Wo Martin Luther auch war

24. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Testfahrt: Zerbst gehört von Anfang an zum Lutherweg in Sachsen-Anhalt. Der 2008 eröffnete Pilgerweg ist 2017 um einen Abzweig nach Magdeburg verlängert worden. Zu sehen gibt es einiges. Manchmal muss man raten.

Hier stehe ich und weiß nicht weiter. Nur zu gern würde ich im Dorf Schora in den Weg einbiegen, der mich weiter in Richtung Lübs und Elbe führt. Doch das letzte Lutherweg-Schild, ein altertümliches grünes L auf weißem Grund, habe ich am Stadtrand von Zerbst gesehen. So lege ich in der Ortsmitte eine Pause ein: am 2007 eingeweihten Gedenkort für die 1945 kriegszerstörte Kirche, von der nur eine Glocke übrig blieb. Zweimal schon bin ich, von Zerbst über die Dörfer Töppel und Moritz kommend, in Schora falsch abgebogen. Ein drittes Mal brauche ich das nicht. Aufs Navi habe ich (warum nur?) verzichtet – und das habe ich jetzt davon.

Streifzug durch eine alte Kirchenlandschaft

Bislang bildete Zerbst den Scheitelpunkt der Nordroute des Lutherweges. Seit diesem Frühjahr ließe sich die Stadt, die als erste in Anhalt ab 1522 die Reformation einführte, als Knotenpunkt bezeichnen. Denn der Lutherweg in Sachsen-Anhalt mit den Polen Eisleben im Westen und Wittenberg im Osten ist ab Zerbst in Richtung Magdeburg verlängert auf Wegen, die Martin Luther mit einiger Sicherheit einmal gegangen ist. Bei meiner Testfahrt mit dem Rad lasse ich diesmal einen Besuch der Zerbster Lutherorte aus. Vorbei an der Bartholomäikirche, in der Fürst Wolfgang der Bekenner begraben liegt, fahre ich durch die Stadt und suche meinen Weg über Nebenstraßen, Feldwege und durch Dörfer bis nach Dornburg im Kirchenkreis Elbe-Fläming, das auf der Website des Lutherweges als nächste Station ausgewiesen ist. Gleich hinter Zerbst überquere ich die unsichtbare Kirchengrenze: von der Evangelischen Landeskirche Anhalts in die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM). In Schora habe ich endlich einen Mann gefunden, der mir zeigt, wo ich abbiegen muss. Ich radele über einen tückischen Wirtschaftsweg. Mit Betonplatten ist er ausgelegt und mit Löchern durchsetzt, in denen, gut vom Regenwasser getarnt, Ösen aus Metall lauern. Weil ich die Reifen nicht beschädigen will, übe ich mich im Slalom – nur um am Ende an einer Landstraße zu stehen, zu der ich gar nicht wollte. Irgendwo zwischen den Feldern habe ich den direkten Abzweig nach Klein-Lübs verpasst. Lieber Gott, lass es Wegweiser regnen!

Die Christophoruskirche in Dornburg: Sie liegt am Luther- und am Elberadweg und ist verlässlich geöffnet. Im Hintergrund ist das Schloss zu sehen, das einst die Mutter der Zarin Katharina erbauen ließ. Fotos: Angela Stoye

Die Christophoruskirche in Dornburg: Sie liegt am Luther- und am Elberadweg und ist verlässlich geöffnet. Im Hintergrund ist das Schloss zu sehen, das einst die Mutter der Zarin Katharina erbauen ließ. Fotos: Angela Stoye

Da schimpfen nichts nützt, radele ich weiter und komme bald in den Genuss des Anblicks der Kirche in Gehrden. Sie ist, wie die Kirche im zu Beginn der Tour durchquerten Dorf Moritz, romanisch, restauriert und gepflegt, aber leider verschlossen. Nur wenige Male im Jahr gibt es in den kleinen Dörfern in diesem Teil des Jerichower Landes Gottesdienste. Dass die Kirchen verschlossen sind, wundert mich nicht. Ich weiß aus Gesprächen, wie schwierig es ist mit dem Kirchenöffnen. Ein Urteil darüber maße ich mir nicht an.

Einige Kilometer weiter stehe ich endlich in Klein-Lübs. Das Kirchlein, lange vom Verfall bedroht, besteht hinter dem Westturm aus Umfassungsmauern ohne Dach, in die sich ein später eingebauter Gemeinderaum kuschelt. Ich spähe durch ein Fenster, um einen Blick auf ein Gemälde von Luther mit einem Schwan zu erhaschen, das sich hier befinden soll. Aber ich sehe nur ein großes dunkles Rechteck an einer Kirchenwand. Das Motiv bleibt mir verborgen.

Die Klusbrücke bei Wahlitz: Über sie musste Martin Luther gehen, als er 1524 auf Einladung der Stadtväter zum Predigen nach Magdeburg wollte. Die Brücke und der anschließende Klusdamm waren bis ins 19. Jahrhundert ein viel benutzter Verkehrsweg von Magdeburg durch die Auen nach Ostelbien. Auch 1516 soll Luther die Brücke genutzt haben, als er als Distriktsvikar der Augustiner-Eremiten zu den Klöstern seines Ordens unterwegs war.

Die Klusbrücke bei Wahlitz: Über sie musste Martin Luther gehen, als er 1524 auf Einladung der Stadtväter zum Predigen nach Magdeburg wollte. Die Brücke und der anschließende Klusdamm waren bis ins 19. Jahrhundert ein viel benutzter Verkehrsweg von Magdeburg durch die Auen nach Ostelbien. Auch 1516 soll Luther die Brücke genutzt haben, als er als Distriktsvikar der Augustiner-Eremiten zu den Klöstern seines Ordens unterwegs war.

Weiter geht’s. Im Wald bis Dornburg sehe ich deutlich, wie schlimm der Sturm vom 22. Juni im Jerichower Land gewütet hat; besonders betroffen ist zwar das Dorf Töppel. Aber in den Wäldern um Gommern hat er viele Bäume entwurzelt und andere geknickt, als ob es Bleistifte wären. Zwar sind die Wege frei, aber wie viel Zeit und Geld nötig sind, um alle Schäden zu beseitigen, vermag ich nicht abzuschätzen.

Ein großes »Kirche geöffnet«-Schild heißt die Besucher in Dornburg an der Elbe willkommen. Die schlichte, von 1755 bis 1758 erbaute Barockkirche strahlt innen wie außen weiß. Ich ruhe eine Weile aus und nehme mir fest vor, zu einem der Konzerte, die es hier ab und zu gibt, wiederzukommen. Auch um mehr Zeit für die Landschaft und das Schloss zu haben. Darüber, dass Dornburg einmal anhaltisch war und dass Fürstin Johanna Elisabeth von Anhalt-Zerbst hier von 1751 bis 1758 ein wunderschönes Barockschloss erbauen ließ, habe ich mich vor der Fahrt informiert. Die Mutter der Zarin Katharina, die als die Große in die Geschichte eingehen sollte, wollte ihrer Tochter, wenn sie denn einmal zu Besuch käme, ein angemessenes Quartier bieten. Die Tochter kam aber nie. Hinter dem Schloss liegt eine wechselvolle Geschichte und eine offene Zukunft: Seit Längerem wird ein Käufer gesucht.

