Lust am Gestalten

12. August 2018 von redaktionguh  
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Zeit zum Innehalten und Reflektieren sollte sein, auch im hektischen Schulleben. Pia Kampelmann, Leiterin der Evangelischen Sekundarschule in Haldensleben, fand sie im Gespräch mit Renate Wähnelt.

Was hat Sie nach Haldensleben verschlagen?
Kampelmann:
Die Neugierde. 1991 wollte ich die neuen Bundesländer kennenlernen und übernachtete zufällig in Stendal. Dort las ich in der Zeitung, dass eine Jugendamtsleitung gesucht wurde, bewarb mich und wurde prompt genommen.

Ich finde es immer spannend, etwas Neues zu machen. Nach einem zweijährigen Intermezzo als Jugendamtsleiterin bei Hamburg übernahm ich gut zehn Jahre später ein Gymnasium in Brandenburg, aber die Fahrerei wurde auf die Dauer doch zu viel, sodass ich mich nach etwas Anderem umgesehen habe. Die Johannes-Schulstiftung hatte diese Stelle ausgeschrieben und wir wurden uns vor acht Jahren schnell einig.

Kurz vor den Ferien machte Ihre Schule Schlagzeilen, weil sie beste »Energiesparschule 2018« in Sachsen-Anhalt wurde und beim bundesweiten Online-Voting den 3. Platz belegte. Wie war es bei der Preisverleihung im Bundesumweltministerium?
Kampelmann:
Es war, insbesondere für unsere Schüler, schon sehr beeindruckend. Auch war schön zu sehen, wie so viele junge Leute aus 16 Bundesländern für ihr Engagement belohnt wurden.

Seit drei Schuljahren haben Sie eine Schule mit Passivhaus-Standard. Fördermittel machten den Umbau möglich. Da ist es leicht, Energiesparmeister zu werden.
Kampelmann:
Die beste Technik bringt nichts, wenn die Nutzer nicht richtig damit umgehen. Deshalb haben wir Workshops veranstaltet, Vorträge organisiert, auch die Eltern einbezogen. Mit der Landes-Energie-Agentur haben wir schon vor der Fertigstellung des Schulgebäudes Energiedetektive ausgebildet. Aber das wäre als singuläres Projekt zu wenig. So fließt das Thema überall in den Unterricht ein unter der großen Überschrift »Die Schöpfung bewahren«. Klingt doch auch viel schöner als »Energie sparen«. Es sind ganz viele kleine Bausteine im Alltag. Bisher haben wir 350 Tonnen Kohlendioxid weniger erzeugt als im gleichen Zeitraum vor der Sanierung und 90 Prozent der vorherigen Energie weniger verbraucht.

Da ziehen alle mit?
Kampelmann:
Das ist mit unseren Schülern wirklich gut möglich, da sie sich oft, besonders bei praktischen Dingen, viel interessierter zeigen als ihre Altersgenossen. Wir haben eine Schulgemeinschaft, in der es Freude macht zu arbeiten – manchmal sogar Spaß.

Natürlich gibt es auch schwierige Schüler und Situationen. Aber, und das ist etwas, was viele christliche Schulen auszeichnet: Wir sehen vor allem den Menschen, nicht was er an Leistung bringt. Das sage ich auch immer bei der Zeugnisausgabe: Die Noten sind nur ein ganz kleiner Teil von Euch.

Sie bieten u. a. Reha-Sport an. Ist die Schule inklusiv?
Kampelmann:
Was heißt inklusiv eigentlich? Ich glaube schon, dass wir hier noch vieles besser machen können, jedoch schon auf einem guten Weg sind. Aber manchmal denke ich, dass das Land die letzten Schritte eigentlich nur eingeleitet hat, um perspektivisch Geld zu sparen.

Wir haben ein Mädchen im Rollstuhl und weitere Kinder mit Einschränkungen, Adipositas ist in dieser bewegungsarmen Zeit auch nicht zu unterschätzen – nicht nur bei uns. In einem Trainingsraum üben wir mit diesen Kindern gezielt, parallel zum Sportunterricht, an dem sie nicht teilnehmen können: Laufband, Dehnübungen.

Es fehlt noch einiges an Geräten. Für die Anschaffung nutzen wir das Geld vom Landes-Energiesparmeister.

Die Schule entstand aus einer Elterninitiative. Wie wird sie angenommen?
Kampelmann:
Wir haben weit mehr Anfragen als Plätze. Aber wir wollen bewusst zweizügig bleiben mit höchstens 25 Kindern in einer Klasse. So ist das Gebäude angelegt. Die Schule ist überschaubar. Ich kenne noch jeden, auch wenn ich nicht alle Namen weiß.

Welche Kontakte haben Sie ins Umfeld und umgekehrt?
Kampelmann:
Da geht es uns so gut! Mit dem Kirchenkreis organisieren wir vieles gemeinsam: die Segensfeier für die 8. Klassen, den Bandworkshop mit der evangelischen Jugend, auch tagen die Synode und der Konvent manchmal bei uns, der Ortspfarrer ist Mitglied in der Arbeitsgruppe Tansania und fährt im kommenden Jahr mit den Schülern aus unserer Tansania-AG mit nach Afrika zu unserer Partnerschule Itamba High. Die Schule nutzt die Kirche für Gottesdienste, wir helfen einander; das ist eng verwoben und verzahnt.

Die meisten Eltern sind sehr zufrieden mit uns, auch wenn sich immer mal jemand beschwert, weil sein Kind eine Vier hat – wo er doch Schulgeld bezahlt. Eltern schätzen die christlichen Werte, auch wenn sie kirchenfern sind.Und die Zusammenarbeit mit den anderen Schulen und der Stadt genieße ich sehr.

Gelingt es, die Eltern einzubinden?
Kampelmann:
Vor ein paar Jahren sagte eine Mutter, dass ihr Kind ja nun Englisch lernt und sie das nicht kann. Seitdem gibt es einen Englischkurs für Eltern, inzwischen auch Spanisch mit einem jährlichen Ausflug nach England bzw. Spanien. Diese Kurse geben mir dann natürlich auch die Möglichkeit, ganz anders mit Eltern in Kontakt zu kommen und mich mit ihnen auszutauschen.

Manche Eltern haben Sorge, dass wir ihr Kind missionieren. Nein, wir bieten Brücken an. Ob die Menschen darüber gehen, müssen sie selbst entscheiden. Aus dieser Erfahrung heraus wollen wir im nächsten Jahr einen Religionskurs für Eltern anbieten. Über die Inhalte müssen wir noch diskutieren.

Auf der Homepage Ihrer Schule reiht sich Projekt an Projekt, Unterricht ist ja auch noch. Hat Ihr Tag und der der Schule mehr als 24 Stunden?
Kampelmann:
Es sind ja nicht immer Dinge und Projekte, die ich selbst mache; viele Ideen wie zum Beispiel die Ausbildung von Schülern zu Rettungsschwimmern oder der Etikette-und Benimmkurs sind Ideen aus dem Kollegium. Die Arbeit verteilt sich Gott sei Dank auf ganz viele Schultern und Gruppen, aber bestimmt finden mich meine Kollegen und Schüler manchmal ganz schön anstrengend, wenn ich wieder einmal eine neue Idee habe. Sie bremsen mich dann auch, und ich glaube, das ist auch gut so.

Am besten gelingen Vorhaben, wenn es innerhalb eines Handlungsrahmens die Freiheit gibt, selbstständig zu handeln. Und dabei Fehler machen zu dürfen – das ist ganz wichtig. Wenn was schief gelaufen ist, guckt man gemeinsam, wie man die Sache korrigiert. Das hat etwas mit Ehrlichkeit und Vertrauen zu tun. Ich bin dankbar, dass wir uns da innerhalb der Stiftung sehr frei bewegen können.

Bei aller Freiheit sind Sie auch für klare Ansagen. Darauf reagieren junge Leute meist störrisch.
Kampelmann:
Natürlich, auch das gehört zur Entwicklung der Persönlichkeit unbedingt dazu! Pädagogik bedeutet für mich auf jeden Fall stets, einerseits Grenzen zu setzen, andererseits den Kindern und Jugendlichen zu vertrauen und ihnen auch viel zuzutrauen. Auch deshalb können sie vieles selbst entscheiden.

Wir haben jede Woche unsere Schulversammlung mit ca. 300 Leuten. Lehrer, Klassensprecher, die Leitenden der Arbeitsgemeinschaften – das sind sowohl Lehrer als auch Schüler – und auch Gäste berichten dort, was Gutes und Schlechtes passiert ist. So wissen alle, was los ist und bestimmen mit.

Zum Beispiel?
Kampelmann:
Nach wiederholten Beschwerden über Schubsereien am Bäckerwagen schlug ich vor, eine Kamera zu installieren. Darüber haben dann die Klassen diskutiert und entschieden: Keine Kamera.

Diese Schulversammlung fordern die Kinder und Jugendlichen inzwischen auch ganz selbstverständlich ein. Und Ehemalige erzählten mir, dass ihnen das manchmal fehlt, vor allem das Segenslied zum Abschluss.

Was machen Sie nach Feierabend?
Kampelmann (schmunzelt):
Die Schule ist schon irgendwie gleichzeitig mein Hobby; aber es bleibt noch ein wenig Zeit für ein interessantes Fußballspiel, ein wenig Gartenarbeit und, viel zu selten, einen Besuch im Theater.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten – welche wären das?
Kampelmann:
Der Schulhof ist noch sehr langweilig. Ich hoffe, dass wir für die Gestaltung Fördermittel bekommen. Ich wünsche mir, dass das Miteinander so bleibt, dass Schüler und Lehrer und alle anderen Mitarbeitenden gern zur Schule kommen, dass Eltern weiter zur Beratung zu uns kommen, wenn sie Sorgen haben. Die Pubertät ist nicht immer einfach, das weiß ich aus eigener Erfahrung bei meinen Kindern.

Da dreht sich’s wieder um die Schule. Machen Sie denn Urlaub?
Kampelmann:
Wir fuhren dieses Jahr an die Nordsee. Die Kinder sind ja schon groß, kamen aber mit. Nach den zwei Wochen fühle ich mich 20 Jahre jünger als am Ende des Schuljahres.

Pia Kampelmann (58) stammt aus Dortmund und ist immer noch Anhängerin des BVB und des Ruhrgebiets. Seit 27 Jahren lebt die dreifache Mutter mit Partnerin in Stendal. Die Lehrerin für Deutsch und Englisch hat einen Abschluss in Erziehungswissenschaften sowie psychotherapeutische Kenntnisse. Vor ihrem Wechsel ins Jugendamt nach Stendal arbeitete sie als Erziehungsleiterin in einem Heim. Sie trägt ein kleines, silbernes Kreuz am Hals und ist katholisch.

