Die Kirche steht noch mitten im Dorf

30. September 2014 von redaktionguh  
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Gemeinde: Die kleine »Kirche zum guten Hirten« in Rhoda bei Erfurt wurde vor 300 Jahren erbaut

Eine Kirchengemeinde organisiert ein Festjahr, gräbt Geschichten aus und knüpft Kontakte.

Einen weiten Blick hat man von Rhoda in das westliche Thüringer Becken, zur Wachsenburg hinüber; die liegt schon im rötlichen Abenddunst. Auf dem Weg hoch in das 250-Einwohner-Dörfchen nahe Erfurt strampelt ein einsamer Radfahrer vorbei an den letzten Wahlplakaten. Im Ort ist die Straße aufgerissen; vor der Kirche steht mannshoher, stählerner Grabenverbau. Volkmar Kästner, mit weißem Haar und blaugraukariertem Hemd, wartet schon. Der 77-Jährige war seit 1971 im Vorstand der Kirchengemeinde, das sind 42 Jahre. Erst letztes Jahr ist er zurückgetreten. »Sagen wir mal, es war aus Altersgründen«, zwinkert er.

Der Jubilar, das Kirchlein »Zum guten Hirten«, ist so groß wie ein Einfamilienhaus, es hat ein Zwiebeltürmchen mit goldenem Knopf, wurde nach der Wende schmuck renoviert und riecht, wie solche alten Kirchen riechen: nach Mauerwerk, Gebälk und Farbe.

Gudrun Brandt und Volkmar Kästner bestücken den Schaukasten vor der Kirche, damit die Rhodaer gut informiert sind. Fotos: Jürgen Reifarth

Gudrun Brandt und Volkmar Kästner bestücken den Schaukasten vor der Kirche, damit die Rhodaer gut informiert sind. Fotos: Jürgen Reifarth

Begeistert berichten die Schwestern Gudrun Brandt (66) und Edelgard Büchner (59), wie die Idee entstand, ein Festjahr zu veranstalten. Beide gehören zum Gemeindekirchenrat. »300 Jahre. Da müssten wir doch was machen!« Ein Festkomitee fand sich: »Heiko Gloßmann und Martin Krumbein müssen genannt werden«, ruft Edelgard Büchner. Ein kleines Programm wurde entworfen: mit Festgottesdiensten, einer Predigtreihe zum Thema des guten Hirten und viel Musik. Und natürlich einem Festvortrag zur Chronik der Kirche. Die Schwestern fallen sich lebhaft ins Wort, als sie erzählen, wie sie zu Verwandten und Bekannten liefen, was sie für Fotos und Notizen sammelten, wie Volkmar Kästner in verschiedenen Archiven stöberte. Vier Aktenordner sind es geworden. Zum Vortrag war die Kirche randvoll. Auch der Himmelfahrtsgottesdienst war ein Erfolg, 300 Menschen kamen, die Bratwürste anschließend reichten kaum.

Rhoda gehört zum Kirchspiel Erfurt-Bischleben, zehn Dörfer mit zehn Predigtstellen und zwei kirchliche Kindergärten hat das neue Pfarrerehepaar Christine Bosse und Ralf Schultz zu betreuen, das gerade ins Bischlebener Pfarrhaus umzieht. Ein Jahr war die Pfarrstelle vakant. Einen rührigen Kantor gibt es, das ist Gold wert. Drei Gemeindepädagogen und ein Jugendmitarbeiter helfen in Stellenanteilen mit. In Rhoda ist noch alle 14 Tage Gottesdienst, von den 49 Seelen kommen dann regelmäßig fünf bis zehn Leute. Den Altersdurchschnitt schätzt Edelgard Büchner auf 50 plus. Dieses Jahr wurde ein Jugendlicher aus Rhoda konfirmiert, im letzten Jahr waren es zwei.

