An der Schnittstelle von Himmel und Erde

16. April 2018 von redaktionguh  
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Im Kloster Drübeck kommt vom 12. bis 14. April die Synode der EKM zu ihrer Frühjahrstagung zusammen. Porträt eines besonderen Ortes.

Die Sonne strahlt über dem Harz. Zwischen den grünenden Obstbäumen lugt der Turm der romanischen Klosterkirche St. Vitus hervor. Autos schießen vorüber, während eine Gruppe Wanderer am Ortseingang von Drübeck einen Reisesegen spricht.

Der Ilsenburger Ortsteil liegt am Weg. Doch an welchem? Farbige Tafeln verweisen auf den Klosterwanderweg, die Straße der Romanik, den HarzerKlosterSommer und auf das Netzwerk »Gartenträume – Historische Parks in Sachsen-Anhalt«. Seit einem Vierteljahrhundert zählt das Kloster zur Straße der Romanik, seit zehn Jahren pilgern Menschen vom niedersächsischen Wöltingerode über Ilsenburg und Drübeck bis ins Kloster Wendhusen in Thale.

Doch was sind schon Jahreszahlen? Das Evangelische Zentrum im Kloster Drübeck wirkt mit seinen 22 Jahren fast wie ein Jungspund, hat aber für viele die Sicht auf klösterliches Leben verändert. »Wir verfügen mit unserem Zentrum über ein großes Pfund. Da behütet die knapp 300-jährige Linde jene, die unter ihrem Laub Schutz suchen, es geht familiär zu, hier finden Gäste Ruhe und Besinnung, in unserer Anlage werden Paare getraut und Hochzeiten gefeiert«, beschreibt Geschäftsführer Karl-Heinz Purucker.

Bereits im 10. Jahrhundert beherbergte die Klosteranlage Benediktinerinnen. Frühmesse bei Tagesanbruch, dann zur Arbeit in Küche, Garten, Wald, auf die Felder – die Benediktsregel bestimmte den Tagesablauf der Ordensfrauen. In den Turbulenzen der Reformationszeit und des Bauernkrieges wurden die Nonnen vertrieben. Ende des 17. Jahrhunderts wurde das Kloster durch kurfürstliches Edikt dem Grafen zu Stolberg-Wernigerode übereignet. Nach umfangreicher Sanierung errichtete der Graf ein Damenstift. Das Diakonische Amt der Kirchenprovinz Sachsen übernahm auf Bitte der letzten Äbtissin Magdalena 1946 das Kloster und führte es als Erholungsheim fort.

Labyrinth unter Apfelblüten: Gäste können im Kloster Drübeck – im Hintergrund die Kirche St. Vitus – verschiedene Gärten erkunden und genießen. Fotos: Frank Drechsler

Labyrinth unter Apfelblüten: Gäste können im Kloster Drübeck – im Hintergrund die Kirche St. Vitus – verschiedene Gärten erkunden und genießen. Fotos: Frank Drechsler

Ein historischer Plan von 1737 aus dem Archiv der Evangelischen Kirche zeigt die von Mauern umschlossenen fünf Gärten der Stiftsdamen. Die Gartenhäuschen nutzten die Stiftsdamen als Ort der Entspannung und der Besinnung. Heute sitzen die Besucher darin und genießen die wahrlich himmlische Ruhe. Wer genau über die Beete schaut, erkennt am Gärtnerhaus die Kletterrose »Juliana zu Stolberg-Wernigerode«, die einen »FrauenOrt« markiert. Davon gibt es in Sachsen-Anhalt mehr als 30; sie erzählen Geschichte und Geschichten von Frauen. Zur Romantischen Nacht im Kloster erleben die Gäste jährlich ein Wandelfest: Mit Einbruch der Dämmerung verzaubert sich der Garten, rund 1 000 Windlichter erleuchten die Anlage mit der angrenzenden Streuobstwiese und holen aus dem Dunkel, was tagsüber unscheinbar und nebensächlich scheint.

Der Quedlinburger Pfarrer Christoph Carstens, Gründungsmitglied des Klostersommer-Vereins, sieht »an der Schnittstelle von Himmel und Erde« eine Dreieinigkeit. »Wir wollen uns als Kloster zeigen, Kultur entstehen lassen und zum Finden und Wiederfinden beitragen«, erklärt er. Hier treffen christliche Welt und Beherbergung zusammen: Pastoralkolleg, Pädagogisch-Theologisches Institut, Haus der Stille und Medienzentrum. Die Anlage scheint im dauernden Wandel, davon sprechen der Neubau des Eva-Heßler-Hauses, die Rekonstruktion der Gärten und der Gebetshäuschen, der Ausbau der Domänenscheune und die neue Rezeption, die Architektin Margrit Hottenrott unter dem Motto »Hinter Klostermauern die Dinge im neuem Licht sehen« geplant hat.

Für den Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig, Christoph Meyns, verströmt Drübeck spirituelle Dichte. In »Zeiten der geistigen Trockenheit«, in denen sich Menschen verlassen und verzweifelt fühlen, sei es ein Ort der Gotteserkenntnis. Es gelte für die Kirche und in den Klöstern Halt zu geben, Haltung zum Leben und Verhaltensregeln zu vermitteln. »Ohne Gottesdienste gleichen Klöster leeren Schneckenhäusern.« Drübeck sei so ein magischer Ort, »der mehr hat, als wir mit unseren Sinnen erfassen können.« Nicht ohne Grund zählt das Kloster zu den touristisch erschlossenen »Kraftorten im Landkreis Harz«.

