Wir müssen raus in die normale Welt

24. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Reformationssommer in Mitteldeutschland: Über enttäuschte Erwartungen, Christsein in einer konfessionsfreien Welt, die Lust am Streit und das schwierige Gefühl der Heimat sprach Propst Johann Schneider, Regionalbischof von Halle-Wittenberg, mit Katja Schmidtke.Sommerlogo GuH

Wir treffen uns nicht in Halle, wo Ihr Büro ist, sondern in Wittenberg, wo in diesem Jahr die Musik spielt. Sie spielt ziemlich laut, aber vor weniger Publikum als erwartet.
Schneider:
Auf den ersten Blick stimmt das, aber wir müssen genau hinsehen. Die Gottesdienste in der Stadtkirche und in der Schlosskirche sind sehr gut besucht. Die Herausforderung, die ich sehe: Die Gruppen, die die Stadt besuchen, haben in der Regel ihr eigenes Programm und für zusätzliche Aktivitäten kaum Zeit. Einige Veranstaltungen sind gut besucht, einige werden kaum wahrgenommen.

Johann Schneider im Luthergarten in Wittenberg, einem Lieblingsplatz – im Hintergrund der Turm der Schlosskirche. Foto: Thomas Klitzsch

Johann Schneider im Luthergarten in Wittenberg, einem Lieblingsplatz – im Hintergrund der Turm der Schlosskirche. Foto: Thomas Klitzsch

Wir werden mit den enttäuschten Erwartungen klarkommen müssen, gerade bei Menschen, die von weither kommen, sich ehrenamtlich beteiligen oder ihren Urlaub einbringen. Da bleibt eine Spannung. Ein gutes Beispiel: Ich war auf einer nicht gut besuchten Veranstaltung, der Wind wehte, und eine Teilnehmerin schlug vor, nach drinnen zu gehen. Das ist eine typische Reaktion in der Kirche.

Wie meinen Sie das?
Schneider:
Wir ziehen uns in geschützte Räume zurück. Natürlich verlieren sich 15 Menschen auf einer Bühne mit 250 Plätzen. Aber all diese Formate auf der Weltausstellung sind doch eine gute Übung. Wir müssen als Kirche raus aus den Kirchenräumen auf die Marktplätze. Das ist auch die Quintessenz der Kirchentage auf dem Weg – bei aller Kritik. Dieses Hinausgehen in die normale Welt ist die zentrale Handlung.

Hinaus in die normale Welt – wir und die anderen? Woher kommt diese Trennung?
Schneider:
Was ich in fünf Jahren als Propst gelernt habe: Die konfessionslose Kultur bestimmt das Denken und tabuisiert subtil den Glauben. Glauben spielt einfach keine Rolle, er ist vollkommen irrelevant. Menschen verhalten sich wie religiöse Analphabeten. Wer glaubt, zieht sich in die Kirche zurück, weil er dort Menschen trifft, die ähnlich denken. Es erfordert einen Kraftakt, hinauszugehen.

So wie in Tröglitz: Nach dem Brandanschlag auf die geplante Flüchtlingsunterkunft bat mich ein Gemeindekirchenrat, zum Friedensgebet zu kommen, die Stimmung war wie gelähmt. Ich legte den Bibelvers aus, dass Gott uns nicht einen Geist der Furcht, sondern der Kraft, Zuversicht, Hoffnung gegeben hat und wollte den Gottesdienst mit einem Vaterunser, einer Segensbitte vor dem ausgebrannten Haus abschließen. Das war ganz schwer durchzusetzen. »Was sollen wir da machen?«, lautete die Gegenfrage. Einfach gehen, sich als Christ zeigen, singen und beten. Wir taten es und die Leute aus der Schrebergartensiedlung gegenüber standen am Zaun und guckten uns zu. Eine typische Situation.

Es ist ungewöhnlich, wenn Christen öffentlich zusammenkommen?
Schneider:
Es ist in dieser konfessionsfreien Welt seltsam, sich öffentlich zu treffen und etwas gemeinsam zu tun. Nach 1990 haben wir einen Schub von Individualisierung und Vereinzelung erlebt, in Ost wie West, sodass Gemeinschaftliches erst einmal verdächtig ist. Aber wir wollen die Botschaft, an die wir glauben, teilen. Und das gelingt aus meiner Sicht nur, wenn Menschen sich begegnen.

Als Regionalbischof begegnen Sie den Menschen. Wir haben das Gefühl, gerade bei heißen Themen klaffen die Meinungen zwischen Kirchenvolk und Kirchenleitung auseinander.
Schneider:
Ich denke an den Trägerverein des Schlosses Mansfeld, der in die Kritik geraten war. Der Verein hatte der Stadt die Vermietung eines Raumes im Schloss, das die Stadt Mansfeld als Standesamt nutzte, gekündigt. Es gab Streit um die Eintragung einer Lebenspartnerschaft und die anschließende Feier auf Schloss Mansfeld. Wir dürfen bei unserem Urteil nicht außer Acht lassen: Das sind alles engagierte Ehrenamtliche, sie legen die Grundlage unseres Glaubens, die Bibel, in einer gewissen Weise aus, und diese Auslegung entspricht manchmal nicht den Trends der theologischen Forschung. Es ist eine traditionelle Auslegung, besonders bei heißen Themen wie Homosexualität, Familie, Ehe.

Wir Theologen müssen uns prüfen, wie schnell wir mit unserer Position anderen sagen wollen, was geht und was nicht. Mir ist bei der Moderation in Mansfeld aufgefallen, dass auch ich schnell ein Korrektiv im Kopf habe, »nein, so kann man das nicht auslegen«. Aber wir sind gemeinsam Hörer des Wortes. Wir ringen um die Wahrheit, sie ist nichts Statisches.

Wie ging es in Mansfeld weiter?
Schneider:
Die Mitgliederversammlung hat die Kündigung zurückgenommen, aber man muss da sehr genau hinschauen. Der Vorstand hat nicht unverantwortlich gehandelt, die Mitgliederversammlung hat ihm weiterhin ihr Vertrauen geschenkt. Ergebnis des Gesprächs: Das Standesamt kann dort wieder Eintragungen gleichgeschlechtlicher Paare vornehmen. Ich bin dankbar für eine friedliche, zivilisierte Auseinandersetzung mit dem Standesamt und auch im Verein.

Wir streiten viel, aber oft unsachlich. Ich denke an all die Debatten um die AfD, an Tröglitz und Schnellroda.
Schneider:
Uns fehlen hier die öffentlichen Räume. Wo treffen wir andere Menschen, Menschen außerhalb unserer Kreise? Außerdem ist ein Verlust an zivilisierter Gesprächskultur festzustellen. Es gehört ein Maß an Zuhörenwollen und Ertragen, dass der andere eine andere Meinung hat, dazu. Wir sind als Kirche – und da nehme ich mich nicht aus – sehr schnell bei einem Urteil. Gerade in politischen Fragen formulieren wir schnell einen moralischen Anspruch.

Ich bin kein Freund von Appellen. Ich mag nicht moralisieren. Wenn Sie in einem sozialistischen Schulsystem aufwachsen, haben Sie genug Appelle gehört. Das wunderbarste Geschenk ist doch, dass wir frei denken und frei reden können.

Zu Schnellroda: Ich bin sehr dankbar, dass die Pfarrerin zuversichtlich und fröhlich ihren Dienst tut. Sie ist eine unbefangene Christin, kommt aus einem völlig säkularen Elternhaus, sie ist so normal, sie passt ganz genau da hin. Und sie hat die Gabe, mit allen zu reden, die ihr zuhören wollen.

Sie trafen während Ihrer Studienzeit in Erlangen auf Fairy von Lilienfeld, eine Theologin des Katechetischen Oberseminars Naumburg, die die DDR verlassen durfte und in Bayern die erste Theologin und ordinierte Pfarrerin war. Was haben Sie von ihr gelernt?
Schneider:
Ich habe bei ihr viel gelernt. Menschlich und inhaltlich. Menschlich verdanke ich ihr zum Beispiel den Impuls, als junger Vater und an der Endstation meiner Promotionsarbeit den Fernseher abzuschaffen. Und im ökumenischen Gespräch, dass es hilft, die Position des Gesprächspartners sehr gut zu kennen. Fairy kannte die theologischen Grundlagen der Orthodoxie oft besser als die orthodoxen Theologen.

Teilten Sie mit ihr die Erfahrung, in einem anderen Land neu anzufangen?
Schneider:
Ja. Sie sagte: »Lieber Herr Schneider, es wartet hier niemand auf Sie – aber es ist trotzdem gut, dass Sie hier sind.« Das lässt sich auf heute übertragen, egal ob Sie aus einem fremden Land kommen oder in eine neue Stadt ziehen. In der Regel wartet niemand auf Sie. Sie müssen selbst auf die Menschen zugehen. Das habe ich auch den Stipendiaten geraten, mit denen ich durch meine Arbeit an der Universität und später für die EKD zu tun hatte. Deutschland ist eine geschlossene Gesellschaft, und die Kirche gleich noch einmal. Die Aufgabe ist es, selbst die Kirchentür aufzumachen.

Welche Tür haben Sie aufgestoßen, als Sie 1985 von Siebenbürgen nach Würzburg gekommen sind?
Schneider:
Ich habe es in der Kirchengemeinde versucht, das war nicht leicht. Wir waren Exoten. Ich suchte mir einen Studentenkreis, obwohl ich noch kein Student war; ich musste ja in Deutschland mein Abitur zum zweiten Mal ablegen. Das Studium war dann das Tor, um Menschen wirklich kennenzulernen. Ich habe aber auch in dieser Zeit oft gespürt, mein Leben, meine Geschichte haben für die anderen etwas Fremdes. Ich habe gelernt, wo ich etwas über mich erzählen kann und wo nicht.

Haben Sie das Gefühl, Ihre Heimat verloren zu haben?
Schneider:
Verloren – nein. Wir sind zwar schweren Herzens gegangen, aber kurioserweise haben uns die Jugendlichen aus der DDR ermutigt. Sie sagten: »Christus geht mit euch.«

Verloren – ja. Das waren die Freunde, der persönliche Umgang, die vertraute Umgebung. Aber ich bin inzwischen fast jedes Jahr in Rumänien, und so ist es mir nicht verloren gegangen. Das Gefühl der Heimat hat sich verlagert in die Sprache.

Was ist für mich Heimat? Es ist die Vielfalt der Sprachen: Siebenbürgisch-Sächsisch, Ungarisch, Rumänisch, und es ist auch das Miteinander. Sie werden es nicht glauben, aber wenn ich in Halle bettelnde Roma treffe, fühle ich mich nicht unbehaglich. Wir kommen miteinander ins Gespräch.

Die Emigration war ein ungemeiner Zuwachs an Freiheit. Frei zu sagen, was ich denke, nicht zu unterscheiden, was ich privat und öffentlich sagen kann, und zu kritisieren. Ich kann an Texten kritisieren, ich kann sogar die Kirche kritisieren – und bleibe dennoch drin. Das ist doch wunderbar!

