»Ist eine gescheiterte Ehe Sünde?«

13. November 2017 von redaktionguh  
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Wenn eine Beziehung vor der Wahl zwischen weiteren Verletzungen oder dem Scheitern steht

Die Ehe ist für mich eine besondere Form der Verlässlichkeit, um die Liebe zu vertiefen und Momente des Glücks, der Geborgenheit und des schöpferischen Miteinanders zu schützen. Die Ehe ist ein Wert, der tief in unserer Gesellschaft verankert und durch Gottes Gebote geschützt ist. Sie wiederum bewahrt uns Werte wie Verlässlichkeit und Treue. Es ist gut, dass wir diese Form haben und dass wir bestrebt sind, sie nicht leichtfertig aufzugeben.

Aber das Leben lässt sich manchmal nicht schützen. Es kommt vor, dass das, was als Schutz für die Liebe gedacht war, zum Ort für Verletzungen wird. Dass Leben gerade dort besonders beschädigt wird, wo es sich entfalten sollte.

Natürlich: Solche Erfahrungen gibt es in jeder Beziehung, in jeder Ehe. Zum Glück sind es oft nur Momente oder Phasen, die vorübergehen. Was aber ist, wenn sie bleiben? Wenn sie chronisch werden und Menschen auf Dauer kaputtmachen?

Ich spreche als einer, der das durchlebt und durchlitten hat. Zweimal. Mein Buch »Mit Scheitern leben lernen« ist aus der Auseinandersetzung mit der ersten Trennung entstanden. Bei einer Lesung wurde ich gefragt: »Ist eine gescheiterte Ehe Sünde?« »Natürlich!«, habe ich geantwortet. Die Frage ist nur, was die größere Sünde ist: Eine Beziehung zu beenden oder in einer nicht funktionierenden Partnerschaft zugrunde zu gehen. Manchmal gibt es nur zwei schlechte Wege: Bleiben und sich arrangieren. Oder auseinandergehen.

Reiner Knieling: Mit Scheitern leben lernen. Erfahrungen – Verheißungen – Hilfestellungen. Neukirchener Verlag

Reiner Knieling: Mit Scheitern leben lernen. Erfahrungen – Verheißungen – Hilfestellungen. Neukirchener Verlag

Wie gehen wir mit diesem Konflikt um? Gottes Gebote, gesellschaftliche Werte, eigene Ideale sind gut. Aber ein Teil unserer Wirklichkeit will dem einfach nicht entsprechen. Viele versuchen, die Wirklichkeit so gut es geht zu verdrängen. Sie wollen den Schein wahren und es vor anderen geheim halten, um den Konflikt mit den eigenen Werten oder Gottes Geboten nicht spüren zu müssen. Doch irgendwann wird das anstrengend. Es entsteht eine Doppelmoral und andere spüren die Unehrlichkeit. Manche werden sogar krank dabei.

Andere versuchen, die Werte und Ideale zu reduzieren und der Wirklichkeit anzupassen. Damit geht aber das Korrektiv verloren und die Spannung, die das Leben interessant macht. Die Welt wird nicht besser, wenn die Gebote soweit relativiert werden, dass sie unserem durchschnittlichen Leben entsprechen, nur damit wir das Gefühl nicht aushalten müssen, zu versagen. Wenn wir ehrlich sind, spüren wir, dass wir uns durch diese Relativierung am Ende selbst betrügen.

Es gibt einen dritten Weg, diese Spannung zwischen Werten und Wirklichkeit nicht aufzulösen, sondern produktiv damit umzugehen. Dieser dritte Weg ist, dass ich mich mit meiner ganzen Wirklichkeit auf Gott ausrichte. Als einer, der seinen Werten treu sein will, es aber nicht kann. Für mich waren in den brüchigen Zeiten meines Lebens die Gebete der Bibel eine entscheidende Hilfe. Sie gaben mir Worte, mit denen ich mein Erleben und Gott in Beziehung setzen konnte. Sie halfen mir, mich nicht nur mit den angenehmen Seiten, sondern auch mit den anderen Facetten auf Gott auszurichten: mit dem eigenartigen Gemisch aus Schmerz, Trauer, Wut, aber auch mit der Erleichterung und Zukunftshoffnung.

Ein Beispiel dafür sind die Psalm-Übertragungen von Pierre Stutz:

Zerschlagen die Hoffnung miteinander
ein Stück Weg zu gehen
hart anzunehmen
dass Berührung nicht mehr möglich ist
traurig die Erfahrung einander zu bekämpfen
(Pierre Stutz, aus: Du hast mir Raum geschaffen, 29, nach Psalm 18,29-30)

Ich verstecke mich vor mir
schwer fällt es mir
der Wahrheit ins Gesicht zu schauen
die Angst vor Veränderung ist zu groß
Ich halte Ausschau nach Menschen
die mir entgegenkommen
mir weiten Raum
für meine schwachen Seiten zugestehen
Doch sie sind nicht da
so wenig wie ich da bin
um mir Versagen einzugestehen
Du lass mich diese Nacht
Dein Entgegenkommen erfahren
(Pierre Stutz, aus: Du hast mir Raum geschaffen, 30 und 14, nach Psalm 19,13 und 4,2)

Ich habe Gottes Entgegenkommen in verschiedenen Momenten erlebt. In einem Traum, der mir Geborgenheit schenkte, als meine Familie gerade auseinanderbrach. In der Umarmung eines Freundes, die ich fast bis heute spüre. Auch in der theologischen Entdeckung, dass Gottes größter Liebes­beweis das Leben ist – wie es die Auferweckung Jesu zeigt.

Menschen hatten ihn geopfert und Gott hat nicht etwa mit Gegengewalt geantwortet. Er hätte allen Grund dazu gehabt. Gott jedoch antwortete vielmehr mit Leben und Liebe. Jesus macht den Jüngern keinen Vorwurf, dass sie ihn verlassen hatten und nicht treu waren. Auch sie wollten ihren Werten treu bleiben, konnten es aber nicht. Sie erlebten, wie ihre ganze brüchige Wirklichkeit bei Gott ihren Platz fand. Sie erlebten, wie ihre Herzen mit Geistkraft erfüllt wurden und Gottes Liebe einsickerte.

Auch ich merkte: Ich bin einer, in den das Leben und die Liebe dort einsickern, wo Dinge zerbrechen oder zu Ende gehen. Dort, wo menschliche Liebe an ihre Grenzen kommt, auch innerhalb einer Ehe. Wo Verletzungen und Abbrüche nicht mehr zu vermeiden sind, gießt Gott seine Lebensliebe aus. Das ist die Botschaft von Kreuz und Auferstehung. Und das ist die Erfahrung, die viele Menschen verbindet.

Reiner Knieling

Der Autor ist promovierter Theologe und Leiter des Gemeindekollegs der VELKD in Neudietendorf

Reiner Knieling: Mit Scheitern leben lernen. Erfahrungen – Verheißungen – Hilfestellungen. Neukirchener Verlag, 128 S., ISBN 978-3-7615-5462-3, 6,99 Euro

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Spagat: »menschlich wichtig und ökonomisch machbar«

6. November 2017 von redaktionguh  
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Oberkirchenrat Thomas Begrich zur Schließung des Johanniter-Krankenhauses in Genthin

Der Sekretär für Gesundheitswesen bei der SED-Bezirksleitung erklärte mir einst, warum er nur in ein kirchliches Krankenhaus gehen würde: Dort meine man immer den ganzen Menschen. Besser kann man den kirchlich-diakonischen Anspruch kaum beschreiben. Damals, in den 1980er-Jahren, war ich Verwaltungsleiter am Johanniter-Krankenhaus in Genthin. Es war in dieser Zeit eine große Herausforderung, so ein Krankenhaus aufrechtzuerhalten. Es gab so vieles nicht. Statt mit Koks musste mit purer Braunkohle geheizt werden, die Röntgenanlage war überaltert, die Telefonanlage funktionierte nicht recht. Viel Hilfe haben wir aus dem Westen bekommen. Die Diakonie finanzierte eine Philips-Röntgenanlage, engagierte Menschen von den Johannitern verschafften uns eine Telefonanlage aus Westberlin oder brachten neue Autoreifen für den Barkas … Das meiste aber wurde selbst getan: Mit engagierten Mitarbeitern geht fast alles! Besonders haben mich die Frauen der Krankenhauswäscherei beeindruckt, die unter schwierigsten Verhältnissen arbeiten mussten – aber immer da waren!

