Nach »Mach dich ran« geht es nun los

18. September 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Comments Off

Eichholz: Kirchensanierung startet nach dem Erntedank-Gottesdienst

Groß war die Freude in Eichholz über den Gewinn von 125  000 Euro Fördermitteln der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland in der MDR-Sendung »Mach dich ran« vor zwei Jahren; groß aber auch die Sorge, weitere 125 000 Euro an Eigenmitteln zusammenzubringen, um den Gewinn abzurufen. In diesem Herbst kann Pfarrer Albrecht Lindemann nun melden: »Es sieht gut aus, wir werden die Summe wohl zusammenbringen.«

Bereits nach dem Erntedankgottesdienst (1. Oktober, 14 Uhr) wird die Sanierung der baufälligen Feldsteinkirche aus dem frühen 13. Jahrhundert beginnen. Zunächst wird eine Apsis neu gemauert, dann die aus dem 19. Jahrhundert stammende Erweiterung abgetragen und die Kirche auf ihr ursprüngliches, mittelalterliches Maß zurückgebaut. Anschließend werden das Dachtragwerk und die Decke des Kirchenschiffes abgerissen, Risse in der Fassade saniert, der Innenraum gestaltet sowie die Elektroinstallation, der Eingang und die Fenster erneuert. Die Sanierung der Kirche am Lutherweg wird durch das Zerbster Ingenieurbüro Götz geleitet. Die künstlerische Gestaltung hat Professor Johannes Schreiter übernommen.

Ein Luther aus Ton: Ulrich Schwarz und Harald Birck (r.) mit der Skulptur für Eichholz. Foto: Albrecht Lindemann

Ein Luther aus Ton: Ulrich Schwarz und Harald Birck (r.) mit der Skulptur für Eichholz. Foto: Albrecht Lindemann

Viel private Unterstützung gibt es für die Eichholzer Kirchengemeinde. Die von der Schönebecker Manufaktur von Heinrich Tognino gefertigten Stifte aus Eichholzer Kirchenholz fanden viele Abnehmer, jeder siebte Euro fließt in die Kirchensanierung, bislang kamen so 2 000 Euro Spenden zusammen. Kürzlich hat die Kirchengemeinde zudem eine Lutherskulptur des Berliner Künstlers Harald Birck geschenkt bekommen. Der Maler und Bildhauer fertigte 2010 für das Wittenberger Luther-Hotel eine 2,20 Meter große Figur des Reformators. Neben dieser Bronzestatue entstand eine Reihe von Bildern und Skulpturen, viel beachtet und beschrieben in einem Sammelband von Autoren wie Heinrich Bedford-Strohm, Margot Käßmann und Frank-Walter Steinmeier. Als spielerisch bezeichnet Birck seine Arbeitsweise bei der Suche nach dem eigenen Lutherbild, »mein Luther sollte ein Mensch werden: leidend, kraftvoll, stolz, sinnlich, verletzlich, handelnd, hadernd … eben lebendig«.

Der Dortmunder Unternehmer Ulrich Schwarz, der die Sanierung der Eichholzer Kirche anlässlich seines 65. Geburtstages bereits mit einer Spende von 10 000 Euro gefördert hatte, sah nun in Dortmund die Wanderausstellung »Bilder von Luther« von Birck, nahm kurzentschlossen Kontakt auf und erwarb die aus Ton gefertigte Plastik für Eichholz. »Meine Frau und ich fühlen uns Eichholz durch unsere Familie sehr verbunden«, begründet Ulrich Schwarz sein Engagement. »Wir genießen die Schönheit der Landschaft und die Gemeinschaft der Menschen. Gern tragen wir etwas bei«, so Schwarz.

»Als Kirchengemeinde sind wir für dieses Geschenk und die Unterstützung, die wir von vielen Seiten erfahren, sehr dankbar. Ob Martin Luther selbst hier war, wissen wir nicht«, sagt Maren Gabriel, Vorsitzende des Gemeindekirchenrates. »Reisende auf dem Lutherweg treffen zukünftig in unserer Kirche aber auf einen einmaligen Luther.«

(G+H)

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Der singende Küster

10. September 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Comments Off

Porträt: Thomas Nürnberg hält die Petruskapelle offen und regelmäßig Andachten

Der dänische Dichter Hans Christian Andersen war ebenso in Alexisbad wie Carl Maria von Weber oder Bach«, weiß Thomas Nürnberg, der fast täglich vom Heimatort Harzgerode in dessen Ortsteil fährt.

Den 48-Jährigen verbindet viel mit der Kapelle, die erst seit 2008 nach Petrus benannt ist. »Dessen Bild hängt heute über dem Altar«, erzählt Nürnberg. Das hatte Luise, die Tochter der Herzogin von Anhalt-Bernburg, Friederike von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg, in Ballenstedt als Hochzeitsgeschenk erhalten. Sie war es auch, die im 1815 errichteten Teepavillon Gottesdienste ermöglichte. »Erst 1933 kaufte die Ortskirche Harzgerode den Pavillon«, sagt Thomas Nürnberg. Er kennt auch die traurige Geschichte der Kapelle in den vergangenen Jahrzehnten. Der Kurort, in dem Karl Friedrich Schinkel seine architektonischen Spuren hinterließ, begrüßte zur DDR-Zeiten besonders viele Urlauber von Staatssicherheit, Polizei und SED. »Keine typischen Gottesdienstbesucher«, meint Nürnberg lakonisch. So verfiel die kleine Kapelle, der Schwamm hatte Einzug gehalten, das Petrusbild befand sich in einem erbärmlichen Zustand. Nach der Wende wurde alles aus Fördermitteln und Spenden saniert.

Offene Kirche: Thomas Nürnberg hält freitags in der Petruskapelle in Alexisbad musikalische Andachten. Foto: Uwe Kraus

Offene Kirche: Thomas Nürnberg hält freitags in der Petruskapelle in Alexisbad musikalische Andachten. Foto: Uwe Kraus

Da erfüllte Thomas Nürnberg bereits seine Aufgabe als ehrenamtlicher Küster. »Weil ich mit den Harzgeröder Pfarrerskindern befreundet war, hatte ich schon vorher in St. Marien mitgeholfen.« Er erinnert sich an den ruinösen Zustand dort, der mit Unterstützung der Partnergemeinde Hohenhausen aus Detmold-Lippe beseitigt wurde.

Und er erinnert sich daran, dass er mit acht Jahren begann, bei den Gottesdiensten die Liturgien zu singen. Der kleine Junge war Autodidakt, seine Tante holte ihn in die Volkstanzgruppe. »Später erhielt ich an der Musikschule Quedlinburg Gesangsunterricht und machte meinen Abschluss dort.« Er gewann einen Wettbewerb, hatte Glück und erhielt seine Vorimmatrikulation an der Musikhochschule Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig. Doch davor hatte der Staat den Armeedienst gesetzt. Der fiel in die Wendezeit, die für ihn alles veränderte. Statt zum Studium ging er zurück in den Harz, arbeitete auf dem Friedhof, organisierte in Ballenstedt Konzerte und nimmt bis heute Gesangsunterricht.