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Das Leben ist wundervoll

6. August 2018 von redaktionguh  
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Sie gibt die Lutherin, ist verantwortlich für Öffentlichkeitsarbeit und Museumspädagogik im Lutherhaus und man trifft sie als Stadtführerin unter anderem in Weimar, Erfurt und Eisenach: Alexandra Husemeyer. Was sie geprägt hat und bewegt, darüber sprach sie mit Sabine Kuschel.

Frau Husemeyer, Sie arbeiten für die Stiftung Lutherhaus Eisenach und verschiedene andere Projekte, sind Stadtführerin, Künstlerin, Vorsitzende des Kunstvereins, vielseitig interessiert und engagiert. Besteht nicht die Gefahr, sich zu verlieren?
Husemeyer:
Die Gefahr besteht natürlich immer. Es ist manchmal schwer, die Balance zu finden. Ich gebe sehr gerne und merke relativ spät, dass ich selbst zu kurz komme. Dann muss ich die Notbremse ziehen und Stopp sagen, um drei Tage mal allein zu sein. Bei mir laufen immer mehrere Projekte gleichzeitig. Ich liebe das aber auch so. Ich arbeite gerne schnell und auf vielen Baustellen gleichzeitig.

Wie und wo kommen Sie wieder zur Ruhe?
Husemeyer:
Ich kann am besten entspannen, wenn ich reise. Im Sommer nehme ich mir immer drei Wochen Zeit und bin dann weg. Allerdings mache ich unterwegs jeden zweiten Tag eine Stunde Büro. Als Freiberufler muss ich E-Mails checken, Anfragen beantworten. Aber ich genieße das trotzdem. Alle wissen, ich bin im Urlaub, aber ich sitze im Café und schaue aufs Meer. Ich beschränke das Arbeiten auf eine Stunde. Dann bin ich wieder frei. Das ist sogar schön. Man denkt, was für ein Luxus, ich kann jetzt hier arbeiten am Meer.

Alexandra Husemeyer in ihrem Eisenacher Zuhause. Fotos: Sabine Kuschel

Alexandra Husemeyer in ihrem Eisenacher Zuhause. Fotos: Sabine Kuschel

Wohin werden Sie diesmal im Urlaub verreisen?
Husemeyer:
Ich bin ein Campertyp, liebe die Freiheit, unterwegs zu sein und schlafe im umgebauten Berlingo. Dadurch habe ich nur zwei Sitze, aber ich brauche die Fläche sowieso für Auftrittskostüme, Instrumente, Bücher usw. Ich reise gerne gemächlich, besuche eine Freundin in Freiburg, einen Freund in Zürich. Der Weg soll dann weiter durch Ligurien nach Genua führen. Ich entdecke gerne abseits der großen Straßen Kultur und Geschichten einer Region. Wo es schön ist, halte ich an. Wenn ich Lust habe oder wenn das Geld zur Neige geht, fahre ich wieder nach Hause.

Und wenn Sie zurück sind, welche Pläne und Ideen wollen Sie verwirklichen?
Husemeyer:
Im Lutherhaus steht die Vorbereitung auf die neue Sonderausstellung und das ACHAVA-Festwochenende September 2019 auf dem Plan. Privat habe ich viele Träume und wenig Zeit. Ich möchte so viel lernen: ein Instrument, Französisch, Paragliding. Ich möchte lernen, meine Zeit noch besser zu strukturieren. Im Kalender streiche ich einfach Tage durch. Am Telefon muss ich dann sagen, ich bin ausgebucht. Sonst gibt es nie ein freies Wochenende mit Familie und Freunden.

So viele Aufgaben – wofür brennen Sie?
Husemeyer:
Ohne Unterschied für alles. Für eine Sache zu brennen, das ist für mich die Form des Arbeitens. Wenn Menschen halbherzig irgendetwas hinschludern, regt mich dies persönlich auf.

Sie sind Paramentikerin. Wie sind Sie denn zu den anderen Jobs gekommen?
Husemeyer:
Nach dem Abitur in Hermannswerder habe ich Mitte der 1990er-Jahre Ausbildungen zur Handstickerin und Handweberin in Helmstedt gemacht und zwei Gesellenprüfungen abgelegt.

Die Paramentik-Ausbildung sowie der Kirchliche Fernunterricht liefen parallel. Als bester Azubi Niedersachsens habe ich meine Auszeichnung von Gerhard Schröder bekommen, der damals noch Ministerpräsident war. Damit war ein Stipendium von 10 000 DM verbunden, mit dem ich die Meisterschule als Handweberin finanzierte. Zehn Jahre habe ich als Paramentikerin freiberuflich gearbeitet und Aufträge für München, Berlin oder Bremen gewebt.

Nach und nach musste ich einsehen, dass ich davon nicht leben kann. Wenn ich der Kirchengemeinde einen Preis von 3 000 Euro für ein Parament nannte, schlugen sie die Hände über dem Kopf zusammen. Das war dann trotzdem nur ein Stundenlohn von 5 bis 8 Euro. Ich habe jahrelang in keine Rentenversicherung eingezahlt, war teilweise nicht krankenversichert, weil ich es einfach nicht konnte.

Ich kehrte in meine Heimatstadt Eisenach zurück und wurde Stadtführerin, weil ich mich für Geschichte und Kunstgeschichte interessiere. Als die Stelle für Museumspädagogik im Lutherhaus ausgeschrieben war, habe ich mich beworben. Zudem habe ich mich fortgebildet, pädagogische Seminare sowie Rhetorikkurse belegt. Seit zehn Jahren arbeite ich nun schon halbtags im Lutherhaus. Eine ganz spannende Zeit mit Umbau, neuer Ausstellung, neuen pädagogischen Konzepten, die ich aktiv und kreativ begleiten durfte.

Paramentik ist eine sehr stille Tätigkeit, ganz anders als das, was Sie jetzt tun …
Husemeyer:
Man ändert sich im Leben. Die Paramentik hat nicht mehr richtig zu mir gepasst. Ich lebe jetzt das ganze Gegenteil, sehr extrovertiert als Künstlerin und Moderatorin.

Wie haben Sie zum Glauben gefunden?
Husemeyer:
In der Christenlehre. Meine Katechetin war Ilse Weißenborn, eine Katechetin alten Schlages. Unverheiratet und streng. Immer mit dunkelblauem Faltenrock und Lutherrose an der weißen Stehkragenbluse. Ich habe diese Frau geliebt. Weil sie genau das Gegenteil von dem verkörperte, was ich zuhause erlebte: Alkoholsucht und Ablehnung des Stiefvaters. Bei ihr war alles klar strukturiert und zuverlässig. Sie war sehr autoritär, aber hat mir zugehört wie kaum jemand.

Die Christenlehre gab Ihnen im Gegensatz zu ihrem Elternhaus Halt?
Husemeyer:
Ja, absolut. Ich habe die Bibel ganz durchgelesen. Die alttestamentarischen Geschichten, beispielsweise die Josefsgeschichte kann natürlich ein Kind verstehen, das sich ausgestoßen fühlt. Dazu haben wir Bilder mit West-Filzstiften gemalt – damals etwas ganz Besonderes.

Die Katechetin hat pädagogisch sehr gut gearbeitet. Noch heute habe ich ihre Sätze im Ohr. Als sie über die Taufe sprach, wollte ich auch getauft werden. Damals war ich neun Jahre alt. Meine Eltern lehnten dies ab. Meine Mutter war Kirchenmitglied, aber lebte das nicht mehr. Mein Stiefvater war Parteisekretär in der SED.

Ich habe lange gedrängelt. Irgendwann hat meine Mutter eingewilligt. Weil ich aber keine Paten hatte, hat sich die Katechetin darum gekümmert.

Obwohl Sie Ihre Kindheit als belastend beschreiben, sind Sie ein fröhlicher Mensch …
Husemeyer:
Da habe ich Glück. Ich empfinde die Gabe immer wieder nach vorne schauen zu können als Gottes Geschenk und bin dafür dankbar. Ich habe sehr viel Kraft, weiß aber, sie ist ein Geschenk.

Sie spielen Katharina von Bora. Wie stehen Sie zu Luthers Frau?
Husemeyer:
Voller Respekt. Mein Bild von ihr beruht auf historischen Quellen. Von ihr sind nur wenige Briefe erhalten, viele jedoch ihres berühmten Ehemannes. Sie muss sehr selbstbewusst und couragiert gewesen sein.

Als der Schmalkaldische Krieg ausbrach, sie verwitwet war und keinen Rechtsbeistand hatte, wandte sie sich an das ranghöchste Oberhaupt der evangelischen Fürsten in Europa und schrieb dem dänischen König. Sie war gebildet und konnte sicher mit Luther ebenbürtig disputieren. Bei den berühmten Tischgesprächen durfte sie als einzige Frau anwesend sein.

Von Christine Brückner gibt es einen Text über Katharina, den ich nicht mag. Denn diese Katharina rechnet hart mit Luther ab. Ein solches Bild lässt sich meiner Meinung nach nicht belegen. Katharina von Bora war eine starke und fröhliche Frau. Sie war ein Arbeitstier und hat teilweise nur vier Stunden geschlafen, um das Pensum zu schaffen. Nach den Briefen Luthers an sie zu urteilen, haben sich die beiden oft geneckt. Das muss neben allen alltäglichen Sorgen sehr fröhlich gewesen sein. So vermittle ich sie.

Was liegt Ihnen bei Ihrer Arbeit am Herzen?
Husemeyer:
Heute bin ich glücklich. Weil ich auch andere Zeiten erlebte, versuche ich mit meiner Arbeit etwas Fröhliches und Mutmachendes nach außen zu tragen.
Ich würde gern anderen Menschen helfen, ihren Platz, ihren Sinn im Leben zu finden. Ich möchte Menschen ermutigen, ihren eigenen Ideen zu folgen. Ich sehe meine Arbeit auch als Baustein der Versöhnung zwischen Religionen und Kulturen. Ich teile gern mit anderen, weil ich im Leben auch so viel geschenkt bekam.

Früher war ich unsicher und suchte immer den Sinn meines Daseins. Jetzt ist das Leben so wundervoll! Das ist schön.

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Angst

30. Juli 2018 von redaktionguh  
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Eugen Drewermann, Psychoanalytiker und ehemaliger römisch-katholischer Priester, untersucht Grimms Märchen tiefenpsychologisch. »Die Eule« ist für ihn ein Lehrstück über den Teufelskreis der Angst. Aber der Glaube kann alles verändern.