Henning Bomberg, Professor an der Universität Rostock, hat mit Rhoda nichts zu tun, aber dafür mit Chancen und Risiken ländlicher Räume und wie man Menschen dort aktivieren kann. »Über zwei Themen kommt man auf dem Dorf immer ins Gespräch«, sagt er, »über Kinder und über Geschichte.«

Kirchen atmen Geschichte, und ein Jahrestag gibt dem Ausdruck. Edelgard Büchner zeigt in der Kirche auf die zweite Bankreihe rechts. »Hier hat sich unsere Tante Jung hingesetzt, sie ist 83, und sagte: Auf diesem Platz saß schon meine Großmutter.« Man nannte das früher Kirchstuhlrecht, und dafür wurde bezahlt. Dann holt sie das rotsamtene Hochzeitskissen von 1892. Einige Generationen von Rhodaern haben zur Einsegnung darauf gekniet, auch ihre Tochter. Und immerhin drei Hochzeitspaare knieten darauf in den letzten zwei Jahren.

Hinter der Kirche steht die alte Leichenhalle, seit 1952 nicht mehr in Benutzung, als die Stadt Erfurt einige Ortsfriedhöfe schloss. Sie war später mal ein Jugendklub und beherbergt nun die Kunstausstellung zum Jubiläum: farbige Zeichnungen von Kindern der Erfurter Kunstschule, die Kirche Rhoda in gebranntem Ton, Repliken des Erfurter Malers Nikolaus Dornheim, der 1825 Rhoda in romantischen Dorfansichten aquarellierte, und den guten Hirten, den Gudrun Brandt getöpfert hat. Sie nimmt ihn fürs Foto in den Arm. Dann muss sie los, denn gleich tagt noch der kommunale Gemeinderat.

Eine kleine Gemeinde im Wind der Zeiten. Was hat denn die 300-Jahr-Feier für die Kirchengemeinde gebracht? Volkmar Kästner holt erst einmal Luft. »Da muss ich mich mal selbst loben«, entschuldigt er sich, »aber ich habe immer betont: Die Kirche ist ein Identitätspunkt im Ort, wir müssen feiern. Ich kam zum ersten Mal mit Leuten ins Gespräch, die wohnen hier schon fünf Jahre. Wir haben gezeigt: Die Kirche ist noch da.« Ja, loben ist wichtig. Den Hirten – und ebenso die Herde.

Jürgen Reifarth

Festgottesdienst zu Kirchweih und Erntedank in Rhoda: 19. Oktober, 10 Uhr, mit dem neuen Pfarrerehepaar Christine Bosse und Ralf Schultz. Schon am 5. Oktober, 14 Uhr, wird das Pfarrerehepaar in der Kirche in Bischleben festlich eingeführt.

Mit Fahnen im Gottesdienst

22. September 2014 von redaktionguh  
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Auf den Spuren der Vergangenheit – Vortrag im Rahmen 700 Jahre St. Nicolai

Wenn sich Konfirmanden auf Spurensuche begeben, kann das auf gestandene Kirchenhistoriker abfärben. Es liegt schon einige Jahre zurück, dass sich Mühlhäuser Konfirmanden und ihr Pfarrer Teja Begrich mit einem Projekt am Jugendprogramm »Zeitensprünge« beteiligten, bei dem sich Jugendliche auf die Spuren lokaler Geschichte begeben und das von der Stiftung Demokratische Jugend gefördert wird. Der Pfarrer hatte sich gefragt, wie es denn die Mühlhäuser evangelischen Christen mit den Deutschen Christen (DC) gehalten hätten. Nur wenig förderten Konfirmanden und Pfarrer zutage, aber immerhin konnte eine kleine Ausstellung konzipiert werden: Briefe mit Hakenkreuz oder auf denen der Bischof mit »Heil Hitler« grüßt. Eine Zeitzeugin kommt zu Wort, deren Mutter in der Nazizeit immer mal die Kirche wechselte, wenn es ihr in der eigenen zu politisch wurde.