In der als Teehäuschen für Herzog Alexius und Herzogin Marie Friederike von Anhalt-Bernburg errichteten Petruskapelle singt er nun jeden Donnerstag und hält freitags eine musikalische Andacht. Schließlich ist er ehrenamtlicher Lektor in der Landeskirche Anhalts. Die Touristen in den umliegenden Hotels werden dazu mit Handzetteln und Aufstellern eingeladen. Wenn Bariton Nürnberg die kleine Kapelle mit seiner Stimme erfüllt, dann erklingt ganz besondere Musik: Sie erinnert an die Geschichte Anhalts und des exponierten Ortes.

Carl Christian Agthes Musik erklingt, Werke von Mendelssohn Bartholdy und von Albrecht Lortzing, dessen »Undine« in Anhalt uraufgeführt wurde, werden ebenso gesungen wie das »Opferlied« oder »Adelaide«, die Ludwig van Beethoven nach Gedichten des anhaltischen Dichters Friedrich von Matthisson komponierte. Anhalt habe musikhistorisch einiges vorzuweisen, so Thomas Nürnberg, der den Besuchern die tiefe Verbundenheit der Komponisten mit der Region vermitteln möchte.

Er weiß, all das geht weit über das Gemäuer der Petruskapelle und die Ortsgrenzen von Alexisbad hinaus und gehört zur Historie Anhalts. Doch der ehemalige Teepavillon bietet seit 17 Jahren auch Platz für die evangelische Osternacht ebenso wie für die drei Gottesdienste zu Weihnachten und für die Lichterfeste. Thomas Nürnberg ist immer dabei und fühlt sich darum der Petruskapelle auch nach über einem Vierteljahrhundert eng verbunden.

Uwe Kraus

Alles unter einem Dach

4. September 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Comments Off

Das Martinszentrum in Bernburg vereint seit zehn Jahren Grundschule, Hort, Kindergarten und Gemeindezentrum. Und mittendrin steht die neogotische Martinskirche.

Am Anfang standen eine sanierungsbedürftige Kirche, eine neugegründete evangelische Grundschule und eine Fördermittelzusage für diese Schule. Pfarrer Dr. Lambrecht Kuhn von der Martinsgemeinde Bernburg erinnert sich an die Anfänge des Martinszentrums: »Wir wollten damals nicht nur Schule und Kirche zusammenführen, sondern dazu auch den sich in Trägerschaft der Martinsgemeinde befindlichen Hort und die Kindertagesstätte.«

Alles unter einem Dach, von der Kindertagesstätte bis zur Seniorenarbeit. So sah 2003 die Vision aus. Von der Kanzel habe er der Gemeinde die Idee eines Kinder- und Gemeindezentrums vorgestellt, erinnert sich Kuhn, denn »wir mussten erst mal sondieren, ob unsere Gemeindeglieder so ein Projekt mittragen würden«.

Die Gemeinde wollte, und so entstanden ringförmig um die neogotische Martinskirche die flachen Gebäude aus Glas und Holz für Grundschule, Hort und Kindertagesstätte. In die Kirche hinein wurde ein Würfel aus Glas und Stahl gebaut. In diesem »Haus im Haus« findet Sport- und Werkunterricht statt, hier üben die Bläserkinder und, wenn Gottesdienst gefeiert wird, lässt sich die Glasfront öffnen und der Kirchenraum vergrößern.

Glasanbau im Kirchenraum. Fotos: Thorsten Keßler

Glasanbau im Kirchenraum. Fotos: Thorsten Keßler

Draußen, auf dem Spielplatz am Fuße des Kirchturmes, toben auf einer Wiese zwischen Bäumen die Kindergartenkinder. Auf einer großen Sandkuhle steht seit einem Jahr ein Spielboot, damit können die Jungen und Mädchen in See stechen. Der Schulhof für die Älteren befindet sich, gerahmt von Schul- und Hortgebäuden, rund um die Kirche.

Mehr als 160 Kinder sorgen für Leben in und um die Martinskirche. 82 Schülerinnen und Schüler besuchen die einzügige evangelische Grundschule und den Hort. Achtzig Kinder kommen täglich in die evangelische Kindertagesstätte. Das Einzugsgebiet der Schule reicht neben der Stadt Bernburg in den gesamten Altkreis Bernburg; von Calbe und Sachsendorf bis Könnern und Alsleben auch landeskirchenübergreifend. Von den Grundschülern sind rund zwei Drittel konfessionell gebunden. Bei den Kindergartenkindern ist das Verhältnis zwischen getauften und ungetauften Kindern etwa 50:50. Ein großer Teil der Kindergartenkinder setzt den christlichen Bildungsweg auch in der evangelischen Grundschule fort.

Schulleiterin Berit Kuhn, Hortleiterin Ina Rakoczy und die Leiterin des Kindergartens, Anja Müller, waren von Anfang an in die inhaltliche Ausrichtung eingebunden und haben das Gesamtkonzept für das Martinszentrum mitentwickelt. Die Grundschule ist eine offene Ganztagsschule und zeichnet sich dadurch aus, »dass wir im und mit dem Kirchenjahr leben«, betont Berit Kuhn. »Das Leben in christlicher Gemeinschaft bildet unsere Wochenstruktur. Das beginnt mit der Morgenandacht am Montag und endet mit dem Abschlusskreis am Freitag.« Auch im Morgenkreis des Kindergartens werden christlich-religiöse Themen behandelt, aber Schule und Kindergarten haben ihren eigenen Andachtsrhythmus.

Höhepunkte sind die Einschulungsgottesdienste und die Familiengottesdienste gemeinsam mit Schule, Kindergarten und Gemeinde. Zum Beispiel feiern Grundschule und Kindergarten jedes Jahr während der ökumenischen Friedensdekade einen Bußtagsgottesdienst, zu dem natürlich auch die Gemeinde eingeladen ist.

Die Hoffnung vieler Gemeindeglieder auf eine wachsende Gemeinde habe sich allerdings nicht erfüllt, sagt Pfarrer Lambrecht Kuhn. »Wir haben zwar Taufen und Eintritte, aber die Zahlen sind nicht signifikant höher als in anderen Gemeinden.« Zukünftige Herausforderungen liegen im baulichen Bereich: »Der Kirchturm ist noch nicht vollständig saniert und der Erhaltungsaufwand steigt«, sagt Pfarrer Kuhn, »denn das Martinszentrum ist kein Neubau mehr.«

»Die inhaltliche Konzeption des Martinszentrums ist ein laufender Prozess«, ergänzt Schulleiterin Berit Kuhn. Eine wichtige Aufgabe sei es, auch schwächere Kinder immer mitzunehmen, sodass sie nach der zwei- oder dreijährigen Schuleingangsphase in die 3. Klasse mitgehen können.

