Ein Weg, der sich lohnt

15. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Jubiläum: Pilgerroute auf den Spuren Luthers in Sachsen-Anhalt besteht seit zehn Jahren

Als sich der Landwirt Wolf von Bila aus Wohlsdorf bei Köthen am 25. August 2006 mit einer Idee an die Landeskirche Anhalts wandte, war nicht abzusehen, was daraus werden würde. Sein Vorschlag lautete, die Lutherstädte Eisleben und Wittenberg durch einen Pilgerweg zu verbinden. Einen Monat später gab es das erste Planungstreffen in seinem Haus. Vertreter von Kirchen, Kommunen und Tourismusverbänden ließen sich von der Idee anstecken. Zwei Jahre später wurde der Lutherweg durch Sachsen-Anhalt eingeweiht. Er war der erste auf den Spuren des Reformators überhaupt. Heute ist er ein Wegenetz, das sich durch sechs Bundesländer zieht.

Ehrung: Bei der Jubiläumsfeier in Kemberg wurden Gert Scholz (Schköna), Gabriele und Rudolf Kunze (Pratau) sowie Dieter Schröter für ihr ehrenamtliches Engagement bei der Pflege des Lutherweges ausgezeichnet. Links im Bild Ministerpräsident Reiner Haseloff, rechts der Präsident der Lutherweg-Gesellschaft, Ekkehard Steinhäuser. Foto: Johannes Killyen

Ehrung: Bei der Jubiläumsfeier in Kemberg wurden Gert Scholz (Schköna), Gabriele und Rudolf Kunze (Pratau) sowie Dieter Schröter für ihr ehrenamtliches Engagement bei der Pflege des Lutherweges ausgezeichnet. Links im Bild Ministerpräsident Reiner Haseloff, rechts der Präsident der Lutherweg-Gesellschaft, Ekkehard Steinhäuser. Foto: Johannes Killyen

Zum zehnjährigen Bestehen des Lutherweges Sachsen-Anhalt würdigte Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) ihn als touristisches und spirituelles Projekt. »Die Idee, Luthers zahlreiche Wege nachzuzeichnen und Pilger ebenso wie Wanderer zu bedeutenden Orten der Reformation in Sachsen-Anhalt zu führen, ist aufgegangen«, sagte er einem Festakt am 4. Oktober in Kemberg bei Wittenberg. »Ich bin froh, dass der Lutherweg auch nach dem Reformationsjubiläum 2017 weiter besteht und bestehen wird. Vor diesem Hintergrund ist das zehnjährige Jubiläum ein wichtiger Zwischenschritt«, so Haseloff, der auch Schirmherr des Lutherweges in Sachsen-Anhalt ist.

Der Lutherweg Sachsen-Anhalt war am 28. März 2008 in Höhnstedt nahe der Lutherstadt Eisleben von Vertretern aus Kirche, Tourismus, Politik und von Verbänden eingeweiht worden. Er verbindet im Sinne seines Erfinders auf dem Rundkurs die Lutherstädte Eisleben und Wittenberg. Im Norden verläuft er durch Anhalt, im Süden durch Halle an der Saale. 2017 wurde eine zusätzliche Strecke von Zerbst nach Magdeburg aufgenommen.

Hinter Eisleben führt der Weg, der insgesamt rund 460 Kilometer lang ist, nach Mansfeld-Lutherstadt und weiter in Richtung Thüringen. Nach und nach kamen weitere Lutherwege in Thüringen, Sachsen, Bayern, Hessen und zuletzt in Brandenburg dazu. Als Dachorganisation sichert die Deutsche Lutherweg-Gesellschaft die Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Lutherwegen. Zugleich ist sie Trägerin der Koordinationsstelle für den Lutherweg Sachsen-Anhalt, die von Grit Gröbel geleitet wird.

Bei der Jubiläumsfeier erinnerte der Präsident der Lutherweg-Gesellschaft, Pfarrer Ekkehard Steinhäuser, an einige Initiatoren des Lutherweges: an den oben genannten, 2012 verstorbenen Wolf von Bila oder den katholischen Pfarrer Willi Kraning. In einem Referat wies Steinhäuser darauf hin, dass Luther das Pilgern mit dem Ziel, dadurch Gottes Gnade zu erreichen, abgelehnt habe. Zugleich gebe es heute aber zahlreiche Gründe für ein »evangelisches Pilgern«, etwa das Erlebnis des gemeinschaftlichen Christseins. »Außerdem kann man beim Pilgern seinen Problemen nicht weglaufen, man ist sich selbst näher und kann auch Gott besser zuhören.«

Steinhäuser würdigte in einem Gespräch mit der Kirchenzeitung auch die Arbeit der ehrenamtlichen Weg-Pfleger, von denen bei der Feier in Kemberg einige ausgezeichnet wurden. Für die Zukunft des Weges wünscht er, dass es immer wieder und immer mehr Menschen gibt, die nach dem Pilgern mit dem Gefühl innerer Zufriedenheit nach Hause zurückkehren und sagen: Ja, das Pilgern tut gut.

(G+H)

www.lutherweg.de

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Mit Überraschung im Gebälk

8. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Eichholz: Die kleine Kirche ist zurzeit Großbaustelle. Im Oktober soll das Richtfest sein.

Zurzeit ist an der Kirche in Eichholz bei Zerbst nichts, wie es einmal war. Das Inventar ist ausgelagert, das Orgelgehäuse sicher verpackt, es fehlt seit Monaten der Dachstuhl und baufällige Mauern der romanischen Feldsteinkirche mussten abgetragen werden. Der zweite Bauabschnitt ist in vollem Gange. »Aber im Dezember müssen wir ihn beendet und abgerechnet haben«, sagt Pfarrer Albrecht Lindemann. Heiligabend wolle die Gemeinde wieder in ihrer Kirche Gottesdienst feiern, auch wenn die Vollendung des Innenraumes erst in einem dritten Bauabschnitt vorgesehen sei.

Seit Jahren ist klar, dass an der Kirche in Eichholz nichts mehr so bleiben konnte, wie es seit Jahrhunderten war. Vor allem die Risse im Mauerwerk des Ostteils bereiteten der Gemeinde Sorgen. Dort war im 19. Jahrhundert angebaut worden, allerdings ohne ordentliches Fundament. Als Folge eines Granateneinschlags nebst Brand im Jahr 1945 fehlte der Kirche bis in die 1950er-Jahre das Dach. Das damals aufgesetzte musste in den 1990er-Jahren durch ein Notdach aus Blech ersetzt werden. Rund 20 Jahre später erlaubten die Schäden keinen Bauaufschub mehr. Die 80 Mitglieder zählende Kirchengemeinde Eichholz-Kermen musste handeln.

