Wartburg und Frauenkirche im Wohnzimmer

20. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Filigranes Hobby: Dieter Fallgatter hat sich dem architektonischen Modellbau verschrieben

Wer Dieter Fallgatter in Löbichau einen Besuch abstattet, wird auf eine außergewöhnliche Reise mitgenommen. Den Gast erwartet ein Kulturtrip durch Europa, der direkt hinter der Haustür beginnt. Der Weg ins Wohnzimmer führt von der Tower Bridge London über die Prager Karlsbrücke zum Wiener Stephansdom und zu Goethes Gartenhaus. In der »guten Stube« geht’s zur Wartburg, zur Dresdener Frauenkirche, zu Notre-Dame in Paris und zum Tempel von Jerusalem zu König Herodes’ Zeiten.

Dieter Fallgatter und seine Modelle. Foto: Ilka Jost

Dieter Fallgatter und seine Modelle. Foto: Ilka Jost

Das sind nur einige Attraktionen, mit denen der 69-Jährige aufwarten kann. Er hat sich dem architektonischen Modellbau verschrieben. Seine Werke konnten schon in vielen Ausstellungen bewundert werden. Über 500 Miniaturen hat er in 25 Jahren geschaffen, aus dünnem, papierartigem Karton. Die Maßstäbe reichen von 1:1000 bis 1:10. Neben Lineal, Schere, Cuttermesser und Leim braucht er vor allem Ausdauer, eine ruhige Hand und natürlich die »Baupläne«.

»Früher war es schwer, Modellbögen zu bekommen und ich habe diese vorwiegend aus Tschechien bezogen. Inzwischen bieten immer mehr Verlage, aber auch Tourist-Informationen und Museen die Bögen regionaler Bauwerke wie dem Erfurter Dom und der Severikirche an«, berichtet der Bauingenieur. Bis zum Eintritt ins Rentenalter war er im Bereich Hochbau des Landratsamts Greiz tätig. Seine Leidenschaft kommt also nicht von ungefähr.

Bis eine Miniatur vollendet ist, heißt es schneiden, falzen, kleben. Manche Modelle bestehen aus 500 bis 1 000 Einzelteilen, mitunter nur wenige Millimeter groß, wie Schmuckornamente oder Turmspitzen. Der Zeitaufwand fällt deshalb sehr unterschiedlich aus. »Für die Frauenkirche habe ich über 100 Stunden gebraucht«, schätzt Fallgatter.

Als Christ liegen ihm die Sakralbauten besonders am Herzen. Durch seine langjährige ehrenamtliche Arbeit als Lektor und Vorsitzender der Kreissynode kennt er viele Kirchen im Altenburger Land. Von seiner Heimatkirche Großstechau oder anderen Dorfkirchen besitzt er jedoch keine Modelle. Zu aufwendig wäre die für das Aufmaß und die Erstellung der Bögen erforderliche Vorarbeit.

Momentan arbeitet Dieter Fallgatter an einem besonderen Projekt. Zum Reformationsjubiläum plant das Heinrich-Schütz-Haus Bad Köstritz eine Sonderausstellung. Die Zusammenarbeit mit dem Museum besteht seit Jahren, und auch dieses Mal will der Löbichauer einige Exponate beisteuern. Die Wittenberger Schlosskirche und das Martin-Luther-Denkmal sind gerade fertiggeworden. Ein neues Modell der Wartburg und der Dom zu Speyer sollen folgen.

Wer in Sachen Hobby reinschnuppern möchte, bekommt gern etwas Schützenhilfe vom erfahrenen Modellbauer. »Mein Enkel hat es probiert, ist aber nicht dabeigeblieben. Einmal habe ich zu einer Rüstzeit mit Jugendlichen gebastelt. Die meisten haben schon nach kurzer Zeit aufgegeben, weil es ihnen an Geduld fehlte.«

Ilka Jost

Das Programm steht

13. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Planungen der Kirchentage in Erfurt und Weimar/Jena sind auf einem guten Weg

Wer eine große Veranstaltung plant, muss vieles im Blick haben: die Zahl der Gäste, ausreichend Sitzgelegenheiten und Essen, Unterhaltungsprogramm und vieles mehr. Bei der Vorbereitung der Kirchentage auf dem Weg ist das nicht anders – nur alles eine Spur größer.

Darum trafen sich in der vergangenen Woche nicht nur der Reformationsbeauftragte Jürgen Reifarth und der Leiter des Kirchentages auf dem Weg in Erfurt, Reiner Degenhardt, auf dem Erfurter Domplatz, sondern auch Vertreter der Kulturdirektion, der Feuerwehr und Polizei, der Marktmeister und viele mehr. »Wir haben auf dem januarkalten, nassen Boden des Domplatzes eine Decke hingelegt, unsere Pläne ausgebreitet und alle technischen Details für die Nutzung des Domplatzes geklärt«, so Reifarth. Denn der Domplatz ist die größte zu bespielende Fläche in Erfurt während des Kirchentages auf dem Weg. Dort sind unter anderem ein Himmelfahrt-Familienkaffee mit musikalischer Begleitung, ein öffentlicher Schauguss einer Glocke und natürlich zwei große Gottesdienste geplant.

Vor dem Luther-Denkmal am Anger: der Reformationsbeauftragte für Erfurt, Jürgen Reifarth. Er sieht den Kirchentag als große Chance. Fotos: Diana Steinbauer

Vor dem Luther-Denkmal am Anger: der Reformationsbeauftragte für Erfurt, Jürgen Reifarth. Er sieht den Kirchentag als große Chance. Fotos: Diana Steinbauer

Das Programm steht. Die Absprachen mit der Stadt sind getroffen, nun geht es an die Details. »In diesen Tagen gehen unsere Höhepunkt-Flyer in die Post, die helfen sollen, den Erfurter Kirchentag im Propstsprengel Eisenach-Erfurt noch bekannter zu machen«, so Reifarth. Auch durch Banner und Werbeplakate soll das gelingen.

»Ich erhoffe mir, dass die Gemeinden den Kirchentag auf dem Weg als Chance begreifen, uns als Kirche öffentlich zu präsentieren, sichtbar zu machen, was wir leben und was uns wichtig ist«, erklärt Reifarth. Darum gehe man mit den Veranstaltungen bewusst nach draußen, um gemeinsam zu feiern, zu essen und sich kennenzulernen.

