Wo Martin Luther auch war

24. Juli 2017 von redaktionguh  
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Testfahrt: Zerbst gehört von Anfang an zum Lutherweg in Sachsen-Anhalt. Der 2008 eröffnete Pilgerweg ist 2017 um einen Abzweig nach Magdeburg verlängert worden. Zu sehen gibt es einiges. Manchmal muss man raten.

Hier stehe ich und weiß nicht weiter. Nur zu gern würde ich im Dorf Schora in den Weg einbiegen, der mich weiter in Richtung Lübs und Elbe führt. Doch das letzte Lutherweg-Schild, ein altertümliches grünes L auf weißem Grund, habe ich am Stadtrand von Zerbst gesehen. So lege ich in der Ortsmitte eine Pause ein: am 2007 eingeweihten Gedenkort für die 1945 kriegszerstörte Kirche, von der nur eine Glocke übrig blieb. Zweimal schon bin ich, von Zerbst über die Dörfer Töppel und Moritz kommend, in Schora falsch abgebogen. Ein drittes Mal brauche ich das nicht. Aufs Navi habe ich (warum nur?) verzichtet – und das habe ich jetzt davon.

Streifzug durch eine alte Kirchenlandschaft

Bislang bildete Zerbst den Scheitelpunkt der Nordroute des Lutherweges. Seit diesem Frühjahr ließe sich die Stadt, die als erste in Anhalt ab 1522 die Reformation einführte, als Knotenpunkt bezeichnen. Denn der Lutherweg in Sachsen-Anhalt mit den Polen Eisleben im Westen und Wittenberg im Osten ist ab Zerbst in Richtung Magdeburg verlängert auf Wegen, die Martin Luther mit einiger Sicherheit einmal gegangen ist. Bei meiner Testfahrt mit dem Rad lasse ich diesmal einen Besuch der Zerbster Lutherorte aus. Vorbei an der Bartholomäikirche, in der Fürst Wolfgang der Bekenner begraben liegt, fahre ich durch die Stadt und suche meinen Weg über Nebenstraßen, Feldwege und durch Dörfer bis nach Dornburg im Kirchenkreis Elbe-Fläming, das auf der Website des Lutherweges als nächste Station ausgewiesen ist. Gleich hinter Zerbst überquere ich die unsichtbare Kirchengrenze: von der Evangelischen Landeskirche Anhalts in die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM). In Schora habe ich endlich einen Mann gefunden, der mir zeigt, wo ich abbiegen muss. Ich radele über einen tückischen Wirtschaftsweg. Mit Betonplatten ist er ausgelegt und mit Löchern durchsetzt, in denen, gut vom Regenwasser getarnt, Ösen aus Metall lauern. Weil ich die Reifen nicht beschädigen will, übe ich mich im Slalom – nur um am Ende an einer Landstraße zu stehen, zu der ich gar nicht wollte. Irgendwo zwischen den Feldern habe ich den direkten Abzweig nach Klein-Lübs verpasst. Lieber Gott, lass es Wegweiser regnen!

Die Christophoruskirche in Dornburg: Sie liegt am Luther- und am Elberadweg und ist verlässlich geöffnet. Im Hintergrund ist das Schloss zu sehen, das einst die Mutter der Zarin Katharina erbauen ließ. Fotos: Angela Stoye

Die Christophoruskirche in Dornburg: Sie liegt am Luther- und am Elberadweg und ist verlässlich geöffnet. Im Hintergrund ist das Schloss zu sehen, das einst die Mutter der Zarin Katharina erbauen ließ. Fotos: Angela Stoye

Da schimpfen nichts nützt, radele ich weiter und komme bald in den Genuss des Anblicks der Kirche in Gehrden. Sie ist, wie die Kirche im zu Beginn der Tour durchquerten Dorf Moritz, romanisch, restauriert und gepflegt, aber leider verschlossen. Nur wenige Male im Jahr gibt es in den kleinen Dörfern in diesem Teil des Jerichower Landes Gottesdienste. Dass die Kirchen verschlossen sind, wundert mich nicht. Ich weiß aus Gesprächen, wie schwierig es ist mit dem Kirchenöffnen. Ein Urteil darüber maße ich mir nicht an.

Einige Kilometer weiter stehe ich endlich in Klein-Lübs. Das Kirchlein, lange vom Verfall bedroht, besteht hinter dem Westturm aus Umfassungsmauern ohne Dach, in die sich ein später eingebauter Gemeinderaum kuschelt. Ich spähe durch ein Fenster, um einen Blick auf ein Gemälde von Luther mit einem Schwan zu erhaschen, das sich hier befinden soll. Aber ich sehe nur ein großes dunkles Rechteck an einer Kirchenwand. Das Motiv bleibt mir verborgen.

Die Klusbrücke bei Wahlitz: Über sie musste Martin Luther gehen, als er 1524 auf Einladung der Stadtväter zum Predigen nach Magdeburg wollte. Die Brücke und der anschließende Klusdamm waren bis ins 19. Jahrhundert ein viel benutzter Verkehrsweg von Magdeburg durch die Auen nach Ostelbien. Auch 1516 soll Luther die Brücke genutzt haben, als er als Distriktsvikar der Augustiner-Eremiten zu den Klöstern seines Ordens unterwegs war.

Die Klusbrücke bei Wahlitz: Über sie musste Martin Luther gehen, als er 1524 auf Einladung der Stadtväter zum Predigen nach Magdeburg wollte. Die Brücke und der anschließende Klusdamm waren bis ins 19. Jahrhundert ein viel benutzter Verkehrsweg von Magdeburg durch die Auen nach Ostelbien. Auch 1516 soll Luther die Brücke genutzt haben, als er als Distriktsvikar der Augustiner-Eremiten zu den Klöstern seines Ordens unterwegs war.

Weiter geht’s. Im Wald bis Dornburg sehe ich deutlich, wie schlimm der Sturm vom 22. Juni im Jerichower Land gewütet hat; besonders betroffen ist zwar das Dorf Töppel. Aber in den Wäldern um Gommern hat er viele Bäume entwurzelt und andere geknickt, als ob es Bleistifte wären. Zwar sind die Wege frei, aber wie viel Zeit und Geld nötig sind, um alle Schäden zu beseitigen, vermag ich nicht abzuschätzen.

