Neuer Vorstoß

27. Januar 2012 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

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Sachsen-Anhalt: Linke will Staatsleistungen ablösen.

Ganz überraschend kommt der Vorstoß nicht. Seit Monaten hat die Linkspartei in Sachsen-Anhalt intern über die Staatsleistungen für die Kirchen diskutiert. Nun hat die Finanzexpertin der Fraktion, Helga Paschke, angekündigt, diese Zahlungen auf den Prüfstand stellen zu wollen. Nach ihren Angaben bereitet die Landtagsfraktion derzeit einen Antrag vor, der bis zum März ins Parlament kommt und mit dem die Staatskirchen­verträge »grundsätzlich« evaluiert werden sollen.

»Wir wollen die Staatsleistungen nicht abschaffen, sondern ablösen«, so die Finanzexpertin der Linken, deren Vorgehen auch mit der Thüringer Fraktion abgestimmt ist. Nach ihren Vorstellungen könnte ein Summe in Höhe von 320 Millionen verteilt auf 20 Jahren die bestehenden Staatsleistungen ersetzen.

Die Kirchen reagieren gelassen auf die Ankündigung. »Natürlich kann man über eine Ablösung reden«, sagt Oberkirchenrat Albrecht Steinhäuser, Beauftragter der evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung Sachsen-Anhalt, der damit auch auf der Linie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) liegt. Insgesamt geht es um Staatsleistungen in Höhe von 460 Millionen Euro. Derzeit erhalten allein die Kirchen in Sachsen-Anhalt rund 30 Millionen Euro. In Thüringen sind es immerhin noch 22 Millionen.

Dagegen sieht Finanzdezernent Jörg Mayer von der braunschwei­gischen Landeskirche, die mit Blankenburg im Harz und Calvörde in der Altmark über Gebiete auch in Sachsen-Anhalt verfügt, keinen Anlass zu verhandeln. »Es gibt gültige Verträge, die nicht einseitig aufgekündigt werden können«, stellt er seine Position klar.

Ohnehin würde eine Ablösung den Staat teuer zu stehen kommen. Nach kirchlichen Berechnungen würde es im Falle einer Ablösung allein in Sachsen-Anhalt um einen Betrag von mindestens 600 Millionen Euro gehen. Angesichts der klammen Kassen im Land hält Steinhäuser das für unrealistisch. »Das muss auf Bundesebene verhandelt werden«, ist er überzeugt. Zudem verweist der Beauftragte darauf, dass es sich hier keineswegs nur um historische Ansprüche in Folge der Enteignungen kirchlicher Ländereien handelt.

Zwar würden die Wurzeln Anfang des 19. Jahrhunderts liegen. Die Staatskirchenverträge seien jedoch unter heutigen Bedingungen ausgehandelt worden. Er vermutet deshalb hinter dem Ansatz der Linken den Versuch, an dieser Stelle »Sympathiepunkte« zu sammeln. Viel spannender ist für ihn die Frage, wie die anderen Parteien damit umgehen.

Die haben bislang eher zurückhaltend reagiert. Der CDU-Fraktionsvorsitzende, André Schröder, erteilt den Plänen eine deutliche Absage. Sachsen-Anhalts Finanzminister Jens Bullerjahn (SPD) setzt dagegen auf eine offene Diskussion. Man solle sich nicht allein an historischen Verträgen festhalten, sondern lieber gemeinsam nach Lösungen suchen, rät er und verweist auf mögliche Änderungen frühestens im Haushalt 2014/2015.

Dass die Gedankenspiele damit nicht vom Tisch sind, wissen auch die Kirchen. Mit dem Infragestellen der Staatsleistungen sei immer die Anfrage an den gesellschaftlichen Stellenwert der Kirche verbunden, ist Albrecht Steinhäuser überzeugt. Er sieht deshalb nur einen Weg: »Wir müssen zeigen, welchen gesellschaftlichen Stellenwert die ­Kirche hat und dass es auch für Nichtchristen gut ist, dass es uns gibt.«

Martin Hanusch

Er kennt die Nöte der Flüchtlinge

5. Dezember 2011 von redaktionguh  
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Ab nächstem Jahr wird der gebürtige Armenier Samvel Babayan das neue Asylbewerberheim in Jena leiten.

Jana und Samvel Babayan leben seit 1993 in Jena. Vier Jahre später ­haben sie die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Die Christen engagieren sich in der Melanchthongemeinde und für Flüchtlinge. (Foto: Reinhild Rubin)

Jana und Samvel Babayan leben seit 1993 in Jena. Vier Jahre später ­haben sie die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Die Christen engagieren sich in der Melanchthongemeinde und für Flüchtlinge. (Foto: Reinhild Rubin)

Jana und Samvel Babayan sind ein schönes Paar. Sie strahlen aus, was sie zusammen durchlebt haben, und sie wirken wie zwei Menschen, die vertrauensvoll in der Gegenwart stehen. Seit 1993 leben der Armenier und die Georgierin, beide Mitte Vierzig, in Jena. Nach Deutschland waren sie ­einige Jahre zuvor gekommen.

