Sie werden ein Fleisch sein

21. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Lebendspende: Auf ihren Garten sind Silke und Uwe Alberti zu Recht stolz. Hinter ihrem Haus in Apolda steigt er an. Gerade im goldenen Herbst ein Refugium mit Gewächshaus, bewachsenem Spalier, Sitzecke und Pavillon.

Das Ehepaar trinkt Espresso und genießt die Abendsonne. Als sie am 12. April 2010 die Haustüre abschließen, um nach Jena in die Universitätsklinik zu fahren, war nicht klar, ob sie diese Idylle jemals wieder gemeinsam erleben können.

Uwe hat eine Autoimmunerkrankung. Der Fachbegriff Primär sklerosierende Cholangitis (PSC) kommt ihm locker über die Lippen. Eine Verengung der Gallengänge, so dass die Galle aus der Leber nicht mehr abfließen kann. Die Leber entzündet sich. Als Uwe Alberti zum ersten Mal mit 40 Fieber in die Notaufnahme muss, schreibt der Arzt auf die Einwilligungserklärung: »Die Untersuchung kann zum Tod führen.« Fünf Monate mit Fieber­schüben, Blutvergiftung, Gelbsucht, Antibiotika-Behandlung, Schmerzen und Schwächeanfällen folgen.

Dann ist klar: Besserung oder überhaupt ein Weiterleben ist nur mit einer gesunden Spenderleber möglich. Damit ist der selbstständige Fernsehtechniker-Meister einer von 3 000 Patienten, die auf eine der verfügbaren knapp 500 Spenderlebern warten. Zwischenzeitlich stabilisiert sich sein Gesundheitszustand wieder. Das ist ein Nachteil, denn auf der Rangliste der Bedürftigen rutscht er damit wieder weit nach hinten. Nur wer die nächsten 72 Stunden nicht überleben würde hat die Chance, eher dranzukommen. Die Wartezeit beträgt im Schnitt drei Jahre. Für viele kommt die Nachricht zu spät.

Freuen sich des Lebens: Ehepaar Alberti genießt die Zeit zu zweit. »Ohne Silkes Spende würde ich heute nicht mehr leben«, ist sich Uwe Alberti sicher. Foto: Willi Wild

Freuen sich des Lebens: Ehepaar Alberti genießt die Zeit zu zweit. »Ohne Silkes Spende würde ich heute nicht mehr leben«, ist sich Uwe Alberti sicher. Foto: Willi Wild

Für Silke Alberti beginnt eine stressige Zeit. Tagsüber arbeitet sie in ihrem Floristikgeschäft, abends fährt sie nach Jena und verbringt die Zeit am Krankenbett ihres Mannes. Heute sagt sie, dass es auch ein Stück weit Selbstschutz gewesen sei, als sie sich entschließt: Ich spende Uwe einen Teil meiner Leber. Der lehnt zunächst ab. »Es ist doch verrückt, einen gesunden Menschen zu zerschneiden, nur damit es mir wieder besser geht«, meint er.

Als dann aber die Untersuchungen ergeben haben, dass die Voraussetzungen für eine Lebendspende gegeben sind, und Silke unbeirrt bleibt, willigt er ein.

Rückblickend sagt sie: »Mir war damals klar: das klappt. Da war ein absolutes Gottvertrauen.« Bei Uwe überwiegt die Skepsis: »Ich habe in mancher Nacht meine Todesanzeige vorgestaltet, weil ich dachte, das überlebe ich nicht«.

Vor dem OP-Termin regelt Uwe alles, als gäbe es kein Danach. Er beteiligt einen Mitarbeiter an der Firma, macht ein Testament und bestellt die Zeitung ab. Für Silke kam das nicht infrage. Sie denkt bereits an die Zeit nach dem Eingriff.

Am 13. April ist es dann endlich so weit. Um 7 Uhr wird Silke in den Operationssaal geschoben, um 10 Uhr folgt Uwe. Um 17 Uhr, 10 Stunden später, legen die Ärzte das Operationsbesteck aus der Hand. Es ist geschafft. Nun beginnt die Zitterpartie und das bange Warten. Wird das Organ im Körper angenommen? Kann die Funktionalität hergestellt werden? Wie verkraftet Silke die Entnahme von zwei Drittel ihrer Leber? Die Sterblichkeitsrate in den ersten Wochen ist bei Transplantierten sehr hoch. Uwes Ziel war es, den 49. Geburtstag noch zu erleben.

11 Tage nach der OP ist es so weit. Seinen zweiten Geburtstagstermin hat er nun immer am 13. April.

»Der Pfarrer sagte bei unserer Trauung, ihr werdet ein Fleisch sein«, meint Uwe und lächelt dabei verschmitzt. »Bei uns stimmt das. Ich habe ein Stück Silke in mir.« Die Gebete und Unterstützung von Freunden aus der Kirchengemeinde haben beiden geholfen. Silke findet Halt in der Liturgie. Für Uwe muss es eine gute Predigt sein. Mittlerweile sind über acht Jahre seit der Operation vergangen. Beide müssen sich schonen und passen aufeinander auf.

Uwe ist aktiver Rentner und studiert seit zwei Jahren in Jena Astrophysik. Silke fertigt ihre kunstvollen Blumensträuße und -gebinde von Zuhause aus. »Wir leben heute viel ruhiger als früher und genießen die Zeit, die wir jetzt miteinander haben.« Für sie war die Spende selbstverständlich und nicht der Rede wert. Uwe sieht das anders: »Silkes Lebendspende schafft eine ewige Verbindung. Etwas Größeres kann ein Mensch nicht für einen anderen tun.«

Mit dieser Erfahrung wirbt Uwe Alberti leidenschaftlich und pausenlos für den Organspendeausweis. Silke lehnt den Ausweis ab. Für sie kommt eine generelle Bereitschaft zur Organspende überhaupt nicht in Frage. Sie will nicht ausgeschlachtet werden. Die Vorstellung, dass eine Klinik Geschäfte mit ihren Organen machen könnte, macht sie wütend. Uwe lässt sich davon nicht beirren: »Bitte füllen Sie den Ausweis aus, egal wie.«

Am Vorabend vor dem gemeinsamen Gang ins Krankenhaus haben Silke und Uwe Alberti in ihrem Garten noch eine Pfingstrose gepflanzt. In der chinesischen Gartenkunst symbolisiert die Päonie ein Liebespfand. »Die mickert so vor sich hin«, sagt Uwe und lacht dabei. »Die braucht Geduld und Pflege, wie wir«, meint die Floristmeisterin Silke.

Willi Wild

www.uwe-alberti.de

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Doch das Fleisch ist schwach

8. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Erntedank: Auch für Braten und Wurst lässt sich »Danke« sagen. Und das mit gutem Grund. Doch für den Menschen  müssen Millionen Tiere leiden – hat Gott das gewollt?

Die Wurst wird zum Erntedankfest gewürdigt, und selbst der Schinken. Hat Gott selbst nicht in seinem Bund mit Noah den Menschen gesagt: »Furcht und Schrecken vor euch sei über allen Tieren auf Erden … In eure Hände seien sie gegeben. Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise.« (1. Mose 9,2 f.)?

Auch in den Tagen um das Erntedankfest drängen sich Schweine, Hühner und Kühe in engen Ställen, liegen die Schreie der Ferkel beim Messerschnitt ihrer Kastration in der Luft, werden männliche Küken geschreddert. Hat Gott das so gemeint? Als er nach der Sintflut dem Menschen das Tiere-Essen frei gab, klang es eher wie eine Kapitulation. Eine Kapitulation aus Liebe. »Denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf«, spricht Gott zu Noah. Aber er will nicht mehr gegen die Menschen kämpfen.

Sein Kompromissvorschlag scheint Gott selbst schwer zu fallen: »Allein esst das Fleisch nicht mit seinem Blut, in dem sein Leben ist!« Denn Leben ist Gott heilig. Alles Leben. Danach schließt er einen Bund mit Noah, mit den Menschen und »mit allem lebendigen Getier«.

Foto: Daniel Fleck – fotolia.com

Foto: Daniel Fleck – fotolia.com

Menschen haben die Bibel aufgeschrieben. Menschen haben in ihr auch ihre eigenen Interessen hinterlassen, und sie sind die längste Zeit Fleischesser. Um so erstaunlicher, was die beiden Schöpfungserzählungen darüber erzählen, was Gott eigentlich will. Noch vor dem Menschen schuf er die Vögel und Fische, heißt es in der ersten Erzählung – und er segnete sie auch als erste (1. Mose 1,22). In der zweiten Schöpfungserzählung schuf Gott die Tiere, damit der Mensch nicht »allein sei« (1. Mose 2,18). Er sollte den Mitgeschöpfen Namen geben, er sollte über sie herrschen – ernähren aber sollte er sich nur von Pflanzen. Und in der Tat waren die frühesten Vorfahren der Menschen wirklich Vegetarier.

Dass die Menschen sich am Ende von den anderen Tieren entfernten, erzählt die Bibel mit einem Wort: dem Sündenfall. Denn sie aßen, obwohl Gott es ihnen verboten hatte, vom »Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen«. Sie haben nun einen freien Willen, können reflektieren, abwägen, sich entscheiden.

Auch die Tür, bewusst Böses zu tun, war damit geöffnet. Sie trennt die Menschen von Gott. Und von den anderen Tieren. Gott vertrieb die Menschen, die die Schuld auf die Schlange schieben wollten, aus dem Paradies. Die Tiere nicht.

