Nächstenliebe verlangt Klarheit

26. März 2017 von redaktionguh  
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Populismus: EKM will die inhaltliche Auseinandersetzung befördern


Christen und Populismus in der Kirche. Darüber sprach Willi Wild mit dem Leiter des Personaldezernats, Oberkirchenrat Michael Lehmann, und Oberkirchenrat Christian Fuhrmann, dem Leiter des Dezernats Gemeinde in der EKM.

Haben Sie Kenntnis von rechtspopulistischen Tendenzen in der EKM?
Lehmann:
Lassen Sie mich, bevor ich auf Ihre Frage antworte, zwei Dinge sagen. Zunächst: Das Personaldezernat spürt nicht den politischen Überzeugungen der Pfarrerschaft und der kirchlichen Mitarbeiter nach. Für uns ist lediglich maßgebend, dass die Glaubwürdigkeit unserer christlichen Botschaft nicht verletzt und der Dienst nicht beeinträchtigt wird. Wir als Landeskirche vertrauen darauf, dass unsere Mitarbeitenden im Verkündigungsdienst wissen, dass sie an alle ihre Gemeindeglieder gewiesen sind und nicht nur an diejenigen mit gleicher politischer Präferenz.

Zweitens: Die Kirche ist Teil der Gesellschaft, und gesamtgesellschaftliche Tendenzen finden sich auch in unserer Kirche wieder. Im Blick auf unsere Mitarbeitenden ist das im
Prinzip nicht anders. Allerdings sehe ich, wie viele von ihnen sich glaubwürdig gegen Verachtung und Ressentiments aussprechen und auch selbst beispielhaft handeln, indem sie etwa angesichts der Flüchtlinge vor Ort konkrete Hilfe geleistet und organisiert haben.

Nun zu Ihrer Frage: Ja, in der jüngsten Vergangenheit gab es in der EKM einen Fall: Ein Gemeindepädagoge hatte sich aktiv an einer rechtsextremistisch motivierten Demonstration beteiligt. Nach entsprechenden Personalgesprächen blieb dem Kirchenkreis keine andere Möglichkeit, als sich von diesem Mitarbeiter zu trennen. Der Fall kam vor das Arbeitsgericht, das aber hat uns klar in dieser Entscheidung bestätigt.

Fuhrmann: Auch bei ehrenamtlich in der EKM Engagierten gibt es keine Abfrage nach der Parteizugehörigkeit. Die Kirchengemeinden sind immer auch ein Spiegel der Gesellschaft und damit gesellschaftspolitischer Positionen. Entscheidend ist für mich dabei, ob es uns gelingt, ein christlich motiviertes Gespräch mit allen hinzubekommen. Ich vermute aber, dass derzeit in den Kirchengemeinden die unterschiedlichen Positionen kaum zur Sprache kommen, weil es schwierig ist, die konträren Standpunkte zusammenzubringen.

Wie schätzen Sie auf der anderen Seite die Bedrohung von Pfarrern in der EKM ein, die sich klar gegen rechte Gesinnung wenden?
Lehmann:
Tatsächlich werden Pfarrerinnen und Pfarrer unserer Landeskirche Opfer von Herabwürdigung und Bedrohung im Internet. Als ein Beispiel nenne ich unsere Landesbischöfin, die leider immer wieder zum Ziel rechtsradikaler Hetze wird. Im Fall eines Thüringer Pfarrers nahm die Androhung von Gewalt gegen ihn und seine Familie solche Ausmaße an, dass wir ihm die Aufhebung der Dienstwohnungspflicht angeboten haben. Gerade wer sich für einen mitmenschlichen Umgang mit Menschen anderer Sprache und Herkunft einsetzt, merkt: Das Doppelgebot der Liebe war nicht nur zur Zeit Jesu, sondern ist auch heute für viele ein Ärgernis. Ich sehe aber gerade da, spätestens seit Beginn der Flüchtlingskrise, eine große Glaubensgewissheit und Klarheit in unserer Pfarrerschaft. Das beeindruckt mich sehr.

Wie begegnet die EKM populistischen Tendenzen in Kirchengemeinden?
Fuhrmann:
Aus dem Landeskirchenamt heraus können wir erst mal wenig tun. Was ich als Aufgabe sehe, ist, dass wir immer wieder Impulse setzen für das Gespräch. Wir möchten ermutigen und einladen zur Debatte. Die Initiative sollte aber aus den Kirchengemeinden kommen. Wir unterstützen Angebote der Gemeinden und Einrichtungen, wo es um Begegnung geht, und stehen gern beratend zur Seite.

www.ekmd.de/kirche/themenfelder/rechtsextremismus

Diakone im Dialog

12. März 2017 von redaktionguh  
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Falk-Schüler unter sich: Verena Armstroff (39) und Jörg Rumpf (47) sind gelernte Erzieher mit Diakonenausbildung. Beide wohnen mit ihren Familien in Eisenach. Während Verena Armstroff seit 2009 die evangelische Kindertagesstätte in Herda leitet, arbeitet Jörg Rumpf seit über 20 Jahren als Jugenddiakon in der Kirchengemeinde Eisenach. Beide trafen sich zu einem Gespräch mit Mirjam Petermann über die Ausbildung, ihren Beruf und die Mitgliedschaft in einer diakonischen Gemeinschaft.

Wie kam es, dass Sie sich für die Ausbildung zum Diakon entschieden haben?
Armstroff:
Ich habe die Erzieherin-Ausbildung an der Falk-Schule gemacht und dort den Diakonen-Kurs kennengelernt, der für die Andachten verantwortlich war. Ich wurde neugierig und habe mich über die Ausbildung informiert.
Rumpf: Nach dem Abitur hat man ja verschiedene Vorstellungen, was man gerne werden möchte. Ich hatte Chemie, Philosophie und Theologie im Blick. Mit Theologie hatte ich aber vorher nicht viel am Hut. Ich war nicht getauft und habe mir dann gesagt, du kannst nicht gleich von null auf hundert, sondern du musst irgendwas vorschalten, um da reinzukommen. Dann habe ich im Falk-Haus einen Termin gemacht.

Die Ausbildung im Falk-Haus gestaltete sich zu der Zeit schwierig. Durch die Wiedervereinigung war alles im Umbruch. Wie ging es für Sie weiter?
Rumpf:
Ich bin für ein Freiwilliges Jahr im diakonischen Dienst nach Bad Blankenburg in ein Heim für mehrfach Schwerstbehinderte gegangen. Danach konnte das Falk-Haus immer noch nicht ausbilden. So ist ein Teil von uns in die zweijährige Erzieherausbildung nach Schwalmstadt-Treysa in Hessen gegangen; für die Grundausbildung Diakon ging es danach ein Jahr nach Eisenach. Damit waren wir 1993 der erste Kurs nach der Wende.

Was war für Sie das Besondere an der Diakonen-Ausbildung?
Armstroff:
Ich finde, sie hat per se ganz viele Inhalte, die auch in der Pädagogik eine große Rolle spielen, wie Wertschätzung, Partizipation oder Empathie. Das sind Punkte, auf die ganz besonders Wert gelegt wurde, weil es die Arbeit mit Menschen betrifft.

Verena Armstroff

Verena Armstroff

Würden Sie als Leiterin einer Kindertagesstätte sagen, Sie arbeiten als Diakonin?
Armstroff:
Das Erste, was mir einfällt, wäre schon Kindheitspädagogin und Leiterin Kindertagesstätte. Aber wie das üblich ist, stellen wir uns im Eingangsbereich vor. Da war es mir wichtig, das »Diakonin« auch zu benennen. Ich hatte schon die eine oder andere Nachfrage, was das überhaupt sei. Dann habe ich das sehr gerne erzählt, weil mir das wichtig ist. Ich bin zwar nicht in erster Linie als Diakonin angestellt, aber wir sind eine evangelische Tagesstätte. Uns ist wichtig, dass die Eltern wissen, was wir in der Einrichtung leben, welche Werte dahinterstecken.

Herr Rumpf, wie erklären Sie Menschen, die mit Ihrer Berufsbezeichnung nichts anzufangen wissen, Ihren Job?
Rumpf:
Ich sage dann, ich bin kirchlicher Sozialarbeiter. Das verstehen die Leute, darunter können sie sich etwas vorstellen. Sozialarbeit, die kirchlich unterlegt ist – für mich ist es das.
Armstroff: Das, finde ich, ist eine total tolle Umschreibung.

Wie sieht diese kirchlich unterlegte Sozialarbeit konkret aus?
Rumpf:
Meine Arbeit beginnt mit den Vorkonfirmanden und geht bis zu den Jugendlichen. Ich habe keine festen Sprechzeiten, aber wenn ich aus der jungen Gemeinde rausgehe, dann bleibt immer mal einer stehen und dann redet man nochmal miteinander. Diese Seelsorge zwischen Tür und Angel ist eines der »Kerngeschäfte«.

