Wenn Nathan im Rollstuhl sitzt

20. Februar 2017 von redaktionguh  
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Schultheatergruppe interpretiert einen Literaturklassiker ganz eigenwillig

Da schwirren sie umher, sechs von acht Mitgliedern der Theatergruppe »Emily« des Dessauer Gymnasiums Philanthropinum und studieren direkt im Dachgeschoss ihrer Schule ein großes Werk der Literaturgeschichte ein. An keinen Geringeren als Gotthold Ephraim Lessing wagen sich die Neunt- bis Elftklässler. »Nathan der Weise« steht auf ihrer Agenda. So weit, so normal. Doch normal ist bei diesem Stück fast nichts. Da wird geflachst. Da werden Matrosenkostüme, Horror- und Pestmasken ausprobiert. Auf den ersten Blick lässt der Karneval grüßen. Wo da die Ernsthaftigkeit bleibe, fragt sich der interessierte Beobachter. Schließlich gilt es hier die Frage nach der wahren Religion zu beantworten.

Regiebesprechung mit dem Autor Thomas Altmann (li.) und der Theatergruppenleiterin Birgit Krüger, bevor Nathan im Rollstuhl in den Dialog mit dem liegenden Saladin tritt. Foto: Danny Gitter

Regiebesprechung mit dem Autor Thomas Altmann (li.) und der Theatergruppenleiterin Birgit Krüger, bevor Nathan im Rollstuhl in den Dialog mit dem liegenden Saladin tritt. Foto: Danny Gitter

Schon im Original lässt Lessing seinen jüdischen Protagonisten Nathan sich bei dieser Frage winden und in Märchen sowie Parabeln dem muslimischen Sultan Saladin antworten.

Die Schultheatergruppe unter der Leitung der Gymnasiallehrerin Birgit Krüger treibt es auf die Spitze. Fragmente aus »Nathan der Weise« werden herausgepickt und mit so ziemlich allem, was die Gebrüder Grimm zu bieten haben, und frechen neuzeitlichen Dialogen verknüpft. Die Märchenstunde ist eröffnet unter dem Titel »Nathan im Rollstuhl«. Ob das am Ende einen Sinn ergibt? Der Zuschauer wird es herausfinden, rund um den »Kirchentag auf dem Weg« in Dessau-Roßlau. Am langen Himmelfahrtswochenende spielen sie am Rande des Anhalt-Mahls am Abend zu Christi Himmelfahrt. Einen Abend später präsentieren die Nachwuchsschauspieler im Alten Theater ihr Stück mit Filmsequenzen, die sie vor dem Kirchentag gedreht haben, sowie mit Lesungen. Der Offene Kanal Dessau lässt »Nathan im Rollstuhl« zur Zeit des Kirchentags über den Bildschirm flimmern.

Bis dahin heißt es üben, üben, üben und in einem Werkstattgespräch am Rand der Proben zumindest schon die ersten Fragen zu beantworten. Warum etwa aus »Nathan der Weise« ein »Nathan im Rollstuhl« wird, darauf könnte Thomas Altmann, der Kopf dahinter, mit Genuss in Märchen und Parabeln antworten. Er macht es dann auf die philosophische Art. »In diesen Zeiten stehen sich Menschen und ihre Religionen in Nähe oder in unversöhnlicher Ferne gegenüber«, sagt Altmann. »Diese Nähe und diese Ferne hinterfragt der vernünftige Nathan. Doch diese Vernunft ist brüchig. Deshalb braucht sie im Rollstuhl ein Vehikel«, führt er weiter aus.

Im Kirchenkreis Dessau ist der studierte Theologe, der Religion gerne kritisch hinterfragt, für seine besondere Auseinandersetzung mit Glaube und Christentum bekannt. Schon in der Vergangenheit wurden Krippenspiele der Jungen Gemeinde in Roßlau unter seiner Regie zu glaubens- und gesellschaftskritischen Theaterstücken. Auch mit »Nathan im Rollstuhl« will der Öffentlichkeitsarbeiter eines Dessauer Krankenhauses den Zuschauer aus der Komfortzone holen. »Ist Religion nur immer der Blick nach hinten und wenn wir nach vorne schauen, was können wir da erwarten?«, fragt Altmann. Mit »Nathan im Rollstuhl« will er zum Kirchentag auf dem Weg versuchen, Antworten darauf zu geben.

Danny Gitter

Im Sinne von Moses Mendelssohn

13. Februar 2017 von redaktionguh  
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Das Motto des Dessau-Roßlauer Kirchentages: »Forschen.Lieben.Wollen.Tun«

Wer sich das Programm für den Kirchentag auf dem Weg in Dessau-Roßlau anschaut, kann die Frage »Wo gehe ich hin?« nicht so leicht beantworten. Am 25. Mai, dem Himmelfahrtstag, geht es ja noch: tagsüber die Welterbe-Region entdecken oder die »Schatzkammer der Reformation«-

In der Marienkirche zu Dessau wird zum Kirchentag unter anderem die Ausstellung »FrauenERLeben in Anhalt« gezeigt. Foto: Johannes Killyen

In der Marienkirche zu Dessau wird zum Kirchentag unter anderem die Ausstellung »FrauenERLeben in Anhalt« gezeigt. Foto: Johannes Killyen

Ausstellung im Johannbau besichtigen, am Abend den ökumenischen Gottesdienst auf dem Markt besuchen und sich danach zum Anhaltmahl in der Innenstadt niederlassen, später durch die Museen schlendern oder das Konzert in der Marienkirche besuchen. Am Freitag und Sonnabend fällt die Auswahl schwer: Bibelarbeiten, Andachten, Stundengebete, offenes Singen, Vorträge, Workshops und Podien, das Anhalt-Dorf, in dem sich Kirchengemeinden, die Anhalt-Städte und Vereine präsentieren, Angebote für Familien, Kinder, Jugendliche, Stadtführungen und Anhalt-Touren, Frauenmahl und Konzerte …

