Geöffnet an 365 Tagen im Jahr

16. April 2018 von redaktionguh  
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Jubiläum: Die Evangelische Stadtmission in Dessau ist seit 100 Jahren ein Anlaufpunkt für Bedürftige

Was in der Stadt fehlen würde, wenn es sie nicht gäbe? »Unsere Besucher hätten keinen festen Anlaufpunkt, wo sie ein günstiges Mittagessen bekämen und vor allem auch der Einsamkeit ausweichen könnten«, sagt Marlies Hartmann, die seit 1999 Vorsitzende der Evangelischen Stadtmission Dessau ist. 100 Jahre gibt es die Einrichtung schon. Am 6. April wurde das mit einem Gottesdienst und einer Festveranstaltung mit Mitgliedern und Besuchern der Evangelischen Stadtmission sowie mit zahlreichen Gästen, unter anderem aus der Landeskirche Anhalts, der Politik sowie der Stadtverwaltung gefeiert. Eine Suppenküche betreibt die Stadtmission seit 1995. Zusätzlich ist die Einrichtung im Jakobushaus in der Steneschen Straße in Dessau eine Begegnungsstätte. Mit anderen Besuchern und dem Personal der Stadtmission können sich die Gäste austauschen. Bei Bedarf wird auch Unterstützung beim Ausfüllen von Formularen und bei anderen Behördenangelegenheiten gegeben.

Miteinander: Nach dem Jubiläumsgottesdienst feierten die Besucher bei Kaffee und Kuchen weiter. Foto: Lutz Sebastian

Miteinander: Nach dem Jubiläumsgottesdienst feierten die Besucher bei Kaffee und Kuchen weiter. Foto: Lutz Sebastian

Geöffnet ist an 365 Tagen im Jahr. Täglich gibt es ein Mittagessen aus der Küche der Anhaltischen Diakonissenanstalt für 90 Cent pro Mahlzeit. Bis zu 30 Besucher nehmen die Angebote der Stadtmission regelmäßig in Anspruch. Das Profil der Einrichtung hat sich in den 100 Jahren ihres Bestehens mehrfach gewandelt. Angefangen hat es am 1. April 1918 mit der Betreuung junger Mädchen vom Lande, die vor allem zum Arbeiten in den Dessauer Munitionsfabriken in die damals aufstrebende Industriestadt kamen. »Da sie mit ihren 14, 15 Jahren meist unbedarft waren, lauerten in der großen Stadt viele Gefahren«, resümiert Marlies Hartmann. Das wollte Charlotte Weiland damals ändern. Mit großer Hartnäckigkeit warb sie beim Herzog und den Kirchenoberen um ihr Projekt, die Mädchen betreuen zu können. Mit Erfolg. Schwester Weiland wurde so zur ersten Dessauer Stadtmissionarin. Das Luiseninstitut, unweit der Johnanniskirche im Dessauer Zentrum gelegen, blieb bis 1945 der erste Sitz der Dessauer Evangelischen Stadtmission.

Häufige Umzüge und wechselnde Aufgabengebiete

Als das Institut in der Bombennacht des 7. März 1945 vollständig zerstört wurde, brauchte es für die Bedürftigen eine neue Begegnungsstätte. Am Bahnhof wurde dafür eine Baracke gekauft. Oft zog die Stadtmission nach 1945 um. Aufgaben kamen, blieben und gingen. Eine Weile gehörte die Bahnhofsmission zum Aufgabengebiet.

Schwere Zeiten: Nach 1945 diente der Stadtmission im zerstörten Dessau eine Baracke als Domizil. Foto: Stadtarchiv Dessau-Roßlau

Schwere Zeiten: Nach 1945 diente der Stadtmission im zerstörten Dessau eine Baracke als Domizil. Foto: Stadtarchiv Dessau-Roßlau

Die Sinnesgeschädigten-Seelsorge wurde 1971 mit einem Neubau in der Georgenstraße etabliert, in Dessau-Kleinkühnau ein Haus für Mehrfachbehinderte eingerichtet und eine Missions-Buchhandlung betrieben.

Nach der Wende wurden viele Aufgabenbereiche an andere kirchliche Einrichtungen übertragen. 1995 erhielt die Evangelische Stadtmission mit der Suppenküche und dem Anlaufpunkt für sozial Schwache ihr aktuelles Profil. Seit 1999 ist das Jakobushaus in der Steneschen Straße die feste Adresse der Stadtmission. Drei Ein-Euro-Jobber und bis zu drei Minijobber unterstützen die Vorsitzende bei der Arbeit. 22 Mitglieder zählt die Stadtmission, die als Verein geführt wird. Ein harter Kern von sechs Leuten hilft ebenso nach Kräften, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Die Stadt Dessau-Roßlau steuert dafür pro Jahr 6 000 Euro bei. Der Rest wird aus Patenschaften und Spenden finanziert.

Wenn die 61-jährige Vorsitzende zum Jubiläum drei Wünsche frei hätte, dann wäre das zum einen den Bekanntheitsgrad der Einrichtung in der Stadt weiter zu erhöhen, sich um die Finanzierung weniger Sorgen machen zu müssen und in drei Jahren den Vorsitz an jemand Jüngeren abgeben zu können.

Danny Gitter

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Posaunen und Trompeten verkündigen

10. April 2018 von redaktionguh  
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Musik: Das nächste Landesposaunenfest Anhalts wird vom 1. bis 3. Juni in Gernrode gefeiert. Über den Stand der Vorbereitungen und die Blasmusik sprach Angela Stoye mit Steffen Bischoff, der seit 2004 Landesposaunenwart ist.

Herr Bischoff, Sie stecken mitten in den Vorbereitungen. Wie viele Bläserinnen und Bläser werden in Gernrode erwartet?
Bischoff:
Es werden etwa 100 Bläser aus Anhalt plus Gäste aus unserer Partnerkirche der Pfalz anreisen.

Auf welche Musikstücke und -stile dürfen sich die Besucher des Festes freuen?
Bischoff:
Auf eine große Vielfalt an Stilrichtungen. In der Festwoche vom 28. Mai bis 1. Juni spielen verschiedene Posaunenchöre aus Anhalt in den Orten um Gernrode Abendserenaden. Am 2. Juni, einem Sonnabend, gibt es um 14 Uhr im Schlosspark zu Ballenstedt eine Serenade mit einem sommerlichen Programm. Da spielen wir auch Lieder zum Mitsingen. Ebenfalls am Sonnabend geben der Landesjugendposaunenchor »Youth in Brass« und der Bläserkreis der Landeskirche Anhalts um 17 Uhr in der Stiftskirche St. Cyriakus zu Gernrode ein Konzert mit mehrchöriger Musik aus verschiedenen Epochen. Am Sonntag sind alle Bläserinnen und Bläser um 10.30 Uhr im Festgottesdienst in Gernrode zu einem großen Chor vereint.

