Wechsel an der Spitze
5. Mai 2012 von redaktionguh
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt plus
Neue Landessynode konstituierte sich
Wahlen prägten die konstituierende Tagung der anhaltischen Landessynode am 27. und 28. April in Dessau-Roßlau. Die 23. Legislaturperiode brachte auch einen Wechsel an der Spitze, denn der langjährige Präses Alwin Fürle kandidierte aus Altersgründen nicht mehr für dieses Amt. Zu seinem Nachfolger wählten die Synodalen den Diplomökonomen Andreas Schindler, der seit vielen Jahren Mitglied des Präsidiums der Synode und der Kirchenleitung ist.

Der neue Präses der Landessynode Anhalts, Andreas Schindler (links), übernahm das Amt von Alwin Fürle. Foto: Johannes Killyen
Der 58-Jährige stammt aus einem anhaltischen Pfarrhaus, lebt in Dessau und ist Vorstandsvorsitzender und Direktor der in Bernburg ansässigen Kanzler von Pfau’schen Stiftung. Von den 39 Synodalen stimmten 34 für ihn, zwei dagegen und zwei enthielten sich der Stimme. Als weitere Mitglieder des Präsidiums wählten die Synodalen mit großer Mehrheit die Direktorin des Finanzamtes Staßfurt, Ursel Luther-von Bila, und den Köthener Kreisoberpfarrer Dietrich Lauter. Zu Stellvertretern für das Synodalpräsidium bestimmten sie den Elektroingenieur Paul Lindau aus Zerbst und Pfarrer Wolfram Hädicke aus Köthen. Der neue Präses sieht sich an der Spitze einer »geistlichen Gemeinschaft, die zugleich konfliktfähig sein muss«.
Die Landessynode zählt 39 Mitglieder. 33 von ihnen wurden Anfang März in Wahlkonventen in den Kirchenkreisen Ballenstedt, Bernburg, Dessau, Köthen und Zerbst gewählt. Sechs weitere berief die Kirchenleitung. Mehr als die Hälfte, und zwar 21 Synodale, sind neue Mitglieder des Kirchenparlaments, das zwei Mal im Jahr zusammentritt. Zwei Drittel der Synodalen sind Nichttheologen, ein Drittel Theologen.
In seinem Bericht vor der Synode bekräftigte Kirchenpräsident Joachim Liebig erneut die Eigenständigkeit der rund 42000 Mitglieder zählenden Landeskirche. Zugleich wies er auf die enge Zusammenarbeit mit anderen Kirchen und Einrichtungen hin. »Wir setzen auf Kooperation, wo immer es möglich ist, bei gleichzeitiger Wahrung der landeskirchlichen Autonomie.« Dies sei nicht nur ein Ausdruck von »solidem Traditionsbewusstsein«, sondern der Versuch, evangelische Kirche unter den derzeitig in Deutschland geltenden Bedingungen anders als in der großen organisatorischen Form darzustellen. Der Blick in die Ökumene zeige, dass weltweit so große Landeskirchen wie in der Bundesrepublik eher die Ausnahme seien. »Kirchen in anderen Teilen der Welt bilden in etwa die Größe Anhalts ab und werden getragen von bis zu 200000 Mitgliedern.«
Angela Stoye
»Ein ganz normaler Vorgang«
4. Mai 2012 von redaktionguh
Abgelegt unter Mitteldeutschland
Salafisten verteilten den Koran auch in Mitteldeutschland kostenlos auf der Straße
Nun hat sie auch Mitteldeutschland erreicht: die kostenlose Koran-Verteilaktion der Salafisten. So waren unter dem Motto »Lies!« am 24. April auf dem Weimarer Goetheplatz und am 28. April auf der Prager Straße in Dresden Stände mit Informationsmaterialien über den Islam aufgebaut.
»Ein ganz normaler Vorgang«, wie Weimars Pressesprecher Ralf Finke im Blick auf die Religionsfreiheit versicherte. Die ordnungsgemäße Anmeldung sei durch das Internationale Islamische Kulturzentrum »Erfurter Moschee« erfolgt. Im Vorfeld habe sich das Ordnungsamt die Verteilmaterialien vorlegen lassen. Dabei habe sich herausgestellt, dass eines der Bücher, die ausgelegt werden sollten, auf dem Index des Verfassungsschutzes stehe. Dessen Präsentation sei daraufhin untersagt worden. Eine Prüfung durch die Behörde habe keinerlei Beanstandungen ergeben. Am 15. Mai solle nochmals in Weimar ein Stand aufgebaut werden, so Finke.
Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) hat am 17. April in einer Presseerklärung darauf hingewiesen, dass hinter der Verteilaktion salafistische Kreise um den radikal-islamistischen Kölner Prediger Ibrahim Abou-Nagie stehen, »deren Ideologie demokratie- und menschenrechtsfeindlich ausgerichtet ist, die die Welt in Gut und Böse, in Gläubige und Ungläubige einteilen«. Wer das fundamentalistische Islamverständnis nicht teile, werde als Ungläubiger beschimpft. Dialog und Integration würden abgelehnt. In religiösen Gesängen werde das »Märtyrertum« verherrlicht oder gar offen zum bewaffneten Kampf aufgerufen. Staat und Gesellschaft »sollten mit einer rückwärtsgewandten Koranauslegung nach islamischen Normen radikal umgestaltet werden«, heißt es weiter.
Die Salafisten, deren Zahl in Deutschland auf 3000 bis 5000 geschätzt wird, haben vor allem unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen Zulauf, die durch massive Internetpropaganda erreicht und zum Studium des Islams »eingeladen« werden.
»Ibrahim Abou-Nagie«, betont EZW-Referent Friedemann Eißler, »gilt als einer der gefährlichsten Islamistenprediger in Deutschland.« Vereine wie »Die wahre Religion« oder »Einladung zum Paradies« stünden mit Recht unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. »Sie negieren die grundlegenden Werte und Freiheitsrechte des säkularen Rechtsstaates und schaden der großen Mehrheit der Muslime. Nicht nur der Staat, auch die zivilgesellschaftlichen Organisationen, die muslimischen Verbände und die christlichen Kirchen müssen ihre Verantwortung erkennen und den Missbrauch der Religion durch Aufklärung überwinden helfen.«
Die Kultursoziologin Monika Wohlrab-Sahr warnte in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) hingegen vor einer Hysterie um die Koran-Verteilaktion der Salafisten. »Das Verteilen einer religiösen Schrift produziert noch lange keine Konvertiten. Wie viele Neue Testamente liegen – ohne entsprechende Wirkungen – in Hotels aus oder werden kostenlos verteilt. Der Weg hinein in radikale Gruppen ist wesentlich komplexer«, sagte sie.
(GKZ)
Halbzeit
4. Mai 2012 von redaktionguh
Abgelegt unter Kommentar
Es ist fast Halbzeit bei der Lutherdekade. Seit 2008 laufen die Vorbereitungen im Blick auf das große Reformationsjubiläum. Mit der Einführung von Margot Käßmann als Lutherbotschafterin hat die EKD jetzt erneut ein Signal gesetzt, dass sie intensiv für das Jubiläum werben und den Inhalt transportieren will. Deren wichtigste Aufgabe dürfte es nun sein, die Botschaft der Reformatoren in die Gegenwart zu übersetzen. Was bedeutet Freiheit unter heutigen Bedingungen, was heißt Toleranz und was hat uns die Rechtfertigungslehre noch zu sagen? Ist das alles Schnee von gestern oder weiter aktuell? Denn zuallererst muss es darum gehen, ein Bewusstsein dafür zu wecken, dass dieses welthistorische Ereignis bis in unsere Tage nachwirkt.
Dass die frühere Bischöfin und EKD-Ratsvorsitzende das kann, hat sie schon mehrfach bewiesen. Bei ihrer Einführung etwa rief sie die Christen ganz im reformatorischen Sinn dazu auf, »selbst zu denken« und sich gegen jedwede Ausprägung des Fundamentalismus zu stellen. Angesichts der gegenwärtigen Tendenz, dass Religion immer stärker mit Intoleranz und auch Gewalt in Verbindung gebracht wird, ist das eine höchst aktuelle Botschaft. Einen ökumenischen Akzent hat sie zudem bei der Einweihung des Taufzentrums in Eisleben gesetzt. Schließlich würden Christen nur einmal in die eine Kirche Jesu Christi hineingetauft.
Ein Anfang ist also gemacht. Doch bis zum eigentlichen Reformationsjubiläum im Jahr 2017 bleibt noch viel zu tun. Jetzt muss Margot Käßmann beweisen, dass sie nicht nur punktuell die Massen begeistert, sondern dass es ihr gelingt, über fünf Jahre den Spannungsbogen hochzuhalten. Allein wird sie das kaum meistern können. Sie braucht deshalb Unterstützung auch von anderer Seite. Damit das Reformationsjubiläum mehr wird als eine Geschichtsstunde, müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Eine Halbzeit, selbst wenn sie fünf Jahre dauert, ist dafür nicht viel Zeit.