Machen Sie damit das Gleiche wie ein Gemeindepädagoge?
Rumpf:
Wenn im kirchlichen Rahmen gesagt wird, »ihr seid ja jetzt gemeindepädagogische Mitarbeiter«, dann sage ich trotzdem: »Ich bin Diakon.« Weil das meine Berufsbezeichnung ist. Wir haben etwas ganz anderes gelernt als die Gemeindepädagogen. Ich bin das zwar auch ein Stück weit, aber unsere Berufsbezeichnung ist Diakon, und da bestehe ich drauf.

Warum ist es für Sie so wichtig, Diakon genannt zu werden?
Rumpf:
Das hat etwas mit der Zeit, mit der Erzieherausbildung und ganz viel mit dieser Gemeinschaft zu tun, in der ich bin. Da habe ich immer wieder erfahren und erfahre ich, dass sie wie eine Ersatzfamilie ist. Wenn Kirche uns als Diakone lange Zeit stiefmütterlich behandelt hat, hat sie uns trotzdem durchgetragen. Das war wichtig. Ich denke, wenn nicht einige von uns gekämpft hätten, wäre es lange nicht so geworden, wie es jetzt ist. Für das Diakonengesetz haben wir lange gestritten.

Jörg Rumpf

Jörg Rumpf

Hat sich mit dem neuen Gesetz für Sie etwas geändert?
Rumpf:
Jetzt habe ich das Gefühl, wir werden von der Kirche wieder wertgeschätzt.

Gibt es Ihrerseits auch Kritikpunkte am neuen Gesetz?
Rumpf:
Man muss ja nun in einer Gemeinschaft sein, um sich Diakon nennen zu dürfen. Das hat ein bisschen was von Zwang. Ich weiß nicht, ob das wirklich gut ist.

Nach der Diakonen-Ausbildung wurden Sie zum »Schnuppern« in den Hauptkonvent eingeladen. Warum sind Sie damals schon, und ohne Zwang, in der Gemeinschaft Mitglied geworden?
Rumpf:
Das lag einfach an der Atmosphäre. Da saßen Ältere, und kleine Kinder hüpften herum. Dieses Wuseln und Miteinanderleben hat mich total beeindruckt. Deswegen bin ich auch dabeigeblieben. Ich genieße das jedes Mal und ärgere mich, wenn ich nicht zum Hauptkonvent fahren kann.

Frau Armstroff, Sie sind nicht mehr Mitglied der Brüder-und Schwesternschaft Johannes Falk? Warum nicht?
Armstroff:
Die meisten unseres Kurses haben gleich gesagt, wir wohnen nicht hier vor Ort, wir gucken uns bei uns um. Ich bin erst einmal in die Gemeinschaft eingetreten und habe dann gemerkt, dass mir, wahrscheinlich auch zeitlich bedingt, einfach der Bezug gefehlt hat. Mir ist es wichtig, wenn ich irgendwo dabei bin, dann möchte ich mich auch aktiv einbringen. Mir hat die Nähe gefehlt, die für mich wichtig ist, wenn man sich einer Gemeinschaft zugehörig zählt.

Würden Sie die Ausbildung und den Beruf des Diakons weiterempfehlen?
Rumpf:
Grundsätzlich denke ich, es ist eine Berufsbezeichnung und eine Ausbildung, die auch Chancen am großen Markt hat. Ob ich es wieder hier in Eisenach, jetzt in einer Teilzeit-Ausbildung, machen würde, weiß ich nicht. Mit der Aufwertung, die es durch das neue Diakonengesetz gegeben hat, hat der Beruf noch einmal an Attraktivität gewonnen.
Armstroff: Ich sehe es bei uns im ländlichen Raum, wo die Kirchgemeinden zusammengelegt werden und die Zeit fehlt, da müssten junge Leute da sein, die die Kinder- und Jugendarbeit stärker auffangen würden. Darin sehe ich eine große Chance des Berufs. Ich möchte die Zeit der Diakonen-Ausbildung einfach nicht missen. Es hat auch einen Teil Biografiearbeit für mich gehabt, wo man sich selber erdet.

Das Jahr, in dem Luther zum Nationalhelden der DDR wurde

6. März 2017 von redaktionguh  
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Altbischof Axel Noack über die kuriosen Ereignisse rund um das Lutherjahr 1983 im Arbeiter-und-Bauern-Staat

Die Älteren werden sich noch an das »Lutherjahr 1983« erinnern: SED-Parteichef Erich Honecker persönlich war der Vorsitzende des staatlichen »Luther-Kommitees«. Zur Eröffnung sagte er: »Martin Luther war einer der bedeutendsten Humanisten, deren Streben einer gerechteren Welt galt. Wir dürfen sagen, dass unser Vaterland, die Deutsche Demokratische Republik, dieses kostbare Erbe in sich aufgenommen hat.«

So wurde in der DDR nicht immer über Martin Luther gesprochen. Besonders in den Anfangsjahren der DDR – die alten Schulbücher für den Geschichtsunterricht können das anschaulich belegen – galt Luther als ein »Fürstenknecht« und als »Totengräber der Revolution«. So hatte schon 1836 der Dichter Ludwig Börne formuliert: »Die Reformation war die Schwindsucht, an der die deutsche Freiheit starb und Luther war ihr Totengräber.«

Luther-Souvenirs: Zum Kirchentag 1983 ein Schaufenster in Wittenberg. Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Luther-Souvenirs: Zum Kirchentag 1983 ein Schaufenster in Wittenberg. Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Was hatte den Wandel des Lutherbildes bewirkt? Letztlich weist er auf den Unterschied zwischen der Ulbricht-Zeit und der Zeit unter Erich Honecker hin. Wurde bei Ulbricht die Ideologie noch groß geschrieben, galt bei Honecker ein viel pragmatischerer Kurs. In der 1968 per Volksentscheid in Kraft gesetzten neuen DDR-Verfassung galt die DDR noch als »sozialistischer Staat deutscher Nation«. Das wurde – ohne jede Volksabstimmung – 1974 geändert. Nun sprach man von der DDR als eigenständiger Nation, die sich damit noch deutlicher von der Bundesrepublik abzugrenzen wünschte.

Natürlich bedurfte die Nation der DDR auch einer Nationalgeschichte. So wurden dann ziemlich schnell wieder Traditionen aufgegriffen, die vorher verpönt oder verschwiegen, zumindest aber – das zeigte das Beispiel Martin Luther – negativ gekennzeichnet worden waren: Zuerst durfte Friedrich II. (»der Große«) wieder auf seinem Denkmal in Berlin, unter den Linden, reiten. Das war verwunderlich, galt doch Preußen bis dahin als der Hort der Reaktion und des Militarismus.

Dann wurden – Weihnachten 1982 war es soweit – erstmalig Karl-May-Filme im DDR-Fernsehen gezeigt. Honecker persönlich hatte sich für die Renovierung der Karl-May-Stätten in Radebeul und Hohenstein-Ernstthal eingesetzt und den Druck von Karl-May-Büchern befürwortet. Karl May hatte als der Lieblingsautor Adolf Hitlers gegolten. In dem vom damaligen Minister für Volksbildung, Paul Wandel, initiierten Beschluss zur Einrichtung von Jugend-und Kinderbuchabteilungen (7. 7. 1950) stand Karl May auf der Liste derjenigen Autoren, die aus den Bibliotheken zu entfernen seien.

Noch im Jahre 1976, als die SED-Zeitschrift »Neues Deutschland« seinen unsäglichen Artikel zur Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz veröffentlichte (31. 8. 1976), wurde Pfarrer Brüsewitz in sehr negativer Weise mit Karl May verglichen: »Seine Handlungen entsprachen sehr oft mehr den Geschichten von Karl May als den Geboten der Kirche.«

Nun also auch Martin Luther. Kirche und Öffentlichkeit waren wirklich überrascht, als Honecker persönlich schon 1978 bei dem berühmten Staat-Kirche-Gespräch vom 6. März mit dem Vorschlag eines Lutherjahres im Jahre 1983 kam. Da wurden dann keine Mühen gescheut. Die Lutherhalle in Wittenberg, Luthers Elternhaus in Mansfeld und das Erfurter Augustinerkloster wurden aufwendig restauriert. »Expertengespräche« zwischen marxistischen Historikern und Kirchengeschichtlern wurden erstmalig offiziell ermöglicht.

Eine riesige, fünfteilige Fernsehfilmserie »Martin Luther« konnte (und kann) sich durchaus sehen lassen. Eine – vornehmlich für das Ausland gefertigte – große Wanderausstellung war sehr beachtlich, was Aufwand und Inhalt betrifft.