Herr Drewermann, meine dreijährige Tochter liebt Märchen, aber all die Hexen, gefräßigen Wölfe, verwunschenen Frösche bereiten mir Kopfzerbrechen und ihr schlaflose Nächte. Sind Grimms Märchen für Christen nicht zu viel Hokuspokus?
Drewermann:
Märchen spielen in unserer Seele und sie haben eine hohe Poesie. Sie schildern, was sich begibt auf der Suche nach Liebe. Märchen sind die einzige Gattung der Weltliteratur, die darauf beharrt, dass Menschen nur glücklich werden können durch die Liebe. Wer die Liebe wagt, schlägt mit den Flügeln der Seele gegen die Gefängnisstäbe der sogenannten Realität. Die Gesellschaft fürchtet die Liebe deshalb als etwas Anarchisches. Was sie auch sein kann.

Wenn Märchen von Gott reden, meinen sie in aller Regel etwas Seelisches, ein Bild von etwas, das in uns eine große Macht entfaltet. Daneben gibt es Märchen, die so von Gott reden, wie man es sich in der Bibel wünschen würde.

An welche denken Sie?
Drewermann:
Die Erzählung vom Schneider im Himmel etwa spricht davon, dass wir in den Himmel nur kommen, weil Petrus Mitleid hat. Und dann stellt es die Frage, ob wir lernen, des Mitleids würdig zu werden. Der Schneider wird, kaum dass er vom Throne Gottes sieht was auf Erden los ist, den Schemel nehmen und strafend herniederschleudern. Mit unserer Neigung zum Verurteilen und Strafen zeigen wir, dass wir des Himmels noch nicht würdig sind. Das Märchen erzählt damit etwas, das die Rechtfertigungs- und Gnadenlehre, Luther, die Reformation, Paulus, den Kern der Botschaft Jesu aufgreift und bestätigt.

Deshalb behaupte ich, für die Theologen sei es sehr wichtig, die Sprache der Kinder, der Träume, der Dichtung, der Märchen zu verstehen, jene Sprache, die man selbst einmal gelernt und geliebt hat. Sonst sollte man sich nicht einbilden, ausgerechnet die Sprache Gottes im Herzen der Menschen und in der Bibel zu verstehen.

Die Bibel ist natürlich kein Märchenbuch, aber sie enthält zahlreiche Märchenmotive und Mythen, die man entsprechend symbolisch auslegen muss.

Warum spielen in Grimms Märchen Grusel und Angst so eine große Rolle?
Drewermann:
Søren Kierkegaard meinte, Angst stelle vor eine Wahl, die einzig für unser Leben entscheidend sei, indem sie das Vorzeichen der Klammer unserer Existenz definiere: Leben wir aus Angst oder überwinden wir die Angst im Vertrauen?

Auf diese Weise entdecken wir die Religion als Anker, als Halt. Nur dann können wir inmitten dieser Welt, zwischen Himmel und Erde, Zeit und Ewigkeit, Göttlichem und Menschlichem, Bewusstem und Unbewusstem, im Denken und Fühlen einigermaßen im Gleichgewicht leben.

Das biblische Bild dafür ist Matthäus 14, der Gang des Petrus übers Wasser: Sehen wir nur die Wellen, hören wir nur den Sturm, würden wir vor lauter Angst das Leben unter unseren Füßen wegbrechen spüren. Oder wir schauen auf die Gestalt, die vom anderen Ufer auf uns zukommt, dann trägt uns das Wasser.

Eugen Drewermann. Foto: epd-bild

Eugen Drewermann. Foto: epd-bild

Gefühlt sehen wir heute eher den Sturm: Es gibt mehr als 400 klinisch festgestellte Ängste. Sind sie Symptome einer tieferen Angst?
Drewermann:
Schon für ein Kind sind andere Menschen lebensgefährlich. Eine Grundangst besteht darin, die eigenen Eltern zu verlieren oder von ihnen nicht geliebt zu werden. Siegmund Freud hat dies mit einem eigenen Fachbegriff wiedergeben wollen: Objektverlustangst. Die 400 Symptomängste sind in aller Regel vergegenständlicht worden aus einer solchen Grundangst.

In 200 Millionen Jahren Säugetierevolution haben wir gelernt, eine Handvoll Situationen zu fürchten: Vor einem Beutegreifer, vor dem Verhungern, vor dem Ausgegrenztwerden aus der Gruppe, vor dem Schuldigsein. Das sind vier Szenarien, die auch der Tierwelt bekannt sind.

Wesentlich ist, dass wir Menschen nicht wie die Tiere situativ auf solche Augenblicke reagieren, sondern uns dank unseres Verstands vorstellen können, dass die jeweiligen Gefahrensituationen wiederkommen werden. Unser Verstand treibt uns, endgültige Antworten zu suchen. Dadurch besteht die Gefahr, dass wir in eine Angst hineingeraten, die sich verunendlicht.

Wenn z. B. Tiere miteinander kämpfen, wird der eine Sieger, der andere Verlierer, das war’s. Wir Menschen wissen: der Verlierer wird gefährlicher wiederkommen als er je war. Wir sind in der Evolution die einzigen Lebewesen, die gelernt haben, dass Töten Angst beruhigen kann. Es gibt dagegen nur einen Ausweg: wir antworten auf die verunendlichte Angst mit Gegenbildern der Vernunft, die ebenfalls ins Unendliche weisen. Dann sind wir bei der Religion.

Ich denke an Johannes 16: »In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.« Verspricht Religion Angstlosigkeit nur im Jenseits?
Drewermann:
Religion lehrt, mit dem Vertrauen, dass diese Welt nicht das Ende von allem ist, sondern eine Perspektive in einer anderen Welt eröffnet, ruhig durch die sonst schattenverwirrten Jahrzehnte unseres Lebens zu gehen. Im Vertrauen auf Gott können wir uns als gemeint und gewollt, als »Geschöpfe« entdecken; unser Dasein hört auf, im Haushalt der Natur ein bloßes Zukunftswesen ohne Bedeutung zu sein.

Es gehört in diesem Zusammenhang auch Johannes 14 mit hinein: »Meinen Frieden gebe ich euch. Nicht wie die Welt ihn gibt.« Der Frieden, den die Welt verspricht, ist maximale Rüstungskapazität, das Anhäufen der tödlichsten Vernichtungswaffen. Das aber ist kein Friede. Das ist eine endlose Ausbeutung, ein wechselseitiges Schreckensszenario, ein Leben in ständiger Tötungsbereitschaft.

Können wir den Frieden lernen, den Gott verspricht?
Drewermann:
Absolut! Ich sage das mit dieser Zuversicht, weil ich in der Psychotherapie immer wieder erlebe, dass Menschen von Grundängsten hinüberfinden können zu einer Geborgenheit, die sie bei sich selber zuhause ankommen lässt.

Ich kann nicht versprechen, dass das in jedem Fall gelingt, vor allem nicht, dass es im Handumdrehen gelingt. Es ist ein langer Prozess, die eigene Schönheit zu entdecken, die eigene Wahrheit wiederzufinden, Selbstbewusstsein mit der eigenen Existenz zu verknüpfen. Doch im Grunde wartet alles auf die Entdeckung: Du lebst, weil es dich gibt. Gott möchte, dass du bist! Dass es dich gibt, ist das Kostbare.

In Ostdeutschland leben Christen in der Diaspora. Können wir hier das Vertrauen in Gott, in das Leben entfachen?
Drewermann:
Ich kann mit Menschen eigentlich nur sprechen im Bewusstsein der Unvollkommenheit, in der alles geschieht, und ich vertraue darauf, dass mein Gegenüber auch nach dem Gespräch umhüllt ist von einem, der ihn weiterführt. Wohin und wie, weiß ich nicht. Aber ich vertraue auf eine solche bergende Güte im Hintergrund des Lebens eines jeden.

Mit der tradierten Kirchenfrömmigkeit habe ich große Schwierigkeiten, im Protestantismus weniger als im Katholizismus. Aber ein Problem der christlichen Theologie liegt darin, dass man aus der Botschaft Jesu, die er in Bildern, Gleichnissen, Geschichten vortrug, feste Lehren gemacht hat, Dogmen, die man die Kinder aufzusagen lehrt. Das verstellt alles.

Wir sollten mehr auf Gott vertrauen als auf Institutionen, Verordnungen, Gesangbücher und Traditionen. Die alle sind hilfreich, ich will das nicht wegstreichen, aber sie müssen von Person zu Person als Lebensformen weitergegeben werden, nicht als Doktrin. Auch Riten sind überaus kostbar, wenn sie mit Sinn erfüllt sind, aber sie schrecken ab, wenn sie nichts weiter sind als Gebetsmühlen bei ihrer Umdrehung.

Wir erzählen Kindern Märchen, damit sie einschlafen und Erwachsenen, damit sie aufwachen. Was lässt uns beim Grimmschen Märchen »Die Eule« aufschrecken?
Drewermann:
Die Tatsache, dass es möglich ist, so in Angst eingeschlossen zu werden, dass wir nicht mehr imstande sind, die Realität zu sehen. Wir begreifen nicht mehr, dass, wenn wir Angst haben vor etwas, dieses andere vor uns genauso Angst hat.

Wir sehen nur unsere eigene Angst, und die nötigt uns zu Zerstörung. Wir brauchen in Angst immer mehr Tötungsmaschinen, immer mehr Helden, immer mehr Wahnsinn.

Angst ist eine ansteckende Krankheit, die sich potenziert?
Drewermann:
Im Märchen »Die Eule« beginnt es mit einem einfachen Knecht, der in die Scheune geht, dort eine Eule sieht und vor dem Tier, das er noch nie gesehen hat, so erschrocken ist, dass er seinen Herrn mit seiner Angst infiziert.

Der ist eigentlich ein vernünftiger Mann, aber durch sein Ansehen vergrößert er in der Dorfgemeinde die Wahrnehmung der Angst seines Knechts. Also werden alle Maßnahmen getroffen, gegen die Eule zu Felde zu ziehen. Niemand merkt, dass gerade die Eule nur aus Angst in der Scheune sitzt.

Wer ist heute eine Eule?
Drewermann:
Politisch ist heute in unseren Medien Putin zum Beispiel eine Eule. Wir müssen ihn eindämmen, wir müssen gegen Russland Handelsbarrieren errichten. Dabei gibt Russland rund 60 Milliarden Dollar für Rüstung aus, aber die NATO über 300 Milliarden, Amerika 700 Milliarden. Aber der Westen sagt, Russland ist gefährlich.

Und wir können deshalb gar nicht genug rüsten. Wir müssen Atombomben bauen, sie verbessern, sie genauer platzieren. Wir brauchen Drohnen. Wir können nicht genügend sichern, zuschlagen, töten. Nur der Tote bedroht uns nicht mehr. Nach dieser Rezeptur betreiben wir heute Politik. Nur darüber sind wir uns einig. Und wie wir 68 Millionen Flüchtlinge, die nicht wissen, wohin, mit militärischem Gerät daran hindern, übers Mittelmeer zu kommen.