Sie selber spielen seit Ihrem zehnten Lebensjahr Trompete. Wieso ist es gerade dieses Instrument geworden?
Bischoff:
Ganz einfach: Dahin bin ich durch Zuhören gekommen. Ich bin in Gnadau aufgewachsen. Zum Gemeindeleben gehörte ein Posaunenchor, da spielte ich dann eines Tages mit. Später habe ich nach meiner Lehre und der Arbeit als Autoschlosser Musik mit den Abschlüssen Diplom-Musikpädagoge und musikalische Früherziehung studiert. Letzteres hilft mir heute sehr bei meiner Arbeit mit den Jugendlichen.

Sie meinen sicher das 2009 in Bernburg gestartete Projekt »Klassenmusizieren« in der Schule. Wie hat sich das entwickelt?
Bischoff:
Sehr gut. Am Bernburger Martinszentrum haben wir seitdem stets konstante Teilnehmerzahlen und seit 2014 einen eigenen Posaunenchor, der aus teilnehmenden Kindern hervorgegangen ist.
In Zerbst gibt es das »Klassenmusizieren« seit 2010 an der Bartholomäi-Gemeinde, in Dessau seit dem vorigen Jahr – jeweils in der dritten und vierten Klasse. Im Moment befinden sich etwa 70 Kinder in sechs Gruppen an drei Schulen und in fünf Folgegruppen an den örtlichen Posaunenchören.

Das klingt gut …
Bischoff:
Ja, finde ich auch. Es ist ein Erfolgskonzept, das auf jeden Fall weitergeführt und ausgebaut werden sollte. Die Kinder werden in den dritten Klassen der evangelischen Grundschulen in den oben genannten anhaltischen Städten jeweils abgeholt und bis zur siebenten Klasse in die Posaunenchöre geführt. Haben die Mädchen und Jungen einmal Freude am Musizieren im Posaunenchor gefunden, bleiben sie auch. Nur sehr wenige von ihnen verlassen uns wieder.

Konzert: Wo Bläserinnen und Bläser musizieren – ob im kleinen Chor oder einem ganz großen wie beim Kirchentag auf dem Weg 2017 in Dessau-Roßlau – hören die Menschen gerne zu. Foto: Johannes Killyen

Konzert: Wo Bläserinnen und Bläser musizieren – ob im kleinen Chor oder einem ganz großen wie beim Kirchentag auf dem Weg 2017 in Dessau-Roßlau – hören die Menschen gerne zu. Foto: Johannes Killyen

Somit begleiten wir die Kinder und Jugendlichen direkt in das aktive Gemeindeleben, lassen sie durch die Musik, durch Andachten in den Chören und Mitwirkung in Gottesdiensten aktiv an der Verkündigung des Evangeliums mitwirken. Diese Prägung wird die Jugendlichen ihr ganzes Leben begleiten.

Wie viele Bläserchöre gibt es in der anhaltischen Landeskirche?
Bischoff:
Zurzeit sind es 14 Chöre mit insgesamt 280 Mitgliedern.

Wie sehen Sie die fernere Zukunft der Bläserchöre in der Landeskirche?
Bischoff:
Die Zahl der Bläserinnen und Bläser in den Posaunenchören Anhalts steigt stetig und das »Klassenmusizieren« in den Schulen ist, wie gesagt, ein Erfolgskonzept. Offenbar schätzen die Bläserinnen und Bläser die Generationen übergreifende Gemeinschaft in den Chören und setzen sich gerne dafür ein.
Mit Blick auf das geplante »Anhaltische Verbundsystem« schätze ich, dass es Spielraum eröffnet, um das Personal besser an die örtlichen Gegebenheiten anzupassen.

Zurück in die nahe Zukunft. Was erhoffen Sie sich vom Gernröder Landesposaunenfest?
Bischoff:
Ein solches Fest ist immer ein Höhepunkt im Leben der gastgebenden Kirchengemeinde sowie für die Bläserinnen und Bläser. Und wenn, wie bei zurückliegenden Anlässen, ein großes Publikum kommt, sich von der Musik berühren lässt und mit ihr mitgeht, ist das einfach nur schön.

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»Ja, ich glaube das!«

1. April 2018 von redaktionguh  
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Auferstehung: Die Idee, die unseren Verstand überfordert


Ja – ich glaube das!« Mit erhobener Stimme reagiere ich auf die spöttisch-kritische Frage eines weitläufigen Bekannten. Vorangegangen war ein zunächst harmloses Gespräch, buchstäblich über Gott und die Welt. Dann wurde es ernsthafter. Er erzählte vom Tod seines Vaters im Herbst vergangenen Jahres. Wie froh er sei, dass nun die Qual ein Ende habe, und mit 87 Jahren sei es auch ein langes Leben gewesen.

Joachim Liebig. Foto: epd-bild

Joachim Liebig. Foto: epd-bild

Zur Beerdigung war er mit seiner Frau allein anwesend; die weite Anreise sei für die Kinder ja nicht zumutbar. Und außerdem sei ja nun sowieso alles vorbei.

An der Stelle hatte ich mit der Bemerkung eingehakt, das könne man auch anders sehen. Daraufhin nahm das bisher durchaus ernsthafte Gespräch eine unerfreuliche Wendung: »Ach ja, Du glaubst ja an ein Leben nach dem Tod.« In diesem Moment stand die Überheblichkeit des Besserwissers zwischen uns. »Du kannst nicht ernsthaft annehmen«, setzte er nach, »es gäbe eine Existenz jenseits unserer Wahrnehmung!« »Ich bin sicher, so ist es«, erwiderte ich. Und dann fiel der Satz: »Ich glaube das.« Das Gespräch endete damit.

Hier trafen zwei völlig unterschiedliche Sichtweisen offensichtlich unvermittelbar aufeinander. Für mich bleibt in solchen Gesprächen stets offen, mit welchem standhaften Glauben behauptet wird, es könne nur Dinge geben, die unser begrenzter Verstand erfassen kann. Ganz ohne Zweifel ist die österliche Botschaft vom Ende des Todes und die Verheißung einer lebendigen Ewigkeit nach dem Tod eine so große Idee, dass unser Verstand damit bei weitem überfordert ist. Dennoch bleibt es unerklärlich, warum sich Menschen dem Universum des Glaubens verschließen, nur weil es der Vernunft nicht zugänglich ist. Der Glaube ist Teil der Vernunft und überschreitet sie.

