In guter Hoffnung? In guter Hoffnung!

15. April 2018 von redaktionguh  
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Die ökumenische Initiative für den Lebensschutz steht in diesem Jahr unter dem Motto »Kinderwunsch. Wunschkind. Unser Kind!« und setzt sich kritisch mit der Pränataldiagnostik auseinander.

Wenn eine Frau bemerkt, dass sie schwanger ist, beginnt damit in aller Regel eine Zeit intensiver Gefühle. Auch wenn sich eine werdende Mutter auf ihr Kind freut, lassen Fragen, Sorgen und Befürchtungen nicht lange auf sich warten: Wie wird der Partner reagieren? Wird das Kind gesund sein? Kann ich in meiner derzeitigen Lebenssituation für ein Kind überhaupt richtig sorgen?

Mit dem Eintritt einer Schwangerschaft erweitert sich der Verantwortungsbereich werdender Eltern schlagartig. Plötzlich gibt es da noch jemanden, für den man verantwortlich ist, und zwar deutlich umfassender als in Beziehungen zwischen eigenständigen Menschen. Viele Paare erleben diese neue Verantwortung als verunsichernd und müssen erst lernen, mit ihr umzugehen.

Verantwortungsbewusste werdende Eltern fürchten nichts mehr, als für das Wohl ihres Kindes etwas zu versäumen. Insbesondere in schwangeren Frauen löst die völlige Abhängigkeit des entstehenden Kindes vom eigenen Leib und der eigenen Lebensführung häufig ambivalente Gefühle aus: Es ist beglückend, faszinierend, bedrängend, erstaunlich, irritierend und manchmal auch erschütternd, wenn eine bis dahin selbstbestimmt lebende Frau sich plötzlich leiblichen und seelischen Veränderungen überlassen muss, die sie nicht selbst in der Hand hat.

Vom 14. bis 21. April lädt die »Woche für das Leben« zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Methoden der Pränataldiagnostik ein. Foto: ©iStock.com/Denkuvaiev

Vom 14. bis 21. April lädt die »Woche für das Leben« zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Methoden der Pränataldiagnostik ein. Foto: ©iStock.com/Denkuvaiev

Mit einem gewissen Maß an Kontrollverlust ist jede Schwangerschaft verbunden. Dass das entstehende Kind sich während der Schwangerschaft im Verborgenen entwickelt, ist nicht nur eine leibliche Gegebenheit, sondern verweist auf das grundsätzlich Unvorhersehbare jedes menschlichen Lebens.

Mehr Vertrauen

Gesteigerte Verantwortung in Verbindung mit weniger Kontrolle – in dieser verunsichernden Gefühlslage ein Ja zu dem entstehenden Kind zu finden, ist die Aufgabe, die werdende Eltern zu meistern haben. Sie stellt Anforderungen an persönliche Fähigkeiten ganz eigener Art: die Fähigkeit, dem Leben zu vertrauen, an eine gute Zukunft zu glauben und dem Unvorhersehbaren mit Hoffnung zu begegnen. In der Bibel wird diese Fähigkeit als Glaube bezeichnet: »Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.« (Hebr 11, 1). Glaube und Hoffnung gehören zusammen.

Der Begriff der Hoffnung bezeichnet an sich schon eine positive Grundhaltung im Blick auf die Zukunft, wobei über die Wahrscheinlichkeit der Erfüllung noch nichts ausgesagt wird. Es gibt auch ganz irreale Hoffnungen. Wenn Menschen aber sagen, sie seien guter Hoffnung, dass dies oder jenes geschehe, dann verbirgt sich dahinter die Zuversicht, ja fast schon die Erwartung einer günstigen Entwicklung. Seit mehreren Jahrhunderten bezeichnet die Redewendung »guter Hoffnung sein« den Zustand einer Schwangerschaft. Damit wird Verschiedenes ausgesagt: dass die allermeisten Schwangerschaften positiv verlaufen, dass am Ende der Schwangerschaft etwas Gutes steht, nämlich die Geburt eines Kindes, und dass die gute Hoffnung die der Schwangerschaft angemessenste Haltung ist. Die gute Hoffnung als Grundhaltung in der Schwangerschaft muss sich aber immer wieder gegen Unsicherheit, diffuse Ängste und konkrete Befürchtungen durchsetzen.

Im Kontext von gesteigerter Verantwortung, grundsätzlicher Unvorhersehbarkeit und labilen Hoffnungen ist auch die Schwangerenvorsorge angesiedelt, der sich in Deutschland nahezu alle schwangeren Frauen unterziehen. Das hohe sittliche Verantwortungsbewusstsein werdender Eltern ist aus ethischer Sicht ein kostbares Gut.

Das Ziel der Schwangerenvorsorge ist es, die werdenden Eltern in ihrer guten Hoffnung zu unterstützen. Häufig tragen die regelmäßigen Untersuchungen auch dazu bei, Befürchtungen zu zerstreuen.

Viele Frauen erleben die engmaschige Kontrolle ihrer Schwangerschaft aber auch als belastend. Sie bekommen bei jedem neuen Kontrolltermin vor Augen geführt, was alles nicht stimmen könnte. Viele schwangere Frauen nehmen als Subtext der in Deutschland üblichen Schwangerenvorsorge wahr: Jede Schwangerschaft ist ein Risiko und es kann sehr viel passieren. Immer wieder sagen schwangere Frauen: »Ich getraue mich einfach nicht, mich auf das Kind zu freuen.« Ob die Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft die gute Hoffnung stärken oder untergraben, hängt wesentlich vom Vertrauensverhältnis zwischen dem medizinischen Fachpersonal (Arzt/Ärztin/Hebamme) und den werdenden Eltern ab. Kontrollen und Tests sind jedenfalls kein Ersatz für die in der Schwangerschaft notwendige Grundhaltung der guten Hoffnung. Diese lebt von Zuspruch und Vertrauen, sei es in den eigenen Körper, sei es in Gott.

Wieviel Wissen tut gut?

Die Grundhaltung der guten Hoffnung ist Angriffen von vielen Seiten ausgesetzt, denn bei einer Schwangerschaft reden außer dem Partner und dem Arzt noch viele andere mit: Eltern und Schwiegereltern, Freundinnen und Kolleginnen, Elternmagazine, Internetblogs und Werbeanzeigen. Aufgrund ihres Wunsches, alles richtig zu machen und nichts zu versäumen, informieren sich werdende Eltern heute eher zu viel als zu wenig. Überall begegnen sie Appellen an ihr Verantwortungsgefühl. Diese gehen weit über Vorsorgemaßnahmen hinaus und erwecken in den werdenden Eltern den Eindruck, dass auch die Durchführung pränataldiagnostischer Maßnahmen zu einer verantwortlichen Elternschaft gehöre.

Zahlreiche schwangere Frauen bzw. Paare nehmen die Pränataldiagnostik in Anspruch, weil sie sich ein Leben mit einem behinderten Kind nicht vorstellen können. Sie möchten sicher sein, dass ihr Kind bestimmte Behinderungen nicht haben wird, und würden sich im Falle eines positiven Befundes für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden. Für diese Paare gehört das Wissen um die genetische Ausstattung ihres Kindes zu einer »selbstbestimmten« Schwangerschaft. Man muss fragen, ob diese Auffassung mit unseren Grundwerten und unserer Rechtslage vereinbar ist. Auch wenn sie dies nicht ist, sieht die Realität oftmals dennoch so aus.

Da pränataldiagnostische Untersuchungen aber auch Elternpaaren angeboten werden, für die ihr Kind eigentlich gar nicht zur Disposition steht, werden diese vor Entscheidungen gestellt, die sie nie treffen wollten: »Soll ich mich nicht doch versichern, dass das Kind gesund ist? Und was ist, wenn ich es nicht tue? Bin ich dann verantwortlich, wenn das Kind eine Behinderung hat? Werden die Leute denken: ›Selbst schuld‹?«

Der Druck steigt

Der Druck auf werdende Eltern, auch selektive vorgeburtliche Untersuchungen vornehmen zu lassen, ist in den letzten Jahrzehnten permanent gestiegen. Seit einigen Jahren steht Paaren schon in der Frühphase der Schwangerschaft eine Möglichkeit zur Verfügung, Chromosomenveränderungen und bestimmte genetische Veränderungen beim Embryo/Fötus an fetalen Zellen im mütterlichen Blut nachzuweisen. Diese Tests sind bisher nicht Bestandteil der Schwangerenvorsorge, aber sie werden von den pharmazeutischen Herstellern vor allem im Internet weltweit beworben.

Die Schlüsselbegriffe im Marketing der Anbieter sind Wissen, Information, Aufklärung und Gewissheit. Konstruiert werden Narrative von verantwortungsvollen und beschützenden Müttern, die sich umfassend informieren und keine Wissenslücke riskieren. Von den Namen der Präparate bis zu den Kernbotschaften der Werbetexte (»Gewissheit erlangen. Ohne Risiko für das Kind.«) macht sich die Werbung den Wunsch werdender Eltern, insbesondere werdender Mütter, nach einer gesunden und glücklichen Familie zunutze.

Durchgängig präsentieren die Pharmafirmen ihre Tests als einfach, harmlos und risikolos. Konsequent verschwiegen wird, dass für so gut wie keine der diagnostizierten Krankheiten eine Möglichkeit der Therapie besteht und der Abbruch der Schwangerschaft derzeit in fast allen Fällen die einzige Möglichkeit ist, die Geburt von Kindern mit den diagnostizierten Behinderungen zu verhindern. Die Tendenz in der Entwicklung der Pränataldiagnostik ist eindeutig: immer frühere Tests, immer mehr diagnostizierbare genetische Abweichungen, immer flächendeckendere Angebote.

Frauen, die guter Hoffnung sind, sollten sich klarmachen, wofür sie verantwortlich sind und wofür nicht. Gute Hoffnung berechtigt nicht zu einer für das Kind schädlichen, also verantwortungslosen Lebensführung. Aber von »verantwortlicher Elternschaft« kann auch nicht gesprochen werden, wo es darum geht, die Geburt von Kindern mit Behinderungen zu verhindern.

Für die genetische Ausstattung ihrer Kinder sind Eltern nicht verantwortlich. Sie müssen sie vor der Geburt auch nicht kennen. Manchmal stärkt Wissen die gute Hoffnung, manchmal aber auch nicht. Es gibt ein Recht auf Nichtwissen, wo das Wissen die Beziehung zum entstehenden Kind gefährden kann.