Doch Kirchentage kosten Geld: den Veranstalter, aber auch die Gäste. Ein Drittel der Kalkulation müssen durch Teilnehmerbeiträge gedeckt werden. Das soll aber niemanden abschrecken. »Alles, was im öffentlichen Raum stattfindet, wird keinen Eintritt kosten«, versichert Jürgen Reifarth. Bei Veranstaltungen wie Podiumsdiskus­sionen, Vorträgen oder Konzerten werde aber nach der Tages- oder Dauerkarte gefragt werden.

Andre Poppowitsch (re.) und Johannes Schleußner mit dem Programm für Weimar/Jena

Andre Poppowitsch (re.) und Johannes Schleußner mit dem Programm für Weimar/Jena

Auch in Jena und Weimar geht es jetzt an die Feinplanung. »Unsere Veranstaltungs-App ist seit heute online«, freut sich Andre Poppowitsch, Referent für die Lutherdekade im Kirchenkreis Weimar. »Wir haben für den Doppelstandort Jena-Weimar bis zu 300 Veranstaltungen geplant und sind stolz, den Gästen eine große thematische Bandbreite anbieten zu können.«

Der Blick werde im Reformationsjubiläumsjahr auch bewusst nicht nur in die Vergangenheit gelenkt, sondern ziehe – frei nach dem Faust-Motto »Sag, wie hast du’s mit der Religion?« – auch moderne Gretchenfragen in den Fokus, betont Johannes Schleußner, der Koordinator des Kirchentages in Jena. Auf aktuelle Themen wie Rüstungsindustrie, Rechtsextremismus oder eine alternde Gesellschaft, darauf setzt man in Jena und Weimar.

»Seit einigen Jahren arbeiten Stadt und Kirche, Klassikstiftung und auch die Universitäten intensiv zusammen und haben in der Region bereits ein Bewusstsein für das Reformationsjubiläum schaffen können«, erklärt Poppowitsch. Er glaubt, dass das Programm Menschen unterschiedlichster Zielgruppen anziehen und in seiner Vielfalt nachhaltig sein wird. Und das über 2017 hinaus.

Diana Steinbauer

Mehr als »1 gute Nachricht«

Elbe, Frieden und Medien sind Schwerpunkte beim Kirchentag auf dem Weg in Magdeburg

Der Magdeburger Superintendent Stephan Hoenen verschickt dieser Tage besonders viel Post. Denn die Gemeinden im Propstsprengel Stendal-Magdeburg bekommen von ihm das Werbematerial für den Kirchentag auf dem Weg vom 25. bis 27. Mai Magdeburg zum Abdruck in ihren Februar-März-Ausgaben der Gemeindebriefe. Wie viele Besucher zu dem Treffen unter dem Motto »Sie haben 1 gute Nachricht« in die Elbestadt kommen werden, kann zum jetzigen Zeitpunkt keiner sagen.

Auf jeden Fall haben Hoenen und der Magdeburger Oberbürgermeister Lutz Trümper Ende Januar die Privatquartierwerbung gestartet. Gästen ein Bett oder eine Couch zur Verfügung zu stellen, sei gute Tradition bei den Kirchentagen, so Hoenen. Die Privatquartiersuche steht unter dem Motto »Ich habe 1 guten Schlafplatz«.

Die Planung und Vorbereitung des Treffens läuft seit Jahren. »Die Zusammenarbeit ist beeindruckend«, sagt Anette Berger, Vorsitzende des 2013 gegründeten Programmausschusses für den Kirchentag auf dem Weg. In ihm sind die Stadt Magdeburg, die den Kirchentag zudem mit 300 000 Euro unterstützt, Kulturschaffende und der Kirchenkreis Magdeburg vertreten – rund 100 Ehrenamtliche, die in zahlreichen Untergruppen arbeiten. Über 400 Veranstaltungen sind geplant. Die Inhalte knüpfen an die Geschichte Magdeburgs an und verknüpfen sie mit der Gegenwart. Im Medienzen­trum in der Festung Mark wird daran erinnert, dass Magdeburg die erste protestantische Großstadt und als »unsers Herrgotts Kanzlei« Medienzentrum der Reformation war. Zudem gibt es Workshops, Podien und Impulse zur Rolle der Medien heute und einen Twittergottesdienst am 26. Mai aus der Wallonerkirche. Diese Kirche und die katholische Petrikirche nebenan bilden zum Kirchentag das Zentrum »Web und Spiritualität«. Im Dom und rund um den Dom ist das Thema »Frieden« angesiedelt – DAS Thema in einer Stadt, die 1631 und 1945 stark zerstört wurde, und das aktueller denn je ist. Hier wird auch Reformationsbotschafterin Margot Käßmann am 26. Mai einen Vortrag halten über das Thema »Nichts ist gut in Afghanistan«.
Kirche-vor-Ort-Logo-06-2017Um die Elbe geht es am 26. Mai beim Thementag »Dialog am Strom«, der an die bisherigen Diskussionen zur Zukunft anknüpft. Abends ist ein Elbefest geplant unter dem Motto »Magdeburg am Fluss der Reformation« – eine Welturaufführung zu eigens komponierter Musik mit spektakulären Licht- und Soundeffekten, Chören und einer Schiffsprozession an und auf der Elbe.

Im Rotehornpark ist das Zentrum Kinder, Familien, Jugend und Sport angesiedelt. Und was wäre ein Kirchentag ohne Musik? Kinderchöre aus dem Kirchenkreis Halberstadt etwa führen das Musical »Martin Luther« auf, der Magdeburger Kantatenchor plant das Mitsingoratorium »Die Schöpfung« und das Musicalprojekt Altmark »Eleazar – der 4. König«. Beethovens 9. Sinfonie erklingt auf der Theaterbühne auf dem Domplatz. Am Sonnabend heißt es ab 17 Uhr im Klosterbergegarten »Kirchentag trifft Ekmagadi«, die Magdeburger Kultursommernacht. Mit dem Reisesegen für ihre Fahrt zum Abschlussgottesdienst am Sonntag in Wittenberg werden die Besucher am Sonnabend entlassen.

