Mächtig viel Gebläse

1. Juni 2018 von redaktionguh  
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Landesposaunenfest: Der Bläserchor Gernrode ist am Wochenende Gastgeber

Das war schon ein Erlebnis, wenn man an den berühmten irischen Cliffs of Moher den Choral ›Lobet den Herrn‹ spielt«, schwärmt Eckhart Rittweger – Kreiskirchenmusikwart, Kantor, Orgelsachverständiger und Leiter des Posaunenchores Gernrode, der am 2. und 3. Juni quasi Gastgeber des Landesposaunenfestes in Anhalt ist. »Die Landeskirche Anhalts unterhält eine Partnerschaft mit der Diözese Limerick der Church of Ireland, und wir waren dort mit Mitgliedern unseres Posaunenchores zu Gast«, erinnert sich Rittweger.

Vor dem Ansturm: Der Gernroder Posaunenchor unter der Leitung von Kirchenmusiker Eckart Rittweger (li.) vor der Stiftskirche. Auf dem Kirchengelände treffen sich am Sonntag rund 100 Bläser aus Anhalt. Foto: Jürgen Meusel

Vor dem Ansturm: Der Gernroder Posaunenchor unter der Leitung von Kirchenmusiker Eckart Rittweger (li.) vor der Stiftskirche. Auf dem Kirchengelände treffen sich am Sonntag rund 100 Bläser aus Anhalt. Foto: Jürgen Meusel

Den Chor gab es noch nicht, als der Kirchenmusiker vor 29 Jahren in Gernrode seinen Dienst antrat. »Oder besser, nicht mehr. Ein Katechet hatte ihn vorher geleitet. Ich dachte, einen Posaunenchor braucht die Gemeinde schon.« Er mit seiner Trompete traf auf einen Bekannten, der Trompete spielte, dann kam eine Posaune dazu. So blies er mit Bernd Petrasch und Steffen Ibe in Dreierbesetzung öffentlich. »Wir wuchsen immer mehr, so dass wir 1995 15 Bläser waren.«

Unterdessen wechselte die eine oder andere Position, doch mit 17 Mitstreitern zwischen 16 und 70 Jahren sowie drei potenziellen Kandidaten, die noch in der Ausbildung stecken, verfüge der Posaunenchor über eine solide Basis. Die Besetzung unterscheidet sich wenig von anderen Posaunenchören, doch die zwei Saxophone sind schon besonders. »Wir betreiben aktive Mitgliederwerbung, Steffen Ibe ist in die Schulen gegangen, um Jungbläser zu werben. Fünf junge Leute haben so Trompete gelernt und besuchten die Jungbläsertage.« Doch Rittweger weiß, »die haben wir nicht für uns selbst ausgebildet. Irgendwann sind sie weg aus der Region. Ich bin sicher, irgendwann blasen sie woanders, so dass unsere Mühen nicht umsonst waren.«

Unterwegs von Frose bis Güntersberge

Den Posaunenchor vernimmt man von Frose bis Günthersberge im gesamten Kirchenkreis Ballenstedt, bei Gottesdiensten, aber auch auf Weihnachtsmärkten, bei Gemeindefesten oder Konzerten wie der Volksliedserenade im Gernröder Stiftshof. Rittwegers Mitstreiter kommen nicht nur aus Gernrode, sondern auch aus Dankerode, Neudorf, Bad Suderode und Ballen-
stedt. »Trotzdem, wir sind etwas abgeschieden vom großen Geschehen. Da freut es uns natürlich, dass das Landesposaunenfest bei uns stattfindet. Wir rechnen mit so 100 Bläsern, da steckt musikalisch schon etwas dahinter.« So gibt es im benachbarten Ballenstedt zum Auftakt am Sonnabend ab 14 Uhr ein Open Air Konzert mit allen Bläsern, bevor dann in der Cyriakuskirche »Youth in Brass« und der Bläserkreis ein Konzert spielen. Am Sonntag erklingt dann vor dem Festgottesdienst um 10.30 Uhr ein einstündiger Morgenchoral. Da soll natürlich das Wetter »mitspielen«. Regen würde ziemlich stören – mit der Posaune in der einen Hand passt der Regenschirm schlecht in die andere. Und die Noten würden nass.

Doch der Posaunenchor Gernrode hat Erfahrung vom Posaunentag 2008 in Leipzig und 2016 in Dresden, wo zum Abschlussgottesdienst im Stadion allein 18 000 Bläser musizierten. »Das waren schon unsere größeren Auftritte, aber alle zwei Jahre reisen wir zur Familienbläserfreizeit, ob an der Nordsee oder im Süden, es gibt da immer ein Bläser- und Familienprogramm, dazu gestalten wir vor Ort dann einen Gottesdienst mit.« Das Jahr dazwischen wird für das intensive Proben genutzt.

An diesem Wochenende wird der Posaunenchor Gernrode kein Extra-Konzert geben. »Wir werden uns in die Gemeinschaft einfügen und als Gastgeber die eine oder andere organisatorische Aufgabe übernehmen. So wie wir in der Gemeinde zugreifen, wenn es was zu helfen gibt«, stellt Eckhart Rittweger klar.

Uwe Kraus

www.posaunenwerk-anhalt.de

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Zum »Orangenfest« erstmals mitten auf dem Markt

25. Mai 2018 von redaktionguh  
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Partnerschaft: Deutsch-niederländischer Gottesdienst zum Stadtfest in Oranienbaum

Schon der Name verweist auf eine gewisse Verbundenheit in die Niederlande: Als Prinzessin Henriette Catharina von Oranien 1660 nach Anhalt heiratete, bekam sie von ihrem Ehemann, Johann Georg II. von Anhalt-Dessau, das aufgegebene Dorf Nischwitz zur Hochzeit geschenkt. Sie ließ sich dort ein Schloss bauen und entwickelte den Ort zu einem aufstrebenden Städtchen, dem sie 1673 den Namen Oranienbaum gab. Henriette Catharina von Oranien gehört zu den direkten Vorfahren des niederländischen Königshauses, weshalb sowohl Königin Beatrix als auch König Wilhelm Alexander hier schon zu Gast waren.