Manchmal brauchen schwangere Frauen Klarheit, um selbstbestimmte Entscheidungen treffen zu können, manchmal brauchen sie aber vor allem Unterstützung. Können Entscheidungen, die aus der Angst heraus getroffen werden, nachher mit einem behinderten Kind allein dazustehen, als »selbstbestimmt« bezeichnet werden? Die Sache mit der Verantwortung, mit dem Wissen und mit der Selbstbestimmung ist in der Schwangerschaft vielschichtig.

Eine Leitfrage für schwangere Frauen könnte sein: Was stärkt mich in meiner guten Hoffnung? Am Ende kommt es in der Schwangerschaft auf das an, worauf es im Leben immer ankommt, auf Glaube, Liebe und Hoffnung (1. Korinther 13,13).

Christiane Kohler-Weiß

Die Autorin ist Kirchenrätin der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Stuttgart.

Weitere Infos: www.woche-fuer-das-leben.de

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Es geht nur zusammen

9. April 2018 von redaktionguh  
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Struktur: Der Kirchenkreis Jena hat sich 2002 neu aufgestellt und 65 Kirchengemeinden in sieben Regionen aufgeteilt. Den Prozess hat der Psychologe Rüdiger Trimpop begleitet. Beatrix Heinrichs hat mit ihm darüber gesprochen.

Mit welchen Erwartungen sind die Akteure an die strukturellen Veränderungen herangegangen?
Trimpop:
Wie an vielen anderen Orten hatte man das Problem, dass die Zahl der Kirchenmitglieder rückläufig war. Pfarrer mussten viele Gemeindebezirke gleichzeitig betreuen und waren überlastet. Die Ziele in der Gemeindearbeit waren so nicht weiter befriedigend umsetzbar, deshalb wollte man Bereiche zusammenlegen, um die Kirche in Jena für die Zukunft zu wappnen.

Die Planung wurde von den Gemeinden nicht so angenommen, wie erhofft. Woran lag das?
Trimpop:
Die Umstrukturierung war am grünen Tisch entstanden. Oft sind Leitende nicht mehr am Herzschlag dessen, was in einer Gemeinde gefühlt und gedacht wird. Veränderungsprozesse sollten daher frühzeitig eingeleitet werden.

Wenn Gemeinden zusammengelegt werden, worin liegt die größte Herausforderung?
Trimpop:
Pfarrer, Gemeindekirchenräte und Kirchenmitglieder sind Menschen wie alle andere auch. Da gibt es persönliche Eitelkeiten, Gewohnheiten, möglicherweise Misstrauen. Auch die Auslegung des Glaubens kann eine Rolle spielen: Manche Gemeinden sind sehr streng gläubig, andere in ihrer Deutung der Bibel eher flexibler.

Wie schafft man es, diese Unterschiede zusammenzubringen?
Trimpop:
Der entscheidende Faktor lautet Partizipation. Es ist enorm wichtig, Gemeindeglieder von vornherein mit einzubeziehen, sie nach ihren Vorstellungen und Bedürfnissen zu fragen. Erfahrungen und Erwartungen können unterschiedlich sein und müssen im gemeinsamen Gespräch abgeglichen werden.

Wie konnte ihr Lehrstuhl den Kirchenkreis Jena unterstützen?
Trimpop:
Wir haben zunächst moderierte Gesprächsgruppen eingerichtet, in denen geklärt wird, welche Erwartungen bestehen und in denen ausgelotet wird, inwieweit und wo
Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit eine Zusammenarbeit möglich ist.
Diese Informationen haben wir gesammelt und zurück in die Leitungskreise gegeben. Die hier entwickelten Ergebnisse wurden dann über alle Ebenen abgestimmt. Die Umsetzung der Entscheidungen erfolgte auch wieder unter Begleitung.

Wenn Wirtschaftsunternehmen fusionieren, ist es nicht ungewöhnlich, dass externe Berater solche Prozesse mediativ begleiten. In gemeinnützigen Organisationen ist das selten so …
Trimpop:
Das Geld kann nicht der entscheidende Faktor sein. Bei einer Kooperation mit Universitäten ist die gesamte Datenerhebung durch die wissenschaftlichen Vorhaben abgedeckt; Kosten fallen lediglich für die Moderation an.
Das Projekt für den Kirchenkreis Jena zum Beispiel hat unter anderem mit Iris Seliger eine Doktorandin betreut, die im Rahmen ihrer Promotion die Interviews in den Gemeinden führte.
Viele Kirchenkreise geben Unsummen für die Sanierung von Gebäuden aus, scheuen sich jedoch, die Kosten aufzubringen, um Frieden in den Gemeinden zu haben. Aber gerade hier wäre die Begleitung durch eine externe Instanz nötig.

Warum?
Trimpop:
Erfahrungsgemäß gestaltet sich das Thema Führung im gemeinnützigen Bereich viel komplizierter. In der evangelischen Kirche gibt es keine klaren Hierarchien. Hinzu kommt, dass viele der sogenannten Führungskräfte sich nicht als solche verstehen. Hier sollte von Seiten der Landeskirchen explizit Weiterbildung angeboten werden.
Wenn man eine Organisation zukunftsfest machen will, muss man wissen, wie Gemeinden, Mitarbeiter und Ehrenamtliche geführt werden, und wie man sie von wirtschaftlichen Zwecken und Notwendigkeiten überzeugt. Das lernt kein Pfarrer in seiner Ausbildung. Die Weiterbildung steckt hier noch in den Kinderschuhen.

Wo muss man ansetzen, um Wandel positiv zu gestalten?
Trimpop:
Veränderungen sind eine Frage der Kommunikation und Motivation. Man sollte allen Beteiligten deutlich machen, welche Vorteile sich aus dem Zusammenschluss ergeben.
Für die Gemeinden können gezielt Anreize geschaffen werden, sich mit den anderen aktiv auseinanderzusetzen, z. B. indem Mittel für gemeinsame Aktivitäten zur Verfügung gestellt werden.
Eine weiterführende Begleitung, auch nachdem die Entscheidung zum Zusammenschluss getroffen ist, halte ich für sinnvoll. Hier kommt es darauf an, die Gemeinde dabei zu unterstützen, gemeinsame Erfolgserlebnisse zu generieren.
Wenn das gelingt, besteht die Chance, dass die Zusammenarbeit auch auf Dauer klappt.

Rüdiger Trimpop ist Professor am Lehrstuhl für Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.


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Alleingelassen: Wenn die Hirten in den Gemeinden fehlen

Hilferuf: Kirchengemeinden vermissen Seelsorger und haben Angst vor strukturellen Veränderungen

Grafik: Forgem – stock.adobe.com

Grafik: Forgem – stock.adobe.com

Gesungener Glaube

2. April 2018 von redaktionguh  
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Schule und Kirche: Musik prägt, ermutigt und lehrt. Sie hilft auch beim Aufbau einer jungen, lebendigen Gemeinde. Ein Beispiel aus Naumburg.

Seht nach vorn! Denkt schon an euer Publikum«, sagt Jan-Martin Drafehn, und 130 Augenpaare richten auf den Musiklehrer und Domkantor, der im Heft auf dem Notenständer die nächste Seite umblättert. Stille im Andachtssaal der evangelischen Grundschule St. Martin im Herzen Naumburgs. Am geschwungenen Kreuz flackert eine Kerze. Drafehn gibt ein Zeichen und die Jungen und Mädchen stimmen das nächste Lied an: »Im Namen Gottes«. Fast eine Stunde singen sie über Gott, Jesus und die Tempelreinigung. Mal stehen sie, mal sitzen sie auf Schemeln. »Stietzen, also sitzen und stehen«, erinnert Jan-Martin Drafehn seine Schüler an einen geraden Rücken. Das ist wichtig, damit die hohen Töne kraftvoll und laut die kleinen Körper verlassen können.

Schwerpunkt Singen: Die Domschule hat ein musikalisches Profil. Auftritte, wie zur Schuleinführung, gehören dazu. Foto: Katja Schmidtke

Schwerpunkt Singen: Die Domschule hat ein musikalisches Profil. Auftritte, wie zur Schuleinführung, gehören dazu. Foto: Katja Schmidtke

Jeden Freitagmorgen probt der Schulchor unter Leitung von Domkantor Drafehn und der Leiterin der evangelischen Domschule, Regina Keilholz. Musik ist hier nicht irgendein Unterrichtsfach. Musik prägt, neben dem christlichen Glauben und dem reformpädagogischen Konzept, das Leben an dieser Schule. Die Kinder genießen zwei Stunden Musikunterricht wöchentlich und damit doppelt so viel wie im Lehrplan vorgesehen. Für die Dritt- und Viertklässler ist der Chor verbindlich, das freitägliche Singen ist fest im Unterrichtsplan integriert. Aktuell sind auch die Erst- und Zweitklässler dabei. Alle – Kinder, aber auch Mitarbeiter und Eltern – bereiten sich gerade auf das diesjährige Musical vor. Es gehört zu den Traditionen der noch jungen Schule. Am 20. und 21. April wird »Gerempel im Tempel« in der Marienkirche des Doms aufgeführt.

Ganz selbstverständlich erleben die Jungen und Mädchen den Dom als »ihre« Kirche, sagt Schulleiterin Regina Keilholz. Von den Fenstern ihrer Klassenräume blicken sie auf die Steine, denen man die Jahrhunderte ansieht. Regelmäßig gestalten sie Mittagsgebete, feiern Schulgottesdienste. Die Schule ist verbunden mit der Kirche.

Schule und Gemeinde, Schul- und Kirchenmusik, Bildung und Verkündigung sollen zusammenwachsen. Michael Bartsch, Dompfarrer und Vorsitzender des Trägervereins der Schule, ist Initiator dieser Idee. Als ihren Motor beschreibt er Kirchenmusikdirektor Drafehn.

Denn die Idee funktioniert nicht nur aufgrund der räumlichen Nähe zwischen Kirche und Schule, sondern auch wegen der Menschen, die hier wirken. »Als wir die Stelle des Domkantors vor zehn Jahren ausgeschrieben hatten, suchten wir bewusst einen Kirchenmusiker, der Musikunterricht an der Schule gibt«, schildert Pfarrer Bartsch.

Meist sind es die Pfarrer und Gemeindepädagogen, die an die Schulen kommen, aber Kantoren? In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) kennt Michael Bartsch, der Vorstandsvorsitzender der Johannes-Schulstiftung ist, kein vergleichbares Modell und bedauert dies. Der Kirche, die doch händeringend nach der Zukunft suche, sei dieses Beispiel unbedingt zur Nachahmung empfohlen.