Als 1993 armenische Flüchtlinge in der Jenaer Stadtkirche Asyl fanden, war es für die Babayans selbstverständlich, zur Stelle zu sein und zu helfen: mit Verpflegung, Kleidung, ­Beratung und guten Worten. Sie selbst befanden sich damals noch im Status der Duldung in Deutschland, und sie wussten, was es bedeutet, Flüchtling zu sein.

Leben in Asylbewerberheimen, das Zurechtfinden im Behördendschungel, die Sprache erlernen aus eigener Kraft, Ablehnungen und offenen Hass ertragen, das Fremdheitsgefühl aushalten und überwinden, darüber könnte das Ehepaar lange reden, denn natürlich sind auch ihnen diese Erfahrungen nicht erspart geblieben; ebenso wenig wie zunächst ein sozialer Abstieg. Der diplomierte Ingenieur arbeitete in einer Reinigungsfirma und als Hausmeister, seine Frau verdiente mit Kinderbeutreuung dazu. »Wir wollten unabhängig vom Sozialamt sein«, sagt Samvel Babayan.

1990 und 1992 wurden die Töchter geboren. Die jüngere ist blind und leidet an Epilepsie, für das Ehepaar bedeutete das einen ständigen Kampf um die Entwicklung des Kindes. »In Armenien hätte unsere Roxana keine Chance ­gehabt«, betont Jana Babayan. Heute lebt und arbeitet die 19-jährige Roxana in einer Einrichtung in Chemnitz, die 20-jährige Ludmilla studiert in Passau.

Seit 1997 haben die Babayans die deutsche Staatsbürgerschaft. Dass sie sich inzwischen als voll integriert empfinden, liegt zu einem wesentlichen Teil an der Jenaer Melanchthongemeinde, in der sie beide aktiv sind und die ihnen zur Heimat geworden ist. Dort wurden Samvel und die Kinder getauft, feierten die Mädchen ihre gemeinsame Konfirmation, gibt es ­einen festen Freundeskreis.

»Wir haben hier erlebt, dass Gott unter den Menschen zu finden ist«, sagt Samvel. Es waren nicht nur die persönliche Unterstützung und die ärztliche Hilfe für Roxana, die die Familie erfuhr. Die Gemeinde sammelte Geld für die Dialyse für Janas Mutter, sie ermöglichte auch, dass die ganze Familie im Jahr 2008 nach 16 Jahren zum ersten Mal nach Georgien reisen konnte, und sie hilft dabei, dass Samvels Mutter dieses Weihnachtsfest in Jena verbringen kann.

»Unsere Heimat ist hier«, betont Samvel Babayan, für den Integration nicht im Verleugnen der eigenen Wurzeln besteht. Man muss sich einlassen auf die neue Gesellschaft, dann kann man sich auch einbringen, meint er.

Seit 2004 arbeitete er als Sozialarbeiter in Asylbewerberunterkünften und in einer Wohneinrichtung für jüdische Zuwanderer, seit Mai ist er Leiter des Übergangswohnheims in Jena-Ost. Derzeit wird das Haus umgebaut und dient ab Anfang nächsten Jahres als Asylbewerberheim, das er leiten wird.

Eine gute Konstellation, wie er selbst sagt, denn er kennt die Nöte von Flüchtlingen, ist quasi einer von ihnen. Die Geschichte seiner Familie ist zudem Ermutigung für den Aufbau eines neuen Lebens.

Reinhild Rubin

Sonnenschein im Gottesdienst

2. Dezember 2011 von redaktionguh  
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Viermal im Jahr feiern in der Eisenacher Annenkirche Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam einen »Sonnenscheingottesdienst« – mit viel Musik und Fröhlichkeit. (Foto: Norman Meißner)

Viermal im Jahr feiern in der Eisenacher Annenkirche Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam einen »Sonnenscheingottesdienst« – mit viel Musik und Fröhlichkeit. (Foto: Norman Meißner)


Am zweiten Advent wird in die Eisenacher Annenkirche eingeladen.
 

Wenn sich am kommenden Sonntag die Türen der Eisenacher Annenkirche zum Gottesdienst öffnen, weiß die Gemeinde: Es wird eine besondere Feier mit besonderen Menschen. Denn am 3. Dezember wird »Sonnenscheingottesdienst« gefeiert, den Menschen mit und ohne Behinderung miteinander gestalten. »Macht hoch die Tür, die Tor macht weit« ist an diesem zweiten Advent zu hören und zu erleben.

Wer vielleicht denkt, mit dem »Sonnenscheingottesdienst« soll ein wenig Sonnenschein in das Leben der Behinderten gebracht werden, irrt. Es verhält sich genau umgekehrt. Die Behinderten seien es, die wie Sonnenschein für andere Menschen sein könnten, so die Erfahrung von Manfred Hilsemer, Pfarrer an der kleinen Kirche im Westen der Wartburgstadt. Er weiß das bereits aus seiner Zeit ­zwischen 2001 und 2009, als er beim Diakonieverbund Eisenach tätig war.

