Martin Luther wohnt in Dermbach

27. Mai 2017 von redaktionguh  
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Der Reformator ist schon da. Jetzt kommt Martin Luther. In diesen Tagen reist ein Kirchenältester mit einem großen Namen aus dem Kirchenkreis Bad Salzungen-Dermbach in die Lutherstadt.

Martin Luther ist Rentner, 65 Jahre alt und stammt aus Wuppertal. Die Liebe zog ihn nach Thüringen. Hier lebt er seit der politischen Wende. Dass Mitteldeutschland »Lutherland« ist, nimmt er gelassen hin. Er kann es eh nicht ändern. »Ich habe mich schon lange daran gewöhnt, dass mein Name vielfältige Reaktionen auslöst. Negative Erfahrungen habe ich aber nie gemacht. Auch nicht mit Katholiken«, sagt Luther und lacht. Am Telefon reagierten die Menschen oft gar nicht auf die Namensnennung, aber wenn er vor ihnen stehe, dann schon. »Wenn ich zu meiner Bank gehe und da ist ein neuer Mitarbeiter, dem ich mich vorstelle, der staunt dann erstmal«, erzählt Luther und schmunzelt.

Lässt die Puppe tanzen: Martin Luther aus Dermbach im Wartburgkreis ist dem Verband Christlicher Pfadfinder verbunden, wie unschwer an der Handpuppe mit seinem Konterfei zu sehen ist. – Foto: Maik Schuck

Lässt die Puppe tanzen: Martin Luther aus Dermbach im Wartburgkreis ist dem Verband Christlicher Pfadfinder verbunden, wie unschwer an der Handpuppe mit seinem Konterfei zu sehen ist. – Foto: Maik Schuck

Mit seinem Namen, sagt er, könnte so gut wie jeder etwas anfangen – ob er nun Christ sei oder nicht. Mit einer Ausnahme: »Ich wollte einmal ein Wochenende in einem Hotel im Harz buchen und rief dort an. Oft sage ich ›Luther‹, Vorname Martin, wie der Reformator. Damit war für mich und das Gegenüber immer alles klar, doch die Dame am anderen Ende fragte: ›Wie schreibt man das? Mit Doppel-T?‹ Da war ich erstmal sprachlos.« Der eigene Name prägt – ganz besonders, wenn man einen berühmten Namen trägt. Für Martin Luther war er aber auch eine besondere Verpflichtung. Nach der Konfirmation als junger Erwachsener setzte er sich bewusst mit seinem Namensvetter und dem evangelischen Glauben auseinander. Er studierte Schriften und besuchte Orte, an denen der Reformator gewesen war. »Ich denke, wenn ich mich als Martin Luther äußere, dann soll das schon Hand und Fuß haben«, so der 65-Jährige.

Der Glaube bedeutet Martin Luther viel. Die Freude am Glauben erfuhr er insbesondere bei den Pfadfindern, bei denen er nach der Konfirmation lange Jahre aktiv war. »Diese Puppe hier: das bin ich«, sagt Luther und hält stolz das besondere Andenken vor die Kamera. »Ich habe im evangelischen Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder mitgearbeitet, auch auf Landesebene, und war Mitglied der Landesleitung. Als ich dort ausschied, habe ich ehrenhalber diese Puppe erhalten.« Die Puppe zeigt Luther im grauen Hemd, der sogenannten Kluft der Pfadfinder, und mit dunkelblauem Halstuch. »Ich denke, der Luther war ja ein ziemlich lebhafter Typ, und das findet man auf jeden Fall bei den Pfadfindern wieder. Das ist gelebter Glaube, Kameradschaft, Freude, Lieder.«

Luther bedauert, dass der Verband, für den sein Herz schon so lange entbrannt ist, in Mitteldeutschland noch nicht so richtig Fuß fassen konnte. »Vielleicht hängt das mit den Halstüchern zusammen«, mutmaßt er. Die hätten die Menschen nach dem Ende der DDR vermutlich einfach nicht mehr sehen wollen.

Sein Name verbindet den Martin Luther aus Thüringen immer mit dem großen Reformator. Ob er mit ihm tatsächlich verwandt ist, diese Frage hat ihn natürlich auch umgetrieben. »Ich habe viel in der Verwandtschaft herumgefragt, um zu ergründen, ob wir tatsächlich verwandt sind.« Luthers Onkel, der zur NS-Zeit geheiratet hatte, hatte für die Eheschließung einen Ariernachweis erbringen müssen, um sicherzustellen, dass in der Familie in den letzten drei Generationen keine Juden gewesen waren. Das Interesse an der Ahnenforschung war geweckt, der Onkel forschte darüber hinaus weiter. »Er ist bis 80 Jahre vor der Wirkungszeit Martin Luthers gekommen«, erklärt der jetzige Namensträger. »Dann ist der Faden abgerissen. Wenn aber 80 Jahre fehlen, dann kann man einfach nicht belegen, dass man ein Nachfahre ist«, so Luther.

Martin Luther ist ein bodenständiger Mensch, fest verwurzelt in seiner neuen Heimat. Dermbach und der Wartburgkreis sind ihm ans Herz gewachsen, hier fühlt er sich wohl. »Dermbach«, so sagt er, »ist etwas Besonderes. Hier sind die Menschen mehr bei der Kirche geblieben, auch zu DDR-Zeiten.« Das merke man bis heute deutlich. Viele wären hier stets zur Konfirmation gegangen, nur wenige zur Jugendweihe. »Ich kenne das ja nur aus Erzählungen, aber es heißt, dass ein Bürgermeister aufgab, für die Jugendweihe zu werben. Sinngemäß habe er gedacht: Euch kennen wir. Das hat ja gar keinen Zweck.«

Martin Luther, so scheint es, ist stolz auf seine Dermbacher, ihren Glauben und ihre Widerständigkeit. Ganz protestantisch, lutherisch eben.

Diana Steinbauer

Große Bühne für die Reformation

22. Mai 2017 von redaktionguh  
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Drei, zwei, eins und … los! Jetzt heißt es »Bühne frei« für die Weltausstellung Reformation in Wittenberg.

Noch in der letzten Woche brauchte man viel Vorstellungskraft, um zu erahnen, was hinter den Bauzäunen entsteht. Aus Holz und Stahl und Lehm wuchsen in der Lutherstadt Pavillons und Bühnen. Für mehr als 100 Veranstaltungen pro Woche sollen sie vom 20. Mai bis 10. September Platz bieten für Gottesdienste und Podiumsdiskussionen, Workshops, Klassik- und Popkonzerte. Zum Startschuss der Weltausstellung anlässlich des 500. Reformationsjubiläums will die Wittenberger Altstadt von sieben Themengebieten umgeben sein, den »Toren der Freiheit«.

Eine Freiluftausstellung entlang der Altstadtgrenzen Wittenbergs lenkt ab dem 20. Mai den Blick auf die historischen Ereignisse und ihre Folgen bis in die Gegenwart. Bei der Weltausstellung Reformation dienen sieben »Tore der Freiheit« bis Mitte September als Präsentationsfläche für mehr als 80 Aussteller. Kirchen und Organisationen aus aller Welt fragen dabei nach den Herausforderungen unserer Zeit und laden zum Informieren, Mitdiskutieren und Feiern ein. Illu: r2017/G+H

Eine Freiluftausstellung entlang der Altstadtgrenzen Wittenbergs lenkt ab dem 20. Mai den Blick auf die historischen Ereignisse und ihre Folgen bis in die Gegenwart. Bei der Weltausstellung Reformation dienen sieben »Tore der Freiheit« bis Mitte September als Präsentationsfläche für mehr als 80 Aussteller. Kirchen und Organisationen aus aller Welt fragen dabei nach den Herausforderungen unserer Zeit und laden zum Informieren, Mitdiskutieren und Feiern ein. Illu: r2017/G+H

Wer am Hauptbahnhof mit dem Rundgang durch die ehemaligen Wallanlagen um die Lutherstadt startet, kann sich von der größten erklimmbaren Bibel der Welt aus einen Überblick verschaffen. Die Treppe im Turminneren bringt die Gäste im Zickzack dem Himmel näher und soll ihnen einen Perspektivwechsel ermöglichen. Auch der Platz für den Truck des Europäischen Stationenweges ist im Willkommensbereich vorgesehen. Er zeigt Reformationsgeschichten, die er aus verschiedenen Ländern mit nach Wittenberg bringt.

Daneben schicken alle Stationen der vergangenen Monate Städtebanner nach Sachsen-Anhalt. Von ihnen wird der Fußweg vom Bahnhof in die Innenstadt flankiert.

Zu den Themen Spiritualität, Jugend, Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, Globalisierung, Kultur sowie Ökumene und Religion haben Institutionen aus Politik und Gesellschaft verschiedene Orte zum Innehalten, Lernen und zum Austausch geschaffen, zum Beispiel das »House of One« als interreligiöses Begegnungszentrum oder die Stege am Bunkerberg neben dem Lutherhaus zur Selbsterfahrung und Meditation.