Karl Marx hat einmal in einem Traktat über das Holzdiebstahlgesetz geschrieben: Wenn Verzweiflung zum Verbrechen wird, dann ist das Gesetz, das die Verzweiflung als Verbrechen definiert, beides selber: Verbrechen und Verzweiflung. Wir hängen Kreuze an die Wand, aber Menschen schieben wir ab, wissend, ins Elend zurück.

Können wir auf politischer und gesellschaftlicher Ebene den Teufelskreis der Angst durchbrechen?
Drewermann:
Wir müssen! Tausende ertrinken im Mittelmeer und Schiffe der Seenotrettung dürfen Häfen nicht ansteuern. Um nochmal Marx zu zitieren: Es ist leicht, heilig zu sein, wenn man nicht menschlich sein will.

Die Fragen stellte Katja Schmidtke


Eugen Drewermann wurde 1966 zum Priester geweiht. Wegen strittiger Ansichten in Fragen der Bibelauslegung und der Moraltheologie geriet er in Konflikt mit dem Lehramt der katholischen Kirche. Erzbischof Degenhardt entzog ihm 1991 die katholische Lehr- und 1992 die Predigtbefugnis. 2005 trat er aus der römisch-katholischen Kirche aus.

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Die Wiege Thüringens

23. Juli 2018 von redaktionguh  
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Mit der Enteignung von Schloss Reinhardsbrunn (Kirchenkreis Waltershausen- Ohrdruf) ist eine Chefsache von Christine Lieberknecht aus ihrer Zeit als Ministerpräsidentin auf der Zielgeraden. Willi Wild sprach mit ihr über Politik und Gipfelkreuze.

Wie haben Sie die Nachricht von der Enteignung aufgenommen?
Lieberknecht:
Am 9. Juli um 11.30 Uhr erreichten mich am Urlaubsort drei Worte: »Da ist er.« Die Kurznachricht kam vomThüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow, angehängt hatte er den 37-seitigen Enteignungsbeschluss. Umgehend habe ich ihm geantwortet, dass ich mich sehr freue und die Daumen drücke für die weiteren Schritte.

Ihrer Initiative ist es zu verdanken, dass es dazu gekommen ist. Warum ist Reinhardsbrunn so wichtig?
Lieberknecht:
Reinhardsbrunn ist die Wiege Thüringens. Der Vorgängerbau des Schlosses war das Benediktinerkloster, Hauskloster und Grablege der Thüringer Landgrafen. Reinhardsbrunn ist durch die Hinrichtung der Wiedertäufer auch ein unrühmlicher Ort der Reformation. Auch das sollte nicht vergessen werden. Im 19. Jahrhundert gab es mit dem Gothaer Herzoghaus eine Blütezeit. Königin Victoria von England, die auch als »Großmutter Europas« bezeichnet wird, ist hier wiederholt mit Prinz Albert im Park flaniert. Der denkmalpflegerische und geistesgeschichtliche Wert dieses Ortes ist unbestritten.

Sie haben auch eine persönliche Beziehung zu Schloss und Park. Welche Erinnerungen haben Sie?
Lieberknecht:
Ich kenne Reinhardsbrunn von Kindheit an. Ich komme aus einem Pfarrhaus und meine Eltern haben in Friedrichroda im kirchlichen Erholungsheim Reinhardsberg mit der ganzen Familie Urlaub gemacht. Da gehörte ein Besuch des Schlosses Reinhardsbrunn mit Gondelfahrt auf den Schlossteichen dazu.

Sie sind in Lorenzen in Südtirol im Urlaub. Was schätzen Sie an diesem Ort?
Lieberknecht:
Mein Mann und ich verbringen unseren Urlaub in einem ehemaligen Kloster. Von dort aus unternehmen wir Wanderungen. Wir schätzen diese einmalige Landschaft und die Gastfreundschaft. Brauchtum und Moderne ergänzen sich. Vor allem beeindruckt das Miteinander der Generationen. Ich bereite mich hier auch auf eine Wanderung im August vor. Da werden wir von Eisenach nach Detmold laufen, etwa 230 Kilometer.

Hier sind Sie weit weg von dem politischen Geschehen in der Heimat. Mit diesem Abstand betrachtet, wie bewerten Sie den Streit in der christlichen Union?
Lieberknecht:
Es ist eine erbitterte Auseinandersetzung über die Deutungshoheit und die künftige deutsche und europäische Asyl- und Zuwanderungspolitik. Gefragt ist meines Erachtens nicht nur der Masterplan eines Ministers, sondern ein Plan der Bundesregierung gemeinsam mit den Ländern. Eine gemeinsame Asylpolitik sollte auf den Weg gebracht werden. Derzeit sind noch so viele Fragen offen auf nahezu allen politischen Feldern. Der Streit um einen Punkt nutzt da am Ende keinem etwas. Ich kann da die Forderung nach einem Einwanderungsgesetz nur dringend unterstützen.

Christine Lieberknecht vor den Drei Zinnen Foto: privat

Christine Lieberknecht vor den Drei Zinnen Foto: privat

Wir haben die größte Flüchtlingsbewegung seit dem 2. Weltkrieg und können nicht so tun, als ob das alles an Europa vorbeiginge. Wir müssen klar-
machen, welchen Beitrag wir zur Gesamtlösung leisten können.

Sie wählen Ihre Worte mit Bedacht. Wie erleben Sie im Zusammenhang mit der Flüchtlingsdebatte die Verrohung der Sprache?
Lieberknecht:
Jedes Schlagwort behindert Lösungen. Wir haben viel mit Symbolpolitik zu tun, anstatt die Probleme endlich zu lösen, das ist doch gravierend. Wir müssen gesprächsfähig sein, um mit den Menschen gemeinsam die Integration voranzubringen. Das geht nur miteinander. Der Mensch muss an erster Stelle stehen, das ist ganz klar. Und danach muss man auch sein Vokabular ausrichten.

Wird Ihre gemäßigte Stimme noch gehört?
Lieberknecht:
Ich stehe nicht mehr in der ersten Reihe. Aber wenn ich gefragt werde, sage ich meine Meinung. Ich arbeite mit in der Enquete-Kommission »Auseinandersetzung mit Rassismus, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Diskriminierung in Thüringen« und bin stellvertretende Bundesvorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU (EAK).

Schließen Sie nach der Landtagswahl im kommenden Jahr ein Bündnis Ihrer Partei mit der AfD aus?
Lieberknecht:
Ein Bündnis kann ich mir nicht vorstellen. Ich hatte 2014 vor der Wahl im September klar gesagt, dass es keine Gemeinsamkeit mit der AfD gibt. Damals haben mich Parteifreunde dafür kritisiert. Ich glaube aber, dass diese Kritiker durch das tatsächliche Erleben der AfD gründlich geheilt sind. Mit der AfD kann man keinen Staat machen.

Am 1. Juli haben Sie auf dem Schneekopf gemeinsam mit anderen ein Gipfelkreuz gesetzt. Welche Bedeutung hat das Kreuz im öffentlichen Raum?
Lieberknecht:
Das Kreuz ist von der Gemeinde Gehlberg, vom Ilmkreis mit Landrätin Petra Enders (Linke), vom Thüringer Gebirgs- und Wanderverein mit Unterstützung der Kirche aufgestellt worden. Eine Gemeinschaftsaktion von politischer und kirchlicher Öffentlichkeit mit den Wanderfreunden.

Das Kreuz im öffentlichen Raum ist auch ein Zeichen, dass damit ein Anspruch verbunden ist. Der Staat und seine Diener versehen ihren Dienst in der Verantwortung vor Gott und den Menschen. Um mit Martin Luther zu sprechen: Dieses Zeichen kann sein, aber es muss nicht. Entscheidend ist, was man im Herzen hat.

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Schwarzseher oder Durchblicker?

17. Juli 2018 von redaktionguh  
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Mit seiner Streitschrift »Geht der Kirche der Glaube aus?« sorgt der Schriftsteller Klaus-Rüdiger Mai für Diskussionen. Sabine Kuschel sprach mit ihm über Heimat, ostdeutsche Erfahrung und warum unsere Gesellschaft den Glauben und die Kirche braucht.

Herr Mai, die Zukunft der Kirche wird nicht politisch sein, sondern im Glauben wurzeln, ist eine Ihrer Thesen. Was ist Ihnen am Glauben so wichtig, dass er nicht verlorengehen darf?
Mai:
Der Glauben ist für mich das Fundament der Kirche, der Grund, warum Kirche besteht. Nämlich, dass wir den Glauben an Jesus Christus, den Glauben an Tod und Auferstehung und an das Leben in der anderen Welt, dass wir diesen Glauben weitertragen und in uns haben. Das ist die frohe Botschaft, die wir zu verbreiten haben als Christen.

Können Sie das noch etwas näher erläutern?
Mai:
Luther sagt zu Recht: der Gerechte lebt aus Glauben allein. Durch den Glauben allein werden wir gerettet. Aber es kommt etwas Zweites hinzu: Glauben bedeutet auch Glauben an die Schöpfung, an das, was uns Gott übergeben hat und wofür wir auch verantwortlich sind.

Klaus-Rüdiger Mai. Foto: Olivier Favre

Klaus-Rüdiger Mai. Foto: Olivier Favre

Und deswegen ist der Glauben auch ein wichtiges Mittel gegen die Selbstvergottung des Menschen. Wir können inzwischen technisch viel mehr machen, als wir moralisch zu verantworten in der Lage sind. Durch diese technischen Möglichkeiten entstehen Allmachtfantasien. Für unseren Fortbestand ist diese Dimension, dass der Mensch nicht vollkommen ist, sehr wichtig. Der Mensch ist sündhaft. Er braucht den Glauben, braucht die Vergebung.

Nun ist Ihr hauptsächlicher Kritikpunkt an der Kirche deren parteipolitisches Engagement. Sie sehen darin eine Ursache für den Mitgliederschwund. Heißt das: Wenn sich die Kirche stärker auf ihre Botschaft, den Glauben konzentrieren würde, ließen sich Menschen zurückgewinnen?
Mai:
Das glaube ich, weil ich immer wieder gehört und gelesen habe, dass Menschen nach inneren Kämpfen die Kirche verlassen haben. Sie sagen, ich gehe in den Gottesdienst und was ich höre, ist eine Predigt, von der man den Eindruck hat, dass der Pfarrer sich in der Politik besser auskennt als in der Bibel. Das möchte ich mir nicht länger anhören. Ich möchte mich nicht parteipolitisch belehren lassen, sondern ich suche in der Kirche den Glauben. Wenn ich das in der Kirche nicht bekomme, dann kann ich selbst die Bibel lesen und im Glauben leben.

Ich bin mir sicher, dass man erstens Menschen zurückgewinnt und zweitens Menschen halten kann, die über ihre Kirche verzweifelt sind, weil Glauben durch Moral ersetzt wird.