»Wir haben ein großes unausgeschöpftes Potenzial in unserer Kirche, was die Kinder- und Jugendarbeit betrifft.« Umso unverständlicher für die Naumburger, dass die Kreissynode den Stellenplan beschlossen hat, der eine Kürzung der Domkantorenstelle vorsieht.

Gelehrt wird nach der Ward-Methode, einem ganzheitlichen Ansatz (Fotos rechts). Foto:Matthias Keilholz

Gelehrt wird nach der Ward-Methode, einem ganzheitlichen Ansatz. Foto:Matthias Keilholz

Naumburg, so Pfarrer Bartsch, erntet die Früchte, die vor 18 Jahren mit der Gründung des Schulvereins gesät wurden. Auch – und das soll nicht verschwiegen werden – unter Anstrengungen und mit Zweifeln innerhalb der 2 800 Glieder umfassenden Gemeinde. Doch der Theologe will evangelische Kindergärten und Schulen nicht als Last, sondern als Lust verstanden wissen.

Er spricht von den Chancen, dass junge Generationen in der Gemeinde wirken. Diese Kinder sind schon da. Sie müssen nicht mühsam gesucht und geworben werden, wenn eine Musical-Aufführung geplant ist oder die Kantorei vergreist.

In Naumburg sprechen die Zahlen für sich: Im vergangenen Jahr wurden 39 Taufen gefeiert, in diesem Jahr möchten sich mehr als 70 Jugendliche konfirmieren lassen, in der Domsingschule singen mehr als 100 Schüler, der Jugendchor umfasst nicht nur 30 Mädchen, sondern auch zwölf Jungen, die nach dem Stimmbruch weitersingen. Der Domchor besteht aus rund 70 Sängern und hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verjüngt. Immer wieder finden auch Eltern über ihre Kinder den Weg in die Kirchenmusik.

»Die Musikarbeit der Gemeinde fußt auf dem Schulsingen«, bilanziert Kantor Drafehn, aber sie sei natürlich offen für alle, und jeder Chor ist eigenständig und kein bloßes Nachwuchsreservoir, betont der Kantor.

Der Musiker ist überzeugt: Jedes Kind kann singen. In der Schule wendet er die Ward-Methode nach der amerikanischen Musikpädagogin Justine Ward an. Nach dieser vokalen Methode sollen alle musikalischen Erfahrungen über die Singstimme vermittelt werden. Dabei bekommt jeder Tone eine Silbe und eine Geste zugeordnet: So erleben die Kinder Singen mit ihrem ganzen Körper. Die Käfergruppe ist an diesem Morgen eifrig und konzentriert dabei. Wenn Jan-Martin Drafehn fragt, wie der Ton klingt, schnellen die Hände in die Höhe. Jeder will zeigen, was er kann.

Im Unterricht und darüber hinaus: Die Musik kreiert in dieser Schule eine ganz eigene Praxis der Frömmigkeit: gesungener Glaube.

Katja Schmidtke

Hintergrund
Die evangelische Domschule St. Martin in Naumburg wurde 2001 eröffnet und befindet sich in Trägerschaft des Vereins »Evangelisches Schulprojekt Burgenlandkreis«. In dem historischen Gebäudekomplex am Dom sind auch Kindergarten und Hort untergebracht, beides trägt die Kirchengemeinde. Zum Kollegium der Grundschule gehören sechs Lehrer, zwei pädagogische Mitarbeiter, ein Schulleiter und vier externe Lehrkräfte. Zwei Stunden Religion werden pro Woche unterrichtet, zum geistlichen Leben gehören Tischgebete, eine wöchentliche Andacht und natürlich die Musik. Unterrichtet wird in Lerngruppen mit Erst- und Zweitklässlern sowie Dritt- und Viertklässlern.


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Das Herz der Kirche ist Mission

25. März 2018 von redaktionguh  
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Die Frage, ob die Kirche missionieren soll, gleicht der Frage, ob es die Kirche geben soll. Wer nicht will, dass die Kirche missioniert, will weder, dass sie Kirche Jesu ist, noch, dass sie eine Zukunft hat.

Oder um es mit den Worten von Eberhard Jüngel auf der EKD-Synode 1999 in Leipzig zu sagen: »Wenn die Kirche ein Herz hätte, ein Herz, das noch schlägt, dann würden Evangelisation und Mission den Rhythmus des Herzens der Kirche in hohem Maße bestimmen.« Mission ist nicht eine von vielen Aufgaben. Mission ist die Identität der Kirche. Sie hat nicht Mission. Sie ist Mission. Der Vater hat Jesus in die Welt gesandt und dieser wiederum sendet die Kirche, seine Apostel, Christen und Christinnen, dass sie Gottes Sehnsucht nach uns Menschen in Wort und Tat verkündigen.

Das ist erst einmal biblisch und theologisch korrekt, provoziert aber viele Fragen und Einwände:

Erstens sind die Begriffe Mission und Evangelisation für viele kirchliche Leute negativ besetzte Reizworte, die nach Bekehrungsdruck, Einseitigkeit, rigider Moral und Fundamentalismus klingen. Auch ich habe missionierende Christen gelegentlich als eifernde Radikalinskis erlebt, die unsensibel und rechthaberisch zur Bekehrung mahnen. Das Evangelium aber ist ein respektvolles Angebot, eine Einladung, der Liebe Christi zu begegnen. Das Anliegen von Mission, Menschen in die Nachfolge Jesu zu rufen, muss aus seiner evangelikalen Verengung befreit werden und wieder zu Ehren kommen.

Keine Wahl: Mission ist nicht eine von vielen möglichen Aufgaben der Kirche, sondern die Identität der Kirche.  Foto: Mirjam Petermann

Keine Wahl: Mission ist nicht eine von vielen möglichen Aufgaben der Kirche, sondern die Identität der Kirche. Foto: Mirjam Petermann

Evangelisation und Mission sind kein Programm besonders frommer und aktiver Christen, sondern Ausdruck der suchenden Liebe Gottes, der Jesus für die Menschen gab und nun die Kirche sendet, um die Menschen zur Freundschaft mit Gott einzuladen.

Zweitens hatte es die Kirche in der Vergangenheit nicht wirklich nötig, Menschen zu gewinnen. Schließlich gehörte jeder irgendwie dazu. Das religiöse Betreuungskonzept aus der konstantinischen Ära der Kirche lebte davon, dass alle, mit Ausnahme der Juden, Kirchenmitglieder waren, die es pfarrgemeindlich zu versorgen galt. Diese Gegebenheit führte zu einer nachlässigen und faulen Grundhaltung in Sachen Mission. Aber die Situation hat sich gründlich gewandelt. Die Entfremdung weiter Teile der Bevölkerung von Glaube und Kirche nicht nur in Ostdeutschland und steigende Kirchenaustrittszahlen zwingen die Kirchen zum Nachdenken darüber, wie sie einladender für Kirchendistanzierte werden können. Heute ist offensichtlich: eine Kirchgemeinde, die nicht missioniert, stirbt, und eine Kirche, die nicht missionarisch lebt, versinkt in der Bedeutungslosigkeit.

Drittens lähmt uns weithin die Erfahrung, dass unsere missionarischen Angebote bei vielen Menschen auf wenig Interesse stoßen. Wir erleben eine frustrierende Gleichgültigkeit gegenüber religiösen Fragen. Wir kommen uns vor wie Schuhverkäufer in einem Land, in dem alle barfuß gehen wollen. Gleichzeitig sind die Fragen nach Identität, Sinn, Wahrheit, Zukunft, Gotteserfahrung und Gemeinschaft präsenter denn je. Und genau darin liegt die Kernkompetenz des christlichen Glaubens. Religion und Spiritualität fasziniert in unserer säkularen Kultur viele besonders junge Menschen. Die Sehnsucht nach spiritueller Selbstvergewisserung bekommt in einer immer komplizierter werdenden und bedrohlichen Wirklichkeit wieder neuen Auftrieb. Warum kommt es nicht zu einer Begegnung von Angeboten der Kirche und der Sehnsucht der Menschen? Liegt vielleicht das Problem nicht nur in der Gleichgültigkeit unseres Gegenübers, sondern auch in der mangelnden Fähigkeit unsererseits, die Liebe Gottes einladend und lebensrelevant in die Kultur der Menschen, in ihre konkrete Lebens- und Verstehenswelt, zu kommunizieren? Offensichtlich haben wir ein handfestes Kommunikationsproblem. Die gesellschaftlichen Umbrüche, in denen sich die Menschen befinden, sind so enorm, dass die christliche Verkündigung neue Wege finden muss.

Viertens verstößt Mission gegen das Basisdogma des Relativismus unserer Zeit, nach dem es keine absolute Wahrheit gibt, sondern nur viele Teilwahrheiten, die gleichberechtigt nebeneinander stehen. Wer missioniert, will demnach einem anderen seine Wahrheit aufdrücken. Mission steht für Intoleranz, die zur Gewalt gegenüber Andersgläubigen führen kann. Missionieren ist etwas, das ein anständiger Mensch nicht tut. Und die kritische Frage »Sie wollen mich wohl missionieren?« wird sofort heftig abgewehrt. Die Kirche und die Christen haben sich von diesem Glaubensbekenntnis des postmodernen Relativismus einschüchtern lassen und reden lieber über das, was in den sozial-politischen Mainstream passt, weil sie sich so der Zustimmung ihrer Mitmenschen sicher sein können. Der Missionsgedanke gehört zum Glauben wie der Donner zum Blitz. In der Zeit postmoderner Beliebigkeit geht es darum, das Sympathische, Frohmachende, Sinnstiftende, Einladende und das Leben Stabilisierende des Glaubens zu kommunizieren. »Wir sind nur Bettler, die anderen Bettlern sagen, wo es Brot gibt« umschreibt die holländische Evangelistin Corry ten Boom das Wesen von Mission. Wir sind das Evangelium den Menschen schuldig – um Gottes willen und der Menschen willen.

Fünftens verstehen viele Pfarrer und Mitarbeiter der Kirche Mission additional als etwas, das sie noch zusätzlich zu den vielen Aufgaben tun sollen. »Ich schaff’ eh schon meine Arbeit kaum, und jetzt soll ich auch noch missionieren.« Dahinter steht das alte Verständnis von Mission, das eine Aufgabe und Aktivität der Kirche umschreibt. Mission aber ist kein Akt der Kirche, sondern ihr Sein in dieser Welt. Was wir als Gemeinde tun, predigen, unterrichten, verwalten, mit Leuten reden, musizieren, feiern, das alles ist Mission, wenn unser Tun durchdrungen ist von der Beauftragung und Begabung Gottes, seiner suchenden Liebe in dieser Welt Ausdruck zu verleihen.

