»Das Gute, das uns verbindet«

16. Juni 2018 von redaktionguh  
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Jugend und Gott: Am Pfingstsonntag wurde ich konfirmiert. Der Glaube gehört zu meinem Leben, aber nicht bei all meinen Mitschülern ist das so. Über glauben und zweifeln, beten und hoffen habe ich mit ihnen gesprochen.

Können sich Menschen, die sich als nicht-christlich bezeichnen, Gott überhaupt vorstellen? Und wenn ja, wie? Diese Frage beschäftigte mich an einem sonnigen Dienstagmorgen, als ich in meinem Klassenraum saß. Ich besuche die Freie Schule Bildungsmanufaktur in Halle. Der Anteil der Christen in unserer Schule ist sehr gering. Aber ich bin neugierig und ich mache gerne Umfragen, also beschloss ich, meinen Mitschülern und auch Mitarbeitern der Schule die Frage nach Gott zu stellen.

Milan Fuchs auf den Stufen vor der Pauluskirche in Halle. Der 14-Jährige ist in diesem Frühsommer konfirmiert worden. Er findet es spannend und lehrreich auch mit Menschen, die nicht glauben, über Gott zu reden. – Foto: Katja Schmidtke

Milan Fuchs auf den Stufen vor der Pauluskirche in Halle. Der 14-Jährige ist in diesem Frühsommer konfirmiert worden. Er findet es spannend und lehrreich auch mit Menschen, die nicht glauben, über Gott zu reden. – Foto: Katja Schmidtke

Bald darauf ging ich durch die Schule und fragte Erwachsene, Jugendliche und Kinder, die fast alle von sich sagten, dass sie nicht an Gott glauben, ob sie dennoch eine Vorstellung von Gott hätten. Ich gab keine Antwortmöglichkeiten vor, da ich von jedem seine ganz persönliche Meinung hören wollte.

Bald stellte ich fest, dass es insbesondere Jugendlichen schwerfiel, diese Frage zu beantworten. Die Kinder hingegen konnten mir schnell eine Antwort geben. Ihre Ideen zu Gott waren eher gegenständlich und ich fand einige Sätze durchaus erheiternd wie: »Gott stelle ich mir wie einen Superhelden vor.« oder »Ich stelle mir Gott wie eine Art Pokémon vor.« oder »Gott ist ein alter Mann mit weißem Bart.«

Bei den Erwachsenen hingegen gab es sehr verschiedene Meinungen wie »Es ist höchst unwahrscheinlich, dass es einen Gott gibt« über »Gott ist Verbundenheit« bis hin zu »Gott ist für mich die Kirche.«

Als ich ungefähr eine halbe Stunde durch das Schulhaus gelaufen war, kam ich mit ein paar gleichaltrigen Jugendlichen ins Gespräch. Sie erzählten mir, dass sie schon einmal an Gott geglaubt hätten, aber das jetzt nicht mehr tun würden. Sie meinten, dass der Glaube für sie, die beide eine schwere Verlust­erfahrung in ihrem Leben gemacht hatten, sehr wichtig gewesen sei. Sie hätten dadurch neue Hoffnung gewonnen. Später traf ich einen Gleichaltrigen, der mir sagte, dass er nicht an Gott glaube, aber manchmal, wenn es ihm schlecht gehe, zu Gott bete. Er erzählte mir: »Ich hoffe dann einfach, dass es ihn gibt und er mir hilft.« Das bestätigte meine Gedanken, dass Menschen in schwierigen Situationen einen stärkeren Bezug zu Gott suchen.

Schließlich traf ich zwei Dreizehnjährige, die meinten, sie glaubten nicht an Gott. Als ich sie anschließend fragte, wie sie sich denn Gott noch am ehesten vorstellen könnten, antworteten sie: »Ich glaube, Gott ist mein Unterbewusstsein.« Als ich daraufhin wissen wollte, ob sie denn nicht glaubten, dass sie selbst ein Unterbewusstsein besäßen, brachte ich sie ein wenig zum Schmunzeln und vielleicht auch zum Nachdenken.

Ein interessanter Fakt, der sich für mich aus meiner Umfrage ableiten lässt, ist: Nahezu alle Befragten verbinden Gott mit etwas Positivem. Mit Hoffnung, Kraft und Verbundenheit, sie stellen sich Gott als Beschützer vor. Das sind für mich Begriffe, die ich mit etwas Gutem assoziiere. Und ich finde, der alte Mann mit weißem Bart hat doch irgendwie etwas sehr Nettes.

Diese Gespräche haben mir gezeigt, dass Menschen, die von sich sagen, sie seien nicht christlich, teilweise ähnliche Vorstellungen von Gott haben wie ich. Ich finde es wichtig, sich auch mit Menschen, die nicht an Gott glauben, über den Glauben zu unterhalten.

Am Ende dieser Umfrage stellte ich mir die Frage, was Gott eigentlich für mich selbst ist. Und ich bin zu folgender, zunächst vorläufiger Antwort gekommen: Gott ist für mich das Gute, was jeder in sich trägt. Gott ist das Gute, was uns alle verbindet. Und die Hoffnung und die Kraft, die uns in schwierigen Zeiten helfen können.

Milan Fuchs

Der Autor ist Schüler in Halle.

»Versagensgeschichte der Kirche«

9. Juni 2018 von redaktionguh  
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Industrialisierung und Kirche: Harald Krille sprach mit dem Hallenser Kirchengeschichtler Professor Axel Noack über Ursachen und Folgen.

Der Freistaat Thüringen stellt in seinem Themenjahr die Industrialisierung und die sozialen Bewegungen in den Mittelpunkt. Woran denkt ein Kirchengeschichtler zuerst, wenn er das Wort Industrialisierung hört?
Noack:
Bei Thüringen fallen einem sofort ganz besondere Dinge ein, etwa die Aufbruchbewegungen in den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Man nennt die Zeit auch die Zeit der wilden Propheten, die begleitet von weißgewandeten Jungfrauen durch das Land zogen und ihre Heilslehren verkündeten.

Zum anderen denkt der Kirchengeschichtler natürlich an die Arbeiterbewegung und die damit verbundene Entkirchlichung. Schon 1919 bei den Wahlen zur Nationalversammlung fällt auf, dass sowohl in Thüringen wie auch in der Provinz Sachsen sehr viele Menschen die Sozialdemokraten oder sogar die Unabhängigen Sozialdemokraten wählten. Und das, obwohl die Kirchen relativ lautstark vor der Wahl dieser Parteien warnten. Das wurde und wird von vielen als Zeichen dafür gesehen, dass die Kirche besonders von den Industriearbeitern schon sehr weit entfremdet war. Die Kirche muss deshalb die Geschichte der aufkommenden Industrialisierung auch als ein Stück Versagensgeschichte sehen.

Industrialisierung in Mitteldeutschland: »August-Bebel-Hütte/Mansfelderlandschaft 1962« lautet der Titel des monumentalen Ölgemäldes des Sangerhäuser Malers Wilhelm Schmied (1910–1984). – Reproduktion/Bildrechte: Wilhelm-Schmied-Verein/06536 Südharz OT Wickerode

Industrialisierung in Mitteldeutschland: »August-Bebel-Hütte/Mansfelderlandschaft 1962« lautet der Titel des monumentalen Ölgemäldes des Sangerhäuser Malers Wilhelm Schmied (1910–1984). – Reproduktion/Bildrechte: Wilhelm-Schmied-Verein/06536 Südharz OT Wickerode

Von August Bebel ist der Ausspruch überliefert, Christentum und Sozialismus stünden sich wie Feuer und Wasser gegenüber.
Noack:
Dieser Zug ist von Anfang an in der Arbeiterbewegung zu finden. Gerade die Sozialistische Bewegung ging ja zum Teil auch aus Abspaltungen von der Kirche hervor. Gerade in Thüringen und dem heutigen Sachsen-Anhalt muss man da die sogenannten Lichtfreunde und Vertreter der rationalistischen Theologie erwähnen. Nicht umsonst erfolgte die Gründung der ersten Arbeiterpartei und dann auch der SPD in Thüringen. Und: Gerade auch in Thüringen gab es engagierte »religiöse Sozialisten« auch unter der Pfarrerschaft.

Nun spricht man ja auch gern von den sozialen Bewegungen der Kirche, von Diakonie und Caritas, als den Lichtbringern in dunkler Zeit. Aber im Blick auf die sozialen Herausforderungen der Industrialisierung spielten sie offensichtlich keine Rolle?
Noack:
Der sogenannte soziale Protestantismus spielt schon eine wichtige Rolle, vielleicht stärker noch im damaligen Preußen als in Thüringen. Aber das Problem ist, dass dieser soziale Protestantismus, ich nenne nur den Namen Adolf Stoecker, sich von Anfang an eben auch gegen die Sozialdemokratie wandte. Sozialarbeit wurde damit als Gegenbewegung zur SPD verstanden. Letztlich ist die Kirche genötigt worden, sich sozial zu engagieren. Sie tat es nicht von allein. Und sie hat die ganze Härte der sozialen Frage nicht ausreichend wahrgenommen.