Viele Förderanträge wurden für den Erhalt des Baudenkmals am Lutherweg gestellt und bewilligt. Auch an einem Wettbewerb beteiligte sich die Gemeinde und ging als Zweitplatzierte daraus hervor. In der MDR-Show »Mach dich ran« erkämpfte ein Team im Herbst 2015 die Option auf 125 000 Euro Förderung, die die Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler (KiBa) zahlen wollte. Bedingung war unter anderem, dass die Kirchengemeinde noch einmal dieselbe Summe als Eigenanteil aufbringen musste. Das gelang, und das KiBa-Geld ist inzwischen auf dem Konto angekommen.

Erinnert: Beim Mannschaftsspiel um Fördergeld der Stiftung KiBa Ende Oktober 2015 in Wittenberg belegte die Kirchengemeinde Eichholz den zweiten Platz. Foto: Konstanze Förster-Wetzel

Erinnert: Beim Mannschaftsspiel um Fördergeld der Stiftung KiBa Ende Oktober 2015 in Wittenberg belegte die Kirchengemeinde Eichholz den zweiten Platz. Foto: Konstanze Förster-Wetzel

Um auf ihr großes Vorhaben aufmerksam zu machen und Spenden einzuwerben, ließ sich die Gemeinde allerhand einfallen. Die Benefizveranstaltungen »Rock auf der Koppel« und »Advent auf der Koppel« sind inzwischen zur festen Größe im Gemeindekalender geworden. Und mit dem »Sommerkino auf der Koppel« ist eine neue hinzugekommen. Auch der Verkauf edler Stifte, die aus altem Eichenholz gefertigt wurden, gehörte dazu.

Insgesamt rund 600 000 Euro waren für alle drei Bauabschnitte für den Kirchenerhalt veranschlagt. Dass Kostenvoranschläge manchmal korrigiert werden müssen, zeigte sich in diesem Sommer: Als ein Bauforscher des Landesamtes für Archäologie und Denkmalpflege Sachsen-Anhalt die Eichenbalken des Dachstuhles untersuchte, stellte er zwei Dinge fest: Die Bäume wurden im Winter 1178/79 gefällt. Damit ist die Kirche älter als angenommen. Außerdem sah der Fachmann, dass die mittelalterlichen Kehlbalkengebinde weit umfangreicher als gedacht erhalten sind und sie nach Reparatur und einigen Veränderungen ohne statische Funktion wieder eingefügt werden sollten.

Das verursachte rund 60 000 Euro Mehrkosten. »Der Förderbescheid vom Land ist inzwischen eingetroffen«, sagt Pfarrer Lindemann erleichtert.

Noch eine solche Überraschung möchten er und die Gemeinde nicht erleben, dafür aber im Oktober Richtfest feiern können. Das Datum stand bei Redaktionsschluss zu Monatsanfang noch nicht fest.

Angela Stoye

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Wo Kinder im Mittelpunkt stehen

1. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Festtag: Sie war die erste in Anhalt. Jetzt besteht die Evangelische Grundschule in Köthen seit 20 Jahren.

Wenn dieses Jubiläum hinter ihr liegt, fällt Anja Albrecht vermutlich ein Stein vom Herzen. Seit Wochen, gar Monaten kümmert sie sich mit vielen Helfern um die Vorbereitung dieses besonderen Tages. Es soll ein schönes Fest werden. 20 Jahre Evangelische Grundschule Köthen – ein Grund zum Feiern. Am 27. September beging die Grundschule in Trägerschaft der Landeskirche Anhalts den runden Geburtstag: mit einem Festgottesdienst in der benachbarten Kirche St. Agnus und mit einem Tag der offenen Tür. »Wir wollen zeigen, was für eine tolle Schule wir sind. Jeder, der Lust hat, uns kennen zu lernen, ist herzlich willkommen«, lud Anja Albrecht ein.

179 Mädchen und Jungen der ersten bis vierten Klasse besuchen die Schule mit christlichem Profil. Evangelisch bilden – mit Verstand, Gefühl und Respekt: Das steht in diesem Haus über allem. Und auch die Goldene Regel aus der Bibel, unübersehbar an der Schulhofwand von Kunstmaler Steffen Rogge verewigt, lebt man hier: Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest.

Warteliste für die nächsten drei Jahre

Seit 2003 unterrichtet Anja Albrecht an der Schule, seit 2014 leitet sie diese. »Wir versuchen hier, unseren Kindern ein christliches Menschenbild zu vermitteln.« Geistliches Leben wird unter anderem in den täglichen und wöchentlichen Morgenandachten, Tischgebeten und Schulgottesdiensten gelebt. Dabei werden alle in die Vorbereitung und Durchführung einbezogen. Religionsunterricht hat an der Schule jedes Kind verpflichtend. Über die Rahmenrichtlinien des Landes Sachsen-Anhalts hinaus bekommen die Mädchen und Jungen das Evangelium vermittelt. Und auch in anderen Fächern spielen christliche Themen eine entscheidende Rolle, sie prägen die Unterrichtsgestaltung.

Gratulant: Zur Geburtstagsfeier der Evangelischen Grundschule trat das Schulmaskottchen Johannes zum ersten Mal öffentlich auf. Die Kinder lernten es schon eher kennen. Fotos: Heiko Rebsch

Gratulant: Zur Geburtstagsfeier der Evangelischen Grundschule trat das Schulmaskottchen Johannes zum ersten Mal öffentlich auf. Die Kinder lernten es schon eher kennen. Fotos: Heiko Rebsch

Man sei »ein Ort des Lebens und des Lernens«, beschreibt Anja Albrecht. Man pflege ein gutes, ein christliches Miteinander. Schüler, Pädagogen und Mitarbeiter, Eltern, Hort, die evangelischen Kirchengemeinden, der Schulträger, der Förderverein – viele hätten in den vergangenen zwei Jahrzehnten ihren Anteil daran, dass sich die Schule so positiv entwickelt habe.

Auf ihrer Internetseite rät die Schule, Eltern mögen ihre Kinder so früh wie möglich anmelden, am besten unmittelbar nach der Anmeldung in einer Kindertagesstätte. Anja Albrecht kann das nur untermauern. Die Nachfrage der Eltern, ihre Töchter und Söhne hier einzuschulen, sei sehr groß. Bereits heute existiere eine Warteliste für die Jahre 2020 und sogar schon für 2021. Und das, obwohl man an der Evangelischen Grundschule Köthen Schulgeld zahlt. Im Jahr 2001 erhielt die Schule ihre staatliche Anerkennung. Die Einbindung in die Schulgesetzgebung verpflichtet die Verantwortlichen, bestimmte Vorgaben hinsichtlich Schulorganisation und Leistungsbewertung einzuhalten.

