Von Dessau-Roßlau geht es nach »New Germany«

21. März 2017 von redaktionguh  
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Gastvikar Martin Büttner und seine Familie kehren nach anderthalb Jahren in Anhalt nach Südafrika zurück

Am 19. März geht für Martin Büttner ein wichtiger Lebensabschnitt zu Ende. Denn an dem Sonntag wird der 39-jährige Theologe in einem Gottesdienst aus seinem Gastvikariat in der Auferstehungsgemeinde in Dessau-Roßlau verabschiedet und kehrt wenig später mit seiner Familie in seine Heimat zurück. Das ist ein Weg von rund 9 600 Kilometern Luftlinie, denn Martin Büttner kommt aus Südafrika.

Dass er seit September 2015 mit seiner Familie in Dessau lebt, ist zum Teil Zufall, zum Teil nicht. Martin Büttner gehört der United Evangelical Lutheran Church in Southern Africa (UELCSA) an, einer Kirche, die aus der Arbeit verschiedener Missionsgesellschaften und einzelnen Siedlergemeinden entstanden ist. Sie ist ein Dachverband von drei kleinen Kirchen – zwei in Südafrika, eine in Namibia – und zählt heute insgesamt etwa 19 200 Mitglieder. Ihre Strukturen seien aber mit den landeskirchlichen Strukturen, wie es sie in Deutschland gibt, nur teilweise zu vergleichen, so Martin Büttner.

Martin Büttner lebt mit seiner Familie seit September 2015 in Dessau-Roßlau. Foto: Johannes Killyen

Martin Büttner lebt mit seiner Familie seit September 2015 in Dessau-Roßlau. Foto: Johannes Killyen

Seit Jahrzehnten ist es üblich, dass angehende Pfarrer aus dieser Kirche einen Teil ihres Vikariates in der Hannoverschen Landeskirche leisten können, wenn sie Deutsch sprechen. Als für Martin Büttner das Vikariat anstand, gab es zwei Interessenten für einen Platz. Es musste eine andere Stelle gesucht werden. So kam man dann auf die Landeskirche Anhalts. Dass er akzentfrei Deutsch spricht, verdankt er seiner Familie, die aus Deutschland stammt, aber schon lange in Südafrika lebt. Einer seiner Großväter war Handwerkermissionar. In der Gemeinde aktiv zu sein, war in der Familie selbstverständlich.

Martin Büttner ist gelernter Elektrotechniker, wollte aber in seinem weiteren Arbeitsleben mehr mit Menschen zu tun haben und orientierte sich um. In seinen neuen Beruf kam er über ein Freiwilliges Soziales Jahr bei einer christlichen Jugendorganisation, auf die ein Theologiestudium in Stellenbosch, praktische Erfahrungen in Gemeinde- und Jugendarbeit und schließlich das Vikariat folgten.
»Ich bin beeindruckt davon, wie die Geschichte das Gemeindeleben hier prägt«, sagt Martin Büttner. »Die Geschichte der Reformation ist immer präsent – nicht nur wegen der großen Cranachgemälde in der Johanniskirche. Man kann sich einordnen und weiß: Ich bin ein Teil davon.« Für Südafrika sei ein 200-jähriges Kirchengebäude schon sehr alt. Hier seien 500-jährige und ältere Kirchen keine Seltenheit. Als positive Erfahrung nimmt er den kreativen Umgang der Landeskirche mit dem Rückgang der Gemeindegliederzahlen mit. »Anhalt macht sich sehr viele Gedanken, wie der Alltag in den Kirchengemeinden künftig gestaltet werden soll.«

Nach der Rückkehr nach Südafrika wird Martin Büttner sich auf das Zweite Theologische Examen vorbereiten. Danach zieht er mit seiner Familie – seine Frau Christine, die gelernte Krankenschwester und Hebamme ist, und den drei gemeinsamen Kindern – nach »New Germany«. Es ist die erste Siedlung des Berliner Missionswerkes in Südafrika. Und er leistet dort seinen Entsendungsdienst. Dass die Familie Büttner dem »alten« Deutschland verbunden bleiben wird, hat nicht nur mit den familiären Wurzeln und dem langen Aufenthalt in Anhalt zu tun. Mit zurück reist eine waschechte Dessauerin, denn die jüngste Tochter wurde hier geboren.

Angela Stoye

Gottesdienst am 19. März, 9.30 Uhr, in der Auferstehungskirche

Humanitäre Hilfe unter eigenem Dach

13. März 2017 von redaktionguh  
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Familie Nahlik hat einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling aufgenommen

Sie konnten es damals, im Sommer 2015, noch nicht ahnen, dass die Bilder von den verzweifelten Menschen auf dem Mittelmeer auch ihr Leben stark beeinflussen würde. In ihrem heimischen Wohnzimmer im Dessauer Stadtteil Siedlung saßen Constanze und Tobias Nahlik mit ihren Kindern vor dem Fernseher und verfolgten die allabendlichen Nachrichten. »Über all die Unglücke und Katastrophen, die regelmäßig über den Bildschirm flimmerten, konnten wir mit unseren Kindern reden«, sagt Constanze Nahlik. »Doch als wir die Bilder von den überfüllten Booten auf dem Mittelmeer sahen, fehlten uns die Worte«, ergänzt Tobias Nahlik. Kollektiv haben sie mit vier ihrer fünf Kinder, vom Kleinkind bis zum fast erwachsenen Jugendlichen geweint, erinnert sich das Ehepaar. Die älteste Tochter war zu diesem Zeitpunkt nach dem Abitur gerade in Buenos Aires für ein soziales Jahr.

