Gute Nachrichten und ein Halleluja

24. Mai 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Programmhöhepunkte in Erfurt, Jena/Weimar, Magdeburg und Halle-Eisleben


Kirche-vO-ErfurtErfurt (G+H) – Ein buntes Glaubensfest inmitten der historischen Altstadt:

  • Eingeläutet werden die Veranstaltungen am Christi Himmelfahrtstag mit der Gloriosa. Sie ruft zum Eröffnungsgottesdienst am 25. Mai, 18.30 Uhr, auf den Domplatz
  • Konzert: »Nerly BigBand goes Gospel«, 25. Mai, 20 Uhr, Domplatz
  • Den Guss einer Glocke kann man am 25. Mai erleben, ab 14 Uhr Präparieren der Gussform, ab 17 Uhr Schmelzen der Glockenbronze. Guss: 21.30 Uhr bis 22 Uhr, Domplatz
  • »Geblitzt! Mit Luther von Stotternheim nach Erfurt«. Laufend, pilgernd oder radelnd von Stotternheim zum Augustinerkloster. 26. Mai, 11.30 Uhr, Stotternheim
  • Zum internationalen Festmahl »Erfurt tafelt« sind die Besucher am 26. Mai eingeladen: 16.30 Uhr, Domplatz

Kirche-vO-Jena-WeimarJena/Weimar (G+H) – Die Gretchenfrage wird in Jena und Weimar bewegt.

  • Am 25. Mai findet in Weimar ab 17 Uhr ein ökumenischer Gottesdienst auf dem Markt statt. Anschließend gibt es ein Fest in der Innenstadt.
  • Zum Fulldome Gottesdienst im Planetarium Jena sind Besucher am 26. Mai ab 22 Uhr eingeladen.
  • Am 26. Mai findet um 18 Uhr ein Abendgottesdienst in der Jenaer Stadtkirche St. Michael mit Texten und Liedern des 2015 verstorbenen Jenaer Theologen und Dichters Klaus-Peter Hertzsch statt.
  • Zum Thementag »Scham, Gewalt, Liebe« am 26. Mai sind in der Weimarhalle in Weimar verschiedene Veranstaltungen von 11 Uhr bis 22.30 Uhr vorgesehen.
  • Unter dem Motto »Grenzenlos frei« steht das Konzert am 27. Mai um 19 Uhr auf dem Markt in Jena.

Kirche-vO-MagdeburgMagdeburg (G+H) – Wer sich zum Besuch des Kirchentages auf dem Weg in Magdeburg unter dem Motto »Sie haben 1 gute Nachricht« entschließt, kann aus rund 400 Angeboten wählen. Bei vielen spielen die Themen Elbe, Frieden sowie Medien einst und heute eine große Rolle.

  • So wird am 26. Mai (18.30 Uhr) in die Wallo­nerkirche zu einem Twittergottesdienst eingeladen, an dem auch Landesbischöfin Ilse Junkermann teilnimmt.
  • Am Freitagabend ist das Elbufer am Petriförder der Treffpunkt. Um 20 Uhr starten die rudernden und paddelnden Flussfahrerinnen und Flussfahrer ihre Prozession. Um 21 Uhr beginnt am Petriförder die Welturaufführung des Stückes »Unseres Herrgotts Kanzlei« mit Licht- und Soundeffekten, Chören und die Schiffsprozession auf der Elbe. Rund 200 Mitwirkende erzählen die Geschichte Magdeburgs als ein Zentrum der Reformation.
  • »Treffpunkt Hafen« heißt es am 27. Juni von 10 bis 22 Uhr am Wissenschaftshafen mit zahlreichen Angeboten zum Zuhören, Zusehen und Mitmachen. Im Podium »Fluss und Mensch« (14 Uhr) geht es um die Nutzung der Elbe als Transportweg, in einer Lesung um »Die Elbe – Europas Geschichte im Fluss« (17.30 Uhr). Auch das Musikprogramm ist passend zum Ort gewählt.
  • Einer der Höhepunkte im Zentrum Kinder, Familie, Jugend und Sport im Rotehornpark ist am Sonnabend das Konzert »HalloGrüßGottGutenTag« des Liedermachers Gerhard Schöne (11 Uhr). Im Park und in der Stadthalle gibt es am Freitag und Sonnabend knapp 130 Angebote.
  • Als Einziger hat der Kirchentag auf dem Weg in Magdeburg am 27. Mai ab 11 Uhr einen Thementag »Männer« mit zahlreichen Workshops im Programm. Treffpunkte sind die katholische Petrikirche und das Petri-Gemeindehaus daneben. Mit dazu gehört ein außergewöhnliches Konzert von Lutz Krajenski und den Hannover Harmonists (14.30 Uhr).

Kirche-vO-HalleHalle/Eisleben (G+H) – Zum Kirchentag auf dem Weg tun sich Halle und Eisleben unter dem Motto »Zwei Städte für ein Halleluja« zusammen. Hier steht die Musik im Mittelpunkt, und zwar in all ihren Ausprägungen. Die Top 5 der Veranstaltungen und ein Extra-Tipp:

  • Eröffnungsgottesdienst mit Nicklas Baines, Bischof von Leeds, Stadtsingechor sowie Bigband und Jugendchor der Paulusgemeinde am 25. Mai, 18.30 Uhr, auf dem Marktplatz Halle
  • Sola scriptura et musica: Johannesevangelium trifft auf Klavierimpro am 27. Mai, 10 Uhr, in der Petri-Pauli-Kirche in Lutherstadt Eisleben
  • Gospelworkshop und Abschlusskonzert: Chris Lass mit Band und Laiensänger proben für und feiern ein gemeinsames Open-Air-Konzert, 27. Mai, 10.30 Uhr in der Georgenkirche Halle (Workshop) und 20 Uhr Marktplatz (Konzert)
  • »Luthers Kampf gegen die Juden«, Vortrag mit Gespräch mit dem Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann, 27. Mai, 16 Uhr, in St. Andreas zu Eisleben
  • »luthERleuchtet«, audiovisuelle Performance von und mit Lichtkünstler Ingo Bracke, 27. Mai, 22 Uhr, Marktkirche Halle

