Feiertag für Leib und Seele

1. Oktober 2014 von redaktionguh  
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17 Täuflinge begehen mit 250 Gästen in Zahna das Kirchenkreisfest

Taufe ist prickelnd« – Das Motto des fünften Kirchenkreisfestes des Kirchenkreisfestes Wittenberg am vergangenen Sonntag in Zahna war wohlgewählt. Und das nicht allein, weil in dem Flämingstädtchen Mineralwasser mit Prickeleffekt für den Gaumen hergestellt wird. Rund 250 Besucher nutzen die Zusammenkunft, um einzutauchen in ein vielfältiges Gemeinschaftserlebnis; 17 von ihnen, um durch die Taufe einen Bund mit Gott zu schließen. Zur Freude von Superintendent Christian Beuchel, der den Tauf- und Festgottesdienst leitete: »Eine Taufe ist für einen Pfarrer immer etwas ganz besonders Schönes.«

Theaterszene in der Kirche in Woltersdorf bei Zahna: Sybille sucht eine neue Frisur und erlebt eine Verwandlung. Foto: Achim Kuhn

Theaterszene in der Kirche in Woltersdorf bei Zahna: Sybille sucht eine neue Frisur und erlebt eine Verwandlung. Foto: Achim Kuhn

»Taufe ist cool« – mit bunter Kreide geschrieben prangte der Satz auf einem farbenfrohen Gemälde, mit dem die jungen Besucher des Festes eine Innenwand der Kirche kreativ gestaltet hatten. Herzen und Hände sind darauf zu sehen, Boote, Fische und nicht zuletzt ein ausgesprochen fröhliches Taufkind mit breitem Lachen. Alles abwaschbar, aber eigentlich, findet Zahnas Ortsbürgermeister Hans Helmar Mordelt, »muss das bleiben«, zeige es doch dass Kirche auch ein Raum für Kreativität ist.

Theaterstück regte zum Nachdenken an

Ausgesprochen kreativ hatten die Organisatoren des Festes auch das Thema Taufe bei der Gestaltung von sechs Touren durch die Umgebung aufgegriffen. Eine führte nach Woltersdorf. In dem kleinen, frisch renovierten klassizistischen Gotteshaus wurden die zahlreich erschienenen Gäste bereits erwartet – von der »Frau mit den nassen Haaren«. Die Idee zu dem Theaterstück stammt vom Zahnaer Pfarrer Matthias Schollmeyer, präsentiert wurde es vom Ambulanten Kirchentheater aus Halle.

Die Frau mit den nassen Haaren heißt Sybille und ist, wie ihr Name verrät, eine Suchende. Sie betritt den zum Friseursalon umgestalteten Altarraum mit dem schönen Namen »Heute Ruhetag« und erlebt eine Verwandlung, die weit über die Wirkung einer neuen Frisur hinausgeht. Geschickt werden Rituale einer modernen Wellnesswelt samt ihrer Wasch- und Reinigungsrituale mit den Motiven der Taufe verwoben. Manchem Zuschauer stockt hörbar der Atem angesichts der gewagten Vermischung von der profanen mit der geistlich religiösen Ebene – etwa wenn suggeriert wird, dass es sich beim Chef des Friseursalons, von seiner Angestellten nur respektvoll »der Meister« genannt, um Jesus Christus handelt, dessen Abbild mit wallendem Haar den säkularen Salon und das Gotteshaus gleichermaßen zieren. Dass das Stück gleichwohl mehr berührt als schockiert, ist der Musikauswahl (»Letzte Lieder« von Richard Strauß) ebenso zu verdanken, wie einer Melange, die zwar mutig und munter ihr Spiel mit den verschiedenen Ebenen treibt, aber doch nie respektlos wirkt. Das Bühnengeschehen verharrt in einem Schwebezustand, der es dem Betrachter überlässt, Assoziationen zu entwickeln und seine eigenen Schlüsse zu ziehen.

Derart geistig angeregt durfte sich im Anschluss auch der Magen laben. Im Festzelt vor der Zahnaer Kirche gab es vor der Abschlussandacht Kaffee und Kuchen und nicht zuletzt einen anregenden Austausch über die verschiedenen Touren. »Ich bin von der Atmosphäre, die hier herrscht, absolut begeistert«, bekannte Wolfgang Proske. Man erlebe hier Gemeinschaft und in der fühle er sich auch als katholischer Christ aufgehoben, unterstrich der Mann aus Zahna.

Stefanie Hommers

Von der Altmark nach Amerika

23. September 2014 von redaktionguh  
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Ein Jugendprojekt führt in die USA und weckt in der Altmark neue Hoffnung für die Gemeindeentwicklung

Wenn ein Pfarrer über ein Projekt spricht und dabei von »Hoffnungsschimmer«, »veränderten Menschen« oder »Glück« redet, dann ist das entweder die übliche Rhetorik, schlichte Begeisterung über die eigene Arbeit, oder es ist tatsächlich wahr, was Thomas Vesterling, Pfarrer im Pfarrbereich Klein Schwechten (Kirchenkreis Stendal), erzählt.

Eine Jugendgruppe aus dem Pfarrbereich Klein Schwechten (Altmark) zu Besuch in den USA. Auf dem Programm der Begegnung standen diakonisches Arbeiten, Bildung und Tourismus. Foto: Thomas Vesterling

Eine Jugendgruppe aus dem Pfarrbereich Klein Schwechten (Altmark) zu Besuch in den USA. Auf dem Programm der Begegnung standen diakonisches Arbeiten, Bildung und Tourismus. Foto: Thomas Vesterling

Als Thomas Vesterling in die Altmark entsandt wurde, wollte er bald ein Konzept zur Gemeindeentwicklung erarbeiten. »Was in der Altmark an Veränderung kommt, ist häufig Rückbau«, so Vesterling. Die Gemeinden sollten aber zusammenwachsen und dies über ein gemeinsames Thema: die Jugendarbeit. »Die Menschen müssen spüren, dass es noch junge Menschen gibt und dass es sich lohnt, in sie zu investieren.« Thomas Vesterlings Blick ging über die Region hinaus und über den Atlantik. In den USA war er von 2010 bis 2011 Vikar. Die Kontakte aus dieser Zeit hat er genutzt und 2013 eine amerikanische Jugendgruppe in den Pfarrbereich eingeladen. »Das Jugendprojekt steht auf drei Säulen: diakonisches Arbeiten, Bildung und Spaß.«

»Das Jugendprojekt steht auf drei Säulen: diakonisches Arbeiten, Bildung und Spaß«

Kann der Besuch von amerikanischen Jugendlichen Hoffnungsschimmer für eine strukturschwache Region sein, wie Vesterling sagt? Der Pfarrer bejaht. Als die Gruppe aus den USA in der Altmark ankam, gab es noch zahlreiche Flutschäden zu beseitigen. Gemeinsam mit einheimischen Jugendlichen bauten sie unter anderem neue Wege auf einem Friedhof. »Dass junge Menschen aus einem anderen Land zu uns kommen und hier Zeit und Kraft investieren, war für viele ein Zeichen der Hoffnung«, erinnert sich Vesterling. Und die Amerikaner brachten einen eigenen Blick auf altmärkische Realitäten mit. Einerseits staunten sie, mit wie wenig die örtliche Kirche auskommen muss. Andererseits schauten sie unverstellt auf den Reichtum und die Chancen der Gemeinden. Das Projekt war ein Erfolg und wurde von der Bürgerstiftung ausgezeichnet.