Hat diese Entfremdung Auswirkungen bis heute?
Noack:
Die Auswirkungen spüren wir heute noch. Die Entfremdung ist im Grunde geblieben. Übrigens waren deshalb auch so viele Pfarrer in Thüringen so empfänglich für den Nationalsozialismus, weil sie zumindest anfänglich dachten, mit Unterstützung der NSDAP kommen jetzt die Massen wieder zur Kirche.

Die Industrielle Revolution ist Geschichte, heute spricht man von der digitalen Revolution. Was bedeutet das für die Kirche?
Noack:
Wir sollten bei solchen Schlagworten schon genauer hinschauen. Es stimmt doch einfach nicht, dass man in Zukunft nur noch mit Informatikstudium durchs Leben kommt. Auch in Zukunft gibt es beispielsweise handwerkliche Aufgaben. Aber wir stehen als Kirche in der Gefahr, auch dem Akademisierungswahn unserer Gesellschaft zu erliegen. Selbst unter Pfarrern empfindet man es als sozialen Abstieg, wenn die eigenen Kinder nicht studieren. Menschen, die nur schlichte Aufgaben ausführen können, sind auch bei uns nicht hoch im Kurs. Mal ganz konkret: Wir versuchen überall elektrische oder sogar digital gesteuerte Läuteanlagen zu installieren. Und nehmen damit jedem, der vielleicht nie Lektor sein aber durchaus die Glocken läuten könnte, die Möglichkeit der Beteiligung.

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Mit dem Pilgervirus infiziert

3. Juni 2018 von redaktionguh  
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»Als Schneeflocke bin ich in Monstab losgelaufen und als Lawine in Rom angekommen.«
Mit diesem Bild beschreibt Arnhild Kump ihre Pilgerreise. Das war 2001 und machte Arnhild Ratsch (Foto), wie sie damals hieß, in Mitteldeutschland, der Schweiz, Italien und darüber hinaus zu einer bekannten Pilgerin. Die Zeit sei für ein Zeichen dieser Art offensichtlich reif gewesen. Das internationale Medieninteresse überraschte sie, half aber.

Im kleinen Tegkwitz (Altenburger Land) geboren, führte ihr Weg nach der Grundschulzeit zunächst an die Kinder- und Jugendsportschule nach Leipzig. »Ich war eigentlich Fünfkämpferin, trainierte aber dann zwei Jahre Speerwurf«, blickt die 64-Jährige zurück. Auch wenn diese Zeit durch Trainerwechsel 1970 abrupt endete, sei sie doch sehr prägend gewesen: durchhalten, Energien mobilisieren und mit Niederlagen genauso rechnen wie mit Siegen.

Sie erlernte danach den Beruf der Chemiefacharbeiterin, studierte Chemieanlagenbau, gründete eine Familie mit zwei Kindern und arbeitete im Chemiewerk Böhlen, dann im Kraftwerk Lippendorf. 1992 verlor sie ihre Anstellung, musste sich neu orientieren.

Arnhild Ratsch fand in einer befristeten Anstellung (ABM) eine interessante Aufgabe. Sie ordnete das wertvolle Archiv der Urpfarrei Monstab. Heimatgeschichte war ihr schon immer eine Herzensangelegenheit. »Ich bin morgens mit meiner Thermoskanne in den muffigen Pfarrkeller abgestiegen und nachmittags wieder aus dem Mittelalter in der Gegenwart aufgetaucht. Dabei habe ich mich mit dem Pilgervirus infiziert.«

In der Kirchenchronik las sie von zwei Söhnen eines katholischen Ortspfarrers, der diese 1513 nach Rom schickte, um sie vom Papst legitimieren zu lassen. Einer von beiden pilgerte ein zweites Mal nach Rom, um dort die Priesterweihe zu empfangen. Von einem anderen Monstaber, der um 1500 nach Santiago de Compostela pilgerte, existierte sogar noch dessen Geleitbrief.

Eine Idee nahm von ihr Besitz, zumal Arnhild Ratsch, damals Kirchenälteste und ehrenamtliche Bürgermeisterin von Tegkwitz, im Jahr 2001 für sich privat wie beruflich Freiräume sah. Aber nur aufbrechen, um unterwegs zu sein?

Foto: Thomas Schäfer

Foto: Thomas Schäfer

Mit der Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die vom Lutherischen Weltbund und dem Päpstlichen Rat im Herbst 1999 in Augsburg verabschiedet wurde, verband die evangelische Christin wie so viele Gläubige beider Konfessionen Hoffnungen für die Einheit der Christen. Dafür wollte Arnhild Ratsch werben.

Im damaligen Thüringer Landesbischof Roland Hoffmann und der Ökumenebeauftragten, Pastorin Beate Stöckigt, fand sie engagierte Unterstützer. »Am 29. Juli 2001 wurde ich als Ökumenische Botschafterin feierlich ausgesandt. Erst die 1 854 Kilometer Wegstrecke nach Rom machten aus mir Schritt für Schritt eine Pilgerin.«

Den Fuß anheben, kurz verharren und absetzen, bedeutet: Altes loslassen, innehalten, Neuland betreten, beschreibt Arnhild Kump die Pilgerphilosophie. Dabei verändere man sich, ohne es sofort zu bemerken. »Am heimatlichen Ortsschild wurde mir klar, dass ich nicht als die Gleiche zurückkehren werde. Der Aufbruch ist das Schwerste.« Was ihr half durchzuhalten, war die Begeisterung für die Ökumene und der Entschluss: »Ich will in Rom ankommen. Und wenn Gott das auch will, werde ich es schaffen.«

Wer so aufbricht, überschreitet Grenzen, persönliche und die im sozialen Gefüge. Wird wachsen oder resignieren. Unabdingbar für einen Pilger sei aber auch das Vertrauen in die eigene Kraft und die Offenheit für den Tag, für Menschen, Dinge und spirituelle Impulse, stellt sie fest.

Morgens loslaufen ohne zu wissen, wie der Tag endet. Die Vorfreude auf die Geheimnisse der nächsten Stunden spüren und die Dankbarkeit am Abend genießen für die gesund bewältigte Wegstrecke, die herzlichen Begegnungen und die gastfreien Menschen, die ein Bett anbieten für die notwendige Erholung.

Unterwegs lässt sie keine Möglichkeit aus, an Gartenzäunen, in Gemeindehäusern und in Kirchen für die Ökumene zu werben und ihre Botschaft in die Herzen zu pflanzen. Gegen Ende macht sie eine neue Erfahrung: Ein echter Pilger wird traurig, wenn er sich dem Ziel nähert. Am 15. November kommt sie in der Tiberstadt an, sechs Tage später wird sie von Papst Johannes Paul II. empfangen und übergibt die Botschaften der evangelischen und katholischen Bischöfe Mitteldeutschlands, aller Kirchen der Schweiz und der Evangelischen Kirche von Italien. Ein unvergesslicher Moment.

Wie kehrt man nach diesen Monaten in die Lebensnormalität zurück? Arnhild Ratsch schrieb ein Buch: »Zu Fuß nach Rom«, das 2004 im Wartburg Verlag erschien (inzwischen vergriffen, Anm. d. Red.) und sie siedelte von Tegkwitz nach Zürich über, um dort vier Jahre im Pilgerzentrum zu arbeiten. Die Heirat mit einem Mann aus Wien machte sie zu Arnhild Kump.

Wieder lässt sie alles zurück und gründete auf der Basis ihres reichen Erfahrungsschatzes das Ökumenische Pilgerzentrum Wien, dessen 10-jähriges Bestehen am 11. November gefeiert wird. Pilgergottesdienste, -stammtische, -wanderungen und -reisen gehören zu den Angeboten. Häufig wird sie zu Vorträgen eingeladen.

»Pilgern ist für mich Gemeindeaufbau durch die Hintertür. Jeder, der kommt, ist auf der Suche und bringt etwas mit, das er loswerden will und etwas, das er für eine begrenzte Zeit in den Dienst der anderen stellen kann. Der Aspekt der freien Entscheidung bis zum Augenblick des Loslaufens ist dabei ganz wichtig.«

Selbstverständlich gehören für Arnhild Kump geistliche Impulse und Zeiten des Schweigens zu einer Pilgerwanderung, aber weder Startobolus noch Anmeldeformular. Mit der Unsicherheit der Teilnehmerzahl bei Tagesangeboten kann sie umgehen. Sie will glaubwürdig bleiben und organisiert deshalb alles ehrenamtlich: »Pilgern ist etwas sehr Spirituelles, das nicht kommerzialisiert werden darf.« Es habe auch nichts mit Wandern gemein. Das Etikett Pilgerweg werde ihr aktuell zu inflationär gebraucht und so manchem regionalen und touristischen Rundweg aufgeklebt, bedauert sie. Der innere Weg bleibe da auf der Strecke.