Romanik pur in Pretzien und Plötzky

Ab Dornburg ist auch die Beschilderung kein Problem. Elberadweg- und Lutherweg-Schilder zeigen zuverlässig, wo es langgeht. Die nächste Station ist Pretzien. Den Schlüssel für die romanische Thomaskirche mit ihren mittelalterlichen Fresken können sich Besucher in der nahe gelegenen Tourist-Information holen, wenn sie nicht gerade sonnabends oder sonntags von 14 bis 16 Uhr ankommen. Die romanische Kirche im Nachbardorf Plötzky kann ab Mai täglich von 9 bis 17 Uhr besichtigt werden.

In Gommern, für das es bisher keinen Hinweis auf einen Aufenthalt Martin Luthers gibt, beende ich meinen Lutherweg-Test. Die nächsten Sehenswürdigkeiten auf dem Weg – die mittelalterliche Klusbrücke bei Wahlitz, die Luther mindestens zwei Mal überquerte, und die sechs Sehenswürdigkeiten in Magdeburg – kenne ich bereits. Mein Fazit: Bisher habe ich diese alte Kulturlandschaft immer mit der Bahn durchfahren oder noch gar nicht gekannt. Durch die Stunden auf dem Rad und zu Fuß habe ich sie erst richtig entdeckt.

Angela Stoye

www.lutherweg.de

Vorerst kein Nachfolger in Sicht

24. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Traditionspflege: Zum 26. Mal verantwortet Gottfried Preller den Thüringer Orgelsommer

Jetzt, in der zweiten Julihälfte, muss der Thüringer Orgelsommer ohne Gottfried Preller auskommen. Urlaub. Das muss sein, nach Monaten der Vorbereitung und bereits zwei Wochen Konzertbetrieb mit Gastspielen kreuz und quer im Freistaat. Eine Auszeit mitten im Dauertrubel, die zuvor beim Durchhalten eine schöne Aussicht bot. Denn der 69-Jährige ist noch immer das, was er gar nicht mehr sein wollte: für alles hauptverantwortlich. Er ist der künstlerische und organisatorische Leiter der landesweiten Konzertreihe, die kurz nach der Wende aus dem von ihm initiierten Arnstädter Orgelsommer hervorging. Und er ist der Präsident des Trägervereins, des Thüringer Orgelsommer e.V.

Natürlich gibt es Helfer. Sehr viele sogar in den Juliwochen, die Sorge tragen für das Gelingen der Veranstaltungen. Die Karten verkaufen, Programme verteilen, hinterher auch wieder aufräumen. In diesem Jahr sind sie bei 55 Konzerten im Einsatz, was einen Spitzenwert darstellt. Die hohe Zahl lässt sich leicht erklären: In mehreren Kirchen wurden jüngst Restaurierungsprojekte abgeschlossen, hier sollten die Orgeln unbedingt wieder in Konzerten zu hören sein. Das ist schließlich das Anliegen der Reihe. Sie will aufmerksam machen auf die kostbaren, teils jahrhundertealten Instrumente überall im Land – auf ihre Klangschönheit oder ihren Jammerzustand.

Gottfried Preller mit dem Programmheft der Konzertreihe. Foto: Susann Winkel

Gottfried Preller mit dem Programmheft der Konzertreihe. Foto: Susann Winkel

Die zahlreichen Mitstreiter und die akribische Aufgabenverteilung und Planung der vergangenen Monate erlauben es, dass Gottfried Preller und seine Frau Annette doch wegfahren können. Obwohl sich noch immer kein Nachfolger gefunden hat. Zumindest keiner, der leidenschaftlich – oder verrückt – genug ist, die Leitung des Thüringer Orgelsommers in jenem ehrenamtlich-unbezahlten Umfang zu übernehmen, wie ihn Gottfried Preller seit einem Vierteljahrhundert stemmt. Dabei wollte der frühere Kirchenmusikdirektor, Bachkirchen-Kantor und Orgelsachverständige nach dem Jubiläumssommer 2016 eigentlich auch als Privatmann seinen Ruhestand beginnen. Nicht zuletzt, weil es die Rücksicht auf seine Gesundheit fordert.

Doch das Loslassen von Verantwortung muss vorerst verschoben werden. Der 69-Jährige kümmert sich weiter, so, wie er es seit 26 Jahren tut. Das ist vorübergehend eine Lösung und zugleich Teil des Dilemmas. »Ich dominiere den Laden«, sagt er mit einer Mischung aus Selbstbewusstsein und Selbstkritik. Immerhin gäbe es »den Laden« ohne ihn ja auch nicht und keiner kennt sich darin so gut aus wie Gottfried Preller. An die 2 000 Konzerte gab es schon im Thüringer Orgelsommer, deshalb weiß er, wo in der Rhön besonders viele Zuhörer kommen und in welcher Dorfkirche die Logistik knifflig zu lösen ist. Gibt es ein Problem, dann weiß er, wie es anzupacken ist, ohne großes Gerede.

Die Konzertreihe, ist sich Gottfried Preller sicher, kann auch künftig nur von einer Führungsperson geleitet werden. Einer muss das Sagen haben und die Verantwortung, aber er muss auch delegieren können – an weitere Ehrenamtliche. Anders als etwa die Thüringer Bachwochen hat der Thüringer Orgelsommer kein Budget, das es erlauben würde, für die Organisation, das Einwerben von Mitteln oder die Bewerbung der Reihe Mitarbeiter einzustellen. Was bei um die fünfzig Konzerten pro Jahrgang eigentlich vonnöten wäre. Es ist eben ein wirklich großer »Laden«, den Gottfried Preller da führt, mit viel Liebe und auch Selbstaufopferung, wie er sagt. Der Abschied in den Ruhestand ist jedenfalls erst einmal vertagt.

Susann Winkel

Noch bis zum 30. Juli präsentiert der Thüringer Orgelsommer Konzerte in Kirchen sowie open air.
www.orgelsommer.de

Wo Luther nicht war: Samswegen

24. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt wird zu Fuß erkundet

An Martin Luther kommt 2017 keiner vorbei. Selbst in den Regionen, die der Reformator nachweislich nicht besucht hat, wie dem heutigen Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt. Unter dem Motto »Wo Luther nicht war …« wird der Kirchenkreis seit Juni erwandert.

»Wir haben zwar keine Lutherstätten, aber doch immerhin Reformationsstätten«, sagt Superintendent Uwe Jauch augenzwinkernd, »deshalb musste Luther im Motto der Wanderungen auch vorkommen.« Ein augenzwinkernder Reformator ist deshalb auf dem extra für die Wanderungen gedruckten Andachtsheft abgebildet.

Zwischen der Landesgrenze zu Niedersachsen im Westen und der Elbe im Osten, Colbitz-Letzlinger Heide im Norden und der Autobahn 2 im Süden erstreckt sich der Kirchenkreis. Einmal im Monat lädt eine Kirchengemeinde ein, um ihren Gästen lokale Sehenswürdigkeiten zu zeigen, um bei einer Wanderung die Landschaft zu entdecken und um anschließend gemeinsam zu feiern und Gemeinschaft zu erleben.

Kirche in Colbitz: Wanderer und Radler erreichten am Nachmittag ihr Tagesziel. Foto: Thorsten Keßler

Kirche in Colbitz: Wanderer und Radler erreichten am Nachmittag ihr Tagesziel. Foto: Thorsten Keßler

Waren beim Auftakt entlang des alten Grenzweges in Beendorf schon rund 30 Gäste an die Westgrenze des Kirchenkreises gereist, so kamen am 15. Juli zur zweiten Etappe von Samswegen über Lindhorst nach Colbitz schon doppelt so viele an die Sankt-Sebastian-Kirche nach Samswegen.