Gern erinnert er sich an die Fröhlichkeit eines Mannes mit Down Syndrom, der mit Freude zur allwöchentlichen Morgenandacht gekommen sei, erzählt Hilsemer. »Menschen mit Behinderung, denen es nicht gut geht, kommen mit Freude zur Arbeit, während die ›normalen‹ Mitarbeiter oft missmutig sind, obwohl man denken könnte, dass es ihnen gut geht.«

Nach jenem Mann mit Down Syndrom sind die »Sonnenscheingottesdienste« in Eisenach benannt. An sein Lachen und seine Fröhlichkeit dachte der Pfarrer, als ein Name für die neue ­Veranstaltungsreihe gesucht wurde, die seit 2010 angeboten wird.

Anfängliche Skepsis war schnell ausgeräumt, denn seine Gemeinde sei von den »Sonnenscheingottesdiensten« sehr angetan. »Fast durchweg ­totale Begeisterung.« Kein Wunder, denn Behinderte sind besondere Menschen und sie verstehen es, die Herzen zu erobern. Wenn sie sich an der Fürbitte beteiligen und nach jedem Gebetswunsch ein Licht entzünden, würden ganz schnell viele Kerzen brennen.

Anrührend zum Beispiel sei eine Fürbitte in der Passionszeit gewesen. Neben den persönlichen ­Wünschen für Herrn Sowieso und die Oma, die operiert werden muss, betete jemand für Jesus, »der es jetzt so schwer hat«, erzählt der Pfarrer. Die Gemeinde berührte so etwas. In solchen Momenten gewinnen die Menschen, die etwas anders sind, die Sympathie der Gottesdienstbesucher.

Einmal im Vierteljahr lassen sich etwa 100 Menschen in die Eisenacher Annenkirche zum »Sonnenscheingottesdienst« einladen. Vorbereitet wird er von einem fünfköpfigen Team. Er soll erlebnisorientiert, die Predigt kurz sein. Bilder, kleine Anspiele oder Theaterstücke vermitteln die biblische Botschaft.

Einmal im Jahr wird die Band »Stolpersteine« eingeladen, deren Mitglieder bis auf den Leiter ein Handicap haben. Sie können zwar keine Noten lesen und demzufolge nicht vom Blatt spielen, aber wenn sie ein Stück kennen, musizieren sie mit großer Freude. »Einer spielt leidenschaftlich Mundharmonika. Das ist wirklich anrührend!«

Für Manfred ­Hilsemer ist das ein Beweis, dass alle Menschen Begabungen haben, die es nur zu entdecken gilt. »Der Fokus liegt nicht auf den ›armen Behinderten‹, für die wir etwas tun wollen, sondern wir können von ihnen profitieren, von ihrer Fröhlichkeit«, betont er.

Sabine Kuschel

Der 3. Dezember ist der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung. Zum »Sonnenscheingottesdienst« unter dem Motto »Macht hoch die Tür, die Tor macht weit« wird um 10.30 Uhr in die Annen­kirche, Eisenach, eingeladen.

Mehr als ein Experiment

2. Dezember 2011 von redaktionguh  
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Am 4. Dezember wird der Geraer Propst Hans Mikosch in den Ruhestand verabschiedet.

Propst Hans Mikosch

Propst Hans Mikosch

Einst Visitator in der Ostregion der Thüringer Landeskirche und Bischofsstellvertreter, mit der Fusion zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) Regionalbischof und Stellvertreter der Landesbischöfin, wird Propst Hans Mikosch am Sonntag in den Ruhestand verabschiedet. Martin Hanusch sprach mit dem promovierten Theologen.

Herr Dr. Mikosch, Sie haben den Weg der Thüringer Landeskirche bis zur Fusion begleitet. Was hat Ihnen die mitteldeutsche Kirche gebracht?
Mikosch: Privat wie dienstlich habe ich viele gute Freunde, Kolleginnen und Kollegen gewonnen, die mir im Glauben, in der Theologie, im Herangehen an Fragen der Zeit nahe sind. Dafür bin ich außerordentlich dankbar. – Andererseits wäge ich im Blick auf die EKD noch ab, was für die Zukunft einer Kirche zielführender ist: ein konsistoriales Kollegium oder eine stärker synodal wie auch regional verortete Kirchenleitung. Bei aller Hochschätzung der Kirchenkreisebene bleiben aus meiner Erfahrung eher landeskirchlich zu schulternde Aufgaben – etwa im Baubereich, im Religionsunterricht, in der Sonderseelsorge. Das tut meiner positiven Gesamteinschätzung keinen Abbruch. Mit Axel Noack setze ich für die Zukunft auf die geistgeleitete Weisheit der Synode und die Wirkmacht der Fakten.
Im Übrigen durfte ich in der landesbischofslosen Übergangszeit ganz elementar »erfahren«, was es heißt, ­einen Dienstwagen als Wohn- und ­Arbeitsraum ganztägig nutzen zu müssen. Die derzeitige Kritik an der Ausstattung des Bischofs-PKW erschließen sich mir von daher nicht.