Verlassen: Das Johanniter-Krankenhaus in Genthin kann seinen 150. Geburtstag im nächsten Jahr nicht mehr feiern. Foto: Thomas Begrich

Verlassen: Das Johanniter-Krankenhaus in Genthin kann seinen 150. Geburtstag im nächsten Jahr nicht mehr feiern. Foto: Thomas Begrich

Verlassen: Das Johanniter-Krankenhaus in Genthin kann seinen 150. Geburtstag im nächsten Jahr nicht mehr feiern. Foto: Thomas Begrich

Dann sind wir alle auf die Straße gegangen, haben die friedliche Revolution mitgestaltet. Auf einmal gab es alles – wenn man es finanzieren konnte. Ich wurde an das Konsistorium der evangelischen Kirche in Magdeburg berufen. Es fiel mir nicht leicht von Genthin wegzugehen. Andererseits wusste ich, dass ich für die neue Zeit nicht mehr der Richtige war. So war klar, dass die eigene Krankenhauswäscherei nicht mehr rentabel ist. Die neue Leitung entschied sich für einen externen Dienstleister; die Mitarbeiterinnen waren nicht mehr nötig. Ich hätte das nicht gekonnt. Heimlich schlich ich mich kurz vor Jahreswechsel noch einmal in die Wäscherei, um mich von den Frauen, die in schwerer Zeit die Last getragen hatten, zu verabschieden.

An dieser Episode wird vielleicht deutlich, in welchen Zwängen diakonische Einrichtungen heute stehen. Ist das, was uns menschlich wichtig erscheint, auch ökonomisch machbar und tragbar? Wie geht man damit um? Vor dieser Frage wird die Leitung des Johanniter-Krankenhauses in den letzten Jahren wieder und wieder gestanden haben.

Vielleicht hätte es Lösungen gegeben, vielleicht war es ökonomisch wirklich nicht tragbar. In jedem Falle verliert Genthin, das über Jahrzehnte stolz auf dieses Krankenhaus gewesen war – ebenso wie einst auf das Waschmittelwerk – ein Stück seiner Identität.

Wer wird sich noch an Schwester Charlotte Rahneberg und die das Stadtbild prägenden Schwestern erinnern? Wer an die Ausbildung an der Schwesternschule? Und für Menschen, die gesundheitliche Betreuung benötigen, wird es schwer nach Burg, Brandenburg oder Stendal fahren zu müssen. Aber vielleicht wird der Geist dieses Krankenhauses mit den Mitarbeitern, die nun auch weiterziehen müssen, an andere Häuser getragen.

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Quintessenz: Es geht doch!

30. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Premiere: Zum ersten Mal standen sie gemeinsam Rede und Antwort, die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, und Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig. Im Gespräch mit Katja Schmidtke und Willi Wild ziehen sie eine Bilanz des Reformationsjubiläums.

Gute Nachbarschaft: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig bilanzieren in Magdeburg das Reformationsjahr. Foto: Katja Schmidtke

Gute Nachbarschaft: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig bilanzieren in Magdeburg das Reformationsjahr. Foto: Katja Schmidtke

Sind Sie froh, dass es nun endlich vorbei ist?
Junkermann:
Ich bin froh, dass es so gut gelaufen ist. Und dass wir so einen starken Doppelpunkt setzen für die vielen Jubiläen, die jetzt noch kommen. Aber ich bin auch froh, dass sich die großen Anstrengungen mit den Veranstaltungen gelohnt haben. Vieles ist gut gelungen. Wo es nicht gelungen ist, haben wir wichtige Erfahrungen gemacht.
Liebig: Für die Mitarbeitenden bin ich froh, dass das jetzt zu Ende geht, denn das war eine starke Belastung. Natürlich zugleich verbunden mit unerwarteten Erfahrungen. Ich erinnere an die Pfadfinderinnen und Pfadfinder und andere, die Urlaub genommen haben für die Kirchentage auf dem Weg, oder um in Wittenberg im Sommer dabei zu sein.

Wir wissen, dass so ein Enthusiasmus auch einen Spannungsbogen hat, und dieser Spannungsbogen geht jetzt zu Ende. Eines kann man sicherlich sagen: In diesem Jahr, und im Rahmen der Dekade, sind die Themen der Reformation bundesweit und darüber hinaus in den Blick gerückt worden. Ich hatte nicht erwartet, dass die Kirchengemeinden bundesweit das Thema so stark aufgreifen. Wir hatten gehofft, die kommen alle zu uns. Aber die waren so enthusiastisch, dass sie dann von Flensburg bis Berchtesgaden selbst ihren Luther entdeckt haben.

Was war Ihr persönlicher Höhepunkt in diesem Jahr?
Liebig:
Ein eindrücklicher Höhepunkt war für mich der Kirchentag auf dem Weg in Dessau mit dem Anhaltmahl auf dem Marktplatz und Tausenden von Menschen, die Gastgeber und Gäste waren. Bis heute werde ich gefragt: Wann macht ihr das wieder? Da sind wildfremde Menschen miteinander ins Gespräch gekommen, die sich gar nicht mehr trennen wollten. Das wird mir dauerhaft in Erinnerung bleiben mit der Quintessenz: Es geht doch!
Junkermann: Mir fallen verschiedene Höhepunkte ein. Die ökumenischen Gottesdienste, der Pilgerweg der Versöhnung durch Wittenberg im November 2015. Da haben wir uns klargemacht, wie viele Scherben wir angerichtet haben. Den ökumenischen Gottesdienst, den wir Himmelfahrt 2017 in Magdeburg am Elbufer gefeiert haben, in aller Öffentlichkeit, mit vielen neugierigen Nichtchristen. Anschließend haben die Gemeinden die Tische gedeckt. Und auch hier konnten sich Menschen begegnen. Das war bei den Kirchentagen auf dem Weg auch die Erfahrung in Halle, Weimar oder Erfurt. Dort, wo Kirchengemeinden als Gastgeber auf öffentliche Plätze gegangen sind und zum zwanglosen Gespräch bei Kaffee und Kuchen oder Herzhaftem und Wein eingeladen haben, war die Resonanz sehr gut.

Beeindruckt war ich auch vom Konfi- Camp vor den Toren Wittenbergs. Ich habe 1 500 Jugendliche begeistert und laut erlebt, die dann bei der anschließenden Andacht ganz konzentriert und ruhig mitgefeiert haben. Die Camps kamen bei den Jugendlichen so gut an, dass wir uns entschlossen haben, sie in den nächsten drei Jahren fortzuführen.

Was ist gefloppt, was hätte man besser weggelassen?
Junkermann:
Ich kann keine wirkliche Pleite benennen. Die absoluten Besucherzahlen bei den Kirchentagen auf dem Weg waren geringer als prognostiziert. Ich habe selbst erlebt, dass bei einer Podiumsdiskussion anfänglich nur eine Besucherin da war. Später wurden es dann noch 18, das war auch noch sehr übersichtlich, aber intensiv.Das ist für mich eine sehr wichtige Lernerfahrung. Die Menschen haben es satt, anderen bei der Diskussion zuzuhören. Sie wollen selbst beteiligt werden. Das traditionelle Kirchentagskonzept geht heute – zumindest bei uns – nicht mehr auf. Es geht nicht mehr um Masse, sondern um intensive Gespräche in kleineren Gruppen.
Liebig: Ich frage mich, woran liegt das eigentlich, dass in den Medien bundesweit pauschal über das Reformationsjahr geurteilt wird? Ich sehe hier ein Missverständnis. Kirchentag hat hier bei uns in Mitteldeutschland einen anderen Klang als in Frankfurt oder in Hamburg. Kirchentage waren immer Orte eines intensiven Bekenntnisses zu Zeiten des Kirchenbundes der DDR. Wer zum Kirchentag ging oder gar da öffentlich auftrat, musste gewärtig sein, das wird möglicherweise Konsequenzen haben.

Das heißt, Kirchentag ist nicht immer einfach ein »Happening« gewesen, was es auch im Westen nicht war. Aber im Grunde als Gattung eine problemfreie Form, von der dann die Vorstellung bestand, solche Kirchentagsformate nicht nur an einem langen Wochenende von Himmelfahrt bis Sonntag zu machen, sondern über den ganzen Sommer hinzuziehen. Und so kamen prognostizierte Zahlen letztlich auch zustande.

