Feindlich, staatszersetzend, Christ

22. Januar 2018 von redaktionguh  
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Erinnerung: Mit dem Porträt des Kirchenhistorikers und Zeitzeugen, Professor Peter Maser, der sich in Sachen Aufarbeitung verdient gemacht hat, startet unsere Serie über »Christen in der DDR«.

Peter Maser steht im Innenhof der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße in Erfurt und blickt auf den Kubus, einen dunklen Würfel, bemalt mit Comiczeichnungen, die von den aufwühlenden Tagen im Spätherbst 1989 in Erfurt erzählen. »Ich glaube, das ist das bisher einzige gelungene und überzeugende Denkmal der friedlichen Revolution, das wir haben«, erklärt er nachdenklich.

Maser ist 74 Jahre alt und seine Geschichte ist eng und untrennbar mit der Andreasstraße verbunden. Dabei hat er zu diesem Ort gar keinen persönlichen Bezug. »Ich habe hier weder eingesessen, noch kenne ich irgendwelche Familienangehörige oder Freunde, die das taten«, betont er. Aber natürlich hat er in den vergangenen Jahren zahlreiche Menschen getroffen, deren Biografie auf fatale Weise mit diesem Ort verbunden ist.

Maser selbst hat auch eine DDR-Vergangenheit. Der gebürtige Berliner, der in Sachsen-Anhalt aufwuchs und heute in Bad Kösen lebt, besuchte in den 1950er-Jahren die Landesschule Pforta, ein Internatsgymnasium in Naumburg. »Das war eine sehr bekannte und traditionsträchtige Lehranstalt, die in der Zeit, als ich da zur Schule ging, gerade mit brachialer Gewalt zu einer sozialistischen Heimoberschule umgestaltet wurde.«

Zeitzeuge und Wissenschaftler: Peter Maser ist eng mit der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße verbunden. Foto: Diana Steinbauer

Zeitzeuge und Wissenschaftler: Peter Maser ist eng mit der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße verbunden. Foto: Diana Steinbauer

Maser war aktives Mitglied der Jungen Gemeinde, die der DDR-Führung ein Dorn im Auge war. Nachdem er seine Aktivitäten nicht einschränkte, musste er nach der 10. Klasse die Oberschule verlassen. Er ging ans Proseminar nach Halle, eine der kirchlichen Hochschulen in der DDR, die auf das Theologiestudium vorbereiten durften. »Eigentlich konnten die Absolventen dieser Schulen nur an kirchlichen Hochschulen studieren, aber zu meiner Zeit war es gerade möglich, auch an staatliche Universitäten zu gehen.« So kam er nach Halle, studierte ab 1962 Theologie und machte später dort auch seinen Doktor. Und das ganz ohne Hochschulreife. Er sei wohl der einzige Professor und Direktor eines geisteswissenschaftlichen Instituts in Deutschland, der nie Abitur gemacht habe, sagt er heute nicht ohne Stolz.

Peter Maser führt durch die verschiedenen Etagen der Andreasstraße. Das Gebäude diente schon zur Kaiserzeit als Gefängnis. Die Nationalsozialisten brachten hier ihre Gefangenen unter. Später nutzte die Stasi diese Räume, um vermeintliche Gegner einzusperren.
»Haft – Diktatur – Revolution« ist die Ausstellung überschrieben. Hier wird die Geschichte des Ortes lebendig. Das wird in der Dauerausstellung, aber vor allem auf der Haftetage deutlich. Man spürt förmlich die Wirkmächtigkeit des DDR-Apparats und das Ausgeliefertsein derer, die sich nicht konform zeigten.

Dem langen Arm der Stasi konnte sich der Kirchenhistoriker nicht entziehen. Der unbeugsame junge Mann, der auch aus seinem Glauben und seinen Ansichten keinen Hehl machte, war der Stasi ein Dorn im Auge. Die Staatssicherheit ließ ihn nicht mehr aus den Fängen. Wähnte man Maser doch als das Haupt einer feindlichen, staatszersetzenden Gruppe. »Das war ich nicht«, erklärt Maser. »Natürlich waren wir kritisch. Wir haben im privaten Kreis den jungen Marx gelesen und auch über die aktuellen Verhältnisse kritisch diskutiert, aber eine feindliche Gruppe waren wir ganz sicher nicht.«

Die Übergriffe der Stasi wurden immer massiver. Maser stellte 1976 einen Ausreiseantrag und verlor daraufhin seine Stelle. »1977 reiste ich mit meiner Familie und der tatkräftigen Unterstützung der Kirchenleitung in Magdeburg, die erkannt hatte, dass es mit mir in der DDR nicht mehr lange gutgehen wird, in die Bundesrepublik aus«, so Maser.

Er wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter des Kirchenamtes der EKD in Hannover und Lehrbeauftragter der Universität Münster. Dort habilitierte er sich 1988 in Kirchengeschichte. In all diesen Jahren verlor Maser jedoch nie den Blick für die Situation der Kirche in der DDR. Immer wieder publizierte er zu diesem Thema.

Nach der Wende berief man ihn im Bundestag als Berater zur ersten Enquete-Kommission. Es sei schon damals klar gewesen, »dass es im Grunde genommen kein Kapitel der DDR- und SED-Geschichte gab, in dem die Kirche nicht maßgeblich vorkam.«

Peter Maser vereinigt zwei Attribute. Er ist Zeitzeuge und Wissenschaftler. Einer, der sich sehr früh darüber Gedanken machte, wie dieser Teil der deutschen Geschichte aufgearbeitet und tradiert werden sollte. In die Überlegungen zur Nutzung des früheren Stasi-Gefängnisses in der Erfurter Andreasstraße bezog 1992 das Thüringer Kultusministerium Maser ein. »Daraus entwickelte sich dann über mehrere Jahre eine sehr intensive, anstrengende, aber immer spannende Mitarbeit und Zusammenarbeit in Erfurt«, so Maser. Es war von Beginn an keineswegs klar, was werden sollte. Eine aktive Gruppe, die sich im »Freiheits e.V.« zusammengeschlossen hatte und zu der viele ehemalige Häftlinge gehörten, schlug eine Gedenkstätte für die Opfer der SED-Diktatur vor.

Am Ende eines langen Prozesses stand die Entscheidung, hier einen Ort mit zweipoliger Erinnerung zu schaffen, der zwei scheinbar gegensätzliche Themen verbindet: Unterdrückung und Befreiung. Die Gedenkstätte erinnert an Haft und Repression, an DDR-Unrecht in vielfältiger Form und an das Wirken des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Zugleich hält sie die Erinnerung an die friedliche Revolution wach. Deren Geschichte mit der erzwungenen Öffnung der Stasi-Zentrale am 4. Dezember 1989 durch Bürgerrechtler wird hier erzählt.

Peter Masers Engagement für die Andreasstraße ist ungebrochen. An der Aufarbeitung der Geschichte von Christen in der DDR ist er ebenfalls beteiligt. Auch in der Arbeitsgemeinschaft, die die interministerielle Arbeitsgruppe in der Thüringer Staatskanzlei unterstützt, ist er dabei. Er ist zuversichtlich, was die Aufarbeitungsbemühungen anbelangt: »Dass das Thema ›Christen in der DDR‹ mit Ernsthaftigkeit und auf unterschiedlichen Ebenen behandelt wird, wirkt sich allmählich aus«, ist er sich sicher. »Also, ich kann kein Bundesland sehen, in dem das mit dieser Intensität abläuft, wie das hier in Thüringen geschieht.«

Diana Steinbauer

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Alles kann Gebet sein: Schweigen, singen, arbeiten

15. Januar 2018 von redaktionguh  
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Es gibt verschiedene Formen des Gebets: Kindergebete, Tischgebete, Friedensgebete, Fürbitten, stille Gebete. Keines bleibt ohne Wirkung.

Das Gebet ist ein höchst bemerkenswertes Phänomen. Für sehr viele Menschen – Christen, Juden, Muslime und Angehörige anderer Religionen – ist es fest in den Tagesablauf integriert. Ihnen gegenüber steht insbesondere in Deutschland eine hohe Zahl von Atheisten, Menschen, die nicht an Gott glauben. Doch sogar sie schicken gelegentlich, wenn sie verzweifelt sind und nicht ein noch aus wissen, ein Stoßgebet zum Himmel. Für manche Christen wiederum ist es nicht selbstverständlich, regelmäßig zu beten. Und schon Paulus merkte, »denn wir wissen nicht, was wir beten sollen« (Römer 8,26 b).

Beten will geübt sein

Selbst die vermeintlichen Profis in Sachen Gebet, die Theologen und Pfarrer, haben zuweilen ihre Schwierigkeiten damit. »Ich bin kein Gebetomat, ich lasse mich ablenken, treiben«, so Propst Christoph Hackbeil, Regionalbischof für den Propstsprengel Stendal-Magdeburg. Er hat sich für den Gebetskalender der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) starkgemacht.

Der Gebetskalender, der abonniert werden kann, lädt Einzelne und Gemeinden ein, die darin formulierten Anliegen aufzunehmen und vor Gott zu bringen. Der Gebetskalender wird jeweils für zwei Monate veröffentlicht. Gestaltet wird er reihum von den Propsteien Gera-Weimar, Stendal-Magdeburg, Eisenach-Erfurt, Meiningen-Suhl, dem Reformierten Kirchenkreis, Halle-Wittenberg und dem Landeskirchenamt.

Wie Hackbeil erklärt, sammeln die Kirchenkreise ihre Vorschläge für Gebetsanliegen, die Superintendenten beraten darüber und treffen eine Auswahl. Die Anliegen nehmen die gesellschaftliche Situation auf sowie das, was die Landeskirche und die Propsteien beschäftigt, so der Theologe. Die Resonanz sei bislang gleichbleibend, wünschenswert wäre eine größere Beteiligung.