»Reformation geht weiter«, heißt ein EKM-Slogan. Was heißt das für Sie?
Schneider:
Ich hadere etwas damit, weil der Slogan etwas Appellatives hat. Was heißt das für mich – »Reformation geht weiter«? Dass wir die Offenheit zu einem kritischen Streit innerhalb der Kirchen brauchen. Ich sehe diese Bereitschaft noch nicht, auch nicht in unserer Kirche. Unsere Synode streitet aus meiner Sicht viel zu wenig über kon­troverse Themen im Licht der Schrift.

»Reformation geht weiter« heißt für mich: Mut zu klaren Aussagen, zu einem Bekenntnis, das herausfordert, aber nicht abstößt, sondern einlädt, und dass wir das, was wir teilen, in einer freundlichen Weise mitteilen und mit der Ablehnung, die wir auch erfahren, umgehen lernen.

Aber der Slogan ist für Kirchenleute. Fragen Sie Menschen auf dem Wittenberger Markt dazu, greifen diese sich wahrscheinlich an die Stirn: Oh Gott, kommen die nächstes Jahr alle wieder? Es wird sich zeigen, welche Wirkung dieses Jubiläumsjahr über Wittenberg hinaus hat. Es wird auch kritische Fragen geben, natürlich. All der Aufwand. Aber es ist eine große Chance für die mitteldeutsche Kirche.

Dr. Johann Schneider wurde 1963 im siebenbürgischen Mediasch (Rumänien) geboren. Nach der Lehre als Werkzeug­macher studierte er Theologie in Neuendettelsau, Tübingen, München, Erlangen und Rom. Später arbeitete er als Pfarrer und Dozent an der Universität Erlangen, beim Diakonischen Werk der EKD und beim Lutherischen Weltbund.

Seit 2007 war er als theologischer Oberkirchenrat im Kirchenamt der EKD in Hannover, insbesondere im ökumenischen Bereich, tätig. Im November 2011 wählte ihn die Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland zum Regional­bischof des Propstsprengels Halle-Wittenberg. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne.

»Sie machen die Predigt und wir fahren den Mähdrescher«

16. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Perspektivwechsel: Der Blick auf die kleiner werdenden Zahlen macht den Gemeinden zu schaffen. Dabei gibt es in der Kirche viel Positives zu sehen, meint Propst Dr. Christian Stawenow, Regionalbischof des Sprengels Eisenach-Erfurt. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Was beschäftigt Sie momentan hier im Propstsprengel?
Stawenow: Die Frage nach den strukturellen Veränderungen. Laut Stellenplan 2019 müssen in den Kirchenkreisen Pfarrstellen gestrichen werden. Nicht alle Kirchenkreise haben den gleichen Druck, manche mehr, manche weniger. Aber insgesamt verursachen die geplanten Veränderungen eine große Beunruhigung und eine gewisse Frustration. Trotz aller Mühe und fleißiger Arbeit sind diese Veränderungen nicht aufzuhalten.

Wenn Stellen reduziert werden, betrifft das immer Menschen und Gemeinden, die die Probleme zu bewältigen haben. Keine Gemeinde kann sich plötzlich mehr Gemeindeglieder schaffen. Das ist das Grundproblem.

Wie viele Stellen müssen eingespart werden?
Stawenow: Genau kann ich das nicht sagen. Das ist in den Kirchenkreisen unterschiedlich. Durchschnittlich müssen etwa zwei Stellen pro Kirchenkreis durch die veränderten Kriterien gespart werden, dazu kommen die Anpassungen an die Gemeindegliederzahlen. Nimmt man eine Prognose von zehn Jahren hinzu, kommt im ländlichen Bereich schnell ein um 25 Prozent reduzierter Stellenplan heraus. Diese Reduzierungen führen dazu, dass auch Grenzen verändert, Gemeinden und Mitarbeitende anders zugeordnet werden müssen.

Christian Stawenow: »Wir müssen vom Glauben sprechen, die Sprachfähigkeit stärken, indem wir uns intensiver mit Glaubensfragen auseinandersetzen.« – Foto: Sabine Kuschel

Christian Stawenow: »Wir müssen vom Glauben sprechen, die Sprachfähigkeit stärken, indem wir uns intensiver mit Glaubensfragen auseinandersetzen.« – Foto: Sabine Kuschel

Das Problem ist: Wie sollen die Gemeinden eine Lösung finden? Sollen sie abzählen, wer geht? Was sind die Kriterien? Das ist wirklich ein mühsamer Prozess. Zukunftsweisend ist tatsächlich, regional vernetzter zu arbeiten, Mitarbeitendeteams zu bilden. Längst denken wir nicht mehr nur in den Grenzen der Kirchengemeinden.

Was ist gegen diesen Frust, gegen diese Ratlosigkeit zu tun?
Stawenow: Bei allem, was es zu kritisieren gibt, können wir feststellen: Wir sind eine dynamische und kraftvolle Kirche. Wir haben eine wunderbare Botschaft und sie hat auch Ausstrahlungskraft. Das haben viele Menschen bei den Kirchentagen auf dem Weg und bei dem großen Deutschen Evangelischen Kirchentag erlebt.

Ich habe eine sehr interessante Beobachtung gemacht. Prädikantinnen und Prädikanten teilen die Sorgen um die kleiner werdende Kirche nicht in derselben bedrohlichen Weise. Sie wissen, dass sie gebraucht werden, wollen in Verkündigung und Seelsorge mitwirken. Sie sehen mit ihrer Arbeit etwas wachsen, sind in den Gemeinden zu Hause.

Die Konzentration auf die Zahlen und auf Strukturen schränkt die Wahrnehmung ein?
Stawenow: Ja, vielleicht brauchen wir eine andere Perspektive, weg von den Zahlen. Die Abhängigkeit von den Zahlen und Einnahmen macht unsere Stimmung aus. Wenn wir nicht auf die Zahlen schauen würden, könnten wir manches viel positiver sehen. Wir würden uns über Einzelnes sicher viel mehr freuen – über jede Taufe, über jeden Gottesdienst, über jeden Chor, die Kirchenmusik …, über alles, was gelingt. Wir haben fantastische Schulen. Wir haben Großartiges, wir sind reich, unendlich reich, auch an Gemeindeleben.

Gelassener werden? Wie können die Gemeinden zu dieser Gelassenheit finden?
Stawenow: Kirche kreiert sich nicht selbst. Die Kirche baut der Herr. Wenn man genauer achtgibt, sieht man auch, wie er sie baut. Jesus beruft Menschen in die Nachfolge. Die vielen Menschen, die bereit sind, mitzuarbeiten. Die Zahl der Danke-Veranstaltungen für ehrenamtliches Engagement hat erheblich zugenommen. Hier weiter zu fördern, Raum zu geben, das halte ich für eine aktuelle Herausforderung. Sie bedarf auch Weiterbildungen, zu denen ich auch die Glaubenskurse rechne. Es gibt Aufbruchstimmungen in unserer Kirche. In Krisensituationen, wenn vieles nicht mehr so bleibt wie es war, wird auch Neues entstehen. Darin bin ich mir sehr, sehr sicher. Dieses Neue zeigt sich schon.

Wir feiern das 500. Reformationsjubiläum. Es heißt: Reformation geht weiter! Wie geht sie weiter?
Stawenow: Reformation geht weiter, indem wir uns immer wieder auf das Evangelium besinnen. Der Slogan »Reformation geht weiter« stammt, wenn ich das richtig sehe, von Werner Krusche (1907–2009; von 1968 bis 1983 war Krusche Bischof der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen; Anm. d. Redaktion).

Krusche sagte vor genau 50 Jahren im gleichlautenden Vortrag, dass in der Reformationszeit die Menschen einen gnädigen Gott suchten. Heute müsse die Kirche die Empfänger des Evangeliums neu ermitteln. Die Botschaft ist dieselbe geblieben, aber wir haben immer wieder neue Wege zu finden, wie sie gehört werden kann.

Die Säkularisierung ist eine große Herausforderung für die Kirche. Haben Sie eine Lösung, einen Rat?
Stawenow: Das Problem von Säkularisierung und Entfremdung von Kirche ist, dass die Frage der Reformation – wie bekomme ich einen gnädigen Gott – nicht mehr die Frage der Menschen heute ist. Es gibt aber andere Fragen, die wesentlich mit dieser Frage zusammenhängen. Es sind die nach der Gerechtigkeit in der Welt, nach Frieden, nach Zukunft, nach Bewahrung der Schöpfung. Diese Themen gehen die Menschen elementar an.

Die religiöse Frage kommt von Seiten des Islams auf uns zu. Wir merken auf einmal: Es gibt Menschen, die sind zutiefst religiös, und sie wollen beten jeden Tag.

Wie ist das mit unserer Religiosität? Als Kirche haben wir Antworten. Das Evangelium antwortet mit der Ermöglichung der Nächstenliebe. Hierin müssen wir erkennbar bleiben. Christus befreit zu einem Leben in der Liebe. Der Glaube verknüpft sich mit der Tat und umgekehrt. Die Fragen der modernen Gesellschaft brauchen Antworten vom Evangelium her. Mir werden die Seligpreisungen Jesu immer wichtiger.

Schwerpunkt in dieser Ausgabe ist das Thema »Sprachfähigkeit – Vom Glauben reden«. Denn wir sind nicht geübt, über unsere Beziehung zu Gott zu sprechen …
Stawenow: Ja, es fällt uns schwer, über den Glauben zu reden. Vielleicht sind wir ein bisschen zu ungeübt für dieses Gespräch. Aber wir müssen vom Glauben sprechen, die Sprachfähigkeit stärken, indem wir uns intensiver mit Glaubensfragen auseinandersetzen.

Dabei ist es spannend zu erleben, dass Menschen an den Dingen des Glaubens gar nicht so uninteressiert sind, an den letzten Fragen.

Sommerlogo GuHIn der Wohlstandsgesellschaft redet man nicht gern über das Sterben. Man redet nicht mehr darüber, dass dieses schöne Leben, wenn man es denn schön getroffen hat, irgendwann einmal zu Ende gehen muss. Wir Christen reden vom ewigen Leben – dass Christus auferstanden ist von den Toten. Darüber müssen wir reden, aber auch darüber, wie die Menschen da hinkommen – zur Auferstehung der Toten. Und zugleich müssen wir nach unserer Lebensweise fragen, sonst bleiben unsere Worte leer.

Das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus kann einen in Schrecken versetzen, weil wir tatsächlich eher die Reichen sind. Vor unserer Tür liegt der arme Lazarus. Afrika liegt vor unseren Türen. Das ist sehr ernst. Feiern wir nicht allzu oft wie der reiche Mann – tafeln, haben Kultur, Musik, Theater? Das Wesen von Kirche ist, den Auftrag für den Dienst in der Welt zu empfangen.

In der Landeskirche ist manchmal die Kritik zu hören, die Ruhestandsbezüge der Pfarrer seien Geldfresser. Hintergrund dafür ist die Tatsache, dass die Einnahmen der Kirchen in den vergangenen Jahren gestiegen sind, gleichzeitig die Zwänge zum Sparen immer deutlicher werden.
Stawenow: Die strukturellen Veränderungen der Kirche sind nicht den Ruhestandsbezügen geschuldet. Aber das Geld, das für die Ruhestandsbezüge angelegt werden muss, belastet die Kirche, selbstverständlich. Als Institution muss sie ihre Sorgepflicht einlösen.

