besteht Hoffnung, den großen Traum auch tatsächlich zu realisieren. »Wenn alles klappt, wie wir uns das vorstellen, dann könnte am 9. November der Grundstein für eine neue Synagoge gelegt werden«, sagt Alexander Wassermann. Es hätte Symbolcharakter. Genau 80 Jahre nach der Zerstörung der einstigen Synagoge würde damit gezeigt, dass zwar etwas unwiederbringlich verloren ging, aber Hoffnung und Toleranz auf lange Sicht menschenfeindliche Ideologien überwinden. Um diesen Traum, der in Form eines Anbaus an das bestehende Gemeindehaus wahr werden soll, wurde in den vergangenen Jahren hart gerungen.

Schwierige Suche nach Spendern und Förderern

Längst hat man sich von Visionen verabschiedet. Eine komplett neue Synagoge, wie sie sich die Kurt-Weill-Gesellschaft vorstellte, scheiterte am zu hohen Preis. 2,5 Millionen Euro hätte das Projekt gekostet. »Wir haben wirklich alles versucht, dieses Geld aufzubringen«, sagt der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde zu Dessau. Fast 30 Briefe habe sie an große, namhafte Unternehmen geschrieben und darum gebeten, sich an der Finanzierung zu beteiligen. Sie habe versucht, Verwandte von Kurt Weill ausfindig zu machen und um Unterstützung zu bitten. Doch alles war vergebens. Der beauftragte Architekt Alfred Jacoby, der unter anderem an der Hochschule Anhalt lehrt, der jüdischen Gemeinde in Offenbach am Main vorsteht und schon mehrere Synagogen in Deutschland und den USA entwarf und realisierte, reduzierte seinen Neubau auf einen Anbau. Die Kosten wurden damit auf 1,2 Millionen Euro gesenkt. Gleichzeitig reichte das Dessauer Architekturbüro Bankert/Sommer, das unter anderem das Dessauer Diakoniezentrum realisierte, einen Wettbewerbsbeitrag ein, der in der Realisierung rund eine Million Euro gekostet hätte. Doch ein elfköpfiges Kuratorium, das unter anderem aus Vertretern der jüdischen Gemeinde, der Stadt Dessau-Roßlau und der Landeskirche Anhalts besteht, entschied sich Ende 2017 doch für den Entwurf von Alfred Jacoby. Der Rundbau, der den zukünftigen Gemeindesaal beherbergen soll, ähnelt einer Tora-Rolle.

Ein Drittel der Kosten, rund 400 000 Euro, sind bisher gesichert. Die Stadt Dessau-Roßlau bezuschusst das Vorhaben mit 100 000 Euro. Der Rest sind Gelder des Zentralrats der Juden, der Dessauer jüdischen Gemeinde und Spenden. Für die restlichen 800 000 Euro soll es unter anderem Gespräche mit der Landesregierung und Stiftungen geben. Großspender sollen im Anbau namentlich verewigt werden.

Danny Gitter

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Zeugnisse vom aufrechten Gang im Untergrund

22. Januar 2018 von redaktionguh  
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Neuerscheinung: »’89 Geschichten der Friedlichen Revolution« in der DDR

Wir hatten uns nicht wirklich damit abgefunden, dass unser Freund Matthias ›Matz‹ Domaschk im Alter von 23 Jahren im April 1981 in der Geraer Stasi-U-Haft ums Leben gekommen war«, erinnert sich Roland Jahn, der heutige Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, in einem Beitrag für das Lesebuch »Interieur Under­ground«. Es vereint »’89 Geschichten der Friedlichen Revolution«, die in sehr persönlicher Weise von Ausgrenzung und Verfolgung erzählen. »Wir, das war eine Gruppe von jungen Menschen aus Jena, die sich außerhalb der staatlichen Strukturen gefunden hatte, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Wir hatten alle schon Erfahrungen mit den Grenzen der Freiheit im SED-Staat gemacht. Einige waren nicht zum Abitur zugelassen worden, andere von der Uni geflogen, dritte in kirchlichen Kreisen aktiv. Aber gemeinsam fanden wir unsere Stärke und nahmen uns die Freiheit, so zu leben, wie wir wollten.« Dieses Lebensgefühl eint die unterschiedlichen Texte, zu denen jeweils ein Bild gestellt ist. Zu sehen sind Alltagsgegenstände, Formulare, Kunstwerke, Fotos oder Collagen. Dem Thema ist seit Dezember zugleich ein neuer Ausstellungsraum im Lügenmuseum Radebeul gewidmet.