Vom 10. bis 16. September ist anlässlich des zehnjährigen Bestehens eine Festwoche im Martinszentrum geplant. Den Auftakt bildet am 10. September der Festgottesdienst mit Kirchenpräsident Joachim Liebig und ein sich anschließender Tag der offenen Tür.

Thorsten Keßler

www.martinszentrum-bernburg.de

Alle Töne der Register

28. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Der Experte: Eckhart Rittweger hat neben seinem Engagement als Kirchenmusiker in Gernrode in der Landeskirche Anhalts eine Zusatzaufgabe. Als Orgelsachverständiger bekommt er es aber eher mit den maroden unter den 180 Orgeln zu tun.

Einen besseren Arbeitsplatz kann man sich gar nicht wünschen«, sagt Eckhart Rittweger und schaut an der Schuster-Orgel in der Cyriakuskirche in Gernrode hinauf. Oben scheint sein Instrument wie von Dachziegeln gekrönt. »Manche nennen es himmlisches Jerusalem.« 640 Pfeifen hat seine Orgel, von denen aber nur 40 gespielt werden, der Rest ist Zierrat. Rittweger ist Kreiskirchenmusikwart, Kantor und quasi »nebenbei« zu seinem normalen Kirchenmusiker-Dasein Orgelsachverständiger der anhaltischen Landeskirche. Damit hat er in der »Landeskirche der kurzen Wege« rund 180 Orgeln zu betreuen, von denen 150 spielbar seien.

Arbeitsplatz: Eckhart Rittweger an der Schuster-Orgel in der Stiftskirche Gernrode. Foto: Uwe Kraus

Arbeitsplatz: Eckhart Rittweger an der Schuster-Orgel in der Stiftskirche Gernrode. Foto: Uwe Kraus

Als er einst als Sachverständiger antrat, hatte er den frommen Wunsch, einmal quer durchzukommen, also alle Instrumente mal kennenzulernen. »Im Normalbetrieb völlig unmöglich«, musste er erfahren. So sind es in erster Linie die maroden Orgeln, mit denen er es zu tun bekommt. »Die Gemeinden fragen mich, wenn sie ihre Instrumente restaurieren oder reparieren wollen, ob ich vorbeikommen kann. Dann werden Kostenvoranschläge eingeholt, ich erläutere die Fachbegriffe und empfehle Orgelbaufirmen.« In geringem Maße können zudem Fördermittel angefordert werden. Doch der Etat ist klein und die Gemeinden sind gefordert, kreativ Geld zusammenzukratzen. Wenn die Handwerker ihren Auftrag erfüllt haben, schaut Eckhart Rittweger wieder vorbei, um die Orgel abzunehmen. Als Orgelsachverständiger kriegt er mehr mit, als die meisten Gemeindeglieder, er merkt, wenn der Tastengang etwas seltsam ist, spielt alle Töne jedes Registers durch. Dem Sachverständigen ist wichtig, dass nicht nur die Orgel restauriert, sondern auch, »dass sie genutzt wird und nicht nur in der Kirche steht«.

Dass Eckhart Rittweger sein Amt liegt, hat auch etwas mit seiner Lebensgeschichte zu tun. Zu seiner durch die DDR gebrochenen Biografie gehört, dass er aus politischen Gründen von der Erweiterten Oberschule verwiesen wurde und dann Tischler lernte. Später absolvierte er eine Ausbildung zum Restaurator am Kunstgewerbemuseum Berlin-Köpenick. Auf Schloss Burgk im thüringischen Vogtland, wo er im Museum tätig war, kam er mit der dortigen Silbermann-Orgel in Berührung. Später studierte er Kirchenmusik in Halle und trat nach zwei Jahren dort 1989 seine Stelle in Gernrode an.

Zu einer Zeit, in der im Kirchenkreis Ballenstedt noch mehrere Kirchenmusiker tätig waren. Heute ist Eckhart Rittweger der einzige. Und ein sehr rühriger dazu. Im Juni und September lädt er zu »16 2/3«, einer wöchentlichen Orgelmusik dienstags um genau diese Zeit – 16.40 Uhr – ein. Zur Gernröder Gemeinde gehört der Gospelchor »Rainbowsingers«, der Posaunenchor mit 18 Mitspielern und die 60-stimmige Kantorei. So erklingt hier das Weihnachtsoratorium und im September der »Lobgesang« von Mendelssohn Bartholdy, zu dem die Kantoreien Aschersleben und Neinstedt als Unterstützung kommen. Doch der Kantor vergisst nicht, all die Ehrenamtlichen zu würdigen, die in den Gottesdiensten Orgel spielen oder in den Gemeinden Chöre leiten.

Wenn man mit dem Orgelsachverständigen redet, spürt der Musikfreund, der Mann kennt seine Orgeln in der Landeskirche und deren Erbauer; die unscheinbaren und nicht minder klangschönen, aber auch die spektakulären. Die größte Orgel, sie wurde gerade aufwendig gereinigt, steht seit 1990 in der Johanniskirche in Dessau. Sie hat 48 Register. Eines mehr als die Köthener Ladegast-Orgel von 1872. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt. Die älteste spielbare Orgel steht in Klieken: ein eher kleines Instrument mit acht Registern von 1768 aus der Zuberbier-Werkstatt.

Doch ein Superlativ bewegt ihn derzeit besonders: das größte Orgelprojekt. Von der Röver-Orgel in der Marienkirche in Bernburg war nicht mehr viel Pfeifenmaterial vorhanden, einige Windladen gibt es noch. Die Gemeinde hat eine kaputte Orgel aus Alsleben an der Saale erworben und will aus den beiden eine spielfähige machen. Sie soll begehbar sein, sodass der Besucher dann durch Plexiglas die pneumatische Orgel sieht.

Uwe Kraus

»Luther« ist weithin zu hören

21. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Comments Off

Pop-Oratorium: Ein Köthener Projektchor probt seit Monaten für den großen Auftritt in Wittenberg. In einer Woche ist es so weit.

Martina Apitz, die Kirchenmusikdirektorin der Köthener Jakobsgemeinde, liebt die Herausforderung. Und dieses Projekt ist eine. »Jedes große Oratorium«, gesteht sie, »ist eine Herausforderung.« Ein Weihnachtsoratorium mindestens genauso wie dieses Pop-Oratorium »Luther«, das sie derzeit mit einem Chor von Laien einstudiert. Immer mittwochs ist Probe in der Köthener Jakobskirche. Und dann ist das »Luther« weithin zu vernehmen.

Ende August haben die Köthener in Wittenberg an der Schlosskirche ihren großen Auftritt und dürfen zeigen, was sie können. Martina Apitz, die den Projektchor leitet, geht von ungefähr 500 Sängern aus, inklusive der etwa 25 aus Köthen. Dort dabei zu sein, sei für die Jakobsgemeinde, sagt sie, »ein besonderer Höhepunkt« im Jubiläumsjahr der Reformation.