Die Frage ist doch eine andere: Wie lange sind Gemeinden bereit, das Hauptamt zu tragen? Meine Kirchenältesten haben mir in den 1980er-Jahren, als ich Mähdrescher fahren wollte, gesagt: »Nein, Herr Pastor, Sie machen die Predigt und wir fahren den Mähdrescher.« Damit hat der Kirchenälteste gesagt: Wir wollen von dir, dass du da bist für uns, und dafür sorgen wir. Wenn das nicht mehr gelten sollte, wenn die Gemeinde nicht mehr für die hauptamtlichen Verkündigungsdienstmitarbeitenden sorgen könnte, dann wird sich Kirche umstellen.

Die Frage nach den Besitzständen hat Werner Krusche schon damals gestellt. »Sind unsere Besitzstände nicht Hinderungsgründe für den Fortgang der Reformation?« Er redet in dem Zusammenhang dann auch von der Babylonischen Gefangenschaft. Wir sind gefesselt an Tradition, an Besitz, die marktüblichen Gesetze. Übrigens, so denke ich, ist keine Reformation aus eigenem Willen hervorgebracht worden.

Zu guter Letzt: Wenn Sie sich nicht mit solchen Fragen beschäftigen, wie und wo tanken Sie auf?
Stawenow: Es ist vor allem die beständige Beschäftigung mit dem Wort Gottes, in Gemeinschaft oder allein, die Bibellese am Morgen mit meiner Frau oder die Predigtvorbereitung, die Bibelarbeiten im Bischofskonvent oder der sonntägliche Gottesdienst, Tagungen.

Aber auch der Urlaub ist wichtig und die kleinen Auszeiten dazwischen, Tage bei den Kindern oder Eltern. Wenn es geht, setzen meine Frau und ich uns abends noch mal zusammen, haben Zeit miteinander und genießen sie. Das ist wie ein kleines Ritual.

Gern spiele ich im Posaunenchor mit. Leider kann ich nicht immer bei den Gottesdiensten und Auftritten dabei sein. Aber auch das Proben macht mir sehr viel Freude.

Ist bald Urlaub in Sicht?
Stawenow: Demnächst. Wir wissen noch nicht, wohin wir fahren. Höchstwahrscheinlich nach Mecklenburg. Mit den Fahrrädern entlang der Mecklenburger Seenplatte, und wir nehmen das Zelt mit.

Dr. Christian Stawenow wurde 1955 in Seegrehna (bei Wittenberg) geboren. Nach seinem Studium der Theologie in Naumburg war er als Gemeindepfarrer in Schafstädt und Delitzsch tätig. Nebenbei war er Dozent an der Kirchenmusikhochschule Halle sowie beim Kirchlichen Fernunterricht. 1996 wurde er Superintendent des Kirchenkreises Eilenburg. 2006 wurde er Superintendent des Kirchenkreises Torgau-Delitzsch. Die Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wählte ihn im März 2012 zum Regionalbischof des Propstsprengels Eisenach-Erfurt. Christian Stawenow ist verheiratet und hat fünf Kinder.

Die fröhliche Dienstgemeinschaft

8. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Neustart: Pfarrer Christoph Stolte hat am 1. Juli sein Amt als Vorsitzender von Ostdeutschlands größtem Wohlfahrtsverband, der Diakonie Mitteldeutschland, angetreten. Katja Schmidtke sprach mit dem 51-Jährigen über einen außergewöhnlichen Sommer, reizvolle Perspektivwechsel und eine »fröhliche Dienstgemeinschaft«.

Reisen, Ruhe, Müßiggang: Sommerzeit ist Urlaubszeit. Bei Ihnen sieht das in diesem Jahr etwas anders aus. Ein außergewöhnlicher Sommer?
Stolte: Das ist er, zweifelsohne. Der Abschied von der Diakonie-Stadtmission Dresden, dazwischen eine Pause und dann der Start in der Diakonie Mitteldeutschland. Ich freue mich, bin neugierig, und natürlich ist da auch eine gesunde Anspannung bezüglich dessen, was auf mich zukommt.

Worauf freuen Sie sich besonders?
Stolte: Der Reiz ist es, Diakonie aus der Verbandsperspektive wahrzunehmen und diese selbst einzunehmen, aufbauend auf den Erfahrungen, die ich aus der Vorstandsarbeit der Stadtmission Dresden mitbringe. Ich wechsele die Perspektive und bleibe dennoch in der Diakonie, wo ich mich mit Leidenschaft zu Hause fühle.

Fotos: Willi Wild, Katja Schmidtke

Fotos: Willi Wild, Katja Schmidtke

Was werden die großen Themen Ihrer Arbeit sein?
Stolte: Armut. Wo sind Menschen in Not, wo ist Teilhabe eingeschränkt, wo entwickelt sich Armut neu – all das werden wir beobachten und darauf nicht nur hinweisen, sondern an Lösungen mitarbeiten. Das Thema Altersarmut wird uns beschäftigen, weil immer mehr Menschen aufgrund gebrochener Berufsbiografien in den letzten 25 Jahren ihr Alter mit sehr kleinen Renten oder Grundsicherung bestreiten werden müssen.

Sie sprachen die gesellschaftliche Teilhabe an. Inklusion wird gerade heftig diskutiert, selbst diakonische Werke haben sich kritisch über die praktische Umsetzung geäußert. Ist das Bundesteilhabegesetz ein Spargesetz?
Stolte: Inklusion ist die große Vision von gleichberechtigter Teilhabe jedes Menschen. Diese Vision ist auch biblisch gut fundiert, aber sie konkret zu leben, ist die Herausforderung. Das neue Bundesteilhabegesetz richtet sich an Menschen mit Behinderungen und rückt den Einzelnen ins Zentrum. Jeder Mensch mit Behinderung soll sein Leben so gestalten, wie er möchte. Und wir müssen schauen, wie es in den Ländern, Landkreisen und Kommunen gelingt, dass der Einzelne an Gemeinschaft und Arbeit teilhaben kann. Das ist ein Entwicklungsprozess mit vielen kleinen Schritten. Die Gefahr ist, dass wir uns damit abfinden, dass ein Mensch mit Behinderung grundsätzlich am Rande des Existenzminimums lebt – und das reduziert gesellschaftliche Teilhabe um ein ganzes Stück.

Heute leben viele Menschen mit Behinderungen in Wohnheimen, arbeiten in Werkstätten. Das wird sich ändern.Wir werden eine größere Vielfalt an Betreuung haben, vom Wohnheim bis zu individuellen Formen. Keine ist grundsätzlich besser oder schlechter. Maßstab ist der einzelne Mensch und was er möchte. Das erfordert ein großes Umdenken, auch in der Gestaltung von Arbeit, Arbeitszeiten und Dienstplänen. In der Diakonie wird es zu geteilten Diensten führen, zu einer höheren Flexibilität von täglicher Dienstzeit, wir werden keine Dienstpläne mehr über acht Wochen hinweg festlegen können. Natürlich ist es ein Spannungsfeld, Unterstützung auf der einen Seite so zu gestalten, wie es der einzelne Mensch braucht, und auf der anderen Seite Arbeitszeiten festzulegen, die dem Lebens- und Familien­rhythmus von Mitarbeitern entsprechen.

Mit der Diakonie kamen Sie während Ihres Zivildienstes erstmals in Berührung und haben Ihre Berufslaufbahn nach Vikariat und Pfarrdienst bei der Diakonie in Dresden fortgesetzt. Haben Sie kulturelle Unterschiede bemerkt zwischen Ost und West?
Stolte: Kulturunterschiede, das ist mir ein zu starkes Wort. Natürlich gibt es unterschiedliche Lebenssituationen, denken Sie an das Thema Armut. Wir sind auf dem Weg in eine deutlich vielfältigere Gesellschaft, in diesen Lernprozessen sind westdeutsche Gesellschaften weiter. Ich bin am Rand des Ruhrgebiets aufgewachsen, bin mit den Kindern der ersten Gastarbeitergeneration zur Schule gegangen, das war für mich alles ganz normal. Die Entwicklung zu einer bunten Gesellschaft wird uns hier im Osten beschäftigen. Ich sehe darin viele Chancen. Wir werden uns alle verändern und voneinander lernen. Die Diakonie in den neuen Ländern ist flexibel und hat einen großen Erfahrungsschatz, wie mit gesellschaftspolitischen Veränderungen umzugehen ist.

Sie haben in Marburg, Göttingen und São Paulo studiert. Danach sind Sie nach Sachsen gegangen. Warum?
Stolte: Meine Frau und ich haben Freunde in Sachsen und waren schon als Schüler dort, der Osten war uns nicht unbekannt. Nach Ende des Studiums entschieden wir uns aus einem einfachen Grund dafür, nach Sachsen zu gehen: Neugier. Wir stellten uns damals die Frage, wo wir leben wollen, wo viel passiert und vieles möglich ist. Zu Beginn meines Vikariats im Sommer 1994 sind wir fröhlich nach Leipzig gezogen. Das war und ist gut und richtig. Wir sind gerne in diesem Teil Deutschlands, wir wollen bleiben. Hier ist Heimat, wir sind angekommen.

Sachsen-Anhalt und Thüringen kennen Sie bislang nicht so gut wie Sachsen. Worauf freuen Sie sich besonders?
Stolte: Darauf, die vielen kleinen, aber geschichtlich und kulturell prägenden Städte kennenzulernen. Da kommt mir zugute, dass ich diesen Sommer einige der insgesamt 1700 Einrichtungen der Diakonie Mitteldeutschlands besuchen werde.

Sommerlogo GuHIch war am 28. Mai bereits in Wittenberg, da ich leidenschaftlicher Posaunenspieler bin. Als einer der 6?000 Bläser habe ich mit meinem ältesten Sohn unter der sengenden Sonne schöne Musik gemacht. Das war eine wunderbare Erfahrung. Da sind wir angedockt an diese Region. Mit der Familie wollen wir uns im Sommer die Weltausstellung Reformation ansehen.

Wird Ihre Familie nach Halle ziehen?
Stolte: Ja, aber erst nächsten Sommer, damit unser Sohn noch in Sachsen Abitur machen kann und nicht kurz vorm Abschluss die Schule wechseln muss.

Wie verbringen Sie den Sommer?
Stolte: Ich genieße es, im Sommer nach der Arbeit viel draußen zu sein. Ich bin leidenschaftlicher Läufer. Sommerkonzerte, Open-Air-Kino, das finde ich reizvoll. Wir verreisen jedes Jahr an einen anderen Ort. Wohin, das wird im Herbst gemeinsam ausgehandelt. Dieses Jahr an die Nordsee. Wir fahren Rad und werden zusammen kochen – Dinge, für die wir im Alltag nicht so viel gemeinsame Zeit haben. Ferienbedingt ist mein erster Arbeitstag am 17. Juli.