Martin Hanusch
Kirche im Umbau
30. April 2012 von redaktionguh
Abgelegt unter Mitteldeutschland
Tagung: Mitteldeutsches Kirchenparlament beriet am 20. und 21. April in Drübeck
Die EKM-Synode befasste sich auf ihrer Tagung mit dem Thema Gemeinde und der Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren.
Ich bin schon ein bisschen gerührt.« Der Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Wolf von Marschall, gab sich ungewohnt emotional. Grund für seine Freude auf der Frühjahrstagung des Kirchenparlamentes in Drübeck war die Aussicht auf den Gemeindekongress, der am 13. Oktober in Halle geplant ist. Er habe schon seine Zweifel gehabt, ob es gelingen könne, so ein Projekt auf die Beine zu stellen, räumte der Präses ein.
Doch nach dem Bericht der Mitarbeiter des Gemeindedienstes der EKM laufen die Vorbereitungen bestens. Auch die bisherige Resonanz kann sich sehen lassen. So hätten 36 von 37 Kirchenkreisen ihre Teilnahme bereits zugesagt, berichtete Gemeindedienst-Mitarbeiter René Thumser. Ingesamt rechnen die Verantwortlichen mit rund 1000 Teilnehmern. Es kam nicht von ungefähr, dass das Projekt vor der Synode vorgestellt wurde. Wie schon auf den Tagungen zuvor ging es auch in Drübeck um das Thema »Gemeinde unterwegs«.
Bereits Landesbischöfin Ilse Junkermann war in ihrem Bericht (siehe Randspalte) darauf eingegangen. Die Synode nahm den Ball auf und forderte die Gemeinden und Kirchenkreise auf, hier neue Wege zu beschreiten. So solle das Amt der Ordinierten als Amt verstanden werden, das dem allgemeinen Priestertum dient. Zudem müssten die verschiedenen Gaben neu entdeckt und gefördert werden. Um Gemeinden neu zu denken und vom »Rückbau zum Umbau« zu kommen, gehe es auch darum, nach neuen Bildern von Gemeinde zu suchen.
Einen Beitrag dazu will der Gemeindekongress leisten. Dessen Ziel sei es, nach den ganzen Ordnungsfragen ein »inhaltliches Bild von Kirche« entstehen zu lassen, unterstrich Pfarrer Karsten Müller vom Gemeindedienst. »Wir wollen die EKM in Halle sichtbar werden lassen.« So könnten gelungene, aber auch weniger erfolgreiche Projekte in der Händel-Halle vorgestellt werden. Die Teilnehmenden sollten zudem neugierig auf andere werden und Anregungen für die eigene Gemeinde bekommen. Ganz neu ist die Idee nicht: Bereits in den Jahren 2001 bis 2009 gab es in der ehemaligen Kirchenprovinz Sachsen solche Treffen. In Thüringen lud der damalige Landesbischof Christoph Kähler 2009 zu einem Kirchenältestentag ein, der einen ähnlichen Ansatz verfolgte. Nun sollen diese Traditionen wieder fruchtbar gemacht werden.
Ein weiterer Schwerpunkt der zweitägigen Beratungen in Drübeck war die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Diese ist in der EKM nicht ausdrücklich geregelt, wird vor Ort aber bereits praktiziert. Nach wie vor gebe es in dieser Frage aufgrund des unterschiedlichen Schriftverständnisses einen Dissens, erklärte die Arnstädter Superintendentin Angelika Greim-Harland für den Ausschuss Gottesdienst, Gemeindeaufbau und Theologie. Der Ausschuss hatte sich noch einmal intensiv mit dem Thema befasst und die Arbeitsergebnisse aus den beiden früheren Landeskirchen gesichtet. Trotz unterschiedlicher Ansätze sei es möglich, zu einer Lösung zu kommen, betonte die Superintendentin. Auch bestehe Einigkeit darüber, dass die unterschiedlichen Antworten keine kirchentrennende Bedeutung hätten.