Endsport: Bald enden die Proben mit Kirchenmusikdirektorin Martina Apitz in der Jakobskirche. Dann werden die Köthener in Wittenberg Teil eines 500-köpfigen Chores. Foto: Heiko Rebsch

Endsport: Bald enden die Proben mit Kirchenmusikdirektorin Martina Apitz in der Jakobskirche. Dann werden die Köthener in Wittenberg Teil eines 500-köpfigen Chores. Foto: Heiko Rebsch

Im Frühjahr lädt Martina Apitz zur ersten Probe ein. Zunächst trifft man sich im Gemeindesaal, mittlerweile in der Jakobskirche. »Luther, Luther, wer ist Luther, Martin Luther?« Das ist es, worauf das Oratorium künstlerisch und musikalisch Antworten gibt. Es erzählt von Luthers Wirken, bis hin zu den Auswirkungen auf die heutige Zeit. Martina Apitz freut sich, dass sich ein generationsübergreifender Projektchor zusammenfindet, der das Thema offensichtlich spannend findet. Zehn Jahre sind die Jüngsten, Anfang 60 vermutlich die Ältesten.

So kurz vor dem großen Auftritt sind noch nicht einmal alle Soli besetzt. Die Rolle des Martin Luther indes schon. Den Reformator singt der in Köthen praktizierende Arzt Andreas Schütte. Pfarrer Horst Leischner übernimmt die Rolle des Paulus, Wolfram Hädicke die des Philipp Melanchthon. »Das ist schon etwas Besonderes«, lobt Hädicke, der wie Leischner Pfarrer der Jakobsgemeinde ist, das Vorhaben. Er glaubt: »Es wird nicht viele Gemeinden in der Region geben, die das wagen.« Dank Martina Apitz ist die Jakobsgemeinde Teil dieses spannenden Projektes. Was ihn, Wolfram Hädicke, besonders freut: »Es gibt Leute«, und damit meint er allen voran sich selbst, »die haben sogar ein Solo und nicht einmal Gesang studiert.« Er lacht und stellt sich auf zur Probe.

Das will Martin Wolff, 19, gern noch tun – Gesang studieren. Bis es so weit ist, nimmt er Unterricht und singt, wo und wann immer es Gelegenheiten dazu gibt, wie derzeit im Köthener Luther-Projektchor. Dafür kommt er sogar aus Halle in die Bachstadt zu den wöchentlichen Proben.

Auch die Köthenerin Uta Schramm ist dabei, »weil wir einfach gerne singen«. Und Elke Gutschlich, die sich das Pop-Oratorium zuvor im Internet angesehen und angehört hat – und begeistert war. »Alle haben geschwärmt.« Deshalb wollte sie die Chance nicht versäumen: »Wenn so etwas schon in der Nähe ist, kann man es doch mal ausprobieren«, sagt sie und freut sich auf den Auftritt am 26. August in Wittenberg.

Sylke Hermann

www.luther-oratorium.de

Initiator des Pop-Oratoriums »Luther« ist die Stiftung Creative Kirche. Unterstützt wird sie dabei von der Evangelischen Kirche Deutschland. Für das 500. Reformationsjubiläum schrieben Michael Kunze und Dieter Falk das Pop-Oratorium. Uraufführung war am 31. Oktober 2015 in der Dortmunder Westfalenhalle – mit einem Symphonieorchester, einer Band, professionellen Musicaldarstellern und einem Chor, bestehend aus 3 000 Sängerinnen und Sängern. Nun ist das Pop-Oratorium auf Tournee. Zum Beispiel in Wittenberg, wo es am 26. August 2017, 19 Uhr, an der Schlosskirche eine große Aufführung unter freiem Himmel geben wird. Einen Tag später tritt der Köthener Projektchor damit beim Gemeindefest in der Köthener Jakobskirche auf (16 Uhr). (syh)


Der Vater der »Rechtschreibung«

14. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Anhaltgeschichte(n): Der Sprachreformer und Poet Philipp von Zesen aus Anhalt besang seine Heimat und das Vaterland in tausend Versen. Zu Lebzeiten war er eher als Dichter erfolgreich.

Bin ich schon in Amsterdam bei den schönen Amstelinnen/Denk’ ich dannoch immerzu an die lieblichen Mildinnen. Werd’ ich lüstern schon gemacht durch der Amsteltöchter Spiel:

Dannoch bist du solcher Lust/liebstes Prirau/einigs Ziel. […] Aber was verzieh’ ich noch einen Wunsch zu guhter letzte Dir zu schenken/dir/ach! dir/das mich ehmals so ergetzte/Dir/mein Askre/Tespe/Päst/dir das recht ich nennen mus/Liebstes Prirau/dem ich hier geben diesen Liebeskus?«

Das Herz des Anhalters schlägt höher, vernimmt er diese Zeilen. Dabei lag dieses Priorau, das hier besungen wird, im Jahr ihrer Veröffentlichung (1680) gar nicht in Anhalt, sondern in einer kursächsischen Enklave südlich von Dessau.

Der Dichter, auf den diese Zeilen zurückgehen, stand 1680 im 61. Lebensjahr und war einer der meistgelesenen Literaten. Philipp von Zesen wurde 1619 in Priorau als Sohn eines Pfarrers geboren. Nach dem Schulbesuch in Halle veröffentlichte er noch während des Studiums in Wittenberg erste poetologische und poetische Werke. Früh wurde seine Innovationskraft deutlich, indem er dem Daktylus, einer antiken Grundform der Versbildung, zum »Revival« verhalf.

Das Geburtshaus: Anders als die Kirche ist das Pfarrhaus in Priorau, wo Philipp von Zesen 1619 zur Welt kam, erhalten geblieben. Foto: Lutz Sebastian

Das Geburtshaus: Anders als die Kirche ist das Pfarrhaus in Priorau, wo Philipp von Zesen 1619 zur Welt kam, erhalten geblieben. Foto: Lutz Sebastian

1643 gründete Zesen in Hamburg die »Deutschgesinnte Genossenschaft«, eine standes- und geschlechterübergreifende Gesellschaft zur Pflege der deutschen Sprache. Heute ist er wegen seiner Bemühungen um die Verdeutschung von Fremdwörtern ein Begriff: Zwar ist der vielzitierte »Gesichtserker« anstelle der »Nase« nicht von ihm, und seine Verdeutschung des Wortes »Pistole« als »Meuchelpuffer« hat sich ebenso wenig durchsetzen können wie der »Jungferzwinger« anstatt des Frauenklosters, aber immerhin gehen »Rechtschreibung« statt »Orthografie«, »Anschrift« statt »Adresse«, »Besprechung« für Rezension und »Freistaat« für Republik auf ihn zurück.

In seiner Zeit war Zesen vor allem als Dichter erfolgreich; auch als Übersetzer französischer und englischer Romane machte er sich einen Namen. Seine Hauptwohnorte waren Hamburg und Amsterdam. Dass er 1649 in die Fruchtbringende Gesellschaft, die größte und älteste Sprachakademie Deutschlands mit Sitz in Köthen, aufgenommen wurde, lag auch daran, dass er 1648 nach Priorau zurückgekehrt war und sich am Hof in Dessau als Gesellschafter aufhielt. Fünf Jahre später wurde Zesen von Kaiser Ferdi­nand III. geadelt. Schon 1541, also mit 22 Jahren, hatte er das Gedicht »Die güldene Sonne bringt Leben und Wonne« veröffentlicht. Es steht unter Nr. 444 im EG.