Sie haben sich den Kollegen in der Geschäftsstelle in Halle bereits vorgestellt, eine Andacht gehalten. Was erwartet die rund 100 Mitarbeiter? Was sind Sie für ein Chef?
Stolte: Ich habe den Kollegen Mut gemacht: Gute Lösungen finden wir nur gemeinsam. Der große Reichtum liegt in uns: der Bandbreite der Männer und Frauen hier, der Bandbreite ihrer Berufe – Theologen, Pädagogen, Juristen, Betriebswirte. Jeder soll seine Fachlichkeit und Persönlichkeit einbringen, und meine Hoffnung ist, dass wir Lösungen erarbeiten, die mehr sind als die addierte Summe der Einzelgedanken. Als ich das bei der Andacht am 19. Juni sagte, habe ich in sehr offene, freundliche Gesichter geschaut.

Im Leitbild der Geschäftsstelle steht übrigens die wunderbare Kombination von »fröhlicher Dienstgemeinschaft«. Das drückt Leichtigkeit aus, Humor, gemeinsam auf dem Weg sein. Fröhlich unterwegs sein, auch bei schwierigen Themen, heißt beweglich genug zu sein, noch einmal anders zu denken.

Die Flüchtlingskrise hat in den Kirchen zu einem großen Aufschwung geführt. Sie hat gezeigt, was an ehrenamtlichem Potenzial vorhanden ist. Wie lässt sich das erhalten und fortsetzen?
Stolte: Die Kirchen waren sehr offen, mit anderen gesellschaftlichen Akteuren zusammenzukommen. Sie waren der Partner, der alle versammelt. Ich hätte noch vor drei Jahren gedacht, Kirche hätte da viel weniger Energie – und das in einer Gesellschaft, von der wir oft behaupten, jeder denke nur an sich. Das stimmt nicht. Gerade bei jungen Menschen war die Bereitschaft groß. Wir haben noch viel Potenzial, müssen uns aber umstellen. Vieles wird spontaner, flexibler, weniger strukturiert-organisiert. Die Diakonie kann dabei helfen, ich denke da an die Qualifizierung von Ehrenamtlichen und eine gute Vernetzung mit Hauptamtlichen.

Ihr Vorgänger, Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg, hat für einen Schulterschluss von Kirchengemeinden und Diakonie geworben. Wie sehen Sie das?
Stolte: Wir müssen davon wegkommen, in Strukturen zu denken. Da eine GmbH, ein Verein, eine Stiftung – das sind alles Hilfsformen, um unseren Auftrag gut zu verrichten. Theologisch ist Diakonie ein Teil der Kirche. Viele Mitarbeiter verstehen sich als Teil der Kirche, auch nichtkonfessionell Gebundene. Das Verständnis von Kirche und ihrer Diakonie zeigt sich bis in die EKM-Verfassung: Der Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werkes ist Mitglied des Landeskirchenrats; auch, dass die Landessynode die letzte Entscheidung bei der Personalbesetzung hat, ist Ausdruck eines Gesamtverständnisses.

Und wie kommt dieses Verständnis an die Basis, an die Kirchengemeinden und diakonischen Werke?
Stolte: In Dresden habe ich dafür geworben, dass der Gottesdienst im Seniorenheim auch im Gemeindeblatt angekündigt wird, denn auch die diakonische Einrichtung ist ein Ort der Kirche. In vielen Gemeinden ist uns das gelungen und es kamen Menschen aus dem Stadtteil ins Pflegeheim, weil es näher ist oder die Zeit passender, weil das Heim barrierefrei ist oder man sowieso eine Nachbarin besuchen wollte. Und plötzlich wächst es ineinander.

Christoph Stolte stammt aus Unna (NRW). Er leistete seinen Zivildienst bei der Diakonie Bayern, studierte in Marburg und Göttingen evangelische Theologie und war Stipendiat des Lutherischen Weltbunds in São Paulo (Brasilien), wo er katholische Theologie studierte. 1994 begann er sein Vikariat in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Er war Gemeindepfarrer in der Region um Bautzen und acht Jahre Stadtjugendpfarrer von Dresden. Stolte leitete anschließend fast zehn Jahre lang die Diakonie-Stadtmission Dresden mit 1?400 Mitarbeitern. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Hahne zwischen Torte und Tatort

30. Juni 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Donnerwetter in Stotternheim: Der TV-Moderator, Kolumnist, Bestseller-Autor und Theologe Peter Hahne kommt an jenen Ort bei Erfurt, wo einst Martin Luther in Todesangst gelobte, Mönch zu werden. Der streitbare Journalist stand Willi Wild Rede und Antwort.

Die Form des Reformations-Gedenkens ist umstritten. Wie erleben Sie das Lutherjahr?
Hahne: Ich persönlich, mit überfüllten Veranstaltungen voller neugieriger, erwartungsfroher Leute! Und ich merke: Luthers uralte Frage nach dem gnädigen Gott ist topaktuell. Am zweiten Januarsonntag stand ich auf Luthers Kanzel in Wittenberg und sagte: »Hoffentlich hat seine Grabeskirche nebenan eine gute Statik, denn der Reformator rotiert, wenn er manche Programmpunkte sieht.« Mir ist da zu viel Politik und Allotria. Vor allem: viel zu defensiv, akademisch und voller Selbstmitleid über das, was Luther angeblich alles falsch gemacht hat.
Am Lutherstein werde ich bekennen: Ich bin stolz, ost-westfälischer Lutheraner zu sein, denn ihm verdanke ich das Wichtigste: die Bibel, den Blick aufs Kreuz.

Warum mischen Sie sich nach wie vor in die innerkirchlichen Debatten ein und löcken wider den Stachel?
Hahne: Weil ich die Kirche noch nicht aufgeben will, wie die allermeisten meiner Kollegen, um Gottes und auch Luthers Willen. Es gibt so viele lebendige Gemeinden und prima Pastoren! Aber wenn man von kirchensteuer-bezahlten Funktionären belächelt wird, weil man an die Auferstehung oder die Wunder von Jesus Christus glaubt oder meint, dass der Weg zum Himmel allein über das Kreuz führt, dann platzt mir der Kragen.

Stein des Anstoßes: TV-Moderator Peter Hahne ist gespannt darauf, an dem Ort zu sprechen, wo für Martin Luther alles begann. Am Sonntag, 17 Uhr, predigt er bei einem Gottesdienst unter freiem Himmel am Lutherstein bei Stotternheim. – Foto: ZDF

Stein des Anstoßes: TV-Moderator Peter Hahne ist gespannt darauf, an dem Ort zu sprechen, wo für Martin Luther alles begann. Am Sonntag, 17 Uhr, predigt er bei einem Gottesdienst unter freiem Himmel am Lutherstein bei Stotternheim. – Foto: ZDF

Sie kritisieren den Kirchentag und die EKD, obwohl Sie selbst 18 Jahre als Mitglied des Rates der EKD der Kirchenleitung angehörten. Warum?
Hahne: Ja, genau darum. Mitarbeiten ist die einzig legitime Kritik. Ich halte bis heute unentwegt Vorträge in Kirchengemeinden mit Klartext aus der Bibel, wie Luther es uns lehrte. Das zieht Menschen an, die noch nie eine Kirche von innen gesehen haben. Ich will weder ein Wohlfühl- und Wellness-Evangelium à la Kirchentag noch diese alles infrage stellende Theologie der leeren Kirchenbänke! Da weiche ich keinem Streit aus.

Was halten Sie in diesem Zusammenhang vom Rau-Motto »versöhnen statt spalten«?
Hahne: Ich kannte ihn gut, nicht nur aus vielen Interviews. Knallhart in Wahlkämpfen, aber immer mit Humor. Er war sich mit Richard von Weizsäcker einig: Kirche ist nicht dazu da, Politik zu machen, sondern Politik möglich zu machen. Deshalb sage ich nein, wenn ausgerechnet Kirchen bestimmte Parteien und deren Wähler ausgrenzen, statt ihnen den Raum für differenzierte Debatten zu geben. Unsere Gesellschaft ist in der Gefahr, dramatisch auseinanderzubrechen, bis hinein in Familien und Gemeinden.

Mit der katholischen Kirche gehen Sie nicht so hart ins Gericht. Vor einiger Zeit kursierte das Gerücht, Sie würden katholisch. Was ist da dran?
Hahne: Gerüchte zeigen, dass man noch am Leben ist (lacht laut). Nein, ich bin durch einen erwecklichen, pietistischen Pfarrer als Konfirmand zum Glauben gekommen, diese Wurzeln verleugne ich in keiner Talkshow, wie unlängst wieder bei den »Riverboat«-Kollegen im MDR. Nur wenn die aktuellen Päpste Benedikt und Franziskus in puncto Jesus oder Bibel lutherischer sind als Luthers Erben, dann kommt man schon ins Grübeln (schmunzelt) …

Was halten Sie von den Ökumene-Bemühungen im Reformationsjahr, wie »Healing of memories« (Heilung der Erinnerung) oder anderen gemeinsamen Gottesdiensten?
Hahne: Das wird alles längst an der Basis praktiziert! Und darauf kommt es mir an. Die TV-Inszenierungen mit theatralischen Umarmungen sind nicht mein Ding. Aber wenn eine engagierte erz-katholische Familie extra ihren Urlaub verlegt, um zum Lutherstein am kommenden Sonntag zu kommen, dann ist das gelebte Basis-Ökumene.

Die beiden großen Kirchen verlieren immer mehr Mitglieder. Wie kann dieser Trend Ihrer Meinung nach gestoppt werden?
Hahne: Einziger Trend-Stopper, und das beantwortet auch Ihre Frage nach den Gründen: Zurück zum kirchlichen Marken-Kern und zu dem, was uns Christen konkurrenzlos wichtig macht: die Hoffnung des auferstandenen Christus über den Tod hinaus! Finger weg von Parteipolitik! Alles lassen, was Gewerkschaften oder Krankenkassen besser können. Ich wünsche mir eine missionarisch-fröhliche Kirche, die aus der Frohbotschaft keine Drohbotschaft macht, voller Vorschriften von Ökologie bis Gender oder Politik.

Was verbindet Sie mit dem Reformator Luther?
Hahne: Moderator Hahne und Reformator Luther haben das gleiche Handwerkszeug, so wie Sie und Ihre gern gelesene Zeitung: Wir wollen, dass eine wichtige Nachricht ankommt. Dazu müssen beide sauber recherchieren, verständlich formulieren, ansprechend präsentieren, damit es die Leute interessiert und motiviert. Nichts anderes will ich in Stotternheim.

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Stotternheim ist nun nicht das Zentrum der Reformation. Warum kommen Sie zum Lutherstein-Gottesdienst?
Hahne: Weil mich die sehr lebendige Gemeinde vor Ort eingeladen hat und weil ich es spannend finde, genau an der Stelle reden zu dürfen, wo quasi alles begann. Insofern ist Stotternheim doch der Nabel der Reformation (lacht).

Welche Botschaft haben Sie im Gepäck?
Hahne: Die von Luthers Wende in Stotternheim: Wer sich auf Gott verlässt, ist nie verlassen. Wer sich an den hängt, der am Kreuz hängt, hängt nicht durch. Denn wer auf sein Wort baut, steht auf festem Fundament.
Also lade ich alle herzlich ein, mit Klappstuhl und Sonnenschirm, zu: Hahne zwischen Torte und Tatort!