Die Evangelische Grundschule Köthen unterscheidet sich von anderen darin, »dass wir in unserer täglichen Arbeit mit den Kindern vom Menschenbild der Bibel ausgehen«, erläutert Anja Albrecht. Was bedeutet das? Die Achtung des anderen mit all seinen Stärken und Schwächen, seinen individuellen Besonderheiten. Das Kind annehmen, so wie es ist. Vertrauen und Zutrauen sind wichtige Eckpfeiler der schulischen Arbeit. Offenheit und Aufrichtigkeit werden groß geschrieben. Rücksichtnahme und Mitverantwortung prägen das Zusammenleben in der christlichen Schulgemeinde. Das Konzept hat in den vergangenen 20 Jahren viele Anhänger gefunden. »Wir vermitteln Prinzipien und Formen selbstständigen Lernens«, betont die Schulleiterin. Dabei berücksichtige man den Entwicklungs- und Lernstand eines jeden Kindes und reagiere darauf mit einer differenzierten Unterrichtsgestaltung. Die Mädchen und Jungen würden dabei nicht zuletzt lernen, wie wichtig es ist, sich gegenseitig zu unterstützen. Anja Albrecht ergänzt: »Lernen mit Kopf, Herz und Hand heißt für uns, das Kind in den Mittelpunkt zu stellen, nicht den Unterrichtsstoff oder den Lehrenden.«

Am 27. September könnte es allerdings sein, dass einmal nicht die Kinder im Mittelpunkt stehen, sondern Johannes. »Johannes ist unser neues Schulmaskottchen«, informiert Anja Albrecht. Johannes gibt es in verschiedenen Situationen: mit Büchern, mit der Schreibfeder, mit Ranzen auf dem Rücken oder sportlich mit Hanteln. Johannes ist eine Erfindung von Steffen Fischer, der den Köthenern schon den »Halli«, das Stadtmaskottchen, beschert hat. Er zeichnete Johannes, der nun offiziell zum Geburtstag vorgestellt wird. Und die Schule mit Sicherheit in den kommenden Jahren intensiv in allen Lebenslagen begleiten wird.

Sylke Hermann

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Köthen: Buntes Zeichen für den Frieden

21. September 2018 von redaktionguh  
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Foto: Ute Nicklisch

Foto: Ute Nicklisch

Blick auf den Köthener Marktplatz am Sonnabend: Mit einer Malaktion vor der Jakobskirche reagierten die Stadtverwaltung, die Landeskirche Anhalts, Vereine und Initiativen auf rechtsextreme Demonstrationen.

Vor den Kircheneingang malten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine brennende Kerze, umrahmt von einer Blume und einer Friedenstaube.

Die angrenzende Fußgängerzone gestalteten ausländische Studenten der Hochschule Anhalt. Sie wollten damit ihren Wunsch nach einem friedlichen Zusammenleben zum Ausdruck bringen. In der Jakobskirche gab es am Sonnabend und Sonntag wieder Friedensgebete, an der Fassade wurde ein Banner mit der Aufschrift »Frieden für alle« befestigt.

Seit dem Tod eines 22-jährigen Kötheners, der einen Streit mit mehreren Afghanen schlichten wollte, gab es in der Stadt immer wieder rechte Aufmärsche und Gegendemonstrationen.

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»Handeln wir nicht unter unserer Würde«

18. September 2018 von redaktionguh  
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Trauer und Sorge: Friedensgebete nach einem tragischen Tod in Köthen

Ein 22-jähriger Köthener ist tot, nach ersten Erkenntnissen gestorben an Herzversagen nach einem Streit mit zwei Afghanen, die nun in Untersuchungshaft sitzen (Stand bei Redaktionsschluss am Dienstag; siehe auch Seite 2). Viele Menschen in der Bach-Stadt sind bestürzt über diesen Tod; Kirchenvertreter und Politiker sprachen der Familie ihr Mitgefühl aus. »Unsere Gebete und Gedanken sind bei ihm und seinen Angehörigen«, sagte der anhaltische Kirchenpräsident Joachim Liebig.

Vor rund 500 Menschen würdigte Kirchenpräsident Joachim Liebig am Sonntagnachmittag bei einer Trauerandacht in der Jakobskirche auch das Vorgehen von Vertretern des öffentlichen Lebens in Köthen: »Die örtlichen Kirchengemeinden haben auf die schreckliche Nachricht vom Tod eines Mannes nach der Auseinandersetzung gestern in Köthen – gemeinsam mit Vertretern aller Stadtratsfraktionen – sehr schnell reagiert und mit dieser Andacht der Trauer der Stadtgesellschaft auf friedliche Art und Weise Raum gegeben. Dafür bin ich sehr dankbar.« Es werde nötig sein, dass die Köthenerinnen und Köthener in den kommenden Tagen und Wochen zusammenrücken und diese schwierige Situation gemeinsam meistern. »Noch wissen wir nicht genau, was sich bei dem tragischen Vorfall tatsächlich abgespielt hat«, so Liebig. »Wichtig ist aber, dass die Ereignisse von keiner Seite für andere Zwecke missbraucht werden. Ich vertraue auf die Aufklärungsarbeit der Polizei und der Gerichte. Zugleich zeigen uns solch traurige Anlässe, wie dringend notwendig es ist, für die tiefe Spaltung in unserer Gesellschaft eine gemeinsame Lösung zu finden.«

Nach dem Tod des jungen Kötheners, der ihn mit Trauer und Entsetzen erfülle, rief auch der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige zu Besonnenheit auf. »Einen solchen Vorfall aber zum Anlass zu nehmen, um Wut und Hass gegen Ausländer und Andersdenkende zu schüren oder sogar gewalttätig zu werden, ist genauso verwerflich«, so Feige laut Mitteilung des Bistums. Der Rechtsstaat müsse noch intensiver nach Wegen suchen, um Aggressionen zu verhindern oder wenigstens einzudämmen. Und er müsse nach Wegen suchen, die Integration zu fördern und gesellschaftliche Verwerfungen zu befrieden. »Das aber betrifft auch alle Bürger. Auf jeden Fall sind Besonnenheit und Differenzierung vonnöten. Leben und handeln wir nicht unter unserer Würde!«

Kreisoberpfarrer Lothar Scholz hat am Ort des Tatherganges Kontakt zu den Angehörigen des toten 22-Jährigen gesucht und wird ihn weiter aufrechterhalten.