Was ist das Besondere an der EKM?
Mikosch: Die EKM wirkt schon heute wie ein Scharnier zwischen den kirchlichen Zusammenschlüssen. Das Verbindungsmodell der Kirchenbünde UEK und VELKD erhält im Rahmen der EKD mit der EKM ein Gesicht: Die mehrheitlich aus lutherischen Gemeinden bestehende mitteldeutsche Kirche funktioniert auch nach innen überzeugend als eine Gemeinschaft zwischen lutherischen und unierten Kirchen, die Reformierten sind hoch geachtet.
Wie in der rheinischen Kirche werden bei uns auch Gemeindepäda­gogen und Prädikanten ordiniert. Als Bekenntnisse stehen das reformierte, das lutherische oder die reformatorischen Bekenntnisschriften mit Bezug auf »Barmen« zur Wahl. Vieles, was einst im Bund der Evangelischen ­Kirchen der DDR zukunftsweisend angedacht war, wird heute in der EKM umgesetzt.

Verfügt die Kirche über eine zeitgemäße Verfassung?
Mikosch: Ja. Es lässt sich aus meiner Sicht an verschiedenen Punkten festmachen. Die EKM erinnert an die ­Mitschuld der Kirche bei der Auslöschung jüdischen Lebens und tritt jeder Form von Antisemitismus entgegen. Das fordert und legitimiert politische Dreinrede. Unsere Kirche ist fromm und politisch.
Die Leitung der Kirche geschieht im Hören auf das Wort Gottes und im ­geschwisterlichen Gespräch. Sie ist geistlicher und rechtlicher Dienst in unaufgebbarer Einheit. Die parlamentarische Arbeit der Synode, die kirchenleitenden und die behördlichen Aufgaben ergänzen einander. Überkommene Hierarchien werden damit relativiert. Kirche trägt in allen ihren Ämtern und Funktionen Dienstcharakter.

Wo liegt der »Mehrwert« dieser vereinten Kirche?
Mikosch: Eine Kirchenfusion gelingt nur dann, wenn nicht die eine Kirche zum Modell für die andere werden will. Wir alle sind in einen größeren freien Raum gestellt. Das reformatorische Priestertum aller Getauften ist in der EKM gefordert, sich dem Praxistest zu stellen. Das synodale Element ist signifikant gestärkt worden. Neben den Kirchenkreisen dürfen aber die oft kleinen Gemeinden mit einem ­lebendigen Gemeindeleben nicht in Vergessenheit geraten.
Die Vielfalt des gemeindlichen, ­regionalen wie gesamtkirchlichen ­Lebens mit seinen Ressourcen an Menschen, an Musik, an Gottesdiensten wie Religionsunterricht, an Sonderseelsorge, an Gebäuden, an Geschichte(n), nicht zuletzt an Glaube und Bekenntnissen bedeutet: Wir haben gemeinsam dazugewonnen. Wir sind mit unserem Zeugnis präsenter. Manche Arbeitszweige haben an Professionalität gewonnen. Wir müssen aber auch ehrlich diskutieren und kommunizieren, wovon wir uns verabschieden und die dafür nötigen Prozesse mutig und getrost einleiten.

Verabschiedung: 4. Dezember, 14.30 Uhr, Gera, Johanneskirche

Endlich alle Register gezogen

14. Oktober 2011 von redaktionguh  
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Neue Remter-Orgel vervollständigt Orgellandschaft des Magdeburger Domes.

Orgelbauer Stefan Stürzer (li.) und Domorganist Barry Jordan besprechen letzte Details vor der Inbetriebnahme der neuen Orgel im Magdeburger Dom-Remter, die am 8. Oktober erfolgte.    Foto: Klaus-Peter Voigt

Orgelbauer Stefan Stürzer (li.) und Domorganist Barry Jordan besprechen letzte Details vor der Inbetriebnahme der neuen Orgel im Magdeburger Dom-Remter, die am 8. Oktober erfolgte. Foto: Klaus-Peter Voigt

»Musik überhaupt und besonders die Orgelmusik spricht das Herz von Menschen an«, sagte Landesbischöfin Ilse Junkermann in ihrer Predigt am 8. Oktober zur Einweihung der neuen Orgel in Magdeburger Dom-Remter. 

Alles, was Menschen fühlten und was sie bewege, klinge dadurch im Raum und stärke die Seele und den christlichen Glauben, betonte sie vor den rund 250 Gottesdienstbesuchern.

»Sehnsucht, Klagen und Enttäuschungen kommen nicht so einfach über die Lippen, um sie vor Gott zu bringen.«

Die Musik sei Hintergrund, Beiklang, Vorbereitung und Ermutigung, alles auszusprechen. Im Lob Gottes solle all das zur Sprache kommen, »und es ist gut, dass wir jetzt im Remter dafür alle Register ziehen können«, schloss Junkermann ihre Predigt. Für sein ausgezeichnetes Orgelspiel im Gottesdienst dankten die Besucher Domkantor Barry Jordan mit lang anhaltendem Beifall.

Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) nannte die Kirchenmusik einen unverzichtbaren Teil des gesellschaftlichen Lebens, in das investiert werden müsse. Die Förderung des Neubaus aus dem Konjunkturpaket II sei ein klares Signal, dass Gesellschaft nicht nur aus Ökonomie und Banken bestehe. Ausdrücklich dankte er dem Vorsitzenden des Fördervereins »Aktion Neue Domorgeln«, Helge Scholz. »Sie haben immer geglaubt, gesammelt und die Initiative ergriffen.«

»Eigentlich waren wir nach der Einweihung der großen Domorgel am Ende unserer Kräfte«, erinnerte sich Scholz wenige Tage vor der Einweihung an den riesigen Kraftakt, bis die Königin der Instrumente im Magdeburger Dom vor drei Jahren endlich erklingen konnte.

Rund 2,1 Millionen Euro flossen in dieses Vorhaben. Zu Fördermitteln der Europäischen Union und von der öffentlichen Hand kamen Spenden von Privatpersonen sowie Firmen. Vermächtnisse seien darunter gewesen wie auch eine Reihe von »Monatsraten«.

Von Anfang an gehörte auch eine neue Orgel für den Remter zu den Vorhaben. Erst einmal war jedoch eine Pause vorgesehen, bevor sich der 1997 gegründete Verein an das nächste Projekt wagen wollte. Doch der Spendenfluss, einmal in Gang gebracht, lief weiter.

»Es war beeindruckend, wie die Magdeburger und viele andere Menschen das Projekt zu ihrer Sache gemacht hatten.« Das Glück spielte auch ein wenig mit. Aus dem Konjunkturpaket II sicherte der Bund dem Verein Geld für das neue Instrument zu. Diese Chance galt es zu nutzen.

Während Scholz im Probenraum des Domchores davon erzählte, stimmten Spezialisten der Firma Glatter-Götz aus Pfullendorf Aach/Linz in Baden-Württemberg die Remterorgel. Der Vereinsvorsitzende schwärmte vom hervorragenden Klang und dem Können der Orgelbauer.

Unter anderem kamen bisher aus deren Werkstatt Orgeln für das Moskauer Bolschoi-Theater und für die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles.

Gerade einmal 18 Monate wurden für den Bau des Instruments benötigten. Mit seinen 1255 Pfeifen und 22 Registern ersetzt es die Orgel-Vorgängerin von 1949. Vor über zehn Jahren hatte das unter Denkmalschutz stehende Instrument seinen Dienst aufgegeben. Es fand seinen Platz im Orgelmuseum im oberbayrischen Valley.

Die neue Remter-Orgel kostete 450.000 Euro. Mit ihr ist die im Zweiten Weltkrieg erheblich beschädigte Dom-Orgellandschaft wieder komplett. Die 1969 im nördlichen Seitenschiff von der Potsdamer Firma Schuke eingebaute und für das 120 Meter lange Schiff des Domes viel zu kleine Orgel mit 3000 Pfeifen sollte eigentlich nur eine Zwischenlösung sein.

»Doch an einen weiteren Neubau war zu DDR-Zeiten nicht zu denken«, erzählte Scholz. Künftig kommt von dieser Orgel die musikalische Begleitung beispielsweise für Andachten oder Trauungen im Hohen Chor.

Die Aktion Neue Domorgeln sieht ihre Arbeit als abgeschlossen an. 2012 löst sie sich auf. Einige der Mitstreiter wollen im Domförderverein mitarbeiten. Denn auch Pflege und Erhalt aller drei Orgeln verlangen vollen Einsatz.

Klaus-Peter Voigt/Karsten Wiedener

Beten für den Frieden der Welt

14. Oktober 2011 von redaktionguh  
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Aufsteigende Friedenstauben (Foto: privat)

Aufsteigende Friedenstauben (Foto: privat)

Kirchengemeinde Altengönna veranstaltete ein Friedensfest zum Gedenken an die Schlacht von Jena und Auerstedt.

Anlässlich des 205. Jahrestages der Doppelschlacht von Jena und ­Auerstedt wird es am 15. Oktober zwischen den Orten Cospeda, Lützeroda und Closewitz wieder eine Nachstellung des Kampfgeschehens durch ­historische Militärverbände aus ganz Europa geben, bei dem 15.000 Menschen starben.

Darauf Bezug nehmend hat die Kirchengemeinde Altengönna (Kirchenkreis Jena), zu der heute alle Schlachtfelddörfer von damals gehören, eine Idee aus dem Jahre 1816 aufgegriffen und am 1. Oktober in der Friedenskirche in Vierzehnheiligen ein großes Friedensfest veranstaltet. Dabei wurde der Opfer gedacht und in Dankbarkeit daran erinnert, dass wir heute in Mitteleuropa die längste Friedensepoche der Geschichte erleben dürfen.

Wenn alle Menschen der Welt sich dem Friedensgedanken verschreiben würden, herrschte Frieden auf der Erde. Es wäre schon gut, wenn alle ­Religionsgemeinschaften diesen Gedanken aufgreifen würden. Von dieser Erkenntnis war die Andacht getragen, mit der das Friedensfest eröffnet wurde.