Beim Durchstöbern alter Akten – Konfirmanden aus Mühlhausen begannen die Forschungen innerhalb eines Jugendprojektes. Foto: Kirchengemeinde

Beim Durchstöbern alter Akten – Konfirmanden aus Mühlhausen begannen die Forschungen innerhalb eines Jugendprojektes. Foto: Kirchengemeinde

Von der Neugier Pfarrer Begrichs hat sich der Kirchengeschichtler Martin Onnasch aus Erfurt anstecken lassen. Der inzwischen 70-jährige Theologe war unter anderem Professor für Kirchengeschichte in Greifswald. In mühevoller Kleinarbeit hat er nun doch allerhand zusammengetragen und wird am kommenden Dienstag einen Vortrag halten. »Ich wusste davon auch nichts, obwohl ich über den Kirchenkampf in der Provinz Sachsen promoviert habe«, verweist Onnasch auf die dünne Faktenlage. Die Propstei Erfurt gehörte zur Kirchenprovinz; an diesen Grenzen orientierten sich die Nazis jedoch nicht. Das Gebiet gehörte zum Gaubezirk Weimar.

Onnasch konnte herausfinden, dass der Pfarrer der Mühlhäuser Petri-Margarethen-Gemeinde, Max Hellvogt, sehr enge Verbindungen zur NSDAP hatte. Hellvogt habe seit 1930 die Nazipartei und ihre Mitglieder gefördert. Sie kamen in Uniform und mit Fahnen in die Gottesdienste dieser Gemeinde – sowohl die NSDAP als auch die SA und der »Stahlhelm«, ein paramilitärisch organisierter Wehrverband. »Was mich am meisten verwundert hat, die Oberen in Magdeburg haben dieses Verhalten als nicht anstößig empfunden«, sagt der Wissenschaftler – genauso wie der Superintendent. Der damalige Oberbürgermeister, Hellmut Neumann, der für die Stadt in den kirchlichen Gremien saß, habe die Klage 1931 gegen diesen Pfarrer vorangetrieben. Sie endete mit einem Freispruch. Das Gericht konnte nicht sehen, dass Hellvogt mit seinem Verhalten die Republik geschädigt habe.

Neumann hat daraufhin sein Patronatsamt niedergelegt. »Was natürlich auch wieder für Unmut gesorgt hat.« Dass er 1933 mit gerade mal 42 Jahren als Oberbürgermeister abgesetzt und in den Ruhestand geschickt wurde, ist dann folgerichtig. Der Magdeburger Generalsuperintendent nahm sich besonders dieses Falles an und versuchte ihn zu glätten, was 1932 gelungen sei.

»Ab 1933 waren in Mühlhausen und im gesamten Kirchenkreis die Deutschen Christen sehr präsent.« Sie hätten in einigen Gemeinden die große Mehrheit in den Gemeindekirchenräten (GKR) eingenommen, vornehmlich in Petri-Margarethen; Marien und Blasii hätten sich »vornehm in der Mitte« gehalten. »In der gesamten Kirchenprovinz Sachsen waren die DC durchaus stark vertreten in den Gremien«, sagt der Kirchengeschichtler. »Dabei spielt eine Rolle, dass die Leute mit einer engen Verbindung zu den Nationalsozialisten der Meinung waren, die NSDAP sei eine christliche Partei, was auch der Superintendent von Mühlhausen äußerte. Das hat mich schon verwundert.« Anfangs

habe ja auch der Weimarer Gauleiter Fritz Sauckel das Bild einer christlichen Partei befördert. »Er ist erst 1937 aus der Kirche ausgetreten«, so Onnasch.

Die Bekennende Kirche habe in Mühlhausen nur eine kleine Rolle gespielt. Nach Angaben des Historikers hätten ihr dort nur rund 40 Leute angehört bei etwa 30 000 evangelischen Christen. Eine spannende Geschichte, die Martin Onnasch in den Archiven ausgegraben hat und anlässlich des 700. Geburtstags der Kirche St. Nicolai vortragen wird.