Das leere Grab am Ostermorgen ist die größte Zusage, die wir als Menschen erhalten können. Die lapidare Feststellung, mit dem Tod sei alles vorbei, ist weder begründet noch hilfreich – erst recht nicht tröstend.

Auf Gottes Zusage fest zu vertrauen, erfordert die Bereitschaft, bisher Vertrautes hinter sich zu lassen und Gott selbst beim Wort zu nehmen. Zunächst sind es drei Frauen, die den Satz hören: »Er ist nicht hier, er ist auferstanden.« (Lukasevangelium, Kapitel 24, Vers 6) Dieser Satz gilt uns. Wir werden auferstehen. Der Tod wird ein Ende haben. Fröhliche Ostern!

Joachim Liebig, Kirchenpräsident

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Gemeindediakonat – ein Dienst für alle Menschen im Ort

26. März 2018 von redaktionguh  
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Ideen: Wie ein neues Arbeitsgebiet im »Anhaltischen Verbundsystem« aussehen kann

Im Zusammenhang mit dem Zukunftsprojekt des »Anhaltischen Verbundsystems« soll das Gemeindediakonat eine besondere Rolle spielen. Die Landessynode beauftragte Landesdiakoniepfarrer Peter Nietzer, eine Konzeption dafür zu erarbeiten. Den Synodalen dienen seine Beobachtungen und Überlegungen als Basis für die Weiterarbeit.

»Der in vielen Kirchengemeinden übliche Besuchsdienst wendet sich fast ausschließlich an Gemeindeglieder«, beschreibt Nietzer den Ist-Stand. Die Besuchten sollten weiter am Gemeindeleben teilhaben können. Gelegentlich würden Hausabendmahle oder Andachten verlangt, sehr selten Verkündigung oder Glaubensunterweisung. »Darüber hinaus gibt es aufsuchende ehrenamtliche diakonische Dienste, die sich nicht ausdrücklich an Gemeindeglieder wenden«, so der Pfarrer. Dazu gehörten etwa einfache Hilfen in Haus und Hof oder die Begleitung bei Arztbesuchen.

Nietzer verweist auf die 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD, in der es auch um Neuansätze der Gemeinwesen-Diakonie ging. In Dörfern und Stadtteilen werde das diakonische Handeln der Kirchengemeinden mit dem Ziel, Gottes Liebe aller Welt auszurichten, besonders erkennbar.

Anhalt mit seinen vielen Dörfern sei vom Rückgang sozial unterstützender Infrastruktur geprägt; junge Menschen zogen und ziehen fort. »Alte Menschen und Menschen mit besonderem Hilfebedarf bleiben zurück.« Die Folge ist: »Immer mehr Menschen sind vom selbstbestimmten Leben abgeschnitten, wenn sie nicht unterstützt und begleitet werden.« Viele Aufgaben würden Frauen und Männer ehrenamtlich wahrnehmen. Diese benötigten und benötigen Begleitung durch hauptamtliche Mitarbeiter der Kirche.

Vielseitig Mitarbeitende werden benötigt

Der Mitarbeiter, der im künftigen Verbundsystem die Planstelle des Gemeindediakonats besetzt, sei zuständig, die niedrigschwellige sozialdiakonische Arbeit wahrzunehmen, zu organisieren und zu begleiten, heißt es in dem Papier. Er sollte einen Abschluss als Sozialarbeiter oder -pädagoge und eine diakonische Zusatzausbildung haben, um auch Andachten und Gottesdienste halten zu können. »In den letzten Jahren ist immer deutlicher geworden, dass die körperliche Pflege kranker und alter Menschen allein nicht ausreicht«, begründet Pfarrer Nietzer. Die Gepflegten und ihre Angehörigen benötigten auch geistlich-seelische Hilfen. In den vergangenen Jahrzehnten seien die Arbeitsgebiete Pflege und Hauswirtschaft organisatorisch, finanziell und nach Mitarbeitern getrennt worden. Von wem das Gemeindediakonat im Verbundsystem künftig getragen und finanziert werden soll, bedürfe gründlicher Überlegungen. In einer Sache ist sich Peter Nietzer aber sicher: »Die Gemeindeschwester wie früher – mit der Thermoskanne voller Suppe an einem Fahrradlenker und der Tasche mit Blutdruckmessgerät und Verbandmaterial am anderen – wird es nicht wieder geben.«

Angela Stoye

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Pfarrer beendet seinen Gemeindedienst

19. März 2018 von redaktionguh  
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Gottesdienst: Verabschiedung von Martin Bahlmann am 18. März in der Petrikirche Düben und Orgeleinweihung

Martin Bahlmann wird am 18. März in einem Gottesdienst in der Kirche St. Petri Düben aus seinem Dienst als Pfarrer des Regionalpfarramtes Coswig-Zieko verabschiedet (16 Uhr). Er verlässt auf eigenen Wunsch die Pfarrstelle Coswig-Zieko und scheidet zum 31. März – ebenfalls freiwillig – generell aus dem Pfarrdienst aus. Erhalten bleibt die mit der Ordination zugesprochene Berechtigung, Gottesdienste zu halten, Menschen zu taufen, zu trauen und zu beerdigen. »Ich respektiere die Entscheidung von Pfarrer Bahlmann, bedauere sie aber sehr, umso mehr als er in verschiedenen Funktionen in unserer Landeskirche eine sehr gute und wichtige Arbeit geleistet hat«, sagt Kirchenpräsident Joachim Liebig. »Dieser Schritt steht am Ende einer ganzen Reihe von Überlegungen«, betont Bahlmann, der aus Greifswald stammt und nach dem Theologiestudium in Rostock sowie dem Vikariat in Greifswald 1996 die Pfarrstelle im anhaltischen Wörpen übernahm. 2006 wurde er Landesjugendpfarrer der Landeskirche Anhalts und wechselte 2014 wieder in den Gemeindedienst nach Coswig und Zieko.

Martin Bahlmann sagt zu seiner Entscheidung: »Als ich 1996 nach Anhalt und damit in eine mir bis dahin völlig fremde Region kam, wurde ich vom ersten Tag an sehr freundlich empfangen.« Es sei ihm leicht gemacht worden, heimisch zu werden. »In den folgenden Jahren durfte ich in den Kirchengemeinden und darüber hinaus eine große Zahl von Menschen kennenlernen. Die Anforderungen und Rahmenbedingungen für den Pfarrdienst haben sich seither jedoch verändert«, so der Theologe.