Ein letztes Foto: Peter Rösch von der Jungen Gemeinde Jena vor der Ausreise nach Westberlin über den »Tränenpalast« am Bahnhof Friedrichstraße. Foto: Lesebuch  »Interieur Underground«/Katharina Lenski

Ein letztes Foto: Peter Rösch von der Jungen Gemeinde Jena vor der Ausreise nach Westberlin über den »Tränenpalast« am Bahnhof Friedrichstraße. Foto: Lesebuch »Interieur Underground«/Katharina Lenski

Roland Jahn, der nach seiner Verhaftung 1982 die Jenaer Friedensgemeinschaft gegründet hatte und im Juni 1983 gegen seinen Willen in die BRD abgeschoben wurde, berichtet über jene Reise, die für Matthias Domaschk und seinen Freund Peter Rösch in Jüterbog jäh endete. Auf dem Weg zu einer Geburtstagsfeier in Berlin, wo die SED ihren X. Parteitag feiert, werden sie am 11. April 1981 in Jüterbog aus dem Zug geholt und ohne Grund in die Stasi-Untersuchungshaftanstalt Gera gebracht. Fast pausenlose Verhöre folgen. Am 12. April 1981 ist Matthias Domaschk tot. Die Stasi spricht von Selbstmord.

»Bereits am Gründonnerstag, dem 16. April, findet die Trauerfeier statt, bei der die Stasi demonstrativ den Jenaer Nordfriedhof überwacht«, erinnert sich Katharina Lenski in ihrem Beitrag. »Noch am Tag der Trauerfeier wird der Leichnam eingeäschert. Vorher hat die Stasi dafür gesorgt, dass ihn keine ›unbefugte Person‹ genau anschaut. Peter Rösch darf sich nicht von seinem Freund verabschieden, sondern wird erneut zugeführt und verhört. Er wird von Stasi-Männern observiert und muss sich mit einem stigmatisierenden Ersatzausweis legitimieren.« Trotz alledem engagiert er sich bis zu seiner Ausbürgerung 1982 weiter in der Jungen Gemeinde von Jena. Auch ihm ist eine Erinnerung gewidmet.
Michael von Hintzenstern

Bezug über Lügenmuseum, Kunst der Lüge e.V., Kötzschenbrodaer Straße 39, 01445 Radebeul, Telefon (03 51) 33 45 58 48, E-Mail <luegenmuseum@gmail.com>, 8 Euro

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In guter Gemeinschaft

21. Januar 2018 von redaktionguh  
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Ich treffe ihn nach dem Trauergottesdienst für die ermordete maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia im Dom von Mosta. Für Pater John Sammut, früher selbst Journalist, ein Herzensanliegen, der regierungskritischen Bloggerin das letzte Geleit zu geben. Pater John leitet die deutsche katholische St. Barbara Gemeinde in Maltas Hauptstadt Valetta, der Kulturstadt Europas 2018. Er erzählt vom Schatz der Kirchen, die sie in diesem Jahr öffnen wollen. Malta hat eine größere Kirchendichte als Rom, aber kein Geld für die Sanierung.

Der Pater kann viele Geschichten erzählen. Vom Kulturstreit, der bis heute andauert, von der Pauluslegende, die nur im Norden der Insel eine Rolle spielt, bis zur aktuellen Flüchtlingssituation. Seit Jahren pflegen seine kleine Gemeinde und die deutsche evangelische Andreas-Gemeinde engen Kontakt. Man kann es auch gelebte Ökumene nennen. Nach dem Gottesdienst am Sonntag gehen Kirchenältester Noel Cauchi und die Besucher der Andreas-Gemeinde in der Altstadt Valettas noch auf einen Kaffee um die Ecke in die katholische Kirche.