Über so viel Zuspruch freut sich Gisela Neumann aus Lindhorst. Sie gehört zum siebenköpfigen Ausschuss »Kirchliches Leben«, der die Routen erarbeitet, Lieder und Gebete ausgesucht und daraus das Andachtsheft erstellt hat. »Die Wanderidee hat sich aus unseren Regionalgottesdiensten entwickelt, bei denen drei bis vier Orte gemeinsam feiern«, erzählt sie strahlend. »Mit den Wanderungen wollten wir den Gemeinschaftsgedanken auf den Kirchenkreis übertragen.«

Inzwischen verteilt Pfarrer Dieter Kerntopf aus Colbitz als Gastgeber der Tour die Andachtshefte unter den 60 Teilnehmenden. Weil Sankt Sebastian gerade renoviert wird, beginnt die Etappe vor der Kirche mit einem Lied, »Vertraut den neuen Wegen«. Dann machen sich die Wanderer, Fahrradfahrer und zwei Kremser auf den Weg.

Viele Wege führen durch den Lindhorst-Ramstedter Forst von Samswegen nach Colbitz. Wege, die für viele der Pilgernden auch wirklich neu sind, denn einige haben den Blick hinaus über den eigenen Kirchturm gewagt. Aus Groß Ammensleben, Beendorf, Flechtingen oder Wieglitz haben sich die Christen auch auf den Weg gemacht.

Die Idee, über die eigene Kirchengemeinde auf Kirchenkreisebene etwas zu initiieren, kommt gut an. »Die Gemeinschaft ist toll«, sagt Marita Pasemann aus Groß Ammensleben, und Hans-Helmut Huchel aus Wieglitz freut sich, »mit anderen ins Gespräch zu kommen und neue Leute und Regionen kennenzulernen«.

In Lindhorst, einen Kilometer vor Colbitz, begegnet einem dann übrigens doch noch Martin Luther. Direkt neben der Kirche wurde 1933 ein Lutherstein aufgestellt. Zum Gedenken an den 450. Geburtstag des Reformators. Auf unterschiedlichen Wegen und teils auf neuen Wegen landen Wanderer, Radfahrer und die beiden Kremser am Nachmittag an der Colbitzer Pauluskirche, wo Dieter Kerntopf persönlich am Grill steht und die Pilgernden versorgt.

Die Wanderungen durch den Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt sind bis in den Mai 2018 schon geplant. Danach gehe es weiter, freut sich Pfarrer Kerntopf. »Es gibt schon weitere Gemeinden, die die Wanderungen im nächsten Jahr fortsetzen wollen.« Eine Fortsetzung passt zu den vielen Feiern rund um das Reformationsjubiläum. Luthers Thesenanschlag war schließlich auch nur der Auftakt zu einer umfassenden Bewegung. Der nächste Weg, auf dem Luther nicht war, führt am 19. August aber erst einmal von Elbeu nach Wolmirstedt.

Thorsten Keßler

19. August, 15 Uhr, Kirche in Elbeu: Wanderung zur Katharinenkirche in Wolmirstedt

»Bitte segnen Sie uns doch«

24. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Themar: Superintendent Johannes Haak über einen ungewöhnlichen Pilgerweg

Eine Idee von Arnd Morgenroth, Pfarrer i. R. aus Themar: »Geht doch einen Pilgerweg.« Ich war skeptisch. Doch wir gingen. Stündlich, am Sonnabend, ab 12 Uhr, zogen wir – vornweg das Vortragekreuz. Von der Friedhofskirche zum Stadttor. Über den Fußgängerübergang. Dort war erste Pilgerstation. An einem alten großen Steinkreuz. Miteinander beteten wir: »Herr, unser Gott, stärke die Menschen, die sich für Mitmenschlichkeit einsetzen.« Und von dort der Weg auf die Bündniswiese. Zum Altar. Gegenüber dem Gelände des Rechtsrockkonzertes. Auf dem viele, Tausende Menschen zusammengekommen waren.

Es war laut. Wir hörten die Hassreden. Das Schreien und Grölen klang in meinen Ohren. Mein Gott – dachte ich, was hast du dir dabei gedacht? Wir waren nur so wenige. Manchmal nur eine Handvoll. Und pilgerten zum kleinen Altar mitten auf die Wiese. Vorbei an den Polizisten. Und manchmal auch neugierigen, spöttischen Blicken. Und fragenden Augen? Was soll das? Was machen die da? Ist das etwa Pegida? Oh nein, dachte ich. Jetzt werden wir auch noch verwechselt. Oder: »Ihr Scheiß-Christen mit euren Kreuzzügen. Ihr habt ja nicht mehr alle.«

Eine kleine Schar von Christen ging den Pilgerweg. Unbeirrt. Innerlich ruhig. Und dennoch mit zitternden Knien. Zum Altar. In Sichtweite der Absperrgitter und Wasserwerfer. Neben Staatsgewalt und Machtgedöns der Rechten. Unter den Augen der Polizei. Der Altar war liebevoll geschmückt mit den Blumen der Wiese aus Gottes Garten. Und ein weißes Tischtuch leuchtete uns entgegen. Das Kruzifix auf dem Altar wurde zum Zentrum. Der Kosmos bündelte sich im Gekreuzigten. Und wir beteten weiter: »Segne alle, die heute ihre Kraft einsetzen, um friedlich gegen Rechtsextremismus zu demonstrieren.« Von dieser Wiese aus ging es wieder zurück zum Empfang des Segens in die Friedhofskirche. Unterwegs sangen wir »Dona nobis pacem«, »Herr, gib uns deinen Frieden!« und »Verleih uns Frieden gnädiglich«. Oder »Shalom Chaverim – Shalom«. Und »Laudate omnes gentes …«. Mitten im Gedröhn der Naziklänge. Gott loben. Manchmal konnte ich nicht mehr singen. Mir blieb der Ton im Hals stecken. Andere sangen weiter. Manchmal mit brüchiger Stimme. Zitternd. Ja, wir sangen. Und wenn ich Mut brauchte, griff ich nach der Hand meiner Frau. Singen im Gedröhn und Gebrüll. Wie geht das? Ich weiß es nicht. Irgendwie ging es. Sicher mit Gottes gutem und friedlichem Geist, den ich spürte. Ich bin dankbar für diese geistliche Erfahrung meines Lebens.

Ja, um den Frieden ging es uns. In aller Auseinandersetzung und in aller Hetze des braunen Gedankengutes. Das Herz berühren. Ein leiser Protest. Eben »Herz statt Hetze«. Wir sind doch Christenleute. Dabei blieben Beschimpfungen nicht aus. Wir hatten vereinbart, uns nicht provozieren zu lassen.