Biologisch lässt sich diese Trennung auch beschreiben. Viele Wissenschaftler erklären die Absonderung der Menschen mit ihrem Umstieg auf Fleisch: Es ließ ihre Gehirne anwachsen – und die Jagd lehrte sie die Grundlagen von Kooperation, Arbeitsteilung und Fortschrittsglauben. Erst am Ende der Tage, heißt es in der Bibel, wird diese Kluft zwischen Gott und den Menschen, zwischen Tieren und Menschen überwunden sein. Wenn der Messias kommt »werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen«, schreibt der Prophet Jesaja, »ein kleiner Junge wird Kälber und junge Löwen und Kühe miteinander treiben. Und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder« (Jesaja 11,6). Selbst fleischfressende Tiere werden in Gottes Reich zu Vegetariern.

Ja, Jesus ließ die Netze auswerfen und hat Fische gebraten, so schreibt es zumindest der Evangelist Johannes. Vielleicht hat er sie auch gegessen, doch das bleibt offen. Er war auch ganz Mensch. Und er spürte sicher auch das, was Paulus so beschrieb: »Wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstigt« (Römer 8,22). Tiere inbegriffen. Jesu Antwort auf das Leiden, wie er sie etwa in der Geschichte vom barmherzigen Samariter gab, ist ganz kurz. Sie lautet: Mitgefühl. Und dann handeln.

Andreas Roth

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Tischgebet in der Gaststätte?

30. September 2018 von redaktionguh  
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Öffentliches Glaubenszeugnis: Ein sicht- und hörbares Tischgebet vor dem Essen im Restaurant oder ein stilles Dankgebet? Ist es angebracht, der Bibel zu folgen und nur im stillen Kämmerlein zu beten (Matthäus 6, Vers 6)? Die Meinungen gehen da auseinander.

Harald Krille

Harald Krille

Pro

Harald Krille


Noch vor 20 Jahren habe ich mit Inbrunst Jesu Worte vom Gebet und dem stillen Kämmerlein aus der Bergpredigt als Argument gegen das Beten vor dem Essen in Gaststätten oder Kantinen zitiert. Inzwischen habe ich begriffen, dass Jesu Worte in eine völlig andere gesellschaftliche und religiöse Situation hineingesprochen sind. Wenn ich heute in der Gaststätte bete, dann doch nicht, um mich vor den Leuten zu produzieren, sondern um meinem Glauben Ausdruck zu geben. Wieso soll ich in der Öffentlichkeit nicht das tun, was ich zu Hause ganz selbstverständlich praktiziere? Es nicht zu tun, empfinde ich heute eher als die Heuchelei, gegen die Jesus sich wendet. Denn der Glaube gehört eben nicht, wie uns viele Menschen einreden wollen, allein in die Privatsphäre.

Wie ich bete, hängt dabei von den Umständen ab. Bin ich allein, halte ich kurz inne und spreche ein stilles Dank- bzw. Segensgebet. Händefalten und Köpfchensenken oder auch das Kreuzzeichen können den Moment begleiten, müssen es aber nicht. Sind wir mehrere Personen, dann bete ich auch laut. Freilich nicht in der Art, wie ich es – in einem anderen Land – erlebt habe, wo der Familienvater sich und seine Stimme am Tisch erhob und im ganzen Restaurant die Gespräche peinlich berührt verstummten. Aber so, wie wir uns am Tisch zu zweit oder zu viert unterhalten, können wir doch für einen Moment auch bewusst den unsichtbaren Partner unseres Lebens in das Gespräch einbeziehen. Das muss anderen gar nicht sonderlich auffallen. Und wenn doch – wo ist das Problem?

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Sabine Kuschel

Sabine Kuschel

Kontra

Sabine Kuschel


Die lutherische Rechtfertigungslehre, dass der Mensch allein durch den Glauben vor Gott gerecht wird, heißt für mich auf einen einfachen Nenner gebracht: Ich muss nichts, ganz und gar nichts tun, um vor Gott zu bestehen. Diese grundlegende reformatorische Erkenntnis, geboren durch seelische Qualen, hat es bis heute schwer, wirklich beherzigt zu werden. Sie steht immer in der Gefahr, hintergangen zu werden.

Ich will damit nicht sagen, dass der Glauben keine Folgen hat für die Art, wie ich lebe und auf soziale und ethische Fragen reagiere. Aber die permanente Erwartung, Christen müssten sich persönlich, gesellschaftlich und politisch so oder so positionieren, ist nichts anderes als ein Streben nach der von Luther abgelehnten Werkgerechtigkeit. Deshalb sträubten sich mir auch ein wenig die Haare, als ein Pfarrer im Gottesdienst sagte, es sei vorbildlich und ein Ausdruck von Mut, wenn Christen in der Gaststätte öffentlich vor dem Essen beten.

Ich kann zwar gut verstehen und es ist ehrenwert, wenn sich Christen Gedanken machen, wie sie ihren Glauben in der Öffentlichkeit zeigen können. Denn er hat es schwer, wahrgenommen zu werden. Meinetwegen, indem sie im Restaurant ein Tischgebet sprechen. Meiner Art zu glauben entspricht das nicht. Mir bedeutet das Gebet sehr viel und ich halte regelmäßig Zwiesprache mit Gott. Innerlich und stumm manchmal auch inmitten von Menschen und im Trubel. Ein Gebet vor den Augen anderer jedoch stört meine Konzen­tration und lenkt mich ab. Deshalb bete ich lieber nach Matthäus 6, Vers 6, im stillen Kämmerlein.

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Kostenlos und frei von Nebenwirkungen

24. September 2018 von redaktionguh  
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Dem Humor und wie er die menschliche Widerstandskraft stärkt, widmet sich der Kongress Christlicher Krankenhäuser am 21. September in Schkeuditz. Zu den Rednern gehört Eva Ullmann, Gründerin des Deutschen Instituts für Humor in Leipzig. Katja Schmidtke sprach mit ihr.

Frau Ullmann, Sie haben sechs Semester Medizin studiert und sich dann mit dem Humorinstitut selbstständig gemacht. Haben Sie im Studium gemerkt, am Humor fehlt’s im deutschen Gesundheitssystem?
Ullmann:
Es war andersherum. Ich habe vorher Sozial- und Religionspädagogik studiert und suchte für meine Abschlussarbeit nach einem spannenden Thema. So bin ich über den Humor gestolpert und schaute mir verschiedene Therapeuten an; schon um 1900 hat Siegmund Freud eine Abhandlung über den Witz geschrieben.

Aus einem sozialpädagogischen Blickwinkel habe ich mich gefragt, welche Art von Humor Patienten und Klienten helfen würde. In der Medizin war das kaum ein Thema.

Warum nicht?
Ullmann:
Ärzte und Pflegekräfte denken zunächst, Humor sei Aufgabe der Klinikclowns und man müsse sich dafür verkleiden, schminken oder eine rote Nase aufsetzen. Aber Humor funktioniert auch ohne rote Nase.

Was braucht es stattdessen?
Ullmann:
Sensibilität in Gesprächen zwischen Tür und Angel, in der Kommunikation zwischen Arzt und Patient. Der Patient kann zum Beispiel nach einer OP noch nicht gut greifen, ihm fällt ein Glas herunter, dann sagt die Pflegekraft: »Oh, Sie können ja gut loslassen. Das ist beeindruckend, ich muss jede Woche zum Yoga.« oder: »Gut, dass Sie es runterschmeißen, ich wollte ohnehin neue Gläser für die Klinik anschaffen.« Humor kann helfen, negative Situationen in positive zu verwandeln.

 Eva Ullmann. Foto: privat

Eva Ullmann. Foto: privat

Wichtig ist für mich, mit dem Klinikpersonal zu trainieren, dass es einen Unterschied zwischen aggressivem und liebevollem Humor gibt. Unser Beispiel mit dem Glas: Der Pfleger könnte auch sagen: »In Ihrem Alter kann man das Wasser nicht mehr so gut halten.« Haha. Auf einer Kabarettbühne ist das witzig, im Krankenhaus nicht. Jemanden zu beschämen, der ohnehin in einer beschämten Position ist, weil er krank und schwach ist, hat für medizinisches Personal eine größere Konsequenz als für einen Kabarettisten, zu dem ich gesund und freiwillig gehe.

Kann man Humor lernen?
Ullmann:
Wir machen gerade eine Studie und haben bereits 150 Teilnehmer vor und nach unseren Trainings befragt. Bislang konnten wir nachweisen: Ja, Humor kann man trainieren.

Tun sich Ärzte damit schwerer als Pflegepersonal?
Ullmann:
Humor ist kein Statussymbol, deshalb tun sich Ärzte damit oft schwerer, sie haben eher Angst vor Statusverlust. Sobald sie aber wissen, sie müssen keine rote Nase aufsetzen, sind sie sehr offen und neugierig. Neulich haben wir erstmals einen Flyer im sächsischen Ärzteblatt beigelegt und hatten danach sofort drei Seminare voll. Offensichtlich gibt es einen Bedarf.

Pflegekräfte haben meistens einen näheren Draht zu Patienten und oft auch zu ihrem eigenen Humor. Zum Beispiel: Auf der Geriatriestation gibt es eine Patientin, die sich auf den Boden legt und nicht aufstehen will. Drei Pflegekräfte probieren es, die vierte legt sich dazu und hält mit der Dame erstmal ein Schwätzchen.

Humor öffnet Türen und ermöglicht einen Perspektivwechsel. Viele Menschen bringen einen liebevollen Humor mit. Was wir dann tun, ist daraus eine wiederholbare Technik zu machen.

Ihr Vortrag auf dem Kongress Christlicher Krankenhäuser lautet: »Kann Humor Ihrem Burnout schaden?« Ist das Galgenhumor?
Ullmann:
Natürlich kommen eher Menschen zum Kongress, die noch Energie und Ressourcen haben, überhaupt solch einen Kongress zu besuchen. In Anbetracht des Pflegenotstands gibt es sicher Kliniken, die über einen längeren Zeitraum zu viel Programm mit zu wenig Personal stemmen müssen. Die haben gar keine Kapazitäten für Humor.