Nun hat sich gezeigt, dieses Format trägt nicht über so lange Zeit. Der Deutsche Evangelische Kirchentag wird sich fragen müssen, welche Formate sind zukünftig unter Beachtung der Erfahrungen in diesem Jahr erfolgreich.
Junkermann: Eins möchte ich auch ganz klar benennen: Es hat bei den Menschen hier großes Befremden ausgelöst, dass man für kirchliche Veranstaltungen Eintritt zahlen muss. 26 Euro für die Tageskarte, das war auch ein Faktor, warum so wenig gekommen sind. Es wäre sinnvoller gewesen, Spendenkörbchen durch die Reihen gehen zu lassen.
Liebig: Da ist das ursprüngliche westdeutsche Kirchentagsformat in unzulässiger Weise einfach übertragen worden. Zwei unterschiedliche Kulturen stießen und stoßen aufeinander.

Wo war die ostdeutsche Stimme bei den Planungen oder wurde sie einfach nicht wahrgenommen?
Junkermann:
Der Vorschlag zu regionalen Kirchentagen kam von uns in der EKM. Bei der gemeinsamen Auswertung mit den Beteiligten der mitteldeutschen Landeskirchen fiel immer wieder ein Stichwort: Ignoranz. Wir haben im Vorfeld darauf hingewiesen, dass die Planungen und Vorschläge des Vereins r2017 vielfach nicht mit unseren Erfahrungen gedeckt sind. Bei manchem haben wir überraschend gelernt, wie gut es ist, groß zu denken und zu planen, bei anderem hat sich unsere Erfahrung – leider – bestätigt. Aber: Für uns alle war das ein neues Format, so mit dem großen Festgottesdienst verbunden.
Liebig: Es gab und gibt einen großen Unterschied zwischen den volkskirchlich geprägten Gebieten in der EKD und einer Minderheitensituation, wie wir sie hier bei uns haben. Ja, es gibt Solidarität unter den Landeskirchen, wie sie beispielsweise durch den Finanzausgleich deutlich wird. Aber es schwingt immer auch mit: Wann ist es denn nun endlich bei euch so wie bei uns? Und da sage ich jetzt nach nunmehr 10 Jahren im Amt: Es wird nie so sein wie bei euch.

»Jeder bringt was mit«: Unter diesem Motto trafen sich die Menschen beim Kirchentag auf dem Weg in Erfurt zum interkulturellen Tischmahl auf dem Domplatz. Foto: Diana Steinbauer

»Jeder bringt was mit«: Unter diesem Motto trafen sich die Menschen beim Kirchentag auf dem Weg in Erfurt zum interkulturellen Tischmahl auf dem Domplatz. Foto: Diana Steinbauer

Der Ausgangspunkt im Osten war ganz anders. Wir werden gemeinschaftlich auf eine neue Situation zugehen, die wir noch gar nicht ganz genau beschreiben können. Diese Minderheitssituation wird also dauerhaft erstmal bleiben, wenn der Herr nicht eine Erweckung durch Mitteldeutschland wandern lässt, was immer möglich ist. Und es wird nicht so bleiben in den westlichen Gliedkirchen. In Hamburg war schon Ende der 1970er-Jahre nur eine Minderheit Mitglied einer Kirche. Die urbanen Zentren des Westens haben durchaus vergleichbare Situationen zu unseren. Aber das ist noch ein Tabu. Ich finde, dieses »ihr da drüben, wir hier« sollten wir hinter uns lassen.

Am Ende wird abgerechnet. Rechnen Sie mit Nachforderungen?
Junkermann:
Die Abrechnung der Kirchentage auf dem Weg ist im nächsten Frühjahr zu erwarten. Als Mitträger und Veranstalter sind wir natürlich in der Pflicht. Wir stehlen uns nicht aus der gemeinsamen Verantwortung. Ich fände es auch nicht angemessen, wenn wir uns zurückziehen: »Na, wir wussten es immer.«
Liebig: In der Summe ist das beträchtlich, was da geflossen ist. Viele fragen sich, ob dieses Geld nicht besser anderweitig verwendet worden wäre. Meine Antwort ist ganz klar: Nein! Ohne den Deutschen Evangelischen Kirchentag oder den Durchführungsverein r2017 hätten wir uns an diese Formate nicht herangewagt. Sie wären völlig undenkbar gewesen.
Wir wissen jetzt, wie es ist, als Minderheitskirche in die Mehrheitsöffentlichkeit hinauszugehen. Was funktioniert und was funktioniert nicht? Das mussten wir irgendwann auch mal wissen. Und jetzt wissen wir’s.
Junkermann: Ich bin überzeugt, dass es nicht am Geld hängt. Geld ist nur ein Indikator dafür, wo unsere Probleme sind. Es ist ein Irrglaube, zu denken, kirchliches Leben hinge an der Finanzierbarkeit. Kirchliches Leben hängt am Glauben. Und darüber sprachfähig zu sein, das ist die Aufgabe über das Reformationsjahr hinaus.
Liebig: Ich wage auch zu behaupten, dass an keiner Stelle jemandem etwas weggenommen oder vorenthalten wurde. Wir haben derzeit die komfortable Situation, dass die Einnahmen nicht rückläufig sind. Das Geld für das Reformationsjahr stand tatsächlich zur Verfügung.

Wie ist das Jubiläumsjahr in den Kirchengemeinden aufgenommen worden?
Junkermann:
In sehr vielen Orten und Kirchengemeinden hat man sich mit dem Reformator und der Reformation beschäftigt. Ich kann gar nicht alle aufzählen. Regionale Bezüge zur Reformation wurden hergestellt. Es gab vielerorts ganze Festwochen, die gemeinsam mit Vereinen und der politischen Gemeinde organisiert worden sind. Das finde ich sehr ermutigend.
Liebig: Ein Beispiel ist für mich das Zerbster Prozessionsspiel. Das ist ausschließlich von Ehrenamtlichen gemacht worden. Vom Bürgermeister, der nicht Kirchenmitglied ist, bis hin zu allen anderen Vereinen war der ganze Ort mit vielen Ortsteilen eingebunden. Die Veranstaltungen waren drei Abende ausverkauft. 400 Ehrenamtliche haben sich mit Kirche, Glauben und Reformation beschäftigt.

Reformation geht weiter. Was bleibt von diesem Jahr?
Junkermann:
Ich denke da vor allem an unsere Initiative »Offene Kirchen«. Ja, es geht langsam voran. Aber es ist auch gut so, weil die Kirchenältesten Zeit brauchen, sich damit auseinanderzusetzen. Wer den Schritt wagt, stellt mit Erstaunen fest, dass eine offene Kirche oft von Einheimischen und gar nicht so sehr von Touristen genutzt wird. Das ist ein gutes Zeichen. Und da wollen wir dranbleiben.
Liebig: Das sehe ich ähnlich. Wir müssen uns als Kirche öffnen und zu den Menschen gehen. Dass das funktioniert, haben die öffentlichen Veranstaltungen auf den Marktplätzen in diesem Jahr gezeigt.

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Mit Gottes Hilfe aus der Abhängigkeit

22. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Befreit: Bei einer Therapie im Diakonie-Krankenhaus Harz hat Jens Reinländer zum christlichen Glauben gefunden. Seit 2011 ist er trocken. Hier erzählt er seine Geschichte:

Ich habe 15 Jahre lang gesoffen und weiß noch sehr genau, wie alles anfing. Zuerst war mein Alkoholkonsum normal, hier und da habe ich bei Partys getrunken. Einmal hatte ich einen Kasten Bier gekauft, weil ich ein paar Leute gebeten hatte, mir beim Umzug zu helfen. Als die nicht wie verabredet kamen, war ich frustriert und habe den Kasten alleine geleert. Über viele Jahre hinweg habe ich versucht, Probleme oder Unzufriedenheiten wegzutrinken. Ich fühlte mich einfach besser, die Probleme schienen kleiner, wenn ich getrunken hatte. Dann steigerte sich die Menge. Ich wurde zum Spiegeltrinker, das heißt, dass ich den ganzen Tag über einen bestimmten Alkoholpegel im Blut halten musste.

Ich habe schon morgens vor der Arbeit mein erstes Bier getrunken. Weil ich als Elektriker viel draußen im Einsatz bin, hat das zunächst niemand gemerkt. Nachmittags und abends ging es dann mit Whiskey Cola weiter, die war an jeder Tankstelle verfügbar. Zu Hause hatte ich Alkohol-Verstecke, es war also immer Vorrat da. Ich spiele im Jugendblasorchester Tenorhorn. Wenn ich damals zu den Proben und Konzerten gegangen bin, war ich natürlich auch nicht nüchtern. Aber ich fühlte mich gut und dachte, niemand merkt mir etwas an.