»Gebet bleibt nie ohne Wirkung, auch wenn ich sie nicht sehe«, ist Ulrike Köhler, Seelsorgerin im Kloster Volkenroda, überzeugt.

Gebete werden erhört

Zwiesprache mit Gott: Beten in verschiedenen Religionen, an unterschiedlichen Orten, allein oder in Gemeinschaft. Fotos: epd-bild; Fotosasch – stock.adobe.com. Collage: Adrienne Uebbing

Zwiesprache mit Gott: Beten in verschiedenen Religionen, an unterschiedlichen Orten, allein oder in Gemeinschaft. Fotos: epd-bild; Fotosasch – stock.adobe.com. Collage: Adrienne Uebbing

»Das ist manchmal unheimlich«, so die Erfahrung von Kirchenrat Andreas Möller, verantwortlich für Gemeindeentwicklung in der EKM. Als ihm vor etlichen Jahren die Pfarrstelle am Lutherhaus Jena angeboten wurde, lehnten er und seine Frau zunächst ab. »Es sprach vieles dagegen«, erzählt er. »Dann haben wir alle Bedenken im Gebet ausgesprochen und Gott gebeten, wenn er will, dass wir nach Jena gehen, soll er irgendetwas tun. Wir waren bestürzt, als sich im Laufe von etwa acht Wochen alle Probleme in Luft auflösten.«

Ebenso gibt es die Erfahrung, dass Gebete nicht erhört werden. Gott ist kein Wunscherfüllungsautomat. Das wäre furchtbar, denn zuweilen wenden sich Menschen mit bösen, abwegigen, irrsinnigen Erwartungen an ihn. Manchmal könne das Gebet zu einer neuen Einsicht führen, ganz banal, wie es Ulrike Köhler beschreibt. Wenn sie eine Erkältung hat und darum bittet, gesund zu werden, dies aber nicht eintritt, frage sie sich, ob sie nur etwas mehr Geduld aufbringen und einfach nur stillhalten solle.

Aber auch schwer kranke Menschen bitten vergeblich um Heilung. In solchen Fällen fordere sie die Betreffenden auf, so Köhler, näher hinzuschauen und akzeptieren zu lernen, dass unser Leben endlich ist. Aus Sicht der Seelsorgerin eine zumutbare Aufforderung, »wenn wir wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen«. Sie ist sich sicher: »Wir haben einen Gott, der Wunder tut. Aber wir können nicht darüber verfügen, dass er Wunder tut.«

Beten lernen

Wie lernt ein Mensch beten? »Ich bin noch klein, mein Herz ist rein, es soll niemand drin wohnen als Jesus allein. Amen« Unzählige Mütter haben ihren Kindern dieses Gebet beigebracht. Bestenfalls geht das Ritual so im Laufe der Zeit in Fleisch und Blut über.

»Ich erinnere mich, wie die Eltern den festgelegten Gebeten freie Worte hinzufügten«, berichtet Andreas Möller. Diese freien Worte seien für ihn sehr eindrücklich gewesen, ehrlich und authentisch. Im Ferienlager, wenn er sich nach Hause sehnte, habe er sich darauf besonnen, den erlernten Gebeten freie Worte hinzuzusetzen.

Es gibt verschiedene Formen des Gebets: Kindergebete, Tischgebete, Friedensgebete, Fürbitten, stille Gebete, um nur einige zu nennen.

In bestimmten Situationen sei es für Menschen, beispielsweise für Politiker, wichtig, wenn für sie gebetet wird, betont Hackbeil. »Es gehört zu unserem Auftrag, für die Obrigkeit zu beten statt Ratschläge zu geben.« Ebenso tröste es Kranke, wenn sie wissen, dass die Seelsorgerin sie in ihr Gebet einschließe. Persönlich schätze er das Gebet als große Hilfe im Leben. Es verbinde mit anderen Menschen, mit der Schöpfung. »Und es gibt mir Kraft, Dinge auszuhalten.«

Im Kloster Volkenroda wird täglich drei Mal zum Gebet eingeladen. 7.30 Uhr steht der Morgengottesdienst auf dem Programm, mittags das Gebet für Frieden und abends Fürbitten.

In einen inneren Dialog treten, ein Stoßgebet oder Schweigen, sich Gott nur hinhalten ohne Absichten – alles ist Gebet.

»Manche sagen, Gesang ist die höchste Form des Gebets«, ergänzt Andreas Möller. Mit dem Körper zu beten, etwa die Arme zu erheben, sei ebenfalls eine Möglichkeit, sich der Gegenwart Gottes zu öffnen.

Zur hohen Schule gehört das Herzensgebet, ein immerwährendes Gebet, bei dem im Atemrhythmus der Name Jesu Christi angerufen wird: Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner.

Und selbst die Arbeit könne Gebet sein, so Ulrike Köhler. Wenn ich in allem, was ich tue, Gott suche, sei das Gebet. »Ich bin Mitschöpfer, darf an Gottes Schöpfung mitgestalten.« Mit dieser inneren Ausrichtung könne das Arbeiten zum Gebet werden.

Sabine Kuschel

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Lasst den Sonntag in Ruhe

8. Januar 2018 von redaktionguh  
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In Sachsen-Anhalt gibt es eine Allianz für den freien Sonntag. Arbeitgebervertreter findet man nicht darunter. Willi Wild fragte den Vizepräsidenten des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer (AEU), Friedhelm Wachs, warum das so ist:

Was halten Sie von derartigen Bündnissen?
Wachs:
Für uns Christen gilt das 3. Gebot. Es lautet: »Du sollst den Feiertag heiligen.« Im Grundgesetz steht in Artikel 140: »Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.« Es ist immer wieder sinnvoll, wenn sich Christen dieser Grundsätze vergewissern.

In einer gemeinsamen Erklärung haben der Rat der EKD und die Kath. Bischofskonferenz 1999 die Eingriffe in die Sonntagsruhe durch Arbeitszeitrecht, Ladenschlussgesetz und verkaufsoffene Sonntage kritisiert. Wie stehen Sie als Christ und Unternehmer zum Feiertagsgebot?
Wachs:
Das 3. Gebot steht unter keinem Vorbehalt, insofern gilt es für alle Christen, auch für mich als Unternehmer.

Gewerkschaften schließen sich den kirchlichen Forderungen nach dem Schutz des Sonntags an. Die Initiative für die Sonntagsruhe wird als »Anregung für die Tarifpartner« betrachtet. Wie sehen Sie das?
Wachs:
Der Kernauftrag der Kirche ist in meiner Wahrnehmung nicht, den Tarifpartnern Anregungen zu geben, sondern Gottes Wort zu verkünden und zu leben. Für uns Christen ist es wesentlich, am Sonntag mit den Mitgliedern unserer Gemeinde das Abendmahl zu feiern. Das geht nur gemeinsam. Deshalb bin ich daran interessiert, dass sich die Gemeinde versammeln kann und nicht anderweitig verhindert ist. Und meine Beobachtung ist: je attraktiver der Gottesdienst, desto voller ist die Kirche.

Lässt sich das Rad z. B. bei den Ladenöffnungszeiten überhaupt zurückdrehen und welche Folgen hätte das für Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Gesellschaft?
Wachs:
Der gesellschaftliche Konsens und die Konsensfindung der repräsentativen Demokratie bestimmen unser Zusammenleben und regeln auch diese Fragen. Keine Verfassung kann Leitentscheidungen vorgeben und eine Regel auf Dauer halten, die von einer Mehrzahl der Bürger und Parlamentarier dauerhaft nicht akzeptiert wird; das haben wir ja 1989 erlebt. Für mich beruht die Veränderung im Bereich der Ladenöffnungszeiten auf den sich verändernden Lebensvollzügen und Interessen der Menschen, sodass sich die Frage der Rücknahme der Liberalisierung für mich nicht stellt. Für die Erosion des Sonntagsschutzes ist der sinkende Anteil an Christen in der Gesellschaft das eigentliche Problem.

Öffentliches Interesse? Damit begründen Kommunen die Sonntagsöffnung. Gewerkschaften und Kirchen halten die Feiertagsruhe dagegen. Foto: Gina Sanders – stock.adobe.com

Öffentliches Interesse? Damit begründen Kommunen die Sonntagsöffnung. Gewerkschaften und Kirchen halten die Feiertagsruhe dagegen. Foto: Gina Sanders – stock.adobe.com

Einige Supermarktketten hatten am verkaufsoffenen Heiligabend-Sonntag zu. Richtig oder falsch aus Unternehmer- und aus Christensicht?
Wachs:
Ich weiß nicht, ob Christen diese Entscheidung getroffen haben und ob Glaube überhaupt eine Rolle gespielt hat. Unternehmerisch gehe ich von einer rational getroffenen Entscheidung aus. Der Nutzen für Mitarbeiterinnen und Unternehmen dürfte größer sein als die Kosten für die Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs an einem halben Sonntag.

Haben wir in Deutschland zu viele Feiertage?
Wachs:
Es gibt Länder wie Japan mit weniger Feiertagen und weniger Urlaubstagen und die Menschen werden im Durchschnitt dort fast 3 Jahre älter als hier in Deutschland. Dort 83,84 Jahre und hier 81,09 Jahre. Wenn da ein Zusammenhang besteht, würde ich sagen: ja.

Was bedeutet Ihnen der Sonntag und können Sie am 7. Tag ruhen? Wie sieht ein typischer Sonntag bei Ihnen aus?
Wachs:
Ich habe drei kleine Kinder, sie prägen den Sonntag. Den Tag beginnen die Drei um 6:30 Uhr mit Malen und Spielen und Eltern wecken. Dann steht vormittags der Gottesdienst auf dem Plan und danach kommt es sehr auf die Aktivitäten an, die die Familie sich wünscht, und auf die Jahreszeit. Neben dem Austausch mit Freunden, umringt von tobenden Kindern, sitze ich in diesen kalten Tagen gern, schreibe, lese und widme mich nachdenkenswerten Fragen. Und wenn der Tag geht und die Kinder im Bett sind, dann freue ich mich auf die Arbeitswoche. Die ist meist ruhiger als mein Sonntag.

