Werke von einzigartiger Schönheit

24. September 2017 von redaktionguh  
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Orgelbau: Vor 400 Jahren starb Esaias Compenius. Er gilt als einer der bedeutendsten mitteldeutschen Orgelbauer

Seine überragende Begabung, die Liebe zum ästhetischen Detail, handwerkliche Perfektion, grandiose Intonationskunst und die klangliche Raffinesse der Instrumente von Esaias Compenius suchen ihresgleichen. Die Zusammenarbeit mit dem Musiker Michael Praetorius und dem kunstsinnigen Halberstädter Bischof und Herzog Heinrich Julius hat Werke von einzigartiger Schönheit hervorgebracht. Esaias Compenius war einer der genialsten Orgelbauer seiner Zeit.

Prospektkopie der Compenius-Orgel in der Stadtkirche Bückeburg. Foto:Wieland Kastning

Prospektkopie der Compenius-Orgel in der Stadtkirche Bückeburg. Foto:Wieland Kastning

Geboren im Dezember 1566 in Eisleben als Sohn des Organisten und Orgelbauers Heinrich Compenius und dessen Ehefrau Barbara, geb. Goertteler, erlernte Esaias Compenius wie seine Brüder Timotheus, Heinrich und Jacob den Orgelbau bei seinem Vater. Nach der Schulzeit in Eisleben, Erfurt und Nordhausen arbeitete Esaias 1589 mit dem Vater an einer Orgel für die Jacobi-Kirche in Hettstedt. Es kam zum Streit und beide trennten sich.

Wahrscheinlich hat er zwischen 1590 und 1598 unter anderem im Weserbergland um Bückeburg gearbeitet und um 1595 auch beim Bau der großen Orgel mitgearbeitet, die David Beck für Herzog Heinrich Julius von Braunschweig in der Schlosskirche von Gröningen errichtete. Ihr wundervoller Prospekt ist in der Martinikirche in Halberstadt erhalten – wo ein Projekt zur Rekonstruktion einer der schönsten Orgeln weltweit in Arbeit ist.

1598 arbeitete Esaias in der Werkstatt seines Bruders Heinrich in Halle. Danach ließ er sich in Magdeburg nieder und übernahm eine Reihe von Aufträgen, die er nicht alle bewältigen konnte. So in Sudenburg, wo die Arbeiten von seinem Bruder Heinrich zu Ende geführt wurden. 1603 hatte Esaias die Pflege der großen Schlossorgel in Gröningen übernommen. Für das Halberstädter Domkapitel arbeitete er auch als Instrumentenmacher. Damals erhielt der den Auftrag zum Bau einer Orgel für Kroppenstedt, der sich bis zum Jahr 1613 hinziehen sollte und sowohl dem Auftraggeber wie dem Orgelbauer großen Ärger bereitete. Denn 1605 beauftragte ihn Herzog Heinrich Julius mit dem Bau einer zweimanualigen Kabinettorgel mit Pedal für seine Gemahlin Elisabeth, Schwester des dänischen Königs Christian IV., für deren Sommerresidenz in Schloss Hessen. Dieses mit dem Wolfenbütteler Hofkapellmeister Michael Praetorius und dem Herzog konzipierte grandiose Instrument hatte absolute Priorität. 1612 übernahm Compenius unter der Mitwirkung von Michael Praetorius den Bau einer dreimanualig disponierten Orgel für die neue Stadtkirche in Bückeburg. Mit seinem Sohn Adolph baute er bis 1615 an diesem Werk, das von Adolph noch erweitert wurde.

Esaias hatte inzwischen mit dem Domkapitel in Hildesheim ein neues Projekt abgesprochen, ebenso den Bau einer kleinen Orgel für eine Klosterkirche südlich von Hildesheim, als er von Elisabeth, der Witwe des Herzogs Heinrich Julius, den Auftrag erhielt, das »Höltzern Orgelwerck« als Geschenk für König Christian IV. nach Dänemark zu versetzen. Daher musste er seine Projekte zurückstellen und gab sie an seine Brüder weiter.

Compenius, der nach dem Tode seiner ersten Frau in Kroppenstedt erneut geheiratet und sich in Braunschweig niedergelassen hatte, zog im Frühjahr 1617 mit seiner kostbaren Fracht nach Schloss Frederiksborg bei Hilleröd. Dort baute er das herrliche Instrument wieder auf. Es ist dort trotz mehrerer dramatischer Vorkommnisse nach einer durchgreifenden Restaurierung erhalten. Schon das Äußere vermittelt durch die von einer Fama-Figur gehaltenen dänischen und braunschweigischen Wappen fürstlichen Pomp. Die Hinweise auf Venus und Merkur mit musizierenden Putten beschwören die Aura antiker Liebeslyrik. Die »Compenius-Orgel« umgibt ein Schleier des Geheimnisvollen vollendeter Schönheit, allein schon durch die harmonischen Proportionen der drei Prospektarkaden mit dem Dekor der Frontpfeifen aus Elfenbein und Ebenholz.