Auch Landeskirchen aus dem Verbund der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) tragen mit eigenen Projekten zur Weltausstellung bei. So lassen die Bayern im Torraum Ökumene einen Garten entstehen, der aus jedem Jahrhundert seit Martin Luther einen Reformator der bayerischen Kirchengeschichte vorstellt. Hannover schafft einen »Erlebnis-Raum«, in dem sich Besucher mit der Bedeutung der Taufe auseinandersetzen und an ihr eigenes Christwerden erinnern lassen können.

Einen weiteren Erlebnisraum bietet die Landeskirche Hessen und Nassau rund um das Thema »Segen«. Neben ihrer preisgekrönten »LichtKirche«, die für Trauungen und Taufen gebucht werden kann, soll im Torraum Globalisierung der Segens-Roboter »BlessU-2« zur Diskussion anregen.

Dienstags ist Ruhetag auf der Welt­ausstellung, was aber keine Langeweile bedeutet. Vier Besuchermagnete der Lutherstadt werden durchgehend geöffnet sein: das Riesenrad »Zwischen Himmel und Erde« in den südlichen Wallanlagen dreht sich für Aussichts- und Gesprächssuchende gleichermaßen, denn auf Wunsch steigt ein Seelsorger mit in die Gondel. Yadegar Asisis Panorama »Luther 1517« lädt zu einem Rundgang durch das damalige Wittenberg ein. Und auch die beiden Kunstausstellungen (»Luther! 95 Schätze – 95 Menschen« mit der Mitmachausstellung »Der Mönch war’s!« sowie »Luther und die Avantgarde«) am Ost- und Westende der Altstadt haben Dauerbetrieb.

Christina Özlem Geisler (epd)

Mit dem Herz bei den Menschen

15. Mai 2017 von redaktionguh  
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Tag der Pflege – für Steffi Schmaltz (51) und Hans-Jörg Vollbrecht (47) ist dieser Tag nicht nur einmal im Jahr. Mit der Pflegerin und dem Pfleger sprach Adrienne Uebbing.

Warum haben Sie sich für einen Pflegeberuf entschieden?
Schmaltz:
Ich hab, ganz ehrlich gesagt, keinen anderen gekannt (lacht). In meiner Familie sind sie alle Krankenschwester, und ich hab mit 16 Jahren Krankenschwester gelernt, also nach der 10. Klasse. Wahrscheinlich habe ich mich aus Familientradition dazu berufen gefühlt, zu helfen und in die Pflege zu gehen.
Vollbrecht: Ich hatte mich ursprünglich nicht für den Pflegeberuf entschieden. Das geschah eher aus der Not heraus. Ich bin gelernter Koch und war hier Küchenleiter. Als die Küche geschlossen wurde, ist die Geschäftsführerin auf mich zugekommen und hat gefragt, ob ich mir auch vorstellen könnte, in die Pflege zu gehen. Das habe ich dann getan, mich entsprechend weiterqualifiziert und für mich passt das jetzt sehr gut. Es war rückblickend ein Glücksfall. Wenn man mit Menschen umgehen kann und gerne hilft, dann ist das kein Problem.

Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?
Schmaltz:
Also, ich bin ja noch nie woanders gewesen als berufstätige Frau, ich hab immer diesen Beruf gemacht. Und er macht mir heute noch Spaß, sonst hätte ich das bestimmt schon eher mal aufgegeben. Aber ich bin mit Leib und Seele Krankenschwester. Ich kann nichts anderes und das ist für mich meine Berufung.

Was macht die Diakonie als Arbeitgeber aus?
Schmaltz:
Ich habe 1990 hier angefangen und bin auch in die Brüdergemeine eingetreten. Ich habe mich taufen lassen, zusammen mit meiner Tochter und meiner Mutter. Für mich ist der Glaube sehr wichtig. Und wir sind ja ein christliches Haus: Bei uns finden Gottesdienste statt und auch Andachten. Ganz ehrlich: Das macht für mich sehr, sehr viel aus. Das gibt mir viel Kraft. Meine Mitarbeiter sind nicht alle in der Kirchgemeinschaft, aber viele sind auch christlich, und das gibt mir Kraft.

Eine wichtige Stütze sind (v. li.) Hans-Jörg Vollbrecht und Steffi Schmaltz nicht nur für Walter Pavelec, dem sie hier im Seniorenzentrum Emmaus in Ebersdorf (Kirchenkreis Schleiz) helfen. Pflegekräfte wie sie werden händeringend gesucht.Foto: Sandra Smailes

Eine wichtige Stütze sind (v. li.) Hans-Jörg Vollbrecht und Steffi Schmaltz nicht nur für Walter Pavelec, dem sie hier im Seniorenzentrum Emmaus in Ebersdorf (Kirchenkreis Schleiz) helfen. Pflegekräfte wie sie werden händeringend gesucht. Foto: Sandra Smailes

Vollbrecht: Das macht wirklich einen Unterschied, ja. Ich bin Mitarbeitervertreter und wir haben etliche Kollegen, die wegen zwei-, dreihundert Euro mehr in andere Heime gehen. Von denen kommen ganz viele wieder zurück, weil sie sagen: Hier bei der Diakonie erleben wir Gemeinschaft und Teamgeist. Einer springt für den anderen ein, man lässt sich nicht hängen. Normalerweise, Ausnahmen gibt es immer, ist ja klar (lacht).

Wie empfinden Sie das Image des Pflegeberufes, was halten Ihre Familien und Freunde davon?
Vollbrecht:
Na ja, oft kommt ein ganz großes »Chapeau«, man zieht den Hut vor unserer Arbeit, aber: wirklich machen will sie keiner. Und wenn ich wieder einspringen muss, dann kommt schon von der Partnerin ein kritischer Blick. Aber das ist auch, denke ich, legitim.
Schmaltz: Was meinen Freundes- und Bekanntenkreis anbelangt – die schätzen meine Arbeit schon. Viele sagen aber: »Oh, das könnte ich nicht. Und immer feiertags arbeiten und am Wochenende …« Meine Familie hat Verständnis für die ungewöhnlichen Arbeitszeiten, für die Schichtarbeit. Wir kriegen das gut unter einen Hut. Da gibt es keine Fragen, es ist ganz normal, gehört eben dazu – wir kennen es nicht anders.

Frau Schmaltz, führt Ihre Tochter denn die Familientradition fort?
Schmaltz:
Nein. Stellen Sie sich das vor: Sie ist die Einzige, die das nicht kann. Bei uns sind ja alle in der Pflege gewesen: meine Oma, meine Mutter, meine Tante. Als meine Tochter es mal als Ferienarbeit versuchen sollte, hat sie gesagt: »Ich kann das nicht, Mutti.« Die ist aus der Art geschlagen (lacht).
Vollbrecht: Ja, manch einer kann z. B. mit Ausscheidungen von Menschen nicht so gut umgehen oder hat ein sehr starkes Geruchsempfinden. Damit muss man umgehen können.

Warum können Sie jungen Menschen empfehlen, einen Pflegeberuf zu ergreifen?
Vollbrecht:
Erstens, weil Pflegepersonal gebraucht wird. Denn die zu Pflegenden werden nicht weniger. Und außerdem kann man anderen helfen. Man bekommt Dankbarkeit zurück – auf alle Fälle.
Schmaltz: Ich empfehle den Beruf, weil der Dienst an den Menschen in meinen Augen mit das Wichtigste ist, was man machen kann. Und vor allem an den alten Menschen. Es ist nicht immer einfach, das wissen wir selbst. Auch wenn sie sterben – es ist schwierig, damit zurechtzukommen. Manchmal auch für mich, auch noch nach all den Jahren. Aber ich kann den Pflegeberuf nur empfehlen, weil unsere alten Leute bestimmt nicht weniger werden. Und hoffentlich gibt es dann noch Menschen, die das gerne machen.

Wenn Sie einen Wunsch in Bezug auf Ihren Arbeitsplatz frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Vollbrecht:
Mehr Zeit für die Patienten, für die zu Pflegenden, weniger Bürokratie, weniger Dokumentation. Ich glaube, diesen Wunsch haben alle.
Schmaltz: Auf meiner Arbeitsstelle ist es eigentlich wirklich schön und angenehm. Aber ich würde mir wünschen, dass wir vielleicht mehr Zeit hätten für unsere Bewohner. Ein bisschen mehr Zeit, um Gespräche führen zu können – das würde ich mir von von Herzen wünschen. Mal am Bett sitzen zu können, 20 Minuten oder eine halbe Stunde. Und den Menschen, den ich pflege, um den ich mich kümmere, noch besser kennenzulernen und nicht zum nächsten Bewohner zu rennen.

Aus drei wird eins
Die Reform der Pflegeberufe sieht vor, dass ab 2019 die bisher getrennten Bildungswege in der Pflege abgeschafft und in einer gemeinsamen Pflegeausbildung zusammengefasst werden. Wer diese dann drei Jahre lang durchläuft, kann anschließend sowohl als Kranken-, Alten- oder Kinderkrankenpfleger arbeiten. Wer sich aber auf Alten- oder Kinderkrankenpflege festlegen möchte, kann nach zwei Jahren auch in einen spezialisierten Zweig einschwenken. Die neuen Ausbildungsregeln sollen zunächst für sechs Jahre getestet werden.