Dietlind Steinhöfel

23. September, Vortrag in Mühlhausen, St.-Nicolai-Kirche, 19.30 Uhr

Gefühle werden sichtbar

15. September 2014 von redaktionguh  
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Ausstellung im Landeskirchenamt zeigt Arbeiten aus dem Christophoruswerk Erfurt

Wer das Landeskirchenamt im Collegium maius betritt, kommt durch ein modernes Portal in ein Denkmal hinein. Das historische Gebäude ist von Glas umhüllt, bunte Farben prägen es eher nicht. Nun haben ihm Erfurter Künstler einen temporären »Farbenklang« verliehen. Seit vergangener Woche sind in der Galerie und im Treppenhaus Arbeiten von fünf Teilnehmern eines kunsttherapeutischen Projektes des Christophoruswerkes Erfurt zu sehen. Die Ausstellung gab den Auftakt zu vielfältigen Veranstaltungen in der Landeshauptstadt im Rahmen der Erfurter Denkmaltage unter dem Motto »Farben!«.

»Kunst, das ist für mich Freiheit«, schreibt Maik Jaskolowski im Gästebuch zur Ausstellung über sich. »Ich kann mich ausdrücken, ich kann selbst entscheiden, mein Bild ist, wie ich es will und es bleibt.« Ruhe und Konzentration findet er beim Malen, kann vom Alltag abschalten. Seit 2013 nutzt der 36-Jährige das kunsttherapeutische Angebot für Bewohner des Wohnheims in der Spittelgartenstraße. Es hilft geistig und körperlich behinderten Menschen, ganz neue Ausdrucksmöglichkeiten für sich zu finden und sich neu zu entdecken. Viele von ihnen haben jahrelang nicht oder noch nie gemalt. »Es ist ganz erstaunlich, welche Entwicklungen wir in dieser Gruppe binnen anderthalb Jahren erleben durften«, berichtet die Kunsttherapeutin Ulrike Löber.

Die Ausstellung »Farbenklang« mit künstlerischen Arbeiten aus den Werkstätten des Erfurter Christophoruswerkes kann bis zum 28. November wochentags zwischen 10 und 16 Uhr im Collegium maius besichtigt werden. Foto: Jens-Ulrich Koch

Die Ausstellung »Farbenklang« mit künstlerischen Arbeiten aus den Werkstätten des Erfurter Christophoruswerkes kann bis zum 28. November wochentags zwischen 10 und 16 Uhr im Collegium maius besichtigt werden. Foto: Jens-Ulrich Koch

»Anfangs beispielsweise war es für die Teilnehmer ungewohnt, selber Material oder Farben auszuwählen. Inzwischen treffen sie ganz eigenständig und bewusst solche Entscheidungen – und das sind ganz wesentliche Entwicklungsschritte für sie. Sie haben gelernt, sich ihren Platz einzurichten, sind angeregt, sich zu strukturieren.«

Die Therapeutin gibt Hilfe und In­spiration, aber keine Themen oder Inhalte vor. Da das wöchentliche Malen im Atelierraum der nahen Christophorus-Schule durchgeführt wird, bedeutet das auch Abwechslung im Alltag. »Unsere kunsttherapeutische Arbeit vermittelt die Erfahrung, dass man selber aus sich heraus etwas bewirken kann«, so Löber. »Die Gruppe kommuniziert in einer ganz eigenen Weise miteinander, Gefühle und Stimmungen werden sichtbar.« Bei der Ausstellungseröffnung im Landeskirchenamt waren die Künstler dabei und konnten so ihre Bilder selbst in einer ganz anderen Atmosphäre betrachten, erzählt die Therapeutin. Ihre Arbeit wirkt sich so positiv auf das Selbstwertgefühl ihrer Schützlinge aus.

Das Christophoruswerk legt bei den ihm anvertrauten Menschen viel Wert auf die Stärkung der Persönlichkeit, erläutert Diana Steinbauer, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit. Die gemeinnützige GmbH betreut in Erfurt und Umgebung sowie in Gotha mehr als 700 Menschen, schafft Arbeits- und Beschäftigungsangebote, betreibt Werkstätten, individuelle Wohnformen, Tagesstätten, eine Förderschule sowie Beratungsdienste. Anschließend werden die Werke ihren Platz im Wohnheim finden. Dort sind die Wände in den offenen Wohnbereichen schon lange reserviert.