Angela Stoye/epd


Inklusion? Das ist doch ganz normal!

5. Februar 2017 von redaktionguh  
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Maximilian Zabel aus den Werkstätten der Stadtmission Halle trainiert mit Nichtbehinderten bei Turbine Halle und ist dort völlig gleichberechtigt.

Maximilian Zabel dreht gern kleine Videos mit dem Handy, bringt Hund Enna Kunststücke bei und bolzt mit Bruder Jonas auf der Wiese vor dem Haus. Seine größte Leidenschaft aber ist das Speed-Skating. Er hat bereits erstaunliche Erfolge in der Sportart auf den schnellen Rollen erzielt, Medaillen, Pokale und Urkunden eingeheimst. Jede Woche trainiert er zweimal bei Turbine Halle mit Marvin und Noel aus dem Elisabeth-Gymnasium, mit Annika, Julia, Moritz und weiteren Jugendlichen. Doch während die anderen morgens zur Schule gehen, fährt Max – wie alle ihn nennen – mit dem Behindertentransport nach Oppin im Saalekreis in die Behindertenwerkstätten der Stadtmission Halle. Der 19-Jährige, der zuvor eine Schule für Geistigbehinderte in Halle besucht hat, ist dort seit Anfang September tätig.

Nur eine Auswahl seiner Medaillen zeigt der junge Sportler Maximillian Zabel, der in den Werkstätten der Halleschen Stadtmission arbeitet. Foto: Claudia Crodel

Nur eine Auswahl seiner Medaillen zeigt der junge Sportler Maximillian Zabel, der in den Werkstätten der Halleschen Stadtmission arbeitet. Foto: Claudia Crodel

Die Behindertenwerkstätten der Stadtmission legen viel Wert auf Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Zum Beispiel gibt es jährlich ein integratives Fußballturnier und das Open Air Festival »Rock an der Halde« in Johannashall. Doch während dort Nichtbehinderte zu den Behinderten kommen, um gemeinsam etwas zu erleben, ist das bei Max’ sportlicher Betätigung etwas anders.

Das Speed-Skating hatte Max im Alter von elf Jahren für sich entdeckt. Seine Pflegemutter ging damals auf Trainerin Petra Strüver zu und fragte, ob sie auch Kinder wie Maximilian unter ihre Fittiche nehmen würde. Für Petra Strüver war das kein Problem. »Bei uns kann jeder mitmachen, ob er dick ist oder dünn, egal wo er herkommt, aus welchen sozialen Verhältnissen er stammt oder was auch immer«, so lautet die Devise der Trainerin. Für sie ist am Sport wichtig, dass er verbindet und man in der Gruppe voneinander lernt. Jeder wird als Person gesehen und ist gleichberechtigt. »Max war der Erste mit einer geistigen Behinderung bei uns. Mittlerweile sind noch zwei Mädchen dazugekommen. Mandy, die mit in der Gruppe von Max trainiert, und Emilia, die in einer anderen Trainingsgruppe untergekommen ist«, erläutert die engagierte Trainerin. Natürlich sei es so, dass diese Jugendlichen bestimmte Dinge nicht wissen, taktische Sachen nicht kalkulieren können und dass man vieles anders erklären muss, aber das sei kein Problem.

Und was sagen die anderen aus Maximilians Trainingsgruppe? »Inklusion?«, fragt der 14-jährige Noel und schaut skeptisch. »Dass Max mit uns trainiert, das ist doch ganz normal!«, findet er. »Wir wissen, dass Max ein bisschen anders tickt. Aber es funktio­niert ja. Wenn wir ihm etwas sagen, dann macht er das auch, bei der Staffel beispielsweise. Umgekehrt sagt Max auch, wenn er was will. Und mit den anderen Jungs unterhält er sich auch über ganz alltägliche Sachen«, meint die 18-jährige Annika, die schon im Verein war, als Max vor acht Jahren dazustieß.

Maximilian hat sportlich viel drauf, ist so gut in seiner Sportart, dass er bei Special Olympics, den Sportwettkämpfen für geistig behinderte Menschen, auf nationaler Ebene allen voraus ist. International – er war sogar bei der Weltmeisterschaft in Los Angeles – hat er natürlich mehr Konkurrenz. Doch auch von dort kam er mit zwei Medaillen zurück. Zudem ist Maximilian Athletensprecher des Landes Sachsen-Anhalt bei Special Olympics. Und auch an Wettkämpfen mit Nichtbehinderten nimmt er erfolgreich teil, in der Breitensport- und Fitnessklasse. »Oftmals wissen die anderen Teilnehmer dort gar nicht, dass Max behindert ist«, sagt Trainerin Petra Strüver.

Claudia Crodel

Ansprechpartnerin für die Jugend

30. Januar 2017 von redaktionguh  
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Bildungsangebote für Kopf und Hand liegen Anne-Sophie Dessouroux vom Europäischen Jugendbildungszentrum des Klosters Volkenroda am Herzen. Die gebürtige Belgierin hat selbst eine spannende Sinnsuche hinter sich. Im folgenden Interview mit Katharina Freudenberg beschreibt sie ihren Weg nach Volkenroda.

Volkenroda ist weit entfernt von Belgien. Wie haben Sie den Weg ins Kloster Volkenroda gefunden?
Dessouroux:
Vor fünf Jahren hätte ich nie gedacht, dass ich Belgien verlassen würde, um mitten in Deutschland zu leben. Aber jetzt merke ich im Rückblick, dass Gott meinen Weg Schritt für Schritt hierhergebracht hat. In Belgien habe ich Sprachen an der Uni studiert, Niederländisch und Englisch. 2008/2009 habe ich ein Auslandssemester in Berlin gemacht, und da hat mich die Liebe zur deutschen Kultur und Sprache erfasst. Ich habe dann in verschiedenen Bereichen gearbeitet. 2013 habe ich eine Ausbildung am Johanneum begonnen, einer Evangelistenschule in Wuppertal.