Ein großes »Kirche geöffnet«-Schild heißt die Besucher in Dornburg an der Elbe willkommen. Die schlichte, von 1755 bis 1758 erbaute Barockkirche strahlt innen wie außen weiß. Ich ruhe eine Weile aus und nehme mir fest vor, zu einem der Konzerte, die es hier ab und zu gibt, wiederzukommen. Auch um mehr Zeit für die Landschaft und das Schloss zu haben. Darüber, dass Dornburg einmal anhaltisch war und dass Fürstin Johanna Elisabeth von Anhalt-Zerbst hier von 1751 bis 1758 ein wunderschönes Barockschloss erbauen ließ, habe ich mich vor der Fahrt informiert. Die Mutter der Zarin Katharina, die als die Große in die Geschichte eingehen sollte, wollte ihrer Tochter, wenn sie denn einmal zu Besuch käme, ein angemessenes Quartier bieten. Die Tochter kam aber nie. Hinter dem Schloss liegt eine wechselvolle Geschichte und eine offene Zukunft: Seit Längerem wird ein Käufer gesucht.

Romanik pur in Pretzien und Plötzky

Ab Dornburg ist auch die Beschilderung kein Problem. Elberadweg- und Lutherweg-Schilder zeigen zuverlässig, wo es langgeht. Die nächste Station ist Pretzien. Den Schlüssel für die romanische Thomaskirche mit ihren mittelalterlichen Fresken können sich Besucher in der nahe gelegenen Tourist-Information holen, wenn sie nicht gerade sonnabends oder sonntags von 14 bis 16 Uhr ankommen. Die romanische Kirche im Nachbardorf Plötzky kann ab Mai täglich von 9 bis 17 Uhr besichtigt werden.

In Gommern, für das es bisher keinen Hinweis auf einen Aufenthalt Martin Luthers gibt, beende ich meinen Lutherweg-Test. Die nächsten Sehenswürdigkeiten auf dem Weg – die mittelalterliche Klusbrücke bei Wahlitz, die Luther mindestens zwei Mal überquerte, und die sechs Sehenswürdigkeiten in Magdeburg – kenne ich bereits. Mein Fazit: Bisher habe ich diese alte Kulturlandschaft immer mit der Bahn durchfahren oder noch gar nicht gekannt. Durch die Stunden auf dem Rad und zu Fuß habe ich sie erst richtig entdeckt.

Angela Stoye

www.lutherweg.de

In der Sprache des Alltags

18. Juli 2017 von redaktionguh  
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Um über den Glauben zu reden, benötigt man kein Theologiestudium. Sogenannte Laien sollten es viel öfter tun, findet Christine Reizig, die anhaltische Landespfarrerin für Gemeindeaufbau. Angela Stoye sprach mit ihr auch über Möglichkeiten, das Können auf diesem Gebiet zu erweitern.

Ich habe den Eindruck, dass eher die Hauptamtlichen im Verkündigungsdienst sprachfähig im Glauben sind. Wie sehen Sie das?
Reizig: Ja und nein. Ich erlebe mich als Theologin auch oft als nicht schlagfertig genug. Ich denke, sogenannte Laien haben eine andere Sprache, wenn es um den Glauben geht. Es ist niemandem gedient, wenn dogmatische Richtigkeiten verbreitet werden. Nötig ist eine Übersetzung des Glaubens in die Sprache des Alltags. Das können oftmals die Altenpflegerin X und der Malermeister Y besser als Theologinnen und Kirchenmusiker.

Aber etliche haben – mit Blick auf vermeintliche oder bestehende Wissenslücken – Bedenken. Da nehme ich mich nicht aus …
Reizig: Sprachfähig über den Glauben zu sein, heißt nicht, ich muss auf jede Frage eine Antwort wissen. Viele verfallen diesem Irrtum und trauen sich deshalb nicht. Für mich geht es eher darum, Mut zu wecken, über das zu reden, was mir wichtig ist, was mir Mut macht, mich im Alltag trägt und hält.

Christine Reizig ist anhaltische Landespfarrerin für Gemeindeaufbau – Foto: Johannes Killyen

Christine Reizig ist anhaltische Landespfarrerin für Gemeindeaufbau – Foto: Johannes Killyen

Von dem französischen Schriftsteller Paul Claudel sind die Sätze überliefert: »Rede über Christus nur dann, wenn du gefragt wirst. Aber lebe so, dass man dich nach Christus fragt.« Wie stehen Sie dazu?
Reizig: Teils hat er recht, teils nicht. Es ist erstens nicht werbend für den Glauben, wenn ihn jemand ständig wortreich vor sich her trägt. Zweitens muss zweifelsohne das Reden durch das Tun gedeckt sein. Auf bekennende Christinnen und Christen wird kritischer gesehen als auf andere. Wir leben aber drittens in einer so entchristlichten Welt, dass nicht mehr automatisch vom Tun auf den Glauben geschlossen wird. Deshalb ist das Tun sehr wichtig, das Reden gehört aber unbedingt dazu.

Ein Blick auf Ehrenamtliche: Kirchenälteste sollen ihre Gemeinde nicht nur in Bau- und Finanzfragen leiten, sondern auch geistlich. Geschieht das überhaupt?
Reizig: Im Paragrafen 15 der Verfassung unserer Landeskirche steht vor der Aufzählung konkreter Aufgaben des Gemeindekirchenrates (GKR), dass er die geistliche, geschwisterliche Leitung der Kirchengemeinde ist. Das bedeutet, dass die Frage nach dem persönlichen Glauben existenziell ist. Jede Gemeinde ist froh, wenn sie Spezialistinnen und Spezialisten für bestimmte Fragen werben kann, für die Kenntnisse nötig sind, für Bau- und Finanzfragen, für den Friedhof und Verpachtungen.

Trotzdem ist ein GKR etwas anderes als der Vorstand eines Vereins. Als Grundfrage soll immer dahinterstehen, was den Glauben fördert und wie missionarische Ausstrahlung möglich ist. In der Praxis ist es aber manchmal so, dass das »geistliche Herz« der Gemeinde woanders schlägt – in einem Hauskreis, einer Gebetsinitiative, einem Familienkreis etwa. Ein reifer GKR sollte das erkennen und dringend den regelmäßigen Kontakt suchen.

