Mehr Bekenntisfrömmigkeit, weniger Strukturen

15. Januar 2018 von redaktionguh  
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Pfarrer Thomas Meyer ist Beauftragter für kirchliche Erkundungsräume und neue Gemeindeformen in Anhalt


Eine Menge Fragen für Dich« ist die E-Mail überschrieben, die Thomas Meyer vor Gesprächsterminen aus dem Landeskirchenamt Dessau zu jenen Christenmenschen der Landeskirche Anhalts schickt, die ihn einladen. Wer investiert mehr in Deinen Glauben, Du oder Gott? Was ist im Moment für Dich das Wichtigste, was in der Kirchengemeinde zu tun wäre? Ab wann ist eine Gemeinde eine Gemeinde?

Viele Fragen, viele Antworten. Dutzende Gespräche hat Thomas Meyer geführt, seit er im Februar vorigen Jahres seinen Dienst als Beauftragter für kirchliche Erkundungsräume und neue Gemeindeformen begonnen hat. Die Stelle wurde auf Initiative von Kirchenpräsident Joachim Liebig geschaffen, der trotz oder gerade wegen des engen Korsetts der Zahlen und Arbeitsgebiete der Ansicht ist, dass dieser Zustand nicht alles sein kann. Eine anhaltische Antwort auf die Erprobungsräume der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland ist Pfarrer Meyers Aufgabe nicht. »Wir erproben nicht, wir erkunden«, sagt er.

Thomas Meyer führte schon Dutzende Gespräche in Kirchengemeinden. Foto: Landeskirche Anhalts

Thomas Meyer führte schon Dutzende Gespräche in Kirchengemeinden. Foto: Landeskirche Anhalts

Aus eigenem Erleben weiß er, was Kirche vor Ort prägt; 30 Jahre war er im Pfarrdienst tätig. »Und jetzt merke ich, wie oft das System vorausschauend leidet«, sagt er. Viele Haupt- und auch Ehrenamtliche seien so beschäftigt, dass Freiräume eng werden. »Ich habe noch keinen Hauptamtlichen getroffen, der sich nicht überlastet fühlt«, berichtet der Pfarrer.

Die zweite Erkenntnis: Kirche wird zu oft als Verwaltungsorganisation empfunden. Jährlich verliert die Landeskirche Anhalts doppelt so viele Gemeindeglieder wie sie dazugewinnt. Die Frage, die sich deswegen viele jener Menschen stellen, die »ihr Bestes und über ihr Vermögen hinaus geben«, ist: Welche Möglichkeiten bleiben uns? Was bleibt übrig, wenn Kirche nicht mehr ist, wie sie heute ist, wenn kein Pfarrer mehr käme, kein Gottesdienst gefeiert würde, kein Gemeindebeitrag mehr zu leisten wäre? »Diese Entwicklung sollten wir nicht als Defizit wahrnehmen, sondern darauf können wir aufbauen.«

Hier sieht Thomas Meyer einen zweiten Arbeitsschwerpunkt: Menschen zu ermutigen und zu unterstützen, neue Ideen und Formen von Gemeinde umzusetzen. »Ich möchte eine Bekenntnisfrömmigkeit fördern, die wenig Strukturen und wenig Haushaltsmittel braucht«, wünscht sich Meyer. Gemeinsam Bibel lesen, singen, beten, ein Fest feiern – das sei einfach, das sei der Kern, das sei Gemeinschaft und die, die es wollen, können es selbst tun und sind dabei weder auf gewohnte Formen noch feste Orte angewiesen. Es geht, so Meyer, um die Wiederentdeckung einer Spiritualität, die einlädt und ausstrahlt. So einfach und doch so schwer.

Das Gleichnis vom verlorenen Schaf deutet er in der heutigen Situation so: Wenn von 100 Schafen inzwischen nur noch eines beim Hirten ist, sollte er doch längst nach den 99 verlorenen suchen. Nach Meyers Ansicht braucht Kirche heute viel mehr Menschen, die auf »verlorene Schafe« zugehen und ihnen vom Evangelium erzählen. Er nennt sie, ohne despektierlichen Beiklang der Kommerzialisierung, Verkäufer und Vermarkter. Sie tragen mit authentischer Stimme dorthin das Evangelium, wo Ottonormalverbraucher seinen Alltag verbringt.

Thomas Meyer vertraut darauf, dass Gott uns offene Türen zeigt. Wer neue Wege gehen möchte, kann darüber mit ihm ins Gespräch kommen. Gerne kommt er auch zu Vorträgen und Gesprächen zu den Themen »Zur Not geht’s auch mit Pfarrer!« und »Zuviel Bibellesen macht blind!« in die Gemeinden.

Katja Schmidtke

Kontakt <thomas.meyer@kircheanhalt.de>

Ein Ort zum Kraft tanken

9. Januar 2018 von redaktionguh  
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»Polizeigemeinde«: In der Kirche von Dessau-Großkühnau hat sie einen Raum gefunden

Der mediale Hype im März 2014 war groß, als im Dessauer Ortsteil Großkühnau die bundesweit erste und bisher einzige Polizeikirche eingeweiht wurde. Längst ist diese Aufmerksamkeit verflogen und der Alltag eingekehrt. Michael Bertling, der Polizeipfarrer der Landeskirche Anhalts, kann hier in Ruhe seinen Dienst verrichten. Obwohl er im Berufsalltag eher selten in Großkühnau anzutreffen ist. In der Zentrale der Polizeidirektion Ost in Dessau hat der Pfarrer ein Dienstzimmer. Den allergrößten Teil seines Dienstes verbringt er aber draußen. Die Polizeidienststellen in der Doppelstadt Dessau-Roßlau sowie in den angrenzenden Landkreisen Anhalt-Bitterfeld und Wittenberg besucht Michael Bertling regelmäßig. So hält er am besten Kontakt zu den Polizeibediensteten. Er führt Gespräche, hat ein Ohr für die Sorgen und Nöte der Männer und Frauen in Uniform und kommt bei Bedarf auch zu den Beamten nach Hause.