Das Motto des Kirchentages – »Forschen.Lieben.Wollen.Tun« – bezieht sich auf einen Satz des in Dessau geborenen jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn (1729–1786): »Nach Wahrheit forschen, Schönes lieben, Gutes wollen, das Beste tun.« Dies sei »die Bestimmung des Menschen«. Er formulierte das in einer Zeit, in der die Religionen in der Gesellschaft untereinander neu und umfassend diskutiert wurden. Mendelssohns Worte zur Besinnung auf die Balance von Geist und Gefühl, Wollen und Handeln sind noch immer aktuell. Sie spiegeln sich im Programm des Kirchentages: Gefragt wird, ob »Alt werden – Last oder Lust?« bedeutet. Diskutiert wird über das Gesamtkonzept Elbe und über die »Wilde Mulde«. In einem interreligiösen Gespräch geht es um das Leben in einer multikulturellen Gesellschaft, in Vorträgen um »Dessau und Moses Mendelssohn – Die lange Geschichte eines schwierigen Beziehung« oder »Toleranz und Intoleranz in der hebräischen Bibel«. Glaubensthemen werden in den Podien »Glauben verbindlich leben« oder »Was bedeutet Religion in meinem Leben?« erörtert.

Zu den kulturellen Höhepunkten zählen die Aufführung des Trinitatis-Oratoriums des Bernburger Kirchenmusikers Sebastian Saß am 26. Mai in St. Johannis, das Festkonzert »Preisen.Singen.Jubilieren« der Anhaltischen Philharmonie am 27. Mai auf dem Markt und die »Nacht der Religionen« am Sonnabend, zu der Kirchen und Gemeinden verschiedener Glaubensrichtungen geöffnet sind. Eher an Besucher von auswärts richten sich die Angebote zu Stadtführungen und die »Anhalttouren« nach Wörlitz und in andere Städte.

Ohne Partner könnte die Landeskirche Anhalts den Kirchentag, zu dem etwa 5 000 Besucher erwartet werden, kaum ausrichten. Neben ihr und ihren Kirchengemeinden ist die Stadt Dessau-Roßlau der Hauptakteur, weitere Mitwirkende sind Institutionen, Initiativen und Gruppen in der Region – etwa das Anhaltische Theater, das Umweltbundesamt oder die Hochschule Anhalt. »Dessau-Roßlau beteiligt sich mit 50 000 Euro an der Finanzierung des Kirchentages auf dem Weg«, sagt Andreas Janßen vom landeskirchlichen Projektbüro »Luther 2017«. Hinzu komme eine »hohe Summe unbarer Leistungen«. Als Partner würden die Landeskirche und die Stadt sehr gut zusammenarbeiten. Überhaupt sei der Kirchentag auf dem Weg eine Chance für die Region, Menschen aus Nah und Fern für Geschichte und Gegenwart in Anhalt zu interessieren und gute Gastgeber zu sein.

Angela Stoye

www.landeskirche-anhalts.de

Wir sind alle Ebenbilder Gottes

6. Februar 2017 von redaktionguh  
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Seit Juli vorigen Jahres ist der Theologe Erhard Hilmer Beauftragter für die Sinnesbehindertenseelsorge und Inklusion an den evangelischen Schulen in der Landeskirche Anhalts. Angela Stoye sprach mit ihm über das umstrittene Thema Inklusion.

Herr Hilmer, wie sehen Sie das mit der Inklusion?
Hilmer:
Es ist ein Menschenrecht und nichts Fakultatives, wie manche leider immer noch meinen. Inklusion gilt auch für Kirchen und ihre Gemeinden. Das Bibelwort »Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde« bedeutet, Menschen in ihrer Vielfalt und Einzigartigkeit wahr- und anzunehmen. Ich lese auch die Heilungsgeschichten aus dem Neuen Testament so. Wenn Jesus jemandem die Augen öffnet oder ihn wieder gehen lässt, traut er ihm etwas zu, holt ihn vom Ausgestoßensein in die Gesellschaft zurück. Jesus hat etwas getan, das den Menschen seiner Zeit anstößig erschien. Auch mit der Inklusion wird etwas angestoßen, das bisher nicht selbstverständlich ist und das manche für utopisch halten.

Das klingt so, als benötigten manche nur einen Schubs und schon klappt es.
Hilmer:
So einfach ist es nicht. Inklusion ist immer individuell. Es muss genau geschaut werden, was der jeweilige Mensch benötigt und was die Menschen um ihn herum benötigen. Aus meinen Berufsjahren als Religionslehrer und als Schulbegleiter für ein Inklusionskind weiß ich, dass es strukturelle Hürden und verschiedene Meinungen gibt. Doch es gibt viele gute Gründe für Inklusion. Nicht nur Inklusionskinder können in ihren sozialen Beziehungen enorm bereichert werden, sondern auch die anderen Kinder in der Inklusionsklasse und der jeweiligen Schule. Ablehnende Haltungen sind eher auf Seiten der anderen Eltern, der Schulen und Behörden zu finden.

»Inklusion entspricht der christlichen Botschaft«, sagt der Theologe Erhard Hilmer. Foto: Landeskirche Anhalts

»Inklusion entspricht der christlichen Botschaft«, sagt der Theologe Erhard Hilmer. Foto: Landeskirche Anhalts

Warum das?
Hilmer:
Bisher herrscht oft noch die Grund­annahme vor, dass Menschen mit einer Behinderung in separaten Einrichtungen besser aufgehoben sind und sich in die vorgegebenen Möglichkeiten von Schule und Gesellschaft einpassen sollen. Inklusion ist aber mehr: Sie erfordert, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse, die bestimmte Menschen von der Teilhabe ausschließen, verändert werden. Und das ist, gebe ich zu, oft nicht so einfach, vor allem wenn finanzielle Gründe und der Druck in unserer Leistungsgesellschaft die wichtigere Rolle spielen.