Vielfältig sind die Aufgaben von Jugendreferentin Anne-Sophie Dessouroux. Dabei ist ihr wichtig, sich immer wieder Zeit für den Einzelnen zu nehmen. Fotos (2): Frank Freudenberg

Vielfältig sind die Aufgaben von Jugendreferentin Anne-Sophie Dessouroux. Dabei ist ihr wichtig, sich immer wieder Zeit für den Einzelnen zu nehmen. Fotos (2): Frank Freudenberg

Was hat Sie dazu bewogen, eine theologische Ausbildung zu machen?
Dessouroux:
Geprägt hat mich mein katholisches Elternhaus. Allerdings habe ich den Glauben eher als Tradition kennengelernt. In der Kirche gab es wenige junge Menschen. Dann fuhr ich nach Taizé und Lourdes. Und da habe ich gemerkt, dass es auch junge Menschen gibt, die glauben.

Später habe ich an einem Missions­einsatz in England teilgenommen. Dabei haben wir Freundschaften mit ausländischen Studenten geknüpft. Als ich einmal zwei Chinesinnen erklären sollte, was das Kreuz bedeutet, da habe ich für mich selbst erkannt, dass Jesus auch für mich gestorben ist. Das war ein besonderer Moment. Dann lud mich eine Freundin ins Johanneum ein. Am Ende dieser drei Jahre habe ich einen Ort gesucht, an dem ich meine pädagogischen und theologischen Fähigkeiten einsetzen kann. Auf der Internetseite der Evangelischen Kirche in Deutschland fand ich das Stellenangebot der Jugendreferentin im Kloster Volkenroda.

Wie gestaltet sich Ihre Stelle als Jugendreferentin? Welche Schwerpunkte setzen Sie?
Dessouroux:
Im Zentrum steht die Organisation der Veranstaltungen des Jugendbildungszentrums. Ich bin der Ansprechpartner für die Jugendgruppen, plane und bewerbe das Programm und begleite die Gruppen vor Ort. Dazu kommt die Budgetplanung, das Stellen von Fördermittelanträgen und die Begleitung der Freiwilligen, die ein Jahr im Kloster mitarbeiten.

Welche Erfahrungen haben Sie in den ersten fünf Monaten gemacht?
Dessouroux:
Es gibt einen großen Reichtum an Gesprächsmöglichkeiten mit Menschen, die bei uns zu Gast sind oder die hier arbeiten – bei Mahlzeiten oder beim Kirchenkaffee. Ich habe das Gefühl, viele Menschen suchen jemanden, der sich Zeit für sie nimmt.

Was ist Ihnen neben der Arbeit wichtig?
Dessouroux:
Für mich ist die Musik zentral. Richtig gelernt habe ich Geige. Klavier, Gitarre und Kajon habe ich mir selbst beigebracht. Im Moment lerne ich Bratsche, weil das im Orchester gebraucht wird. Musik kann ich aber auch in meiner Arbeit gut gebrauchen. Ich denke an eine Abendandacht mit einer Schulklasse. Nach einem kurzen inhaltlichen Impuls lud ich die Klasse ein, noch der Klaviermusik zu lauschen, solange sie Lust haben. Sie blieben lange sitzen. Die Lehrer konnten es kaum glauben.

Die Mutprobe

24. Januar 2017 von redaktionguh  
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Für das Projekt »Offene Kirche« setzt sich in Wahrenbrück und darüber hinaus der Pfarrer ein

Natürlich kann man zu Hause beten. Aber Kirchen, so sagt Pfarrer Michael Seifert aus Wahrenbrück im Kirchenkreis Bad Liebenwerda, Kirchen sind doch besondere Räume. »Sie nehmen uns aus dem Alltag heraus, sie sind der Ort, wo wir den Draht zu Gott leichter finden, wo wir alles loswerden können«, sagt Seifert. Was für eine Wohltat, dem eigenen Bedürfnis folgen zu können und in eine Kirche zu gehen. Auch wenn es nicht Sonntag um 10 Uhr ist und die Glocken zum Gottesdienst läuten.

Und so ist auch die Wahrenbrücker Kirche eine offene, schon lange bevor Landesbischöfin Ilse Junkermann im Herbst 2015 die Initiative »Offene Kirche« ins Leben rief. Nicht nur, damit die an Kirchengebäuden steinreiche EKM eine gute Gastgeberin im Reformationsjahr ist. Sondern auch für die Menschen in den Dörfern und Städten, für die Gläubigen wie für die Zweifler und Kirchenfremden. Junkermann wird nicht müde zu betonen, dass es bei der Initiative um nicht weniger als einen Paradigmenwechsel geht. An der – meist praktischen – Frage der Kirchenöffnung entscheidet sich auch das Selbstbild der Gemeinde: Sind wir uns genug? Was ist unser Auftrag? »Wir haben noch zu wenig im Blick, dass Menschen Bedürfnisse nach geistlichen Impulsen haben«, sagt die Landesbischöfin.

Die Wahrenbrücker Kirche: Hier wurde der Musiker Carl Heinrich Graun getauft. In die Offene Kirche kommen heute viele Einheimische zur Besinnung und zum Gebet. – Fotos: Michael Seifert

Die Wahrenbrücker Kirche: Hier wurde der Musiker Carl Heinrich Graun getauft. In die Offene Kirche kommen heute viele Einheimische zur Besinnung und zum Gebet. – Fotos: Michael Seifert

Auch in Wahrenbrück in der Niederlausitzer Heidelandschaft dachten Pfarrer und Gemeindekirchenrat zunächst an Touristen, an Radfahrer und Wanderer, die die Kirche besuchen möchten. Immerhin ist der kleine Ort die Heimat von Carl Heinrich Graun, der unter Friedrich dem Zweiten in Berlin die Musikszene prägte. In Wahrenbrück wurde er geboren und getauft, und immer wieder fragten musikliebhabende Touristen deswegen an. Zudem liegt Wahrenbrück an der Kirchenstraße Elbe-Elster, die auf neun Wegen 55 Gotteshäuser verbindet. Nicht weit davon entfernt liegen die Routen der mitteldeutschen Kirchenstraße und schöne Fahrradwege. »Deshalb haben wir im Gemeindekirchenrat beschlossen, die Kirche tagsüber nicht mehr zuzuschließen. Seit 2010 ist unsere Kirche von Ostern bis zum Ewigkeitssonntag geöffnet«, erinnert sich Pfarrer Seifert. Natürlich gab es Bedenken wegen Dreck und Vandalismus, aber passiert ist nichts. Werbung gemacht für ihre offene Kirche hat die Gemeinde nicht. »Wir wollten, dass es sich unter den Menschen herumspricht, dass die Einheimischen kommen.«

Und so ist es geschehen. Wer auf dem Friedhof das Grab seiner Angehörigen gepflegt hat, findet in der Kirche Raum für ein stilles Gebet, ebenso jene Menschen, die auf der Suche nach Ruhe und Besinnung sind. Einmal fragte auch eine junge Musikschülerin an, die gerne in der Kirche proben wolle, es klänge dort einfach schöner.