Vesterling nutzte den Rückenwind für einen zweiten Teil: den Gegenbesuch in den USA. Gut 20 000 Euro wurden dafür eingeplant, 96 Prozent davon mussten selbst finanziert werden. Allein kaum zu stemmen. Aber durch die Gemeinden ging ein Ruck. »Man kann eine Erneuerung in der Gemeinde spüren. Aber auch ein großes Glück zum Beispiel bei den alten Menschen«, so Vesterling. Es kommen Spenden zusammen, sogar der Jagdverband gibt Geld. Das Projekt hat Hoffnung geweckt und strahlt aus. Vom 19. Juli bis zum 6. August konnten 17 junge Menschen aus dem Pfarrbereich in die USA reisen, zusammen mit einer Partnergruppe aus dem Rheinland.

Von der Altmark führte der Weg auf ehemalige Sklavenplantagen, zur Arbeit auf Feldern, zu Renovierungsarbeiten an einer Schule, nach Washington und New York. Auf den ersten Blick eine normale Auslandsreise.

»Was durch das Projekt im Pfarrbereich geschehen ist, lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken«

Um zu zeigen, was sie bewegte, erzählt Vesterling ein Beispiel: Ein Junge aus seiner Gruppe kam in den USA zu Gasteltern, die mehr als skeptisch waren. Der Gastvater mit jüdischen Wurzeln wollte nur ungern einen Deutschen beherbergen und die puerto-ricanische Mutter, die aus sehr einfachen Verhältnissen stammt, sorgte sich, den Ansprüchen eines Mitteleuropäers nicht gerecht werden zu können. Nach der Rückkehr aber kam ein Brief in die Altmark: Der Besuch habe das Bild von Deutschland verändert und die amerikanische Familie sei um einen Sohn reicher geworden. Und der altmärkische Junge habe sich bestätigt gefühlt wie kaum vorher.

Auch im Pfarrbereich klingt das Projekt nach. Es ist eine Jugendarbeit entstanden, die es vorher so nicht gab, die Gruppe auf dem Land ist via Facebook mit ihren Freunden in den USA vernetzt, und die Erfahrung in und mit Kirche hat gezeigt: Ich muss nicht anders sein, sondern ich bin so von Gott gewollt. »Das hat viele ungemein befreit und verändert«, so Vesterling. »Das bestätigen mir auch die Eltern hier.«

Doch Projekte wie diese sind immer Zusatzarbeit, auch wenn sie für Kirchengemeinden Erneuerung und Aufbruch bedeuten können. »Ich frage mich schon, wie wir so etwas noch besser verankern können.« Denn was durch diese Initiative geschehen sei, so Vesterling, ließe sich gar nicht in Zahlen ausdrücken.

Stefan Körner

Von der Biker-Ausfahrt bis zum Jugend-Musical

15. September 2014 von redaktionguh  
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Der Kirchenkreis Torgau-Delitzsch lädt beim Kirchentag in Eilenburg zum Feiern und Nachdenken ein

Mit Glockengeläut, Trompeten und Posaunen wird am 21. September der 8. Kirchentag des Kirchenkreises Torgau-Delitzsch eröffnet. Gastgeber ist wieder die Martin-Rinckart-Gemeinde in Eilenburg. Für deren Pfarrer Eckehart Winde allerdings bedeutet die Gastgeberfunktion eine Premiere. »Ich kann mich auf die Erfahrungen der Mitwirkenden im Vorbereitungsteam verlassen«, verweist er auf eine gewisse Routine. Denn im Kirchenkreis wechseln sich Eilenburg, Torgau und Delitzsch als Ausrichter der Kirchentage ab. In der Gruppe wuchs denn auch das Thema: »Unser tägliches … gib uns heute«, ebenso wie das Plakat.

Das Plakat wirbt seit Wochen in den Gemeinden sinnfällig für den Kreiskirchentag in Eilenburg.

Das Plakat wirbt seit Wochen in den Gemeinden sinnfällig für den Kreiskirchentag in Eilenburg.

Bei allem Bewährten schaute die Runde aus Haupt- und Ehrenamtlichen bei der Planung natürlich, was verändert oder was neu ausprobiert werden kann. »Das Jugendtreffen am Vorabend gehört schon länger zu den Kirchentagen. Um 18 Uhr beginnt es am 20. September in unserer Kinder- und Jugend-Arche im Gemeindehaus mit Kino, Kreativprojekten, Poetry Slam und einer Taizé-Andacht«, sagt Pfarrer Winde. Dass es bereits am Nachmittag einen Programmpunkt gibt, habe »Biker-Pfarrer« Fritz Mühlmann aus Löbnitz angeregt. Um 15 Uhr wird zu einem Gottesdienst für Motorradfahrer eingeladen. Musikalisch wird dieser von der Delitzscher Band »PlanZwoo« gestaltet. Danach gibt es eine Ausfahrt.

Nach dem Geläut am Sonntag widmen sich auf der Bühne am Markt Simone Rauschenbach (Unternehmerin), Pfarrer Ulrich Seidel (Vorsitzender der Aktion Kirche und Tiere), Christoph Bergner (MdB) und Martin Reinhuber (Christusträger-Bruderschaft) Fragen, die aus dem Kirchentagsmotto erwachsen. Die Pfarrer Stephan Pecusa aus Delitzsch und Friedemann Krumbiegel aus Krostitz werden die Podiumsdiskussion moderieren.