Mit diesem Juwel des historischen Orgelbaus verliert sich die Spur des Erbauers im Frühjahr 1617. Wann und wo Esaias Compenius gestorben ist, bleibt ein Geheimnis. Von seinem Selbstverständnis als Künstler zeugt ein Satz aus seiner Korrespondenz mit dem Kroppenstedter Rat, mit dem er auf Vorwürfe reagierte, er wolle die Kroppenstedter »an der Nase herumführen«: »Wann mir dann solche große verachtung vnd verkleinerung, meiner Kunst vnd ehrlichen nahmens, nicht alleine schmertzlichen wehe thut.«

Gerhard Aumüller

Der Autor ist Mediziner und hat zum Orgelbau geforscht. Er ist im Beirat der Internatio-
nalen Heinrich-Schütz-Gesellschaft. Einen Vortrag zum Thema hält er am 30. September, 15 Uhr, in der Kirche zu Kroppenstedt.

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Demokratie gestalten

24. September 2017 von redaktionguh  
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Im gemeinsamen Wort der Kirchen zur Bundestagswahl heißt es, Demokratie lebt durch Beteiligung, und nur so können Anliegen und Interessen der Menschen in eine Politik umgesetzt werden, die dem Gemeinwohl dient. Die Erinnerung daran tut not, angesichts gewachsener Aggressionen gegenüber jenen, die auf komplexe Probleme eben keine einfachen Antworten geben.

Nach wie vor gibt es soziale Probleme auch in unserem Land. Die Folgen der demografischen Entwicklung müssen gestaltet werden, um angemessene Lebensbedingungen bis ins Alter gewährleisten zu können. Die Arbeitswelt steht durch Globalisierung, Automatisierung und Digitalisierung erkennbar vor Wandlungsprozessen. Chancen und Risiken müssen aufeinander bezogen werden, um Wohlstand für alle zu fördern.

Der Prozess der europäischen Einigung wird mit stärker gewordener Skepsis betrachtet. Nationale Identitäten und gemeinsame Interessen müssen zum Ausgleich gebracht und plausibel vermittelt werden. Menschen suchen Zuflucht und Perspektive in unserem Land. Ihnen eine Heimat zu geben und sie zu integrieren, fordert uns in besonderer Weise heraus.

Wir nehmen wahr, dass sich Menschen um Identität und sozialen Frieden in unserem Land sorgen. Die Zahl derer nimmt zu, die den Eindruck haben, nicht gehört und verstanden zu werden. Darauf müssen wir Antworten finden, die zusammenführen und nicht spalten. Große Parteien stehen zur Wahl und auch kleine. Wie auch immer man wählt, es ist ein wichtiger Beitrag zur Gestaltung unseres Landes. Wir sollten ihn nicht verweigern!

Albrecht Steinhäuser

Der Autor ist Beauftragter der evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung Sachsen-Anhalt.

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Solidargemeinschaft eigener Art: Das geteilte Leid

23. September 2017 von redaktionguh  
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Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.

1. Petrus 5, Vers 7

Gott hält die Welt in seiner Hand. Er trägt die Menschen und hilft ihnen, auch Zeiten der Anfechtungen zu erdulden. Die hier zum Ausdruck kommende Fürsorge ist durch nichts begrenzt. Gerade diese Universalität kann in Bewährungssituationen Kraft geben, denn Fallstricke lauern überall.

Nicht von ungefähr fügt Petrus dem Verweis auf die behütende Majestät Gottes einen weiteren Aufruf an: »Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder und Schwestern in der Welt kommen.« Das geteilte Leid ist eine Solidargemeinschaft eigener Art.

Wohl kaum jemand hat den permanenten Kampf mit dem Dämonischen so existenziell und literarisch verdichtet präsentiert wie Goethe. Am Ende von Faust II tritt neben Mangel, Schuld und Not die Sorge personifiziert in Erscheinung: »Stets gefunden, nie gesucht, / So geschmeichelt wie verflucht.« Faust will von ihr nichts wissen. Die Sorge demonstriert allerdings umgehend ihre Macht und schlägt ihn mit Blindheit: »Die Menschen sind im ganzen Leben blind, / Nun, Fauste, werde du’s am Ende!«

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg

Hier ist kein Gott präsent, der die Last des Menschen stellvertretend trägt. »Wen ich einmal besitze«, kommentiert die Sorge triumphierend, »dem ist alle Welt nichts nütze.« Eben darin drückt sich die Kraft der Sorge aus, dass sie sich in die Seele des Menschen hineinarbeitet und den Blick auf die Umwelt verdüstert und lähmt. Ihr Erscheinungsbild ist facettenreich und kaum zu fassen. Sorgen um die eigene Existenz, das eigene Ergehen, sind das eine, Sorgen um andere stehen noch einmal auf einem ganz anderen Blatt, sie sind in der Regel viel schwerer zu ertragen.