Aber das stimmt nicht, mittlerweile hatten viele mitbekommen, was mit mir los ist. 2009 sagte eine meiner Orchesterkolleginnen, die ich schon sehr lange kenne und deren Meinung mir wichtig ist, dass ich was ändern muss, wenn ich die Jugendweihe meiner Tochter noch erleben will. Dieser Satz hat mich beschäftigt. Er war der Wendepunkt. Ich habe gemerkt, dass ich ohne Hilfe nicht mehr klarkomme. Auch mein Arbeitgeber sagte, dass ich in dem Zustand nicht zur Arbeit kommen kann. Ich habe dann mit meiner Frau geredet, und sie hat mich zu einer Psychologin begleitet. Dann habe ich recht schnell einen Platz zur Entgiftung im Ballenstedter Krankenhaus bekommen. Dort habe ich zum ersten Mal gehört, dass Alkoholismus eine Krankheit ist. Allerdings ist es keine, die man so einfach abschütteln kann.

Schon zwei Wochen später habe ich wieder angefangen zu trinken. Und so ging es dann immer weiter. Ich habe sieben Entgiftungen und zwei Langzeit-Therapien hinter mir. Ich bin immer wieder rückfällig geworden, weil ich mir eingebildet habe, dass ich es schaffen könnte, kontrolliert zu trinken. Also nur ein oder zwei Bier am Tag. Aber das funktioniert nicht.

Nach der letzten 15-wöchigen Langzeit-Therapie in Elbingerode habe ich es endlich geschafft. Während der Therapie hatten wir die Möglichkeit, jeden Sonntag den Gottesdienst im Diakonissen-Mutterhaus zu besuchen. Mich haben die Gottesdienste immer zum Nachdenken gebracht, obwohl ich bis dahin eigentlich kein gläubiger Mensch war. In den Predigten erkannte ich mich wieder. Sie waren gar nicht so weltfremd, wie ich immer dachte. Ich habe beschlossen, mich darauf einzulassen.

Heute glaube ich an Gott, auch wenn ich eher unregelmäßig in die Kirche gehe. Ich lebe den Glauben für mich allein. Nach einem Gottesdienst in Elbingerode, bei dem ich Gott um Hilfe bat, meine Sucht in den Griff zu bekommen, spürte ich: Jetzt ist es vorbei. Beim Duschen hatte ich das Gefühl, eine Last von mir abzuspülen. Von da an wollte ich nicht mehr trinken. Ich hatte Hoffnung, es jetzt endlich zu schaffen. Ich fühlte mich nicht mehr allein.

Seit 2011 bin ich trocken. Ich bin stolz, dass ich das geschafft habe. Aber mir ist auch bewusst, dass ich ein Leben lang Alki bleibe. Den Alkoholismus hast du nie überwunden. Deshalb habe ich auch die Selbsthilfegruppe gegründet. Hier tauschen wir uns aus und üben Verhaltensweisen, die uns in kritischen Situationen helfen, nicht rückfällig zu werden. Wir haben zu Hause keinen Alkohol im Haus. Das schützt mich. Wenn Freunde kommen, bringen die selbst ihr Bier mit und nehmen das, was nicht getrunken wurde, auch wieder mit nach Hause.

Mein Umfeld weiß Bescheid – meine Freunde, Kollegen und die Familie. Aber es gibt Situationen, in denen ich in Versuchung gerate. Wenn ich zum Beispiel mit dem Orchester auf einem Schützenfest spiele, dann denke ich daran, in der Pause ein Bier zu trinken. Damit das nicht passiert, gehe ich eine Runde spazieren. Das Bierzelt ist sozusagen eine Stresssituation für mich. Mein Suchtgedächtnis will mir sagen: He, dir könnte es gleich besser gehen, wenn du jetzt ein Bier trinkst. Diese Situationen kennen die meisten trockenen Alkoholiker. Das Gute ist, dass es über die Jahre leichter wird. Man darf nur den Mut und die Willenskraft nicht verlieren. Weil wir uns gegenseitig unterstützen, ist die Selbsthilfegruppe wertvoll für uns. Im Moment kommen sieben Männer und Frauen. Die Gruppe richtet sich an trockene Alkoholiker, aber auch an die, die noch trinken und von ihrer Sucht loskommen wollen. Jeder hat ja seine eigene Geschichte, seine eigenen Probleme. Aber die Erfahrungen der anderen sind Gold wert.

Wer sich eingesteht, dass er Hilfe braucht, der ist bei uns willkommen. Wir zeigen einen Weg aus der Sucht auf. Ich selbst führe heute ein anderes Leben als vor der Therapie. Ich habe vieles verändert. Ich bin glücklich, weil alles so gut läuft. Ich brauche keinen Alkohol mehr, um zufrieden zu sein.« Inzwischen ist Jens Reinländer seit sechs Jahren trocken und unterstützt mit der Selbsthilfegruppe »Clean Life« in Halberstadt andere dabei, einen Weg aus der Sucht zu finden.

Aufgeschrieben von Dana Toschner

Tipps
Rund 1,3 Millionen Deutsche sind alkoholabhängig und etwa 9,5 Millionen Menschen in Deutschland trinken zu viel Alkohol. 73 000 Menschen sterben jährlich allein in Deutschland an den Folgen von Alkoholmissbrauch und rund 1 500 Menschen aufgrund illegaler Drogen – Trend steigend. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken und darauf aufmerksam zu machen, hat das Blaue Kreuz in Deutschland die Kampagne »Dein Leben. Dein Traum. Deine Entscheidung.« ins Leben gerufen.

Außerdem gibt es die blu:app zum kostenlosen Download (für iOS und Android) bei Google Play und im App Store Damit werden vor allem Jugendliche angesprochen und für Themen rund um Sucht sensibilisiert. Die Bandbreite reicht von sehr niederschwelligen und einfach verständlichen Informationen und Inhalten bis hin zu konkreten Beratungsangeboten.

www.blaues-kreuz.de


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Mitten im Leben ein Ort zum Sterben

16. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Gemeinschaftsprojekt: In Jena beginnt in Kürze der Bau eines Hospizes, das von großen Teilen der Bevölkerung mitgetragen wird.

Vom »Wohnzimmer« der Palliativstation des Universitätsklinikums Jena (UKJ) geht der Blick zur nahen Lobdeburg. Direkt vor dem Fenster leuchten Bäume und Hartriegelsträucher in Gelb und Rot. 2009 wurde dieser Komplex eröffnet, der sich als einzelnes Gebäude an das Ende der Magistrale anlehnt. Hierher kommen Menschen, die Linderung für ihre Leiden suchen. Heilung ist nicht mehr möglich. Dr. Ulrich Wedding hat diese interdisziplinäre Einrichtung mit einem Team von Internisten, Schmerztherapeuten, Psychologen, Seelsorgern und Pflegekräften aufgebaut. Die Betreuung ist komplex und schließt Angehörige mit ein.

Für den engagierten Arzt wird mit dem Bau des Hospizes nun eine Lücke in der Betreuung gefüllt, die eine Palliativstation nicht leisten kann. »Wenn es Menschen nicht möglich ist, in der häuslichen Umgebung zu sein, möchten wir einen Ort anbieten, wo sie sich zu Hause fühlen können. Es wird ihnen hier ermöglicht, sie selbst zu bleiben«, erklärt Ulrich Wedding.

Um das Projekt Hospiz auf den Weg zu bringen, hat sich am Nikolaustag 2014 eine Hospiz- und Palliativstiftung gegründet. Ihr gehören neben Sozialträgern wie der Diakonie, den Johannitern, der AWO, dem DRK und Reha aktiv 2000 auch die Kirchenstiftung St. Michael, die jenawohnen GmbH und zahlreiche Privatpersonen an.

Ein erster Spendenaufruf stieß auf breite Resonanz. Monat für Monat gehen Spenden ein, die jüngste mit einem fünfstelligen Betrag von der Heimstätten Genossenschaft. Die Idee, das Projekt auf breiten Schultern zu tragen, ist aufgegangen. »Wir haben versucht, ganz offen zu kommunizieren und die Nachbarschaft einzubeziehen«, sagt Ulrich Wedding, Vorstand der Stiftung.

Der Stadtrat hat 200 000 Euro Anschubfinanzierung bewilligt – einstimmig. Die Stiftung braucht eine halbe Million Euro für die Innenausstattung der 14 Zimmer; 12 sind für Patienten vorgesehen, zwei für Angehörige. Den Bau bewerkstelligt die Stadtwerke-Tochter jenawohnen, die das Objekt nach seiner Fertigstellung an den Mieter Hospiz übergibt.