Sollte die Kirche Ihrer Meinung nach ganz auf politisches Engagement verzichten?
Mai:
Ich bin dafür, dass Kirche politisch wirkt. Die Frage ist nur: Wie sieht das politische Wirken aus? Die Kirche lebt in einem politischen Raum. Sie kann gar nicht anders als politisch agieren. Nur eben nicht parteipolitisch. Das ist ein Unterschied. Auf sechs Grundaufgaben sollte sich die Kirche konzentrieren: Bibelstudium, Gottesdienst, Seelsorge, Caritas/Diakonie, Bildung und Mission.

Wenn sie diese Aufgaben richtig erfüllt, dann wirkt sie politisch, weil wir in einer Demokratie leben. Das heißt, jeder Bürger hat die Möglichkeit und das Recht, am politischen Geschehen mitzuwirken, sich auch parteipolitisch einzubringen.

Kirche in der Diktatur sieht anders aus. Da muss Kirche auch andere Funktionen wahrnehmen, weil die Bürger diese Rechte nicht haben, aber in einer Demokratie haben sie sie. Und wenn diese Aufgaben richtig bearbeitet werden, dann schafft das in den Gläubigen auch ein christliches Bewusstsein.

Mit diesen christlichen Vorstellungen gehen sie in die Welt hinaus und engagieren sich politisch. So kommt auch eine christliche Haltung in die Welt. Durch das Wirken der Christen. Dann ist Kirche politisch, denn Kirche sind wir alle. Wie es im Credo heißt, »die Gemeinschaft der Heiligen«.

Sie schreiben: Gerade mit diesen parteipolitischen Stellungnahmen verprellt die Kirche Menschen, vor allem in dem Moment, wenn sie sie als rechtspopulistisch einstuft. Was, wie Sie schreiben, nur rechts von einer rot-grünen Überzeugung ist. Ich vermute, mit solchen Thesen stehen Sie ziemlich allein da und die bringen Ihnen viel Ärger ein?
Mai:
Nein, überhaupt nicht. Ich werde bestätigt in dieser Vorstellung. Ich rede nicht von linken Vorstellungen, nicht von rechten Vorstellungen, weil ich der Meinung bin, dass sich das Links-Rechts-Schema überholt hat. Das muss man philosophisch, gesellschaftsphilosophisch viel genauer fassen.

Was wir haben, ist aber ein rot-grünes Mainstream-Bewusstsein. Das hat aber wenig mit rechts und links zu tun. Ich konstatiere: Wenn eine Politik verfehlt ist, sich aber nicht der Kritik stellt, sondern diese diffamiert, dann kann das zwei Gründe haben:

Entweder sieht Politik nicht die Wirklichkeit, oder sie hat keine Lösung für die Wirklichkeit. Dann versucht sie, auf semantischer Ebene das zu regeln, was sie auf politischer Ebene nicht hinbekommt. Das ist schädlich für den demokratischen Prozess in der Gesellschaft. Das wird zunehmend deutlicher.

Ich würde gern auf das Essay, das Sie in der Neuen Zürcher Zeitung geschrieben haben, zu sprechen kommen: »Der Tag, an dem ich ein Ostdeutscher wurde«. Was war der Anlass?
Mai:
Der Anlass war ein Artikel in der FAZ von Ralph Bollmann. Er schrieb eine Geschichte von einer großen Einwanderung in die Bundesrepublik. Diese Migranten, die an einem Tag eingewandert seien, hätten sich nicht integriert. In der zweiten Generation sei die Integration sogar noch geringer.

Den Grund für diese mangelnde Integration sieht der Autor darin, dass die Menschen sich nicht selbstkritisch damit auseinandersetzen, wer sie sind und was sie sind und deshalb auf falsche Lösungen kommen. Gemeint waren die Ostdeutschen. Das hat mich zutiefst empört, weil ich plötzlich spürte, ich werde ausgegrenzt.

Ralph Bollmann erklärt, dass die Bundesrepublik sein Staat ist und nicht meiner. Ich habe mich dagegen verwahrt und dieses Essay geschrieben. Man kann nicht, weil wir gesellschaftlich und politisch in schwierige Gewässer kommen, die Ostdeutschen zu Sündenböcken machen.

Deswegen habe ich gesagt, gut, dann bin ich jetzt Ostdeutscher und bringe die ostdeutsche Tradition stärker nach vorn. Die ostdeutsche Erfahrung ist nun einmal die, dass wir die Demokratie nicht geschenkt bekommen haben wie die Westdeutschen, sondern wir haben sie uns erkämpfen müssen. Ich glaube, für dieses Deutschland ist die Erfahrung der erkämpften Freiheit, der erkämpften Demokratie etwas ungemein Wichtiges und ein geradezu demokratisierender Impuls.

Zum Schluss noch das Thema Heimat. Es ist richtig in Mode gekommen. Sie haben sich auch mit Begriffen wie Nation, Identität und Heimat auseinandergesetzt. Was ist für Sie Heimat?
Mai:
Für mich ist Heimat vor allem ein geistiger und kultureller Raum. Das bedeutet, Heimat setzt sich für mich zusammen aus den geistigen Traditionen von Martin Luther, aber auch schon von Walther von der Vogelweide, vom Nibelungenlied. Von Martin Luther über Goethe, Thomas Mann bis heute.

Bei den Musikern Johann Sebastian Bach, Mozart, Beethoven. Das gehört für mich alles – auch wenn Mozart ein Österreicher war – zum Begriff der Heimat. Wenn ich beispielsweise in der Kirche die Aufführung eines Werkes von Mendelssohn-Bartholdy oder Bach höre, dann ist das für mich Heimat.

Ich möchte, dass diese Werte und dieser kulturelle Reichtum weiter existieren, weil sie ein Teil unseres Erfolges und unserer Identität sind.

Dr. Klaus-Rüdiger Mai, geboren 1963, Schriftsteller und Historiker, verfasst historische Sachbücher, Biographien und Essays sowie historische Romane. Sein Spezialgebiet ist die europäische Geschichte.

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Immer am Ball

8. Juli 2018 von redaktionguh  
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Sport und Kirche: Anna Mittermayer möchte dies gern miteinander verbinden. Sie ist Pfarrerin in Sandersdorf (Kirchenkreis Wittenberg) und Sportbeauftragte in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Mit ihr sprach Sabine Kuschel.

Welche Rolle spielt denn im Pfarrhaus der Sportbeauftragten die Fußballweltmeisterschaft?
Mittermayer:
Die Weltmeisterschaft spielt nicht die Hauptrolle. Wir gucken die Spiele, manchmal nebenbei. Fußball spielt bei meinem Freund und mir keine große Rolle, weil wir diesen Hype ungern mitmachen wollen. Im Vergleich zu anderen Sportarten wird Fußball zu sehr gefördert. Das finden wir sehr schade. Wir sind mit Leib und Seele Basketballer.

Warum braucht die Kirche eine Sportpfarrerin?
Mittermayer:
Leider hat die Kirche nur eine Sportbeauftragte. Das ist der kleine Unterschied. Also ich bin Sportbeauftragte, nicht -pfarrerin. Die Sportbeauftragte wird gebraucht, damit Kirche in alle Bereiche ausstrahlen kann. Auch in den Sport. Und die Kirche kann vom Sport lernen. Zum Beispiel bei der Arbeit mit Ehrenamtlichen und beim Umgang mit Mitgliedern. Die Kirche braucht den Sport und der Sport braucht die Kirche. Es gibt Christen, die Sport machen und Sportler, die christlich sind. Sie haben andere Themen als die Sportler ohne Glauben.

Sportlich im Talar: Pfarrerin Anna Mittermayer in der Sandersdorfer Kirche St. Marien.  Fotos: Sabine Kuschel/ pixabay CC0 Creative Commons

Sportlich im Talar: Pfarrerin Anna Mittermayer in der Sandersdorfer Kirche St. Marien. Fotos: Sabine Kuschel/ pixabay CC0 Creative Commons

Der Mensch besteht aus Leib und Seele. Und es ist nötig, immer auch auf den Leib zu achten. Kirchliche Veranstaltungen finden meistens im Sitzen statt. Deutschland krankt am Rücken. Allein da müsste man schon Präventivmaßnahmen ergreifen. Spiritualität und Bewegung ist ein Thema, das noch sehr belächelt wird, das man aber durchaus ausbauen könnte.

Woran denken Sie konkret?
Mittermayer:
Es gibt schon vielfältige Angebote, die nur nicht vernetzt sind: Tanz und Spiritualität, Yoga. Es ist ratsam, den Geist hin und wieder frei werden zu lassen durch körperliche Übungen, durch Sport.

Blick-1-27-2018Mit Kindern und Jugendlichen erlebnispädagogisch zu arbeiten, ist heute viel mehr wert, als im Kreis zu sitzen und nachzudenken. Weil die Jugendlichen in der Schule schon genug nachdenken und sitzen müssen. Stichwort: Vertrauen. Wie und warum kann ein Mensch Gott vertrauen? Darüber sprechen wir nicht. Auf dem Konficamp in Wittenberg haben wir das geübt:
Einer legt sich auf eine Luftmatratze, die von den Konfis hochgehoben und eine gewisse Strecke getragen wurde. Wer auf der Matratze liegt, muss darauf vertrauen, dass niemand loslässt.

Mein Hauptanliegen ist zunächst, ein Programm zu entwickeln und festzuschreiben, warum man Kirche und Sport braucht. Das Konzept ist fast fertig. Dann will ich ein Netzwerk aufbauen von Menschen, die Lust haben, in dem Bereich weiter zu denken und zu arbeiten. Mein großer Traum ist eine Sportkirche.

Wie soll die aussehen?
Mittermayer:
In ihr sollen Elemente des Glaubens mit dem Sport verbunden werden. Also zum Beispiel steht der Taufstein in der Mitte und um ihn eine Art von Kneipp-Becken. Damit man auf dem Weg zum Taufstein diese Erfrischung, das Neuwerden durch die Taufe erleben kann. Oder ich stelle mir eine Art Baumboxsack vor, ein Boxer in Form eines Baumes. Wenn man wütend ist, braucht man eben eine Kanalisation der Wut, und da könnte man boxen. Und bei der Frage: Woher kommt die Hilfe? erfahren: Sie kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Weil man merkt, dass man mit beiden Beinen wieder fest auf dem Boden steht, geerdet ist.

Denkbar ist eine Ausstellung mit Bibelzitaten, über die Sportler nachdenken. Es gibt eine »Sportlerbibel«, wo Bibelstellen mit Aussagen von Sportlern verknüpft sind. Sowas stell ich mir vor.

Die Bibel sagt wenig über Sport.
Mittermayer:
Ja, leider. Es gibt etwa zwei Zitate von Paulus.