Was geschieht bisher, wenn Eltern ein Kind mit Behinderung bekommen?
Hilmer:
Skandalös empfinde ich, wenn Eltern sich dafür rechtfertigen müssen oder ihnen zustehende Unterstützung erst einklagen müssen. Andererseits engagieren sich Erzieher(innen) und Lehrer(innen) in Frühförderstellen, integrativen Kindergärten und in den Förderschulen sehr für Mädchen und Jungen mit besonderem Förderbedarf. An einigen Regelschulen gibt es auch schon positive Erfahrungen mit Inklusion.

Ich verstehe, dass es bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Fördereinrichtungen Ängste gibt. Aber ihre Fachkompetenz ist doch mit dem Voranschreiten der Inklusion auch weiterhin gefragt. Und ich weiß, dass Schulen unter personeller Unterversorgung und bürokratischem Mehraufwand stöhnen. Aber es wird sich nur dann etwas ändern, wenn alle in Sachen Inklusion an einem Strang ziehen. Denn es gibt aus meiner Sicht nur sehr wenige wirkliche Gründe, die gegen die Inklusion eines Kindes sprechen. Doch Fördereinrichtungen schnell abzuschaffen, ist nicht der Weg. Im Zuge der Entwicklung in Richtung Inklusion sollten sie entsprechend weiterentwickelt werden.

Wie kann es vor Ort weitergehen?
Hilmer:
In kleinen konkreten Schritten. Zum Beispiel gab es in Dessau im Januar zum ersten Mal ein Treffen von Eltern und Interessierten, aus dem eine Initiative beziehungsweise ein Netzwerk für Inklusion entstehen kann. Im Mittelpunkt soll der Erfahrungsaustausch stehen. Wir wollen gemeinsam Möglichkeiten der gegenseitigen Unterstützung überlegen. Ebenso wollen wir Wege für das weitere Durchsetzen dieses Menschenrechtes in unserer Gesellschaft ausloten. Dazu sind weitere Interessierte – auch aus anderen Orten – herzlich willkommen. Ich finde, wenn wir eine inklusive Gesellschaft sein wollen, müssen wir zeitig in Kindertagesstätten und Schulen anfangen, damit die Teilhabe aller zur Selbstverständlichkeit wird.

Und wie ist es in der Kirche?
Hilmer:
Unsere Landeskirche Anhalts hat für den Themenbereich der Inklusion einen Stellenanteil bereitgestellt und damit verdeutlicht, dass Inklusion wichtig ist und Kirche aktiv daran mitwirkt. Kirche und Gemeinde ist ein Begegnungsraum für alle. Inklusion entspricht der christlichen Botschaft und kann in der Gemeinde konkret gelebt werden. Dies können wir nur gemeinsam verwirklichen und ich freue mich, als Ansprechpartner bei Fragen, Anregungen oder für Hilfen zur Verfügung stehen zu können.

Kontakt zu Erhard Hilmer unter Telefon (01 74) 2 47 29 83 oder per E-Mail <erhard.hilmer@kircheanhalt.de>

Kann Dessau Gastfreundschaft?

31. Januar 2017 von redaktionguh  
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Für rund 5 000 Gäste des »Kirchentags auf dem Weg« werden auch Privatquartiere gesucht

Die Welt wird am 28. Mai zum Abschluss des Evangelischen Kirchentags 2017 auf Wittenberg schauen. Bereits am 24. Mai wird der Kirchentag im Zeichen des Reformationsjubiläums in Berlin eröffnet. Zwischen Eröffnung und Abschluss bleibt Zeit, in acht verschiedenen Städten Mitteldeutschlands viele kleine Höhepunkte bei den »Kirchentagen auf dem Weg« zu erleben. So auch in Dessau-Roßlau.

Oberbürgermeister Peter Kuras, Andreas Janßen (Landeskirche Anhalts), Isabell Mittag (Verein Reformation 2017) und Stephan von Kolson (Deutscher Evangelischer Kirchentag; v. li.) werben dafür, dass die Dessauer zum »Kirchentag auf dem Weg« Privatquartiere bereitstellen. Foto: Lutz Sebastian

Oberbürgermeister Peter Kuras, Andreas Janßen (Landeskirche Anhalts), Isabell Mittag (Verein Reformation 2017) und Stephan von Kolson (Deutscher Evangelischer Kirchentag; v. li.) werben dafür, dass die Dessauer zum »Kirchentag auf dem Weg« Privatquartiere bereitstellen. Foto: Lutz Sebastian

»Das wird ein großes Ereignis für unsere Stadt und ist von den Dimensionen her mindestens mit dem Sachsen-Anhalt-Tag 2012 zu vergleichen«, sagt Peter Kuras, Dessau-Roßlaus Oberbürgermeister. Vor fünf Jahren hat sich die Stadt zwischen Mulde und Elbe im Rahmen des Jubiläums »Anhalt 800« schon einmal als guter Gastgeber für Tausende Besucher präsentiert. Aus allen Landesteilen strömten damals Gäste nach Dessau-Roßlau, um den Sachsen-Anhalt-Tag mit seinem üppigen Programm zu genießen. Das wird diesmal auch nicht anders sein, wenn vom 25. bis 28. Mai der Dessau-Roßlauer »Kirchentag auf dem Weg« vom Anhaltmahl in der Zerbster Straße über Workshops und Diskussionen bis hin zu Musik und Theater ziemlich viel Kurzweil bietet.