Teil des Kirchentags auf dem Weg ist zudem die Kirchennacht am 26. Mai. Auf einer Gesamtstrecke von 50 Kilometern schlängeln sich 81 Gottes- und Gemeindehäuser den Lutherweg entlang. Am nördlichen Rand der Weinregion Saale-Unstrut verbindet das »Band der offenen Kirchen« Eisleben mit Halle und in Nord-Süd-Richtung den Petersberg mit Merseburg. Bei der flächenmäßig größten zusammenhängenden Kirchennacht Deutschlands werden bis zu 10 000 Besucher erwartet. Beginn ist in Halle um 19 Uhr. Außerhalb der Saalestadt öffnen bereits um 18 Uhr die Türen der Gotteshäuser. Auf dem Programm stehen 57 Konzerte, Führungen, Ausstellungen, Lichtinstallationen, Vorträge oder Lesungen. Erstmalig wird eine Fahrradrundfahrt angeboten. Um 18 Uhr startet auf dem Eislebener Marktplatz eine 30 Kilometer lange Tour zu den Kirchen rund um den Süßen See.

Vertrautheit trotz Barrieren

21. Mai 2017 von redaktionguh  
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Am Tansaniasonntag, 21. Mai, ist die Kollekte für die Republik in Ostafrika bestimmt. In Mühlhausen pflegt man seit Langem gute Kontakte dorthin.

Die deutschen Jugendlichen sind konzentriert bei der Sache. Schnellstmöglich wollen sie den Tanz lernen, den ihre Gäste aus ihrem Heimatland mitgebracht haben. »Zeigt uns die Schritte«, bitten sie auf Englisch. »Schritte? Welche Schritte? Wir zählen nicht, wir tanzen«, kommt es von den Tansaniern zurück. Und, auch wenn es die Deutschen nicht für möglich gehalten hätten, so ohne »Gebrauchsanweisung«, kurz darauf tanzen alle unbeschwert und harmonisch miteinander. Es sollen noch viele derartige Momente folgen in den 15 gemeinsamen Tagen, Augenblicke, in denen sich Hemmungen, Barrieren in Sprache und Kultur, in Luft auflösen. Der Besuch von sieben jungen Menschen und ihrem Jugendpfarrer aus Tandala in Tansania ist das Ergebnis eines lang geplanten Austausches mit dem Kirchenkreis Mühlhausen.

Die Anfänge liegen 30 Jahre zurück, als der heutige Referent für Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien, Micha Hofmann, bei der Diakonen-Ausbildung in der Evangelischen Stiftung Neinstedt zwei Tansanier kennenlernte. »Wir besuchen euch mal«, sagte man sich zum Abschied, wohl wissend, dass die politischen Umstände dies damals unmöglich machten. 1991 folgte der erste Besuch in dem ostafrikanischen Land. Der Kontakt blieb über die Jahre bestehen – und der gemeinsame Traum, einen Jugendbegegnungsaustausch ins Leben zu rufen.

2016 ein erneuter Besuch in Tansania, am Palmsonntag dieses Jahres schließlich landeten sieben Tansanier im Alter von 18 bis 25 Jahren und ihr Betreuer, um die folgenden gut zwei Wochen mit sieben gleichaltrigen Deutschen in Mitteldeutschland zu verbringen.

Miteinander essen, reden und beten: Die gemeinsame Zeit beim Jugendbegegnungsaustausch machte schnell aus Fremden Freunde. Foto: Micha Hofmann

Miteinander essen, reden und beten: Die gemeinsame Zeit beim Jugendbegegnungsaustausch machte schnell aus Fremden Freunde. Foto: Micha Hofmann

»Es war für uns alle überwältigend, wie schnell die anfängliche Scheu und Unsicherheit verflogen waren, wir locker und offen miteinander umgingen. Schon als wir uns am ersten Abend zum Feedback um den Altar versammelten, fühlte es sich so an, als ob wir schon eine Woche zusammen wären«, erzählt Teilnehmer Benedikt Nitsch. Und das, obwohl neben der Sprachbarriere – die Verständigung lief auf Englisch, mit Gesten, Händen und Füßen – kulturelle Unterschiede offenkundig wurden.

Da war zum Beispiel die Geschichte eines Tansaniers, Anfang 20, der Labortechniker werden will, auch das Zeug dazu hat, in seiner Heimat aber als Eierverkäufer arbeitet, um seiner jüngeren Schwester die Schulausbildung mit zu finanzieren. Oder die einer jungen Näherin, zweifache Mutter, die das Schicksal vieler junger Tansanierinnen teilt, vom Mann verlassen im gesellschaftlichen Ansehen weit unten zu stehen. »Es sind nicht nur Annehmlichkeiten wie fließendes warmes Wasser, die nach solchen Begegnungen das eigene Leben in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen«, sagt Teilnehmerin Elisabeth Dauphin. Und auch zum Nachdenken über die Art, den christlichen Glauben zu leben, regten die Begegnungen an.

Vieles wurde angestoßen, in den Teilnehmern beider Seiten bewegt. »Nun besteht die Herausforderung, dass es im Alltag nicht gleich wieder flöten geht. Auch deshalb ist es wichtig, dass wir den Kontakt weiter pflegen«, sagt Benedikt Nitsch.

Nachhaltig soll der Austausch sein: Ein Gegenbesuch ist bereits geplant und zwei der deutschen Teilnehmerinnen werden sich sogar für ein freiwilliges soziales Jahr in Tansania beim Leipziger Missionswerk bewerben.

Anke Pfannstiel

www.lmw-mission.de

Luther-Disput: Altes Format neu aufgelegt

16. Mai 2017 von redaktionguh  
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Im Lutherstammort Möhra diskutierten Experten und Publikum ein aktuelles Thema

Vier Experten, zwei Streitparteien und eine kontroverse Fragestellung: »Christlicher Glaube und andere Religionen – wie geht das?« Geht das überhaupt? Darüber diskutierten Theo Sundermeier, Daniel Baumann, Reinhard Hempelmann und Matthias Baum im Lutherstammort Möhra.