In die Kirche nach Großkühnau kommen in Relation dann doch eher wenige. Michael Bertling spricht zwar von seiner »großen Gemeinde«, wenn er über die spricht, für die er da ist. Doch nur wenige in seiner »Polizeigemeinde« haben direkten Zugang zu Glauben und Religion. »Nur rund sechs Prozent der Polizeibediensteten in der Region Anhalt sind konfessionell gebunden«, erzählt der Pfarrer. In der Gesamtbevölkerung sind es immerhin rund 17 Prozent. Die Kirchenferne von Polizisten ist eine Erblast aus der Zeit vor 1990. Wer in der DDR eine Laufbahn bei der Polizei einschlagen wollte, der musste sich von Kirche fernhalten. »Ein bisschen waren wir Pfarrer für die Ordnungshüter auch immer die Vertreter einer fremden Macht«, erzählt Michael Bertling.

Bundesweit einzige Polizeikirche: Polizeipfarrer Michael Bertling an einem seiner Arbeitsplätze, der knapp 190 Jahre alten, neoromanischen Kirche in Dessau-Großkühnau. Foto: Lutz Sebastian

Bundesweit einzige Polizeikirche: Polizeipfarrer Michael Bertling an einem seiner Arbeitsplätze, der knapp 190 Jahre alten, neoromanischen Kirche in Dessau-Großkühnau. Foto: Lutz Sebastian

Wie schafft es da jemand wie er, in Polizeikreisen Respekt und Anerkennung zu finden? Die Antwort liegt in der Biografie des 56-Jährigen. In Halle geboren, an der Ostsee aufgewachsen, zieht es ihn zunächst zur DDR-Marine. Doch irgendwann wollte er nicht mehr kaserniert sein und entschloss sich, etwas völlig anderes zu machen. In einem Elternaus aufgewachsen, das der Institution Kirche durchaus wohlgesonnen, dort aber nicht aktiv war, fand er nach der Zeit bei der Marine das, was er suchte: Dienst am Menschen und Freiheit im Denken. Ein Theologiestudium folgte. 1992 dann die Ordination zum Pfarrer mit der Übernahme der Kirchengemeinde Osternienburg bei Köthen. Als Dorfpfarrer wollte sich Michael Bertling in die Dorfgemeinschaft mit noch mehr als seinem Glauben einbringen und wurde aktiver Kamerad bei der Freiwilligen Feuerwehr.

Die Zeit bei der Marine und die Erfahrung bei der Feuerwehr verleihen ihm bei der Polizei so etwas wie Stallgeruch. Die Beamten wissen, dass ihnen keiner gegenübersitzt, der aus einem Elfenbeinturm heraus denkt, sondern einer, der aus eigener Erfahrung weiß, wie mit seelisch belastenden Situationen umzugehen ist.

2006 bekommt Michael Bertling eine halbe Stelle als Polizeipfarrer. Seit 2012 arbeitet er Vollzeit in dieser Funktion. Der Polizeiseelsorgebeirat, dem Vertreter der anhaltischen Landeskirche und der Polizeidirektion Ost angehören, forcierte das Projekt Polizeikirche. Mit ihm als Polizeipfarrer ist die Schwellenangst für viele Polizeibedienstete gering, die Kirche zu betreten. »Es soll ein Schutzraum sein, wo jenseits aller Hierarchien Kraft getankt und Gedanken geordnet werden können«, beschreibt Michael Bertling die wichtigste Funktion der Kirche.

Auch Familientage für Polizeibedienstete und ihre Angehörigen, Segnungen zu Ehejubiläen von Polizisten und Trauerfeiern für im Dienst verstorbene Polizeibedienstete finden hier statt. Zudem gibt es regelmäßig Schulungen zur polizeilichen Berufsethik in der Kirche und im benachbarten Pfarrhaus.

Der Begriff Polizeikirche füllt sich immer mehr mit Leben. Auch über Anhalt hinaus wird das Projekt wahrgenommen. Andere Polizeidirektionen und die Bundespolizei informierten sich schon vor Ort über das Konzept. Wenngleich eine Polizeikirche nicht bedeutet, dass dort die Polizei dominiert. Das altehrwürdige Gemäuer in Großkühnau ist zugleich Gemeinde- und Radfahrerkirche.

Danny Gitter

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Freude im Advent: Festliche Musik in der Dessauer Marienkirche

27. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Foto: Johannes Killyen

Foto: Johannes Killyen

Zum traditionellen Adventsblasen lädt das Anhaltische Posaunenwerk am 23. Dezember, 18 Uhr, in die Marien­kirche in Dessau-Roßlau ein – hier ein Foto vom Konzert des vorigen Jahres. Wegen des stets großen Besucherandrangs ist die Generalprobe um 14 Uhr am gleichen Tag öffentlich. Unter der Leitung des Dessauer Kreis­posaunenwartes Andreas Köhn vereinen sich zu diesem Konzert rund 90 Trompeter, Posaunisten, Hornisten, Tenorhornspieler, Tubisten und andere Bläser aus Posaunenchören in Anhalt und darüber hinaus. Zu hören sind vor allem Weihnachtslieder, von denen manche in einem ungewöhnlichen Gewand präsentiert werden.

Die Zuhörer sind bei etlichen Liedern auch zum Mitsingen eingeladen. Andachtsworte und Texte zur Advents- und Weihnachtszeit wird Andreas Janßen, Reformations­beauftragter der Landeskirche, lesen. In der anhaltischen Landeskirche gibt es 15 Bläserchöre mit rund 240 Mitgliedern – Tendenz steigend.