Der von der Synode beauftragte Ausschuss regte an, die Segnung grundsätzlich zu ermöglichen. Zugleich müsse es aber auch möglich sein, dass ein Pfarrer dies aus Gewissensgründen ablehnen könne. Die Diskussion sollte hier nicht unnötig verschärft werden, empfahl Christian Fuhrmann vom Gemeindedezernat. Der Sicht des Ausschusses folgten letztlich auch die Synodalen. In einem mit großer Mehrheit verabschiedeten Votum wurde Zustimmung zu dem Bericht signalisiert. Bis zur Herbsttagung soll nun eine Beschlussvorlage für die Segnung erarbeitet werden.
Martin Hanusch
Zeugnisse des Widerstands
29. April 2012 von redaktionguh
Abgelegt unter Thüringen
Im Thüringer Archiv für Zeitgeschichte in Jena befinden sich auch kirchliche Bestände
Das Thüringer Archiv für Zeitgeschichte (ThürAZ), das sich in einem Eckhaus am Camsdorfer Ufer in Jena befindet, gilt als das einzige unabhängige Oppositionsarchiv im Freistaat. Um die 100 Vor- und Nachlässe privater Personen und von Körperschaften, wie dem Landesverband Neues Forum, erzählen von Zivilcourage und dass es sich lohnt, für die eigenen Überzeugungen einzustehen. Der Trägerverein »Künstler für Andere« hat seine Wurzeln in der DDR. Die 1986 entstandene Jenaer Gruppe sah nach der Wende die Notwendigkeit, sich mit der eigenen Geschichte zu befassen, und begründete 1991 das »Matthias-Domaschk-Archiv«. Dafür stand zunächst nur Material aus den Beständen der Staatssicherheit zur Verfügung. Doch der einäugige Blick konnte auf die Dauer nicht befriedigen.

Not macht erfinderisch: Plakate und die Werkzeuge, die der Geraer Jugenddiakon Wolfgang Thalmann dem Thüringer Archiv für Zeitgeschichte übergeben hat. – Foto: Doris Weilandt
Ab 1995 wurde das gesamte Spektrum von Materialien aus der Oppositionsbewegung – vorrangig aus den ehemaligen Bezirken Gera, Erfurt und Suhl – aufgenommen: Tagebücher, Briefe, Plakate, Untergrundliteratur, Fotos und vieles mehr. »War früher die Grundmotivation das Ansehen der eigenen Geschichte«, erklärt Vereinsvorsitzender Reiner Merker, »ist es heute die Zugänglichkeit für die Forschung.«
Das ThürAZ bekam auch umfangreiche Materialien zur Offenen Arbeit der evangelischen Kirche von verschiedenen Akteuren. Sie sind für sich genommen exemplarisch, ergeben aber doch ein differenziertes Bild, wie Staat und Kirche in der DDR miteinander verwoben waren. Von Wolfgang Thalmann stammt ein Konvolut von Plakaten aus seiner Tätigkeit als Jugenddiakon in Gera, für deren Herstellung er die Buchstaben und Grafiken selbst in Linoleum geschnitten hat, um davon Abzüge zu machen. Die entsprechenden Kenntnisse für die professionelle Ausführung erhielt er während seiner Ausbildung in Eisenach. Zu »JUNE 78«, einer DDR-weiten, sehr progressiven Jugendwerkstatt unter dem Dach der Kirche in Rudolstadt, existiert der gesamte Arbeitsvorgang von der Idee bis zur Umsetzung. Vom Plakat »JUNE 79« gibt es noch den Druckstock. Uwe Koch, damals Pfarrer in Rudolstadt, gab Infoblätter heraus, die er »Friedensreader« nannte. Nach kurzer Zeit wurden sie verboten. Im Jenaer Archiv finden sich nicht nur die Blätter, sondern auch die Beschwerde des Pfarrers Michael Damm an die Kirchenleitung: »Ich bin tief betroffen von der Reaktion des Landeskirchenrates in dieser Sache, wie ich von Pfarrer Koch erfuhr, wurde mitgeteilt, die Strafverfügung sei zu Recht ergangen und es sei dringend geraten, das Erscheinen der Blätter einzustellen und die Ordnungsstrafe zu zahlen …«
Walter Schilling, Pfarrer in Braunsdorf, überließ dem Archiv Unterlagen zur Offenen Arbeit, aber auch eine Dokumentation, die er mit anderen angefertigt hat: Auf 56 Seiten werden Einzelschicksale in Form von Gedächtnisprotokollen aus Jena, Weimar, Berlin, Halle und anderen Orten aufgezeichnet. Auch an den Landesbischof und die Landeskirchenleitung wurde die Mappe, die als internes Arbeitspapier gedacht war, übergeben. Darin befindet sich der erste Bericht des wegen staatsfeindlicher Hetze inhaftierten Namensgebers des Archivs: Matthias Domaschk. Das Echo ist nicht bekannt.