Katharina Hille

www.christophoruswerk.de

Kirchenkreise im Doppelpack

9. September 2014 von redaktionguh  
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Andreas Görbert übernimmt neben seinem Amt in Greiz die Superintendentur in Gera

In geheimen Abstimmungen entschieden sich die Kreissynoden in Gera und Greiz mehrheitlich für eine Kooperation beider Kirchenkreise. Mit Zwei-Drittel-Mehrheit wurde Andreas Görbert als Superintendent für die Kirchenkreise Gera und Greiz bestätigt. Jetzt tritt er sein »Doppelamt« an.

Andreas Görbert ist in Rudolstadt-Schwarza aufgewachsen und hat hier sehr unterschiedliche Frömmigkeitsformen kennengelernt. Ein Fakt, der für ihn bis heute sehr hilfreich ist. Nach einem Theologiestudium in Jena übernahm er in Altenburg-Zschernitzsch seine erste Pfarrstelle. Sechzehn Jahre betreute er eine Plattenbausiedlung und fünf Dörfer. Danach ging Andreas Görbert nach Greiz und ist inzwischen 14 Jahre Superintendent. Seit vier Jahren leitet der 57-Jährige die Geschäfte, steht im Predigtdienst und arbeitet seit fünf Jahren als Vakanzpfarrer im Kirchenkreis. Wolfgang Hesse befragte ihn für »Glaube + Heimat«.

Andreas Görbert freut sich auf seine neuen Aufgaben. Foto: Wolfgang Hesse

Andreas Görbert freut sich auf seine neuen Aufgaben. Foto: Wolfgang Hesse

Wie fühlten Sie sich nach der positiven Entscheidung in der Greizer Kreissynode, die diesen Weg endgültig frei machte?
Görbert:
Wir haben mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit die Messlatte sehr hochgehängt, und ich war sehr stolz, dass diese Mehrheit deutlich überschritten wurde. In beiden Synoden wurde das Für und Wider ehrlich diskutiert, bis hin zur Angst um meine Person. Es ist immer mein Wunsch, dass die Dinge konkret angesprochen werden.

Freuen Sie sich auf diese neue Herausforderung?
Görbert:
Ja, die Hälfte der Gemeindeglieder lebt im ländlichen Bereich, das ist völlig neu für mich. Gera hat 90 000 Einwohner. Ich bin sehr gespannt auf diese große Stadt und neugierig, was eigentlich »gersch« bedeutet. Erstrangig werde ich versuchen, den gesamten Kirchenkreis kennenzulernen. Ich werde mit allen Hauptamtlichen sprechen und möglichst alle Gemeindekirchenräte besuchen. Diese Menschen sind unser Schatz.

Wo sehen Sie die Schwerpunkte für Ihre zukünftige Arbeit?
Görbert:
Schon seit Mitte der 90er Jahre wurden Kirchengemeinden und Kirchenkreise zusammengelegt. Ich habe in den Strukturausschüssen immer für diverse Kooperationsformen geworben, weil wir Kulturwandel nicht als Verwaltungsakt betreiben können. Die größeren Arbeitsbereiche der Pfarrer verändern die Berufsbilder. Das ist die eigentliche Herausforderung für die nächsten zehn Jahre. Wir brauchen engagierte, interessierte Menschen, die Sachthemen vor Ort entscheiden können. Meine Erfahrungen zeigen, dass Ehrenamtliche mit Verantwortung Freude an der kirchlichen Mitarbeit finden und dabei selbst biblische Zusammenhänge entdecken.