Vertreter der evangelischen, katholischen und russisch-orthodoxen Gemeinden sowie Juden und Muslime sprachen gemeinsam ein Fürbitten­gebet. Altbischof Roland Hoffmann erreichte mit seiner Auslegung des Wortes »Aller Augen warten aus dich, Herr.« (Psalm 145,15) die Herzen der Zuhörer und regte zum Nachdenken an.

Im Anschluss an die Andacht ließen die Vertreter der Religionsgemeinschaften zusammen mit Ehrengästen und den Kindern weiße Tauben in den azurblauen Himmel aufsteigen.

Das Konzert mit dem Chor »Auberbabel« aus Jenas Partnerstadt Aubervilliers, der Gruppe russischer Migranten »Diamant« und den Sängern von Post und Telecom bildete ­zugleich den Abschluss der Interkulturellen Woche.

Eine Ausstellung in der Kirche zeigte Migranten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken mit ihrer Biografie und ihrem Lebensmotto.

Das Fest wurde gemeinsam mit der Maria-Pawlowna-Gesellschaft Weimar, dem Institut für Interkulturelle Kommunikation und der Multikul­turellen Integrationsgruppe sowie der Stadt Jena vorbereitet.

Rüdiger Grunow

Eine Chance zu neuen Erfahrungen

14. Oktober 2011 von redaktionguh  
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Am 16.  Oktober wird Reinhard Holmer als Direktor des Mutterhauses Neuvandsburg in Elbingerode eingeführt.

Reinhard Holmer pedigt. (Foto: Harald Krille)

Reinhard Holmer pedigt. (Foto: Harald Krille)

Wenn es um den Glauben und um »seine« Kirche geht, dann findet Reinhard Holmer deutliche Worte: »Die Welt wartet nicht auf noch ein politisches Wort der Kirche! Sie erwartet Wegweisung aus der Ewigkeit, Wort des lebendigen Gottes.« Das sagte der ursprünglich aus der mecklenburgischen Landeskirche kommende Pastor, der am 16. Oktober als neuer Direktor des Diakonissenmutterhauses Neuvandsburg in Elbingerode eingeführt wird, während der diesjährigen Gebetswoche der Evangelischen Allianz. Mit diesem Zusammenschluss theologisch konservativer Christen ist der 1956 geborene Holmer nicht nur im Herzen verbunden.

Seit 18 Jahren leitete er das Allianzhaus im thüringischen Bad Blankenburg. Bekannt ist das von Anna von Weling im 19. Jahrhundert gegründete Zentrum vor allem durch seine jährlichen Glaubenskonferenzen.

Klare Glaubenshaltung ohne theologische oder konfessionelle Engführungen – das bekamen Reinhard Holmer und seine neun Geschwister schon im Elternhaus vermittelt.

Der Name seines Vaters, Pastor Uwe Holmer, wurde schlagartig im ganzen Land bekannt, als er als damaliger Leiter der Hoffnungstaler Anstalten in Lobetal bei Bernau Anfang 1990 dem Ehepaar Honecker mehrere Wochen Asyl im Pfarrhaus gewährte.

Reinhard Holmer, der wie seine Geschwister als Pfarrerskind unter erheblichen Benachteiligungen in der DDR zu leiden hatte, bekennt sich bis heute vorbehaltlos zu diesem Akt der Nächstenliebe. »Wie hätte man in der Kirche jemals wieder über den barmherzigen Samariter predigen können, wenn man sich damals der Anfrage entzogen hätte?«, fragt er bis heute die Kritiker.

Verständnis für DDR-Nostalgie, Vergangenheitsverklärung und den Zulauf der Linkspartei hat er dennoch nicht.

Berührungsängste kennt der Vater von sieben Kindern auch in Sachen Ökumene nicht. Ob evangelische Kirchengemeinde in Bad Blankenburg oder katholische – Holmer unterhielt zu beiden gute Kontakte.

Und es darf schon als ein besonderes Zeichen gelten, wenn der evangelische Posaunenchor des Ortes mit dem Allianzhausdirektor regelmäßig katholische Gemeindefeste und sogar das Fronleichnamsfest begleitete.

Die letzen Jahre in Bad Blankenburg waren noch einmal ein gewaltiger Kraftakt: Zwei Jahre lang war Reinhard Holmer Leiter einer Großbaustelle – wurde doch das Allianzzentrum am steilen Berghang umgestaltet und behindertengerecht ausgebaut. Doch statt nun noch einige Jahre relativer Ruhe zu genießen, stellt er sich gemeinsam mit seiner Frau Friedegard einer neuen Herausforderung.

Er sah die Anfrage, ob er bereit wäre, Direktor des traditionsreichen Mutterhauses zu werden, als Chance zu neuen Erfahrungen. »Schon von der Größe her – 229 Diakonissen und 50 Mitarbeiter – ist das eine ganz andere Dimension«, ist ihm bewusst.

Und: »Es ist ein Haus mit langer Tradition, die aber in der bisherigen Form zu Ende geht.« Doch das Anliegen, diakonische Arbeit und Verkündigung der frohen Botschaft, gehen nach seiner Überzeugung weiter. »Es wird ein spannender Prozess – ja zur Geschichte sagen und Wege zur Veränderung suchen.«

Um 11 Uhr im Festgottesdienst und um 14 Uhr während einer Grußstunde wird Gelegenheit sein, dem neuen Direktor zu begegnen.