Licht in die Welt tragen

Christnachtsingen: Tradition in Wolfen-Nord

Auf dem Markt von Wolfen-Nord, wo unter der Woche mit Obst, Gemüse und anderen Waren gehandelt wird, geht es in der Nacht vom 24. zum 25. Dezember besinnlich zu. Seit 1995 laden die evangelische, katholische und freikirchliche Gemeinde zum Christnachtsingen ein. »Ein ökumenischer Arbeitskreis bereitet das Singen vor«, so Pfarrer Matthias Seifert. Zum etwa 40-minütigen Programm ab Mitternacht gehört Bläsermusik zur Eröffnung, die der Posaunenchor aus Raguhn nebst Gästen spielt, und Worte zur Christnacht, die abwechselnd einer der Pfarrer spricht. Unter Bläserbegleitung werden dann gängige Gemeindeweihnachtslieder gesungen. Dazu gehören »Macht hoch die Tür« ebenso wie »Zu Bethlehem geboren«, »Ich steh an deiner Krippen hier« oder »Es ist ein Ros entsprungen«. Für diejenigen, die nicht textsicher sind, gibt es ein Liedblatt, und eine gute Tontechnik sorgt dafür, dass auch die gesprochenen Worte von jedem gehört werden können.

In Wolfen-Nord, das 1960 als Wohnstadt für die Arbeiter in den umliegenden Chemiebetrieben erbaut wurde, sollten nach Plan einmal rund 50 000 Menschen wohnen. Diese Zahl wurde jedoch nie erreicht. 1989 hatte die Plattenbausiedlung rund 34 500 Einwohner; Tendenz seitdem fallend. »Zurzeit wohnen hier noch rund 7 000 Menschen.« Das mache sich auch bei den Teilnehmern am Christnachtsingen bemerkbar. »In unseren besten Zeiten kamen etwa 2 500 Besucher«, so Pfarrer Matthias Seifert. Derzeit seien es etwa 200.

Das Christnachtsingen endet mit dem Lied »Tragt in die Welt nun ein Licht«. Danach können sich die Sängerinnen und Sänger das Friedenslicht aus Bethlehem mit nach Hause nehmen. Es wurde am 17. Dezember in Sachsen-Anhalt verteilt und wird seitdem auch in der Friedensgemeinde in Wolfen-Nord gehütet.
(ast)

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Sterne, Engel und die Krippe

18. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Weihnachtskirche Wahlsdorf: Hier ist alles Gemeinschaftsarbeit

Es fühlt sich ein wenig an, als sei man in Wahlsdorf am Ende der Welt angekommen. Aufreizend lässig schreitet eine graugetigerte Katze über die Hauptstraße, um auf der gegenüberliegenden Seite die winterliche Sonne zu genießen. Das Tier hat hier nicht viel zu befürchten. Nur selten passiert ein Fahrzeug die Hauptstraße des zwischen Coswig und Cobbelsdorf gelegenen Fläming-Dorfes. Die nächste Autobahnanschlussstelle an der A9 ist zwar nur ein paar Kilometer entfernt, aber fast scheint es, als werde die Auffahrt Köselitz nur genutzt, um den Ort möglichst schnell zu verlassen.

Festlich: Blick zum geschmückten Altarraum. Auch im Inneren der Wahlsdorfer Feldsteinkirche ist zu erkennen, dass sie romanischen Ursprungs ist. Fotos: Thorsten Keßler

Festlich: Blick zum geschmückten Altarraum. Auch im Inneren der Wahlsdorfer Feldsteinkirche ist zu erkennen, dass sie romanischen Ursprungs ist. Fotos: Thorsten Keßler

Gleich hinter der Kurve weist ein Holzschild mit dem Schriftzug »Zur Weihnachtskrippe« den Weg zur kleinen Feldsteinkirche mit dem Fachwerktürmchen. Jedes Jahr in der Adventszeit wird die Dorfkirche weihnachtlich geschmückt. Anwohnerin Angelika Müller-Schwarz dreht den Schlüssel im Schloss, öffnet die Tür und schaltet die Beleuchtung ein. »Wir müssen auf die Empore gehen, dann sehen Sie, wie anheimelnd die Kirche ist.«

Die Decke ist niedrig. Auf der Empore muss man den Kopf einziehen und es hängen Mistelzweige herab. Altar, Kanzel und Kirchenbänke sind geschmückt mit Papiersternen und Tannengrün. Auf dem Taufstein steht eine Engelschar, zwischen Taufstein und Altar die Holzkrippe und von der Decke strahlt ein Herrnhuter Stern. »Den Stern hat die Dorfgemeinschaft gekauft«, sagt Angelika Müller-Schwarz. Überhaupt sei hier alles Gemeinschaftsarbeit. »Die Sternchen hat Frau Volkmann gebastelt. Die Krippe kommt von Herrn Wiechmann und die Engel haben die Damen aus dem Dorf gebastelt.«

Im dämmrigen Licht leuchten der Stern, die Krippe und ein kleines Weihnachtsbäumchen und tauchen das Kirchlein in eine wohlig-warme Atmosphäre. Für Angelika Müller-Schwarz ist die geschmückte Kirche eine Herzensangelegenheit: »Das sind schöne Kindheitserinnerungen. Die katholischen Kirchen waren immer geschmückt!« Die 70-Jährige ist nämlich katholisch und setzt seit rund zehn Jahren die 1995 begonnene Tradition der weihnachtlich geschmückten Dorfkirche in Wahlsdorf fort. »Die Kirche ist doch das Einzige, was wir im Dorf noch haben«, bedauert sie und vielleicht spielt auch deshalb die Konfession keine Rolle in Wahlsdorf. Die Weihnachtskirche ist Teamwork der Katholikin und der Nichtchristen. Von den rund 50 Einwohnern im Ort seien vielleicht fünf evangelisch, schätzt sie, »aber alle alt«.