Wie kann die Sprachfähigkeit im Glauben verbessert werden? Und wo?
Reizig: Sprachfähigkeit wird verbessert, indem man redet. Und das sollte möglichst in den Gemeinden und Regionen geschehen. Gemeindeglieder sollten nicht nur die Predigten hören, sondern selbst zu Wort kommen. Das schult – übrigens auch die Pfarrerinnen und Pfarrer. Wir merken manchmal gar nicht, wenn wir eine Sprache sprechen, die nicht verstanden wird. Auch wir brauchen dringend das Gespräch. Für mich ist da die Arbeit mit Lektorinnen und Lektoren sehr heilsam.

Da die Laienakademie zurzeit ruht: Gibt es spezielle Kurse für Nicht-Theologen?
Reizig: Zum einen gibt es die jährlichen Fortbildungen für Kirchenälteste an einem Wochenende in Gernrode. Die Themen sind oft auf den Glauben bezogen oder verbinden Glaubensfragen mit Verwaltung und Organisation. Zum anderen sind die Glaubensgespräche in den Gemeinden wichtig. GKR-Klausuren tun dem Gremium oft richtig gut, weil es möglich ist, anders ins Gespräch zu kommen als bei Sitzungen mit Tagesordnung.

Ich empfehle da einen Glaubenskurs für Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau mit dem Titel »Sehnsucht nach mehr«. Er lädt dazu ein, sich mit Basisfragen des Glaubens zu befassen (Taufe, Kirche, Bibel, Abendmahl) und davon ausgehend geistliche Elemente mit in die Sitzungsarbeit zu nehmen. Dazu lasse ich mich gern auch einladen. Das Arbeitsmaterial ist aber so gut ausgearbeitet, dass es GKR oder Regionalversammlungen auch selbst verwenden können. Es gibt eine Vielzahl von Kursen auf dem Markt.

Ebenso ist es sinnvoll, sich nach geistlichen Kompetenzen vor Ort und in der Region umzusehen. Wichtig ist, dass Älteste und andere engagierte Menschen in den Gemeinden ihr Bedürfnis, mehr über Glaubensfragen reden zu wollen, auch deutlich machen und ihre konkreten Fragen stellen.

Wann ist für Sie der Idealzustand auf dem Gebiet »sprachfähig im Glauben« erreicht?
Reizig: Mein Traum, meine Vision, ist, dass nach Losung und Lehrtext vom 3. Juli der Glaube in den Herzen der Gemeindeglieder ein brennendes Feuer ist, dass wir einfach nicht aufhören können, von dem zu reden, was wir gehört und gesehen haben (Jeremia 20,9; Apostelgeschichte 4,20).

»Das Thema ist nicht vom Tisch«

10. Juli 2017 von redaktionguh  
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Geschlechtergerechte Sprache: Neuer Anlauf für Kirchenverfassung

Die Einführung der geschlechtergerechten Sprache in die anhaltische Kirchenverfassung kommt in dieser Legislaturperiode nicht mehr auf die Tagesordnung der Landessynode. »Aber das Thema ist bei uns nicht vom Tisch«, sagte Präses Andreas Schindler auf Nachfrage in Bernburg. In der neuen Legislaturperiode solle nach gründlicher Vorbereitung ein neuer Anlauf genommen werden, so der Präses weiter.

Die Landessynode hatte bei ihrer Frühjahrstagung in Alexisbad eine Verfassungsänderung zur Einführung der geschlechtergerechten Sprache abgelehnt. Nur 23 Synodale hatten für den Entwurf gestimmt. Für die Verfassungsänderung wären 25 Ja-Stimmen erforderlich gewesen. Nach der Tagung habe es einen offenen Brief von Pfarrerinnen an alle Synodalinnen und Synodalen und daraufhin auf Einladung des Präses ein Gespräch der Autorinnen mit dem Präsidium der Landessynode und dem Kirchenpräsidenten gegeben. Es ist nun geplant, dass die Thematik der geschlechtergerechten Sprache in der neuen Legislaturperiode wieder aufgenommen wird.

Die 23. Landessynode endet mit der Herbsttagung 2017. Die 24. Landessynode tritt nach den Wahlen zu den Gemeindekirchenräten im Oktober 2017 im Frühjahr 2018 zu ihrer ersten Tagung zusammen, die überwiegend von Wahlen geprägt sein wird. »Ich bin guten Mutes, dass wir uns in Anhalt verständigen werden«, so Andreas Schindler zu dem umstrittenen Thema.

Angela Stoye

Zur Stelle im Namen des Herrn

4. Juli 2017 von redaktionguh  
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Verdienstorden für Birgit Heydenreich aus Gernrode


Ich dachte erst, das ist doch ein Aprilscherz«, erinnert sich Birgit Heydenreich an den 1. April, als ihr eine Einladung in die Magdeburger Staatskanzlei ins Gernröder Haus flatterte. Inzwischen weiß sie, dass es keiner war.

Aus den Händen von Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) empfing die 55-Jährige unterdessen die Bundesverdienstmedaille. Es ist nicht ihre erste Ehrung. Trägt sie doch seit 2014 das Dankzeichen Anhalter Kreuz, das ihr damals in der heimischen Stiftskirche St. Cyriakus in Gernrode verliehen wurde.

Ihre Dankesworte in der Landeshauptstadt leitete sie mit einem Gebet ein. »Für mich ist bedeutsam, die Zeit zu nutzen, die mir mein Herr noch geschenkt hat«, sagt die gelernte Finanzbuchhalterin, die seit einigen Jahren mit starken gesundheitlichen Einschränkungen zu kämpfen hat. »Doch Gott meint es gut mit mir«, fügt sie an.