In Würde sterben, dafür engagiert sich seit Jahren auch Claudia Koppe, die ihren Freund auf der Palliativstation begleitet hat. Sie erlebte in der schweren Zeit Hilfe durch die Mitarbeiter der Palliativstation, die sich intensiv kümmerten. Sie sah aber auch, dass Geld fehlte für jemanden, der außerhalb der stationären Versorgung individuelle Wünsche wie Vorlesen oder Besorgungen erfüllen kann. Der von ihr mitbegründete Verein »Leben heißt auch Sterben« organisierte inzwischen die zweite große Wohltätigkeitsveranstaltung, mit der das Thema in die Bevölkerung getragen wurde.

So soll es aussehen: Eingebettet im Grünen und in eine belebte Nachbarschaft gestaltete ein Architekturbüro aus Dortmund seine Vorstellung vom zukünftigen Hospiz in Jena. Der Entwurf konnte sich bei einem Wettbewerb durchsetzen. In einem Jahr soll die Einrichtung eröffnet werden. Entwurf: Gerber Architekten/jenawohnen

So soll es aussehen: Eingebettet im Grünen und in eine belebte Nachbarschaft gestaltete ein Architekturbüro aus Dortmund seine Vorstellung vom zukünftigen Hospiz in Jena. Der Entwurf konnte sich bei einem Wettbewerb durchsetzen. In einem Jahr soll die Einrichtung eröffnet werden. Entwurf: Gerber Architekten/jenawohnen

Die Beträge, die dabei eingespielt werden konnten, kamen der Palliativstation für diese zusätzliche Betreuung zugute. »Die Bewahrung der Individualität ist ganz wichtig. Die Betroffenen brauchen Zeit für die Umstellung auf die Krankheit. Deshalb haben wir die ›gute Seele‹ mitfinanziert. Aktuell sind wir gerade dabei, Friseure zu suchen. Denn das Aussehen spielt für die Würde eine große Rolle«, erzählt Claudia Koppe. Drei Friseure haben sich bereits gemeldet, die ehrenamtlich helfen wollen. Der Verein hat auch schon das Mitarbeiterteam zum Konzert eingeladen – als Anerkennung für die hervorragende Arbeit, die geleistet wird.

Als Claudia Koppes Freund auf der Palliativstation lag und es sich abzeichnete, dass er nicht mehr nach Hause kann, blieb das Hospiz in Bad Berka als einzige Möglichkeit. Sie ist froh, dass jetzt so eine Einrichtung in Jena entsteht: »Ich finde den Standort mitten im Wohngebiet genau richtig. Das Thema Sterben ist in unserer Gesellschaft so ausgegrenzt.«

Das Hospiz wird in Lobeda in unmittelbarer Nähe zur Lobdeburgschule und zu Wohnhäusern gebaut. »Ich persönlich finde das gut«, sagt Barbara Wrede, Leiterin der Einrichtung mit Grund-, Regel- und Gymnasialausbildung. »Es bringt einen anderen Ansatz zum Nachdenken über das Leben.« Als sie vor Jahren im Ethikunterricht das Sterben thematisierte, haben sich ein paar Schülerinnen dafür bedankt. Mit Kindern, die zu Besuch auf die Palliativstation kamen, hat Ulrich Wedding schon gute Erfahrungen gemacht.

Um das Gebäude wird ein grüner Gürtel geschaffen, der bis in die Innenhöfe hineinreicht. So können bewegungseingeschränkte Menschen noch die Außenwelt wahrnehmen.

Für die Betroffenen ist es ein Spagat zwischen Hoffnung und Verzweiflung. »Was mehr Gewicht hat, ist individuell sehr unterschiedlich. Manchen gelingt es, eine Gelassenheit zu entwickeln oder auf Gottvertrauen zu setzen«, erzählt Wedding. Zum Nikolaustag 2018 soll das Hospiz im Jenaer Stadtteil Lobeda eröffnet werden.

Doris Weilandt

www.hospiz-jena.de

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Die Netz-Gemeinde

9. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Virtuelle Kapelle: Die Digitalisierung schreitet auch in der Kirche voran. Mit einem bundesweit einmaligen Projekt startet demnächst die EKM. Initiator ist Karsten Kopjar. Mit dem Experten für Digitales und Verkündigung sprach Willi Wild.

Was muss ich mir unter einer Online-Kirche vorstellen?
Kopjar:
Also, wir wollen keine neue Kirche gründen, sondern wir wollen eigentlich in der Kirche die Diskrepanz zwischen Online- und Offline-Leben aufheben.

Klingt modern, verstehe ich aber nicht.
Kopjar:
Bei Kirche denken viele Leute an Folgendes: Sonntagmorgen um 10 Uhr gehe ich in ein Steingebäude, setze mich auf eine Bank, höre irgendjemandem zu, bin in gewisser Weise beteiligt, gehe nach einer Stunde wieder nach Hause und lebe meinen Alltag. Das ist so ein typisches Offline-Kirche-Leben. Und das ist auch gut. Das wollen wir gar nicht aufheben.

Foto: wabeno – stock.adobe.com; Screenshots: G+H

Foto: wabeno – stock.adobe.com; Screenshots: G+H

Aber daneben merken wir in den letzten 10 bis 20 Jahren, dass immer mehr Leute online kommunizieren. Das heißt: Ich schreibe E-Mails, ich bin im Internet unterwegs, ich nutze Smartphones und ähnliches. Und kommuniziere da mit echten Menschen. Das heißt, ich schreibe Nachrichten an andere Menschen über ein Online-Medium. In dieser Welt kommt Kirche überhaupt nicht vor. Die Diskrepanz wollen wir aufheben und neben dem klassischen Gottesdienst die Online-Kirche etablieren.

Wie soll die virtuelle Seelsorge denn praktisch aussehen?
Kopjar:
Wir wollen keine Konkurrenz zum Sonntagsgottesdienst sein. Das fängt schon bei den Anfangszeiten an. Wenn jemand als Einsteiger Fragen zum christlichen Glauben hat, dann könnten wir uns beispielsweise dienstagabends regelmäßig verabreden und ein Programm anbieten, bei dem wir mit interessierten Menschen ins Gespräch kommen. Oder aber eine regelmäßige Mittagsandacht. Das Kloster Volkenroda hat bereits Interesse signalisiert, hier mit der Online-Kirche zu kooperieren.

Sind Kasualien, kirchliche Amtshandlungen, online möglich?
Kopjar:
Ich glaube nicht, dass eine Trauung im Internet tatsächlich sinnvoll ist. Auch Taufen und Beerdigungen haben wir erstmal nicht vor. Dafür ist die physische Welt tatsächlich prädestiniert. Aber bei großen Beerdigungen werden heute schon Übertragungen in andere Räume angeboten, um mehr Menschen zu erreichen. Das funktioniert über das Internet ganz gut. Die Oma, die nicht zur Hochzeit kommen kann, sitzt in Mexiko und kriegt den Livestream der Trauung. Damit ist sie quasi dabei und kann sich mit dem Paar freuen.

Im Umkehrschluss könnte man dann auch sagen: Da brauche ich nicht mehr in den Gottesdienst gehen, wenn ich ihn frei Haus auf den Monitor bekomme?
Kopjar:
Der Gottesdienstbesucher wird nach wie vor in die Kirche gehen. Aber es gibt Leute, die im Schichtdienst arbeiten oder Berufspendler, die wollen wir mit dem Angebot ansprechen. Wir versuchen, sie zu motivieren, wieder mit Kirche in Kontakt zu kommen. Der Online-Kirchenbesucher kommt vielleicht irgendwann auch in eine richtige Kirche.

Wie wollen Sie virtuell ein Gemeindeleben oder eine kirchliche Gemeinschaft organisieren?
Kopjar:
Wenn ich mit Menschen auf Facebook diskutiere, ist es schon häufiger passiert, dass aus einem einfachen Textgespräch eine geistliche Ebene entstanden ist. Da passiert plötzlich Seelsorge, da kommen Lebensthemen zur Sprache. Ja, da habe ich durchaus das Gefühl, Gott ist als unsichtbarer Dritter gegenwärtig. Gerade diese Verbindung, dass Menschen mit Gott im Austausch sind, und dass ein Gespräch mehr als eine oberflächliche Unterhaltung wird, das passiert, wo Menschen offen sind und sich auf diese Kommunikations­ebene einlassen.

In der Anonymität des Internets gedeihen Hass, Lügen und Falschmeldungen. Ist das der richtige Platz für Seelsorge?
Kopjar:
Das Internet emotionalisiert auf jeden Fall. Das ist gut und schlecht zugleich. Auf der einen Seite erlebe ich, dass junge Leute, die sich im Jugendkreis nie öffnen würden, auf einer Online-Plattform viel offener über ihren Glauben reden. Also da hat das Internet positive Verstärkereffekte. Auf der anderen Seite muss man natürlich damit leben, dass Menschen, die negative Gedanken haben, diese online sehr viel deutlicher und krasser äußern.