Orgeleinweihung: Die romanische Kirche in Düben verfügt ab dem 18. März wieder über ein spielbares Instrument. Foto: Thorsten Keßler

Orgeleinweihung: Die romanische Kirche in Düben verfügt ab dem 18. März wieder über ein spielbares Instrument. Foto: Thorsten Keßler

»Den eigenen Erwartungen weiterhin gerecht zu werden, ist mir in letzter Zeit zunehmend schwer gefallen. Zudem blieb wenig Zeit für die Familie. So wuchs nach und nach die Gewissheit, dass ich an meinem derzeitigen Leben etwas verändern möchte.« Die Weitergabe des christlichen Glaubens bleibe ihm weiter wichtig, betont Martin Bahlmann.
Ab dem 1. April wird er mit einem geringen Stellenanteil in der Evangelischen Kindertagesstätte in Rodleben sein Wissen als Theologischer Mitarbeiter einbringen. »Mit allen Höhen und Tiefen blicke ich dankbar zurück auf beinahe 22 Jahre im Pfarrdienst.«

Den Wohnort wird Bahlmann nicht wechseln, »deshalb ist es für mich kein endgültiger Abschied von den Menschen, zu denen Beziehungen und Freundschaften gewachsen sind«. Mit seiner Familie wohnt er in der von seiner Frau betriebenen Pension »Buchholzmühle«, nordöstlich von Roßlau. Zugleich wird am 18. März die 1885 erbaute Rühlmann-Orgel der Dübener Kirche wieder in Dienst genommen. Die Orgel war in wochenlanger Arbeit auseinandergenommen und gereinigt worden. Viele Metall- und Holzpfeifen mussten repariert werden. Die in den 1940er Jahren eingebauten Zinkpfeifen wurden durch neue Zinnpfeifen ersetzt. Ein neuer und leise laufender Orgelmotor liefert jetzt den nötigen Wind. Mehr als 11 000 Euro bringt die Kirchengemeinde für die Orgelreparatur auf.

Die Predigt in dem Gottesdienst hält Martin Bahlmann. Die Wiederindienstnahme der Orgel und die Verabschiedung von Pfarrer Bahlmann nimmt Kreisoberpfarrer Jürgen Tobies vor. Für die musikalische Gestaltung sind der Posaunenchor Coswig, das Gesangsquartett »Cantus Albicus« und die Jugendband der Kirchengemeinde zuständig. Die Orgel wird von Kantorin Tatiana Alieva gespielt. Nach dem Gottesdienst gibt es im Gemeindehaus einen kleinen Imbiss mit Gelegenheit zur Begegnung.

(G+H)

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Kirchenpräsident Joachim Liebig zum 60. Geburtstag

13. März 2018 von redaktionguh  
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Mit humorvollen Reimen und einem Korb voller gesunder Sachen gratulierten Mädchen und Jungen aus dem Bernburger Martinszentrum Kirchenpräsident Joachim Liebig zu seinem 60. Geburtstag.

Zum Empfang am 2. März in der Kanzler von Pfau‘schen Stiftung in Bernburg waren zahlreiche Gäste angereist. Der Präsident der Evangelischen Kirche der Pfalz und Vorsitzende der Union Evangelischer Kirchen in der EKD, Christian Schad, würdigte Liebig als einen Menschen, der seine Landeskirche »nach innen wie nach außen ungemein glaubhaft« vertrete. Er habe »bewusst den Schritt vollzogen von einer volkskirchlich geprägten Landeskirche in eine Region, in der Christen in extremer säkularer Diaspora leben«. Auch EKM-Landesbischöfin Ilse Junkermann, der katholische Bischof Gerhard Feige, Bildungsminister Marco Tullner (CDU) und der Vizechef des Umweltbundesamtes, Thomas Holzmann, gratulierten.

Foto: Johannes Killyen

Foto: Johannes Killyen

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Gemäßigt zukunftsfroh

5. März 2018 von redaktionguh  
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Landessynode: Umbau zum »Anhaltischen Verbundsystem« beschlossen

Veränderungen«, so Kirchenpräsident Joachim Liebig, »lösen unterschiedliche Reaktionen aus. Bei den einen Angst, bei anderen Zustimmung in der Art: Veränderungen sind mein täglich Brot.« Bei der am 24. Februar in Dessau-Roßlau tagenden Landessynode Anhalts, der letzten in der 23. Legislaturperiode, ging es als Schwerpunkt genau darum. »Veränderungen stehen uns als Kirche bevor«, sagte Liebig. Das liege zwar auch in den »protestantischen Genen«, habe doch Luther darauf verwiesen, dass sich eine Kirche ständig zu reformieren habe. Der Landeskirche jedoch würden mit dem Umbau zum »Anhaltischen Verbundsystem« Veränderungen von Grund auf bevorstehen (siehe dazu Nr. 8, S. 9). »Es gibt bei uns niemanden, der sagt: Es läuft alles wunderbar.« Der Theologe erinnerte an Jurek Beckers Erzählung »Ansprache vor dem Kongreß der Unbedingt Zukunftsfrohen«. Wozu gehört Anhalt? Zu den unbedingt oder den gemäßigt Zukunftsfrohen, oder gar zum Verband der Hoffnungslosen?

Blick ins Plenum: Am vergangenen Sonnabend in der Anhaltischen Diakonissenanstalt Dessau. Foto: Johannes Killyen

Blick ins Plenum: Am vergangenen Sonnabend in der Anhaltischen Diakonissenanstalt Dessau. Foto: Johannes Killyen

Tatsache sei, so Liebig, dass in Anhalt bis 2025 etwa 30 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Ruhestand gehen. Zu den schmerzlichen Erfahrungen gehöre die Tatsache, dass immer weniger Menschen der Kirche angehören: »Wir schaffen es nicht, Menschen in ausreichender Zahl für das Evangelium zu begeistern.« Die Zahl der Kirchenaustritte seien zwar nicht überbordend, aber trotzdem schmerzlich. Und schmerzlich sei auch, dass aus gesellschaftlichen Ursachen Generationen von Menschen in der Kirche fehlen. »Das alles trägt enormes Frustrationspotenzial in sich.«