Doris Weilandt
Streitfragen
29. April 2012 von redaktionguh
Abgelegt unter Kommentar
Dürfen homosexuelle Pfarrerinnen und Pfarrer mit ihren Lebensgefährten zusammen im Pfarrhaus wohnen? Sollen gleichgeschlechtliche Paare gesegnet werden? Diese beiden Fragen haben am vergangenen Wochenende die Synoden der sächsischen und der mitteldeutschen Landeskirche (EKM) bewegt. Doch anders als in Dresden, wo zeitweise sogar mit Kirchenspaltung gedroht wurde, ist es in Drübeck bei der Synode der EKM vergleichsweise unaufgeregt zugegangen. Das mag auch daran gelegen haben, dass hier nur ein Zwischenbericht eingebracht wur-de und noch keine Entscheidung anstand (siehe Seite 2 und 5).
Kaum ein Thema ist in der Kirche so umstritten wie das des Umgangs mit Homosexuellen. Nicht nur in Deutschland, auch in der weltweiten Ökumene gerät die Frage schnell zum Status Confessionis. Bis heute rührt sie an ein Tabu, weil letztlich davon auch der Grundsatz betroffen ist, wie denn die Bibel zu verstehen sei – wörtlich oder dem Geiste nach. Zudem gibt es neben den theologischen Differenzen auch manche irrationalen Ängste, die eine sachliche Diskussion erschweren.
Natürlich lässt sich das unterschiedliche Schriftverständnis nicht einfach aus der Welt schaffen. Trotzdem muss es eine Regelung geben, die das Interesse gleichgeschlechtlicher Paare aufnimmt – und das ist keine Frage des Zeitgeistes, sondern der geistlichen Begleitung. Der mit der Sache betraute Synodalausschuss hat ein Votum abgegeben, mit dem eigentlich alle Seiten leben können müssten. Grundsätzlich sollte sich die Kirche einem erbetenen Segen nicht verschließen. Wenn ein Pfarrer das mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann, bleibt ihm immer noch die Möglichkeit, dies abzulehnen. Das ist nicht nur ein guter Kompromiss, sondern schafft Sicherheit für alle Beteiligten. Schließlich geht es hier um Menschen, die ihren gemeinsamen Weg bewusst unter den Segen Gottes stellen wollen. Eigentlich ein Grund zur Freude.
Martin Hanusch
Den Anschluss verpasst?
29. April 2012 von redaktionguh
Abgelegt unter Wort zur Woche
Mit Freuden zart zu dieser Fahrt lasst uns zugleich fröhlich singen, beid, groß und klein, von Herzen rein mit hellem Ton frei erklingen.
Evangelisches Gesangbuch 108,1
Nein, unserer Lebenswirklichkeit entspricht dieser Text nicht mehr. Und ganz davon abgesehen, dass er schon in den ersten Versen von altertümlichen Wortverbindungen nur so strotzt, ist sein Versmaß derart stotternd, dass eine fließende Vertonung nur sehr schwer möglich erscheint. Sollen wir also auf die nächste Gesangbuchreform warten, die uns dies Lied hoffentlich ersparen wird?
Vor 24 Jahren saß ich als frisch immatrikulierter Kirchenmusikstudent in einer Vorlesung im Fach Liturgik. In einem inhaltlichen Abstecher in die Hymnologie bekamen wir zu hören, dieses Lied würde ein Auswendiglernen unbedingt lohnen und sollte nicht nur in der Osterzeit gesungen werden. Ich versuchte das Auswendiglernen und Meditieren – ohne Erfolg; mein Unverständnis galt nicht nur dem Lied, sondern auch dem ansonsten hoch geschätzten Dozenten.
Es ist trotzdem eins meiner Lieblingslieder. Mit ihm habe ich mich beworben, mit ihm gerungen in einigen Bearbeitungen für Chor oder Orgel, und geheiratet habe ich mit ihm auch. Aber es ist mir nie in den Sinn gekommen, dass der Text eine neue Melodie gebrauchen könnte.