Auch er hofft, wie seine Pfarrkollegen, dass weder Rechte noch Linke die Ängste und Befürchtungen der Köthener für ihre Zwecke ausnutzen. Die seelsorgerliche Begleitung der Familie ist seine Aufgabe in der nächsten Zeit, aber diese ist wie jede andere Seelsorge auch, so der Pfarrer, nichts, was in die Öffentlichkeit gehört. Horst Leischner, der Pfarrer von St. Jakob, lädt nach gemeinsamem Beschluss zusammen mit den anderen Pfarrern in der Stadt an jedem Abend um 17 Uhr zum ökumenischen Friedensgebet in die große Kirche am Markt ein. »Die Pfarrer werden täglich wechselnd die Andacht gestalten«, sagt er, und die Gebete sollen so lange fortgeführt werden, wie es erforderlich sei.

Den Auftakt machte am Montagabend vor zahlreichen Besuchern, unter ihnen auch der sachsen-anhaltische Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU), der Köthener Kreisjugendpfarrer Martin Olejnicki. »Wir beten für den Verstorbenen, für seine Angehörigen und für den Frieden in der Stadt«, sagte er in der Kirche.

Das schreckliche Geschehen in der Stadt wird auch ihn nicht so einfach loslassen. »In den Treffen der Jungen Gemeinde werden wir darüber reden«, so Olejnicki gegenüber der Kirchenzeitung. Er werde dabei auf die Fragen der Jugendlichen hören und auf das, was gegebenenfalls noch in ihnen mitschwingt. Ganz klar hat er ihnen nur eines gesagt: Sie sollten sich nicht zu voreiligen Aktionen hinreißen lassen.

(G+H/epd)

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Musik ist ihr Leben

10. September 2018 von redaktionguh  
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Angekommen: Debora und Florian Zschucke sind Kirchenmusiker im Kirchenkreis Dessau

Das Radio laufen lassen, einfach um Hintergrundbeschallung für andere Tätigkeiten zu haben, ist für Debora und Florian Zschucke undenkbar. »Musik müssen wir bewusst wahrnehmen. Einfach so nebenbei funktioniert das bei uns nicht«, sagt Florian Zschucke. Die Musik hat bei dem jungen Ehepaar auch sonst einen zentralen Platz in seinem Leben eingenommen. Die beiden 30-Jährigen sind Kirchenmusiker. Anfang des Jahres sind sie von Halle, wo sie jahrelang gelebt haben, mit ihrer einjährigen Tochter nach Dessau-Roßlau gezogen. Seit rund zwei Jahren arbeitet Debora Zschucke als Kantorin für die Dessauer Kirchengemeinden in den Stadtteilen Siedlung, Ziebigk, Groß- und Kleinkühnau.

Ihr Mann arbeitet seit diesem April als Kantor für neun Gemeinden in der Dessau-Roßlauer Umgebung, unter anderem in Bobbau, Jeßnitz, Raguhn und Wolfen-Nord. Er leitet einen Chor und einen Instrumentalkreis, spielt Orgel und bringt derzeit Interessierte aus allen Gemeinden in einem großen Chorgemeinschaftsprojekt zusammen. Am 17. November soll es ein Konzert geben. Bis dahin wird fleißig jede Woche am Donnerstagabend ab 19 Uhr im Christophorushaus in Wolfen-Nord geübt. Zusätzlich gibt er Unterricht in Orgel und Improvisation an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik in Halle. In der Saalestadt bildet er auch nebenamtliche Kirchenmusiker aus. Zuvor arbeitete Florian Zschucke zwei Jahre als Assistenzorganist an der Stadtkirche St. Wenzel in Naumburg.

Musik ist ihr Leben, und das schon von Anfang an. In Bernau bei Berlin verbrachte Debora Zschucke ihre Kindheit und Jugend. Im Kinderchor ihrer Kirchengemeinde sang sie mit. An der Musikschule lernte sie Klavier und Trompete. Später kam noch das Orgelspiel in der Gemeinde dazu. »Mit dem Schulabschluss stand für mich fest, auch beruflich was mit Musik zu machen«, erzählt Debora Zschucke. In Halle schrieb sich die junge Frau aus dem Speckgürtel von Berlin für ein Studium der Kirchen- und Schulmusik ein. Dort lernte sie vor acht Jahren ihren Mann Florian kennen. Er kommt aus einem kleinen Dorf bei Zwickau. Auch ihn prägte Musik schon sehr früh, in seiner Kirchengemeinde und darüber hinaus. Jugendchor, Klavierunterricht und verschiedene Bands stehen bis zu seinem Schulabschluss in der Vita.

Bringen eine Region zum Klingen: Debora Zschucke ist für die Dessauer Kirchen­gemeinden Siedlung, Ziebigk sowie Groß- und Kleinkühnau zuständig, Florian Zschucke für Bobbau, Jeßnitz, Raguhn und Wolfen-Nord. Foto: Lutz Sebastian

Bringen eine Region zum Klingen: Debora Zschucke ist für die Dessauer Kirchen­gemeinden Siedlung, Ziebigk sowie Groß- und Kleinkühnau zuständig, Florian Zschucke für Bobbau, Jeßnitz, Raguhn und Wolfen-Nord. Foto: Lutz Sebastian

Nur die Orgel stand bis dahin bei ihm kaum im Fokus. »Dieses Instrument habe ich tatsächlich erst spät für mich entdeckt«, sagt Florian Zschucke. Die Beziehung ist dafür eine besonders intensive geworden. Wenn er davon erzählt, dann voller Lob und mit Leidenschaft. »Orgelmusik ist eine Nische, in der man ein ganzes Universum entdecken kann«, schwärmt er. »Man kann gleichzeitig Zartheiten und Feinheiten herausarbeiten und als einzelner Orgelspieler doch wie ein ganzes Orchester klingen«. Florian Zschucke ist der Königin der Instrumente sehr zugetan.

Nach seinem Kirchenmusikstudium hat der 30-Jährige seine Orgelkenntnisse durch ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) im englischen Birmingham für ein Jahr vertiefen können. Ein Orgel-Master-Studium in Halle sattelte er noch obendrauf. Florian Zschucke spricht die Sprache der Orgeln und weiß die richtigen Register zu ziehen. In einigen Orgelkonzerten in der Region rund um Dessau und darüber hinaus konnte er schon überzeugen, unter anderem in Bobbau, Jeßnitz, in der Dessauer Jonanniskirche, in Tangermünde und Bad Lauchstädt.