Wichtig sei, dass sich die Menschen auf den Weg machten. Und verweilen. Die achte Engelsbank auf dem Klosterweg zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt steht dafür in Drübeck. Der Pastor für Führungskräfte der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, Peer-Detlev Schladebusch, meinte bei einem Kloster-Seminar, »hier findet man die Ruheinsel, dieses uralte Verbinden von ›ora et labora‹, hier atme ich christliche Spiritualität.«

Wer in den geschmackvollen Zimmern nächtigt, fühlt sich deshalb bestens aufgehoben. Nicht nur, weil die Klosterküche lecker ist, geführt von einem Koch, der einen Teil seiner Kräuter selbst zieht und dem Kloster seit anderthalb Jahrzehnten die Treue hält. Nur am Morgen fühlt man sich zu früh aus den Träumen gerissen. Man setzt auf Tradition: Die Glocke ruft erstmals um sechs Uhr.

Uwe Kraus

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Kirche in der frohen Zukunft

8. April 2018 von redaktionguh  
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Gemeindeporträt: Die Heilandskirche ist das jüngste evangelische Gotteshaus in Halle

Wo ist die Frohe Zukunft? Gleich hinter dem Gertraudenfriedhof – das kann man als Hallenser und Christ so oder so sehen. Tatsächlich grenzt das in den 1930er-Jahren entstandene Wohngebiet »Frohe Zukunft« an den größten städtischen Friedhof. Einfamilienhäuser säumen die Straßen, in den Gärten recken sich die Frühblüher in die Sonne und am Krokusweg läuten die Kirchenglocken.

Kirche am Krokusweg: Die Heilandskirche im halleschen Stadtteil »Frohe Zukunft« vereint Gotteshaus und Gemeinde­räume. Sie fügt sich ins Wohngebiet ein. Foto: Ev. Kirchenkreis Halle-Saalkreis

Kirche am Krokusweg: Die Heilandskirche im halleschen Stadtteil »Frohe Zukunft« vereint Gotteshaus und Gemeinde­räume. Sie fügt sich ins Wohngebiet ein. Foto: Ev. Kirchenkreis Halle-Saalkreis

1938 wurde die Heilandskirche eingeweiht – Halles jüngstes evangelisches Gotteshaus. Im schlichten Stil erbaut, mit einem bescheidenen Turm und ohne Hauptportal, fügt sie sich in das Wohngebiet ein. Das Gebäude verbindet Kirche und Gemeinderäume – früher lebten hier Diakonissen, die den Kindergarten leiteten.

Wenige Jahre nach ihrer Einweihung wurde die Heilandskirche im Sommer 1944 von Bomben getroffen und schwer beschädigt. Den Taufstock samt Schale retteten Helfer. In den Flammen wurden die Glasfenster von Paula Jordan und die klappbaren Altartüren mit den Seligpreisungen vernichtet.

»Die Gemeinde ist jung, aber ihre Geschichte ist voller Umbrüche«, erzählt Pfarrerin Grietje Neugebauer. Die Chronik erzählt von der Einweihung unterm Hakenkreuz, Zerstörung im Krieg und Wiederaufbau in der kirchenfeindlichen DDR, vom Weg als Filialkirche zur Eigenständigkeit, vom Wachsen und Schrumpfen.

1938 zählte die Gemeinde rund 3 800 Glieder, 1952 waren es 3 500, acht Jahre später nur noch 1 000. »Heute haben wir rund 500 Gemeindeglieder«, sagt Kirchenältester Jürgen Pannwitz.

Mit St. Pankratius und Paulus gibt es eine Kooperation. Pfarrerin Neugebauer betreut zudem das Kirchspiel Trotha-Seeben. Die regionale Zusammenarbeit bietet Chancen für die Gottesdienst-Gestaltung, aber sie fordert auch Einsatz. »Es gibt hier ein großes ehrenamtliches Engagement und alle sind sehr selbstständig tätig«, sagt die Pfarrerin. Das verbindet die Menschen mit ihrer Kirche. Die Fluktuation ist im Vergleich zu den Stadtgemeinden ohnehin gering, die »Frohe Zukunft« ist schon fast dörflich.

Das geistliche Leben der Heilandsgemeinde ist geprägt von regelmäßigen Gottesdiensten, dem Café Kroküsschen für Senioren, einem Diakoniekreis mit der Paulusgemeinde, dem Chor und einem Gesprächskreis 30plus – eine Zielgruppe, für die es sonst eher weniger kirchliche Angebote gibt, so Grietje Neugebauer. Alle Generationen kommen zu Gemeindeabenden über kirchliche und gesellschaftliche Themen und zum Basteln in der Advents- und Osterzeit zusammen.

Seit einigen Jahren öffnet die Gemeinde ihr Gotteshaus für weltliche Feiern: Weil viele Familien in die »Frohe Zukunft« gezogen sind und die Grundschule keinen großen Saal hat, wird die Einschulung in der Kirche gefeiert. Jürgen Pannwitz führt außerdem Schüler im Rahmen ihres Ethik-Unterrichts durch die Kirche.

Katja Schmidtke

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Die ganze Woche in der Kirche

2. April 2018 von redaktionguh  
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Wenn das bunte Plakat wieder am Zaun hängt und der Schulbus daran vorbei fährt, wissen die Kinder aus Rosa, Roßdorf und Eckardts im Kirchenkreis Bad Salzungen-Dermbach ganz genau, was das heißt: Am Freitag ist wieder X-Team – »Kirche für Kinder«.

Das »X« steht für Jesus, der steht im Mittelunkt. Drum herum gibt es Spiele, kreative Angebote, Musik und Theater. Einmal im Monat nutzen rund 40 bis 50 Kinder das Angebot. Begleitet werden sie von zehn bis zwanzig ehrenamtlichen Erwachsenen, darunter immer auch einigen Konfirmanden.

