Herz und Hand von St. Salvator

10. August 2018 von redaktionguh  
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Stadtroda: Kirchenältester Antonio Navarra engagiert sich während Vakanzzeit

Die Gemeinde von St. Salvator in Stadtroda stand im vorigen Jahr vor einer enormen Herausforderung: Im Mai verließ Pfarrer Tobias Steinke die Kirchengemeinde, im Juni wurde Pfarrer Ingolf Rothe in den Ruhestand verabschiedet. Schon im März hatte Pascal Salzmann die Kantorei der Regionalgemeinde Artern-Wiehe übernommen, nachdem feststand, dass die Kantorenstelle nicht wieder besetzt würde. Und die Frage: Wie sollte so Gemeindeleben noch möglich sein?

Gottesdienste, Konzerte, Kirchen-Kaffee: Dank Antonio Navarra war all das auch während der Vakanz möglich. Foto: Elke Rode

Gottesdienste, Konzerte, Kirchen-Kaffee: Dank Antonio Navarra war all das auch während der Vakanz möglich. Foto: Elke Rode

Es war möglich, denn es gab einen, der die Fäden während der über einjährigen Vakanzzeit in der Hand hielt: Antonio Navarra. Mit ihm hatte ein Ehrenamtlicher die Verantwortung für die Gemeinde übernommen und es vollbracht, die Gemeinschaft mit seiner engagierten Arbeit aufrecht zu erhalten. Auch ohne Pfarrer und Kantor fanden jeden Sonntag Gottesdienste statt, es gab Konzerte, Andachten und Kirchenkaffee-Nachmittage. Weil Antonio Navarra die Kirchenmusik sehr am Herzen liegt, stand er den Musikern des Posaunen-, Gospel- und Kirchenchors mit Rat und Tat zur Seite, so bei der Suche nach einem neuen Chorleiter.

Im November 2017 wurde Antonio Navarra mit der Geschäftsführung der Kirchengemeinde betraut, nachdem die Vakanzvertretung die Region verlassen hatte. Engagiert und aufgeschlossen übernahm der Ehrenamtliche nicht nur diese Aufgabe. Als im Sommer 2017 der Traktor der Kirchengemeinde vom Friedhof gestohlen wurde, dem Kinderchor das Aus drohte und die Wohnung für den neuen Pfarrer grundlegend renoviert werden musste, suchte Antonio Navarra nach Wegen und Möglichkeiten – und fand sie. Seine Kraft schöpft der Kirchenälteste aus seinen Erlebnissen auf verschiedenen Pilgerwegen in den vergangenen Jahren. Seither, sagt er, sei es ihm ein tiefes Anliegen, sein Wirken uneigennützig in den Dienst der Gemeinde zu stellen. Dankbar sei er besonders für das gute Miteinander unter den Mitgliedern des Gemeindekirchenrates und anderen Ehrenamtlichen.

Nun heißt es für den Kirchenältesten loslassen. Anfang August übernimmt Pfarrer Benjamin Neubert die Pfarrstelle in Stadtroda und damit die Geschäftsführung. Antonio Navarra möchte als Vorsitzender des Gemeindekirchenrates den neuen Pfarrer bei seinem Amtsantritt und darüber hinaus begleiten.

Elke Rode

Einführungsgottesdienst Pfarrer Benjamin Neubert: 12. August, 14 Uhr, St. Salvator, Stadtroda

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Auf eine Brause mit Gott

6. August 2018 von redaktionguh  
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Wohnwagen-Treff: Pfarrerin Jeannette Lorenz-Büttner und Gemeindepädagogin Ivonne Fritschek aus Magdala finden, dass sich Jugendliche selbst ihre Räume schaffen sollten, um über den Glauben und den ganz gewöhnlichen Teenager-Alltag zu sprechen.

Als ihre Tochter im Jahr 2010 schwer erkrankte, habe sie gemerkt, was Gemeinde ausmache, sagt Ivonne Fritschek: »Ich habe mich in dieser Zeit sehr getragen gefühlt«, betont sie. Seit Mai ist sie als Gemeindepädagogin beim Kirchenkreis Jena für die Kirchengemeindeverbände Magdala mit 14 Dörfern sowie Großschwabhausen mit sieben Dörfern tätig.

Fritschek, die seit Ende der neun­ziger Jahre durch vielfältige Projekte mit Magdala verbunden ist, wohnt seit 2010 auch im Ort. Zuvor hatte sie in München, Jena und Aalen gelebt. Ivonne Fritschek ist mit Eltern aus der Region gut vernetzt: Durch ehrenamtliche und freiberufliche Tätigkeiten, wie die Leitung des Spatzenchors, die Mitarbeit im Gemeindekirchenrat sowie das Gestalten von Eltern-Seminaren im Kindergarten und von Pekip-Kursen, bei denen Eltern und Kinder im ersten Lebensjahr begleitet werden.

»Dass wir Ivonne hier als Gemeindepädagogin haben, ist etwas ganz Besonderes. Zum einen ist sie der Gemeinde bekannt und muss sich nicht erst profilieren. Zum anderen ist sie Christin und Sozialpädagogin. Sie weiß genau, was Familien in der heutigen Zeit brauchen. Beispielsweise gibt es viele Alleinerziehende«, sagt Pfarrerin Jeannette Lorenz-Büttner, die den lebenspraktischen und realitätsnahen Ansatz der Gemeindepädagogin sehr schätzt.

Lebensnah und unkonventionell: Gemeinsam mit den Jugendlichen ihrer Gemeinde wollen Jeannette Lorenz-Büttner (l.) und Ivonne Fritschek einen ausrangierten Wohnwagen zum Treffpunkt umbauen. Foto: Constanze Alt

Lebensnah und unkonventionell: Gemeinsam mit den Jugendlichen ihrer Gemeinde wollen Jeannette Lorenz-Büttner (l.) und Ivonne Fritschek einen ausrangierten Wohnwagen zum Treffpunkt umbauen. Foto: Constanze Alt

Durch ihre gute Vernetzung, gerade mit Familien, weiß Ivonne Fritschek auch, wo genau welcher Bedarf besteht. Anstatt ins Blaue hinein Angebote zu machen, bei denen keiner richtig anbeißen will, kann sie so gezielt Veranstaltungen konzipieren, die gewollt werden. So organisiert sie, abwechselnd in Magdala, Bucha und Großkröbitz, Kinderkirche und Teeniekirche. Ebenfalls wechselnd in diesen drei Dörfern findet freitags ein Generationenfrühstück statt.