Blick-2-27-2018Warum wollten Sie Pfarrerin werden?
Mittermayer:
Das ist immer eine schwierige Frage. Nach dem Abitur wusste ich nicht, was ich machen sollte und dann dachte ich, der Glaube hatte mir als Jugendlicher viel bedeutet, aber ich habe als junger Mensch in der Kirche keinen Ort gefunden. In Mecklenburg hatten wir keine Junge Gemeinde. Die Gottesdienste waren für Jugendlichen auch nicht so ansprechend. Ich habe gedacht, du kannst meckern oder es ändern. Ich habe mich fürs Ändern entschieden und Theologie studiert.

Der Glaube wurde ihnen im Elternhaus vermittelt?
Mittermayer:
Ja, meine Großeltern, meine Mutter waren Christen. Wir sind zwar nicht jeden Sonntag in die Kirche gegangen. Aber ich bin mit dem Christentum, mit Gebeten großgeworden. Zum Beginn des Studiums merkte ich dann – als ich Menschen aus anderen Ecken Deutschlands traf – dass ich einen großen Wissensrückstand habe. Das ist aber auch eine große Chance. Ich war nicht vorgeprägt von irgendwelchen Bildern. Ich war noch ganz offen, was den Glauben betraf. Das war rückblickend schwierig, weil ich viel nachholen musste im Studium, aber für den eigenen Glauben und das eigene Pfarrerbild war es von Vorteil, nicht aus einer typischen Pfarrersfamilie zu kommen.

Was machen Sie als Pfarrerin am liebsten?
Mittermayer:
Konfiarbeit. Auch Beerdigungen mache ich gern. Weil, wenn ich die richtigen Worte finde, kann ich die Leute trösten. Deswegen find ich Beerdigungen eigentlich ganz schön.

Noch viel lieber würde ich mit den Vereinen im Umkreis zusammenarbeiten. Mit der Stadt, mit dem Basketballverein. Das Netzwerken außerhalb des kirchlichen Raums würde mir Spaß machen. Dafür muss ich aber noch mehr Zeit finden.

Blick-3-27-2018Sie wirken hier in einem säkularen Gebiet …
Mittermayer:
Total. Manchmal glaube ich, hier ist der entchristlichste Landstrich. Das müssen wir akzeptieren. Wir dürfen den Menschen keine Vorwürfe machen. Meine Generation hat keine Berührung mehr zur Kirche. Das heißt nicht, dass sie Religion ablehnt. Viele Menschen, denen ich begegne durch den Sport, fragen interessiert nach. Ich erlebe keine Gleichgültigkeit, sondern Offenheit. Ich denke, wenn man die richtigen Ideen hat, die richtigen Projekte plant, den Zeitgeist trifft, kann man Menschen gewinnen.

In Ihrem Sportverein sind Sie mit vielen Menschen zusammen, die nicht der Kirche angehören. Wie werden Sie dort als Pfarrerin wahrgenommen?
Mittermayer:
Zum Glück wurde ich am Anfang nie als Pfarrerin wahrgenommen. Das ist das Schöne. Man kommt in den Verein als Mensch, der Basketball mag. Was man beruflich macht, ist zweitrangig. Das finde ich angenehm.

Als ich gesagt habe, dass ich Pfarrerin bin, war die erste Reaktion: »Ach, das hätte ich nicht gedacht. Du bist so normal, oder so weltlich.« Ich glaube, es wird gut aufgenommen. Viele fragen nach: darfst du denn das? Daran merke ich, dass in den Köpfen der Menschen ein veraltetes Bild von Kirche existiert.

Was dürften Sie denn nach deren Ansicht als Pfarrerin nicht?
Mittermayer:
Bier trinken nach dem Sport. Oder sie fragen: Darfst du denn einen Freund vor der Ehe haben? Also Fragen, die sich unsere Generation nicht mehr so stellt. Meistens war der zweite Satz: Kann ich bei dir auch beichten? Zwar ist das oft mit einem Augenzwinkern gesagt, aber ich glaube, dass die Menschen, wenn sie wirklich ein Problem haben, wüssten: zu der können wir gehen. Sie versteht uns, sie ist jemand, der zuhören kann.

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Mit der Moto Guzzi ins Baltikum

2. Juli 2018 von redaktionguh  
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Von Jena nach Riga: Biker-Pfarrer Matthias Zierold tritt im August eine Auslandspfarrstelle in Lettland an. Für sechs Jahre wird er die Gemeinden der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Riga betreuen. Die Koffer sind noch nicht gepackt, das Motorrad aber ist schon vollgetankt.


Bevor Sie nach Jena kamen waren Sie Pfarrer in St. Petersburg in Rußland und in Baku in Aserbaidschan. Sie hält es nie lange an einem Ort?
Zierold:
Ja und nein. Es ist ja in vielen Berufen so, dass Wechsel auf der Tagesordnung stehen. Auch das Berufsbild des Pfarrers hat sich gravierend geändert. Die Vorstellung von einem Pfarrer, der lange an einem Ort ist, immer die gleichen Aufgaben hat, wandelt sich. Man arbeitet und lebt heute in Projekten und zeitlich befristeten Tätigkeiten. Entsprechend ist auch die Verweildauer eine andere.

Auch andere Länder haben schöne Pfarrstellen. Was zieht Sie mit Vorliebe gen Osten?
Zierold:
Mich würde es auch in andere Regionen ziehen, aber Aufgabe und Qualifikation müssen passen. Mit meiner Erfahrung, meinen Beziehungen bin ich für Lettland besser geeignet als für Lissabon. Außerdem lebe ich gern in einer Welt, in der nicht alles so perfekt ist, wo Spontanität noch eine Möglichkeit ist. Es macht einfach mehr Freude, wenn es Raum für Improvisation und Kreativität gibt.

Apropos Kreativität: Als begeisterter Motorradfahrer haben Sie 1998 das erste christliche Biker-Treffen in Friesau organisiert. Die Biker-Gottesdienste sind inzwischen eine Institution. Werden Sie denn jetzt das Bike gegen ein Boot an der Ostsee eintauschen müssen?
Zierold:
Nein, erstmal nicht (lacht).

Wieviele Zweiräder haben Sie denn?
Zierold:
Da müsste ich mal zählen. Zehn vielleicht. Aber ich fahre ja nicht nur, sondern sammle, baue auf. Das älteste Motorrad, das ich habe, ist eine Excelsior von 1930 – das neuste eine Moto Guzzi von 2005.

Was fasziniert Sie an diesem Hobby?
Zierold:
Ich bin ein großer Fan von klassischen Motoren, vor allem von Maschinen mit V- oder Ein-Zylinder-Motoren. Dieser Klang! Mich begeistern längs liegende Kurbelwellen. Da sind die Vibrationen besonders zu spüren. Ein Motorrad, das ist für mich Technik, die man sieht und hört, die man verstehen kann. Für mich ist das mehr, als das bisschen Blech, auf das man draufsteigt und losfährt.

Augen auf bei der Berufswahl – hätten Sie auch als Mechaniker oder Ingenieur Karriere machen können?
Zierold:
Letztlich geht es mir schon um die Arbeit mit Menschen. Und um die großen Fragen, die uns bewegen: Was bedeutet Glück? Warum gibt es Leid? Woher komme ich und wo gehe ich hin? Was gibt mir Halt im Leben? Den Berufswunsch, Pfarrer zu werden, hatte ich recht früh. Ich habe mich entschieden, ins Vikariat zu gehen und ordiniert zu werden. Aber ich habe mich natürlich an jeder Weiche, vor jeder nächsten Entscheidung gefragt: Will ich das – oder doch etwas ganz anderes? Die Arbeit eines Pfarrers orientiert sich am Jahreskreis, da gibt es feste Pläne und Veranstaltungen, die sich irgendwann immer wiederholen. Da ist ein Wechsel ganz gut. Damit will ich die Bedeutung von Kontinuität nicht schmälern.

Wandel nehmen Sie als etwas Positives wahr. Angesichts der strukturellen Veränderungen, setzen viele Kirchengemeinden derzeit auf neue, kreative Formate. Braucht es das, um Menschen für den Glauben zu begeistern?
Zierold:
Die Motorradfahrerarbeit ist ein gutes Beispiel. Dieses Format gelingt deshalb, weil es Menschen mit einem gemeinschaftsstiftenden Thema zusammenführt, mit dem sich eine ganz bestimmte Zielgruppe identifizieren kann. Mit diesem Konzept geht Kirche raus zu den Menschen. Die Motorradtreffen können überall stattfinden: bei Motorradmessen, bei den Sternfahrten vom TÜV Thüringen, am Domplatz in Erfurt. Aber es gibt eben auch mit dem zentralen Biker-Gottesdienst einen festen Ort, an dem die Motorradfahrer zusammenkommen können. Das braucht es. Nur so kann Gemeinde überhaupt erst wachsen. Die persönliche Gegenwart ist entscheidend. Wenn die nicht gegeben ist, bleibt der Verbindlichkeitsgrad niedrig.

Vor welchen Herausforderungen stehen die evangelischen Gemeinden in Lettland?
Zierold:
Es gibt in Lettland vier lutherische Kirchen – mit großen theologischen Unterschieden. Die lettisch-lutherische Kirche hat sich in den letzten Jahren mit dem Votum gegen gleichgeschlechtliche Ehen und ihrer Entscheidung, die Frauenordination abzuschaffen, etwas ins Abseits gedrängt. Erstaunlich war, dass die Basis dahinter stand. Aber es gibt im Land ja noch andere lutherische Kirchen. Wer anders denkt, wechselt einfach die Kirche. Einige Gemeinden sind komplett ausgetreten. Das ist etwas, was man sich in Deutschland nicht vorstellen kann, weil unsere Kirche anders organisiert ist. Dort ist das möglich aufgrund der juristischen Grundlage nach lettischem Recht.

Startklar: Matthias Zierold und seine Moto Guzzi. Foto: Beatrix Heinrichs

Startklar: Matthias Zierold und seine Moto Guzzi. Foto: Beatrix Heinrichs

Das besondere an der Situation der lutherischen Christen ist, dass sie seit der Zeit der Sowjetunion, und zum Teil noch heute, in einem Gefühl der Diaspora leben. Vor der Oktoberrevolution waren sie die zweitstärkste Konfession im Russischen Zarenreich, weil es sehr viele Deutsche gab. Heute verstehen sich die Lutherischen als eine Konfession unter anderen. Das fordert heraus, sich konkret zu fragen: Warum bin ich eigentlich evangelisch-lutherisch? Gerade in einer Stadt wie Riga, wo es noch fünf, sechs Kirchen neben der eigenen gibt, muss man klarer bekennen, warum man gerade dieser Gemeinde angehört, in eben diese Kirche geht.