Dann ist aber nicht das Internet der Ort, wo die Gedanken entstehen, sondern sie sind bereits vorhanden. Ich sehe darin eine seelsorgerische Chance, dass Menschen die Zeitbombe, die im Kopf tickt, endlich mal rauslassen können. Klar, wo Grenzen, wo Gesetze überschritten werden, da muss man einschreiten. Auf anderen Ebenen reicht vielleicht das persönliche Gespräch, um Menschen Liebe und Annahme, die sie brauchen, zukommen zu lassen.

Wie sieht es mit Datenschutz, Seelsorge- und Beichtgeheimnis aus?
Kopjar:
Bei der Telefonseelsorge werden schon seit längerer Zeit gesicherte Kanäle für Online-Chats und E-Mail-Seelsorge angeboten. Wir wollen mit der Online-Kirche Datensicherheit gewährleisten und Systeme aufbauen, die sicher sind. Vollständige Sicherheit gibt es aber nicht. Das Internet ist wie ein Marktplatz. Wenn nun ein Seelsorger über den Marktplatz geht und angesprochen wird: Herr Pfarrer, ich brauche jetzt Ihren Rat, ich brauche jetzt Seelsorge, dann wird der Pfarrer wahrscheinlich sagen: Lassen Sie uns doch ins Pfarrhaus gehen. Wenn der Mensch aber sagt: Nein, ich brauch es hier und jetzt, wird der Pfarrer sehr wahrscheinlich sagen: Okay! Ist nicht optimal, aber wir machen das Beste draus und ich höre Ihnen zu. Genauso passiert es auch im Internet.

Gibt es auch eine feste Gemeinschaft, die die Internet-Kirche tragen wird?
Kopjar:
Natürlich braucht die Online-Kirche eine kommunitäre Gemeinschaft, Menschen, die intensiv und sichtbar ihren Glauben leben. Ähnlich wie im Kloster könnte es eine Kern-Gemeinschaft geben, die nicht an einem Ort, aber verbindlich für, in und mit der Internet-Gemeinde lebt. Wer sich dafür interessiert, kann sich jetzt schon bewerben.

Sind die klassischen Elemente eines Gottesdienstes auch online verfügbar?
Kopjar:
Jeder Gottesdienstbesucher der Online-Kirche kann sich die Elemente selber zusammenstellen. Musik, Predigt, Gebet, Segen, Andacht oder Austausch und Seelsorge. Die Nutzer werden in dem großen Potpourri jeweils das finden, was sie im Moment brauchen.

Einen wichtigen Punkt haben Sie noch vergessen: die Kollekte.
Kopjar:
Natürlich kostet die Online-Kirche auch Geld. Wir haben eine Startführung über die Erprobungsräume, aber darüber hinaus sind wir angewiesen auf Spenden und Sponsoren, Menschen, die uns unterstützen mit einmaligen und regelmäßigen Zahlungen. Die Angebote der Online-Kirche sind natürlich kostenfrei. Wir geben Gutes und wenn jemand für das Gute, das er bekommen hat, etwas zurückgeben möchte, ist das gerne möglich.
Blick-2-40-2017
Wann soll es losgehen?
Kopjar:
Wir haben die Förderung der Erprobungsräume jetzt zugesagt bekommen. Wir wollen ab dem neuen Jahr Menschen einstellen, die die Idee vertiefen können. Wir haben allerdings jetzt für die Vorweihnachtszeit auch schon Aktionen, bei denen Menschen mit der Online-Kirche in Kontakt kommen können.

Kann man Mitglied der Online-Kirche werden?
Kopjar:
Prinzipiell ist die Online-Kirche für jeden da. Genauso wie man auch sonntags ohne Mitgliedsausweis in den Gottesdienst gehen darf, ist hier jeder Besucher willkommen.

Die Idee klingt sehr interessant und ein bisschen verrückt. Gibt es Vorbilder?
Kopjar:
Ja. Es gibt Online-Kirchen in den USA oder in Schottland. Unsere amerikanische Partnerkirche UCC hat da ein relativ großes Projekt auf den Weg gebracht. Die Erfahrungen sind positiv. Die virtuelle Erweiterung einer Kirchengemeinde kann gerade in ländlichen Gebieten das geistliche Leben ergänzen, sodass Menschen in entlegenen Gebieten am kirchlichen Leben teilnehmen können.

onlinekirche.ekmd.de

Social-Media-Koordinator der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) ist Karsten Kopjar. Er ist für die Entwicklung und Betreuung der Kommunikationskanäle der sozialen Medien verantwortlich. Außerdem bietet er Schulungen und Beratung von Kirchenkreisen und Gemeinden an – mit dem Ziel: »Online Gemeinde bauen«. Er hat Evangelische Theologie, Medienwissenschaft und Informatik an der Philipps-Universität Marburg studiert und in Praktischer Theologie über »Kommunikation des Evangeliums für die Web 2.0 Generation – Virtuelle Realität als Reale Virtualität« promoviert.


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Die Lebensmittelretter

1. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Auf den Teller statt in den Müll: Mit zwei Tonnen Bio-Zucchini kam das Projekt vor drei Jahren richtig in Fahrt. Jetzt haben die Lebensmittelretter aus Magdeburg den zweiten Platz beim Bundeswettbewerb der Nebenan-Stiftung errungen.

Initiator der Lebensmittelrettung, auch als Foodsharing (Lebensmittel teilen) bekannt, ist Ralf Weigt, der bei der Grünen Hochschulgruppe in Magdeburg die ersten Impulse bekam: »Ich finde, in unserem reichen Land, in dem es sehr vielen Menschen gut und sehr gut geht, gibt es einfach zu viele Menschen, denen es schlecht geht. Da möchte ich lokal etwas gestalten, damit von der Überfülle alle etwas haben.« Dass es sich bei der Überfülle hier und dem Mangel dort um ein weltweites Problem handelt und nicht auf Lebensmittel beschränkt ist, weiß er. »Nach Jahrzenten des Wachstums sollten wir Menschen uns auf unsere Wurzeln besinnen – und die liegen nicht in der Stadt.« Mit dem Blick auf den sorglosen Umgang mit den Lebensmitteln, die vom Lande kommen, will Ralf Weigt mit kleinen Schritten einen weniger sorglosen Umgang mit den Ressourcen befördern und zugleich Menschen helfen.

Teilen statt wegwerfen: Ehrenamtliche der Initiative »Lebensmittel retten Magdeburg« holen die Lebensmittel bei den Spendern ab und bringen sie dann zu den Verteiler-Stationen; auch dieser prall gefüllte Kühlschrank wird am Tagesende wieder leer sein. Fotos: Facebook

Teilen statt wegwerfen: Ehrenamtliche der Initiative »Lebensmittel retten Magdeburg« holen die Lebensmittel bei den Spendern ab und bringen sie dann zu den Verteiler-Stationen; auch dieser prall gefüllte Kühlschrank wird am Tagesende wieder leer sein. Foto: Facebook

Die Lebensmittelretter sammeln – vorwiegend mit (Lasten-)Fahrrädern – Lebensmittel in Supermärkten, bei kleineren Händlern und Bauern ein. Jene Zucchini zu Beginn waren ein Angebot des Bauern. Das Sammelgut wird zu Verteiler-Stationen gebracht, wo auch Kühlschränke für verderbliche Produkte stehen. An den Verteilstationen können sich Bedürftige die Lebensmittel abholen. Das wird inzwischen in fast allen Großstädten praktiziert. »Das Besondere bei uns ist, dass unsere Verteilstellen soziale Treffpunkte sind, wo sowieso Menschen zusammenkommen. So haben wir vor Ort Helfer, die die Lebensmittellisten führen und die Kühlschränke sauberhalten. Sie verteilen, sie nutzen aber auch die Spenden, um gemeinsam mit der Nachbarschaft zum Beispiel Marmelade zu kochen«, erläutert Ralf Weigt. Diese Verbindung von Lebensmittelrettung und Sozialarbeit habe die Jury von nebenan.de besonders gewürdigt. Das Preisgeld von 7000 Euro fließt ins Projekt.