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Am Sonntag, 2. Juli, 17 Uhr, wird der ZDF-Moderator und Theologe Peter Hahne am Lutherstein bei Stotternheim (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) in einem Gottesdienst unter freiem Himmel die Predigt halten. Musikalisch wird der Gottesdienst von der Stotternheimer Kirmesband umrahmt. Bei starkem Regen wird der Gottesdienst in die Stotternheimer Kirche verlegt. In diesem Gottesdienst wird ein neuer Steinaltar in Dienst genommen, der auf den Lutherstein Bezug nimmt.

Auf dem Lutherstein steht: »In einem Blitz vom Himmel wurde dem jungen Luther hier am 2. Juli 1505 der Weg gewiesen.« Auf dem Steinaltar wird ein Satz aus der Bibel stehen, der zum Nachdenken anregen soll: »Weise mir, Herr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit.« (Psalm 86, Vers 11) Mit diesem Steinaltar soll das Projekt der Grünen Kirche am Lutherstein vollendet werden, dass vor einigen Jahren mit einer Baumpflanzung begonnen wurde. Die Bäume erinnern in ihrer Anordnung an die Säulen eines Kirchenschiffs.

Hintergrund: Am 2. Juli 1505 kam Martin Luther, damals noch Jura-Student, auf dem Weg von Mansfeld nach Erfurt nahe Stotternheim in ein schweres Gewitter. In Todesangst betete er und legte ein Gelübde ab: »Hilf du, Sankt Anna, ich will ein Mönch werden.« 14 Tage später erfüllte er dieses Gelübde und trat in das Erfurter Augustinerkloster ein. Dieses Ereignis war eine wichtige Weiche in Luthers Leben und auf seinem Weg zum Reformator. Auf dem Lutherstein wird es sogar als »Werdepunkt der Reformation« bezeichnet. Der Lutherstein wurde im Jahr des 400. Reformationsjubiläums, 1917, errichtet. In diesem Jahr wird er 100 Jahre alt.

www.kirche-stotternheim.de

Schluss mit Klimpern?

25. Juni 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Kollekte: Die Kirchengemeinden ärgern sich über Gebühren für Münzgeld bei Banken und Sparkassen – und suchen nach Lösungen.

Mal sind es 189,33 Euro, mal 267,94 Euro, am Gründonnerstag waren es nur 13,57 Euro: die Beträge, die Sonntag für Sonntag in der evangelischen Reglergemeinde in Erfurt im Kollekten-Körbchen landen, sind höchst unterschiedlich. Insgesamt aber freut sich Pfarrerin Gabriele Lipski: »Unsere Gemeinde spendet richtig viel.« Seit einiger Zeit ist diese Freude aber getrübt. Denn wenn Ga­briele Häußler vom Gemeindebüro die gespendeten Münzen montags bei der Bank einzahlen will, werden dafür seit Kurzem Gebühren fällig.

Die Sparkasse Mittelthüringen nimmt das Münzgeld nur noch in verschließbaren Sicherheitsbeuteln an. Pro Beutel müssen zehn Euro gezahlt werden. Entsprechend fielen die Reaktionen in der Gemeinde aus: »Alle Kreise waren wirklich entsetzt und haben gesagt: Das kann doch nicht wahr sein!«, sagt die Pfarrerin.

Kleingeld für große Aufgaben: Gemeindehaus oder Orgelsanierung – Kirchengemeinden sind auf Spenden angewiesen. – Foto: Markus Wetterauer

Kleingeld für große Aufgaben: Gemeindehaus oder Orgelsanierung – Kirchengemeinden sind auf Spenden angewiesen. – Foto: Markus Wetterauer

Kein Einzelfall. Das Problem mit den Gebühren fürs Geldzählen betrifft inzwischen fast alle Gemeinden in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Finanzdezernent Stefan Große nennt ein Beispiel: So hat die Kirchengemeinde Wittenberg im vergangenen Jahr stolze 1 800 Euro an Gebühren gezahlt. »Das erschwert das traditionelle Kollekten-Sammeln erheblich«, sagt er.

Die Sparkasse nennt zwei Gründe für die Gebühren. Zum einen hat die EU die Kreditinstitute verpflichtet, die eingezahlten Münzen auf Falschgeld zu kontrollieren. Das ist aufwendig und damit teuer. Zum anderen waren die bisher verwendeten Zählautomaten für Münzgeld oft kaputt, erklärt Sparkassen-Sprecherin Ka­tharina Höhne: »Das lag daran, dass mit dem Geld häufig Fremdkörper hineingelangt sind. Da ist ein Stückchen Stroh von den Körbchen mit reingekippt worden. Da ist mal ein bisschen Dreck dabei, eine Büroklammer oder Spielgeld.« Die Folge: Die Zählautomaten mussten ständig gereinigt und repariert werden. Jetzt zählt eine Firma im Auftrag der Sparkasse das Geld. Die Kosten dafür werden an die Kunden weitergegeben. Inzwischen werden bei so gut wie allen Kreditinstituten Gebühren für Münzgeld fällig – nur bei den Filialen der Bundesbank kann noch kostenlos gezählt werden.

Auch bei der Sparkasse Mittelthüringen hat sich die Situation etwas entspannt. Nach Protesten aus den Gemeinden werden jetzt pro Münzbeutel nicht mehr zehn, sondern nur noch drei Euro an Gebühren fällig, wie Pfarrer Ricklef Münnich erläutert, der Pressesprecher des ev. Kirchenkreises Erfurt. Außerdem gibt es nach seinen Angaben als Zugeständnis des Kreiskirchenamts an die Gemeinden die Möglichkeit, die Kollekten nicht mehr jede Woche, sondern nur noch alle zwei bis drei Wochen einzuzahlen. Auch dadurch ergeben sich noch mal niedrigere Gebühren. »Die Sparkasse ist uns entgegengekommen«, sagt Münnich. »Das ist vertretbar.«

Auch Sparkassen-Sprecherin Höhne wirbt um Verständnis. »Natürlich sind Kirchen und Vereine davon möglicherweise besonders betroffen«, sagt sie. »Aber wir haben diese Gebühren nicht aus reiner Willkür festgelegt oder um besonders viel Geld zu verdienen, sondern einfach, um die Kosten zu decken, die mit diesem Angebot entstanden sind.« Wenn für andere Dienstleistungen wie Telefon oder Internet Gebühren fällig werden, würden diese ja von den Kirchen oder Vereinen auch gezahlt.

Keine Frage: Auch Regler-Pfarrerin Gabriele Lipski findet die niedrigeren Gebühren besser. Zufrieden ist sie dennoch nicht. »Ich würde mir natürlich wünschen, dass es nichts kostet. Denn das sind Spendengelder. Kein Mensch hat daran Gewinn. Schön ist das nicht.« Deshalb hat sie sich mit Gemeindegliedern überlegt, ob es Alternativen gibt. Eine Idee: viele kleine Händler brauchen Münzgeld zum Wechseln, und müssen dafür bei den Banken auch zahlen. So entstand die Überlegung, »eine Art Win-win-Situation zu schaffen: Wir tragen zu den Händlern unser Geld und die geben uns Scheine dafür«, sagt Lipski, schränkt aber gleich ein: »Das ist alles sehr mühsam. Es muss jemand rollen und hinbringen und wir müssen immer einen Händler haben, der das gerade braucht.« Auch kleine Spenden-Chips, die vorher im Gemeindebüro gekauft werden und dann in den Klingelbeutel geworfen werden, hält sie für deutlich umständlicher als Bargeld.

»Eine Patentlösung gibt es nicht«, sagt auch EKM-Finanz-Chef Stefan Große. In kleineren Gemeinden wechseln manchmal Ehrenamtliche die gesammelten Münzen in Scheine, die danach ohne Gebühren aufs Konto eingezahlt werden können, berichtet er. In Kirchen mit vielen Touristen als Besucher, wie der Taufkirche in Eisleben, könnte ein elektronischer Opferstock die Lösung sein. »Hier fallen aber auch Anschaffungskosten an«, gibt Große zu bedenken. Wie er sieht auch Sparkassen-Sprecherin Katharina Höhne künftig im Spenden per Bank-Karte oder Handy eine Möglichkeit. Bei kleineren Beträgen ist das ohne Geheimzahl oder Unterschrift machbar.

Schweden hat seit etlichen Jahren Erfahrung damit. Dort stehen in vielen Kirchen »Kollektomaten«. Die Geräte sehen so ähnlich aus wie Geldautomaten. Gottesdienst-Besucher spenden mit ihrer Bank-Karte. Am Bildschirm wählen sie den Betrag und den Zweck (Orgel-Reparatur, neue Gesangbücher oder vielleicht doch lieber Brot für die Welt?). Wer seine Steuer-Nummer eingibt, bekommt gleich noch eine Spenden-Quittung fürs Finanzamt dazu.

Pfarrerin Lipski will, wie die meisten ihrer Kollegen, zumindest vorläufig am traditionellen Kollekten-Modell mit Körbchen und Münzen festhalten. »Mir ist noch keine bessere Lösung eingefallen«, sagt sie, und fügt lachend dazu: »Außer, dass alle nur noch Scheine einwerfen.«

Markus Wetterauer

Gott in allem, was wir sind und tun

19. Juni 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Gott wohnt im Gehirn: Diese These vertreten manche Hirnforscher, doch kann man sie ganz unterschiedlich verstehen. Aus christlicher Perspektive ist man versucht zu sagen: Ja, da auch!

Der christliche Glaube versteht Gott als jemanden, der uns allen jederzeit gegenwärtig ist. Und so wie er in uns und in allen Dingen der Schöpfung gegenwärtig ist, so ist er es auch in unserem Gehirn.

Martin Luther hat deshalb behauptet, dass Gott nicht nur größer ist als alles, was überhaupt groß genannt zu werden verdient, von ihm gilt auch: »Nichts ist so klein, Gott ist noch kleiner …« Für Luther waren solche Überlegungen der Hinweis darauf, dass Gott nicht ein ausgestrecktes, langes, breites, dickes, hohes oder tiefes Wesen ist, sondern dass für ihn gilt, dass er auf wunderbare Weise allen und in allem ganz gegenwärtig sein kann. Im Gehirn eingesperrt ist er auf jeden Fall nicht.

Aber die These von Gott im Hirn ist ja meist so gemeint, dass Gott verstanden werden muss als Hirngespinst oder Kopfgeburt. Wann immer wir eine Hand oder einen Fuß bewegen, geschieht dies aufgrund von Gehirnvorgängen. Kann es nun nicht auch sein, dass unsere Gehirne überhaupt oder die Gehirne von religiösen Menschen im Besonderen so gebaut sind, dass sie religiöses Empfinden und damit dann auch Gottesvorstellungen hervorbringen? Immerhin hat man nachgewiesen, dass bei Menschen, die im Gebet oder in der Meditation versunken sind, bestimmte Bereiche im Stirnhirn, die mit Konzentration, Aufmerksamkeit und sozialem Empfinden zu tun haben, verstärkt aktiv sind. Andere Bereiche dagegen, die beim rationalen Denken, beim Sehen oder bei der Raum-, Zeit- und Köperwahrnehmung besonders beansprucht werden, zeigen eine reduzierte Aktivität.