»Das macht einfach mehr Spaß, als am Sonntag in den Gottesdienst zu gehen«, erzählt Leon Cyrus ehrlich. »Dafür bekommen wir auch gleich zwei Unterschriften«, sagt er und grinst. Auch wenn am 15. April seine Konfirmandenzeit endet, will er vielleicht weiter mitarbeiten. Annabell Anschütz und Natalie Rexhäuser haben das in jedem Fall vor. »Das ist schon mal eine gute Übung, wenn man später einen Beruf mit Kindern lernen will«, sagen sie.

Das X-Team ist eins von unzähligen Projekten und Veranstaltungen, die Pfarrerin Jana Petri gemeinsam mit rund 150 Ehrenamtlichen in den drei Gemeinden regelmäßig auf die Beine stellt. Da seien manche als Teilnehmende oder Mitarbeitende schon drei oder vier Abende in der Woche unterwegs: Junge Gemeinde Singkreis, Frauenstunde und die ein oder andere Vorbereitungsgruppe. »Die Leute sind die ganze Woche in der Kirche, wir müssen nicht auf Sonntag warten«, sagt Kirchenältester Frank Otto aus Rosa.

Station Gründonnerstag: Zur Osterausgabe des X-Teams spielen die Konfirmanden (v. l.) Max Keßler, Natalie Rexhäuser, Leon Cyrus und Annabell Anschütz für die Kinder die Szene des Letzten Abendmahls nach. Foto: Mirjam Petermann

Station Gründonnerstag: Zur Osterausgabe des X-Teams spielen die Konfirmanden (v. l.) Max Keßler, Natalie Rexhäuser, Leon Cyrus und Annabell Anschütz für die Kinder die Szene des Letzten Abendmahls nach. Foto: Mirjam Petermann

Dabei hatten die engagierten Gemeinden immer auch den Mut, Bestehendes zu beenden, die Projektgottesdienste »Himmelwärts« mit über 400 Besuchern beispielsweise. »Wir haben es im Gebet getragen und bewusst auf dem Höhepunkt der Reihe beendet«, erzählt Pfarrerin Petri. »Wir hätten sonst keine Kraft gehabt, etwas Neues zu beginnen«, ist die 41-Jährige überzeugt.

Etwas Neues steht auch nun bevor: Zum 1. Juli wird Petri die Superintendentur des Henneberger Lands übernehmen – ein sichtbarer Schicksalsschlag für die Mitglieder des gemeinsamen Gemeindekirchenrates der drei Gemeinden. »Wir lassen sie nur gehen, wenn wir gleichtwertigen Ersatz bekommen«, heißt es da schon mal.

»Frau Petri ist natürlich ein starker Motor«, sagt Annett Köhler aus dem Gemeindekirchenrat, »aber wir Mitarbeiter machen es lebendig.« Das Ehrenamt sei ein großer Pfund, aus dem der Nachfolger schöpfen könne, ist Köhler überzeugt. Das könne natürlich auch einige Monate Vakanzzeit überbrücken, aber daran denkt hier lieber noch keiner.

Eine große Stütze ist die starke Vernetzung der drei Gemeinden des Pfarramts, sowohl zwischen dem GKR als auch den Gemeindemitgliedern. Nur gemeinsam wird der Gemeindealltag gestaltet. Jedes Gotteshaus hat seine Höhepunkte im Kirchenjahr, die alle gemeinsam feiern. Die einzelnen Gruppen mit Teilnehmern aus allen Gemeinden treffen sich je nach räumlichen Gegebenheiten in den jeweiligen Orten. Auch der Einsatz einer Vikarin, die noch bis zum Frühjahr 2019 da sein wird, und eine Gemeindepädagogin geben den Gemeinden Rückhalt.

»Wir sind uns natürlich dessen bewusst, dass nicht alles so bleiben kann wie es ist«, sagt Annett Köhler. Obwohl das Ziel nicht sein kann, alles über den Haufen zu werfen und verändern zu wollen, sollte die Pfarrerin oder der Pfarrer auch den Mut haben »eigene Fußstapfen« zu hinterlassen. »Wir sind in jedem Fall offen für Neues«, sagt sie zuversichtlich.

Bis Ende April läuft die Bewerbungsphase. Sie hoffen und beten in Eckardts, Rosa und Rossdorf um viele und vor allem passende Bewerber.

Mirjam Petermann

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Botschaft für die Zukunft

26. März 2018 von redaktionguh  
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Foto: Maik Schuck

Foto: Maik Schuck

Nachdem der Sturm »Friederike« die Wetterfahne der Dorfkirche in Roldisleben (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) beschädigt hatte, musste der Turmknopf zur Reparatur abgenommen werden. Im Inneren der kupfernen Kugel fand die Gemeinde, neben anderen Zeitdokumenten wie Münzen und einem handgeschriebenen Dokument des damaligen Pfarrers Erich Tuve, eine Ausgabe der »Glaube + Heimat« aus dem Jahr 1974. Schon damals hatten nach einem Sturmschaden Turmzierde und Teile des Dachs instand gesetzt werden müssen. Friedrich und Dorothea (vorne), die Kinder von Pfarrer Andreas Simon und seiner Frau Anne (hinten links), führen die Tradition fort und bestücken auch die neue Zeitkapsel mit einem aktuellen Exemplar der Kirchenzeitung.