(G+H)

Der Gesellschaftsreformer

8. Mai 2017 von redaktionguh  
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Mit Blick auf Europa können wir von Martin Luther noch eine Menge lernen, findet Klaus-Rüdiger Mai. Mit dem Schriftsteller sprach Sabine Kuschel.

Klaus-Rüdiger Mai bei einer Lesung in der Potsdamer Friedenskirche. Foto: Günter Krawutschke

Klaus-Rüdiger Mai bei einer Lesung in der Potsdamer Friedenskirche. Foto: Günter Krawutschke

Herr Mai, Sie beschäftigen sich in Ihren Büchern als Historiker und Philosoph mit Martin Luther. Was interessiert Sie an ihm?
Mai:
Wir machen einen Fehler, wenn wir Luther als Theologen im heutigen Sinne verstehen. Denn heute ist die Theologie eine Fachwissenschaft – wie Medizin, Geschichte, Philosophie und Physik. Im Mittelalter war sie Allgemeinwissenschaft. Alle Fächer gingen in Theologie über. Für alle alltäglichen und wissenschaftlichen Fragen galt immer die Autorität der Theologie. Ich würde Martin Luther aus heutiger Sicht als Gesellschaftsreformer, Gesellschaftsdenker sehen. Er hat über alles nachgedacht und geschrieben: über Bildung, über Wirtschaft, über Eheleben, Kriegswesen, um nur einige Beispiele zu nennen – Themen, die nicht unbedingt Kernthema von Theologie sind. Insofern hat mich, wenn ich mich mit dieser Zeit beschäftige, Luther interessiert.

Was ist in Ihren Augen die besondere Leistung Luthers?
Mai:
Luthers Ansatz von der Freiheit eines Christenmenschen ist für mich das Gründungsdokument des modernen Europas. Wer nicht genauer hinschaut, mag das übertrieben finden. Aber die Grundlage unserer modernen Gesellschaft beruht auf dem Individuum, auf dem Bürger. Genau das hat Luther definiert. Nämlich die Freiheit der Bürger. Das begeistert mich an dem Reformator. Er ging vom Individuum aus, vom Christen, der die Gnade des Glaubens hat.

Der Gerechte lebt aus Glauben allein. Das heißt auch, er ist nicht Masse, nicht Verfügbarkeit, sondern ein Einzelner, der sich dieses Geschenkes bewusst werden sollte. Luther definiert in seiner Schrift von der Freiheit eines Christenmenschen, was Freiheit ist. Er sagt: Der Christenmensch ist frei und keinem untertan. Und er sagt: Der Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und aller Dinge und jedem untertan. Damit meint er, dass der Christ eine Verantwortung für die Schöpfung hat. Und deswegen ist Luthers Freiheitsbegriff der modernste. Er balanciert Freiheit, Gewissen und Verantwortung aus. Ich habe in den nachfolgenden 500 Jahren nichts Klareres, Besseres als Luthers Definition gefunden.

Wir können also von Luther noch etwas lernen?
Mai:
Unbedingt! Die Vorstellung von einem Zentralstaat war Luther fremd. Dass es ein Zentrum in Rom gibt, dem alle zuzuarbeiten haben, hat Luther nicht akzeptiert. Er denkt, modern gesprochen, föderaler, regionaler. Seinen Widerstand gegen Rom, gegen eine über allem thronende Macht, wo der Christ, der Untertan als Einzelner nicht mehr vorkommt, finde ich nahezu modern. Wenn wir heute in Europa über zentrale oder regionale Strukturen, über ein EU-Brüssel oder ein Europa der Regionen reden, können wir von Luther eine ganze Menge lernen.

Die nationale Sonderausstellung beleuchtet Luthers Verhältnis zu den Deutschen. Dabei geht es in besonderer Weise um seine Bibelübersetzung …
Mai:
Es gab bereits Bibelübersetzungen ins Deutsche. Die fanden aber keinerlei Anwendung. Denn es war zu Zeiten des Reformators und davor verpönt, die Bibel zu lesen. Martin Luther hatte im Kloster Schwierigkeiten, weil man nicht verstanden hat, warum er so oft, so intensiv die Bibel studierte. Die Kirche fürchtete, dass die Bibel falsch verstanden werden konnte, sie sorgte sich um ihre Deutungshoheit. Deswegen sollten die Leute nicht in die Bibel schauen. Luther aber sagte: Alle Christen sind gleich, es gibt keinen Unterschied zwischen den Christen, zwischen dem Bauern, der ein Christ ist, und dem Papst, keine Über- und keine Unterchristen. Wenn sich alle mit der Bibel beschäftigen sollen, dann muss sie auch für alle verständlich sein.

Luther verbindet seine Bibelübersetzung mit der Forderung an jeden Christen, sie täglich zu lesen. Auch aus diesem Grund tritt er dafür ein, dass alle lesen und schreiben lernen. Die Bibelübersetzung wiederum wird notwendig, damit dieses Ziel erreicht werden kann.

Illustrationen: www.3xhammer.de

Illustrationen: www.3xhammer.de

Da er möchte, dass die Leute die Bibel auch verstehen, »schaut er dem Volk aufs Maul«. Luthers Sprachgenie gilt noch immer als unerreichbar und als Vorbild …
Mai:
Martin Luther hatte ein unglaubliches Gehör für Dialoge, für die Ausdrucksweise der Menschen. Das hat zu tun mit seiner Herkunft. Er ist in der sehr vitalen, sehr vielgestaltigen wirtschaftlichen Welt des Erzbergbaus in Mitteldeutschland groß geworden. Dort entwickelte er das Gespür für die deutsche Sprache, die damals noch keine Literatur- und Kultursprache war. Kultur- und Wissenschaftssprache war Latein.

Mit anderen Worten, Luther hat mit seiner Bibelübersetzung die Volkssprache auf ein literarisches Niveau gehoben, ohne dass dabei die Verständlichkeit verlorenging, ohne dass die Sprache dadurch abstrakt, blutleer wurde, ohne dass sie ihre Verhaftung im Alltagsleben der Menschen einbüßte.

Die Menschen des Mittelalters waren von Angst gepeinigt. Theologisch ist Luther zu der Erkenntnis gelangt, dass der Christ nichts leisten, keine Werke vollbringen muss. Er ist gerecht aus Glauben. Das war das Neue, das Befreiende …
Mai:
Luthers Erkenntnisse öffneten zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Tore und Türen zu einem neuen, sehr praktischen Lebensverständnis. Auch Luther hatte zunächst Angst vor Jesus Christus, der für ihn ein schrecklicher Richter war. Aber er kommt schließlich zu der Erkenntnis, dass Gottes Gerechtigkeit vollkommen anders funktioniert, als es bisher gelehrt wurde. Erstens entdeckt Luther in Christus den Liebenden und zweitens begreift er, dass der Gerechte aus Glauben allein lebt. Diese Vorstellung schiebt die ganze Ablasspraxis, die ganze Werkgerechtigkeit vollkommen beiseite. Das bringt eine ungeheure Befreiung. Albrecht Dürer, der ein großer Verehrer von Luther war, schreibt deshalb: »Martin Luther hat mich befreit.«

Luther wies den Menschen seiner Zeit, die in Glaubensbedrängnissen litten, einen neuen Weg. Deswegen diese plötzliche Begeisterung vieler Zeitgenossen für Luther und für das, was er sagte.

Die zehnjährige Beschäftigung mit der Reformation treibt gelegentlich sonderbare Blüten. Wie geht es Ihnen damit?
Mai:
Na ja, ich würde mir Luther nicht als Playmobil kaufen und hinstellen. Aber dem Reformator schadet das nicht. Solche Blüten dürfen jedoch nicht zum Gegenstand ernsthafter Kritik erhoben werden. Ich stimme nicht in die Kritik einiger Kirchenhistoriker ein, die eine zu große Oberflächlichkeit festzustellen meinen. Meine Kritik richtet sich gegen einen anderen Effekt, der eintritt, wenn zehn Jahre lang gefeiert wird. Man wird mäklig. Und dann fängt man an, die dunklen Seiten der Reformation und Luthers aufdecken zu wollen und kippt ahistorisch wohl eher selbst schwarze Farbe hin, als dass man tatsächlich dunkle Stellen ausfindig macht.

Überdies habe ich manchmal den Eindruck, dass die Funktionäre der EKD verführt zu sein scheinen, nicht Martin Luther, sondern sich selbst in der Reformationsdekade zu feiern.

Ich hingegen möchte Martin Luther feiern, indem ich die Aktualität seines Denkens und Handelns immer aufs Neue entdecke.

Klaus-Rüdiger Mai (Jahrgang 1963) ist Dramaturg, Regisseur und Schriftsteller. Er studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie. In seinen Sachbüchern beschäftigt er sich mit religiösen und gesellschaftspolitischen Fragen. Zwei Bücher über Martin Luther stammen aus seiner Feder.