Ich hatte schon Anfragen, wo sich in Unternehmen die Struktur veränderte, wo das Unternehmen verkauft werden sollte und alle Mitarbeiter Angst hatten – und die Geschäftsführung wollte erstmal ein Gute-Laune-Training buchen. Das habe ich abgelehnt. Humor ist nicht die Lösung für alles. Humor ersetzt keine Betriebswirtschaft.

Aber Humor kann mich durch einen stressigen Klinikalltag tragen und meinem Burnout schaden?
Ullmann:
Das meine ich ernst, das ist kein Galgenhumor. Für mich ist Humor eine Kraftquelle. Natürlich fördert dieser stressige Beruf als Arzt oder Pfleger einen aggressiven, zynischen Humor. Aber das umzuwandeln kann man üben, und dann wird Humor zu einer Kraftquelle, die durch den Tag helfen kann.

Was passiert im Körper, wenn wir lachen?
Ullmann:
Lachen hat physiologische Effekte: Die Muskeln bewegen und entspannen sich, der Blutkreislauf kommt in Wallung, schmerzstillende Endorphine werden ausgeschüttet, das Immunsystem wird gestärkt. Der zweite Ansatz der Forschung geht davon aus, dass eine positive Einstellung zum Leben Stress abpuffert.

Humor und eine positive Einstellung sind zwei von vielen Resilienzfaktoren. Resilienz heißt nicht, dass ich immer fröhlich bin und lache. Es heißt auch nicht nur auf Lösungen zu gucken, sondern auch die Krisen und Abgründe zu sehen, sie anzuerkennen. Das ist nicht Selbstmitleid, sondern Achtsamkeit gegenüber sich selbst.

www.arztmithumor.de

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»Nicht warten, bis man betroffen ist«

17. September 2018 von redaktionguh  
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Ein neuer Rabbiner steht der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen seit Anfang September vor. Alexander Nachama ist für die Gläubigen kein Unbekannter.

Es war für beide Seiten eine Premiere. Am vergangenen Sonntag feierte Alexander Nachama, der neue Rabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, mit den Gläubigen das jüdische Neujahrsfest Rosch ha-Schana. Damit beginnt er seine Laufbahn in Erfurt mit einem wichtigen Fest im jüdischen Kalender. Die Gemeinde, die Synagoge, die verschiedenen Örtlichkeiten in Erfurt, Jena und Nordhausen, all das wird Nachama in den nächsten Tagen und Wochen näher kennenlernen. »In Thüringen gibt es ähnliche Strukturen, wie ich sie aus Dresden kenne«, erzählt Nachama, der seit 2012 die Dresdener Gemeinde leitete. »Hier wie dort kommt ein Großteil der Gemeindemitglieder aus der ehemaligen Sowjetunion.« Und in beiden Gemeinden gibt es vor allem viele ältere Gläubige. Um sie will sich der neue Rabbiner besonders kümmern. Aber er hat auch die Kinder- und Jugendarbeit im Blick. »Um die Familien möchte ich mich intensiv bemühen, denn sie sind die Zukunft der Gemeinde. Die wenigen, die es gibt, möchte ich einbeziehen ins Gemeindeleben und hoffe natürlich, dass sich ihre Zahl vergrößert.« Nachama weiß, dass es viele junge Juden gibt, die aber nicht Teil der Gemeinde sind. So seien gerade in Jena viele Studenten jüdischen Glaubens. »Viele von ihnen fahren an den Feiertagen nach Hause und nehmen darum nicht an den Gottesdiensten in unseren Synagogen teil.« Nachama möchte diese jungen Menschen ansprechen, Kontakte knüpfen und ähnlich wie die Studentenpfarrer der beiden Kirchen in den Hochschulstandorten in Mitteldeutschland Ansprechpartner und Seelsorger sein.

Vorbereitung: Mit dem Studieren der Gebetstexte bereitete sich der neue Rabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Alexander Nachama, auf das Fest Rosch ha-Schana vor. Foto: Diana Steinbauer

Vorbereitung: Mit dem Studieren der Gebetstexte bereitete sich der neue Rabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Alexander Nachama, auf das Fest Rosch ha-Schana vor. Foto: Diana Steinbauer

Alexander Nachama wurde 1983 in Frankfurt am Main geboren und ist der Sohn des Historikers und Rabbiners Andreas Nachama. Sein Großvater Estrongo Nachama wurde als Berliner Oberkantor berühmt. In Berlin wuchs auch der Enkel auf. »Der Wunsch Rabbiner zu werden war eigentlich immer schon da«, erinnert sich Nachama. Bereits als Jugendlicher leitete er Gottesdienste. Zunächst absolvierte er aber eine Kantorenausbildung. Daran schloss sich ein Bachelorstudium der Judaistik an der Freien Universität Berlin (FU) an. »Der Schritt hin zu einer Ausbildung zum Rabbiner war für mich eine natürliche Entwicklung.« Nachama wurde neben dem Studium an der FU am Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam ausgebildet. Ab dem zweiten Studienjahr wurde er in verschiedene Gemeinden geschickt, um die Praxis kennen zu lernen. Eines dieser Praktika absolvierte Nachama in Dresden, wo er wenig später die jüdische Gemeinde übernahm. Ordiniert wurde Nachama aber 2013 in Erfurt.

Und nun also wieder Thüringen. Neben dem Kennenlernen des neuen Aufgabenbereichs muss sich auch die Familie des 34-Jährigen neu einrichten. Eine Wohnung hat die Familie bereits, Kindergartenplätze für die Kinder müssen noch gefunden werden.

Die Leitung des Gottesdienstes gehört nicht zu den vorrangigen Aufgaben eines Rabbiners, erklärt Nachama beim Besuch der Erfurter Synagoge am Juri-Gagarin-Ring. Er habe vielmehr seelsorgerische Aufgaben, besuche Alte und Kranke, begleite die Gläubigen in Zeiten der Trauer und gebe Religionsunterricht. Der jüdische Religionsunterricht wird in Thüringen wegen der wenigen Schüler nicht in den Schulen, sondern am Nachmittag in Gemeinderäumen erteilt. Neben diesen Aufgaben möchte sich Nachama auch in Erfurt für den interreligiösen Dialog stark machen. Als Pegida sich 2015 in Dresden zu einer immer größeren Bewegung entwickelte, nahm Nachama mit Vertretern des Islam und des Christentum am interreligiösen Trialog teil. »Die Notwendigkeit war da und es war wichtig, dass es ein Forum gab, wo die Menschen ihre Fragen offen stellen konnten. Dort hatten viele die Möglichkeit, ein Urteil, das eigentlich ein Vorurteil war, zu erkennen und im Gespräch herauszufinden, dass sich vieles ganz anders darstellt als angenommen.« Nachama tritt für den Dialog ein. Und für ein konsequentes Vorgehen gegen Antisemitismus. »Man sollte nicht warten bis man selbst betroffen ist«, sagt der 34-Jährige. »Es gibt eine Entwicklung zu antisemitischen Tendenzen. Diese sind in Berlin, aber auch in anderen Städten spürbar und viele jüdische Gemeinden sind deshalb besorgt«, so Nachama. Wissen und Begegnung beuge Antisemitismus vor. Darum befürwortet Nachama auch Festivals wie Achava. Ein solches Kulturfestival sei ein positives Erlebnis für alle und trage zum Abbau von Ängsten und Vorurteilen bei.

Diana Steinbauer

Juden in Thüringen
Die jüdische Landesgemeinde in Thüringen, mit Sitz in Erfurt, hat gegenwärtig 800 Mitglieder. Zudem betreut der Rabbiner auch Gläubige in und um die Städte Jena und Nordhausen.

Jüdisches Leben gab es in Thüringen seit dem 12. Jahrhundert. Zeugen dieser Geschichte sind die alte Synagoge in der Erfurter Innenstadt, die Mikwe und der 1998 entdeckte »Erfurter Schatz«. Die wertvollen Goldschmiede­arbeiten waren wahrscheindlich während des Progroms gegen Juden 1349 vergraben worden.
In der Progromnacht 1938 wurde auch die Erfurter Synagoge zerstört. Nach  dem Kriegsende 1945 kehrten nur wenige Überlebende des Holocaust nach Thüringen zurück. 1946 wurde der Landesverband Thüringen gegründet und 1952 ein Synagogenneubau eingeweiht.

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Seelsorger braucht das Land

10. September 2018 von redaktionguh  
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Der demografische Wandel trifft die ganze Breite der Gesellschaft und damit auch den Pfarrberuf. Plagen auch die EKM Nachwuchssorgen?

Am 1. September startet traditionell nicht nur das Ausbildungsjahr im Handwerk, sondern auch der Vorbereitungsdienst für angehende Pfarrer. Vor wenigen Tagen also haben die jungen Vikare dieses Jahrgangs begonnen. Es ist nur eine kleine Schar, elf an der Zahl. »Wir haben mit weitaus mehr Bewerbern gerechnet«, sagt Michael Lehmann, Leiter des Dezernats Personal im Landeskirchenamt der EKM in Erfurt. Dennoch ist er nicht beunruhigt, was den Pfarrnachwuchs in der Landeskirche angeht. »Wir haben in den vergangenen drei Jahrgängen so viele Bewerber gehabt, dass wir mit unseren Partnerkirchen, der Landeskirche Sachsen, der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und der Landeskirche Anhalts, mit denen wir das Predigerseminar in Wittenberg betreiben, überlegen mussten, wie wir das Platzangebot ausweiten«, erzählt Lehmann. Das dritte Jahr in Folge habe es doppelte Jahrgänge gegeben. Das letzte Mal wird 2019 einer dieser großen Jahrgänge in den Dienst kommen. »Das ist wichtig, weil auch bei uns massive Ruhestands­eintritte bevorstehen«, so Lehmann. Dennoch seien die Zahlen insgesamt noch nicht beunruhigend. Die Aufregung um einen Beitrag bei MDR Kultur, der meldete, die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland könne nicht alle ihre Stellen besetzen, kann Lehmann darum nicht verstehen.