Kinderprogramm, ein offenes Kreiskirchenamt und natürlich der Markt der Möglichkeiten gehören zum Programm. Dank der guten Kontakte der Gemeindemitglieder zur Stadt bietet der Tag Verknüpfungen zwischen Kirche und Kommune. So lädt Wolfgang Beuche vom Eilenburger Museumsverein zu einer historischen Stadtführung ein, die am Info-Pavillon beginnt (12.30 Uhr).

Ein weiterer Höhepunkt wird das Kinder- und Jugendmusical »Petrus« in der Nicolaikirche sein (14 Uhr), ehe gegen 16 Uhr der Abschlussgottesdienst mit Bläsern und Chören aus dem Kirchenkreis auf der Bühne am Markt gefeiert wird.

(wäl)


www.kirche-in-nordsachsen.de

Beatles, Bach und klare Linien

8. September 2014 von redaktionguh  
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Stephan Hoenen ist seit 100 Tagen Superintendent im Kirchenkreis Magdeburg

Eigentlich ist Stephan Hoenen schon gut 150 Tage Superintendent im Kirchenkreis Magdeburg. Urlaub und Umzug abgezogen ergeben aber rund 100 Tage. Zeit für eine erste Bilanz. Stefan Körner sprach mit dem Theologen.

Herr Hoenen, wie ist Ihr erstes Fazit?
Hoenen:
Es gab schon einige Höhepunkte wie den Elbekirchentag oder den Besuch von Außenminister Frank Walter Steinmeier zum Reformationsjubiläum. Ich bin auch sehr begeistert über das große Engagement hier in der Stadt – zum Beispiel in der Telefonseelsorge. Großartig ist auch das ökumenische Miteinander.

Gibt es etwas, das Sie in Ihrem neuen Dienst besonders überrascht hat?
Hoenen:
(überlegt lange) Es gibt immer Dinge, die einen überraschen, aber das gehört nicht in die Zeitung. Bei manchen Dingen wünsche ich mir, dass der Kirchenkreis noch anders wahrgenommen wird und nicht allein als Verwaltungseinheit, bei der man nur Anträge stellt. Der Kirchenkreis ist für mich die Ebene des Miteinanders der Gemeinden.

Stephan Hoenen war 14 Jahre Pfarrer in Salzwedel und ist seit diesem Jahr Superintendent im Kirchenkreis Magdeburg. Foto: Stefan Körner

Stephan Hoenen war 14 Jahre Pfarrer in Salzwedel und ist seit diesem Jahr Superintendent im Kirchenkreis Magdeburg. Foto: Stefan Körner

Was hat Sie gereizt, von Salzwedel, wo Sie Pfarrer waren, in die Landeshauptstadt zu gehen?
Hoenen:
In Magdeburg wird tolle Arbeit im Bereich der Seelsorge und der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gemacht. Es ist schlicht und einfach ein attraktiver Kirchenkreis

Sie wurden gleich im ersten Wahlgang gewählt. Bedeutet dieses Vertrauen eine Last für Sie?
Hoenen:
Sicher, man wird auch Fehler machen. Aber die Abstimmung bedeutet für mich einen enormen Rückenwind. Man kann sich darauf stützen, dass man nicht alleine ist.

Magdeburg hatte den Elbekirchentag, 2017 wird im Zuge des Reformationsjubiläums ein »Kirchentag auf dem Weg« in der Stadt sein. Wieviel Event verträgt die Kirche?
Hoenen:
Es braucht auch das Event. Denn im Event ist die Kirche nach außen gerichtet. Sie wird sicht- und spürbar in Stadt und Gesellschaft.

Über Sie war zu lesen, Sie seien innovativ, kreativ und engagiert. Wieviel Platz lässt das Amt eines Superintendenten für solche Eigenschaften?
Hoenen:
Gute Frage. Ich bin gerade dabei, das auszuloten. Das Schöne ist: Man kann Ideen nicht nur haben sondern sie auch umsetzen, weil viele Möglichkeiten offenstehen. Dafür muss man aber Leute gewinnen. Aber die Vorstellung, dass ein Superintendent als kreative Idee nur Finanzierungsmöglichkeiten ausgibt, dass kann nicht Aufgabe sein (lacht). Im Ernst: Mir schwebt unter anderem vor, kirchliches Leben und die nichtkirchlichen Potentiale der Stadt miteinander zu verbinden.

In Magdeburg gibt es neun Prozent evangelische Christen. Wie könnten es mehr werden?
Hoenen:
Es kann nicht das Ziel sein, nur auf die Zahlen zu schauen. Da käme es schnell zu Frustration. Ich halte es da eher mit Altbischof Noack: Wir gewinnen die Menschen nur einzeln zurück. In Begegnung mit Einzelnen müssen wir zeigen: Wir tragen keine Glaubenslast mit uns herum, sondern die Freude am Evangelium.

Der Bischof des Bistums Magdeburg meinte, die Christen sollen eine »schöpferische Minderheit« sein.
Hoenen:
Wichtig ist, dass wir als Christen zusammen wahrgenommen werden. Nichtchristen dürfen nicht das Gefühl haben, hier stehen Christen nicht zusammen. Das Reformationsjubiläum ist da eine Chance.

Gibt es ein Erlebnis, von dem Sie sagen, das ist typisch Magdeburg?
Hoenen:
Das sind vor allem die kleinen Begegnungen im Alltag. Und da merke ich: Die Magdeburger sind wesentlich freundlicher, als man ihnen nachsagt.

An welchen Aufgaben muss im Kirchenkreis in nächster Zeit gearbeitet werden?
Hoenen:
Ich sehe das Miteinander im Kirchenkreis als eine zentrale Aufgabe an. Außerdem müssen wir die Mitarbeitenden stärken. Denn angesichts der dünner werdenden Personaldecke ist eine Frage besonders dringlich: Wie gehen wir mit Hauptamtlichen um? Wie können wir mit unseren Kräften die Aufgaben bewältigen, ohne dass Menschen dabei krank werden? Das liegt mir sehr am Herzen. Auch das Ehrenamt muss aufgewertet, gestärkt und langfristig etabliert werden. Und drittens gibt es in Magdeburg viele Ruheständler. Sie wollen sich einbringen und Erfahrungen weitergeben. Diesen Schatz zu heben und auch die Ruheständler in Kontakt miteinander bringen, ist ein weiteres Ziel.

In der EKM sollen in Zukunft Erprobungsräume für neue strukturelle Ideen und Innovationen geschaffen werden. Beteiligen Sie sich auch?
Hoenen:
Der Fokus darf nicht nur auf der Struktur, sondern muss auch auf den Inhalten liegen. Wir haben hier eine gute Arbeit, die es nicht erfordert, die Strukturen radikal infrage zu stellen. Also nein, wir beteiligen uns nicht.