Ja, was denn nun? Bin ich selbst inzwischen der Lebenswirklichkeit entrückt? Habe ich mich in meiner festen Kirchen-Burg verbarrikadiert und den Zeit-geistlichen Anschluss verpasst? Ein Lied, das seit über 400 Jahren gesungen wird, hat sein Verbleiben in unserem Gesangbuch nicht der Trägheit von Gesangbuch-Kommissionen zu verdanken. Ein Credo, das seit 1800 Jahren gesprochen wird, ist vielleicht schon seit 1700 Jahren aus der Mode, aber noch heute aktuell. Mitunter muss ich mit unseren Texten ringen, bevor ich merke, dass sie gut sind und gut tun.
Wie lange muss ich mich abmühen, um einen Hauch von Verständnis spüren zu können? Sind 24 Jahre genug?
Sebastian Saß, Kirchenmusiker in Bernburg
Mut zur Lücke
28. April 2012 von redaktionguh
Abgelegt unter Mitteldeutschland
Landesbischöfin fordert auf, neue Wege zu gehen
Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, hat sich für eine Neuausrichtung der kirchlichen Arbeit ausgesprochen. Angesichts der demografischen Veränderungen und einer fortschreitenden Säkularisierung sei ein weiterer Rückbau nicht mehr verkraftbar, stattdessen sei ein »richtiger Umbau« erforderlich, sagte sie am 20. April zum Auftakt der in Drübeck tagenden Landessynode. Wenn die Strukturen auf lange Sicht nicht verändert würden, »dann überfordern wir uns und alle Mitarbeitenden auf Dauer«. Es brauche deshalb neue Konzepte und auch den Mut zur Lücke. »Wer keinen Mut zur Lücke hat, der braucht Lückenbüßer.«
Die Strukturveränderungen der letzten Jahre hätten in den Gemeinden den Eindruck verfestigt, das letzte Glied in einer Kette von oben nach unten zu sein, räumte sie ein. Nun müsse es gelingen, Kirche wieder bewusst als gegenseitige und wechselseitige Verantwortungsgemeinschaft zu gestalten.
Als Beispiele für einen bereits begonnenen Umbau nannte sie die neu konzipierte Konfirmandenarbeit sowie neue Gottesdienst- und Gemeindeformen. Auch die Verantwortung der Kirchenkreise im neuen Finanzgesetz sei ein wichtiger und richtiger Schritt in diese Richtung. Allerdings bräuchten die Gemeinden, Regionen und Kirchenkreise mehr Entscheidungsräume, mehr Freiheiten und Rechte. Deshalb sollten nach der vollzogenen Rechtsangleichung der früheren Landeskirchen von 2014 an gezielt Gesetze und Regelungen daraufhin überprüft werden, wie Verwaltung vereinfacht und Entscheidungsspielräume erweitert werden könnten.
Notwendig sei es außerdem, die Gemeinde neu zu denken – »von allen Getauften her und nicht vom besonderen Amt her«. Eine Grundeinsicht der Reformation sei es gewesen, dass alle durch die Taufe berufen seien, unterstrich die Landesbischöfin. Mit dieser Ansicht habe die Reformation eine ganze Kultur und Gesellschaft verändert. Allerdings sei das »Priestertum aller Gläubigen« von den Reformatoren selbst nicht ganz durchgehalten worden. Ansätze, die es im Kirchenbund der DDR gegeben habe, wie die Kirche als Lerngemeinschaft und als Beteiligungskirche zu verstehen, seien mit der friedlichen Revolution zu schnell und zu stark abgebrochen worden, so Ilse Junkermann.
Heute werde immer deutlicher, dass der strukturelle Rückbau neue Einstellungen brauche und zwar bei den Hauptberuflichen genauso wie bei den Neben- und Nichtberuflichen, den ehrenamtlich Engagierten. Allen Tendenzen der Gemeinde, sich selbst genug zu sein oder für sich bleiben zu wollen, müsse dabei entschieden widersprochen werden. »Die Gemeinde und Kirche ist nicht für sich selbst da«, betonte die Landesbischöfin.
Martin Hanusch
»Wir haben den Anfang gemacht«
27. April 2012 von redaktionguh
Abgelegt unter Titelseite
Geschichte: Sommerlager der Aktion Sühnezeichen entwickelten sich schnell zu eigener Form des Versöhnungsdienstes
Vor 50 Jahren starteten die Sommerlager der Aktion Sühnezeichen. Eine international besetzte Tagung blickt jetzt an historischem Ort
zurück und nach vorn.