Birgit Heydenreich fand vor fast 30 Jahren in Gernrode und in der Kirchengemeinde eine neue Heimat. – Foto: Uwe Kraus

Birgit Heydenreich fand vor fast 30 Jahren in Gernrode und in der Kirchengemeinde eine neue Heimat. – Foto: Uwe Kraus

Geehrt wird sie für ihr Engagement in der Kirchengemeinde ihres Heimatortes. Seit 1996 organisierte Birgit Heydenreich das monatliche Frauenfrühstück, das sich vorrangig an Arbeitslose wandte. Sie war immer zur Stelle im Namen des Herrn. Auch ihre Idee zu einer verlässlich offenen Cyriakuskirche trug Früchte. Auch wenn sie selbst seit dem vorigen Jahr nicht mehr »im Kästchen« am Kircheneingang sitzt, die Betreuung der Touristen in der Stifts­kirche an der »Straße der Romanik« ist abgesichert. »Zu Anfang habe ich in drei Monaten 25 Leute gefunden, die sich die Dienste teilen, aufpassen, dass nichts gestohlen wird und auf die Besucher zugehen.«

Die Mutter eines Sohnes und einer Tochter hat eine spezielle Bindung an ihre Kirche. »Die Steine von St. Cyriakus predigen 1 000 Jahre Glauben«, sagt sie. Als die Plötzkauerin 1988 in die Heimat ihres Mannes zog, haben ihr die Kirchgemeinde und die Kantorei ein Stück Heimat gegeben. »1989 war ich beim ersten Osterspiel dabei. So lange es ging, habe ich 15 Jahre dort mitgespielt«, sagt sie. Als »Advent im Stiftshof« aus der Taufe gehoben wurde, durfte Birgit Heydenreich nicht fehlen. Auch wenn unterdessen Tochter Anja den Waffelstand übernommen hat, fühlt sie sich den Gemeindeaktivitäten weiter eng verbunden.

»Ich komme ja kaum noch aus der Wohnung«, bedauert sie und holt sich vieles ins Haus. Einst gab sie Konfirmandenunterricht und spürte: »Öffentlichkeitsarbeit, das ist mein Ding.« Für den »Cyriakusboten«, das Gemeindeblatt, schreibt sie noch heute gelegentlich. Jede Ausgabe kommt vor dem Erscheinen bei ihr zur Korrektur aus dem PC. Mehrere Stunden sitzt Birgit Heydenreich an manchen Tagen und bastelt am heimischen Tisch. So entstehen »Birgits Kirchenkarten«. Sie sagt, es sei eine Freude für sie, etwas tun zu können. Die Karten werden in der Cyriakuskirche zum Verkauf angeboten. 50 Cent vom Erlös kommen dabei der Reparatur der Kirchenglocke zugute. »Das gleicht zwar Tröpfchen«, sagt die Geehrte, »aber viele von ihnen können auch etwas bewirken.«

Uwe Kraus

Drei Container voller Ideen

27. Juni 2017 von redaktionguh  
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»Anhalt kompakt« heißt der Beitrag der Landeskirche zur Weltausstellung Reformation

Container sind aus dem modernen Transportwesen nicht mehr wegzudenken. Dass sich Überseecontainer auch auf kurzen Strecken bewähren und Inhalte besonderer Art transportieren können, beweist derzeit die Landeskirche Anhalts in Wittenberg. Von Dessau aus hat sie sich aufgemacht zur Weltausstellung Reformation in die Lutherstadt – im Gepäck drei leuchtend blaue Behältnisse, zwölf Meter lang und je 2,50 Meter breit und hoch. Im Inneren eröffnen sich dem Besucher kleine, feine Ausstellungen.

Ein Container erzählt die Geschichte Anhalts anhand ausgewählter Objekte von A-Z, ein zweiter stellt das Thema Glauben in den Mittelpunkt, präsentiert Sakralbauten der Region in Hülle und Fülle. Der Besucher erlebt reiche Kulturhistorie auf kleinstem Raum unter dem Motto »Anhalt kompakt«.

Leuchtendes Blau: Nahe des Wittenberger Altstadtbahnhofs präsentiert sich die Landeskirche in drei Überseecontainern mit Ausstellungen, Kaffeeterrasse und viel Platz für Gespräche. – Foto: Thomas Klitzsch

Leuchtendes Blau: Nahe des Wittenberger Altstadtbahnhofs präsentiert sich die Landeskirche in drei Überseecontainern mit Ausstellungen, Kaffeeterrasse und viel Platz für Gespräche. – Foto: Thomas Klitzsch

Zur offiziellen Eröffnung in der vergangenen Woche war auch Kirchenpräsident Joachim Liebig dabei zusammen mit Gästen aus der Pfalz. Man sei, versichert Liebig, gleichsam »in beiderlei Gestalt vor Ort«. Schließlich sind die kleine pfälzische Landeskirche und die noch kleinere aus Anhalt schon lange partnerschaftlich verbunden, gehörte doch der askanische Fürst von Anhalt-Köthen, Wolfgang der Bekenner, 1529 zu den Unterzeichnern der Protestation auf dem Reichstag zu Speyer. Nach Ende des Dreißigjährigen Krieges wurden zudem zahlreiche pfälzische Pfarrer nach Anhalt entsendet.

Unter dem Motto »Das Wort bewegt« haben die protestantischen Gäste den dritten Container belegt und bereichern die Weltausstellung mit SMS im Lutherstil sowie nicht zuletzt mit Pfälzer Trauben. Unter dem Motto »Wasser zu Wein« offerieren sie Besuchern, die leere Wasserflaschen mitbringen, einen guten Tropfen und verbinden das Ganze mit einem guten Zweck. Der Erlös aus dem Flaschenpfand kommt einem Trinkwasserprojekt im afrikanischen Ghana zugute.

Noch bis zum 10. Juli werden die pfälzischen Partner mit von der Partie sein, unter anderem mit Vertretern der überkonfessionellen Männergruppe der protestantischen Gemeinde Herxheim, die sich den schönen Namen »mann!schafft« gegeben hat und unter dem Titel »95 Flaschen Wein für Wittenberg« biblische Weinproben anbietet. Rätselfreunde können sich auf die Suche nach einem Code machen, mit dessen Hilfe die »Rätselbox zu Luthers Leben« geknackt werden kann.