Foto: pixabay/CC0

Foto: pixabay/CC0

Zwar keine adeligen, doch gern gesehene Gäste aus den Niederlanden werden an diesem Wochenende in Oranienbaum erwartet. Denn seit 2006 besteht eine Partnerschaft zwischen der Kirchengemeinde Oranienbaum und den Gemeinden Nieuwerbrug und Waarder. Diese gehören zur Protestantse Kerk in Nederland (PKN), einem Kirchenbund, zu dem sich 2004 zwei reformierte und die evangelisch-lutherische Kirche zusammengeschlossen haben. Waarder und Nieuwerbrug liegen zwischen Utrecht, Den Haag und Rotterdam und gehören zur Provinz Südholland. »Deshalb ist es in unserem Fall richtig, auch von holländischen Partnergemeinden zu sprechen«, so Pfarrerin Bärbel Spieker.

Zum ersten Kontakt kam es 2005 bei einer Chorreise auf den Spuren Bachs und Luthers, als eine Gruppe unter Leitung des Pfarrers und Kirchenmusikers Erick Versloot eine Kirche für einen Gottesdienst suchte. Seitdem gibt es jährlich wechselnde Besuche. Inzwischen nehmen längst auch Mitglieder der katholischen Gemeinde und der anderen evangelischen Gemeinden der Stadt Oranienbaum-Wörlitz an diesen Begegnungen teil. Ein evangelischer zweisprachiger Gottesdienst in der Stadtkirche stand bisher immer am Ende eines solchen Besuches in Oranienbaum. In diesem Jahr wird er mitten in die Stadt verlegt, und zwar im Rahmen des Stadtfestes »Orangenfest« am 27. Mai (10 Uhr) in das Festzelt auf dem Markt.

Kirchenpräsident Joachim Liebig wird predigen, der katholische Propst Matthias Hamann aus Dessau, Nathan Noorland aus Nieuwerbrug und Pfarrerin Bärbel Spieker sowie der Posaunenchor Oranienbaum und weitere Bläser werden ihn mitgestalten. Lieder, Vaterunser und Glaubensbekenntnis werden gleichzeitig in niederländischer und deutscher Sprache zu hören sein; Gebete, Lesungen und Predigt werden übersetzt.

(G+H)

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Spenden für den Agnus-Altar erbeten

21. Mai 2018 von redaktionguh  
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Foto: Heiko Rebsch

Foto: Heiko Rebsch

Das Foto zeigt den Altarraum der Köthener Agnuskirche, wie er zurzeit nicht aussieht, aber wieder einmal – und schöner dann – aussehen wird. Der über 500 Jahre alte Flügelalter wurde Ende 2016 zur Restaurierung in eine Fachfirma transportiert. Inzwischen liegt die denkmalrechtliche Genehmigung für Bauarbeiten am Altarraum vor, der erst im 19. Jahrhundert sein heutiges Aussehen erhielt. Der Altar mit seinen sieben Skulpturen und sechs Gemälden ist älter als die 1699 fertiggestellte Kirche. Er war vermutlich aus Anlass der Kircheneinweihung ein Geschenk des Merseburger Fürstenhauses an die lutherische Köthener Fürstin Gisela Agnes von Rath. Um ihm seine alte Schönheit zurückzugeben und für die Arbeiten in der Kirche sind nach jüngsten Schätzungen rund 64 000 Euro erforderlich. Die Kirchengemeinde bittet deshalb weiter um Spenden.

Ob der Altar bis Weihnachten in die Kirche zurückkehren kann? Da ist sich Pfarrer Lothar Scholz nicht sicher; aber 2019 auf jeden Fall.

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Etappenziel Radfahrerkirche

11. Mai 2018 von redaktionguh  
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Festtag: Steckby, die erste Radfahrerkirche in Anhalt, feiert ihr zehnjähriges Jubiläum. Für Reinhard Hillig doppelter Grund zum Rückblick, denn zwei Wochen später wird der Gemeindepfarrer in den Ruhestand verabschiedet.

Wenn sich am 13. Mai die Besucher zum Gottesdienst in der Kirche in Steckby im Kirchenkreis Zerbst versammeln, loben sie Gott und feiern auch eine Erfolgsgeschichte. Vor zehn Jahren nämlich wurde das kurz zuvor fertig sanierte Gotteshaus in dem Dorf am Elberadweg feierlich als erste Radfahrerkirche in der Landeskirche Anhalts in Dienst gestellt. Die Landeskirche folgte damit einem Trend, der mit der Eröffnung der ersten Radfahrerkirche im Juli 2003 in Weßnig bei Torgau in der Kirchenprovinz Sachsen begann. Inzwischen gibt es hunderte Radwegekirchen in Deutschland. Auch in Anhalt sind seit dem 4. Mai 2008 weitere hinzugekommen, zum Beispiel die Kirchen in Dessau-Großkühnau oder in Opperode, einem Stadtteil von Ballenstedt im Harz.

»Wir sind wohl die bedeutendste«, schätzt Pfarrer Reinhard Hillig ein. Und das sei der Lage am Elberadweg zu verdanken. Diese sei auch damals der Beweggrund für den Gemeindekirchenrat gewesen, die Kirche dem besonderen Zweck zu widmen. Insgesamt kamen in den vergangenen zehn Jahren rund 13 500 Besucher in die Kirche. Darunter war mit 2013 auch ein Jahr, in dem wegen des Elbe-Hochwassers kaum Gäste zu verzeichnen waren. 2017 kamen etwa 700 Besucher nach Steckby. Unter den »Inländern« führen die Sachsen die Statistik an, gefolgt von Radlern aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. »Schlusslichter« sind Bremen, die Region Hamburg und das Saarland.