Bei einem Pressegespräch Anfang des Jahres hatte die EKM Zahlen zur Personalsituation von Pfarrerinnen und Pfarrern sowie zu den Theologiestudierenden und Vikaren veröffentlicht und eine frohe Botschaft gesendet: Die Zahlen seien stabil, es gäbe genügend Personen für den landeskirchlichen Dienst. Außerdem vermeldete man, dass immer mehr Frauen sich zum Pfarrdienst berufen fühlten. An dieser Situation habe sich auch nichts geändert, betont Michael Lehmann. »In den vergangenen Jahren waren die Zahlen konstant«, erklärt der Oberkirchenrat. Derzeit gibt es 884 Stellen in der EKM. Die Vakanzquote liegt bei 3,4 Prozent, das heißt 30 Stellen können derzeit nicht besetzt werden. »Das hat verschiedene Gründe«, weiß Personaldezernent Lehmann.

Foto: epd-bild/Collage G+H

Foto: epd-bild/Collage G+H

Die Regel ist ein ganz normaler Stellenwechsel. Pfarrer A wechselt von X nach Y. Die Stelle wird frei und die Gemeindekirchenräte beantragen die Wiederbesetzung der Stelle. Der Kreiskirchenrat überlegt, ob angesichts des verabschiedeten Stellenplans die Stelle wieder ausgeschrieben werden kann. Dann wird die Stelle ausgeschrieben und es bewerben sich Pfarrerinnen und Pfarrer. Diese stellen sich in Gottesdiensten vor und werden durch Gemeindekirchenräte gewählt. Drei Monate später treten sie die Stelle an. Das bedeutet: Es gilt bei einem normalen Stellenwechsel eine Zeit von 9 bis 12 Monaten zu überbrücken, in denen diese Stelle frei bleibt.

Um aber neue Pfarrer für die Gemeinden der EKM zu gewinnen, müssen junge Menschen für ein Theologiestudium begeistert werden. »Wenn wir unsere Studenten fragen, warum sie Theologie studieren, dann sagen sie in der Regel, sie seien angeregt worden durch eine gute Gemeindearbeit. Sie haben eine kirchliche Jugendarbeit erlebt, die sie attraktiv fanden, und sie waren auch in Ehrenamtsstrukturen eingebunden«, berichtet Michael Lehmann. Es gibt aber auch eine Gruppe von Studierenden, die nicht aus kirchlichen Strukturen stammen und bei denen der Religionsunterricht das Interesse an Fragen der Theologie geweckt hat.

Der Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer beschreibt seine Intention zum Theologiestudium so: »Weil ich genauer wissen wollte, was an der politisch so bescholtenen Kirche und ihrer Botschaft dran ist, und weil ich eine Möglichkeit suchte, mich meines eigenen Verstandes ohne Anleitung eines anderen – auch öffentlich – zu bedienen. Dabei wollte ich die Tradition immer als ein Sprungbrett verstehen, gebrauchen, verändern. Seither sinne ich einem Gedanken Luthers nach: ›Was Gott nicht hält, hält nicht‹.«

Schorlemmer hat damals einen klassischen Weg beschritten. Er wurde 1944 als Sohn eines Pfarrers in Wittenberge in der Prignitz (Brandenburg) geboren. Wie er wurden damals viele Pfarrerskinder wieder Pfarrer. Dafür gab es besondere Umstände, gerade in der DDR, die Pfarrerskindern oftmals kein Studium ermöglichte. Wenn ja, dann nur Theologie. »Heute können Pfarrerskinder studieren, was sie wollen, und sie tun es auch«, weiß Michael Lehmann. Das sieht er als großen Vorteil, aber damit sei auch eine Selbstverständlichkeit – wenn auch eine erzwungene – verloren gegangen.

Deshalb macht die EKM Werbung für das Theologiestudium. So beteiligt sich die Kirche an einer Zeitschrift, die Schülerinnen und Schüler in Thüringen erhalten und die bei der Berufswahl helfen soll. Zudem bieten Studienhäuser in evangelischer Trägerschaft attraktive Wohnangebote für Studenten an und die kirchliche Studierendenberatung in Halle und Jena hilft jungen Menschen, Unterstützungsangebote der Kirche, Stipendien, Büchergeld und vieles mehr nutzen zu können.

Diana Steinbauer

Hintergrund
In der EKM gibt es 884 Pfarrstellen, von denen sich 20 in der Ausschreibung befinden. Weitere Stellen werden für 23 Personen vorbereitet, die im April 2019 mit ihrem Entsendungsdienst beginnen wollen. Laut Studierendenliste der Hochschulen auf dem Gebiet der EKM haben sich 2017/18 für den Studiengang Theologie 122 Studierende eingeschrieben. Die tatsächliche Anzahl derer, die in ein Vikariat, also den Vorbereitungsdienst gehen, zeigt sich erst am Ende des Haupt­studiums. Am 1. September haben elf Vikarinnen und Vikare mit dem Vorbereitungsdienst begonnen.


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Forschungsschiff Gemeinde

3. September 2018 von redaktionguh  
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In jungen Jahren steuerte er Schiffe über Binnengewässer. Jetzt steuert er in Anhalt ein Schiff, das sich Gemeinde nennt. Angela Stoye sprach mit dem Bernburger Pfarrer Lambrecht Kuhn über seinen Lebensweg zwischen Technik und Theologie.

Anker geworfen in Bernburg: Pfarrer Lambrecht Kuhn an der Saale vor einem Passagierschiff, wie er es einst selbst auf dem Scharmützelsee steuerte. Im Hintergrund sind die Giebel des Renaissanceschlosses zu sehen. Foto: Engelbert Pülicher

Anker geworfen in Bernburg: Pfarrer Lambrecht Kuhn an der Saale vor einem Passagierschiff, wie er es einst selbst auf dem Scharmützelsee steuerte. Im Hintergrund sind die Giebel des Renaissanceschlosses zu sehen. Foto: Engelbert Pülicher

Sie stammen aus einer Pfarrfamilie und waren auch in der Jungen Gemeinde zu Hause. Eines Tages verließen Sie den festen Boden unter den Füßen und wurden Binnenschiffer. Wie kam es dazu?
Kuhn:
Ich wuchs in Fürstenwalde in Brandenburg auf, wo mein Vater Super-
intendent war. Die Spree und die vielen Seen in der Gegend haben durchaus zu dem Wunsch beigetragen. Eine Rolle spielte auch, dass es Vorfahren gab, die zur See gefahren sind.

Den Ausschlag gab mein Bruder, der Schiffbau studierte, mein Interesse an Schiffen und anderer Technik sah und mich zu diesem Weg ermutigte – obwohl ich eigentlich Bühnentischler werden wollte. Als das nicht klappte, bewarb ich mich, wurde angenommen und lernte ab 1983 an der DDR-Schifferschule »Karl Meseberg« in Schönebeck-Frose.

Wie ging es dann weiter?
Kuhn:
Mit dem Austreiben der »Rosinen aus dem Kopf«. Die waren wirklich ganz schnell weg. Gleich zu Anfang wurden wir in Uniformen gesteckt und mussten eine vormilitärische Ausbildung absolvieren. Dann erst begann die Ausbildung im Blockmodell: drei Monate Schulbank drücken und drei, vier Monate Praxis auf dem Schiff.

Dennoch: Es waren interessante Jahre, in denen ich mich ausprobieren musste und konnte. Bald bin ich aus dem Lehrlingswohnheim aus- und in ein leerstehendes Pfarrhaus eingezogen, wo ich mit anderen in einer Art Kommune gelebt habe. Von dort bin ich jeden Tag mit dem Rad die vier Kilometer zur Ausbildung nach Frose und zurück gefahren.

Wie hieß Ihr erstes Schiff?
Kuhn:
SSS 2508. Mit dem Stromschubschiff war ich auf der Oder und dem Oder-Spree-Kanal unterwegs. Später steuerte ich ein Ausflugsschiff auf dem Scharmützelsee südlich von Fürstenwalde. Ich war beim Kraftverkehr Fürstenwalde angestellt, der auch die Weiße Flotte auf dem Scharmützelsee betrieb.

Ihr Lebensweg führte Sie bald vom Wasser weg zu den Bausoldaten und dann weiter. Was haben Sie mitgenommen?
Kuhn:
Dinge, die einen im Leben tragen. Die technische Lehre, die Kenntnisse in Maschinentechnik, die Ausbildung bei sehr strengen Lehrmeistern, was wirklich nicht rosig war.
Bei der Armee hat mir auch geholfen, dass ich schon mit 16 von zu Hause weg und über lange Zeit allein zurechtkommen musste. Auch das Wissen, dass man lange Trennungszeiten durchhalten kann, hilft einem im Leben weiter.

War auch etwas für den Pfarrberuf dabei?
Kuhn:
Auf jeden Fall die Selbstdisziplin. Und ich habe durch den erlernten Beruf ganz andere Anknüpfungspunkte für Gespräche mit Gemeindemitgliedern. Ich weiß nicht, wovon ich hätte zehren sollen, wenn ich nach Abitur und Studium mit 25 Jahren auf eine Gemeinde losgelassen worden wäre.

Aber dazu kam es ja nicht …
Kuhn:
Nein, wohl auch deswegen, weil es mich mit Anfang 20 nach Berlin zog. Das war eine spannende Zeit, die mit der kniffligen Wohnungsfrage begann.

Zur Erinnerung: Eine Wohnung bekam in der DDR-Hauptstadt nur der, der eine Arbeit vorweisen konnte. Und einen Arbeitsvertrag bekam nur der, der eine Wohnung in Berlin vorweisen konnte. Ich hatte das Glück, ohne Mietvertrag im Hedwigskrankenhaus eine Arbeit zu finden. Später legte ich an der Humboldt-Universität eine Sonderreifeprüfung ab und begann 1989 – noch in der DDR – mit dem Theologiestudium, auf das ein Vikariat und das Zweite Theologische Examen folgten.