Für Florian Zschucke und seine Frau ist es ein gutes Leben, das sie derzeit führen. »Es ist nicht selbstverständlich, als Musiker auch den Lebensunterhalt verdienen zu können«, sagt er nachdenklich. Daher sind sie dankbar, ihren Traum von der Musik auch beruflich leben zu können. Mit viel Einsatz wollen beide ihr Glück mit den Zuhörern teilen. Bekannte Werke sollen erklingen, »aber auch die eine oder andere Perle von eher unbekannten Komponisten«, verspricht Florian Zschucke.

Wenn seine Frau und er sich nicht beruflich mit Musik auseinandersetzen und dennoch Klangwelten erkunden wollen, dann tauchen sie meist ab in die Welt des Jazz. In dieser Hinsicht ist auch ihre neue Heimat eine gute Wahl. Das traditionelle Kurt-Weill-Fest, das viel Musik dieses Genres bietet, findet jährlich in Dessau statt. »Wir haben uns vorgenommen, da unbedingt hinzugehen«, sagt Florian Zschucke. Auch sonst ist die Stadt an Mulde und Elbe ein Glücksgriff für sie. »Das vielfältige kulturelle Angebot und das viele Grün haben uns überrascht«, resümiert Debora Zschucke.

Danny Gitter

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Geschenk für die Gemeinden

31. August 2018 von redaktionguh  
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Startschuss: In der Region »Unterharz« nimmt das anhaltische Verbundsystem Gestalt an – und zwei neue Mitarbeiterinnen nehmen ihre Arbeit auf.

Das kann so funktionieren«, sagt Julia Arndt fest und schaut auf Andrea Rittweger. Die beiden Frauen werden am 2. September in der St. Marien-Kirche in Harzgerode in ihren Dienst in der Region »Unterharz« eingeführt. Damit nimmt der erste Mitarbeiterverbund Gestalt an, wie es die Landessynode Anhalts beschlossen hat. Mitarbeiter im Pfarrdienst, in der Kirchenmusik, der Gemeindepädagogik, der Diakonie und der Verwaltung bilden einen Verbund. »Das heißt für mich, Gemeinden zu verbinden«, erklärt die studierte Ingenieurin Julia Arndt, die künftig – von der Landeskirche gefördert – im sächsischen Moritzburg nebenberuflich Gemeindepädagogik studiert und im September »in der Arbeit mit Kindern schon loslegt«. In der freien Wirtschaft sei alles sehr »produktbelastet«, sie wolle wieder näher an den Menschen sein.

Für ein starkes Miteinander: Kirchenmusikerin Andrea Rittweger (li.) und Gemeindepädagogin Julia Arndt sind zunächst für Harzgerode, Schielo, Güntersberge und Siptenfelde zuständig. Foto: Uwe Kraus

Für ein starkes Miteinander: Kirchenmusikerin Andrea Rittweger (li.) und Gemeindepädagogin Julia Arndt sind zunächst für Harzgerode, Schielo, Güntersberge und Siptenfelde zuständig. Foto: Uwe Kraus

Verbinden werden sie die Gemeinden Harzgerode, Schielo, Güntersberge und Siptenfelde, in einem zweiten Schritt soll Neudorf dazukommen. Andrea Rittweger freut sich, bei diesem ersten Verbundversuch im Kirchenkreis dabei zu sein. »Ich bin richtig glücklich, dass ich mit 52 Jahren jetzt richtig als Kirchenmusikerin arbeiten kann.« Was hier im Unterharz geschehe, sei außergewöhnlich in einer Zeit, wo auch in der Kirche an allen Ecken und Enden gekürzt werde. »Wir sind das Geschenk an die Gemeinden«, charakterisiert es die studierte Kirchenmusikerin, die bis zum Schuljahresende per Honorarvertrag Generationen von Kindern an der Kreismusikschule unterrichtete.

Die Kirchenmusikerin und die Gemeindepädagogin verstehen sich als Begleiter der Gemeinden, die mit ihrem Auftauchen niemanden der engagierten Ehrenamtlichen verschrecken wollen. Sie könnten nicht überall sein, möchten aber gern Hilfestellung geben. »Ich schubse keinen ehrenamtlichen Musiker von der Orgelbank«, scherzt Andrea Rittweger und meint es doch sehr ernst. »Ja, es gilt auch, verkrustete Strukturen aufzubrechen. Aber das Ehrenamt muss hoch geschätzt werden.« Sie hat in den vergangenen Wochen viel an der Orgel in Harzgerode geübt und kam mit den Besuchern ins Gespräch. »Ich will 20 Minuten Orgelmusik an den Markttagen anbieten, es muss einfach selbstverständlicher werden, in die Kirche zu gehen, sich hinzusetzen und zu lauschen.« Die Gernröderin Andrea Rittweger kann sich einen Kinderchor vorstellen und musikalische Früherziehung anzubieten. »Ich könnte offenes Singen in den Alters- und Pflegeheimen etablieren, denn das musikalische Gedächtnis verschwindet als letztes aus dem Kopf.«

»Ob zu Jubelkonfirmationen oder beim Erntedank möchte unser großer Chor, der in Gernrode probt, weiterhin im gesamten Kirchenkreis die Gottesdienste mit singfähigen Gruppen bereichern«, sagt Andrea Rittweger. Auch Julia Arndt, die in Ballenstedt wohnt, möchte das Miteinander vertiefen und dieses Konzept auf die Kinderstunden ausdehnen. »Gerade die Arbeit mit den Jüngsten der Gemeinde öffnet Türen auch bei den Älteren.« So besuchte sie in den vergangenen Tagen die Kinderstunden in Harzgerode und Güntersberge. »Ich will die Kinder und die Ehrenamtlichen kennenlernen«, sagt sie. Dabei hat sie sowohl das Engagement der Ehrenamtlichen gespürt, aber auch den Wunsch nach Unterstützung. Zusammen mit den freiwilligen Helfern vor Ort sollen die vorhandenen Kindergruppen gestärkt und weitergeführt werden. Dabei wird bei den Kleinsten im Kindergarten begonnen, denn die neue Gemeindepädagogin weiß, wie dankbar und wissbegierig Kinder sein können: »Ich habe ja selbst zwei zu Hause.«

Der Mitarbeiterverbund ist eine Herausforderung. »Wir werden unser Gemeindeverständnis verändern müssen«, fordert der Ballenstedter Kreisoberpfarrer Theodor Hering. Es werde sich zu sehr auf den Pfarrer konzentriert. »Das bringt auch Veränderungen im Verständnis des Pfarramtes mit sich. Die Bedeutung des Pfarrdienstes wird nicht abnehmen, aber die gemeinsame Arbeit mit den anderen Professionen in der Kirche soll zunehmen. Darum setzen wir wie in anderen Lebensbereichen mehr auf Teamarbeit.«

Uwe Kraus

Gottesdienst am 2. September in der Marien­kirche in Harzgerode um 14 Uhr

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Raus ins wirkliche Leben

23. August 2018 von redaktionguh  
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Zehn Jahre ist sie jung und Aufbau ist Programm: Ab dem nächsten Jahr werden alle Klassenstufen an der Freien Schule Anhalt in Köthen zweizügig sein. Zurzeit lernen hier knapp 390 Kinder.