In Wahrenbrück gibt es keine Aufsicht. Keinen, an dessen Türe man klingeln und um den Kirchenschlüssel bitten muss. Hier ist die Tür einfach offen.

An seine Kollegen im Kirchenkreis hat Pfarrer Seifert einen so leidenschaftlichen wie informativen Brief geschrieben, nachdem er von der Initiative der Landeskirche erfahren hat. Auch der stellvertretende Präses der Kreissynode, Markus Voigt, hat die Gemeinden zum Nachdenken aufgerufen. »Früchte hat es nicht getragen«, bilanziert Pfarrer Seifert. Einzig Bad Liebenwerda wird seine Kirche offen halten, das stehe aber schon länger fest. »Mein Brief mag in die Gemeindekirchenräte gekommen sein. Er hatte aber keinen Erfolg, so die Antwort auf meine Nachfrage bei den Kollegen.«

Dabei sei Wahrenbrück doch ein ermutigendes Beispiel, und auch die Landeskirche strecke mit vielen Informationen, Hilfs- und Beratungsangeboten und nicht zuletzt der neuen Versicherung die Hand aus.

(kas)

Ver(g)lockende Technik

17. Januar 2017 von redaktionguh  
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Per Smartphone und App werden die Glocken der Kirche zu Hedersleben zum Läuten gebracht

Dirk Seiferheld braucht, um die Glocken in Hedersleben zu läuten, nichts anderes als sein Smartphone. In einem kleinen Programm, einer App, sind die jeweiligen Glockennamen Sophia (Taufglocke), Otto (Mittagsglocke) sowie Domenica (Sonntagsglocke) aufgelistet. Nur ein Antippen des Telefon-Bildschirms genügt, dann setzen sich die Kirchenglocken in Bewegung. Das funktioniert so: Das Signal der App wird an einen Server und von dort aus an den Rechner unterhalb des Glockenstuhls weitergeleitet. Zudem ist oberhalb des Glockenstuhls eine kleine Kamera angebracht, die die Bilder der schwingenden Glocken überträgt.

Auf dem Smartphone werden die verschiedenen Läuteprogramme angezeigt. Foto: Susann Salzmann

Auf dem Smartphone werden die verschiedenen Läuteprogramme angezeigt. Foto: Susann Salzmann

Verschiedene Geläute hat Dirk Seiferheld programmiert. Selbstredend das Vollgeläut mit der vierten großen Glocke. Einen halben Tag habe es gedauert, bis alles vollständig programmiert war, erinnert sich der IT-Berater. Er ist zugleich Mitglied im Kirchbauverein Hedersleben. 16 Jahre hat es von der ersten Idee bis zur Umsetzung gedauert, erzählt Tobias Jäsch vom Verein. »Jetzt haben wir Bayern nach Hedersleben geholt«, frohlockt er über die Klänge der in Passau gegossenen Kirchenglocken. »Nach so langer Zeit ist es schön, dass es endlich geschafft wurde«, freut sich auch Pfarrerin Eva Kania. Der große Vorteil: Zum Läuten muss niemand mehr ins Gotteshaus. Mit Internetverbindung versehen, ist ein Läuten von jedem Ort der Welt aus möglich. Auch die etwa 80 Stufen in den 25 Meter hohen Glockenturm müssen nun nicht mehr gegangen werden. Ganz ungefährlich ist das Ganze ohnehin nicht mehr, zeigt Dirk Seiferheld auf die marode Treppe vom Uhrwerk hoch in den Glockenstuhl.

Laut Tobias Jäsch soll es die erste Kirche sein, deren Glocken via App zum Klingen gebracht werden. Und weitere neue Ideen haben die engagierten Vereinsmitglieder schon wieder. So würde derzeit nach Anschlaghämmern gesucht, damit einzelne Glocken angeschlagen und auf diese Weise auch Melodien gespielt werden können, verraten Tobias Jäsch und Dirk Seiferheld. »Natürlich ist das Glockenwerk kein Spielzeug, auf dem jeder seine Wunschmelodie spielen kann«, ergänzt der IT-Kundige.

Susann Salzmann

Im Einsatz zwischen Kanzel, Bütt und Stadion

9. Januar 2017 von redaktionguh  
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Ehrenamt: Für den Einzelhandelskaufmann und Lektor Holger Stingl ist der Glaube selbst »ein außergewöhnliches Erlebnis«

Durch die territorial gewachsenen Pfarrbereiche sind Prädikanten und Lektoren aus den Kirchengemeinden nicht mehr wegzudenken. Eine der Konsequenzen daraus ist die Einrichtung eines Stellenplanes für Ehrenamtliche im Verkündigungsdienst des Kirchenkreises Altenburger Land. Auch Holger Stingl übt ein solches Ehrenamt aus. Ermutigt durch seinen damaligen Pfarrer, entschloss er sich bereits im Alter von 17 Jahren zur Lektorenausbildung.

Seitdem ist sein Name regelmäßig auf den Gottesdienstplänen zu finden. »Die Arbeit im Verkündigungsdienst ist ein guter Ausgleich zum Alltag und zum Beruf. Da kann ich innerlich zur Ruhe kommen. Wenn es sich anbietet, lasse ich auch gern mal eigene Erlebnisse in die Lesepredigt einfließen«, berichtet Holger Stingl, der aus einer christlichen Familie stammt.