Zum Selbstverständnis von Pfarrerin und Gemeindepädagogin gehört es, auch auf Menschen zuzugehen, die mit Kirche bisher noch nichts zu tun hatten. Die Idee ist es, mit einem gemütlichen Frühstück alle Generationen an einem gedeckten Tisch zu vereinen. Beim Essen besteht in zwangloser Atmosphäre die Gelegenheit, sich mit anderen auszutauschen und Kontakte zu knüpfen. Für kleine Kinder wird eine Spielecke eingerichtet.

Einige ältere Menschen, so die Erfahrung der Pfarrerin und der Gemeindepädagogin, fühlen sich von Veranstaltungen, die – im Wortsinn – »für Senioren« konzipiert sind, nicht unbedingt angesprochen. Sie stehen noch mitten im Leben und fühlen sich nicht alt. »Bei einem Generationenfrühstück hingegen werden Menschen unterschiedlicher Altersgruppen und Lebensansätze zusammengebracht«, sagt Ivonne Fritschek.

Ausdrücklich auf junge Christen zugeschnitten sind etwa die Theatergruppe, die in jedem Sommer stattfindende Zeltwoche im Pfarrgarten oder gemeinsame Fahrten, beispielsweise zum evangelischen Jugendfestival in Volkenroda. Der Wohnwagen im Pfarrgarten ist ein weiteres Projekt. In dem ausrangierten Wohnanhänger, der ein Geschenk aus dem Umfeld der Gemeinde ist, soll ein Rückzugsort für junge Gemeindemitglieder entstehen.

»Gerade in dieser mobilen Welt sollten Jugendliche eigene Orte für sich selbst haben«, sagt Ivonne Fritschek. Gemeinsam mit den Jugendlichen soll der Wohnwagen ausgebaut und gestaltet – und somit zu einem Treff- und Anlaufpunkt werden. »Ich habe immer gedacht, die Jugendlichen brauchen einen eigenen Raum außerhalb der Gemeinderäume«, sagt Jeannette Lorenz-Büttner. Die jungen Christen sollen sich ihren Ort selbst aktiv gestalten. »Was sie selbst gemacht haben, wissen sie besser zu schätzen«, ergänzt die Gemeindepädagogin.

Constanze Alt

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Tränen in der ersten Reihe

30. Juli 2018 von redaktionguh  
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In der Kurstadt Bad Düben im Kirchenkreis Torgau-Delitzsch stehen in diesem Jahr zwei musikalische Jubiläen auf dem Programm: 40 Jahre Kurrende und 70 Jahre Posaunenchor. Über viele Jahrzehnte waren beide Ensembles eng verbunden mit Lothar Jakob, dem Gründer und 1. Chorleiter der Kurrende. Seit August 2016 leitet Kantorin Elisabeth Neumann beide Chöre. Mit ihr sprach Andreas Bechert.

Das halbe Jubiläumsjahr 2018 ist geschafft. Wie ist Ihr Eindruck und was sagen die Chöre zum bisher Erlebten?
Neumann:
Ich empfinde das, was wir in diesem Jahr bisher unserem Publikum geboten haben, als sehr schön – aber auch ganz schön anstrengend! Das ist normal. Besonders mit der Kurrende macht mir alles riesigen Spaß. Der Chor ist offen für Neues, vieles wurde ausprobiert. Jede Probe hat ein Ziel: Der nächsten Auftritt! Das ist gut, das spornt an, das gibt Kraft – allen!

Elisabeth Neumann leitet seit zwei Jahren die Kurrende und den Posaunenchor in der Kurstadt Bad Düben. Foto: Helge Eisenberg

Elisabeth Neumann leitet seit zwei Jahren die Kurrende und den Posaunenchor in der Kurstadt Bad Düben. Foto: Helge Eisenberg

Anfang Juni stand das Sommerkonzert im Museumsdorf auf dem Programm – das Jubiläumskonzert schlechthin. Lief alles gut?
Neumann:
Sehr gut sogar! Ein ausverkauftes Haus, und ich durfte erstmals den Chor – wenn auch nur kurz – als Zuhörerin erleben und genießen. Lothar Jakob hat nämlich den Taktstock noch einmal in die Hand genommen. Da saß ich in der ersten Reihe und konnte meinem Chor zuhören. Ich war den Tränen nah.

Wie viele aktive Mitglieder zählt die Kurrende heute?
Neumann:
Da wir immer 70 Notensätze bestellen, müssen es 70 Mitglieder sein. Im Posaunenchor sind 14 Bläser versammelt. Die Kurrende probt jede Woche. Prinzipiell sind zwei Proben in der Woche angesetzt. Hinzu kommen die Registerproben, bei denen die einzelnen Stimmen ihren Part einüben. Selbst unsere jüngsten Chormitglieder halten dieses Pensum erstaunlich gut durch – immerhin sind sie meist erst in der 4. Klasse.

Als Musiklehrerin unterrichten Sie an der Evangelischen Grundschule am Kirchplatz. Profitiert die Kurrende davon?
Neumann:
Ich halte schon im Unterricht nach neuen Talenten Ausschau! Natürlich nicht vordergründig – da steht immer noch der Musikunterricht im Mittelpunkt.

Wo steht die Kurrende heute mit ihrem Repertoire?
Neumann:
Das ist breit gefächert: Choralvertonungen, Motetten und Kantaten. Werke alte und neuer Meister: natürlich Bach, viel Bach. Aber auch Händel, Bartholdy, Mozart oder Rutter und andere. Und alle Jahre wieder das beliebte Weihnachtsoratorium, Kantaten 1 bis 6, oder die Johannespassion und das Magnificat von Bach.

Also mehr alte Meister …
Neumann:
Das stimmt so nicht ganz. Es gibt hier und da Arrangements aus der Rock- und Pop-Szene und natürlich aus der beliebten Volksmusik.

Was spielt der Posaunenchor?
Neumann:
Da geht es mitunter sehr beschwingt zu. Neben den sakralen Stücken spielt man Jazz oder lateinamerikanische Rhythmen. Das kommt immer beim Publikum sehr gut an.

Das große Jubiläumskonzert »70 Jahre Posaunenchor« steht noch vor der Tür.
Neumann:
Am 11. November in der Stadtkirche. Dabei werden uns die Posaunenchöre aus den umliegenden Orten und dem Kirchenkreis unterstützen – das wird ein gewaltiges Bläserensemble!