Der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer in Deutschland (AEU) ist ein Netzwerk protestantischer Unternehmer und Führungskräfte. Friedhelm Wachs (Leipzig) ist Unternehmensberater und Sprecher der mitteldeutschen Arbeitsgruppe des AEU.

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Der ewigen Dürre trotzen

1. Januar 2018 von redaktionguh  
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Wassernotstand: Die Region nördlich und östlich des Mount Kenya ist durch große Trockenheit geprägt. Viele Frauen verbringen mehrere Stunden am Tag damit, Wasser aus weit entfernten Quellen zu holen. Der Entwicklungsdienst der Anglikanischen Kirche verschafft den Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser – und setzt dabei auch auf unkonven­tionelle Methoden.

Mit verschränkten Armen steht Agnes Irima vor der Wasserstelle und schaut zu, wie das klare Wasser aus dem Hahn in ihren gelben Kanister sprudelt. Seitdem der Entwicklungsdienst der Anglikanischen Kirche in Kenia (Anglican Development Service, ADS) mit Unterstützung von Brot für die Welt in ihrem Dorf Gichunguri eine zuverlässige Versorgung mit Trinkwasser aufgebaut hat, braucht die 44-Jährige sich nicht mehr zu sorgen. »Früher hatte ich immer Angst, zu wenig Wasser für meine Familie zu haben.«

Ideenreich: Mit einer Rinne um einen Felsen und einen Tank sammeln Agnes Irima und die Dorfbewohner von Gichunguri am Mount Kenia Regenwasser. So haben sie auch in Dürrezeiten Trinkwasser. Fotos: Jörg Böthling/Brot für die Welt

Ideenreich: Mit einer Rinne um einen Felsen und einen Tank sammeln Agnes Irima und die Dorfbewohner von Gichunguri am Mount Kenia Regenwasser. So haben sie auch in Dürrezeiten Trinkwasser. Fotos: Jörg Böthling/Brot für die Welt

Um einen Felsen in der Größe eines Mehrfamilienhauses am Berghang hat eine lokale Baufirma aus Steinen eine Rinne gemauert. Bei Regen leitet diese das Wasser, das auf die Oberfläche prasselt, in einen Behälter aus Beton, in dem sich Sand und Steine absetzen. Von da aus fließt es in einen 75 Kubikmetergroßen Tank. Dieser speist die Wasserstelle am Fuße des Berges, an der Agnes Irima und die anderen Dorfbewohnerinnen jeden Morgen ihr Wasser holen. Nur wenige Tage Regen genügen, um den großen Tank zu füllen.

Tägliches Energiegetränk

Der Tank liegt nur ein paar hundert Meter von Agnes Irimas Haus entfernt. Früher musste sie fast sieben Kilometer weit laufen, um an Wasser zu kommen. Fünf Stunden am Tag war die Kleinbäuerin damals mit der Beschaffung des Wassers beschäftigt.

Zusammen mit anderen Frauen aus dem Dorf machte sie sich morgens um drei Uhr auf den Weg. Immer hatten sie Angst, nach dem anstrengenden Marsch kein Wasser mehr vorzufinden. Außerhalb der Regenzeit sind viele Flüsse am Mount Kenya ausgetrocknet. Die Menschen graben dann Löcher in das Flussbett, in denen Wasser zusammenläuft. »Ich musste es mühsam mit einer Schöpfkelle herausholen«, so Irima.

Doch das war nicht das einzige Problem: Das Wasser in diesen Löchern ist schmutzig, unter anderem, weil sich auch Tiere an ihnen bedienen. »Wir hatten Probleme mit Würmern, erkrankten an der Amöbenruhr, besonders die Kinder litten häufig an Durchfall«, erinnert sie sich.

Mehr als dreißig Liter Wasser konnte Agnes Irima nicht transportieren. Damit musste die Großfamilie einen Tag lang auskommen – das Waschen von Geschirr und Wäsche inklusive. Alle tranken zu wenig, hatten Kopfschmerzen und fühlten sich schwach. Heute trinken Agnes Irima und ihre Familie mindestens doppelt so viel. Nicht dass sie Wasser im Überfluss hätten. Für jeden Kanister bezahlen sie umgerechnet fünfzig Eurocent. So werden Instandhaltung und Ausbau der Wasserversorgung finanziert. Trotzdem ist immer genug da. »Wir fühlen uns gesund und kräftig, und die Kinder kommen gut in der Schule mit«, sagt Irima.

Seitdem sie sich nicht mehr die Hälfte des Tages um die Beschaffung von Wasser kümmern muss, hat Agnes Irima mehr Zeit für die Landwirtschaft. Auf ihrem kleinen Stück Land baut die Familie Mais, Gemüse und Obst an. Fast alles verbrauchen sie selbst.

Mehr Zeit für die Landwirtschaft

In der letzten Regenzeit von Oktober bis Dezember hat es jedoch nur wenige Tage geregnet. Die Maisernte fällt daher für die meisten Bauern aus. Dürrekatastrophen treten aufgrund des Klimawandels immer häufiger auf. Damit das Trinkwassersystem trotzdem genug für alle Dorfbewohner bereitstellt, baut ADS gerade zwei weitere Tanks. Wenn diese fertig sind, soll auch die Dorfschule sich daraus versorgen können. Zurzeit müssen die Schülerinnen und Schüler mit zwei Bechern Wasser pro Tag auskommen.

Agnes freut sich darüber, auch wegen ihrer Enkelin Peace Celille: »Ich bin sehr glücklich, dass meine Enkelin es besser hat.« Den täglichen Gang mit dem Kanister zur Wasserstelle nimmt sie dafür gerne in Kauf. Zumal er jetzt nur noch wenige Minuten dauert.

Klaus Sieg

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Der Countdown läuft

24. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Von Predigtgedanken, Fußballfreunden, Sauerkraut und Kirchenglocken: Ein Gedankentagebuch des Schlotheimer Pfarrers Frank Freudenberg in den Tagen vor Weihnachten, im vergangenen Jahr.

Aufgezeichnet von Katharina Freudenberg

Illustrationen: kirche.nelcartoons.de

Illustrationen: kirche.nelcartoons.de

7.42 Uhr: Ein heißer Tee wärmt mir den Magen. Dann bringe ich unsere beiden Kinder zum Kindergarten.
8.04 Uhr: Großes Gewusel im Gemeindebüro. Es gibt noch viel zu organisieren: Die Liederhefte für die Gottesdienste müssen noch in die Ortschaften gelangen. Drängende Frage: Reichen die Präsente als Dank für die Krippenspielkinder?

9.35 Uhr: Den Urlaubsantrag für die Tage nach Weihnachten muss ich noch schnell ins Kirchenkreisbüro schicken.

22. Dezember, morgens im Gemeindebüro: Die Liederhefte für die Christvespern werden sortiert. Fotos: Katharina Freudenberg

22. Dezember, morgens im Gemeindebüro: Die Liederhefte für die Christvespern werden sortiert. Fotos: Katharina Freudenberg

9.45 Uhr: Am Schreibtisch angekommen setzte ich mich an die Predigt. Der Kerngedanke ist mir schon lange im Sinn: »Fürchtet euch nicht!« Wovor fürchten wir uns heute? Jetzt, nach dem Anschlag in Berlin liegt das Thema ganz oben auf. Es gibt so viele Ängste.

12.01 Uhr: Mitarbeiterweihnachtsessen in Sondershausen: Wir halten Rückblick auf das vergangene Jahr. Ich genieße den Moment der Besinnung. Es ist ein ereignisreiches Jahr gewesen. Ohne diese Zeiten des Innehaltens rast es einfach weiter.

14.24 Uhr: Einige Besorgungen liegen noch an: diverse Weihnachtsgeschenke und ein Kreativkoffer für die Christenlehre.

16.10 Uhr: Weihnachtsfeier des Fußballinternats, mit dem die Kirchengemeinde zusammenarbeitet. Angeregtes Gespräch mit einem ehemaligen Trainer über das anstehende Reformationsjubiläum und die Bewertung Martin Luthers in der evangelischen Kirche. Er ist überhaupt kein Kirchgänger, aber dennoch sehr interessiert.
17.05 Uhr: Nun ist es Zeit, den morgigen Gottesdienst im Seniorenheim vorzubereiten. Habe ich alle Weihnachtspräsente für die Senioren?
18.03 Uhr: Abendessen mit der Familie

20.01 Uhr: Zurück am Schreibtisch: aktuelle Zeitungslektüre. Erstaunlicherweise findet sich das weihnachtliche Motiv »Fürchtet euch nicht« in etlichen Zeitungskommentaren. Mir gehen einzelne Menschen durch den Kopf und wie sie das »Fürchtet euch nicht« wohl hören werden. Menschen zum Beispiel, deren Emotionen hochkochen, wenn sie das Wort »Geflüchtete« hören. Ich denke auch an manche Gemeindeglieder, die ein geliebtes Familienmitglied im vergangenen Jahr verloren haben. Und es gab schwere Schicksalsschläge.

Die Krippe der Pfarrersfamilie Freudenberg im Schlotheimer Pfarrhaus. Fotos: Katharina Freudenberg

Die Krippe der Pfarrersfamilie Freudenberg im Schlotheimer Pfarrhaus. Fotos: Katharina Freudenberg

10.01 Uhr: Gottesdienst im Seniorenheim: Wir singen schon mal die Weihnachtslieder, denn die meisten der Senioren können nicht in die Kirche kommen. Angeregte Stimmung, viele Redebeiträge. Jeder Gottesdienstteilnehmer bekommt ein kleines Geschenk zum Abschied. Jetzt geht’s los auf die Stationen – zu den Menschen, die das Bett nicht mehr verlassen können. Auch sie sollen einen kleinen Gruß bekommen.