Mit ihrem Gespräch ließen die Theologen und Religionswissenschaftler ein Format wiederaufleben, das vor einem halben Jahrtausend unter ähnlichen Umständen an der Universität Leipzig zu heftigen Auseinandersetzungen führte. Damals, in der sogenannten Leipziger Disputation, stritten Martin Luther, Philipp Melanchthon und Andreas Karlstadt als Vertreter der Reformationsbewegung mit dem katholischen Theologen Johannes Eck über den Ablass, die Stellung des Papstes, menschliche Willensfreiheit und göttliche Gnade.
Fast drei Wochen dauerte die »Kirchenschlacht« 1519, und sie endete mit dem endgültigen Bruch zwischen der reformatorischen Lehre Luthers und der römisch-katholischen Kirche.

»Wir müssen lernen, tolerant zu sein«, leitete der Religionswissenschaftler und Ethnologe Theo Sundermeier die Diskussion in Möhra ein und fügte hinzu: »Es gibt aber keine echte Toleranz ohne Intoleranz. Wer nach allen Seiten hin offen ist, ist nicht ganz dicht.« Toleranz dürfe nicht in Gleichgültigkeit enden, sondern müsse das gegenseitige Verständnis fördern.

Insbesondere mit Blick auf den interreligiösen Dialog zwischen Christentum und Islam bestimmten die Themen Identität, Toleranz und wechselseitige Begegnung den Luther-Disput. »Differenzen dürfen nicht das Ende der Kommunikation bedeuten, aber auch nicht heruntergespielt werden. Zum Dialog gehört Offenheit, aber auch Standfestigkeit«, reagierte Reinhard Hempelmann, Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, auf Sundermeiers Statement. Darin waren sich beide Streitparteien einig: Eine Nivellierung der Unterschiede bringe den Dialog zwischen unterschiedlichen Religionen nicht weiter. Das Ertragen der Unterschiede schon.

Überhaupt unterstützten sich die Theologen mit ihren Argumenten mehr, als sich gegenseitig zu entkräften. Ein Streitgespräch fand nicht statt, das stellten auch die zahlreichen Besucher fest. Nur in einem Punkt herrschte Uneinigkeit. »Ich glaube nicht, dass es möglich ist, zusammen zu glauben, sich zusammen zu bekennen, zusammen zu beten«, sagte Matthias Baum. Dem widersprach Pfarrer Daniel Baumann, der für einige Zeit in Israel lebte und arbeitete.

Baumann sprach sich am Ende der Diskussion auch für ein »Konzert verschiedener Religionen« aus und für Liebe unabhängig von Hautfarbe, Herkunft oder Sprache. Mit der Erkenntnis, dass interreligiöser Dialog einen doppelten Lernprozess anstoße, endete der Luther-Disput. So stellte Sundermeier fest: »Durch einen Dialog wird man auf den eigenen Glauben zurückgeworfen. Intensiv über den eigenen Glauben nachzudenken lohnt sich.«

Hannah Katinka Beck

Käthes Eltern kommen von der Saale

9. Mai 2017 von redaktionguh  
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Heimatforscher aus Burgwerben finden entscheidende Belege über Familie von Bora

Burgwerben – das ist ein kleiner Ort bei Weißenfels mit etwa 1 000 Einwohnern. Nicht weit entfernt schlängelt sich die Saale an den steilen Weinhängen des Herzogsberges vorbei. Ortsbürgermeister Hubert Schmoranzer fallen viele Attribute ein, womit sich das Örtchen auszeichnet. »Alles, was Rang und Namen hatte, war gerade im Mittelalter in Burgwerben«, verweist er auf Besuche etlicher Grafen. Sogar der Preußenkönig Friedrich II. habe im Dorf übernachtet. Die Kirche hat eine Ladegastorgel und das Dorf eine evangelische Schule. Das Schloss wird gerade saniert.

Nun sind Hobbyhistoriker aus der Kirchengemeinde und dem Wirbinaburgverein für kulturhistorische Heimatpflege auf Großes gestoßen: »Martin Luthers Schwiegermutter stammt von hier«, sagt Ortschronist Bernd Reitzenstein.

Steinmetz Wolfgang Kloß gibt den Buchstaben der Gedenktafel die Farbe. Foto: Petra Wozny

Steinmetz Wolfgang Kloß gibt den Buchstaben der Gedenktafel die Farbe. Foto: Petra Wozny

Etwa im Jahr 2003 ist er auf einen Brief von Philipp von Hessen gestoßen, in dem dieser Luther als lieben Schwager tituliert. »Das hat mich stutzig gemacht«, sagt Ortschronist Reitzenstein. Mehr als zehn Jahre haben die Vereinsmitglieder in der Geschichte gegraben, sie haben Archive in Dresden, Magdeburg, Halle und Weißenfels besucht und Bernd Reitzenstein ist es gelungen, die historischen Dokumente einzuordnen, Schreibweisen von Namen zu deuten und in der Gegend von Weißenfels zu lokalisieren. Belegt werden kann jetzt, was bislang nicht einmal im Internet bei Wikipedia zu finden ist: Die Eltern von Katharina von Bora – Katharina von Haugwitz und Jhan von Bora aus dem Adelsgeschlecht Sahla – stammen aus der Region.

Er aus Schkortleben bei Burgwerben und sie direkt aus Burgwerben. Im Jahr 1482 heiratete Jhan von Bora auf Sahla die Katharina von Haugwitz in der Kirche von Burgwerben. Er schrieb im gleichen Jahr das Gut Sahla seiner Frau als Leibgedinge zu. Dies war die Verpflichtung, Naturalleistungen wie Wohnung, Nahrungsmittel, Hege und Pflege einer Person bis zu deren Ableben zu erbringen. Gut Sahla wurde so zum Versorgungsgut Luthers späterer Schwiegermutter. Sie brachte am 29. Januar 1499 Katharina von Bora zur Welt. Diese wurde 1525 die Ehefrau des Reformators Martin Luther. Die Schwiegerleute von Luther seien armer Landadel gewesen, hat Reitzenstein herausgefunden, weshalb wohl auch Katharina von Bora als Fünfjährige ins Augustiner-Chorfrauenstift Brehna gegeben wurde. »So hatte die Bora-Familie einen Esser weniger am Tisch«, erklärt der Ortsbürgermeister diesen zur damaligen Zeit nicht unüblichen Schritt. Die Boras gaben das Rittergut Sahla schließlich auf und zogen nach Lippendorf bei Leipzig. Dort konnten sie 123 Hektar Land, 4 Pferde, 18 Kühe und 100 Schafe ihr Eigen nennen.