Harald Krille

Wir sind so frei

14. Oktober 2011 von redaktionguh  
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Zweiter Mitteldeutscher Kirchentagskongress in Eisleben beleuchtete den Freiheitsbegriff.
Stephan Krawczyk sang und las in der Annenkirche.<br />
Foto: Jürgen Lukaschek

Stephan Krawczyk sang und las in der Annenkirche.
Fotos: Jürgen Lukaschek

»Vor 22 Jahren hätten wir den Tag der Republik gefeiert, heute sind wir frei.« Lothar Tautz, Vorsitzender des Kirchentagslandesausschusses und Organisator des Treffens, war sich des historischen Datums durchaus bewusst. Doch es blieb nicht beim symbolträchtigen Auftakt des zweiten Mitteldeutschen Kirchentagskongresses am 7. Oktober in der Eislebener Annenkirche, zu dem der Liedermacher und frühere DDR-Regimekritiker Stephan Krawczyk in die Lutherstadt gekommen war.

Auch sonst zog sich das Motto »Ich bin so frei« wie ein roter Faden durch die drei Tage des Kongresses, der das Jahresthema »Reformation und Freiheit« aufgriff. Das betraf die Themengruppen ebenso wie die Bibelarbeit mit dem ehemaligen Europapolitiker und Theologen Ulrich Stockmann. In den Arbeitsgruppen ging es dann um so zentrale Fragen wie »Von der Freiheit des Gewissens« oder »Glauben und frei sein«.

Eine Gruppe tagte überwiegend in Bad Frankenhausen und befasste sich mit Thomas Müntzer und dem Thema »evangelisch regieren«. Das monumentale Bauernkriegsgemälde von Werner Tübke im Panorama-Museum bot den passenden Einstieg.

Zweiter Mitteldeutscher Kirchentagskongress in Eisleben: Eröffnung mit OB Fischer

Zweiter Mitteldeutscher Kirchentagskongress in Eisleben: Eröffnung mit OB Fischer

Bibelarbeit im Ratssaal

Bibelarbeit im Ratssaal


Selbst zum politischen Nachtgebet nach dem Konzert mit dem Oratorium »Die Schöpfung« in der voll besetzten Andreaskirche kamen noch einmal gut 80 Gäste ins Rathaus. Hier stritten der Thüringer Theologe und Politiker Edelbert Richter (Die Linke) mit dem Vorsitzenden des Evangelischen Arbeitskreises der CDU in Sachsen-Anhalt, Jürgen Scharf, über die gegenwärtige Finanzkrise.

Einigkeit bestand darin, die Rolle der Kirche im »Spiel« der Märkte zu benennen. Durch deutliche Worte und eigenes Handeln könnte sie ein Gegengewicht bieten und die Politik darin unterstützen, einen wirksamen Rahmen vorzugeben.

Das Thema griff schließlich auch der frühere Erfurter Propst Heino Falcke am Sonntag in seiner Predigt im Abschlussgottesdienst auf. »Der Götze wackelt schon«, sagte er mit Blick auf die Vergötzung des Geldes. Er forderte deshalb ein gemeinsames und klares Wort der Kirchen zum gegenwärtigen Finanzdebakel.

(mkz)

Gewaltausbruch

14. Oktober 2011 von redaktionguh  
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koptenEs ist nicht das erste Mal, dass koptische Christen in Ägypten unter gewalttätigen Auseinandersetzungen zu leiden haben. Doch der jüngste Ausbruch der Gewalt, bei dem am vergangenen Wochenende nach einer friedlichen Demonstration von Kopten gegen den Brandanschlag auf eine Kirche im oberägyptischen Assuan mindestens 24 Menschen ums Leben kamen, könnte einen tiefen Einschnitt bedeuten.

Lange galt das Land am Nil in gewisser Hinsicht als Vorbild für das Miteinander der muslimischen Mehrheit und der christlichen Minderheit. Nach dem Abgang des früheren Präsidenten Hosni Mubarak und dem Umbruch gab es die Hoffnung, dass die arabische Revolution das Klima weiter entspannen könnte. Das hat sich nun als blutiger Irrtum erwiesen. Die Zeit des Übergang bedeutet nicht automatisch mehr Sicherheit für die Christen. Im Gegenteil.

Ministerpräsident Essam Scharaf hat nicht umsonst vor einer weiteren Eskalation gewarnt. Die Folgen wären nicht nur für Ägypten fatal.

Letztlich steht am Nil auch das Verhältnis zwischen der muslimischen Mehrheitsgesellschaft und der christlichen Minderheit in der arabischen Welt auf dem Prüfstand.

Gelingt es der ägyptischen Führung nicht, die Christen vor der Gewalt zu schützen, droht ein weiterer Exodus, verlassen weitere Kopten ihre Heimat. Zwar ist Ägypten (noch) nicht der Irak, wo die Christen in Massen aus dem Land fliehen. Doch der Schaden ist schon jetzt beträchtlich.