Gemeinsam sitzt man am Tisch bei Integrationsprojekten, den ökumenischen Gesprächen oder zum Literaturcafé. Daneben gibt es Ausflüge, Wanderungen oder Gottesdienste im Freien. Noel Cauchi kam einst mit seiner deutschen Frau zur Andreas-Gemeinde. Nach deren Tod fand er hier Trost und Hilfe. Die Andreas-Gemeinde versteht sich als ökumenische Gemeinschaft, die das Verbindende und nicht das Trennende betont.

Das können Sie vor Ort erleben, Pater John und Noel Cauchi kennenlernen, begleitet vom früheren Seelsorger der Andreas-Gemeinde, Oberkirchenrat i.R. Wilfried Steen. Reisen in guter Gemeinschaft, eben.

Willi Wild

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Wenn der Schirmherr Schutz und Sicherheit bietet

20. Januar 2018 von redaktionguh  
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Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.

Jesaja 60, Vers 2

Pass auf! Über dir!« – So schnell kann ich gar nicht den Kopf drehen, da höre ich, wie rechts von mir ein dumpfer Gegenstand auf den Boden knallt. Ein Glück – der Duck-Reflex hat funktioniert! Der Ball hat mich nicht erwischt! Das ging nochmal gut, denn ein Basketball hat durchaus Schmerzpotenzial … »Entschuldigung«, ruft es von links, und ich schaue noch etwas verdattert, aber freundlich zu den Sportlern hinüber. Den Ball habe ich wirklich nicht kommen sehen! Was über mir ist, spielt ja auch selten eine wichtige Rolle.

Anne Puhr, Vikarin in Weimar

Anne Puhr, Vikarin in Weimar

Recht sicher ist es dieser Tage von oben, hier in meiner Stadt. Ich achte auf andere Dinge, wenn ich unterwegs bin: Wenn ich gehe, will ich die Bordsteinkante sehen, und den Pfeiler vor mir auch. Und natürlich freue ich mich, wenn ich bekannte Gesichter entdecke beim Unterwegssein.

Von oben kommt selten etwas, was mich betrifft. Ich richte meinen Blick gern auf das, was mich im Hier und Jetzt wirklich angeht. Auf das Gesicht meines Gegenübers, auf den Terminkalender und das, was ansteht, die Sorgen, Nöte und Freuden des Lebens. So hat jeder Tag seine Farbe, wie es in einem Buch heißt. Mal aktiv rot, mal fröhlich gelb, mal traurig schwarz, mal übermütig orange.

Im Buch des Propheten Jesaja hören wir von vielen dunklen Tagen. Da fehlt so gut wie nichts, was beschwerliches Leben ausmacht! Von A wie Angst bis Z wie Zweifel kennt Jesaja alles. Auch wenn links und rechts um ihn herum keine Möglichkeit auf Besserung aufscheint, von oben wird das Gute kommen. Darauf vertraut Jesaja ganz fest und sagt: »Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.«

Das ist unerschütterlicher Glaube! Eine herrliche Hoffnung: Gott, der Herr, ist über uns und wird unser Leben und unsere Dunkelheit hell machen! Dass der Herr und seine Herrlichkeit bei den Menschen sein will, dürfen wir wissen!

Jesus Christus sei Dank!

Kind – Krippe – Engel – Weihnachten, Sie wissen schon … Da rufe ich doch gern glatt selbst: »Pass auf! Über mir!«

Anne Puhr, Vikarin in Weimar

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Spielball der Mächtigen

19. Januar 2018 von redaktionguh  
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Das Jahr 1988 ist für Stephan Krawczyk ein denkwürdiges Jahr. Im Januar wurde der Liedermacher verhaftet, im Febuar in die Bundesrepublik abgeschoben.

Heute, mit der zeitlichen Distanz von 30 Jahren, ordnet er das Unrecht und Leid, das ihm in der DDR widerfahren ist, als eine Bereicherung ein. Es seien Erlebnisse, Erfahrungen, sagt er, über die er immer wieder aufgefordert werde zu berichten. Der Liedermacher Stephan Krawczyk, 1955 in Weida (Kirchenkreis Gera) geboren, war in der DDR ein erfolgreicher, beliebter Künstler. Nachdem er 1981 den Hauptpreis beim DDR-Chansonwettbewerb gewonnen hatte, stieg er in eine Künstlerriege auf, die viele Vorteile genoss. Der Künstler nutzte seine privilegierte Position, um auf die Probleme in der DDR aufmerksam zu machen.