• Mai, Klaus-Rüdiger: Martin Luther – Prophet der Freiheit. Romanbiografie, Kreuz Verlag, 448 S., ISBN 978-3-451-61226-8, 22 Euro (siehe Rezension Seite 13)
• Mai, Klaus-Rüdiger: Gehört Luther zu Deutschland? Herder Verlag, 208 S., ISBN 978-3-451-34846-4, 19,99 Euro

Sauberer Verkündigungsdienst

1. Mai 2017 von redaktionguh  
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Die Diskussion über Elektromobilität im kirchlichen Dienst, über ihre ökologischen und wirtschaftlichen sowie Vorbild-Aspekte ist angestoßen. Es wird geredet und es wird Vorreiter geben, auf deren Erfahrungen – gute wie schlechte – andere aufbauen können.

Wieso ausgerechnet ein Elektro-Auto die Attraktivität einer Pfarrstelle auf dem Lande erhöht, erschließt sich dem unbedarften Leser der Studie »Auf dem Sprung zur Wirtschaftlichkeit?« nicht. Im Untertitel versteckt sich der entscheidende Hinweis: Machbarkeitsstudie über die Einführung von Dienstfahrzeugen (PKW) mit Elektro-Antrieb im Verkündigungsdienst des Kirchenkreises Egeln. Es geht um Dienstwagen – bisher nutzen Pfarrer, Kirchenmusiker und Gemeindepädagogen ihre Privatfahrzeuge und rechnen je Kilometer 30 Cent ab.

»Wir bekommen die Pfarrstellen nicht besetzt«, sagt Superintendent Matthias Porzelle. In seinem Kirchenkreis Egeln gibt es alle drei bis acht Kilometer ein Dorf oder ein Städtchen. Ähnlich die Situation im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt. Dort tut Pfarrer Dieter Kerntopf Dienst. »Wir fahren auf den kurzen Strecken die Motoren nie warm und erzeugen dadurch noch mehr Dreck«, hadert er mit dem Vergehen gegen die Schöpfung.

Fahren, viel fahren, gehört vor allem in Landpfarrstellen für die meisten Mitarbeiter zum Beruf. Superintendent Matthias Porzelle nahm am Rande des Fachtags, bei dem Kirchenmitarbeiter über Elektromobilität im ländlichen Raum diskutierten, probehalber am Steuer eines E-Autos Platz. Foto: Renate Wähnelt

Fahren, viel fahren, gehört vor allem in Landpfarrstellen für die meisten Mitarbeiter zum Beruf. Superintendent Matthias Porzelle nahm am Rande des Fachtags, bei dem Kirchenmitarbeiter über Elektromobilität im ländlichen Raum diskutierten, probehalber am Steuer eines E-Autos Platz. Foto: Renate Wähnelt

Der ökologische Aspekt, eine größere Attraktivität der Landpfarrstellen und nicht zuletzt das Signal, das die Kirche mit dem Einsatz von umweltschonenden Elektro-Autos aussendet, haben den Kirchenkreis Egeln bewogen, oben genannte Studie beim Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg in Auftrag zu geben. Ihr Autor Peter Bickel analysierte, welche Strecken die Seelsorger im Kirchenkreis Egeln in den vergangenen Jahren dienstlich gefahren sind, und setzte sie ins Verhältnis zur Reichweite diverser Elektro-Autos. Er untersuchte Anschaffungskosten für Fahrzeuge und Ladestationen, erfragte die Akzeptanz eines E-Mobils bei den Pfarrern. Schließlich kam der promovierte Wirtschaftsingenieur zu dem Fazit, dass sich die Elektromobilität rechnen kann. Auch einen Blick auf die Sauberkeit für die Umwelt wirft er.

Überlegungen, auf Elektromobilität zu setzen, gibt es in etlichen Kirchenkreisen. »Da bewegt sich etwas von unten. Und nachdem wir vor sechs Jahren die Klimakampagne hatten, nach der viel beschriebenes Papier in die Schreibtische gelegt wurde, wollte ich diese Bewegung unterstützen«, erinnert sich Dieter Lomberg. Der Synodale aus dem Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt und Präses der Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) beantragte im November, die Landeskirche möge für die Einführung einer Testphase mit E-Autos Geld zur Verfügung stellen: Für je fünf Elektro-Autos in zwei Kirchenkreisen 20 000 Euro als Anschubfinanzierung.

Der Antrag steht nun auf der Frühjahrssynode erneut zur Diskussion. Erstmal hatte es einen Fachtag gegeben. Dort berichtete Pfarrer Kerntopf von seiner zweiwöchigen Testphase, nach der er dem E-Auto uneingeschränkte Tauglichkeit bestätigte. Auch finanziell für den Kirchenkreis.

Die Aufgeschlossenheit ist groß, bestätigt die Klimaschutzmanagerin für Mobilität in der Nordkirche, Klaudia Morkramer, einen großräumigen Trend. »Als wir unsere Ladesäule in Melsdorf im Kirchenkreis Dithmarschen einweihten, war die Resonanz riesig«, berichtete sie bei der Tagung. Im Kirchenkreis Pommern bietet sich ein Dienstleister an, Ladestationen aufzustellen und zu warten. Ähnliches gebe es im Kirchenkreis Mecklenburg. »Wir diskutieren«, sagt sie. Die vielen Anfragen bezeugen Interesse und Informationsbedarf. Erste Erfahrungen gibt es in Hamburg und Umland. »Ein Problem ist natürlich das Geld. Die Angst vor zu geringer Reichweite hat sich mit den neuen Modellen erledigt.«

Die technische Entwicklung ist rasant. Das unterstrich Matthias Vie­tor von der Wirtschaftsgesellschaft der Kirchen in Deutschland mbH. Er stellte mögliche Modelle und Finanzierungen vor und gab zu bedenken: »Die rasante Entwicklung spricht dafür, jetzt einzusteigen, aber genauso, noch abzuwarten.«

Eher zögerlich sprach der im Landeskirchenamt der EKM für die Mittlere Ebene Finanzverantwortliche Torsten Bolduan. Ob es denn zur Kernaufgabe der Kirche gehöre, Vorreiter bei der E-Mobilität zu sein, fragte er beim Fachtag. Eine Förderung durch die Landeskirche stellte er allenfalls über eine um zehn Cent erhöhte Kilometerpauschale in Aussicht. Denn das Modell personengebundener Elektro-Dienstautos scheitere an der Regel, dass es diese erst ab 30 000 Kilometer Jahresfahrleistung gebe. »Die Initiative muss von den Nutzern ausgehen«, unterstrich Bolduan.

Da das Aufladen der Autobatterien über Nacht an der heimischen Steckdose absehbar nicht ausreichen wird, könnten Ladestationen an kirchlichen Einrichtungen installiert werden. Öffentlich zugänglich, sodass nicht nur die Kirchenautos dort Strom tanken. Natürlich ergeben sich Probleme, wenn die Gemeinde oder der Kirchenkreis plötzlich zum Strom-Verkäufer würden. Um diese zu lösen, sind Kooperationen mit Stadtwerken oder anderen Partnern denkbar, wie sie sich in der Nordkirche andeuten. »Wenn klar ist, was wir wollen, lassen sich auch relativ leicht Finanzierungsmöglichkeiten finden«, sagte Torsten Bolduan bei der Veranstaltung – ehe er eine direkte Förderung der Landeskirche verneinte.

Renate Wähnelt

Quo vadis: Wohin geht die Reise, Anhalt?

24. April 2017 von redaktionguh  
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Über die Zukunft der kleinsten Gliedkirche der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sprach Willi Wild mit Kirchenpräsident Joachim Liebig und Pfarrer Wolfram Hädicke, dem stellvertretenden Präses der Landessynode.

Wie lässt sich der aktuelle Zustand der Landeskirche Anhalts beschreiben?
Hädicke:
Von außen sieht das auf der EKD-Landkarte mit unserer kleinen Landeskirche ein bisschen seltsam aus. Die Innensicht unterscheidet sich aber doch ein ganzes Stück. Derzeit glaube ich nicht, dass grundlegende Veränderungen der Landeskirche hinsichtlich ihrer Selbstständigkeit unmittelbar bevorstehen.

Es gab kritische Fragen hinsichtlich der Finanzen unserer Landeskirche, der Rücklagen, der Verpflichtungen sowie der Versorgungslasten. Das ist in den Ausschüssen und in der Kirchenleitung besprochen worden. Das Zwischenergebnis dieses Prozesses lautet: Wenn wir die landeskirchlichen Strukturen anpassen, steht die Selbstständigkeit der Landeskirche mittelfristig keineswegs in Frage.

Bei der Herbstsynode konnte man einen anderen Eindruck gewinnen. Gibt es Druck auf die kleine Landeskirche und wer übt ihn aus?
Liebig:
Seit dem EKD-Papier »Kirche der Freiheit« aus dem Jahr 2006 gibt es diesen mittelbaren Druck auf kleinere Landeskirchen. Das betraf nicht nur uns, sondern alle EKD-Gliedkirchen, die nicht dem damals genannten Kriterium von mindestens einer Million Mitgliedern entsprachen.