Wie viele Besucher nach Wahlsdorf kommen, lässt sich schwerlich sagen. Nicht alle tragen sich natürlich ins Gästebuch ein, aber manche Einträge »streicheln unsere Seele und sind Anerkennung für unsere Arbeit«. Angelika Müller-Schwarz schlägt einen Eintrag auf. Jemand hat geschrieben: »Letzten Sonntag in Dresden. Diesen Sonntag in Wahlsdorf. Ich könnte nicht sagen, was mir besser gefallen hätte«, steht da auf dem karierten Papier.

Vielleicht nutzt ja auch der Eine oder Andere die Anschlussstelle Köselitz nicht nur als Auf- sondern auch als Abfahrt für einen Abstecher nach Wahlsdorf. Die Kirche ist an den Adventssonntagen, am ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag, Silvester sowie am Dreikönigstag von 10 bis 17 Uhr geöffnet. »Der Schlüssel steckt«, sagt Angelika
Müller-Schwarz.

Thorsten Keßler

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Stollen für Bibeln

11. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Aktion: Backwerk aus Zieko soll mithelfen, dass Bücher nach Äthiopien kommen

Als in anderen Orten noch der Abschluss des Reformationsjubiläums gefeiert wurde, wurde im Pfarrgarten von Zieko wieder einmal der alte Backofen geheizt. Seit 2006 agiert in dem Dorf im Kirchenkreis Zerbst mehrere Male im Jahr ein Back-Team um den Kirchenältesten und Konditormeister Andreas Nestmann. Wurden in den Anfangsjahren Speckkuchen und Brote für Gemeindefeste gebacken, war es Ende Oktober wieder Weihnachtsgebäck: Genau hundert je ein Kilogramm schwere Stollen, die das Team aus den gespendeten Rohstoffen der Wikana Keks- und Nahrungsmittel GmbH herstellte, verließen den Backofen – und gingen weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. »Wer einen Stollen haben will, muss vorbestellen«, sagt Pfarrer Martin Bahlmann. Gebacken wird immer für einen guten Zweck. Konfirmanden zum Beispiel buken hier schon Brote für »Brot für die Welt«. In diesem Jahr fließt der Erlös der Stollen in den Versand von etwa 2 000 deutsch-oromischen Kinderbibeln nach Äthiopien. 790 Euro sind schon für die Transportkosten gespendet worden.

Dass sich die Hoffnungsgemeinde Zieko für Äthiopien engagiert, ist einer Frau zu verdanken, die heute nicht mehr in dem Ort lebt: Gerit Kostolnik (heute verheiratete Decke) reiste 2001 mit dem Berliner Missionswerk und der Evangelischen Erwachsenenbildung nach Äthiopien. Daraus entwickelte sich eine Partnerschaft Anhalts zur Western-Wollega-Bethel-Synode der Mekane-Yesus-Kirche im Rahmen des Berliner Missionswerkes. Sie wurde mit Beschluss der anhaltischen Kirchenleitung vom 22. Juni 2005 besiegelt und entwickelte sich unter Bahlmanns Vorgänger Dankmar Pahlings weiter. So wurden unter anderem Stipendien für Theologie-Studierende finanziert oder das Aufbaustudium für einen äthiopischen Pfarrer. Besuchsreisen kamen in größeren Abständen zustande. »Und jedes Mal, wenn Äthiopier zu Gast im Berliner Missionswerk sind, kommen sie auch nach Zieko«, berichtet Pfarrer Bahlmann.

Foto: Anh. Bibelgesellschaft

Foto: Anh. Bibelgesellschaft

Ein großes Projekt war die im März 2015 vorgestellte Kinderbibel in der äthiopischen Sprache Oromisch und in Deutsch. Hierfür hatten Kinder aus Gemeinden beider Kirchen Bilder zu 14 Geschichten aus dem Neuen Testament gemalt. Zudem stellt das Buch auch Glauben und Leben in der jeweils anderen Kirche vor. Die Idee, so etwas in Anhalt zu machen, hatte Pfarrer Bahlmann, nachdem er vor Jahren eine viersprachige Kinderbibel gesehen hatte, die der Synodalverband IV der Evangelisch-reformierten Kirche zusammen mit der Presbyterianischen Kirche von Ghana und der Norddeutschen Mission herausgegeben hatte.

Von der deutsch-oromischen Kinderbibel wurden drei Paletten gleich im Frühjahr 2015 nach Äthiopien geliefert. Die Bücher sind zum Beispiel in Sonntagsschulklassen im Einsatz. Von den in Deutschland befindlichen Bibeln können noch Exemplare an Interessenten verkauft werden. Das nächste Partnerschaftsprojekt ist schon geplant. »Wir wollen Geld für eine Getreidemühle sammeln, die die Menschen im Kirchenkreis Alaku dringend benötigen«, so Pfarrer Bahlmann.

Angela Stoye

Kinderbibel-Preis: 10 Euro. Bestellung: Pfarrer Torsten Neumann, Anhaltische Bibelgesellschaft, E-Mail <bibel@kircheanhalt.de>

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Aufbruch zu Reformen

5. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Zukunft: Wie geht es weiter in Anhalt? Diese Frage bewegt die Synodalen seit Jahren. Am Sonnabend sprachen sie sich dafür aus, umfassende Strukturreformen einzuleiten.