Rund elf Prozent aller Besucher kamen 2017 aus dem Ausland, und damit etwas weniger als bisher. In der Länderwertung verzeichnet die Statistik jedoch starke Unterschiede. Die meisten Radler, nämlich 30 Prozent, kamen 2017 aus den Niederlanden, gefolgt von Tschechien und der Schweiz (je 21 Prozent). Über die Jahre jedoch stellen Radler aus der Schweiz die größte Gruppe. 2017 legten Finnland und Italien zu (14 und 10 Prozent). Alle Besucher werden gebeten, auf einer großen Karte im Vorraum der Kirche ihren Heimatort einzutragen. Und die Eintragungen im Anliegenbuch zeigen, dass die Besucher ihre Freude an der bis zum Reformationstag täglich für zwölf Stunden geöffneten Kirche haben.

Manchmal tragen sie auch ihren Dank ein, wie »ein gläubiger Mensch aus Bernburg«, der bei einer Tour zusammen mit einer Gruppe auf dem nicht abgesperrten Radweg in eine Jagd geriet und das Erlebnis im Buch festhielt: Er beschrieb seine Angst und dankte »Gott und seinen Engeln«, dass sie vor Schaden bewahrt wurden. »Das ist nicht erfunden«, versichert der Pfarrer. Ein Jäger aus dem Ort habe ihm später den Jagdtermin bestätigt.

Abschied aus dem Pfarrdienst

Ebenfalls nicht erfunden, sondern wahr: Nach gut zwölf Jahren im Kirchenkreis Zerbst wird Reinhard Hillig am 27. Mai in den Ruhestand verabschiedet. Seine Frau Angela, die zuletzt als Kreisbeauftragte für Gemeindepädagogik im Kirchenkreis Zerbst tätig war, ist seit Oktober 2017 in der Freistellungsphase ihrer Altersteilzeit.

Für kurze Rast und die ewige Ruhe: Wie an so viele Dorfkirchen grenzt auch an die Radfahrerkirche in Steckby ein Friedhof. Foto: Touristinformation Zerbst

Für kurze Rast und die ewige Ruhe: Wie an so viele Dorfkirchen grenzt auch an die Radfahrerkirche in Steckby ein Friedhof. Foto: Touristinformation Zerbst

Das (Berufs-)Leben des Ehepaares lässt sich durchaus mit einer Radfahrt vergleichen, die mal über anstrengende Steigungen, mal über gerade Strecken führte. Beide stammen aus christlichen Elternhäusern in Sachsen – sie aus Lauter, er aus Aue im Erzgebirge. Beide mussten wegen ihrer Herkunft und ihres Bekenntnisses Nachteile in Kauf nehmen.

Trotz sehr guter Leistungen durfte Angela Hillig nicht studieren. Als in der DDR wegen ihres Glaubens verfolgte Schülerin ist sie heute anerkannt. Sie wurde medizinisch-technische Assistentin, begann 1995 nebenberuflich als Katechetin zu arbeiten und ließ sich zur Gemeindepädagogin ausbilden.

Reinhard Hillig ist ehemaliger Bausoldat, gelernter Zimmermann und begann nach sechs Jahren in diesem Beruf eine Predigerausbildung am (nicht mehr bestehenden) Theologischen Seminar des Gnadauer Verbandes in Falkenberg/Mark.

Das Ehepaar Hillig arbeitete unter anderem im Diakonissenhaus im brandenburgischen Teltow. Sechs Jahre nach einem Ausreiseantrag durfte es mit seinen Kindern die DDR in Richtung Baden-Württemberg verlassen. 1991 kehrten Hilligs in den Osten zurück – und zwar nach Anhalt.

Die erste Station war Hoym im Kirchenkreis Ballenstedt, wo Reinhard Hillig ins Vikariat ging und 1993 ordiniert wurde. 2006 wechselte das Paar in den Kirchenkreis Zerbst, wo Reinhard Hillig Pfarrer in Steutz und weiteren Orten wurde. Ab 2009 kamen Pfarrdienst in der Trinitatisgemeinde Zerbst und ab Herst 2011 in der dazugehörigen Parochie hinzu. Angela Hillig arbeitete als Gemeindepädagogin zum Teil auch im Kirchenkreis Dessau.

Und nun der Ruhestand, der für das Ehepaar Hillig im Juni den Umzug ins Erzgebirge in die Nähe des Fichtelberges bringt. In der dortigen Kirchengemeinde werden beide sicher Aufgaben übernehmen. Sie freuen sich schon darauf, mehr Zeit für ihre vier Kinder und deren Familien mit den inzwischen sieben Enkelkindern zu haben. Und eine große Reise rückt in greifbare Nähe: nach Südafrika, in die Heimat eines Schwiegersohnes.

Angela Stoye

13. Mai, Steckby, Kirche, 14 Uhr: Jubiläumsgottesdienst mit Kirchenpräsident Joachim Liebig, danach kurze Radpartie durch den Ort; 27. Mai, Steutz, St. Marien, 16 Uhr: Verabschiedung von Pfarrer Hillig

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»Mit Gottes Hilfe packen wir an«

7. Mai 2018 von redaktionguh  
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Blickpunkt: Die Stiftskirche in Frose gilt als interessanter Ort an der Straße der Romanik. Besucher schätzen die Originalität des Bauwerks. Für seinen Erhalt ist viel zu tun.

An das Mittelalter und die damit verbundene Bedeutung des Ortes Frose erinnert nur noch die Stiftskirche St. Cyriakus. Wer auf der B 6n zwischen Aschersleben und Hoym unterwegs ist, den grüßt sie aus der Ferne. Nachts leuchten die Türme dank moderner LED-Beleuchtung weithin. Dass von dort auf Wunsch der Anhalter Fürsten in Ballenstedt eine Strecke der Magdeburg-Halberstädter-Eisenbahn-Gesellschaft zur Station Ballenstedt-Schloss gebaut und am 7. Januar 1868 eröffnet wurde – ist längst nur noch Eisenbahn-Historie. Auch wenn der Ortsteil der Stadt Seeland keine Hotelbetten besitzt, ist er ein beliebtes Reiseziel.