Gibt es einen Bibelvers, der Sie besonders bei Ihrer Arbeit prägt?
Hoenen:
»Zur Freiheit hat uns Christus befreit.« Er verweist auf die vielen Möglichkeiten und neuen Horizonte, die wir haben. Und auf die Offenheit und den Mut, den wir Christen haben dürfen.

Zum Abschluss ein paar »Entweder-Oder« Fragen. Wem fühlen Sie sich näher: Luther oder Calvin?
Hoenen:
Luther. Er ist lebensnäher. Calvin ist etwas zu nüchtern.

Karl Barth oder Rudolf Bultmann?
Hoenen:
Barthianer war ich nie, weil mir das Vertikale in seiner Theologie zu stark ist. Die Vernetzung in der Lebenswelt liegt mir näher

Bach oder Beatles?
Hoenen:
Die mag ich beide.

Konservativ oder liberal?
Hoenen:
Freiheitlich.

Benedikt XIV. oder Papst Franziskus?
Hoenen:
Die offene und gewinnende Art von Franziskus ist mir näher. Evangelische und katholische Kirche werden von außen ja oft zusammen gesehen. Und da hoffe ich, dass die Art des jetzigen Papstes auch etwas auf uns abfärbt.

Barock oder Bauhaus?
Hoenen:
Ach Barock (stöhnt). Ist mir zu üppig. Ich bin eher für die klare Linie.

Gesangbuch oder Gospel?
Hoenen:
Gospel, aber nicht ohne Gesangbuch.

Sonntags »Tatort« oder Theater?
Hoenen:
Zur »Tatort«-Familie zähle ich mich nicht.

Rotwein oder Bier?
Hoenen:
(lacht) Lieber ein Bier.

»Schwesterwerk« der Matthäus-Passion

2. September 2014 von redaktionguh  
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Köthener Bachchor führt Bachs Trauermusik für den Fürsten Leopold auf

Jeder Klassik-Kenner hat die die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach schon einmal gehört. Aber selbst vielen Bach-Liebhabern ist ihr kleines »Schwesterwerk«, die Trauermusik für den Fürsten Leopold aus dem Jahr 1729, fremd. Grund dafür ist, dass sich von diesem Bach-Werk nur der Text erhalten hat. Die Noten sind verschollen. Im Gegensatz dazu ist die Entstehungsgeschichte der Köthener Trauermusik bestens dokumentiert: Sie beginnt am 19. November 1728 mit dem Tod des Fürsten Leopold von Anhalt-Köthen (geboren 1694). Bach ist inzwischen Thomaskantor in Leipzig. Dennoch erhält er den Auftrag, für seinen ehemaligen Köthener Dienstherren eine groß angelegte Musik zum Gedächtnisgottesdienst zu komponieren, der auf den 24. März 1729 datiert wird. Dabei greift Bach auch auf Teile der damals gerade im Entstehen befindlichen Matthäus-Passion zurück und formt ein monumentales eineinhalbstündiges Werk mit dem »Best Of« der Matthäus-Passion – nur mit Texten, die auf den Tod Leopolds abgestimmt sind.

Der Musikforscher und Cembalist Alexander Grychtolik hat die Trauermusik rekonstruiert. Foto: privat

Der Musikforscher und Cembalist Alexander Grychtolik hat die Trauermusik rekonstruiert. Foto: privat

»Die Köthener Trauermusik ist so etwas wie eine Matthäus-Passion im Kleinformat. Es sind die schönsten Arien der Matthäus-Passion, die Bach seinem geschätzten Dienstherren Leopold mit einem anderen Text umwidmet. Statt ›Ich will bei meinem Jesu wachen‹ lautet die berühmte Tenorarie aus der Matthäus-Passion in der Köthener Trauermusik ›Geh, Leopold, zu deiner Ruh‹«, erzählt der Cembalist Alexander Grychtolik, der die Trauermusik rekonstruiert hat. Seine Rekonstruktion wurde als »beglückend gelungen« von der Fachpresse gelobt.

Dass die Köthener Trauermusik für Bach ein persönlich sehr wichtiges Werk gewesen sein muss, belegt der Umstand, dass auch seine zweite Frau Anna Magdalena als Sopranistin und wahrscheinlich sein ältester Sohn Wilhelm Friedemann an der Aufführung in der Stadtkirche St. Jakob in Köthen teilnahmen. Dort ist man heute stolz darauf, der Schauplatz eines musikgeschichtlich so bedeutenden Ereignisses gewesen zu sein.

»Es ist schon etwas Besonderes, dass über der Gruft, in der Fürst Leopold beigesetzt wurde, Bachs Trauermusik für seinen Freund und Dienstherrn nach fast 300 Jahren wieder erklingt«, sagt Pfarrer Horst Leischner. »Die Fürstengruft wurde in den vergangenen Jahren saniert und die Kirchengemeinde bietet regelmäßig Führungen an.« Durch die Aufführung werde ein wichtiger Teil der Köthener Kirchen- und Musikgeschichte lebendig gehalten.

Der Bachchor Köthen hat sich der Herausforderung gestellt, die Trauermusik zu Gehör zu bringen. Kirchenmusikdirektorin Martina Apitz steckt schon mitten in den Vorbereitungen zur Aufführung. Bereits 2010 hatten einige Sänger des Chores an der Aufführung des Werkes im Rahmen der Bachfesttage mitgewirkt. »Nun studiert der ganze Chor das schwierige Werk ein und ist sich seiner historischen Aufgabe bewusst«, sagt Martina Apitz. »Das motiviert dazu, die hohen Anforderungen des Eingangschores zu meistern.« Zumal der Bachchor am Karfreitag 2015 die ebenfalls von Alexander Grychtolik rekonstruierte Markus-Passion aufführen wird.

Begleitet wird der Chor vom Ensemble »Mitteldeutsche Hofmusik«. Für die Solopartien wurden namhafte Solisten gewonnen, so die Sopranistin Gudrun Sidonie Otto, der niederländische Countertenor Maarten Engeltjes, Hans Jörg Mammel (Tenor) und der an der Wiener Volksoper tätige Sänger Daniel Ochoa (Bass).