Die Veränderungen, die sich aus der Friedlichen Revolution ergaben, waren für mich segensreich. Unter anderem bot das Studium Generale weitere Lern-Möglichkeiten an anderen Fakultäten, und ich konnte ein Spezialvikariat in einer evangelischen Gemeinde in Polen absolvieren.

Sie waren einige Zeit wissenschaftlicher Honorarmitarbeiter am Lehrstuhl für Christliche Archäologie, Denkmalkunde und Kulturgeschichte der Humboldt-Universität. Was fasziniert Sie so an der alten Zeit?
Kuhn:
Das Fach Christliche Archäologie umfasste unter anderem die vorreformatorische Zeit in der Mark Brandenburg. Grundsätzlich finde ich die Suche nach Antworten darauf spannend, wie Menschen gelebt, warum sie was geschaffen haben und was das über sie aussagt.
Ich habe über das Bistum Lebus promoviert, eine polnische Gründung aus dem zwölften Jahrhundert, das später unter den Einfluss der Markgrafen und Kurfürsten von Brandenburg kam. Letzter Bischofssitz war bis zum Ende 1598 übrigens Fürstenwalde.

Inzwischen haben Sie sich der neueren und neusten Geschichte zugewandt …
Kuhn:
Stimmt. Denn interessante Themen bietet auch sie. Einen Anknüpfungspunkt habe ich in meiner Familie gefunden. Die beiden älteren Brüder meines Vaters fielen im Zweiten Weltkrieg. In der Schule lernte ich, dass alle Angehörigen der Wehrmacht Faschisten durch und durch gewesen wären. Das stimmt natürlich nicht.

Es ist spannend zu lesen, welche Doktrinen einem früher und welche einem heute angeboten werden. Deshalb rate ich zum gründlichen Informieren und Differenzieren und zum nüchternen Umgang mit den Themen. Das würde allen guttun. Die Beschäftigung mit den Familienschicksalen führte auch dazu, dass ich vor zehn Jahren den Kreisvorsitz des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge des Salzlandkreises übernahm.

Seit 2001 steuern Sie das »Schiff« Bernburger Martinsgemeinde. Wie kamen Sie an Deck?
Kuhn:
In der Kirche Berlin-Brandenburg gab es damals keine beruflichen Möglichkeiten für mich. Aber ich hatte das Glück, nach Anhalt in eine interessante Stelle wechseln zu können. Bald bot sich die Chance, ein Kinder- und Gemeindezentrum zu errichten. Das Martinszentrum mit seiner einzigartigen Kombination aus Kirchengemeinde, Kindertagesstätte, Grundschule und Schulhort am Leben zu halten, ist eine Herausforderung. Da sind meine Frau Berit als Schulleiterin und ich als Gemeindepfarrer am richtigen Ort.

Wie sehen Sie das »Schiff« Martinsgemeinde? Als Supertanker? Als Fracht- oder eher als Kreuzfahrtschiff?
Kuhn:
Vielleicht als ein sehr diffiziles Forschungsschiff, weil es letztlich darum geht, etwas Gutes für künftige Generationen zu tun. Da muss man ausprobieren und sich herantasten, herausfinden, was geht und was nicht. Das Forschungsschiff kann auch ein Bild für die Landeskirche Anhalts sein, die sich anschickt, mit dem Verbundsystem Neues zu probieren. Ich bin zuversichtlich, dass Gutes dabei herauskommt, obwohl ich anfangs skeptisch war. Für die Kirchengemeinden kann es nur besser werden. Und für die Pfarrer ist es wichtig, dass sie sich wieder auf ihre Kernkompetenz konzentrieren können.

Wo sehen Sie Probleme bei der Weiterfahrt, um im Bild vom Schiff zu bleiben?
Kuhn:
Unser größtes Problem ist die Kirchturmmentalität. Zudem muss die Mündigkeit der Gemeinde gefördert werden. Schon von daher darf der Pfarrer nicht alles machen.
Einer meiner Freunde in Holland ist Ältester. Dort kommt der Pfarrer nur zu Gottesdiensten, Kasualien oder zur Seelsorge in die Gemeinde. Er hat aber nichts mit Finanzen, Baufragen oder Geburtstagsbesuchen zu tun. Diese Aufgaben übernehmen andere. In Holland sind sie da viel weiter als wir hier.

Seit 13 Jahren sind Sie der landeskirchliche Beauftragte für die Arbeit mit Motorradfahrern. Wie kam es dazu?
Kuhn:
Das mit den Zweirädern begann schon vor der Lehre mit dem Moped-Führerschein. Nach der Wende habe ich mir dann ein Motorrad von der Bauart gekauft, von der ich davor nur habe träumen können. Und als ich 2001 nach Bernburg kam, gab es in der Landeskirche niemanden für diese Zielgruppenarbeit. Da habe ich damit begonnen und inzwischen gute Kontakte zu den Pfarrkollegen in anderen Landeskirchen, die ebenfalls auf diesem Gebiet tätig sind.

Ich weiß, dass dieses Arbeitsgebiet von manchen Pfarrer-Kollegen belächelt wird. Aber ich finde, es ist wichtig für die Menschen und auch für die Kirche.

Wieso das?
Kuhn:
Diejenigen, die zu den Gottesdiensten und den Ausfahrten kommen, haben zu 80 Prozent nichts mit Kirche zu tun. Aber in den Gottesdiensten werden sie empfänglich für andere Dinge, andere Themen, die sonst kaum in ihrem Leben vorkommen.

Ich wähle für die Treffen am Saisonbeginn immer ein Thema, das sich durch den Tag zieht. 2017 zum Beispiel ging es um Recht und Recht haben und um Eike von Repgow, der als Verfasser des Sachsenspiegels die deutsche Rechtsgeschichte prägte.

Dass die Arbeit mit Motorradfahrern ankommt, zeigt das stetige Interesse. Ich habe sogar eine Gruppe aus Essen dabei, die in jedem Jahr den weiten Weg zu den Treffen in Bernburg auf sich nimmt.

Sind Sie nun »nur« noch zu Lande unterwegs? Oder besitzen sie privat ein Boot?
Kuhn:
Besitze ich nicht. Ich habe zwar auch einen Führerschein für Sportboote. Aber als Familie sind wir anders unterwegs.

Wenn Sie nicht ausfahren, sondern einladen: Wo gehen Sie mit Gästen in Bernburg hin?
Kuhn:
In die Innenstadt mit dem Renaissanceschloss zum Beispiel. Oder wir schlendern durch die einst nicht zerstörten Straßenzüge, in denen zu sehen ist, was eine kleine ehemalige Fürstenresidenz für einen Charme hat. Das habe ich inzwischen sehr zu schätzen gelernt – obwohl mir die Seen und Wälder aus Brandenburg noch immer ein wenig fehlen.

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Einer von uns

27. August 2018 von redaktionguh  
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Christ und Unternehmer – geht das zusammen? Konzernchef Friedhelm Loh meint: ja. Willi Wild sprach mit dem Vizepräsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) über Milliarden, Nadelöhre, Strafzölle und Bekehrung.

Es ist Ihnen wichtig, dass Menschen mit dem Evangelium in Berührung kommen. Sie lassen beispielsweise christliche Zeitschriften an Ihre Mitarbeiter verteilen. Woher dieser missionarische Eifer?
Loh:
Ich habe als junger Mann eine Entscheidung getroffen und lebe seitdem mit meinem Glauben an Jesus Christus. Das hat mich stark geprägt.

Wie kam es dazu?
Loh:
Mir hat ein Mensch erklärt, wie es ist, wenn man mit Sünde ein ganzes Leben leben muss. Wenn man all das, was in einem Leben passiert, nicht loswerden kann. Das können Belastungen sein, die Vergangenheit, die einen immer wieder einholt, so dass man nicht die Freiheit hat, nach vorne zu schauen.

Zum anderen gehörte zu diesem Prozess natürlich auch die Perspektive auf ein ewiges Leben. Die Frage: »Was geschieht danach?«, bewegt jeden Menschen. Meine Entscheidung war und ist, mich Gott anzuvertrauen – in der Hoffnung und dem Bewusstsein auf ein ewiges Leben mit ihm.

Ist so eine Entscheidung nicht ungewöhnlich für einen jungen Menschen?
Loh:
Schulderkenntnis ist uns in die Wiege gelegt. Schon ein Kind weiß sehr genau, wann es etwas falsch gemacht hat. Wir haben ein Gewissen und das meldet sich bei Lüge oder Wahrheit.

Es geht darum, ob ich mein Gewissen totschweige oder ob ich versuche, echt und ehrlich zu sein. Jeder kann sich entscheiden, wie er damit umgeht. Das ist keine Frage des Alters.

Welche Rolle spielte dabei Ihr Elternhaus?
Loh:
Ich bin in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen. Das sehe ich als großes Privileg an. Meine Eltern haben mir Werte vermittelt und deutlich gemacht, dass das Leben mehr ist als vordergründige Ziele. Das habe ich zunächst nicht so ernst genommen, aber dann doch erkannt, dass es Wahrheit ist.

Ist der christliche Glaube vererbbar?
Loh:
Nein! Aber wir alle orientieren uns an Vorbildern, die uns auf unserem Lebensweg beeinflussen. An erster Stelle stehen mein Elternhaus und die Vorbilder, die ich in der Auseinandersetzung mit dem Wort Gottes in der Bibel kennengelernt habe. Daraus beziehe ich bis heute Hilfe für meinen Alltag.

Meine eigene Familie ist natürlich auch ein wichtiges, kritisches Korrektiv. Außerdem beeindrucken mich Menschen mit Haltung im geistlichen wie auch im säkularen Bereich.