Kirchenbau: Von 1991 bis 2004 gab es umfangreiche Sanierungsarbeiten an St. Cyriakus. Zurzeit müssen Schäden an der Westfassade beseitigt werden. Foto: Uwe Kraus

Kirchenbau: Von 1991 bis 2004 gab es umfangreiche Sanierungsarbeiten an St. Cyriakus. Zurzeit müssen Schäden an der Westfassade beseitigt werden. Foto: Uwe Kraus

Die Stiftskirche ist eine von sechs Stationen in fünf Orten auf der Südroute der Straße der Romanik im Salzlandkreis. Sie lebt durch ihr Erscheinungsbild, das die Experten als »sehr romanisch«, »nicht überbaut« und »einfach originär« klassifizieren. Ludwig der Deutsche gründete Mitte des 9. Jahrhunderts in Frose ein Stift, das er dem heiligen Cyriakus weihte und mit Kanonikern besetzte. 950 übertrug Otto I. dem Markgrafen Gero die Nutzungsrechte für das Kloster, welches zu einer der ältesten geistlichen Stiftungen zu rechnen ist.

Im Kanonissenstift lebten in der Regel etwa zwölf Töchter aus adligen und später auch aus reichen bürgerlichen Familien in einer klosterähnlichen Gemeinschaft. Elisabeth von Weida ermöglichte es 1515 Thomas Müntzer, nachdem 1511 die letzten zwei Stiftsdamen diesen Ort verlassen hatten, hier ein Knabenkonvikt einzurichten.

Dieses wurde durch die Braunschweiger Hanse finanziert und mit Söhnen aus diesen Familien bis 1517 besetzt. Müntzer selbst wurde als Propst eingesetzt und war somit Geistlicher des Cyriakusaltars.

Als 2017 zum zehnten Mal das Cyriakusfest in der Stiftskirche Frose gefeiert wurde, das helfen soll, die Kirche der Allgemeinheit wieder mehr zu öffnen und näher zu bringen, stand Müntzer im Fokus. Die Gemeinde rückte das Verhältnis des Präfekten im Kanonissenstift Frose zu Luther in den Blickpunkt der Aufmerksamkeit. »Selbst zum Kirchentag in Bernburg bin ich im Müntzer-Kostüm aufgetreten und habe sowohl mit dem Minister- als auch dem Kirchenpräsidenten über dessen Rolle gesprochen, auch wenn er nur zwei Jahre hier agierte«, erinnert sich der Gemeindekirchenratsvorsitzende Rüdiger Kempe, der als Prädikant auch selbst am Pult steht. »Vielleicht entwickelt sich bei uns ja neben Allstedt ein weiterer Müntzer-Ort.« Der rührige Kempe, dessen Bruder Ortsbürgermeister ist, weiß aber auch, dass die Kirchen-Historie von Frose teilweise recht locker gehandhabt wurde. »Viele Geschichten klingen gut und viele Pfarrer haben sich ihr Denkmal gesetzt. Aber ich sage immer ehrlich, es gibt dieses oder jenes Fragezeichen.« Alles, was nach Müntzer kam, sei eher unspektakulär gewesen.

Logo-Romanik-18-2018»Die Spiritualität und das Geistliche sind natürlich weiterhin wesentlicher Bestandteil unserer Stiftskirche, angefangen von Gottesdiensten, der Christenlehre oder Gebetszeiten. Hier finden ›alle und Christen‹ einen Ort der Stille, des Gebets und der Fürbitte«, berichtet Kempe. Die schlichte Ausstattung der Stiftskirche mit Altar, Kanzel, Taufstein, Lesepult und Gestühl aus dem 19. Jahrhundert lädt zum Verweilen in der Begegnung mit dem lebendigen Gott aller Zeiten ein.

Heute wird die Kirche nicht nur als Ort der Spiritualität gesehen, gern kommen auch Besucher, um sich von der Originalität des Bauwerks zu überzeugen. Um die 3 500 Gäste sind es jährlich. Dienstags, donnerstags und samstags bietet die Gemeinde begleitete Führungen an. Die Stiftskirche ist ein Ort für Konzerte, das Hauptschiff mit seinen beiden Nebenschiffen bildet ein einzigartiges Klangbild, was seinesgleichen sucht. Die »Don-Kosaken« gastieren her ebenso wie das Vokalensemble »con gusto« aus Halle oder die Chöre aus der Region und die Froser Gospel-Gruppe.

Der kräftige Unternehmer Rüdiger Kempe ist seit 1994 »an Bord« und hat mit seinem Steinmetzbetrieb 15 Jahre an der Kirche mitsaniert. Er weist auf die Hochkanzel, die der in Gernrode ähnelt und an der er bei den Arbeiten Jesus gut in die Sonne gesetzt hat. Die freigelegte Nonnenloge zeuge von einzigartiger Baukunst der Romanik. »Da haben die Experten Putz aus dem 11. Jahrhundert entdeckt.« Unterdessen werde mit einem Beamer diese Wand angestrahlt. »Das zeigt digital: So könnte es mal nach der Sanierung aussehen.«

Für die Stiftskirche gibt es einen Master-Plan. So habe die Sanierung der stärker geschädigten Westfassade derzeit Priorität. 300 000 Euro seien dafür nötig. Für den Gemeindekirchenrat ist es wichtig, dass alle Förderungen genutzt werden. »Die Gemeinde mit rund 200 Gliedern hat schon eine starke Position. Mit Gottes Hilfe packen wir an, bevor es zu spät ist«, ist Rüdiger Kempe überzeugt. Und wir haben uns einen Sponsorenpool geschaffen, der ein Segen für Förderverein und Gemeinde ist. Es soll nicht abgehoben klingen, aber wir wollen ein Leuchtfeuer für die Region sein«.