Ganz plötzlich, unerwartet, geschah etwas besonders Schönes. Beim Rückweg vom Altar in Gottes Garten wurde die Musik am Stand der Marxistisch-Leninistischen Partei (MLPD) ausgestellt. Jedes Mal. Aus Respekt. Während des Pilgerns. Und unvermittelt kam ein Mann auf uns zu und bat. »Bitte, bitte segnen Sie uns doch. Haltet an bei uns.« Das hat mich fast umgeworfen. Auf dem nächsten Pilgerweg zur vollen Stunde gingen wir zum Stand der MLPD. Und wurden mit Beifall empfangen. Wir beteten mit den Worten von Dieter Trautwein: »Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden, wie du ihn versprichst uns zum Wohl auf Erden.« Und wir durften segnen, mit dem alten Aaronitischen Segen. Der Präses unserer Kreissynode, Olaf Ruck, las ein Wort von Martin Niemöller. Welche Kraft kam da über uns.

Danke. So schoss es mir durch den Kopf. Still und ohnmächtig Mächtige wurden wir. Das hat mich tief berührt. Menschen wissen sich unter dem Segen Gottes geborgen. Auch wenn der Glaube fern ist. Danke, Herr, du warst mitten unter uns.

Johannes Haak

Der Autor ist Superintendent des Kirchenkreises Hildburghausen-Eisfeld.

Am 29. Juli wird es ab 12 Uhr wieder stündlich einen Pilgerweg durch Themar geben.

www.kirchenkreis-hildburghausen-eisfeld.de/aktuelles

Zeichen setzen: Kirche gegen Hass und Hetze
Nächstenliebe braucht Klarheit – als evangelische Kirche wenden wir uns gegen Hass und Hetze jedweder politischer Couleur. Hier in Themar stehen wir als evangelische Kirche zusammen mit anderen friedlichen und demokratischen Akteuren gegen den Hass und die Hetze. Denn aus Sicht des christlichen Glaubens gilt: Mit dem biblischen Gebot, Gott und den Mitmenschen, den Nächsten, gleichermaßen zu lieben, ist es unvereinbar, andere Menschen zu verachten. Mit dem christlichen Glauben ist es unvereinbar, andere Menschen zu verfolgen, zu verletzen oder ihnen ein Leben in Freiheit und Menschenwürde zu verweigern.

Und wer immer sich auf das christliche Abendland beruft, muss wissen: Der christliche Glaube ist ein Glaube, für den Barmherzigkeit, Liebe und Frieden zentral sind. Weil Gott uns Menschen liebt, verdienen und brauchen das Leben und die Würde jedes Menschen Anerkennung und Schutz. Uns allen ist gemeinsam, dass wir Gottes Geschöpfe sind. Es gilt deshalb, einander Respekt und Anerkennung entgegenzubringen und zu zeigen, Begegnung und Dialog zu pflegen. Zwischen verschiedenen kulturellen und politischen Gruppen wie zwischen verschiedenen Religionen. Stärken wir uns gegenseitig darin, Brücken zu bauen zwischen unterschiedlichen politischen Meinungen, zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen, zwischen verschiedenen sozialen Milieus. Treten wir gemeinsam in aller Klarheit ein für Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Mitmenschlichkeit – zeigen wir heute und morgen und immer wieder alle gemeinsam und friedlich: Themar steht gemeinsam gegen Hass und Hetze. Lassen Sie uns für diese Stadt um Gottes Frieden und seinen Segen bitten.

Auszüge aus dem Grußwort von Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt, Regionalbischöfin des Sprengels Meiningen-Suhl, zum Friedensgebet in der evangelischen Kirche in Themar, mit 400 Teilnehmern die größte Demonstration gegen das Rechtsrock-Konzert.

Wir müssen raus in die normale Welt

24. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Reformationssommer in Mitteldeutschland: Über enttäuschte Erwartungen, Christsein in einer konfessionsfreien Welt, die Lust am Streit und das schwierige Gefühl der Heimat sprach Propst Johann Schneider, Regionalbischof von Halle-Wittenberg, mit Katja Schmidtke.Sommerlogo GuH

Wir treffen uns nicht in Halle, wo Ihr Büro ist, sondern in Wittenberg, wo in diesem Jahr die Musik spielt. Sie spielt ziemlich laut, aber vor weniger Publikum als erwartet.
Schneider:
Auf den ersten Blick stimmt das, aber wir müssen genau hinsehen. Die Gottesdienste in der Stadtkirche und in der Schlosskirche sind sehr gut besucht. Die Herausforderung, die ich sehe: Die Gruppen, die die Stadt besuchen, haben in der Regel ihr eigenes Programm und für zusätzliche Aktivitäten kaum Zeit. Einige Veranstaltungen sind gut besucht, einige werden kaum wahrgenommen.

Johann Schneider im Luthergarten in Wittenberg, einem Lieblingsplatz – im Hintergrund der Turm der Schlosskirche. Foto: Thomas Klitzsch

Johann Schneider im Luthergarten in Wittenberg, einem Lieblingsplatz – im Hintergrund der Turm der Schlosskirche. Foto: Thomas Klitzsch

Wir werden mit den enttäuschten Erwartungen klarkommen müssen, gerade bei Menschen, die von weither kommen, sich ehrenamtlich beteiligen oder ihren Urlaub einbringen. Da bleibt eine Spannung. Ein gutes Beispiel: Ich war auf einer nicht gut besuchten Veranstaltung, der Wind wehte, und eine Teilnehmerin schlug vor, nach drinnen zu gehen. Das ist eine typische Reaktion in der Kirche.

Wie meinen Sie das?
Schneider:
Wir ziehen uns in geschützte Räume zurück. Natürlich verlieren sich 15 Menschen auf einer Bühne mit 250 Plätzen. Aber all diese Formate auf der Weltausstellung sind doch eine gute Übung. Wir müssen als Kirche raus aus den Kirchenräumen auf die Marktplätze. Das ist auch die Quintessenz der Kirchentage auf dem Weg – bei aller Kritik. Dieses Hinausgehen in die normale Welt ist die zentrale Handlung.

Hinaus in die normale Welt – wir und die anderen? Woher kommt diese Trennung?
Schneider:
Was ich in fünf Jahren als Propst gelernt habe: Die konfessionslose Kultur bestimmt das Denken und tabuisiert subtil den Glauben. Glauben spielt einfach keine Rolle, er ist vollkommen irrelevant. Menschen verhalten sich wie religiöse Analphabeten. Wer glaubt, zieht sich in die Kirche zurück, weil er dort Menschen trifft, die ähnlich denken. Es erfordert einen Kraftakt, hinauszugehen.

So wie in Tröglitz: Nach dem Brandanschlag auf die geplante Flüchtlingsunterkunft bat mich ein Gemeindekirchenrat, zum Friedensgebet zu kommen, die Stimmung war wie gelähmt. Ich legte den Bibelvers aus, dass Gott uns nicht einen Geist der Furcht, sondern der Kraft, Zuversicht, Hoffnung gegeben hat und wollte den Gottesdienst mit einem Vaterunser, einer Segensbitte vor dem ausgebrannten Haus abschließen. Das war ganz schwer durchzusetzen. »Was sollen wir da machen?«, lautete die Gegenfrage. Einfach gehen, sich als Christ zeigen, singen und beten. Wir taten es und die Leute aus der Schrebergartensiedlung gegenüber standen am Zaun und guckten uns zu. Eine typische Situation.

Es ist ungewöhnlich, wenn Christen öffentlich zusammenkommen?
Schneider:
Es ist in dieser konfessionsfreien Welt seltsam, sich öffentlich zu treffen und etwas gemeinsam zu tun. Nach 1990 haben wir einen Schub von Individualisierung und Vereinzelung erlebt, in Ost wie West, sodass Gemeinschaftliches erst einmal verdächtig ist. Aber wir wollen die Botschaft, an die wir glauben, teilen. Und das gelingt aus meiner Sicht nur, wenn Menschen sich begegnen.