Ihren heimatlichen Wurzeln blieb die energiegeladene Thüringerin verbunden und teilt seit Jahren ihre Lebenszeit zwischen Tegkwitz und Wien. Im Altenburger Land kümmert sie sich um Verwandte, bewirtschaftet das Familiengrundstück, baut Obst und Gemüse an, organisiert Pilgerwanderungen und schreibt.

Bis zum Jubiläum »875 Jahre Tegkwitz« am 14. Juli wird ihre persönlich gehaltene Ortsgeschichte gedruckt sein. Viel Interessantes sei zu erzählen, kündigt Arnhild Kump an, deren Familie hier seit über 500 Jahren ansässig ist.

Uta Schäfer

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Von der Schöpfung zur Erschöpfung

28. Mai 2018 von redaktionguh  
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Lutherstadt: Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör über ein Sommermärchen und die Folgen


Es ist März, Ende März 2018. Das Thermometer erzittert sich frühlingshafte 3 Grad Celsius. Vor der Tür liegt Schnee von gestern. Nur nicht jammern! 2017 war es auch nicht viel besser. Gut, es war ein wenig besser. Na gut, es war besser. Allein das Wetter. Vom Rest ganz zu schweigen.

Ich fühle die protestantische, ja sogar ein wenig ökumenische Sehnsucht nach 2017 in mir aufsteigen. Was für ein Sommermärchen! Frühlingsgefühle? Die werden schon noch kommen. Wittenberger Frühlingsgefühle? Ich habe doch erhebliche Zweifel. Mein Mut weicht der Wehmut.

Ich bin umgeben von Heerscharen Erschöpfter. Ich treffe sie, täglich. Sie haben die Gesetze der Physik überlistet, denn sonst würden sie in der Kurve umfallen, so langsam laufen sie.

Der Tod von Stephen Hawking scheint für sie ein bedauerlicher, aber nicht ganz unwillkommener Zwischenfall. So eine Aufregung um einen, der nicht einmal einen Nobelpreis hatte. Theoretische ­Physik?! Was soll das sein? Das ist doch nicht mehr als die Homöo­pathie unter den Naturwissenschaften. Das Universum in der Nussschale. Na super, die Fortsetzung sollte wohl heißen: ein Globuli im Morgenkaffee. So ein Verrückter, der über einen Rollstuhl mit Sprachcomputer versuchte, dem kirchlichen Weltbild den Schleier des Geheimnisvollen zu nehmen.

Aber der Gedanke an 2017 zaubert auch den hauptamtlichen Reformationserschöpften ein seliges Lächeln in ihr Gesicht. Hoffnung. Ich nehme mein Herz in beide Hände und rufe ihnen zu: »Kommt, lasst uns weitermachen. Wittenberg kann Rom sein, wenn wir tanzen!«

 Foto:  Marko  Schoeneberg

Foto: Marko Schoeneberg

Das Lächeln verwandelt sich jäh von selig in müde. Nein, nein, nein. Ein Sabbatjahr, ein Sabbatjahrzehnt, besser noch ein kurzes, aber knackiges Sabbatjahrhundert, das ist es, was die protestantische Kirche jetzt angeblich brauche.

Man lässt mich wissen, die Kirche lasse sich nicht von so einem hyperaktiven Oberbürgermeisterchen vor sich hertreiben. Ja, man lässt mich spüren, ich säße zwar fest im Sattel (ohne an diesem zu kleben, was schon für sich allein in der heutigen Zeit rar wäre), aber die Kirche habe schon andere Verrückte überlebt.

Ich kann die Gedanken erraten, kann sie zwischen den Zeilen, voll mit freundlichsten zugewandten Worten, lesen: »Er wird sich mühen, kämpfen, winden, denken, denken, denken … umsonst! Der liebe Herrgott ist verlässlich und humorvoll. Die arme Stadt ist pleite, die reiche Kirche auch. Wenn sich dieser Stadtprotestant aus dem roten ­Rathaus auch fürderhin auf unerklärliche Weise immer wieder aufbäumt, so wird er doch gegen die Kommunalaufsicht und Tausendköpfigkeit evangelischer Leitungsstrukturen nicht ankommen, oder?! Lieber Herrgott, enttäusche uns nicht!«

Und überhaupt, was ich schon wieder will? Die Kirche hat doch alles getan. In Luthers Predigtkirche hängt jetzt einmal monatlich sogar eine Diskokugel. »Church@Night« heißt das Event. Mehr geht nicht! Mehr geht wirklich nicht! Abendsegen auf dem Markt? Vorbei. Musik um Drei? Vorbei.

Mein Gott, kann man denn nicht mal ein kleines Jahrzehnt erschöpft sein, ohne permanent dafür um Vergebung bitten zu müssen? Wenn der aus dem Rathaus schon so einen Wind macht, dann darf die Kirche doch wenigstens in dessen Schatten bleiben. Beim Konfi-Camp hat es doch auch funktioniert. Die Stadt plant, versorgt, baut auf, baut ab, lagert ein, evakuiert, … So soll es sein, Amen. Und die Kirche begleitet, denkt an, neigt zu, sorgt für.

Dass die Kirche nunmehr auch noch für die inhaltliche Belebung des Konfi-Camps als Investition in die eigene Zukunft zahlen muss, ist allein schon ein Skandal. Aber eben nicht zu ändern. Kinder, Jugendliche, wo auch immer sie herkommen, Eltern, Anwohner, Sonne, Regen, das ist alles mit so viel Risiko verbunden!

2017 haben zehn Wochen lang jeweils 1 500, also insgesamt circa 15 000 Jugendliche in Wittenberg im Konfi-Camp gelebt, gelacht, gefeiert. Und 2018? Zwei Wochen, so höre ich, seien genug, seien mehr als genug. Alles hängt wohl am seidenen Faden.

Die Karawane zieht weiter. Wir wollten mitziehen. Jetzt ziehen wir zuverlässig an Reißleinen, oder?! Wenn doch nur halt der Stress nicht wäre.

Jetzt bin ich auch irgendwie erschöpft. Besser ist es, ich leg mich erst mal hin …

Torsten Zugehör

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Aue der Gnade Gottes

21. Mai 2018 von redaktionguh  
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Herrnhuter Brüdergemeine: Als Mustersiedlung gründeten Christen im 18. Jahrhundert den Ort Gnadau. Christliche Symbolik und ein vielfältiges kirchliches Leben prägen das Dorf bis heute. Ein Besuch.

Licht. Strahlend weiß leuchten die Wände, die Sitzbänke, die Gardinen. Hell und schlicht ist der Saal der Herrnhuter Brüdergemeine in Gnadau. Keine barocken Epitaphien, keine gotischen Gewölbe, keine kunstvollen Glasmalereien. Statt eines Altars ein Tisch. Selbst das Kreuz muss man suchen. Manch einer behauptet, nur ein Operationssaal sei klinischer.

Friedemann Hasting schmunzelt. »Schauen Sie mal nach oben«, sagt der Pfarrer. Tatsächlich, auf der Empore steht die Orgel, gekrönt von einem güldenen Kreuz. Kein Kruzifix, kein Bildnis, kein Kunstwerk soll hier ablenken. Der Raum ist nicht heilig, er heißt nicht Kirche, sondern Gemeinsaal. Das leitet sich von Brüdergemeine ab: Frauen und Männer wollten einfach (daher der Name »Gemeine«) und geschwisterlich (daher »Brüder«) miteinander leben.

In Gnadau, südlich von Magdeburg, sind viele theologische Annahmen der Brüdergemeine im wahrsten Wortsinne in Stein gemeißelt. Das Dorf ist quasi eine Mustersiedlung der Herrnhuter Christen. Die Glaubensgemeinschaft hat ihren Ursprung im Pietismus und der tschechischen Reformation und wurde von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf in Herrnhut/Oberlausitz entscheidend geprägt.