In der Weißenfelser Steinmetzwerkstatt Kloß & Kittler entstand in den vergangenen Wochen eine Gedenktafel aus Sandstein.

Angebracht ist sie an der romanischen Burgwerbener Kirche. Für jedermann nachzulesen ist, dass Luthers Schwiegermutter aus dem Weindorf Burgwerben stammt. »Wir sind stolz, dass wir mit diesem Forschungsergebnis gerade im 500. Jahr der Reformation damit in die Öffentlichkeit gehen können und hoffen sehr, dass diese Tatsache unseren kleinen Ort bekannter macht«, sagt Ortsbürgermeister Hubert Schmoranzer. Und Claus Hentzschel von der Kirchengemeinde ist überzeugt, dass solch einen Puzzlestein der Weltgeschichte nicht viele deutsche Kommunen zu bieten haben.

Petra Wozny

Schlüsselposition seit dem »Tag der Arbeit«

2. Mai 2017 von redaktionguh  
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40 Jahre ist Inge Narr bereits Küsterin in der Michaeliskirche in Bad Lobenstein

Zu den schönsten Aufgaben gehört für Inge Narr das Umklappen der Altartafeln in der Bad Lobensteiner Sankt Michaeliskirche. In drei beweglichen Tafeln werden das Kirchenjahr und der Lebensweg Jesu gezeigt.

Das macht sie, seit vor 40 Jahren der in Deutschland wohl einzigartige Flügelaltar von Friedrich Popp eingebaut wurde. Genauso lange ist sie schon als Küsterin in der Kirche tätig. Am 1. Mai begeht sie ihr Dienstjubiläum. »Ich bin mit der Kirche und dem Friedhof, mit dem Leben und dem Tod aufgewachsen. Mein Großvater war viele Jahre Friedhofswärter. Wir haben sogar direkt zwischen der Kirche und dem Friedhof gelebt. Dann bin ich an diese Stelle gerückt und das war ein großer Zufall«, sagt Inge Narr.

Als sie ihr erstes Kind bekommen hatte und ihren Beruf als Bekleidungsfacharbeiterin nicht mehr ausüben konnte, wurde die junge Frau gefragt, ob sie die Aufgabe ihres Großvaters übernehmen würde, sich um den Friedhof und die Kirche zu kümmern. Inge Narr war 19 Jahre alt und hatte, wie sie sagt, wenig Ahnung von den Aufgaben, die sie erwarten würden. Eine Ausbildung zur Küsterin gibt es nicht, viel hänge davon ab, was der Pfarrer wünsche, wie sich der Gemeindekirchenrat die Arbeit vorstellt, und vor allem müsse man selbstständig arbeiten können.

Beruf als Berufung: Küsterin Inge Narr hat vor 40 Jahren am 1. Mai 1977, dem »Tag der Arbeit«, in der St. Michaeliskirche in Bad Lobenstein (Kirchenkreis Schleiz) ihr Amt angetreten. Zur Osternacht 2017 schmückte sie ein hölzernes Kruzifix mit Blumen (Foto). Mehr dazu auf Seite 6. Foto: Sandra Smailes

Beruf als Berufung: Küsterin Inge Narr hat vor 40 Jahren am 1. Mai 1977, dem »Tag der Arbeit«, in der St. Michaeliskirche in Bad Lobenstein (Kirchenkreis Schleiz) ihr Amt angetreten. Zur Osternacht 2017 schmückte sie ein hölzernes Kruzifix mit Blumen (Foto). Mehr dazu auf Seite 6. Foto: Sandra Smailes

Viel Zeit verbringt sie bis heute mit dem Saubermachen der Kirche, sie bereitet die Gottesdienste vor, schmückt die Kirche, pflegt den neuen Gemeinderaum, führt Gäste, kümmert sich um die Grünanlage und den Hof um die Kirche und ist immer da, wenn es Fragen gibt.

Bei schweren Aufgaben, wie zum Beispiel beim Aufstellen und Schmücken des Weihnachtsbaumes, hilft ihr Mann. Wenn die beiden nicht da sind, springt ihr Sohn ein. Dafür ist sie ihrer Familie sehr dankbar.

In den ersten Dienstjahren gehörte der Friedhof noch zur Kirchgemeinde, deshalb betreute sie die Kapelle und bereitete Beerdigungen vor. »Die Aufgaben sind im Laufe der Jahre nicht viel anders geworden. Wir hatten zu DDR-Zeiten eine gute Gemeinde, und das ist bis heute so«, sagt Inge Narr.

Am liebsten ist ihr die Osterzeit. Die Osternacht mit einer Kerze und dem Chorgesang, der Ostersonntag, an dem Kinder ein karges Kreuz mit Blumen schmücken und der Montag, wenn Osternester in der Kirche gesucht werden. Auch das macht Inge Narr. In diesem Jahr hat sie 40 Stück versteckt.

Sie weiß, dass sie mehr einer Berufung als einem Beruf nachgeht und macht dies mit all ihrer Kraft und bescheiden. Dennoch ärgert sie, dass ihre Stelle immer wieder neu auf den Prüfstand gestellt wird. »Ich hatte früher eine volle Anstellung, nun bin ich noch 65 Prozent angestellt und sollte gar auf 50 Prozent gekürzt werden. Doch davon kann ich nicht leben«, sagt sie.

In wenigen Tagen fährt sie mit ihrem Mann zum Küstertag. Dort trifft sie Kollegen zum Austausch und zur Weiterbildung.

Wieder zu Hause, werden die Konfirmationen vorbereitet. Dazu gehört auch, das Altarbild zu ändern, dann werden Taufe, Heilung, Bootspredigt und Kindersegnung gezeigt.