Es kommt in der Welt«, sagte schon Albert Schweitzer, »vor allem auf die Helfer an – und auf die Helfer der Helfer.« Die Freie Schule Anhalt in Köthen hat so einige Helfer. Über die Jahre immer mehr. Einige von ihnen sind im Förderverein engagiert, der die Arbeit der Schule, die am 24. August ihren zehnten Geburtstag feiert, nach Kräften unterstützt. »Wir finanzieren da, wo das Geld knapp ist«, fasst die Schatzmeisterin des 62 Mitglieder zählenden Fördervereins, Gertrud Feuerborn, zusammen. Das können bauliche Vorhaben sein, die Ausstattung von Räumen oder auch Klassenfahrten.

Heike Makk, die Leiterin der Freien Schule Anhalt, ist dankbar, sich der Unterstützung ihres Fördervereins gewiss sein zu können. Sie betont, dass man ohne dessen Arbeit nicht so schnell hätte wachsen können.

2008 wird die Schule gegründet. Eine Integrierte Gesamtschule in freier Trägerschaft. In Osternienburg, nahe der Bachstadt Köthen, fängt alles an: mit 26 Schülern und zwei Lehrern. Noch heute erinnert sich Ferenc Makk, der Geschäftsführer des Schulträgers, gern daran: »Wir sind dort mit offenen Armen empfangen worden und hatten sogar unsere eigene Schulkirche.« In Köthen hingegen habe es damals »keine Bereitschaft gegeben, unsere Bildungsinitiative zu unterstützen«, erinnert sich Heike Makk. Vergebens habe man nach geeigneten Räumen gesucht, und diese erst Jahre später und nach unzähligen Gesprächen in der früheren Augustenschule gefunden.

Geburtstag: Geschäftsführer Ferenc Makk und Schulleiterin Heike Makk vor dem Erweiterungsbau der Freien Schule Anhalt, die am 24. August ihr zehnjähriges Jubiläum feiert. Foto: Heiko Rebsch

Geburtstag: Geschäftsführer Ferenc Makk und Schulleiterin Heike Makk vor dem Erweiterungsbau der Freien Schule Anhalt, die am 24. August ihr zehnjähriges Jubiläum feiert. Foto: Heiko Rebsch

Der Verein Gemeinschaftsschule Anhalt ist Träger der Freien Schule Anhalt. Hier lernen Schüler ab der fünften Klasse, bis sie ihren Abschluss machen: einen Haupt- oder Realschulabschluss oder das Abitur nach 13 Jahren. Eine Schule zum Wohlfühlen will man sein. Eine, die bei den Kindern und Jugendlichen Selbstständigkeit und Eigenverantwortung in der Gemeinschaft fördert. Freie und offene Arbeitsmethoden charakterisieren die Bildungsarbeit der Freien Schule. Darüber entwickeln die Schüler Methoden- und Sozialkompetenz. »Der wichtigste Pfeiler unseres Konzeptes ist das christliche Profil«, verdeutlicht Schulleiterin Heike Makk. Die Schüler leben gemeinsam den christlichen Jahreskreis, sie treffen sich regelmäßig zu Andachten in den Kirchen der Stadt, zu denen die Freie Schule einen sehr engen Kontakt pflegt, sie gehen in die Gemeinden. Diejenigen, die christlichen Glaubens sind, wählten die Schule ganz gezielt. »Sie leben bewusster an und mit der Schule«, ergänzt Gertrud Feuerborn vom Förderverein.

Das pädagogische Konzept beschreibt eine »christlich orientierte Schule, die ausgehend von einem christlichen Menschenbild den Menschen an sich und seine Einmaligkeit als Geschöpf Gottes in den Mittelpunkt stellt, der sich seiner Verantwortung gegenüber sich selbst und anderen bewusst ist«. Die Schule sieht sich aber auch als lebensweltorientiert. Man gehe in Projekten zum Beispiel immer wieder »raus ins wirkliche Leben«, sagt Heike Makk. Die Freie Schule Anhalt ist außerdem ganzheitlich orientiert, weil frei nach Pestalozzi »Kopf, Herz und Hand bei uns einen harmonischen Dreiklang bilden«. Mit einer »Pädagogik vom Kinde aus« (Montessori) will man die individuellen Fähigkeiten der hier Lernenden stärken. Und nicht zuletzt ist man eine Schule in der Region, in Anhalt, was man, wo immer sich die Gelegenheit bietet, auch lebt.

Mittlerweile gerät die Schule von der Kapazität her an ihre Grenzen. Derzeit wird ein Teil des Dachgeschosses der früheren Augustenschule ausgebaut, um mehr Raum zu schaffen. Ferenc Makk, der Geschäftsführer des Trägervereins, macht allerdings deutlich, dass man nicht baue, um die Kapazität der Schule zu erhöhen, sondern um dem Bedarf gerecht zu werden. 140 Anmeldungen auf 48 zu vergebende Plätze – das sagt viel. Gertrud Feuerborn weiß von Kindern, die drei Jahre lang warteten, um dann endlich von der staatlichen zur Freien Schule Anhalt wechseln zu können.

Ab dem nächsten Jahr werden alle Klassenstufen von der fünften bis zum Abitur zweizügig sein. Damit habe man anfangs nicht gerechnet, als man 2011 in die Augustenschule gezogen war, sagt Heike Makk. Deshalb baue man immer wieder. Erst den Keller, mittlerweile das Dach. Hier bestünde die Möglichkeit, in den kommenden Jahren noch mehr Räume zu schaffen. »Sofern wir das finanzieren können, immer eins nach dem anderen«, ergänzt Ferenc Makk und betont, dass der Trägerverein auch daran interessiert sein muss, die Projekte wirtschaftlich abzubilden. Immerhin trage man nicht nur eine gewisse Verantwortung für die derzeit knapp 390 Schüler, sondern auch für mehr als 50 Mitarbeiter.