Alexander Garth

Alexander Garth ist evangelischer Theologe, Pfarrer an der Wittenberger Stadtkirche und Sachbuchautor.

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Diakonie: Zwischen Glauben und Rechnen

19. März 2018 von redaktionguh  
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Anspruch und Wirklichkeit: Wieviel Diakonie steckt in den Angeboten sozial-diakonischer Einrichtungen, und ist Kirche noch erkennbar? Eine Bestandsaufnahme.

In den verschiedenen Einrichtungen des Marienstifts Arnstadt arbeiten zu etwa 50 Prozent Menschen, die kirchlich gebunden sind. Damit ist die Zahl der Christen hier größer als im Durchschnitt der Beschäftigten in Mitteldeutschland. Dennoch ist auch das Marienstift keine christliche Insel, sondern spiegelt die religiöse Wirklichkeit unserer Gesellschaft.

Die Arbeitswirklichkeit in den Einrichtungen zeigt, dass sich die Mitarbeiterschaft natürlich nicht in christlich Hochmotivierte und kirchlich ungebundene Normalmotivierte unterscheidet. Die Gaben, Ideen und auch die Hemmnisse sind unter uns gleichmäßig verteilt.

Die inhaltlichen und materiellen Ansprüche und Erwartungen aber gleichen sich bei allen Mitarbeitern und bei denen, die die Arbeit der diakonischen Einrichtung nutzen. Auch viele »unkirchliche« Mitarbeiter erklären die Motivation ihrer Arbeit darin, dass sie in Patienten, Schülern oder Beschäftigten Gottes Ebenbildlichkeit respektieren wollen. In der Klinik erwarten auch nichtchristliche Patienten ganz selbstverständlich und zu Recht den Geist christlicher Nächstenliebe und dass sie als Individuen und nicht als Patientennummern wahrgenommen werden.

Christliches Leben in der »realen« Diakonie

Schon aus diesem Grund ist die Pflege und die zeitgemäße Umsetzung christlichen Lebens in den verschiedenen Einrichtungen des Marienstifts eine Aufgabe, die nicht nur christliche Traditionen pflegen will, sondern den Erwartungen der Gegenwart nachkommen muss. Die Pflege christlichen Lebens ist einer der wichtigen »weichen Faktoren« diakonischen Wirtschaftens.

Etwa 10 Millionen Menschen in Deutschland erhalten von der Diakonie Betreuung, Beratung, Pflege und medizinische Versorgung. Illustrationen: Diakonie / janvier – stock.adobe.com / elenabsl – stock.adobe.com / privat

Etwa 10 Millionen Menschen in Deutschland erhalten von der Diakonie Betreuung, Beratung, Pflege und medizinische Versorgung. Illustrationen: Diakonie / janvier – stock.adobe.com / elenabsl – stock.adobe.com / privat

Einige Beispiele aus dem »christlichen Leben« der Einrichtung des Marienstifts:

• Andachten und Gottesdienste der Schule im Rahmen des Kirchen- und Schuljahres; Morgenkreise der Schüler; theologisch geprägte Projektarbeiten; Segensfeier für alle Schüler der 8. Klasse; einige Konfirmationen
• Regelmäßige Gottesdienste in der Werkstatt; allsonntägliche Gottesdienste für Patienten und Gemeinde in der Klinik; christliche Symbolik
• Mitarbeiterseminar zu Tradition und Leitbild der Stiftung; Diakoniekurs
• Mitarbeiterehrung, Würdigung und Verabschiedung im Rahmen von Andachten
• Jährlicher Impulsabend
• Eine kontinuierlich arbeitende Arbeitsgemeinschaft »Geistliches Leben«, die z. B. aktiv auf die Gestaltung des Diakoniekurses Einfluss nimmt.

Die christliche Prägung der Arbeit einer diakonischen Stiftung ist in dieser Zeit kein »Selbstläufer«. Immer sind es einzelne Mitarbeiter, die aktiv auf das »christliche Klima« ihrer Einrichtung Einfluss nehmen. Ein wie auch immer gestalteter »christlicher Zwang« hilft einem christlichen Geist nicht.

Christliches Leben in Einrichtungen zu ermöglichen hat auch finanzielle und wirtschaftliche Seiten, es kostet Geld.

Freistellungen müssen ermöglicht, Prioritäten gesetzt und Räume gestaltet werden. Da der Arbeitsalltag in jeder Einrichtung auch durch Konflikte geprägt ist, macht der christliche Anspruch einer diakonischen Einrichtung das Arbeitsleben nicht leichter. Auch Neueinstellungen von Mitarbeitern können sich nicht nur an der Frage orientieren, ob sie Mitglieder in christlichen Kirchen sind. Fachlichkeit und persönliche Gaben sind ausschlaggebend.

Dennoch: Der gesetzliche und wirtschaftliche Rahmen, in dem Diakonie arbeitet, macht es – ohne die Herausforderungen und Widersprüche zu verharmlosen – Christen und Nichtchristen in unseren Einrichtungen objektiv leichter, »christlich zu leben« als in anderen Bereichen der Gesellschaft.

Es ist zeitgemäß, wirtschaftlich sinnvoll und notwendig, an der christlichen Prägung der Einrichtungen zu arbeiten. Die Nächstenliebe von Kanzeln zu predigen, reichte nie aus, Menschen für Gott zu gewinnen. Notwendig ist es, sie in der Widersprüchlichkeit des Arbeitslebens christlich zu leben. Wo steht geschrieben, dass sich Christen aus der Welt zurückziehen dürfen, nur um es einfach zu haben?

Pfarrer Andreas Müller, Direktor Marienstift Arnstadt

Die Freie Wohlfahrtspflege kann in Deutschland mit Fug und Recht als bedeutsamer Wirtschaftszweig angesehen werden. Sie beschäftigt mit einem jährlichen Umsatz von rd. 45 Milliarden Euro derzeit in über 105 000 Einrichtungen hauptamtlich rd. 1,6 Millionen Menschen, mehr als 5 Prozent des gesamten Dienstleistungssektors Deutschlands, mehr Personen als im Kredit- und Versicherungswesen und fast viermal so viel Personal wie im Bereich der Energie- und Wasserversorgung.

Die Diakonie ist die zweitgrößte Trägergruppe. In der übergroßen Mehrheit erbringt Diakonie wie die anderen Trägergruppen personenbezogene soziale Dienstleistungen, die im Rahmen der Sozialgesetzbücher als öffentlich refinanzierbar ausgewiesen sind. Sie ist damit eng an die Vorgaben und Vorstellungen des Bundes, der Länder und der Gemeinden gebunden.

Wie alle anderen Träger der Freien Wohlfahrtspflege arbeitet die Diakonie heute in einem Umfeld, das sich stark gewandelt hat. Die Auflösung von Marktzutrittsbarrieren für privat-gewerbliche Anbieter, die Umstellung der Finanzierung auf Einzelleistungsvergütung sowie ein der Erwerbswirtschaft nahezu analoger Wettbewerb sind die Stichworte, die die neuen Verhältnisse im »Sozialmarkt« beschreiben können.

Diakonie als Wohlfahrtsindustrie?

In vielen Zweigen der Wohlfahrtspflege ist ein Kosten- und Leistungsdruck zu verzeichnen, der hohe betriebswirtschaftliche Anforderungen an die Leitung der Träger, Einrichtungen und Dienste stellt. Auch Diakonische Anbieter sind mittlerweile gezwungen, den Blick auf die Aufwands- und Ertragsseite ihrer Arbeit zu richten, um konkurrenzfähig zu bleiben und das Überleben des Trägers gewährleisten zu können.

Die Anpassung an neue Umfeldbedingungen im Sinne einer Modernisierung von Strukturen und Prozessen ist gerade der Diakonie mit ihrem Traditionsverständnis und ihrem besonderen Anspruch nicht leicht gefallen. Fast zwangsläufig ergaben sich in der Frage der Ausgewogenheit von Wirtschaftlichkeit und theologisch-ethischen Ansprüchen an verschiedenen Stellen schwer auflösbare Ambivalenzen.

Wie in einem sehr großen und durchaus heterogenen Trägerverbund kaum anders zu erwarten, sind überdies einzelne betriebswirtschaftliche Überreaktionen und Fehlsteuerungen nicht ausgeblieben. Dies macht Diakonie, von der die Menschen seit jeher mehr als von vielen anderen Trägern erwarten, besonders leicht angreifbar. Schnell können dann in den Medien generalisierende Schlagzeilen wie »Wirtschaftsmacht unter einem frommen Deckmäntelchen« oder »Wohlfahrtsindustrie« entstehen.

Es ist ein Management angezeigt, welches im Spannungsfeld von Ökonomie, Diakonie und Kirche nicht nur mit Blick auf Öffentlichkeit ebenso sensibel wie ehrlich agiert. Dazu gehört auch die klare Haltung, an welchen Stellen Diakonie wie ein moderner Wirtschaftsbetrieb geführt werden darf und muss – und wo nicht.

Harald Christa, Professor für Sozialmanagement an der Evangelischen Hochschule Dresden

Diakonische Arbeit heute geschieht mitten in unseren bunten und unübersichtlichen Lebenswelten – sei sie ehrenamtlich, sei sie hauptamtlich. In diesen Lebenswelten will und muss sie sich bewähren. Mitarbeitende der Diakonie und ihre Führungskräfte stehen täglich vor neuen Herausforderungen: Die vertraglich vereinbarten Dienstleistungen (z. B. die Pflege) müssen fachlich und menschlich zuverlässig und ohne Ausnahmen erfolgen. Wegen Krankmeldungen werden Dienstpläne kurzfristig neu gestrickt. Die wachsende Individualisierung und Pluralisierung der Lebensstile sowie der Erwartungen von Kunden und Mitarbeitenden führen zu erhöhten Leistungsanforderungen.

Lebenswelten und Lebenswege

Es gleicht einer Quadratur des Kreises, individuelle Ansprüche und neue sowie wachsende Anspruchsgruppen bei gleichzeitig stark steigenden Qualitätsstandards und Dokumentationspflichten unter einen Hut zu bringen. In kurzen Abständen erweiterte Gesetze zum Daten-, Gesundheits-, Brand- und Arbeitsschutz sowie der Arbeitsmedizin und dem Arbeitsrecht zwingen zu bürokratischem Aufwand und treiben die dafür anfallenden Kosten in bisher unbekannte Höhen. Das Wunsch- und Wahlrecht von Kunden (Eltern, pflegebedürftige Menschen, Menschen mit Behinderungen etc.) und der politisch gewollte Kostendruck und Wettbewerb zwischen den freigemeinnützigen sowie privaten Trägern setzen die sogenannten Leistungserbringer unter erheblichen Druck.