Schlichter Ort der Erbauung: Der Saal der Herrnhuter Brüdergemeine in Gnadau. Fotos: Katja Schmidtke

Schlichter Ort der Erbauung: Der Saal der Herrnhuter Brüdergemeine in Gnadau. Fotos: Katja Schmidtke

1767 hatte die Herrnhuter Brüdergemeine Gnadau planmäßig angelegt. Der Name des Dorfs, nicht weit entfernt von Elb- und Saaleauen, setzt sich aus Gnade und Aue zusammen und erinnert an Psalm 23. Gnadau sollte zu einer »Aue der Gnade Gottes« werden. Der zentrale Zinzendorfplatz ist quadratisch, mit vielen Wegen, Ein- und Ausgängen. Sie stehen für die fünf Wundmale Jesu, die zwölf Jünger, die zwölf Tore ins himmlische Jerusalem. Die Wegführungen sind so gestaltet, dass sich aus der Vogelperspektive das Christusmonogramm erkennen lässt. Früher gab es in der Mitte einen Brunnen: »Alle Bewohner hatten den gleichen Weg zum Wasser, den gleichen Weg zu Christus«, erklärt Pfarrer Hasting. Viele Lindenbäume säumen die Straßen. Mit ihren herzförmigen Blättern symbolisieren sie Herzensbindung eines jeden Gläubigen an Gott.

Bei der Herrnhuter Brüdergemeine steht ein bewusstes, persönliches Bekenntnis im Vordergrund, wenngleich Pfarrer Hasting natürlich auch »Karteichristen« kennt. Aber im Vergleich zu den Kollegen der evangelischen Landeskirche kann der Herrnhuter Prediger besser auf diese Menschen zugehen. Er betreut rund ein Drittel der Mitglieder.

Zur Brüdergemeine in Gnadau zählen 230 Christen, wovon etwa 80 in Gnadau selbst leben. Viele andere Mitglieder wohnen in der Region verstreut: Einmal im Vierteljahr predigt Friedemann Hasting daher auch in Dessau, Leipzig, Gardelegen und Wernigerode. Gnadau selbst hat rund 500 Einwohner.

Um die rund 140 landeskirchlichen Christen im Ort kümmert sich auch der Prediger der Brüdergemeine, alle sechs bis acht Wochen feiert Friedemann Hasting einen landeskirchlichen Gottesdienst. Eine Doppelmitgliedschaft in beiden Kirchen ist möglich.

In Gnadau ist rund jeder zweite Einwohner Mitglied einer Kirche: Es gibt neben Protestanten und Herrnhuter Christen auch Baptisten und Sieben-Tags-Adventisten. Die Brüdergemeine sieht sich als Scharnier zwischen großen und kleinen Kirchen, zwischen römisch-katholischer Weltkirche, evangelischen Landeskirchen und Freikirchen. »Uns ist wichtig, Ökumene nicht nur als katholisch-evangelische Dimension zu sehen«, so Pfarrer Hasting. Dieser Weitblick habe in jüngster Vergangenheit immer wieder Menschen für die Brüder-Unität begeistert. Die kleine Gemeinde wächst zwar nicht, aber sie schrumpft auch nicht.

Kirche ist kein Ort, sondern da, wo Gottes Licht scheint, sagt Pfarrer Hasting. Aus dieser Perspektive sehen die Gnadauer ihren Saal auch nicht als heiligen Raum, sondern als gute Stube. Er fügt sich am Zinzendorfplatz in die Reihe von Wohnhäusern ein. Nur die großen Fenster und der Dachreiter kennzeichnen ihn als Versammlungsort. »Wir räumen hier auch mal flink um, feiern fröhlich Feste, schenken ein Glas Wein aus«, erzählt der Pfarrer. Was erlaubt ist, entscheidet der Ältestenrat.

Trotz vieler Gemeinsamkeiten mit anderen Konfessionen – allem voran natürlich Christus als Zentrum des Glaubens – haben sich in der Brüdergemeine besondere liturgische Formen entwickelt. Was Protestanten als Gottesdienst kennen, ist hier eine Predigtversammlung. Auf die kann man sich gerne schon am Samstagabend mit einer Gebetsingstunde einstimmen. Die Liturgie ist immer anders: Es gibt Liturgien für Ostern und Weihnachten, orthodoxe Liturgien, welche zum Heiligen Geist oder zum Sohn. Das Abendmahl hat eine eigene Liturgie, ist eine in sich geschlossene Veranstaltung. Man teilt sich eine Doppeloblate mit seinem Nachbarn. Der Kelch wird durch die Reihen gegeben. Es wird viel gesungen.

Wenn der Saal die gute Stube der Gemeinde ist, so ist der Gottesacker ihr Schlafsaal. Auch hier herrscht Gleichheit. Keine üppigen Grabmale, nur in den Boden gelassene Steinplatten. Keiner kann sich einen besonders schönen Platz reservieren, die Anordnung der Gräber erfolgt chronologisch nach Sterbedatum. »Wenn Gott mich ruft, kann ich mir nicht aussuchen, wer mein Nachbar ist«, sagt Friedemann Hasting. Auf den Platten findet sich neben Namen, Geburts- und Sterbedatum auch ein Bibelwort. Der Gottesacker gleicht einer steinernen Bibel.

Gnadaus Anlage als Familienort ist heute noch zu spüren: In das einstige Brüderhaus ist die evangelische Grundschule gezogen, im Schwesternhaus hat eine Herberge eröffnet. Die Einrichtungen der Stiftung Herrnhuter Diakonie prägen den Ort und sind neben einem Verpackungswerk größter Arbeitgeber.

Katja Schmidtke


Gnadauer Gemeinschaftsverband

Die einzigartige Historie Gnadaus ist heute weitgehend unbekannt, sein Name jedoch im Zusammenhang mit Landeskirchlichen Gemeinschaften und Evangelischen Gemeinschaftsverbänden durchaus ein Begriff. Verwaist liegt er inzwischen da, jener Gasthof, in dem 1888 die Pfingstkonferenz der pietistischen Gemeinschaftsbewegungen tagte (Foto), aus dem besagter Gnadauer Verband hervorging. Die Konferenz gilt als erster Schritt auf dem Weg zu einer Einheit der deutschen Gemeinschaftsbewegung, deren Landesverbände bis dato isoliert arbeiteten. Trotz unterschiedlicher Prägung einte sie das Anliegen, die Arbeit von Laien in der evangelischen Kirche stärker zu entfalten. Es bestanden keine Absichten, sich von der Kirche zu separieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg teilte sich der Verband entsprechend der innerdeutschen Grenze und schloss sich 1991 wieder zum »Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverband« zusammen. Heute hat er seinen Sitz jedoch in Kassel. Vertreten sind darin eine große Bandbreite theologischer Auffassungen, je nach Stellung der einzelnen Gemeinschaften und ihrer Verbände in den verfassten Kirchen. Der Neupietismus und mit ihm die Gemeinschaftsbewegung setzt im Gegensatz zum klassischen Pietismus auf eine stärkere Ausrichtung auf Lehre und Verkündigung, die teilweise zu Lasten der karitativen und diakonischen Tätigkeiten gehen kann.

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Tochter Zion und ihre christliche Filiale

14. Mai 2018 von redaktionguh  
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»Ich bin Feminist«, sagt der Jenaer Universitätsprofessor Manuel Vogel von sich und macht sich Gedanken über »Gott als Vater«

Die Kirche hat in einer Zeit, in der das Patriarchat längst (und mit Recht) in die Kritik geraten ist, ein Problem. Dieses Problem besteht darin, dass die Sprache und Gedankenwelt der Bibel auf weite Strecken genauso patriarchalisch ist wie das (oder besser: die) Zeitalter ihrer Entstehung. Die Kirche kann, so meine bündige Auffassung, dieses Problem nicht lösen, jedenfalls nicht konsequent, denn konsequent ist nur der Teufel; sie kann aber damit leben, und zwar gut damit leben. Nämlich dann, wenn sie ihre Sprache und (was nicht ganz dasselbe ist) ihre Sprachgewohnheiten ständig reflektiert und – wie man heute so schön sagt – immer wieder neu »aushandelt«.

Im Vergleich mit der Rede von Gott als »Vater« ist freilich die Diskussion, ob denn die Revision der Kirchenverfassung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland eine Gelegenheit wäre, die Mitgemeinten zur Abwechslung auch mal mitzunennen – was hätte eigentlich dagegen gesprochen?! –
ein Kinderspiel. Denn das Wort »Vater« (griechisch pater) steckt ausgerechnet im ungeliebten Begriff des »Patri-archats«, der »Vater-Herrschaft«. Also, was tun? Grob gesagt gibt es, um die Sache in Angriff zu nehmen, zwei Methoden, nämlich die »narrative«, vom lateinischen narratio, »Erzählung«, und die begriffliche. Während Begriffe »definiert« werden, werden Erzählungen, nun ja, einfach »erzählt«.

Ich wähle den zweiten Weg, denn die Bibel definiert nicht (das ist das Geschäft der Dogmatik und der Rechtswissenschaft), sondern sie erzählt. Also nicht: »Was ist ein Vater«, sondern »Was tut er«, nämlich Gott als himmlischer Vater in der großen Erzählung der jüdisch-christlichen Bibel, der wir unzählige kleine und kleinste Erzählungen verdanken.