(mkz)

Aufführung in der Köthener Jakobskirche am 26. September, 19.30 Uhr

Auf Spurensuche und in vorurteilsfreier Gemeinschaft

25. August 2014 von redaktionguh  
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Fünftes internationales Sommerlager der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Bernburg

In fröhlicher Runde sitzen die Teilnehmer des fünften Sommerlagers der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) am 14. August am Ufer der Saale beim Abendessen. Da liegen rund zehn Tage gemeinsamer Arbeit und Spurensuche hinter dem internationalen Team. Diesen Tag verbrachten sie in Magdeburg, wo sie an einem Geocaching der »Zeitreise-Manufaktur« teilnahmen. Anhand GPS-geführten und themenorientierten Suchens nach historischen Orten und aktuellen Sehenswürdigkeiten erschloss sich die ASF-Gruppe die Stadt und ihre Geschichte. Mit großer Begeisterung berichten sie am Abend über ihre Erlebnisse. In Halle hatten sie in der Woche zuvor die jüdische Gemeinde und die Synagoge besucht. Hier erfuhren sie aus erster Hand etwas über die Bedeutung und Tradition jüdischer Friedhöfe. Wie in den Jahren zuvor verbrachte das ASF-Team auch 2014 viele Stunden auf dem jüdischen Friedhof in Bernburg, um bei dessen Pflege und Erhalt zu helfen. Das war immer ein Schwerpunkt der Arbeit in Bernburg.

Dascha Lukaschuk, Falk Gattert und Lisa Melech, Teilnehmer des Workcamps, halfen in der Gedenkstätte Bernburg beim Renovieren. Foto: Engelbert Pülicher

Dascha Lukaschuk, Falk Gattert und Lisa Melech, Teilnehmer des Workcamps, halfen in der Gedenkstätte Bernburg beim Renovieren. Foto: Engelbert Pülicher

Während die Gruppenleiterinnen Anne Rothärmel (Deutschland) und Hanna Lichtenwagner (Österreich) bereits zum wiederholten Male im Sommerlager in Bernburg weilten, waren die vier Teilnehmerinnen aus Weißrussland zum ersten Mal in Deutschland. Zu Hause studieren sie deutsche Literatur und Kultur. Sie erhofften sich von der Tour vor allem auch eine Verbesserung ihrer Deutschkenntnisse. Aus Meran in Südtirol war Laurin in die Saalestadt gereist. Er hat das Down-Syndrom und erhoffte sich eine gute und vor allem vorurteilsfreie Gemeinschaft. Denn bekannt ist die ASF auch für ihr Bestreben nach Inklusion, das heißt, dass besonderer Wert auf die Integration von Menschen mit verschiedensten Einschränkungen gelegt wird.

Die jährlichen 20 bis 25 europäischen Workcamps sind ein fester Bestandteil der Arbeit von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. In den internationalen Sommerlagern leben und arbeiten Menschen im Alter von 16 bis 99 Jahren zusammen, um die Geschichte und die aktuelle Situation der verschiedenen Projektorte kennenzulernen. Gärtnern, Bauen und Archivieren sind nur Beispiele für die unterschiedlichen Tätigkeiten, die Teil der Sommerlager sind. Auf die Teams warten auch Arbeiten, die sich an den Bedürfnissen der jeweiligen Projektpartner orientieren.

In Bernburg ist das neben dem jüdischen Friedhof vor allem die Gedenkstätte für die Opfer der NS-«Euthanasie«, die sich in den Kellerräumen der ehemaligen NS-Tötungsanstalt befindet, in der mehr als 14 000 Menschen ermordet wurden. An diese Last der Geschichte zu erinnern, um daraus für die Gegenwart und die Zukunft zu lernen, ist ein Ziel der Aktion.

In diesem Jahr gab es für die Besucher zum ersten Mal intensivere Begegnungen mit den Bernburgern selbst. So besuchte das Team einen Gottesdienst, stellte dort sein Projekt vor und lud danach zum Brunch mit internationalen Spezialitäten ein. Auch das Medieninteresse war diesmal besonders hoch. Neben Interviews für Zeitungen und einem Radiosender wurde ein kleiner Film gedreht. Bei dem vom Bundesverband evangelischer Behindertenhilfe ausgelobten »mitMenschPreis« kam die Gruppe nämlich unter die fünf besten Bewerber und gewann einen Imagefilm. Ein Kameramann begleitete sie mehrere Tage. Das Material über ihr gemeinsames Leben und Arbeiten wird er zu einem kleinen Film zusammenschneiden.

Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus ist für die ASF Motiv und Verpflichtung für das Handeln heute. Sie will für die Folgen, die bis in unserer Gegenwart reichen, sensibilisieren und den aktuellen Formen von Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung von Minderheiten entgegentreten. Möglichst viel Öffentlichkeit kann deshalb hier nur von Vorteil sein.

Petra Franke

Kompetenz für alte Pfeifen

19. August 2014 von redaktionguh  
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Die Groß Germerslebenener Kirchenschule beherbergt ein Orgelkompetenzzentrum

Die alte Kirchenschule von Groß Germersleben (Landkreis Börde) wurde bis vor Kurzem nur wenig genutzt. Der Verfall des Gebäudes, in dem nur ein kleiner Teil durch den Gemeinderaum belebt war, schien nicht mehr aufzuhalten. Ein Nutzungskonzept musste her. Die Idee: die Schaffung eines Kompetenzzentrums für Orgel und Harmonium. Die Sanierung der alten Kirchenschule konnte starten und ist inzwischen abgeschlossen. Im Rahmen eines festlichen Gottesdienstes wurde das Ereignis gewürdigt, und Kantor Werner Jankowski fand in der Kirchenschule eine neue Wirkungsstätte. Er ist nicht nur ein begnadeter Musiker; seine weitere große Leidenschaft gehört den Instrumenten, mit denen er täglich zu tun hat: Ihn beschäftigt nicht nur die Musik, sondern auch das Innenleben von Orgel und Harmonium. Nach seiner musischen Ausbildung bildete er sich fort. Heute ist er nicht allein Kirchenmusiker, sondern auch Orgelsachverständiger des Kirchenkreises Egeln. »Ich verstehe mich aber nicht als Konkurrenz zum Orgelbauer, sondern als Dienstleister für die Kirchengemeinden. Lediglich kleine Reparaturen führe ich an der Orgel wie auch am Harmonium aus«, erklärt Werner Jankowski. In der Groß Germerslebener Kirchenschule wird er besagte kleine Reparaturen vornehmen. Im Untergeschoss des Hauses ist neben einer kleinen Werkstatt auch ein Schulungsraum entstanden. Im Kirchenkreis Egeln gibt es geschätzte 160 Orgeln. Da gebe es, so Jankowski, immer etwas zu reparieren.