Manches an der Barockdichtung erscheint uns fremd und umständlich, und Zesens eigenwillige Reformvorschläge blieben schon damals nicht ohne Kritik. Heute ist die Forschung sich jedoch einig, dass seine Poetik mithalf, eine »geschmeidige deutsche Literatursprache« zu schaffen (Ferdinand van Ingen), ohne die die klassische Dichtung kaum denkbar wäre.

Die Kirche von Priorau: Sie wurde erst 1817 erbaut. Nur wenige Ausstattungsstücke erinnern an die Zeit, als Philipp von Zesen hier lebte. Foto: Lutz Sebastian

Die Kirche von Priorau: Sie wurde erst 1817 erbaut. Nur wenige Ausstattungsstücke erinnern an die Zeit, als Philipp von Zesen hier lebte. Foto: Lutz Sebastian

»Prirau oder Lob des Vaterlandes« – so lautet der Titel des 1 000 Verse umfassenden Gedichts – ist ein patriotisches Werk. Aber dieser Patriotismus ist keiner, der sich selbst genügt oder andere herabsetzt, sondern er steht in eben diesem Kontext einer ideellen Aufwertung deutscher Kultur. Dem Gedicht fügte Zesen einen Anmerkungsapparat hinzu, der in der Erstpublikation viermal so lang war wie das Gedicht. Im Haupttext werden der Reichtum und die Schönheit einer vermeintlich unbedeutenden Landschaft aufgeschlossen; über Anspielungen wird in den Fußnoten in die Welt der Antike eingeführt. Dieses Wissen sollte nicht länger der Griechisch und Lateinisch beherrschenden Elite vorbehalten sein. Die deutsche Sprache eignete sich, dies ist Zesens wichtigste Botschaft, ebenso zu seiner Vermittlung.

Priorau steht für die Provinz, aber diese Provinz ist aller Mühen und Ehren wert. In ihrer nur scheinbaren Banalität gehört ihr die tiefste Zuneigung des lyrischen Ichs, die auch im verführerischen Amsterdam nicht verblasst: Dieses Priorau ist sein »Askre, Tespe, Päst« – das sind Städte der griechischen Mythologie – und Prioraus Berg, der Finkenberg am westlichen Muldeufer (die »Milde« ist die Mulde), das ist der »Helikon« des lyrischen Ichs. Er ist ihm mindestens so viel wert wie jenes sagenumwobene Gebirge in Griechenland.

Und der dieses Land kennt, um das es geht, wird sich auch heute dem Wunsch, mit dem das Gedicht schließt, kaum verschließen können:

»Es gehaben sich dan wohl deine Gärte[n]/mit den Feldern/Mit den Auen/mit der Trift/mit den Aengern/Wiesen/Wäldern/Mit den Bächen, mit der Mild’ und den Teichen/jahr für jahr! Alles/was mein Prirau hägt/sei gesegnet immerdar!«

Jan Brademann

Eine sichere Bank

6. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Mikrokredite: Siglinde Enzmann hilft seit 26 Jahren über Oikocredit anderen Menschen

Mit der Wiedervereinigung 1990 schien alles möglich. Für das Geld, was in der DDR mangels Angeboten nicht ausgegeben werden konnte, gab es fast unbegrenzte Konsummöglichkeiten. Für Glücksritter waren auch schnelle Gewinne an den Börsen oder durch andere Investitionen möglich. Zur Sicherheit gab es noch das alte gute Sparbuch. Das alles interessierte Siglinde Enzmann nur wenig. Die Dessauerin ging damit nicht einkaufen, legte es nicht aufs Sparbuch und investierte auch nicht in Unternehmen. »Ich investierte lieber in Menschen«, sagt die ehemalige Leiterin der Frauen- und Familienarbeit der Landeskirche Anhalts.

Ihr Geld kam und kommt Näherinnen in Indien, Kaffeebauern in Guatemala oder Alpaka- und Vikunjawolle-Produzenten im Hochland von Peru zugute. Siglinde Enzmann ist Mitglied bei Oikocredit, einer ökumenischen Entwicklungsgenossenschaft, die weltweit Mikrokredite vergibt. Geistiger Vater dieses Finanzinstruments ist der Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus aus Bangladesh. Ende der 1970er-Jahre gründete er die Grameen Bank. Seine Idee war es, Menschen, die wegen zu geringen Kapitalbedarfs und/oder durch fehlende Sicherheiten für klassische Banken als Kreditnehmer nicht infrage kommen, trotzdem einen Kredit zu fairen Bedingungen zu gewähren und ihnen so den Aufbau einer wirtschaftlich gesicherten Existenz zu ermöglichen.

Engagiert: Die Dessauerin Siglinde Enzmann ist das erste Genossenschaftsmitglied in den neuen Bundesländern. Foto: Danny Gitter

Engagiert: Die Dessauerin Siglinde Enzmann ist das erste Genossenschaftsmitglied in den neuen Bundesländern. Foto: Danny Gitter

Manchmal sind es umgerechnet nur einige hundert Euro, zum Beispiel für den Kauf einer Nähmaschine und etwas Stoff dazu. Diese ermöglichen es, besondere Kleidungsstücke herzustellen und zu verkaufen. Von dem Erlös wird die Anfangsinvestition beglichen, und es wird in neue Stoffe investiert, um mehr zu verkaufen. Damit haben Menschen die Chance, bitterster Armut und Ausbeutung zu entkommen sowie die eigene oder sogar die Existenz der ganzen Familie zu sichern. Zahlreiche solcher Beispiele gibt es Dank Mikrokrediten etwa in Indien und Bangladesch.

Für seine Idee, auf diese Weise Armut zu bekämpfen und den Frieden in schwach entwickelten Regionen zu sichern, bekam Muhammad Yunus 2006 den Friedensnobelpreis. Entwicklungsgenossenschaften wie Oikocredit nahmen und nehmen den Gedanken der Mikrokredite auf und unterstützen damit weltweit dieses Finanzinstrument. 1975 hat sich die Organisation in den Niederlanden gegründet – und mittlerweile weltweit über 35 Länderbüros mit 160 hauptamtlichen Mitarbeitern, über 340 Millionen Euro an vergebenen Krediten und über 30 000 Genossenschaftsmitglieder.

Siglinde Enzmann ist das erste Genossenschaftsmitglied in den neuen Bundesländern. Sie investierte einst 3 000 D-Mark. Inzwischen hat sie ihre Anteile auf 5 000 Euro aufgestockt. Durch ihre Arbeit als Leiterin der Frauen- und Familienarbeit der Landeskirche Anhalts, die sie bis zu ihrem Ruhestand 1995 ausübte, habe sie »schon immer über den Tellerrand geschaut«, sagt Siglinde Enzmann. Da war es für die heute 82-Jährige nur folgerichtig, sich bei Projekten wie Oikocredit zu engagieren.