Wenn sich die Partner aus der Pfalz verabschieden, bleiben die Kirchenvertreter in ihren blauen Containern unweit des Altstadtbahnhofes nicht unter sich. Ende Juli etwa wird hier der Kunstpreis der in Dessau ansässigen Karl-Heinz-Heise-Stiftung verliehen, auch die anhaltischen Städte präsentierten sich je eine Woche lang, unterstreicht Andreas Janßen, Leiter der landeskirchlichen Arbeitsstelle »Kirche, Kultur und Tourismus«, der das Containerprojekt von Anfang an begleitet und gestaltet hat. »Anhalt kompakt« war beim Kirchentag 2013 in Hamburg ebenso zu sehen wie auf dem Posaunentag 2016 in Dresden. Die Reise nach Wittenberg wird indes die letzte sein. Nach dem Ende der Weltausstellung Reformation im September wird das gemeinsam von der Landeskirche und der »Anhaltischen Landschaft« initiierte Vorhaben nicht fortgeführt.

Stefanie Hommers

Betriebswirtschaft an den Nagel gehängt

19. Juni 2017 von redaktionguh  
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Porträt: Tamara Jakubietz leitet einen Treffpunkt für Jugendliche

Keine Entscheidung muss von Dauer sein. Man kann immer wieder neue Wege gehen. Diese prägende Erfahrung hat Tamara Jakubietz schon zwei Mal in ihrem Leben gemacht. »Kurz nach der Geburt wurde ich aus Familientradition katholisch getauft. Mit 14 Jahren habe ich aber dann die evangelische Konfirmation mitgemacht, weil meine Familie mittlerweile zu diesem Glauben gewechselt ist«, erzählt die 27-Jährige. Nach dem Abitur an einem Wirtschaftsgymnasium entschied sich die Magdeburgerin zunächst, Betriebswirtschaft zu studieren. »Das habe ich aber dann abgebrochen, weil ich merkte, dass es doch nichts für mich ist«, erinnert sich Tamara Jakubietz. Die Betreuung eines evangelischen Kinderferiencamps dagegen ließ sie förmlich aufblühen. »Da wusste ich, was ich beruflich machen wollte«, erzählt sie. Die Magdeburgerin studierte dann Religionspädagogik in Berlin.

Mit ihrem Abschluss Ende des vorigen Jahres kam auch prompt der erste Job. Seit Dezember ist die Religionspädagogin Mitarbeiterin der Evangelischen Jugend Anhalts und Betreuerin des Jugendkellers im Dessauer Georgenzentrum. Ob das jetzt von Dauer ist? »Das kann man natürlich so noch nicht sagen. Jugendmitarbeiter werden älter, gründen irgendwann auch mal eine Familie und arbeiten dann vielleicht lieber dort, wo sich Beruf und Privates besser vereinbaren lassen«, beginnt sie über die noch ferne Zukunft nachzudenken.

Nach der Betreuung von Kindern in einem Feriencamp wusste Tamara Jakubietz (hier im Dessauer Jugendkeller), was sie beruflich machen wollte. Foto: Danny Gitter

Nach der Betreuung von Kindern in einem Feriencamp wusste Tamara Jakubietz (hier im Dessauer Jugendkeller), was sie beruflich machen wollte. Foto: Danny Gitter

Im Hier und Jetzt ist sie erst einmal angekommen und hat mit dem Jugendkeller noch viel vor. Um in einem märchenhaften Bild zu sprechen, hat die 27-Jährige das Objekt in der untersten Etage des Georgenzentrums in der Dessauer Innenstadt aus einem Dornröschenschlaf geholt. Eineinhalb Jahre, so ist es ihr in Erinnerung, war vor ihrem Amtsantritt im Dezember der Jugendkeller geschlossen und ihre Stelle vakant. »Ich habe quasi bei Null angefangen«, sagt Tamara Jakubietz. Als Berufsanfängerin hatte sie gleich zu Beginn einen schweren Job zu erledigen. Denn mit der langen Schließung blieben die Jugendlichen weg. Sie rührte die Werbetrommel im Internet und besuchte Konfirmandengruppen. Stück für Stück kehrte wieder Leben in den Jugendkeller ein. 17 Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren aus ganz Dessau und der näheren Umgebung treffen sich mittlerweile regelmäßig, mindestens einmal wöchentlich, zum Erzählen, Kochen und Kickern. Über Themen, die Jugendliche bewegen, kommt Tamara Jakubietz regelmäßig mit ihnen ins Gespräch. Zum Neustart wurde auch renoviert.

»Mein oberstes Ziel ist es, den Jugendkeller wieder bekannter zu machen und für noch mehr Jugendliche einen Anlaufpunkt außerhalb ihrer Gemeinden zu bieten, vielleicht auch mehrmals pro Woche zu öffnen«, erläutert sie. Wenn die Religionspädagogin nicht im Jugendkeller arbeitet, betreut sie Jugendfahrten oder bereitet zum Teil von ihrem Zuhause in Magdeburg aus Jugendprojekte der anhaltischen Landeskirche vor, unter anderem einen Druckkunst-Workshop zu Luther und den Hochseilgarten in der Dessauer Auferstehungskirche, der dort vom 10. bis zum 30. Mai zu erleben war.

Danny Gitter

Gärtner, Hausleiter, Kummerkasten

12. Juni 2017 von redaktionguh  
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Als Leiter des Cyriakushauses in Gernrode muss Karsten Meißner viele Dinge können

Das ist kein klassischer Lehrberuf, man muss hier ganz unterschiedliche Dinge können«, umreißt Karsten Meißner seine Aufgaben als Leiter des Gernröder Cyriakushauses. »Ich bin Herbergsvater, Kummerkasten, Hausleiter und Ansprechpartner, Hausmeister und Gärtner.« Doch von Hause aus ist er gelernter Gärtner und studierter Gartenbauer. »Meine Jahre in der Selbstständigkeit erweisen sich als gute Schule«, gesteht der 46-Jährige, der seit 1. Januar 2016 an der Spitze der Einrichtung der Landeskirche Anhalts steht. Mit seinen vier festangestellten Mitarbeitern kümmert er sich rund um die Uhr um die Gäste. »Ich wohne drei Minuten vom Haus entfernt. Da bin ich schnell hier, wenn ich gebraucht werde.«