Was sind ihre Wünsche für beide Chöre für die Zukunft?
Neumann:
Ich wünsche mir, dass beide Chöre offen bleiben für Neues und dass wir auch in Zukunft alle Freude haben, gemeinsam interessante Chorfahrten starten, mitreißende Konzertauftritte erleben und weiterhin hier so viele Unterstützer für unsere Arbeit finden.

www.kurrende-bad-dueben.de

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Gott ist immer »online«

22. Juli 2018 von redaktionguh  
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Kirchenentdeckertag macht die bunte Vielfalt von Kirche in Nordhausen sichtbar

Alles easy, alles gut« – das war die knappe Zusammenfassung eines Schülers auf die Frage, was ihm vom Kirchenentdeckertag des Kirchenkreises Südharz in der Blasiikirche in Erinnerung bleiben würde. Veit Kuhr, der diesjährige Organisator des Tages, hatte ihn gefragt und schien auch sehr zufrieden mit dieser spontanen, coolen und positiven Antwort. Über 330 Schülerinnen und Schüler aus neun Schulen hatten sich zur Kirche aufgemacht. Zu Fuß und mit Bussen kamen sie aus Nordhausen ebenso wie aus Niedersachswerfen, Bleicherode und Breitenworbis. Allesamt aus den 5. und 6. Klassenstufen ihrer Regelschulen oder Förderzentren. Ein munteres Trüppchen zog da mit lautem Getöse in die altehrwürdige St. Blasii-Kirche. Und das bereits zum zehnten Mal. Das Gemäuer ist also schon schmunzelnder Profi im Umgang mit fröhlichem Kinderlärm. Gern wird dieser Tag in der letzten Schulwoche als Projekttermin von den Lehrern angenommen. Wissen sie doch, dass ihre Schüler eine bunte Mischung aus neuen Erfahrungen, kreativem Arbeiten, Bewegung, gesundem Essen und fröhlichem Beisammensein erwartet.

Unter dem Motto »Vielfalt« traf man sich in diesem Jahr. Lebendige Kirche in ihrer ganzen Vielfalt, aber auch Menschen in ihrer ganzen Vielfalt standen im Mittelpunkt. Und entsprechend vielfältig auch das Programm. Gemeindepädagogin Sophie Knappe von der Jugendkirche spielte gleich zu Beginn ein Lied auf der Gitarre, das immer mehr an Tempo gewann. Mitzusingen glich am Ende einem Spurt auf der Rennbahn. Aber es ging auch ganz ruhig zu. Diana Wand und Christine Berger hatten einen Raum im Blasii-Pfarrhaus komplett mit Planen ausgelegt, hielten Malerkittel und Fingerfarben bereit. Gemalt wurde mit leiser Musik und der wiederholten Lesung der Geschichte des Paradieses (siehe Foto). Ganz still und entspannt ging es dort zu.

In Bewegung waren die Teilnehmer des Kirchenentdeckertages. 330 Schülerinnen und Schüler aus neun Schulen machten mit bei dem Angebot, das nicht nur kreatives Arbeiten, sondern auch viel Bewegung rund um das Thema »Kirche« bot. Fotos: Regina Englert

In Bewegung waren die Teilnehmer des Kirchenentdeckertages. 330 Schülerinnen und Schüler aus neun Schulen machten mit bei dem Angebot, das nicht nur kreatives Arbeiten, sondern auch viel Bewegung rund um das Thema »Kirche« bot. Fotos: Regina Englert

Ruhig war es auch bei Gemeindepädagogin Corina Sänger, die sich in der Domkrypta mit ihrer Gruppe niedergelassen hatte. Keines der Kinder hatte zuvor Kontakt zur Kirche, und doch setzten sie sich ganz unbefangen mit dem Thema »Gebet – pray the Lord« auseinander. Mit einem Handy begann Sänger ihr Thema, dem Kommunikationsmittel schlechthin. Aber was, wenn keiner erreichbar ist? Gott ist immer für dich da, war die Erkenntnis des Tages für diese Jugendlichen. Er hört uns zu, selbst wenn wir unsere Sorgen nicht laut aussprechen, er kennt uns. In kleinen Handytaschen trugen die Teilnehmer eine Träne, einen Bleistift und ein Dankeschön-Schildchen mit nach Hause, kleine Hilfsmittel auf dem Weg zum Gebet. Fröhlich hatten sie zuvor alle erzählt, was sie glücklich macht. Und mit diesen guten Gedanken machten sie sich später wieder auf den Weg.

In den Workshops wurden viele kirchliche Aspekte beleuchtet. Da ging es um die Weltreligionen – von der Bibel über Kirchenmusik bis zu den Glasfenstern und Türmen eines Gotteshauses oder das Entdecken des jüdischen Glaubens. Spannend war es immer, für den einen mehr, den anderen weniger, so vielfältig, wie wir Menschen eben sind. Organisiert wird diese Großveranstaltung von den Gemeindepädagogen des Kirchenkreises, den Mitarbeitern im Kirchlichen Verwaltungsamt und den Referenten für die Kinder- und Jugendarbeit. Aber ohne die zahlreichen Pfarrer, ehrenamtlichen Mitarbeiter und Kooperationspartner wäre eine Durchführung dieses Kirchenentdeckertages nicht möglich, darunter auch etliche Jugendliche von der Jugendkirche und dem KILA.

Die Allianz beispielsweise stellte einen Büroraum in ihrem Haus gegenüber der Blasii-Kirche zur Verfügung, während gleich nebenan der Arbeitsalltag weiterging. Auch der Dom öffnete seine Türen weit für mehrere Gruppen, die Flohburg, das St. Josephshaus, die Stadtinfo, die Stadtbibliothek, der Weltladen mit Schrankenlos e.V., Marion Méndez vom Museum Synagoge Gröbzig, die Diakonie Suchtberatung, die Johanniter Unfallhilfe und die Jugendkunstschule waren mit im Boot, um nur einige zu nennen. Louiza Radeva vom gleichnamigen Tanzstudio sprang sogar noch schnell ein, als ein anderer Workshop auszufallen drohte, und tanzte mit ihrer Gruppe fröhlich vor der Blasiikirche. Der 15-jährige Samuel Rumpold reiste extra aus Halle an, um Schülern den positiven Umgang mit Drohnen zu erklären und vorzuführen.
Auf dem anschließenden Markt der Möglichkeiten konnten sich dann noch einmal alle kreativ und aktiv erproben. Hübsche Mitbringsel wurden ebenso hergestellt wie Kippot bemalt oder tatkräftig beim Sumoringen hingelangt. Jeder hatte am Ende des Tages eine kleine Erinnerung in der Hosentasche und viel Gesprächsstoff für den Heimweg im Gepäck. Kirche, so bunt wie das Leben und damit ganz nah dran.