Der EKD-Finanzausgleich, der für uns und alle anderen östlichen Glied­kirchen von großer Bedeutung ist, wird jedes Jahr erneut verhandelt. Die größte Befürchtung seitens der anderen Gliedkirchen und sicherlich auch des Finanzbeirates der EKD ist, dass wir in zehn Jahren oder später nicht mehr in der Lage sein könnten, unsere gesetzlichen Verpflichtungen zu erfüllen. Das nehmen wir sehr ernst. Zukünftig allen Verpflichtungen nachzukommen, das ist die Aufgabe und Bewährungsprobe, vor der wir permanent stehen.

Können Sie ein Beispiel für die gesetzlichen Verpflichtungen nennen, die Sie als Teil der EKD erfüllen müssen?
Liebig:
Ich denke jetzt im Besonderen an die Versorgungsleistungen, die wir für unsere Mitarbeitenden leisten müssen. Eine unserer großen Sorgen ist, dass wir einmal diese Leistungen nicht mehr aus eigener Kraft stemmen könnten. Wir müssen deshalb versuchen, die Zahl der Versorgungsberechtigten mittelfristig zu reduzieren. Bis 2025 werden uns etwa 30 Prozent der Mitarbeitenden in allen Berufsgruppen in den Altersruhestand verlassen. Wir werden nicht in der Lage sein, diese 30 Prozent eins zu eins wieder aufzufüllen.

Wenn wir weniger Personal haben, zahlen wir auch weniger in das Solidarsystem der Gliedkirchen in der Evangelischen Kirche in Deutschland ein.

Wie groß oder klein ist dieser Anteil an dem Solidarsystem?
Liebig:
Im Haushalt der Landeskirche sind ein Viertel Einnahmen aus Kirchensteuern und ebenfalls rund ein Viertel Erträgnisse aus der Vermietung und Verpachtung unseres immobilen Vermögens. Ein weiteres Viertel sind die sogenannten Staatsleistungen. Und noch ein Viertel ist der Solidarbeitrag der Gliedkirchen der EKD. Damit liegen wir im Durchschnitt.

Hädicke: Der Gesamthaushalt liegt bei 17,03 Millionen Euro für 2017 und der EKD-Finanzausgleich bei 4,3 Millionen.

Welchen Beitrag müssen Sie wieder an die EKD abführen?
Liebig:
Wir müssen für jede versorgungsberechtigte Person annähernd 20 Prozent eines Jahreseinkommens in den Versorgungsfonds einzahlen.

Grafik: Adrienne Uebbing

Grafik: Adrienne Uebbing

Ein Viertel der Einnahmen kommen aus der Kirchensteuer. Wie sieht derzeit die Entwicklung bei den Kirchenmitgliedern aus?
Liebig:
Unser zentrales Problem ist tatsächlich ein weiterer Mitgliederrückgang, der wesentlich an der Demografie hängt, weil unsere Kirchenmitglieder durchweg älter sind. Austritte fallen nicht so stark ins Gewicht. Sie werden in etwa mit den Eintritten kompensiert. Wir haben zu wenig junge Menschen, die in Anhalt leben und arbeiten.

Gibt es eine Untergrenze für die Eigenständigkeit?
Hädicke:
Ich denke, man kann das nicht an einer konkreten Gemeindegliederzahl festmachen.

Über welche Einsparungen oder Veränderungen denken Sie nach?
Hädicke:
Im Verhältnis zu unseren Nachbarkirchen haben wir deutlich mehr Pfarrpersonen pro Gemeindeglied. Da müssen wir reagieren. Vieles wird sich aber in den nächsten Jahren auf natürlichem Weg, vor allem durch Pensionierung, erledigen. Wir sind im Moment noch nicht so weit, dass wir in die Kirchenkreise Eckzahlen geben können.

In Anhalt gibt es einen Reformstau im Hinblick auf Zusammenschlüsse von Kirchengemeinden. Wir haben eine Vielzahl von kaum lebensfähigen Kleinstgemeinden, die eine Verwaltung benötigen. Das schafft Handlungsdruck, auch bezüglich der Zukunft unserer Pfarrhäuser.

Liebig: Wir wollen aber nicht einfach nur den Rückgang organisieren. Es geht eher um eine neue Bestimmung der kirchlichen Professionen zueinander. Wenn wir auf der einen Seite eine Reduzierung des Pfarrpersonals haben, kann ich mir gut vorstellen, dass wir in anderen Bereichen, wie der Gemeindepädagogik oder in der Kirchenmusik, einen moderaten Aufwuchs haben.

Wie viele Gemeinden wird das betreffen? Und gab es da schon Gespräche?
Hädicke:
Im Prinzip betrifft es alle Gemeinden. Wir wollen uns nicht nur dem Diktat der Finanzen beugen, sondern nach den optimalen Bedingungen für Verkündigung in unserer Region suchen. Dass es da nicht nur um Pfarrer gehen kann, liegt auf der Hand.

Werden Zusammenschlüsse von Kirchengemeinden Thema auf der Sy­node sein?
Hädicke:
Wir versuchen, Gemeindeglieder und Kirchengemeinden einzubinden. Davon wird auch diese Synode geprägt sein. Ob wir in näherer Zukunft den Druck hinsichtlich des Zusammenschlusses der Kirchengemeinden erhöhen müssen, wird sich zeigen. Die Meinungen gehen diesbezüglich doch recht weit auseinander.

Ich persönlich tendiere dazu, den Druck zu verstärken. Da gibt’s unterschiedliche Instrumente. Nicht alle Gemeindeglieder werden hurra schreien.

Können Sie konkreter werden?
Hädicke:
Wenn eine Kirchengemeinde nicht mehr die Mindestanzahl von Kirchenältesten gewinnen kann, könnte das den Zwangsanschluss an die Nachbargemeinde zur Folge haben. Einem wie auch immer ausgestaltetem Gemeindeverbund wäre der Vorzug zu geben gegenüber einer Anzahl selbstständiger kleiner Gemeinden.

Vor 15 Jahren hat die Synode die Fusionsgespräche mit der Kirchenprovinz Sachsen (KPS) und der Thüringer Landeskirche beendet. Würde die Entscheidung heute anders lauten?
Hädicke:
Damals hat man sich auf Augenhöhe angenähert. Jetzt gibt es die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland.

Für Anhalt käme nur noch der Anschluss infrage. Das wäre mit heftigen Einschnitten verbunden. Zudem hat sich in unseren Nachbarkirchen auch nicht alles optimal entwickelt, sodass wir nicht begierig sind, uns deren Regularien zu unterwerfen.

Wie sehen denn die Gemeindeglieder die Situation?
Hädicke:
Das ist sehr unterschiedlich. Je nachdem, wie eng jemand mit der Kirchengemeinde verbunden ist. Es gibt einige, die sagen: Wenn ich Kirche lebensbiografisch brauche, dann möchte ich einen Pfarrer in Reichweite haben. Alles andere interessiert mich nicht. Die Engagierten in unseren Gemeinden, die haben ein anhaltisches Selbstbewusstsein: Wir sind nicht einfach nur Bürger von Sachsen-Anhalt, sondern wir sind Anhalter!

Und dieses Selbstbewusstsein wird in besonderer Weise auch in unserer Landeskirche gepflegt. Sie ist die letzte Institution, die das alte Land Anhalt abbildet. Der Glaube verbindet sich mit der Kultur, und die Tradition hilft mit, den Glauben zu stabilisieren.

Haben Sie einen Plan für die Entwicklung der Kirchengemeinden und der Landeskirche in der Schublade?
Hädicke:
Wir haben die Zauberformel noch nicht entdeckt und befinden uns da in der gleichen Situation wie unsere Nachbarkirchen im Osten Deutschlands. Wir versuchen als Kirche in die Gesellschaft hineinzuwirken.

Leider steht das in keinem guten Verhältnis zu den zahlenmäßigen Effekten. Das sollte uns aber nicht entmutigen. Umbrüche und Aufschwünge in der Kirche haben wir nicht in der Hand. Da muss der Heilige Geist zum Zuge kommen.

Das klingt nach Abwarten. Was motiviert Sie oder richtet Sie auf in dieser Situation?
Liebig:
Gerade heute Morgen erreichte mich die Nachricht einer größeren Gemeinde, die sagt: Wir wollen den Weg der Veränderung gehen und haben darüber im Gemeindekirchenrat diskutiert. Das bestätigt, dass wir nicht vorhaben, Konzepte von oben nach unten durchzusetzen. Veränderungen müssen von der Basis in den Gemeinden
ausgehen.

Ich sehe, dass wir in Anhalt einen Prozess begonnen haben, der im Grunde auch auf alle anderen Landeskirchen in Deutschland zukommt. Was wir tun, hat auch immer ein wenig Laborcharakter.

Wir fragen uns: Was ist Kirche? Im Kern sind wir eine Bewegung und gar nicht institutionalisiert. Wir haben alle Möglichkeiten, alle Chancen. Wir sind frei in unseren Entscheidungen und geben uns Zeit bis 2025. Bis dahin müssen die Dinge spürbar anders geworden sein, ganz gleich, in welche Richtung es nun geht.