Der Zuspruch, den Petrus in seinem Brief mitteilt, trifft den Kern der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen und mitten hinein in die Brüchigkeit des Lebens.

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt

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Jesus im Hinterhof

22. September 2017 von redaktionguh  
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Offene Arbeit: Ein Synonym für Freiheit, politische Diskussionen, unangepassten Lebensstil inmitten der DDR und im Schoß der evangelischen Kirche. Hat die kirchliche Jugendarbeit den Herbst 1989 erst möglich gemacht?

Es gibt keine direkte Linie von der Offenen Arbeit zur friedlichen Revolution. Aber es gibt Protagonisten der Friedensbewegung und Opposition, die in der Offenen Arbeit lernten, Themen zu diskutieren und sich auf Augenhöhe mit anderen und ihren Meinungen auseinanderzusetzen. Junge Menschen, die nicht ins DDR-Raster passen wollten.

Die Jugendpolitik im DDR-Sozialismus zielte seit den 1960er-Jahren sehr stark auf Formierung und Homogenisierung. »Jugendlichen, die lange Haare hatten, in Jeans rumliefen und andere Musik hören wollten, wurden zunehmend die Räume verschlossen«, erklärt die Historikerin Katharina Lenski. Sie kennt die Zeit aus eigenem Erleben. Lenski hatte Medizin studiert, wurde aus politischen Gründen exmatrikuliert. Anschließend war sie in der Berliner Opposition aktiv.

Protest im Rahmen der Kirche: Jugendliche beim Kirchentag 1983 in Erfurt. Foto: Archiv

Protest im Rahmen der Kirche: Jugendliche beim Kirchentag 1983 in Erfurt. Foto: Archiv

Diesen Jugendlichen öffneten Seelsorger der evangelischen Kirche Räume. »Hier konnten die Konflikte zur Sprache kommen und wurden zu faszinierenden Bildungsprozessen. Politische Gestaltungsräume gab es ja kaum«, sagt Christian Dietrich, Thüringer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung des SED-Unrechts. Karl-Marx-Stadt, Saalfeld, Jena, Bad Blankenburg, Halle-Neustadt und Erfurt waren einige der Standorte für Offene Arbeit. Pfarrer Walter Schilling war eine wichtige Symbolfigur der Offenen Arbeit in der DDR. Ein charismatischer Seelsorger, der das Rüstzeitheim in Braunsdorf bei Rudolstadt aufbaute, das von vielen jungen Menschen besucht wurde. Schilling praktizierte mit seiner Offenen Arbeit die »Konzeption der Konzeptlosigkeit«, ein Gegenmodell zur sozialistischen Erziehung. Er öffnete im Sommer 1978 die Rudolstädter Stadtkirche für Jugendliche und gab ihnen mit »June 78« ein Gefühl von Freiheit. In gewisser Weise entstand mit der Offenen Arbeit eine Insel im DDR-Alltag, meint Katharina Lenski. »Man hat versucht, sich dort mit konkreten Problemen auseinanderzusetzen.« Das bedeutete auch, dass man in diesem Rahmen Kritik äußern konnte. »Da war die Offene Arbeit doch förderlich, um doch einfach mal auch zu experimentieren, so unbeholfen das gewesen ist.«

Dass Offene Arbeit gelang, hing vor allem von den handelnden Personen ab. Walter Schilling oder Lothar Rochau riskierten mit ihrem Engagement viel – staatlich wie kirchlich. Rochau, Jugendwart der Offenen Arbeit in Halle-Neustadt wurde entlassen und sogar inhaftiert. »Im kirchlichen Selbstverständnis war diese Arbeit immer grenzwertig. Der Thüringer Bischof Werner Leich brachte dies auf die Formel, Kirche sei offen für alle, aber nicht für alles, so Dietrich. Im Fall von Rudolstadt hatte der dortige Superintendent die Veranstaltungen für Jugendliche und damit den Jugendpfarrer und seine Aktivitäten unterstützt. »Aber die höheren Hierarchien, die Oberkirchenräte, die haben das alle bekämpft. Und gleichzeitig mit der Staatssicherheit kooperiert«, weiß Historikerin Lenksi. Unangepasste Themen, Lebensweise, Äußeres – das beunruhigte Staat und Kirchenleitung.