Constanze und Tobias Nahlik berichteten vor Kurzem bei einem Gemeindeabend von ihren Erfahrungen. Foto: Lutz Sebastian

Constanze und Tobias Nahlik berichteten vor Kurzem bei einem Gemeindeabend von ihren Erfahrungen. Foto: Lutz Sebastian

Die Tränen waren kaum getrocknet, da beschlossen die Psychiaterin und der Pädagoge, der beim Eine-Welt-Netzwerk Sachsen-Anhalt arbeitet, zusammen mit ihren Kindern gegen das Elend, was sie da täglich in den Nachrichten sahen, etwas zu tun. Die ersten Aktionen liefen auch in Dessau-Roßlau an. In seiner katholischen Gemeinde genauso wie in ihrer evangelischen. In der Ökumene vereint haben sie dennoch beschlossen, sonntäglich als Familie komplett in den katholischen Gottesdienst zu gehen. Der Propst predigte es eindringlich von der Kanzel, angesichts dieser humanitären Katastrophe aktiv zu unterstützen, wo es einem persönlich möglich ist. Geld- und Kleiderspenden, Deutschunterricht und Ausflüge mit den Geflüchteten kamen der Familie im ersten Moment in den Sinn. Das alles machte sie nicht wirklich glücklich.

Ein stärkeres Zeichen wollten sie setzen. Einem unbegleiteten Minderjährigen wollten sie in ihren eigenen vier Wänden ein Obdach geben. Die älteste Tochter, die gerade in Argentinien weilte und deren Zimmer frei war, gab nach einem Anruf sofort grünes Licht dafür. Auch Bekannte in Berlin ermutigten die Familie, das zu tun. Schließlich gab es in der Bundeshauptstadt schon einige Menschen, die einem unbegleiteten Minderjährigen ein Zuhause statt einer Massenunterbringung in einem Heim oder einer Wohngruppe gaben. Doch Dessau ist nicht Berlin. Das spürte Familie Nahlik schnell. Zwar unterstützten die Mitarbeiter des Jugendamtes ihr Begehren nach Kräften. Doch viele bürokratische und rechtliche Hürden mussten überwunden werden. Fast neun Monate dauerte es, bis sie den Anruf vom Jugendamt bekamen, dass möglicherweise ein Kind für die Pflegschaft gefunden wurde.

Seit Pfingsten 2016 lebt ein 15-jähriger Junge aus Äthiopien bei ihnen. Er geht in eine Willkommensklasse. In einem Fußballverein trainiert er regelmäßig. Seit Neuestem lernt er Klavier. Er ist der Einzige von 38 Unbegleiteten in Dessau, der eine Pflegefamilie gefunden hat. Ob ihn das glücklich macht, wissen sie nicht. Wohin die Reise mit ihm geht, auch nicht. Nur eins wissen sie ganz bestimmt. »Wir würden es wieder tun«, sagt Constanze Nahlik voller Überzeugung.

Danny Gitter

Tolle Tage im Namen Luthers

8. März 2017 von redaktionguh  
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Mit über 150 Veranstaltungen wird die Dessauer Innenstadt ab dem Himmelfahrtstag zur Festmeile


Stell dir vor, es ist Reformationsjubiläum und keiner geht hin. Diese Sorge machen sich die Organisatoren des Dessau-Roßlauer Kirchentages auf dem Weg nicht. Mögen über 80 Prozent der Bewohner der Doppelstadt zwischen Elbe und Mulde auch keiner christlichen Kirche angehören, dass die drei tollen Tage von Christi Himmelfahrt bis Samstagabend und mit dem großen zentralen Abschluss am Sonntag in der Lutherstadt Wittenberg ein großer Erfolg werden, daran zweifelt niemand. 5 000 Gäste aus nah und fern erwartet die Bauhausstadt zu ihrem Kirchentag auf dem Weg. Ein amerikanischer Studentenchor hat bereits seinen Besuch angekündigt. Die Kirchengemeinden der Stadt haben Mitglieder ihrer Partnerkirchen, unter anderem aus den Niederlanden und Tschechien, eingeladen. Aber auch viele Einheimische und Individualtouristen aus allen Teilen der Welt werden in Dessau-Roßlau erwartet.

Die Organisatoren des Kirchentages auf dem Weg in Dessau- Roßlau mit dem Vorstand der Anhaltischen Philharmonie Dessau (von links): Kreisoberpfarrerin Annegret Friedrich-Bernbruch, Orchestermusiker Ekkehard Neumann, Generalintendant Johannes Weigand, Reformationsbeauftragter Andreas Janßen, Maren Springer-Hoffmann (Verein Reformationsjubiläum 2017), Orchestermusiker Jens Uhlig, Kulturamtsleiter Steffen Kuras und Orchestermusiker Lukas Fichtner. Foto: Landeskirche Anhalts/Johannes Killyen

Die Organisatoren des Kirchentages auf dem Weg in Dessau- Roßlau mit dem Vorstand der Anhaltischen Philharmonie Dessau (von links): Kreisoberpfarrerin Annegret Friedrich-Bernbruch, Orchestermusiker Ekkehard Neumann, Generalintendant Johannes Weigand, Reformationsbeauftragter Andreas Janßen, Maren Springer-Hoffmann (Verein Reformationsjubiläum 2017), Orchestermusiker Jens Uhlig, Kulturamtsleiter Steffen Kuras und Orchestermusiker Lukas Fichtner. Foto: Landeskirche Anhalts/Johannes Killyen

Sie alle wollen und sollen auf über 150 Veranstaltungen die Reformation feiern. Gemäß dem Motto »Forschen.Lieben.Wollen.Tun.« des in Dessau geborenen jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn, der Lessing zu »Nathan der Weise« inspiriert haben soll, zeigt die Stadt sich von ihrer besten Seite. »Wir haben durchaus Gastgeberqualitäten«, ist Steffen Kuras, Kulturamtsleiter von Dessau-Roßlau, fest überzeugt. Bereits vor fünf Jahren bewies die Stadt, dass sie große Formate erfolgreich stemmen kann. Der Sachsen-Anhalt-Tag machte 2012 zum Jubiläum »Anhalt 800« Station in der Dessauer Innenstadt. Jetzt ist es das Reformationsjubiläum, das einiges an logistischer Herausforderung, Einfallsreichtum und Organisationsgeschick verlangt. Doch die Mission ist auf dem Weg, eine ziemlich erfolgreiche zu werden.