Wie beantworten die Christen Ihrer künftigen Gemeinde diese Frage?
Zierold:
Mit Tradition und Sprache. Die Menschen bekennen sich unter anderem zur evangelisch-lutherischen Kirche, weil es die Familie seit Generationen tut oder ganz einfach weil man deutsch spricht. Die Gemeinden sind, was die Mitgliederzahl betrifft, oft sehr klein. Aber sie stellen sich diese Frage nach der Zugehörigkeit mit einer größeren Intensität.

Riga wurde im zwölften Jahrhundert von Deutschen gegründet. Die Stadt ist religös sehr vielfältig. Neben der Evangelisch-Lutherischen, der Katholischen und der Russisch- bzw. Lettisch-orthodoxen Kirche gibt es auch eine Armenisch-apostolische Gemeinde. Wie gestaltet sich Ökumene in Riga?
Zierold:
Genau kann ich das noch nicht sagen. Aber aus meiner Erfahrung in Petersburg weiß ich: Es besteht die Gefahr, dass jeder bei sich bleibt. Das hat dort auch mit der Stärke der orthodoxen Kirche zu tun, die sehr auf sich selbst bezogen ist. Was den Kirchen im Allgemeinen zu schaffen macht, ist der Verlust der Deutungshoheit in Glaubensfragen.Die Menschen entscheiden heute selbst, was richtig und falsch ist. Gerade für die Orthodoxen ist das ein großes Problem. Da ist man gefordert, sich für Ökumene zu öffnen. Und natürlich gilt auch hier, dass, dort wo eine persönliche Beziehung entsteht, auch Ökumene funktioniert.

Welche Erfahrungen aus Jena packen Sie in Ihren Reisekoffer? Was werden Sie vermissen?
Zierold:
Vermissen werde ich einiges. Vor allem aber auch die Junge Gemeinde, die ich hier wieder mit aufgebaut habe. Die Jugendlichen entwickeln zur Zeit eine Flügelaktivität, das ist schön zu sehen. Dass ich in Zukunft nicht mehr da sein werde, hat ihnen einen Verantwortungsschub gegeben, ihnen zu mehr Selbstständigkeit verholfen.

In der Gemeinde in Zwätzen gibt es überhaupt ein großes ehrenamtliches Engagement. Ich hätte in den Jahren hier bestimmte Verantwortungspositionen und Kontrollfunktionen stärker ausüben können. Aber ich habe mich bewusst ein Stück zurückgezogen und vieles verteilt. Und es funktioniert. Die Gemeinde schaut sehr gelassen auf die Vakanz. Möglich, dass es etwas, was es vorher gab, vielleicht nicht mehr geben wird, aber nur so kann Neues entstehen. Es muss auch nicht immer alles gleich bleiben.

Das Gespräch führte Beatrix Heinrichs.

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Die Zukunft der Kirchengemeinde

25. Juni 2018 von redaktionguh  
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Gemeindeaufbau: Sparmaßnahmen, Stellenabbau und Mitgliederrückgang frustrieren Ingolf Scheibe-Winterberg. Verloren geben will der Schleizer Pfarrer seine Kirche nicht und hat ein Programm für den ländlichen Raum entwickelt.

Wenn ich ein Bild finden sollte für die derzeitige Lage unserer Kirche, dann sehe ich ein Schiff vor mir. 1838 überquerten zum ersten Mal zwei Dampfschiffe den Atlantik. Eines davon war die »Sirius«, ein hochseetauglicher Postdampfer. Auf der Überfahrt mangelte es wegen böigem Wind und Seegang bald an Brennstoff. Als das Schiff im New Yorker Hafen einlief, befand sich kaum noch Mobiliar an Bord. Man hatte damit die Kessel beheizt.

In dieser Episode findet mancher sein Grundgefühl ausgedrückt: Kirchliche Angebote werden eingeschränkt oder aufgegeben, es wird improvisiert, damit die Schaufeln sich weiter drehen. Ehrenamtliche kommen an Grenzen, Freude und Begeisterung sind einem Pflichtgefühl gewichen. Kirchenaustritte werden nachvollziehbar, wo das Angebot vor Ort sich auf einen Gottesdienst im Monat beschränkt: Die Idee von Zentralgottesdiensten funktioniert nicht. Sie scheinen ein Vorwand, weitere Gottesdienste abzuschaffen.

Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt: Deutschlands einzige schwimmende Kirche, die Flussschifferkirche aus Hamburg, ging beim Kirchentag auf dem Weg im vergangenen Jahr in Magdeburg vor Anker. Ein Kirchenschiff mit Schlepper, im Hintergrund ein Segelschiff auf Gegenkurs – ein treffendes Bild, meint Ingolf Scheibe-Winterberg. – Foto: epd-bild

Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt: Deutschlands einzige schwimmende Kirche, die Flussschifferkirche aus Hamburg, ging beim Kirchentag auf dem Weg im vergangenen Jahr in Magdeburg vor Anker. Ein Kirchenschiff mit Schlepper, im Hintergrund ein Segelschiff auf Gegenkurs – ein treffendes Bild, meint Ingolf Scheibe-Winterberg. – Foto: epd-bild

Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen geht es dabei ähnlich: Wie die Heizer schaffen sie tüchtig, damit das Licht nicht ausgeht und ein paar Seelen gerettet werden. Nicht die Arbeit, sondern der Schatten ihrer Vergeblichkeit macht sie kaputt. Ich denke nicht, dass das Kirchenschiff ein Leck namens Säkularisierung hat, das zum Untergang führt. Meine Kirche hat schon Vieles überstanden. Es geht mir darum, zu illustrieren, wie Gemeindeaufbau im ländlichen Raum (wieder) funktionieren kann.

Man kann nicht alles zugleich tun
Wenn ein Wirtschaftsunternehmen in die Krise gerät – weil der Absatz stockt, die Kundschaft zur Konkurrenz geht oder einfach, weil die Zeiten sich geändert haben –, dann liegt der Fokus auf drei Aspekten: Kundenbindung, Personalentwicklung und Produktinnovation. Es ist das Gegenteil von dem, was wir in unserer Kirche seit Jahrzehnten betreiben: Statt Gemeinde vor Ort zu betreuen, bilden wir immer größere Kirchspiele, getrieben von wachsender Angst vor schrumpfenden Zahlen. Wir ziehen Personal zuerst dort ab, wo nur noch wenige Christen sind, statt es dorthin zu senden. Dieses Einsparen nennen wir dann »Strukturreform«. Reform geht anders. Und eine »Produktinnovation« ist weitreichender, als den Luthertext erneut zu revidieren, im Gesangbuch einmal ein Lied aus den 1980er-Jahren aufzunehmen oder eine Gottesdienstliturgie in gerechter Sprache einzuführen.

»Jedes Kaff ein Pfaff«
An erster Stelle sollte die Personalentwicklung stehen, denn mit ihr geht Bindung einher. Unsere Kirchengemeinden sollten mit Pfarrern oder verlässlichen, kirchengebundenen Ansprechpartnern und Akteuren vor Ort ausgestattet werden. Ich nenne dieses Programm zum Gemeindeaufbau im ländlichen Raum: »Jedes Kaff ein Pfaff«. Gemeint ist, dass in drei bis vier kleineren Ortschaften ein Ansprechpartner ist, der als »Quasi-Pfarrer« einen geistlichen Dienst tut. Das nämlich ist es, was eine Gemeinde vom Pfarrer erwartet, worauf sie auch ein Recht hat. Dazu gehören Seelsorge, Besuche, Unterricht, Gemeindenachmittage und Gottesdienste. Es sollte eine Person sein, die an der Wirkungsstätte lebt, Ort und Einwohner kennt, kommunikativ ist, in Vereinen mitarbeitet und von der Kirche angemessen bezahlt wird. Man kann dazu das Amt des Archediakons neu beleben oder ihn Vikar nennen. Ich benutze vorläufig die Bezeichnung Ortspfarrer. Entscheidend ist, dass er oder sie für die Menschen ganz intuitiv als unser Pfarrer, unsere Pastorin wahrgenommen wird.

Dem Pfarrer der Hauptgemeinde eines Kirchspiels bliebe die Verwaltung aller Filialen. Er hat Dienstaufsicht über den Ortspfarrer mit beratenden Aufgaben. Seinen pastoralen Dienst versieht er wie bisher in seinem Kirchspiel, allerdings in weniger Gemeinden und damit in einem überschaubaren Bereich. Diese Entlastung sollte Räume für Kreativität schaffen, für »Produktinnovationen«. Ich stelle mir darunter eine zeitgemäße und mutige Form der Verkündigung vor, vermittelt in ablesbarer, ausstrahlender Freude eines kirchlichen Mitarbeiters.

Es braucht Menschen, Geld und Zeit
Eine Möglichkeit, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, ist die Zurüstung von Menschen vor Ort durch kirchlichen Fernunterricht. Anwerbung aus Landeskirchen, mit Pfarrerüberschuss oder Theologiestudenten, die bislang nicht übernommen wurden. Darunter sind vermutlich einige, die zwar an akademischen Anforderungen scheitern, aber so das finden, weswegen sie sich für diesen Beruf entschieden haben.

Personalentwicklung kostet Geld. Aber wer aufbauen will, muss in die Zukunft investieren, mit der Hoffnung auf Ertrag. Einen solchen Versuch umzusetzen, braucht Zeit. Wie wäre es mit einem Modellversuch? Ziel sollte es sein, geistliches Leben zu stabilisieren, den Schwund an Kirchenmitgliedern zu stoppen und mit der Arbeit in überschaubaren Bereichen sowohl für den Ortspfarrer als auch für den »Filialleiter« einen Freiraum für »Kundenbindung« und »Produktinnovation« zu schaffen. Wenn sich der Versuch bewährt, könnte das Modell – je nach finanziellen Möglichkeiten von Kirchenkreisen und Landeskirche – innerhalb von zehn Jahren auf drei weitere Kirchenkreise pro Jahr ausgeweitet werden, sodass der Haushalt nur allmählich belastet würde. In diesem Zeitrahmen sollte auch die Akquise von »Ortspfarrern« realistisch sein.

Masten errichten und Segel setzen
Es ist ein guter Zeitpunkt und eine Chance: Wo sich Konsum, Post, Kneipe, Sparkasse und Feuerwehr aus den Dörfern zurückgezogen haben, werden kirchliche Angebote allein deshalb schon fruchtbaren Boden finden. Reste von volkskirchlichen Strukturen gibt es noch oder zumindest die Erinnerung daran. Auch Kirchengebäude und Orgeln sind in den meisten Dörfern in gutem Zustand.

Es mag sein, dass auch mehr Personal die allgemeine Entkirchlichung nicht aufhält. Aber sicher ist, dass kirchliches Leben ohne Ansprechperson vor Ort ganz zum Erliegen kommt. Unser Pfund ist die Person, die Beziehung aufbaut, Gemeinschaft und Begegnung ermöglicht, auch in Konflikten vermitteln kann, verlässlich da ist und Zeit hat – für die Seele der Menschen und des Ortes. Und wenn alles scheitert, haben wir uns einmal etwas getraut.