»Wir erwarten rund 5 000 Gäste aus dem In- und Ausland«, so Peter Kuras. Die wollen untergebracht werden. Hotels und Pensionen in der Stadt sind für das lange Himmelfahrtswochenende nahezu ausgebucht. Die Stadt stellt in der Berufsschule und dem Gymnasium Philanthropinum insgesamt rund 1 500 zusätzliche Schlafplätze zur Verfügung. Um auch den Rest der Besucher unterbringen zu können, haben die Stadt und die Landeskirche Anhalts eine gemeinsame Privatquartier-Kampagne ins Leben gerufen und Mitte Januar im Rathaus vorgestellt.

Unter dem Motto »Das Beste tun. Ein Platz zum Ruh’n« sind die Bürgerinnen und Bürger aufgerufen, sich als gute Gastgeber für die Kirchentagsbesucher zu zeigen und sich dafür bis Mitte März anzumelden. »Die Gäste erwarten keinen Fünf-Sterne-Standard, sondern einfach nur einen Platz zum Schlafen und vielleicht ein kleines Frühstück«, betont Isabell Mittag, die die Kampagne leitet. »Auf jeden Fall ist es eine interessante Erfahrung, Gastgeber zu sein. Man lernt neue Menschen für einige Tage oder vielleicht als neue Freunde kennen«, wirbt auch Andreas Janßen von der Anhaltischen Landeskirche dafür, die Herzen und Türen an diesem Himmelfahrtswochenende für Fremde zu öffnen.

Danny Gitter


Informationen zur Kampagne und zur Anmeldung unter www.r2017.org/betten oder Telefon (0 34 91) 6 43 47 07

»Und wenn dann jemand sagt, euren Glauben finde ich toll …«

26. Januar 2017 von redaktionguh  
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Der diakonische Freizeittreff »Popcorn« der Köthener Jakobsgemeinde ist seit fast 20 Jahren ein beliebter Anlaufpunkt für junge Menschen

Es ist wahrscheinlich nicht übertrieben zu sagen: Generationen von Köthener Jugendlichen sind mit dem diakonischen Freizeittreff »Popcorn« aufgewachsen. Seit fast 20 Jahren ist die Einrichtung der Jakobskirchengemeinde ein Anlaufpunkt für Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 20 Jahren.

Als Leiter Olaf Schwertfeger (58) 1997 in Köthen begann, ging es darum, eine Jugendschutzstelle aufzubauen. Eine Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche bei Gewalt, Sucht oder Mobbing, aber auch als Ansprechpartner für Eltern, Lehrer und Sozialarbeiter. Erst ein Jahr später wurde auch der offene Jugendtreff gegründet und zog in den Keller des Wolfgangstifts in der Bärteichpromenade. Dort ist das »Poppi«, wie es von den Jugendlichen liebevoll genannt wird, zwar im Oktober des vergangenen Jahres wegen Feuchtigkeit ausgezogen. Das neue Domizil im ehemaligen evangelischen Kindergarten liegt aber nur ein paar Häuser weiter in der Bärteichpromenade 16.

Ein Motto zum Diskutieren – Foto: Thorsten Keßler

Ein Motto zum Diskutieren – Foto: Thorsten Keßler

Außer am Sonntag ist das »Popcorn« jeden Tag zwischen 14 und 20 Uhr geöffnet. Dienstags und donnerstags gibt es Programm. »Da wird Action gemacht und die Kollegen denken sich etwas aus«, sagt Olaf Schwertfeger. Kochen, Basteln, Tanzen oder auch mal ein Besuch der Bowlingbahn. »Alles andere können die Jugendlichen sowieso immer machen. Wir wollen nicht zu viel Struktur hineinbringen.« Alles andere, das heißt Billard, Tischtennis oder Tischfußball. Auch Computer- oder Gesellschaftsspiele stehen zur Auswahl, in der Küche kann gekocht werden, und für wenig Geld gibt es auch einen kleinen Imbiss. So sind es täglich zwischen 15 und 30 Jugendliche, die im »Popcorn« ein- und ausgehen.

»Cool« ist das am meisten gebrauchte Wort, fragt man die jungen Gäste, was ihnen am »Popcorn« gefällt. Laura (12) mag den großen Multifunktionsraum im ersten Stock über der Cafeteria, »weil ich gerne tanze und dort viel Platz ist«. Dem elfjährigen Paul gefällt der große Außenbereich im neuen »Popcorn« und er mag die Kurzfreizeiten, die das Team (vier Ein-Euro-Kräfte und eine Festangestellte) um Olaf Schwertfeger in den Ferien organisiert. »Wir mussten jeden Morgen das Zelt aufräumen, dann war Zeltkontrolle und die Sieger haben Eis bekommen«, erinnert sich Paul.

Solche kleinen Wettkämpfe mit entsprechenden Motivationen sind die »pädagogischen Schräubchen, an denen man dreht und mit denen man so viel erreichen kann«, erklärt Schwertfeger, denn in das »Popcorn« kommen viele Kinder aus schwierigen Verhältnissen. Erfolg in der Arbeit ist, wenn »Kinder und Jugendliche lernen, sich gegenseitig zu respektieren und mit Stärken und Schwächen umgehen können«. Der 1,90-Meter-Mann ist Kumpel und Respektsperson und »vielleicht auch ein bisschen Berufsjugendlicher, aber wenn man in der Branche arbeitet, bleibt man im Kopf und in der Sprache jung«.