Zum Glück gibt es – anders als sonst – auch Stimmen von muslimischer Seite, die zu einer Mäßigung aufrufen. So hat der renommierte sunnitische Imam Ahmed el Tajjeb einen Dialog von Muslimen und Christen angemahnt, um die Spannungen zu überwinden. Er selbst soll Medienberichten zufolge bereits Kontakt mit Patriarch Schenuda III. aufgenommen haben, der an der Spitze der koptisch-orthodoxen Kirche steht.

Das sind neue Töne und das lässt zumindest darauf hoffen, dass die Gewalt des vergangenen Wochenendes das Verhältnis nicht weiter vergiftet.

Martin Hanusch

Berkau in Feststimmung

7. Oktober 2011 von redaktionguh  
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Flämingdorf feierte Jubiläum und die Wiedereinweihung der Kirche.

Das Holzkreuz im Altarraum der Kirche wurde von der Künstlerin Silvia Topanka-Freihube und Bertram Freihube (beide Wittenberg) sowie Mario Zuber (Weddin) gestaltet (Foto: Achim Kuhn)

Das Holzkreuz im Altarraum der Kirche wurde von der Künstlerin Silvia Topanka-Freihube und Bertram Freihube (beide Wittenberg) sowie Mario Zuber (Weddin) gestaltet (Foto: Achim Kuhn)

Ein Stück ihrer dörflichen Identität möchten sie sich gern bewahren – trotz Eingemeindung nach Wittenberg. Fast auf Schritt und Tritt konnten dies am 24. September die Besucher des kleinen Flämingdorfes Berkau verspüren, dessen Einwohner das 640-jährige Jubiläum ihres Dorfes begingen. »Wir sind stolz Berkauer zu sein.« Die das mit einigem Lokalpatriotismus verkündete, war Edda Blume, Cheforganisatorin des Festes.

Kaiserwetter belohnte die Bemühungen der Dorfbewohner, die bis zuletzt Hand an ihre Kirche gelegt hatten, die übrigens Mitglied der »Mitteldeutschen Kirchenstraße« ist. Jahrzehntelang konnte sie nicht mehr genutzt werden.

Eine Grundsanierung, auch mit Hilfe von EU-Mitteln, ließ die Kirche nun in neuem Glanz erscheinen.

Das Ingenieurbüro von Brigitte Walter (Gräfenhainichen) begleitete das Bauprojekt.

Silvia Topanka-Freihube und Bertram Freihube (Wittenberg) und der Holzkünstler Mario Zuber (Weddin) schufen und gestalteten ein Holzkreuz, das der Kirche eine besondere Atmosphäre verleiht. »Unser täglich Brot gib uns heute«, heißt es in einem Schriftzug auf dem Kreuz. Mit flämingtypischen Motiven, wie Windmühle und hiesigen Landschaften, spürt der Betrachter ein Stück Heimat und kann sich mit diesem Kunstwerk identifizieren.

Viele Gratulanten hatten sich auf den Weg nach Berkau gemacht, so auch Wittenbergs Botenläufer, deren Grußbotschaft pünktlich 10.30 Uhr von Olaf Kurzhals verkündet wurde.

Wer als Gast nach Berkau kam, wurde überrascht von einem festlich geschmückten Dorf, von dessen 100 Einwohnern wohl jeder seinen Beitrag  zum Gelingen leistete. Beispielhaft der Zusammenhalt im Dorfleben.

»Wir können nicht warten, bis wir von der Wittenberger Verwaltung eine Order erhalten. Wir müssen es selbst anpacken. Das Ergebnis sehen Sie heute«, verkündete nicht ohne Stolz Ortsteilbürgermeister Klaus Eckert, in seiner Grußansprache.

»Wenn ich die Kirche heute anschaue,  verneige ich mich«

Sichtlich gerührt zeigte sich Eckert in der wieder erstandenen Kirche von Berkau. »Wenn ich mir die Kirche heute anschaue, verneige ich mich vor Ehrfurcht.« Beim erstmaligen Läuten der Glocken konnte man Ergriffenheit in den Gesichtern erblicken.

»Tut mir auf die schöne Pforte«, intoniert vom Posaunenchor Wittenberg, ließ Feststimmung aufkommen. »Schön, wenn man jahrelang von diesem Tag träumte und heute endlich diesen Traum als Realität erlebt«, so die einleitenden Worte von Pfarrer Armin Pra beim Festgottesdienst.

»Die Berkauer Kirche ist wie Urlaub.« Diese These untermauerte der Pfarrer in seiner Predigt. »Im Urlaub tut man seiner Seele etwas Gutes. Urlaub steht auch für Horizonterweiterung.« Zugleich  bedeutet sie auch ein Aussteigen aus dem Alltag und funktioniert nur in Gemeinschaft, so Pra.

Gemeinschaft war an diesem Sonnabend hautnah erlebbar. Die Plätze in der Kirche reichten bei weitem nicht aus. Eine Erkenntnis daraus: Ob konfessionslos oder Christen – Kirche ist nach wie vor Identität stiftend und sowohl geistiger, als auch geografischer Mittelpunkt eines Dorfes.

Rainer Schultz

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