Für sie und die anderen Mitglieder ist das in mehrerer Hinsicht eine sichere Bank. Das Ausfallrisiko der Kredite ist sehr gering. Jedes Jahr gibt es eine Zinsgutschrift von zwei Prozent. Auf jährlichen Mitgliederversammlungen wird Rechenschaft abgelegt. Da geht sie immer mit einem guten Gefühl heraus, wenn sie hört, wie einfach und effektiv es sein kann, Menschen zu helfen. »Damit alleine können wir sicherlich nicht die Welt retten. Aber wir sind oft schon einen Schritt weiter als die Politik«, stellt Siglinde Enzmann zufrieden fest.

Danny Gitter

»Sofia« für die Schlosskapelle

31. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Grund zur Freude: Zweieinhalb Jahre nach dem Brand wird die 130 Jahre alte Schlosskapelle Ballenstedt wieder eingeweiht.

Pfarrer Klaus Flöter aus Ballenstedt erinnert sich noch gut an jenen 18. April 2015, als er in der Nacht gegen 1 Uhr aus dem Bett geklingelt wurde. »Die Schlosskapelle stand lichterloh in Flammen.« Einbrecher waren damals in die Sakristei eingedrungen und hatten dort ein Feuer gelegt, das sich in der Kirche ausgebreitet und die gesamte Inneneinrichtung vernichtet hatte. 70 Feuerwehrleute waren im Einsatz und konnten den Brand im Dachstuhl löschen. Zwanzig Minuten später wäre die Kapelle nicht mehr zu retten gewesen. Glück im Unglück, oder wie Pfarrer Flöter betont: »Gott hat Gnade geschenkt.« Die Bestandsaufnahme nach dem Band ergab: Die tragenden Balken waren kaum beschädigt, weil durch eine Dämmung geschützt, die Flöters Vorgänger über der Decke angebracht hatte.

Fast fertig: Die Schlosskapelle wurde als Betsaal errichtet und am 27. Oktober 1887 eingeweiht. Als das Foto entstand, waren noch nicht alle Arbeiten vor der Wiedereinweihung beendet. Foto: Jürgen Meusel

Fast fertig: Die Schlosskapelle wurde als Betsaal errichtet und am 27. Oktober 1887 eingeweiht. Als das Foto entstand, waren noch nicht alle Arbeiten vor der Wiedereinweihung beendet. Foto: Jürgen Meusel

Nun hat die Schlosskapelle in Ballenstedt ein neues Dach und im Kirchenraum riecht es nach frischer Farbe. Mehr als zwei Jahre nach dem Feuer steht am 13. August die Wiedereröffnung bevor. »Endlich«, sagt der Kirchenälteste Alexander Graf Stolberg, den die Geduld aller Verantwortlichen bei den langwierigen Renovierungsarbeiten beeindruckt hat. »Bei Baumaßnahmen, die ich privat in den letzten zehn Jahren durchgezogen habe, hätte ich die Geduld nicht gehabt.«

Das Ergebnis gefällt Stolberg, der direkt neben der Schlosskapelle im alten Pfarrhaus wohnt und nur einmal durch den Garten gehen muss. »Es ist etwas heller und freundlicher als vorher«, sagt er. »Ich habe ja den großen Vorteil, dass ich beinahe mit Pantoffeln zur Kirche gehen kann.«

Es fehlen nur noch die neuen Stühle. Die hat der Gemeindekirchenrat schon bei Sven Goldenstein bestellt. Goldenstein kommt aus der Nähe von Hildesheim und ist spezialisiert auf Inneneinrichtungen von Kirchen und Gemeindehäusern. »Holzstuhlverkäufer aus Leidenschaft«, erzählt er schmunzelnd. »In sakralen Räumen darf der Stuhl nicht im Vordergrund stehen. Der Stuhl soll sich zurücknehmen, aber bequem soll er sein.« Über 20 Modelle hat Sven Goldenstein zur Auswahl mit Namen wie »Berlin«, »Oslo«, »Gera«, »Toronto« oder »Hildesheimer Rose«. Die Stühle sind in der Regel aus Buchenholz, manchmal gebeizt, und haben meistens rote Polster. »Rot ist nicht wegzudenken aus kirchlichen Räumen und die meistverkaufte Farbe«, sagt er.

In der Ballenstedter Schlosskapelle steht künftig das Modell »Sofia«. Nur die Polsterfarbe musste noch geklärt werden. Sven Goldenstein hatte den Stuhl samt Farbfächern zum Ortstermin in der Schlosskapelle mitgebracht. Die Auswahl fiel nicht sonderlich schwer. Schnell entschied sich der Gemeindekirchenrat für Rot, nur über ein paar Farbnuancen wird noch diskutiert. »Der Teppich ist rot und für die Polster wird es ein dunkler, gedeckter Ton«, sagt der Kirchenälteste Alfred John und Christa Döring ergänzt: »Dunkelrot, so ein bisschen ins Bordeaux.«

Christa Döring gehört seit 40 Jahren dem Gemeindekirchenrat an. Sie ist wie alle froh und dankbar, dass die Gemeinde wieder in die Schlosskapelle zurückkehrt. Über zwei Jahre wurde der Gottesdienst im Ausweichquartier Johann-Arndt-Haus gefeiert. Sie glaubt, dass nicht nur die Gemeinde froh über ihre sanierte Kirche ist. »Ich kann mir vorstellen, wenn jetzt alles fertig ist, sind die neugierigen Ballenstedter auch erstmal häufig hier.«

Mindestens zur Wiedereinweihung der Schlosskapelle am 13. August um 14 Uhr!

Thorsten Keßler

Wo Martin Luther auch war

24. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Testfahrt: Zerbst gehört von Anfang an zum Lutherweg in Sachsen-Anhalt. Der 2008 eröffnete Pilgerweg ist 2017 um einen Abzweig nach Magdeburg verlängert worden. Zu sehen gibt es einiges. Manchmal muss man raten.

Hier stehe ich und weiß nicht weiter. Nur zu gern würde ich im Dorf Schora in den Weg einbiegen, der mich weiter in Richtung Lübs und Elbe führt. Doch das letzte Lutherweg-Schild, ein altertümliches grünes L auf weißem Grund, habe ich am Stadtrand von Zerbst gesehen. So lege ich in der Ortsmitte eine Pause ein: am 2007 eingeweihten Gedenkort für die 1945 kriegszerstörte Kirche, von der nur eine Glocke übrig blieb. Zweimal schon bin ich, von Zerbst über die Dörfer Töppel und Moritz kommend, in Schora falsch abgebogen. Ein drittes Mal brauche ich das nicht. Aufs Navi habe ich (warum nur?) verzichtet – und das habe ich jetzt davon.