Verantwortliche unterbanden mitunter die Arbeit der Jugendpfarrer. Somit brachen die Gruppen der Offenen Arbeit vielerorts immer wieder auseinander. Eine große Enttäuschung für die nach Vertrauen und Halt suchenden Jugendlichen. »Der Druck auf die jungen Menschen wurde stärker und ebenso die verdeckten Zersetzungsmechanismen, die dann auch soziale Erosionen hervorgerufen haben. Da haben sich Partnerschaften getrennt, Freundschaften sind zerbrochen«, so Lenski. Dass die Offene Arbeit nicht nur ein Jugendmodell war, betont Christhard Wagner vom Evangelischen Büro Thüringen. Alle Menschen seien willkommen gewesen, egal woher und in welchem Alter. Gelebtes Evangelium, unter sozialistischen Außenbedingungen. Der frühere Jugendpfarrer ist sich sicher: »Wenn Jesus wiederkommt, dann sitzt er zuerst im Hinterhof der Offenen Arbeit.«

Diana Steinbauer

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Nach »Mach dich ran« geht es nun los

18. September 2017 von redaktionguh  
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Eichholz: Kirchensanierung startet nach dem Erntedank-Gottesdienst

Groß war die Freude in Eichholz über den Gewinn von 125  000 Euro Fördermitteln der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland in der MDR-Sendung »Mach dich ran« vor zwei Jahren; groß aber auch die Sorge, weitere 125 000 Euro an Eigenmitteln zusammenzubringen, um den Gewinn abzurufen. In diesem Herbst kann Pfarrer Albrecht Lindemann nun melden: »Es sieht gut aus, wir werden die Summe wohl zusammenbringen.«

Bereits nach dem Erntedankgottesdienst (1. Oktober, 14 Uhr) wird die Sanierung der baufälligen Feldsteinkirche aus dem frühen 13. Jahrhundert beginnen. Zunächst wird eine Apsis neu gemauert, dann die aus dem 19. Jahrhundert stammende Erweiterung abgetragen und die Kirche auf ihr ursprüngliches, mittelalterliches Maß zurückgebaut. Anschließend werden das Dachtragwerk und die Decke des Kirchenschiffes abgerissen, Risse in der Fassade saniert, der Innenraum gestaltet sowie die Elektroinstallation, der Eingang und die Fenster erneuert. Die Sanierung der Kirche am Lutherweg wird durch das Zerbster Ingenieurbüro Götz geleitet. Die künstlerische Gestaltung hat Professor Johannes Schreiter übernommen.

Ein Luther aus Ton: Ulrich Schwarz und Harald Birck (r.) mit der Skulptur für Eichholz. Foto: Albrecht Lindemann

Ein Luther aus Ton: Ulrich Schwarz und Harald Birck (r.) mit der Skulptur für Eichholz. Foto: Albrecht Lindemann

Viel private Unterstützung gibt es für die Eichholzer Kirchengemeinde. Die von der Schönebecker Manufaktur von Heinrich Tognino gefertigten Stifte aus Eichholzer Kirchenholz fanden viele Abnehmer, jeder siebte Euro fließt in die Kirchensanierung, bislang kamen so 2 000 Euro Spenden zusammen. Kürzlich hat die Kirchengemeinde zudem eine Lutherskulptur des Berliner Künstlers Harald Birck geschenkt bekommen. Der Maler und Bildhauer fertigte 2010 für das Wittenberger Luther-Hotel eine 2,20 Meter große Figur des Reformators. Neben dieser Bronzestatue entstand eine Reihe von Bildern und Skulpturen, viel beachtet und beschrieben in einem Sammelband von Autoren wie Heinrich Bedford-Strohm, Margot Käßmann und Frank-Walter Steinmeier. Als spielerisch bezeichnet Birck seine Arbeitsweise bei der Suche nach dem eigenen Lutherbild, »mein Luther sollte ein Mensch werden: leidend, kraftvoll, stolz, sinnlich, verletzlich, handelnd, hadernd … eben lebendig«.

Der Dortmunder Unternehmer Ulrich Schwarz, der die Sanierung der Eichholzer Kirche anlässlich seines 65. Geburtstages bereits mit einer Spende von 10 000 Euro gefördert hatte, sah nun in Dortmund die Wanderausstellung »Bilder von Luther« von Birck, nahm kurzentschlossen Kontakt auf und erwarb die aus Ton gefertigte Plastik für Eichholz. »Meine Frau und ich fühlen uns Eichholz durch unsere Familie sehr verbunden«, begründet Ulrich Schwarz sein Engagement. »Wir genießen die Schönheit der Landschaft und die Gemeinschaft der Menschen. Gern tragen wir etwas bei«, so Schwarz.