Wer begeistert Sie im säkularen Bereich?
Loh:
Ich denke da zum Beispiel an Persönlichkeiten wie Robert Bosch oder Werner von Siemens, aber auch an junge Start-Ups, Unternehmer mit Ideen, Mut und Risikobereitschaft. Namen sind z. B. Viessmann, Miele oder Trumpf.

Als erfolgreicher Unternehmer sind Sie auch Vorbild. So spenden Sie nicht nur 10 Prozent Ihres Einkommens, sondern auch 10 Prozent Ihrer Zeit. Wie schaffen Sie das?
Loh:
Die ehrenamtliche Arbeit ist mir wichtig und ich sehe darin die Sinnhaftigkeit, die mich erfüllt. Ich sehe darin auch einen klaren Auftrag Gottes an mich. Ich habe viele Möglichkeiten, die andere nicht haben, und damit eine große Verantwortung, aber es ist mir auch eine Freude, diese Gaben und Fähigkeiten einzusetzen.

Jesus hat gesagt: Geht hinaus in alle Welt. Das ist mein missionarisches Anliegen, sowie die Übernahme von sozialer Verantwortung im eigenen Unternehmen und darüber hinaus.

Sehen Sie es auch als einen missionarischen Auftrag an, im entkirchlichten Osten Deutschlands zu investieren?
Loh:
Zunächst waren es betriebswirtschaftliche Gründe, die uns nach Gera führten. Dass sich aus diesem unternehmerischen Engagement auch ein ehrenamtliches Wirken vor Ort, beispielsweise für die Christliche Schule, entwickelt hat, ist Fügung und auch ein Bekenntnis zu diesem Standort.

Foto: Bert Bostelmann/Bildfolio

Foto: Bert Bostelmann/Bildfolio

Außerdem ist es mir ein Herzensanliegen, gerade in dieser Region dazu beizutragen, dass Menschen eine berufliche Perspektive haben, aber auch eine geistliche durch die Botschaft von Gott dem Schöpfer und Erlöser.

Haben Sie als Freikirchler Berührungsängste mit der verfassten Kirche?
Loh:
Ganz im Gegenteil. Wir haben einen gemeinsamen Auftrag. Die Interpretation geistlicher Inhalte ist an einigen Stellen zwar unterschiedlich, aber das verbindend starke Element ist Jesus Christus und die Aufgabe, den Menschen das befreiende Evangelium zu verkündigen. Da gibt es viel Luft nach oben.

Was können beide Gruppen voneinander lernen?
Loh:
Gemeinschaft unter Christen ist ein Privileg ohne Vergleich. Einmalig! Jesus Christus als der Mittelpunkt verbindet uns miteinander. Deswegen sollten wir das Verbindende mehr suchen als das Trennende.

Wie stehen Sie zum gemeinsamen Symbol der Christen, dem Kreuz, in öffentlichen Gebäuden?
Loh:
Ich freue mich grundsätzlich über jedes Kreuz. Es ist ein Zeichen, dass es Erlösung gibt. Das Kreuz weist auf Jesus hin, der den Himmel verlassen hat und auf diese Erde gekommen ist. Er ist einer von uns. Das ist die zentrale Botschaft. Das ist eine positive und hoffnungsfrohe Aussage.

Außerdem ist das Kreuz eine Erinnerung, dass es mehr gibt als das, was uns jeden Tag bewegt. Der Schöpfergott hat sich nicht abgewandt, sondern wendet sich in Jesus uns zu.

Ob diese Erinnerung nun immer in einer Behörde stattfinden muss, will ich jetzt nicht beurteilen. Ich glaube, wir können nicht oft genug darauf hingewiesen werden, dass es den Schöpfergott, dass es den Retter Jesus Christus und dass es die Perspektive für die Ewigkeit gibt.

Themenwechsel. Wären Sie als Stahlverarbeiter bei Rittal auch von Trumps Strafzöllen betroffen?
Loh (lacht):
Das Thema musste ja kommen. Wir Deutsche sind aufgeregte Leute. Uns fehlt die Gelassenheit. Ich empfehle zu beobachten, abzuwarten und darüber hinaus eine nüchterne Beurteilung.

Ich bin kein Fan von Herrn Trump. Er hat uns als Europäer aber gehörig aufgeweckt, sodass wir endlich zu einer eigenen Position und einem eigenen Standpunkt in Europa kommen müssen. Das kann nur gelingen, wenn wir Europäer uns verbünden, um auf Dauer politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich unabhängig und eigenständig zu sein.

Apropos Trump. Laut »Forbes«-Magazin haben Sie den US-Präsidenten in der Liste der reichsten Menschen eingeholt. Was bedeutet Ihnen diese Rangliste?
Loh:
Überhaupt nichts. Schließlich kenne ich meine finanziellen Verhältnisse besser als die Macher dieser Liste. Die Menschheit braucht so etwas offensichtlich, aber es ist sehr weit von der Wirklichkeit entfernt.

Von Jesus stammt das Gleichnis, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr kommen kann als ein Reicher ins Reich Gottes. Da haben Sie ja schlechte Karten oder?
Loh:
Also, erstmal ist das wahr. Wobei ich an dieser Stelle feststellen möchte, dass wir Deutschen im weltweiten Vergleich fast alle reich oder sehr reich sind.
Das Gleichnis gilt für uns alle, nicht nur für die Superreichen. Da steckt viel Lebensweisheit drin.

Je reicher und unabhängiger jemand wird, desto größer ist das Risiko, dass man sich von Gott abwendet und meint, man wäre Herrscher seines eigenen Lebens.
Wenn wir an gesundheitliche, physische oder finanzielle Grenzen kommen, dann erinnern wir uns schnell daran, dass es einen Gott gibt. Dass es da jemanden gibt, der sich um uns kümmert, wenn das Leben nicht mehr so einfach funktioniert.

Wohlstand und Wohlergehen kann für die geistliche Position gefährlich sein, im Sinne dieser biblischen Aussage.

Friedhelm Loh ist ein deutscher Unternehmer, Inhaber und Vorsitzender der Friedhelm Loh Group. Der 72 Jahre alte gelernte Starkstromelektriker und studierte Betriebswirt ist Vizepräsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Loh steht einer Unternehmensgruppe mit rund 11 600 Mitarbeitern vor. Die Friedhelm Loh Group operiert weltweit. In Gera hat die Gruppe eine Nieder­lassung des Schaltschrank- und Gehäuseherstellers Rittal sowie ein Unternehmen im metallverarbeitenden Bereich gegründet. Friedhelm Loh ist ehrenamtlich im Vorstand des Bibellesebundes engagiert und Stiftungsratsmitglied der Stiftung Volkenroda. Zudem ist er Vorsitzender der Stiftung Christliche Medien und engagiert sich im Kuratorium der Internationalen Martin Luther Stiftung. Loh ist verheiratet mit Debora Loh. Das Paar hat zwei Söhne und eine Tochter.

www.friedhelm-loh-group.de

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Die Auswegfinderin

20. August 2018 von redaktionguh  
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Drogen: Das Thema ist längst in allen Gegenden des Landes wie auch in allen Bevölkerungsschichten präsent. Im Ökumenischen Hainich Klinikum in Mühlhausen arbeitet mit Dr. Katharina Schoett (Foto) eine bundesweit anerkannte Suchtspezialistin. Harald Krille sprach mit der Chefärztin.

Frau Dr. Schoett, Medizin umfasst ein breites Spektrum – wie kommt man als Ärztin ausgerechnet zum Thema Sucht?
Schoett:
Das lag vielleicht daran, dass ich nach meinem Studium zunächst in der Inneren Medizin gearbeitet habe und mir dort immer wieder Patienten mit Suchterkrankungen begegnet sind. Behandelt wurden sie allerdings meist wegen der Folgeerscheinungen ihrer Sucht, nicht aber hinsichtlich des ursächlichen Problems – was ich unbefriedigend fand.
Auch im Studium hatte ich oft den Eindruck, dass das Thema Sucht trotz der vielen Millionen Betroffenen wenig vorkommt.

Da bin ich neugierig geworden und in die Psychiatrie gewechselt, wo das Thema mehr verortet ist als in anderen Fachrichtungen. Inzwischen ist es ein riesiges Gebiet geworden mit sehr viel Behandlungsbedarf.

Wenn ich an das Thema Drogen und Sucht denke, dann denke ich eher an Frankfurt am Main, Hamburg oder auch Berlin. Aber das beschauliche Mühlhausen zwischen dem Eichsfeld und dem Hainich?
Schoett:
Ich komme aus Berlin und mir ging es ganz ähnlich. Als ich im Jahr 2000 hierher wechselte, da hieß es noch oft: Nein, Drogen spielen keine große Rolle. Aber die Patienten, die ich dann gesehen habe, berichteten anderes. Schnell wurde mir klar, dass es da eine ziem­liche Parallelwelt zur offiziell wahrgenommenen gibt, mit legalen und illegalen Drogen.
Ich kenne inzwischen Dörfer mit 700 Einwohnern im schönen Eichsfeld, aus denen allein ich schon fünf, sechs Drogenabhängige kenne.

Foto: Tino Sieland

Foto: Tino Sieland

Stimmt es, dass die Erstkonsumenten von Drogen immer jünger werden?
Schoett:
Wir sehen weniger, dass sich das Alter nach vorn verschiebt, sondern vielmehr, dass auch bei jüngeren Menschen das Thema Drogen in sehr viel mehr verschiedene Gruppen hineinreicht.

Früher war das Thema Drogen klar auf bestimmte Bevölkerungsgruppen reduziert. Inzwischen haben wir Patienten aus allen gesellschaftlichen Schichten – mit Arbeit, ohne Arbeit, mit Schulabschluss, ohne Schulabschluss. Dazu kommt: Die Auswahlmöglichkeit bei Drogen hat massiv zugenommen. Und wir haben ganz neue Konsumentengruppen.