Die Sitzung am 24. und 25. November in der Dessauer Auferstehungskirche hätte die letzte der 23. Legislaturperiode der Landessynode sein sollen. Doch es wird eine weitere Tagung geben. Die Diskussion um die Zukunft der Landeskirche erfordert es. »Diese sollte vor allem als eine Frage an unseren Glauben verstanden werden«, so Präses Andreas Schindler in seiner Eröffnungsrede. »Natürlich sind wirtschaftliche und organisatorische Entwicklungen von sehr großer Bedeutung. Langfristig wird es mit unserer Kirche nur weitergehen, wenn wir überlegen, wie wir unter veränderten Rahmenbedingungen die geistliche Kraft behalten, Gottes Auftrag an uns gerecht zu werden und in die Welt Zeichen der Hoffnung zu senden.«

Seit dem Frühsommer 2015 arbeitet eine Steuerungsgruppe daran, die Landeskirche fit zu machen für die Zukunft. Wesentlich ist die Annahme, dass mittelfristig mit Geld nur aus eigenen Quellen gearbeitet werden muss: Kirchensteuer, Staatsleistungen, Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung. Zwar besteht der Finanzausgleich der EKD-Gliedkirchen weiter, aber wie hoch er bis 2025 sein wird, ist nicht vorherzusagen. Zudem werden die Kirchengemeinden kleiner – zurzeit haben sie insgesamt rund 33 900 Mitglieder. Mitarbeitende im Haupt- und Ehrenamt sind überlastet. Das geplante »Anhaltische Verbundsystem« nahm im Bericht des Kirchenpräsidenten Joachim Liebig breiten Raum ein. Alle Aufgaben – Pfarramt, Gemeindepädagogik, Kirchenmusik, Gemeindediakonie und Verwaltung – sollen im Verbundsystem neu zugeordnet werden. »Anders als bisweilen gemutmaßt, geht es dabei nicht um einen freundlich verpackten Strukturwandel, der am Ende nur noch weniger Personal vorsieht«, so Liebig. »Im Kern geht es um die grundsätzliche Frage von Kirche in Anhalt in der kommenden Generation.« Die Landessynodalen sprachen sich nach vorangegangenem, vertraulichem Gespräch dafür aus, diese umfassende Strukturreform einzuleiten.

Tagungsort: In diesem Jahr tagte die Landessynode nicht, wie gewohnt, in der Laurentiushalle der Anhaltischen Diakonissenanstalt, sondern in der sanierten Auferstehungskirche. Während Pfarrerin Ina Killyen die Eröffnungsandacht hielt, war das Podium noch nicht besetzt. Foto: Johannes Killyen

Tagungsort: In diesem Jahr tagte die Landessynode nicht, wie gewohnt, in der Laurentiushalle der Anhaltischen Diakonissenanstalt, sondern in der sanierten Auferstehungskirche. Während Pfarrerin Ina Killyen die Eröffnungsandacht hielt, war das Podium noch nicht besetzt. Foto: Johannes Killyen

Zudem verabschiedeten sie den landeskirchlichen Haushalt 2018. Er sieht Einnahmen und Ausgaben in Höhe von 16,74 Millionen Euro vor und liegt damit rund 300 000 Euro unter dem von 2017. Haupteinnahmen sind 5,2 Millionen Euro Kirchensteuern, 3,17 Millionen Euro Staatsleistungen, 4,24 Millionen Euro aus dem EKD-Finanzausgleich sowie 1,4 Millionen Euro, die aus Vermietung und Verpachtung kommen. Finanzdezernent Rainer Rausch betonte in seiner Haushaltsrede, dass ein unabhängiges externes Gutachten einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, erstellt auf der Basis der Haushalte von 2013 bis 2016, die Lage der Landeskirche als stabil bewertet. »Es sieht weder kurz- noch langfristig bestandsgefährdende Tatsachen für die Landeskirche.«

»Es ist eine denkwürdige Synode, die jetzt zu Ende geht«, sagte Kirchenpräsident Liebig am Sonnabend. »Wir haben über massive Veränderungen beraten.« Vielleicht habe es hier und da die Vorstellung von einem Masterplan für die Zukunft der Landeskirche gegeben. »Es ist aber erwiesen, dass ein solches Verfahren – meistens – nicht funktioniert.« Deshalb habe Anhalt einen längeren Weg gewählt und diese Tagung sei ein Zwischenschritt gewesen. Bei der endgültig letzten Tagung der 23. Legislaturperiode am 24. Februar 2018 solle ein gangbarer Weg aufgezeigt werden. Gemeinsamkeit und Angstfreiheit sollten die beiden Grundsätze dafür sein. »Wir sind in der Lage, nicht von außen gedrängt zu werden und nicht unter Zugzwang reagieren zu müssen«, betonte er. »Ich bin zuversichtlich, dass wir unseren Auftrag als Kirche in Anhalt erfüllen können und gespannt auf die Zukunft.«

Angela Stoye

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Miteinander verbindlich den Glauben leben

27. November 2017 von redaktionguh  
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Neu in Anhalt: Die Geistliche Weggemeinschaft trifft sich seit einigen Monaten regelmäßig in Köthen

Christine Reizig ist Landespfarrerin für Gemeindeaufbau. Foto: Landeskirche Anhalts

Christine Reizig ist Landespfarrerin für Gemeindeaufbau. Foto: Landeskirche Anhalts

Am 2. Dezember tritt die neue Geistliche Weggemeinschaft in Anhalt ins Licht der Öffentlichkeit. Kirchenpräsident Joachim Liebig wird mit den Mitgliedern eine Andacht mit Abendmahl feiern. Darüber, was die Gemeinschaft ist und was sie bewirken will, sprach Angela Stoye mit der Landespfarrerin für Gemeindeaufbau, Christine Reizig.

Neben den Kirchengemeinden in Anhalt nun noch eine Geistliche Weggemeinschaft. Wozu?
Reizig:
Auf gar keinen Fall soll die Geistliche Weggemeinschaft eine Konkurrenz zu den traditionellen Kirchengemeinden und ihrer Arbeit sein, sondern eine Ergänzung.

Wir sind eine Gruppe von Menschen, die sich gegenseitig in ihrer geistlichen Entwicklung stärken und voranbringen wollen. Das geschwisterliche Miteinander einer solchen Gemeinschaft ist geprägt von offenem Austausch, Vertraulichkeit und Verschwiegenheit – zum Beispiel auch über persönliche Anliegen, Fragen und Zweifel.