Freilich gab es auch Kuriositäten: Die Betriebe waren angewiesen, »Luthersouvenirs« zu produzieren, die man gegen Devisen zu verkaufen hoffte. Das hat nicht wirklich funktioniert. Und dann die acht regionalen Kirchentage. Vermutlich hoffte man, durch die Regionalisierung die Sache etwas klein halten zu können, erreichte aber das Gegenteil: Die Kirchentage wurden zu einem großen Fest und zur Plattform für die Vernetzung von Friedens-, Umwelt- und Bürgerrechtsgruppen aus der ganzen DDR.

Auf dem Kirchentag in Wittenberg (September 1983) war – unter großer Anteilnahme des Publikums und des westdeutschen Fernsehens – ein Schwert zur Pflugschar umgeschmiedet worden (siehe Erinnerungsmal »Schwerter zu Pflugscharen« auf Seite 2). Das wurde zum Symbol einer erstarkenden Friedens- und Bürgerrechtsbewegung in der DDR. So wurde das Lutherjahr 1983, ganz anders als von der Partei geplant, auch zu einem wichtigen Schritt auf dem Weg zum Ende der DDR.

Der Autor ist Kirchenhistoriker an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Buchtipp: Peter Maser: Mit Luther alles in Butter? Das Lutherjahr 1983 im Spiegel ausgewählter Akten, Metropol-Verlag, 576 S., ISBN 978-3-863-31158-2, 29,90 Euro

Sie kann sich nicht verzeihen

27. Februar 2017 von redaktionguh  
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Vergebung ist ein großes Geschenk – Heike Liebsch kann es für sich nicht an-nehmen. Als SED-Funktionärin wollte sie Brücken zur Kirche bauen. Dass dabei ihr Gewissen vor der Partei kapitulierte, verzeiht sie sich nie.

Ob die Kirchenzeitung wirklich über sie schreiben wolle? Sie fragt das zweifelnd am Telefon, ernst, ohne alle Koketterie. »Ich gehöre doch zu den Bösen.«

Es gab da ein Gespräch, im Winter der abebbenden Revolution von 1989. Da hat Heike Liebsch, die Mitarbeiterin für Staatspolitik in Kirchenfragen beim Rat des Stadtbezirks Dresden-Mitte, dem Superintendenten Christof Ziemer ihre Stasi-Gespräche offenbart. »Jetzt ist Heilung möglich«, sagte der Theologe. Vergebung. Heike Liebsch dachte nur: »Als könnte man einen Genickschuss heilen!« Von der Schuld, dem Verrat, auch dem Verrat an sich selbst.

Die Kugel für den Schuss flog bereits, als sie jung war. Der Sozialismus musste ja verteidigt werden. Ihre Mutter Oberleutnant bei der Volkspolizei, ihr Vater auch Genosse, ihr Großvater hatte in einem der ersten KZs gelitten. Gott und Glaube? Alles von der Wissenschaft widerlegt, dachte sie damals. »Das ist Opium des Volkes, das war für mich ein Glaubenssatz.« Ein anderer Glaubenssatz betraf die Menschenfreundlichkeit des Sozialismus. Sie glaubte mit heißem Herzen.

Die Kugel flog, da war sie Lehrling in der Druckerei und FDJ-Sekretärin. Schießlehrerin war sie auch. Einen Christen erkannte sie daran, dass er mit dem Luftgewehr neben die Zielscheibe schoss. Es war die Zeit der Atomraketenangst, es war 1982. Sie schmuggelte zwischen den Druck von Korrekturfahnen ein paar Flugblätter, in denen sie zu einem Friedensmarsch aufrief. Freunde von ihr waren Christen und trugen später die »Schwerter zu Pflugscharen«-Aufnäher, es kam ihr nur absurd vor, ideologische Gräben zu ziehen beim Kampf für den Frieden. Micha, Jesaja? Die Kommunistin Heike Liebsch begann, die Bibel zu lesen. Sie wollte es wissen.

Dann flog die Kugel über linoleumbelegtes Büroland. Mit 22 bezog die junge Genossin Heike 1986 ihren Schreibtisch im Stadtbezirk Dresden-Mitte. Sie hängte ein Bild von Gorbatschow neben dem des Papstes an die Wand.

Die Aufgaben einer Mitarbeiterin für Kirchenfragen im SED-System waren so: Kontrollgänge zu kirchlichen Schaukästen, um bei politischen Äußerungen auf Mäßigung zu dringen; Konfirmanden zum Abitur zuzulassen oder abzulehnen; bei Bau- und sonstigen Fragen zwischen Staat und Kirche zu vermitteln – und mindestens vier Gespräche im Jahr mit jedem Pfarrer in ihrem Gebiet.

»Sie hat nie verheimlicht, auf welcher Seite sie stand – aber ich habe sie immer als einen um die Wahrheit ringenden, suchenden Menschen erlebt«, erinnert sich Pfarrer Matthias Weismann, heute Superintendent im Leipziger Land. Auch der reformierte Pfarrer Klaus Vesting saß einer nachdenklichen Frau gegenüber. »Bei ihr konnte man kritische Dinge anbringen, ohne dass gleich die Keule der Staatsmacht kam.«

Die Staatsmacht war trotzdem im Boot. Die Kugel flog schneller. Nach jedem Pfarrergespräch schrieb Heike Liebsch einen Bericht an das Ministerium für Staatssicherheit. Und einmal im Vierteljahr betrat sie eine ohne Geschmack eingerichtete Wohnung in einer Gasse, in der sie ein Offizier zum Gespräch empfing. »Er hat mir immer recht gegeben, wenn ich am Verzweifeln war über die SED – das waren die Einzigen, mit denen ich über alles reden konnte. Und ich war süchtig nach Anerkennung.«

Der Offizier hatte sie, es war gut kalkuliert. Einmal im Jahr gab es eine Vase oder einen Kerzenständer oder 200 Mark.

Die Kugel trat in dem Moment ein, als sie spürte: »Ich verrate die Wärme an die Kälte.« Die Pfarrer, die sie sehr schätzte und von denen sie manches lernte. Ihre Hoffnung, Verständnis zwischen SED und Kirche zu wecken, auch manchem Kirchenmitarbeiter zu helfen.

Sie sah beides als Gnade an. Selbstbetrug nennt sie es heute. Sie tippte weiter Berichte, sie sicherten ihr Anerkennung, Aussicht auf eine Karriere und nebenbei ein Philosophiestudium. »Ich war ein Feigling und habe geholfen, das System am Laufen zu halten«, sagt sie heute. Da entstand der Bruch in ihr.

In der DDR war Heike Liebsch die Kontaktperson des Staates zu den Kirchen in Dresdens Zentrum – heute führt sie Besucher der Stadt gern zu dem letzten Fragment der 1953 gesprengten Jakobikirche am Wettiner Platz. Foto: Steffen Giersch

In der DDR war Heike Liebsch die Kontaktperson des Staates zu den Kirchen in Dresdens Zentrum – heute führt sie Besucher der Stadt gern zu dem letzten Fragment der 1953 gesprengten Jakobikirche am Wettiner Platz. Foto: Steffen Giersch

Als im Herbst 1989 die Demonstranten Kerzen auf Dresdens Straßen trugen, lief sie wie ein gefangenes Tier in der Bürokratenburg der Macht umher, inspizierte Schaukästen an den Kirchen, Friedensgebete. Schlaflose Nächte. »Die Wut muss raus aus mir, diese Verzweiflung. Niemand kann etwas dafür – außer ich selbst«, notierte sie in ihr Tagebuch. »Und ob ich schuldig geworden bin!«

Wenige Wochen später ging sie zu den Pfarrern und bekannte ihnen ihre Berichte. »Dass diese Leute damals Protokolle für die Stasi geschrieben haben, war uns doch klar«, sagt Pfarrer Klaus Vesting. In seinen Akten hat er keinen Bericht von Heike Liebsch gefunden. Einige Pfarrer waren ebenso wenig überrascht, manche Verbindung blieb bis heute.
Zu einem anderen Theologen zerbrach das Verhältnis. Sie verstand, aber es schmerzte.

Die Kugel steckte jetzt in ihr. Man fragte sie in den Wirren des Umbruchs, den sie selbst als Befreiung empfand, ob sie nicht Pressesprecherin der Stadt werden wolle. Sie wurde lieber Pförtnerin. Zwei Jahre lang.

»Ich habe gelernt, dass ich anfällig bin für Macht – also halte ich mich davon fern. Ich will nicht wieder in Versuchung kommen«, das ist ihre Lehre. Sie nimmt sie sehr ernst. Baute den jüdischen Kulturverein »Hatikva« in Dresden mit auf, erforschte die jüdischen Friedhöfe. Zwei Jahre lang fuhr sie nachts Taxi. Manchmal geht sie am Sabbat in die Synagoge.