»Als Kirchengemeinde sind wir für dieses Geschenk und die Unterstützung, die wir von vielen Seiten erfahren, sehr dankbar. Ob Martin Luther selbst hier war, wissen wir nicht«, sagt Maren Gabriel, Vorsitzende des Gemeindekirchenrates. »Reisende auf dem Lutherweg treffen zukünftig in unserer Kirche aber auf einen einmaligen Luther.«

(G+H)

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Gottes Gartenhaus auf Reisen

18. September 2017 von redaktionguh  
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Bilanz: Kirche auf der Thüringer Landesgartenschau in Apolda

Ein frischer Septemberwind holt das erste Laub von den Bäumen. Auf den Wegen an der Herressener Promenade sind die Gärtner nun mit Rechen und großen Weidenkörben unterwegs. Auch in Gottes Gartenhaus kündigt sich der Herbst an: Die Rebe neben dem Altar trägt volle, weiße Trauben – fast wie gemalt.

Seit im April die 4. Thüringer Landesgartenschau in Apolda ihre Pforten öffnete, ist die kleine Lichtung zwischen Friedensteich und Herressener Bach für viele Besucher zu einem »Lieblingsort«, einer Insel der Ruhe geworden. Die Seiten im Gästebuch der Glaskirche sind gefüllt mit Dank –für die Möglichkeit zum Innehalten, für gute Gespräche, die kleine Auszeit vom Alltag.

Lichtzauber im Park: Auch am Abend war Gottes Gartenhaus für viele Gartenschau-Besucher ein Anziehungspunkt. Foto: Harald Krille

Lichtzauber im Park: Auch am Abend war Gottes Gartenhaus für viele Gartenschau-Besucher ein Anziehungspunkt. Foto: Harald Krille

Der evangelisch-lutherische Kirchenkreis Apolda-Buttstädt hat gemeinsam mit zahlreichen Ehrenamtlichen, der katholischen Kirchengemeinde, diakonischen Einrichtungen und mit Unterstützung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland ein vielseitiges Programm auf die Beine gestellt. Unter dem Motto »ganz nah« wurden Vorträge, Konzerte, Theater, Musical und Meditation geboten. Dreimal täglich wird geläutet, zu Andachten und sonntags zum Gottesdienst. An den Hochbeeten vor Gottes Gartenhaus konnten die Besucher von Pfarrer Johannes Schmidt Wissenswertes über die biblische Pflanzenwelt erfahren und sehen, dass Gottes Geschichte mit den Menschen in einem Garten beginnt und in einem Garten endet.

Möglichkeit für eine kleine Auszeit vom Alltag

»Unsere Veranstaltungen waren durchweg sehr gut besucht«, berichtet Superintendentin Bärbel Hertel. Ende August zählte die Landesgartenschau den 300 000. Besucher und erreichte damit schon vor ihrem Ablauf das geplante Mindestziel der Organisatoren. »Es kam nicht selten vor, dass wir noch zusätzliche Stühle vor dem Gartenhaus aufstellen mussten«, erinnert sich Bärbel Hertel. »Das hat unsere Erwartungen weit übertroffen.«

Das gute Gelingen sei auch den engagierten Gästebegleitern zu verdanken, sagt Bärbel Hertel. »Die Ehrenamtlichen sind hier mit viel Begeisterung und Einsatzbereitschaft im Dienst.« Einer von ihnen ist Ulrich Köstli. Der evangelische Christ ist eigens aus dem Erzgebirge angereist, um in Apolda mitzuhelfen. »Ich bin ein großer Gartenschau-Fan, ich helfe gern und finde es spannend, mit so vielen unterschiedlichen Menschen an Gottes Gartenhaus ins Gespräch zu kommen«, erzählt er. Vielleicht nimmt er bald einen der transparenten Plastikstühle aus dem Gartenhaus-Inventar mit nach Hause.

Gartenstühle als Andenken reserviert

Die Stühle hätten sich schon einige der Gästebegleiter als Andenken reservieren lassen, weiß Bärbel Hertel. Auch für die Gartenbänke, die Bibelpflanzen und Hochbeete werden Nachnutzer gesucht. Ein Interessent für den Kirchenpavillon sei schon gefunden, verrät die Superintendentin. »Sehr wahrscheinlich tritt unsere schöne Glaskirche bald eine Reise nach Süddeutschland an.«

Wenn nämlich am 24. September, nach 149 Tagen, die 4. Thüringer Landesgartenschau endet, muss der Standort wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden. Das 15 Hektar große, aufwendig sanierte Parkareal mit der denkmalgeschützten Herressener Promenade und den beiden Teichen, soll ab 2018 mit dem Abbau des umlaufenden Zauns wieder frei zugänglich sein. »Vielleicht kann das Steinfundament von Gottes Gartenhaus erhalten bleiben«, sagt Bärbel Hertel. »Für alle, die sich hier eingebracht haben, wäre das ein schöner Treffpunkt, ein Erinnerungsort.«

Beatrix Heinrichs

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Wenn Musik den Glauben trägt

18. September 2017 von redaktionguh  
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Jubiläum: Saalfelder Vocalisten feiern 30-jähriges Bestehen