Sandra Smailes

Schmuckstück in Blau: Die Kirche von Dobraschütz

24. April 2017 von redaktionguh  
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Barockes Kleinod am Lutherweg erstrahlt wieder in voller Schönheit

Von der Erschließung des Lutherweges können neben den touristischen Zentren auch die ländlichen Regionen profitieren. Ein Beispiel dafür ist Dobraschütz im Kirchenkreis Altenburger Land. Immer öfter finden Besuchergruppen und Wanderer den Weg in den 50-Seelen-Ort. Der Lutherweg führt an der kleinen Barockkirche vorbei, auf die die Dorfbewohner besonders stolz sind. Innerhalb von fünf Jahren ist ihnen das scheinbar Unmögliche gelungen: die Komplettsanierung des 1752 erbauten Gotteshauses. Nach der Restaurierung des Innenraumes erstrahlt nun auch das äußere Antlitz in hellen, freundlichen Farben.

Blaues Wunder: Der Innenraum der Kirche in Dobraschütz ist mit Malereien im Stil des Bauernbarock verziert. Foto: Ilka Jost

Blaues Wunder: Der Innenraum der Kirche in Dobraschütz ist mit Malereien im Stil des Bauernbarock verziert. Foto: Ilka Jost

Wer durch das Portal schreitet, kommt ins Staunen. Die gesamte Ausstattung, bis ins kleinste Detail, ist in erfrischendem Blau gehalten. Wohin das Auge reicht, finden sich Malereien in Form von Engeln, Blumengebinden, Ornamenten und Bibelsprüchen im Stile des Bauernbarocks, die so in der Region einzigartig sind. »Glücklicherweise war alles im Originalzustand erhalten, als 2011 mit den Arbeiten begonnen wurde. Die letzte Restaurierung des Innenraums ist ziemlich genau einhundert Jahre her, und an der Decke und dem Inventar hatte nicht nur der Zahn der Zeit, sondern auch der Holzwurm genagt. An einigen Stellen waren die Malereien nur noch zu erahnen«, berichtet Ralf Neuber, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates.

Rund 189 000 Euro flossen in das Bauprojekt. Um den Eigenanteil von ca. 43 000 Euro stemmen zu können, startete die kleine Kirchengemeinde außergewöhnliche Spendenaktionen. So wurden Patenschaften für die Neuvergoldung der 126 Sterne an der Decke abgeschlossen, Benefizkonzerte veranstaltet und viele Arbeiten in Eigenleistungen erbracht. Beachtlich war der Einsatz von Karl Jungbeck, Inhaber der Altenburger Senffabrik, der mit einem befreundeten Orgelbaumeister die Orgelsanierung selbst in die Hand nahm.

Belohnt wurde all das Engagement mit einer Förderung durch die Stiftungen Denkmalschutz und Kirchenbau (KiBa) und Auszeichnungen mit dem Denkmalschutzpreis des Altenburger Landes 2013 und dem Thüringer Denkmalschutzpreis 2014. Auch Landeskirche, Kirchenkreis und viele Einzelspender unterstützten das Vorhaben.

Eine Gelegenheit, das »Schmuckstück in Blau« in Augenschein zu nehmen, bietet das Kirchen- und Dorffest am 27. Mai.

Ilka Jost


Torgau baut Brücken

Europäischer Stationenweg: Der Truck macht Halt in der Stadt an der Elbe

Vor einem halben Jahr startete der 33 Tonnen schwere himmelblaue Truck der evangelischen Kirche seine Reise durch 67 Städte in 19 Ländern Europas. Inzwischen ist er beladen mit vielen Geschichten rund um die Reformation und mit ganz persönlichen Glaubenserfahrungen. Der internationalen Bedeutung der Reformation nachzuspüren und ein Band zu knüpfen, sind die Ziele des »Europäischen Stationenwegs«, einem der zentralen Projekte zum Reformationsjubiläum. Nun macht der Truck zum ersten Mal seit seinem Start Halt auf dem Gebiet der EKM.

Schloss Hartenfels: politisches Zentrum der Reformation. Foto: Katja Schmidtke

Schloss Hartenfels: politisches Zentrum der Reformation. Foto: Katja Schmidtke

In Torgau wird das begehbare Multimediamobil am 25. April auf dem Marktplatz erwartet. Ab 10 Uhr steht es für Neugierige offen. Die Stadt an der Elbe stellt den Tag passend dazu unter den Titel »Torgau baut Brücken. Reformation – Begegnung – Gegenwart«. Mit kulturellen Beiträgen soll eine Brücke geschlagen werden von der Reformationszeit über die historische Begegnung amerikanischer und russischer Truppen am Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 bis ins Heute. Im Fokus steht die Frage nach verbindenden Werten zwischen Völkern und Religionen. Alle Stadtbewohner, Gäste und Touristen sind herzlich eingeladen, den Reformationstruck auf dem Marktplatz zu besuchen und eigene Beiträge – aufgezeichnet von Videokameras – im Inneren des Trucks zu hinterlassen.

Übrigens nicht zur symbolisch, sondern auch wortwörtlich werden in Torgau am 25. April Brücken gebaut. Zu erleben ist der Bau einer Holzbrücke durch Schüler ab 15 Uhr auf dem Markt. Grußworte sprechen Jürgen Schilling, Mitarbeiter im Projektbüro Reformprozess der EKD, und Torgaus Oberbürgermeisterin Romina Barth.

Später erinnert Torgau an die historische Begegnung US-amerikanischer und sowjetischer Armeeeinheiten auf der zerstörten Elbbrücke bei Torgau am 25. April 1945. Dort besiegelten sie symbolisch das nahe Ende des Hitler-Regimes. Daran erinnert die Stadt jährlich mit dem »Elbe Day«. Die Gedenkveranstaltung am Denkmal der Begegnung beginnt 16 Uhr. Unter den Rednern ist auch Superintendent Mathias Imbusch. Der Tag endet mit einer Festveranstaltung im Rathaus (17 Uhr), hier spricht Landesbischöfin Ilse Junkermann über das Brückenbauen.

Wer bereits am Vormittag Zeit hat, ist eingeladen in die Kulturbastion, Straße der Jugend 14b. Dort öffnet von 10 bis 11.30 Uhr das Erzählcafé, in dem es um das »Ankommen in Torgau 1945 bis 2017« geht. Zeitzeugen sind mit Schülern des Johann-Walter-Gymnasiums im Gespräch.