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Ein Zuhause auf Zeit

18. März 2018 von redaktionguh  
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Magdeburger Kinderhospiz kümmert sich um schwerstkranke Jungen und Mädchen

Trisomie 21, Fehlbildung an der hinteren Schädelgrube, Wasserkopf, ein Loch in der Herzscheidewand, ein Darmbrand, Epilepsie …

So heißen die Monster, die Krankheiten eines kleinen Jungen. »Mein Sohn heißt Joel Konstantin, der Starke. Unser Prinzibold«, sagt Benjamin, der Vater des Jungen. Seinen vollen Namen möchte er in der Zeitung nicht nennen, aber er möchte vom Leben mit Joel Konstantin erzählen. Joel Konstantin kann nicht sprechen, nicht greifen, nicht gehen, nicht sitzen, nicht essen – er wird es auch nie können, sagen die Ärzte. Er wird vor seinen Eltern sterben, obwohl er erst acht Monate alt ist.

Die Eltern Benjamin und Julia, beide 28, sind im emotionalen Ausnahmezustand. Benjamin vertraut auf Gott. Er weiß, dass das Leben des Kindes einen Sinn hat; egal, wie lang oder kurz es sei. Joel hat am 26. Juni 2017 das Licht der Welt erblickt. Er lebte die ersten drei Monate auf einer Intensivstation. Noch heute ist er verkabelt: wegen der künstlichen Ernährung, zur Bestimmung des Sauerstoffgehalts in seinem Blut, zur Hirnstrommessung.

Fünf Operationen hat er hinter sich. »Fünf Mal mussten wir damit rechnen, dass er es nicht schafft. Vor der dritten OP am Hirn bekam er eine Nottaufe«, so der Vater. Die Familie wolle kein Mitleid, aber Verständnis. Was meint er? »Wir mussten uns schon anhören, dass wir das wegen des Pflegegeldes machen.« Und dann sei noch der Kinderintensivpflegedienst für Joel zu Hause ausgefallen. Kompetente Pfleger zu finden, sei schwer, aber sie sind nötig, damit die Eltern ihre Jobs nicht verlieren.

Musik verbindet: Simon Wanninger kommt ehrenamtlich ins Kinderhospiz und spielt Gitarre, der acht Monate junge Joel Konstantin und sein Vater Benjamin hören zu. Foto: Pfeiffersche Stiftungen

Musik verbindet: Simon Wanninger kommt ehrenamtlich ins Kinderhospiz und spielt Gitarre, der acht Monate junge Joel Konstantin und sein Vater Benjamin hören zu. Foto: Pfeiffersche Stiftungen

»Unser Sohn will leben. Er hat ein Recht auf Leben.« Im April steht die sechste OP an. Vorher will die Familie Kraft und Mut tanken. Deshalb ist sie von zu Hause in der Nähe von Wittenberg nach Magdeburg in das Kinderhospiz der Pfeifferschen Stiftungen eingezogen. Nach Angaben der Pfeifferschen Stiftungen leben mehr als 50 000 Kinder in Deutschland mit Diagnosen wie Krebs, Muskelschwund oder Herz- und Stoffwechselleiden. Oft werden
sie zu Hause gepflegt, von Familien, deren Belastung kaum jemand wahrnimmt.

Vor fünf Jahren, im März 2013, wurde das Kinderhospiz eröffnet. »Es sind die vermeintlichen Kleinigkeiten, die wir Familien anbieten können: Einmal eine Nacht durchschlafen, sich an den gedeckten Tisch setzen, mit dem Partner einen gemeinsamen Abend für einen Kinobesuch haben. Am Lebensende als Familie zusammen sein zu können, möglichst schmerzfrei zu sein und sich nicht um Haushalt oder die Organisation von Hilfsmitteln sorgen zu müssen«, sagt Franziska Höppner, Leiterin des Kinderhospizes. Simon Wanninger setzt sich zu Joel und seinem Papa ins Wohnzimmer. Der 29-Jährige ist ein Ehrenamtlicher, der einmal in der Woche im Hospiz Gitarre spielt. Und zwar »was mir gefällt, nichts Trauriges, Songs von den Beatles, Rolling Stones, also keine Kinderlieder«, sagt er. Wenn er auf der Gitarre spielt, reagiert der kleine Joel, sein Papa strahlt, der Student ebenso. Musik verbindet.

Was nimmt Simon Wanninger von hier mit? »Dankbarkeit, dass ich so einfache Dinge machen kann wie essen, laufen, reden.« Simon Wanninger ist einer von zehn Ehrenamtlichen, die den Familien im Hospizalltag zur Seite stehen. Hier suchen die Stiftungen weitere Unterstützung.

Seit der Eröffnung ist das Team auf 16 Pflegekräfte, zwei Psychologen, eine Sozialdienstmitarbeiterin und eine Hauswirtschaftsmitarbeiterin gewachsen. »Wir hatten in den fünf Jahren 350 Begleitungen von lebensverkürzend erkrankten Kindern. Zusätzlich waren 60 Geschwisterkinder bei uns. Viele davon sind immer wieder Gast im Kinderhospiz«, sagt Franziska Höppner.

Auch vor und nach der Zeit im Hospiz sei viel Kontakt und Beratung erwünscht. »Wir haben an die 3 000 Beratungsstunden am Telefon und in persönlichen Gesprächen geleistet«, ergänzt die Psychologin. Auch Spenden werden benötigt, denn das Kinderhospiz muss etwa 400 000 Euro pro Jahr aus Spenden decken.