Anhalt habe nun mehrere Optionen. Die erste sei: Alles bleibt wie es ist. »Dann läuft es noch eine Weile so weiter, aber wir beachten die Rahmenbedingungen nicht«, so Liebig. Zweitens: Beim Weiterarbeiten mit weniger Personal drohe Überforderung. »Unsere Option ist aber eine andere«, so der Kirchenpräsident. »Wir verändern das Verhältnis der Berufsgruppen zueinander.« Zurzeit sei es so: Alle Berufsgruppen in der Landeskirche fühlten sich allein gelassen. Daher gehe es künftig um mehr gemeinsames Arbeiten. Zudem werde man andere Zugänge für Menschen zu Kirche finden müssen – über die bisher bestehenden hinaus. »Unser Ziel ist nicht weniger als eine andere Landeskirche«, so Joachim Liebig. In Ermangelung eines anderen Wortes werde man bei dem Wort »Verbünde« bleiben, in denen weiterhin selbstständige Gemeinden existieren sollen. »Die Veränderungen aber«, so der Kirchenpräsident, »werden weitreichende Folgen haben bis hin ins Landeskirchenamt.« Mit Blick auf die eingangs erwähnte Erzählung Jurek Beckers sagte er: »Ich persönlich sortiere mich bei den gemäßigt Zukunftsfrohen ein.«

Präses Andreas Schindler hatte in seiner Rede zum Beginn der Tagung darauf verwiesen, dass das, »was wir an Ideen entwickelten, in die Hände der neuen Landessynode übergeben« werden soll. Diese tritt am 25. und 26. Mai zur ersten Tagung der 24. Legislaturperiode zusammen. Für die Umstellung auf das »Anhaltische Verbundsystem«, das die Synodalen am Sonnabend mehrheitlich beschlossen, müssten Übergangsregelungen gefunden werden, weil der bestehende rechtliche Rahmen noch nicht jeden neuen Schritt absichert. Die Reaktionen in den Gemeinden auf das Projekt seien zwar vielfältig. »Die nächste Landessynode muss es schaffen, eine große Breite der Wahrnehmung des ›Anhaltischen Verbundsystems‹ in der Landeskirche herzustellen.«

Angela Stoye

www.landeskirche-anhalts.de/landeskirche/synode

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Ein Hinhörer mit Fantasie und Humor

26. Februar 2018 von redaktionguh  
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Kirchenpräsident Joachim Liebig zum 60. Geburtstag

In der Hand halte ich die Einladung zum 60. Geburtstag von Kirchenpräsident Joachim Liebig. Und als erstes lese ich »Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben.« (Römer 1,16). Ja, es stimmt, wir haben in Anhalt einen »un-verschämten« Kirchenpräsidenten. Und das ist ein Segen. Solche Menschen wie ihn brauchen wir hier in unserer Gegend. Die bereit und auch in der Lage sind, sich vorne hin zu stellen und anzusagen, was ihr Glaube ist und was dieser ihnen bedeutet. In dieser Hinsicht habe ich Joachim Liebig nie in Verlegenheit gesehen. Ganz im Schleiermacherschen Sinne hat er jederzeit das Gespräch über den christlichen Glauben mit den Gebildeten unter dessen Verächtern gesucht. Vielleicht hat er sich auch deshalb zum Vorsitzenden der Anhaltischen Goethe-Gesellschaft wählen lassen.

Ein gutes Team: Kirchenpräsident Joachim Liebig (links) und der Präses der Landessynode Anhalts, Andreas Schindler. Foto: Jürgen Meusel

Ein gutes Team: Kirchenpräsident Joachim Liebig (links) und der Präses der Landessynode Anhalts, Andreas Schindler. Foto: Jürgen Meusel

Es scheint mir eine seiner großen Begabungen zu sein, in versandete oder abgebrochene Gespräche neues Leben zu bringen. Und das nicht als einer, der alles schon weiß, sondern als einer, der erst einmal genau hinhört. Er verfügt über zwei wichtige Schmierstoffe für das Gespräch: Fantasie und Humor. Gerade letzterem fühle ich mich selbst sehr verbunden. Ich möchte nur zwei Beispiele nennen: Er hat das Con­tainerprojekt »Anhalt kompakt« mit einer mobilen Ausstellung in Übersee­containern erfunden; zuerst belächelt, später auch ganz klar bewundert. Und bei der Verabschiedung eines Mitarbeiters hat er in der Predigt einmal gesagt, dass dieser dem Heiligen Geist nicht im Weg gestanden sei. Wie ich finde, ein hohes Lob für einen Pfarrer, aber nicht von allen so verstanden.

Und auch ich möchte sagen, Joachim Liebig ist ein Mensch, ein Zeuge, der dem Heiligen Geist nicht im Weg steht, sondern versucht, ihm freie Bahn zu lassen. Dafür kann er gerne mal zur Seite treten, denn sein Humor kennt auch die Selbstironie und das heißt ja nichts anderes als: Er kennt auch seine Grenzen.

Joachim Liebig wurde am 1. März 1958 in Hildesheim geboren. Er studierte evangelische Theologie in Bethel und Hamburg und absolvierte sein Vikariat in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe, damals die kleinste Landeskirche der EKD. Noch zu DDR-Zeiten leistete er ein Praktikum in Reinhardtsgrimma im Osterzgebirge und sammelte Auslands­erfahrung in England und Frankreich. 1987 wurde Liebig die Pfarrstelle in Frille nahe Minden übertragen. Daneben hatte er eine Reihe von Beauftragungen inne: Pressesprecher der Landeskirche, Landesjugendpastor, Super­intendent des Kirchenbezirks West, bis 2007 Präsident der Landessynode und bis Ende 2008 Präsident der Synode der Konföderation Evangelischer Kirchen in Niedersachsen.

Am 14. November 2008 wurde Joachim Liebig von der Landessynode der Evangelischen Landeskirche Anhalts zum Kirchenpräsidenten gewählt. Er ist Mitglied im Vorstand des Anhaltischen Heimatbundes, Vorsitzender der Anhaltischen Landschaft e.V., Vorsitzender des Evangelischen Presseverbandes in Mitteldeutschland, stellvertretender Vorsitzender im Berliner Missionsrat und Mitglied im Aufsichtsrat des Gemeinschaftswerkes der Evangelischen Publizistik (GEP). Er engagiert sich im Petersburger Dialog und hat mittlerweile auch den Arbeitsbereich Diakonie in sein Dezernat integriert. Heute nun ist er im Osten wieder in der kleinsten Landeskirche Deutschlands angekommen. Und er steht dazu.

Joachim Liebig ist mit der Gemeindepädagogin und Arzthelferin Andrea Liebig verheiratet und Vater dreier erwachsener Kinder. Einer seiner Söhne wird zum Geburtstagsempfang in einer Feldküche einen Eintopf kochen. Auch ein Einfall Liebigs. Ich wünsche allen Gästen guten Appetit und ihm Gottes Segen für weitere Jahre im Amt und in Anhalt. In Dessau wird gerade die Bodenplatte für sein eigenes Haus betoniert. Auch das ein deutlicher Hinweis darauf, dass er in Anhalt angekommen ist.