Nächste Station auf dem »Europäischen Stationenweg« nach Torgau ist die Bundeshauptstadt Berlin, Gastgeberin des Kirchentags. Das blaue Geschichtenmobil tourt knapp vier Wochen weiter durch das Land und macht unter anderem Halt in Eisenach (5. Mai) und Bernburg (18. Mai), bevor es am 20. Mai in der Lutherstadt Wittenberg ankommt und dort die »Weltausstellung Reformation« eröffnet.

(G+H)


Der besondere Osterspaziergang

16. April 2017 von redaktionguh  
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Den Emmausweg am Ostermontag gehen Altenburger Christen seit 18 Jahren

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick. Im Tale grünet Hoffnungsglück.«

Wer kennt ihn nicht, den »Osterspaziergang« aus Goethes Faust? Getreu den Worten des großen Dichters machen sich vielerorts zum Osterfest die Menschen auf den Weg, um sich an der erwachenden Natur und der Auferstehung Christi zu erfreuen. Eine besondere Form des Osterspaziergangs ist der Emmausweg, der auf einer Erzählung aus dem Lukasevangelium beruht. Im Mittelpunkt stehen zwei Jünger, die auf ihrem Weg von Jerusalem ins Dorf Emmaus Jesus begegnen und ihn zunächst nicht erkennen.

Zu den Kirchengemeinden, die diesen Brauch stets am Ostermontag pflegen, gehört Altenburg (Kirchenkreis Altenburger Land). Was vor 18 Jahren als kleine Wanderung begann, hat sich zur Tradition entwickelt.

Wie diese Wandergruppe machen sich auch in diesem Jahr Christen auf, um den Emmausweg in Altenburg zu gehen. Foto: Ilka Jost

Wie diese Wandergruppe machen sich auch in diesem Jahr Christen auf, um den Emmausweg in Altenburg zu gehen. Foto: Ilka Jost

Ins Leben gerufen wurde der Brauch vom damaligen Pfarrer Michael Wohlfarth. Der Brunnen vor der Brüderkirche, noch heute Startpunkt, war damals gerade wieder in Gang gesetzt worden. »Am 5. April 1999 machten wir uns das erste Mal auf den Weg nach Kosma, wo gemeinsam Gottesdienst gefeiert und zum anschließenden Osterschmaus geladen wurde. Die Kirche war voll, auch der Pfarrhof. Meist waren wir etwa zwanzig Wanderer, mal mehr, mal weniger. Zum Gottesdienst kamen ja noch die Kosmaer hinzu«, erinnert sich der heute in Berlin lebende Pfarrer.

Startpunkt, Ziel und Ablauf sind all die Jahre gleich geblieben. In diesem Jahr ist Prädikantin Birgit Kamprath für die Gestaltung des Pilgerweges verantwortlich. Beginn ist wie immer am Ostermontag um 13.15 Uhr. Nach musikalischer Einstimmung am österlich geschmückten Brüderkirch-Brunnen laufen die »Emmaus-Wanderer« durchs Stadtzentrum, am Großen Teich und Stadtwald vorbei. Über einen idyllischen Feld- und Wiesenweg geht es entlang des Flüsschens »Blaue Flut« ins drei Kilometer entfernte Kosma zum Gottesdienst mit anschließendem Kaffeetrinken.

Pfarrer Sandro Vogler, seit Januar Pfarrer in Altenburg, kennt die Tradition des Emmausweges von seiner Pfarrstelle in Zossen. Dort hatte die Evangelische Jugend des Kirchenkreises im vorigen Jahr eine solche Tour organisiert. »Die Resonanz war sehr positiv. Im Kontrast zum Kreuzweg begeht man hier sprichwörtlich die Auferstehung: von der Trauer und Niederlage zur neuen Hoffnung und Gewissheit«, so Pfarrer Vogler.

Ilka Jost

40 Kilometer Vergangenheit

10. April 2017 von redaktionguh  
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Im Kirchenkreis Salzwedel pilgern Schüler in der Karwoche zur Gedenkstätte Isenschnibbe

Nur einen Tag vor der Befreiung durch die Amerikaner wurden am 13. April 1945 in Isenschnibbe bei Gardelegen 1 016 Menschen umgebracht. Die KZ-Häftlinge, die zuvor auf Todesmärsche durch den Harz geschickt worden waren, wurden in einer Scheune eingesperrt, das Gebäude in Brand gesteckt. Der Massenmord war das letzte Kriegsverbrechen in der Region – vergessen wurde es nie.

Die amerikanischen Truppen haben das Grauen dokumentiert. Zu DDR-Zeiten wurde eine Gedenkstätte errichtet. Zum 70. Jahrestag des Massakers vor zwei Jahren gab es einen Gedenkmarsch. Mitgelaufen sind damals auch viele Pfadfinder, erinnert sich Christel Schwerin. Die Gemeindepädagogin des Pfarrbereichs Mieste fand das eine Wiederholung wert, zumal der 13. April in diesem Jahr in die Passionszeit fällt. Vor allem aber, weil sie in ihrer Arbeit mit Jugendlichen bemerkt hat, dass geschätzt nur ein Drittel weiß, was in Isenschnibbe passiert ist. »Frieden und Demokratie sind keine Selbstläufer und es ist auch unser Auftrag, Leiden nicht vergessen zu machen und darauf hinzuweisen, wo Menschen heute noch leiden«, sagt Christel Schwerin. Deshalb bietet der Pfarrbereich Mieste einen Schüler-Pilgerweg zur ehemaligen Feldscheune an.

Konfirmanden und alle anderen interessierten jungen Leute können vom 11. bis 13. April auf eine 40 Kilometer lange Reise durch die Region und ihre Geschichte gehen. Pfarrer und Angehörige von Zeugen des Verbrechens wollen mit den Jugendlichen ins Gespräch kommen. Zwischen den Begegnungen soll auch das Pilgern und die Einkehr in Kirchen Zeit und Gelegenheit zur Reflexion geben. Außerdem wird gesungen, gebetet und gelesen. Christel Schwerin rechnet mit 30 bis 50 Teilnehmern. Sie zahlen einen Unkostenbeitrag. Der Großteil der Kosten, die für Übernachtung und Verpflegung anfallen, deckt das Bundesprogramm »Demokratie leben«.