Ein sommerlich-lauer Sonntagnachmittag. In einer kleinen Dorfkirche im Saaletal singen die Saalfelder Vocalisten geistliche Lieder. Es ist andächtig still. Dann kommt der Applaus – und die Ansage: Teil zwei des Konzertes gibt es im Nachbardorf. Es ist nicht ganz üblich, bei Nachbars in die Kirche zu gehen, wenn man doch selber eine hat. Aber jetzt, wo die Gemeinden zusammengelegt werden, da muss man wohl. Nach Kaffee und Kuchen wandert die ganze Gemeinde weiter zur nächsten Kirche. Die Vocalisten gehen voran, sie locken ihre Konzertgemeinde von einem Dorf ins nächste und von einer Kirche in die andere. Ach guck, die ist auch schön. Die Vocalisten sind ein gutes Zugpferd für die Gemeindearbeit, weiß die Pastorin. Und die acht Männer lassen sich gerne einspannen. Kleine Konzerte in kleinen Dorfkirchen – das ist völlig in Ordnung und hat auch etwas mit Heimat zu tun und mit ihrem Selbstverständnis. Sie sind – obwohl kein Kirchenchor – aktive Christen. Das wiederum kommt auch von der Musik. »Wenn es nicht so schöne Kirchenmusik gäbe – ich weiß nicht, ob ich an das Evangelium glauben könnte«, sagt Arnulf Heyn, der Blumenhändler. »Ich werde durch die Musik im Glauben getragen.«

Die Saalfelder Vocalisten: Im Repertoire haben sie hauptsächlich geistliche Lieder. Foto: Saalfelder Vocalisten

Die Saalfelder Vocalisten: Im Repertoire haben sie hauptsächlich geistliche Lieder. Foto: Saalfelder Vocalisten

Begonnen haben die Vocalisten bei den Thüringer Sängerknaben. Die strenge Schule von Walter Schönheit hat sie geprägt, später von Michael Schönheit. Mit Matrosenkrägelchen standen sie als Achtjährige schon auf der Empore der Johanniskirche in Saalfeld und sangen Motetten und Oratorien und in unzähligen Gottesdiensten. »Da gehen einem die gottesdienstlichen Abläufe in Fleisch und Blut über.«

Konzerte, Chorreisen – die Kirchen wurden eine zweite Heimat. »Und wenn dann die Morgensonne durch die Bleiglasfenster hereinscheint, geht mir das Herz auf«, erinnert sich Stefan Matz. »Da spüre ich die Religion.« Er ist Diplomkaufmann und bewertet Immobilien. Es sei der größte Lohn, die Zuhörenden mitzunehmen, sodass sie am Ende still und berührt aus der Kirche gehen.

Begonnen haben die acht Männer mit Trinkliedern in Kneipen und für Freibier. Dann wurden die Bühnen größer – vom Kulturhaus Rudolstadt-Schwarza bis ins ZDF und von Thüringen aus ging es bis in die USA, nach Japan und Südafrika. Hauptsächlich geistliches Liedgut von Bach bis Biller ist in ihrem Repertoire, aber auch Stücke von den Comedian Harmonists. Drei CDs haben sie eingespielt, eine DVD dokumentiert ihre Japanreise.

Nun sind sie seit 30 Jahren ein Team. »Wenn einer denken würde, er könne seinen Schädel durchsetzen, wären wir nicht mehr zusammen.«

Einmal saß der Kloß im Hals. Das war bei der Beerdigung ihres Chorbruders Bertram. Trotzdem haben sie gestanden und gesungen und sich hinterher in den Armen gelegen. Jesum bleibet meine Freude.

Singen wollen sie noch lange, sagt Henrik Pfeiffer, der Schornsteinfegermeister. Nur die Qualitätslatte bleibt hoch. »Wenn wir schlechter werden, ist irgendwann Schluss. Hoffentlich noch lange nicht.«

Ulrike Greim

Jubiläumskonzert am 23. September um 17 Uhr im ehem. Franziskanerkloster Saalfeld (Stadtmuseum)

www.saalfelder–vocalisten.de

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Durchweg positive Einträge

18. September 2017 von redaktionguh  
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Bugenhagenhaus: Bilanz der EKM-Themenwochen – Botschaften zum Abschluss übergeben

Im Wittenberger Bugenhagenhaus präsentierten sich während der Weltausstellung Reformation Kirchenkreise und Initiativen aus der EKM. Mit der Projektverantwortlichen Adelheid Ebel sprach Willi Wild.

Wie sieht Ihre persönliche Bilanz aus?
Ebel:
Es war ein toller Sommer. Im Bugenhagenhaus habe ich viele wunderbare Menschen aus unserer Landeskirche kennengelernt. Unsere Kirche lebt, da ist viel Kreativität und Engagement. Der Austausch war wirklich sehr wertvoll. Ein Höhepunkt für mich waren »Luthers Freunde« aus dem Südharz, die mit einer dreieinhalb Meter großen Lutherpuppe durch die Innenstadt gezogen sind und Besucher auf die Angebote im Bugenhagenhaus aufmerksam gemacht haben.