»Da ist für wirklich jeden was dabei, unabhängig von Konfession und Glaube«, sagt Andreas Janßen, der Reformationsbeauftragte der Landeskirche Anhalts. Bibelarbeiten, wie es sich für einen Kirchentag gehört, wird es geben, auch mit Prominenten, wie dem ehemaligen sachsen-anhaltischen Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz, einem studierten Erziehungswissenschaftler, im Audimax der Hochschule Anhalt. Zahlreiche Gottesdienste, Andachten, Ausstellungen, Vorträge und Gesprächsrunden werden geboten. Aber auch Formate, die es unter den acht mitteldeutschen Städten mit ihrem Kirchentag auf dem Weg nur in Dessau-Roßlau gibt. Nach dem Eröffnungsgottesdienst am 25. Mai wird das Anhaltmahl, eine 500 Meter lange Tafel in der Zerbster Straße, zum gemeinsamen Speisen, Gedankenaustausch und Verweilen einladen. Die Hälfte der rund 250 geplanten Tische hat schon Paten gefunden, die als Gastgeber Speis und Trank reichen.

Zeitgleich haben alle städtischen Museen bis Mitternacht geöffnet. Es sind zahlreiche Angebote, die am Freitag und Samstag entdeckt werden wollen. Der Dessauer Marktplatz wird zur Freiluft-Bibliothek mit Bücherregalen, diversen Lesungen und Leseecken. Im Anhaltdorf kann in Kultur und Geschichte der Region abgetaucht werden. Die Auferstehungskirche lädt dazu ein, sich im Hochseilgarten getragen zu fühlen. Zum krönenden Abschluss am Abend des 27. Mai setzt die Anhaltische Philharmonie mit Dessauer Chören mit »Preisen.Singen.Jubilieren« auf dem Marktplatz einen musikalischen Höhepunkt.

»Es ist schön, wenn auch die Musik Vertreter aller Religionen und Nichtchristen zusammenbringt«, erläutert Johannes Weigand, der Generalintendant des Anhaltischen Theaters, was für ihn den Kirchentag ausmacht.

Danny Gitter

www.r2017.org

Anhalt schrieb Reformationsgeschichte

27. Februar 2017 von redaktionguh  
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Die Welt blickt 2017 zumeist auf Wittenberg. Aber auch andernorts wurde evangelische Kirchengeschichte geschrieben. In Anhalt-Bernburg zum Beispiel, wo Reformierte und Lutheraner schiedlich-friedlich zusammenlebten.

Zwar war das kleine und immer wieder erbgeteilte Fürstentum Anhalt eines der ersten, das sich der Wittenberger Reformation anschloss. Aber im Laufe der Jahrhunderte ging es eigene Wege und leistete sich zwei Konfessionen im Land. Bei einer Tagung unter dem Thema »Von der Reformation zur Union« am 18. Februar in Bernburg stand diese besondere evangelische Kirchengeschichte vom 16. bis 19. Jahrhundert in Mittelpunkt.

Der Historiker Justus Vesting (Halle) zeigte am Beispiel des Fürsten Wolfgang von Anhalt-Köthen (1492–1566) auf, dass Anhalt durchaus Weltpolitik mitschrieb. So war der Fürst überall vertreten, wo in Sachen Reformation Bedeutsames geschah: von 1521 beim Reichstag in Worms bis 1547 bei der Schlacht von Mühlberg, die ihm die Reichsacht einbrachte. 1525 führte Wolfgang mit Luthers Hilfe in Anhalt-Köthen und 1526 in Anhalt-Bernburg die Reformation ein.

Bis 1942 gab es auf dem Bernburger Markt einen Wolfgangsbrunnen zur Erinnerung an den Fürsten Wolfgang den Bekenner. Die Brunnen-Bestandteile aus Metall wurden kriegsbedingt eingeschmolzen, der Rest abgetragen. Das Schlossmuseum widmet dem anhaltischen Fürsten zurzeit eine kleine Ausstellung, in der sich Silke Sielmon und Kerstin Wienecke auch das Brunnenmodell ansehen. Foto: Engelbert Pülicher

Bis 1942 gab es auf dem Bernburger Markt einen Wolfgangsbrunnen zur Erinnerung an den Fürsten Wolfgang den Bekenner. Die Brunnen-Bestandteile aus Metall wurden kriegsbedingt eingeschmolzen, der Rest abgetragen. Das Schlossmuseum widmet dem anhaltischen Fürsten zurzeit eine kleine Ausstellung, in der sich Silke Sielmon und Kerstin Wienecke auch das Brunnenmodell ansehen. Foto: Engelbert Pülicher

In Anhalt-Dessau nahmen die Fürsten 1534 erstmals das Abendmahl in beiderlei Gestalt. Der gebildete und geschickte Georg III. (1507–1553) war mit Luther befreundet, aber eher Melanchthons Lehren verbunden. »Das Dessauer Abendmahlsbild von 1666 enthält dazu deutliche politische und theologische Aussagen«, so Vesting. In der nachfolgenden Generation, als ganz Anhalt vom Fürsten Joachim Ernst (1536–1596) regiert wurde, war die Spaltung des evangelischen Lagers in Deutschland in Genesiolutheraner (Bewahrer von Luthers Erbe) und Philippisten (Anhänger Philipp Melanchthons) in vollem Gange. Anhalt öffnete sich der reformierten Tradition aus der Kurpfalz. Durch Ämter – Fürst Christian I. wurde 1595 kurpfälzischer Statthalter – und Eheschließungen kam die sogenannte Zweite Reformation mit den Lehren Johannes Calvins auch nach Anhalt. In der Folge wurden Bilder aus den Kirchen entfernt, im Abendmahl gab es Brot statt Oblaten, 1589 fiel der Exorzismus bei der Taufe weg. Gegen die Veränderungen regte sich vor allem in kleinen Orten Widerstand. Am 14. Dezember 1599 legte eine theologische Kommission unter dem Zerbster Theologen Wolfgang Amling dem Herrscherhaus eine neue Kirchenordnung vor. Eindeutig legte sie fest: Brot und Wein beim Abendmahl zeugen nicht von der Realpräsenz Christi, sondern beim Mahl würde – nach dem Verständnis Calvins – der Heilige Geist die Christen untereinander und mit Christus im Himmel verbinden. Zwar trat diese Ordnung nicht in Kraft, aber der Calvinismus setzte sich in Anhalt durch.