Gibt es das »Gottesmodul« in unserem Gehirn? Forscher haben angeblich Hirnstrukturen entdeckt, die für Religion, Spiritualität und möglicherweise den Gottesgedanken direkt verantwortlich sind. Illustration: Yuriy Mazur-fotolia.com

Gibt es das »Gottesmodul« in unserem Gehirn? Forscher haben angeblich Hirnstrukturen entdeckt, die für Religion, Spiritualität und möglicherweise den Gottesgedanken direkt verantwortlich sind. Illustration: Yuriy Mazur-fotolia.com

Was sagt das über damit verbundene Gottesvorstellungen? Zunächst einmal herzlich wenig. Denn das dürfte schon seit Langem klar sein, dass alles, was wir wahrnehmen, empfinden und denken, auf Vorgängen im Gehirn beruht und deshalb auch einen Niederschlag in diesen Vorgängen findet. Auch Religion und Spiritualität spiegeln sich in den Untersuchungen der Hirnforscher, ebenso wie Kunst, Musik, Gefühle, aber auch die Prozesse, die die Hirnforschung selbst möglich machen.

Aufregender wird der Befund durch die Behauptung einiger Forscher, man habe Gehirnstrukturen entdeckt, die für Religion, Spiritualität und möglicherweise den Gottesgedanken direkt verantwortlich sind. Ein Forscher hat gar vom »Gottesmodul« gesprochen und ein wenig selbstironisch darüber spekuliert, ob eine operative Entfernung von Teilen des Schläfenlappens einer Entfernung des Gottesglaubens aus dem Denken dieser Person gleichkäme. Gott selbst wäre dann nichts anderes als das Produkt des Gehirns.

Da es Religion mit etwas zu tun hat, was wir mit unseren Sinnen in der Erfahrungswirklichkeit nicht direkt wahrnehmen können, liegt die These nahe, dass die Vorstellungen, die Begriffe und Bilder der Religionen, wie Wunder, Seele, Geist, ein Leben nach dem Tod oder eben die Vorstellung eines Gottes, nichts anderes sind als Gedanken. Und ihre Überzeugungskraft würden diese Gedanken dadurch erhalten, dass sie durch die Strukturen unseres Gehirns wie von selbst entstehen und sich unserem Denken und unserer Vorstellungskraft aufdrängen, ohne dass es etwas Entsprechendes in der Wirklichkeit gibt. Durch die in unserem Gehirn gelegten neuronalen Pfade bringt unser Denken Gott hervor.

Doch das alles ist durch Experimente schwer zu belegen. Im Jahr 2004 hatte ein »Manifest« von elf deutschen Hirnforschern noch behauptet, man werde bald allen menschlichen Empfindungen auf ihre neuronale Spur kommen und sie mit Hilfe der Hirnforschung erklären können. Und das würde dann auch ihre Manipulation durch Psychopharmaka oder gar operative Eingriffe möglich machen. Religion oder Religionslosigkeit auf Rezept, gewissermaßen. Doch inzwischen ist deutlich geworden, dass Gefühle überhaupt und religiöse Erfahrungen oder gar Glaubensvorstellungen viel zu komplex sind und zum Beispiel auch von sprachlichen, kulturellen, körperlichen und je individuellen Prägungen abhängen, als dass man sie auf die Aktivität von Gehirnarealen reduzieren und sie einfach an- oder abschalten könnte.

Man kann sich das auch an anderen Phänomenen klarmachen. Wenn wir zum Beispiel Schmerzen empfinden, werden bestimmte Areale in unserem Gehirn besonders aktiv. Wir können auch die diese Aktivität auslösenden Nervenleitungen feststellen. Wir haben dann ein ganzes Netz von Ursachen und Wirkungen, von denen wir sagen, dass sie das Schmerzempfinden auslösen. Das alles macht aber den Schmerz in seiner Schmerzhaftigkeit nicht erträglicher. Erklärter Schmerz hört nicht auf, wehzutun und uns in unserem Leben zu beeinträchtigen. Der Schmerz verlangt nach einem Verstehen, das über das Erklären hinausgeht. Wir müssen ihm eine Deutung, einen Sinn geben. Aber niemand kann garantieren, dass die Deutung sich für jemanden konkret bewährt. Oft ist fraglich, ob der Sinn, den wir dem Schmerz geben, dem konkreten Schmerz standhält.

Ähnlich verhält es sich mit der Freude, der Liebe, der Gelassenheit. Der Sinn, den wir unseren Erfahrungen oft erst nachträglich geben können, liegt nicht in den Erfahrungen, er liegt jenseits von ihnen. So ähnlich scheint es mir mit »religiösen« Erfahrungen zu sein. Sie sind mit bestimmten Gehirnvorgängen verbunden. Aber dass wir sie als etwas verstehen, in dem uns Gott begegnet oder sich uns der Sinn unserer Existenz erschließt, ein bestimmter Schmerz für uns erträglich wird, wir uns unserer Schuld schmerzhaft bewusst werden oder gelassen mit uns ins Reine kommen, ist etwas, das jenseits dieser Erfahrungen liegt.

Nichts ist von sich aus eine Erfahrung Gottes, aber alles kann zur Got­teserfahrung werden. Denn Gott ist nicht eine Erfahrung unter anderen, Gott ist der Grund und das Ziel aller Wirklichkeit. Dass uns das aufgeht, dass wir uns als getragen und herausgefordert sehen durch den alles tragenden Grund der Wirklichkeit, ist ein Hinweis auf Gott selbst, der größer ist als alles, was uns groß erscheint, und der kleiner ist als alles, was unbedeutend scheint, der uns vielmehr näherkommt, als wir uns selbst nahekommen können, weil er auch das noch in unserem Leben zurechtbringt, bei dem wir versagen: bei unserer Lieblosigkeit uns und anderen gegenüber. Dann »wohnt« Gott nicht nur im Gehirn, sondern in allem, was wir sind und tun.

Dirk Evers

Mehr Hinweise dafür als dagegen

Wissenschaft und Glaube: Ein Physiker auf der Suche nach Gott

Albrecht Kellner wurde 1945 in Namibia geboren und studierte in Göttingen und Kalifornien Physik. Er promovierte über Einsteins Relativitätstheorie und war zuletzt stellvertretender Technischer Direktor der europäischen Raumfahrtfirma Astrium, einer EADS-Tochter. Über das schwierige Verhältnis zwischen Wissenschaft und Glaube sprach er mit Katja Schmidtke.

Der Physiker Albrecht Kellner. Foto: privat

Der Physiker Albrecht Kellner. Foto: privat

Herr Kellner, Sie sind Physiker und Christ. Was war zuerst in Ihnen, die Suche nach den Naturgesetzen oder die nach Gott?
Kellner:
Eigentlich beides. Ich bin christlich erzogen worden, evangelisch getauft, konfirmiert, aber meine persönliche Beziehung zu Gott habe ich erst viel später, mit 25 Jahren, gefunden. Als ich begann, Physik zu studieren, war ich neugierig auf ihre Gesetze, weil ich glaubte, in ihnen die Antwort auf die große Frage nach dem Sinn des Lebens zu finden. Ich wollte, um es mit Faust zu sagen, wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Aber ich merkte schnell: Darauf geben die Naturwissenschaften keine Antwort. Sie entdecken und beschreiben Gesetze, aber nicht, woher sie kommen, was ihr Hintergrund ist.

Es ist nicht möglich, Gott durch die Naturgesetze auf die Spur zu kommen?
Kellner:
Sie kennen das Heisenberg-Zitat: Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott. Tatsächlich herrschte ja bis zur modernen Physik, also bis zu Schrödinger, Einstein, Planck und Heisenberg eine große Dissonanz zwischen Naturwissenschaft und Glaube. Dann wandelte sich das Bild. Die Physik entdeckte, erforschte und beschrieb Gesetzmäßigkeiten, die biblischen Aussagen nicht fremd sind.

An was denken Sie konkret?
Kellner:
Bis zu Einstein ging die Wissenschaft beispielsweise davon aus, das Universum sei schon immer da gewesen, es habe keinen Anfang und kein Ende, und weil es keinen Anfang habe, hat es auch keinen Urheber. Aber die Urknall-Theorie besagt, dass das Universum aus dem Nichts entstanden ist, dass es vorher weder Materie noch Raum oder Zeit gab – und das finden wir auch in der Bibel, in der Schöpfungsgeschichte natürlich: »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« Oder im Hebräer-Brief: »Durch den Glauben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist, dass alles, was man sieht, aus nichts geworden ist.« Der Urknall ist ein Schöpfungsakt par excellence. Oder die Biologie: Bis vor etwa 150 Jahren war es für Wissenschaftler unvorstellbar, dass die Erde einmal wüst und leer war, so wüst und leer wie im 1. Buch Mose beschrieben und dass sich das Leben dann schrittweise entwickelt hat. Heute gehört das zum Allgemeinwissen.

Das allein ist kein Gottesbeweis.
Kellner:
Das stimmt. Wir können Gott nicht beweisen, zumindest nicht mit naturwissenschaftlichen Experimenten, und wir sollten biblische Aussagen auch nicht auf die naturwissenschaftliche Goldwaage legen. Aber für mich ist nicht zu leugnen, dass hinter all unseren Lebensbedingungen, der Art, wie unser Weltall und die Erde gemacht sind, hinter all den Naturgesetzen eine immense Intelligenz steckt.

Sie sind ein Vertreter des Intelligent Designs?
Kellner:
Ich bin kein Verfechter eines engen Kreationismus, nein. Ich möchte durch meine Vortragsarbeit für die Internationale Vereinigung Christlicher Geschäftsleute und Führungskräfte (IVCG) Vorurteile abbauen, dass Naturwissenschaft und Glauben dissonant sind, ich möchte darauf hinweisen, dass die moderne Physik zu Erkenntnissen gekommen ist, die mit biblischen Aussagen zumindest konvergent sind; auch wenn beispielsweise die Frage der zeitlichen Dimension noch offen ist. Die Naturgesetze liefern jedenfalls aus meiner Sicht mehr Hinweise für die Existenz eines Schöpfers als dagegen. Aber natürlich kann man Menschen durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse nicht dazu bringen, zu glauben. Nur das Evangelium führt zur Erfahrung des Sinns des Lebens.

www.ivcg.org

»Ich hänge nicht an Zahlen«

12. Juni 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Gesprächsbedarf: Im Reformationsjahr jagt ein Ereignis das nächste. Die Landesbischöfin der Lutherländer muss da allgegenwärtig sein. Für ein Gespräch mit Renate Wähnelt von der Kirchenzeitung hat Ilse Junkermann noch einen Termin im vollen Kalender freigeräumt.

Reformation geht weiter – so heißt der Slogan der EKM. Welche nachhaltigen Effekte erhoffen Sie sich vom Reformationsjahr und wo werden für Sie bereits Auswirkungen für die Kirchengemeinden sichtbar?
Junkermann:
Viele Gemeinden und Kirchenkreise haben wunderbare Ausstellungen, Theaterstücke und vieles mehr über ihre örtliche Reformationsgeschichte geschaffen. Zahlreiche Gäste sind gekommen, sodass viele ihren Ort mit den Augen der Gäste sehen lernen und stolz auf ihre Geschichte sind. Bei der Vorbereitung der Kirchentage haben sehr unterschiedliche Menschen zusammengearbeitet.