Manfred Seifert, Oberkirchenrat i.R.

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Der Anstoß zur Veränderung kommt rechtzeitig

Die Landeskirche Anhalts will auf ihrem Weg in die Zukunft Neues ausprobieren. Was muss sich ändern? Was soll bleiben? Die Antworten darauf fallen unterschiedlich aus.

Als Bedenkenträger ist Albrecht Lindemann in seiner Landeskirche bislang nicht bekannt. Doch mit Blick auf das geplante Anhaltische Verbundsystem ist er nachdenklich geworden. Zwar sieht der Zerbster Pfarrer positiv, dass nach dem Perspektivpapier von 2008 einstmals ein landeskirchlicher Impuls zur Zukunft auf dem Tisch liegt. Und er sieht auch, dass die finanzielle Situation der Landeskirche es noch erlaubt, einen Prozess zur Veränderung einzuleiten, der nicht als Reaktion auf eine Krise wahrgenommen werden muss. Aber die fehlende Definition für die geplanten Verbünde und die damit einhergehenden Veränderungen sieht er kritisch.

Einer seiner Kritikpunkte ist die weitere Schwächung der Präsenz von Gemeindepfarrern. Diese lasse nach aktuellen Studienergebnissen kaum andere Perspektiven offen als den Niedergang des gemeindlichen Lebens bei gleichzeitigem Verlust an gesellschaftlicher Relevanz. »Die Stärken des landeskirchlichen Protestantismus sind eng mit der Kompetenz akademisch gebildeter Pfarrerinnen und Pfarrer verbunden«, sagt er. Ein Problem sieht er auch darin, dass die Verantwortlichkeit für das Agieren der Kirchengemeinde als öffentlich-rechtliche Körperschaft im Verbundmodell nicht geklärt ist. Mitarbeitenden auf den Gebieten der Kirchenmusik und Gemeindepädagogik und ihren Qualifikationen würde man nicht gerecht, wenn man sie als Alternative zu Pfarrpersonen sähe. Zudem fehle jegliche Aussage darüber, wie groß ein solcher Verbund sein soll und wie viele es in Anhalt davon geben soll. Albrecht Lindemann wünscht sich vor so grundlegenden Veränderungen zunächst eine gründliche Analyse der Situation einschließlich der mit den Teampfarrämtern gemachten Erfahrungen. Dazu einen Diskurs über die Frage, was für eine Kirche Anhalt sein will. »Dieser Diskurs muss mit den Gemeinden geführt werden«, fordert er.

Verantwortung übernehmen

Seit Sebastian Saß Kirchenmusik studierte, begleitet ihn intensiv die neutestamentliche Geschichte vom sinkenden Petrus (Mt 14,22–32) in Verbindung mit dem Choral »In allen meinen Taten« (EG 368). Seit er in Anhalt ist, fasziniert ihn zudem der Satz: »Die Landeskirche baut sich auf der Gemeinde auf.« Deshalb sieht der Bernburger Kreiskirchenmusikwart alle Überlegungen zur Zukunft der Landeskirche mit diesem Satz als Basis und mit dem Bild vom sinkenden Petrus als »Geländer«. Er findet, dass jeder Versuch, anderen die Verantwortung zuzuschieben – im Sinne von »die da oben« – ins Leere laufen muss. Ebenso, sich hinter Althergebrachtem zu verkriechen oder Althergebrachtes abzuschreiben, ohne Alternativen aufzeigen zu können. »Das gilt auch für mich selbst«, sagt er.

Zu erwarten, für die eigene Arbeit Vorgaben aus Dessau zu bekommen, stehe dem Selbstbewusstsein einer anhaltischen Kirchengemeinde schlecht an. Insgesamt überwiegt bei Sebastian Saß das Gefühl, dass der Anstoß zur Veränderung rechtzeitig kommt. »Die überaus große Chance besteht in meinen Augen darin, Gemeinden geistliches Leben zu ermöglichen und sie nicht weiter in Fürsorge und Versorgung durch das Erfüllen von Erwartungen zu ersticken.« Dass es Probleme geben wird, wenn alte Verhältnisse und traditionelle Erwartungen auf Neuerungen treffen, sieht er aber auch. »Was das Wesentliche ist, muss jede Gemeinde für sich herausfinden.« Das könne durchaus schmerzhaft sein. »Ich denke, einzig die Frage ›Was bedeutet mir und uns das Evangelium?‹ kann Licht ins Dunkel bringen.«

Christine Reizig, Landespfarrerin für Gemeindeaufbau, sieht das Vorhaben Anhaltisches Verbundsystem positiv. Sie erinnert an das Pastorale Zukunftsgespräch des Bistums Magdeburg vor einigen Jahren. Als Folge davon seien Pfarreien zusammengelegt worden. In jeder dieser vergrößerten Pfarreien würden neben dem Priester verschiedene Gemeindereferenten – für Jugendarbeit, Musik, Verwaltung – tätig sein. »Jeder kann das machen, wofür er gut ausgebildet ist«, sagt sie. In Anhalt werde es keine Rundumversorgung in jedem kleinen Ort geben. »Aber unser Kerngeschäft wie Gottesdienste, Andachten, Seelsorge, Bibelkreise soll für jeden erreichbar sein. Dafür müssen die von Verwaltungsaufgaben entlasteten Pfarrer Zeit haben.«

Auch im Kirchenkreis Ballenstedt stand das Thema »Verbundsystem« im vergangenen Jahr auf der Tagesordnung des Pfarrkonvents, der Kreissynode und der Gemeindekirchenräte. »Bei der konstituierenden Sitzung der Kreissynode im Januar 2018 haben wir einen Ausschuss gebildet, der das Vorhaben begleiten will«, sagt Kreisoberpfarrer Theodor Hering. Die Mitarbeit darin sei auf großes Interesse gestoßen. Der promovierte Theologe gehört der Steuerungsgruppe an, die sich mit dem Vorhaben seit 2015 befasst, und er hat ein theologisches Papier in die Diskussion eingebracht, das die Möglichkeiten der Bewegung »Fresh X« für Anhalt auslotet: Mit »Fresh expressions« (frische Ausdrucksformen) werden neue kirchliche Gruppen bezeichnet, die sich seit 1990 in der Church of England entwickelt haben. Die Bewegung zielt darauf ab, die Menschen in ihrem Alltag zu erreichen. Denn traditionelle Ausdrucksformen der Kirche, so die These, seien für einen Großteil der britischen Bevölkerung uninteressant geworden. In Deutschland setzt sich Michael Herbst, Professor für Praktische Theologie an der Universität Greifswald, für die Aufnahme dieser Idee in den evangelischen Landeskirchen in Deutschland ein (Quelle: Wikipedia).

