Lucas, der Buchdrucker

21. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Konfirmanden lernen Kunst und Handwerk Gutenbergs kennen

Lange ist es her, dass Lucas Gelegenheit zum Drucken hatte. Das war in der Grundschule. Heute ist er Konfirmand und darf erneut an einer Druckerpresse stehen. An einer richtigen, an einer, die dem Original der Druckerpresse von Gutenberg exakt nachempfunden wurde. Das ist schon etwas ganz Besonderes. Lucas kommt aus Eschbach im Taunus und er gehört zu einer Gruppe von Mädchen und Jungen, die gemeinsam mit Jugendlichen aus Wandersleben (Kirchenkreis Gotha) eine Konfirmandenfreizeit in Thüringen verbringen. Das hat übrigens Tradition. Seit 1945 schon verbindet beide Kirchengemeinden eine Partnerschaft.

Blatt für Blatt wird vorbereitet, bevor es in die Druckpresse kommt. Lucas und seine Konfirmandengruppe aus dem Taunus erleben, wie aufwendig aber auch spannend die Herstellung eines Buches zur Zeit der Reformation war. Foto: Klaus-Dieter Simmen

Blatt für Blatt wird vorbereitet, bevor es in die Druckpresse kommt. Lucas und seine Konfirmandengruppe aus dem Taunus erleben, wie aufwendig aber auch spannend die Herstellung eines Buches zur Zeit der Reformation war. Foto: Klaus-Dieter Simmen

»Während der DDR-Zeit beschränkte sie sich darauf, die Freunde jenseits der Grenze zu unterstützen«, sagt Pfarrerin Kerstin Steinmetz aus Eschbach. Mit der Wiedervereinigung wandelte es sich zu einer lebendigen Beziehung, die von gemeinsamen Besuchen geprägt ist. Seit 1997 schon gibt es die Freizeit für Konfirmanden.

An diesem Tag besuchen sie einen ganz besonderen Ort, nämlich die Menantes Literatur-Gedenkstätte in Wandersleben. Sie erinnert nicht nur an den Dichter Christian Friedrich Hunold, genannt Menantes, der in der Gemeinde geboren wurde. Die Gedenkstätte ist dazu ein außerschulischer Bildungsort, einer, der vornehmlich jungen Menschen die Handwerke der Buchherstellung und die Reformation nahe bringt. Und die Geschichte des Buches, so der Wandersleber Pfarrer Bernd Kramer, ist ein spannendes Abenteuer.

Im Jurywettbewerb mit Publikumsbeteiligung fördert das Magazin Chrismon auch in diesem Jahr herausragende Gemeindeprojekte. Mit seinem Konzept außerschulischer Lernort bewirbt sich das Pfarramt Apfelstädt, zu dem die Kirchgemeinde Wandersleben gehört, um eine Förderung. »Wir denken, dass unser Angebot das wert ist«, begründet Kramer diesen Schritt. Die Zahl der Schulklassen, die sich in der Gedenkstätte mit der Geschichte der Buchherstellung vertraut machen, steigt von Jahr zu Jahr.

Das mag auch daran liegen, dass hier alles andere als staubtrockene Theorie vermittelt wird. Natürlich gibt es einen Exkurs in die Geschichte – angefangen bei Federkiel und Tinte bis hin zum Buchhändler. Mitmachstationen lassen darüber hinaus die einzelnen Handwerke im besten Wortsinn erfahrbar werden. Wie beispielsweise beim Drucken. Hans-Otto Mempel aus der Werkstatt für künstlerische Druckgrafik in Vieselbach hat den Jungen die Arbeitsschritte erläutert. Nun nimmt er sich zurück, lässt sie alleine hantieren, was den Konfirmanden sichtlich Freude macht. Als Druckstock dient ein Linolschnitt von der Wanderslebener Kirche. Sorgfältig wird er mit der Farbwalze eingestrichen, dann kommt Blatt für Blatt in die Presse, ganz so, wie vor 300 Jahren die Buchseiten gedruckt wurden. »Haben die das damals wirklich so gemacht?«, will Lucas wissen. Und die jungen Leute beginnen zu ahnen, wieviel Arbeit in einem Buch steckt, ehe es vom Buchhändler vertrieben werden konnte.

Die Arbeit an der Gutenberg-Presse dient durchaus einem Zweck, denn die Bilder der Wanderslebener Kirche werden bald schon Bestandteil eines Leporellos sein, das eine zweite Gruppe anfertigt – aus Altpapier übrigens. Es wird geschnitten und gefalzt. Mitglieder des Menantes-Förderkreises haben ein Auge darauf, dass die einzelnen Arbeitsschritte eingehalten werden. Jedes einzelne dieser Werke wird übrigens mit Initialen verziert und daran arbeiten Anastasia und Marie. Sie sind schon erstaunt, wie viele Schreibwerkzeuge es gibt und entdecken so nebenbei, wie schön eine Handschrift sein kann. »Ein Buch ist das Werk vieler«, merkt Pfarrer Kramer an. Das im Zeitalter digitaler Technik hautnah zu erfahren und selbst daran mitzuwirken, sei Ziel dieses ungewöhnlichen außerschulischen Lernorts.

Klaus-Dieter Simmen

Die Bewerbung des Wanderslebener Projektes beim evangelischen Magagzin Chrismon kann man im Internet unterstützen:

https://chrismongemeinde.evangelisch.de/profile

Wort in die Tat umsetzen

13. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Diakonische Gemeinschaft sieht sich nicht als Auslaufmodell

Diakon – ein Auslaufmodell? Natalie Gaitzsch schaut fragend, das sei wohl provokant gemeint, sagt die Älteste der Diakonischen Gemeinschaft der Brüder und Schwestern des Lindenhofs. In Neinstedt wurden seit Gründung des Knabenrettungs- und Brüderhauses 1850 immer auch Diakone ausgebildet, und dies soll in Zukunft so bleiben. Der Diakon, die Diakonin seien keine Auslaufmodelle, nur weil es im landeskirchlichen Dienst keine Stellenangebote gebe.