Wenn sich Ferenc Makk und seine Frau etwas wünschen dürften, dann wäre es eine stärkere Wahrnehmung und auch Wertschätzung ihres Engagements bei den institutionalisierten Kirchen. Und die Gleichberechtigung gegenüber kommunalen Schulen. Hier stehe die Freie Schule Anhalt, die in den vergangenen zehn Jahren eindrucksvoll bewiesen hat, dass ihr pädagogisches Konzept eine große Zahl Anhänger findet, noch immer hinten an. Heike Makk: »Es dürfte mittlerweile bei jedem angekommen sein, dass wir eine wertvolle Arbeit leisten.« Und das will man auch in den kommenden Jahren tun. Doch erst einmal wird gefeiert: am 24. August, wenn die Freie Schule Anhalt zehn Jahre alt wird.

Sylke Hermann

24. August, 9 Uhr: Festgottesdienst in der Jakobskirche; Schulfest von 15 bis 17 Uhr

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Offen sein für neue Wege

17. August 2018 von redaktionguh  
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Jubiläum: Warmsdorf wurde vor 1 000 Jahren erstmals erwähnt und feiert das am 18. August. Die Christen im Ort setzen auf Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden.

Sie sieht zwar noch so aus, ist aber längst keine Kirche mehr. Warmsdorf, der vor 1 000 Jahren erstmals erwähnte Ort bei Güsten, hat seine Kirche schon 1974 aufgegeben. Weil immer weniger Besucher zu den Gottesdiensten kamen, wurde sie entwidmet und zum Abriss freigeben, denn zum Erhalt fehlte das Geld. Dennoch prägt das neugotische Gotteshaus bis heute das Bild des Dorfes – als von Klaus Gerner über Jahre schmuck gemachte Kirchenpension. Zur halben und vollen Stunde schlägt von 7 bis 21 Uhr sogar die Glocke. Die thront 50 Meter von ihrem alten Joch entfernt auf einen Holzgestell. Manchmal, zu Beerdigungen, bitten Einwohner, sie von Hand zu läuten.

Zum Gottesdienst fahren die Warmsdorfer schon lange ins benachbarte Amesdorf. »Jetzt trennt uns die desolate Wipperbrücke noch mehr, denn den kurzen Kirchenweg können wir mit unseren Fahrrädern nicht nehmen«, bedauert Marlis Szymanski, die Stellvertreterin des Gemeindekirchenratsvorsitzenden Siegfried Albrecht. In der Amesdorfer »Kirche ohne Schutzheiligen« in Sichtweite von Warmsdorf erinnern in Zusammenarbeit mit dem Heimatverein entstandene Schrifttafeln an die Kirchengeschichte von Warmsdorf. Immerhin erwähnen Chroniken 1339 erstmalig einen Pfarrer und die Kirche. Zudem war der Ort 1552 sogar Landeshauptstadt und Regierungssitz.

Informativ: Der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates von Warmsdorf, Siegfried Albrecht, und seine Stellvertreterin Marlis Szymanski stehen in der Kirche von Amesdorf vor einer kleinen Ausstellung, die an die Kirchengeschichte des Nachbarortes erinnert. Fotos: Uwe Kraus

Informativ: Der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates von Warmsdorf, Siegfried Albrecht, und seine Stellvertreterin Marlis Szymanski stehen in der Kirche von Amesdorf vor einer kleinen Ausstellung, die an die Kirchengeschichte des Nachbarortes erinnert. Fotos: Uwe Kraus

Die Gemeinde Amesdorf-Warmsdorf gehört zur von Pfarrer Arne Tesdorff betreuten Parochie Güsten. Er wird dabei sein, wenn am 18. August ein festlicher Gottesdienst mit dem anhaltischen Kirchenpräsidenten Joachim Liebig die 1 000-Jahr-Feier eröffnet. Nicht irgendwo, sondern an der Georgskapelle in Warmsdorf, die im 16. Jahrhundert die Schreibstube des Fürsten Georg III. von Anhalt-Plötzkau (1507–1553) war. Sie gilt als das einzige erhaltene bauliche Zeugnis, das an die unmittelbare Wirksamkeit des Reformationsfürsten in Mitteldeutschland erinnert. Georg III. wurde von Martin Luther 1545 zum ersten evangelischen Bischof von Merseburg eingesetzt.

Der GKR-Vorsitzende Siegfried Albrecht weiß, dass sich mit seinen knapp 60 Gemeindegliedern allein wenig bewegen lässt. »Wenn nicht gerade ein besonderer Feiertag ist, kommen vielleicht sechs bis acht Gottesdienstbesucher.« Für ihn steht fest: Wenn Kirche eine Zukunft haben will, müsse man sich konzentrieren. Nicht nur, weil Pfarrer Tesdorff sehr lange Wege von Kirche zu Kirche hat, denn auch die Nachbarpfarrstelle ist nicht besetzt. Die Kirchenälteste Marlis Szymanski verweist auf Kontakte zu den Kirchengemeinden in Freckleben und Hecklingen, mit denen auf Reise gegangen wird. Auch Ilberstedt, Drohndorf und Rathmannsdorf böten Kooperationspotenzial: »Am 21. Oktober ist dann wieder der Frecklebener Chor bei uns in der Kirche zu Gast.«

Siegfried Albrecht hebt die Gottesdienste hervor, die die Gemeinden in diesem Teil des Salzlandkreises gemeinschaftlich feiern. Der Ackergottesdienst ins Osmarsleben beispielsweise, zu dem am 26. August ebenso die Bernburger Blechbläser spielen wie zum Warmsdorfer Jubiläum.

Dieser Posaunenchor entstand 1999 aus Mitgliedern der Posaunenchöre in Beesenlaublingen, Bernburg, Güsten, Köthen und Zabitz, weil entweder die eigenen Posaunenchöre zu klein geworden waren, als dass sie hätten weiter existieren können, oder weil das Bedürfnis bestand, Musik mit Gleichbegeisterten zu machen. »Wir sind auch dabei, wenn Pfarrer Tesdorff zum Johannisfest mit seinen Täuflingen durchs Dorf zum Wipper-Ufer zieht. Dafür kommen umliegende Gemeinden, wenn wir in Warmsdorf den Reformationstag an der Georgskapelle begehen.«

Offen sein für neue Wege in der Gemeindearbeit, das beschwört der GKR-Vorsitzende immer wieder. Dieses Amt hat er in der zweiten Wahlperiode inne. Dem Gemeindekirchenrat gehört er seit 1984 an. Das Erntedankfest, zu dem längst nicht nur die Christen des Ortes ihre Gaben bringen und das regen Zuspruch findet, soll künftig durch die Kirchen der Parochie Güsten »kreisen«. Siegfried Albrecht plädiert dafür, die Gotteshäuser stärker zu beleben, ohne sie zur Eventbühne zu machen.