Welche Vorteile sehen Sie in dieser Doppelstelle und in der Kooperation der Kirchenkreise Gera und Greiz?
Görbert:
Jeder Kirchenkreis kann über eine Viertelstelle frei verfügen. Als Superintendent kenne ich die Aufgaben und werde mich im Geraer Amt relativ schnell zurechtfinden. Ich kann aus Dingen schöpfen, die funktioniert haben, werde aber auch vom anderen Kirchenkreis lernen. Gemeinsame Treffen der Gremien, der Kreiskirchenräte oder der Kantoren werden dazu dienen, benachbarte Gemeinden besser wahrzunehmen. Sinn ist es nicht, große Verwaltungseinheiten zu schaffen, sondern zwei gleichwertige Partner, die so weit wie möglich eigenständig
bleiben.

In den Gemeinden gibt es Bedenken, dass sich solch eine Doppelstelle negativ in der Verwaltung der Kirchengemeinden auswirkt und dass diese Aufgabe Ihre persönliche Kraft übersteigen könnte.
Görbert:
Diese Bedenken bestehen zu Recht. Meine Aufgaben und die der Stellvertreter werden im Kooperationsvertrag genau beschrieben. Das Gemeindeleben war mir immer wichtig und wird mir fehlen. Ich muss meine Mitarbeit in allen landeskirchlichen Gremien beenden. In Greiz wird es gut laufen, dessen bin ich mir sicher. Auch in Gera möchte ich Strukturen schaffen, die in sich funktionieren. Ein Superintendent ist kein »Übervater«, sondern vor allem ein geistliches Amt, das heißt es geht alles nur miteinander.

Wie werden Ihre nächsten Aufgaben aussehen?
Görbert:
Eine Stadt wie Gera mit neun Prozent Kirchenzugehörigkeit hat noch 91 Prozent andere Menschen. Diese dürfen wir als Kirche nicht aus dem Blick verlieren. Das öffentliche Leben in Gera möchte ich kennenlernen. In Greiz ist mir das, glaube ich, gelungen. Wir beteiligen uns an fast allen kulturellen Veranstaltungen, den großen Festen und sind ebenso kirchenmusikalisch dabei. Auch in Gera bin ich neugierig auf derartige Möglichkeiten und bringe hierbei viel Offenheit mit. Bei all meinen Aufgaben sind mir als Pfarrer nach wie vor drei Dinge wichtig:

Wir bleiben Bibeltheologen. Die Bibel ist unsere Hardware. Als Zweites: Wir als Kirche haben einen Bildungsauftrag. Wir haben Inhalte zu vermitteln, die so in der Gesellschaft nicht mehr da sind. Dabei geht es um Würde, Unverwechselbarkeit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Drittens sind wir Seelsorger, das ist unsere Berufung. Ich möchte Gesprächspartner für alle kirchlichen Mitarbeiter sein, ob Katechetin oder Pfarrer. Dafür werde ich mir extra Freiräume schaffen. Das ist mir wichtig.

Neues sehen und Altes wiederentdecken

2. September 2014 von redaktionguh  
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Pilgerweg zu fünf Ausstellungen in Dorfkirchen um Gera

Sie suchen ein lohnendes Ziel für einen Ausflug an den Wochenenden im Spätsommer oder auch freundliche Begegnungen und neue Sichtweisen in alten Mauern? Vielleicht auch stille Orte des Innehaltens mit Geschichte und Geschichten? Mit unserem Angebot ›Nimbus – Pilgern um Gera – Kunst in Kirchen‹ haben Sie die Möglichkeit, dies alles zu finden«, wirbt der Maler und Zeichner Erik Buchholz (45) für das besondere Angebot des Kirchenkreises. Er gehört zu den Initiatoren des Projektes »Pilgern um Gera«, das vom 30. August bis 21. September an vier Wochenenden in fünf Gotteshäusern seine nunmehr vierte Auflage erlebt. Hierzu ist ein ansprechend gestalteter Flyer erschienen, der in den Kirchen und der Tourist-Information der Otto-Dix-Stadt ausliegt.

Das Wort »Nimbus« (lateinisch »dunkle Wolke«) steht für das besondere Ansehen einer Sache, einer Person oder einer Personengruppe.