Uwe Kraus

www.stiftskirchefrose.com

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Musikalische Rubinhochzeit

30. April 2018 von redaktionguh  
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Anhalter Kreuz: Ehepaar Gander bereichert seit vier Jahrzehnten in Dessau die Kirchenmusik

Es war ein Konzert der Lehrergewerkschaft »Unterricht und Erziehung« vor 41 Jahren in Leipzig, das ihr Leben für immer verändern sollte. Er, 20 Jahre, spielte Bratsche, sie, 16 Jahre, Flöte. Sie begegneten sich, spürten Sympathie füreinander, daraus wurde echte menschliche Zuneigung und Liebe. Drei Jahre später heirateten sie. Noch heute sprechen Annegret und Wolf-Jürgen Gander mit einem Strahlen im Gesicht über das Konzert vor vier Jahrzehnten. Da haben sich zwei gefunden, die nicht alle Geheimnisse einer guten und langlebigen Beziehung preisgeben wollen, aber bestätigen, dass es da mit der Musik diesen roten Faden gibt, der auch zusammenhält, was zusammengehört.

Begegnung mit Folgen: Annegret und Wolf-Jürgen Gander lernten sich vor 41 Jahren bei einem Konzert kennen. Foto: Lutz Sebastian

Begegnung mit Folgen: Annegret und Wolf-Jürgen Gander lernten sich vor 41 Jahren bei einem Konzert kennen. Foto: Lutz Sebastian

Für ihr ehrenamtliches musikalisches Engagement in der Dessauer Innenstadtgemeinde St. Johannis und St. Marien und darüber hinaus ist das Ehepaar im vergangenen Herbst mit dem Anhalter Kreuz, dem Dankzeichen der Evangelischen Landeskirche Anhalts, ausgezeichnet worden. »War das jetzt schon die Auszeichnung fürs Lebenswerk?«, fragt Wolf-Jürgen Gander mit einem Zwinkern im Auge. Immerhin ist er vor kurzem 60 Jahre alt geworden, seine Frau Annegret ist 56. Auf ihren Lorbeeren wollen sich die beiden deshalb noch lange nicht ausruhen. Schließlich haben sie noch genug Energie, um mit ihrem musikalischen Engagement das Publikum glücklich zu machen. Im Chor ihrer Gemeinde, im übergemeindlichen Dessauer Vokalkreis, wo A-Cappella im Vordergrund steht, und in der Dessauer Kantorei singt das Ehepaar regelmäßig. Mit einem anderen Ehepaar, Claudia und Guido Ruhland, stehen Annegret und Wolf-Jürgen Gander als Ensemble »Broken Consort Dessau« regelmäßig auf der Bühne. Instrumentalmusik, hauptsächlich aus der Renaissance- und Barockzeit, spielt das Quartett seit rund 25 Jahren. Diverse CD-Aufnahmen sowie zahlreiche Auftritte in Kirchen in der Region rund um Dessau stehen ebenfalls in der Biographie von »Broken Consort Dessau«.

In den traditionellen Christmetten, die zu vorgerückter Stunde am Heiligabend in der Dessauer Johanniskirche die Besucher in besonders heimeliger Atmosphäre auf das Weihnachtsfest einstimmen, ist das Quartett auch kaum noch wegzudenken. Annegret Gander spielt zusätzlich regelmäßig in der Johanniskirche und anderen Kirchen in der Region Dessau ehrenamtlich Orgel.

Musik hat für das Ehepaar schon vor der gemeinsamen Beziehung eine wichtige Rolle gespielt. Wolf-Jürgen Gander wurde in Dessau geboren, zog aber mit seiner Familie im Kindesalter Richtung Süden. In der Bachstadt Leipzig und der Händelstadt Halle wächst er auf. In jungen Jahren lernt er verschiedene Instrumente, unter anderem Blockflöte, Orgel und Bratsche. Für die Bratsche erwirbt der gebürtige Dessauer ein Diplom an der Leipziger Musikhochschule. Nach dem Abschluss zieht er mit seiner Frau nach Stralsund und sammelt am dortigen Theater erste Orchestererfahrung. Doch 1982 ruft die Heimat. Wolf-Jürgen Gander wird Bratschist der Anhaltischen Philharmonie. Bis heute ist er dem Orchester des Anhaltischen Theaters in Dessau treu. Seit 30 Jahren bringt der Berufsmusiker zusätzlich dem musikalischen Nachwuchs an der Dessauer Musikschule »Kurt Weill« die Kunst des Blockflötenspiels näher. Seine Frau Annegret beherrscht ebenfalls mehrere Instrumente, zum Beispiel Orgel und Flöte.

Doch für sie ist Musik ein Hobby. Als Kinderkrankenschwester arbeitet sie seit Jahrzehnten am städtischen Klinikum Dessau. Nach Feierabend gibt aber die Musik den Ton an. »Das ist ein guter Ausgleich zum Beruf«, sagt sie. Ihr Mann stimmt zu. Dabei ist die Musik doch sein Beruf. »Ehrenamtlich ist das noch einmal was anderes. Da kann man tatsächlich, auch wenn es sich um Musik handelt, abschalten«, erzählt Wolf-Jürgen Gander.

Er hört seiner Frau so oft wie möglich beim Orgelspiel zu. Dabei ist er dann ein wohlwollender Kritiker. »Gutes kann man immer noch ein bisschen besser machen«, ist seine Devise. Annegret Gander nickt. Auf Augenhöhe und voller Respekt erzählen sie vom jeweiligen musikalischen Schaffen des anderen. Von Überlegenheit des Berufsmusikers gegenüber der Hobbymusikerin fehlt jede Spur. »Sie spielt viel besser Orgel als ich«, sagt Wolf-Jürgen Gander ganz ohne Umschweife. Deshalb gönnt er ihr die Aufmerksamkeit, die sie vom Publikum für ihr Spiel bekommt. Auch nach Jahrzehnten ergänzen sie sich perfekt. Es herrscht Harmonie im Hause Gander, nicht nur im musikalischen Schaffen. Das beflügelt, die verschiedenen musikalischen Projekte noch so lange wie möglich zu bestreiten.