Wegen seiner kritischen Texte wurde ihm die Zulassung als Berufsmusiker entzogen. Seine Heimat, die DDR, wo er sein Publikum hatte, wollte er jedoch nicht verlassen. Auftreten konnte der Künstler nur noch in Kirchen. Mit seinen Liedern wurde er Ende der 1980er-Jahre zu einer prominenten Persönlichkeit der DDR-Opposition.

1988 ist für ihn ein denkwürdiges Jahr. Am 17. Januar wurde er verhaftet, am 2. Februar in die Bundesrepublik abgeschoben.

»Vom DDR-Knast auf die Titelseite des Spiegels«, kommentiert er seine unfreiwillige Ankunft in der Bundesrepublik. Es sei für ihn persönlich und künstlerisch nicht leicht gewesen, sich zurechtzufinden. Gestört habe ihn, dass dem Geld eine so große Bedeutung beigemessen wurde, während in der DDR die Frage nach einem sinnerfüllten Leben wichtiger gewesen sei.

Protestveranstaltung in der Ost-Berliner Zionskirche im November 1987. Im Anschluss daran gibt Stephan Krawczyk ein Konzert. Foto: epd-bild

Protestveranstaltung in der Ost-Berliner Zionskirche im November 1987. Im Anschluss daran gibt Stephan Krawczyk ein Konzert. Foto: epd-bild

Die Rolle der Kirche in der DDR sieht der Künstler heute kritisch. Als Symbolfigur des Widerstands gegen die Diktatur sei er damals als Spielball benutzt worden. »Es muss geklärt werden, was damals gewesen ist, welche Absprachen es zwischen Staat und Kirche gegeben hat.« Denn solange die Geschehnisse aus der Vergangenheit »nicht aufgeklärt werden«, kämen sie aller fünf oder zehn Jahre, jedes Mal, wenn ein Jubiläum ansteht, wieder hoch. Er ist mit der Aufarbeitung der kirchlichen Vergangenheit sehr unzufrieden.

Das Verhältnis der Kirche zum Staat in der DDR sei bis heute nicht geklärt worden. Es habe Ungereimtheiten gegeben, die aus seiner Sicht nach der Wende zu schnell bereinigt worden seien. Wie er sagt, gibt es noch vieles, über das bislang nicht gesprochen wurde. »Das ist eine Botschaft an die Oberen.« Krawczyk war froh und dankbar, dass er trotz seines Berufsverbots in Kirchen auftreten durfte und hier ein Forum und dankbares Publikum fand. »Kirche ist für mich ein Ort, an dem über die wesentlichen Dinge im Leben der Menschen gesprochen werden sollte. »Aber es wird heute immer so dargestellt, als hätten uns alle mit offenen Armen empfangen.« Es seien nur wenige gewesen, die ihm die Kirchentüren öffneten. »Die Kirche wird so hingestellt, als hätte sie auf der Seite der Revolution gestanden. Davon war bei vielen nichts zu spüren, die waren angepasst wie alle anderen.«

Krawczyk hat es geschafft, sich nach der Wende als Liedermacher und Schriftsteller zu etablieren. Von ihm sind etliche Bücher und CDs auf dem Markt. Nach wie vor begleitet er die gesellschaftliche Situation kritisch und ärgert sich über manche Entwicklungen wie zum Beispiel die Digitalisierung, die sich negativ auf die Sprache auswirke.

Im März erscheint von ihm eine neue CD. Einen Gedichtband hat er soeben abgeschlossen, für den er noch einen Verlag sucht. Außerdem liegen einige Manuskripte in der Schublade und warten auf ihre Veröffentlichung.

Sabine Kuschel

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»Wer singt, betet doppelt«

15. Januar 2018 von redaktionguh  
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Ursprung aller Musik ist die Anbetung Gottes in Tönen

Dieser Satz wird dem alten Kirchenvater Augustinus zugeschrieben, aber auch Martin Luther soll ihn geäußert haben. Es ist zu vermuten, dass dieser ihn bereits als Augustinermönch verinnerlicht hat. Der Reformator wusste genau, was er tat, als er seine wichtigsten Botschaften in Lieder verpackte. »Die Musik ist eine Gabe und ein Geschenk Gottes; sie vertreibt den Teufel und macht die Menschen fröhlich«, beschreibt er ihre Bedeutung für Glaube und Gemüt.