Sie betet dort nicht. Aber dass es keinen Gott gibt, würde sie heute auch nicht mehr sagen. Sie sagt: Wer weiß? Nur scheut sie eine neue Wahrheit, nachdem ihr alter Glaube sie in den Verrat geführt hat. Als Stadtführerin zeigt sie ihren Gästen heute die Synagoge und auch Kirchen.

Nein, Buße sei all das nicht. »Seine Schuld kriegt man nicht los«, sagt sie. »Ich konnte nichts ungeschehen machen, nichts wiedergutmachen. Wie sollte das auch gehen?« Ihr Kopf weiß, dass Vergebung ein großes Geschenk sein kann. Sich selbst zu vergeben, hat ihr Herz nie geschafft. Die Kugel steckt fest und schmerzt.

Eine ihrer Stadtführungen beginnt an den spärlichen Überresten der von der DDR gesprengten Jakobikirche. Ein Fragment im Freien, mehr nicht. Ruinen, sagt sie, sind ehrlich.

Andreas Roth

Segnen ist Gottes Leidenschaft

20. Februar 2017 von redaktionguh  
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»Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein« – ein Impuls zu Gottes Verheißung an Abraham.

Wenn Gott segnet, gibt er aus seiner göttlichen Lebensfülle. Es ist seine Art, großzügig, ja fast verschwenderisch zu schenken. Segen ist göttliches Leben. Segen ist nur ein anderes Wort für Gnade, vielleicht leichter verständlich. Weil es Gottes Leidenschaft ist, uns Gutes zu tun, hält er Ausschau nach Menschen, die sich nach seinem Segen sehnen:

Die Geschichte Abrahams handelt davon. »Ich will dich segnen.« Mit diesem Segenszuspruch kommt Gott dem suchenden Abraham entgegen. Damit lockt er Abraham in ein Leben des Vertrauens. Abraham hört es und ist davon tief getroffen. Er bewegt dieses Wort und es lässt ihn nicht mehr los: »Ich will dich segnen.«

Impressionen vom »Berg der Kreuze« in Litauen. Foto: Dieter Schütz/pixelio.de

Impressionen vom »Berg der Kreuze« in Litauen. Foto: Dieter Schütz/pixelio.de

Abraham sucht die Einsamkeit, um dieses Wort zu knacken. Aber das Wort knackt ihn. Er wagt es, sich auf diese Stimme einzulassen. Er wagt zu glauben. Sein Segensweg beginnt mit einem Abschied. Und Gott sagt ihm auch konkret, was er loslassen muss: sein Vaterland, seine Verwandtschaft, das Haus seines Vaters. Also alles, was ihm bisher Halt und Schutz gegeben hat. Gott ruft ihn aus seiner bisherigen Existenz in eine neue, aus einem bekannten Land in ein unbekanntes. Und Abraham hat nur eine einzige Brücke, das Wort der Verheißung, das er vernommen hat. »Ich will dich segnen.« Über diese Brücke geht er nun. So ist der Segen bei Abraham mit dem Schmerz des Abschieds verbunden. Abraham wagt es trotzdem. Er packt zusammen und bricht auf. So öffnet er sich für den großen Segen, den Gott ihm versprochen hat.

Abraham hätte das große Angebot auch ablehnen und überhören können. Er hätte in der Geborgenheit der Familie, in der Sicherheit seiner Sippen und bei den üblichen religiösen Traditionen bleiben können. Doch Abraham entscheidet sich für den Segen. Er muss es ertragen, dass andere ihn für einen Narren halten. Er geht weiter über die Schmerzgrenze hinaus in die Freiheit, in die Gott ihn ruft.

Natürlich kennt er auch Stunden, in denen er unsicher ist, nichts sieht und Fehler macht. Aber die segnende Gegenwart ist jedesmal größer als sein Versagen. Mit jedem Schritt geht Abraham tiefer hinein in die Freundschaft mit dem lebendigen Gott. Durch Jesus Christus, der ja der verheißene Nachkomme Abrahams ist, weitet sich der Lebens- und Segensstrom hin zu allen Völkern der Erde. Das Kreuz Jesu ist die universale Dimension des göttlichen Segens.

Segnen ist bis heute Gottes große Leidenschaft. Wer die Segensfülle empfangen will, kommt wie Abraham um einen Abschied nicht herum. Wir vergessen das leicht. Wer tiefer in die Freundschaft mit dem lebendigen Gott einsteigen will, dem sagt Gott, wo er ausziehen soll. Vielleicht ist es eine Gewohnheit, die mir schadet, eine Beziehung, die mich abhängig gemacht hat, ein negatives Verhalten wie Rückzug oder Unversöhnlichkeit. Fragen wir Gott, er wird es deutlich machen.

Schauen wir jetzt noch auf den zweiten Teil der Verheißung: »Du sollst ein Segen sein.« Oder einfach: Werde ein Segen! Ein Segen für andere sein, ist eine schöne Berufung. Wie aber kommen wir in diese Berufung hinein, Segen zu sein? Sicher nicht dadurch, dass wir uns jetzt vornehmen, uns anzustrengen und mehr für andere zu tun.

Ein Segen sein, ein Segen werden, da geht es um unser Sein, nicht ums Tun, ums Machen. Vielleicht heißt ein Segen werden zuerst einmal weniger tun und mich daran freuen, wer ich vor Gott bin. Wenn wir wie Abraham aus der Freundschaft mit dem ewigen Gott leben, werden wir Menschen, die das Wunder der Zeitvermehrung erfahren. Bin ich ein Mensch, der wieder Zeit hat?

Dann bin ich vielleicht schon ein Segen, ohne etwas Besonderes zu machen. Wer aus der Freundschaft mit Gott lebt, der wird voraussichtlich freundlich. Wer sich die Liebe Gottes gefallen lässt, wird voraussichtlich liebevoll. Wer vor Gottes Augen Gnade gefunden hat, wird mit anderen gnädig sein. Wer von Gott gesegnet ist, wird voraussichtlich ein Segen sein.

Ein Segen sein, das heißt: Ich bin jemand, der segnet. »Segnen heißt, die Hand auf etwas legen und sagen, du gehörst trotz allem Gott.« (Dietrich Bonhoeffer) Segnen kann jeder, der glaubt. Segnen ist an kein bestimmtes Amt gebunden.

Im Alten Testament war es die Aufgabe der Priester, den Segen aufs Volk Gottes zu legen. Im Neuen Testament gibt Jesus seinen Jüngern den Auftrag, alle Menschen zu segnen. Jeder Christ darf zum Beispiel seine Nachbarn und Arbeitskollegen segnen. Jeder Vater darf seine Kinder segnen. Wenn wir mit dem Segnen ernst machen, wird sich die Atmosphäre in der Familie und im Geschäft voraussichtlich verändern. Wenn wir einen Menschen segnen, stellen wir ihn in eine Beziehung zu Gott.

Wie wir Segen weitergeben, das kann sehr vielfältig sein: Gute Gedanken über einem Menschen wirken Segen; jeder Gruß ist ursprünglich ein Segen (»Grüß Gott« meint: Jetzt grüßt dich Gott) – aber das ist uns meistens nicht mehr bewusst; es gibt auch die segnende Berührung – die Hand auf den Kopf oder auf die Schulter legen und ein gutes Wort sprechen; es gibt den segnenden Blick, die segnende Geste, den Segenswunsch. Der Zuspruch einer Segensverheißung setzt heute genauso wie bei Abraham in einem Menschen Glaubenskraft frei.

Jesus befiehlt seinen Jüngern auch, die zu segnen, die ihnen fluchen. Die Segensmacht Gottes ist stärker als jeder Fluch. Als Jesus am Kreuz starb, hat er Fluch in Segen verwandelt.

Ich schließe damit, was Dietrich Bonhoeffer über Segen gesagt hat: »Wer selbst gesegnet wurde, der kann nicht anders, als diesen Segen weitergeben, ja, er muss dort, wo er ist, ein Segen sein. Nur aus dem Unmöglichen kann die Welt erneuert werden. Dieses Unmögliche ist der Segen Gottes.«

Barbara-Sibille Stephan

Die Autorin ist Schwester in der Christusbruderschaft Selbitz und zurzeit im Aidshilfeprojekt der Communität in Südafrika tätig.

Für wen sind die Kirchentage gedacht?

13. Februar 2017 von redaktionguh  
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Interview: Im Mai finden in acht Städten Mitteldeutschlands die Kirchentage auf dem Weg statt. Benjamin Lassiwe sprach dazu mit dem Marketingchef des Trägervereins
für das Reformationsjubiläum, Christof Vetter.