Rund um Meuselwitz bekannt: Holger Stingl. Foto: Ilka Jost

Rund um Meuselwitz bekannt: Holger Stingl. Foto: Ilka Jost

Vor allem rund um seine Heimatstadt Meuselwitz gibt es kaum ein Gotteshaus, das er nicht kennt. Eine »Lieblingskirche« hat er nicht. »Im Mittelpunkt steht immer das Evangelium. Da macht es für mich keinen Unterschied, ob ich in einer großen oder kleinen Kirche lese. Auch die Zahl der Besucher ist nicht ausschlaggebend für einen lebendigen Gottesdienst. Wenn ich vor leeren Bankreihen stehe, ist das natürlich enttäuschend. Glücklicherweise passiert das nur selten«, so Stingls Erfahrung.

Dennoch bereiten ihm die sinkende Zahl an Kirchenmitgliedern und der hohe Altersdurchschnitt Sorgen. Deshalb sieht er es als wichtige Aufgabe, Kirche für junge Menschen attraktiv zu machen. Gut vorstellen kann er sich, moderne Elemente in die Gottesdienste einfließen zu lassen, vor allem bei der musikalischen Gestaltung. Eine besondere Herausforderung war für den inzwischen 32-Jährigen die einjährige Vakanz im Kirchspiel Meuselwitz, das sich bis nach Wintersdorf und Lucka erstreckt. Während dieser Zeit hat er viel Wertschätzung und eine hohe Aktzeptanz als Lektor erfahren.

Neben seinem Ehrenamt pflegt der gelernte Einzelhandelskaufmann auch einige Hobbys. Handball ist seine sportliche Leidenschaft – und der Fasching. Als Präsident des »Karnevalclub Rositz« stehen Holger Stingl derzeit wieder turbulente Wochen bevor. Kirche und Fasching – vielen erscheint das als Widerspruch, sodass er immer mal »Aufklärungsarbeit« leisten muss: »Der Karneval hat ja seine Wurzeln unter anderem im Christentum, denn die närrische Zeit ist traditionell immer der Jahresabschnitt im Kalender, vor dem mit dem Aschermittwoch die Fastenzeit beginnt.«

Ob in der Kirche oder in der Bütt: Sein rhetorisches Talent wurde dem sympathischen jungen Mann wohl in die Wiege gelegt. Wenn es die Zeit erlaubt, tritt er auch gern mal als Stadionsprecher oder Moderator beim Stadtfest in Erscheinung.

Bei der Frage nach seinem prägendsten Erlebnis während seiner bisherigen Lektorenzeit muss Holger Stingl nicht lange nach einer Antwort suchen: »Der Glaube selbst ist ein außergewöhnliches Erlebnis, das immer wieder neue Überraschungen bereithält.«

Ilka Jost

Wenn die Kirche aus allen Nähten platzt

26. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Bergweihnacht mit den »Rühler Lütern«: Die dritte Auflage der Idee von Ziegen-Alm-Öhi ist in Ruhla ein echter Renner geworden.

Ruhlas St.-Concordia-Kirche ist eine der wenigen noch original erhaltenen Winkelkirchen in Deutschland. Der dort tätige evangelische Pfarrer Gerhard Reuther sorgt mit kulturellen Angeboten dafür, dass sie nicht nur an besonderen Festtagen gut besucht ist. Zur Bergweihnacht aber standen und saßen Menschen, dicht an dicht gedrängt, sogar in Gängen.

Die »Rühler Lüter« sind einer der Hauptakteure dieses Events im Zwei-Jahres-Rhythmus, das nun zum dritten Mal aufgeführt wurde. Die Veranstaltung war zugleich das 16. geöffnete Türchen des »Lebendigen Adventskalenders« der Kirchengemeinde in der Bergstadt im nordwestlichen Thüringer Wald.

Die Idee für diesen besonderen Abend, der so viel Bodenständigkeit beinhaltet, stammt von dem singenden Wirt der Ruhlaer »Geißen Alm«, Dieter Koch. Er veranstaltete viele Jahre lang in seinem Gasthaus, genauso wie seine Kollegen von der »Ruhlaer Skihütte«, Adventssingen mit Zitherbegleitung. Aufgrund der großen Nachfrage reichten die örtlichen Platzverhältnisse aber dort nicht mehr aus. Und so entstand vor sechs Jahren die Idee, das Ganze in die Concordia-Kirche zu bringen.

In diesem Jahr jedoch schien auch diese vor Menschen zu bersten, obwohl beide Flügel geöffnet waren. Nicht nur ein großer, geschmückter Lichterbaum, der Adventskranz auf dem Taufstein und die vom Kerzenschein in warme Farben getauchte Kanzel sorgten für ein besonders festliches Ambiente. Die Bläser der Erbstromtal Musikanten, die davor platzierten Zitherspieler Horst und Andreas Seyfried mit dem singenden Wirt und seiner Tochter Katrin, zwei Gitarren- und eine Akkordeonspielerin rundeten das Bild ab. An der Orgel saß begabter Nachwuchs, der 13-jährige Silvo Slotosch.

Das Arnstädter Bierfass fehlte nicht: Die »Rühler Lüter« halten die Erinnerung an die besonders läutebegabten Ruhlaer Burschen des 18. Jahrhunderts wach. Fotos: Susanne Reinhardt

Das Arnstädter Bierfass fehlte nicht: Die »Rühler Lüter« halten die Erinnerung an die besonders läutebegabten Ruhlaer Burschen des 18. Jahrhunderts wach. Fotos: Susanne Reinhardt

Die »Rühler Lüter« in ihrer farbenfrohen Tracht stimmten die Kirchenbesucher gesanglich ein. Auch moderne Interpretation von Weihnacht fehlte neben den heimatverbundenen Darbietungen nicht. Dafür sorgte ein Vater mit seinen drei Buben. Früher, so meinte der Geißen-Alm-Wirt, der mit seiner sonoren Stimme seine Tochter als Sopranistin bei weihnachtlichen Liedern aus ganz Europa begleitete und gleichzeitig durchs Programm führte, habe man manchmal überlegen müssen, ob man die Kirche überhaupt noch brauche. Heute aber könnte man durchaus überlegen, ob man nicht sogar anbauen sollte.

Dabei zeigen die Bergstädter ihre ganz eigene Art, um Traditionen aufrechtzuerhalten. Allein die »Rühler Lüter« als eine der Hauptakteure der Bergweihnacht haben bereits überorts für Aufsehen gesorgt. Es sind die Nachkommen dieser sieben jungen Burschen, denen einst nachgesagt wurde, im Glockenläuten sehr kunstfertig zu sein. Die beiden Hälften der infolge einer Erbteilung zu Herzogszeiten mit zwei Kirchen ausgestatteten Bergstadt konkurrierten darin.