Das »Popcorn« sei zwar eine kirchliche Einrichtung, aber mit dem Begriff Mission tue er sich schwer, sagt der Leiter. Das Christliche in der Arbeit seien die fest ins »Popcorn«-Programm inte­grierten kirchlichen Feiertage, und natürlich gehören Besuche der Jakobskirche dazu. Um die Kirche baulich zu ergründen, einen Blick unter das Dach zu werfen oder zur Orgelführung mit Kirchenmusikdirektorin Martina Apitz. Olaf Schwertfeger will auch die Vorbehalte gegenüber der Kirche abbauen. Das sei schon eine ganze Menge: »Wir wollen zeigen, wir Christen sind ganz normale Menschen und mit uns kann man genauso viel Spaß haben wie mit allen anderen. Und wenn dann jemand sagt, euren Glauben finde ich toll, dann umso besser!«

Thorsten Keßler

Klarheit erst am Ende

16. Januar 2017 von redaktionguh  
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Kirchenpräsident Joachim Liebig zu Gottesvorstellungen

Der Kern unseres christlichen Glaubens ist der Mensch gewordene Gott Jesus Christus. Diese Grundlage ist unveränderlich und steht nicht zur Diskussion. Die Heilige Schrift bezeugt Gottes Plan mit seiner Schöpfung, in dem zunächst ein Volk auserwählt wird, dem sich Gott zuwendet. Von Bethlehem bis Golgatha erweitert Gott seine heilsbringende Zusage über sein Volk hinaus an alle Menschen. Damit ist für uns Christen das Gottesbild definiert. In der Predigt, den Wundern und dem Gebet Jesu Christi wird zeitlos deutlich, welches Gottesbild wir haben und welches Heil Gott für uns Menschen bereithält. Es gipfelt in der Überwindung des Todes zu Ostern und der sicheren Gewissheit seiner Wiederkunft am Ende der Zeit. Bereits die frühe Christengemeinde steht vor der Frage, ob damit das Bild Gottes im Alten Bund ungültig sei. Gott kann aber seiner Verheißung nicht untreu werden. Daher ist der Neue Bund eine Erweiterung und lässt alle vorherigen Heilszusagen gelten, indem er sie als Messias überbietet.

Joachim Liebig. Foto: Landeskirche

Joachim Liebig. Foto: Landeskirche

Davon abweichende Gottesbilder lassen sich mit diesem christlichen Gottesbild nicht zur Deckung bringen. Das Gottesbild des Alten Bundes ist aus christlicher Sicht eine Hinführung zu dem des Neuen Bundes. Später entstandene monotheistische Gottesbilder lassen sich in diesen Glauben nicht einordnen. Welche Vorstellungen wir Menschen von Gott haben, ist freilich allein davon abhängig, wie Gott sich offenbart. Jede menschlich geformte Gottesvorstellung ist lediglich Spekulation und nicht Glaubensgegenstand. Glaube bleibt Offenbarung Gottes.

In einer langen blutigen Geschichte hat das Christentum gelernt, andere Offenbarungen Gottes zur Kenntnis zu nehmen, ohne daraus Gewalt werden zu lassen. Selbstkritisch muss offen bleiben, ob christlicher Fundamentalismus zukünftig gleichfalls darauf verzichten wird. Ohne eine Vermischung unterschiedlicher Gottesbilder muss es auch in Zukunft möglich sein, allein auf den Geist Gottes zu vertrauen und ihm die Umkehr zum Glauben zuzutrauen. Die feste Überzeugung, Jesus Christus allein sei der Weg zum Heil, schließt die Toleranz – das Ertragen anderen Glaubens – nicht aus. Im Gegenteil: Je fester der eigene Glaube ist, desto mehr ist der Glaubende werbend gesprächsfähig mit anderen. Weder gewaltsame Mission noch verschwimmende Glaubensgrundlagen entsprechen der Botschaft Jesu Christi.

Es bleibt die Aufgabe aller Glaubenden, ihre eigenen Lebensdeutungen und Fragen im Dialog mit Gott zu klären. Die christliche Gemeinde braucht dazu die Gemeinschaft der Glaubenden, die Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift und das fortdauernde Gebet. Die christliche Gemeinde muss unterschiedliche Deutungen ertragen können. Bereits die frühe apostolische Christenheit kennt das Problem. Gemeinsam vor dem einen Gott werden alle menschlichen Probleme nebensächlich.

Gemeinsame Gebete mit Menschen anderen Glaubens können sich für Christinnen und Christen stets nur an den trinitarischen Gott wenden. Wir machen Gott jedoch unzulässig klein, wenn nicht auch andere Glaubende eine Antwort ihrer Gebete erfahren dürfen. Abschließende Klarheit dazu wird erst das Ende der Geschichte zeigen.

Kirchenpräsident Joachim Liebig

»Plus + Punkt« für die junge Generation

9. Januar 2017 von redaktionguh  
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Offiziell gestartet ist das Projekt Jugendkirche im Dezember. In den nächsten Wochen soll es die Arbeit aufnehmen.

Mit dem Auftakt ist Martin Olejnicki sehr zufrieden. Rund 50 Interessenten, Erwachsene und Jugendliche, kamen zum »Kick off« für die Jugendkirche Anhalts am 10. Dezember nach Großpaschleben bei Köthen. »Das zeigt mir, dass Interesse an unserem Vorhaben besteht«, sagt der Pfarrer, der an diesem Tag als Koordinator des Projekts und als Kreisjugendpfarrer für den Kirchenkreis Köthen eingeführt wurde. Zudem ist er als Gemeindepfarrer für Frenz, Kleinpaschleben und Trinum zuständig.

Zahlreiche Jugendliche hatten sich im Vorfeld dieses Auftakts an einer Abstimmung über den Namen der Jugendkirche beteiligt. Sie trägt nun den Namen »Plus + Punkt«. Ab diesem Jahr sollen ihre Angebote in Form thematischer Module in Schulen und kirchlichen Gruppen vorgestellt und beworben werden. Unter dem Titel »Wertvolles Leben«, »Ist Gott eine Spaßbremse?«, »Endstation Friedhof« und »Schein oder sein« versprechen sie für Stunden spannende Informationen und Diskussionen. Nach den Winterferien im Februar kann es damit losgehen. »In den nächsten Wochen werde ich mich bei Religions- und Ethiklehrern vorstellen und unsere Angebotsflyer verteilen«, sagt Pfarrer Olejnicki. Dabei muss er nicht bei null beginnen. Seit Längerem besteht ein Kontakt zum Bibelkreis der Freien Schule Anhalt in Köthen, den der Religions- und Musiklehrer David Lein gründete. Acht, neun Schüler kommen hier einmal in der Woche zusammen; Martin Olejnicki ist manchmal bei den Treffen dabei.