Im Gegenteil. Diakone seien eine Chance für die Kirche, betont Natalie Gaitzsch. »Weil Diakone in die Welt gehen, dorthin, wo sie gebraucht werden, weil sie das gepredigte Wort in die Tat umsetzen«, sagt die Älteste. Mit ihrer Doppelqualifikation – Diakone haben einen weltlichen Beruf gelernt, meist in einem sozialfachlichen Bereich wie Erzieher, Krankenpfleger oder Sozialarbeiter und absolvierten zudem eine theologisch-diakonische Ausbildung – sind sie Brückenbauer.

Sie bauen Brücken zwischen der Kirche und der Welt, zwischen traditionellen Gemeinden und Menschen, die Kirche vielleicht nur als Kind oder von der Christvesper kennen, die aber in dieser postsäkularen Welt, wie Natalie Gaitzsch es sagt, eine tiefe Sehnsucht verspüren.

In Neinstedt erwächst aus der Historie des Knabenrettungs- und Brüderhauses eine besondere Prägung des Diakonats. »Diakone wenden sich Menschen zu, die von der Kirche entfernt sind. Menschen mit Sorgen und in Nöten, die von sozialem Abstieg bedroht sind, Menschen mit sozialen und körperlichen Behinderungen«, sagt Hans Jaekel, pädagogisch-diakonischer Vorstand der Evangelischen Stiftung Neinstedt und selbst als Jugenddiakon ins Beruf(ung)sleben gestartet. Die Arbeit eines Diakons vergleicht er mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Eine Mission, die kaum der Worte bedarf.

Doch das Wort bekommt neben der Tat im neuen Diakonen-Gesetz der EKM einen besonderen Stellenwert. Erstmals wird geregelt, was zumindest in der Kirchenprovinz Sachsen oft gelebte Praxis war: Dass Diakone – innerhalb ihres Dienstes und Auftrags – das Evangelium verkünden und Kasualien verwalten, dass sie also Andachten halten, Aussegnungen gestalten, taufen und beerdigen und das Heilige Abendmahl austeilen dürfen. Das sei besonders wichtig, weil Menschen mit Behinderungen, wie sie etwa in der Neinstedter Stiftung leben und arbeiten, ihren Glauben eher in einer personenzentrierten denn einer klassischen parochialen Gemeinde leben. Das neue Gesetz verschaffe den Diakonen kirchenrechtliche Sicherheit, aber »eigentlich geht es nicht darum, ob es uns damit gut geht oder nicht, sondern ob wir Gemeinde ernst nehmen«, betont Natalie Gaitzsch. Und Jesu Wort: Kommt alle!

Vor dem Brüderhaus: Hans Jaekel, pädagogisch-diakonischer Vorstand der Evangelischen Stiftung Neinstedt, und Natalie Gaitzsch, Älteste der Diakonischen Gemeinschaft des Lindenhofs,. Foto: Katja Schmidtke

Vor dem Brüderhaus: Hans Jaekel, pädagogisch-diakonischer Vorstand der Evangelischen Stiftung Neinstedt, und Natalie Gaitzsch, Älteste der Diakonischen Gemeinschaft des Lindenhofs,. Foto: Katja Schmidtke

Natürlich reise nun nicht jeder Diakon umher und teile das Abendmahl aus. Stiftungsvorstand Jaekel sagt, Diakone arbeiten nicht an Pfarrern vorbei, sondern mit ihnen. Man brauche den Pfarrer. »Er ist für uns auch ein wichtiger Impulsgeber in bildenden geistlichen Dingen. Wir müssen da zusammen denken, nicht gegeneinander«, sagt Hans Jaekel.

In Neinstedt ruht derzeit die Diakonen-Ausbildung. Im kommenden Jahr soll ein berufsbegleitender Kurs beginnen, und das Diakonenkolleg möchte zudem seine Angebote erweitern. Zum einen für die 1 000 Stiftungsmitarbeiter, zum anderen für Einrichtungen, die ihr diakonisches Profil schärfen möchten – für mehr Brücken zwischen Kirche und Welt.

Katja Schmidtke

Vom Faden bis zum Versand

8. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Landesbischöfin zu Gast bei Bauerfeind in Zeulenroda

Alles wird hier in Zeulenroda produziert? Und geht von hier aus bis nach Dubai oder noch weiter?« Landesbischöfin Ilse Junkermann war sichtlich beeindruckt bei der Besichtigung der Produktionshallen des Logistikzentrums der Bauerfeind AG in Zeulenroda. Hergestellt werden hier Bandagen, Orthesen, medizinische Kompressionsstrümpfe und orthopädische Einlagen. Und beim Anblick des überdimensional großen Konterfeis von Dirk Nowitzki in der Eingangshalle meinte Ilse Junkermann respektvoll: »Dass Sie den gewonnen haben!« Der berühmte Basketballer ist Botschafter der Marke Bauerfeind. Immerhin belieferte das Unternehmen bereits die Sportler offiziell zu Olympia und zur Fußball-WM mit seinen Produkten.

Landesbischöfin Ilse Junkermann, hier mit Inhaber Hans B. Bauerfeind und Ehefrau Marion, nahm beim Firmenrundgang  »die Beine in die Hand«. Foto: Simone Zeh

Landesbischöfin Ilse Junkermann, hier mit Inhaber Hans B. Bauerfeind und Ehefrau Marion, nahm beim Firmenrundgang »die Beine in die Hand«. Foto: Simone Zeh

Der Betrieb hat Tochtergesellschaften in verschiedenen Ländern, aber nur für den Vertrieb. »Produziert wird alles, vom Garn bis zum fertigen Produkt, hier in Zeulenroda«, erklärte Dörte Heyn, Mitarbeiterin von Bauerfeind, die eine Delegation am vergangenen Freitag durchs Werk führte. Zeulenroda war eine der Stationen bei der Rundreise von Ilse Junkermann durch die Propstei Gera-Weimar.