Die Evangelische Landeskirche Anhalts in Zahlen:

Rund 34 500 evangelische Gemeindeglieder leben in Anhalt in rund 150 selbstständigen Kirchengemeinden, die sich auf fünf Kirchenkreise verteilen: Ballenstedt, Bernburg, Dessau, Köthen und Zerbst. In den Gemeinden sind 54 Pfarrerinnen und Pfarrer sowie 39 hauptamtliche Mitarbeitende im Verkündigungsdienst beschäftigt.

Leitungsorgane der Landeskirche sind Landessynode, Landeskirchenrat und Kirchenleitung. (Stand 2015)

Auferstehung in Rösa

15. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Rösa hat eine beeindruckende, doch bislang namenlose Dorfkirche. Zur Osternacht ändert sich das: Das Gotteshaus wird zur Auferstehungskirche. Im Reformationsjahr erhalten weitere Kirchengebäude einen Namen.

Christus kommt zu uns auf Wegen, die wir nicht immer nachvollziehen können. Keiner weiß, welche verschlungenen Pfade die geschnitzte Christus-Figur genommen hat, bis sie eines Tages im Pfarrhaus von Pouch bei Bitterfeld gefunden wurde, nach Rösa kam, restauriert wurde und nun an der Südseite der Apsis in der kleinen, aber mächtigen Dorfkirche hängt. Christus ist ein Torso, die Arme sind verloren gegangen. Ein Geschundener. Auf den ersten Blick. »Denn steht man vor ihm, merkt man: Ihm fehlt nichts«, sagt Pfarrer Albrecht Henning. »Er ist schon hindurch. Ostern ist erkennbar, spürbar.«

Die kleine Dorfkirche von Rösa im Frühlingslicht. Zur Osternacht wird dem bislang namenlosen Gotteshaus der Name »Auferstehungskirche« gegeben. Foto: Thomas Klitzsch

Die kleine Dorfkirche von Rösa im Frühlingslicht. Zur Osternacht wird dem bislang namenlosen Gotteshaus der Name »Auferstehungskirche« gegeben. Foto: Thomas Klitzsch

Besonders in Rösa. Die Gemeinde gehört zum Pfarrbereich Krina im Kirchenkreis Wittenberg. Von neun Kirchen hatte bis auf die Barockkirche Burgkemnitz keine einen Namen. Welchem Heiligen das Gebäude einst gewidmet wurde, lässt sich nicht belegen. Das Landeskirchenamt fand keine Zeugnisse, auch nicht aus vorreformatorischer Zeit. Während also im nahen Wittenberg das 500. Reformationsjubiläum mit viel Aufwand und Hunderten Veranstaltungen gefeiert wird, starten die Christen im Pfarrbereich Krina ihre eigene Erneuerungsbewegung: Sie geben ihren namenlosen Kirchen Namen.

Der Christus-Torso im Chorraum (re.) gab den Anstoß für Namenswahl und künstlerische Ausgestaltung. Fotos: Thomas Klitzsch, Katja Schmidtke

Der Christus-Torso im Chorraum (re.) gab den Anstoß für Namenswahl und künstlerische Ausgestaltung. Fotos: Thomas Klitzsch, Katja Schmidtke

Zu Ostern wird Rösa zur Auferstehungskirche. Der Gottesdienst am Karsamstag beginnt um 22.30 Uhr. Bereits zum dritten Mal wird die Auferstehung Jesu auf diese Weise so in Rösa gefeiert. In diesem Jahr werden zwei Kinder getauft – und die Kirche erhält ihren Namen. Eine Woche später bekommt dann die Kirche in Krina den Namen Trinitatiskirche. Die bisherige Barockkirche Burgkemnitz wird am 25. Mai wegen ihres Deckengemäldes umbenannt in Barockkirche Christi Himmelfahrt. Mit einem Wandelkonzert am 19. August feiert die Gemeinde die Benennung der Kirche Gröbern als Elisabethkirche.

Und zum Tag des offenen Denkmals wird die Dorfkirche Schwemsal zur Erlöserkirche – hier gibt es ein modernes Gemälde, das auf die Himmelsleiter anspielt. Zu Erntedank am 30. September erhält die Marienkirche Schlaitz ihren Namen. Noch offen sind Termine zur Namensgebung der Christuskirche in Schköna und der Dornbuschkirche in Hohenlubast. Bereits ihren Namen erhalten hat die Christophoruskirche in Gossa. Die beiden historischen Ritzzeichnungen ergänzte Jochem Poensgen mit einem Glasfenster.

»Auferstehungskirche« – damit verbindet Hans-Ulrich Eckardt auch die jüngste Geschichte des Gebäudes. Rösa liegt im Braunkohlengebiet; zu DDR-Zeiten gab es Pläne, das Dorf zu überbaggern, die Kirche war ruinös. Erst Ende der 1980er-Jahre genehmigte der Staat eine Sanierung. »Aber nur mit eigenen Mitteln«, erinnert sich Hans-Ulrich Eckardt. Von 1988 bis 1993 arbeiteten die Rösaer an ihrem Gotteshaus. Eine auferstandene Kirche.

Die Auferstehung Jesu greift im Kircheninneren nicht nur der Christus-Torso auf. Ausgehend von ihm hat der Künstler Sven Göttsche ein Apsisfenster sowie ein Altarkreuz und zwei Leuchter geschaffen. Sven Göttsche erinnert sich noch wie heute, wie er die Figur zum ersten Mal sah. Eigentlich hatte der Druckgrafiker, Bildhauer und Glaskünstler, der direkt gegenüber der Kirche wohnt, gerade den Entwurf für das Fenster vorgestellt, Pfarrer und Gemeinde waren zufrieden. Dann sah Göttsche den Christus. »Das war für mich als Künstler ein Schock, weil mein Fenster-Entwurf mit dieser Figur nicht zusammenging. Andererseits war dieser Christus beeindruckend. Das war kein Korpus am Kreuz. Seine Armlosigkeit hat etwas Raketenhaftes. Er hat mich zum Gespräch herausgefordert«, erinnert sich der Künstler.

Er verwarf seinen ersten Entwurf, begann die Arbeit neu – mit dem Christus-Torso als Leitmotiv. Die Umrisse der spätgotischen Schnitzerei sind im Fensterbild zu erkennen, ebenso wie im Altarkreuz. Auch hier ist Jesus nicht der Leidende, das Kreuz kein Marterwerkzeug, sondern Hoffnungszeichen. Die Kerzenleuchter hat Sven Göttsche als stilisierte Hände gestaltet, die das Licht bringen. Auch sie sind vom Kreuz gelöst.

Der Künstler lädt dazu ein, Kreuz und Leuchter zu erkunden, Anfassen ausdrücklich erwünscht. Das hilft, Ostern zu begreifen. Das große Geheimnis der Auferstehung, das, so sagt Pfarrer Albrecht Henning, so schwer in Worte zu fassen ist.

Katja Schmidtke

Kirchennamen – woher sie kommen

95 Prozent der Kirchen erhielten ihren Namen im Mittelalter, berichtet Dr. Bettina Seyderhelm, Kirchenkonservatorin im Referat Kunst- und Kulturgut bei der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Die Benennung ging meist mit Reliquienbesitz einher.

Auch regionale Besonderheiten spielen eine Rolle: So gibt es im Kirchenkreis Halberstadt viele Gotteshäuser, die dem Heiligen Stephanus geweiht sind. Eine detaillierte Statistik hat die EKM nicht, aber die »Hitliste« der Kirchennamen führen St. Nicolai, St. Johannis, St. Michaelis und Maria sowie Dreifaltigkeitskirche an.

Traditionen folgen und Neues wagen

10. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Alle Jahre wieder stellen sich die Verantwortlichen die Frage: Wie soll Konfirmationsunterricht heute aussehen? Muss er sich den Wünschen der Mädchen und Jungen und ihren veränderten (Er-)Lebensgewohnheiten anpassen oder sollte er als »Fels in der Brandung« vor allem traditionelle Glaubensunterweisung bieten? Zwei Stellungnahmen von Pfarrern, die ihre Sichtweise von zeitgemäßer Konfirmandenarbeit darlegen:

Blick-14-2017
Kurz nach der Jahrtausendwende ließen Verantwortliche für die Kinder- und Jugendarbeit aus dem Magdeburger Konsistorium verlauten: Die Auftraggeber für den Konfirmandenunterricht seien die Konfirmanden (also nicht etwa die Kirche oder letztlich Christus), an ihren Bedürfnissen sei die Beschäftigung mit ihnen auszurichten; vor allem dürfe man den Unterricht nicht als Maßnahme zur Nachwuchsgewinnung betrachten. Ist das eine angemessene Haltung in Sachen Glaubensunterweisung?

Es mag für manche verstaubt und altbacken klingen: In Wasungen findet Woche für Woche der Konfirmandenunterricht für die Siebt – und Achtklässler statt, in dem wir singen, beten, auch spielen, aber vor allem lernen: Glaubensinhalte, Liturgie, biblische Inhalte.