Werner Jankowski übt regelmäßig, doch diese Orgel musste nach dem Umzug in die Börde lange auf ihren Einsatz warten. In seiner Werkstatt sind auch Ersatzteile auf Lager, um Reparaturen selbst ausführen zu können. Fotos: Yvonne Heyer

Werner Jankowski übt regelmäßig, doch diese Orgel musste nach dem Umzug in die Börde lange auf ihren Einsatz warten. In seiner Werkstatt sind auch Ersatzteile auf Lager, um Reparaturen selbst ausführen zu können. Fotos: Yvonne Heyer

Doch Werner Jankowski sieht das Zentrum vor allem aus dem Blick des Kirchenmusikers. »Ich möchte das Niveau von Orgelkultur und Orgelkunst in der Region anheben, Schulungen und Seminare anbieten«, so der ehemalige Berliner. Pläne hat er dafür genug. Kirchenmusiker Jankowski kann sich vieles vorstellen: die Zusammenarbeit mit Schulen der Region, Orgelführungen oder Konzerte sowie Ausstellungen alter Instrumente. Aber auch Harmonium-Workshops seien geplant. Im Oktober können sich Interessierte mit Werner Jankowski austauschen, wie ein Harmonium wirkungsvoll gespielt werden kann. Angesprochen sind ehrenamtliche Kirchenmusiker. Die Organisation ihrer Ausbildung sei ohnehin ein wichtiges Thema im Kirchenkreis.

Im Vorraum der kleinen Werkstatt fand inzwischen ein Harmonium seinen Platz. Es wird repariert, auch um es für Ausbildungszwecke wieder zu nutzen. Im Obergeschoss der alten Kirchenschule aber konnte Werner Jankowski endlich seine kleine Orgel unterbringen. Auf ihren Umzug musste sie mehrere Jahre warten. Nun könnte sie bei Konzerten zum Einsatz kommen. Vor allem aber dient sie ihm als Übungsinstrument.

Fördermittel aus dem europäischen Leader-Programm ermöglichten die Sanierung der Kirchenschule und den Umbau zu einem Orgelkompetenzzentrum. Mit 42 240 Euro wurde das Projekt, für das insgesamt 120 000 Euro veranschlagt waren, gefördert. Die Sanierung des Gebäudes dauerte mehrere Monate.

Yvonne Heyer

Tennis mit Graf Zinzendorf

12. August 2014 von redaktionguh  
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Die im Geiste Zinzendorfs vor 200 Jahren gegründeten Gnadauer Anstalten waren ihrer Zeit oft weit voraus

Es muss akustisch eindrücklich gewesen sein im Mai 1928: »Wenn der Zug in Gnadau verschnauft, dann läuft stets ein kleines Kerlchen die Wagenreihe entlang. Mit hellem Stimmchen preist er seine Schätze an: ›Gnadauer Brezeln, Gnadauer Brezeln‹.« Und im Ort selbst? »Man mag nach Gnadau kommen zu welcher Zeit auch immer: Immer wird ein Jungmädchenlachen um die Häuschen flattern oder ein Liedchen heller Stimmen sich zu den Kronen alter Bäume emporranken.«

Wer heute nach Gnadau kommt, hört erst einmal: nichts. Kein »kleines Kerlchen« oder »Jungmädchenlachen«, wie es der Reporter des Magdeburger General-Anzeigers 1928 hörte. Das Gesicht Gnadaus, eine Gründung der Herrnhuter Brüdergemeine, hat sich geändert.

Als Gnadau, exakt rechteckig und -winklig angelegt, 1767 gegründet und das erste Haus eingeweiht wurde, sang die Gemeine »Was kann man von einem Garten, drin sich so ein Überfluß seiner Gnad’ ergießen muß, auf die künft’ge Zeit erwarten? Ist’s ein Wunder, wenn er leicht tausendfält’ge Früchte zeigt?« Dass Gnadau später tatsächlich mit der Gründung der Anstalten »tausendfält’ge Früchte« zeigen würde, haben damals selbst die frommsten Optimisten nur erahnen können. Zur Zeit der Gründung standen alle Zeichen auf Sturm. Die napoleonischen Kriege machten auch vor dem Ort nicht Halt. Gnadau aber kam glimpflich davon. »Mitten in der kriegerischen Zeit wurde ein Werk des Friedens begonnen, indem am 1. August des Jahres 1814 eine Pensions-Mädchen-Anstalt im Vertrauen auf den Herrn eröffnet wurde«, schrieb man später. Die Schwierigkeiten, die überwunden werden mussten, sind nur zu erahnen. Zum fünfzigsten Jubiläum der Anstalten hieß es: »Zwar schienen damals in den Kriegsjahren die Zeitverhältnisse, eine Anstalt zu gründen, höchst ungünstig. Namentlich erregten die außerordentlich hohen Preise der gewöhnlichen Lebensbedürfnisse Bedenken wegen des öconomischen Bestehens deselben.« Aber ein Herrnhuter wäre kein Herrnhuter, würde er sich nicht mit Gottvertrauen an die Aufgabe wagen, »im kindlichen Vertrauen auf den Herrn. Und dieses Vertrauen ist nicht beschämt worden.«

Die Gnadauer Anstalten wurden vor 200 Jahren, am 1. August 1814, gegründet. Im klassizistischen Haupthaus, das früher die Mädchenschule beherbergte, ist heute ein Altenheim untergebracht. Um 1914 fand der Unterricht des Oberlyzeums mitunter im Garten der Schule statt. Fotos: Stefan Körner, Unitätsarchiv Herrnhut

Die Gnadauer Anstalten wurden vor 200 Jahren, am 1. August 1814, gegründet. Im klassizistischen Haupthaus, das früher die Mädchenschule beherbergte, ist heute ein Altenheim untergebracht. Fotos: Stefan Körner, Unitätsarchiv Herrnhut

Bis 1950 war Gnadau ein Ort schulischer Bildung. Bereits 40 Jahre nach der Gründung gingen gut 100 Mädchen zur Schule, seit 1875 wurden auch Lehrerinnen ausgebildet. Gnadau war ein Bildungsmagnet mit Strahlkraft. Schülerinnen kamen aus Berlin oder den hintersten Winkeln Pommerns. Und Gnadau war progressiv. Die Mädchenschule war eine der ersten in Deutschland, die eine Turnhalle erhielt und im Hof gab es einen Tennisplatz. Herrnhuter Frömmigkeit und Tennis, Aufschlag Zinzendorf. In der Tat liest sich das Bildungsprogramm der Herrnhuter wie ein Gegenentwurf zur damals im Deutschen Reich herrschenden Schulsituation. Und es wirkt bis heute überraschend modern. Renatus Früauf, ein Herrnhuter Pädagoge, fasst es 1839 so zusammen: »Je zarter wir das Kind behandeln, desto zarter wird sein Betragen gegen uns sein. Ich liebe eine allzu systematische Erziehung nicht, denn ich habe eine große Achtung vor der Eigentümlichkeit der Charaktere.« Und auch eine Vorstellung der Herrnhuter Erziehungsanstalten von 1914 liest sich wie das Werbeprospekt einer privaten Eliteschule im 21. Jahrhundert: »Die Kleinheit unserer Klassen und die Kenntnis der Individualität der Zöglinge erleichtern die Berücksichtigung der Eigenart und der besonderen Bedürfnisse des einzelnen. Die ländliche Stille begünstigt die bei der heutigen Jugend so vielfach vermißte Konzentration.«

Um 1914 fand der Unterricht des Oberlyzeums mitunter im Garten der Schule statt.