12.15 Uhr: Problem. Der Josef ist uns abhandengekommen. Schon zur Generalprobe war er nicht da und seine Handynummer stimmt offensichtlich nicht mehr. Ärger steigt in mir hoch. Krippenspiel ohne Josef – das geht nicht. Im Team beraten wir, wer spontan einspringen könnte. Ich vielleicht? Ich telefoniere rum. Wer hat Josef gesehen? Ob Maria damals wohl auch solche Schwierigkeiten hatte?

14.03 Uhr: Besuch zum 91. Geburtstag eines Gemeindeglieds im Nachbardorf. Früher hat sie sich immer um das Krippenspiel gekümmert. Die Tochter der Jubilarin trällert ein Lied­chen.

15.27 Uhr: Im Seniorenheim: Plötzlich steht der Josef da. Er konnte zu den letzten Proben nicht kommen, sein Telefon war kaputt. Aber jetzt ist er da. Erleichterung macht sich breit. Erst recht als die Aufführung doch besser lief als befürchtet und ich nicht in die Rolle des Josef schlüpfen musste. Das Kostüm hatte ich schon dabei.

16.45 Uhr: Am Heiligabend soll es wie jedes Jahr ein traditionelles Weihnachtsgericht bei uns zu Hause geben. Genau das gleiche, mit dem ich aufgewachsen bin. Die Bratwürste sind schon besorgt. Aber das Sauerkraut und die Kartoffeln für die Klöße fehlen noch. Also schnell in den Supermarkt, auch wenn es um diese Zeit kein Spaß ist, sich durch die Gänge zu schieben.

17.45 Uhr: Was sein muss, muss sein – ab zum Fußballtraining der Alten Herren. Nach Möglichkeit lasse ich keine der wöchentlichen Trainingszeiten aus. Sonst bewegt man sich ja gar nicht mehr – und die Jungs in der Mannschaft hab ich einfach gern. Manchmal sagen sie, dass in der Mannschaft, in der ich mitspiele, noch einer mehr dabei ist und zeigen dabei augenzwinkernd Richtung Himmel.

19.54 Uhr: Ein Gutenachtlied für die Kinder.

20.15 Uhr: Mein Magen knurrt. Damit mein Gehirn noch arbeitstüchtig bleibt, brauche ich dringend etwas zu Essen. Meine Frau hat die Suppe schon warmgemacht.

20.40 Uhr: Die Endfassung der Predigt steht an.
8.43 Uhr: Erste wichtige Aufgabe des Tages: den Weihnachtsbaum aufstellen. Nachdem er schon ein paar Tage draußen im Kalten gewartet hat, darf er nun in die gute Stube. Rein in den Baumständer, noch ein bisschen ausrichten und schon können die Kinder mit dem Schmücken beginnen.

9.54 Uhr: Ein Freund bringt uns den Weihnachtsbraten – er hat das Reh am Vortag erst geschossen. Das wird ein Fest!

11.44 Uhr: Die Nudelsuppe können wir noch alle zusammen essen, bevor wir am Nachmittag in verschiedene Kirchen aufbrechen.

13.15 Uhr: Mein Schwager trifft ein, um die Kinder zu hüten.

Illustrationen: kirche.nelcartoons.de

Illustrationen: kirche.nelcartoons.de

15.01 Uhr: Christvesper mit kleinem Krippenspiel. Das Glockenläuten bringt mich zur Ruhe. Ich bin aber eindeutig zu warm angezogen, denn die fürsorglichen Kirchenältesten haben einen Gasheizer direkt neben meinem Platz aufgestellt; Nebeneffekt: der Gasheizer raubt mir den Sauerstoff, ich muss gähnen. Nun ist das Vorspiel vorbei, ich bin dran. Hoffentlich kann ich die Erwartungen, mit denen die vielen Menschen jetzt in der Kirche sitzen, gut aufnehmen und in Worte fassen.

Mit dem »Gloria« des Kirchenchors kommt Weihnachtsstimmung auf. Am Ausgang dann die persönliche Verabschiedung: Ich sehe viele Menschen, die schon lange nicht mehr hier wohnen, aber zu Weihnachten zu ihren Ursprüngen zurückkehren. Da sind die stolzen Omas, die ihre Kinder beim Krippenspiel bewundert haben. Ich drücke auch die Hände derer, von denen ich weiß, dass bei ihnen in diesem Jahr ein Stuhl leer bleibt. Und natürlich sind da auch die freudestrahlenden Kinder, die es kaum erwarten können, dass es nun endlich zur Bescherung geht.

16.30 Uhr: Christvesper mit Krippenspiel im nächsten Dorf: Zum Glück komme ich frühzeitig an. Ich muss sehen, dass ich noch kurz mit dem Organisten sprechen kann. Dann geht es auch schon los. Bei der Predigt steige ich auf die Kanzel. Das mache ich im restlichen Jahr nie. Bei den Anspielungen auf die Geflüchteten erahne ich in einigen Gesichtern Widerspruch. Aber es bleibt bei der Ahnung, am Ausgang spricht mich niemand darauf an.

18.39 Uhr: Zum Glück komme ich zwanzig Minuten vor Beginn der nächsten Christvesper an. Die Krippenspielkinder sind unglaublich aufgeregt. Auch Josef ist da – puuh! Jetzt geht es darum, für Ruhe zu sorgen, jedes Kind braucht seinen Platz. Wichtig ist auch ein letzter Technik-Check. Mein Blick streift durch das Kirchenschiff. Fast alle Plätze sind bereits besetzt. Wie schön, einige Gesichter zu sehen, die sonst nicht kommen. Am Ende dann »O du Fröhliche« im Stehen – es erinnert mich an die Weihnachtsgottesdienste meiner vogtländischen Kindheit.

19.42 Uhr: Zu Hause angekommen. Der Duft von Bratwurst, Klößen und Sauerkraut strömt mir schon auf der Treppe in die Nase. Die Kinder kommen mir freudestrahlend entgegengerannt. Ich muss schnell die langen Unterhosen loswerden und mir ein frisches Hemd anziehen. Dann kann der Weihnachtsabend beginnen.

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Christbaum aus dem Kirchenwald

18. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Alle Jahre wieder im Advent beginnt in den Wäldern das Schlagen von Weihnachtsbäumen. Wer selbst die Axt anlegt, wird mancherorts zu Glühwein und einem zünftigen Imbiss eingeladen.

Weihnachtsbäume aus heimischen Wäldern haben in Thüringen eine lange Tradition. Über Generationen holten sich vor allem die Bewohner der waldreichen Bergregionen ihren Christbaum selbst aus dem Wald. Damit kam zum Fest stets ein frisches Exemplar in die gute Stube. Der alte Brauch erfreue sich mittlerweile wieder zunehmender Beliebtheit, sagt Horst Sproßmann vom ThüringenForst: »In einigen Orten ist das Baumschlagen bei Glühwein und Bratwurst oft ein Event für die ganze Familie.«

Auch auf kirchlichen Waldflächen wird so manche Fichte für das Weihnachtsfest geschlagen. Mit etwa 6 000 Hektar entfällt knapp die Hälfte des Kirchenforstes in der mitteldeutschen Kirche auf Thüringen, das wiederum zu einem Drittel mit Wald bedeckt ist – insgesamt mit mehr als 550 000 Hektar. Zu den rund 800 Hektar kirchlicher Waldflächen in Ostthüringen gehören 270 Hektar des Schleizer Geistlichen Hilfsfonds, der bereits am Heiligabend 1605 errichtet wurde. Seither sind die Überschüsse aus der Waldwirtschaft des Fonds jeweils zur Hälfte für kirchliche und für schulische Aufgaben bestimmt. Gelegentlich sei er dabei gewesen, um in diesem Stiftungswald Christbäume für die Kirche zu schlagen, erinnert sich Pfarrer Andreas Göppel. Als er vor einigen Jahren aus Sachsen-Anhalt in die kleine Gemeinde Tanna im Grenzland zu Sachsen und Bayern wechselte, sei es für ihn etwas Neues gewesen, selbst die Axt mit anzulegen.

Gleichwohl seien Christbäume aus dem Kirchenwald in Kirchengemeinden oder Gemeindehäusern eher die Ausnahme, sagt Kirchenoberforsträtin Susann Biehl vom Erfurter Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Als wichtigsten Grund für die Zurückhaltung vermutet sie das Austrocknen der zumeist verwendeten Fichten in geheizten Räumen und das damit verbundene frühzeitige Verlieren der Nadeln.

Aktuelle Trends: Die Nachfrage nach kleineren Bäumen von 1,50 bis 1,75 Meter nimmt zu. Außerdem spielt Regionalität zunehmend eine Rolle: 30 Prozent der Bäume werden direkt bei landwirtschaftlichen Betrieben gekauft, weitere 30 Prozent im Straßenhandel und der Rest in Supermärkten sowie in Garten- und Baumärkten. Fotos: by-studio – stock.adobe.com

Aktuelle Trends: Die Nachfrage nach kleineren Bäumen von 1,50 bis 1,75 Meter nimmt zu. Außerdem spielt Regionalität zunehmend eine Rolle: 30 Prozent der Bäume werden direkt bei landwirtschaftlichen Betrieben gekauft, weitere 30 Prozent im Straßenhandel und der Rest in Supermärkten sowie in Garten- und Baumärkten. Fotos: by-studio – stock.adobe.com

Die Verwendung der Nadelbäume als Weihnachtsschmuck ist für die Kirchenwälder ohnehin nur ein Nebenaspekt. In erster Linie gehe es um eine wirtschaftliche Nutzung des natürlichen Rohstoffs Holz, um damit einen Ertrag für die Mitfinanzierung von kirchlichen Aufgaben zu erzielen, sagt die Forstfachfrau. Als Beispiele nennt sie die Pfarrerbesoldung und die finanzielle Unterstützung für den Erhalt von kircheneigenen Gebäuden.