Herr Vetter, wann sind die Kirchentage auf dem Weg eigentlich ein Erfolg?
Vetter:
Ich glaube, da muss man unterscheiden – zwischen dem inhaltlichen Erfolg und dem Zahlenerfolg. Der inhaltliche Erfolg wird dann eintreten, wenn wir es schaffen – und die Programme sehen so aus, als könnten wir das schaffen –, für die Region Mitteldeutschland Impulse zu setzen. Für die Menschen, die dort leben und für die Menschen, die dort bleiben, wenn wir wieder weg sind.

Und was ist mit dem Erfolg in Zahlen?
Vetter:
Wir haben Planzahlen, die insgesamt, für alle Kirchentage auf dem Weg, bei 80 000, der Größenordnung eines Kirchentags, liegen. Ob wir diese Planzahlen erreichen, ist eine kritische Frage, die man im Endeffekt erst danach beantworten kann.

Es wird Menschen geben, die sagen, zum Berliner Kirchentag gehe ich nicht – der ist mir zu groß. Für diese Menschen sind die Kirchentage auf dem Weg genau das Richtige. Kleiner, überschaubarer, intimer. Dazu kommen die Besucher aus der Region: Bei den letzten Kirchentagen in Dresden und in Stuttgart kamen unglaublich viele Menschen aus der unmittelbaren Umgebung.

Wofür lohnt es sich, eine Eintrittskarte zu kaufen? Viele Veranstaltungen finden doch im Freien statt?
Vetter:
Die Eintrittskarte lohnt sich zunächst mal unter dem Aspekt der Ehrlichkeit. Auch ein Kirchentag kostet Geld. Mit der Eintrittskarte trägt man sein Scherflein zum Gelingen der Veranstaltung bei. In den geschlossenen Räumen wird es, wie bei jedem anderen Kirchentag auch, Einlasskontrollen geben – die Open-Air-Veranstaltungen werden aber, wie bei jedem Kirchentag üblich, kostenfrei besuchbar sein. Wir freuen uns ja auch über Menschen, die nur eine Stunde oder eine halbe Stunde dabei sein können.

Und: Es gilt die traditionelle Kirchentagsregel – wer sich eine Eintrittskarte wirklich nicht leisten kann, kann sich beim Teilnehmendenservice melden, und dann finden wir eine Lösung.

Die Programme sind bei den Kirchentagen auf dem Weg unterschiedlich umfangreich. In Leipzig findet fast ein eigener Kirchentag statt. In kleineren Orten, wie Halle oder Dessau, wird es da nicht schwierig mit der Resonanz?
Vetter:
Ich glaube nicht, dass es in Dessau schwierig wird. Dort ist die anhaltische Landeskirche zu Hause – und diese Kirche ist wieder einmal hoch motiviert.

Illustration: Daniel Leyva, r2017

Illustration: Daniel Leyva, r2017

Und Leipzig war ja schon Gastgeber für einen normalen Kirchentag und einen Katholikentag im letzten Jahr: Dort gibt es eine besondere Tradition – und in diesem Jahr noch einen besonderen Anreiz. Menschen, die miteinander Posaune, Trompete oder Tuba spielen, und im Festgottesdienst am 28. Mai in Wittenberg spielen, können sich dort schon einmal treffen und ein Konzert geben. Das ist natürlich ein Höhepunkt, den andere Städte nicht bieten können.Aber jeder Kirchentag hat ein eigenes, regional vorbereitetes Programm – und deswegen unterscheiden sich die Programme vor Ort auch.

Was ist aus Ihrer Sicht der Höhepunkt? Worauf freuen Sie sich am meisten?
Vetter:
Der Höhepunkt ist natürlich der große Festgottesdienst in Wittenberg, wo die Besucher aus Berlin, von den Kirchentagen auf dem Weg und aus ganz Ostdeutschland zusammenkommen werden. Denn Wittenberg liegt gar nicht so weit weg, wie man immer denkt.

Von Braunschweig oder Hannover ist das eine normale Tagesreise. Da kann man früh morgens losfahren und zum Gottesdienst in Wittenberg dabei sein.

Faszinierend finde ich die öffentliche Darstellung der »Lichtgeschichte der Reformation« in Leipzig, das Theater auf der Elbe in Magdeburg, es gibt da ganz vieles …

Wer steckt denn eigentlich hinter dem Verein für das Reformationsjubiläum?
Vetter:
Das ist ganz einfach zu erklären: Hinter dem Trägerverein stecken der Deutsche Evangelische Kirchentag und der Rat der EKD. Beide haben den Verein gegründet. Heute gibt es dort knapp 100 hauptamtliche Mitarbeiter.

Manche machen gern Großveranstaltungen, andere lieben den Kirchentag und wieder andere haben Lust, bei etwas ganz Großem dabei zu sein.Und dann sind da die 180 Volunteers – die jungen Freiwilligen, die mit uns leben und arbeiten. Und die sind ganz stark dabei, die bringen ganz viele kreative Ideen mit ins Spiel.

Sprechen wir über den Festgottesdienst. Da gab es immer wieder einmal die Frage nach dem Sicherheitskonzept – wie steht es darum?
Vetter:
Da sind wir derzeit wenige Wochen vor der Fertigstellung. Es gibt einen klar definierten und mit den Behörden des Landes Sachsen-Anhalt, des Landkreises Wittenberg, der Stadt und den Bundesbehörden abgesprochenen Zeitrahmen.

Es war klar, es muss bis Ende Februar ein Organisationskonzept vorliegen. Dann wird man es mit den Behörden, mit denen man das entwickelt hat, noch einmal genau anschauen. Und dann werden wir die entscheidenden Teile, die die Menschen wirklich betreffen, auch in angemessener Form bekanntgeben und kommunizieren, sodass jeder, der vom Kirchentag auf dem Weg zum Abschlussgottesdienst kommt, der einen Tagesausflug dorthin macht oder der in Wittenberg selbst lebt, rechtzeitig erfährt, wie es für ihn ganz persönlich funktioniert.

www.r2017.org

»Eine Bereicherung für alle«

5. Februar 2017 von redaktionguh  
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Fazit von Behindertenvertretern: Inklusion ist noch keine Normalität

Jürgen Schmidt aus Wasungen ist der Vorsitzende des Behindertenverbandes des Landkreises Schmalkalden-Meiningen. Ein Gespräch mit ihm und der ebenfalls im Vorstand engagierten Nicole Strauch aus Meiningen über Chancen und Barrieren.

Herr Schmidt, Sie engagieren sich für die Inklusion von Menschen mit Behinderung. Überschneidet sich der Begriff mit Integration?
Schmidt:
Vorsicht! Integration heißt, dass jemand – oder etwas – ausgegliedert ist und nun wieder eingegliedert werden soll. Inklusion hingegen bedeutet, dass jemand bereits Teil des Systems ist, aber die Bedingungen müssen für ihn noch geändert werden. Inklusion ist eine große Chance für die Gesellschaft, nämlich alle Menschen mit ihren Fähigkeiten und Gaben zu sehen, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich einzubringen, statt sie auf ihre Defizite zu reduzieren. Das ist eine Bereicherung für alle.

Jürgen Schmidt und Nicole Strauch. Foto: Susann Winkel

Jürgen Schmidt und Nicole Strauch. Foto: Susann Winkel

Frau Strauch, wie normal ist Inklusion mittlerweile?
Strauch:
Inklusion ist leider noch nicht zur Normalität geworden. Es wird zwar viel über Inklusion gesprochen, aber die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, die 2009 durch Deutschland ratifiziert wurde, ist bisher eher schleppend vorangekommen und das in allen Bereichen. Ich würde mir besonders wünschen, dass mehr Kitas inklusiv wären und auch der gemeinsame Unterricht an allen Schulen zur Normalität würde. Das wäre schon ein großer Fortschritt.

Schmidt: Zunächst müssen einmal die Rahmenbedingungen stimmen. Wenn beispielsweise eine Schule neu- oder umgebaut wird, stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit von Barrierefreiheit. Oft kommt dann das Argument, dass ja gar kein Kind mit Rolli die Schule besucht. Das ist aber auch gar nicht möglich, weil ja die Bedingungen gar nicht gegeben sind. Ist dann erst einmal ein Fahrstuhl da, haben alle etwas davon – Eltern mit Kinderwagen oder ältere Personen.

Erleben Sie Ausgrenzung im Alltag?
Schmidt:
Ja, etwa in den Arztpraxen. Wir haben keine freie Arztwahl, da die Barrierefreiheit nicht überall gegeben ist. Wenn ich Inklusion möchte, muss ich in der Gesellschaft nicht nur ein Bewusstsein dafür schaffen, sondern auch Geld in die Hand nehmen für bauliche Veränderungen. Hier beraten wir in den Behindertenbeiräten über den Landkreis und die Städte Schmalkalden und Meiningen. Das ist ein Teil der Verbandsarbeit. Wir unternehmen aber auch viel und mobilisieren die Menschen, am Leben teilzunehmen, ihre Teilhabe einzufordern. Hilfe zur Selbsthilfe ist sehr wichtig.