Uwe Kraus

18. August, Warmsdorf, 10 Uhr: Jubiläumsgottesdienst an der Georgskapelle

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Nur »katholischer Sauerteig«?

13. August 2018 von redaktionguh  
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Anhaltgeschichte(n): Vor 400 Jahren differenzierten sich im Christentum alternative Konzepte von Heiligkeit heraus. Anhalt ging einen Weg, der radikal mit der Tradition brach.

Schon im Winter 1521/22, während Luthers Aufenthalt auf der Wartburg, war sie zu Wittenberg erprobt worden, diese neue Art, Gottesdienst zu feiern: Andreas Karlstadt hatte mit dem Stadtrat eine »evangelische Messe« eingeführt. Erstmals war der Laienkelch gereicht worden; neben dem Verzicht auf einige andere Elemente hatten aber folgende Veränderungen besondere Aufmerksamkeit erweckt: Der Liturg war in ein Laiengewand gekleidet, er sprach den Einsetzungsbericht deutsch und zur Gemeinde gewandt, er verzichtete bei der Wandlung auf das Kreuzzeichnen sowie das Erheben, und die Kommunikanten nahmen Kelch und Hostie selbst in die Hand. Letzteres hatte zu unterschiedlichen Reaktionen geführt, die vor allem eines zeigten: Den Dingen eignete eine Aura, die anzog, aber auch Angst machte.

Religion hat es mit dem Paradox zu tun, das Jenseits im Diesseits zu verorten. Ihre Vorstellungen werden durch Texte, Rituale, Symbole und Dinge in der Welt anschaulich. So werden sie Teil sozialer Wirklichkeit und Glaubensgegenstand; so kommen sie aber auch mit dem profanen Leben in Berührung und müssen sich dessen Normen gegenüber behaupten. Die Konfessionen entwickelten hier unterschiedliche Strategien.

Widerstand: In der Stiftskirche in Hecklingen sollten die romanischen  Engelsreliefs im Zuge der zweiten Reformation entfernt werden. Die Bewohner wehrten sich erfolgreich dagegen. Foto: Jürgen Meusel

Widerstand: In der Stiftskirche in Hecklingen sollten die romanischen Engelsreliefs im Zuge der zweiten Reformation entfernt werden. Die Bewohner wehrten sich erfolgreich dagegen. Foto: Jürgen Meusel

Die Reformation, die sich im Reich seit den 1520er-Jahren durchsetzte, hatte zwar einerseits mit der Werkfrömmigkeit gebrochen und entsprechend viele alte Andachtsformen abgeschafft. Doch sie war auch dadurch geprägt, dass sie in der Messe vieles beibehielt. Luther hatte nämlich nach seiner Rückkehr die oben genannten Reformen allesamt zurücknehmen lassen. Sie waren aus seiner Sicht einem »fleischlichen Missverstehen« entsprungen, das nicht zur Abwertung der Dinge, sondern ihrer Überbewertung führe, indem man so sehr auf sie fokussierte. Und Luther blieb von einer leiblichen Realpräsenz Christi im Abendmahl überzeugt, die durch den Einsetzungsbericht bewirkt wurde und an die Elemente gebunden war.

Und so blieb die Liturgie der Evangelischen noch durch etwas geprägt, das seit dem Konzil von Trient zu dem Kennzeichen des Katholizismus werden sollte: Das Göttliche sollte durch Rituale, die dem Profanen besonders enthoben waren, präsent gemacht werden. Die heilswirkende Kraft der Messliturgie beruhte auf der durch den Liturgen objektivierten Präsenz Gottes in den eucharistischen Gaben. Und so setzten zum Beispiel die katholischen Reformer im Münsterland seit den 1590er-Jahren eine intensive Reform in Gang, der es gerade auf den äußerlich korrekten Vollzug des Kults und die Heiligung der Zeit wie der Orte (Kirche und Kirchhof) ankam. Die Sphäre des Göttlichen konstituierte sich hier durch Performanz und Präsenz.

In die, wenn man so will, entgegengesetzte Richtung liefen zur gleichen Zeit die Reformen in den anhaltischen Fürstentümern. Sie setzten auf Repräsentation und Innerlichkeit. Die Gegenwart Gottes wurde symbolisch verstanden: Der Gottessohn wurde im Abendmahl allein geistig gegenwärtig, und für die Aneignung der im Einsetzungsbericht verheißenen Gnade war die innere Haltung der Teilnehmer die wichtigste Bedingung. Alles, was noch den »katholischen Sauerteig« in sich trug, was also noch den Eindruck erwecken konnte, dass man Gott durch einen feierlichen Ritus quasi verobjektivieren könne, wurde seit 1596 entfernt – vom Hochaltar im Raum über die Messgewänder bis hin zur Hostie in der Kommunion.

Wie schon 1521 ging es um Entheiligung der alten Ordnung, und wieder war das Berühren der Dinge der neuralgische Punkt. Dem Einsetzungsbericht folgend wurde nun Brot gebrochen und den Kommunikanten gereicht. Aber noch immer hätten sich diese, so verlautete es, »vor [=für] vnrein, vnheilig, vnwerdig geachtet, das geheiligte brod mit ihren henden anzurühren«. Aus Sicht der Lutheraner würde so nämlich »das Sacrament … in Verachtung kom[m]en«. Ein Bürger in Jeßnitz nahm im Sommer 1600 am neuen Abendmahl teil, aber das »calvinische Brot« dann heimlich nach Hause in seine Küche, »um es dort … zu verspeisen«. Am profanen Ort zeigte sich, dass dieses Stück Brot, dieses Ding nicht mehr über jene Aura verfügte, die bis dato die Hostie ausgezeichnet hatte.

Wie andere »reformierte« Reichsstände scheiterten die Anhaltiner mit dem Versuch, ihr Territorium zu »reformieren«. Zu stark war der Widerstand. Zu radikal war wohl auch ihr Ansatz. Aber die Idee, Gott dort zu verorten, wo Menschen das Wort hören, die Zeichen sehen und darum glauben, diese Idee hat doch bestimmt etwas für sich.

Jan Brademann

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