Die anderthalb Jahrhunderte nach dem Dreißigjährigen Krieg beleuchtete der Historiker Jan Brademann (Dessau-Roßlau) in seinem Vortrag über die Unterschiede von Lutheranern und Reformierten im 17. und 18. Jahrhundert. Der Landesherr hatte weiterhin das Recht, die Konfession seiner Untertanen zu bestimmen. Die Zerbster Linie des Fürstenhauses kehrte 1642 zum Luthertum zurück. In Anhalt-Bernburg hatten sich »lutherische Inseln« um die Patronatskirchen Rathmannsdorf und Hohenerxleben gebildet. Auch in anderen Orten bekannten sich viele Menschen zum Luthertum. »Die konfessionelle Spaltung zog sich durch jedes Kirchspiel und viele Familien«, so Brademann. Es habe zwar Toleranz gegeben, aber keine Gleichberechtigung. Lutheraner mussten mit ihren Anliegen entweder zum reformierten Ortspfarrer oder weite Wege in Kauf nehmen. So wurde das »Auslaufen« zum lutherischen Abendmahl in Gemeinden außerhalb Anhalts üblich, was die Lutheraner zusammenschweißte. »Obwohl sie keine eigenen Pfarrer und keine Organisationsstrukturen hatten, verschwand die konfessionelle Zuordnung nicht«, so Brademann.

Zwar vereinte ab 1728 das Bernburgische Gesangbuch reformierte und lutherische Lieder, doch erst ab dem Ende des 18. Jahrhunderts durften lutherische Einwohner in ihren reformierten Ortskirchen das Abendmahl auf lutherische Weise empfangen. Die »Scheidewand«, wie es der Theologe und ab 1812 Generalsuperintendent von Anhalt-Bernburg, Friedrich Adolf Krummacher (1767–1843), bezeichnete, war dünner geworden.

Die Theologin Claudia Drese (Halle) sprach über die »Reconstruction des Protestantismus« in Anhalt-Bernburg unter dem regierenden Herzog Alexius Friedrich Christian. Nachdem er 1812 die Union angeregt hatte, bat Hofprediger Krummacher die Pfarrer um ihre Meinung. Nach einigem Hin und Her und Bedenken tagte am 26. September 1820 in Bernburg die Unionssynode mit Krummacher als Präses, bei der 46 Prediger die Kirchenunion für Anhalt-Bernburg beschlossen.

Die Trennpunkte Abendmahlsverständnis und Prädestination seien, so Friedrich Adolf Krummacher, dem Glauben und der Erkenntnis des Einzelnen zu überlassen. Die Bezeichnungen »lutherisch« und »reformiert« wurden abgeschafft und durch »evangelisch-christlich« ersetzt. Die Teilnahme an der Kommunion nach dem neuen Ritus blieb für die Erwachsenen weiterhin freiwillig, für Konfirmanden war sie verpflichtend. Warum der Herzog zu diesem Zeitpunkt die Kirchenunion wollte, habe sich ihr leider nicht erschlossen, so Claudia Drese. Ob aus persönlichen Gründen oder ob er Preußen entgegenkommen wollte, »darüber findet sich nichts in der schriftlichen Hinterlassenschaft«.

Angela Stoye

Wenn Nathan im Rollstuhl sitzt

20. Februar 2017 von redaktionguh  
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Schultheatergruppe interpretiert einen Literaturklassiker ganz eigenwillig

Da schwirren sie umher, sechs von acht Mitgliedern der Theatergruppe »Emily« des Dessauer Gymnasiums Philanthropinum und studieren direkt im Dachgeschoss ihrer Schule ein großes Werk der Literaturgeschichte ein. An keinen Geringeren als Gotthold Ephraim Lessing wagen sich die Neunt- bis Elftklässler. »Nathan der Weise« steht auf ihrer Agenda. So weit, so normal. Doch normal ist bei diesem Stück fast nichts. Da wird geflachst. Da werden Matrosenkostüme, Horror- und Pestmasken ausprobiert. Auf den ersten Blick lässt der Karneval grüßen. Wo da die Ernsthaftigkeit bleibe, fragt sich der interessierte Beobachter. Schließlich gilt es hier die Frage nach der wahren Religion zu beantworten.

Regiebesprechung mit dem Autor Thomas Altmann (li.) und der Theatergruppenleiterin Birgit Krüger, bevor Nathan im Rollstuhl in den Dialog mit dem liegenden Saladin tritt. Foto: Danny Gitter

Regiebesprechung mit dem Autor Thomas Altmann (li.) und der Theatergruppenleiterin Birgit Krüger, bevor Nathan im Rollstuhl in den Dialog mit dem liegenden Saladin tritt. Foto: Danny Gitter

Schon im Original lässt Lessing seinen jüdischen Protagonisten Nathan sich bei dieser Frage winden und in Märchen sowie Parabeln dem muslimischen Sultan Saladin antworten.

Die Schultheatergruppe unter der Leitung der Gymnasiallehrerin Birgit Krüger treibt es auf die Spitze. Fragmente aus »Nathan der Weise« werden herausgepickt und mit so ziemlich allem, was die Gebrüder Grimm zu bieten haben, und frechen neuzeitlichen Dialogen verknüpft. Die Märchenstunde ist eröffnet unter dem Titel »Nathan im Rollstuhl«. Ob das am Ende einen Sinn ergibt? Der Zuschauer wird es herausfinden, rund um den »Kirchentag auf dem Weg« in Dessau-Roßlau. Am langen Himmelfahrtswochenende spielen sie am Rande des Anhalt-Mahls am Abend zu Christi Himmelfahrt. Einen Abend später präsentieren die Nachwuchsschauspieler im Alten Theater ihr Stück mit Filmsequenzen, die sie vor dem Kirchentag gedreht haben, sowie mit Lesungen. Der Offene Kanal Dessau lässt »Nathan im Rollstuhl« zur Zeit des Kirchentags über den Bildschirm flimmern.