Regina Englert

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Seit 800 Jahren auf der Höhe

17. Juli 2018 von redaktionguh  
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Frauenwald: Wer dorthin will, muss viel Wald durchqueren und einen langen Anstieg bewältigen. Auf rund 760 Höhenmetern gelegen, ist die Gemeinde eine der höchsten in der EKM. Jetzt wurde die Ersterwähnung vor 800 Jahren gefeiert.

Für einige Tage ist die Durchgangsstraße von Frauenwald für den Autoverkehr gesperrt, doch ruhig ist es ganz und gar nicht. In vielen Häusern und Höfen waren seit Monaten die hintersten Winkel nach Geschichtszeugnissen durchstöbert worden, die nun nach Draußen drängten und die Dorfstraße zu einer Flaniermeile durch die Jahrhunderte machten. »So sah es bei unserer Urgroßmutter im Wohnzimmer aus«, lachen zwei Teenager, die vor einer umfunktionierten Garage in der Sonne sitzen und Einblicke in einstige Gemütlichkeit gewähren. Ein Stück weiter wird nach alter Art Waschfest gefeiert, werden Holzsägen präsentiert, Strohseile gewunden, Holzröhren gebohrt, Kräuter erklärt oder Messer geschliffen.

Zum Kaleidoskop alter Handwerkstechniken trägt auch Rolf Firn bei. Der 73-jährige Frauenwälder hat sich als »Querwelschnetzer« vor seinem Haus an der Nikolaikirche postiert. Gelernt habe er das Quirlemachen vor über 60 Jahren von seinem Vater, der ihm zeigte, wie man ausrangierte Weihnachtsbäume in praktische Haushaltshelfer verwandelt. Ehrenamtlich kümmert er sich ansonsten um den Friedhof und Besucher, die die Kirche außerhalb von Gottesdienst und Festlichkeit sehen wollen. Gegenüber der Kirche steht Uta Werlich. Im Nonnenhabit erinnert die Berufsschullehrerin daran, dass die nachweisliche Ortsgeschichte 1218 mit einer Urkunde beginnt, in der Graf Poppo VII. von Henneberg die »frawen uff dem walde« dem Kloster Veßra unterstellt. Heidrun Wagner, Gisela Firn und Margarete Braun bieten aus den Fenstern des Kirchengemeindebüros allerlei Köstlichkeiten an. Mit ihren Gewändern führen sie in die Reformationszeit zurück.

Geistlicher Beistand für »Da Qerwelschnetzer Rolf«. Wie Quirlemacher Rolf Firn hatten sich viele Teilnehmer der Festtage in Frauenwald in historische Gewänder gekleidet. Foto: Thomas Schäfer

Geistlicher Beistand für »Da Qerwelschnetzer Rolf«. Wie Quirlemacher Rolf Firn hatten sich viele Teilnehmer der Festtage in Frauenwald in historische Gewänder gekleidet. Foto: Thomas Schäfer

1592 wurden Kloster und Stift aufgelöst und der letzte Prior aus dem Kloster Veßra als erster evangelischer Pfarrer in Frauenwald eingesetzt. Mit diesen beiden Szenen beteiligt sich die evangelische Kirchengemeinde am »Historischen Dorf«, das mit jeweils einem Bild ein Jahrhundert in Frauenwald illustriert. Dazwischen Impressionen vom harten Alltag nahe des Rennsteigs. Das raue Klima lässt kaum Obst gedeihen, doch still ist es hier und die Luft rein, was Erholungssuchende seit langem zu schätzen wissen. »Ein Frauenwälder erwärmt sich am Eisblock«, sagen die Alteingesessenen mit verwegenem Schmunzeln.

Wer hier oben beheimatet ist, muss diese besondere Situation lieben und die enge Dorfgemeinschaft mit den vielen Vereinen und Gruppen. »Das Jubiläum hat alle Bürger mobilisiert. Genau so haben wir uns das gewünscht«, stellt Frank Amm, ehrenamtlicher Bürgermeister der knapp 1 000 Einwohner zählenden Gemeinde zufrieden fest. Zur Vorbereitung wurde im Herbst 2017 ein Verein und ein Festkomitee gegründet, in dem auch Pfarrerin Anne-Kristin Flemming mitarbeitete. »Wir sind hier gut vernetzt«, betont sie. Im Gemeindealltag ist ihr wichtig, in allen Gemeinden regelmäßig Gottesdienst zu feiern. Dabei könne sie auch auf die Unterstützung von Lektoren bauen, was ebenfalls gut angenommen wird. In Frauenwald gehören etwa 380 Einwohner zur evangelischen Kirchengemeinde. Matthias Wolff ist Vorsitzender des Gemeindekirchenrates und Mitglied im Kirmesverein. Der Tischler sorgt für vieles und auch dafür, dass der Kirmesverein alljährlich das Krippenspiel gestaltet. Zum letzten Weihnachtsfest gab es sogar eine echt schwangere Maria.

In den Orten funktioniere das Gemeindeleben ehrenamtlich und mit großem Engagement. Übergemeindliche Aktivitäten seien allerdings schwer zu realisieren, merkt Pfarrerin Flemming an. Das betrifft auch die Arbeit mit den sehr kleinen, jahrgangsabhängigen Kindergruppen in einer großen Fläche. Wer auf dem Kamm des Thüringer Waldes wohnt, fährt täglich mehrmals und viele Kilometer zur Arbeit, zur Schule, zum Arzt oder Einkauf. Darum haben die Familien am Wochenende wenig Lust und Kraft, wieder ins Auto zu steigen, um ihre Kinder zu kirchlichen Angeboten zu bringen.

Uta Schäfer

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Wo mein Glaube wurzelt

9. Juli 2018 von redaktionguh  
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Reportage: Die kleine Kirchengemeinde Prösen steht vor großen Herausforderungen, doch es tut sich etwas.