Als Regionalbischof begegnen Sie den Menschen. Wir haben das Gefühl, gerade bei heißen Themen klaffen die Meinungen zwischen Kirchenvolk und Kirchenleitung auseinander.
Schneider:
Ich denke an den Trägerverein des Schlosses Mansfeld, der in die Kritik geraten war. Der Verein hatte der Stadt die Vermietung eines Raumes im Schloss, das die Stadt Mansfeld als Standesamt nutzte, gekündigt. Es gab Streit um die Eintragung einer Lebenspartnerschaft und die anschließende Feier auf Schloss Mansfeld. Wir dürfen bei unserem Urteil nicht außer Acht lassen: Das sind alles engagierte Ehrenamtliche, sie legen die Grundlage unseres Glaubens, die Bibel, in einer gewissen Weise aus, und diese Auslegung entspricht manchmal nicht den Trends der theologischen Forschung. Es ist eine traditionelle Auslegung, besonders bei heißen Themen wie Homosexualität, Familie, Ehe.

Wir Theologen müssen uns prüfen, wie schnell wir mit unserer Position anderen sagen wollen, was geht und was nicht. Mir ist bei der Moderation in Mansfeld aufgefallen, dass auch ich schnell ein Korrektiv im Kopf habe, »nein, so kann man das nicht auslegen«. Aber wir sind gemeinsam Hörer des Wortes. Wir ringen um die Wahrheit, sie ist nichts Statisches.

Wie ging es in Mansfeld weiter?
Schneider:
Die Mitgliederversammlung hat die Kündigung zurückgenommen, aber man muss da sehr genau hinschauen. Der Vorstand hat nicht unverantwortlich gehandelt, die Mitgliederversammlung hat ihm weiterhin ihr Vertrauen geschenkt. Ergebnis des Gesprächs: Das Standesamt kann dort wieder Eintragungen gleichgeschlechtlicher Paare vornehmen. Ich bin dankbar für eine friedliche, zivilisierte Auseinandersetzung mit dem Standesamt und auch im Verein.

Wir streiten viel, aber oft unsachlich. Ich denke an all die Debatten um die AfD, an Tröglitz und Schnellroda.
Schneider:
Uns fehlen hier die öffentlichen Räume. Wo treffen wir andere Menschen, Menschen außerhalb unserer Kreise? Außerdem ist ein Verlust an zivilisierter Gesprächskultur festzustellen. Es gehört ein Maß an Zuhörenwollen und Ertragen, dass der andere eine andere Meinung hat, dazu. Wir sind als Kirche – und da nehme ich mich nicht aus – sehr schnell bei einem Urteil. Gerade in politischen Fragen formulieren wir schnell einen moralischen Anspruch.

Ich bin kein Freund von Appellen. Ich mag nicht moralisieren. Wenn Sie in einem sozialistischen Schulsystem aufwachsen, haben Sie genug Appelle gehört. Das wunderbarste Geschenk ist doch, dass wir frei denken und frei reden können.

Zu Schnellroda: Ich bin sehr dankbar, dass die Pfarrerin zuversichtlich und fröhlich ihren Dienst tut. Sie ist eine unbefangene Christin, kommt aus einem völlig säkularen Elternhaus, sie ist so normal, sie passt ganz genau da hin. Und sie hat die Gabe, mit allen zu reden, die ihr zuhören wollen.

Sie trafen während Ihrer Studienzeit in Erlangen auf Fairy von Lilienfeld, eine Theologin des Katechetischen Oberseminars Naumburg, die die DDR verlassen durfte und in Bayern die erste Theologin und ordinierte Pfarrerin war. Was haben Sie von ihr gelernt?
Schneider:
Ich habe bei ihr viel gelernt. Menschlich und inhaltlich. Menschlich verdanke ich ihr zum Beispiel den Impuls, als junger Vater und an der Endstation meiner Promotionsarbeit den Fernseher abzuschaffen. Und im ökumenischen Gespräch, dass es hilft, die Position des Gesprächspartners sehr gut zu kennen. Fairy kannte die theologischen Grundlagen der Orthodoxie oft besser als die orthodoxen Theologen.

Teilten Sie mit ihr die Erfahrung, in einem anderen Land neu anzufangen?
Schneider:
Ja. Sie sagte: »Lieber Herr Schneider, es wartet hier niemand auf Sie – aber es ist trotzdem gut, dass Sie hier sind.« Das lässt sich auf heute übertragen, egal ob Sie aus einem fremden Land kommen oder in eine neue Stadt ziehen. In der Regel wartet niemand auf Sie. Sie müssen selbst auf die Menschen zugehen. Das habe ich auch den Stipendiaten geraten, mit denen ich durch meine Arbeit an der Universität und später für die EKD zu tun hatte. Deutschland ist eine geschlossene Gesellschaft, und die Kirche gleich noch einmal. Die Aufgabe ist es, selbst die Kirchentür aufzumachen.

Welche Tür haben Sie aufgestoßen, als Sie 1985 von Siebenbürgen nach Würzburg gekommen sind?
Schneider:
Ich habe es in der Kirchengemeinde versucht, das war nicht leicht. Wir waren Exoten. Ich suchte mir einen Studentenkreis, obwohl ich noch kein Student war; ich musste ja in Deutschland mein Abitur zum zweiten Mal ablegen. Das Studium war dann das Tor, um Menschen wirklich kennenzulernen. Ich habe aber auch in dieser Zeit oft gespürt, mein Leben, meine Geschichte haben für die anderen etwas Fremdes. Ich habe gelernt, wo ich etwas über mich erzählen kann und wo nicht.

Haben Sie das Gefühl, Ihre Heimat verloren zu haben?
Schneider:
Verloren – nein. Wir sind zwar schweren Herzens gegangen, aber kurioserweise haben uns die Jugendlichen aus der DDR ermutigt. Sie sagten: »Christus geht mit euch.«

Verloren – ja. Das waren die Freunde, der persönliche Umgang, die vertraute Umgebung. Aber ich bin inzwischen fast jedes Jahr in Rumänien, und so ist es mir nicht verloren gegangen. Das Gefühl der Heimat hat sich verlagert in die Sprache.

Was ist für mich Heimat? Es ist die Vielfalt der Sprachen: Siebenbürgisch-Sächsisch, Ungarisch, Rumänisch, und es ist auch das Miteinander. Sie werden es nicht glauben, aber wenn ich in Halle bettelnde Roma treffe, fühle ich mich nicht unbehaglich. Wir kommen miteinander ins Gespräch.

Die Emigration war ein ungemeiner Zuwachs an Freiheit. Frei zu sagen, was ich denke, nicht zu unterscheiden, was ich privat und öffentlich sagen kann, und zu kritisieren. Ich kann an Texten kritisieren, ich kann sogar die Kirche kritisieren – und bleibe dennoch drin. Das ist doch wunderbar!

»Reformation geht weiter«, heißt ein EKM-Slogan. Was heißt das für Sie?
Schneider:
Ich hadere etwas damit, weil der Slogan etwas Appellatives hat. Was heißt das für mich – »Reformation geht weiter«? Dass wir die Offenheit zu einem kritischen Streit innerhalb der Kirchen brauchen. Ich sehe diese Bereitschaft noch nicht, auch nicht in unserer Kirche. Unsere Synode streitet aus meiner Sicht viel zu wenig über kon­troverse Themen im Licht der Schrift.