Streifzug durch eine alte Kirchenlandschaft

Bislang bildete Zerbst den Scheitelpunkt der Nordroute des Lutherweges. Seit diesem Frühjahr ließe sich die Stadt, die als erste in Anhalt ab 1522 die Reformation einführte, als Knotenpunkt bezeichnen. Denn der Lutherweg in Sachsen-Anhalt mit den Polen Eisleben im Westen und Wittenberg im Osten ist ab Zerbst in Richtung Magdeburg verlängert auf Wegen, die Martin Luther mit einiger Sicherheit einmal gegangen ist. Bei meiner Testfahrt mit dem Rad lasse ich diesmal einen Besuch der Zerbster Lutherorte aus. Vorbei an der Bartholomäikirche, in der Fürst Wolfgang der Bekenner begraben liegt, fahre ich durch die Stadt und suche meinen Weg über Nebenstraßen, Feldwege und durch Dörfer bis nach Dornburg im Kirchenkreis Elbe-Fläming, das auf der Website des Lutherweges als nächste Station ausgewiesen ist. Gleich hinter Zerbst überquere ich die unsichtbare Kirchengrenze: von der Evangelischen Landeskirche Anhalts in die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM). In Schora habe ich endlich einen Mann gefunden, der mir zeigt, wo ich abbiegen muss. Ich radele über einen tückischen Wirtschaftsweg. Mit Betonplatten ist er ausgelegt und mit Löchern durchsetzt, in denen, gut vom Regenwasser getarnt, Ösen aus Metall lauern. Weil ich die Reifen nicht beschädigen will, übe ich mich im Slalom – nur um am Ende an einer Landstraße zu stehen, zu der ich gar nicht wollte. Irgendwo zwischen den Feldern habe ich den direkten Abzweig nach Klein-Lübs verpasst. Lieber Gott, lass es Wegweiser regnen!

Die Christophoruskirche in Dornburg: Sie liegt am Luther- und am Elberadweg und ist verlässlich geöffnet. Im Hintergrund ist das Schloss zu sehen, das einst die Mutter der Zarin Katharina erbauen ließ. Fotos: Angela Stoye

Die Christophoruskirche in Dornburg: Sie liegt am Luther- und am Elberadweg und ist verlässlich geöffnet. Im Hintergrund ist das Schloss zu sehen, das einst die Mutter der Zarin Katharina erbauen ließ. Fotos: Angela Stoye

Da schimpfen nichts nützt, radele ich weiter und komme bald in den Genuss des Anblicks der Kirche in Gehrden. Sie ist, wie die Kirche im zu Beginn der Tour durchquerten Dorf Moritz, romanisch, restauriert und gepflegt, aber leider verschlossen. Nur wenige Male im Jahr gibt es in den kleinen Dörfern in diesem Teil des Jerichower Landes Gottesdienste. Dass die Kirchen verschlossen sind, wundert mich nicht. Ich weiß aus Gesprächen, wie schwierig es ist mit dem Kirchenöffnen. Ein Urteil darüber maße ich mir nicht an.

Einige Kilometer weiter stehe ich endlich in Klein-Lübs. Das Kirchlein, lange vom Verfall bedroht, besteht hinter dem Westturm aus Umfassungsmauern ohne Dach, in die sich ein später eingebauter Gemeinderaum kuschelt. Ich spähe durch ein Fenster, um einen Blick auf ein Gemälde von Luther mit einem Schwan zu erhaschen, das sich hier befinden soll. Aber ich sehe nur ein großes dunkles Rechteck an einer Kirchenwand. Das Motiv bleibt mir verborgen.

Die Klusbrücke bei Wahlitz: Über sie musste Martin Luther gehen, als er 1524 auf Einladung der Stadtväter zum Predigen nach Magdeburg wollte. Die Brücke und der anschließende Klusdamm waren bis ins 19. Jahrhundert ein viel benutzter Verkehrsweg von Magdeburg durch die Auen nach Ostelbien. Auch 1516 soll Luther die Brücke genutzt haben, als er als Distriktsvikar der Augustiner-Eremiten zu den Klöstern seines Ordens unterwegs war.

Die Klusbrücke bei Wahlitz: Über sie musste Martin Luther gehen, als er 1524 auf Einladung der Stadtväter zum Predigen nach Magdeburg wollte. Die Brücke und der anschließende Klusdamm waren bis ins 19. Jahrhundert ein viel benutzter Verkehrsweg von Magdeburg durch die Auen nach Ostelbien. Auch 1516 soll Luther die Brücke genutzt haben, als er als Distriktsvikar der Augustiner-Eremiten zu den Klöstern seines Ordens unterwegs war.

Weiter geht’s. Im Wald bis Dornburg sehe ich deutlich, wie schlimm der Sturm vom 22. Juni im Jerichower Land gewütet hat; besonders betroffen ist zwar das Dorf Töppel. Aber in den Wäldern um Gommern hat er viele Bäume entwurzelt und andere geknickt, als ob es Bleistifte wären. Zwar sind die Wege frei, aber wie viel Zeit und Geld nötig sind, um alle Schäden zu beseitigen, vermag ich nicht abzuschätzen.

Ein großes »Kirche geöffnet«-Schild heißt die Besucher in Dornburg an der Elbe willkommen. Die schlichte, von 1755 bis 1758 erbaute Barockkirche strahlt innen wie außen weiß. Ich ruhe eine Weile aus und nehme mir fest vor, zu einem der Konzerte, die es hier ab und zu gibt, wiederzukommen. Auch um mehr Zeit für die Landschaft und das Schloss zu haben. Darüber, dass Dornburg einmal anhaltisch war und dass Fürstin Johanna Elisabeth von Anhalt-Zerbst hier von 1751 bis 1758 ein wunderschönes Barockschloss erbauen ließ, habe ich mich vor der Fahrt informiert. Die Mutter der Zarin Katharina, die als die Große in die Geschichte eingehen sollte, wollte ihrer Tochter, wenn sie denn einmal zu Besuch käme, ein angemessenes Quartier bieten. Die Tochter kam aber nie. Hinter dem Schloss liegt eine wechselvolle Geschichte und eine offene Zukunft: Seit Längerem wird ein Käufer gesucht.

Romanik pur in Pretzien und Plötzky

Ab Dornburg ist auch die Beschilderung kein Problem. Elberadweg- und Lutherweg-Schilder zeigen zuverlässig, wo es langgeht. Die nächste Station ist Pretzien. Den Schlüssel für die romanische Thomaskirche mit ihren mittelalterlichen Fresken können sich Besucher in der nahe gelegenen Tourist-Information holen, wenn sie nicht gerade sonnabends oder sonntags von 14 bis 16 Uhr ankommen. Die romanische Kirche im Nachbardorf Plötzky kann ab Mai täglich von 9 bis 17 Uhr besichtigt werden.