Dabei war auch Holger Lemme vom kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt der EKM, der den Besuch der Landesbischöfin bei Bauerfeind mit organisiert hatte. Die Arbeitswelt zu sehen und wahrzunehmen, mit Menschen zu reden, das sei Ilse Junkermann wichtig gewesen. Warum man Bauerfeind gewählt habe? »Es sollte ein Betrieb in der Region sein. Bauerfeind ist ein Familienbetrieb, der die Region stärkt, weil sich in Zeulenroda der Hauptsitz befindet.« Zudem sei Inhaber Hans B. Bauerfeind sozial engagiert und in der Kirchgemeinde der Dreieinigkeitskirche aktiv. Die Kirchensanierung vor einigen Jahren hatte er unterstützt. »Er engagiert sich auch für die Kinder- und Jugendarbeit«, so Pfarrer Michael Behr.

Als besondere Ehre bewertete Hans B. Bauerfeind den Besuch der Landesbischöfin. »Ich habe mich gefreut, vor allem dass Sie im Reformationsjahr zu uns kommen«, sagte er zu ihr. Der heutige Geschäftsführer kann sich noch an seine Kindheit in Zeulenroda erinnern. Die Familie war 1949 nach Darmstadt geflüchtet, der Vater gründete dort Bauerfeind neu. In der DDR folgte die Enteignung des 1929 gegründeten Betriebes. Zuletzt in Kempen tätig, kehrte Hans B. Bauerfeind im Jahr 1991 nach Zeulenroda zurück. Es folgten der Bau einer neuen Produktionshalle, eine zweite kam später genauso hinzu wie ein modernes Logistikzentrum und der markante, weithin sichtbare Turm, der der Verwaltung dient. Das Bio-Seehotel in Zeulenroda gesellte sich dazu. 2014 wurde dann die Familienstiftung gegründet. Bis heute sieht sich Bauerfeind als Familienbetrieb.

Die Firmengeschichte beeindruckte die Landesbischöfin. »Ich möchte Ihnen meinen Respekt zollen und Danke sagen für diese bewusste Entscheidung, hier wieder neu anzufangen und zu bleiben«, sagte sie Hans B. Bauerfeind. »Das ist wirklich selten.« Auch die Anzahl der Mitarbeiter interessierte sie. Etwa eintausend sind es, die meisten kommen aus Zeulenroda und der Umgebung. Mit einigen wechselte Ilse Junkermann beim Werksrundgang einige Worte oder schaute ihnen über die Schulter.

Was sie am meisten beeindruckt hat in dem Betrieb, den sie vorher nicht kannte? »Dass hier beides geht, Serienproduktion und Maßarbeit an den gleichen Arbeitsplätzen. Und das Zusammenspiel von Mensch und Maschinen. Alles steht in einem großen Gesamtzusammenhang – vom Faden bis zum Versand – und niemand fühlt sich nur wie ein Rädchen im Getriebe. Ich habe außerdem den Eindruck gewonnen, dass hier alles nachhaltig angelegt ist, mit allen Signalen, wir bleiben hier«, erklärte Ilse Junkermann. Und dass von Zeulenroda aus in die ganze Welt geliefert werde, auch das sei beeindruckend.

Ihrem Betriebsrundgang folgte eine Gesprächsrunde mit dem Vorstand und Mitarbeitern von Bauerfeind.

Simone Zeh

Mit Goethe zum Kirchentag

27. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Wenn Ende Mai in Jena und Weimar der Kirchentag auf dem Weg gefeiert wird, erhält nicht nur Goethes Vision von der Doppelstadt Aktualität.

Seine Gretchenfrage »Nun sag, wie hast du’s mit der Religion« (»Faust«) gibt das Motto des dreitägigen Megaevents mit nahezu 350 Veranstaltungen vor. Der Besuch lohnt sich unbedingt. Neben den großen Bühnenprogrammen gibt es eine Reihe von Podien, Andachten und Pilgerreisen zur inneren Einkehr.

Mit einem ökumenischen Gottesdienst zu Himmelfahrt wird der Kirchentag auf dem Weimarer Marktplatz eröffnet (25.5.). Danach erwartet die Gäste auf mehreren Plätzen der Innenstadt ein abwechslungsreiches Abendprogramm mit Bands, Kleinkunst und Tischgesellschaften. Einen Tag später wird im Deutschen Nationaltheater (DNT) die Johannes-Passion von Philipp Emanuel Bach »semiszenisch« aufgeführt.

Zu den Höhepunkten in Jena gehören die »multimediale ökumenische Messe« in der Stadtkirche, eine Performance mit vertonten Lutherzitaten und katholischer Liturgie mit dem Ensemble der Musik- und Kunstschule und das Konzert »Lobgesang« mit dem Estonia Seltsi Segakoor aus Tallinn. An »Dom im FullDome Jena«, einem multimedialen Gottesdienst in der Kuppel im Planetarium, ist auch Superintendent Sebastian Neuß beteiligt. Für ihn ist Luther in krisenhafter Zeit wichtig, vor allem die Frage, was die Beschäftigung mit Religion für Geist und Seele bringen kann.
Kirche-vor-Ort-08-2017Interdisziplinäre Podien, Bibelarbeiten mit Politikern, darunter auch Ministerpräsident Bodo Ramelow, und Thementage wie »Scham, Gewalt, Liebe« gibt es in beiden Städten. Die Tickets gelten auch für den Pendelverkehr mit der Bahn.

Dass sich so viele Institutionen und Vereine in die Vorbereitungen mit eigenen Programmen eingebracht haben, ist für den Weimarer Superintendenten Heinrich Herbst eine beglückende Erfahrung: »Der Kirchentag betrifft die ganze Gesellschaft. Die Frage nach der Religion stellt sich neu als Sinnfrage.«

Die Veranstalter rechnen mit etwa 15 000 Menschen. Viele von ihnen übernachten in Gemeinschaftsunterkünften. Aber für die Beherbergung werden noch Quartiere gesucht. Dabei geht es weniger um Komfort, vielmehr – nach alter Kirchentagstradition – um die Gastfreundschaft und das Kennenlernen. Jeder, der ein Bett bereitstellen kann, sollte sich unter quartiere@r2017.org oder unter der Telefonnummer (0 34 91) 6 43 47 07 melden.