Bis dahin heißt es üben, üben, üben und in einem Werkstattgespräch am Rand der Proben zumindest schon die ersten Fragen zu beantworten. Warum etwa aus »Nathan der Weise« ein »Nathan im Rollstuhl« wird, darauf könnte Thomas Altmann, der Kopf dahinter, mit Genuss in Märchen und Parabeln antworten. Er macht es dann auf die philosophische Art. »In diesen Zeiten stehen sich Menschen und ihre Religionen in Nähe oder in unversöhnlicher Ferne gegenüber«, sagt Altmann. »Diese Nähe und diese Ferne hinterfragt der vernünftige Nathan. Doch diese Vernunft ist brüchig. Deshalb braucht sie im Rollstuhl ein Vehikel«, führt er weiter aus.

Im Kirchenkreis Dessau ist der studierte Theologe, der Religion gerne kritisch hinterfragt, für seine besondere Auseinandersetzung mit Glaube und Christentum bekannt. Schon in der Vergangenheit wurden Krippenspiele der Jungen Gemeinde in Roßlau unter seiner Regie zu glaubens- und gesellschaftskritischen Theaterstücken. Auch mit »Nathan im Rollstuhl« will der Öffentlichkeitsarbeiter eines Dessauer Krankenhauses den Zuschauer aus der Komfortzone holen. »Ist Religion nur immer der Blick nach hinten und wenn wir nach vorne schauen, was können wir da erwarten?«, fragt Altmann. Mit »Nathan im Rollstuhl« will er zum Kirchentag auf dem Weg versuchen, Antworten darauf zu geben.

Danny Gitter

Im Sinne von Moses Mendelssohn

13. Februar 2017 von redaktionguh  
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Das Motto des Dessau-Roßlauer Kirchentages: »Forschen.Lieben.Wollen.Tun«

Wer sich das Programm für den Kirchentag auf dem Weg in Dessau-Roßlau anschaut, kann die Frage »Wo gehe ich hin?« nicht so leicht beantworten. Am 25. Mai, dem Himmelfahrtstag, geht es ja noch: tagsüber die Welterbe-Region entdecken oder die »Schatzkammer der Reformation«-

In der Marienkirche zu Dessau wird zum Kirchentag unter anderem die Ausstellung »FrauenERLeben in Anhalt« gezeigt. Foto: Johannes Killyen

In der Marienkirche zu Dessau wird zum Kirchentag unter anderem die Ausstellung »FrauenERLeben in Anhalt« gezeigt. Foto: Johannes Killyen

Ausstellung im Johannbau besichtigen, am Abend den ökumenischen Gottesdienst auf dem Markt besuchen und sich danach zum Anhaltmahl in der Innenstadt niederlassen, später durch die Museen schlendern oder das Konzert in der Marienkirche besuchen. Am Freitag und Sonnabend fällt die Auswahl schwer: Bibelarbeiten, Andachten, Stundengebete, offenes Singen, Vorträge, Workshops und Podien, das Anhalt-Dorf, in dem sich Kirchengemeinden, die Anhalt-Städte und Vereine präsentieren, Angebote für Familien, Kinder, Jugendliche, Stadtführungen und Anhalt-Touren, Frauenmahl und Konzerte …

Das Motto des Kirchentages – »Forschen.Lieben.Wollen.Tun« – bezieht sich auf einen Satz des in Dessau geborenen jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn (1729–1786): »Nach Wahrheit forschen, Schönes lieben, Gutes wollen, das Beste tun.« Dies sei »die Bestimmung des Menschen«. Er formulierte das in einer Zeit, in der die Religionen in der Gesellschaft untereinander neu und umfassend diskutiert wurden. Mendelssohns Worte zur Besinnung auf die Balance von Geist und Gefühl, Wollen und Handeln sind noch immer aktuell. Sie spiegeln sich im Programm des Kirchentages: Gefragt wird, ob »Alt werden – Last oder Lust?« bedeutet. Diskutiert wird über das Gesamtkonzept Elbe und über die »Wilde Mulde«. In einem interreligiösen Gespräch geht es um das Leben in einer multikulturellen Gesellschaft, in Vorträgen um »Dessau und Moses Mendelssohn – Die lange Geschichte eines schwierigen Beziehung« oder »Toleranz und Intoleranz in der hebräischen Bibel«. Glaubensthemen werden in den Podien »Glauben verbindlich leben« oder »Was bedeutet Religion in meinem Leben?« erörtert.

Zu den kulturellen Höhepunkten zählen die Aufführung des Trinitatis-Oratoriums des Bernburger Kirchenmusikers Sebastian Saß am 26. Mai in St. Johannis, das Festkonzert »Preisen.Singen.Jubilieren« der Anhaltischen Philharmonie am 27. Mai auf dem Markt und die »Nacht der Religionen« am Sonnabend, zu der Kirchen und Gemeinden verschiedener Glaubensrichtungen geöffnet sind. Eher an Besucher von auswärts richten sich die Angebote zu Stadtführungen und die »Anhalttouren« nach Wörlitz und in andere Städte.

Ohne Partner könnte die Landeskirche Anhalts den Kirchentag, zu dem etwa 5 000 Besucher erwartet werden, kaum ausrichten. Neben ihr und ihren Kirchengemeinden ist die Stadt Dessau-Roßlau der Hauptakteur, weitere Mitwirkende sind Institutionen, Initiativen und Gruppen in der Region – etwa das Anhaltische Theater, das Umweltbundesamt oder die Hochschule Anhalt. »Dessau-Roßlau beteiligt sich mit 50 000 Euro an der Finanzierung des Kirchentages auf dem Weg«, sagt Andreas Janßen vom landeskirchlichen Projektbüro »Luther 2017«. Hinzu komme eine »hohe Summe unbarer Leistungen«. Als Partner würden die Landeskirche und die Stadt sehr gut zusammenarbeiten. Überhaupt sei der Kirchentag auf dem Weg eine Chance für die Region, Menschen aus Nah und Fern für Geschichte und Gegenwart in Anhalt zu interessieren und gute Gastgeber zu sein.