Gartenbauer Karsten Meißner leitet seit anderthalb Jahren das Cyriakushaus in Gernrode – ein beliebtes Ziel bei jungen wie älteren Besuchern. Foto: Uwe Kraus

Gartenbauer Karsten Meißner leitet seit anderthalb Jahren das Cyriakushaus in Gernrode – ein beliebtes Ziel bei jungen wie älteren Besuchern. Foto: Uwe Kraus

Karsten Meißner gehört zum Gernröder Gemeindekirchenrat und hat sich auf die ausgeschriebene Stelle beworben, was er bis heute nicht bedauert. »Wir verstehen uns als klassisches Rüstzeithaus, das Tagungs- und Begegnungsstätte für alle Altersgruppen ist. Wir sind ein Familienhaus und möchten das auch bleiben. Wir räumen Kindern den gebührenden Platz ein, was in vielen Hotels eben nicht geschieht.« So trifft man im Cyriakushaus Eltern mit ihrem Nachwuchs ebenso wie die Kindergartengruppe aus Schkeuditz, die ihre Abschlussfahrt traditionell nach Gernrode führt.

Das Cyriakushaus, das aus drei Häusern – dem Haus Gero, dem Haus Hatui und dem Schweizerhaus – besteht, hat im Jahresverlauf wechselndes Publikum. Traditionell in den Winterferien proben kleine Musicaldarsteller bei der Anhaltischen Kindersingwoche und führen ihr Werk im Residenztheater Ballenstedt auf. »Jetzt, im späten Frühjahr, sind es Konfi-Freizeiten und Klassenfahrten. Da kommen Gruppen nicht nur aus Sachsen-Anhalt und den angrenzenden Bundesländern, sondern auch mal aus Mecklenburg-Vorpommern oder Hessen.« Im Sommer sind es vorwiegend Kinderfreizeiten, die das Haus mit seinen 54 Betten in Zweier- bis Vierer-Zimmern, darunter behindertengerechten, füllen.

Traditionell ist im Cyriakushaus auch die Sommerwoche der Gregorianischen Arbeit Alpirsbach zu Gast. Die Teilnehmer leben in ganz Deutschland und kommen einmal jährlich in Gernrode zusammen. »Das ist für sie ein wichtiger Termin. Sie begleiten hier Gottesdienste und halten öffentliche Andachten«, erzählt Karsten Meißner. Im Herbst seien es dann vorwiegend Erwachsene, die hier Gemeindefreizeiten und Seminare ausrichten. Derzeit füllen sich die Anmeldelisten bereits für 2018. »Schließlich bieten wir beste Voraussetzungen für Gruppen ganz unterschiedlicher Größe«, sagt Meißner und führt durch die zwei großen und zwei kleineren Tagungsräume, die mit kompletter Veranstaltungstechnik ausgestattet werden können. Dagegen findet sich nur ein Fernseher im Haus. »Denn bei uns sollen die Gäste zur Ruhe kommen und sprichwörtlich
abschalten.«

Doch das Haus mit seinem gemütlichen Cyriakuskeller zieht auch immer wieder Familien zu Treffen und Feiern an. »Viele Gäste genießen auch die Nähe zur Natur«, ergänzt der Hausleiter. »Gerade saßen Berliner in den Sonnenstühlen und genossen das Zwitschern der Vögel, das sie so aus der Großstadt nicht kennen.« Wer keinen festen Plan hat, der nimmt gern die Angebote des Cyriakushauses, das fast auf der Grenze zwischen Anhalt und EKM steht, an. Die reichen von Kirchenrallye, Kremserfahrt und Radtour bis zum Besuch der Roseburg und der Alten Elementarschule Gernrode, wo der historische Unterricht »für die Kinder der Knaller ist«, wie Karsten Meißner weiß.

Uwe Kraus

www.cyriakushaus-gernrode.de

»Es war eine unglaubliche Atmosphäre«

5. Juni 2017 von redaktionguh  
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Vom Anhalt-Mahl bis zur »Nacht der Religionen«: Mit seinem Programm hatte der Kirchentag in Dessau offenbar den Nerv getroffen und zog mit rund 12 500 Menschen mehr Besucher an als erwartet.

Das gute Wetter, das haben sie natürlich extra für den Dessauer Kirchentag auf dem Weg so bestellt, scherzten diverse Vertreter der Landeskirche Anhalts. Zumindest war das ein guter Rahmen für den Auftakt am Donnerstagabend mit dem ökumenischen Gottesdienst auf dem Marktplatz und dem anschließenden Anhalt-Mahl in der Zerbster Straße. Ganz im Sinne der Ökumene zogen sich auf rund 500 Metern 220 Tische von der Marienkirche bis zur katholischen Kirche St. Peter und Paul. 130 Privatpersonen, Vereine, Gewerbetreibende und Kirchengemeinden wollten als Tischpaten gute Gastgeber sein. Bei Brot, Obst, Kuchen, Salaten und Trank kamen die Gastgeber mit zahlreichen Gästen aus ganz Deutschland im Lauf des Abends ins Gespräch, begleitet von Musik und Theater am Rande. Rund 2 000 Teilnehmer zählte die Polizei im Laufe des Abends. So viel gute Stimmung war selten im Dessauer Zentrum. »Nehmen wir diese positiven Eindrücke mit in den Alltag nach dem Kirchentag«, sagte Kirchenpräsident Joachim Liebig.

Auch für den Dessauer Oberbürgermeister Peter Kuras (FDP) war der Abend etwas Besonderes. »Es war eine unglaubliche Atmosphäre, und man hat die Liebe zwischen den Menschen gespürt«, schwärmte er noch am Sonnabend. Da nahm Kuras an einem Podiumsgespräch zu der Frage »Was bedeutet Religion in meinem Leben?« im Audimax der Hochschule Anhalt teil. Für den Kommunalpolitiker ist Religion ein guter Kompass für das Leben. Er schätzt im Buch Jeremia besonders die Stelle, wo es heißt: »Suchet der Stadt Bestes.« Zudem hat es ihm eine Abschrift von Luthers Römerbrief-Vorlesung angetan, die in der Anhaltischen Landesbücherei in Dessau-Roßlau aufbewahrt wird und die die Unesco als Welt-Dokumentenerbe anerkannt hat. Diese Vorlesung ist für Kuras sehr aktuell, weil Luther in ihr Gedanken artikuliert habe, die sich heute wie »Grundsätze für Führungskräfte« lesen würden. Luther mahne darin, auch sich immer wieder kritisch zu hinterfragen.