»Reformation geht weiter« heißt für mich: Mut zu klaren Aussagen, zu einem Bekenntnis, das herausfordert, aber nicht abstößt, sondern einlädt, und dass wir das, was wir teilen, in einer freundlichen Weise mitteilen und mit der Ablehnung, die wir auch erfahren, umgehen lernen.

Aber der Slogan ist für Kirchenleute. Fragen Sie Menschen auf dem Wittenberger Markt dazu, greifen diese sich wahrscheinlich an die Stirn: Oh Gott, kommen die nächstes Jahr alle wieder? Es wird sich zeigen, welche Wirkung dieses Jubiläumsjahr über Wittenberg hinaus hat. Es wird auch kritische Fragen geben, natürlich. All der Aufwand. Aber es ist eine große Chance für die mitteldeutsche Kirche.

Dr. Johann Schneider wurde 1963 im siebenbürgischen Mediasch (Rumänien) geboren. Nach der Lehre als Werkzeug­macher studierte er Theologie in Neuendettelsau, Tübingen, München, Erlangen und Rom. Später arbeitete er als Pfarrer und Dozent an der Universität Erlangen, beim Diakonischen Werk der EKD und beim Lutherischen Weltbund.

Seit 2007 war er als theologischer Oberkirchenrat im Kirchenamt der EKD in Hannover, insbesondere im ökumenischen Bereich, tätig. Im November 2011 wählte ihn die Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland zum Regional­bischof des Propstsprengels Halle-Wittenberg. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Zumutung und Herausforderung: Gläubige sind Mutbürger

22. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Jesaja 43, Vers 1

Dieses Wort ist zu Israel gesagt, und wir lassen es uns mühelos und ohne jede Auslegungskunst auch als Christinnen und Christen gesagt sein. Dieses Wort ist zu einem Volk gesprochen, und wir hören es wie selbstverständlich auch als Einzelne. Das ist so, weil das biblische Wort bis heute in Israel und in der Kirche Gehör findet, weil es beherzigt wird von Gruppen wie von Einzelnen.

Wir hören und lassen uns gesagt sein, dass wir zu Gott gehören. Gott ist es, der jede und jeden beim Namen ruft und sein Eigen nennt. Wer das hört und bewahrt, braucht nicht zu fürchten, was viele am allermeisten fürchten: nicht dazuzugehören.

Lange bevor die frühen Christen die Erfahrung gemacht haben, von der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen zu sein und bei den Leuten auf Unverständnis und Feindschaft zu stoßen, war dies bereits eine jüdische Grunderfahrung und ist es bis heute geblieben. Im Christentum ist diese Erfahrung in dem Maße in den Hintergrund getreten, wie die Mehrheitsgesellschaften ihrerseits christlich wurden.

Prof. Manuel Vogel, Dekan der Theol. Fakultät, Jena

Prof. Manuel Vogel, Dekan der Theol. Fakultät, Jena

An die Stelle der Zugehörigkeit zu Gott trat allzu oft die Zugehörigkeit zu einem Volk oder zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht. Diese war dann nicht mehr verhandelbar, und jene musste sich anpassen bis zur Unkenntlichkeit. Aber Gottes Eigentum zu sein und nach seinen Geboten zu leben, kann nicht beliebig mit den politischen, gesellschaftlichen oder kulturellen Mehrheitsverhältnissen verrechnet werden. Insofern ist das Wort aus Jesaja 43 nicht ein reines Trostwort, sondern auch eine Zumutung und eine Herausforderung. Es enthält nicht ohne Grund auch die Aufforderung, sich nicht zu fürchten. Wer sich zu Gottes Eigentum zählt, braucht nämlich den Mut, gegebenenfalls auch ganz allein dazustehen, nämlich immer dann, wenn mal wieder der breite Weg in den Untergang führt, wenn mal wieder nur wenige auf schmalen und dornigen Pfaden den Versuch wagen, in der Wahrheit zu leben.

Prof. Manuel Vogel, Dekan der Theol. Fakultät, Jena

Auf der falschen Spur

21. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Zwischenbilanz des Reformationsjubiläums: In Thüringen läuft es besser als erwartet. »Im Gegensatz zu Wittenberg, wo vor allem die religiöse Botschaft Luthers vermittelt werde, visiere man eine breitere Zielgruppe an«, ließ sich Eisenachs Oberbürgermeisterin Katja Wolf (Linke) zitieren.

Es ist ein Schlag ins Gesicht für alle, die sich im Reformationsjubiläum ihres Glaubens wegen engagieren. Für die, die Luthers Ansichten verbreiten, diskutieren und ins Hier und Jetzt übertragen wollen. Die Oberbürgermeisterin aus Luthers »lieber Stadt« dagegen feiert die geistliche Inhaltslosigkeit, weil die Zahlen dafürsprechen.

Und so passt es auch perfekt ins Konzept, dass hier über 30 000! Besucher auf Luthers Spuren wandern werden. Dass die Wanderer rein physisch zwischen Georgenkirche, seiner damaligen Lateinschule und dem Haus seiner Verwandten, Frau Cotta, auch mal genau da langlaufen, wo Luther einst als 15-Jähriger langlief, ist höchst wahrscheinlich. Doch auf Luthers geistige und geistliche Spuren werden die Wanderer nur am Rande geführt. Dass es städtisches Kalkül ist, wissen wir nun, aber warum hat die Kirche dem wenig entgegenzusetzen? Es sind Ferien und es gab in diesem Jahr schon genug zu tun, lauten mögliche Erklärungsversuche.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung zitierte in ihrer Bilanz zum Reformationsjubiläum den Münchner Theologen Friedrich Wilhelm Graf mit den Worten: »Ich kann nicht erkennen, was die Kirche mit dem Reformationsjubiläum eigentlich will.« Wenn über 30 000 Menschen zum Wandern auf Luthers Spuren nach Eisenach kommen, sollte die Kirche mehr Spuren seiner reformatorischen Botschaften gelegt haben als zwei ökumenische Gottesdienste, Konzerte und offene Kirchen.

Mirjam Petermann

Luther geht immer

21. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Wandern auf Luthers Spuren: Unter diesem Motto treffen sich vom 26. bis 31. Juli in der Wartburgregion mehr als 30 000 Wanderer aus ganz Deutschland. Mit dem Reformator hat der 117. Deutsche Wandertag aber wenig am Hut.

Über 20 Kilometer lang ist die Strecke, die Luther bei seiner Entführung auf die Wartburg gegangen sein soll. »Ob es genau auf diesem Weg war, sei mal dahingestellt«, sagt Wanderführer Andreas Matz. Aber denkbar wäre es in jedem Fall. Die Strecke ist die längste der 95 Wanderrouten, die zum Deutschen Wandertag zur Auswahl stehen – die Zahl erinnert nicht zufällig an die 95 Thesen.