In Gommern, für das es bisher keinen Hinweis auf einen Aufenthalt Martin Luthers gibt, beende ich meinen Lutherweg-Test. Die nächsten Sehenswürdigkeiten auf dem Weg – die mittelalterliche Klusbrücke bei Wahlitz, die Luther mindestens zwei Mal überquerte, und die sechs Sehenswürdigkeiten in Magdeburg – kenne ich bereits. Mein Fazit: Bisher habe ich diese alte Kulturlandschaft immer mit der Bahn durchfahren oder noch gar nicht gekannt. Durch die Stunden auf dem Rad und zu Fuß habe ich sie erst richtig entdeckt.

Angela Stoye

www.lutherweg.de

In der Sprache des Alltags

18. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Um über den Glauben zu reden, benötigt man kein Theologiestudium. Sogenannte Laien sollten es viel öfter tun, findet Christine Reizig, die anhaltische Landespfarrerin für Gemeindeaufbau. Angela Stoye sprach mit ihr auch über Möglichkeiten, das Können auf diesem Gebiet zu erweitern.

Ich habe den Eindruck, dass eher die Hauptamtlichen im Verkündigungsdienst sprachfähig im Glauben sind. Wie sehen Sie das?
Reizig: Ja und nein. Ich erlebe mich als Theologin auch oft als nicht schlagfertig genug. Ich denke, sogenannte Laien haben eine andere Sprache, wenn es um den Glauben geht. Es ist niemandem gedient, wenn dogmatische Richtigkeiten verbreitet werden. Nötig ist eine Übersetzung des Glaubens in die Sprache des Alltags. Das können oftmals die Altenpflegerin X und der Malermeister Y besser als Theologinnen und Kirchenmusiker.

Aber etliche haben – mit Blick auf vermeintliche oder bestehende Wissenslücken – Bedenken. Da nehme ich mich nicht aus …
Reizig: Sprachfähig über den Glauben zu sein, heißt nicht, ich muss auf jede Frage eine Antwort wissen. Viele verfallen diesem Irrtum und trauen sich deshalb nicht. Für mich geht es eher darum, Mut zu wecken, über das zu reden, was mir wichtig ist, was mir Mut macht, mich im Alltag trägt und hält.

Christine Reizig ist anhaltische Landespfarrerin für Gemeindeaufbau – Foto: Johannes Killyen

Christine Reizig ist anhaltische Landespfarrerin für Gemeindeaufbau – Foto: Johannes Killyen

Von dem französischen Schriftsteller Paul Claudel sind die Sätze überliefert: »Rede über Christus nur dann, wenn du gefragt wirst. Aber lebe so, dass man dich nach Christus fragt.« Wie stehen Sie dazu?
Reizig: Teils hat er recht, teils nicht. Es ist erstens nicht werbend für den Glauben, wenn ihn jemand ständig wortreich vor sich her trägt. Zweitens muss zweifelsohne das Reden durch das Tun gedeckt sein. Auf bekennende Christinnen und Christen wird kritischer gesehen als auf andere. Wir leben aber drittens in einer so entchristlichten Welt, dass nicht mehr automatisch vom Tun auf den Glauben geschlossen wird. Deshalb ist das Tun sehr wichtig, das Reden gehört aber unbedingt dazu.

Ein Blick auf Ehrenamtliche: Kirchenälteste sollen ihre Gemeinde nicht nur in Bau- und Finanzfragen leiten, sondern auch geistlich. Geschieht das überhaupt?
Reizig: Im Paragrafen 15 der Verfassung unserer Landeskirche steht vor der Aufzählung konkreter Aufgaben des Gemeindekirchenrates (GKR), dass er die geistliche, geschwisterliche Leitung der Kirchengemeinde ist. Das bedeutet, dass die Frage nach dem persönlichen Glauben existenziell ist. Jede Gemeinde ist froh, wenn sie Spezialistinnen und Spezialisten für bestimmte Fragen werben kann, für die Kenntnisse nötig sind, für Bau- und Finanzfragen, für den Friedhof und Verpachtungen.

Trotzdem ist ein GKR etwas anderes als der Vorstand eines Vereins. Als Grundfrage soll immer dahinterstehen, was den Glauben fördert und wie missionarische Ausstrahlung möglich ist. In der Praxis ist es aber manchmal so, dass das »geistliche Herz« der Gemeinde woanders schlägt – in einem Hauskreis, einer Gebetsinitiative, einem Familienkreis etwa. Ein reifer GKR sollte das erkennen und dringend den regelmäßigen Kontakt suchen.

Wie kann die Sprachfähigkeit im Glauben verbessert werden? Und wo?
Reizig: Sprachfähigkeit wird verbessert, indem man redet. Und das sollte möglichst in den Gemeinden und Regionen geschehen. Gemeindeglieder sollten nicht nur die Predigten hören, sondern selbst zu Wort kommen. Das schult – übrigens auch die Pfarrerinnen und Pfarrer. Wir merken manchmal gar nicht, wenn wir eine Sprache sprechen, die nicht verstanden wird. Auch wir brauchen dringend das Gespräch. Für mich ist da die Arbeit mit Lektorinnen und Lektoren sehr heilsam.

Da die Laienakademie zurzeit ruht: Gibt es spezielle Kurse für Nicht-Theologen?
Reizig: Zum einen gibt es die jährlichen Fortbildungen für Kirchenälteste an einem Wochenende in Gernrode. Die Themen sind oft auf den Glauben bezogen oder verbinden Glaubensfragen mit Verwaltung und Organisation. Zum anderen sind die Glaubensgespräche in den Gemeinden wichtig. GKR-Klausuren tun dem Gremium oft richtig gut, weil es möglich ist, anders ins Gespräch zu kommen als bei Sitzungen mit Tagesordnung.

Ich empfehle da einen Glaubenskurs für Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau mit dem Titel »Sehnsucht nach mehr«. Er lädt dazu ein, sich mit Basisfragen des Glaubens zu befassen (Taufe, Kirche, Bibel, Abendmahl) und davon ausgehend geistliche Elemente mit in die Sitzungsarbeit zu nehmen. Dazu lasse ich mich gern auch einladen. Das Arbeitsmaterial ist aber so gut ausgearbeitet, dass es GKR oder Regionalversammlungen auch selbst verwenden können. Es gibt eine Vielzahl von Kursen auf dem Markt.

Ebenso ist es sinnvoll, sich nach geistlichen Kompetenzen vor Ort und in der Region umzusehen. Wichtig ist, dass Älteste und andere engagierte Menschen in den Gemeinden ihr Bedürfnis, mehr über Glaubensfragen reden zu wollen, auch deutlich machen und ihre konkreten Fragen stellen.

Wann ist für Sie der Idealzustand auf dem Gebiet »sprachfähig im Glauben« erreicht?
Reizig: Mein Traum, meine Vision, ist, dass nach Losung und Lehrtext vom 3. Juli der Glaube in den Herzen der Gemeindeglieder ein brennendes Feuer ist, dass wir einfach nicht aufhören können, von dem zu reden, was wir gehört und gesehen haben (Jeremia 20,9; Apostelgeschichte 4,20).

nächste Seite »