Für wie viele Menschen machen Sie sich in Ihrer Region stark?
Schmidt:
In Deutschland haben etwa zehn bis zwölf Prozent der Bevölkerung offiziell anerkannte Behinderungen. Dazu gehören Sinnes-, Körper- oder Lernbehinderungen, angeborene oder im Laufe des Lebens erworbene Behinderungen. Dennoch sind wir im Landkreis gerade einmal dreißig Mitglieder im Verband. Es ist schwer, die Betroffenen zu erreichen und zur aktiven Mitarbeit zu bewegen.

Susann Winkel

Weitere Informationen zur Verbandsarbeit:

www.behindertenverband-sm.de

Die Symbolgestalt der Pfarrfrau

30. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Katharina von Bora war für Martin Luther Leib- und Seelsorgerin. Sie brachte den Mut auf, den ihr vorbestimmten Lebenslauf einer Nonne zu verlassen. Als Frau an der Seite des Reformators ging sie in die Geschichte ein.

Martin Luthers Testament von 1542 zeigt die hohe Wertschätzung des Reformators für seine Frau. Entgegen allen Rechtsnormen der Zeit, die für Witwen grundsätzlich einen Vormund vorsahen, jedoch die Immobilien den Kindern beziehungsweise männlichen Verwandten des Mannes zusprachen, bestimmte Luther seine Gattin zur Universalerbin und zum Vormund ihrer Kinder, »weil sie mich als ein fromm, treulich Gemahl allzeit lieb, wert und schön gehalten und mir durch reichen Gottessegen fünf lebendige Kinder (die noch vorhanden, Gott gebe, lange) geboren und erzogen hat«.

Das Epitaph für Katharina von Bora befindet sich in der Stadtkirche St. Marien  in der Elbestadt Torgau, in der die Lutherin am 20. Dezember 1552 an den Folgen  eines Unfalls starb. Torgau feiert sie mit einem Katharina-Tag am 24. und 25. Juni.  Außerdem vergibt die Stadt seit 2011 den Katharina-von-Bora-Preis für heraus- ragendes Engagement von Frauen. Foto: Rüdiger Muschke, Inventarisierung EKM

Das Epitaph für Katharina von Bora befindet sich in der Stadtkirche St. Marien in der Elbestadt Torgau, in der die Lutherin am 20. Dezember 1552 an den Folgen eines Unfalls starb. Torgau feiert sie mit einem Katharina-Tag am 24. und 25. Juni. Außerdem vergibt die Stadt seit 2011 den Katharina-von-Bora-Preis für heraus- ragendes Engagement von Frauen. Foto: Rüdiger Muschke, Inventarisierung EKM

Dass Luthers Reformation bis in die praktischen Lebensvollzüge hinein eine neue Entwicklung einleitete, wird an Katharina von Bora besonders deutlich. Berühmt geworden ist sie als Luthers Ehefrau, als erste Pfarrfrau, als »entlaufene Nonne«. Auch wenn nicht alle Zuschreibungen historisch gesehen auf sie zutreffen – eine Pfarrfrau war sie als Professorengattin nicht – und auch, wenn von ihrem außergewöhnlichen Leben vieles unbekannt bleibt: Sie wurde zur Symbolgestalt der Pfarrfrau wie keine andere.

Katharina von Bora wurde 1499 in Lippendorf südlich von Leipzig oder in Hirschfeld bei Nossen geboren. Die Mutter scheint früh verstorben, der Vater wieder geheiratet zu haben, denn schon als Fünfjährige kam sie in das Kloster Brehna als »Kostkind«. Hier konnte sie Bildung in Lesen, Schreiben, Singen, Latein, Handarbeit und Hauswirtschaft erlangen. Das Kloster bot ihr eine lebenslang gesicherte Versorgung, dazu Aufstiegsmöglichkeiten, etwa als Kantorin oder Äbtissin. Katharina kam als Zehnjährige ins Kloster Nimbschen bei Grimma, sechs Jahre später legte sie die Ordensgelübde ab. Wir wissen nicht, ob sie diesen Schritt freiwillig ging.

Was die spätere Lutherin und ihre Mitschwestern bewegte, das Kloster zugunsten einer unabsehbaren Zukunft zu verlassen, lässt sich nur vermuten. Martin Luthers Kritik am mönchischen Ideal, die er 1521 in seinem Gutachten über die Mönchsgelübde dargelegt hatte, war möglicherweise im Kloster bekannt geworden: ein Ablegen der Gelübde könne vor Gott nur freiwillig, nicht aber gegen den Willen eines Menschen erfolgen.

In der Woche nach Ostern 1523 kam Katharina von Bora gemeinsam mit acht Ordensschwestern in Wittenberg an. Ob sie in leeren Heringsfässern geflüchtet waren, wie es die Legende erzählt, bleibt dahingestellt. Dass ihre Flucht mit Gefahren verbunden war, ist jedoch sicher. Dem Fluchthelfer, Leonhard Koppe aus Torgau, und den Geflüchteten hätten auf dem Herrschaftsgebiet des Luthergegners Herzog Georgs von Sachsen Tod, Gefängnis beziehungsweise empfindliche Körperstrafen gedroht. Doch ihre Flucht glückte und Luther sah sich vor der schwierigen Aufgabe, sie zu versorgen. Um die Nonnenflucht zur Nachahmung zu empfehlen, veröffentlichte er die Schrift: Ursache und Antwort, dass Jungfrauen Klöster göttlich verlassen dürfen. Die Frau, argumentierte Luther, »ist nicht geschaffen, Jungfrau zu sein, sondern Kinder zu tragen … wie das auch die weiblichen Gliedmaßen,
von Gott dazu eingesetzt, beweisen« (Weimarer Ausgabe, Bd. 11, S. 394–400). Übertrieben haben dürfte Luther mit seiner Schätzung, wie viele Nonnen freiwillig im Kloster lebten: »sicher unter tausend kaum eine« (ebd.).

Katharinas Mitschwestern gingen eine Ehe ein oder kehrten zu ihren Familien zurück. Bei Katharina von Bora hingegen scheiterten zwei Eheanbahnungen. Als sie den als geizig bekannten 60-jährigen Wittenberger Professor Kaspar Glatz ablehnte, soll Katharina gesagt haben, sie heirate lieber Luthers Mitarbeiter Nikolaus von Amsdorf oder Luther selbst.

Am Abend des 13. Juni 1525 ging Luther mit Katharina von Bora die Ehe ein. Damit überraschte er Feinde wie Freunde, sie reagierten mit Häme oder zumindest mit Unverständnis. Anfangs war die Familie mittellos. Bald gelang es Ka­tharina, ihr Wohnhaus, das »Schwarze Kloster« und ehemalige Klostergebäude der Augustinermönche, zu einem der größten Haushalte in Wittenberg zu entwickeln. Das Lutherhaus war weit mehr als der Wohnort der Familie: ein Begegnungsort lokaler wie europäischer Geistesgrößen und Herrscherhäuser, Zufluchtsstätte für Glaubensflüchtlinge, Krankenhospital, Herberge für Gäste und Pflegekinder, ein überaus begehrtes Studentenwohnheim, Mensa und Ort der Tischreden Luthers. Die Wirtschaftsführung oblag Katharina eigenständig. Sie beaufsichtigte die Mägde und Knechte, leitete die Küche, den Einkauf und die Eigenproduktion der Lebensmittel, ließ ein Badehaus errichten, Öfen aufstellen, einen Keller bauen, erweiterte den Grundbesitz und damit die landwirtschaftlichen Flächen. Obwohl Bargeld im Lutherhaus immer knapp war, wurden unter Katharinas Leitung täglich 30 bis 50 Personen verköstigt – für die damalige Zeit eine enorme Leistung!

Sie gebar sechs Kinder, von denen vier das Erwachsenenalter erreichten. Ihr Anteil an den Diskussionen bei Tisch ist größer, als es die Nachschreiber, die kein Interesse an Katharinas Beiträgen hatten, notierten. Für Luther war sie Leib- und Seelsorgerin, seine Vertraute, die ihn nicht selten nachts im Ehebett, wenn Luther von Glaubenszweifeln heimgesucht wurde, mit Bibelworten tröstete. 1546 starb Luther plötzlich.