Danny Gitter

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Das Traditionsheim in Köthen wird 70

22. April 2018 von redaktionguh  
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Jugendhilfe: Die »Arche« gibt Mädchen und Jungen ein neues Zuhause

Im Foyer der Jugendstilvilla hängt ein aus Holz gesägter Schlüssel. Vor fast 25 Jahren gelangte er in das stattliche Haus an der Köthener Bärteichpromenade, das seit Jahrzehnten als Kinder- und Jugendheim dient. Der damalige Köthener Pfarrer Albrecht Lepetit, ein gelernter Tischler, fertigte ihn an und übergab ihn 1994, als das Heim von der Trägerschaft des Landkreises in die der Jakobsgemeinde wechselte. Seit 1998 trägt es den Namen »Arche«. Anfang Mai feiert das Heim sein 70-jähriges Bestehen mit einem Festakt und einem Ehemaligentreffen auf dem Heimgelände sowie einem Gottesdienst in der Jakobskirche. Unabhängig von diesem festlichen Höhepunkt schaut Pfarrer Wolfram Hädicke als Mitglied des Heimkuratoriums mehrmals in der Woche im Haus vorbei.

Die »Arche«, eine über 100 Jahre alte, sanierte Villa, umgibt ein großes Freigelände. Foto: Heiko Rebsch

Die »Arche«, eine über 100 Jahre alte, sanierte Villa, umgibt ein großes Freigelände. Foto: Heiko Rebsch

»Wir sind das Traditionsheim in Köthen«, sagt Martin Dreffke. Der promovierte Pädagoge leitet das Haus seit 1992. Als es am 30. April 1948 in der ehemaligen Bürgermeistervilla eröffnet wurde, zogen als erstes 25 Kriegswaisen hier ein. Ab Mitte der 1950er Jahre wurden dann Kinder aufgenommen, für die der Staat Erziehungshilfe leisten musste.

Kollektiverziehung und strenge Regeln prägten ihr Leben, so Dreffke, aber nie habe ihm einer der Ehemaligen etwas von Schikanen berichtet. In den DDR-Jahrzehnten lebten im Heim bis zu 50 Kinder, heute wohnen hier 20 in zwei alters- und geschlechtsgemischten Gruppen, für die jeweils vier Erzieher zuständig sind. Die Tatsache, dass der Bedarf höher ist als die vorhandenen Heimplätze, findet der Pädagoge bedenklich. Aufgenommen werden Kinder von drei bis 18 Jahren, zurzeit ist das jüngste Kind acht, das älteste 17.

In den vergangenen Jahrzehnten ist das Haus nicht nur baulich, sondern auch inhaltlich den neuen Erfordernissen angepasst worden. Neben der Umstellung auf Wohngruppen gehört seit 1996 das betreute Jugendwohnen in der Stadt dazu, um junge Menschen gut vorbereitet ins selbstständige Leben als Erwachsene entlassen zu können, wenn eine Rückkehr ins Elternhaus nicht möglich ist. Zudem ist die »Arche« heilpädagogisch-integrativ ausgerichtet. Inzwischen bietet das Heim auch »Flexible Elternhilfe« für alleinstehende junge Mütter an, die mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind. »So wird vermieden, dass Kinder von ihrer Mutter getrennt werden müssen«, sagt Martin Dreffke. Und in der Not gibt es im Heim eine Schutzstelle für den Fall, dass ein Kind sehr schnell aus seiner Familie in die Obhut des Jugendamtes übernommen werden muss. Seit 2015 sind Wohngruppen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge mit heute insgesamt 14 Plätzen hinzugekommen. Aktuell plane man, die Zahl der Mitarbeiter aufzustocken. Insgesamt ist die »Arche« Arbeitgeber für 23 Frauen und Männer auf den Gebieten Erziehung, Hauswirtschaft und Verwaltung.

»Bei uns gibt es keinen Stillstand«, sagt Martin Dreffke. »Es wird immer wieder neu geschaut, was aktuell gebraucht wird, und ein klassisches Kinderheim wird immer gebraucht.«

Angela Stoye

5. Mai, Arche, 15 Uhr: Treffen ehemaliger Bewohner und Mitarbeiter

6. Mai, St. Jakob

11 Uhr: Fest- und Familiengottesdienst

www.arche-kh.de

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Geöffnet an 365 Tagen im Jahr

16. April 2018 von redaktionguh  
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Jubiläum: Die Evangelische Stadtmission in Dessau ist seit 100 Jahren ein Anlaufpunkt für Bedürftige

Was in der Stadt fehlen würde, wenn es sie nicht gäbe? »Unsere Besucher hätten keinen festen Anlaufpunkt, wo sie ein günstiges Mittagessen bekämen und vor allem auch der Einsamkeit ausweichen könnten«, sagt Marlies Hartmann, die seit 1999 Vorsitzende der Evangelischen Stadtmission Dessau ist. 100 Jahre gibt es die Einrichtung schon. Am 6. April wurde das mit einem Gottesdienst und einer Festveranstaltung mit Mitgliedern und Besuchern der Evangelischen Stadtmission sowie mit zahlreichen Gästen, unter anderem aus der Landeskirche Anhalts, der Politik sowie der Stadtverwaltung gefeiert. Eine Suppenküche betreibt die Stadtmission seit 1995. Zusätzlich ist die Einrichtung im Jakobushaus in der Steneschen Straße in Dessau eine Begegnungsstätte. Mit anderen Besuchern und dem Personal der Stadtmission können sich die Gäste austauschen. Bei Bedarf wird auch Unterstützung beim Ausfüllen von Formularen und bei anderen Behördenangelegenheiten gegeben.