Foto: Creative Commons CCo

Foto: Creative Commons CCo

Hinzu kommt das Nachzeichnen von Sprachbildern, denn diese Bilder sind oft selbst kleine Erzählungen, z. B. das Wort aus Jesaja 66,13: »Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.« Gott ist hier ein Vater mit mütterlichen Zügen. Vergleichbare Aussagen sind in der Bibel nicht häufig (und selbst in Jes. 66, wo es überwiegend kriegerisch zugeht, eine Ausnahme), aber es gibt sie. Psalm 131 ist in der (sehr zu empfehlenden) Basisbibel überschrieben mit »Gebet einer Pilgerin«, und zwar wegen Vers 2: »Wie ein gestilltes Kind bei seiner Mutter / wie das gestillte Kind an meiner Brust / so ist meine Seele zur Ruhe gekommen«. Wenn man so übersetzt, muss diesen Psalm eine Frau geschrieben haben.

Ihre Empfehlung lautet: »So soll auch Israel auf den Herrn warten« (Vers 3). Das Kind bei seiner Mutter ist gleichnisfähig für das Verhältnis Israels zu Gott. Freilich: Gott kann als Mutter auch gefährlich werden »wie eine Bärin, der die Jungen genommen sind« (Hos 13,8). Aber am Ende steht doch das Bild eines zärtlichen Vaters, der alle Tränen von den Augen seiner Kinder abwischen wird (Offb. 21,3).

Überhaupt tut Gott als Vater lauter komische Dinge, die ein Vater, der in einer patriarchalischen Gesellschaft etwas auf sich hält, keinesfalls tun würde. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn läuft er dem heimkehrenden Ausreißer entgegen, was eine Selbsterniedrigung darstellt, denn der Höherrangige kommt dem Rangniederen keinesfalls buchstäblich entgegen. Wichtig ist auch: Die Rede von Gott als »Vater« ist Teil eines Bildgefüges, das die Geschlechterrollen gehörig durcheinander bringt, denn Israel ist dieses Vaters »Tochter«, die berühmte »Tochter Zion« mit ihrer christlichen Filiale, der Gemeinde als »Braut« Christi.

In dieses Sprachbild müssen sich wohl oder übel auch die Männer aus Israel und der Gemeinde einfügen. Vor allem aber: Dass Gott »Vater« ist, hat eine anti-patriarchalische Spitze, weil nämlich das Vatersein Gottes die irdische Vaterrolle nicht etwa aufwertet, sondern im Gegenteil ersetzt. An die Stelle der irdischen Väter tritt der himmlische. Das wird etwa in Markus 10,29 deutlich, wo die Jünger fragen, was sie dafür bekommen, dass sie »Haus, Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder und Äcker« verlassen haben. Sie bekommen, so die Antwort Jesu, alles vielfach wieder, nur nicht den Vater. Der wird nicht genannt, weil der himmlische Vater seine Rolle übernimmt. Das ist ein Reflex dessen, dass das Christentum von Anfang an eine Bekehrungsreligion war: Die sich der Gemeinde anschlossen, erlitten vielfach den Verlust der hergebrachten Sozialbeziehungen des antiken »Hauses« mit dem pater familias (»Vater der Familie«) an der Spitze. So gesehen ist die Gemeinde eine alleinerziehende Mutter von lauter Brüdern und Schwestern, die von ihren irdischen Vätern des Hauses verwiesen wurden.

Klarer kommt der hier angedeutete Konflikt zwischen irdischer und himmlischer Vaterrolle in 1. Johannes 5,18 zur Sprache: Die Kinder Gottes werden nicht »aus dem Willen eines Mannes«, sondern »aus Gott« geboren. Gott und der Wille des Mannes, die männliche und die göttliche Logik, bilden hier einen scharfen Gegensatz.

Gerade als Feminist komme ich deshalb mit Gott als »Vater« ganz gut klar, ohne der biblischen Sprache zu Leibe rücken zu müssen.

Manuel Vogel

Der Autor ist Professor für Neues Testament und Dekan der Theologischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

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Miteinander zu sprechen ist wichtiger, als mit einer Stimme zu sprechen

7. Mai 2018 von redaktionguh  
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Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen: Geschäftsführerin Elisabeth Dieckmann über verschiedene Aspekte der Ökumene

Haltung ist ebenso wichtig wie Inhalt, geht es um die Ökumene in Deutschland. Elisabeth Dieckmann, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) über den Schwung nach dem Reformationsjahr, aktuelle Herausforderungen und einfache ökumenischen Praktiken.

Der Ökumene-Tag in Halle, auf dem Sie den Hauptvortrag hielten, stand unter dem Thema »Jetzt geht’s weiter«. Das klingt nach Aufbruch, oder?
Dieckmann:
Ja, es ist eine Aufbruchstimmung zu spüren. Das Reformationsjahr ist ja wirklich ökumenisch gefeiert worden und das Fundament, das uns alle trägt, ist gewachsen. Das kann nicht mehr kaputt gemacht werden, und mehr noch, es kann uns Auftrieb geben.

Elisabeth Dieckmann. Foto: epd-bild

Elisabeth Dieckmann. Foto: epd-bild

Ich spüre jedenfalls Elan und neue Zuversicht, um bei Herausforderungen in der Gesellschaft, aber auch im Dialog mit anderen Religionen mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen. Gleichzeitig schätzen wir unsere Pluralität wert. Es gibt natürlich weiterhin Unterschiede. Wir können und müssen nicht an jeder Stelle mit einer Stimme sprechen. Aber wir sind bereit, miteinander zu reden. Wie Reinhard Kardinal Marx sagte: 2017 ist ein Kairos, ein Geschenk der Gnade.

Bedeutet die pastorale Orientierungshilfe für das Abendmahl einen Rückschlag? Die Deutsche Bischofskonferenz hatte sie beschlossen, aber einige Bischöfe scherten danach aus und beschwerten sich beim Vatikan.
Dieckmann:
Das Kirchenrecht gewährt einen gewissen Entscheidungsspielraum: Soll ein katholischer Spender einem Protestanten die Kommunion reichen, muss eine schwerwiegende geistliche Notlage vorliegen.

1983 wurde kirchenrechtlich festgelegt, dass der Diözesanbischof oder die Bischofskonferenz entscheidet, wann eine solche Notlage eintritt. Die neue pastorale Orientierungshilfe hat das Ziel, dem Pfarrer vor Ort einen Entscheidungsspielraum zu überlassen, so dass er im Gespräch mit betroffenen Eheleuten eine gute Lösung finden kann.

Ich persönlich finde es sehr bedauerlich, dass sich sieben Bischöfe an den Vatikan gewandt haben. Neu ist das nicht, wir kennen das aus der Schwangerenkonfliktberatung. Nun müssen wir abwarten, wie Rom entscheidet. Ich möchte sehr hoffen, dass nicht eine Minderheit über den Weg nach Rom die Mehrheit überstimmt. Die Bischofskonferenz hat mit ihrer Handreichung eine ökumenische Öffnung bestätigt, die in vielen katholischen Gemeinden bereits Praxis ist.

Ist diese pastorale Orientierungshilfe eine glückliche Stunde der Ökumene oder Murks?
Dieckmann:
Unsere Haltung ist entscheidend! Nur mit Forderungen auf den Partner zuzugehen, bringt uns nicht voran. Sind wir ehrlich oder rückwärtsgewandt, verharrend auf unseren eigenen Vorurteilen? Ich finde, in der deutschen Ökumene geht es durchaus ehrlich zu. Aber ich kann nachvollziehen, dass es den konfessionsverschiedenen Ehepaaren zu langsam geht.

Ist die Basis weiter als es Kirchenleitung und Theologen sind?
Dieckmann:
Das kann man so pauschal nicht sagen. Es muss Spielräume geben, und es gibt sie. Kirche ist nicht dazu da, ein starres Korsett vorzugeben. Natürlich gibt es Menschen an der Basis, die nach vorne drängen, das ist gut und richtig so, denn die Kontakte vor Ort tragen die Ökumene. Aber für sichere, stabile, langfristige Beziehungen braucht es auch institutionelle, verbindliche Verabredungen. Sonst wäre Ökumene ganz abhängig von den Handelnden vor Ort.

Die ACK-Mitgliedskirchen haben die Charta Oecumenica unterzeichnet. Was sind die wesentlichen Inhalte?
Dieckmann: Dass wir eine Gemeinschaft bilden in Glauben, Sakramenten, Dienst und Zeugnis. Uns gelingt schon viel, etwa bei Caritas und Diakonie, beim Religionsunterricht. An ostdeutschen Schulen gibt es schon häufiger einen gemeinsamen Reli-Unterricht, weil hier die Zusammenarbeit zwischen den Christen durch die Minderheitensituation und durch die gemeinsame Erfahrung der kommunistischen Diktatur geprägt ist. Manchmal, wie etwa in Berlin, sind es ganz pragmatische Gründe. Es gibt in einigen Bundesländern auch schon einen orthodoxen Religionsunterricht.