Im selben Jahr brach der Schmalkaldische Krieg aus und zwang die Witwe zur Flucht. Bei ihrer Rückkehr waren ihre Felder verwüstet, am Ende ihres Lebens war sie hoch verschuldet. 1552 floh Katharina nach Torgau, dort verstarb sie an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Luther kritisierte die bis dahin höher angesehene klösterliche Lebensform zugunsten der Gestaltung des Glaubens in der Welt – in einer Partnerschaft, als Eltern, in einem Beruf. Katharina von Bora brachte den Mut auf, diese Umbrüche an Luthers Seite in ihrem eigenen Leben zu gestalten.

Sabine Kramer

Die Autorin ist promovierte Theologin mit Schwerpunkt Reformationsgeschichte und Pfarrerin an der Marktkirche in Halle.

Vorbild und Liebe

22. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Wie junge Christen heute ihre Kinder erziehen: Ein Beispiel aus dem Kirchenkreis Naumburg-Zeitz

Jedes Kind kann schlafen lernen? Kathrin Leier zieht die Augenbrauen hoch. »So was haben wir nie gelesen«, sagt die 34-Jährige. Sie und ihr Mann Stefan (33) haben drei Kinder: Esther (9), Josua (7) und Ruth, die Nachzüglerin, gerade ein dreiviertel Jahr alt. Ratgeber wie das umstrittene Schlaflernprogramm, bei dem Babys eine gewisse Zeit schreiend gelassen werden, um allein einzuschlafen, stehen nicht im Bücherregal der Familie. Babys wurden und werden verwöhnt: getragen, geschaukelt, in den Schlaf begleitet, liebevoll umsorgt. Die Eltern verlassen sich auf ihre Intuition und Werte – dazu gehört auch der Glauben.

Spannung und Spaß beim Fotografieren mit dem Selbstauslöser: Kathrin und Stefan Leier mit Ruth, Esther und Josua – Fotos: Familie Leier

Spannung und Spaß beim Fotografieren mit dem Selbstauslöser: Kathrin und Stefan Leier mit Ruth, Esther und Josua – Fotos: Familie Leier

Beide sind christlich erzogen worden. Sie ist als Gemeindereferentin bei einer Freikirche angestellt, er engagiert sich seit Jugendzeiten im Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM), ist Vorstandsmitglied des CVJM-Gesamtverbands, Mitglied im Gemeindekirchenrat von Droßdorf/Rippicha und im Regionalbeirat der Kirchenregion »Südliches Zeitz«. Der Glaube setzt Werte in dieser Familie, findet seinen Ausdruck in Umgangsformen und Ritualen. Gebete vorm Essen und Schlafengehen, bei Problemen und Herausforderungen gehören zum Alltag ebenso wie die Musik, Gottesdienstbesuche, auch Vorbereitungen dafür, zum Beispiel für das Krippenspiel. Die beiden Großen besuchen die evangelische Grundschule in Zeitz, Ruth wird voraussichtlich ab dem Frühling die kirchliche Kita besuchen.

»Natürlich erziehen wir unsere Kinder christlich, das ändert aber nichts daran, dass sie irgendwann an den Punkt gelangen, sich selbst dafür zu entscheiden oder eben nicht«, sagt Stefan Leier. Selbstständigkeit, auch im Denken, zu vermitteln, ist den Eltern wichtig. Und sie wissen, nichts ist prägender in der Erziehung als das eigene, gelebte Vorbild. Frei nach Fröbel: Erziehung ist Beispiel und Liebe, sonst nichts. »Die Kinder leben das mit, was du lebst«, ist Kathrin Leier überzeugt. Sie in Watte packen, überbehüten, vor allem Übel der Welt abschirmen ist weder möglich noch erwünscht.

Die jungen Eltern hängen keinem bestimmtem Erziehungsstil an. Sie sind keine »Helikopter-Eltern«, die alles überwachen, was ihre Kinder tun – wenngleich sich die Familie Walkie-Talkies angeschafft hat, damit Esther und Josua ohne Aufsicht, doch mit Kontaktmöglichkeit im Wald hinterm Haus stromern können. »Wir kriegen jetzt immer Nachrichten: Sind an der Straße, sind über die Straße gegangen, sind im Wald«, sagt Stefan Leier lachend.

Auch als »Tigereltern« wollen sich Leiers nicht sehen. Die Kinder fördern, ja, aber nicht mit Zuckerbrot und Peitsche. Bei Esther prägen sich Hobbys und Vorlieben gerade besonders stark aus, die Eltern wollen ihr ermöglichen, was machbar ist. Doch wichtig ist vor allem: Dass das Zusammenleben in der Familie funktioniert, dass die Bedürfnisse aller wahrgenommen werden und gelten. Die Familie ist mehr als die Summe ihrer Teile.

Und so gibt es auch im Hause Leier Regeln. Zum Beispiel: Jeder räumt sein Gedeck vom Tisch ab, jeder erfüllt kleine und größere Aufgaben im Haushalt, fernsehen ist nur in wohl dosierten Mengen erlaubt, Spielzeug wird nicht liegen gelassen. »Wir pflegen eine liebevolle Konsequenz«, sagt Vater Stefan. Deshalb gibt es auch Strafen, aber situationsbezogen. »Esther und Josua gehen wahnsinnig gern im Geraer Hofwiesenbad schwimmen. An einem Samstag war es wieder so weit, aber schon den ganzen Morgen war Zank und Streit zwischen den Geschwistern. Wir waren alle schon angezogen, standen vor der Tür, da eskalierte die Situation. Den Schwimmbad-Besuch haben wir abgeblasen. Wir sind zu Hause geblieben. Auch als sich die beiden versöhnt hatten. Das war eine eigentümliche Stimmung an diesem Nachmittag, aber die Kinder haben daraus wirklich gelernt. Das hat noch lange nachgewirkt«, erzählt Stefan Leier ein Beispiel.

Strafen können also sein. Reden muss sein. »Gott hat unsere Kinder wunderbar gemacht, sie sind besonders und einzigartig«, sagt Kathrin. Das wollen sie den dreien vermitteln. Deshalb nehmen sie sie und ihre Gefühle ernst, sprechen viel mit ihnen, fragen, haken nach, erklären auch, warum sie eine Entscheidung so und nicht anders getroffen haben. »Ich sage nicht: Ich verbiete euch diesen Halloween-Kult, aber ich vermittle, warum wir nicht mitmachen oder nur in einer Light-Version mit Kürbisschnitzen«, nennt Stefan Leier ein Beispiel.

Die Eltern behandeln ihre Kinder als vollwertige Menschen. Dazu gehört auch, dass die Kinder ihre Konflikte selbst lösen. Gibt es Probleme mit Freunden, greifen Stefan und Kathrin nicht zum Telefon, um die anderen Eltern zu kontaktieren und das zu regeln. »Wir kümmern uns um unser Kind, stärken es.« Nicht in Watte packen, aber mit Liebe umhüllen.

Katja Schmidtke

Glauben alle an denselben Gott?

16. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Ja

Christen glauben an den einen, dreieinigen Gott. Dieser Glaube hat sich uns durch Jesus Christus eröffnet und wird durch den Heiligen Geist gewirkt und erhalten. Es ist der Glaube an Gott den Schöpfer, den Erbarmer und den Richter – und diesen Glauben an den einen Gott teilen wir mit den Juden und den Moslems. Für das Judentum ist aus christlicher Sicht unbestritten, dass wir denselben Gott meinen. Gleichwohl gehen Juden und Christen unterschiedliche Wege und suchen auf dieser Basis die Versöhnung.

Wie steht es mit den Muslimen? Der Islam kam später und hat vielfältige Impulse aus beiden Religionen aufgenommen. Mohammed war schon vor seinen Offenbarungen ein »Hanif«, ein Monotheist. Darin sah er sich in der Nachfolge Abrahams. Und er sah auch in den Christen und Juden solche Anhänger des einen Gottes.

Prof. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Foto: medio.tv /schauderna

Prof. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Foto: medio.tv /schauderna

Strittig ist daher auch von islamischer Seite aus nicht die Frage nach Gott, sondern die Frage nach dem Weg. Das mag dem einen oder der anderen als Haarspalterei erscheinen. Doch es macht einen Unterschied, ob ich in der Begegnung mit Muslimen ihnen den Glauben an Gott abspreche und sie zu »Götzendienern« erkläre (was die Konsequenz wäre) oder ob ich mit ihnen darüber nachdenke, was dieser Glaube an den einen Gott bedeutet. Damit ist die Frage nach der Erlösung durch Christus noch gar nicht gestellt – und schon gar nicht in Frage gestellt! Ein zentraler Begriff aber ist in allen drei Religionen »Barmherzigkeit«: Darin ist eine gemeinsame Glaubenserfahrung zu erkennen.