Um 1914 fand der Unterricht des Oberlyzeums mitunter im Garten der Schule statt.

Dass dennoch ein strenges Regiment geführt wurde, erzählten ehemalige Schüler anlässlich des 200. Jubiläums der Anstalten dem derzeitigen Leiter, Jens Schulz. Aber kein ungerechtes. Ungerechter muss schon die Entwicklung gewirkt haben, die die Mädchenschule nahm. Die Schülerinnen meist höherer Schichten wurden zu einem Fremdkörper im Dorf, die wenigen Schülerinnen, die aus Gnadau selbst kamen, fanden nur schwer Zugang zu ihren Mitschülerinnen. »Von heute aus wirkt es wie eine elitäre Einrichtung«, so Jens Schulz. Dabei war die Intention der Gründer eine andere. Man erwartete einen großen Nutzen, »den die Ortstöchter haben würden durch vermehrten Schulunterricht, wenn diese an allen Gegenständen der Lectionen Theil nehmen und dadurch bedeutender gefördert werden sollten. Das ist bis auf den heutigen Tag dankbar anerkannt worden.« So die Selbstauskunft von 1864.

Gnadau 2014 liegt still und grün. In der ehemaligen Mädchenschule ist heute ein Altenheim. Seit 2003 gibt es auch wieder eine Schule. Gnadau war, wie alle Schulen der Herrnhuter, ihrer Zeit weit voraus. Doch heute kämpfen die Anstalten im laufenden Betrieb gegen rote Zahlen, steigendes Grundwasser und hohe Nebenkosten. Weit weg scheinen die Zeiten, in denen es hieß: »Für das öconomische Bestehen hat der himmlische Hausvater gesorgt, so daß sogar etwas übrig blieb.«

Stefan Körner

Vom Tafelberg an die Elbe

5. August 2014 von redaktionguh  
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Im August 1994 trat Barry Jordan die Stelle als Domorganist in Magdeburg an

Irgendwann im Gespräch holt Barry Jordan weit aus. »Es gehört eigentlich nicht hierher, aber ich erzähle es trotzdem.« Johannesburg Ende der 1970er Jahre. In Soweto, einem Zusammenschluss von Townships, bricht ein Aufstand los, der zahlreiche Todesopfer unter den schwarzen Einwohnern fordern wird. Im gut 1 400 Kilometer entfernten Kapstadt kommt es später zu Solidaritätsdemonstrationen der Studentenschaft. »Ein konservativer Politiker nannte unsere Uni in Kapstadt einmal ›Moskau auf dem Hügel‹. Wir standen immer im Verdacht, eine Brutstätte des Kommunismus zu sein.« Ein Zufall spielte den Demonstranten damals in die Hände. Ein Gesetz, wonach die Polizei Versammlungen mit mehr als drei Menschen gewaltsam auflösen könne, war in seiner Dauer begrenzt. Die südafrikanische Regierung hatte aber vergessen, es zu verlängern. 10 000 Studenten nutzten die legislative Lücke und zeigten auf dem Campus der Uni Kapstadt ihre Verbundenheit mit Soweto. Die Polizei war zum Nichtstun verdammt. Aber sie fotografierte die Demonstranten. Einige Jahre später versuchte Barry Jordan Mitglied des Polizeiorchesters zu werden – eine der wenigen Möglichkeiten, den regulären Dienst an der Waffe zu umgehen. Ihm wurde ein Foto vorgelegt. Inmitten hunderter Studenten war sein Gesicht sauber eingekreist. »Was sagen Sie dazu, Herr Jordan?« Er konnte dennoch in das Polizeiorchester. Das Gefühl der Überwachung aber hat sich eingebrannt. »Was die Menschen in der DDR erlebten, war um einiges schlimmer. Aber ich glaube, wir hatten durch solche Erfahrungen schnell einen Draht zueinander. Ich fand die Menschen in Magdeburg mir ähnlicher als viele, die ich aus dem Westen kannte.«

Seit 20 Jahren ist der gebürtige Südafrikaner Barry Jordan Kantor und Organist am Magdeburger Dom. Foto: Viktoria Kühne

Seit 20 Jahren ist der gebürtige Südafrikaner Barry Jordan Kantor und Organist am Magdeburger Dom. Foto: Viktoria Kühne

Gerade einmal 37 Jahre alt ist Barry Jordan, als er nach Magdeburg kommt. Er hätte in Hamburg oder Kassel Kantor werden können. Stellen dort wären frei gewesen. In der Elbestadt aber fehlte es an Infrastruktur, eine ausreichende Orgel gab es nicht. Warum aber dann doch nach Magdeburg? Barry Jordan, der trotz seiner weiß leuchtenden Haare jungenhaft wirkt, zögert lange mit einer Antwort. »Was soll ich sagen? Der Magdeburger Dom ist der Magdeburger Dom.« Und dann war da noch der leere Platz auf der Orgelempore im Westteil des Doms. »Ich dachte damals: Wenn man es schafft, dann kann man ein Instrument bekommen, bei dem man sehr viel mitsprechen kann. Und tatsächlich. Ich habe meine Traumorgel bekommen.« Nur im ersten Winter in einem unsanierten Altbau, da kamen ihm schon Zweifel.