Hat die Weggemeinschaft Vorbilder?
Reizig:
In konkreter Gestalt nicht, denn dazu sind die bestehenden Geistlichen (Weg-)Gemeinschaften viel zu unterschiedlich. Wir haben uns Rat bei Mitgliedern der Evangelischen Geschwisterschaft e.V. geholt. Wir sind mit dieser Gemeinschaft darin gleich, dass wir ohne ein geistliches Zentrum über das Land verteilt gemeinsam verbindlich Glauben leben wollen.

Wie sieht die Weggemeinschaft in Anhalt aus?
Reizig:
Es ist eine Gruppe, aber kein Verein mit Eintrittserklärung und Statut, auch kein Orden mit Gelübden. Wir haben auch kein festes Gebäude. Allerdings haben wir Grundlagen für unsere Weggemeinschaft erarbeitet. Eine ist das Gebet. Wir beten füreinander, für die Landeskirche Anhalts und ihre Gemeinden. Jede und jeder kann die gesamte Gruppe oder einzelne in konkreten Anliegen um besondere Fürbitte ersuchen. Wem es möglich ist, der soll sich immer dienstags um 7.15 Uhr an seinem Wohnort in das Gebet für die Evangelische Landeskirche Anhalts einfügen, das zu diesem Zeitpunkt im Landeskirchenamt in Dessau gehalten wird.

Welche weiteren Schwerpunkte gibt es?
Reizig:
Die Mission, aber nicht in Form von Aktionen. Unser Ansatz ist das persönliche Vorbild. Jeder soll sich in seinem privaten Umfeld zuerst um ein tägliches geistliches Ritual bemühen. Und mit dem eigenen entwickelten geistlichen Leben soll jeder Angehörige der Weggemeinschaft in seine jeweilige Umgebung ausstrahlen. Denn als Christinnen und Christen sind wir unserem Umfeld das Zeugnis über unseren Glauben schuldig.

Aber ganz ohne Treffen geht es nicht ab, oder?
Reizig:
Auch wenn Gebete über große Entfernungen verbinden, geht es doch nicht ohne Zusammenkünfte. Die bisher 16 Mitglieder aus verschiedenen Orten Anhalts treffen sich verbindlich am jedem 2. Samstag eines geraden Monats – zum Bibellesen, zum Austausch über Fragen des Glaubens und die persönliche Glaubenspraxis. Bei diesen Treffen teilen wir uns mit, welche Rituale uns gut tun und schenken uns Ideen.

Und wir arbeiten daran, unsere Geistliche Weggemeinschaft weiterzuentwickeln – für uns und für unsere Landeskirche.

2. Dezember, Köthen, Christliche Medienbibliothek, Goethestr. 34, 15 Uhr; Abendmahlfeier: 17 Uhr. Telefon (03 40) 25 26 11 03

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Vorrangig den Dialog suchen

20. November 2017 von redaktionguh  
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Im Gespräch: Pfarrer Andreas Karras ist Flüchtlingsbeauftragter der Landeskirche Anhalts. Vor seinem Bericht bei der Herbsttagung der Landessynode sprach Katja Schmidtke mit ihm über Willkommenskultur, Kirchenasyl und was Gemeinden in Sachen Integration leisten können.

Wie viele Flüchtlinge leben derzeit in Anhalt?
Karras:
Für die gesamte Landeskirche liegen mir die Zahlen nicht vor. Im Landkreis Anhalt-Bitterfeld lebten zum Stichtag 30. September 1 455 Flüchtlinge. Als Flüchtlingsbeauftragter bin ich nicht nur für Kirchengemeinden Ansprechpartner, sondern für alle Initiativen auf dem Gebiet unserer Landeskirche, die Fragen haben.

In Kürze stellen Sie Ihren Bericht der Synode vor. Sie schreiben von einem Willkommenshype. Da klingt Kritik durch.
Karras:
Ich persönlich hätte mich nicht mit einem Plüschtier auf den Bahnhof gestellt. Dazu bin ich ein zu nüchterner Mensch. Aber natürlich muss jenen Menschen, die zu uns gekommen sind, geholfen werden. Die ehrenamtlichen Initiativen gehörten zu den Ersten, die Flüchtlinge aufgefangen und betreut haben, in wirklich vorbildhafter Weise. Inzwischen ist es so, dass die staatlichen Stellen sehr, sehr gut reagiert haben. Die erste Zeit war eine Ausnahmesituation, in der sich viele zusammengefunden haben, die helfen wollten. Nun ist der graue Alltag eingezogen.

Trotzdem brauchen wir die Initiativen?
Karras:
Ja. Sehr, sehr viele engagieren sich vorbildlich. Und wir wissen nicht, wie sich die Lage entwickeln wird. Wir sehen es an der Türkei; Erdogan ist unberechenbar.

Gibt es eine klassische Arbeitsteilung zwischen Staat und Ehrenamtlichen?
Karras:
Inzwischen nicht mehr. Einen Großteil dessen, was die Initiativen abgedeckt haben, etwa den Deutschunterricht, beherrschen die staatlichen Stellen heute. Aber die Initiativen sind noch wichtig, sie bilden einen Puffer, indem sie zwischen Flüchtlingen und Verwaltung vermitteln.

In Ihrem Bericht beschreiben Sie das Links-Rechts-Denken als kontraproduktiv. Warum?
Karras:
Diejenigen, die sich kritisch äußerten und Probleme thematisierten, wurden sehr schnell in eine Ecke gestellt, ach die sind rechts, mit denen reden wir nicht. Das halte ich für Irrsinn. Es ist wesentlich, den Dialog gerade mit Menschen zu suchen, die nicht unserer Meinung sind. Wir können in einem Dialog das Christliche herausstreichen. Das ist in erster Linie der Einsatz für die Schwachen. Unchristliche, heidnische Gesellschaften sind einem Optimierungszwang unterlegen und dieser Zwang setzt sich heute in der Frage um, was uns die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen kostet und was uns dabei verloren geht. Diese Denkweise vermag unter ökonomischem Aspekt ihr Recht haben, aber sie hat mit christlichem Denken nichts zu tun. Und das bringt uns zur entscheidenden Frage: Wer ist in Not?