Auch wenn die meisten Jugendlichen den Religionsunterricht besuchen, haben sie doch weiter ein großes Interesse an »harten Fakten«, an Informationen über die Kirche, über innere und äußere Zusammenhänge unseres Glaubens. Sie spüren, dass Lernen, gerade kognitives Lernen, ihnen hilft, Sicherheit zu gewinnen in einer Zeit, in der zu oft »Kompetenzen« wichtiger als Inhalte geworden sind.

Bei aller Kritik, die seit Jahrzehnten berechtigt und unberechtigt am Konfirmandenunterricht geübt wird, so am Alter der Konfirmanden und an der oft gegebenen Verbindung mit der Vorbereitung auf das Abendmahl, erlebe ich die Zeit mit den Konfirmanden als segensreich. Und: In jedem Jahr können wir vor der Konfirmation, in der Osternacht, junge Menschen taufen, die aus eigenem Entschluss zu uns gestoßen und geblieben sind.

Stefan Kunze, Pfarrer in Wasungen

Die Frage, ob 14-Jährige reif für ein Bekenntnis wie die Konfirmation sind, diskutiert die Kirche seit Jahrzehnten. Gegenfrage: Warum lassen sich eigentlich so viele Erwachsene scheiden? Auch 30-Jährige treffen nicht all ihre Entscheidungen nach reiflicher Überlegung, oder kippen später um. Das ist für mich kein Argument. Jesus hat Kinder und Jugendliche sehr ernst genommen, sie Erwachsenen in ihrer Entschiedenheit sogar zum Vorbild gemacht.

Die eigentliche Frage lautet: Können wir jungen Menschen bewusst machen, was die Konfirmation bedeutet? Man mag in diesem Alter vieles infrage stellen, aber es ist auch eine Zeit, in der man sich voller Eifer auf etwas stürzt und mit Leib und Seele dabei ist. Dazu ermutige ich die Konfirmanden, indem ich ihnen etwas zutraue und sie zu Entscheidungen herausfordere.

Ja, die Persönlichkeit des Pfarrers oder Gemeindepädagogen spielt bei der Konfirmandenarbeit eine Rolle. Aber auch Strukturen und die ihnen innewohnende Haltung sind nicht zu vernachlässigen. Wir müssen weg vom Säulendenken, in dem es in der Gemeinde eine Säule für die Konfirmanden, eine für die Kinder und Familien und eine für junge Erwachsene gibt. Es ist anachronistisch, mit der Konfi-Arbeit erst im Konfi-Alter zu beginnen. Wir brauchen Angebote für alle Altersgruppen und wir müssen Brücken bauen zwischen den und innerhalb der Generationen. Vor allem müssen wir junge Menschen einbinden. Gewähren wir ihnen zwei Jahre Gastrecht in der Gemeinde oder trauen wir ihnen zu, Christ zu sein für den Rest ihres Lebens?

Ich habe in der DDR-Zeit zum Glauben gefunden. Glauben hat für mich sehr mit Freiheit zu tun. Ich mag aus diesem Grund auch z. B. die Stempelkarten nicht, mit denen sich Konfirmanden ihre Teilnahme am Gottesdienst bestätigen lassen müssen. Was ist der Subtext solcher Karten? Dass, wenn sie voll ist, genügend Gottesdienste besucht wurden?

Natürlich lernen unsere Konfirmanden das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis, aber weniger auswendig, eher inwendig – durch Gottesdienste und Aktionen, die wir gemeinsam machen. Sind nicht Millionen von Menschen, die all das bimsen mussten, trotzdem aus der Kirche ausgetreten und haben dem Glauben den Rücken gekehrt?

Es geht darum, altersgerecht Glauben und Gottesbeziehung zu leben – praktisch, nicht nur mit dem Kopf. Wir stellen Glaubensinhalte, die persönliche Beziehung zu Gott in Jesus Christus, in den Mittelpunkt. Musik, gemeinsames Singen, Gebet spielen eine große Rolle. Andererseits machen wir viele herrliche Faxen, spielen und quatschen, trinken Tee, machen Ausflüge. Wer sich dann konfirmieren lassen will, nimmt an einer besonderen Konfi-Freizeit teil. Wir reden über Taufe, Abendmahl, über den Sinn der Konfirmation. Konfis müssen sich einbringen, sie gestalten Gottesdienste und Projekte mit, wir erwarten sie zum Abendmahl an Gründonnerstag. Die Konfirmation ist nicht irgendeine Segenshandlung, sie ist eine Taufbestätigung, sie ist ein »Ja, mit Gottes Hilfe«.

Ernst-U. Wachter, Pfarrer in Elbingerode

Der linke Flügel der Reformation

3. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Opposition: Radikale Reformation ist der Sammelbegriff für die Gruppierungen, die sich neben den lutherischen und zwinglianischen Bewegungen entwickelt haben: Schwärmer, Wiedertäufer oder Nichttrinitarier (die die Dreieinigkeit Gottes nicht anerkennen).

Die Männer kannten sich in der Bibel aus. Dabei waren sie einfache Leute, vor allem ihr Sprecher Nikolaus Storch, ein Tuchmacher. Sie predigten, dass man an ihren Lippen hing. Sie sagten, dass man das Wort Gottes nicht nur hören, sondern tun müsse. Deshalb galt es, alles abzulegen, was nicht aus Gottes Wort zu begründen sei. Zum Beispiel die Kindertaufe. Drei von ihnen waren aus Zwickau gekommen. Dort hatten sie den Pfarrer Thomas Müntzer überzeugt. Jetzt, 1521 in Wittenberg, gewannen sie den jungen Professor Andreas Bodenstein für sich. Sogar Philipp Melanchthon, der Kopf der reformatorischen Bewegung, war von ihnen beindruckt. Luther war verschwunden. Bodenstein ließ Heiligenbilder verbrennen, er zog kein Messgewand mehr an, feierte Gottesdienst auf Deutsch und reichte der Gemeinde in der Eucharistie auch den Kelch. Die Besucher protestierten. Er ließ sich nicht beirren.

Der Theologe und Organisator der Täuferbewegung Menno Simons. Foto: epd-bild

Der Theologe und Organisator der Täuferbewegung Menno Simons. Foto: epd-bild

Auf einmal, im März 1522, war Luther wieder da. In acht Predigten wies er Bodenstein in die Schranken und die frommen Prediger auch. Er verspottete sie als »Zwickauer Propheten«. Nach einer Woche war die Ordnung wieder hergestellt. Melanchthon bereute seine Offenheit für die Zwickauer und meinte fortan, dass man Ketzer wie sie mit dem Tod bestrafen müsse.

Luthers Urteil hat die Sicht auf die Dissidenten der Reformation und ihre Nachfolger über Jahrhunderte geprägt. Erst 1941 hat der amerikanische Theologe Ronald Herbert Bainton einen neutralen Begriff dafür gefunden: der linke Flügel der Reformation. Der mennonitische Theologe Heinold Fast hat ihn ins Deutsche eingeführt.

Zu den Ursprüngen des Christentums zurück

Zum linken Flügel der Reformation werden meist drei Gruppen gezählt: Spiritualisten wie die Männer aus Zwickau, Antitrinitarier, die das Dogma der Dreieinigkeit ablehnen, und die Täufer. Alle drei wollten zu den Ursprüngen des Christentums zurückkehren. Und alle drei, so verschieden sie sonst waren, lehnten die Kindertaufe ab, denn sie ist aus dem Neuen Testament nicht zu begründen. Dieses Nein brachte ihnen Konflikte auch mit der weltlichen Obrigkeit ein. Denn die Taufe war Reichsrecht. Wer sie ablehnte, spaltete die Einheit von Staat und Kirche.

Zu den Spiritualisten gehörte auch Thomas Müntzer, der »Mystiker der Revolution«. Schon als Pfarrer von Zwickau hatte er sich für soziale Gerechtigkeit eingesetzt und ging mit der Obrigkeit hart ins Gericht. Dafür musste er gehen. 1524 brach Müntzer mit Luther. Er veröffentlichte eine Schrift mit dem Titel: »Wider das geistlose sanftlebige Fleisch zu Wittenberg«. Die Theologie der Reformation, meinte er, sei nicht konsequent, schließe Kompromisse und stütze ja doch nur die Herrschaft der Gottlosen.

Thomas Müntzers unbekannte Seite

Als Pfarrer in Mühlhausen schlug er sich auf die Seite der Bauern, die sich gegen die Fürstenherrschaft erhoben. Luther dagegen hatte zwar Verständnis für den Unmut der Bauern, aber er lehnte Gewalt in den Händen der Untertanen ab. Deshalb empfahl er den Fürsten die Niederschlagung des Aufstandes. In der Schlacht bei Frankenhausen im Mai 1525 kamen rund 5 000 Bauern auf dem Schlachtfeld ums Leben. Auch Müntzer wurde gefangen genommen, gefoltert und vor den Toren von Mühlhausen enthauptet. Die DDR machte ihn deshalb zur Ikone der frühbürgerlichen Revolution. Der Fünfmarkschein trug Müntzers Bild.