Was sind das für neue Konsumentengruppen?
Schoett:
Es gibt beispielsweise diejenigen, die Substanzen zur Leistungssteigerung nehmen. Die sich sagen, ich habe extreme Anforderungen im Beruf, da brauche ich irgendwas, was mich fit macht.

Wir sehen eine große Gruppe, die in der Schule und Berufsausbildung relativ frühzeitig mitbekommt: Nimm irgendwas, was dich vorübergehend konzentrierter hält, dann kriegst du das mit deinen Prüfungen besser hin.

Wir haben eine nicht unerhebliche Gruppe junger Frauen, die sagen: ich kriege Muttersein, Arbeit und Haushalt nicht unter einen Hut. Ich brauche irgendwas, was mich munter hält. Die haben mit der klassischen Drogenszene, die feiert und dabei konsumiert, erstmal nichts zu tun.

Als eines der Schreckgespenste bei modernen Designerdrogen gilt Crystal Meth. Auch in Thüringen ein Problem?
Schoett:
Das ist ein massives Problem. Von den knapp 1 000 Patienten, die wir jedes Jahr im Drogenbereich aufnehmen, sind etwa die Hälfte bis zwei Drittel Konsumenten von Crystal Meth. Wir sind damit eines der Schwerpunktzentren in ganz Deutschland. Weshalb wir auch entsprechend nachgefragt sind.

Viele Patienten kommen 200, 300 Kilometer zu uns gefahren, weil sie hier ein spezielles Behandlungsangebot finden. Wir wurden deshalb inzwischen sogar vom Bundesgesundheitsministerium gebeten, an einer wissenschaftlichen Leitlinie zur Behandlung von Crystal-Meth-Patienten mitzuarbeiten.

Was macht Crystal Meth so gefährlich auf der einen und so beliebt bei jungen Menschen auf der anderen Seite?
Schoett:
Crystal verspricht viel von dem, was wir uns in der Gesellschaft wünschen bzw. was von uns erwartet wird: Ich bin schnell, ich bin leistungsfähig, ich bin gutgelaunt, ich habe Spaß beim Sex, ich brauche nichts zu essen, werde immer schlanker und bin immer gut drauf. Also immer auf der Überholspur.

Das ist das, was Crystal verspricht. Und was es beim anfänglichen Konsum auch in weiten Teilen hält.

Nach einer Weile aber bricht der Körper zusammen und holt sich seinen Nachschub an Essen und Schlaf. Das völlig überreizte und übermüdete Gehirn ist immer weniger in der Lage zu funktionieren, zu denken, sich Dinge zu merken …

Und wenn alles an Glückshormonen ausgeschüttet ist, bleibt dieses schreckliche Gefühl: Ich bin nur noch eine Hülle von irgendwas. Ich schaffe es körperlich nicht mehr, die Zähne fallen aus, die Haut wird schlecht, die Verdauung macht nicht mehr mit. Eben all das, was passiert, wenn man den Körper dauerhaft über seine natürlichen Grenzen zwingt.

Und genau so entsteht rasant der Kreislauf der Sucht – denn die Konsumenten hoffen, dass sie durch erneuten Konsum der Droge zumindest kurzzeitig all die negativen Folgen wieder zum Verschwinden bringen könnten, und machen weiter. Der Weg in die Abhängigkeit ist somit gebahnt.

Es gibt Bestrebungen, sogenannte weiche Drogen, wie etwa Cannabis, zu legalisieren. Wie sehen Sie das als Medizinerin?
Schoett:
Aus medizinischer Sicht halte ich es für wichtig, zunächst zu beurteilen, wie gefährlich eine Substanz für den Betroffenen ist. Und da muss ich feststellen, dass zum Beispiel Alkohol besonders gefährlich ist.

Wir wissen beispielsweise, dass in Deutschland ungefähr alle sieben Minuten ein Mensch an den Folgen seines Alkoholkonsums stirbt. Alle sieben Minuten! Das passt dann nicht mehr zur fröhlichen Bierwerbung.

Aber spätestens an der Stelle merken wir auch, dass es hier um politisch-gesellschaftliche Fragestellungen geht und nicht unbedingt um medizinischen Sachverstand.

Und bei Cannabis und Co.?
Schoett:
Alle psychotropen, also die menschliche Psyche beeinflussenden Substanzen machen besonders viel Schaden, wenn das Gehirn noch nicht voll ausgereift ist.

Wenn das Gehirn mit etwa Mitte 20 voll entwickelt ist, werden wahrscheinlich die meisten Substanzen relativ unproblematisch zu konsumieren sein, wenn es sich in einem normalen Rahmen hält.

Wir brauchen deshalb vernünftige Regeln im Umgang mit einer Substanz. Genauso wie wir sie für Alkohol brauchen, wo wir einen hoffentlich funktionierenden Jugendschutz haben. Aber das ist etwas, wo Medizin und Gesellschaft sich nicht immer vertragen.

Gilt das auch für Crystal Meth?
Schoett:
Nein, das ist eine hochtoxische Substanz, die das Gehirn sehr schnell zerstört, unabhängig davon, wie reif das Gehirn schon ist. Und es macht noch dazu sehr schnell abhängig. Deshalb muss man davor sehr warnen, denn die Folgen des Konsums sowohl für den Betroffenen als auch sein soziales Umfeld und die Gesellschaft sind häufig fatal.

Kann ein Drogenabhängiger zu einem »normalen« Umgang mit Drogen zurückfinden oder hilft ihm nur absolute Abstinenz?
Schoett:
Das kann man nicht pauschal beantworten. Es gibt Menschen, die haben eine starken Grad der Abhängigkeit erreicht und werden nie wieder auch nur ein bisschen konsumieren können. Bei den meisten unserer Patienten hier in der Klinik dürfte dies z. B. der Fall sein.

Und dann gibt es andere Menschen, die es schaffen, in einem gemäßigten Umfang wieder gelegentlich zu konsumieren. Immer mit dem Risiko, sie könnten wieder abrutschen.

Ein wichtiger Punkt im Blick auf Jugendliche ist aber: Wenn man einem 18- oder 19-Jährigen sagt, du darfst das nie wieder, dann ist das für den so was von unrealistisch, dass es ihm oft nicht hilft. Da funktioniert eher das Prinzip: Heute betrink ich mich nicht.

Und wenn aus heute morgen und übermorgen wird, wunderbar. Und wenn’s mal einen Schritt zurück gibt, dann hat’s halt einen Schritt zurück gegeben und dann kann man gucken, woran es lag. Aber diese große Debatte, nie wieder, ja oder nein, die hilft den Betroffenen häufig nicht weiter.

Was wünschen Sie sich im Blick auf Drogenabhängige von der Gesellschaft, von den Kirchen?
Schoett:
Ich weiß aus den Geschichten vieler Betroffener, mit denen ich arbeite, dass sie große Sehnsucht haben nach einem Ort, wo sie aufgefangen werden. Wo sie Halt finden. Weil wir in einer sehr haltlosen Zeit leben, wo z. B. auch familiäre Verbände oft nicht mehr funktionieren.

Aber so einen Ort zu finden, wo ich Sicherheit, wo ich Vertrauen habe – das ist etwas, was Betroffene suchen, und was Kirchen, was Gemeinden auch ein Stück weit bieten können.
Menschen so anzunehmen, wie sie sind, und nicht wegen einer Krankheit auszuschließen. Sodass Betroffene wissen: Selbst wenn ich zwei Jahre abgestürzt bin, ich kann anrufen und kann einfach wieder durch die Tür kommen.

Ich kann mir vorstellen, dass Sie als Suchtärztin auch viel Frustrierendes erleben: Was gibt Ihnen Mut?
Schoett:
Niemand ist auf die Welt gekommen und hat gesagt: ich will gern Alkoholiker oder Junkie werden. Aber manche hat es getroffen. Die haben diese schreckliche chronische Krankheit. Und diese Menschen haben es verdient, eine vernünftige, wertschätzende Behandlung zu erhalten.

Und ich sehe, dass, wenn sie eine solche Behandlung bekommen, sie diese auch gerne und freiwillig annehmen. Dann finden sie den Mut, sich die Welt und das eigene Leben nüchtern anzugucken.

Ich erlebe das oft als eine Art innere Reise der Betroffenen, auf der sie sich selbst und ihr Leben (wieder) neu entdecken. Als Suchtärztin kann ich sie auf dieser Reise ein Stück begleiten und im besten Falle sehen, wie z. B. aus einer völlig desolaten körperlichen und seelischen Verfassung ein Mensch mit Ideen und Selbstvertrauen zum Vorschein kommt.

Zum Glück gibt es solche Verläufe immer wieder, manche meiner Patienten melden sich nach Jahren bei mir, um stolz und glücklich von ihrem neu gewonnenen Leben zu berichten. Die Freude derer zu sehen, denen es gelingt, für sich ein Stück Freiheit von der Abhängigkeit zu erlangen, schenkt mir Kraft und Mut, weiterzumachen.

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Lust am Gestalten

12. August 2018 von redaktionguh  
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Zeit zum Innehalten und Reflektieren sollte sein, auch im hektischen Schulleben. Pia Kampelmann, Leiterin der Evangelischen Sekundarschule in Haldensleben, fand sie im Gespräch mit Renate Wähnelt.

Was hat Sie nach Haldensleben verschlagen?
Kampelmann:
Die Neugierde. 1991 wollte ich die neuen Bundesländer kennenlernen und übernachtete zufällig in Stendal. Dort las ich in der Zeitung, dass eine Jugendamtsleitung gesucht wurde, bewarb mich und wurde prompt genommen.

Ich finde es immer spannend, etwas Neues zu machen. Nach einem zweijährigen Intermezzo als Jugendamtsleiterin bei Hamburg übernahm ich gut zehn Jahre später ein Gymnasium in Brandenburg, aber die Fahrerei wurde auf die Dauer doch zu viel, sodass ich mich nach etwas Anderem umgesehen habe. Die Johannes-Schulstiftung hatte diese Stelle ausgeschrieben und wir wurden uns vor acht Jahren schnell einig.