Miteinander: Nach dem Jubiläumsgottesdienst feierten die Besucher bei Kaffee und Kuchen weiter. Foto: Lutz Sebastian

Miteinander: Nach dem Jubiläumsgottesdienst feierten die Besucher bei Kaffee und Kuchen weiter. Foto: Lutz Sebastian

Geöffnet ist an 365 Tagen im Jahr. Täglich gibt es ein Mittagessen aus der Küche der Anhaltischen Diakonissenanstalt für 90 Cent pro Mahlzeit. Bis zu 30 Besucher nehmen die Angebote der Stadtmission regelmäßig in Anspruch. Das Profil der Einrichtung hat sich in den 100 Jahren ihres Bestehens mehrfach gewandelt. Angefangen hat es am 1. April 1918 mit der Betreuung junger Mädchen vom Lande, die vor allem zum Arbeiten in den Dessauer Munitionsfabriken in die damals aufstrebende Industriestadt kamen. »Da sie mit ihren 14, 15 Jahren meist unbedarft waren, lauerten in der großen Stadt viele Gefahren«, resümiert Marlies Hartmann. Das wollte Charlotte Weiland damals ändern. Mit großer Hartnäckigkeit warb sie beim Herzog und den Kirchenoberen um ihr Projekt, die Mädchen betreuen zu können. Mit Erfolg. Schwester Weiland wurde so zur ersten Dessauer Stadtmissionarin. Das Luiseninstitut, unweit der Johnanniskirche im Dessauer Zentrum gelegen, blieb bis 1945 der erste Sitz der Dessauer Evangelischen Stadtmission.

Häufige Umzüge und wechselnde Aufgabengebiete

Als das Institut in der Bombennacht des 7. März 1945 vollständig zerstört wurde, brauchte es für die Bedürftigen eine neue Begegnungsstätte. Am Bahnhof wurde dafür eine Baracke gekauft. Oft zog die Stadtmission nach 1945 um. Aufgaben kamen, blieben und gingen. Eine Weile gehörte die Bahnhofsmission zum Aufgabengebiet.

Schwere Zeiten: Nach 1945 diente der Stadtmission im zerstörten Dessau eine Baracke als Domizil. Foto: Stadtarchiv Dessau-Roßlau

Schwere Zeiten: Nach 1945 diente der Stadtmission im zerstörten Dessau eine Baracke als Domizil. Foto: Stadtarchiv Dessau-Roßlau

Die Sinnesgeschädigten-Seelsorge wurde 1971 mit einem Neubau in der Georgenstraße etabliert, in Dessau-Kleinkühnau ein Haus für Mehrfachbehinderte eingerichtet und eine Missions-Buchhandlung betrieben.

Nach der Wende wurden viele Aufgabenbereiche an andere kirchliche Einrichtungen übertragen. 1995 erhielt die Evangelische Stadtmission mit der Suppenküche und dem Anlaufpunkt für sozial Schwache ihr aktuelles Profil. Seit 1999 ist das Jakobushaus in der Steneschen Straße die feste Adresse der Stadtmission. Drei Ein-Euro-Jobber und bis zu drei Minijobber unterstützen die Vorsitzende bei der Arbeit. 22 Mitglieder zählt die Stadtmission, die als Verein geführt wird. Ein harter Kern von sechs Leuten hilft ebenso nach Kräften, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Die Stadt Dessau-Roßlau steuert dafür pro Jahr 6 000 Euro bei. Der Rest wird aus Patenschaften und Spenden finanziert.

Wenn die 61-jährige Vorsitzende zum Jubiläum drei Wünsche frei hätte, dann wäre das zum einen den Bekanntheitsgrad der Einrichtung in der Stadt weiter zu erhöhen, sich um die Finanzierung weniger Sorgen machen zu müssen und in drei Jahren den Vorsitz an jemand Jüngeren abgeben zu können.

Danny Gitter

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Posaunen und Trompeten verkündigen

10. April 2018 von redaktionguh  
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Musik: Das nächste Landesposaunenfest Anhalts wird vom 1. bis 3. Juni in Gernrode gefeiert. Über den Stand der Vorbereitungen und die Blasmusik sprach Angela Stoye mit Steffen Bischoff, der seit 2004 Landesposaunenwart ist.

Herr Bischoff, Sie stecken mitten in den Vorbereitungen. Wie viele Bläserinnen und Bläser werden in Gernrode erwartet?
Bischoff:
Es werden etwa 100 Bläser aus Anhalt plus Gäste aus unserer Partnerkirche der Pfalz anreisen.

Auf welche Musikstücke und -stile dürfen sich die Besucher des Festes freuen?
Bischoff:
Auf eine große Vielfalt an Stilrichtungen. In der Festwoche vom 28. Mai bis 1. Juni spielen verschiedene Posaunenchöre aus Anhalt in den Orten um Gernrode Abendserenaden. Am 2. Juni, einem Sonnabend, gibt es um 14 Uhr im Schlosspark zu Ballenstedt eine Serenade mit einem sommerlichen Programm. Da spielen wir auch Lieder zum Mitsingen. Ebenfalls am Sonnabend geben der Landesjugendposaunenchor »Youth in Brass« und der Bläserkreis der Landeskirche Anhalts um 17 Uhr in der Stiftskirche St. Cyriakus zu Gernrode ein Konzert mit mehrchöriger Musik aus verschiedenen Epochen. Am Sonntag sind alle Bläserinnen und Bläser um 10.30 Uhr im Festgottesdienst in Gernrode zu einem großen Chor vereint.

Sie selber spielen seit Ihrem zehnten Lebensjahr Trompete. Wieso ist es gerade dieses Instrument geworden?
Bischoff:
Ganz einfach: Dahin bin ich durch Zuhören gekommen. Ich bin in Gnadau aufgewachsen. Zum Gemeindeleben gehörte ein Posaunenchor, da spielte ich dann eines Tages mit. Später habe ich nach meiner Lehre und der Arbeit als Autoschlosser Musik mit den Abschlüssen Diplom-Musikpädagoge und musikalische Früherziehung studiert. Letzteres hilft mir heute sehr bei meiner Arbeit mit den Jugendlichen.

Sie meinen sicher das 2009 in Bernburg gestartete Projekt »Klassenmusizieren« in der Schule. Wie hat sich das entwickelt?
Bischoff:
Sehr gut. Am Bernburger Martinszentrum haben wir seitdem stets konstante Teilnehmerzahlen und seit 2014 einen eigenen Posaunenchor, der aus teilnehmenden Kindern hervorgegangen ist.
In Zerbst gibt es das »Klassenmusizieren« seit 2010 an der Bartholomäi-Gemeinde, in Dessau seit dem vorigen Jahr – jeweils in der dritten und vierten Klasse. Im Moment befinden sich etwa 70 Kinder in sechs Gruppen an drei Schulen und in fünf Folgegruppen an den örtlichen Posaunenchören.