Wie war die Resonanz?
Ebel:
Wir haben die Erfahrung gemacht, wenn wir rausgehen, Menschen einladen und auf die Angebote aufmerksam machen, dann wirkte sich das auf die Resonanz im Haus aus. Nach dem Kirchentag hatten wir allerdings erst mal Flaute. Aber in der Urlaubszeit, im Juli und August, wurde es dann immer besser. Ich glaube, auch für die beteiligten Kirchenkreise war es eine schöne Erfahrung, wenn die Teams eine Woche gemeinsam hier in Wittenberg verbracht haben.

Welche Kommentare haben die Besucher im Gästebuch hinterlassen?
Ebel:
Die Kommentare sind durchweg positiv. Da heißt es dann: Vielen Dank für den einladenden Raum, für die Gestaltung, für den freundlichen Empfang, für interessante Ausstellungen, für gute Begegnung und gute Ideen, für eine tolle Zeit und tolle Gespräche. Ein Kind hat geschrieben: »Ich hab Kostüme angezogen, ich hab alte Schrift ausprobiert. Es hat mir gefallen.«

Ein Schatzkästchen mit Botschaften übergab Adelheid Ebel (rechts) an Reformationsbotschafterin Margot Käßmann (links). Foto: Thomas Klitzsch

Ein Schatzkästchen mit Botschaften übergab Adelheid Ebel (rechts) an Reformationsbotschafterin Margot Käßmann (links). Foto: Thomas Klitzsch

Der Kirchenkreis Mühlhausen hatte Kostüme mitgebracht. Damit konnte man sich fotografieren lassen. Ein weiterer Eintrag, der mich bewegt hat: »Ich wünsche der EKM den Mut eines Luthers, für Überzeugung Kopf und Kragen zu riskieren.« Diese Botschaft verstehe ich als Anregung für unsere Arbeit: Den Mut zu haben, Dinge zu lassen, wo wir wissen, das funktioniert nicht mehr. Stattdessen gemeinsam zu schauen, wo entsteht etwas Neues.

Reformation geht weiter – was bleibt von der Weltausstellung?
Ebel:
In der vergangenen Woche wurden die Zukunftsprojekte der EKM thematisiert. Die sogenannten Erprobungsräume stießen dabei auf großes Interesse auch von Mitgliedern anderer Landeskirchen. Dabei wurde gezeigt, welche Ideen und neuen Formen von Kirche in den Regionen erprobt werden und welche Auswirkungen sie haben. Da passiert Reformation ganz praktisch vor Ort. Sich darüber auszutauschen, das kam sehr gut an und geht weiter. Das war eine Art Zukunftswerkstatt mit regionalen Bezügen.

Die Weltausstellung Reformation ist zu Ende. Gilt das auch für die Aktivitäten des Kirchenkreises?
Ebel:
Nein, wir bleiben natürlich gute Gastgeber und es gibt weiterhin eine Reihe von Angeboten. Beispielsweise werden die ökumenischen Themengottesdienste in der Stadtkirche, gleich neben dem Bugenhagenhaus, jeden Mittwoch um 20.17 Uhr, bis zum 25. Oktober fortgesetzt. Im Reformationssommer haben wir gelernt, dass wir uns nicht verstecken brauchen. Wir wollen als Kirche auf vielfältige Weise erkennbar sein und uns dazu mutig auf den Marktplatz stellen.

www.kirchenkreis-wittenberg.de

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Welche Rolle spielen Christen in der Politik, Herr Resing?

18. September 2017 von redaktionguh  
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Nahezu 60 Prozent Christen leben in Deutschland. Wie groß ist der Einfluss in Politik und Gesellschaft? Der Journalist und Buchautor Volker Resing (»Angela Merkel – Die Protestantin«) hat darauf geantwortet:

Welche Rolle spielen Christen in der Politik?
Resing:
Christen spielen in der Politik eine maßgebliche Rolle. Gerade in den neuen Bundesländern sind engagierte Christen nach 1990 in wichtige Positionen gekommen. Ohne das soziale Engagement von Christen und den Kirchen sähe es in unserem Land gewiss schlechter aus.

Wie viel Kirche und Christentum verträgt die Politik?
Resing:
Aus der christlichen Botschaft lässt sich in der pluralen Gesellschaft kein eindeutiges politisches Programm ableiten. Wer das behauptet, der missbraucht die Bibel für seine persönlichen politischen Ziele. In der Demokratie ist es auch als Christ legitim, etwa die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung zu begrüßen oder sie zu kritisieren. Die Kirchen haben sich hier klar und laut positioniert, dass das Eintreten für Menschen in Not zur Christenpflicht gehört. Manchen war das zu deutlich, aber klar erkennbar waren die Kirchen da.