Blick in die Kirche von Großpaschleben beim Start der Jugendkirche im vergangenen Dezember. Mit dabei war auch die Jugendband der Jungen Gemeinde Köthen. Foto: Heiko Rebsch

Blick in die Kirche von Großpaschleben beim Start der Jugendkirche im vergangenen Dezember. Mit dabei war auch die Jugendband der Jungen Gemeinde Köthen. Foto: Heiko Rebsch

Die Jugendkirche »Plus + Punkt« versteht sich zunächst nicht als festes Gebäude, sondern will eine Gemeinschaft von Jugendlichen sein, die sich im Namen des dreieinigen Gottes versammelt. Seitens der Landeskirche, so sieht es das Projekt vor, sollen sie mit ihren Begabungen und Stärken wahrgenommen und gefördert werden. Zugleich aber sollen die Jugendlichen ihre Kirche neu denken und ihre Zukunft mitgestalten. Den Glauben sollen sie als Halt und Orientierung für ihr Leben entdecken und schließlich Gemeinschaft erleben und Verantwortung übernehmen können. Die geplanten Bildungsangebote richten sich an junge Menschen, Vorkonfirmandinnen und -konfirmanden von zehn bis zu zwölf Jahren, an Konfirmandinnen und Konfirmanden (12- bis 14-Jährige) und an Jugendliche ab 14 Jahren. Dass bestimmte Angebote sich auch an Vorkonfis richten, hat seinen Grund. »Die Christenlehre geht – bis auf Ausnahmen in den Dörfern – bis zur vierten Klasse. Der Konfirmanden­unterricht beginnt in der siebenten«, so Pfarrer Olejnicki. Nach zwei Jahren Pause sei es sehr schwer, wieder Gruppen zu sammeln. »Hier in Köthen zum Beispiel gibt es als kirchliches Angebot für die Fünft- und Sechstklässler nur den Chor.« Diese Lücke soll die Jugendkirche schließen helfen.

Zu ihren weiteren Arbeitsfeldern gehören Jugendgottesdienste.

Die romanische Dorfkirche in Großpaschleben ist zwar nicht saniert, kann aber genutzt werden. Foto: Heiko Rebsch

Die romanische Dorfkirche in Großpaschleben ist zwar nicht saniert, kann aber genutzt werden. Foto: Heiko Rebsch

Hierzu sollen die Jugendlichen in ihren jeweiligen Kirchengemeinden beraten und unterstützt werden, um einen solchen Gottesdienst in ihrer Kirche feiern zu können. Weitere Arbeitsgebiete sind Seelsorge sowie Chor- und Bandarbeit. Überregional sollen sich die Jugendlichen aus den Gemeinden der Landeskirche Anhalts mithilfe der Jugendkirche besser vernetzen können. Angestrebt sind viermal im Jahr kirchenkreisweite Konfirmandentreffen und landeskirchenweite Jugendtreffen. »Diese gab es lange nicht mehr und das fehlt«, so Martin Olejnicki. Auch viele Junge Gemeinden, hat er festgestellt, existierten eher für sich. »Mit der Jugendkirche haben wir die Chance, das zu verändern.«

Ihre Kooperationspartner sind alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in der Landeskirche Anhalts auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendarbeit tätig sind, die Kirchengemeinden und -kreise sowie Schulen und diakonische Einrichtungen.

Dass die Jugendkirche »Plus + Punkt« sich zunächst als Einrichtung ohne Gebäude versteht, war oben im Text zu lesen. Richtig ist aber auch, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt durchaus über ein eigenes Haus verfügen könnte. Die Dorfkirche in Großpaschleben, eine kaum mehr genutzte Gemeindekirche, bietet sich an. Doch um als Treffpunkt das gesamte Jahr über dienen zu können, muss sie in drei Bauabschnitten saniert und ihr Innenraum durch den Einbau von Gruppenräumen, Küche und Sanitäranlagen dem neuen Zweck angepasst werden. Wann das geschehen wird, bleibt vorerst offen.

Angela Stoye

Licht der Gemeinschaft

25. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Adventsfenster erleuchten das Flämingdorf Serno

Es ist dunkel. Es ist kalt. Es sind kaum Menschen auf der Straße. Fast keine. Denn einige machen sich an diesem eher unbehaglichen Abend auf, um eine kleine Andacht zu feiern und danach mit ihren Nachbarn zusammen zu sein. Leuchtende Teelichte, Laternen, Kerzen und eine aus Glühlämpchen gestaltete 15 zeigen den Treffpunkt an. »Wir haben uns schon bei Regen und Schnee getroffen«, sagt eine Teilnehmerin. Ein bisschen Kälte schrecke da nicht ab, zum jeweiligen Adventsfester in Serno zu gehen. Zum vierten Mal gibt es diese Aktion in dem 280 Einwohner zählenden Flämingdorf im Kirchenkreis Zerbst, das nahe an der Grenze zu Brandenburg liegt. Reihum machen verschiedene Familien mit, die ein Fenster schmücken, erleuchten, Lieder und Texte auswählen und für eine halbe bis dreiviertel Stunde Gastgeber sind. Das Adventsfenster am Heiligen Abend ist die Kirche.