Diese Liste ist nicht vollständig, aber sie zeigt auch so: Die Komplexität ist groß und fordernd. Und: Träger diakonischer Arbeit stellen sich diesen Aufgaben bewusst, willentlich und kompetent. Sie sind nicht fehlerfrei und brauchen konstruktive Kritik. Sie kennen die Logik ihres ureigenen christlichen Auftrags und sie lernen die Logik der fachlichen Qualitätsanforderungen, die Logik der technischen Funktionen (EDV, Digitalisierung), die Logik der knappen Ressourcen, die politische Logik des Machtgewinns und der Mehrheiten, die mediale Logik der geforderten Transparenz und der zuspitzenden Anklage. In der Diakoniewissenschaft hat sich hierzu die Bezeichnung der Diakonieträger als »multirationale Organisationen« eingebürgert.

Mitten in diesen Spannungsfeldern unserer modernen Gesellschaft arbeiten die freigemeinnützigen Träger der Wohlfahrtspflege. Die Gemeinnützigkeit einer Organisation ist an streng kontrollierte Auflagen des Finanzamtes gebunden. Sie erlaubt keine Gewinnausschüttungen an private Eigentümer, sondern fordert die Verwendung der Mittel, auch von Gewinnen, im sogenannten gemeinnützigkeitsrechtlichen Kreislauf.

Anders als es ein verbreiteter Sprachgebrauch will, sind freigemeinnützige Träger gerade keine privaten Träger! Gemeinnützige Träger stehen mit den Dienstleistungen, die sie im Auftrag des Staates bzw. von Sozialversicherungsträgern übernehmen, im Dienst der Gesellschaft, die sich mit der politisch gewollten Trägervielfalt subsidiär aufstellt.

Mitten in diesen bunten und unübersichtlichen Lebenswelten haben diakonische Träger viele Chancen, das ihnen eigene Profil zu entwickeln und zu bezeugen: In jedem diakonischen Tun (bilden, assistieren, begleiten, pflegen, beraten, heilen, anteilnehmen …) begegnen sich konkrete Lebenswege von zwei oder mehr Menschen. In diesen Lebenswegen geht es ausgesprochen oder unausgesprochen nicht nur um Heilung, sondern auch um Heil: Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein (vgl. 5. Mose 8,3; Mt 4,4). Es geht um den Weg von der Sinnlosigkeit zum Sinn, von der Ausweglosigkeit zum Aus-Weg: Ich denke an den blinden Bartimäus, dem Jesus sein Augenlicht wieder schenkt. Er sieht nicht nur im medizinischen Sinne, sondern er findet auch seinen neuen Lebensweg (vgl. Mk 10,46-52). Es geht darum, Menschen mit ihren existenziellen Fragen nicht allein zu lassen und ihnen Zeugnis zu geben »über die Hoffnung, die in euch ist« (1. Petr 3,15). Begegnungen können Lebenswege verändern – nicht nur die der »Klienten« – sehr wohl auch die der ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitenden!

Wenn wir heute nach neuen Formen von ausstrahlendem christlichen Gemeindeleben suchen in den Kirchgemeinden vor Ort und darüber hinaus (vgl. u. a. »Erprobungsräume« und »Querdenker« in der EKM), dann können sich Kirche und Diakonie mehr noch als bisher gegenseitig als Ressourcen verstehen und bereichern. Denn: Gelingendes Leben ist immer ein Zeugnis für Gott: »Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch« (vivens homo gloria dei) (Irenäus von Lyon, gest. um 200 n. Chr.).

Dr. Klaus Scholtissek, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Weimar Bad Lobenstein

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Müssen wir noch von »Sünde« reden?

13. März 2018 von redaktionguh  
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Ja, …

… denn sonst wird man der Wirklichkeit des Menschen nicht gerecht. Sünde braucht man, um von Vergebung zu reden – und von Gottes guter Gegenwart.

Die Frage ist nicht ob, sondern wie man von Sünde redet. Man ändert die Wirklichkeit nicht, indem man die Augen vor ihr verschließt. »Sünde« ist die theologische Kurzformel unserer Lebenswirklichkeit. Sie sagt, was der Fall ist, ob wir das Sünde nennen oder nicht.

Auch wer das nicht tut, meint ja zu wissen, was Sünde ist: Unkeuschheit, Hochmut, Neid, Eifersucht, Zorn, Groll, Bitterkeit, Geiz, Habsucht, Unmäßigkeit, Herzlosigkeit, Gier, Trägheit, Lustlosigkeit – die klassischen Hauptsünden bieten ein schier unerschöpfliches Arsenal von Beispielen.Nirgends redet die Theologie so lebensnah und erfahrungsgesättigt wie hier. Und nirgends lassen wir uns so leicht durch die Bäume den Blick auf den Wald verstellen.

Weithin sind Beispiele und Erläuterungen der Sünde an die Stelle der Sache getreten. Man sieht vor lauter Sünden die Sünde nicht mehr. Und weil man sich an den Moralbeispielen stößt, entsorgt man gleich das ganze Thema.

Theologisch ist das nicht progressiv, sondern töricht. Man korrigiert keine Fehler, indem man neue begeht. Sündenrede ist keine Moralkeule anderen gegenüber, sondern Selbstbekenntnis vor Gott: »Vergib uns unsere Schuld«. Es geht nicht um ein sündenverbiestertes Menschenbild, das schlechtredet, was gut ist, sondern um das Bekenntnis, dass man Gott nicht beachtet und falsch gelebt hat. Ich bekenne und beklage, was ich getan, übersehen oder unterlassen habe. Dafür bitte ich Gott um Vergebung.

Christen sprechen von der Sünde in der ersten Person, einzeln und zusammen. Sie werfen nicht anderen etwas vor, sondern bitten um Vergebung für ihr eigenes Versagen. Das versteht sich nicht von selbst. Sünder sind die letzten, die sich so bezeichnen. Das ändert nichts daran, dass sie es sind.

Sie sind wie wir: freundliche Langweiler, moralische Bösewichte, Gutmenschen, angeödete Indifferente. Sie verschließen sich nicht dem Elend der Welt. Aber sie sehen auch keinen Anlass, Gott für das Gute in ihrem Leben zu danken. Gottes Gegenwart hat wenig Gewicht für sie. Das macht sie zu Sündern.

Sünde ist kein Verstoß gegen ein Moralprinzip, sondern Undankbarkeit gegenüber Gottes guten Gaben. Verfehlung, Dummheit und Bosheit sind, was sie sind. Sünde aber ist das, was Gott durch das Gute überwindet, das er in unserem Leben wirkt. Nur von hier aus und damit im Rückblick kann man von Sünde reden.

Dann aber zeigt sich in tausendfacher Brechung immer dasselbe: der Irrtum, wir könnten ohne Gott leben oder gut leben oder gar besser leben als mit Gott. Man muss diesen Irrtum selbst nicht als Mangel erleben. Unsere Sünde zeigt sich in unseren Stärken nicht weniger als in unseren Schwächen und Schwierigkeiten.

Wir wissen, wie selten uns Gutes gelingt und wie viel Böses und Übles wir verschulden. Doch das ist noch keine Sündenerfahrung. So verstanden wäre Sünde ein moralischer Mangel und die Überwindung der Sünde die Korrektur unserer Defizite. Das klingt gut und geht doch am Entscheidenden vorbei. Gottes Güte ist weit mehr als die Lösung unserer Probleme. Wir brauchen Gott nicht erst dann, wenn wir mit unserem Leben nicht mehr zurechtkommen, sondern Gott zieht uns in den unendlichen Überfluss seiner Liebe hinein, lange ehe wir merken, wie sehr wir ihn brauchen.

Wer die Rede von Sünde aus dem Nachdenken über die Menschen verbannen will, spricht den Menschen ab, dass Gott ihnen Gutes tun kann. Das unterschätzt Gott und degradiert die Menschen. Sündenrede ist keine Herabwürdigung der Menschen, sondern die Erinnerung daran, dass Gott jedem guttut.

Mit der Sünde macht man daher nicht Schluss, indem man nicht mehr von ihr spricht, sondern indem man Gott dankt, der sie beendet.

Ingolf U. Dalferth

Ingolf U. Dalferth ist Professor für Systematische Theologie und lehrt an der Claremont Graduate University (USA) Religion und Philosophie. Derzeit ist er Leibniz-Professor in Leipzig.

Blick-10-2018

Nein, …

… zumindest nicht so, wie wir es gewohnt sind. Denn Jesus hat die bedingungslose Liebe gepredigt. Wohl aber, wenn heute Leben gefährdet oder zerstört wird.

Die Wortgruppe »Sünde«, »Sünder/in« und »sündig« lässt sich, wenn es um das damit Bezeichnete geht, nicht leicht gegenüber der Wortgruppe »Schuld«, »schuldig sein«, »schuldig bleiben« abgrenzen. So benutzt selbst das Vaterunser im Zusammenhang mit Gottes und unserer Vergebung nicht das geläufige griechische Wort für »Sünde«, sondern das für »Schuld«. Das entspricht auch unserem Sprachgebrauch.

Anders sieht es in der kirchlich-theologischen Nischen-Sprache aus. In der Bibel ist »die Sünde« die oft quasi personenhaft auftretende widergöttliche Macht des Bösen (z. B. 1. Mose 4,7!), in deren Fänge der Mensch durch den »Sündenfall« geraten ist, weil er Gottes Gebot nicht gehorcht hat. Akzeptiert ein Christ sein Sündersein, muss er sich als des Todes würdig ansehen.
Die darin erkennbare Gottesvorstellung entstammt Klischees von einem absolutistisch regierenden Großkönig, dessen Ansprüchen keiner seiner Untertanen genügen und für dessen Gnadenerweise niemand ihm genug danken kann. Ist also das Menschsein wegen unserer Sünden generell des Todes würdig?