Für die Bewirtschaftung ihrer Waldflächen hat die EKM strenge Kriterien festgelegt. Sie sollen dazu beitragen, den Wald als Teil der Schöpfung zu erhalten und zu pflegen. »Dabei hat Nachhaltigkeit die oberste Priorität«, betont Biehl. Die wichtigsten Grundsätze seien der Verzicht auf Kahlschlag und Pestizide, schonende Verfahren zur Holzernte und die ständige Einbeziehung des Naturschutzes.

Dazu gehörten neben dem Schutz von Boden- und Wasserflächen auch der Beitrag des Waldes zum Klimaschutz als Speicher für Kohlenstoff. Darüber hinaus sei der Erhalt des Waldes als Kulturgut unverzichtbar, fügt sie hinzu. Vor diesem Hintergrund sei der Waldumbau von der Monokultur zu einem Mischwald mit anderen Nadel- und Laubbäumen auch für den Kirchenwald eine besondere Herausforderung. Erste positive Veränderungen auf diesem Gebiet hat die jüngste Inventur der kirchlichen Waldflächen in Thüringen ergeben. Gegenüber der Bestandsaufnahme aus dem Jahr 2002 zeige sich der Thüringer Kirchenwald heute gemischter und auch stabiler gegenüber Klimaveränderungen, resümiert die zuständige Mitarbeiterin im Erfurter Kirchenamt. Rund ein Drittel des Bestands seien Buchen, Eichen und andere Laubbäume.

Am häufigsten wachsen jedoch auf den kirchlichen Waldflächen nach wie vor Fichten. Sie haben das romantische Bild vom »deutschen Wald« seit dem 19. Jahrhundert auch in Thüringen maßgeblich geprägt. Mit dem grundlegenden Waldumbau sollen diese Bestände keineswegs verschwinden, sagt Biehl. Doch künftig werde es auch im Kirchenwald mehr andere Nadelbäume geben, die als Weihnachtsbaum langlebiger sind. Wie etwa die Weißtanne, so die Forstfachfrau.

Thomas Bickelhaupt (epd)

Wissenswertes
Das Saatgut der hierzulande als Weihnachtsbaum beliebten Nordmanntanne wird vor allem aus Georgien importiert. Zur Ernte werden die Zapfen von Bäumen oft in einer Höhe von 60 Metern von Hand gepflückt. Übrigens: Die Forschung, z. B. an der Uni Kopenhagen, sucht nach dem noch perfekteren Weihnachtsbaum mit noch schönerem Wuchs, höherer Frosttoleranz, geringerem Nadelverlust und sogar nach dem schwerer entflammbaren Baum. Auch der Online-Weihnachtsbaum­verkauf wächst kontinuierlich, bisher noch auf niedrigem Niveau. Das Angebot in diesem Jahr war bereits umfangreicher. Eine Lieferung ins Haus – sogar geschmückt – ist inzwischen möglich.


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Nächstenliebe kommt zum Zug

11. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Streckenposten: Am zweiten Advents-Wochenende nimmt die Deutsche Bahn ihre neue »Rennstrecke« zwischen Berlin und München komplett in Betrieb. Reisende, die Hilfe brauchen, bekommen diese am Knotenbahnhof Erfurt von der Bahnhofsmission.

Heute kommen Uwe Friese, Magdalena Steinhöfel und Beate Wichmann ganz schön ins Schwitzen. Vier Stunden lang arbeiten sie an diesem Freitagnachmittag ehrenamtlich für die neue Bahnhofsmission am Erfurter Hauptbahnhof. Diebe haben auf der Strecke in Richtung Leipzig Teile der Oberleitung gestohlen. Das wirbelt den Fahrplan gehörig durcheinander. Viele Reisende sind stundenlang verspätet, verpassen Anschlüsse und sind froh, dass sie jemanden haben, der mit Rat und Tat zur Seite steht.

Foto: Markus Wetterauer

Foto: Markus Wetterauer

Oft sind es nur kleine Gesten, die weiterhelfen: Mal ist es ein Hinweis auf den Anschlusszug, für die Mutter mit Kinderwagen ist es der Tipp mit dem Aufzug. Seit Juni sind die 15 Freiwilligen der Erfurter Bahnhofsmission unterwegs als »Engel am Zug«. Jeden Freitagnachmittag helfen sie. Entstanden ist die Bahnhofsmission aus einer Gruppe von Menschen, die sich ganz allgemein für andere engagieren wollte. Schnell fand sich der Bahnhof als Ort, wo Menschen immer wieder Hilfe brauchen.

»Sowohl beim Bahn-Management als auch bei den Mitarbeitern in den Geschäften und bei der Stadt haben wir viel Resonanz erfahren und offene Türen eingerannt«, erinnert sich Hubertus Schönemann, selbst leidenschaftlicher Zugfahrer und einer der Initiatoren.
Im Gegensatz zu den Bahnhofsmissionen in anderen deutschen Städten läuft bisher alles auf freiwilliger Basis ab. Es gibt keine hauptamtlichen Mitarbeiter. Und vor allem: Es fehlt an einem Raum. »Das ist eine schwierige Situation, weil es Fälle gibt, wo es drauf ankäme, jemanden mal hinzusetzen, ein Gespräch zu führen und ein Glas Wasser zu geben«, so Schönemann. Hätte man einen solchen Raum, »dann könnten wir auch längere Zeiten abdecken« – und nicht nur den Freitagnachmittag.

Meistens sind zwei oder drei Freiwillige zu den Diensten am Gleis eingeteilt. Zu Beginn waren die Helfer ohne die leuchtend blauen Jacken der Bahnhofsmission unterwegs. Das war manchmal etwas schwierig, wie sich Magdalena Steinhöfel erinnert. »Es ist niemand auf uns zugekommen, weil wir ja auch normale Reisende hätten sein können«, so Steinhöfel, die praktische Theologie an der Universität Jena studiert und gerade an ihrer Doktorarbeit schreibt. »Wenn wir dann Hilfe angeboten haben, wurden wir erst mal skeptisch angeschaut.« Das hat sich geändert: Alle sind klar als Bahnhofsmission erkennbar: »Wir gehören quasi zum Inventar des Bahnhofs und die Leute verbinden mit uns Hilfeleistung.«

Auch Dagmar Schumann hat bei Zugreisen schon die Hilfe der Bahnhofsmission in Anspruch genommen: Zug verpasst, Anschluss weg – und sie wusste nicht, was sie machen sollte. Als sie vor Kurzem hörte, dass in Erfurt eine Bahnhofsmission gegründet wird, wollte sie mitmachen, »und die Hilfe weitergeben, die ich bekommen habe«. Jetzt ist sie selbst im Einsatz am Bahnsteig.

Hubertus Schönemann wünscht sich noch mehr Freiwillige für das Team. Zwischen 25 und 30 strebt er an. Künftig gehört auch Luzia Rosenstengel-Kromke dazu. »Ich war ein paar Mal zum Schnuppern da«, erzählt sie. Bei einem Rundgang durch den Bahnhof hat sie so alle wichtigen Einrichtungen und das Bahnpersonal kennengelernt. Schon bisher wurde sie bei ihren Bahnreisen immer wieder mal angesprochen und von anderen Reisenden um Hilfe gebeten. Jetzt will sie andere regelmäßig unterstützen: »Das macht ja auch für einen selbst einen Sinn.«

Markenzeichen: Die blauen Westen mit dem Emblem der Bahnhofsmission signalisieren den Reisenden: Hier bekommen sie Hilfe. Foto: Markus Wetterauer

Markenzeichen: Die blauen Westen mit dem Emblem der Bahnhofsmission signalisieren den Reisenden: Hier bekommen sie Hilfe. Foto: Markus Wetterauer

Helfen und etwas weitergeben, das wollen die Helfer der Erfurter Bahnhofsmission aus christlicher Überzeugung. An den Adventsfreitagen soll das auch durch Fünf-Minuten-Impulse am großen Christbaum in der Eingangshalle des Bahnhofs geschehen: ein kurzes Musikstück, ein Gedanke zum Mitnehmen, ein Segensspruch für die Reisenden.

Wie wichtig Reden und Zuhören ist, hat Hubertus Schönemann vor ein paar Wochen erst wieder erfahren. Bei einem Einsatz traf er einen älteren Herrn, der im Urlaub einen Herzinfarkt hatte. Bevor dessen Frau ihn abholte, kümmerte sich Schönemann zwei Stunden lang um ihn, setzte sich zu ihm in den Wartesaal, gab ihm ein Glas Wasser, hörte ihm zu. Der Mann erzählte seine Lebensgeschichte und wie es ihm jetzt geht mit dem Herzinfarkt. Dann kam die Frau an, weinend, weil sie sich so gesorgt hatte, wie Hubertus Schönemann berichtet. »Wenn ich so etwas erlebe, dann weiß ich, warum ich das mache.«

Markus Wetterauer

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Lange nicht vorbei

4. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Christen in der DDR: Mit einem Bußwort hat sich die EKM für »Irrwege, Unrecht, Verrat und Versagen« entschuldigt. Einer der Mitautoren ist der Hallesche Kirchenhistoriker Friedemann Stengel. Vor Bekanntgabe der Erklärung sprach er mit Katja Schmidtke.