Die ersten Sommerlager vor 50 Jahren seien »Notlösungen« gewesen, erinnert sich Christian Schmidt, der von 1965 bis 1975 Geschäftsführer von Aktion Sühnezeichen in der DDR war. Notlösungen deshalb, weil ursprünglich an einen Versöhnungsdienst in den Ländern Polen, Russland und Israel gedacht war. »Des zum Zeichen bitten wir die Völker, die Gewalt von uns erlitten haben, dass sie uns erlauben, mit unseren Händen und mit unseren Mitteln in ihrem Land etwas Gutes zu tun … Lasst uns mit Polen, Russland und Israel beginnen«, heißt es 1958 in dem Gründungsaufruf der Aktion Sühnezeichen.

Junge Leute führen die Tradition bis heute fort – wie hier bei einem Arbeitseinsatz im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen. Foto: epd-bild
Da aber die DDR-Regierung einen Versöhnungsdienst in diesen Ländern ablehnte, fand das erste Sommerlager 1962 in Magdeburg statt. »Wir haben den Anfang gemacht«, sagt Schmidt rückblickend auf die ersten beiden jeweils 14-tägigen Aufbaulager mit insgesamt 72 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Zur Aufgabe gemacht hatten sie sich die Enttrümmerung von drei zerstörten Kirchen in Magdeburg: der Petrikirche sowie der Katharinen- und Wallonerkirche. Für die Petri- und die Wallonerkirche, die sich gegenüberstehen, hat sich das Engagement gelohnt, sie wurden später wieder aufgebaut und für die Gemeinden nutzbar gemacht. Die Arbeit an der Katharinenkirche sei umsonst gewesen, so Schmidt. Unter Walter Ulbricht wurde sie gesprengt.
Kirchen enttrümmern und in sozialen Einrichtungen helfen – das war ein Schwerpunkt von Aktion Sühnezeichen. Des Weiteren: die Beschäftigung mit deutscher Geschichte, dem Judentum sowie mit anderen Religionen und Konfessionen. Einen »internationalen Touch«, wie es Schmidt ausdrückt, bekamen die Lager ab 1965, als auch Einsätze in den Nachbarländern CˇSSR und Polen, zum Beispiel in der heutigen Gedenkstätte Majdanek, möglich wurden und umgekehrt Leute von dort in die DDR kamen.
Die Erfahrungen bei Aktion Sühnezeichen waren und sind für viele junge Leute prägend. Der frühere Dresdner Pfarrer Christoph Lehmann war von 1962 bis 1971 dabei und denkt gern an diese Zeit zurück. Die Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte in einer Weise, wie es in der Schule der DDR ausgeschlossen war, sei für ihn sehr wichtig gewesen, erzählt er. Außerdem die Gespräche mit den internationalen Teilnehmern, sie weckten damals Lehmannns Interesse an der Geschichte der osteuropäischen Länder, das bis heute anhalte. Inzwischen nimmt er an den Lagern teil, die die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) für über 40-Jährige veranstaltet. Die Teilnehmer kümmern sich dabei um brachliegende jüdische Friedhöfe in Tschechien und Polen.
Die Sommerlager entwickelten sich schnell zu einer eigenen Form des Versöhnungsdienstes und hatten großen Zuspruch. Nachdem 1962 in Magdeburg zwei Lager stattgefunden hatten, waren es 1963 bereits sieben und in den beiden folgenden Jahren 14 und 25. Die Lager fanden zwar ohne Genehmigung der staatlichen Behörden statt, waren insofern illegal. »Aber es ist nie zur Auflösung gekommen«, sagt Schmidt. Bis heute haben sich insgesamt rund 15000 Freiwillige an mehr als 1000 Lager-Einsätzen in fast ganz Europa beteiligt. In diesem Jahr wird es 34 Sommerlager geben, das erste Mal auch in Ländern, wo ASF langfristige Friedensdienste unterhält.
Er sei dankbar, dass er beim ersten Aufbaulager in Magdeburg dabeisein konnte, äußert auch der in Erfurt lebende Pfarrer i. R. Karl Metzner. Nach dem grauenvollen Krieg, dreieinhalbjähriger Kriegsgefangenschaft und den Erfahrungen während des Kalten Krieges sei Aktion Sühnezeichen für ihn ein großes Hoffnungszeichen gewesen. Als 84-Jähriger freue er sich, dass das Anliegen von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste unermüdlich von der jungen Generation wahrgenommen wird.