»Verteidigung des orthodoxen Glaubens von der heiligen Dreieinigkeit gegen die ungeheuerlichen Irrtümer des Spaniers Michel Servet« von Johannes Calvin (1509–1564). Der Streit endet für Servet auf dem Scheiterhaufen. Foto: epd-bild

»Verteidigung des orthodoxen Glaubens von der heiligen Dreieinigkeit gegen die ungeheuerlichen Irrtümer des Spaniers Michel Servet« von Johannes Calvin (1509–1564). Der Streit endet für Servet auf dem Scheiterhaufen. Foto: epd-bild

Seine andere Seite ist kaum bekannt: Er hat als einer der ersten Reformatoren den Gottesdienst erneuert. Schon vor Luther übersetzte er 1523 die lateinische Messe ins Deutsche. Noch Jahrzehnte nach seinem Tod wurde in Thüringen nach seiner Reform Gottesdienst gefeiert. Nur durfte niemand mehr seinen Namen nennen. Und erst bei der letzten Gesangbuchreform 1993 wurde eines seiner Lieder, die Nummer 3, neu aufgenommen: »Gott, heilger Schöpfer aller Stern,/erleucht uns, die wir sind so fern,/dass wir erkennen Jesus Christ,/der für uns Mensch geworden ist.«

Der Sündenfall der Reformation

Zu den bekannten Antitrinitariern gehörte der spanische Arzt Michel Servet. Heute gilt sein Schicksal als Sündenfall der Reformation: Auf Betreiben Johannes Calvins wurde er 1553 wegen seines Glaubens lebendig verbrannt. Servet wollte zurück zur ursprünglichen Religion der ersten Christen. Jesus und seine Jünger, meinte er, seien nie vom Monotheismus des Judentums abgewichen. Das Dogma von der Trinität war in Servets Augen ein Abfall, ein Kompromissprodukt des von Kaiser Konstantin befohlenen Konzils von Nicäa im Jahr 325. Melanchthon befürwortete Servets Hinrichtung. Nach dem Druck der Reformationszeit sind die Antitrinitarier für Jahrhunderte verstummt. Ihre neuzeitlichen Vertreter sind etwa Zeugen Jehovas, die Mormonen und die liberalen Quäker.

Das Täufertum ist an verschiedenen Orten gleichzeitig entstanden. 1525 wurden in Zürich die ersten Täufer zum Tod verurteilt. Doch da gab es schon täuferische Kreise in ganz Süddeutschland und auch in den Niederlanden. Sie beeindruckten den katholischen Priester Menno Simons im friesischen Witmarsum. Er wurde zum Theologen und Organisator der Täuferbewegung. Und er sagt aller Gewalt ab und meint, dass Christen wehrlos sein müssen. 1544 nennt ein Polizeiprotokoll die Täufer zum ersten Mal »Mennoniten«. Doch Menno Simons muss vorsichtig sein. Der Kaiser hat ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Er reist nach Köln, aber muss bald wieder nach Norddeutschland zurückkehren.

Von der Täuferbewegung bis heute
1614 wird zum letzten Mal ein Täufer hingerichtet. Doch noch lange werden die religiösen Dissidenten diskriminiert und vertrieben. Erst unter dem Einfluss der Aufklärung wächst ein Freiraum auch für sie heran. Im 19. Jahrhundert gewährt Preußen Versammlungsfreiheit. Zum ersten Mal können Mennoniten in ihrer Heimat unbehelligt zusammenkommen – zusammen mit neuen Täuferkreisen. Sie kommen aus England, etwa die Baptisten, oder wie die Freien evangelischen Gemeinden aus Frankreich und der Schweiz. Aber Mennoniten sind die einzige täuferische Kirche, die auf die Reformationszeit zurückgeht. Heute leben etwa 40 000 Mennoniten in Deutschland.

1919, nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, macht die junge Weimarer Demokratie Ernst mit der Trennung von Staat und Kirche. Sie schafft die Basis dafür, dass heute Volks- und Freikirchen in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen zusammenarbeiten. An die Geschichte erinnert nur noch, dass die Freikirchen in Deutschland nie auf große Zahlen gekommen sind.

Wolfgang Thielmann

Die Mennoniten
Die Mennoniten sind eine evangelische Freikirche, die aus dem pazifistischen Flügel der Täuferbewegung des 16. Jahrhunderts entstand. Rund 40 000 Mennoniten gibt es in Deutschland. Die Protestanten, die sich nach dem niederländischen Theologen Menno Simons (1496–1561) benannt haben, lehnen Waffendienst und Eid konsequent ab. Sie fordern eine vom Staat unabhängige Kirche, die sich in allen Fragen des Glaubens und Lebens am Modell der neutestamentlichen Gemeinde orientiert.

www.mennoniten.de



Nächstenliebe verlangt Klarheit

26. März 2017 von redaktionguh  
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Populismus: EKM will die inhaltliche Auseinandersetzung befördern


Christen und Populismus in der Kirche. Darüber sprach Willi Wild mit dem Leiter des Personaldezernats, Oberkirchenrat Michael Lehmann, und Oberkirchenrat Christian Fuhrmann, dem Leiter des Dezernats Gemeinde in der EKM.

Haben Sie Kenntnis von rechtspopulistischen Tendenzen in der EKM?
Lehmann:
Lassen Sie mich, bevor ich auf Ihre Frage antworte, zwei Dinge sagen. Zunächst: Das Personaldezernat spürt nicht den politischen Überzeugungen der Pfarrerschaft und der kirchlichen Mitarbeiter nach. Für uns ist lediglich maßgebend, dass die Glaubwürdigkeit unserer christlichen Botschaft nicht verletzt und der Dienst nicht beeinträchtigt wird. Wir als Landeskirche vertrauen darauf, dass unsere Mitarbeitenden im Verkündigungsdienst wissen, dass sie an alle ihre Gemeindeglieder gewiesen sind und nicht nur an diejenigen mit gleicher politischer Präferenz.

Zweitens: Die Kirche ist Teil der Gesellschaft, und gesamtgesellschaftliche Tendenzen finden sich auch in unserer Kirche wieder. Im Blick auf unsere Mitarbeitenden ist das im
Prinzip nicht anders. Allerdings sehe ich, wie viele von ihnen sich glaubwürdig gegen Verachtung und Ressentiments aussprechen und auch selbst beispielhaft handeln, indem sie etwa angesichts der Flüchtlinge vor Ort konkrete Hilfe geleistet und organisiert haben.

Nun zu Ihrer Frage: Ja, in der jüngsten Vergangenheit gab es in der EKM einen Fall: Ein Gemeindepädagoge hatte sich aktiv an einer rechtsextremistisch motivierten Demonstration beteiligt. Nach entsprechenden Personalgesprächen blieb dem Kirchenkreis keine andere Möglichkeit, als sich von diesem Mitarbeiter zu trennen. Der Fall kam vor das Arbeitsgericht, das aber hat uns klar in dieser Entscheidung bestätigt.

Fuhrmann: Auch bei ehrenamtlich in der EKM Engagierten gibt es keine Abfrage nach der Parteizugehörigkeit. Die Kirchengemeinden sind immer auch ein Spiegel der Gesellschaft und damit gesellschaftspolitischer Positionen. Entscheidend ist für mich dabei, ob es uns gelingt, ein christlich motiviertes Gespräch mit allen hinzubekommen. Ich vermute aber, dass derzeit in den Kirchengemeinden die unterschiedlichen Positionen kaum zur Sprache kommen, weil es schwierig ist, die konträren Standpunkte zusammenzubringen.

Wie schätzen Sie auf der anderen Seite die Bedrohung von Pfarrern in der EKM ein, die sich klar gegen rechte Gesinnung wenden?
Lehmann:
Tatsächlich werden Pfarrerinnen und Pfarrer unserer Landeskirche Opfer von Herabwürdigung und Bedrohung im Internet. Als ein Beispiel nenne ich unsere Landesbischöfin, die leider immer wieder zum Ziel rechtsradikaler Hetze wird. Im Fall eines Thüringer Pfarrers nahm die Androhung von Gewalt gegen ihn und seine Familie solche Ausmaße an, dass wir ihm die Aufhebung der Dienstwohnungspflicht angeboten haben. Gerade wer sich für einen mitmenschlichen Umgang mit Menschen anderer Sprache und Herkunft einsetzt, merkt: Das Doppelgebot der Liebe war nicht nur zur Zeit Jesu, sondern ist auch heute für viele ein Ärgernis. Ich sehe aber gerade da, spätestens seit Beginn der Flüchtlingskrise, eine große Glaubensgewissheit und Klarheit in unserer Pfarrerschaft. Das beeindruckt mich sehr.

Wie begegnet die EKM populistischen Tendenzen in Kirchengemeinden?
Fuhrmann:
Aus dem Landeskirchenamt heraus können wir erst mal wenig tun. Was ich als Aufgabe sehe, ist, dass wir immer wieder Impulse setzen für das Gespräch. Wir möchten ermutigen und einladen zur Debatte. Die Initiative sollte aber aus den Kirchengemeinden kommen. Wir unterstützen Angebote der Gemeinden und Einrichtungen, wo es um Begegnung geht, und stehen gern beratend zur Seite.

www.ekmd.de/kirche/themenfelder/rechtsextremismus

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