210 Bläser aus Anhalt, der Pfalz, aus Norddeutschland und Hessen unter der Leitung von Landesposaunenwart Steffen Bischoff gestalteten den Eröffnungsgottesdienst musikalisch aus. Bei dem vollen Klang war hier wie auch beim großen Konzert trotz der Hitze Gänsehaut garantiert. Foto: Johannes Killyen

210 Bläser aus Anhalt, der Pfalz, aus Norddeutschland und Hessen unter der Leitung von Landesposaunenwart Steffen Bischoff gestalteten den Eröffnungsgottesdienst musikalisch aus. Bei dem vollen Klang war hier wie auch beim großen Konzert trotz der Hitze Gänsehaut garantiert. Foto: Johannes Killyen

Für den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm sind es Psalm 23 und die anderen, die »wunderbaren Bilder in der Bibel, ohne die ich nicht leben könnte, wie ›Siehe, ich mache alles neu‹ oder ›Er wird abwischen alle Tränen‹«. Die biblischen Bilder und Geschichten hätten immer stärker sein Leben geprägt. Der Theologe erinnerte an die 95 Thesen Martin Luthers und an die Begriffe Buße und Sühne, die heute wieder hochaktuell seien. Luther habe die Buße als positive Kraft verstanden, zu sich selbst in eine kritische Distanz zu gehen. Was könne das auch für das politische Leben bedeuten, wenn man Fehler eingestehen könnte, »ohne von den Medien geschlachtet zu werden«.

Die Dessauer Grünen-Bundestags­abgeordnete Steffi Lemke ist Atheistin, doch Spiritualität und Meditation spielen in ihrem Leben und in ihrer Arbeit als Politikerin eine große Rolle. »Wenn ich nicht daran glauben würde, die Welt verbessern zu können, könnte ich keine Politik machen«, sagte sie vor zahlreichen Zuhörern. Bei den vielen Brandherden in der Welt benötige man auch als Politiker eine Kraftquelle. Die Kirchen sieht Lemke als starke politische Kraft an und als Akteure im Zusammenhalt gegen Hass und Fremdenfeindlichkeit. »Ich habe kein Verständnis für Forderungen, dass Kirche sich aus der Politik zurückzuhalten habe, sagte sie. »Die Kirchen stehen für Werte ein, die für die gesamte Gesellschaft wichtig sind.«

Wichtig für die Gesellschaft seiner Zeit war Moses Mendelssohn (1729 bis 1786), in Dessau geborener Philosoph und Wegbereiter der jüdischen Aufklärung. An einen seiner Sätze lehnte sich das Motto des Kirchentages – »Forschen.Lieben.Wollen.Tun« – an: »Nach Wahrheit forschen, Schönes lieben, Gutes wollen, das Beste tun. Dies ist die Bestimmung des Menschen.« Zu einem der Angebote, die das Verhältnis der Religionen thematisierten, gehörte ein interreligiöses Gespräch am 26. Mai. Der Muslim Ahmed Abdelemam A. Ali vom Orientalischen Institut der Universität Leipzig, der Rabbiner Alexander Nachama aus Dresden und Kirchenpräsident Joachim Liebig nahmen daran teil. Dabei ging es unter anderem um die Frage, wie man beim Reden über den eigenen Glauben Verstehenshürden beim Gesprächspartner überwinden kann. Diese Gefahr bestünde auch bei der innerkirchlichen Ökumene, so Joachim Liebig. Es gelte, zuerst die Gemeinsamkeiten zu betonen, zuzuhören und immer wieder nachzufragen. »Das ist für unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren von zentraler Bedeutung.« Auch Rabbiner Nachama findet es sehr wichtig, zuzuhören und nicht abzuschalten bei Punkten, die schwierig sind. Ahmed Ali sagte: »Für mich als Moslem ist die Vielfalt in der Religion verankert. Gott habe die Menschen verschieden gemacht und es gebe verschiedene Wege zu Gott: »Ich kann die Wahrheit haben, aber ein anderer kann sie auch haben.« Alexander Nachama sagte: »Ich habe bei einem Besuch der Dresdner Kreuzkirche viele Dinge nicht mitsprechen können, weil sie gegen meinen Glauben sind, aber sie haben mir beim Verstehen geholfen.«

In der schwierigen Wahrheitsfrage warnte Kirchenpräsident Liebig vor »Wohlfühltoleranz«. Jeder sollte wissen, was seine Wahrheit ist und diese auch begründen können. Es bleibe die Frage: »Wie schaffen wir es, mit den verschiedenen Wahrheitsansprüchen umzugehen, ohne intolerant zu werden?«

Angela Stoye und Danny Gitter

Höhepunkte beim Kirchentag in Dessau-Roßlau

24. Mai 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Dessau-Roßlau (G+H) – Der Kirchentag auf dem Weg mit rund 200 Angeboten steht unter dem Motto »Forschen. Lieben. Wollen. Tun.« Dabei werden sich in einem Anhaltdorf auch Kirche, Stadt und Umland präsentieren.

  • Anhalt-DessauEin Höhepunkt am 26. Mai ist die Aufführung des Trinitatis-Oratoriums von Sebastian Saß mit der Kantorei Bernburg, den Amici Carminis und der Anhaltischen Philharmonie in der Johanniskirche (19.30 Uhr).
  • Am 27. Mai hält der frühere sachsen-anhaltische Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz eine Bibelarbeit unter dem Thema »Jesus sieht Zachäus« (Hochschule Anhalt, Audimax, 9.30 Uhr).
  • Das »Das Geheimnis der Wartburg« wird am Sonnabend beim Kindermusical in der Marienkirche gelüftet (11 Uhr).
  • Zur Podiumsdiskussion »Was bedeutet Religion in meinen Leben?« (27. Mai, Hochschule Anhalt, Audimax, 15 Uhr) kommen der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, Landtagspräsidentin Gabriele Brakebusch, Oberbürgermeister Peter Kuras und die bündnisgrüne Bundestagsabgeordnete Steffi Lemke. Es moderiert Kirchenpräsident Joachim Liebig.
  • Ein großes Festkonzert »Preisen. Singen. Jubilieren« mit der Anhaltischen Philharmonie, Chören des Anhaltischen Theaters und dem Lutherchor erklingt am Sonnabend auf der Hauptbühne (19.30 Uhr).