Gute Erfahrungen hat die Gruppe mit Partnern wie der Stadtmission, der Bahnhofsmission oder dem von den Pfeifferschen Stiftungen getragenen Quartierscafé gemacht. Die Auslandsgesellschaft mit dem Eine-Welt-Laden gehört neben Studenten zu den Verteilern. Und ein Tattoo-Studio macht auch mit. Etwa 100 Menschen und etliche Institutionen gehören zum Netzwerk der Lebensmittelretter. Obwohl die Zahl derjenigen, die sich als Initiator für nachhaltige Projekte ins Zeug legen, in Magdeburg überschaubar ist, gelang dem Spielwagen-Verein der Aufbau dieser großen Helferschar gut. »Jede neue Verteilstation lockt neue Helfer an«, freut sich Ralf Weigt. In deren Umfeld würden auch Lebensmittel von privat zu privat geteilt.

Demnächst möchte er mit einem Workshop der Grünen Hochschulgruppe in Stendal die Lebensmittelrettung in der Altmark anschieben. »Ich kann mir auch gut vorstellen, dass Kirchengemeinden in dieser Richtung aktiv werden – in den kleineren Städten und auf dem Land gibt es da noch viel zu tun. Gern gebe ich Ratschläge und helfe mit unserem Netzwerk weiter«, ermuntert Ralf Weigt zum Nachmachen.

Renate Wähnelt

www.spielwagen-magdeburg.de/lebensmittel-retten

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Ihr gedachtet es böse zu machen

25. September 2017 von redaktionguh  
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Christen in der DDR: Elly Lange gerät in der DDR als Schuldirektorin in Konflikt mit der SED-Ideologie. Ihr beruflicher Weg bricht abrupt ab. Die Folgen begleiten die 92-Jährige bis heute.

Wenn Elly Lange (Jahrgang 1925) auf ihr Leben zurückblickt und sich dabei an das erlittene Unrecht in der DDR erinnert, greift sie immer wieder auf ihre schriftlichen Ausführungen zurück. Sie helfen ihr, Gedächtnislücken zu schließen. In der Vergangenheit hat sie im Schreiben ein Ventil gefunden. Dramatische Situationen, einschneidende Ereignisse hat sie schriftlich festgehalten und sich damit den Schmerz von der Seele geschrieben, die Erschütterungen abgefangen.

Der berufliche Weg der 92-Jährigen ist in der DDR abrupt abgebrochen. Die Folgen begleiten sie bis heute. Elly Langes berufliche Laufbahn beginnt mit der Lehrerausbildung von 1942–1944. »Die ganze Klasse wurde – wir waren 18 Jahre alt – in die NSDAP überführt.« Als sie nach dem Kriegsende in den Schuldienst eintreten will, wird ihr nahegelegt, dass dies nur möglich sei, wenn sie einer antifaschistischen Partei beitritt. Sie wird Mitglied der SED, überzeugt von deren Idealen. »Ich glaubte an einen humanistischen Sozialismus.« Mit dieser Einstellung steht ihr in der DDR eine berufliche Karriere an der Schule offen. 1952 bekommt sie einen Vertrag als Schuldirektorin – und schon gerät sie in den ersten schweren Konflikt. Bei einer Festveranstaltung soll sie auf der Bühne verlesen, »dass wir auch mit der Waffe unseren Aufbau in der DDR verteidigen würden«. Das will sie nicht, sie gibt die Schulleitung ab, arbeitet als Lehrerin.

Elly Lange hat Prinzipien: Weil eine Kollegin, die sich auf die Seite einer christlichen Schülerin gestellt hat, entlassen werden soll, quittiert sie den Schuldienst. Auf ihrem Schreibtisch (Foto) die Dokumente von damals. Foto: Sabine Kuschel

Elly Lange hat Prinzipien: Weil eine Kollegin, die sich auf die Seite einer christlichen Schülerin gestellt hat, entlassen werden soll, quittiert sie den Schuldienst. Auf ihrem Schreibtisch (Foto) die Dokumente von damals. Foto: Sabine Kuschel

Der nächste Konflikt folgt einige Jahre später. 1958 wird sie kommissarisch zur Parteisekretärin ernannt. Es ist die Zeit, in der die DDR-Regierung mit der Einführung der Jugendweihe einen harten Kampf gegen die Kirche führt. Eine Kollegin – Genossin – soll fristlos entlassen werden, weil sie sich auf die Seite der christlichen Schüler gestellt hatte. Elly Lange soll als Parteisekretärin diesen Vorgang leiten. »Die Stunde meiner Entscheidung.« Sie solidarisiert sich als Christin mit ihrer Kollegin und verkündet: »Ich erkenne, dass ich nicht in die Partei gehöre.« Die Mitgliedschaft ist damit noch nicht beendet, aber: »Das war ein Durchbruch zu innerer Freiheit, den ich als Hochgefühl erlebte. Ich konnte nach Depressionen und schlaflosen Nächten wunderbar schlafen, erkannte aber, dass ich keinen Boden mehr hatte in dem, was mich bislang trug.«

Sie kündigt und will der Familie Priorität geben. Eine ganz private Entscheidung, forciert durch persönliche Schicksalsschläge: Zwei Fehlgeburten, eines der Kinder lebte einige Stunden und starb. Sie will Abstand gewinnen und sie wünscht sich ein Kind. Sie und ihr Mann adoptieren einen kleinen Jungen, anderthalb Jahre alt. Als dieser fünf Jahre alt ist, reicht ihr Mann die Scheidung ein. Sie kehrt zurück in den Schuldienst.

Ihr Sohn kommt in die Schule, wo sich zeigt, dass er trotz normaler Intelligenz Schwierigkeiten hat. Sie will eine gute Mutter sein, fühlt sich aber alleinerziehend überfordert, sucht nach einem Ausweg. »Menschenskind«, denkt sie eines Abends, »es muss doch nicht der Lehrerberuf sein!« Sie entdeckt ein Inserat, das ihr wie ein Lichtblitz erscheint, und folgt ihm: Sie erlernt die Fußpflege. Sie scheidet aus dem Schuldienst und löst ihre Mitgliedschaft zur SED wegen ihres christlichen Glaubens – eine folgenschwere Entscheidung. Eigentlich wollte sie nach der Ausbildung teilweise als Fußpflegerin arbeiten und daneben Vertretungsdienste in der Schule übernehmen. Doch die Tür zur Schule ist verschlossen. Auf dem Schulamt wird ihr ein Papier gezeigt, in dem zu lesen ist, dass sie wegen ihrer »psychopathischen Konstitution« im gesamten Bereich der Volksbildung von einer Anstellung ausgeschlossen sei.

Sie beginnt in einem Kinderheim als Küchenhilfe. »Es war gut für mich, vom Obergeschoss runterzukommen«, schätzt sie heute selbstkritisch ein. Ehemalige Lehrerkollegen fragen: Wo bist du hingeraten? Von der Schuldirektorin zur Küchenhilfe! Eine Kollegin empfiehlt sie als Fürsorgerin im Gesundheitswesen. Bei einer Vorstellung sagt man ihr, sie müsse zuvor einen mittleren medizinischen Beruf erlernen. Die Frage, ob sie auch zu alten Menschen gehen würde, bejaht sie. So landet sie in einem Pflegeheim mit katastrophalen Zuständen. »Der 1. August 1968 ist für mich ein Schicksalstag. Er führte in ein anderes Leben«, hält sie in ihren Aufzeichnungen fest.

Die Schuldirektorin, hochqualifiziert, der nach dem Parteiaustritt und ihrem Bekenntnis zum christlichen Glauben eine psychopathische Konstitution angehängt wird, verschlägt es in ein abbruchreifes Pflegeheim mit schockierenden Missständen!

»Die größte Herausforderung meines Lebens!« Sie stellt sich ihr. Packt kräftig zu, stemmt sich gegen den Schlendrian, will die Not der hilfsbedürftigen alten Menschen lindern. Sie eckt an. Doch sie verbucht auch Erfolge. Nach einer Eingabe an den Staatsrat der DDR, in der sie menschenwürdige Bedingungen für Heimbewohner und Personal einklagt, wird das Pflegeheim abgerissen. Sie kommt auf eine andere Station, wo sie unter besseren Bedingungen arbeiten kann. Ein Ende des Unrechts, der Demütigungen und der Schikanen? Dazu ist ein Obergutachten nötig, welches die psychopathische Konstitution als nichtig erklären und ihr damit die Fähigkeit für den Schuldienst bescheinigen soll.

Sie bekommt dieses Obergutachten, das ihr die Tür zur Schule wieder öffnen soll. Sie tut es bedingt. Ihr wird eine Anstellung als Erzieherin für stationär betreute Kinder in der Nervenklinik mit einem Gehalt von 1 000 DDR-Mark angeboten. Ihr bisheriger Verdienst auf der Pflegestation beträgt 250 Mark. Dennoch: Sie lehnt ab.