(G+H)

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»Glaube + Heimat«  auf der Thüringen Ausstellung

13. März 2018 von redaktionguh  
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Vom 24. Februar bis 4. März präsentierte sich die Kirchenzeitung erstmals zur Thüringen Ausstellung in Erfurt. Am Gemeinschaftsstand der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland hatten Leser und Interessierte die Möglichkeit, miteinander und über die Themen der aktuellen Ausgaben ins Gespräch zu kommen. Über die Frage, ob evangelische Kirchen ihre Türen außerhalb der Gottesdienstzeiten öffnen sollten, konnte per »Bällchen-Wahl« abgestimmt werden. Thüringens größte Verbrauchermesse zog in diesem Jahr knapp 70 000 Menschen auf das Messegelände der Landeshauptstadt.

Fotos: Hannah Katinka Beck

Fotos: Hannah Katinka Beck

Pfarrerinnen für die City

5. März 2018 von redaktionguh  
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Halle-Saalkreis: Ulrike Scheller und Simone Carstens-Kant wechseln an die Marktkirche

Neue Zeiten brechen für die hallesche Marktkirchengemeinde an: Nachdem im Dezember 2016 der langjährige Pfarrer Harald Bartl in den Ruhestand verabschiedet worden ist und Pfarrerin Sabine Kramer zu Jahresbeginn als Direktorin des Predigerseminars nach Wittenberg wechselte, steht die Gemeinde vor einem personellen und auch inhaltlichen Wandel. Im Juni werden Simone Carstens-Kant, bislang Pfarrerin an Luthers Taufkirche in Eisleben, und die Bad Lauchstädter Pfarrerin Ulrike Scheller ihren Dienst an der Marktkirche beginnen.

Damit wird Realität, wofür der Kirchenkreis Halle-Saalkreis bereits im Herbst 2014 die Weichen stellte: Die Kirche »Unser Lieben Frauen«, Schnittstelle zwischen Gemeindearbeit, Stadtkultur und Touristik und mit ihren 3 800 Mitgliedern die größte Gemeinde der Stadt, erhält eine Citypfarrstelle.

Personeller Neubeginn in Halle: Simone Carstens-Kant (links) und Ulrike Scheller werden im Sommer ihren Dienst an der Marktkirche, hier vom Hallmarkt aus gesehen, beginnen. Fotos: Kirchenkreis, Katja Schmidtke, Knut Scheller

Personeller Neubeginn in Halle: Simone Carstens-Kant (links) und Ulrike Scheller werden im Sommer ihren Dienst an der Marktkirche, hier vom Hallmarkt aus gesehen, beginnen. Fotos: Kirchenkreis, Katja Schmidtke, Knut Scheller

Ulrike Scheller wurde vom Kirchenkreis für sechs Jahre mit der neu eingerichteten Pfarrstelle betraut. Ihre Arbeit soll in der gesamten Stadt Ausstrahlung entfalten. Wie dies genau aussehen wird, ob mit einem Schwerpunkt Kultur oder als Stadtteilarbeit, das muss sich finden. »Das Arbeitsfeld ist noch nicht ausdefiniert. Das lässt viel Freiheit«, sagt die 42-Jährige. Sie will sich in Halle auf die Suche nach neuen Formen der Verkündigung machen. Im Pfarrbereich Bad Lauchstädt (Kirchenkreis Merseburg), wo Scheller sieben Jahre tätig war, gelang dies beispielsweise mit thematischen Abendgottesdiensten. Für eine Predigt dieser Reihe wurde sie 2016 mit dem Ökumenischen Predigtpreis ausgezeichnet.

Die Citypfarrstelle wird 75 Prozent einer Vollzeitstelle umfassen, zu 25 Prozent wird Scheller für den Kirchenkreis an der Organisation der ökumenischen Lebenswendefeiern mitarbeiten. Dies sei der Citykirchen-Arbeit nicht unähnlich: Auch hier geht es um die Öffnung der Kirche in die Stadt.

Dieses Ziel verbindet Ulrike Scheller und Simone Carstens-Kant, die die Gemeindepfarrstelle an der Marktkirche im Sommer aufnehmen soll. Nach einem Gemeindeabend und einem Gottesdienst Mitte Februar hatte der Gemeindekirchenrat mehrheitlich sein Einverständnis mit dem Besetzungsvorschlag der Landeskirche erklärt. Abschließend entscheidet die landeskirchliche Personalkommission.

Die 55-jährige Carstens-Kant hat bislang die eher projektbezogene Pfarrstelle am Zentrum Taufe in Eisleben inne und freut sich auf die Herausforderung. Es habe sich im Gemeindegespräch gezeigt, wie vielfältig das geistliche Leben an der Marktkirche ist und dass doch ein Ziel eint: Die Sehnsucht, Menschen zu erreichen. Carstens-Kant und Scheller wollen hierbei zusammenarbeiten. Die Chemie zwischen ihnen stimmt, sehr fröhlich sei ein erstes Telefonat verlaufen. Als ein Signal, gemeinsam der Stadt Bestes zu suchen, wollen sie sich in einem Gottesdienst in ihre Ämter einführen lassen.

Auch Kirchenältester Gottfried Koehn begreift die Zusammenarbeit zwischen Carstens-Kant und Scheller als zusätzliche Chance. »Die Intensivierung der persönlichen Seelsorge und die weitere Öffnung der Kirche in die Stadt ist unser gemeinsames Ziel«, sagte er.

Bis die Frauen im Sommer ihre Arbeit aufnehmen, wird die Gemeinde erstmals in ihrer 500-jährigen Geschichte mit den Herausforderungen der Vakanz konfrontiert. Denn auch Vikar Helfried Maas hat die Gemeinde bereits verlassen und seinen Entsendungsdienst in Wiehe (Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda) angetreten. Vertretungspfarrer ist seit 1. Januar

Peter Kästner. Katja Schmidtke

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Der unermüdliche Sämann

27. Februar 2018 von redaktionguh  
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Kirche des Jahres: Von insgesamt zwölf zur Wahl stehenden Kirchen in Deutschland erhielt zwar ein Gebäude in Rheinland-Pfalz die meisten Stimmen. Dahinter kam aber ein Gotteshaus in Südthüringen.