Diesen Gebrauch von »Sünde« kann ich nicht akzeptieren. Zuerst, weil Jesus unser Lebensrecht nicht vom Maß unseres Gehorsams gegen Gebote, sondern von der bedingungslosen Liebe Gottes abhängig gemacht hat. Er hat erlebt, dass das Leben schwer ist, gerade wenn wir gut sein wollen. Gottes Gebote sind nach Jesu Worten kein Selbstzweck, sondern dazu da, uns zu einem liebevollen Menschsein zu helfen (Markus 2,27).
Wenn wir Schuld auf uns laden, ist nicht Strafe oder gar Todesstrafe die Antwort, sondern Vergebung, und zwar ohne dass zuvor Blut hat fließen müssen! Allein aus Liebe zum Leben. Der einzige Auftrag, den der Auferstandene den Jüngern nach Johannes 20,23 gibt, ist, einander die Sünden zu vergeben. So soll ein Christ »Licht der Welt« sein.

Es geht also nicht an, dass wir das Wort »Sünde« in ständiger Reproduktion biblischer Wendungen benutzen, ohne die Implikationen kritisch mit zu bedenken. Theologie verfehlt ihr Handwerk als Wissenschaft, wenn sie die historische Kritik unserer Überlieferungen nicht endlich durch eine theologische Kritik ergänzt. Dazu aber ist es nötig, den Bezugsrahmen der Bibelauslegung nicht wieder auf die Bibel zu begrenzen. Sondern, wir müssen in unser Menschenbild alles einbeziehen, was aus anderen Wissenschaften und Quellen von uns Menschen und unserer Herkunft zu sagen ist.

Dazu gehört nicht zuletzt die Erkenntnis, dass wir unsere tierliche Herkunft nicht wirklich hinter uns haben, sondern bleibend in uns. Wir haben mit den Tieren ein gemeinsames Gedächtnis dessen, was in der wilden tierlichen Existenz dem Überleben diente. In Situationen, in denen wir die in unserer Kultur erlernte Kontrolle über unsere Impulse und Motive verlieren, bieten sich uns manchmal »wilde« Erfahrungen als Handlungsmodelle an – zum Beispiel im Straßenverkehr, wenn uns altes Beutejagd- oder Kampfverhalten für kurze Momente, bildlich gesagt, das Steuer aus der Hand nimmt. Mit Gottfeindschaft hat das aber nichts zu tun.

Nur in einem Zusammenhang halte ich den Gebrauch des Wortes »Sünde« für sinnvoll: Da, wo Menschen bewusst und gezielt gegen das Leben vorgehen, Menschen und Tiere als Instrumente gegen das Leben benutzen oder Leben aus Gewinnsucht gefährden – also zum Beispiel in angezettelten Kriegen, durch systematische Täuschungen über tatsächlich produzierte lebensgefährliche Abgase von Motoren und dergleichen. Das sind Sünden gegen das Leben, in denen ich Jesu Wort von der »Sünde gegen den Heiligen Geist« heute aktualisiert sehe.
Allerdings gilt auch für diese Sünden, dass sie um der unbedingten Liebe Gottes willen vergeben werden können, wenn dafür die Verantwortung übernommen wird.

Klaus-Peter Jörns

Klaus-Peter Jörns lehrte Praktische Theologie und Religionssoziologie an der Universität Berlin. Seit dem Eintritt in den Ruhestand 1999 ist er als erfolgreicher Buchautor tätig.

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Frauen, Töchter und Mütter

5. März 2018 von redaktionguh  
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Generationen im Gespräch: Am 2. März ist Weltgebetstag der Frauen, am 8. März Internationaler Frauentag. Wie wachsen Mädchen heute auf? Wie prägen Mütter ihre Töchter? Hanna (66), Anna (45) und Paula Manser (16) stellten sich diesen Fragen.

Frau Manser, Sie sind Jahrgang 1952. Mit welchem Frauenbild sind Sie aufgewachsen?
Hanna:
Wir waren vier Mädchen. Meine Mutter, Jahrgang 1913, hat sich sehr für Literatur interessiert und war gern Lehrerin. Ihren Beruf hat sie bei der Geburt meiner ältesten Schwester aufgegeben und dann nie wieder beruflich gearbeitet. Manchmal flüsterte sie mir ins Ohr: »Denk dran: immer schön lieb, leise und lächeln!« Obwohl sie sich selbst nicht so angepasst benommen hat.

Sie gewährte mir viele Freiheiten: Ich durfte mit 17 Jahren nach Ungarn trampen. Ihre nonverbale Botschaft war: »Macht was aus eurem Leben.« Unsere Mutter war innerlich rebellischer, als sie das gelebt hat.

Ihr Vater war Pfarrer, war Ihre Mutter eine klassische Pfarrfrau?
Hanna:
Nicht in dem Sinne, dass der Satz fiel: »Ich halte meinem Mann den Rücken frei.« Ich erinnere mich an Streitgespräche. Meine Mutter wollte es nicht, dass sie beim Abendmahl knien sollte. Außerdem quälte es sie, dass unser Religionslehrer den Nationalsozialismus durch seine Kindheit so verinnerlicht hatte. Sie fand, wir sollten zu diesem Mann lieber nicht zur Christenlehre gehen. Das konnte sich mein Vater als Pfarrer natürlich nicht leisten.

Sie hat uns zu nichts genötigt. Die Stärkung und den Freiheitsdrang durch den Glauben, das habe ich von meiner Mutter.

Anna, Sie sind Jahrgang 1973. Mit welchem Frauenbild sind Sie groß geworden?
Anna:
Meine Mutter hat das Thema viel kämpferischer behandelt als wir. Aber aus ihrer Sicht und ihrer Historie verstehe ich das – ihr Vater war schon patriarchalisch.

Die Gleichberechtigung, Mutsch, war dir so wichtig, die hast du manchmal auf Biegen und Brechen durchsetzen wollen. Und ich habe es eher als was Selbstverständliches übernommen, als etwas Natürliches. Vielleicht hast du uns den Weg etwas ebener gemacht.

Was wollte sie auf Biegen und Brechen durchsetzen?
Anna:
In Beruf und Erziehung wolltet ihr beide einen möglichst gleichwertigen Raum bekommen. Vater hat voll gearbeitet, du halb …
Hanna: Wir haben uns abgewechselt. Ich habe streckenweise voll gearbeitet.
Anna: Ich habe noch im Ohr, wie ihr im Gespräch wart: »Wenn du, dann ich auch.« Das hieß nicht, dass du nichts mit uns Kindern zu tun haben wolltest, aber es sollte nicht auf Kosten deines Berufs gehen. Das hat mich geprägt. Ich weiß nicht, wie ich wäre ohne diese Wurzeln, du bist wie eine Löwin aufgesprungen für die Rechte der Frauen.

Paula, als Schwester unter zwei Brüdern: Wie ist das Gefüge in Ihrer Familie?
Paula: Meine Mama hat mir schon gerne Kleider angezogen und ich hatte viele Puppen. Das schon. Aber im Spiel mit meinen Brüdern gab es keine Geschlechterunterschiede.
Anna: Eher war es eine Ehre, ein Mädchen zu sein. Erinnerst du dich an deinen Spruch auf dem Anrufbeantworter: »Marc Manser, Anna Manser, Viktor Manser, Heinrich Manser, Paula Mädchen«?

Ist Emanzipation für die junge Generation ein Thema?
Paula:
Eigentlich nicht. Ein Beispiel aus dem Sportunterricht: Die Jungen haben gerade einen Kraftkreis, die Mädchen tanzen. Wir können aber wechseln, kein Problem. Ich spiele Fußball, früher auch in Jungsmannschaften.
Anna: Das höre ich zum ersten Mal mit dem Kraftkreis. Das finde ich stark. Uns sind in der Schule die Unterschiede deutlich gemacht worden. Auch was Kleidung und Spielzeug betrifft, Rosa für Mädchen, Blau für Jungs, und dass man Jungen keine Puppe schenkt.
Hanna: Mein eindrücklichstes Erlebnis ist die unterschiedliche Einschätzung des Leistungsvermögens. Mutter wollte, dass wir studieren. Vater brachte den Satz: »Ach, Krankenschwester reicht doch auch.« Und später im Studium merkte ich, Frauen werden viel mehr als Männer über ihr Äußeres eingeschätzt.
Paula: Unter uns Mädchen gibt es diese Bewertungen nicht, zumindest nicht in meinem Freundeskreis. Aber bei Jungs fragt man sich schon, ob es jetzt an Äußerlichkeiten liegt, dass die eine oder andere beliebter ist …

Anna, Sie arbeiten in einer Führungsposition. Was halten Sie von der Frauenquote?
Anna:
In unserem Team sind viele Frauen. Eine Freundin arbeitet als Gleichstellungsbeauftragte und sie spricht von starken Auffälligkeiten, die eine Quote vielleicht lösen würde. Bis zur Promotion ist das Verhältnis der Bewerber pari-pari. Bei Habilitationen viele Männer. Frauen fehlt durch das Kinderkriegen z. B. oft die Auslandserfahrung, die wichtige Publikation etc.

Kinder verändern alles. Was verändern sie in einer Partnerschaft?
Anna:
Im Gegensatz zu meinen Eltern sind wir viel lockerer (mit der Aufgabenverteilung) rangegangen. Wir haben eine viel klassischere Rollenverteilung. Es war aber immer klar, dass ich wieder arbeiten gehe. Mein Mann war sehr stolz, als ich die Leitungsfunktion annahm. Wir haben das Abholen der Kinder am Nachmittag aufgeteilt.Manchmal ist mein Mann, nach meinem Empfinden, zu spät zum Kindergarten gefahren. Aber wir konnten uns immer aufeinander verlassen.

Ich war auch mal drei Wochen zur Kur, allein, ohne die Kinder. Das hat mir mein Mann nie vorgehalten.

Du lachst, Paula?
Paula:
Ja, uns kam es wie drei Jahre vor. Unter drei Männern war es nicht einfach. Ich erinnere mich, dass ich einmal vor Wut und Verzweiflung gebrüllt habe: »Papa kennt sich gar nicht mit kleinen Mädchen aus!«

War es in Ihrer Ehe auch klar, dass beide arbeiten, Hanna?
Hanna:
Ja, das war selbstverständlich. Zu DDR-Zeiten bekam mein Mann einmal eine verlockende Stelle an der Uni Jena angeboten und er fragte, ob es für seine Frau auch eine Stelle gäbe. Da war nichts. Und dann hat er das Angebot abgelehnt. Unsere beiden ältesten Kinder kamen zur Welt, als wir noch studierten. Mit dem Eintritt in die Gemeinde mussten wir aushandeln, wer wann für die Kinder da ist.