Am 28. Mai treffen sich alle »Kirchentage auf dem Weg«, zu denen auch Jena/Weimar zählt, in Wittenberg zum großen Festgottesdienst anlässlich des Reformationsjubiläums.

Doris Weilandt

Programminfos:

www.r2017.org/kirchentage-auf-dem-weg oder als App unter www.r2017.org/app.

Wartburg und Frauenkirche im Wohnzimmer

20. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Filigranes Hobby: Dieter Fallgatter hat sich dem architektonischen Modellbau verschrieben

Wer Dieter Fallgatter in Löbichau einen Besuch abstattet, wird auf eine außergewöhnliche Reise mitgenommen. Den Gast erwartet ein Kulturtrip durch Europa, der direkt hinter der Haustür beginnt. Der Weg ins Wohnzimmer führt von der Tower Bridge London über die Prager Karlsbrücke zum Wiener Stephansdom und zu Goethes Gartenhaus. In der »guten Stube« geht’s zur Wartburg, zur Dresdener Frauenkirche, zu Notre-Dame in Paris und zum Tempel von Jerusalem zu König Herodes’ Zeiten.

Dieter Fallgatter und seine Modelle. Foto: Ilka Jost

Dieter Fallgatter und seine Modelle. Foto: Ilka Jost

Das sind nur einige Attraktionen, mit denen der 69-Jährige aufwarten kann. Er hat sich dem architektonischen Modellbau verschrieben. Seine Werke konnten schon in vielen Ausstellungen bewundert werden. Über 500 Miniaturen hat er in 25 Jahren geschaffen, aus dünnem, papierartigem Karton. Die Maßstäbe reichen von 1:1000 bis 1:10. Neben Lineal, Schere, Cuttermesser und Leim braucht er vor allem Ausdauer, eine ruhige Hand und natürlich die »Baupläne«.

»Früher war es schwer, Modellbögen zu bekommen und ich habe diese vorwiegend aus Tschechien bezogen. Inzwischen bieten immer mehr Verlage, aber auch Tourist-Informationen und Museen die Bögen regionaler Bauwerke wie dem Erfurter Dom und der Severikirche an«, berichtet der Bauingenieur. Bis zum Eintritt ins Rentenalter war er im Bereich Hochbau des Landratsamts Greiz tätig. Seine Leidenschaft kommt also nicht von ungefähr.

Bis eine Miniatur vollendet ist, heißt es schneiden, falzen, kleben. Manche Modelle bestehen aus 500 bis 1 000 Einzelteilen, mitunter nur wenige Millimeter groß, wie Schmuckornamente oder Turmspitzen. Der Zeitaufwand fällt deshalb sehr unterschiedlich aus. »Für die Frauenkirche habe ich über 100 Stunden gebraucht«, schätzt Fallgatter.

Als Christ liegen ihm die Sakralbauten besonders am Herzen. Durch seine langjährige ehrenamtliche Arbeit als Lektor und Vorsitzender der Kreissynode kennt er viele Kirchen im Altenburger Land. Von seiner Heimatkirche Großstechau oder anderen Dorfkirchen besitzt er jedoch keine Modelle. Zu aufwendig wäre die für das Aufmaß und die Erstellung der Bögen erforderliche Vorarbeit.

Momentan arbeitet Dieter Fallgatter an einem besonderen Projekt. Zum Reformationsjubiläum plant das Heinrich-Schütz-Haus Bad Köstritz eine Sonderausstellung. Die Zusammenarbeit mit dem Museum besteht seit Jahren, und auch dieses Mal will der Löbichauer einige Exponate beisteuern. Die Wittenberger Schlosskirche und das Martin-Luther-Denkmal sind gerade fertiggeworden. Ein neues Modell der Wartburg und der Dom zu Speyer sollen folgen.

Wer in Sachen Hobby reinschnuppern möchte, bekommt gern etwas Schützenhilfe vom erfahrenen Modellbauer. »Mein Enkel hat es probiert, ist aber nicht dabeigeblieben. Einmal habe ich zu einer Rüstzeit mit Jugendlichen gebastelt. Die meisten haben schon nach kurzer Zeit aufgegeben, weil es ihnen an Geduld fehlte.«

Ilka Jost

Das Programm steht

13. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Planungen der Kirchentage in Erfurt und Weimar/Jena sind auf einem guten Weg

Wer eine große Veranstaltung plant, muss vieles im Blick haben: die Zahl der Gäste, ausreichend Sitzgelegenheiten und Essen, Unterhaltungsprogramm und vieles mehr. Bei der Vorbereitung der Kirchentage auf dem Weg ist das nicht anders – nur alles eine Spur größer.

Darum trafen sich in der vergangenen Woche nicht nur der Reformationsbeauftragte Jürgen Reifarth und der Leiter des Kirchentages auf dem Weg in Erfurt, Reiner Degenhardt, auf dem Erfurter Domplatz, sondern auch Vertreter der Kulturdirektion, der Feuerwehr und Polizei, der Marktmeister und viele mehr. »Wir haben auf dem januarkalten, nassen Boden des Domplatzes eine Decke hingelegt, unsere Pläne ausgebreitet und alle technischen Details für die Nutzung des Domplatzes geklärt«, so Reifarth. Denn der Domplatz ist die größte zu bespielende Fläche in Erfurt während des Kirchentages auf dem Weg. Dort sind unter anderem ein Himmelfahrt-Familienkaffee mit musikalischer Begleitung, ein öffentlicher Schauguss einer Glocke und natürlich zwei große Gottesdienste geplant.