Uns ergeht es mit der Kirche wie dem Sämann da«, sagt Gerd Heim und deutet auf das rund 100 Jahre alte farbige Glasfenster im Altarraum der St. Bartholomäuskirche von Stressenhausen. Die Dorfkirche nahe Hildburghausen belegt den zweiten Platz im Jahresranking der Stiftung zur Bewahrung Kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland (KiBa).
Natürlich weiß der stellvertretende Vorsitzende des Gemeindekirchenrates, dass mit dem Gleichnis im Lukas-Evangelium, Kapitel 8, der ausgestreute Samen für das Wort Gottes steht, das von den Menschen unterschiedlich angenommen wird. Gerd Heim sieht im unermüdlichen Handeln des Sämanns Parallelen zu den Anstrengungen für den Erhalt der Kirche.

Die Bartholomäuskirche überrascht mit ihrem prächtigen Innenraum. Um seine Pflege und Herrichtung für die Gottesdienste kümmert sich seit langem Küsterin Hiltrud Sillmann. Beim jährlichen Großputz kämen aber viele fleißige Hände noch hinzu, betont die 80-Jährige. Dass sei auch in den 1980er-Jahren so gewesen, als die Innenrestaurierung Dank vieler Spenden ermöglicht wurde.

»1720 hatten Herzog Ernst Friedrich I. von Sachsen-Hildburghausen und seine Gattin Albertine dem Ort eine neue Kirche geschenkt, nachdem im 30-jährigen Krieg Wallensteins Truppen während der Belagerung Coburgs das Dorf brandschatzten und auch die Kirche zerstörten«, berichtet Gerd Heim aus der Geschichte. Nur die Mauern des viel älteren, mächtigen Turmes blieben erhalten. Der bekam mit der Errichtung des Langhauses vor fast 300 Jahren ein Obergeschoß mit schön geschweifter Kuppel und Turmknopf.

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Voll Stolz zeigen Pfarrer Dieter-Klaus Zeidner (links) und Kirchenältester Gerd Heim den fast fertigen Kirchturm. Foto: Thomas Schäfer

»In all den Jahren haben wir Geld gesammelt und angespart, um kleinere Reparaturen durchführen zu können. Damit kamen wir aber im Herbst 2008 an unsere Grenzen. Immer häufiger fielen Dachziegel vom Schiffdach und gefährdeten die Besucher der Kirche und des unmittelbar anschließenden Friedhofs. Wir wandten uns an das Kreiskirchenamt Meiningen mit der Bitte um Unterstützung«, so der Kirchenälteste. Die Kostenschätzung bildete die Grundlage für weitere Schritte zur Finanzierung: viele Anträge und weitere Bitten um Spenden, zumal das Schiffdach als einsturzgefährdet eingestuft wurde.

»Als wir 2008 mit der Planung begannen, gingen alle davon aus, dass der Turm in Ordnung sei. Weihnachten 2010 lag dann so viel Schnee auf dem Kirchendach, das es sich senkte. Am Turmanschluss entstand ein breiter Spalt. Ein Jahr später half der Kirchenkreis mit einer Notsicherung des Kirchendaches.«

Wiederholte Finanzierungsanträge blieben ohne positiven Bescheid. Die Saat ging nicht auf. Der Zustand des Turmes allerdings verschlechterte sich. Bald fielen auch dort Schiefer- und Sandsteinplatten ab. »Neun Jahre wurde beharrlich gesammelt und immer wieder von Haus zu Haus gegangen, denn nicht nur die 40 Prozent Kirchenmitglieder sollten sich angesprochen fühlen«, so Heim. Viel Geduld war nötig. Im 450 Einwohner zählenden Dorf kamen so 33 000 Euro zusammen. 2016 die Entscheidung: zuerst der Turm. Der Finanzierungsplan, den Pfarrer Dieter-Klaus Zeidner vorlegte, wies 355 000 Euro aus. Eine gewaltige Bausumme, die nur durch Städtebauförderung, Lottomitteln, kirchlicher sowie kommunaler Zuschüsse und der Hilfe von Stiftungen wie der Kiba getragen werden konnte. Bedingt durch die Witterung musste die Baustelle leider 2017 geschlossen werden, obwohl der Außenputz des Turmes noch nicht fertig war. Das bedeutet wiederum Mehrkosten, zumal das Kirchendach mit geschätzten 90 000 Euro noch aussteht.«

Der zweite Platz im deutschlandweiten Wettbewerb der KiBa ist für Gerd Heim ein Zeichen, »dass wir auf dem richtigen Weg sind«. Pfarrer Zeidner fügt hinzu: »Und die Menschen ziehen mit.« Immerhin hat das kleine Dorf 787 Stimmen für ihr Projekt akquirie­ren können.

»Wie der Sämann werde ich unermüdlich weiter für den Erhalt unserer Kirche in geistlicher und weltlicher Beziehung ackern«, hat sich Gerd Heim vorgenommen. Und das große Ziel sei das 300-jährige Jubiläum 2020.

Uta Schäfer

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Konzentration auf den Kern der Kirche

Gemeindeporträt: Bitterfeld hat sich gewandelt, das stellt auch die Kirche vor neue Herausforderungen

Bitterfeld – rauchende Schornsteine, Gestank, zerstörte Natur. Die Bilder halten sich hartnäckig, auch wenn der Chemiepark modernisiert ist und der Braunkohlentagebau sich in einen See verwandelt hat. Bleibend scheint auch die bittere Erfahrung der Bewohner ob des wirtschaftlichen Niedergangs ihrer Stadt nach der Wende: Fast die Hälfte seiner Einwohner und Tausende Arbeitsplätze hat Bitterfeld verloren. Inzwischen pendeln mehr Menschen zum Arbeiten ein als aus und die rund 300 Firmen im Chemiepark haben 12 000 Beschäftigte.

Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel prägt auch das Leben der evangelischen Christen. 1 000 Glieder zählt die Stadtgemeinde, deren Pfarrer seit fünf Jahren Johannes Toaspern ist. Sein Büro liegt im Lutherhaus, einem großen Ziegelbau an den Binnengärten. »Eigentlich ein Traumhaus«, sagt Pfarrer Toaspern. Denn es bietet Platz für ein reges Gemeindeleben mit Saal, Büro-, Sozial- und Gruppenräumen. In den oberen Etagen gibt es die Pfarr- und Mietwohnungen. Gebaut wurde das Lutherhaus auch damit die Gemeinde ihrer christlichen Verantwortung gerecht wird. Der Sozialbau wurde 1928 errichtet, um Kinder zu betreuen: Hier konnten sie essen, ausruhen, spielen und Hausausgaben erledigen.

All dies, das Gemeindeleben und die Verantwortung für Mitmenschen, gibt es auch heute noch, wenn auch in kleineren Umfang. Den Kindergarten der Gemeinde gibt es nicht mehr, die Wohnungen sind immer schwerer zu vermieten. »Wenn Gott die Stadt nicht erweckt, werden wir uns verschlanken«, sagt Johannes Toaspern. Langfristig soll daher die Idee von einer Gemeinde unter einem Dach umgesetzt werden.

Aktuell lebt die Gemeinde unter zwei Dächern: Neben dem Lutherhaus gibt es die 1910 eingeweihte, neogotische Kirche am Markt. Sie soll als Gemeindezentrum aus- und umgebaut werden. Dazu gibt es einen Beschluss des Gemeindekirchenrats.

Kleine Gemeindegruppen sollen ebenso ihren Platz finden wie hunderte Menschen zu Gottesdiensten an hohen Feiertagen. »Solange wir selbst gestalten können, sollten wir dies mit Verantwortung und Optimismus tun«, sagt der Pfarrer. Erfahrungen bringt Toaspern mit: Er war zuvor Pfarrer an der Leipziger Peterskirche, die auch als Gemeindekirche konzipiert ist.

Die Stadtkirche soll langfristig zum Gemeindezentrum umgebaut werden. Foto: Martin Jehnichen

Die Stadtkirche soll langfristig zum Gemeindezentrum umgebaut werden. Foto: Martin Jehnichen

Das Innere des gewaltigen Sakralbaus mit seinen ursprünglich 1 000 Plätzen wurde vor gut 60 Jahren letztmalig umfassend saniert. Dabei fiel die florale Ausmalung einem nüchternen Zeitgeist zum Opfer. Inzwischen tun sich viele Baustellen auf. Sie bieten die Chance, nicht nur zu reparieren, sondern neu zu gestalten. »Chöre und alle anderen Gruppen könnten sich spirituell verankern mit und in der Kirche, wir schaffen einen neuen Bezug zu diesem geistlichen Ort«, meint Toaspern.

Gemeinschaft und Kontemplation betrachtet der Theologe als das Kerngeschäft von Kirche. Wo sich der Glaube in Stille, Gesang und Bibelworten entfaltet, ist Raum für Begegnungen, etwa beim gemeinsamen Essen. Die Gemeinde zelebriert dies bei der Einführung von Prädikanten oder Taufen.

In den vergangenen beiden Jahren hat Toaspern auch immer wieder Flüchtlinge getauft. Sie stellen inzwischen ein Drittel bis die Hälfte der Gottesdienstbesucher.

Um unter den Bitterfeldern Hemmschwellen abzubauen und sich einzubringen in die Stadtgemeinschaft, hat die Kirchengemeinde im Advent 2017 erstmals zu einem Lebendigen Adventskalender aufgerufen und im September des Reformationsjahres zum Lutherfest eingeladen. »Das war ein unglaubliches Fest. Was wir tun, wird wahrgenommen«, blickt Toaspern froh zurück. Kantorin Konstanze Topfstedt verstand es, Kinder in das Musizieren einzubinden. Die Aufführung des Luther-Musicals verschaffte allen ein Erfolgserlebnis. Vor einem Jahr hat sich die Gemeinde weiterhin im öffentlichen Bewusstsein verankert: Am 15. Februar 2017 öffnete zum ersten Mal die Suppenküche für Kinder und Jugendliche. Sechs ehrenamtliche Köche bereiten jeden Mittwoch ein warmes Mittagessen für die Besucher des Kinder- und Jugendtreffs unter Leitung von Thomas Bork zu.

Das offene Angebot nutzen vor allem Kinder, die sonst nichts mit Kirche zu tun haben und setzen damit die Tradition des Lutherhauses fort, »Stunden echter Jugendfröhlichkeit (…) erleben zu können«, wie es in einem historischen Dokument heißt.

Bis zu 20 Portionen kochen die Helfer und stehen danach nicht allein in der Küche. Hilfe bekommen Gabi Köhler, Edith Reiche und Christel Schneider an diesem Mittwochmittag von vielen kleinen Händen, die Tische abwischen, die Küche aufräumen, dankbar und fröhlich sind. Das sei, sagen sie alle, viel besser als allein zu Hause zu sein.