Sie haben sich von dem Frauenbild Ihres Vaters emanzipiert, haben studiert, leben in einer gleichberechtigten Partnerschaft, übten einen Beruf aus, der lange Männern vorbehalten war. Dass es auch anders geht, haben Sie als Leitende Pfarrerin bei den Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland erfahren, oder?
Hanna:
Ich habe in der Seelsorge oft diesen Fall erlebt: Die Frau ist Katechetin oder Sprechstundenhilfe, der Mann Pfarrer oder Arzt. Solange die Partnerschaft funktioniert, ist das kein Problem. Kommt es zur Trennung, offenbart sich ein Ungleichgewicht: Diese Frauen haben wenig verdient, waren oft nur in Teilzeit angestellt, sie sind im Alter nicht gut versorgt.

Ein Meilenstein in unserer Kirche war das Mentoring-Programm. Dort wurden Frauen begleitet und unterstützt, wenn sie Führungsaufgaben übernehmen wollten. Diese jungen Frauen haben das unglaublich dankbar angenommen. Frauen wachsen an Frauenbeziehungen.

Drei Generationen an einem Tisch: Die 16-jährige Paula Manser besucht die zehnte Klasse eines Gymnasiums in Halle, Diplom-Pädagogin Anna Manser leitet das Schirm-Projekt, eine soziale Einrichtung in Halle, und ist für 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verantwortlich, Pfarrerin i. R. Hanna Manser arbeitete als Gemeindepfarrerin, als Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland und im Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrum. Foto: Katja Schmidtke

Drei Generationen an einem Tisch: Die 16-jährige Paula Manser besucht die zehnte Klasse eines Gymnasiums in Halle, Diplom-Pädagogin Anna Manser leitet das Schirm-Projekt, eine soziale Einrichtung in Halle, und ist für 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verantwortlich, Pfarrerin i. R. Hanna Manser arbeitete als Gemeindepfarrerin, als Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland und im Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrum. Foto: Katja Schmidtke

Paula, wissen Sie, was Sie einmal beruflich tun möchten?
Paula:
Ich habe einmal in einen Beruf reingeguckt, das war nichts für mich. Ich kann mir bislang auch nicht vorstellen, in einer Führungsposition zu arbeiten. Ich mag es lieber, wenn mir jemand sagt, was zu tun ist, und ich das abarbeiten kann. Ich leite zwar gerade eine Gruppe von jüngeren Konfis. Wir sind vier Kreisleiter und ich bin die, die den Spaß macht.
Anna: Jetzt verkaufst du dich unter Wert. Du leitest den Kreis auch allein, wenn die anderen einmal nicht da sind. Da machst du dir gar nichts draus, du gehst los und machst es. Und das sage ich nicht nur aus Mutterstolz. Als junge Frau konnte ich mir es übrigens auch nicht vorstellen, ein Team zu führen.

Mussten Sie gegen Widerstände kämpfen?
Anna:
Nein, aber von alleine wäre keiner auf mich gekommen. Ich glaube, Männern wird es eher angeboten, sie werden angeworben. Stünden Männer und Frauen alle in einer Reihe, würde kein Unterschied gemacht werden. Aber in der Reihe stehen eben viele Männer und wenige Frauen.

Weil ihnen wegen der Baby-Pausen einige Berufserfahrungen fehlen, weil sie keine Lust auf Gerangel und Spielchen haben.

Hanna: In den Gemeindekirchenräten sitzen übrigens mehr Frauen,
da müssen wir auf eine Männerquote achten. Frauen sammeln meist die Kollekte, Männer übernehmen eher die Lesung.

Was ich rate: Frauen, tut euch zusammen. Nicht in dem kämpferischen Sinn mit gereckter Faust. Sondern: Schaut aufeinander, lernt voneinander, ermutigt euch. Und seid nicht eifersüchtig.

Anna: Neid ist nichts Frauentypisches, auch wenn es bei Frauen Stutenbissigkeit heißt.
Paula: Unter Mädchen gibt es aber nicht diese Machtstreitigkeiten wie bei Jungs. Wer ist der Anführer, wer hat die meisten Muskeln, wer kann was am besten.

Was muss sich für die Frauen heute ändern?
Hanna:
Leider sind die typischen Frauenberufe noch immer weniger anerkannt und schlechter bezahlt. Frauen dürfen sich mehr zutrauen, mehr fordern, beruflich und in der Gemeinde.

An die beiden Älteren: Was geben Sie Ihrer Enkelin und Tochter mit auf ihren Weg?
Anna:
Ich hätte nie das Geschlecht wechseln wollen. Ich empfinde es als ein Glück, eine Frau zu sein.
Paula: In unserer Familie ist das nicht die schlechteste Wahl. (Alle lachen)
Hanna: Schwanger zu sein und Kinder zu gebären, ist ein Wunder. Das Gespür, das ich dadurch bekommen habe, wie verletzlich und kostbar das Leben ist. Dass du das in aller Fülle erfährst, das wünsche ich mir für dich, Paula.

Die Fragen stellte Katja Schmidtke.

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»Das letzte Wort wird Christus sprechen«

26. Februar 2018 von redaktionguh  
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Lieblingsfeind der Stasi: Ludwig Große erinnert sich an seine Zeit als Superintendent in Saalfeld

Vorsichtiges Taktieren und lauwarmes Gerede sind Ludwig Großes Sache nie gewesen – schon als junger Pfarrer in Tannroda nicht, als Superintendent in Saalfeld von 1970 bis 1988 schon gar nicht. Das hat ihn zum Lieblingsfeind der Stasi gemacht. Als er sich vor 30 Jahren überzeugen ließ, als Oberkirchenrat und Ausbildungsdezernent in den Eisenacher Landeskirchenrat zu wechseln, hatte sich das Ministerium für Staatssicherheit allerdings die Zähne an ihm ausgebissen. Dabei ist nichts unversucht gelassen worden, um ihn zu disziplinieren.

Mittlerweile ist Ludwig Große alt geworden, fast 85. Wir sitzen mit seiner Frau im Wohnzimmer des Bad Blankenburger Hauses, das ihr Großvater gebaut hat. Der Blick geht ins Weite und in die Vergangenheit. »Nur gut, dass wir uns damals der Gefahren nicht so bewusst gewesen sind«, sagt Ursula Große, die als Fachärztin für Allgemeinmedizin immer berufstätig war.

Unbeugsam: Ludwig Große wird am 27. Februar 85 Jahre alt. Foto: Diana Steinbauer

Unbeugsam: Ludwig Große wird am 27. Februar 85 Jahre alt. Foto: Diana Steinbauer

Seine Stasiakten haben im Nachhinein gezeigt, dass an ihm und seiner Familie die ganze Klaviatur geheimdienstlicher Maßnahmen angewendet wurde, um den Superintendenten auszuschalten, der Jugendliche in Scharen anzog, der wortgewaltig predigen konnte, sich tatkräftig vor seine Gemeindeglieder stellte, der sich mit seinen Pfarrern einig war, mit allen Mitarbeitern bestens zusammenarbeitete und als Synodaler der Landeskirche, des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR und als Mitglied in der Konferenz der Kirchenleitungen Einfluss und Informationen aus erster Hand hatte.

Drei »Operative Vorgänge mit dem Ziel der Zersetzung«, wie die ungeschminkte Formulierung hieß, bedeuteten permanente Beobachtung. Auf persönliche Anweisung Erich Mielkes durften die vier Kinder kein Abitur machen, streckenweise Telefonterror Tag und Nacht, Briefaktionen an die Kollegen mit der Unterstellung moralischer Verfehlungen, kompromittierende Fotomontagen – alles anonym natürlich.

Und immer wieder der Versuch, ihn durch Drohungen einzuschüchtern oder aber mit Versprechungen zu ködern, als Druckmittel die Arbeit im Grenzgebiet zu erschweren oder die Veranstaltungsordnung restriktiv zu handhaben und ihn bei der Kirchenleitung anzuschwärzen. Alles erfolglos.Für den Ernstfall war vorgesehen, ihn mit anderen missliebigen Bürgern auf der Leuchtenburg zu internieren.

»Der Schutzengel war immer da«, sagt Ludwig Große. Wenn er wieder einmal zum Rat des Kreises musste, haben die Gemeindeschwestern für ihn gebetet. Und nicht nur die. Nach der Wende schlug ihn die Saalfelder Kirchengemeinde für das Bundesverdienstkreuz vor. »Das letzte Wort über das Leben eines Menschen wird Christus sprechen«, weiß er. Aber er hat die Würdigung angenommen für alle Christen, die widerständig waren um ihres Glaubens willen.

Christine Lässig

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Chance für mehr Gerechtigkeit – Risiko für größere soziale Spaltung

19. Februar 2018 von redaktionguh  
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Pro

René Thumser, Referent für landeskirchliche Großveranstaltungen im Gemeindedienst der EKM

René Thumser, Referent für landeskirchliche Großveranstaltungen im Gemeindedienst der EKM

Allgemeiner Konsens ist wohl, dass unsere Gesellschaft eines Systems der sozialen Sicherung bedarf, welches dafür sorgt, allen Mitgliedern der Gemeinschaft ein Leben in Würde zu ermöglichen. Die Frage ist, ob das bestehende System unseren Ansprüchen und Möglichkeiten (noch) genügt.

Trotz wachsender Wirtschaftsleistung werden Reiche immer reicher und Arme immer ärmer. Die Wahrscheinlichkeit, in Altersarmut, Kinderarmut oder prekären Arbeitsverhältnissen zu landen, wächst. Existenzsorgen lösen bei vielen Menschen Unsicherheit und Ängste aus. Eine Fortschreibung dieser Entwicklung gefährdet den sozialen Frieden und letztlich die Demokratie.

Die klassischen Instrumente der Armutsbekämpfung (»Hartz 4«-Gesetze) haben es in den letzten 14 Jahren nicht geschafft, diese Entwicklung aufzuhalten. Vielleicht kann die visionäre, also zukunftsweisende und über herkömmliche Denkmuster hinausragende Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) – existenzsichernd, Teilhabe ermöglichend, ohne Bedürftigkeitsprüfung, ohne Zwang zu Gegenleistung, individueller Rechtsanspruch – genau hier ansetzen. Es gibt Studien und Experten, die unterschiedliche Modelle des BGE für finanzierbar und umsetzbar halten, und solche, die das widerlegen. Die Realpolitik hält sich noch weitestgehend zurück, man möchte sich nicht zu früh festlegen. Ich bin mir sicher: wenn wir die Idee des BGE in einer sich rasant ändernden Arbeitswelt als relevant erachten, finden wir eine Umsetzungsmöglichkeit.