Vor dem Luther-Denkmal am Anger: der Reformationsbeauftragte für Erfurt, Jürgen Reifarth. Er sieht den Kirchentag als große Chance. Fotos: Diana Steinbauer

Vor dem Luther-Denkmal am Anger: der Reformationsbeauftragte für Erfurt, Jürgen Reifarth. Er sieht den Kirchentag als große Chance. Fotos: Diana Steinbauer

Das Programm steht. Die Absprachen mit der Stadt sind getroffen, nun geht es an die Details. »In diesen Tagen gehen unsere Höhepunkt-Flyer in die Post, die helfen sollen, den Erfurter Kirchentag im Propstsprengel Eisenach-Erfurt noch bekannter zu machen«, so Reifarth. Auch durch Banner und Werbeplakate soll das gelingen.

»Ich erhoffe mir, dass die Gemeinden den Kirchentag auf dem Weg als Chance begreifen, uns als Kirche öffentlich zu präsentieren, sichtbar zu machen, was wir leben und was uns wichtig ist«, erklärt Reifarth. Darum gehe man mit den Veranstaltungen bewusst nach draußen, um gemeinsam zu feiern, zu essen und sich kennenzulernen.

Doch Kirchentage kosten Geld: den Veranstalter, aber auch die Gäste. Ein Drittel der Kalkulation müssen durch Teilnehmerbeiträge gedeckt werden. Das soll aber niemanden abschrecken. »Alles, was im öffentlichen Raum stattfindet, wird keinen Eintritt kosten«, versichert Jürgen Reifarth. Bei Veranstaltungen wie Podiumsdiskus­sionen, Vorträgen oder Konzerten werde aber nach der Tages- oder Dauerkarte gefragt werden.

Andre Poppowitsch (re.) und Johannes Schleußner mit dem Programm für Weimar/Jena

Andre Poppowitsch (re.) und Johannes Schleußner mit dem Programm für Weimar/Jena

Auch in Jena und Weimar geht es jetzt an die Feinplanung. »Unsere Veranstaltungs-App ist seit heute online«, freut sich Andre Poppowitsch, Referent für die Lutherdekade im Kirchenkreis Weimar. »Wir haben für den Doppelstandort Jena-Weimar bis zu 300 Veranstaltungen geplant und sind stolz, den Gästen eine große thematische Bandbreite anbieten zu können.«

Der Blick werde im Reformationsjubiläumsjahr auch bewusst nicht nur in die Vergangenheit gelenkt, sondern ziehe – frei nach dem Faust-Motto »Sag, wie hast du’s mit der Religion?« – auch moderne Gretchenfragen in den Fokus, betont Johannes Schleußner, der Koordinator des Kirchentages in Jena. Auf aktuelle Themen wie Rüstungsindustrie, Rechtsextremismus oder eine alternde Gesellschaft, darauf setzt man in Jena und Weimar.

»Seit einigen Jahren arbeiten Stadt und Kirche, Klassikstiftung und auch die Universitäten intensiv zusammen und haben in der Region bereits ein Bewusstsein für das Reformationsjubiläum schaffen können«, erklärt Poppowitsch. Er glaubt, dass das Programm Menschen unterschiedlichster Zielgruppen anziehen und in seiner Vielfalt nachhaltig sein wird. Und das über 2017 hinaus.

Diana Steinbauer

Mehr als »1 gute Nachricht«

Elbe, Frieden und Medien sind Schwerpunkte beim Kirchentag auf dem Weg in Magdeburg

Der Magdeburger Superintendent Stephan Hoenen verschickt dieser Tage besonders viel Post. Denn die Gemeinden im Propstsprengel Stendal-Magdeburg bekommen von ihm das Werbematerial für den Kirchentag auf dem Weg vom 25. bis 27. Mai Magdeburg zum Abdruck in ihren Februar-März-Ausgaben der Gemeindebriefe. Wie viele Besucher zu dem Treffen unter dem Motto »Sie haben 1 gute Nachricht« in die Elbestadt kommen werden, kann zum jetzigen Zeitpunkt keiner sagen.

Auf jeden Fall haben Hoenen und der Magdeburger Oberbürgermeister Lutz Trümper Ende Januar die Privatquartierwerbung gestartet. Gästen ein Bett oder eine Couch zur Verfügung zu stellen, sei gute Tradition bei den Kirchentagen, so Hoenen. Die Privatquartiersuche steht unter dem Motto »Ich habe 1 guten Schlafplatz«.

Die Planung und Vorbereitung des Treffens läuft seit Jahren. »Die Zusammenarbeit ist beeindruckend«, sagt Anette Berger, Vorsitzende des 2013 gegründeten Programmausschusses für den Kirchentag auf dem Weg. In ihm sind die Stadt Magdeburg, die den Kirchentag zudem mit 300 000 Euro unterstützt, Kulturschaffende und der Kirchenkreis Magdeburg vertreten – rund 100 Ehrenamtliche, die in zahlreichen Untergruppen arbeiten. Über 400 Veranstaltungen sind geplant. Die Inhalte knüpfen an die Geschichte Magdeburgs an und verknüpfen sie mit der Gegenwart. Im Medienzen­trum in der Festung Mark wird daran erinnert, dass Magdeburg die erste protestantische Großstadt und als »unsers Herrgotts Kanzlei« Medienzentrum der Reformation war. Zudem gibt es Workshops, Podien und Impulse zur Rolle der Medien heute und einen Twittergottesdienst am 26. Mai aus der Wallonerkirche. Diese Kirche und die katholische Petrikirche nebenan bilden zum Kirchentag das Zentrum »Web und Spiritualität«. Im Dom und rund um den Dom ist das Thema »Frieden« angesiedelt – DAS Thema in einer Stadt, die 1631 und 1945 stark zerstört wurde, und das aktueller denn je ist. Hier wird auch Reformationsbotschafterin Margot Käßmann am 26. Mai einen Vortrag halten über das Thema »Nichts ist gut in Afghanistan«.
Kirche-vor-Ort-Logo-06-2017Um die Elbe geht es am 26. Mai beim Thementag »Dialog am Strom«, der an die bisherigen Diskussionen zur Zukunft anknüpft. Abends ist ein Elbefest geplant unter dem Motto »Magdeburg am Fluss der Reformation« – eine Welturaufführung zu eigens komponierter Musik mit spektakulären Licht- und Soundeffekten, Chören und einer Schiffsprozession an und auf der Elbe.