Angela Stoye

www.landeskirche-anhalts.de

Wir sind alle Ebenbilder Gottes

6. Februar 2017 von redaktionguh  
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Seit Juli vorigen Jahres ist der Theologe Erhard Hilmer Beauftragter für die Sinnesbehindertenseelsorge und Inklusion an den evangelischen Schulen in der Landeskirche Anhalts. Angela Stoye sprach mit ihm über das umstrittene Thema Inklusion.

Herr Hilmer, wie sehen Sie das mit der Inklusion?
Hilmer:
Es ist ein Menschenrecht und nichts Fakultatives, wie manche leider immer noch meinen. Inklusion gilt auch für Kirchen und ihre Gemeinden. Das Bibelwort »Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde« bedeutet, Menschen in ihrer Vielfalt und Einzigartigkeit wahr- und anzunehmen. Ich lese auch die Heilungsgeschichten aus dem Neuen Testament so. Wenn Jesus jemandem die Augen öffnet oder ihn wieder gehen lässt, traut er ihm etwas zu, holt ihn vom Ausgestoßensein in die Gesellschaft zurück. Jesus hat etwas getan, das den Menschen seiner Zeit anstößig erschien. Auch mit der Inklusion wird etwas angestoßen, das bisher nicht selbstverständlich ist und das manche für utopisch halten.

Das klingt so, als benötigten manche nur einen Schubs und schon klappt es.
Hilmer:
So einfach ist es nicht. Inklusion ist immer individuell. Es muss genau geschaut werden, was der jeweilige Mensch benötigt und was die Menschen um ihn herum benötigen. Aus meinen Berufsjahren als Religionslehrer und als Schulbegleiter für ein Inklusionskind weiß ich, dass es strukturelle Hürden und verschiedene Meinungen gibt. Doch es gibt viele gute Gründe für Inklusion. Nicht nur Inklusionskinder können in ihren sozialen Beziehungen enorm bereichert werden, sondern auch die anderen Kinder in der Inklusionsklasse und der jeweiligen Schule. Ablehnende Haltungen sind eher auf Seiten der anderen Eltern, der Schulen und Behörden zu finden.

»Inklusion entspricht der christlichen Botschaft«, sagt der Theologe Erhard Hilmer. Foto: Landeskirche Anhalts

»Inklusion entspricht der christlichen Botschaft«, sagt der Theologe Erhard Hilmer. Foto: Landeskirche Anhalts

Warum das?
Hilmer:
Bisher herrscht oft noch die Grund­annahme vor, dass Menschen mit einer Behinderung in separaten Einrichtungen besser aufgehoben sind und sich in die vorgegebenen Möglichkeiten von Schule und Gesellschaft einpassen sollen. Inklusion ist aber mehr: Sie erfordert, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse, die bestimmte Menschen von der Teilhabe ausschließen, verändert werden. Und das ist, gebe ich zu, oft nicht so einfach, vor allem wenn finanzielle Gründe und der Druck in unserer Leistungsgesellschaft die wichtigere Rolle spielen.

Was geschieht bisher, wenn Eltern ein Kind mit Behinderung bekommen?
Hilmer:
Skandalös empfinde ich, wenn Eltern sich dafür rechtfertigen müssen oder ihnen zustehende Unterstützung erst einklagen müssen. Andererseits engagieren sich Erzieher(innen) und Lehrer(innen) in Frühförderstellen, integrativen Kindergärten und in den Förderschulen sehr für Mädchen und Jungen mit besonderem Förderbedarf. An einigen Regelschulen gibt es auch schon positive Erfahrungen mit Inklusion.

Ich verstehe, dass es bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Fördereinrichtungen Ängste gibt. Aber ihre Fachkompetenz ist doch mit dem Voranschreiten der Inklusion auch weiterhin gefragt. Und ich weiß, dass Schulen unter personeller Unterversorgung und bürokratischem Mehraufwand stöhnen. Aber es wird sich nur dann etwas ändern, wenn alle in Sachen Inklusion an einem Strang ziehen. Denn es gibt aus meiner Sicht nur sehr wenige wirkliche Gründe, die gegen die Inklusion eines Kindes sprechen. Doch Fördereinrichtungen schnell abzuschaffen, ist nicht der Weg. Im Zuge der Entwicklung in Richtung Inklusion sollten sie entsprechend weiterentwickelt werden.

Wie kann es vor Ort weitergehen?
Hilmer:
In kleinen konkreten Schritten. Zum Beispiel gab es in Dessau im Januar zum ersten Mal ein Treffen von Eltern und Interessierten, aus dem eine Initiative beziehungsweise ein Netzwerk für Inklusion entstehen kann. Im Mittelpunkt soll der Erfahrungsaustausch stehen. Wir wollen gemeinsam Möglichkeiten der gegenseitigen Unterstützung überlegen. Ebenso wollen wir Wege für das weitere Durchsetzen dieses Menschenrechtes in unserer Gesellschaft ausloten. Dazu sind weitere Interessierte – auch aus anderen Orten – herzlich willkommen. Ich finde, wenn wir eine inklusive Gesellschaft sein wollen, müssen wir zeitig in Kindertagesstätten und Schulen anfangen, damit die Teilhabe aller zur Selbstverständlichkeit wird.

Und wie ist es in der Kirche?
Hilmer:
Unsere Landeskirche Anhalts hat für den Themenbereich der Inklusion einen Stellenanteil bereitgestellt und damit verdeutlicht, dass Inklusion wichtig ist und Kirche aktiv daran mitwirkt. Kirche und Gemeinde ist ein Begegnungsraum für alle. Inklusion entspricht der christlichen Botschaft und kann in der Gemeinde konkret gelebt werden. Dies können wir nur gemeinsam verwirklichen und ich freue mich, als Ansprechpartner bei Fragen, Anregungen oder für Hilfen zur Verfügung stehen zu können.

Kontakt zu Erhard Hilmer unter Telefon (01 74) 2 47 29 83 oder per E-Mail <erhard.hilmer@kircheanhalt.de>

Kann Dessau Gastfreundschaft?