Hier in etwa endet die böse Phase ihrer Verfolgung in der DDR. Nach dem Beruflichen Rehabilitierungsgesetz wird ihr die Zeit vom 1. März 1968 bis 31. Dezember 1970 als Verfolgungszeit angerechnet.

Die DDR ist indes noch lange nicht an ihr Ende gekommen. Elly Lange bezeichnet ihre Entscheidung, weiterhin sozial tätig zu bleiben, als eine Sternstunde ihres Lebens. Sie glaubt, ihre Berufung erkannt und Gottes Wille befolgt zu haben. Und nach dem erlittenen Unrecht kann sie sagen: Die Menschen wollten es böse machen, aber Gott gedachte es gut zu machen. (1. Mose 50,20)

Nichtsdestotrotz bekommt sie mit dieser gebrochenen Berufsbiografie nur eine geringe Rente. Wäre sie Lehrerin oder Schuldirektorin geblieben, würde diese vermutlich höher ausfallen.

2011 soll die Miete um zehn Euro erhöht werden. Bei einer Rente in Höhe von 661 Euro ist das für sie viel Geld. Doch es geschieht etwas Überraschendes. Ein Pfarrer im Westen – er hatte den 2010 im MDR gezeigten Film »Der Mut der Anständigen« gesehen, in dem auch Elly Lange auftrat, meldet sich. Der Theologe ist von dem Schicksal dieser resoluten Frau so berührt, dass er ihr helfen will. Monatlich bekommt sie eine finanzielle Unterstützung von ihm – über seinen Tod hinaus. »Das große Wunder meines Lebens.«

Sabine Kuschel

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Welche Rolle spielen Christen in der Politik, Herr Resing?

18. September 2017 von redaktionguh  
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Nahezu 60 Prozent Christen leben in Deutschland. Wie groß ist der Einfluss in Politik und Gesellschaft? Der Journalist und Buchautor Volker Resing (»Angela Merkel – Die Protestantin«) hat darauf geantwortet:

Welche Rolle spielen Christen in der Politik?
Resing:
Christen spielen in der Politik eine maßgebliche Rolle. Gerade in den neuen Bundesländern sind engagierte Christen nach 1990 in wichtige Positionen gekommen. Ohne das soziale Engagement von Christen und den Kirchen sähe es in unserem Land gewiss schlechter aus.

Wie viel Kirche und Christentum verträgt die Politik?
Resing:
Aus der christlichen Botschaft lässt sich in der pluralen Gesellschaft kein eindeutiges politisches Programm ableiten. Wer das behauptet, der missbraucht die Bibel für seine persönlichen politischen Ziele. In der Demokratie ist es auch als Christ legitim, etwa die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung zu begrüßen oder sie zu kritisieren. Die Kirchen haben sich hier klar und laut positioniert, dass das Eintreten für Menschen in Not zur Christenpflicht gehört. Manchen war das zu deutlich, aber klar erkennbar waren die Kirchen da.

Volker Resing Foto: Markus Nowak

Volker Resing Foto: Markus Nowak

In manchen anderen Fragen gibt es ja auch unter den verschiedenen christlichen Kirchen – und auch unter Christen – sehr unterschiedliche Positionen. Etwa in der Abtreibungsfrage oder bei der Diskussion um die Ehe für homosexuelle Paare. Das ist für Christen manchmal sehr schwierig, da eine eigene Orientierung und Positionierung zu finden. Aber dass es als Christ leicht sein würde in der Welt, das hat Jesus auch nicht verheißen.

Das Thema eines Gesprächsforums in Magdeburg heißt »Das Verschwinden des Christentums aus der Politik?« Wie stehen Sie dazu?
Resing:
Meine Kernthese ist, dass vielmehr die Entkirchlichung und das Verschwinden des Christentums in der Gesellschaft das Problem ist. Gerade in den neuen Bundesländern hat man da ja durchaus schon mehr Erfahrung als im Westen. Und auch dabei ist die sinkende Zahl von Gottesdienstbesuchern doch nur ein Symptom der Krankheit. Viel schlimmer ist, dass die Menschen die christliche Botschaft nicht mehr verstehen – und viele Christen sie nicht mehr erklären können.

Theologen in der Politik – Vorteil oder Hindernis?
Resing:
Vielleicht muss man hier an Martin Luther und die Freiheit eines Christenmenschen erinnern. Das Christentum ist nun mal, auf die Politik bezogen, keine Sprache oder kein Fachgebiet wie etwa das Englische, bei dem man mit einem Test einwandfrei nachprüfen könnte, ob jemand es beherrscht oder nicht.

Das Christentum ist keine Ideologie. Und wenn es eine wäre, das Christentum wäre heute nicht die mit Abstand größte Glaubensgemeinschaft der Welt. Die Botschaft des Auferstandenen ergreift Asiaten und Afrikaner, Amerikaner und auch Sachsen-Anhalter und Thüringer gleichermaßen, wer sie da kleinmachen will für sein eigenes kleines Leben, der hat die Sprengkraft des Glaubens vielleicht noch nicht ganz erfasst.

Die Fragen stellte Diana Steinbauer.

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Orgel in der Box spielt ganz von selbst

11. September 2017 von redaktionguh  
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Zauberkasten: Tragbares Miniinstrument kann alle Choräle

Im Büro von Stendals Superintendenten Michael Kleemann steht ein Zauberkasten. Rund 40 mal 50 mal 20 Zentimeter klein ist er und spielt auf Knopfdruck »Ein feste Burg ist unser Gott«, »Macht hoch die Tür« oder »Gelobt sei Gott im höchsten Thron«. Die Nummer eines Liedes aus dem Evangelischen Gesangbuch wird eingegeben, ebenso die Anzahl der Strophen und ob ein Vorspiel gewünscht ist. Los geht es. »Eine Orgel in der Box«, sagt Superintendent Kleemann: »Wir nutzen sie regelmäßig in Gottesdiensten ohne Kantor.«

In ländlichen Kirchenkreisen, wo Kantoren oder ehrenamtliche Organisten große Wegstrecken zurücklegen müssen und somit gar nicht alle Gottesdienste bespielen können, sorgt die Orgelbox für musikalische Begleitung der singenden Gemeinde – ohne das geringe Volumen und die beschränkte Steuerungsfähigkeit eines sonst oft verwendeten tragbaren CD-Spielers.
Neben der Idee und der Technik ist eine weitere Besonderheit der Orgel in der Box ihre Herkunft: Sie ist in der Altmark entwickelt worden und wird dort produziert.

Wenn der Kantor keine Zeit hat: Superintendent Michael Kleemann mit dem Zauberkasten, der Orgel in der Box. Foto: Willi Wild

Wenn der Kantor keine Zeit hat: Superintendent Michael Kleemann mit dem Zauberkasten, der Orgel in der Box. Foto: Willi Wild

Der Tischler Manfred Hoffrichter hat sich nach der Wende selbstständig gemacht, fertigte zunächst Gehäuse für Orgeln. Aber als Musiker und Tüftler interessierte er sich schon bald für das Innenleben. Heute fertigt die Hoffrichter Orgel GmbH, beheimatet in Salzwedel, Nischenprodukte: Elektronische Orgeln, eine Synthese aus analoger und digitaler Technik mit individuellen Lösungen.

Weil er nebenbei selbst Orgel spielt, weiß er um die Nöte der Kirchenmusiker-Zunft. »Wenn ein Organist fehlt oder eine Orgel nicht spielbar ist, dann bietet sich die Orgel in der Box an«, sagt er. Zielgruppe seien weniger die Kirchenmusiker – die kauften eher eine mobile Blockorgel. Vielmehr würden Pfarrer angesprochen, die sonntags auf den Dörfern unterwegs sind und Gottesdienste auch mit kleinen Gemeinden feiern: »Dann ist der Pfarrer oft der Einzige, der laut singt und das auch noch ohne Begleitung.« Die Orgelbox unterstützt ihn.

Auf einem Chip sind die Lieder des Evangelischen Gesangbuchs abgespeichert. Der Klang habe ausreichend Volumen und Lautstärke für Kirchenräume. »Die Box ist so laut wie eine elektronische Orgel«, so Hoffrichter. Die Geschwindigkeit lässt sich stufenlos regeln, anders als beim Kofferradio bleibt die Tonhöhe gleich. Und gibt es doch einen Organisten, aber keine spielbare Orgel, lässt sich an die Box auch eine Klaviatur anschließen.

(kas)

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