Barry Jordan ist ein musikalischer Spätzünder. Im Südafrika der 1960er Jahre gab es keine Musikschulen. Seine Familie war eher sportlich orientiert. Doch in der Sonntagsschule der anglikanischen Gemeinde wird sein Gesangstalent entdeckt. Da ist Barry Jordan zehn. Bald schleicht er sich heimlich in die Kirche, um Orgel zu spielen, bis er vom Pfarrer entdeckt wird. Dieser empfiehlt Klavierunterricht und die Eltern geben nach. Mit 12 Jahren spielt Barry Jordan schon jeden Sonntag die Orgel, ein Jahr später leitet er die erste Chorprobe. »Ich wollte einem älteren Herrn erklären, wie er zu singen habe. Das gab einen großen Tumult.« Bei Gesang, Orgel und Klavier bleibt es nicht. Blasinstrumente kommen hinzu, auch Cello. »Ich habe ziemlich viel und undiszipliniert herumexperimentiert.« Nicht zu seinem Schaden, wie er sagt. Das Musikstudium dann in Kapstadt unterschied sich kaum von dem in Europa. »Es war alles sehr eurozentrisch damals. Von der Musik der Schwarzen bekamen wir wenig mit. Das ist heute anders, war aber damals in den Zeiten der tiefsten Apartheid undenkbar. Wir spielten Europa. Europa in der Sonne.«

Wenn man in Barry Jordans Konzertplan schaut, dann liest man viele unbekannte Namen. Er ist interessiert an zeitgenössischer – er sagt lieber »zeitangepasster« – Kirchenmusik. Auch wenn er immer wieder Vorbehalten begegnet. »Viele Menschen könnten sich angesprochen fühlen, wenn sie der neueren Musik die Gelegenheit dazu geben.« Dabei ist er gar kein Freund der Avantgarde. »Das hat mir das Kompositionsstudium in Deutschland schwer gemacht, weil nur komische Geräusche erwartet wurden.« Noch stärker als Avantgarde stößt ihm aber die aktuelle Entwicklung der Kirchenmusik in Deutschland auf. »Die Kirchenmusik ist in einem beängstigenden Zustand.« Was aktuell für den gottesdienstlichen Gebrauch vertrieben werde, sei oft unerträglich seicht. Und was er dann sagt, spricht Bände über sein musikalisches Verständnis: »Nichts gegen Wohlfühltonalität, aber Kirchenmusik braucht einen Kern. Sie braucht Stahl.« Und den findet er nicht bei deutschsprachigen Komponisten, sondern in England oder dem Baltikum.

Barry Jordan ist, was sein Verständnis von Kirchenmusik angeht, ganz Anglikaner geblieben. Es war mit einer solchen Prägung sicher nicht immer leicht für ihn. Sein Resümee nach 20 Jahren? Barry Jordan schnauft. Und dann ein kurzer, ein vielsagender Satz: »Immer wieder lohnend, immer wieder schwer.«

Stefan Körner

Das bunte Kirchendorf kocht

29. Juli 2014 von redaktionguh  
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Bei Temperaturen weit über 30 Grad präsentierten sich die Kirchen auf dem Sachsen-Anhalt-Tag in Wernigerode

Kaum einer, der nicht stöhnte über die sengende Hitze in der Fachwerkstatt am Harz. Wer konnte, suchte sich einen schattigen Ort: Unter den Bäumen auf dem Vorplatz der St.-Johannis-Kirche, an einer Häuserwand oder in einer schmalen Gasse, die die Sonne nicht beschien. Oder eben in der Kirche. Und kaum einer, der über das Kirchendorf beim Sachsen-Anhalt-Tag in Wernigerode zog und nicht staunte oder innehielt: an einem der zahlreichen Stände auf dem Markt der Möglichkeiten, bei einem der Konzerte und Vorführungen auf dem Neuen Markt oder auf der Spielwiese hinter der Kirche St. Johannis.

Das Kirchendorf auf dem Sachsen-Anhalt-Tag in Wernigerode war trotz Hitze gut besucht. Die Pantomimin Angela Kunze-Beiküfner zeigt biblische Geschichten ohne Worte. – Foto: Stefan Körner

Das Kirchendorf auf dem Sachsen-Anhalt-Tag in Wernigerode war trotz Hitze gut besucht. Die Pantomimin Angela Kunze-Beiküfner zeigt biblische Geschichten ohne Worte. – Foto: Stefan Körner

Gleich mit der Eröffnung des Kirchendorfes am Freitag wurden die Befürchtungen des Vorbereitungsteams unter Leitung von Siegfried Siegel zerstreut. Das Gelände, so die anfängliche Sorge, könnte zu abgelegen sein. Was, wenn kaum jemand kommt und Zeit, Geld und die Mühen der Vorbereitung umsonst waren? Eine Sorge, so stellt Siegel zufrieden lächelnd fest während er über die Besucherströme schaut, die unbegründet war: Wer vom Bahnhof in das Zentrum wollte, musste fast zwangsläufig über das Kirchendorf. Die vermeintliche Randlage entpuppte sich als Glücksfall. Auch Christoph Hackbeil, Propst des Sprengels Stendal-Magdeburg, zieht, wenngleich nur als Besucher angereist, ein positives Resümee: »Es gab schon ähnliche Veranstaltungen, bei denen wesentlich weniger Menschen sich das Angebot der Kirchen angesehen haben.« Tatsächlich war es erstaunlich, wie viele Zuschauer zu Theatervorführungen, Bläser-, Pop- und Chorkonzerten aber auch zu Andachten auf dem weithin schattenlosen Neuen Markt kamen.

Das Angebot der Kirchen stand unter dem Motto »Bunt ist unser Glaube«. Wer sich die Zeit nahm und das Programm auf der Hauptbühne ansah, konnte feststellen, dass die Veranstalter mit der Wahl des Mottos richtig lagen. Und ebenso bunt waren die Szenen am Rand. Szenen, wie es sie nur geben kann, wenn sich Kirche auch auf Volksfeste wagt: Es war ein irritierend schönes Bild, als die von Kopf bis Fuß tätowierte Mitarbeiterin eines Getränkewagens lächelnd Menschen bediente, die lauthals das »Vaterunser-Lied« mitsangen, das gerade von einem Diakonissen-Chor dargeboten wurde. Oder wenn eben diese Diakonissen nach ihrem Auftritt von zahllosen Passanten bestürmt wurden, die gerne ein Foto von ihnen schießen wollten.

Rund 20 000 Euro haben die Vorbereitung und Durchführung des Kirchendorfes gekostet, gut 800 Ehrenamtliche sorgten bei der Organisation und den Festtagen für einen reibungslosen Ablauf. Wie wirksam solche Events sind, lässt sich kaum messen oder beziffern. Für die Sichtbarkeit der Kirchen des Landes und der Region war der Sachsen-Anhalt Tag aber eine gute Zeit.

Stefan Körner

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