Kurz vor den Ferien machte Ihre Schule Schlagzeilen, weil sie beste »Energiesparschule 2018« in Sachsen-Anhalt wurde und beim bundesweiten Online-Voting den 3. Platz belegte. Wie war es bei der Preisverleihung im Bundesumweltministerium?
Kampelmann:
Es war, insbesondere für unsere Schüler, schon sehr beeindruckend. Auch war schön zu sehen, wie so viele junge Leute aus 16 Bundesländern für ihr Engagement belohnt wurden.

Seit drei Schuljahren haben Sie eine Schule mit Passivhaus-Standard. Fördermittel machten den Umbau möglich. Da ist es leicht, Energiesparmeister zu werden.
Kampelmann:
Die beste Technik bringt nichts, wenn die Nutzer nicht richtig damit umgehen. Deshalb haben wir Workshops veranstaltet, Vorträge organisiert, auch die Eltern einbezogen. Mit der Landes-Energie-Agentur haben wir schon vor der Fertigstellung des Schulgebäudes Energiedetektive ausgebildet. Aber das wäre als singuläres Projekt zu wenig. So fließt das Thema überall in den Unterricht ein unter der großen Überschrift »Die Schöpfung bewahren«. Klingt doch auch viel schöner als »Energie sparen«. Es sind ganz viele kleine Bausteine im Alltag. Bisher haben wir 350 Tonnen Kohlendioxid weniger erzeugt als im gleichen Zeitraum vor der Sanierung und 90 Prozent der vorherigen Energie weniger verbraucht.

Da ziehen alle mit?
Kampelmann:
Das ist mit unseren Schülern wirklich gut möglich, da sie sich oft, besonders bei praktischen Dingen, viel interessierter zeigen als ihre Altersgenossen. Wir haben eine Schulgemeinschaft, in der es Freude macht zu arbeiten – manchmal sogar Spaß.

Natürlich gibt es auch schwierige Schüler und Situationen. Aber, und das ist etwas, was viele christliche Schulen auszeichnet: Wir sehen vor allem den Menschen, nicht was er an Leistung bringt. Das sage ich auch immer bei der Zeugnisausgabe: Die Noten sind nur ein ganz kleiner Teil von Euch.

Sie bieten u. a. Reha-Sport an. Ist die Schule inklusiv?
Kampelmann:
Was heißt inklusiv eigentlich? Ich glaube schon, dass wir hier noch vieles besser machen können, jedoch schon auf einem guten Weg sind. Aber manchmal denke ich, dass das Land die letzten Schritte eigentlich nur eingeleitet hat, um perspektivisch Geld zu sparen.

Wir haben ein Mädchen im Rollstuhl und weitere Kinder mit Einschränkungen, Adipositas ist in dieser bewegungsarmen Zeit auch nicht zu unterschätzen – nicht nur bei uns. In einem Trainingsraum üben wir mit diesen Kindern gezielt, parallel zum Sportunterricht, an dem sie nicht teilnehmen können: Laufband, Dehnübungen.

Es fehlt noch einiges an Geräten. Für die Anschaffung nutzen wir das Geld vom Landes-Energiesparmeister.

Die Schule entstand aus einer Elterninitiative. Wie wird sie angenommen?
Kampelmann:
Wir haben weit mehr Anfragen als Plätze. Aber wir wollen bewusst zweizügig bleiben mit höchstens 25 Kindern in einer Klasse. So ist das Gebäude angelegt. Die Schule ist überschaubar. Ich kenne noch jeden, auch wenn ich nicht alle Namen weiß.

Welche Kontakte haben Sie ins Umfeld und umgekehrt?
Kampelmann:
Da geht es uns so gut! Mit dem Kirchenkreis organisieren wir vieles gemeinsam: die Segensfeier für die 8. Klassen, den Bandworkshop mit der evangelischen Jugend, auch tagen die Synode und der Konvent manchmal bei uns, der Ortspfarrer ist Mitglied in der Arbeitsgruppe Tansania und fährt im kommenden Jahr mit den Schülern aus unserer Tansania-AG mit nach Afrika zu unserer Partnerschule Itamba High. Die Schule nutzt die Kirche für Gottesdienste, wir helfen einander; das ist eng verwoben und verzahnt.

Die meisten Eltern sind sehr zufrieden mit uns, auch wenn sich immer mal jemand beschwert, weil sein Kind eine Vier hat – wo er doch Schulgeld bezahlt. Eltern schätzen die christlichen Werte, auch wenn sie kirchenfern sind.Und die Zusammenarbeit mit den anderen Schulen und der Stadt genieße ich sehr.

Gelingt es, die Eltern einzubinden?
Kampelmann:
Vor ein paar Jahren sagte eine Mutter, dass ihr Kind ja nun Englisch lernt und sie das nicht kann. Seitdem gibt es einen Englischkurs für Eltern, inzwischen auch Spanisch mit einem jährlichen Ausflug nach England bzw. Spanien. Diese Kurse geben mir dann natürlich auch die Möglichkeit, ganz anders mit Eltern in Kontakt zu kommen und mich mit ihnen auszutauschen.

Manche Eltern haben Sorge, dass wir ihr Kind missionieren. Nein, wir bieten Brücken an. Ob die Menschen darüber gehen, müssen sie selbst entscheiden. Aus dieser Erfahrung heraus wollen wir im nächsten Jahr einen Religionskurs für Eltern anbieten. Über die Inhalte müssen wir noch diskutieren.

Auf der Homepage Ihrer Schule reiht sich Projekt an Projekt, Unterricht ist ja auch noch. Hat Ihr Tag und der der Schule mehr als 24 Stunden?
Kampelmann:
Es sind ja nicht immer Dinge und Projekte, die ich selbst mache; viele Ideen wie zum Beispiel die Ausbildung von Schülern zu Rettungsschwimmern oder der Etikette-und Benimmkurs sind Ideen aus dem Kollegium. Die Arbeit verteilt sich Gott sei Dank auf ganz viele Schultern und Gruppen, aber bestimmt finden mich meine Kollegen und Schüler manchmal ganz schön anstrengend, wenn ich wieder einmal eine neue Idee habe. Sie bremsen mich dann auch, und ich glaube, das ist auch gut so.

Am besten gelingen Vorhaben, wenn es innerhalb eines Handlungsrahmens die Freiheit gibt, selbstständig zu handeln. Und dabei Fehler machen zu dürfen – das ist ganz wichtig. Wenn was schief gelaufen ist, guckt man gemeinsam, wie man die Sache korrigiert. Das hat etwas mit Ehrlichkeit und Vertrauen zu tun. Ich bin dankbar, dass wir uns da innerhalb der Stiftung sehr frei bewegen können.

Bei aller Freiheit sind Sie auch für klare Ansagen. Darauf reagieren junge Leute meist störrisch.
Kampelmann:
Natürlich, auch das gehört zur Entwicklung der Persönlichkeit unbedingt dazu! Pädagogik bedeutet für mich auf jeden Fall stets, einerseits Grenzen zu setzen, andererseits den Kindern und Jugendlichen zu vertrauen und ihnen auch viel zuzutrauen. Auch deshalb können sie vieles selbst entscheiden.

Wir haben jede Woche unsere Schulversammlung mit ca. 300 Leuten. Lehrer, Klassensprecher, die Leitenden der Arbeitsgemeinschaften – das sind sowohl Lehrer als auch Schüler – und auch Gäste berichten dort, was Gutes und Schlechtes passiert ist. So wissen alle, was los ist und bestimmen mit.

Zum Beispiel?
Kampelmann:
Nach wiederholten Beschwerden über Schubsereien am Bäckerwagen schlug ich vor, eine Kamera zu installieren. Darüber haben dann die Klassen diskutiert und entschieden: Keine Kamera.

Diese Schulversammlung fordern die Kinder und Jugendlichen inzwischen auch ganz selbstverständlich ein. Und Ehemalige erzählten mir, dass ihnen das manchmal fehlt, vor allem das Segenslied zum Abschluss.

Was machen Sie nach Feierabend?
Kampelmann (schmunzelt):
Die Schule ist schon irgendwie gleichzeitig mein Hobby; aber es bleibt noch ein wenig Zeit für ein interessantes Fußballspiel, ein wenig Gartenarbeit und, viel zu selten, einen Besuch im Theater.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten – welche wären das?
Kampelmann:
Der Schulhof ist noch sehr langweilig. Ich hoffe, dass wir für die Gestaltung Fördermittel bekommen. Ich wünsche mir, dass das Miteinander so bleibt, dass Schüler und Lehrer und alle anderen Mitarbeitenden gern zur Schule kommen, dass Eltern weiter zur Beratung zu uns kommen, wenn sie Sorgen haben. Die Pubertät ist nicht immer einfach, das weiß ich aus eigener Erfahrung bei meinen Kindern.

Da dreht sich’s wieder um die Schule. Machen Sie denn Urlaub?
Kampelmann:
Wir fuhren dieses Jahr an die Nordsee. Die Kinder sind ja schon groß, kamen aber mit. Nach den zwei Wochen fühle ich mich 20 Jahre jünger als am Ende des Schuljahres.

Pia Kampelmann (58) stammt aus Dortmund und ist immer noch Anhängerin des BVB und des Ruhrgebiets. Seit 27 Jahren lebt die dreifache Mutter mit Partnerin in Stendal. Die Lehrerin für Deutsch und Englisch hat einen Abschluss in Erziehungswissenschaften sowie psychotherapeutische Kenntnisse. Vor ihrem Wechsel ins Jugendamt nach Stendal arbeitete sie als Erziehungsleiterin in einem Heim. Sie trägt ein kleines, silbernes Kreuz am Hals und ist katholisch.

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