Als Ruhlaer Messerschmiede 1730 ins brandenburgische Eberswalde auswanderten, sollen ein paar dieser fähigen Glockenläuter mitgelaufen und bis Arnstadt gekommen sein, wo sie Quartier nahmen. Um Kost und Logis bezahlen zu können, boten sie an, kunstfertig die Glocken zu läuten. Mit Erfolg: Auf dem Heimweg, der immerhin noch gleichviel 57 Kilometer zählte, schoben sie ein Fass Bier mit nach Hause, das sie von den Arnstädtern zum Dank erhalten hatten.

Im Jahre 1969 ließen sieben Urgesteine diese Geschichte wieder aufleben. Heute pflegen deren Söhne weiter diese Tradition. Zur Rühler Bergweihnacht sorgten die sieben für den lyrischen Teil des Abends und trugen Ruhlaer Schnorren und Lieder vor.

Als ein besonderer Höhepunkt sollte aber auch das von Katrin Koch gesungene »Ave Maria« in Begleitung des jungen Organisten und das Lied »Ich steh an deiner Krippen hier«, das Pfarrer Reuther als Solist darbrachte, nicht unerwähnt bleiben. Die Kollekte, die zur Bergweihnacht eingesammelt wurde, dient unter anderem der Anschaffung neuer Glocken, denn die heute in einem Glockenhaus neben der Winkelkirche auf dem angrenzenden Friedhof untergebrachten erzeugen nicht mehr den Wohlklang, für den sie einst berühmt waren.

Das ursprüngliche Bronzegeläut war dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen und später durch Stahlgussglocken ersetzt worden. Und an denen nagt inzwischen auch schon kräftig der Zahn der Zeit.

Susanne Reinhardt

Ein Kirchenladen als Türöffner

20. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Gera-Langenberg: Die Kirche Vierzehn Nothelfer liegt auf einem kleinen Hügel. Unmittelbar daneben, in einem Gemeindegebäude, gibt es seit einem Jahr einen »Kreativen Kirchenladen«.

Bärbel Hamal hat sich mit dem Laden einen Lebenstraum erfüllt. Hier verbindet sie ihren Beruf als Damenmaßschneiderin mit ihren kreativen Ideen für Kunst und Kirche. Eigentlich wollte die heute 53-Jährige diesen Beruf niemals erlernen, doch, wie sie jetzt weiß, war es sicher kein Zufall, der sie auf diesen Lebensweg geführt hat.

Inmitten der kleinen Schneiderwerkstatt empfangen prall gefüllte Auslagen den Besucher. Kerzen, christliche Literatur und schöne Geschenke kann man hier entdecken. An den Wänden findet man Entwürfe für Antependien, Altarbehänge mit liturgischen Motiven in den Farben des Kirchenjahres. Für Bärbel Hamal sind diese Arbeiten Ausdruck ihres Glaubens.

Nach einem schweren Schicksalsschlag zum Glauben gefunden: Bärbel Hamal betreibt seit einem Jahr in Gera-Langenberg ihren »Kreativen Kirchenladen«. Foto: Wolfgang Hesse

Nach einem schweren Schicksalsschlag zum Glauben gefunden: Bärbel Hamal betreibt seit einem Jahr in Gera-Langenberg ihren »Kreativen Kirchenladen«. Foto: Wolfgang Hesse

»Als ich auf der Suche nach dem Halt im Leben war, wäre für mich solch ein Laden wie eine Oase gewesen, um über Gott ins Gespräch zu kommen«, erinnert sie sich. Es war ein langer Weg bis heute, erklärt sie. Nach einem schweren Schicksalsschlag vor zwölf Jahren hat sie sehr lange und intensiv getrauert. »Ich habe zu dieser Zeit nur noch funktioniert. Trost in meiner Trauer gaben mir Lieder des Sängers Xavier Naidoo. Die Texte über den Glauben haben mich tief angesprochen.«

Bald besorgte sie sich eine Bibel, um nachzulesen. »Heute kann ich das, was er da singt, vollends bestätigen.« Jetzt kann Bärbel Hamal sagen: »Ich bin durch Xavier Naidoo zum Glauben gekommen, und durch unseren Pfarrer Andreas Schaller zur Kirche.«

Die Kirchengemeinde ist für Frau Hamal ein Stück Freiheit. »Sie ist von unserer Kirchengemeinde sehr offen aufgenommen worden. Sie arbeitet im Gemeindekirchenrat, und ihre ehrenamtliche Arbeit ist uns eine wichtige Stütze«, bestätigt der Pfarrer aus der Nordregion Geras.

Bärbel Hamal findet mit dem Kirchenladen eine Möglichkeit, etwas wiederzugeben, was sie von der Kirche bekommen hat. »Ich sah sofort ihre künstlerischen Fähigkeiten und habe diese Gabe mit den ersten Aufträgen gefördert«, so Pfarrer Schaller.

Viele kleine Puzzlesteine haben die Schneidermeisterin bestärkt, sich taufen zu lassen. Wichtig waren dabei die intensiven Gespräche mit dem Pfarrer. Sie schätzt seine offene und nicht aufdringliche Art. Eine Reise nach Israel, die Mitarbeit in der Theatergruppe der Gemeinde, der erste Bibelleseabend und viele eigene Überlegungen waren wichtige Etappen bis dahin.

»Die Entscheidung für Gott ist für mich eine Bereicherung. Der Glaube gibt mir Kraft, Hoffnung, Energie und Liebe. Man fühlt sich nicht mehr allein. Die Kirchengemeinde ist meine Familie, hier habe ich ein reiches und sinnerfülltes Leben gefunden«, freut sich Bärbel Hamal.

Neben individueller Mode für ihre Kunden fertigt die kreative Künstlerin Altardecken, die schon erwähnten Antependien für Kanzel und Lesepult, Wandbilder, Stolen, Talare, Beffchen, eben alles, was für einen Gottesdienst gebraucht wird.