Luther war ein geübter Sänger und Lautenspieler. In seinem Werk als Lieddichter und Tonschöpfer hat er die reformatorischen Glaubenssätze in einer mitreißenden Musiksprache verbreitet. Dafür sprechen »Ohrwürmer« wie der zündende Choral »Ein feste Burg ist unser Gott«. Seine Lieder sowie die seiner Wegbegleiter entfalteten große Wirkung bei der Ausbreitung der Reformation.

Traditionsreich: Seit 1925 singt der Bachchor Eisenach in der Taufkirche des großen Komponisten und Thomaskantors. Foto: Roland Kiehne

Traditionsreich: Seit 1925 singt der Bachchor Eisenach in der Taufkirche des großen Komponisten und Thomaskantors. Foto: Roland Kiehne

Die Bibel ist voll von Gesang und Musik. Ganze Bücher sind in Form von Liedern geschrieben – so etwa die Psalmen oder das Hohelied Salomos. Aus dem synagogalen Gottesdienst des Judentums stammt die Tradition, biblische Gebetstexte nicht einfach sprechend zu deklamieren, sondern singend vorzutragen. In der christlichen Praxis entstanden aus Gebetstexten immer kunstvollere Melodien. Stand am Anfang zunächst der Sprechgesang auf einem einzelnen Ton, ergaben sich in der Folgezeit aus der Betonung bestimmter Silben Melodiefloskeln, die zu ausgefeilten Melodiefolgen weiterentwickelt wurden. Ein schönes Beispiel dafür ist die im neunten Jahrhundert entstandene gregorianische Antiphon »Da pacem, Domine«, die Luther 1529 nachdichtete. Unter der Nr. 421 ist die deutsche Nachdichtung des Reformators bis heute im Evangelischen Gesangbuch (EG) zu finden: »Verleih uns Frieden gnädiglich«.

So entstanden Hunderte von Gebetsmelodien. Über einen langen Zeitraum wurden diese mündlich überliefert. Die Kantoren kannten sie auswendig und brachten sie jeweils ihren Gemeinden und Nachfolgern bei. Um ihren Fortbestand zu sichern, begann man, sie aufzuzeichnen. So entstanden die sogenannten »Neumen«. Das griechische Wort »Neuma« (deutsch: »Wink«) umschreibt, dass der melodische Verlauf mit Symbolen bzw. Handzeichen angezeigt wurde.

Mit der Entwicklung des Notenliniensystems wurde es möglich, genaue Tonhöhen zu notieren. Aus dem freien Fluss des am Sprechrhythmus orientierten gregorianischen Chorals entwickelten sich nun feste Rhythmen. So war es möglich, den Gesang einzelner Stimmgruppen oder Instrumente zu koordinieren! Damit war die Basis für mehrstimmige Musikwerke geschaffen, von denen bis heute unzählige geschaffen wurden. Dabei sollte nicht verdrängt werden: Der Ursprung aller Musik ist das gesungene Gebet.

Michael von Hintzenstern

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Mit Kerze, Kreuz und Bibel

15. Januar 2018 von redaktionguh  
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Hausandachten in Magdala verbinden Tradition und Moderne

Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen«, so heißt es im Matthäus-Evangelium (18, 20). Genau hier, an diesem ursprünglichen Gedanken, möchte Jeannette Lorenz-Büttner mit ihren Hausandachten ansetzen. »Die ersten Christen hatten keine Kirchen; sie haben sich in privaten Häusern getroffen«, erklärt die Pfarrerin des Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeindeverbandes Magdala, dem 14 Dörfer angehören.

Gerade in der kalten Jahreszeit, in der es auch in vielen Kirchen kühl und ungemütlich ist und in der gerade ältere Menschen aus Angst zu stürzen oft ungern aus dem Haus gehen, möchte Jeannette Lorenz-Büttner auf diesem Wege die Menschen in ihrer Gemeinde erreichen. Das Angebot richtet sich zwar insbesondere an Senioren, allerdings nicht als alleinige Zielgruppe. Den Bedarf für eine Hausandacht kann jedes Gemeindemitglied anmelden. Ähnlich einer mobilen Friseurin bringt die Pfarrerin alles mit: die Kerze, das Kreuz und die Bibel. Gern können Nachbarn, Verwandte und Freunde kommen.