Gott und die Welt: Landesbischöfin Ilse Junkermann bezieht Stellung zu aktuellen Fragen. Foto: Viktoria Kühne

Gott und die Welt: Landesbischöfin Ilse Junkermann bezieht Stellung zu aktuellen Fragen. Foto: Viktoria Kühne

Ich bin sicher, dabei sind viele Fäden aus der Kirche heraus in die Gesellschaft, in das Gemeinwesen vor Ort hinein, gesponnen worden. Diese Entwicklung kann sich als nachhaltig erweisen. Und ich hoffe, dass wir sprachfähig werden im Glauben. Dass ich sagen kann, was Glauben mir bedeutet und mit mir macht.

Denken Sie, dass so der Mitgliederschwund gestoppt werden kann? Die Mitgliederzahlen in der EKM sind seit der Fusion von 1,1 Millionen auf 750 000 zurückgegangen. Finden Sie sich damit ab?
Junkermann:
Propst Kasparick hat immer wieder betont, dass wir nicht weniger werden, sondern mehr. Er hatte recht. Allerdings nicht mehr Mitglieder und Kirchensteuerzahler. Doch mehr Menschen kommen zu uns und arbeiten mit, in den Chören, bei der Flüchtlingsarbeit, an den Tafeln. Dort wird gemeinsam Christsein gelebt – auch von vielen ohne Kirchenmitgliedschaft. Das stellt uns vor die Frage, ob wir uns in erster Linie als einen Verein mit zahlenden Mitgliedern verstehen. Oder ob es vorrangig ist, Menschen auf dem Weg zu Glauben und Gemeinde zu begleiten, gemeinsam mit ihnen auf dem Weg zu sein.

Das klingt grundsätzlich. Was bedeutet es denn?
Junkermann:
Es ist grundsätzlich. Wir sind seit bald einem Jahrhundert in einem Transformationsprozess weg von der Staatskirche. In der DDR gab es eine Entwicklung zur Verkündigungskirche und Kirche als Lerngemeinschaft, die mit der Wende erst einmal ein vorläufiges Ende gefunden hat. Jetzt sollten wir wieder daran anknüpfen.

Christsein ohne Kirchenmitgliedschaft bedeutet, dass sich Kirche sehr verändern muss.
Junkermann:
Ja! Der »Apparat Kirche« hat sich schon mit der Fusion zur EKM geändert. Wir müssen uns weiter über eine Vereinfachung der Verwaltung Gedanken machen. Im Bischofskonvent und im Landeskirchenrat diskutieren wir, ob es wirklich nötig ist, Diakoniemitarbeitern und Lehrkräften zu kündigen, wenn sie nach einer gewissen Zeit ihre Loyalität nicht durch die Taufe »beweisen« wollen. Und: Ich bin froh über die Erprobungsräume für eine andere Gemeindearbeit. Wir müssen mehr schauen, was wir weglassen können, und stärker die Gaben nutzen, die in den Gemeinden vorhanden sind.

Das hört sich so an, dass es die Ehrenamtlichen richten sollen. Gemeinden und Kirchenkreise empfinden, dass »die da oben« entscheiden.
Junkermann:
Da hat sich doch bereits viel verändert durch die Gestaltungsmöglichkeiten der Kirchenkreise bei der Finanz- und Stellenplanung. Und ja, die Lektoren und Prädikanten sind ein großer Schatz für das gottesdienstliche Leben. Doch grundsätzlich steht an, dass wir Abschied nehmen von festen Bildern, wie Gemeinde sein muss. Das macht den Blick frei, darauf, welche Schätze und Gaben in einer Gemeinde sind, was konkret vor Ort als Aufgabe für Zeugnis und Dienst vor den Füßen liegt und mit wem – auch mit Nichtmitgliedern – so Gemeinde gebaut werden kann.

In den Gemeinden werden die Seelsorger vermisst. Kommt das bei Ihnen an?
Junkermann:
Bei mir kommt ein großer Schmerz an, was nicht oder nicht mehr geht. Ich spüre eine große Sehnsucht nach Trost und Zuspruch. Wir sind mitten in einer Entwicklung, die mit Trauer verbunden ist. Doch wie trauert eine Organisation, wie gestalten und begleiten wir diesen Trauerprozess? Da ist im Unterschied zur individuellen Trauer noch fast nichts erforscht.

Aus der Seelsorge wissen wir, Kraft zu Neuem wächst daraus, dass ich Trauer zulasse, mit all ihren Begleiterscheinungen, auch der Wut und dem Schmerz. Und dass mir dabei jemand zur Seite steht und zuhört. Ich fürchte, das ist bei allen noch nicht genügend im Blick, dass das zuerst dran ist. Das brauchen wir für den Bewusstseinswandel, dass Kirche und Gemeinde nicht dort sind, wo der Pfarrer ist. Gemeinde ist da, wo ich als Christ mit anderen Christen bin. Wichtig ist doch, dass Gottes Wort in der Gemeinde lebendig ist. Die Form ist völlig offen.

Sie ermutigen also die Gemeinden, einfach zu tun, was sie für nötig halten.
Junkermann:
Bei Konventen wird häufig gefragt, was ausprobiert werden darf. Im Prinzip alles. Ich will mit den Ordinierten der letzten Jahre im Herbst Rückschau halten, welche Ideen sie haben umsetzen können und warum oder warum nicht.

Neben Ihrer Ermutigung steht Ihre Forderung, die Kirchen offen zu halten. Was ist aus der Aktion geworden – zählen Sie die offenen Kirchen?
Junkermann:
Ich hänge nicht an Zahlen. In vielen Gemeindekirchenräten wird über die Kirchenöffnung diskutiert. Es hat ein Nachdenken eingesetzt, was wir mit geschlossenen und mit offenen Kirchen verkündigen. Aber auch hier gilt, dass jede Gemeinde verantwortungsvoll entscheiden muss, was für sie wichtig und sinnvoll ist. Und damit meine ich sowohl die Kirchen- als auch die Ortsgemeinde, denn so manches Nichtmitglied freut sich über die Chance zum Innehalten oder neugierigen Schauen, wenn es keine Angst vor einer Blamage wegen vermeintlich falschem Verhalten gibt. Die Aktion ist keine Verordnung, sie hat einen
Prozess in Gang gesetzt.

Die allgemein schwindende Bindung an die Kirche …
Junkermann:
… ist übrigens ein seit dem 19. Jahrhundert stattfindender Prozess, unter anderem weil die Kirche sich zu wenig auf das Arbeitermilieu eingestellt hat …

… und wird begleitet von Austritten namhafter Menschen wie Professor Wulf Bennert, engagierter Christ seit sechs Jahrzehnten. Sein Schritt bewegte viele Menschen, wie Leserbriefe zeigen. Warum sind Sie auf seinen Brief nicht eingegangen, gab es ein Gesprächsangebot Ihrerseits?
Junkermann:
Er hat mir seinen Austritt mitgeteilt. Es ist schwer zu sprechen, wenn der Schritt bereits vollzogen ist. Professor Bennert hat auch nicht um ein Gespräch gebeten. Ich bedauere seinen Schritt, und ich bedauere, dass er den Gesprächsfaden gekappt hat. Ich habe auf seine Mitteilung auch geantwortet.

Der Umgang mit der AfD spaltet Gemeinden. Berlins Bischof Markus Dröge hält die AfD für Christen nicht wählbar. Wie stehen Sie dazu?
Junkermann:
Die AfD ist zum Teil undurchsichtig und rätselhaft, sodass ich als Wählerin nicht weiß, was ich wirklich wähle. Doch das, was ich weiß, widerspricht meinen christlichen Überzeugungen und lässt mich abraten, die AfD zu wählen. Wer sie wählt, wählt zum Beispiel einen erschreckend undemokratischen Leitungsstil wie in Sachsen-Anhalt oder einen Björn Höcke mit, der offen die Verachtung fremder Menschen propagiert. Das ist mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar. Grundsätzlich gebe ich jedoch keine Wahlempfehlung, sondern ermutige, überhaupt zu wählen.

Wie gehen Sie mit AfD-Mitgliedern in den Kirchengemeinden und in Gemeindekirchenräten um? Haben Sie Kenntnis von Problemen in Gemeinden?
Junkermann:
Es ist die Frage, wie wir beieinander sind mit unterschiedlichen politischen Einschätzungen. Wir wollen die Vielfalt bewahren und auch bei unterschiedlichen Überzeugungen im Gespräch bleiben. Das unterscheidet uns von einer Partei. Wir sind offen für alle, aber nicht offen für alles. Wo die Ebenbildlichkeit infrage gestellt wird, wo mit Hass gesprochen wird, dort ist eine Grenze. Wir grenzen nicht Menschen aus, aber Auffassungen, die mit dem Evangelium unvereinbar sind. In den Gemeinden soll eine Atmosphäre herrschen, in der Ängste und Sorgen geäußert werden dürfen, ohne eine Verurteilung fürchten zu müssen, wo aber das Recht und die Würde von anderen nicht in Frage gestellt werden.

Generation 2017: Gebete, Schweiß und Reformation

4. Juni 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Das Festwochenende in der Lutherstadt

Als die Sonne über der Wittenberger Elbwiese aufging, erklang leise, sphärische Musik aus den Lautsprechern. Noch etwas müde wischte sich der Stuttgarter Pfarrer Dieter Heugel den Schlaf aus den Augen. Und auch Petra und Julia Zott aus Oberroth schälten sich aus ihren Schlafsäcken. Gemeinsam mit gut 10 000 anderen hatten sie unter freiem Himmel die »Nacht der Lichter« der Brüder aus Taizé miterlebt und gleich auf dem Festgelände übernachtet.

Impressionen vom  Festwochenende am Elbufer Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Impressionen vom Festwochenende am Elbufer. Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Auf der schattenlosen Festwiese waren in der Frühsommerhitze alle erdenklichen Arten von Sonnenschutz willkommen – Schlafsäcke aus der Nacht wurden zu Sonnensegeln umfunktioniert. Am Ende sind 120 000 Menschen zum Abschlussgottesdienst auf die Festwiese gekommen. Das sind deutlich weniger als die ursprünglich erhofften 200 000 Besucher. Der guten Stimmung tat das keinen Abbruch. »Ich glaube: Martin Luther wäre sehr zufrieden mit uns«, rief Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) der Kirchentagsgemeinde zu.

Und die erlebten in jedem Fall den größten Gottesdienst, den Deutschlands Protestanten im Lutherjahr 2017 feierten.

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Entsprechend intensiv wurde der Reformator gewürdigt: »Man kann den Beitrag Martin Luthers zu dem Teil der Welt, der durch Europa beeinflusst ist, gar nicht hoch genug einschätzen«, sagte der südafrikanische Erzbischof Thabo Makgoba in seiner Predigt (siehe letzte Seite).

Der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Heinrich Bedford-Strohm, hoffte gar auf das Entstehen einer »Generation 2017, in der junge Leute aufbrechen«. »Eine Generation, die aus dem Reformationsjubiläumsjahr einen Neuaufbruch zum Glauben mitnimmt und uns alle einschließt«, so Bedford-Strohm.