Am 13. April werden die jungen Leute in Isenschnibbe ankommen und an der offiziellen Gedenkveranstaltung teilnehmen. Neben dem Ehrenfriedhof mit 1 016 Kreuzen erinnern heute Infotafeln an das Massaker. Der Fußboden der Scheune ist erhalten geblieben und aus übrig gebliebenen Steinen wurde eine Wand wieder errichtet. »Das spiegelt die Erinnerungskultur der 1950er- und 1960er-Jahre wider«, sagt Gedenkstättenleiter Andreas Froese-Karow von der Stiftung Gedenkstätten in Sachsen-Anhalt. Seit Jahren gibt es Pläne, die Gedenkstätte umzugestalten. Sie werden mit dem Haushaltsbeschluss des Landtags Realität: Rund 2,85 Millionen Euro stellt das Land für dieses und nächstes Jahr zur Verfügung. Mit dem Geld soll ein Besucher- und Dokumentationszentrum mit Büros, Seminar- und Ausstellungsräumen entstehen. Das eröffnet neue Möglichkeiten für die pädagogische Arbeit. Auch eine neue Dauerausstellung wird erarbeitet. »In Deutschland gibt es viele Gedenkstätten, aber keinen Ort, der sich explizit den Todesmärschen widmet. Isenschnibbe steht dafür exemplarisch«, sagt der Gedenkstättenleiter.

Der Eintritt bleibt kostenlos. Bislang gibt es keine Statistik darüber, wie viele Menschen Isenschnibbe jährlich besuchen. Andreas Froese-Karow rechnet damit, dass es nach dem Umbau einige Tausend sein werden. Auch Gemeindepädagogin Christel Schwerin hofft, dass sich der Pilgerweg etabliert und sich junge Menschen alle zwei Jahre auf den Weg machen, um an Vergangenes zu erinnern und daraus Schlüsse für die Gegenwart ziehen.

Katja Schmidtke

Hilfe aller Art: Bahnhofsmission wird 25

2. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Die Magdeburger Bahnhofsmission wurde 1992 gegründet. Ab dem 5. April, wenn mit einem ökumenischen Gottesdienst auf dem Bahnhofsvorplatz das Jubiläum begangen wird, ist das neue Domizil am Bahnsteig 5 empfangsbereit. Mit der stellvertretenden Leiterin, Gabriele Bolzek, sprach Renate Wähnelt.

Was ändert sich mit den neuen Räumen?
Bolzek:
Sie sind bequemer, da vom Bahnsteig aus ebenerdig zu erreichen. Wir haben direkten Blickkontakt zu den Gästen, aber etwas weniger Fläche.

Wer sind Ihre Gäste?
Bolzek:
Hilfesuchende im weitesten Sinn. Im vorigen Jahr hatten wir mit mehr als 18 000 Menschen Kontakt. Gut ein Drittel waren Reisende. Viele der anderen kommen zu uns, weil sie sonst niemanden haben. Sie sind obdachlos, krank, ihr Leben ist aus den Fugen geraten. Seit fast sieben Jahren bin ich hier und habe erlebt, dass unsere Besucher vor allem ernst genommen werden wollen. Sie werden hier auch ernst genommen. Wir bieten ihnen die Möglichkeit, selbst Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen.

Auf dem Bahnsteig: Carmen Luther und Roland Weber arbeiten ehrenamtlich für die Bahnhofsmission. Foto: Viktoria Kühne

Auf dem Bahnsteig: Carmen Luther und Roland Weber arbeiten ehrenamtlich für die Bahnhofsmission. Foto: Viktoria Kühne

Können Sie und die anderen Mitarbeiter ihnen dabei helfen?
Bolzek:
Obdachlose können uns als Postadresse angeben und müssen dann zum Postabholen kommen. Strukturen geben Halt. Wir sind gut vernetzt und können Hilfe vermitteln. Wer bei uns einen Imbiss, Tee oder Kaffee bekommt, gibt uns dafür einige Cent als Spende. Und natürlich sind wir einfach da, helfen mit guten Worten, setzen Ziele, aber auch Grenzen.

Wie haben sich die Besucher im Laufe der Jahre verändert?
Bolzek:
Unter den Bedürftigen hat die Zahl der seelisch Kranken zugenommen. Es erfüllt mich mit Sorge, dass sich so viele über das Materielle ihr Selbstwertgefühl holen, irgendwann überfordert sind, sich nicht mehr gebraucht fühlen. Viele sind suchtkrank. Schlimm finde ich, dass es junge Leute gibt, die keine Träume mehr haben, weil sie erwarten, dass sowieso nichts etwas wird.

Gibt es für Sie denn Erfolge?
Bolzek:
Der schönste Erfolg ist, wenn jemand nicht mehr kommen muss. Ich freue mich auch, wenn jemand lächelnd geht. Oder danke sagt, auch wenn dahinter Verzweiflung spürbar ist.

Die Bahnhofsmission, getragen von evangelischer Stadtmission und katholischer Caritas, war in den 25 Jahren selbst oft genug bedürftig.
Bolzek:
Die Stadt finanziert einen Teil der Personalkosten. Und es haben sich immer neue Türen aufgetan. Wir freuen uns über Spenden: Lebensmittel und Geld finden immer Verwendung. Es gibt bereits Spender, die regelmäßig Kaffee bringen oder auch die Stolle, die von Weihnachten übrig ist oder die Marmelade. Für die bedürftigen Besucher und Reisende mit »Notfällen« wie geplatzter Hose oder verschmutzter Kleidung benötigen wir der Jahreszeit entsprechende Bekleidung, vor allem für Herren, Unterwäsche, Strümpfe, Rucksäcke, Schlafsäcke, Decken, Isomatten, kleine Zelte. Besonders sind uns ehrenamtliche Mitarbeiter willkommen, die unsere Arbeit hier vor Ort unterstützen wollen, egal für wie wenige Stunden. Wer nur auf dem Bahnsteig sein möchte, vielleicht auch nur für zwei Stunden pro Woche, ist ebenso gern als Helfer gesehen wie Menschen mit größerem Zeitbudget.