Aus, aber noch nicht vorbei. Wie ist der Stand der Aufarbeitung?
Stengel:
Aus meiner Sicht hat es an vielen wichtigen Stellen keine Aufarbeitung gegeben. Als die Kirchen für ihr Verhalten in der DDR in den frühen 1990er Jahren massiv angegriffen worden sind, war der Grundton: Apologie und Selbstschutz gegenüber dem Vorwurf, zu wenig widerstanden zu haben oder gar Mittäter gewesen zu sein. Die Debatte fokussierte sich auf die Kirche als Institution und speziell auf das leitende Personal. Das war nicht pauschal falsch und ist aus heutiger Sicht weiter zu debattieren, denn die Kirchenleitungen sind, so heterogen sie auch waren, erheblich beeinflusst worden. Die Thüringer Landeskirche und die Kirchenprovinz Sachsen sind nicht außerhalb des direkten Einflusses des MfS gewesen. Es gehört zu den noch vor uns liegenden schmerzhaften Eingeständnissen, dass es deshalb ein unabhängiges kirchliches Handeln in der DDR nicht gegeben hat, besonders wenn es im personellen Bereich um die gezielte »Zersetzung« von Menschen ging.

Welche Themen fehlen bislang?
Stengel:
Es sind Themen, die sich als Hypotheken für jetziges und künftiges kirchliches Handeln erweisen und die Kirche, Gesellschaft und Staat aufarbeiten müssen. Kaum untersucht und bislang unterschätzt wird, welchen Einfluss der in der DDR vorangetriebene Austausch der Bildungseliten bis heute hat. Darüber fällt es so schwer zu reden, weil die Eliten von heute dies erlebt und ignoriert, weil sie die vom Staat geforderte ideologische Bringschuld erbracht haben, parteilich, freiwillig oder mit Zähneknirschen. In allen Jahrgängen und überall in der DDR wurden christliche Schüler und nicht nur Kinder kirchlicher Mitarbeiter am Bildungsaufstieg gehindert. Ich vermute Zahlen im fünfstelligen Bereich.

Friedemann Stengel in der Altstadt von Halle. Der Kirchenhistoriker lehrt an der Martin-Luther-Universität und hat über die Theologischen Fakultäten in der DDR als Problem der Kirchen- und Hochschulpolitik des SED-Staates promoviert. Foto: Katja Dohnke

Friedemann Stengel in der Altstadt von Halle. Der Kirchenhistoriker lehrt an der Martin-Luther-Universität und hat über die Theologischen Fakultäten in der DDR als Problem der Kirchen- und Hochschulpolitik des SED-Staates promoviert. Foto: Katja Dohnke

Bislang sind in Thüringen 750 Fälle von verfolgten Schülern bekannt. Woran liegt diese Diskrepanz?
Stengel:
Es ist nicht leicht, eine politisch begründete Benachteiligung nachzuweisen. Und die Betroffenen sind in der Beweispflicht. Es ist schwer, ohne weiteres darüber zu reden. Es muss flächendeckend, aber auf individueller Ebene wissenschaftlich untersucht werden, wie diese Benachteiligung funktioniert hat.

Ich verfolge seit Jahren Diskussionen in den Medien: Wenn die Rede von Christen ist, die in der Schule benachteiligt wurden, kommen sofort Leserbriefe mit dem Hinweis auf den einen Katholiken in der Klasse. Die Gesellschaft ist scheinbar nicht bereit, sich dieses Themas anzunehmen. Und wer nicht nachweisen kann, dass ihr oder ihm das Abitur oder das Studium aus politischen Gründen verweigert worden ist, trägt einen Makel mit sich herum, der sprachunfähig machen kann.

Die Betroffenen schweigen aus Resignation, Scham oder weil sie ihre Biografie nicht revidieren wollen?
Stengel:
Diese Menschen können nicht wirklich rehabilitiert werden, denn verweigerte Chancen im Kindheits- oder Jugendalter lassen sich nicht einfach nachholen. Wer zur Wendezeit 30 Jahre alt war, dem können Sie heute nicht das in der DDR verweigerte Abitur oder Studium schenken. Einige, die 1990 im richtigen Alter waren, haben das Abitur nachgeholt, ja. Aber die, die das nicht geschafft haben und die zu alt waren, sind in einer anderen Bildungsschicht geblieben. Wer aus religiösen oder Gewissensgründen den Wehrdienst verweigerte, durfte nicht Medizin studieren, arbeitet heute aber vielleicht unter Vorgesetzten, die unter Umständen ein schlechteres Zeugnis hatten, aber drei Jahre oder länger in der NVA dienten. Manche sind wütend über die verlorenen Chancen, andere sehen sie als gottgegeben an und versuchen, dennoch ein gelingendes Leben zu
führen.

Welche Rolle spielte Willkür?
Stengel:
Mal wurden die Pfarrerskinder zugelassen, aber die Kinder der Kirchenältesten nicht. In anderen Fällen durften angepasste Gemeindeglieder studieren, aber die Pfarrerskinder nicht. Manchmal durfte der älteste Sohn, nicht aber die Geschwister. Erinnern Sie sich an den Lobetaler Pfarrer Uwe Holmer, der dem Ehepaar Honecker 1990 Asyl gewährte? Trotz guter und sehr guter Zeugnisse wurde keines seiner zehn Kinder zur EOS zugelassen! Das war Willkür mit System, ja sogar als System. Wir können das nur durch exemplarische Untersuchungen aufknacken. Ich habe im März für die Arbeitsgruppe der Thüringer Staatskanzlei ein Exposé geschrieben mit ganz konkreten Schritten, um dies aufklärerisch aufzuarbeiten.

Warum ist hier der Staat gefragt?
Stengel:
Juristische Rehabilitierung ist nicht alles. Es geht um Anerkennung und eine gesellschaftliche Debatte. Aufgearbeitet werden müssen die Fälle von Wissenschaftlern, aber veranlassen muss dies die Politik, denn für solch ein Forschungsvorhaben braucht es mehr Mittel. Meiner Meinung nach ist die Links-Regierung in Thüringen am besten geeignet, solch ein Vorhaben zu initiieren; gerade Bodo Ramelow aus dem Westen oder Minister Benjamin-Immanuel Hoff, der aus einer ganz anderen Generation stammt. Das ergäbe neue Kontaktzonen, neue Gesprächsinitiativen. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass die Staatsregierung das doch noch macht. Wir können das Thema nicht aussitzen, es erledigt sich nicht »biologisch«! Das Unrecht muss anerkannt und aufgearbeitet werden, erst dann kann es heilen.

Welchen Beitrag kann die Kirche leisten?
Stengel:
Beim Thema der verfolgten Schüler muss der Staat aktiv werden. Die Kirche selbst muss es in einer anderen Form. Die Grundhaltung der Apologie halte ich für theologisch fragwürdig. Was der Kirche gut ansteht, ist die Haltung der Selbstkritik und eben auch der Buße. Nur mit Aufrufen erreichen wir nicht viel. Kirche sollte für die Gesellschaft stellvertretend handeln. Wenn wir zur Versöhnung aufrufen, müssen wir anfangen, uns mit unseren eigenen Leuten zu versöhnen.

An wen denken Sie?
Stengel:
An die Haupt- und Ehrenamtlichen, die aus politischen Gründen verfolgt, benachteiligt und von ihrer Kirche bedrängt oder fallen gelassen worden sind. Auch an diejenigen kirchlichen Mitarbeiter, die einen Ausreiseantrag gestellt haben, weil sie in einer persönlichen Situation, die immer auch politisch war, keinen anderen Ausweg gesehen haben und die im Westen mit Berufsverbot belegt worden sind. Das Thema ist damals wie heute ein Tabu – gesellschaftlich, innerkirchlich, oft auch familiär. Wer ausreiste, verlor seine Heimat doppelt. Da müssen wir endlich ran.

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Gegen den Dämon der Angst und Verzweiflung

27. November 2017 von redaktionguh  
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Am Anfang steht eine schlimme Nachricht, am Ende die gute – so leitet Pfarrer Roland Herrig aus Sebnitz (Sachsen) den Facebook-Eintrag ein, der seine Predigt zum 12. November zum Inhalt hat. Es ist eine besondere, eine berührende Predigt, die wir in voller Länge abdrucken.

Liebe Schwestern und Brüder, vor einer Woche habe ich euch begrüßt mit der Freude, nach einem Vierteljahr in unseren Gemeinden, nun auch den ersten Gottesdienst mit euch in Sebnitz feiern zu können. Heute bin ich schon wieder in Sebnitz, und ich muss euch etwas Schrecklich-Schlimmes sagen: Das heute wird für sehr lange oder für immer mein letzter Gottesdienst sein, den ich als Pfarrer mit euch feiere.

Vor vier Tagen habe ich die Diagnose bekommen: Da ist ein bösartiger Tumor in meiner Bauchspeicheldrüse, und der hat nicht minder böse Kinder in der Leber. Jetzt weiß ich, wieso ich mich die letzten Wochen und Monate fast ständig mit Schmerzen herumgequält habe und auch für die Gemeinde nicht die Energie hatte, die ich haben wollte. Morgen gehe ich ins Krankenhaus, und dann sehen wir weiter, was getan werden kann.

Heute sollen wir über Dämonen reden. An Tagen und in Wochen wie diesen, da weißt du, dass es sie gibt: Mächte der Finsternis, die dich in den Abgrund ziehen wollen, die dich kaputt machen wollen, die das Leben zerstören, selbst auf die Gefahr hin, dabei selber mit kaputtzugehen. Wie so ein Tumor: falsches Leben, das das wahre verdrängt, zerstört, auffrisst, um am Ende mit ihm zugrunde zu gehen.