Hell leuchtet das Adventsfenster für den Nikolaustag, das Familie Tozek gestaltete. Foto: Angela Stoye

Hell leuchtet das Adventsfenster für den Nikolaustag, das Familie Tozek gestaltete. Foto: Angela Stoye

Am 15. Dezember ist das Haus der Familie Antal der Treffpunkt. Unter dem Vordach sind Tisch und Bänke aufgestellt, dampfen Glühwein- und Würstchentopf. Etwa 20 Sernoer finden sich ein, grüßen, kramen ihre – teils vom vielen Benutzen schon zerfledderten – Heftchen »Lieder im Advent« hervor und richten die Lichtkegel ihrer Taschenlampen auf das erste Lied. »Maria durch ein Dornwald ging« und »Es kommt ein Schiff geladen«, haben die Gastgeber, Christine und Michael Antal, ausgewählt, dazu die Weihnachtsgeschichte nach Lukas in Form eines modernen Zeitungsberichtes, der die Zuhörer schmunzeln lässt.

Unter den Gastgebern sind evangelische und katholische Christen ebenso wie Familien, die nicht zur Kirche gehören. Manche machen jedes Jahr mit, manche ab und zu. Auch die Kirchenälteste Margitta Brockhausen ist in diesem Jahr wieder Gastgeberin. »Die Adventsfenster fördern den Austausch unter den Nachbarn«, findet sie. »Um diese Jahreszeit ist jeder nach der Arbeit sonst eher für sich.

Dabei ist Zusammensein so wichtig.« In Serno geschieht das immerhin an anderen Stellen wie dem Heimat- und Traditionsverein, dem Sportverein und der Freiwilligen Feuerwehr. Leider ist es auch hier wie in anderen kleinen Dörfern: die Schule ist geschlossen, Arzt und Einkaufsmöglichkeiten befinden sich im sechs Kilometer entfernten Jeber-Bergfrieden. »Wir wurden angesprochen, ob wir mitmachen«, sagt das katholische Ehepaar Antal und hat sich der Aktion angeschlossen.

Gemeindepfarrerin Karoline Simmering hat die Sernoer Adventsfenster ins Leben gerufen und freut sich über die anhaltende Resonanz. »Jeden Tag beten wir, dass wir mit Gottes Hilfe als Bauleute des Friedens und als Boten der Gerechtigkeit unterwegs sind«, sagt sie. Neuland hat die Pfarrerin mit den Adventsfenstern nicht betreten, sondern diese Art des Zusammenseins in ihren neuen Wirkungskreis weitergetragen. In ihrer vorigen Pfarrstelle Drosa im Kirchenkreis Köthen hat sie 2007 ebenfalls Adventsfenster angeregt. Daraus ist ein schöner Brauch geworden, den die Drosaer bis heute fortführen. Am 16. Dezember war Karoline Simmering wieder einmal dort.

Angela Stoye

Entnervter Pfarrer auf dem Altartisch

19. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Aus Mühlstedt kommt der nächste Teil der Reihe Anhaltgeschichte(n). Diesmal geht es um eine eigenwillige Art der Amtsführung in einer Dorfgemeinde.

Visitationen waren ein wichtiges Instrument der Landesherren, Kirche und Untertanen zu disziplinieren. Oft bot sich dabei ein unzulängliches Bild von Lebensführung und Frömmigkeit. In dem Dorf Mühlstedt bei Zerbst kam es allerdings am 3. Oktober 1669 zu einem Eklat. Dahinter stand auch ein konfessioneller Konflikt.

So sieht der Altar der Mühlstedter Kirche heute aus. Das alte Inventar wurde bei der Gesamterneuerung der Kirche in den Jahren 1892/93 ersetzt. Foto: Sonja Hahn

So sieht der Altar der Mühlstedter Kirche heute aus. Das alte Inventar wurde bei der Gesamterneuerung der Kirche in den Jahren 1892/93 ersetzt. Foto: Sonja Hahn

In Eichholz hatte Superintendent Johann Dürre tags zuvor typischerweise einen ordentlichen Pfarrer, aber eine im Katechismus nachlässige Gemeinde angetroffen. Nun reiste er nach Mühlstedt weiter. Dort lagen die Dinge anders: Pfarrer Christian Kennicke wohnte nicht in seiner Pfarre, sondern in Zerbst, und hatte gar seine Pfarrwohnung untervermietet! Die Folgen waren fatal: So hatte die Gemeinde jüngst zwei Tote ohne geistlichen Beistand begraben müssen; und »mit einer Kindtauffe solle auch etwas vorgegangen seyn, damit aber [habe] einer vor den anderen nicht herauß gewollt«. Den Katechismus halte der Pfarrer zu selten »und fast verworren«.
Als der Superintendent diese Klagen zum Anlass nahm, den Pfarrer auf seine Rechtgläubigkeit zu überprüfen, eskalierte die Situation: Auf die Frage, wie das zweite Gebot laute, antwortete Kennicke: »Das von den Bildnißen.« Der Visitator entgegnete, wo das in der Bibel stehe?! Der Pfarrer wollte daraufhin eine Bibel holen. Der Visitator verbot es ihm jedoch mit der Ergänzung, »es habe solches noch kein reformirter in der Heiligen Schrifft gefunden«.

Sturheit auf dem Land

Hier klärten sich die Fronten: Der Superintendent war lutherisch, der Pfarrer reformiert, und die unterschiedliche Zählung des Dekalogs war ihr Unterscheidungsmerkmal. Für die Reformierten bildete das Bilderverbot, für die Lutheraner das Namensmissbrauchsverbot das zweite Gebot. Als Dürre nun jedoch mit dem Examen fortfahren wollte, verweigerte sich der Pfarrer und legte sich kurzerhand auf den Altar. Der Superintendent fuhr unterdessen mit der Katechismusübung der Gemeinde fort. Am Ende sang man »Erhalt uns Herr bei deinem Wort«. Der Pfarrer indes »blieb auff dem Tisch liegen, sang nicht mit und that keine Bezeigung einer andacht …«.