Im Rotehornpark ist das Zentrum Kinder, Familien, Jugend und Sport angesiedelt. Und was wäre ein Kirchentag ohne Musik? Kinderchöre aus dem Kirchenkreis Halberstadt etwa führen das Musical »Martin Luther« auf, der Magdeburger Kantatenchor plant das Mitsingoratorium »Die Schöpfung« und das Musicalprojekt Altmark »Eleazar – der 4. König«. Beethovens 9. Sinfonie erklingt auf der Theaterbühne auf dem Domplatz. Am Sonnabend heißt es ab 17 Uhr im Klosterbergegarten »Kirchentag trifft Ekmagadi«, die Magdeburger Kultursommernacht. Mit dem Reisesegen für ihre Fahrt zum Abschlussgottesdienst am Sonntag in Wittenberg werden die Besucher am Sonnabend entlassen.

Angela Stoye/epd


Inklusion? Das ist doch ganz normal!

5. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Maximilian Zabel aus den Werkstätten der Stadtmission Halle trainiert mit Nichtbehinderten bei Turbine Halle und ist dort völlig gleichberechtigt.

Maximilian Zabel dreht gern kleine Videos mit dem Handy, bringt Hund Enna Kunststücke bei und bolzt mit Bruder Jonas auf der Wiese vor dem Haus. Seine größte Leidenschaft aber ist das Speed-Skating. Er hat bereits erstaunliche Erfolge in der Sportart auf den schnellen Rollen erzielt, Medaillen, Pokale und Urkunden eingeheimst. Jede Woche trainiert er zweimal bei Turbine Halle mit Marvin und Noel aus dem Elisabeth-Gymnasium, mit Annika, Julia, Moritz und weiteren Jugendlichen. Doch während die anderen morgens zur Schule gehen, fährt Max – wie alle ihn nennen – mit dem Behindertentransport nach Oppin im Saalekreis in die Behindertenwerkstätten der Stadtmission Halle. Der 19-Jährige, der zuvor eine Schule für Geistigbehinderte in Halle besucht hat, ist dort seit Anfang September tätig.

Nur eine Auswahl seiner Medaillen zeigt der junge Sportler Maximillian Zabel, der in den Werkstätten der Halleschen Stadtmission arbeitet. Foto: Claudia Crodel

Nur eine Auswahl seiner Medaillen zeigt der junge Sportler Maximillian Zabel, der in den Werkstätten der Halleschen Stadtmission arbeitet. Foto: Claudia Crodel

Die Behindertenwerkstätten der Stadtmission legen viel Wert auf Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Zum Beispiel gibt es jährlich ein integratives Fußballturnier und das Open Air Festival »Rock an der Halde« in Johannashall. Doch während dort Nichtbehinderte zu den Behinderten kommen, um gemeinsam etwas zu erleben, ist das bei Max’ sportlicher Betätigung etwas anders.

Das Speed-Skating hatte Max im Alter von elf Jahren für sich entdeckt. Seine Pflegemutter ging damals auf Trainerin Petra Strüver zu und fragte, ob sie auch Kinder wie Maximilian unter ihre Fittiche nehmen würde. Für Petra Strüver war das kein Problem. »Bei uns kann jeder mitmachen, ob er dick ist oder dünn, egal wo er herkommt, aus welchen sozialen Verhältnissen er stammt oder was auch immer«, so lautet die Devise der Trainerin. Für sie ist am Sport wichtig, dass er verbindet und man in der Gruppe voneinander lernt. Jeder wird als Person gesehen und ist gleichberechtigt. »Max war der Erste mit einer geistigen Behinderung bei uns. Mittlerweile sind noch zwei Mädchen dazugekommen. Mandy, die mit in der Gruppe von Max trainiert, und Emilia, die in einer anderen Trainingsgruppe untergekommen ist«, erläutert die engagierte Trainerin. Natürlich sei es so, dass diese Jugendlichen bestimmte Dinge nicht wissen, taktische Sachen nicht kalkulieren können und dass man vieles anders erklären muss, aber das sei kein Problem.

Und was sagen die anderen aus Maximilians Trainingsgruppe? »Inklusion?«, fragt der 14-jährige Noel und schaut skeptisch. »Dass Max mit uns trainiert, das ist doch ganz normal!«, findet er. »Wir wissen, dass Max ein bisschen anders tickt. Aber es funktio­niert ja. Wenn wir ihm etwas sagen, dann macht er das auch, bei der Staffel beispielsweise. Umgekehrt sagt Max auch, wenn er was will. Und mit den anderen Jungs unterhält er sich auch über ganz alltägliche Sachen«, meint die 18-jährige Annika, die schon im Verein war, als Max vor acht Jahren dazustieß.

Maximilian hat sportlich viel drauf, ist so gut in seiner Sportart, dass er bei Special Olympics, den Sportwettkämpfen für geistig behinderte Menschen, auf nationaler Ebene allen voraus ist. International – er war sogar bei der Weltmeisterschaft in Los Angeles – hat er natürlich mehr Konkurrenz. Doch auch von dort kam er mit zwei Medaillen zurück. Zudem ist Maximilian Athletensprecher des Landes Sachsen-Anhalt bei Special Olympics. Und auch an Wettkämpfen mit Nichtbehinderten nimmt er erfolgreich teil, in der Breitensport- und Fitnessklasse. »Oftmals wissen die anderen Teilnehmer dort gar nicht, dass Max behindert ist«, sagt Trainerin Petra Strüver.

Claudia Crodel

Ansprechpartnerin für die Jugend

30. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Bildungsangebote für Kopf und Hand liegen Anne-Sophie Dessouroux vom Europäischen Jugendbildungszentrum des Klosters Volkenroda am Herzen. Die gebürtige Belgierin hat selbst eine spannende Sinnsuche hinter sich. Im folgenden Interview mit Katharina Freudenberg beschreibt sie ihren Weg nach Volkenroda.