»Ich lasse mich von den Aussagen inspirieren, der Umgebung, den Farben. Bei der Umsetzung mit Textilien brauche ich klare Konturen, die aber dennoch Platz lassen zur Interpretation«, sagt sie. Inzwischen findet man ihre Arbeiten im ganzen Kirchenkreis Gera, etwa in den Kirchen Langenberg, Aga, Bieblach, Pölzig, aber auch darüber hinaus in Bad Frankenhausen und in Leitlitz bei Zeulenroda.

Bärbel Hamal sieht in ihrem Laden auch einen Türöffner für die Kirche und redet mit Freude und Begeisterung von ihrem Glauben. Auch eine Begegnungsstätte soll ihr Laden sein. Aller 14 Tage lädt sie zu einem Kreativabend ein. Hier werden mit der Nähmaschine Ideen in Stoff umgesetzt und die Ergebnisse später zugunsten der Kirchengemeinde verkauft.

»Mein Taufspruch lautet: ›Gott spricht: Mein Plan mit euch steht fest. Ich will euch Glück und Zukunft schenken‹ (Jeremia 29,11). Das passt so gut zu mir, und der Spruch ist wahr geworden«, sagt Bärbel Hamal heute und lächelt zufrieden.

Wolfgang Hesse

Gerichtssaal im Klassenzimmer

14. Dezember 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Magdeburger Sekundarschüler im Rollenspiel um den ersten Mauerschützenprozess

Am Ende der Verhandlung verurteilt das Gericht unter dem Vorsitz von Richter Joel (16) den Angeklagten Ingo Heinrich – an diesem Vormittag dargestellt von Vincent (17) – zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren. Ein halbes Jahr mehr als das Strafmaß im Urteil, das Richter Theodor Seidel am Berliner Landgericht bei einem der ersten Mauerschützenprozesse nach dem Fall der DDR im Januar 1992 gesprochen hatte.

Dies ist ein etwas anderer Geschichtsunterricht für die Schülerinnen und Schüler der 10. Klasse der Evangelischen Sekundarschule in Magdeburg: Das Rollenspiel unter der Leitung des Journalisten und Buchautoren Roman Grafe greift den Fall des Anfang Februar 1989 erschossenen Chris Gueffroy, des vorletzten Berliner Mauertoten, auf. Der damals 20-jährige Gueffroy wollte raus aus der DDR und hatte versucht, mit einem Freund den schwer bewachten Grenzstreifen zu überwinden.

Im Namen des Volkes: Johanna (von links), Hellen, Joel, Celina, Leon mimen im Rollenspiel um die Mauerschützenprozesse an der Evangelischen Sekundarschule in Magdeburg die Richter und Schöffen. Von der Anklangebank aus verfolgen Verteidiger Louis, Angeklagter Vincent und Verteidigerin Henriette das Urteil. – Foto: Thorsten Keßler

Im Namen des Volkes: Johanna (von links), Hellen, Joel, Celina, Leon mimen im Rollenspiel um die Mauerschützenprozesse an der Evangelischen Sekundarschule in Magdeburg die Richter und Schöffen. Von der Anklangebank aus verfolgen Verteidiger Louis, Angeklagter Vincent und Verteidigerin Henriette das Urteil. – Foto: Thorsten Keßler

Grafe hatte 1991/92 als Journalist für die ARD und die »Süddeutsche Zeitung« über diesen und weitere Prozesse gegen DDR-Grenzschützen berichtet und die Fälle in einem 2004 erschienenen Buch mit dem Titel »Deutsche Gerechtigkeit« veröffentlicht. Schuld, Verantwortung und Gerechtigkeit: Darum geht es in dem Rollenspiel über den Mauerschützenprozess. In dem sechsstündigen Seminartag vermittelt Grafe zunächst Fakten und Hintergründe zum Fall, ehe die 16- bis 17-Jährigen in die Rollen von Richtern, Staatsanwälten und Verteidigern schlüpfen. Ein Manuskript gibt es nicht, die Schüler entwickeln die Texte innerhalb des Rollenspiels. »Was die jungen Leute aus der 10. Klasse an Erfahrung, an Wissen und natürlich an Haltung mitbringen, reicht für die Verhandlung aus«, sagt Grafe.

Eingerahmt von seinen beiden Verteidigern steht der Angeklagte Vincent im Kreuzverhör. Sein Land wollte er verteidigen. Er habe zunächst extra nicht präzise geschossen, um den Flüchtenden nicht zu treffen. Später habe er auf die Beine gezielt. »Warum haben Sie nicht weiter auf die Beine geschossen«, will Richter Joel wissen. »Ich habe wenig Zeit zum Nachdenken gehabt«, erwidert Vincent.

Roman Grafe lässt die Schüler machen und greift nur dann ein, wenn es um Verfahrensfragen geht. Rund 50 Mal hat er das Rollenspiel an Schulen bereits initiiert. »Noch nie gab es einen Freispruch«, berichtet Grafe, den die klare Haltung der jungen Menschen, der »Enkel der damaligen Richter«, freut. »Ein Freispruch wäre auch im Rollenspiel schwer erträglich«, sagt er.

Dabei verkauft sich Vincent gut auf der Anklagebank, auch Verteidigerin Henriette (16) macht einen guten Job. »Mehr als zwei Jahre mit Bewährung wird das nicht«, glaubt Vincent, der wie Henriette eigentlich gegen seine eigene Überzeugung argumentiert hat. Wie deutlich und überzeugend das die Schüler tun, darüber staunt auch Schulleiter und Klassenlehrer Ferdinand Kiderlen. Die Schüler haben das, was Roman Grafe Haltung nennt. Ein Mord darf nicht mit einem Freispruch oder zu mildem Urteil enden, wie zum Teil bei den Mauerschützenprozessen geschehen.

Nach kontroverser Debatte fällt das Urteil sogar höher aus als im Originalprozess. Die Begründung liefert Joel: »Das Töten eines Menschen, auch wenn es von oben befohlen wird, ist moralisch verwerflich und muss geahndet werden.«

Thorsten Keßler

Roman Grafe: Deutsche Gerechtigkeit: Prozesse gegen DDR-Grenzschützen und ihre Befehlsgeber, Siedler Verlag, 351 Seiten, ISBN 978-3-88680-819-9, 24,90 Euro.

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