Um diesen ungewöhnlichen Verlauf richtig zu verstehen, wäre nach den persönlichen Umständen des Pfarrers zu fragen. Immerhin kennen wir die strukturellen Bedingungen seiner Existenz: Die Fürsten von Anhalt hatten seit 1596 eine reformierte Kirche aufgebaut. Das hatte gewaltige Verwerfungen hervorgerufen, insbesondere auf dem Land war man stur geblieben. Die Zerbster Fürsten aber hatten 1642 dem Reformiertentum den Rücken gekehrt. Mit der gleichen Vehemenz, mit der Gemeinden einst auf die reformierte Liturgie und den Heidelberger Katechismus getrimmt worden waren, wurden sie nun auf eine lutherische Liturgie und den lutherischen Katechismus verpflichtet.

Isolation als Grund?

Die Landbevölkerung war leichter zu überzeugen gewesen als die Pastoren und die Bürger von Zerbst. Mühlstedt war 1669 wieder überwiegend lutherisch, doch der Pfarrer, der 1632 hierhergekommen war, blieb bei seiner angestammten Konfession. War er vielleicht deswegen in seine Heimatstadt Zerbst gezogen, weil er sich in seiner Pfarre isoliert fühlte? Hatte er vielleicht deswegen zu extrem reagiert, weil er nun auch von »von oben« Druck bekam?
Dass es um seine Konstitution nicht zum Besten bestellt war, zeigte sich noch: Einige Mühlstedter konnten sich das Lachen nicht verkneifen, als der Superintendent sich erkundigte, ob »je zu zeitten er bezecht wehre [=wäre]«. Ja, stellte sich heraus, schon oft sei er »trunken« von hier aufgebrochen. Inwiefern die Mühlstedter an der Herbeiführung dieses Zustands beteiligt waren, lassen wir auf sich beruhen.

Jan Brademann

Mit Pferd, Esel und Schafen

13. Dezember 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Beim »Advent auf der Koppel« in Eichholz wirkten Mensch und Tier beim Krippenspiel mit

Manche Weihnachtsgeschichten beginnen lange vor Weihnachten. Zum Beispiel an einem Mai-Abend auf einer Koppel im Zerbster Ortsteil Eichholz. »Der Mond ging über unserer Hütte auf, und jemand sagte, das sieht ja aus wie der Stall von Bethlehem«, erinnern sich Dr. Birgit Wesenberg und Pfarrer Albrecht Lindemann. Die »Hütte« ist die aus Holz gebaute Bühne für »Rock auf der Koppel«, ein Konzert, das es bereits neun Mal in Eichholz gab und das immer beliebter wird. Aus der Assoziation im Sommer wurde eine Idee und aus dieser am ersten Advent Wirklichkeit in Form von »Advent auf der Koppel«.

Der Pfarrer und die Koppel-Inhaberin, die stets für den Ort engagierte Ärztin, gaben den inhaltlichen Anstoß. Ihrem Aufruf zum spontanen Mittun folgten über 70 Freiwillige aus dem knapp 100-Einwohner-Ort Eichholz und den Nachbarorten. So läuft es hier immer, ohne Verein, aber mit Einsatz. »Hier steht der Gemeinschaftsgedanke über dem kommerziellen Streben. Dafür können wir gar nicht genug danken«, sagt Birgit Wesenberg.

Ein Publikumsmagnet beim ersten »Advent auf der Koppel« war das Krippenspiel mit Menschen und Tieren. – Foto: Helmut Rohm

Ein Publikumsmagnet beim ersten »Advent auf der Koppel« war das Krippenspiel mit Menschen und Tieren. – Foto: Helmut Rohm

So fanden sie auch die Mitwirkenden für ein besonderes Krippenspiel rund um den Koppel-»Stall«, das ein Höhepunkt beim kleinen und doch überaus gut besuchten Adventsmarkt wurde. Nur eine einzige gemeinsame Probe war möglich, und zwar am Vortag der Aufführung. Nicht zuletzt, weil Pferd und Esel und Schafe »mitspielten«. Echte Tiere, auch sie alle Eichholzer.

Albrecht Lindemann, der als Erzähler fungierte, schrieb den Spieltext, den die Akteure noch ein wenig weiterentwickelten. Ausgehend von der Weihnachtsgeschichte nach Lukas thematisiert er Fremde und Flucht auch im Heute, auch mal mit einem Augenzwinkern und doch nachvollziehbar aktuell. Dabei treffen Josef und Maria samt (etwas störrischem) Esel auf ihrem Weg etwa auf das Wirtspaar vom »Ratskrug« – und werden abgewiesen. »Wir sind beide unabhängig voneinander gefragt worden, ob wir mitmachen wollen und haben gern zugestimmt. Auch wenn wir uns über eine positivere Rolle gefreut hätten«, sagt der Zerbster Bürgermeister Andreas Dittmann (SPD), der gemeinsam mit der Nuthaer Ortsbürgermeisterin Sylvia Rothe diesen Part übernommen hat. »Beide bringen sich immer auch bei ›Rock auf der Koppel‹ ein«, ergänzt Birgit Wesenberg.

Hinter den Eichholzer Aktivitäten steht ein besonderes Anliegen. Für die stark sanierungsbedürftige romanische Dorfkirche gewann die Kirchengemeinde zwar 125 000 Euro. Voraussetzung für die Auszahlung ist jedoch ein hoher Eigenanteil. Der »Advent auf der Koppel« half dabei. Allein das Konzert des Zerbster Stadtchores erbrachte 650 Euro. Für das Krippenspiel ist im nächsten Jahr eine Neuauflage geplant. Erste Mitmachwillige, so der Pfarrer, gibt es bereits.

Helmut Rohm

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