Volkenroda ist weit entfernt von Belgien. Wie haben Sie den Weg ins Kloster Volkenroda gefunden?
Dessouroux:
Vor fünf Jahren hätte ich nie gedacht, dass ich Belgien verlassen würde, um mitten in Deutschland zu leben. Aber jetzt merke ich im Rückblick, dass Gott meinen Weg Schritt für Schritt hierhergebracht hat. In Belgien habe ich Sprachen an der Uni studiert, Niederländisch und Englisch. 2008/2009 habe ich ein Auslandssemester in Berlin gemacht, und da hat mich die Liebe zur deutschen Kultur und Sprache erfasst. Ich habe dann in verschiedenen Bereichen gearbeitet. 2013 habe ich eine Ausbildung am Johanneum begonnen, einer Evangelistenschule in Wuppertal.

Vielfältig sind die Aufgaben von Jugendreferentin Anne-Sophie Dessouroux. Dabei ist ihr wichtig, sich immer wieder Zeit für den Einzelnen zu nehmen. Fotos (2): Frank Freudenberg

Vielfältig sind die Aufgaben von Jugendreferentin Anne-Sophie Dessouroux. Dabei ist ihr wichtig, sich immer wieder Zeit für den Einzelnen zu nehmen. Fotos (2): Frank Freudenberg

Was hat Sie dazu bewogen, eine theologische Ausbildung zu machen?
Dessouroux:
Geprägt hat mich mein katholisches Elternhaus. Allerdings habe ich den Glauben eher als Tradition kennengelernt. In der Kirche gab es wenige junge Menschen. Dann fuhr ich nach Taizé und Lourdes. Und da habe ich gemerkt, dass es auch junge Menschen gibt, die glauben.

Später habe ich an einem Missions­einsatz in England teilgenommen. Dabei haben wir Freundschaften mit ausländischen Studenten geknüpft. Als ich einmal zwei Chinesinnen erklären sollte, was das Kreuz bedeutet, da habe ich für mich selbst erkannt, dass Jesus auch für mich gestorben ist. Das war ein besonderer Moment. Dann lud mich eine Freundin ins Johanneum ein. Am Ende dieser drei Jahre habe ich einen Ort gesucht, an dem ich meine pädagogischen und theologischen Fähigkeiten einsetzen kann. Auf der Internetseite der Evangelischen Kirche in Deutschland fand ich das Stellenangebot der Jugendreferentin im Kloster Volkenroda.

Wie gestaltet sich Ihre Stelle als Jugendreferentin? Welche Schwerpunkte setzen Sie?
Dessouroux:
Im Zentrum steht die Organisation der Veranstaltungen des Jugendbildungszentrums. Ich bin der Ansprechpartner für die Jugendgruppen, plane und bewerbe das Programm und begleite die Gruppen vor Ort. Dazu kommt die Budgetplanung, das Stellen von Fördermittelanträgen und die Begleitung der Freiwilligen, die ein Jahr im Kloster mitarbeiten.

Welche Erfahrungen haben Sie in den ersten fünf Monaten gemacht?
Dessouroux:
Es gibt einen großen Reichtum an Gesprächsmöglichkeiten mit Menschen, die bei uns zu Gast sind oder die hier arbeiten – bei Mahlzeiten oder beim Kirchenkaffee. Ich habe das Gefühl, viele Menschen suchen jemanden, der sich Zeit für sie nimmt.

Was ist Ihnen neben der Arbeit wichtig?
Dessouroux:
Für mich ist die Musik zentral. Richtig gelernt habe ich Geige. Klavier, Gitarre und Kajon habe ich mir selbst beigebracht. Im Moment lerne ich Bratsche, weil das im Orchester gebraucht wird. Musik kann ich aber auch in meiner Arbeit gut gebrauchen. Ich denke an eine Abendandacht mit einer Schulklasse. Nach einem kurzen inhaltlichen Impuls lud ich die Klasse ein, noch der Klaviermusik zu lauschen, solange sie Lust haben. Sie blieben lange sitzen. Die Lehrer konnten es kaum glauben.

Die Mutprobe

24. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Für das Projekt »Offene Kirche« setzt sich in Wahrenbrück und darüber hinaus der Pfarrer ein

Natürlich kann man zu Hause beten. Aber Kirchen, so sagt Pfarrer Michael Seifert aus Wahrenbrück im Kirchenkreis Bad Liebenwerda, Kirchen sind doch besondere Räume. »Sie nehmen uns aus dem Alltag heraus, sie sind der Ort, wo wir den Draht zu Gott leichter finden, wo wir alles loswerden können«, sagt Seifert. Was für eine Wohltat, dem eigenen Bedürfnis folgen zu können und in eine Kirche zu gehen. Auch wenn es nicht Sonntag um 10 Uhr ist und die Glocken zum Gottesdienst läuten.

Und so ist auch die Wahrenbrücker Kirche eine offene, schon lange bevor Landesbischöfin Ilse Junkermann im Herbst 2015 die Initiative »Offene Kirche« ins Leben rief. Nicht nur, damit die an Kirchengebäuden steinreiche EKM eine gute Gastgeberin im Reformationsjahr ist. Sondern auch für die Menschen in den Dörfern und Städten, für die Gläubigen wie für die Zweifler und Kirchenfremden. Junkermann wird nicht müde zu betonen, dass es bei der Initiative um nicht weniger als einen Paradigmenwechsel geht. An der – meist praktischen – Frage der Kirchenöffnung entscheidet sich auch das Selbstbild der Gemeinde: Sind wir uns genug? Was ist unser Auftrag? »Wir haben noch zu wenig im Blick, dass Menschen Bedürfnisse nach geistlichen Impulsen haben«, sagt die Landesbischöfin.