Katja Schmidtke

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Domglocken läuten im Fußballstadion

18. Februar 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

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Kurz vor dem Auflaufen der Mannschaften beim Heimspiel des 1. FC Magdeburg ertönen sie und können auf der Anzeigetafel im Stadion in Augenschein genommen werden: die Glocken des Magdeburger Doms. Unterstützt von Domprediger Jörg Uhle-Wettler realisierte der Fußballverein kürzlich die besonderen Video- und Tonaufnahmen der Glocken.

Dompfarrer Uhle-Wettler hat eine persönliche Bindung zum FCM: In den 1970er-Jahren besuchte er Blau-Weiß regelmäßig. Beeindruckt von der Stimmung im Stadion gab er jetzt nach Abstimmung mit dem Gemeindekirchenrat den Impuls, um die bisher als Animation gezeigten Glocken durch Originalaufnahmen zu ersetzen. Zur Premiere hatte der Verein den Dompfarrer und Ingeborg Brunner eingeladen. Die 87-Jährige ist seit der ersten Stunde Blau-Weiß-Fan, Mitglied der Domgemeinde und hatte den 1. FC Magdeburg für lange Zeit nicht mehr besucht. Stadionsprecher Jens Hönel begrüßte die beiden.

Foto: www.sportfotos-md.de

Foto: www.sportfotos-md.de

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Gegen das Vergessen

13. Februar 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

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Was sich aus dem Gedächtnis verliert, existiert nicht mehr im Bewusstsein. Genau da setzt der »Arbeitskreis gegen das Vergessen« an, der im süd-thüringischen Bibra seinen Sitz hat und kürzlich den Werner-Sylten-Preis erhielt.

Als die Bibraer für den Sommer 1992 die 500-Jahrfeier der Grundsteinlegung ihrer Sankt-Leo-Kirche vorbereiteten, war sehr schnell klar, dass der Fokus nicht allein auf den drei berühmten Schnitzaltären von Tillmann Riemenschneider liegen kann. Schließlich sind Kirchen- und Ortsgeschichte eng miteinander verbunden. »Etwa 300 Jahre haben jüdische Menschen ganz selbstverständlich zu Bibra gehört«, sagt Michael Schlauraff, seit 2016 Pfarrer in Bibra.

In sein Amtszimmer sind an diesem Nachmittag Dagmar Winkel, Lehrerin für Deutsch und Religion an der Gesamtschule Grabfeld, und das Ehepaar Floßmann gekommen. Sie gehören zum harten Kern des »Arbeitskreises gegen das Vergessen«, der sich 2005 bildete und dessen ehrenamtliche Arbeit von etwa 50 Freunden aus nah und fern unterstützt wird. »Hier in diesem Raum spielte der evangelische Pfarrer Baumann mit dem jüdischen Lehrer Höxter Schach und gemeinsam lasen sie das Alte Testament in Deutsch und Hebräisch, bis Pfarrer Baumann zwangsversetzt wurde und der im Dorf so beliebte Lehrer 1934 Berufsverbot erhielt. Über viele Stationen kamen schließlich Aaron Höxter und seine Frau Paula im KZ Stutthof bei Danzig ums Leben, Sohn Günter wurde in Auschwitz ermordet«, schildert Hartwig Floßmann nur eines der vielen Schicksale, die er und seine Frau Dimitrana sorgfältig und mit Einfühlungsvermögen recherchierten.

Seit Mai 2007 erinnert ein Gedenkstein vor der Bibraer Burg an die ermordeten Bibraer Juden. Foto: Thomas Schäfer

Seit Mai 2007 erinnert ein Gedenkstein vor der Bibraer Burg an die ermordeten Bibraer Juden. Foto: Thomas Schäfer

Ein Blick zurück in die Geschichte: Die Freiherren von Bibra, seit über 900 Jahren hier ansässig, nutzten nach dem Dreißigjährigen Krieg die Möglichkeit, Juden in ihrem Herrschaftsbereich anzusiedeln. Diese »Schutzjuden« durften an zugewiesenen Orten leben und arbeiten, mussten dafür aber Abgaben leisten. Dies war der Beginn eines regen, sich gut entwickelnden jüdischen Lebens in Südthüringen, von dem einige steinerne Zeugen erhalten blieben. Verteilt im Dorf gab es eine Synagoge samt Schulstube und Lehrerwohnung, eine Mikwe sowie jüdische Metzgereien. Die Verstorbenen brachte man auf den jüdischen Friedhof ins nahe Bauerbach. Die Israelitische Kultusgemeinde Bibra sei schließlich am 2. März 1943 mit der Verschleppung von Oskar Meyer endgültig vernichtet worden. Auch wenn es manche Hilfeleistung gab, verhinderten letztlich Angst und Ausweglosigkeit den offenen Widerstand gegen die Tyrannen, beschreibt er die Situation während des Nationalsozialismus im Buch »Juden in Bibra unvergessen«.

Doch nicht nur aus der dunklen Vergangenheit wird hier berichtet. Mit vielen Fotos, Grußworten und Dokumenten hält es die bewegenden Tage im Mai 2007 fest, als die wenigen noch lebenden Bibraer Juden und ihre Nachfahren in die alte Heimat kamen, mit der sie neben all dem Schrecklichen auch die Erinnerung an glückliche Jahre verbanden. Sie reisten aus Argentinien, Großbritannien, Israel und den USA an.

Die Liste der Aktivitäten des Arbeitskreises ist lang: Der Werner-Sylten-Preis für christlich-jüdischen Dialog, den die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland erstmalig vergab, freut die ehrenamtlich Engagierten sehr. Ist er doch neben der öffentlichen Anerkennung auch mit einer kleinen finanziellen Unterstützung verbunden.

Uta Schäfer

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