Mit Herzblut bei der Sache

22. Mai 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Reformationsjubiläum: Mancher fragt sich, ob die Beteiligung für Anhalt nicht eine Nummer zu groß ist. Zwar ist manches offen, aber dass etliche Hürden genommen sind, macht Mut.

Wenn am 20. Mai in der Lutherstadt Wittenberg die Weltausstellung Reformation eröffnet wird, ist die Landeskirche Anhalts mit ihrem Übersee-Container-Projekt mitten im Geschehen. Im Vorfeld tauchte mehrfach die Frage auf, ob die kleinste Landeskirche in der EKD die Anforderungen des Reformationssommers überhaupt bewältigen könne. »Das ist sicher eine Bürde für unsere Landeskirche«, sagt Andreas Janßen, Leiter der anhaltischen Arbeitsstelle »Luther 2017«, »aber keine untragbare Last.« Anhalt habe sich durch seine Vorbereitung auf das Jubiläum 2017 in der EKD »ein Standing geschaffen, das uns als Kirche zurzeit nicht in Frage stellt«. Anhalt sei im Gespräch, werde aber manchmal sehr kritisch hinterfragt.

Mit Blick auf den Europäischen Stationenweg am 18. Mai in Bernburg sagte Janßen, dass sich das Programm mit dem großer Städte messen könne. »Man merkt sehr deutlich, dass der Kirchenkreis über die Erfahrungen aus zwei anhaltischen Kirchentagen verfügt.«

In der Ausstellung »Frauen(er)leben in Anhalt«, die am 14. Mai in der Dessauer Marienkirche eröffnet wurde und die auch zum Kirchentag auf dem Weg gezeigt wird, steckt viel zusätzlicher Einsatz einer Autorinnengruppe (mehr in der nächsten Ausgabe). Zur Eröffnung musizierten ein Projektchor und das Broken Consort Dessau.n Foto: Johannes Killyen

In der Ausstellung »Frauen(er)leben in Anhalt«, die am 14. Mai in der Dessauer Marienkirche eröffnet wurde und die auch zum Kirchentag auf dem Weg gezeigt wird, steckt viel zusätzlicher Einsatz einer Autorinnengruppe (mehr in der nächsten Ausgabe). Zur Eröffnung musizierten ein Projektchor und das Broken Consort Dessau.n Foto: Johannes Killyen

Für den Kirchentag auf dem Weg in Dessau sei es schwierig gewesen, Gastgeber für das Anhalt-Mahl zu finden. Deshalb habe es lange Zeit auf der Kippe gestanden. Aber: »Bei der letzten Infoveranstaltung wurden wir dann plötzlich so überrannt, dass wir Bierzeltgarnituren nachordern mussten.« Solche Begebenheiten machten Mut und ließen hoffen, dass der gesamte Kirchentag die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient. Zudem sei die Programmvielfalt nur möglich, weil Haupt- und Ehrenamtliche unermüdlich daran mitgearbeitet hätten. »Darin steckt viel anhaltisches Herzblut.« Grundsätzlich sei zum Thema »Ehrenamt« zu sagen, dass es immer schwieriger werde, die benötigten Helfer zu finden. »Wir merken, dass die Kirchengemeinden mit ihren älter werdenden Gemeindegliedern an ihre Grenzen stoßen.« Darin, dass nicht nur Anhalt, sondern auch dem Deutschen Evangelischen Kirchentag Helfer fehlten, sieht Janßen ein gesellschaftliches Problem, »dass uns in den nächsten Jahren noch zu beschäftigen hat«.

Die Vorbereitung der Weltausstellung Reformation vom 20. Mai bis 10. September stelle Anhalt jeden Tag vor neue Herausforderungen. Viele habe man vor einigen Monaten nicht absehen können.

Zum Beispiel den Standortwechsel der drei Übersee-Container, die nun im Luthergarten in der Nähe des Wittenberger Altstadtbahnhofes zu finden seien. »Der Standortwechsel führte dazu, dass wir einen neuen umfangreichen Bauantrag bei der Stadt Wittenberg stellen mussten, der mit Kosten verbunden ist.« Zudem habe sich herausgestellt, dass Verabredungen, die zu Beginn der zweijährigen Vorbereitung auf die Weltausstellung getroffen wurden, nicht mehr einzuhalten seien. So habe der Café-Betreiber auf dem Container-Sonnendeck abgesagt. Mit der Bernburger Kanzlerstiftung sei aber eine Alternative gefunden worden. Zudem habe ein Gewerbetreibender, der die Übersee-Container nach der Weltausstellung kaufen wollte, abgesagt. Sollten die Container nicht bis September verkauft werden, müssten sie nach Dessau zurück. Das sei mit hohen Kosten verbunden. Auch die Suche nach Sponsoren und Teamern für das Containerprojekt verlaufe nicht ohne Probleme. Gut ist, dass der obere der drei Container (die beiden unteren enthalten eine Ausstellung) fast durchgehend an Interessenten habe vermietet werden können. So sei vom 20. Mai bis Mitte Juni die Landeskirche Baden zu Gast, danach die Kirche der Pfalz. Von Juli bis September kommen unter anderen anhaltische Städte und die Tourismusregion Harz.

»Die Präsenz Anhalts in Wittenberg«, so Andreas Janßen, »wird sicherlich an manchen Stellen zur Herausforderung.« Trotzdem gibt er sich optimistisch. »Ich kann nicht im Geringsten sagen, wie dieser Sommer zu Ende gehen wird. Ich weiß aber, dass es immer einen Weg gibt.«

Angela Stoye

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