Warum verstehen wir Ökumene so oft als katholisch-evangelischen Dialog?
Dieckmann:
Die ACK wirbt seit langem dafür, dieses katholisch-evangelische Übergewicht wahrzunehmen und zu sehen, dass auch Frei- und orthodoxe Kirchen zu Deutschland gehören. Als die Planungen zum Reformationsjubiläum begannen, hieß es noch Lutherdekade, dann Reformationsdekade, schließlich feierten wir ein Christusfest. Die täuferischen Bewegungen, die ja auch aus der Reformation kommen, kamen aber kaum vor. Es ist im breiten Bewusstsein wenig verankert, dass es in Deutschland noch andere Formen von Kirche gibt. Mit einem anderen Taufverständnis, einer anderen Liturgie, einem anderem Gottesdienst-Leben. Aber das sind auch Formen des Christentums, die wir kennen lernen sollten.

Die Charta Oecumenica ist voller guter Ideen, aber sind es nicht zu viele? Der Pfarrer schreibt Predigten, unterrichtet Konfis, besucht Kranke, führt die Gemeinde geistlich und geschäftlich – und dann auch noch Ökumene?
Dieckmann:
Ist das wirklich so, muss ich Ökumene als Zusatzaufgabe auffassen? Muss jede Kirchengemeinde alles machen? Oder kann ich nicht die Chance nutzen, Ökumene als Arbeitsteilung, als Entlastung zu begreifen? Faktisch gibt es einiges, das wir ökumenisch tun können, ohne dass es Arbeit ist: beten! Ob persönlich oder als Fürbitte im Gottesdienst.

Die Fragen stellte Katja Schmidtke.

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Rock und Pop für die Kirche

30. April 2018 von redaktionguh  
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Popularmusik: Im Ursprungsland der Reformation fristet sie ein Nischendasein, kritisiert Kirchenmusik-Dozent Christoph Zschunke.

Popularmusik in der Kirche, auch im Gottesdienst, ist längst eine Selbstverständlichkeit. »Eine Vielzahl neuer geistlicher Lieder und poptypischer Musizierweisen haben längst Einzug gehalten in unsere Gottesdienste und kirchenmusikalische Arbeit«, sagt Christoph Zschunke, Bundeskantor im Christlichen Sängerbund und Dozent für Chorleitung und Popularmusik an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik Halle. Er sieht aber auch beängstigende Defizite. Denn »fast alle Landeskirchen haben diesbezüglich z. B. in den letzten Jahren ergänzende Liederbücher zum Evangelischen Gesangbuch herausgebracht«, erklärt Zschunke. In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) allerdings suche man ein solches bisher vergebens. Hier setze man scheinbar auf die geplante Gesangbuchrevision.

Illustration: lisakolbasa – stock.adobe.com

Illustration: lisakolbasa – stock.adobe.com

Viele Kirchengemeinden haben heute bereits gezielte Gottesdienst- Formate, die sich vorwiegend mit Popularmusik speisen. Es gibt immer häufiger auch sogenannte Profilkirchen, wie Jugendkirchen. Wenn es dort um Musik geht, ist das meist Popularmusik. Zur qualitativen Weiterentwicklung und Verstetigung von Popularmusik im kirchlichen Alltag haben etliche Landeskirchen längst Beauftragte für Popularmusik oder haupt- und nebenberufliche Ausbildungsmodelle (kirchenmusikalische C-Kurse) für Popularkirchenmusik entwickelt. Mitteldeutschland – das Ursprungsland der Reformation – sei diesbezüglich ein weißer Fleck auf der EKD-Landkarte , ärgert sich Zschunke. »Als Kirchenmusiker haben wir kaum Kontakt in diese anderen kulturellen kirchlichen Milieus. Das ist mehr als nur schade!«

Popularmusik gehört in der EKM scheinbar nicht zum Hoheitsbereich der Kirchenmusik, sondern fristet allenfalls ein Nischendasein im Bereich kirchlicher Jugend- und Kulturarbeit. Und selbst dort wurde kürzlich eine wichtige Stelle für die Vernetzung und Angebote an die Basis nicht wieder besetzt.

Dabei wäre für Zschunke vor allem wichtig, dass Kirchenmusiker in ihrer Gesamtheit das breite musikalische Spektrum abdecken können. Er verweist dabei auf Luther, dessen reformatorisches Anliegen es war, die Christen am Gottesdienst wieder zu beteiligen. Also stellt er Fragen, wie: »Für wen machen wir wo welche Angebote? Wen erreichen wir womit? Wollen wir nicht verschiedene Menschen in ihren Hörgewohnheiten und ihrem Lebensgefühl abholen und sie in unsere spirituellen Feiern mitnehmen, sie womöglich auch aufrütteln, gar verstören?«

Im textlastigen Gottesdienst kommt ihm die emotionale Komponente oft zu kurz. Es sei sehr wohl möglich, mit Stilmitteln der Popularmusik auch liturgisch kompatibel zu musizieren. Es gibt etliche Kirchenmusiker, die das mit Überzeugung tun, authentisch, leidenschaftlich und stilsicher. »Wo das gelingt und Gemeinde sich gern beteiligt, wirkt Popularmusik selbst in streng agendarischen Gottesdiensten heutzutage nicht mehr wie ein Fremdkörper, sondern ist selbstverständlich geworden«, erklärt Zschunke.

Doch da klaffen vielerorts Lücken. Er gibt zu bedenken, dass die deutschlandweite Vielfalt an Fortbildungsangeboten in Sachen Popularmusik in der EKM noch zu wenig abgebildet wird. Wichtig wäre ihm auch, mittelfristig aus den poptypischen Milieus eigenen kirchenmusikalischen Nachwuchs generieren zu können. »Solche Profis und Quereinsteiger brauchen wir zunehmend in unserer Kirche«, findet er.

Natürlich gibt es im Bereich der EKM Kirchengemeinden, in denen man sich mit der Popmusik bestens auskennt, wie in der Paulusgemeinde in Halle. »Bei uns ist modernes Liedgut eine Selbstverständlichkeit, auch im Gottesdienst«, sagt Kirchenmusikdirektor Andreas Mücksch. Es sollte so auch anderswo ganz normal sein, dass sowohl die geistliche Musik zur Traditionspflege als auch die Popularmusik gleichermaßen eine Rolle spielen, findet er. »Das ist kein Bruch und das wird als solcher auch nicht wahrgenommen«, so seine Erfahrung. Leider seien da andere Landeskirchen viel weiter als die EKM, meint auch er.

In einigen Kirchenkreisen sollen daher Stellen für Popularmusik geschaffen werden – vorbehaltlich der Finanzierung. Auch die Hochschule für Kirchenmusik plant, den Schwerpunkt auszubauen. Zur Zeit sehen die Pläne des Bachelor-Studiums zwei obligatorische Semester in Popmusik vor, wobei die Studenten Instrument oder Fach frei wählen können. Wer Interesse hat, kann den Schwerpunkt vertiefen und sich praktisch ausprobieren, etwa im Studiochor der EHK oder im PopChor der Studentengemeinde. Geplant ist für September zudem eine Weiterbildung in Popularkirchenmusik.

Claudia Crodel

Hintergrund
Die Evangelische Hochschule für Kirchenmusik Halle (EHK) wurde am 18. April 1926 durch das Konsistorium der Kirchenprovinz Sachsen in Aschersleben gegründet. 1939 siedelte sie nach Halle um. 1993 wurde der Kirchenmusikschule der Status einer Hochschule verliehen. 2001 erfolgte der Umzug ins Händelkarree, im gleichen Jahr wurde die popularmusikalische Ausbildung in die Studiengänge aufgenommen. Die Künstlerischen Aufbaustudiengänge gibt es fortan für die Fächer Orgel, Konzert- und Oratoriengesang und Chor- und Orchesterleitung. Die EHK zählt aktuell 53 Studenten.

www.ehk-halle.de


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Auf der Suche nach Gott

23. April 2018 von redaktionguh  
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Abonnenten aus aller Welt: Michael und Judith Schalter betreuen auf Facebook das »Projekt Glaubensfragen«.

Woher kann ich wissen, dass es Gott überhaupt gibt? Und wie betet man richtig? Grundsätzliche und ganz praktische Fragen zum Glauben finden sich auf der Plattform »Projekt Glaubensfragen« im Internet. Die Antworten darauf liefern die Nutzer der Plattform selbst. Mehr als 171 000 Menschen haben den Facebook-Auftritt unter www.facebook.com/Projekt.Glaubensfragen abonniert. Hinter dem 2011 gestarteten Projekt stehen Michael und Judith Schalter aus Meckenheim.