Das klingt gut …
Bischoff:
Ja, finde ich auch. Es ist ein Erfolgskonzept, das auf jeden Fall weitergeführt und ausgebaut werden sollte. Die Kinder werden in den dritten Klassen der evangelischen Grundschulen in den oben genannten anhaltischen Städten jeweils abgeholt und bis zur siebenten Klasse in die Posaunenchöre geführt. Haben die Mädchen und Jungen einmal Freude am Musizieren im Posaunenchor gefunden, bleiben sie auch. Nur sehr wenige von ihnen verlassen uns wieder.

Konzert: Wo Bläserinnen und Bläser musizieren – ob im kleinen Chor oder einem ganz großen wie beim Kirchentag auf dem Weg 2017 in Dessau-Roßlau – hören die Menschen gerne zu. Foto: Johannes Killyen

Konzert: Wo Bläserinnen und Bläser musizieren – ob im kleinen Chor oder einem ganz großen wie beim Kirchentag auf dem Weg 2017 in Dessau-Roßlau – hören die Menschen gerne zu. Foto: Johannes Killyen

Somit begleiten wir die Kinder und Jugendlichen direkt in das aktive Gemeindeleben, lassen sie durch die Musik, durch Andachten in den Chören und Mitwirkung in Gottesdiensten aktiv an der Verkündigung des Evangeliums mitwirken. Diese Prägung wird die Jugendlichen ihr ganzes Leben begleiten.

Wie viele Bläserchöre gibt es in der anhaltischen Landeskirche?
Bischoff:
Zurzeit sind es 14 Chöre mit insgesamt 280 Mitgliedern.

Wie sehen Sie die fernere Zukunft der Bläserchöre in der Landeskirche?
Bischoff:
Die Zahl der Bläserinnen und Bläser in den Posaunenchören Anhalts steigt stetig und das »Klassenmusizieren« in den Schulen ist, wie gesagt, ein Erfolgskonzept. Offenbar schätzen die Bläserinnen und Bläser die Generationen übergreifende Gemeinschaft in den Chören und setzen sich gerne dafür ein.
Mit Blick auf das geplante »Anhaltische Verbundsystem« schätze ich, dass es Spielraum eröffnet, um das Personal besser an die örtlichen Gegebenheiten anzupassen.

Zurück in die nahe Zukunft. Was erhoffen Sie sich vom Gernröder Landesposaunenfest?
Bischoff:
Ein solches Fest ist immer ein Höhepunkt im Leben der gastgebenden Kirchengemeinde sowie für die Bläserinnen und Bläser. Und wenn, wie bei zurückliegenden Anlässen, ein großes Publikum kommt, sich von der Musik berühren lässt und mit ihr mitgeht, ist das einfach nur schön.

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»Ja, ich glaube das!«

1. April 2018 von redaktionguh  
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Auferstehung: Die Idee, die unseren Verstand überfordert


Ja – ich glaube das!« Mit erhobener Stimme reagiere ich auf die spöttisch-kritische Frage eines weitläufigen Bekannten. Vorangegangen war ein zunächst harmloses Gespräch, buchstäblich über Gott und die Welt. Dann wurde es ernsthafter. Er erzählte vom Tod seines Vaters im Herbst vergangenen Jahres. Wie froh er sei, dass nun die Qual ein Ende habe, und mit 87 Jahren sei es auch ein langes Leben gewesen.

Joachim Liebig. Foto: epd-bild

Joachim Liebig. Foto: epd-bild

Zur Beerdigung war er mit seiner Frau allein anwesend; die weite Anreise sei für die Kinder ja nicht zumutbar. Und außerdem sei ja nun sowieso alles vorbei.

An der Stelle hatte ich mit der Bemerkung eingehakt, das könne man auch anders sehen. Daraufhin nahm das bisher durchaus ernsthafte Gespräch eine unerfreuliche Wendung: »Ach ja, Du glaubst ja an ein Leben nach dem Tod.« In diesem Moment stand die Überheblichkeit des Besserwissers zwischen uns. »Du kannst nicht ernsthaft annehmen«, setzte er nach, »es gäbe eine Existenz jenseits unserer Wahrnehmung!« »Ich bin sicher, so ist es«, erwiderte ich. Und dann fiel der Satz: »Ich glaube das.« Das Gespräch endete damit.

Hier trafen zwei völlig unterschiedliche Sichtweisen offensichtlich unvermittelbar aufeinander. Für mich bleibt in solchen Gesprächen stets offen, mit welchem standhaften Glauben behauptet wird, es könne nur Dinge geben, die unser begrenzter Verstand erfassen kann. Ganz ohne Zweifel ist die österliche Botschaft vom Ende des Todes und die Verheißung einer lebendigen Ewigkeit nach dem Tod eine so große Idee, dass unser Verstand damit bei weitem überfordert ist. Dennoch bleibt es unerklärlich, warum sich Menschen dem Universum des Glaubens verschließen, nur weil es der Vernunft nicht zugänglich ist. Der Glaube ist Teil der Vernunft und überschreitet sie.

Das leere Grab am Ostermorgen ist die größte Zusage, die wir als Menschen erhalten können. Die lapidare Feststellung, mit dem Tod sei alles vorbei, ist weder begründet noch hilfreich – erst recht nicht tröstend.

Auf Gottes Zusage fest zu vertrauen, erfordert die Bereitschaft, bisher Vertrautes hinter sich zu lassen und Gott selbst beim Wort zu nehmen. Zunächst sind es drei Frauen, die den Satz hören: »Er ist nicht hier, er ist auferstanden.« (Lukasevangelium, Kapitel 24, Vers 6) Dieser Satz gilt uns. Wir werden auferstehen. Der Tod wird ein Ende haben. Fröhliche Ostern!

Joachim Liebig, Kirchenpräsident

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