Das Programm der Festwoche
3. April, 20 Uhr: Kabarettabend mit Lars Johansen, Bahnhofsmission
4. April, 14 bis 18 Uhr: Kuchenbasar auf Bahnsteig 5
5. April, 15.30 Uhr: ökumenischer Gottesdienst mit Bischof Gerhard Feige und Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg, Bahnhofsvorplatz
6. April, 18 Uhr: Versteigerung SCM-Trikot, Vorhalle
7. April, 18 Uhr: Vernissage »Kreuzwege«, Bahnhofsmission

Lucas, der Buchdrucker

21. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Konfirmanden lernen Kunst und Handwerk Gutenbergs kennen

Lange ist es her, dass Lucas Gelegenheit zum Drucken hatte. Das war in der Grundschule. Heute ist er Konfirmand und darf erneut an einer Druckerpresse stehen. An einer richtigen, an einer, die dem Original der Druckerpresse von Gutenberg exakt nachempfunden wurde. Das ist schon etwas ganz Besonderes. Lucas kommt aus Eschbach im Taunus und er gehört zu einer Gruppe von Mädchen und Jungen, die gemeinsam mit Jugendlichen aus Wandersleben (Kirchenkreis Gotha) eine Konfirmandenfreizeit in Thüringen verbringen. Das hat übrigens Tradition. Seit 1945 schon verbindet beide Kirchengemeinden eine Partnerschaft.

Blatt für Blatt wird vorbereitet, bevor es in die Druckpresse kommt. Lucas und seine Konfirmandengruppe aus dem Taunus erleben, wie aufwendig aber auch spannend die Herstellung eines Buches zur Zeit der Reformation war. Foto: Klaus-Dieter Simmen

Blatt für Blatt wird vorbereitet, bevor es in die Druckpresse kommt. Lucas und seine Konfirmandengruppe aus dem Taunus erleben, wie aufwendig aber auch spannend die Herstellung eines Buches zur Zeit der Reformation war. Foto: Klaus-Dieter Simmen

»Während der DDR-Zeit beschränkte sie sich darauf, die Freunde jenseits der Grenze zu unterstützen«, sagt Pfarrerin Kerstin Steinmetz aus Eschbach. Mit der Wiedervereinigung wandelte es sich zu einer lebendigen Beziehung, die von gemeinsamen Besuchen geprägt ist. Seit 1997 schon gibt es die Freizeit für Konfirmanden.

An diesem Tag besuchen sie einen ganz besonderen Ort, nämlich die Menantes Literatur-Gedenkstätte in Wandersleben. Sie erinnert nicht nur an den Dichter Christian Friedrich Hunold, genannt Menantes, der in der Gemeinde geboren wurde. Die Gedenkstätte ist dazu ein außerschulischer Bildungsort, einer, der vornehmlich jungen Menschen die Handwerke der Buchherstellung und die Reformation nahe bringt. Und die Geschichte des Buches, so der Wandersleber Pfarrer Bernd Kramer, ist ein spannendes Abenteuer.

Im Jurywettbewerb mit Publikumsbeteiligung fördert das Magazin Chrismon auch in diesem Jahr herausragende Gemeindeprojekte. Mit seinem Konzept außerschulischer Lernort bewirbt sich das Pfarramt Apfelstädt, zu dem die Kirchgemeinde Wandersleben gehört, um eine Förderung. »Wir denken, dass unser Angebot das wert ist«, begründet Kramer diesen Schritt. Die Zahl der Schulklassen, die sich in der Gedenkstätte mit der Geschichte der Buchherstellung vertraut machen, steigt von Jahr zu Jahr.

Das mag auch daran liegen, dass hier alles andere als staubtrockene Theorie vermittelt wird. Natürlich gibt es einen Exkurs in die Geschichte – angefangen bei Federkiel und Tinte bis hin zum Buchhändler. Mitmachstationen lassen darüber hinaus die einzelnen Handwerke im besten Wortsinn erfahrbar werden. Wie beispielsweise beim Drucken. Hans-Otto Mempel aus der Werkstatt für künstlerische Druckgrafik in Vieselbach hat den Jungen die Arbeitsschritte erläutert. Nun nimmt er sich zurück, lässt sie alleine hantieren, was den Konfirmanden sichtlich Freude macht. Als Druckstock dient ein Linolschnitt von der Wanderslebener Kirche. Sorgfältig wird er mit der Farbwalze eingestrichen, dann kommt Blatt für Blatt in die Presse, ganz so, wie vor 300 Jahren die Buchseiten gedruckt wurden. »Haben die das damals wirklich so gemacht?«, will Lucas wissen. Und die jungen Leute beginnen zu ahnen, wieviel Arbeit in einem Buch steckt, ehe es vom Buchhändler vertrieben werden konnte.

Die Arbeit an der Gutenberg-Presse dient durchaus einem Zweck, denn die Bilder der Wanderslebener Kirche werden bald schon Bestandteil eines Leporellos sein, das eine zweite Gruppe anfertigt – aus Altpapier übrigens. Es wird geschnitten und gefalzt. Mitglieder des Menantes-Förderkreises haben ein Auge darauf, dass die einzelnen Arbeitsschritte eingehalten werden. Jedes einzelne dieser Werke wird übrigens mit Initialen verziert und daran arbeiten Anastasia und Marie. Sie sind schon erstaunt, wie viele Schreibwerkzeuge es gibt und entdecken so nebenbei, wie schön eine Handschrift sein kann. »Ein Buch ist das Werk vieler«, merkt Pfarrer Kramer an. Das im Zeitalter digitaler Technik hautnah zu erfahren und selbst daran mitzuwirken, sei Ziel dieses ungewöhnlichen außerschulischen Lernorts.

Klaus-Dieter Simmen

Die Bewerbung des Wanderslebener Projektes beim evangelischen Magagzin Chrismon kann man im Internet unterstützen:

https://chrismongemeinde.evangelisch.de/profile

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