Foto: AboutLife – stock.adobe.com

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2010 hatte der Evangeliums-Rundfunk ERF das Angebot »Nikodemus.net« beendet. »Das fanden wir schade«, sagt Schalter. Schließlich waren dort mehr als 700 frei abrufbare Fragen und Antworten zum christlichen Glauben zu finden. So kam die Idee auf, eine eigene Facebook-Seite mit dem Schwerpunkt Glaubensfragen online zu stellen.

Kindertaufe, der Sinn des Lebens, die Frage nach Verhütung, Nahtoderfahrungen, Kirchenbesuch oder Theodizee: Breit gefächert sind die mehr als 100 Fragen, die von Nutzern gestellt und von Schalters anonymisiert eingepflegt wurden. Rund 15 bis 30 Kommentare finden sich im Schnitt dazu.

Die größte Gruppe der Leser sei unter 24 Jahre alt, erklärt Schalter. Das sei sicher auch durch das Medium Internet bedingt. Allerdings sei bei Kommentaren und Beiträgen auch die Gruppe der 25- bis über 65-Jährigen stark vertreten. Beim Lesen der Kommentare wird klar, dass die Nutzer aus der ganzen Welt stammen. Auch deshalb sind mehr als die Hälfte der Beiträge in Englisch verfasst. Dazu gehören Bilder, Texte und Videos, die Schalters einstellen, wenn über längere Zeit keine neuen Glaubensfragen eingesendet werden.

»Wir haben uns überlegt, wie wir Menschen mit dem Evangelium in Ländern erreichen können, in denen Mission großteils verboten ist«, sagt Schalter. So sei es beispielsweise nicht erlaubt nach Saudi-Arabien eine Bibel einzuführen. Jeder siebte Einwohner habe aber einen Facebook-Account. »Deshalb haben wir in Saudi-Arabien und anderen streng muslimisch geprägten Ländern gezielt Facebook-Kampagnen durchgeführt, um ›unerreichbare‹ Menschen mit der Frohen Botschaft von Jesus Christus zu konfrontieren«, sagt Schalter. Das sei auch durch Spenden von Freunden und Abonnenten der Facebook-Seite möglich geworden. Inzwischen hat die Facebook-Seite mehr Abonnenten aus Saudi-Arabien als aus der Schweiz, erklären die Webseiten-Betreiber.

Ein- bis zweimal die Woche posten Judith und Michael Schalter ganz spontan, bringen sich auch selbst immer wieder in Diskussionen ein. Das funktioniert auch deshalb so gut, weil der Familiencomputer im Esszimmer steht. Die Moderation läuft so im Alltagsgeschehen mit. Allerdings veröffentlichen beide nicht jede Glaubensfrage, die sie erreicht. »Entweder beantworten wir diese dann in einer persönlichen Nachricht oder wir verweisen auf weitere Angebote im Netz«, sagt Michael Schalter. »Uns ist es wichtig, dass die Fragen den Fragesteller persönlich bewegen oder betreffen«, nennt er ein entscheidendes Auswahl-Kriterium. Würden Antworten bei allgemeinen theologischen Streitfragen schon in der Frage vorweggenommen, verwiesen sie auf entsprechende Foren im Netz.

Eine Ausnahme bilden sogenannte Brennpunktthemen auf der Seite – wie geteilte Zeitungsartikel oder aktuelle Themen. Hier können und sollen sogar kontroverse Standpunkte diskutiert werden. So entbrannte etwa auf die vom Papst ins Spiel gebrachte Neufassung des Vaterunsers im Dezember eine lebhafte Diskussion. Mehr als 90 Nutzer teilten das Thema, mehr als 200 stellten einen Kommentar dazu.

Die Nutzer sprechen auf der Seite aber auch über ihre persönlichen Sorgen und Zweifel mit ihrem Glauben. So schreibt eine Frau: »Mir wäre es lieber, er (Gott) würde wenigstens einen kleinen Teil der Verantwortung und Sorgen beseitigen. Ich schaffe es allein einfach nicht mehr.«

Was Judith und Michael Schalter auf ihrer Facebook-Seite beobachtet haben, ist, dass sich junge Menschen nicht mehr so sehr für eine Konfessions- oder Religionszugehörigkeit interessieren. Vielmehr wollten diese ihren Glauben individuell leben. »Die Fragen nach Gott sind da, aber es werden von den beiden großen Kirchen offensichtlich kaum Antworten darauf erwartet«, sagt Michael Schalter. »Es besteht in vielen Kommentaren eine Unsicherheit, ob der Pfarrer eigentlich auch glaubt, was er sagt.« Oft werde dabei der Wunsch nach einer authentischen Gotteserfahrung und Beziehung sichtbar.

Schalters gehen auf diese Glaubensvorstellungen insofern ein, dass sie den überkonfessionellen Charakter der Facebook-Seite konsequent verfolgen. »Allerdings haben wir im Impressum stehen, dass wir Mitglieder der evangelischen Kirche sind.« Auf der anderen Seite gehe es nicht darum, den unzähligen Glaubensgemeinschaften, die im Netz unterwegs sind, eine Plattform zu bieten, führt Schalter weiter aus. Vielmehr stehe die individuelle Erfahrung des einzelnen Gläubigen mit Gott im Vordergrund.

Bei allem Engagement für die Facebook-Seite tauchen Judith und Michael Schalter allerdings nicht völlig in die Netzwelt ab. »Uns ist natürlich auch bewusst, dass oftmals das Internet, der Hort allen Wissens und allen Wahns, als Steinbruch für den Bau der eigenen Patchwork-Religion gebraucht wird«, sagt Michael Schalter. »Es wird nur verwendet, was mich in meiner eigenen Meinung und meinem eigenen Weltbild bestärkt.«

Aus diesem Grund sei es ihnen wichtig, einer Gemeinde mit Menschen als Gegenüber anzugehören, erklären beide. Entscheidend sei, dass dabei auch eigene Standpunkte hinterfragt werden und Gemeinschaft konkret und spürbar gelebt werde. Auch deshalb fühlen sich beide ihrer Kirchengemeinde sehr verbunden.

Florian Riesterer

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In guter Hoffnung? In guter Hoffnung!

15. April 2018 von redaktionguh  
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Die ökumenische Initiative für den Lebensschutz steht in diesem Jahr unter dem Motto »Kinderwunsch. Wunschkind. Unser Kind!« und setzt sich kritisch mit der Pränataldiagnostik auseinander.

Wenn eine Frau bemerkt, dass sie schwanger ist, beginnt damit in aller Regel eine Zeit intensiver Gefühle. Auch wenn sich eine werdende Mutter auf ihr Kind freut, lassen Fragen, Sorgen und Befürchtungen nicht lange auf sich warten: Wie wird der Partner reagieren? Wird das Kind gesund sein? Kann ich in meiner derzeitigen Lebenssituation für ein Kind überhaupt richtig sorgen?

Mit dem Eintritt einer Schwangerschaft erweitert sich der Verantwortungsbereich werdender Eltern schlagartig. Plötzlich gibt es da noch jemanden, für den man verantwortlich ist, und zwar deutlich umfassender als in Beziehungen zwischen eigenständigen Menschen. Viele Paare erleben diese neue Verantwortung als verunsichernd und müssen erst lernen, mit ihr umzugehen.

Verantwortungsbewusste werdende Eltern fürchten nichts mehr, als für das Wohl ihres Kindes etwas zu versäumen. Insbesondere in schwangeren Frauen löst die völlige Abhängigkeit des entstehenden Kindes vom eigenen Leib und der eigenen Lebensführung häufig ambivalente Gefühle aus: Es ist beglückend, faszinierend, bedrängend, erstaunlich, irritierend und manchmal auch erschütternd, wenn eine bis dahin selbstbestimmt lebende Frau sich plötzlich leiblichen und seelischen Veränderungen überlassen muss, die sie nicht selbst in der Hand hat.

Vom 14. bis 21. April lädt die »Woche für das Leben« zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Methoden der Pränataldiagnostik ein. Foto: ©iStock.com/Denkuvaiev

Vom 14. bis 21. April lädt die »Woche für das Leben« zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Methoden der Pränataldiagnostik ein. Foto: ©iStock.com/Denkuvaiev

Mit einem gewissen Maß an Kontrollverlust ist jede Schwangerschaft verbunden. Dass das entstehende Kind sich während der Schwangerschaft im Verborgenen entwickelt, ist nicht nur eine leibliche Gegebenheit, sondern verweist auf das grundsätzlich Unvorhersehbare jedes menschlichen Lebens.