Ingolf Scheibe-Winterberg

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»Das Gute, das uns verbindet«

16. Juni 2018 von redaktionguh  
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Jugend und Gott: Am Pfingstsonntag wurde ich konfirmiert. Der Glaube gehört zu meinem Leben, aber nicht bei all meinen Mitschülern ist das so. Über glauben und zweifeln, beten und hoffen habe ich mit ihnen gesprochen.

Können sich Menschen, die sich als nicht-christlich bezeichnen, Gott überhaupt vorstellen? Und wenn ja, wie? Diese Frage beschäftigte mich an einem sonnigen Dienstagmorgen, als ich in meinem Klassenraum saß. Ich besuche die Freie Schule Bildungsmanufaktur in Halle. Der Anteil der Christen in unserer Schule ist sehr gering. Aber ich bin neugierig und ich mache gerne Umfragen, also beschloss ich, meinen Mitschülern und auch Mitarbeitern der Schule die Frage nach Gott zu stellen.

Milan Fuchs auf den Stufen vor der Pauluskirche in Halle. Der 14-Jährige ist in diesem Frühsommer konfirmiert worden. Er findet es spannend und lehrreich auch mit Menschen, die nicht glauben, über Gott zu reden. – Foto: Katja Schmidtke

Milan Fuchs auf den Stufen vor der Pauluskirche in Halle. Der 14-Jährige ist in diesem Frühsommer konfirmiert worden. Er findet es spannend und lehrreich auch mit Menschen, die nicht glauben, über Gott zu reden. – Foto: Katja Schmidtke

Bald darauf ging ich durch die Schule und fragte Erwachsene, Jugendliche und Kinder, die fast alle von sich sagten, dass sie nicht an Gott glauben, ob sie dennoch eine Vorstellung von Gott hätten. Ich gab keine Antwortmöglichkeiten vor, da ich von jedem seine ganz persönliche Meinung hören wollte.

Bald stellte ich fest, dass es insbesondere Jugendlichen schwerfiel, diese Frage zu beantworten. Die Kinder hingegen konnten mir schnell eine Antwort geben. Ihre Ideen zu Gott waren eher gegenständlich und ich fand einige Sätze durchaus erheiternd wie: »Gott stelle ich mir wie einen Superhelden vor.« oder »Ich stelle mir Gott wie eine Art Pokémon vor.« oder »Gott ist ein alter Mann mit weißem Bart.«

Bei den Erwachsenen hingegen gab es sehr verschiedene Meinungen wie »Es ist höchst unwahrscheinlich, dass es einen Gott gibt« über »Gott ist Verbundenheit« bis hin zu »Gott ist für mich die Kirche.«

Als ich ungefähr eine halbe Stunde durch das Schulhaus gelaufen war, kam ich mit ein paar gleichaltrigen Jugendlichen ins Gespräch. Sie erzählten mir, dass sie schon einmal an Gott geglaubt hätten, aber das jetzt nicht mehr tun würden. Sie meinten, dass der Glaube für sie, die beide eine schwere Verlust­erfahrung in ihrem Leben gemacht hatten, sehr wichtig gewesen sei. Sie hätten dadurch neue Hoffnung gewonnen. Später traf ich einen Gleichaltrigen, der mir sagte, dass er nicht an Gott glaube, aber manchmal, wenn es ihm schlecht gehe, zu Gott bete. Er erzählte mir: »Ich hoffe dann einfach, dass es ihn gibt und er mir hilft.« Das bestätigte meine Gedanken, dass Menschen in schwierigen Situationen einen stärkeren Bezug zu Gott suchen.

Schließlich traf ich zwei Dreizehnjährige, die meinten, sie glaubten nicht an Gott. Als ich sie anschließend fragte, wie sie sich denn Gott noch am ehesten vorstellen könnten, antworteten sie: »Ich glaube, Gott ist mein Unterbewusstsein.« Als ich daraufhin wissen wollte, ob sie denn nicht glaubten, dass sie selbst ein Unterbewusstsein besäßen, brachte ich sie ein wenig zum Schmunzeln und vielleicht auch zum Nachdenken.

Ein interessanter Fakt, der sich für mich aus meiner Umfrage ableiten lässt, ist: Nahezu alle Befragten verbinden Gott mit etwas Positivem. Mit Hoffnung, Kraft und Verbundenheit, sie stellen sich Gott als Beschützer vor. Das sind für mich Begriffe, die ich mit etwas Gutem assoziiere. Und ich finde, der alte Mann mit weißem Bart hat doch irgendwie etwas sehr Nettes.

Diese Gespräche haben mir gezeigt, dass Menschen, die von sich sagen, sie seien nicht christlich, teilweise ähnliche Vorstellungen von Gott haben wie ich. Ich finde es wichtig, sich auch mit Menschen, die nicht an Gott glauben, über den Glauben zu unterhalten.

Am Ende dieser Umfrage stellte ich mir die Frage, was Gott eigentlich für mich selbst ist. Und ich bin zu folgender, zunächst vorläufiger Antwort gekommen: Gott ist für mich das Gute, was jeder in sich trägt. Gott ist das Gute, was uns alle verbindet. Und die Hoffnung und die Kraft, die uns in schwierigen Zeiten helfen können.

Milan Fuchs

Der Autor ist Schüler in Halle.

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»Versagensgeschichte der Kirche«

9. Juni 2018 von redaktionguh  
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Industrialisierung und Kirche: Harald Krille sprach mit dem Hallenser Kirchengeschichtler Professor Axel Noack über Ursachen und Folgen.

Der Freistaat Thüringen stellt in seinem Themenjahr die Industrialisierung und die sozialen Bewegungen in den Mittelpunkt. Woran denkt ein Kirchengeschichtler zuerst, wenn er das Wort Industrialisierung hört?
Noack:
Bei Thüringen fallen einem sofort ganz besondere Dinge ein, etwa die Aufbruchbewegungen in den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Man nennt die Zeit auch die Zeit der wilden Propheten, die begleitet von weißgewandeten Jungfrauen durch das Land zogen und ihre Heilslehren verkündeten.

Zum anderen denkt der Kirchengeschichtler natürlich an die Arbeiterbewegung und die damit verbundene Entkirchlichung. Schon 1919 bei den Wahlen zur Nationalversammlung fällt auf, dass sowohl in Thüringen wie auch in der Provinz Sachsen sehr viele Menschen die Sozialdemokraten oder sogar die Unabhängigen Sozialdemokraten wählten. Und das, obwohl die Kirchen relativ lautstark vor der Wahl dieser Parteien warnten. Das wurde und wird von vielen als Zeichen dafür gesehen, dass die Kirche besonders von den Industriearbeitern schon sehr weit entfremdet war. Die Kirche muss deshalb die Geschichte der aufkommenden Industrialisierung auch als ein Stück Versagensgeschichte sehen.

Industrialisierung in Mitteldeutschland: »August-Bebel-Hütte/Mansfelderlandschaft 1962« lautet der Titel des monumentalen Ölgemäldes des Sangerhäuser Malers Wilhelm Schmied (1910–1984). – Reproduktion/Bildrechte: Wilhelm-Schmied-Verein/06536 Südharz OT Wickerode

Industrialisierung in Mitteldeutschland: »August-Bebel-Hütte/Mansfelderlandschaft 1962« lautet der Titel des monumentalen Ölgemäldes des Sangerhäuser Malers Wilhelm Schmied (1910–1984). – Reproduktion/Bildrechte: Wilhelm-Schmied-Verein/06536 Südharz OT Wickerode

Von August Bebel ist der Ausspruch überliefert, Christentum und Sozialismus stünden sich wie Feuer und Wasser gegenüber.
Noack:
Dieser Zug ist von Anfang an in der Arbeiterbewegung zu finden. Gerade die Sozialistische Bewegung ging ja zum Teil auch aus Abspaltungen von der Kirche hervor. Gerade in Thüringen und dem heutigen Sachsen-Anhalt muss man da die sogenannten Lichtfreunde und Vertreter der rationalistischen Theologie erwähnen. Nicht umsonst erfolgte die Gründung der ersten Arbeiterpartei und dann auch der SPD in Thüringen. Und: Gerade auch in Thüringen gab es engagierte »religiöse Sozialisten« auch unter der Pfarrerschaft.

Nun spricht man ja auch gern von den sozialen Bewegungen der Kirche, von Diakonie und Caritas, als den Lichtbringern in dunkler Zeit. Aber im Blick auf die sozialen Herausforderungen der Industrialisierung spielten sie offensichtlich keine Rolle?
Noack:
Der sogenannte soziale Protestantismus spielt schon eine wichtige Rolle, vielleicht stärker noch im damaligen Preußen als in Thüringen. Aber das Problem ist, dass dieser soziale Protestantismus, ich nenne nur den Namen Adolf Stoecker, sich von Anfang an eben auch gegen die Sozialdemokratie wandte. Sozialarbeit wurde damit als Gegenbewegung zur SPD verstanden. Letztlich ist die Kirche genötigt worden, sich sozial zu engagieren. Sie tat es nicht von allein. Und sie hat die ganze Härte der sozialen Frage nicht ausreichend wahrgenommen.

Hat diese Entfremdung Auswirkungen bis heute?
Noack:
Die Auswirkungen spüren wir heute noch. Die Entfremdung ist im Grunde geblieben. Übrigens waren deshalb auch so viele Pfarrer in Thüringen so empfänglich für den Nationalsozialismus, weil sie zumindest anfänglich dachten, mit Unterstützung der NSDAP kommen jetzt die Massen wieder zur Kirche.

Die Industrielle Revolution ist Geschichte, heute spricht man von der digitalen Revolution. Was bedeutet das für die Kirche?
Noack:
Wir sollten bei solchen Schlagworten schon genauer hinschauen. Es stimmt doch einfach nicht, dass man in Zukunft nur noch mit Informatikstudium durchs Leben kommt. Auch in Zukunft gibt es beispielsweise handwerkliche Aufgaben. Aber wir stehen als Kirche in der Gefahr, auch dem Akademisierungswahn unserer Gesellschaft zu erliegen. Selbst unter Pfarrern empfindet man es als sozialen Abstieg, wenn die eigenen Kinder nicht studieren. Menschen, die nur schlichte Aufgaben ausführen können, sind auch bei uns nicht hoch im Kurs. Mal ganz konkret: Wir versuchen überall elektrische oder sogar digital gesteuerte Läuteanlagen zu installieren. Und nehmen damit jedem, der vielleicht nie Lektor sein aber durchaus die Glocken läuten könnte, die Möglichkeit der Beteiligung.

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