Wie schön es hier ist, denke ich manchmal, wenn ich zu Besuch in Prösen (Kirchenkreis Bad Liebenwerda), meinem Geburtsort, bin. Zwischen Wiesen und Feldern führen Radwege von Ort zu Ort. Ein Floßkanal durchfließt das Dorf, zu beiden Seiten des Ufers Birken und Sträucher. Als Kind konnte ich meiner Heimat nicht viel Schönes abgewinnen. Etwa im Alter von zehn bis zwölf Jahren beschloss ich: »Hier bleibe ich nicht.«

Meine Kirche: 1751 erbaut und jetzt schmuck renoviert, die Kirche in Prösen. Heiligabend ist sie bis auf den letzten Platz gefüllt. An den übrigen Sonntagen kommen leider nur wenige Menschen, zur monatlichen Andacht meist nur eine Teilnehmerin. Kleines Foto. Fotos. Sabine Kuschel

Meine Kirche: 1751 erbaut und jetzt schmuck renoviert, die Kirche in Prösen. Heiligabend ist sie bis auf den letzten Platz gefüllt. An den übrigen Sonntagen kommen leider nur wenige Menschen, zur monatlichen Andacht meist nur eine Teilnehmerin. Kleines Foto. Fotos. Sabine Kuschel

Nach der Wende zogen viele Menschen wegen fehlender Arbeit und mangelnder Perspektive weg. In den 1950er-Jahren zählte das Dorf mehr als 3 000 Einwohner. Heute sind es nur noch etwa 1 900. Deutlich sichtbar ist der Bevölkerungsschwund auf dem Friedhof. Präsentierte er sich einst als ein Meer von Blumen – eine Grabstelle so schön bepflanzt wie die andere – breitet sich mehr und mehr eine riesiges leeres Areal aus. Im hinteren Teil nimmt zwar die Zahl der Urnengräber zu und viele Prösener bevorzugen ein platzsparendes und pflegeleichtes Gemeinschaftsgrab. Dennoch täuschen diese nicht darüber hinweg, dass das Dorf schrumpft.

Dieser Prozess macht auch der Kirche zu schaffen. Bis 2002 gab es zwei Pfarrstellen, die nach und nach weiter reduziert wurden, erzählt Pfarrer Otto-Fabian Voigtländer. Seit 2012 hat er nur noch eine halbe Pfarrstelle. Zu 50 Prozent unterrichtet er Religion in der Schule in Prösen und Elsterwerda.

Früher gehörten die drei Gemeinden Prösen, Wainsdorf und Stolzenhain zum Pfarrbereich. Mittlerweile zählen neun Dörfer mit fünf Predigtstätten dazu: Prösen und Wainsdorf, Stolzenhain, Oschätzchen, Würdenhain, Prieschka, Reichenhain, Haida und Saathain. Die Zahl der Kirchenmitglieder ist in der Region seit 2012 von 992 auf 850 gesunken. »Etwa zwei Prozent wie überall in der Landeskirche«, erklärt der Pfarrer.

Nach der Wende galt die Region als abgehängt. Mittlerweile hat sich etwas geändert, die Menschen fehlen zwar noch, aber Arbeit gäbe es in der Region genug, so die Beobachtung des Pfarrers. »Die Behauptung, es gibt keine Ausbildungs- und Arbeitsplätze stimmt nicht«, sagt er. »Alle Handwerker, die ich kenne, suchen händeringend Auszubildende.« Viele junge Leute ziehen zum Studium weg. Und die Menschen, die um die Wende vor 25 Jahren weggegangen sind, fehlen heute, bedauert Voigtländer. »Die waren damals 18, 19 Jahre alt. Deren Kinder würden jetzt hier eine Ausbildung machen.«

Die Prösener religiös anzusprechen ist nicht leicht. »Was den Gottesdienstbesuch anbetrifft, kann ich das bestätigen«, sagt der Pfarrer. »Im Verhältnis zur Zahl der Mitglieder kommen in Prösen die wenigsten zum Gottesdienst, acht bis zehn. »Es ist frustrierend. Manchmal bin ich traurig.«

Elsterwerda-Grödel-Floßkanal: Prösen ist ein Ortsteil der Gemeinde Röderland im Landkreis Elster-Elbe im Süden von Brandenburg.

Elsterwerda-Grödel-Floßkanal: Prösen ist ein Ortsteil der Gemeinde Röderland im Landkreis Elster-Elbe im Süden von Brandenburg.

So traurig der Blick auf die Situation stimmen mag – allem Widerschein zum Trotz beginnt hier und dort doch ein Pflänzchen zu sprießen. Es gab Jahrgänge ohne einen einzigen Konfirmanden. 2017 ließen sich zehn Jugendliche konfirmieren, in diesem Jahr waren es zwölf. »Herr Voigtländer hat eine wunderbare Art mit jungen Menschen umzugehen, sie zu motivieren. Ich weiß das von meinem Enkel«, erzählt Monika Theile, Gemeindekirchenrätin in Stolzenhain. »Über die Jahre hat sich etwas entwickelt. Jetzt kommen die ersten Früchte«, so die erfreuliche Bilanz der Kirchvorsteherin.

Die Kirche steht mancherorts vor der enormen Herausforderung, in vielen teilweise weit verstreuten, kleiner werdenden Gemeinden das Leben aufrecht zu erhalten. Mit reduziertem Umfang an Pfarrstellen. So auch hier.

In jedem Ort für sich will Gemeindeleben gefördert, Tradition aufrechterhalten und zugleich Neues integriert werden.

In Prösen und den übrigen Dörfern geht das so: In jeder Kirche wird wenigstens einmal monatlich zum Gottesdienst eingeladen. Zusätzlich lädt der Pfarrer jeden Monat in jedem Ort zu einer Abendandacht ein. An diesem Angebot, so der Pfarrer, wolle er festhalten, selbst wenn – wie in Prösen – oft nur eine einzige Frau teilnimmt. Ein Frühstückstreffen findet auf regionaler Ebene statt. Für jeden Ort ist im Jahr zumindest ein Höhepunkt angesagt. In Stolzenhain ist das die Osternacht mit Osterfeuer. Prösen feiert im Juni ein Johannisfest und im November findet der Martinsumzug statt. In Würdenhain gibt es am 6. Dezember eine Nikolausmusik mit anschließendem Grillen. Eine beliebte regionale Veranstaltung ist das Wickeln von Adventskränzen im Dezember.

»Nur ein Höhepunkt in jedem Ort«, betont der Pfarrer, »damit es für die Ehrenamtlichen nicht zu viel wird.«

Prösen ist der Ort, wo der Glaube an Gott und Jesus Christus in mein Herz gepflanzt wurde. Ich wünsche der jungen Generation, dass ihr dies auch geschieht. Es gibt Anzeichen, dass diese Hoffnung vielleicht nicht aus der Luft gegriffen ist. Wie Voigtländer sagt, nehmen in Prösen viele Kinder am Religionsunterricht teil. Kinder, deren Eltern nicht zur Kirche gehören. Indem sie ihren Nachwuchs zum Religionsunterricht schicken, eröffnen sie ihm die Chance, Gott näher zu kommen.