Titel-Schuhe-29-2017Von Schweina führt sie über Steinbach zum Luthergrund, dem vermeintlichen Ausgangspunkt der Entführung. Durch den Nordwesten des Thüringer Waldes geht es weiter zur Wartburg. Andreas Matz ist einer von 270 Wanderführern, die das Großevent Wandertag ermöglichen. Er führt sechs der insgesamt 292 Touren, darunter zwei Mal die Strecke von Luthers Entführung. »Man wird nicht umhinkommen, Luther zu erwähnen«, sagt er. Aber: »Es geht vor allem um das Wandern.«

Dem stimmt auch der Superintendent des Kirchenkreises Eisenach-Gerstungen, Ralf-Peter Fuchs, zu. Das Motto bot sich an, »weil in diesem Jahr alles mit Luther sein muss«, meint er. Viele der Touren folgen tatsächlich den Spuren des Reformators, beispielsweise auf verschiedenen Etappen entlang des Lutherwegs. Von Eisenach nach Möhra, dem Heimatort von Luthers Vater etwa, oder eine kulturgeschichtliche Wanderung von Hörschel zum Eisenacher Lutherhaus. Doch die Mehrzahl der Wanderungen verbindet nicht viel mit dem Reformator.

Eisenach ist nach 1888 und 1936 zum dritten Mal Gastgeber des Deutschen Wandertages. Für die Veranstaltung übernahm die ehemalige Thüringer Ministerpräsidentin und Präsidentin des Thüringer Verbandes der Gebirgs- und Wandervereine, Christine Lieberknecht, die Schirmherrschaft. Obwohl der Titel der Veranstaltung durchaus einen christlichen Bezug vermuten lässt, fehlt der im Grußwort der Theologin im Programmheft. Nicht einmal um »Gottes Segen« für diese sechs Tage wird gebeten.

Exklusive Postkarten Am Stand von »Glaube + Heimat« vor dem Eisenacher Lutherhaus erhalten Sie frankierte Postkarten Ihrer Kirchenzeitung zugunsten der Stiftung »Humor hilft heilen« (eine Aktion zusammen mit der Deutschen Post und der Thüringer Tourismus GmbH). Die Auflage ist auf 2017 limitiert. Da heißt es, schnell die Wanderschuhe schnüren und nichts wie hin! Gestaltung: Adrienne Uebbing

Exklusive Postkarten Am Stand von »Glaube + Heimat« vor dem Eisenacher Lutherhaus erhalten Sie frankierte Postkarten Ihrer Kirchenzeitung zugunsten der Stiftung »Humor hilft heilen« (eine Aktion zusammen mit der Deutschen Post und der Thüringer Tourismus GmbH). Die Auflage ist auf 2017 limitiert. Da heißt es, schnell die Wanderschuhe schnüren und nichts wie hin! Gestaltung: Adrienne Uebbing

Apropos Segen: Den haben die Kirchen vor Ort angeboten. Doch ein solcher Wandersegen zu Beginn der Touren wurde abgelehnt. »Damit konnten sie nichts anfangen«, sagt Superintendent Ralf-Peter Fuchs. Im über 200-seitigen Veranstaltungsheft fällt der Abschnitt der Kirchenveranstaltungen mit knapp drei Seiten recht dünn aus. Umso überraschender ist der Verweis auf das Buddhistische Dharmazentrum Möhra an dieser Stelle. Einige, seitens der Gemeinden rechtzeitig gemeldete Veranstaltungen fehlen dagegen. Darunter auch der speziell angebotene Abendsegen für Wanderer, Mittwoch bis Freitag um 19 Uhr in der Annenkirche.

Inhaltliche Akzente will Fuchs vor allem in den zwei ökumenischen Gottesdiensten, am Samstag im Kurpark in Bad Liebenstein und am Sonntag in Eisenach auf dem Elisabethplan, setzen. »Wenn die Wanderer einen inhaltlichen Bezug wollen, werden sie diese Veranstaltungen aufsuchen«, sagt Fuchs. »Und die werden gut«, ist er sich sicher.

Der Superintendent räumt ein, dass im Vorfeld nicht alles ideal lief. Er selbst kam erst nach Eisenach, als fast alle Planungen abgeschlossen waren. Auch für die Kirchengemeinden sei es schwer, über ein Jahr im Voraus zu planen – zudem noch für einen Termin in den Ferien. Deshalb war es Stephan Köhler, Pfarrer der Eisenacher Georgenkirche, wichtig, während der Wandertage auf die Angebote hinzuweisen, die sowieso schon bestehen. Die täglichen Marktkonzerte um 11 Uhr in der Georgenkirche und das anschließende Mittagsgebet um 12 Uhr beispielsweise.

Doch daraus folgt, dass deutliche Spuren lutherischer Theologie und Luthers Wirken für die Wanderer allenfalls in den Museen oder dem Musical »Luther! Rebell wider Willen« des Eisenacher Landestheaters zu finden sein werden.

Mirjam Petermann

Pavillon auf einer Insel zwischen zwei Flussarmen

19. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Landesgartenschau 2018: Unter dem Motto »Aus der Quelle erfrischt« feilen die Kirchen in und um Burg am Programm

Behütet durch Gottes Wort, und zwar im Wortsinn, können sich Besucher der Landesgartenschau 2018 (Laga) in Sachsen-Anhalt fühlen. So jedenfalls stellen sich die Planer den Beitrag der Kirchen zur Laga vor. »Unser Motto heißt ›Aus der Quelle erfrischt‹ und meint mit Quelle natürlich Gottes Wort. Wir wollen einen Pavillon bauen, dessen Dach an ein aufgeschlagenes Buch erinnert. Es wird unterspannt mit einem Gewebe, auf dem Bibelverse stehen«, beschreibt Nicol Speer.

Nicol Speer organisiert die Aktivitäten der Kirchen auf der Landesgartenschau 2018 in Burg. – Foto: Renate Wähnelt

Nicol Speer organisiert die Aktivitäten der Kirchen auf der Landesgartenschau 2018 in Burg. – Foto: Renate Wähnelt

Die 41-Jährige hat bereits viel Erfahrung im Projektmanagement gesammelt und sucht immer wieder neue Aufgaben, bei denen sie Menschen kennenlernt. Jetzt hat sie ein Büro in der Superintendentur des Kirchenkreises Elbe-Fläming in Burg bezogen und kümmert sich um den Beitrag der Kirchen auf der Laga.

Die Gartenschau wird sich durch die Burger Altstadt ziehen. Bestandteil sind die Ihlegärten, ein Grünzug entlang des Flüsschens, für den keine Eintrittskarte nötig ist. Hier, auf einer Insel zwischen zwei Flussarmen, wird der Kirchenpavillon stehen. Frei zugänglich. Nicol Speer freut sich über die Chance, Vorüberkommende so einfach ansprechen zu können.

Was genau in der Zeit vom 21. April bis 7. Oktober 2018 die Gäste hier erleben können, steht noch nicht fest. »Wir haben für jede Woche Verantwortliche definiert, die das Programm gestalten. Die Kolping-Familie ist mit der Planung schon fertig; die meisten sind noch längst nicht so weit«, erzählt die studierte Gymnasiallehrerin, der die Kommunikationsmöglichkeiten an einer Schule zu überschaubar waren.

So ist Nicol Speer fasziniert und begeistert, wie viele Menschen sie in Burg bereits um das Kirchen-Programm herum kennenlernte. Vor allem, weil sie hier eine große, bunte Ökumene erlebt. »Die Unterschiede werden als Bereicherung empfunden«, schwärmt sie. Und so sind sowohl die evangelischen Gemeinden als auch katholische dabei, der gastgebende Kirchenkreis und benachbarte aus der Altmark, katholisches Bistum, die Reformierte Gemeinde in Burg, die Neuapostolische und die Adventgemeinde. »Jeder trägt nach seinen Möglichkeiten etwas bei. Das ist ein ganz starkes Netzwerk«, freut sich Nicol Speer.