31. Januar 2017 von redaktionguh  
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Für rund 5 000 Gäste des »Kirchentags auf dem Weg« werden auch Privatquartiere gesucht

Die Welt wird am 28. Mai zum Abschluss des Evangelischen Kirchentags 2017 auf Wittenberg schauen. Bereits am 24. Mai wird der Kirchentag im Zeichen des Reformationsjubiläums in Berlin eröffnet. Zwischen Eröffnung und Abschluss bleibt Zeit, in acht verschiedenen Städten Mitteldeutschlands viele kleine Höhepunkte bei den »Kirchentagen auf dem Weg« zu erleben. So auch in Dessau-Roßlau.

Oberbürgermeister Peter Kuras, Andreas Janßen (Landeskirche Anhalts), Isabell Mittag (Verein Reformation 2017) und Stephan von Kolson (Deutscher Evangelischer Kirchentag; v. li.) werben dafür, dass die Dessauer zum »Kirchentag auf dem Weg« Privatquartiere bereitstellen. Foto: Lutz Sebastian

Oberbürgermeister Peter Kuras, Andreas Janßen (Landeskirche Anhalts), Isabell Mittag (Verein Reformation 2017) und Stephan von Kolson (Deutscher Evangelischer Kirchentag; v. li.) werben dafür, dass die Dessauer zum »Kirchentag auf dem Weg« Privatquartiere bereitstellen. Foto: Lutz Sebastian

»Das wird ein großes Ereignis für unsere Stadt und ist von den Dimensionen her mindestens mit dem Sachsen-Anhalt-Tag 2012 zu vergleichen«, sagt Peter Kuras, Dessau-Roßlaus Oberbürgermeister. Vor fünf Jahren hat sich die Stadt zwischen Mulde und Elbe im Rahmen des Jubiläums »Anhalt 800« schon einmal als guter Gastgeber für Tausende Besucher präsentiert. Aus allen Landesteilen strömten damals Gäste nach Dessau-Roßlau, um den Sachsen-Anhalt-Tag mit seinem üppigen Programm zu genießen. Das wird diesmal auch nicht anders sein, wenn vom 25. bis 28. Mai der Dessau-Roßlauer »Kirchentag auf dem Weg« vom Anhaltmahl in der Zerbster Straße über Workshops und Diskussionen bis hin zu Musik und Theater ziemlich viel Kurzweil bietet.

»Wir erwarten rund 5 000 Gäste aus dem In- und Ausland«, so Peter Kuras. Die wollen untergebracht werden. Hotels und Pensionen in der Stadt sind für das lange Himmelfahrtswochenende nahezu ausgebucht. Die Stadt stellt in der Berufsschule und dem Gymnasium Philanthropinum insgesamt rund 1 500 zusätzliche Schlafplätze zur Verfügung. Um auch den Rest der Besucher unterbringen zu können, haben die Stadt und die Landeskirche Anhalts eine gemeinsame Privatquartier-Kampagne ins Leben gerufen und Mitte Januar im Rathaus vorgestellt.

Unter dem Motto »Das Beste tun. Ein Platz zum Ruh’n« sind die Bürgerinnen und Bürger aufgerufen, sich als gute Gastgeber für die Kirchentagsbesucher zu zeigen und sich dafür bis Mitte März anzumelden. »Die Gäste erwarten keinen Fünf-Sterne-Standard, sondern einfach nur einen Platz zum Schlafen und vielleicht ein kleines Frühstück«, betont Isabell Mittag, die die Kampagne leitet. »Auf jeden Fall ist es eine interessante Erfahrung, Gastgeber zu sein. Man lernt neue Menschen für einige Tage oder vielleicht als neue Freunde kennen«, wirbt auch Andreas Janßen von der Anhaltischen Landeskirche dafür, die Herzen und Türen an diesem Himmelfahrtswochenende für Fremde zu öffnen.

Danny Gitter


Informationen zur Kampagne und zur Anmeldung unter www.r2017.org/betten oder Telefon (0 34 91) 6 43 47 07

»Und wenn dann jemand sagt, euren Glauben finde ich toll …«

26. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Der diakonische Freizeittreff »Popcorn« der Köthener Jakobsgemeinde ist seit fast 20 Jahren ein beliebter Anlaufpunkt für junge Menschen

Es ist wahrscheinlich nicht übertrieben zu sagen: Generationen von Köthener Jugendlichen sind mit dem diakonischen Freizeittreff »Popcorn« aufgewachsen. Seit fast 20 Jahren ist die Einrichtung der Jakobskirchengemeinde ein Anlaufpunkt für Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 20 Jahren.

Als Leiter Olaf Schwertfeger (58) 1997 in Köthen begann, ging es darum, eine Jugendschutzstelle aufzubauen. Eine Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche bei Gewalt, Sucht oder Mobbing, aber auch als Ansprechpartner für Eltern, Lehrer und Sozialarbeiter. Erst ein Jahr später wurde auch der offene Jugendtreff gegründet und zog in den Keller des Wolfgangstifts in der Bärteichpromenade. Dort ist das »Poppi«, wie es von den Jugendlichen liebevoll genannt wird, zwar im Oktober des vergangenen Jahres wegen Feuchtigkeit ausgezogen. Das neue Domizil im ehemaligen evangelischen Kindergarten liegt aber nur ein paar Häuser weiter in der Bärteichpromenade 16.

Ein Motto zum Diskutieren – Foto: Thorsten Keßler

Ein Motto zum Diskutieren – Foto: Thorsten Keßler

Außer am Sonntag ist das »Popcorn« jeden Tag zwischen 14 und 20 Uhr geöffnet. Dienstags und donnerstags gibt es Programm. »Da wird Action gemacht und die Kollegen denken sich etwas aus«, sagt Olaf Schwertfeger. Kochen, Basteln, Tanzen oder auch mal ein Besuch der Bowlingbahn. »Alles andere können die Jugendlichen sowieso immer machen. Wir wollen nicht zu viel Struktur hineinbringen.« Alles andere, das heißt Billard, Tischtennis oder Tischfußball. Auch Computer- oder Gesellschaftsspiele stehen zur Auswahl, in der Küche kann gekocht werden, und für wenig Geld gibt es auch einen kleinen Imbiss. So sind es täglich zwischen 15 und 30 Jugendliche, die im »Popcorn« ein- und ausgehen.