Andreas Karras ist Flüchtlingsbeauftragter der Landeskirche und Pfarrer in Görzig. Foto: Landeskirche Anhalts

Andreas Karras ist Flüchtlingsbeauftragter der Landeskirche und Pfarrer in Görzig. Foto: Landeskirche Anhalts

Die Frage stellt sich ganz praktisch beim Kirchenasyl. Wie ist die Lage dazu in Anhalt?
Karras:
Es gibt Fälle von Kirchenasyl, aber nur Fälle mit aufschiebender Wirkung, in denen es um Rückführungen in jenes europäische Land geht, in dem die Flüchtlinge angekommen sind. Mit diesen Kirchenasylen soll erreicht werden, dass das Asylverfahren in Deutschland abgeschlossen wird. Wir haben keine Kirchenasyle zu Abschiebungen in das Herkunftsland, nachdem ein Asylverfahren negativ entschieden wurde.

Nach welchen Kriterien entscheiden die Kirchengemeinden?
Karras:
Meist ist es so, dass die Betroffenen gar nicht an die Kirchengemeinde gebunden sind, sondern dass sie nach jedem Strohhalm greifen und sich an eine Gemeinde, einen Pfarrer oder direkt an mich wenden. Wer Kirchenasyl gewährt, muss sich über die Verantwortung bewusst sein, hinsichtlich der Versorgung, der Betreuung oder auch, dass Kosten entstehen, wenn derjenige krank wird und behandelt werden muss.

Uns ist ganz wichtig, den Betroffenen anzuhören, seine Gründe zu erfahren, seine individuelle Not, dass möglicherweise Gefahr für Leib und Leben besteht. Am Ende steht ein Beschluss des Gemeindekirchenrats.

Welche Rolle spielt es, ob der Betroffene Christ ist?
Karras:
Es gibt Gemeinden, für die kommt ein Kirchenasyl nur in Frage, wenn der oder die Betroffene sich in der Gemeinde aufhält, Gottesdienste besucht, sich engagiert. Ich halte das nicht für richtig. Wenn man Bedingungen in dieser Hinsicht aufstellt, könnte ein Schein-Engagement kultiviert werden.

Allerdings hat das Christ-Sein oder nicht in den mir bekannten Fällen von Kirchenasyl keine Rolle gespielt. Es kam den Menschen in den Gemeindekirchenräten darauf an, ob eine Not vorhanden ist, ob sie diese lindern können; auch, ob Kirchengemeinden das ganz praktisch stemmen können. In Köthen gab es einige Kirchenasyle und die dortige Flüchtlingsinitiative erklärte sich bereit, mitzuhelfen. Kirchenasyle können mehrere Monate dauern, in dieser Zeit dürfen die Betroffenen das Gelände nicht verlassen, damit sie nicht verhaftet werden können.

Das erfordert viel Organisationstalent und Durchhaltevermögen seitens der Gemeinde.
Karras:
Ein Kirchenasyl kann ermüdend sein. Es kann aber auch stärken. In Zieko fand die Gemeinde darin eine Aufgabe und es vollzog sich im besten Sinne ein Gemeindeaufbau, in dem sich viele verabredeten und einen Plan aufstellten, wer den jungen Mann betreut, wer mit ihm Deutsch lernt oder mal ein Spiel spielt.

Was kann Kirche in punkto Integration leisten?
Karras:
Die Integrationsleistung der Kirche läuft über die Gemeinden, die die Menschen einladen, ohne die Absicht, missionieren zu wollen, sondern als Möglichkeit, dass Einheimische und Flüchtlinge miteinander in Kontakt und ins Gespräch kommen.

Sie sprechen sich auch dafür aus, dass Kirche ihren Einfluss auf die Politik geltend macht, um die Lebensbedingungen in den Herkunftsländern zu verbessern. Haben Sie dafür einen Vorschlag?
Karras:
Die Entwicklungspolitik der letzten Jahre kann nicht als gelungen bezeichnet werden. Deshalb schreibe ich in meiner Naivität im Synodenbericht über meine ganz persönliche Idee, dass alle Europäer eine Entwicklungs- und Aufbausteuer zahlen müssten. Ich unterstelle, dass Flüchtlinge eigentlich viel lieber in ihrem Land bleiben würden, aber sie sehen dort keine Zukunft. Stattdessen riskieren sie eine lebensbedrohliche Flucht.

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Schwere Technik am Kirchturm im Einsatz

14. November 2017 von redaktionguh  
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Mit großem Interesse verfolgten die Bewohner von Elsdorf bei Köthen am 2. November das Aufsetzen der neuen Turmspitze auf ihren Kirchturm. Der Aktion vorausgegangen waren die Sanierung des oberen Turmabschnitts und die Wiederherstellung der Spitze. Diese musste in den 1980er-Jahren wegen erheblicher Schäden entfernt werden. Das Architekturbüro Bräunig aus Halle plante die Arbeiten, die Firma Secon-Bau aus Edderitz bei Köthen setzte sie um. Neben Eigen- und Spendenmitteln der Kirchengemeinde stellte Lotto-Toto Sachsen-Anhalt für das Vorhaben 41 000 Euro zur Verfügung. Der Landkreis Anhalt-Bitterfeld gab 4 000 Euro, die Landeskirche Anhalts 58 000 Euro. Insgesamt kosteten die Arbeiten 188 677 Euro. Für den Erhalt der 1893 erbauten Kirche sind weitere Arbeiten am Mauerwerk und den Seitendächern erforderlich.