Mehr Vertrauen

Gesteigerte Verantwortung in Verbindung mit weniger Kontrolle – in dieser verunsichernden Gefühlslage ein Ja zu dem entstehenden Kind zu finden, ist die Aufgabe, die werdende Eltern zu meistern haben. Sie stellt Anforderungen an persönliche Fähigkeiten ganz eigener Art: die Fähigkeit, dem Leben zu vertrauen, an eine gute Zukunft zu glauben und dem Unvorhersehbaren mit Hoffnung zu begegnen. In der Bibel wird diese Fähigkeit als Glaube bezeichnet: »Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.« (Hebr 11, 1). Glaube und Hoffnung gehören zusammen.

Der Begriff der Hoffnung bezeichnet an sich schon eine positive Grundhaltung im Blick auf die Zukunft, wobei über die Wahrscheinlichkeit der Erfüllung noch nichts ausgesagt wird. Es gibt auch ganz irreale Hoffnungen. Wenn Menschen aber sagen, sie seien guter Hoffnung, dass dies oder jenes geschehe, dann verbirgt sich dahinter die Zuversicht, ja fast schon die Erwartung einer günstigen Entwicklung. Seit mehreren Jahrhunderten bezeichnet die Redewendung »guter Hoffnung sein« den Zustand einer Schwangerschaft. Damit wird Verschiedenes ausgesagt: dass die allermeisten Schwangerschaften positiv verlaufen, dass am Ende der Schwangerschaft etwas Gutes steht, nämlich die Geburt eines Kindes, und dass die gute Hoffnung die der Schwangerschaft angemessenste Haltung ist. Die gute Hoffnung als Grundhaltung in der Schwangerschaft muss sich aber immer wieder gegen Unsicherheit, diffuse Ängste und konkrete Befürchtungen durchsetzen.

Im Kontext von gesteigerter Verantwortung, grundsätzlicher Unvorhersehbarkeit und labilen Hoffnungen ist auch die Schwangerenvorsorge angesiedelt, der sich in Deutschland nahezu alle schwangeren Frauen unterziehen. Das hohe sittliche Verantwortungsbewusstsein werdender Eltern ist aus ethischer Sicht ein kostbares Gut.

Das Ziel der Schwangerenvorsorge ist es, die werdenden Eltern in ihrer guten Hoffnung zu unterstützen. Häufig tragen die regelmäßigen Untersuchungen auch dazu bei, Befürchtungen zu zerstreuen.

Viele Frauen erleben die engmaschige Kontrolle ihrer Schwangerschaft aber auch als belastend. Sie bekommen bei jedem neuen Kontrolltermin vor Augen geführt, was alles nicht stimmen könnte. Viele schwangere Frauen nehmen als Subtext der in Deutschland üblichen Schwangerenvorsorge wahr: Jede Schwangerschaft ist ein Risiko und es kann sehr viel passieren. Immer wieder sagen schwangere Frauen: »Ich getraue mich einfach nicht, mich auf das Kind zu freuen.« Ob die Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft die gute Hoffnung stärken oder untergraben, hängt wesentlich vom Vertrauensverhältnis zwischen dem medizinischen Fachpersonal (Arzt/Ärztin/Hebamme) und den werdenden Eltern ab. Kontrollen und Tests sind jedenfalls kein Ersatz für die in der Schwangerschaft notwendige Grundhaltung der guten Hoffnung. Diese lebt von Zuspruch und Vertrauen, sei es in den eigenen Körper, sei es in Gott.

Wieviel Wissen tut gut?

Die Grundhaltung der guten Hoffnung ist Angriffen von vielen Seiten ausgesetzt, denn bei einer Schwangerschaft reden außer dem Partner und dem Arzt noch viele andere mit: Eltern und Schwiegereltern, Freundinnen und Kolleginnen, Elternmagazine, Internetblogs und Werbeanzeigen. Aufgrund ihres Wunsches, alles richtig zu machen und nichts zu versäumen, informieren sich werdende Eltern heute eher zu viel als zu wenig. Überall begegnen sie Appellen an ihr Verantwortungsgefühl. Diese gehen weit über Vorsorgemaßnahmen hinaus und erwecken in den werdenden Eltern den Eindruck, dass auch die Durchführung pränataldiagnostischer Maßnahmen zu einer verantwortlichen Elternschaft gehöre.

Zahlreiche schwangere Frauen bzw. Paare nehmen die Pränataldiagnostik in Anspruch, weil sie sich ein Leben mit einem behinderten Kind nicht vorstellen können. Sie möchten sicher sein, dass ihr Kind bestimmte Behinderungen nicht haben wird, und würden sich im Falle eines positiven Befundes für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden. Für diese Paare gehört das Wissen um die genetische Ausstattung ihres Kindes zu einer »selbstbestimmten« Schwangerschaft. Man muss fragen, ob diese Auffassung mit unseren Grundwerten und unserer Rechtslage vereinbar ist. Auch wenn sie dies nicht ist, sieht die Realität oftmals dennoch so aus.

Da pränataldiagnostische Untersuchungen aber auch Elternpaaren angeboten werden, für die ihr Kind eigentlich gar nicht zur Disposition steht, werden diese vor Entscheidungen gestellt, die sie nie treffen wollten: »Soll ich mich nicht doch versichern, dass das Kind gesund ist? Und was ist, wenn ich es nicht tue? Bin ich dann verantwortlich, wenn das Kind eine Behinderung hat? Werden die Leute denken: ›Selbst schuld‹?«

Der Druck steigt

Der Druck auf werdende Eltern, auch selektive vorgeburtliche Untersuchungen vornehmen zu lassen, ist in den letzten Jahrzehnten permanent gestiegen. Seit einigen Jahren steht Paaren schon in der Frühphase der Schwangerschaft eine Möglichkeit zur Verfügung, Chromosomenveränderungen und bestimmte genetische Veränderungen beim Embryo/Fötus an fetalen Zellen im mütterlichen Blut nachzuweisen. Diese Tests sind bisher nicht Bestandteil der Schwangerenvorsorge, aber sie werden von den pharmazeutischen Herstellern vor allem im Internet weltweit beworben.

Die Schlüsselbegriffe im Marketing der Anbieter sind Wissen, Information, Aufklärung und Gewissheit. Konstruiert werden Narrative von verantwortungsvollen und beschützenden Müttern, die sich umfassend informieren und keine Wissenslücke riskieren. Von den Namen der Präparate bis zu den Kernbotschaften der Werbetexte (»Gewissheit erlangen. Ohne Risiko für das Kind.«) macht sich die Werbung den Wunsch werdender Eltern, insbesondere werdender Mütter, nach einer gesunden und glücklichen Familie zunutze.

Durchgängig präsentieren die Pharmafirmen ihre Tests als einfach, harmlos und risikolos. Konsequent verschwiegen wird, dass für so gut wie keine der diagnostizierten Krankheiten eine Möglichkeit der Therapie besteht und der Abbruch der Schwangerschaft derzeit in fast allen Fällen die einzige Möglichkeit ist, die Geburt von Kindern mit den diagnostizierten Behinderungen zu verhindern. Die Tendenz in der Entwicklung der Pränataldiagnostik ist eindeutig: immer frühere Tests, immer mehr diagnostizierbare genetische Abweichungen, immer flächendeckendere Angebote.

Frauen, die guter Hoffnung sind, sollten sich klarmachen, wofür sie verantwortlich sind und wofür nicht. Gute Hoffnung berechtigt nicht zu einer für das Kind schädlichen, also verantwortungslosen Lebensführung. Aber von »verantwortlicher Elternschaft« kann auch nicht gesprochen werden, wo es darum geht, die Geburt von Kindern mit Behinderungen zu verhindern.

Für die genetische Ausstattung ihrer Kinder sind Eltern nicht verantwortlich. Sie müssen sie vor der Geburt auch nicht kennen. Manchmal stärkt Wissen die gute Hoffnung, manchmal aber auch nicht. Es gibt ein Recht auf Nichtwissen, wo das Wissen die Beziehung zum entstehenden Kind gefährden kann.

Manchmal brauchen schwangere Frauen Klarheit, um selbstbestimmte Entscheidungen treffen zu können, manchmal brauchen sie aber vor allem Unterstützung. Können Entscheidungen, die aus der Angst heraus getroffen werden, nachher mit einem behinderten Kind allein dazustehen, als »selbstbestimmt« bezeichnet werden? Die Sache mit der Verantwortung, mit dem Wissen und mit der Selbstbestimmung ist in der Schwangerschaft vielschichtig.

Eine Leitfrage für schwangere Frauen könnte sein: Was stärkt mich in meiner guten Hoffnung? Am Ende kommt es in der Schwangerschaft auf das an, worauf es im Leben immer ankommt, auf Glaube, Liebe und Hoffnung (1. Korinther 13,13).

Christiane Kohler-Weiß

Die Autorin ist Kirchenrätin der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Stuttgart.

Weitere Infos: www.woche-fuer-das-leben.de

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