Volker Resing Foto: Markus Nowak

Volker Resing Foto: Markus Nowak

In manchen anderen Fragen gibt es ja auch unter den verschiedenen christlichen Kirchen – und auch unter Christen – sehr unterschiedliche Positionen. Etwa in der Abtreibungsfrage oder bei der Diskussion um die Ehe für homosexuelle Paare. Das ist für Christen manchmal sehr schwierig, da eine eigene Orientierung und Positionierung zu finden. Aber dass es als Christ leicht sein würde in der Welt, das hat Jesus auch nicht verheißen.

Das Thema eines Gesprächsforums in Magdeburg heißt »Das Verschwinden des Christentums aus der Politik?« Wie stehen Sie dazu?
Resing:
Meine Kernthese ist, dass vielmehr die Entkirchlichung und das Verschwinden des Christentums in der Gesellschaft das Problem ist. Gerade in den neuen Bundesländern hat man da ja durchaus schon mehr Erfahrung als im Westen. Und auch dabei ist die sinkende Zahl von Gottesdienstbesuchern doch nur ein Symptom der Krankheit. Viel schlimmer ist, dass die Menschen die christliche Botschaft nicht mehr verstehen – und viele Christen sie nicht mehr erklären können.

Theologen in der Politik – Vorteil oder Hindernis?
Resing:
Vielleicht muss man hier an Martin Luther und die Freiheit eines Christenmenschen erinnern. Das Christentum ist nun mal, auf die Politik bezogen, keine Sprache oder kein Fachgebiet wie etwa das Englische, bei dem man mit einem Test einwandfrei nachprüfen könnte, ob jemand es beherrscht oder nicht.

Das Christentum ist keine Ideologie. Und wenn es eine wäre, das Christentum wäre heute nicht die mit Abstand größte Glaubensgemeinschaft der Welt. Die Botschaft des Auferstandenen ergreift Asiaten und Afrikaner, Amerikaner und auch Sachsen-Anhalter und Thüringer gleichermaßen, wer sie da kleinmachen will für sein eigenes kleines Leben, der hat die Sprengkraft des Glaubens vielleicht noch nicht ganz erfasst.

Die Fragen stellte Diana Steinbauer.

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Wenn das Wort Gottes die Realität verändert

16. September 2017 von redaktionguh  
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Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Psalm 103, Vers 2

Viele Verse aus der Bibel führen ein Eigenleben – nicht nur, wenn sie einer Woche zugeordnet werden. Ihrem unmittelbaren Zusammenhang entnommen, dienen sie als Losung oder Spruch zu allerlei Anlässen – ob es etwa um die Taufe, die Konfirmation, Hochzeiten, Einführungen oder Jubiläen geht.

Während die Losung durchaus darauf angelegt ist, zur weiteren Schriftlektüre anzuregen und konsequent auch Bezüge vom Alten auf das Neue Testament hergestellt werden, haben Segenssprüche noch stärker ihren Wert aus sich selbst heraus, fangen den Moment ein und stellen das Leben und Lebensübergänge unter den Zuspruch Gottes. Sie werden zunächst laut zum Ausdruck gebracht, als Sprachereignis, sind dann aber auch präsent in Urkunden oder Karten. Wer sie, womöglich nach Jahrzehnten, wieder in die Hand nimmt, fühlt sich erinnert an den einstigen Platz im Leben, kann erkennen, wie die Verse nicht nur im unmittelbaren Erleben die Kraft hatten, Realität zu bestimmen und zu gestalten, sondern auch zum Motto eigener Biografie werden konnten. Den Kontext gibt das sich wandelnde Leben vor, das so stets in Verbindung mit Gott gehalten wird.

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg

Ganz andere Verweise ergeben sich, wenn der Vers an seinem literarischen Ursprungsort wahrgenommen wird. Wenn im Psalm die Seele aufgerufen ist, Gott zu loben – »meine Seele«, die gleichzeitig für die aller anderen steht –, dann wird sie verbunden mit dem Hinweis, die geschehenen guten Taten Gottes am Menschen nicht zu vergessen. In den folgenden Aussagen werden vergangenes und gegenwärtiges, ewig präsentes Handeln Gottes verknüpft. Seine Barmherzigkeit überwindet die Sünden der Menschen, und es erklingt ein Lob, in das auch die Engel einstimmen können. Die ganze Welt preist ihren Schöpfer. Und obwohl der Mensch in seinem Leben »wie Gras« ist, »wie eine Blume auf dem Felde« blüht und vom Winde verweht wird, weiß er sich doch stets von der Güte Gottes getragen und trotzt den Widerfahrnissen, die ihm begegnen.

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg


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