Sabine Kuschel
Die Jubiläumstagung vom 27. bis 29. April in Magdeburg steht unter dem Motto »Gegen den Strom«. Höhepunkt ist ein Festgottesdienst mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider am 29. April im Dom.
www.asf-ev.de
Telefonseelsorge Halle ist seit 20 Jahren am Netz
27. April 2012 von redaktionguh
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt plus
Mitinitiator Klaus-Dieter Cyranka erinnert an die Anfänge/Jubiläumsfeier
am 28. April in der Heilig-Kreuz-Kirche
In letzter Minute wäre es fast noch gescheitert. Gut ein Jahr lang hatte sich die kleine Gruppe auf den großen Tag vorbereitet, an dem die Nummer der Telefonseelsorge Halle erstmals freigeschaltet werden sollte. Ehrenamtliche Helfer sowie Ratschläge, Geld und Unterstützung der Telefonseelsorgen aus Mainz und Dortmund waren da – doch eines fehlte am 24. April 1992: die Leitung. »Die wurde trotz der Zusage der Telekom erst wenige Stunden vorher geschaltet, nachdem wir hartnäckig gedrängt hatten«, erinnert sich Klaus-Dieter Cyranka, einer der Mitinitiatoren der Telefonseelsorge Halle.
Mit einem Gottesdienst und einem Empfang feiert die Telefonseelsorge Halle am 28. April ihr 20-jähriges Bestehen. Der Verein, der sowohl von der evangelischen als auch von der katholischen Kirche und dem Land unterstützt wird, lädt dazu ab 10 Uhr in die katholische Heilig-Kreuz-Kirche in die Gütchenstraße in Halle ein. Und die Telefonseelsorge kann dabei auf eine Erfolgsgeschichte zurückblicken, die sich auch in Zahlen fassen lässt: Jährlich nutzen rund 10.000 Menschen aus dem südlichen Sachsen-Anhalt das Angebot; seit der Gründung haben Ehrenamtliche insgesamt 175.000 Stunden für die Probleme der Anrufer ein offenes Ohr gehabt.
Klaus-Dieter Cyranka, heute 74 Jahre alt, leitete zu DDR-Zeiten das evangelische Seelsorgeseminar in Halle und war schon lange von der Idee der Telefonseelsorge begeistert, wie es sie in Westdeutschland seit 1956 gab. »Die evangelische Stadtmission Halle hatte Ende der 70er Jahre versucht, eine anonyme Telefonberatung ins Leben zu rufen«, erinnert er sich – doch nicht nur wegen der geringen Anzahl der Telefonleitungen war das Projekt damals im Sande verlaufen.
Erst nach der Wende sollte die Zeit reif sein. Reges Interesse gab es an einer Informationsveranstaltung zur Gründung einer Telefonseelsorge in Halle im Mai 1991 – 70 Männer und Frauen meldeten sich, die sich hierfür ausbilden lassen wollten. Doch nicht bei allen war es der Wunsch, anderen Menschen bei ihren Sorgen und Nöten zu helfen: »Es gab auch welche, die dachten, sie bekommen über diesen Weg ein Telefon zuhause«, schmunzelt Cyranka heute. Schließlich fanden sich 20 ernsthafte Interessenten, die in zwei Gruppen ausgebildet wurden. Parallel gründete sich der Verein Telefonseelsorge Halle, dessen ehrenamtlicher Geschäftsführer Cyranka wurde. Im April 1992 ging das Sorgentelefon ans Netz, zunächst nur an den Wochenenden. Heute ist die Nummer rund um die Uhr erreichbar; rund 80 Ehrenamtliche decken diese Zeiten ab. Cyranka ist nach wie vor ehrenamtlich für den Verein tätig. Er leitet Supervisions- und Weiterbildungsgruppen.
Der Rückblick auf 20 Jahre Telefonseelsorge macht den 74-Jährigen froh: »Es ist etwas Schönes zu sehen, wie gut es läuft.« Denn nach wie vor gebe es eine große Bereitschaft von Freiwilligen, sich für die Aufgabe ausbilden zu lassen. Das stärkste Motiv sei für die meisten dabei, dass mit der seelsorgerischen Beratung nicht eine Aufopferung verbunden ist, sondern dies ein Gewinn auch für einen selbst ist. »Es wird viel Kraft dabei freigesetzt. Man entwickelt sich persönlich«, sagt Cyranka.
Silvia Zöller