Roland Herrig: »Ich habe es heute im Gottesdienst öffentlich gemacht. Ich mache es auch hier öffentlich: Ich habe einen bösen Tumor. Nach jetzigem Kenntnisstand und nach menschlichem Ermessen sind die Prognosen nicht gut. Ich bin unendlich dankbar für ganz viel Zuspruch, gute Worte und Gedanken.« Foto: privat

Roland Herrig: »Ich habe es heute im Gottesdienst öffentlich gemacht. Ich mache es auch hier öffentlich: Ich habe einen bösen Tumor. Nach jetzigem Kenntnisstand und nach menschlichem Ermessen sind die Prognosen nicht gut. Ich bin unendlich dankbar für ganz viel Zuspruch, gute Worte und Gedanken.« Foto: privat

Da ist der Dämon der Angst und der Verzweiflung. Der dir den Boden unter den Füßen wegzieht. Weil du deine Pläne und Wünsche wegwerfen musst. Weil du dich der Endlichkeit und dem Sterben stellen musst, das du bisher immer noch in eine ferne Zukunft vertagt hattest. Weil du mit denen mitleidest, die um dich leiden und bangen, weil sie dich lieben.

Da ist der Dämon des Zornes, der Bosheit, des Zynismus. Wenn du wütend wirst auf die Ärzte, die dich nicht ausreichend, schnell und genau genug untersucht haben (wie du meinst). Wenn du die anderen um dich herum ihre Ohnmacht spüren lässt und anfängst, dich über ihre Hilflosigkeit lustig zu machen, wo du doch selber ohnmächtig und hilflos bist.

Oder der Dämon der Wehleidigkeit und des Selbstmitleids. Du bist der ärmste und bedauernswerteste Mensch auf der Welt, du hast doch so viel Gutes getan, du hast doch das Wort Gottes verkündigt und Menschen geholfen, du hast das doch nicht verdient.

Manchmal aber auch der Dämon der Selbstanklage. Du hast nicht genug getan, du hast die Zeit nicht ausgekauft, du hast mit deinen anvertrauten Gaben nicht gewuchert, zu viel für dich behalten und zu wenig weitergegeben. Nun ist es zu spät.

Und da ist der stumme Dämon, der Geist der Sprachlosigkeit. Du willst dich einfach in dein Loch verziehen und mit keinem reden. Du schämst dich. Es ist dir unangenehm.

Aber mehr noch als bei dir triffst du diesen Dämon bei anderen. Sie wissen nicht, was sie sagen sollen; sie ziehen sich vielleicht sogar zurück, wenn du sie am meisten brauchst. (Das ist nicht meine Erfahrung bis jetzt, aber die von anderen, die ich kenne.) Manche reden auch und bleiben trotzdem stumm, weil sie um die Wahrheit herumreden, weil sie das Kind nicht beim Namen nennen. »Vom Sterben reden wir noch nicht«, beschied mich ein Arzt. Ja, vielleicht, hoffentlich ist das noch eine Weile nicht dran, das Sterben. Aber wann, bitteschön, wann wollen wir anfangen, darüber zu reden?

Wenn ich tot bin? Wir haben so einen Reflex, das Böse, das Unangenehme nicht auszusprechen, wie bei Harry Potter den Namen von Lord Voldemort; aber der, der ihn auszusprechen wagte, hat ihn besiegt. Wir müssen den Krebs Krebs nennen und die Angst Angst und das Sterben Sterben und den Teufel Teufel.

»Jesus trieb einen Dämon aus, der war stumm. Und es geschah, als der Dämon ausfuhr, da redete der Stumme, und die Menge verwunderte sich.«

Ich habe den stummen Dämon den Geist der Sprachlosigkeit genannt. Das ist nicht ganz korrekt. Es gibt auch eine gute Sprachlosigkeit. Die nennen wir nicht Stummheit, sondern Schweigen. Stummheit ist, wenn nicht gesagt wird, was gesagt werden muss. Wenn möglicherweise sogar geredet wird, aber die Dinge nicht beim Namen genannt werden. Wenn herumgeeiert und gelogen wird.

Schweigen ist etwas anderes: Schweigen ist Reden ohne Worte. Oder Hören auf die Worte eines anderen.

Hiobs Freunde sind zu ihm gekommen und haben eine Woche mit ihm geschwiegen. Erst als sie ihren Mund aufgetan haben, wurde es Mist. Weil sie das Falsche geredet haben, den Dämonen zu Munde.

Jesus hat den stummen Dämon ausgetrieben. Das ist logisch. Denn Jesus ist das Wort. Nicht die Stummheit. Jesus ist das Wort Gottes, das die Wahrheit zur Sprache bringt. Das Wort Gottes, das unsere stumme Sprachlosigkeit überwindet, das unsere leeren und falschen Worte überwindet. Gott kommt zur Welt und redet. Und durch sein Wort vertreibt er die Dämonen. Und da, wo sein Wort ankommt, ist das Reich Gottes.

Weil das so ist, habe ich gesagt: Ich muss die Dinge heute beim Namen nennen. Nicht rumeiern, nicht verschweigen, nicht vertrösten, was mich betrifft. Und auch, was unsere Dämonen betrifft.

Wo wir sie beim Namen nennen, ist ihre Macht schon fast gebrochen. Sie wollen, dass wir verstummen. Sie wollen, dass wir verzagen. Sie wollen uns böse machen. Sie wollen, dass wir an Gottes Macht und Liebe verzweifeln. Sie wollen uns töten.

Aber es ist einer gekommen, der stärker ist als sie. Der, der das Wort ist und das Wort sagt, das uns auch selber wieder zu Wort kommen lässt. Jesus ist der Fingerzeig Gottes, dass Gott den Tod und den Teufel, die Sünde und die Verzagtheit, die Angst und den Zweifel überwindet.

»Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.«

Wir nennen das Evangelium »gute Nachricht«. Und dafür stehe ich, dafür habe ich als Pfarrer immer gestanden, dass am Ende nicht die schrecklich-schlimme Nachricht steht, sondern die gute Nachricht: »Das Reich Gottes ist zu euch gekommen.«

Ich bitte euch heute: Stellt euch auf die Seite Christi! Stellt euch gegen die Dämonen, vor allem gegen die böse Sprachlosigkeit! Sprecht gute Worte, ehrliche Worte, wahre Worte miteinander! Sprecht zu Christus im Gebet! Und, ja, bitte betet auch für mich, für meine Frau, für meine Eltern und Kinder. Um mit Luther zu sprechen: Dass der böse Feind keine Macht an uns finde.

Roland Herrig

https://hw-predigten.blogspot.de/

Predigttext
Und er trieb einen Dämon aus, der war stumm. Und es geschah, als der Dämon ausfuhr, da redete der Stumme, und die Menge verwunderte  sich. Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die Dämonen aus durch  Beelzebul, den Obersten der Dämonen. Andere aber versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.

Er aber kannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das mit  sich selbst uneins ist, wird verwüstet und ein Haus fällt über das andre. Ist aber der Satan auch mit sich selbst uneins, wie kann sein Reich bestehen? Denn ihr sagt, ich treibe die Dämonen aus durch Beelzebul. Wenn aber ich die Dämonen durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein. Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen. Wenn ein gewappneter Starker seinen Palast bewacht, so bleibt, was er hat, in Frieden. Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verließ, und verteilt die Beute. Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.

Lukas 11,14-23

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Kirchenparlament auf dem Weg

20. November 2017 von redaktionguh  
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Nach dem Reformationsjahr und vor der Herbstsynode: Dieter Lomberg, Präses der Landes­synode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), stellt sich den Fragen von Willi Wild.

Thema: Reformationsjahr


Wie haben Sie das Reformationsjahr erlebt?
Lomberg:
Es war ein Jahr mit vielen Veranstaltungen, die alle haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter sehr stark gefordert haben. Alle haben ihr Bestes gegeben. Kirche ist im Gespräch gewesen.

Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Lomberg:
Die Kirchen haben viel Aufmerksamkeit bekommen und damit auch der Glaube an Gott. Das ist sehr wichtig und darf bei aller Kritik nicht untergehen. Es wurden sicherlich mit Gottes Angebot mehr Menschen erreicht, als bei Veranstaltungen gezählt wurden. Da wirkt bestimmt noch einiges nach.

Schade war, dass die Kirchentage auf dem Weg nicht das verdiente Echo gefunden haben. Aber dazu ist schon viel gesagt und geschrieben worden; weiteres will ich mir ersparen. Es wird daraus gelernt werden. Bewerten muss das jeder für sich selbst und nicht für andere! Ich bin mir sehr sicher, dass es trotz aller Enttäuschungen über die Teilnehmerzahlen wichtige Impulse für die Regionen gegeben hat. Mal sehen, was später daraus wird.

Tonangebend: Präses Dieter Lomberg bei der Frühjahrstagung der Landessynode der EKM. Foto: Willi Wild

Tonangebend: Präses Dieter Lomberg bei der Frühjahrstagung der Landessynode der EKM. Foto: Willi Wild

Wie wurde das Reformationsjubiläum in Ihrem Kirchenkreis und Ihrer Kirchengemeinde begangen?
Lomberg:
Ich möchte meinen Kirchenkreis gar nicht herausheben. Ich weiß, dass es in allen Kirchenkreisen sehr viele sehr gute Veranstaltungen gab. Die Berichte dazu im Landeskirchenrat haben mich beeindruckt.

Es ist überraschend, wieviel Kreativität und Ideenreichtum, Gottes Wort zu den Menschen zu bringen, wir in der gesamten EKM haben. Mich freut dieses breite Spektrum des Engagements, gerade auch der Ehrenamtlichen. Da kann ich nur vielen, vielen Dank sagen.

Es gab in der unmittelbaren Nähe meines Kirchenkreises den Kirchentag auf dem Weg in Magdeburg, in den wir als Gemeinden des Kirchenkreises eingebunden waren. Neben anderen Veranstaltungen gab und gibt es auch im nächsten Jahr noch die 12 Pilgerwege zu den Stätten, wo Luther nicht war. Ein Highlight, das Menschen einander nähergebracht hat.