Fest steht bisher, dass es täglich um 12 Uhr eine Andacht gibt, sonntags einen Gottesdienst. Konzerte, Spielangebote für Kinder, Diskussionen – ein buntes Programm soll entstehen, das die Flaneure neugierig macht auf den Glauben. Was Nicol Speer und die Gemeinden vor Ort noch nicht wissen: Können sie die Kirchen in Burg offen halten? Die sind nur wenige Schritte von der Gartenschau entfernt. Es wäre schade, wenn Neugierige oder Stille Suchende vor verschlossener Tür stehen.

Renate Wähnelt

In der Sprache des Alltags

18. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Um über den Glauben zu reden, benötigt man kein Theologiestudium. Sogenannte Laien sollten es viel öfter tun, findet Christine Reizig, die anhaltische Landespfarrerin für Gemeindeaufbau. Angela Stoye sprach mit ihr auch über Möglichkeiten, das Können auf diesem Gebiet zu erweitern.

Ich habe den Eindruck, dass eher die Hauptamtlichen im Verkündigungsdienst sprachfähig im Glauben sind. Wie sehen Sie das?
Reizig: Ja und nein. Ich erlebe mich als Theologin auch oft als nicht schlagfertig genug. Ich denke, sogenannte Laien haben eine andere Sprache, wenn es um den Glauben geht. Es ist niemandem gedient, wenn dogmatische Richtigkeiten verbreitet werden. Nötig ist eine Übersetzung des Glaubens in die Sprache des Alltags. Das können oftmals die Altenpflegerin X und der Malermeister Y besser als Theologinnen und Kirchenmusiker.

Aber etliche haben – mit Blick auf vermeintliche oder bestehende Wissenslücken – Bedenken. Da nehme ich mich nicht aus …
Reizig: Sprachfähig über den Glauben zu sein, heißt nicht, ich muss auf jede Frage eine Antwort wissen. Viele verfallen diesem Irrtum und trauen sich deshalb nicht. Für mich geht es eher darum, Mut zu wecken, über das zu reden, was mir wichtig ist, was mir Mut macht, mich im Alltag trägt und hält.

Christine Reizig ist anhaltische Landespfarrerin für Gemeindeaufbau – Foto: Johannes Killyen

Christine Reizig ist anhaltische Landespfarrerin für Gemeindeaufbau – Foto: Johannes Killyen

Von dem französischen Schriftsteller Paul Claudel sind die Sätze überliefert: »Rede über Christus nur dann, wenn du gefragt wirst. Aber lebe so, dass man dich nach Christus fragt.« Wie stehen Sie dazu?
Reizig: Teils hat er recht, teils nicht. Es ist erstens nicht werbend für den Glauben, wenn ihn jemand ständig wortreich vor sich her trägt. Zweitens muss zweifelsohne das Reden durch das Tun gedeckt sein. Auf bekennende Christinnen und Christen wird kritischer gesehen als auf andere. Wir leben aber drittens in einer so entchristlichten Welt, dass nicht mehr automatisch vom Tun auf den Glauben geschlossen wird. Deshalb ist das Tun sehr wichtig, das Reden gehört aber unbedingt dazu.

Ein Blick auf Ehrenamtliche: Kirchenälteste sollen ihre Gemeinde nicht nur in Bau- und Finanzfragen leiten, sondern auch geistlich. Geschieht das überhaupt?
Reizig: Im Paragrafen 15 der Verfassung unserer Landeskirche steht vor der Aufzählung konkreter Aufgaben des Gemeindekirchenrates (GKR), dass er die geistliche, geschwisterliche Leitung der Kirchengemeinde ist. Das bedeutet, dass die Frage nach dem persönlichen Glauben existenziell ist. Jede Gemeinde ist froh, wenn sie Spezialistinnen und Spezialisten für bestimmte Fragen werben kann, für die Kenntnisse nötig sind, für Bau- und Finanzfragen, für den Friedhof und Verpachtungen.

Trotzdem ist ein GKR etwas anderes als der Vorstand eines Vereins. Als Grundfrage soll immer dahinterstehen, was den Glauben fördert und wie missionarische Ausstrahlung möglich ist. In der Praxis ist es aber manchmal so, dass das »geistliche Herz« der Gemeinde woanders schlägt – in einem Hauskreis, einer Gebetsinitiative, einem Familienkreis etwa. Ein reifer GKR sollte das erkennen und dringend den regelmäßigen Kontakt suchen.

Wie kann die Sprachfähigkeit im Glauben verbessert werden? Und wo?
Reizig: Sprachfähigkeit wird verbessert, indem man redet. Und das sollte möglichst in den Gemeinden und Regionen geschehen. Gemeindeglieder sollten nicht nur die Predigten hören, sondern selbst zu Wort kommen. Das schult – übrigens auch die Pfarrerinnen und Pfarrer. Wir merken manchmal gar nicht, wenn wir eine Sprache sprechen, die nicht verstanden wird. Auch wir brauchen dringend das Gespräch. Für mich ist da die Arbeit mit Lektorinnen und Lektoren sehr heilsam.

Da die Laienakademie zurzeit ruht: Gibt es spezielle Kurse für Nicht-Theologen?
Reizig: Zum einen gibt es die jährlichen Fortbildungen für Kirchenälteste an einem Wochenende in Gernrode. Die Themen sind oft auf den Glauben bezogen oder verbinden Glaubensfragen mit Verwaltung und Organisation. Zum anderen sind die Glaubensgespräche in den Gemeinden wichtig. GKR-Klausuren tun dem Gremium oft richtig gut, weil es möglich ist, anders ins Gespräch zu kommen als bei Sitzungen mit Tagesordnung.

Ich empfehle da einen Glaubenskurs für Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau mit dem Titel »Sehnsucht nach mehr«. Er lädt dazu ein, sich mit Basisfragen des Glaubens zu befassen (Taufe, Kirche, Bibel, Abendmahl) und davon ausgehend geistliche Elemente mit in die Sitzungsarbeit zu nehmen. Dazu lasse ich mich gern auch einladen. Das Arbeitsmaterial ist aber so gut ausgearbeitet, dass es GKR oder Regionalversammlungen auch selbst verwenden können. Es gibt eine Vielzahl von Kursen auf dem Markt.

Ebenso ist es sinnvoll, sich nach geistlichen Kompetenzen vor Ort und in der Region umzusehen. Wichtig ist, dass Älteste und andere engagierte Menschen in den Gemeinden ihr Bedürfnis, mehr über Glaubensfragen reden zu wollen, auch deutlich machen und ihre konkreten Fragen stellen.

Wann ist für Sie der Idealzustand auf dem Gebiet »sprachfähig im Glauben« erreicht?
Reizig: Mein Traum, meine Vision, ist, dass nach Losung und Lehrtext vom 3. Juli der Glaube in den Herzen der Gemeindeglieder ein brennendes Feuer ist, dass wir einfach nicht aufhören können, von dem zu reden, was wir gehört und gesehen haben (Jeremia 20,9; Apostelgeschichte 4,20).

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