Die Wahrenbrücker Kirche: Hier wurde der Musiker Carl Heinrich Graun getauft. In die Offene Kirche kommen heute viele Einheimische zur Besinnung und zum Gebet. – Fotos: Michael Seifert

Die Wahrenbrücker Kirche: Hier wurde der Musiker Carl Heinrich Graun getauft. In die Offene Kirche kommen heute viele Einheimische zur Besinnung und zum Gebet. – Fotos: Michael Seifert

Auch in Wahrenbrück in der Niederlausitzer Heidelandschaft dachten Pfarrer und Gemeindekirchenrat zunächst an Touristen, an Radfahrer und Wanderer, die die Kirche besuchen möchten. Immerhin ist der kleine Ort die Heimat von Carl Heinrich Graun, der unter Friedrich dem Zweiten in Berlin die Musikszene prägte. In Wahrenbrück wurde er geboren und getauft, und immer wieder fragten musikliebhabende Touristen deswegen an. Zudem liegt Wahrenbrück an der Kirchenstraße Elbe-Elster, die auf neun Wegen 55 Gotteshäuser verbindet. Nicht weit davon entfernt liegen die Routen der mitteldeutschen Kirchenstraße und schöne Fahrradwege. »Deshalb haben wir im Gemeindekirchenrat beschlossen, die Kirche tagsüber nicht mehr zuzuschließen. Seit 2010 ist unsere Kirche von Ostern bis zum Ewigkeitssonntag geöffnet«, erinnert sich Pfarrer Seifert. Natürlich gab es Bedenken wegen Dreck und Vandalismus, aber passiert ist nichts. Werbung gemacht für ihre offene Kirche hat die Gemeinde nicht. »Wir wollten, dass es sich unter den Menschen herumspricht, dass die Einheimischen kommen.«

Und so ist es geschehen. Wer auf dem Friedhof das Grab seiner Angehörigen gepflegt hat, findet in der Kirche Raum für ein stilles Gebet, ebenso jene Menschen, die auf der Suche nach Ruhe und Besinnung sind. Einmal fragte auch eine junge Musikschülerin an, die gerne in der Kirche proben wolle, es klänge dort einfach schöner.

In Wahrenbrück gibt es keine Aufsicht. Keinen, an dessen Türe man klingeln und um den Kirchenschlüssel bitten muss. Hier ist die Tür einfach offen.

An seine Kollegen im Kirchenkreis hat Pfarrer Seifert einen so leidenschaftlichen wie informativen Brief geschrieben, nachdem er von der Initiative der Landeskirche erfahren hat. Auch der stellvertretende Präses der Kreissynode, Markus Voigt, hat die Gemeinden zum Nachdenken aufgerufen. »Früchte hat es nicht getragen«, bilanziert Pfarrer Seifert. Einzig Bad Liebenwerda wird seine Kirche offen halten, das stehe aber schon länger fest. »Mein Brief mag in die Gemeindekirchenräte gekommen sein. Er hatte aber keinen Erfolg, so die Antwort auf meine Nachfrage bei den Kollegen.«

Dabei sei Wahrenbrück doch ein ermutigendes Beispiel, und auch die Landeskirche strecke mit vielen Informationen, Hilfs- und Beratungsangeboten und nicht zuletzt der neuen Versicherung die Hand aus.

(kas)

Ver(g)lockende Technik

17. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Per Smartphone und App werden die Glocken der Kirche zu Hedersleben zum Läuten gebracht

Dirk Seiferheld braucht, um die Glocken in Hedersleben zu läuten, nichts anderes als sein Smartphone. In einem kleinen Programm, einer App, sind die jeweiligen Glockennamen Sophia (Taufglocke), Otto (Mittagsglocke) sowie Domenica (Sonntagsglocke) aufgelistet. Nur ein Antippen des Telefon-Bildschirms genügt, dann setzen sich die Kirchenglocken in Bewegung. Das funktioniert so: Das Signal der App wird an einen Server und von dort aus an den Rechner unterhalb des Glockenstuhls weitergeleitet. Zudem ist oberhalb des Glockenstuhls eine kleine Kamera angebracht, die die Bilder der schwingenden Glocken überträgt.

Auf dem Smartphone werden die verschiedenen Läuteprogramme angezeigt. Foto: Susann Salzmann

Auf dem Smartphone werden die verschiedenen Läuteprogramme angezeigt. Foto: Susann Salzmann

Verschiedene Geläute hat Dirk Seiferheld programmiert. Selbstredend das Vollgeläut mit der vierten großen Glocke. Einen halben Tag habe es gedauert, bis alles vollständig programmiert war, erinnert sich der IT-Berater. Er ist zugleich Mitglied im Kirchbauverein Hedersleben. 16 Jahre hat es von der ersten Idee bis zur Umsetzung gedauert, erzählt Tobias Jäsch vom Verein. »Jetzt haben wir Bayern nach Hedersleben geholt«, frohlockt er über die Klänge der in Passau gegossenen Kirchenglocken. »Nach so langer Zeit ist es schön, dass es endlich geschafft wurde«, freut sich auch Pfarrerin Eva Kania. Der große Vorteil: Zum Läuten muss niemand mehr ins Gotteshaus. Mit Internetverbindung versehen, ist ein Läuten von jedem Ort der Welt aus möglich. Auch die etwa 80 Stufen in den 25 Meter hohen Glockenturm müssen nun nicht mehr gegangen werden. Ganz ungefährlich ist das Ganze ohnehin nicht mehr, zeigt Dirk Seiferheld auf die marode Treppe vom Uhrwerk hoch in den Glockenstuhl.

Laut Tobias Jäsch soll es die erste Kirche sein, deren Glocken via App zum Klingen gebracht werden. Und weitere neue Ideen haben die engagierten Vereinsmitglieder schon wieder. So würde derzeit nach Anschlaghämmern gesucht, damit einzelne Glocken angeschlagen und auf diese Weise auch Melodien gespielt werden können, verraten Tobias Jäsch und Dirk Seiferheld. »Natürlich ist das Glockenwerk kein Spielzeug, auf dem jeder seine Wunschmelodie spielen kann«, ergänzt der IT-Kundige.

Susann Salzmann

nächste Seite »