Die Mehrheit der Kinder, die beim Krippenspiel mitmachen, kommt ebenfalls aus nichtchristlichen Elternhäusern. Die Lust, biblische Geschichten aufzuführen, ist offensichtlich.
Ein Krippenspiel im Jahr, das reicht den jungen Leuten in Oschätzchen nicht. »Denen gefällt das so gut, dass sie noch ein Passionsspiel zusätzlich aufführen«, erzählt der Pfarrer. Seit nunmehr fünf Jahren wird karfreitags die Passionsgeschichte gegeben.

Wiederum leben allein im Pfarrbereich Prösen mehr als 70 Familien, die zwar der Kirche angehören, jedoch ihre Kinder nicht getauft haben, so Voigtländer. Potenzieller Nachwuchs, der vielleicht darauf wartet, angesprochen zu werden. Sie werden in nächster Zeit von der Kirchengemeinde einen Brief erhalten mit einer Einladung. Und eventuell sind sie dann bei dem nächsten Höhepunkt schon mit dabei. Der ist am 26. August in Würdenhain geplant. Dort wird zu einem großen Tauffest eingeladen.

Sabine Kuschel

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Mit dem Kreuz im Koffer zu den Kindern

1. Juli 2018 von redaktionguh  
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Niedergebra: Gemeindepädagisches Projekt lässt Kinder »ihre« Dorfkirche entdecken

Viele kleine Füße tappelten in den letzten beiden Wochen durch die Niedergebraer Kirche. Zwei Gruppen des örtlichen Kindergartens haben sich auf Einladung von Gemeindepädagogin Kerstin Müller auf den Weg gemacht. Die Vorschüler und die mittlere Gruppe kamen mit ihren Erzieherinnen. Gesehen haben sie St. Nicolai schon oft – von außen – steht ja fast neben dem Kindergarten. Auch die Glocken, die hätten sie schon gehört und fänden ihren Klang wunderschön, erzählten sie mit leuchtenden Augen. Als dann jedoch Pfarrer Bernhard Halver die Orgel erklingen ließ, war es mucksmäuschenstill im Gotteshaus. Allerdings nur für eine kurze Weile, denn nichts ist schöner, als Dinge selbst auszuprobieren. Und so wurde von den Kleineren musiziert, was die Ohren aushielten. Kerstin Müller und Pfarrer Halver hatten gut vorgesorgt und für jedes Kind ein kleines Instrument in ihren Körben. Die großen Kinder sangen bereits ein erstes Lied mit Orgelbegleitung.

Gemeindepädagogin Kerstin Müller öffnet die Kirche für die Kindergartenkinder. Foto: Regina Englert

Gemeindepädagogin Kerstin Müller öffnet die Kirche für die Kindergartenkinder. Foto: Regina Englert

Doch was ist da in dem Koffer, der die ganze Zeit schon vor dem Altar liegt? Flugs auf den Teppich und ganz nah ran. Ein Kreuz kam zum Vorschein, ebenso wie eine Kerze, ein Kindergesangbuch und ein Fläschchen Wasser. Ein Fläschchen Wasser? Wo könnte das denn hingehören? Wie gut, dass eine gläserne Kanne auf dem Taufstein stand. Aber was macht man denn dort? Mit kindgerechten Worten erklärte die Gemeindepädagogin was mit dem Wasser passiert und vor allem mit dem Menschen, der getauft wird. Selbst gesehen hatten das bislang nur wenige Kinder.

Viel Spaß bereitete beiden Gruppen das Basteln. Die Großen malten eine Zeichenvorlage der Kirche aus und die Kleineren gestalteten einen Hirten. Zum Abschlussfoto wurde beides fröhlich in die Luft gereckt und wird nun im Kindergarten seinen Platz finden.

Die Kirche im Dorf – die Kinder haben sie nun kennengelernt und werden bestimmt demnächst ohne Scheu eintreten, wenn ihre Türen wieder weit offen stehen. Kerstin Müller hat die Großen schon einmal zur Kinderstunde eingeladen, die nach den Sommerferien für sie beginnen könnte. In Niedergebra werden die Grundschulkinder einmal wöchentlich von ihr selbst von der Schule abgeholt, um dann in der Pfarrscheune der Gemeinde aktiv zu sein. Basteln, singen, spielen, vorlesen – ach, die Bibel kennt viele gute Geschichten. Bestimmt werden einige Kinder auch bereits zum Einschulungs-Gottesdienst wieder die kleinen Füße in das Gotteshaus setzen. Und dieser Tag wird dann nicht weniger fröhlich sein.

Regina Englert

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Zur Therapie in die Sakristei

26. Juni 2018 von redaktionguh  
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Blankenhain: Psychotherapie in der Sakristei? Musiktherapie auf der Orgelempore? Einigen Gemeindemitgliedern geht das zu weit. Die Internationale Bauausstellung (IBA) Thüringen findet das Projekt »Vivendium« von Mathias Buß und Wolfgang Kempf spannend.

Als Modellvorhaben des Ideenaufrufes »Stadtland: Kirche. Querdenker für Thüringen 2017« ist die »Gesundheits- und Tageslichtkirche« St. Severi in Blankenhain von der IBA Thüringen ausgewählt worden. Ein Leitthema der IBA ist der demografische Wandel, der auch vor den Kirchen nicht Halt macht. »Was wird aus unserem Gotteshaus, wenn in zwei, drei Generationen nur noch wenige Christen kommen?«, fragt sich Günter Widiger, seit Mitte der 80er-Jahre Pfarrer in der Porzellanstadt südlich von Weimar. Bevor er in Rente geht, will er die Chance nutzen, eine neue Ära zu begründen. »Heilige Orte können heilende Orte sein« – in dieser Überzeugung trafen die Überlegungen von Mathias Buß und Wolfgang Kempf auf einen aufgeschlossenen Pfarrer. Wichtig ist ihnen: Die Kirche bleibt eine Kirche. Sie wird nicht umgenutzt, sondern erweitert, nach neuen Seiten geöffnet.