Es geht in der Debatte BGE um einen Paradigmenwechsel, um das Menschenbild, um Vorurteile, um Erfahrungen, um Gefühle und nicht zuletzt um Wertvorstellungen und Glauben. Was kann ich als Christ einbringen?

Im Jahr 2017 feierten wir unter anderem Luthers große Erkenntnis, dass wir uns das Himmelreich nicht verdienen können – weder durch Geld, noch durch Taten. Wir sind bereits angenommen als bedingungslos geliebte Kinder des Vaters. Was für ein Bild! Wir müssen und können uns Gottes Liebe, Gnade und Anerkennung nicht verdienen. Wir erhalten sie ohne Vorleistung, Zwang und Bedürftigkeitsprüfung. Sie wird jedem als Voraussetzung für ein gelingendes Leben geschenkt, um daraus folgend in Freiheit das Richtige zu tun. Darüber hinaus nimmt der Vater selbst den zunächst »faulen«, verlorenen Sohn wieder an (Lukas 15,24).

Übertragen wir diese Bilder in unseren familiären Alltag und unsere gesellschaftliche Realität: Welchen Kräften vertrauen wir wirklich: Druck und Sanktionen oder Freiheit und Liebe? Ich glaube, Jesus wäre ein Befürworter des BGE.

Kontra

Albert H. Weiler, Bundestagsabgeordneter, Mitglied des Ausschusses für Arbeit und Soziales

Albert H. Weiler, Bundestagsabgeordneter, Mitglied des Ausschusses für Arbeit und Soziales

Seit der Einführung der Krankenversicherung im Jahr 1883 in Deutschland bildet der Wohlfahrtsstaat die Grundlage unseres wirtschaftlichen Erfolges und des sozialen Friedens. Wollen wir diese historische Errungenschaft, für die wir weltweit beneidet werden, durch ein gesellschaftliches Experiment ernsthaft gefährden?

Bisher leben wir in einer Gemeinschaft, die auf dem Grundprinzip der Solidarität beruht. Darunter verstehe ich eine Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens, in der durch gegenseitige Hilfsbereitschaft individuelle Nöte solidarisch aufgefangen werden. Eine solidarische Haltung setzt voraus, dass sozialrechtliche Regelungen, wie zum Beispiel Kranken-, Pflege- oder Rentenversicherung, als gerecht empfunden werden. Auch das Prinzip »Fordern und Fördern« bringt zum Ausdruck, dass niemand bedingungslos, das heißt ohne einen Beitrag zum Gemeinwesen, Leistungen empfangen kann. Dieses Grundprinzip halte ich für gerecht.

Wie soll ich erklären, dass Menschen Leistungen beziehen, aber nicht zum Volkseinkommen beitragen, obwohl sie es könnten? Ein bedingungsloses Grundeinkommen gefährdet aus diesem Grund den sozialen Zusammenhalt in Deutschland.

In den vergangenen 135 Jahren hat sich unser Wohlfahrtsstaat kontinuierlich weiterentwickelt. Unsere soziale Absicherung ist heute in den insgesamt zwölf Sozialgesetzbüchern festgehalten, deren Ausgestaltung regelmäßig diskutiert und überarbeitet wird. Zuletzt im Rahmen des Koalitionsvertrages, an dem ich selbst, als Mitglied der verhandelnden Arbeitsgruppe, mitgewirkt habe. Die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens hätte die vollständige Auflösung unseres Sozialsystems zur Folge. Über die resultierenden Auswirkungen gibt es bis heute keine zuverlässlichen Fakten. Dieses Risiko kann und möchte ich als Mitglied des Deutschen Bundestages, der zuletzt über eine endgültige Einführung zu entscheiden hätte, nicht verantworten.

Da sich unser Leben gegenwärtig in nie dagewesener Geschwindigkeit verändert, werden wir auch unser Sozialsystem weiter überarbeiten müssen. Wir brauchen bessere Arbeitsbedingungen, flexiblere Arbeitszeiten, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und vor allem eine Fokussierung auf lebenslanges Lernen. Diese Herausforderungen können alle im Rahmen der bereits bestehenden Sozialgesetzbücher gemeistert werden. Ich bin davon überzeugt, dass sich Arbeit auch in Zukunft lohnen muss.

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»Damit sich Geschichte nicht wiederholt, muss man sie kennen«

12. Februar 2018 von redaktionguh  
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Der jüdische Professor und die Rechtsextremen: Reinhard Schramm spricht seit vielen Jahren mit Straftätern in der Jugendstrafanstalt.

Der Brandanschlag auf die Erfurter Synagoge im Jahr 2000 war der Impuls für den »Thüringen Monitor«: Jenaer Wissenschaftler untersuchen seitdem regelmäßig die politische Kultur im Land. Der These »Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns« schloss sich 2017 jeder siebte befragte Thüringer an.

Manche setzen ihre antisemitische Einstellung in Taten um, einige landen letztlich im Gefängnis. Dann sind sie ein Fall für Reinhard Schramm.

Der frühere Professor der Technischen Universität Ilmenau und heutige Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen kommt einmal im Monat in die Jugendstrafanstalt des Landes in Arnstadt. Er trifft sich mit Gefangenen, um mit ihnen über seine Familiengeschichte zu sprechen. Darunter sind junge Männer, die auch ihre rechtsextreme Gesinnung hinter Gitter brachte. Die verurteilt wurden, weil sie schlugen oder zündelten.

Erntet Skepsis und Anerkennung zugleich: Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, in der Synagoge in Erfurt. Einmal im Monat ist er im Jugendgefängnis und erzählt die Geschichte seiner Familie. Er kommt als Jude, der im Holocaust fast seine ganze Familie verlor. Und als Vater, dessen Sohn in der Endzeit der DDR ins Gefängnis kam. Foto: epd-Bild

Erntet Skepsis und Anerkennung zugleich: Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, in der Synagoge in Erfurt. Einmal im Monat ist er im Jugendgefängnis und erzählt die Geschichte seiner Familie. Er kommt als Jude, der im Holocaust fast seine ganze Familie verlor. Und als Vater, dessen Sohn in der Endzeit der DDR ins Gefängnis kam. Foto: epd-Bild

Das erste Mal kam Schramm nach dem Anschlag auf die Synagoge. Einer der drei Täter bereute seine Tat. Der Professor traf sich mit ihm, redete mit ihm. Eine Aktion, die nicht allen in der Jüdischen Gemeinde gefiel. Im Gegenteil, manche zweifelten offen am Sinn derartiger Bemühungen.

In diesem Fall zu Unrecht: Schramm bekam später einen Brief des jungen Mannes. Er habe mit dem rechten Zeugs nichts mehr gemein, habe darin gestanden. Ein Zeichen? Ein Ansporn allemal. Seitdem geht der 73-Jährige regelmäßig in den Knast. Monat für Monat, »außer im Sommer«, sagt er und lacht.

Reinhard Schramm lacht gern. Er ist von ansteckender Fröhlichkeit, seine blauen Augen blitzen, wenn er einen Scherz macht. Doch sie werden sehr ernst, wenn er seine Lebensgeschichte erzählt.

Die jüdische Mutter überlebt, weil sich ihr nichtjüdischer Mann nicht scheiden lässt. Er selbst wird 1944 in Weißenfels im heutigen Sachsen-Anhalt geboren. Die ersten Monate seines Lebens verbringt er bis zum Kriegsende mit seiner Mutter im Versteck. Außer den beiden werden alle jüdischen Familienmitglieder umgebracht.

Seine Mutter will nach dem Krieg nur noch weg, in den neuen Staat der Juden. Doch Reinhard bekommt Keuchhusten. Im Krankenhaus sorgen sich die Ärzte mit Hingabe um ihn. Er wird wieder gesund. Später erfährt er, die gleichen Ärzte haben in der Nazizeit einem anderen jüdischen Kind die Behandlung verweigert: Bernd Wolfson starb an einer vereiterten Mittelohrentzündung.

Es sind Geschichten wie diese, die seine Zuhörer schlucken lassen. Er setzt sie bewusst ein. Es sind wahre Geschichten, seine Erlebnisse. Sie erzählen davon, wie im NS-Deutschland Nachbarn zu Fremden wurden, der Wert der Juden in den Augen vieler Deutscher von Tag zu Tag sank. »Bis wir nur noch Ungeziefer waren, das man zertreten kann«, setzt Schramm den Schlusspunkt. Dies soll sich nie wiederholen. Deshalb geht er regelmäßig in den Knast.

Schramm ist Ingenieur, kein Träumer. Doch er hofft, dass er mit der Geschichte seines Lebens und seiner Familie bei den jungen Leuten mehr erreichen kann als tumbe Sprücheklopfer. Meist seien seine Zuhörer interessiert, sagt er, fragten gezielt nach. Für fast zwei Stunden können sie seiner Wahrheit nicht entfliehen.

»Damit sich die Geschichte nicht wiederholt, muss man sie kennen.« Das ist einer der Sätze, die er gern benutzt. Doch es geht ihm nicht nur um Historie, um die große Welt. Reinhard Schramm kommt auch als Vater. Denn sein Sohn saß selbst im Gefängnis. Zum Ende der DDR machte er aus seiner Meinung über den Arbeiter-und-Bauern-Staat keinen Hehl. Offen sprach er davon, das Land bei der erstbesten Gelegenheit zu verlassen, arbeitete wohl auch aktiv an einem Plan dazu. Der SED-Obrigkeit wurde das zu viel. Sie sperrte ihn kurzerhand ein. Reinhard Schramm hat die Monate seines Kindes im Gefängnis nicht vergessen. Wie die Zeit in der Zelle seinen Jungen veränderte, ihm mit jedem Tag mehr den Lebensmut nahm. Wie der Sohn begann nachzudenken, ob das alles noch Sinn für ihn habe. »Eine schlimme Zeit«, erinnert sich der Vater. Auch deswegen geht er jeden Monat aufs Neue in das Jugendgefängnis. Das bringt ihm immer noch Skepsis, aber auch Anerkennung ein.

»Ich kenne seine Initiative seit dem Brandanschlag und bewundere seine Ruhe und Konsequenz, mit der er sich diesen Gesprächen stellt«, sagt Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke). Er sei beeindruckt davon, wie Schramm immer wieder auf Menschen zugehe, bei denen er unterstellen müsse, dass diese bei einer nächtlichen Begegnung eher Angst auslösen würden. »So baut er Ängste auf beiden Seiten ab«, meint der Regierungschef. Und fügt noch an: »Mehr davon wäre wünschenswert.«

Dirk Löhr  (epd)

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