Schon zu zweit ist eine Andacht zu Hause mit Liturgie, Gesängen und Psalmgebet möglich. Ein Angebot für verschiedene Menschen, das durchaus noch ausbaufähig ist. Foto: africastudio-stock.adobe.com

Schon zu zweit ist eine Andacht zu Hause mit Liturgie, Gesängen und Psalmgebet möglich. Ein Angebot für verschiedene Menschen, das durchaus noch ausbaufähig ist. Foto: africastudio-stock.adobe.com

Die zu großen Gottesdienstformen gehörenden Elemente, wie Liturgie, Wechselgesang, Psalmgebet oder Choral werden in den Hausandachten auf ein passendes und angenehmes Maß reduziert. Die Andachten werden gemeinsam gelesen, es wird gesungen, aus der Bibel gelesen – mit kurzer freier Auslegung. »In vertrauter häuslicher Atmosphäre können wir Andacht feiern und danach bei einer Tasse Kaffee über Gott und die Welt reden«, sagt Jeannette Lorenz-Büttner und benennt einen weiteren Vorteil: »Die Sonntagsklöße können nebenbei kochen.«

Mit ihrem Angebot antwortet Lorenz-Büttner schließlich nicht zuletzt auch auf Transformationsprozesse, die für Gemeinden im ländlichen Raum, insbesondere im Osten Deutschlands, typisch sind. »Die Gemeinden verändern sich; dadurch brauchen wir neue Gottesdienstformen und -orte«, so ihre Bestandsaufnahme.

Die Kirchengemeinden altern, die Teilnehmerzahlen bei Gottesdiensten sinken. »In einer großen Kirche einen Gottesdienst mit weniger als zehn Leuten zu halten, fühlt sich peinlich an, und man muss überlegen, ob das noch Sinn ergibt«, weiß Pfarrerin Lorenz-Büttner. Das Format der Hausandacht scheint hier eine gute Alternative zu sein. Die Pfarrerin kommt an einem vorher im Gemeindeblatt bekanntgegebenen Termin in der Zeit von 9 bis 12 Uhr »auf Bestellung«. Ein Anruf genügt.

Aufdrängen möchte sich Pfarrerin Lorenz-Büttner nicht. Vielmehr möchte sie, dass sich die Menschen selbst auch kümmern und in einem sehr lutherischen Sinn Eigenverantwortung übernehmen, indem sie in sich hineinspüren und fragen, was sie für ihren Glauben brauchen. »Die Leute sollen auch selbst entscheiden können, was sie wollen«, findet sie, und verweist erneut auf Martin Luther und auf das Ende der Bevormundung.

»Ich stelle wirklich die große Gottesdienstform als die einzige Form in Frage«, sagt die 40-Jährige. Stattdessen befürwortet sie Gottesdienste in großen Kirchen mit großen Gruppen und Gottesdienste mit kleinen Gruppen im kleinen Rahmen. »Eine Andacht zu Hause bietet wirklich die Chance auf eine echte Glaubenserfahrung, weil gleichsam das Evangelium nach Hause kommt«, unterstreicht sie und fügt hinzu: »Ich sehe darin auch eine Chance für unser Kirchenleben.«

Die Idee, aller vier bis sechs Wochen einen Sonntag mit Hausandachten zu gestalten, ist auch ein Gegenentwurf zur bisherigen Praxis eines straffen, allsonntäglichen Gottesdienstplans, ungeachtet des tatsächlichen Bedarfs. Krampfhaft an alten Zeiten festhalten, das ist Jeannette Lorenz-Büttners Sache nicht. In einer marktwirtschaftlich geprägten Lebenswelt findet sich auch der Glaube in einer Marktsituation wieder und ist in der Moderne neben Yoga und Co. ein Weg zum Seelenheil unter vielen.

Constanze Alt

Der nächste Termin, für den Hausandachten angemeldet werden können, ist Sonntag, der 4. Februar. Kontakt (01 76) 72 76 81 50.

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