Für mehr Vielfalt

»Anhalt ist auch Mitglied im Fresh-X-Netzwerk in Deutschland«, so Theodor Hering. Für ihn geht der Impuls für eine Umgestaltung der Landeskirche von der Formulierung im Glaubensbekenntnis aus: »die eine heilige, christliche und apostolische Kirche«. Diese könne sehr unterschiedliche Gemeindeformen haben – neben der Parochie zum Beispiel die Schulgemeinde, die Hauskirche oder Milieugemeinde, in denen Beziehungen gelebt werden. »Ich bin dafür, mehr Vielfalt zuzulassen«, sagt er. »Wir müssen ein betende und eine hörende Kirche sein: hören auf Gott und die Menschen, die um uns leben.« Bei »Fresh X« heißt es dazu: »Es ist nicht die Kirche Gottes, die einen missionarischen Auftrag in der Welt hat. Vielmehr hat ein missionarischer Gott eine Kirche in der Welt.«

Angela Stoye

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Weichen stellen für die Zukunft

19. Februar 2018 von redaktionguh  
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Am 24. Februar tagt die Landessynode Anhalts in Dessau-Roßlau. Die Tagesordnung wird geprägt von der Vorstellung, dem Gespräch und der Beschlussfassung zum Anhaltischen Verbundsystem. Es soll die Weichen für die Zukunft der Landeskirche stellen. Angela Stoye befragte den Präses der Landessynode, Andreas Schindler, zu diesem Projekt.

Herr Schindler, warum ist diese Tagung überhaupt erforderlich? Die 23. Legislaturperiode hätte mit der Herbsttagung 2017 enden müssen.
Schindler:
Richtig, aber die beiden Synodentage waren thematisch und zeitlich sehr gut gefüllt. Weitere Punkte hineinzuzwängen, hätte der Tagung nicht gutgetan. Da wären andere Themen zu kurz gekommen. So haben wir uns für eine zusätzliche Winter-Synodentagung entschieden. Der Aufwand hält sich wegen der kurzen Wege in Anhalt in Grenzen, und die Anhaltische Diakonissenanstalt nimmt uns wieder gern auf.

Ist die konstituierende Tagung der 24. Legislaturperiode der Landessynode deswegen von April auf Mai verschoben?
Schindler:
Nein. Die Kirchenkreise wollten es so. Der frühere Termin hätte kaum Zeit gelassen, sich in Ruhe mit eventuellen Einsprüchen zur Wahl der neuen Synodalen auseinanderzusetzen. Zurzeit wählen die im Oktober 2017 neu gewählten Gemeindekirchenräte die künftigen Landessynodalen und die neuen Kreissynoden wählen die Synoden-Stellvertreter. Mit Einsprüchen ist immer zu rechnen.

Seit Frühsommer 2015 berät eine Arbeitsgruppe über die Zukunft der Landeskirche. Seitdem sind viele Voten aus Kirchengemeinden und von Mitarbeitern zum Anhaltischen Verbundsystem eingegangen. Was ist das?
Schindler:
Das zurzeit wichtigste Projekt unserer Landeskirche und ein Zukunftsbild. Wobei wir mit dem Namen »Verbundsystem« noch nicht ganz zufrieden sind. Denn das Wort Verbund bezieht sich nur am Rande auf einen Verbund von Gemeinden. Im Kern geht es aber um einen Verbund von Berufen in den Gemeinden der Landeskirche, die für das Funktionieren des Gemeindelebens wichtig sind. Ein solcher Verbund wird sich von den bestehenden Regionalpfarrämtern unterscheiden.

Wie soll das aussehen?
Schindler:
Bislang drehte sich in unserer Kirche vieles um den Pfarrer oder die Pfarrerin. Zugleich haben wir in den Kirchenkreisen immer mehr unbesetzte Pfarrstellen. Die verbliebenen Pfarrer(innen) haben die Grenze des Zumutbaren oft schon jetzt überschritten, zumal sie mit einer Vielzahl von Aufgaben betraut sind, die mit Theologie und Seelsorge nur bedingt etwas zu tun haben.

Präses Andreas Schindler. Foto: Landeskirche Anhalts

Präses Andreas Schindler. Foto: Landeskirche Anhalts

Künftig sollen Teams gebildet werden, die sich aus einer Pfarrerin/einem Pfarrer sowie Mitarbeitern aus Gemeindepädagogik, Gemeindediakonie, Kirchenmusik und Verwaltung zusammensetzen. Dies bedeutet einen Aufwuchs an Personal auf einigen Gebieten bei einem gleichzeitig zu erwartenden Absinken der Zahl der Pfarrer(innen). Kurzgefasst: Weg von der Pfarrer-Zentriertheit!

Was muss sich alles ändern, damit es mit dem Verbundsystem klappt?
Schindler:
Erstens wird ein Pfarrer/eine Pfarrerin nicht von vornherein als »Teamleiter« gesetzt sein, sondern im Team zuständig sein für Verkündigung und Seelsorge. Als Nächstes muss die Größe der Regionen festgelegt werden, in der ein solches Team zusammen mit den Gemeindekirchenräten der weiterhin autonomen Kirchengemeinden arbeitet. Auch finanzielle Aspekte müssen bedacht werden. Aber diese sind nicht Kern der Überlegungen.

Was sind die nächsten Schritte?
Schindler:
In Kürze werden die ersten »Pilotprojekte« in Richtung Verbundsystem starten. Die Landessynode wird die damit gemachten Erfahrungen auswerten. Sicher kommen in diesem Prozess auch Fragen auf, die beantwortet werden müssen. Erst in zwei bis drei Jahren werden wir in Anhalt soweit sein, Kirchengesetze zu verabschieden.

Am 24. Februar will die bisherige Synode der neu gewählten eine Entschließung zum Anhaltischen Verbundsystem für die nächsten Jahre übergeben. Sie kann daran weiterarbeiten, oder sie könnte andere Schwerpunkte setzen.

Wieso das?
Schindler:
Grundsätzlich ist die Situation in den Gemeinden sehr unterschiedlich. Es gibt Kirchengemeinden, vor allem in den Städten, die darauf brennen, neue Schritte zu gehen. Andere sind da noch sehr zögerlich. Aber auch sie müssen wir in diesem Prozess mitnehmen.