Foto: Heiko Rebsch

Foto: Heiko Rebsch

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Der wunderbare Klang der Orgel

6. November 2017 von redaktionguh  
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Kirchenmusikdirektorin Martina Apitz hat seit 34 Jahren in der Köthener Jakobsgemeinde ihr musikalisches Zuhause

Die Musik begleitet Martina Apitz schon immer. Sie ist Teil ihres Lebens. Mit 18 beginnt sie in Leipzig an der Musikhochschule zu studieren, Klavier und Orgel. Damit steht fest: Die Hallenserin will die Musik zu ihrem Beruf machen. Martina Apitz ist Kirchenmusikdirektorin in der Jakobsgemeinde Köthen. Aber wie wurde sie, was sie heute ist?

»Unsere Familie«, erzählt sie, »war immer schon sehr musikalisch.« Ihr Vater, sehr fromm, spielt Klavier, ihre Brüder Geige und Cello. »Ich wollte auch unbedingt ein Instrument spielen.« Und sie will schon als Kind mit in den Gottesdienst, »wegen der Lieder«, sagt sie und erinnert sich, dass sie noch gar nicht lesen konnte. Die Mutter glaubt deshalb, dass sie dafür noch zu klein sei. »Aber die Lieder haben mich schon immer fasziniert; die Predigt fand ich bestimmt langweilig.« Und sie mag das Orgelspiel. »Ich empfand das auch gar nicht als traurig.« Vielmehr beeindruckt der Klang des Instrumentes das Kind.

Der Vater fördert früh den Drang der Tochter, sich auf musikalischem Gebiet zu betätigen. In der Polytechnischen Oberschule »Hanns Eisler« singt sie im Chor, im Schulorchester übernimmt sie den Klavierpart. Seit der zweiten Klasse besucht sie zudem die Musikschule »Georg Friedrich Händel« in ihrer Heimatstadt. Martina Apitz erhält über die Begabtenförderung Unterricht an der Musikschule. Schon in der neunten Klasse absolviert sie die Aufnahmeprüfung im Fach Klavier für die Musikhochschule Leipzig.

Neben dem Klavier will sie unbedingt Orgel spielen. Der Kantor der Petruskirche zu Halle erteilt Orgelunterricht. Schon als Jugendliche orgelt sie in den Gottesdiensten und wird später als Hauptfächer Klavier und Orgel belegen.

Wirkt auch als Chorleiterin: Dieses Foto von Kirchenmusikerin Martina Apitz entstand in der Jakobskirche bei einer Probe für das Pop-Oratorium »Luther«. Sängerinnen und Sänger aus Köthen führten es Ende August zusammen mit vielen anderen Chören in Wittenberg auf. Foto: Heiko Rebsch

Wirkt auch als Chorleiterin: Dieses Foto von Kirchenmusikerin Martina Apitz entstand in der Jakobskirche bei einer Probe für das Pop-Oratorium »Luther«. Sängerinnen und Sänger aus Köthen führten es Ende August zusammen mit vielen anderen Chören in Wittenberg auf. Foto: Heiko Rebsch

Ihr Weg ist vorgezeichnet. »Die Professoren haben sehr darauf geachtet, dass jeder nach dem Studium auch eine Stelle bekommt.« Martina Apitz hat die Wahl: Bernburg, Gernrode oder Köthen. Drei Stellen in Anhalt, die für in Frage kämen. Sie entscheidet sich für Köthen. »Weil Köthen die mit Abstand schönste Orgel hatte.« Und wegen Bach, der in der Stadt einst als Hof-
kapellmeister arbeitete. Die Landeskirche Anhalt stellt sie in der Jakobsgemeinde als Organistin und Chorleiterin an. Die Probezeit beträgt ein Jahr. Kurz darauf bekommt die junge Frau ihr erstes Kind. Eine schwierige Situation.

Sie bleibt nicht zu Hause, geht wenig später wieder arbeiten, weil sie glaubt, die Skeptiker im Gemeindekirchenrat, die meinen, dass eine junge Mutter der Aufgabe nicht gewachsen sei, eines Besseren belehren zu müssen. Es gelingt ihr, Beruf und Familie gut unter einen Hut zu bekommen. Auch als sie noch eine Tochter bekommt. Seit 34 Jahren wirkt sie mittlerweile in Köthen und ist ihrem Arbeitgeber sehr dankbar für das Vertrauen. Die Jakobskirche, berichtet sie, sei renoviert worden und darüber viel schöner geworden; die Pfarrer hätten gewechselt, Gemeindekirchenräte und die Mitglieder des Bachchores, den Martina Apitz leitet. Anfangs gehörten ihm knapp 30 Sängerinnen und Sänger an, heute über 50.

Neben dem Bachchor betreut sie die Chöre in Görzig und Wörbzig in der Stadt Südliches Anhalt, den Kinder- und Jugendchor in Köthen und die sangesfreudigen Mädchen und Jungen in der Kindertagesstätte »Guter Hirte«. »Ich mache lieber viel und das so effektiv wie möglich«, beschreibt sie. Auch um die Zeit der Menschen, mit denen sie arbeitet, nicht unnötig zu beanspruchen.

Und dann sitzt die Kirchenmusikdirektorin natürlich so oft wie möglich an der historischen Ladegast-Orgel aus dem Jahr 1872. Die Orgel von St. Jakob habe »einen gravitätischen, vollen, wandelbaren, wunderbaren und zu Herzen gehenden Klang«. Mittlerweile übernimmt sie auch den Orgeldienst in St. Agnus. Selbst bei ihr zu Hause, wo die 57-Jährige des Öfteren mit ihrem Mann, der Violine spielt, musiziert, steht eine Orgel mit zehn Registern.

Martina Apitz ist über die Jahre zu einer Expertin für Friedrich Ladegast und romantische Orgeln im Allgemeinen geworden. Sie schätzt den sich daraus ergebenden Austausch mit vielen Musikern in aller Welt. Und gleichermaßen die Möglichkeit, viele verschiedene Orgeln spielen zu können.

Sylke Hermann

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