»Cool« ist das am meisten gebrauchte Wort, fragt man die jungen Gäste, was ihnen am »Popcorn« gefällt. Laura (12) mag den großen Multifunktionsraum im ersten Stock über der Cafeteria, »weil ich gerne tanze und dort viel Platz ist«. Dem elfjährigen Paul gefällt der große Außenbereich im neuen »Popcorn« und er mag die Kurzfreizeiten, die das Team (vier Ein-Euro-Kräfte und eine Festangestellte) um Olaf Schwertfeger in den Ferien organisiert. »Wir mussten jeden Morgen das Zelt aufräumen, dann war Zeltkontrolle und die Sieger haben Eis bekommen«, erinnert sich Paul.

Solche kleinen Wettkämpfe mit entsprechenden Motivationen sind die »pädagogischen Schräubchen, an denen man dreht und mit denen man so viel erreichen kann«, erklärt Schwertfeger, denn in das »Popcorn« kommen viele Kinder aus schwierigen Verhältnissen. Erfolg in der Arbeit ist, wenn »Kinder und Jugendliche lernen, sich gegenseitig zu respektieren und mit Stärken und Schwächen umgehen können«. Der 1,90-Meter-Mann ist Kumpel und Respektsperson und »vielleicht auch ein bisschen Berufsjugendlicher, aber wenn man in der Branche arbeitet, bleibt man im Kopf und in der Sprache jung«.

Das »Popcorn« sei zwar eine kirchliche Einrichtung, aber mit dem Begriff Mission tue er sich schwer, sagt der Leiter. Das Christliche in der Arbeit seien die fest ins »Popcorn«-Programm inte­grierten kirchlichen Feiertage, und natürlich gehören Besuche der Jakobskirche dazu. Um die Kirche baulich zu ergründen, einen Blick unter das Dach zu werfen oder zur Orgelführung mit Kirchenmusikdirektorin Martina Apitz. Olaf Schwertfeger will auch die Vorbehalte gegenüber der Kirche abbauen. Das sei schon eine ganze Menge: »Wir wollen zeigen, wir Christen sind ganz normale Menschen und mit uns kann man genauso viel Spaß haben wie mit allen anderen. Und wenn dann jemand sagt, euren Glauben finde ich toll, dann umso besser!«

Thorsten Keßler

Klarheit erst am Ende

16. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Kirchenpräsident Joachim Liebig zu Gottesvorstellungen

Der Kern unseres christlichen Glaubens ist der Mensch gewordene Gott Jesus Christus. Diese Grundlage ist unveränderlich und steht nicht zur Diskussion. Die Heilige Schrift bezeugt Gottes Plan mit seiner Schöpfung, in dem zunächst ein Volk auserwählt wird, dem sich Gott zuwendet. Von Bethlehem bis Golgatha erweitert Gott seine heilsbringende Zusage über sein Volk hinaus an alle Menschen. Damit ist für uns Christen das Gottesbild definiert. In der Predigt, den Wundern und dem Gebet Jesu Christi wird zeitlos deutlich, welches Gottesbild wir haben und welches Heil Gott für uns Menschen bereithält. Es gipfelt in der Überwindung des Todes zu Ostern und der sicheren Gewissheit seiner Wiederkunft am Ende der Zeit. Bereits die frühe Christengemeinde steht vor der Frage, ob damit das Bild Gottes im Alten Bund ungültig sei. Gott kann aber seiner Verheißung nicht untreu werden. Daher ist der Neue Bund eine Erweiterung und lässt alle vorherigen Heilszusagen gelten, indem er sie als Messias überbietet.

Joachim Liebig. Foto: Landeskirche

Joachim Liebig. Foto: Landeskirche

Davon abweichende Gottesbilder lassen sich mit diesem christlichen Gottesbild nicht zur Deckung bringen. Das Gottesbild des Alten Bundes ist aus christlicher Sicht eine Hinführung zu dem des Neuen Bundes. Später entstandene monotheistische Gottesbilder lassen sich in diesen Glauben nicht einordnen. Welche Vorstellungen wir Menschen von Gott haben, ist freilich allein davon abhängig, wie Gott sich offenbart. Jede menschlich geformte Gottesvorstellung ist lediglich Spekulation und nicht Glaubensgegenstand. Glaube bleibt Offenbarung Gottes.

In einer langen blutigen Geschichte hat das Christentum gelernt, andere Offenbarungen Gottes zur Kenntnis zu nehmen, ohne daraus Gewalt werden zu lassen. Selbstkritisch muss offen bleiben, ob christlicher Fundamentalismus zukünftig gleichfalls darauf verzichten wird. Ohne eine Vermischung unterschiedlicher Gottesbilder muss es auch in Zukunft möglich sein, allein auf den Geist Gottes zu vertrauen und ihm die Umkehr zum Glauben zuzutrauen. Die feste Überzeugung, Jesus Christus allein sei der Weg zum Heil, schließt die Toleranz – das Ertragen anderen Glaubens – nicht aus. Im Gegenteil: Je fester der eigene Glaube ist, desto mehr ist der Glaubende werbend gesprächsfähig mit anderen. Weder gewaltsame Mission noch verschwimmende Glaubensgrundlagen entsprechen der Botschaft Jesu Christi.

Es bleibt die Aufgabe aller Glaubenden, ihre eigenen Lebensdeutungen und Fragen im Dialog mit Gott zu klären. Die christliche Gemeinde braucht dazu die Gemeinschaft der Glaubenden, die Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift und das fortdauernde Gebet. Die christliche Gemeinde muss unterschiedliche Deutungen ertragen können. Bereits die frühe apostolische Christenheit kennt das Problem. Gemeinsam vor dem einen Gott werden alle menschlichen Probleme nebensächlich.

Gemeinsame Gebete mit Menschen anderen Glaubens können sich für Christinnen und Christen stets nur an den trinitarischen Gott wenden. Wir machen Gott jedoch unzulässig klein, wenn nicht auch andere Glaubende eine Antwort ihrer Gebete erfahren dürfen. Abschließende Klarheit dazu wird erst das Ende der Geschichte zeigen.

Kirchenpräsident Joachim Liebig

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