Da alle Veränderungen freiwillig geschehen sollen, dürfen Bedenken nicht einfach weggewischt werden. Zu überzeugen sind solche Kirchengemeinden, denke ich, nur mit Beispielen gut funktionierender Verbunde und Teams.

Die Landeskirche Anhalts hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich Mitglieder verloren. Gibt es eine Untergrenze für die Selbstständigkeit?
Schindler:
Entscheidend ist nicht eine Zahl, sondern ob wir unsere Aufgaben weiter erfüllen können. Das geplante Anhaltische Verbundsystem zeigt, dass sich die Landeskirche weiterhin auf veränderte Rahmenbedingungen einstellen will.

Und ich behaupte: Sie kann es auch. Außerdem erwarte ich nicht, dass der bisherige Trend sich fortsetzt.

Wo sehen Sie Anhalt in Zukunft?
Schindler:
Es wird Anhalt weiter geben. Es wird eine Landeskirche sein, die sich gut in die Gemeinschaft evangelischer Kirchen einfügt und in ihr auch Impulse setzt.

Ist die Synodentagung am 24. Februar öffentlich?
Schindler:
Ja, das ist sie, wie alle Tagungen der Landessynode. Besucher sind herzlich willkommen.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Barbara und Katharina sind zurück

12. Februar 2018 von redaktionguh  
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Restaurierung: Zwei spätgotische Schnitzfiguren stehen wieder in der Wörbziger Kirche

Freudentag für die Kirchengemeinde Wörbzig: Ende Januar kehrten zwei spätgotische Schnitzfiguren in die Kirche im Kirchenkreis Köthen zurück. Diplom-Restauratorin Theresa Bräunig aus Dresden hatte sich der zerbrechlichen und teilweise zerbrochenen Kunstwerke angenommen. Nun stehen die Heilige Barbara und die Heilige Katharina auf eigens angefertigten Podesten an der Wand des Kirchenschiffes.

Als Tobias Wessel im Jahr 2000 als Pfarrer im Entsendungsdienst nach Wörbzig kam, lagen die beiden Kunstwerke seit Jahrzehnten stark beschädigt im Pfarrhaus. Dabei sollte es zunächst bleiben, bis der Pfarrer zu seinem 50. Geburtstag vor über drei Jahren um Spenden für die Restaurierung bat und damit den Prozess anstieß, der jetzt mit Unterstützung der Landeskirche ein gutes Ende fand.

Ende 2015 folgte ein Ortstermin in Wörbzig. Daran nahmen neben dem Pfarrer und der Restauratorin die Leiterin des Kirchlichen Bauamtes, Konstanze Förster Wetzel, und Karoline Danz vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt teil und begutachteten die beiden Flachreliefs. Dokumentiert wurde neben diversen Bruchschäden – so fehlt bei Katharina in voller Länge der seitliche Figurenabschluss – alter Befall mit Holzschädlingen. Durch die umfangreichen Fraßschäden sei »die Holzsubstanz sehr desolat und extrem bruchgefährdet«, hieß es. Die Figuren sollten möglichst nicht mehr bewegt und nur liegend aufbewahrt werden.

Ganz vorsichtig: Diplom-Restauratorin Theresa Bräunig aus Dresden und ihr Helfer Edgar Boczek sind dabei, die beiden kostbaren Figurenreliefs auf das Anbringen in der Wörbziger Kirche vorzubereiten. Sie bekommen auf eigens angefertigten Podesten einen Platz an der Wand des Kirchenschiffes. Foto: Heiko Rebsch

Ganz vorsichtig: Diplom-Restauratorin Theresa Bräunig aus Dresden und ihr Helfer Edgar Boczek sind dabei, die beiden kostbaren Figurenreliefs auf das Anbringen in der Wörbziger Kirche vorzubereiten. Sie bekommen auf eigens angefertigten Podesten einen Platz an der Wand des Kirchenschiffes. Foto: Heiko Rebsch

Die Überlieferung zu den beiden Schnitzfiguren ist spärlich. Sie stammen wohl ursprünglich aus einem Flügelaltar, den der Dehio, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, auf die Zeit um 1520 datiert. Von 1514 bis 1520 ließ Kirchenpatron Heinrich von Beltzig die Wörbziger Marienkirche umbauen. Damals bekam sie einen spätgotischen Ziergiebel. Die untere Turmhälfte und der Westteil des Schiffes stammen noch aus spätromanischer Zeit.

Barbara und Katharina gehörten zu einem Kanzelalter, der dann Mitte der 1960er Jahre im Zuge einer Innenraumsanierung zusammen mit der hufeisenförmig umlaufenden Empore aus der Kirche entfernt wurde. Aus alten Akten ließ sich zudem entnehmen, dass der Köthener Bildhauer Robert Propf (1910–1986) im Jahr 1964 den dunkelbraunen Öl-Anstrich, den die beiden Heiligen irgendwann erhalten hatten, entfernte. Darunter kam die weitgehend originale Farbfassung zum Vorschein. Zudem brachte Propf die Figuren 1965 zur Begutachtung in die Restaurierungswerkstatt des Instituts für Denkmalpflege in Halle.

Werkstattleiter Konrad Riemann veranlasste, dass noch vorhandene Reste der Übermalung entfernt und das Holz mit einem Mittel zur Stabilisierung getränkt wurde. 1966 kehrten Barbara und Katharina nach Wörbzig zurück.

Was macht die beiden Figuren für Anhalt heute so wertvoll? Antwort gibt ein Blick in die Kirchengeschichte, in der es schon im Mittelalter immer wieder zu Streitigkeiten über das mosaische Bilderverbot kam. In der Reformationszeit lebte dieser Streit wieder auf, ausgefochten von Luther, Zwingli, Calvin und anderen.

In Anhalt führte er im Zuge der so genannten Zweiten Reformation ab dem Ende des 16. Jahrhunderts zu massiven Kirchenberäumungen. Zum Beispiel verlor die Zerbster Nicolaikirche auf diese Weise ihre mittelalterliche Ausstattung. Zugleich aber gab es in Anhalt viele Dorfkirchen, über die örtliche Adelsfamilien das Patronat ausübten. Diese Familien gingen den Weg der calvinistisch geprägten Zweiten Reformation nicht mit. So blieben viele Ausstattungsstücke erhalten (siehe Wochenkalender »Kirchenkunst in Anhalt«, 2018).

Die Kirchengemeinde Wörbzig, so Pfarrer Tobias Wessel, will die Rückkehr der beiden Figuren in einem Gottesdienst feiern. Der Termin steht zwar noch nicht fest, aber Ostern könnte passen.

Angela Stoye

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