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Die Bundespolizei war mit mehr als 700 Einsatzkräften aus neun Bundesländern im Einsatz in Wittenberg und sicherte vor allem die An- und Abreise der Teilnehmer mit der Bahn. Die von der Bundeswehr über die Elbe errichtete Pontonbrücke war stark frequentiert. Schätzungen zufolge soll sie für den Hin- und Rückweg etwa 50 000 Mal genutzt worden sein. Die Bundeswehr hatte 250 Soldaten im Einsatz.

Die Johanniter-Unfall-Hilfe war mit 750 Kräften für den Sanitätsdienst vor Ort. 715 Hilfeleistungen wurden regis­triert. Aufgrund der hochsommerlichen Temperaturen litten die meisten Patienten unter Überhitzung und Überanstrengung, hieß es.

(GKZ/epd)


Martin Luther wohnt in Dermbach

27. Mai 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Der Reformator ist schon da. Jetzt kommt Martin Luther. In diesen Tagen reist ein Kirchenältester mit einem großen Namen aus dem Kirchenkreis Bad Salzungen-Dermbach in die Lutherstadt.

Martin Luther ist Rentner, 65 Jahre alt und stammt aus Wuppertal. Die Liebe zog ihn nach Thüringen. Hier lebt er seit der politischen Wende. Dass Mitteldeutschland »Lutherland« ist, nimmt er gelassen hin. Er kann es eh nicht ändern. »Ich habe mich schon lange daran gewöhnt, dass mein Name vielfältige Reaktionen auslöst. Negative Erfahrungen habe ich aber nie gemacht. Auch nicht mit Katholiken«, sagt Luther und lacht. Am Telefon reagierten die Menschen oft gar nicht auf die Namensnennung, aber wenn er vor ihnen stehe, dann schon. »Wenn ich zu meiner Bank gehe und da ist ein neuer Mitarbeiter, dem ich mich vorstelle, der staunt dann erstmal«, erzählt Luther und schmunzelt.

Lässt die Puppe tanzen: Martin Luther aus Dermbach im Wartburgkreis ist dem Verband Christlicher Pfadfinder verbunden, wie unschwer an der Handpuppe mit seinem Konterfei zu sehen ist. – Foto: Maik Schuck

Lässt die Puppe tanzen: Martin Luther aus Dermbach im Wartburgkreis ist dem Verband Christlicher Pfadfinder verbunden, wie unschwer an der Handpuppe mit seinem Konterfei zu sehen ist. – Foto: Maik Schuck

Mit seinem Namen, sagt er, könnte so gut wie jeder etwas anfangen – ob er nun Christ sei oder nicht. Mit einer Ausnahme: »Ich wollte einmal ein Wochenende in einem Hotel im Harz buchen und rief dort an. Oft sage ich ›Luther‹, Vorname Martin, wie der Reformator. Damit war für mich und das Gegenüber immer alles klar, doch die Dame am anderen Ende fragte: ›Wie schreibt man das? Mit Doppel-T?‹ Da war ich erstmal sprachlos.« Der eigene Name prägt – ganz besonders, wenn man einen berühmten Namen trägt. Für Martin Luther war er aber auch eine besondere Verpflichtung. Nach der Konfirmation als junger Erwachsener setzte er sich bewusst mit seinem Namensvetter und dem evangelischen Glauben auseinander. Er studierte Schriften und besuchte Orte, an denen der Reformator gewesen war. »Ich denke, wenn ich mich als Martin Luther äußere, dann soll das schon Hand und Fuß haben«, so der 65-Jährige.

Der Glaube bedeutet Martin Luther viel. Die Freude am Glauben erfuhr er insbesondere bei den Pfadfindern, bei denen er nach der Konfirmation lange Jahre aktiv war. »Diese Puppe hier: das bin ich«, sagt Luther und hält stolz das besondere Andenken vor die Kamera. »Ich habe im evangelischen Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder mitgearbeitet, auch auf Landesebene, und war Mitglied der Landesleitung. Als ich dort ausschied, habe ich ehrenhalber diese Puppe erhalten.« Die Puppe zeigt Luther im grauen Hemd, der sogenannten Kluft der Pfadfinder, und mit dunkelblauem Halstuch. »Ich denke, der Luther war ja ein ziemlich lebhafter Typ, und das findet man auf jeden Fall bei den Pfadfindern wieder. Das ist gelebter Glaube, Kameradschaft, Freude, Lieder.«

Luther bedauert, dass der Verband, für den sein Herz schon so lange entbrannt ist, in Mitteldeutschland noch nicht so richtig Fuß fassen konnte. »Vielleicht hängt das mit den Halstüchern zusammen«, mutmaßt er. Die hätten die Menschen nach dem Ende der DDR vermutlich einfach nicht mehr sehen wollen.

Sein Name verbindet den Martin Luther aus Thüringen immer mit dem großen Reformator. Ob er mit ihm tatsächlich verwandt ist, diese Frage hat ihn natürlich auch umgetrieben. »Ich habe viel in der Verwandtschaft herumgefragt, um zu ergründen, ob wir tatsächlich verwandt sind.« Luthers Onkel, der zur NS-Zeit geheiratet hatte, hatte für die Eheschließung einen Ariernachweis erbringen müssen, um sicherzustellen, dass in der Familie in den letzten drei Generationen keine Juden gewesen waren. Das Interesse an der Ahnenforschung war geweckt, der Onkel forschte darüber hinaus weiter. »Er ist bis 80 Jahre vor der Wirkungszeit Martin Luthers gekommen«, erklärt der jetzige Namensträger. »Dann ist der Faden abgerissen. Wenn aber 80 Jahre fehlen, dann kann man einfach nicht belegen, dass man ein Nachfahre ist«, so Luther.

Martin Luther ist ein bodenständiger Mensch, fest verwurzelt in seiner neuen Heimat. Dermbach und der Wartburgkreis sind ihm ans Herz gewachsen, hier fühlt er sich wohl. »Dermbach«, so sagt er, »ist etwas Besonderes. Hier sind die Menschen mehr bei der Kirche geblieben, auch zu DDR-Zeiten.« Das merke man bis heute deutlich. Viele wären hier stets zur Konfirmation gegangen, nur wenige zur Jugendweihe. »Ich kenne das ja nur aus Erzählungen, aber es heißt, dass ein Bürgermeister aufgab, für die Jugendweihe zu werben. Sinngemäß habe er gedacht: Euch kennen wir. Das hat ja gar keinen Zweck.«

Martin Luther, so scheint es, ist stolz auf seine Dermbacher, ihren Glauben und ihre Widerständigkeit. Ganz protestantisch, lutherisch eben.

Diana Steinbauer

Große Bühne für die Reformation

22. Mai 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Drei, zwei, eins und … los! Jetzt heißt es »Bühne frei« für die Weltausstellung Reformation in Wittenberg.

Noch in der letzten Woche brauchte man viel Vorstellungskraft, um zu erahnen, was hinter den Bauzäunen entsteht. Aus Holz und Stahl und Lehm wuchsen in der Lutherstadt Pavillons und Bühnen. Für mehr als 100 Veranstaltungen pro Woche sollen sie vom 20. Mai bis 10. September Platz bieten für Gottesdienste und Podiumsdiskussionen, Workshops, Klassik- und Popkonzerte. Zum Startschuss der Weltausstellung anlässlich des 500. Reformationsjubiläums will die Wittenberger Altstadt von sieben Themengebieten umgeben sein, den »Toren der Freiheit«.

Eine Freiluftausstellung entlang der Altstadtgrenzen Wittenbergs lenkt ab dem 20. Mai den Blick auf die historischen Ereignisse und ihre Folgen bis in die Gegenwart. Bei der Weltausstellung Reformation dienen sieben »Tore der Freiheit« bis Mitte September als Präsentationsfläche für mehr als 80 Aussteller. Kirchen und Organisationen aus aller Welt fragen dabei nach den Herausforderungen unserer Zeit und laden zum Informieren, Mitdiskutieren und Feiern ein. Illu: r2017/G+H

Eine Freiluftausstellung entlang der Altstadtgrenzen Wittenbergs lenkt ab dem 20. Mai den Blick auf die historischen Ereignisse und ihre Folgen bis in die Gegenwart. Bei der Weltausstellung Reformation dienen sieben »Tore der Freiheit« bis Mitte September als Präsentationsfläche für mehr als 80 Aussteller. Kirchen und Organisationen aus aller Welt fragen dabei nach den Herausforderungen unserer Zeit und laden zum Informieren, Mitdiskutieren und Feiern ein. Illu: r2017/G+H

Wer am Hauptbahnhof mit dem Rundgang durch die ehemaligen Wallanlagen um die Lutherstadt startet, kann sich von der größten erklimmbaren Bibel der Welt aus einen Überblick verschaffen. Die Treppe im Turminneren bringt die Gäste im Zickzack dem Himmel näher und soll ihnen einen Perspektivwechsel ermöglichen. Auch der Platz für den Truck des Europäischen Stationenweges ist im Willkommensbereich vorgesehen. Er zeigt Reformationsgeschichten, die er aus verschiedenen Ländern mit nach Wittenberg bringt.

Daneben schicken alle Stationen der vergangenen Monate Städtebanner nach Sachsen-Anhalt. Von ihnen wird der Fußweg vom Bahnhof in die Innenstadt flankiert.

Zu den Themen Spiritualität, Jugend, Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, Globalisierung, Kultur sowie Ökumene und Religion haben Institutionen aus Politik und Gesellschaft verschiedene Orte zum Innehalten, Lernen und zum Austausch geschaffen, zum Beispiel das »House of One« als interreligiöses Begegnungszentrum oder die Stege am Bunkerberg neben dem Lutherhaus zur Selbsterfahrung und Meditation.

Auch Landeskirchen aus dem Verbund der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) tragen mit eigenen Projekten zur Weltausstellung bei. So lassen die Bayern im Torraum Ökumene einen Garten entstehen, der aus jedem Jahrhundert seit Martin Luther einen Reformator der bayerischen Kirchengeschichte vorstellt. Hannover schafft einen »Erlebnis-Raum«, in dem sich Besucher mit der Bedeutung der Taufe auseinandersetzen und an ihr eigenes Christwerden erinnern lassen können.

Einen weiteren Erlebnisraum bietet die Landeskirche Hessen und Nassau rund um das Thema »Segen«. Neben ihrer preisgekrönten »LichtKirche«, die für Trauungen und Taufen gebucht werden kann, soll im Torraum Globalisierung der Segens-Roboter »BlessU-2« zur Diskussion anregen.

Dienstags ist Ruhetag auf der Welt­ausstellung, was aber keine Langeweile bedeutet. Vier Besuchermagnete der Lutherstadt werden durchgehend geöffnet sein: das Riesenrad »Zwischen Himmel und Erde« in den südlichen Wallanlagen dreht sich für Aussichts- und Gesprächssuchende gleichermaßen, denn auf Wunsch steigt ein Seelsorger mit in die Gondel. Yadegar Asisis Panorama »Luther 1517« lädt zu einem Rundgang durch das damalige Wittenberg ein. Und auch die beiden Kunstausstellungen (»Luther! 95 Schätze – 95 Menschen« mit der Mitmachausstellung »Der Mönch war’s!« sowie »Luther und die Avantgarde«) am Ost- und Westende der Altstadt haben Dauerbetrieb.

Christina Özlem Geisler (epd)

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