Wie groß war dort das Interesse an Luther und der Reformation?
Lomberg:
Es gab wie überall ein unterschiedliches Interesse.

Wie haben Sie die Kirchentage auf dem Weg erlebt?
Lomberg:
Ich konnte leider aus beruflichen Gründen nicht an so vielen Veranstaltungen teilnehmen, wie ich gerne gewollt hätte. Aber das, was ich in Wittenberg, wo ich wegen der Proben zum Abschlussgottesdienst schon ab Freitagabend war, persönlich erlebt habe, fand ich sehr beeindruckend. Für alle anderen Veranstaltungsorte gilt das auch, ich habe davon viel Gutes gehört.

Thema: Ökumene


Im Reformationsjahr wurde von den Bischöfen die Ökumene sehr stark betont. Sehen Sie sichtbare Fortschritte?
Lomberg:
Ich denke, es ist zu früh, da jetzt und sofort etwas zu erwarten.

500 Jahre Trennung und Differenzen können nicht sofort nach dem 31. Oktober 2017 aufgehoben und geklärt werden. Aber ich sehe viele weitgehende kleine und größere Fortschritte.

So haben wir einen sehr guten Austausch und eine sehr gute Zusammenarbeit mit den Bistümern Erfurt und Magdeburg. Ich nehme schon lange wahr, dass das nicht zuletzt aufgrund der auf beiden Seiten handelnden Personen sehr gut funktioniert. Es ist ein offener Dialog, in dem angesprochen wird, wo der Schuh drückt. Dadurch hat auch das Reformationsgedenken seine ökumenische Wendung genommen.

Dafür ist den katholischen Brüdern und Schwestern sehr zu danken und den Verantwortlichen in der EKM und der EKD, die dies so gut aufgenommen und umgesetzt haben.

Thema: Herbstsynode

Welchen Raum wird eine Auswertung des Reformationsjahres auf der Herbssynode in Erfurt einnehmen?
Lomberg:
Wir werden die Diskussion erst in der Frühjahrssynode führen. Da ist dann mehr – auch emotionaler – Abstand vorhanden und wir wollen uns mit dem Thema Gemeinde beschäftigen. Dann gibt es unter dem Punkt »Die Reformation geht weiter« auch einen Rückblick auf 2017 und die gesamte Dekade. Das ist wichtig, um von diesem rückblickenden Ausgangspunkt die Zukunft gut diskutieren zu können.

Welche Schwerpunkte gibt es bei dieser Synodentagung?
Lomberg:
Thematischer Schwerpunkt wird unter dem Synodenmotto »Evangelisch – Ein Kreuz für die Welt« das Thema »Evangelium kommunizieren in einer mehrheitlich konfessionslosen Gesellschaft« sein. Dabei haben die hier aufgewachsenen Brüder und Schwestern einen großen Erfahrungsschatz, den wir heben wollen. Nur so können wir uns an alte Ideen erinnern und neue entwickeln, wie wir Wege zu den Menschen gefunden haben und wiederfinden können.

Ein weiterer Schwerpunkt wird die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien sein – diesmal zu Fragen der Schulseelsorge, den Modellregionen »Gemeindearbeit mit Familienperspektive« und die Zukunft der Kindergottesdienstarbeit.

Traditionell ist die Herbstsynode auch eine der Finanzen; es wird um den neuen Haushalt und die damit verbundenen Beschlüsse gehen, sowie um die Abnahme der Jahresrechnung 2016.

Thema: Ehe für alle

Die Evangelische Jugend wollte die »Ehe für alle« thematisieren. Was ist daraus geworden?
Lomberg:
Die Landessynode hat beschlossen, dass anhaltender Gesprächsbedarf besteht. Die derzeitige kirchliche Praxis soll bestehen und sich entwickeln. Sie hat festgestellt, dass die für die Trauung von Mann und Frau und für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare vorgesehenen liturgischen Ordnungen im Grunde gleich sind.

Die Landessynode entschied über den Antrag der Jugendsynodalen zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Der Landeskirchenrat wurde aber von ihr gebeten, ein geeignetes Format zu finden, in dem dieses Gespräch in absehbarer Zeit weitergeführt werden kann.

Genauso wird verfahren. Das Thema ist damit »nicht vom Tisch«, sondern es wird mit der gebotenen Sorgfalt diskutiert. Es muss ein Beschluss gefunden werden, der die Gemeinden nicht zerreißt. Dafür braucht es etwas Zeit – auch, wenn dies dem jugendlichen Tatendrang nicht folgt.

Hier etwas zu befeuern, nur um jetzt einen Beschluss zu bekommen, den die Mitglieder der Gemeinden nicht mittragen können, hilft nicht. Wir werden sicherlich immer verschiedene Meinungen dazu haben, aber wir müssen dahinkommen, dass der Beschluss von allen mitgetragen werden kann, auch wenn sie ihm aus welchen Gründen auch immer nicht zustimmen können.

Wir haben bei der damaligen Beschlussfassung zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare eine sehr gute Diskussion gehabt und ein hohes Einvernehmen. Das wünsche ich mir auch hier, und dass wir jeden in der Diskussion mitnehmen.

Thema: Jugendsynode

Die Einbeziehung der Jugend ist Ihnen wichtig. Wie weit sind die Überlegungen einer gemeinsamen Synodentagung mit der Evangelischen Jugend – einer »Jugendsynode« – gediehen?
Lomberg:
Dazu kann ich nichts sagen, weil es dazu auf Beschluss der Synode eine Arbeitsgruppe aus Mitgliedern der Synode, des Landesjugendkonventes, des Bundes Evangelischer Jugend in Mitteldeutschland und des (Landes-)Kinder- und Jugendpfarramtes gibt. Diese Arbeitsgruppe wird den Beschluss der Landessynode abarbeiten, die für die Vorbereitung der Jugendsynode unter anderem die folgenden beiden Impulse gegeben und beschlossen hat:

1. Auf der Jugendsynode werden mit Blick auf Gegenwart und Zukunft der Kirche relevante Fragen aus der Perspektive junger Menschen miteinander beraten;

2. Die Jugendsynode soll neben den Synodalen der Landessynode unter Beteiligung von bis zu 80 jungen Menschen im Sinne des Kinder- und Jugendgesetzes (KiJuG) stattfinden. Sie sollen in der Regel das 27. Lebensjahr nicht überschritten haben.

Hier liegen auch die Schwierigkeiten, die zu lösen sind: Es soll eine breite Partizipation junger Menschen ermöglicht werden. Aber leider gibt es Kirchenkreise, die keine Vertreter in den Landesjugendkonvent entsenden, etwa weil sie keinen Kreisjugendkonvent haben. Dort gibt es zwar Informationen über Entwicklungen im Bereich politischer und kirchlicher Jugendarbeit sowie eine jugendpolitische Vertretung im Landkreis, aber die kirchenkreisliche und landeskirchliche jugendpolitische Arbeit und Vertretung nehmen Jugendliche offenbar nicht wahr.

Das ist schade, wenn dies durch Kirchenkreismitarbeiter wahrgenommen werden soll oder durch die Synodalen in der Landessynode. Zu den Jugendsynodalen dürfte es kaum bis keine Kontakte geben. Da ist es für mich schwer vorstellbar, dass diese Jugendlichen wirkungsvoll mit ihren Anliegen vertreten werden. Zumindest wird ihnen ein Stück gelebter Kirchendemokratie, Partizipation und Mitbestimmung vorenthalten.

Vorschläge der zu bearbeitenden Themen können sowohl durch die Antragsberechtigten an die Landessynode als auch aus der kirchlichen Arbeit mit Jugendlichen erfolgen. Bei der Themenfindung ist ein wichtiges Kriterium, dass es sich möglichst nicht um ein »reines Jugendthema« handeln soll, sondern um eines, das die Synodalen und die Jugenddelegierten gemeinsam etwas angeht, nur in unterschiedlichen und sich überschneidenden Facetten.

Die Synode erhält spätestens zur Frühjahrstagung 2018 einen Sachstandsbericht.

Thema: Zukunft

»Reformation geht weiter« steht auf einem Banner der EKM. Was bleibt und was wird weitergehen?
Lomberg:
So viel prophetische Gabe habe ich nicht. Es werden die begonnenen Prozesse in den Gemeinden weitergehen (»Wie wollen wir heute und in Zukunft Gemeinde sein?«, »Wie können wir das schaffen?«, »Welche nichtfinanzielle Hilfe brauchen wir?« …).

Ich hoffe, die Reformationsdekade hat noch mehr Ideen gebracht. Wir werden uns weiter reformieren müssen, was dazu führt, dass wir – bildlich gesprochen – Türen (nicht die Kirchen- und Gemeindetüren!) schließen und neue aufmachen werden. Wir sind und bleiben hoffentlich weiter eine Landeskirche, die in Bewegung ist, die aber auch dort fest steht, wo es nötig ist. In allem gegründet auf Gottes Zusagen an uns als Gemeindeglieder, als Gemeinde und als Kirche.

Ein wichtiges Reformationsziel ist es vielleicht, dass wir innerkirchlich wahrhaftiger werden, tatsächlich eine Kirche des Friedens vor allem nach innen werden. Dass wir offener und ehrlicher miteinander umgehen, als wir es bis jetzt tun. Ich bin als Kirche wenig glaubwürdig, wenn ich von anderen gelebten Frieden fordere, es aber in unserem Umgang mit Menschen innerhalb und außerhalb der Gemeinden, Gremien und der Kirche nicht so mache, wie ich es von anderen verlange.

Bis das bei uns gelebte Praxis ist, ist es wohl noch ein steiniger Weg. Ich wünsche mir, dass der Wille, diesen Weg zu gehen, ernsthaft besteht.

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