Für uns Christen hat sich der dreieinige Gott in Jesus Christus offenbart, im Heiligen Geist aber darüber hinaus in vielfältigen Zeugnissen auch aus den »Völkern«, in denen wir die gute Botschaft wiedererkennen. Das war schon immer eine zentrale Lehre des Christentums. Man denke nur an die Rede des Apostels Paulus in Athen (Apg. 17). Auch für die römisch-katholische Lehre steht das völlig außer Frage. Man lese die entsprechenden Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils!

Wir können als Christen in dem, was im Islam von der christlichen Botschaft erhalten und bewahrt wird, so etwas wie ein Echo, eine Spur oder einen Schatten des Wortes Gottes erkennen und daran auch anknüpfen. Das heißt doch nicht, dass wir uns damit verleugnen! Ganz im Gegenteil: Wir machen ernst mit dem Auftrag der Versöhnung, wir machen ernst mit dem Glauben an den einen Gott.

Die Gemeinsamkeiten sind groß: der Glaube an den einen, barmherzigen Gott, die Bedeutung Abrahams, die hohe Wertschätzung Jesu und seiner jungfräulichen Mutter Maria, das Jüngste Gericht und die allgemeine Auferstehung von den Toten, die Unsichtbarkeit Gottes und die Wirksamkeit seines Wortes.

Was uns trennt, ist die Auslegung! Und hier sage ich deutlich: Wenn der Islam uns Christen vorwirft, wir würden »drei Götter« anbeten, dann möchte ich, dass dieses Vorurteil islamischerseits ernsthaft überprüft wird. Hier ist der Punkt, wo die theologische Auseinandersetzung mit dem Islam gesucht werden muss! Gerade wenn wir von einem christlichen Bekenntnis herkommen, das sich des barmherzigen Gottes gewiss ist, sollte es uns nicht schwerfallen, auch im islamischen Bekenntnis zu dem einen Gott den gemeinsamen Gott zu erkennen – »wie in einem dunklen Bild« (1.Korinther 13,9).

Inzwischen stehen wir vor einer Herausforderung, vor der weder Christentum, Judentum noch Islam bislang je standen: Wir haben es gemeinsam mit einer Welt zu tun, die Gott nicht wahrhaben will, und mit Fanatikern, die Gott für ihre Interessen missbrauchen.

An der Entdeckung der Gemeinsamkeiten wird sich vieles entscheiden!

Nein

Die romantische Vorstellung, Menschen unterschiedlicher Religionen würden letztlich doch alle an denselben Gott glauben, findet sich bereits in der Antike. In der Gegenwart nährt sie die Hoffnung, dass die Gegensätze zwischen den Religionen so groß doch nicht seien, ja nicht sein dürfen, und irgendwie friedlich gelöst werden müssen. Es gibt mehrere Gründe, warum diese Hoffnung trügt.

Religionen sind immer Deutungen religiöser Erfahrungen und schon insofern notwendigerweise verschieden. In das Judentum, das Christentum und den Islam sind sehr verschiedene religiöse und kulturelle Traditionen eingeflossen, die ein je eigenes Gottesbild und eine je eigene Ethik hervorgebracht haben. Es gibt Überschneidungen, aber auch grundlegende Unterschiede.

Prof. Udo Schnelle lehrt evang. Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jörg Hammerbacher

Prof. Udo Schnelle lehrt evang. Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jörg Hammerbacher

Die entscheidende Differenz besteht darin, dass die Christen eine besondere Form des Monotheismus bekennen: den dreieinigen Gott. Was ist damit gemeint? Zuallererst geht es um das besondere Verhältnis Gottes zu Jesus von Nazareth, das sich exemplarisch in der Auferweckung des gekreuzigten Jesus von den Toten durch Gott zeigt. Speziell dieses Geschehen verstanden die frühen Christen als Bestätigung der Gottesauslegung Jesu und folgerten daraus, dass er in einem ganz besonderen Verhältnis zu Gott steht. Weil Gott sich bis in den Tod am Kreuz mit diesem Jesus von Nazareth identifizierte, muss er mehr als ein Prophet oder Gesandter des Vaters sein, nämlich sein Sohn. Die Gottheit des Sohnes ist somit von der Gottheit des Vaters her zu verstehen, die Gottheit des Vaters wird auf den Sohn ausgeweitet.

Der Sohn hat nicht nur am Wesen des Vaters teil, sondern er ist vom Wesen des Vaters. In diesem Schritt liegt die eigentliche Neudefinition Gottes im frühen Christentum: Gott ist so, wie Jesus von Nazareth ihn ausgelegt hat und deshalb gebührt ihm der göttliche Status des Sohnes. Das Neue Testament insistiert damit auf der göttlichen Würde Jesu, ohne das Bekenntnis zu dem einen Gott Israels damit zu schmälern. Hinzu kommt eine weitere Erkenntnis: Gott wurde in Jesus von Nazareth nicht nur Mensch, sondern er lässt sich bleibend im Leben der Menschen erfahren: durch den Heiligen Geist.

Gottes Wirklichkeit weist eine erfahrbare Wirksamkeit auf. In frühchristlichen Gemeinden wie Korinth (1.Korinther 12) oder Rom (Römer 12) wurden intensive Geisterfahrungen als Gottes­erfahrungen interpretiert und führten zu einer zweiten Innovation des Gottesbildes: Gott wirkt bleibend durch den Geist in der Geschichte und im Leben der einzelnen Menschen. In der Geisterfahrung ist Gott somit selbst gegenwärtig und nicht nur eine andere untergeordnete Größe. Das frühchristliche Gottesbild ist somit nicht zuallererst an einem prinzipiell jenseitigen und primär herrschenden Gott interessiert, der Gesandte aussendet oder Schriften verfasst, die den Menschen seinen Willen kundtun. Vielmehr geht es um den Gott, der sich auf die Welt zubewegt und in die Welt eingeht. Der Gott der Christen ist ein naher Gott; ein kommunizierender und lebendiger Gott, der aus Liebe für die Welt und die Menschen eintritt.

Dieses Modell eines nahen dreieinigen Gottes wurde von Anfang an vom Islam bekämpft. Es gilt als Ausdruck der Verfälschung des Wesens des einen allmächtigen Gottes. Die Christen sind Lügner und zu bekämpfende »Polytheisten« (Sure 9,29-33) und werden ermahnt: »O ihr Leute des Buches, übertreibt nicht in eurer Religion und sagt über Gott nur die Wahrheit. Christus Jesus, der Sohn Marias, ist doch nur der Gesandte Gottes und sein Wort, das er zu Maria hinunterbrachte, und ein Geist von ihm. So glaubt an Gott und seine Gesandten. Und sagt nicht: Drei. Hört auf, das ist besser für euch.« (Sure 4,171; Sure 112)

Der entscheidende Gegensatz bleibt: Jesus von Nazareth ist mehr als ein Prophet, er ist Sohn Gottes und verkündet einen anderen Gott als der Koran! Den liebenden, nahen, leidenden und gekreuzigten Gott; einen Gott, der in die Welt eingeht und bei den Menschen sein und bleiben will.

Fazit: Jesus ist der Unterschied und macht den Unterschied zu jeder anderen Religion!

Drei Religionen, ein Haus:  Das »House of One« ist ein interreligiöses Gebäude, das voraussichtlich ab 2018 am Petriplatz im Berliner Ortsteil Mitte entstehen soll. Das Gebäude wird unter seinem Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen. Die Baukosten des Gebäudes, die mit 43,5 Millionen Euro beziffert werden, sollen vor allem durch eine Spenden-Kampagne erbracht werden. Träger des Projektes »House of One« ist seit dem 8. September 2016 eine Stiftung. Sie ist aus dem Verein Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin hervorgegangen. Im Vorstand des Vereins wird die jüdische Seite vertreten durch das Abraham-Geiger-Kolleg sowie die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die christliche Seite durch die evangelische Kirchengemeinde St. Petri–St. Marien und die muslimische Seite durch das Forum für Interkulturellen Dialog. Illustrationen aus dem »House of One«-Bastelbogen

Drei Religionen, ein Haus: Das »House of One« ist ein interreligiöses Gebäude, das voraussichtlich ab 2018 am Petriplatz im Berliner Ortsteil Mitte entstehen soll. Das Gebäude wird unter seinem Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen. Die Baukosten des Gebäudes, die mit 43,5 Millionen Euro beziffert werden, sollen vor allem durch eine Spenden-Kampagne erbracht werden. Träger des Projektes »House of One« ist seit dem 8. September 2016 eine Stiftung. Sie ist aus dem Verein Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin hervorgegangen. Im Vorstand des Vereins wird die jüdische Seite vertreten durch das Abraham-Geiger-Kolleg sowie die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die christliche Seite durch die evangelische Kirchengemeinde St. Petri–St. Marien und die muslimische Seite durch das Forum für Interkulturellen Dialog. Illustrationen aus dem »House of One«-Bastelbogen

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