Guter Plan: Mathias Buß (l.) und Wolfgang Kempf möchten mit ihrem Projekt »Vivendium« den Kirchenraum öffnen und neu in das Stadtleben einbinden. – Foto: Katharina Hille

Guter Plan: Mathias Buß (l.) und Wolfgang Kempf möchten mit ihrem Projekt »Vivendium« den Kirchenraum öffnen und neu in das Stadtleben einbinden. – Foto: Katharina Hille

Mathias Buß, Absolvent der Weimarer Bauhaus-Uni, Architekt und Bildender Künstler, beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, was Architektur leisten kann, um Kirche wieder stärker als Lebens-Raum, als Ort und Teil der Persönlichkeitsentwicklung ins Bewusstsein zu bringen. »Kirchengebäude waren schon immer Orte der Einkehr und Besinnung. Sie dienten der Sorge um Seele und Geist und waren mitunter direkt Hospitälern angeschlossen«, argumentiert er. »Heute werden die psychisch, geistig-seelischen Bedürfnisse menschlicher Gesundheit aus medizinischer Sicht überwiegend von der Psychotherapie und Psychosomatik aufgefangen. Wir möchten mit unserem Projekt Theologie und Medizin neu zueinander in Beziehung setzen.«

Buß und Kempf nennen ihr Projekt »Vivendium« – eine Sprachschöpfung aus vivendum (Leben) und ars vivendi (Lebenskunst). Um die Kirche herum werden Therapieangebote geschaffen und so Gesundheit und Seelsorge, Medizin und Theologie miteinander verzahnt. Dazu braucht es mehrere Partner. Neben der Kirchgemeinde, der EKM und der Diakoniestiftung Weimar–Bad Lobenstein haben die Projektentwickler auch das nahegelegene HELIOS-Klinikum und die Kommune sowie private Investoren für ihre Ideen begeistert. Die derzeit leer stehende alte Kantorei soll zu einer Kureinrichtung und andere ehemalige Klinikgebäude für seniorengerechtes Wohnen umgebaut werden, ein Grünzug bis zum Schloß führen. Viel Zeit bleibt nicht – 2023 ist IBA-Präsentationsjahr.

Kritiker des Projektes fürchten um den Geist ihrer Kirche. Sie ist mit 30 bis 50 regelmäßigen Gottesdienstbesuchern noch relativ gut besucht. Wenn hier Therapeuten einziehen, was bleibt dann von der Kirche?

Buß und Kempf betonen: Kirche soll in erster Linie ein Gotteshaus sein, zu Gebet, Einkehr und Stille einladen. Damit Kirchenbesucher nicht gestört werden, erhalten die Therapieräume separate Zugänge. Die spätgotische Hallenkirche könnte sogar ihren alten Haupteingang an der Westseite zurück- und mit behutsamen baulichen Eingriffen eine »Winterkirche« dazubekommen. Und neue Besucher, denen die ganzheitliche Sorge um die Gesundheit von Körper und Seele einen neuen Lebens-Raum erschließt.

Katharina Hille

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Im Zeichen der Taube

18. Juni 2018 von redaktionguh  
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10. Altmark-Kirchentag: Diskussionen um Frieden in Bismarcks Geburtsort

Blaue Plakate gaben von allen Seiten die Richtung vor: Auf ihnen eine weiße Taube mit wachem Blick, Kreuz um den Hals, vollgepacktem Rucksack und Wanderschuhen an den Füßen, mit denen sie wacker ausschreitet. Unter dem doppeldeutig gewählten Motto »Frieden geht.« ging am 9. und 10. Juni in Schönhausen im Kirchenkreis Stendal der zehnte ökumenische Altmark-Kirchentag über die sprichwörtliche wie die ganz reale Bühne. Diese war neben der 800-jährigen Kirche St. Willebrord aufgebaut und ein Treffpunkt der großen Festgemeinde – ganz gleich, ob am Sonnabend beim Kindermusical »Lydia, die Purpurhändlerin« und am Abend beim Konzert von Sarah Kaiser und Band oder am Sonntag zum Eröffnungs- und zum Abschlussgottesdienst.

Bühne frei: Gottesdienste, wie hier der Eröffnungsgottesdienst am Sonntagmorgen, und Konzerte zogen viele Besucher an. So mancher suchte Schutz unter den Schatten spendenden Eichen. – Foto: Angela Stoye

Bühne frei: Gottesdienste, wie hier der Eröffnungsgottesdienst am Sonntagmorgen, und Konzerte zogen viele Besucher an. So mancher suchte Schutz unter den Schatten spendenden Eichen. – Foto: Angela Stoye

Am Geburts- und Taufort des späteren deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck (1815–1898), sechs Jahrzehnte nach der Zerstörung des Bismarckschen Familienschlosses in Schönhausen und auf den Tag genau fünf Jahre nach der Elbe-Flut 2013, als im benachbarten Fischbeck der Deich brach und das Umland überschwemmte, ging es beim Kirchentag um den Frieden. Ob »Frieden geht.« im Sinne von: Er ist möglich. Oder ob »Frieden geht.« im Sinne von: Er ist bedroht und könnte fortgehen.

Im Eröffnungsgottesdienst betont Heinrich Bedford-Strohm, bayrischer Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzender, dass das Motto nicht naiv sei: »Denn Gott hat eine Saat gesät, die auch die härtesten Kampfstiefel nicht mehr austreten können!« Viele Menschen hätten aus diesem Geist heraus die Welt verändert. Und Jesus selber habe das Gleichnis von der selbstwachsenden Saat (Markus 4) erzählt, das gerade dann zähle, wenn Menschen nicht mehr tun könnten.

Unter dem Donnerschlag eines aufziehenden Gewitters startete Punkt 13 Uhr eine Podiumsdiskussion zu Friedens- und Europafragen. Darin verwies Andrea Hopp, Leiterin der Otto-von Bismarck-Stiftung Schönhausen, auf die Rolle des Reichskanzlers in der europäischen Politik. Bismarck könne nur in einer kombinierten Betrachtung von Person und Zeit verstanden werden. Kultische Überhöhung wie früher dürfe es nicht geben. Hopp verwies auf das preisgekrönte Projekt »Kunst für Demokratie« in Schönhausen, das sich in diesem Jahr Jahrestagen widme, beginnend mit 1618. Der SPD-Europaabgeordnete Arne Lietz sagte mit Blick auf die schwierige Verfassung Europas – Brexit und erstarkender Nationalismus –, dass die kirchlichen Stimmen in Europa für den Frieden viel zu leise seien. Dies bedauerte auch Pfarrerin Eva Hadem, Leiterin des Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrums. In der EKM gebe es Überlegungen, wie man zu einer Kirche des gerechten Friedens werden könne. Jedoch könne jeder in persönlichen Begegnungen etwas an der Basis verändern. Reverend Bruce Reinstra aus der Diözese Worcester sagte: »Wir haben ein Recht auf Frieden, andere haben es auch. Wir in Europa denken, dass den Fremden unter uns nicht zu vertrauen ist. Das ist schade. Denn Jesus hat vertraut und wir sollten es auch tun.«

In der Predigt im Schlussgottesdienst ging der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige der Frage nach, wie Frieden zu erreichen sei: Jeder könne im Alltag lernen, mit den Augen des anderen zu sehen. Und mit anderen in offenen Dialog treten und damit zu rechnen, nicht recht zu behalten. Das Bemühen um Frieden bedeute jedoch nicht, um des lieben Friedens willen zu kuschen. »Versöhnung muss immer wieder erkämpft werden.« Christen könnten im Vertrauen leben, »das der göttliche Frieden unter uns begonnen hat«.

Das Schlusswort hatte der Superintendent des Kirchenkreises Stendal, Michael Kleemann. Er dankte allen Mitwirkenden für ihren Einsatz und besonders der Neuapostolischen Kirche, die zum ersten Mal bei einem Altmarkkirchentag dabei war. Sodann verkündete er den Austragungsort des 11. Altmärkischen Kirchentages am 14. Juni 2020: Es ist Kalbe an der Milde im Kirchenkreis Salzwedel.

Angela Stoye/Renate Wähnelt

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Mit dem Klangfrosch zur Arche

11. Juni 2018 von redaktionguh  
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Ein Kinderspiel: Mit Musik, Geschichten und Bewegung für den Glauben begeistern – in der »Klangwerkstatt« gelingt das. Das Projekt im Kirchenkreis Eisenberg wurde von der Sparkassenstiftung Jena-Saale-Holzland ausgezeichnet.

Großer Trubel im Schlöbener Pfarrhaus. Wie an jedem Mittwochnachmittag kommen Mütter und Väter mit ihren Kindern zur »Klangwerkstatt« von Gemeindepädagogin Almut Elsässer. Während sich die Eltern zum Kaffee zurückziehen, treten die Drei- bis Sechsjährigen durch einen bunten Reifen singend in den Raum: »He, schön, dass du da bist.« Sie nehmen im Kreis Platz, dürfen dann die Seidentücher lüften, die in der Mitte liegen. Die Instrumente, die zum Vorschein kommen, sind schnell verteilt: Trommeln, Schellen, eine Kuhglocke, Triangel und Klangfrosch erklingen sogleich. Dann tritt der »schöne Hans« auf, eine Marionette. Aus der Tasche holt er eine Figur, die alle Kinder sofort als Noah erkennen. Mit Trommelschlägen beginnt der Bau der Arche, an dem sich alle beteiligen. Der Rhythmus verändert sich. Immer schneller werden die Bretter zusammengefügt, bis die Tiere paarweise an Bord gehen können.

Abmarsch zur Arche: Die Kinder »singen« die Tiere zu ihrem selbstgebauten Boot. Almut Elsässer begleitet den musikalischen Zug mit der Gitarre. – Foto: Doris Weilandt

Abmarsch zur Arche: Die Kinder »singen« die Tiere zu ihrem selbstgebauten Boot. Almut Elsässer begleitet den musikalischen Zug mit der Gitarre. – Foto: Doris Weilandt

»Ich wollte ein Projekt machen, das alle erreicht, unabhängig von der reli­giösen Prägung«, erzählt Almut Elsässer. »So wachsen die Kinder langsam in die Kinderkirche hinein.« Zumeist werden biblische Geschichten durch Lieder, instrumentale Begleitung und Tänze erzählt. Die Kinder beteiligen sich aktiv an jeder Szene, erfassen spielend den Inhalt und sind auch Teil des Geschehens. Das macht die »Klangwerkstatt« so attraktiv. Obwohl die Gruppen groß sind, gelingt es Almut Elsässer, die Aufmerksamkeit zu erhalten. Selbst die Kleinsten sind konzentriert dabei, den Dauerregen in der Noah-Geschichte auf dem Tamburin von einem Nieseln zur Sintflut zu steigern.

Musik und Bewegung sprechen die Kinder an, egal, ob sie eine ausgesprochene Begabung haben oder nicht. Jeder fühlt sich als Teil der Gemeinschaft, die Almut Elsässer mit dieser Form von »Elementarer Musikpädagogik« herstellt. Durch dieses Angebot wächst in Schlöben und den umliegenden Dörfern eine Gemeinschaft zusammen, die über das Kinderprojekt zueinander gefunden hat. Höhepunkt ist das Kinderwochenende im August mit Übernachtung im Zeltlager.

Für die »Klangwerkstatt für Kinder« erhielt die Gemeindepädagogin den zweiten Preis für innovative Gemeindearbeit von Kirchen und Religionsgemeinschaften, den die Sparkassenstiftung Jena-Saale-Holzland vergibt.

Aus dem Kirchenkreis Jena und den Kirchengemeinden im Saale-Holzland-Kreis wurden 14 Projekte eingereicht. Der erste Preis ging an das Projekt »Heimatspuren. (Spät)Aussiedler in Jena« des Kirchgemeindeverbandes Jena-Lobeda. Über 50 Spätaussiedler waren eingeladen, ihre persönliche Geschichte zu erzählen. Abschließend wurden in einer Ausstellung Gegenstände aus der Heimat präsentiert und Zeitzeugenberichte verlesen. Den dritten Preis teilen sich die Projekte »Kofferraumkirche« des Kirchgemeindeverbandes Magdala und »Besondere Gelegenheiten« der Kirchgemeinde Beutnitz-Golmsdorf.

Doris Weilandt

Sparkassenstiftungspreis für innovative Gemeindearbeit
2017 hat die Sparkassenstiftung Jena-Saale-Holzland bereits zum elften Mal den Stiftungspreis für innovative Gemeindearbeit von Kirchen und Religionsgemeinschaften ausgeschrieben. Der jährliche Wettbewerb steht unter dem Motto »Gemeinschaft fördern – Andere einladen«.Gesucht werden Konzepte, die zur Stärkung des Gemeindezusammenhaltes beitragen und auch glaubensferne Menschen einbeziehen. Die Wettbewerbssieger werden mit einem Preisgeld gewürdigt.

www.s-jena.de/stiftung

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