Kreuze von Bettina Hochreiter-Schünemann in Dürrenebersdorf. Foto: privat

Kreuze von Bettina Hochreiter-Schünemann in Dürrenebersdorf. Foto: privat

»Die Umgebung Geras zeigt sich an vielen Stellen reizvoll«, schwärmt der Künstler und Ortsteilbürgermeister von Frankenthal weiter, »es ist an der Zeit, Neues zu sehen und Altes wiederzuentdecken.« Er und seine Mitstreiter laden dazu ein, »auf wenig begangenen Pfaden den Biegungen zwischen Elstertal und Holzland zu folgen und den nächsten Kirchturm langsam auf sich zukommen zu lassen«. Die Kirchen sind an den Wochenenden des genannten Zeitraumes von 10 bis 17 Uhr geöffnet. An Wochentagen bedarf es einer Voranmeldung.

»Auch in diesem Jahr konnten wir für dieses ungewöhnliche Projekt namhafte Künstlerinnen und Künstler gewinnen, die sich mit ihren Kreationen auf die sakralen Räume einlassen und die Besucher und Pilger in den Dialog über die Jahrhunderte mit einbinden wollen«, berichtet Buchholz weiter. So ist Bettina Hochreiter-Schünemann (Gotha) mit ihren Bildern in Dürrenebersdorf zu Gast, Jörg Steinbach (Chemnitz) zeigt seine Gemälde in Markersdorf, Else Gold (Meißen) gestaltet eine Installation in Geißen, Gisela Polster (Professorin an der Westsächsischen Hochschule in Schneeberg) präsentiert textile Arbeiten in Frankenthal, während der Maler und Zeichner Alex Neugebauer (Gera) und der Fotograf Stefan Walzl (Leipzig) eine Gemeinschaftsarbeit in der Kirche von Thieschitz schaffen, in der Neugebauer auf die Fotografien Walzls malt.

Der Pilgerweg führt von Dürrenebersdorf über Markersdorf, Geißen und Frankenthal nach Thieschitz. Die Stationen Dürrenebersdorf (Linie 11) und Frankenthal und Thieschitz (Linie 20) sind bequem mit den Bussen der Geraer Verkehrsbetriebe zu erreichen, Geißen durch die Buslinie des RVG 200 und 202, Markersdorf/Hundhaupten mittels der Buslinie 233.

Zu den Ausstellungen gibt es ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm. Zum Auftakt heißt es Sonnabend, 30. August, 11 Uhr in Frankenthal: »Sehen – Gehen: Zeichnen und Wandern mit Erik Buchholz«. Im selben Ort gibt es am 6. September ein Gemeindefest mit Pilgercafé im Pfarrgarten (ab 13.30 Uhr) und Gottesdienst (15.30 Uhr).

Michael von Hintzenstern

Kontakt: Erik Buchholz, Telefon (03 65) 81 16 23, E-Mail <erik.buchholz@web.de>

www.pilgernumgera.de

In himmlischer Harmonie

26. August 2014 von redaktionguh  
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Helmuth Rilling erläuterte und dirigierte in Weimar dort entstandene Bach-Kantaten

Weimar ist eine Bachstadt! Hier lebten nicht nur Goethe und Schiller, Herder und Wieland, hier wurde nicht nur das Bauhaus gegründet. Weimar war auch der Lebensort bedeutender Musiker, von denen an erster Stelle Johann Sebastian Bach zu nennen ist. Von einem schlichten Denkmal mit der Büste des Komponisten abgesehen, erinnert wenig an ihn. Dabei hat er 1703 und von 1708 bis 1717 in der Stadt an der Ilm gewirkt, als Violinist und Hoforganist, seit 1714 als Konzertmeister. Mit dieser Funktion war die Aufgabe verbunden, in der 1658 geweihten Schlosskapelle »monatlich neue Stücke auf(zu)führen«. So entstanden vor genau 300 Jahren einige seiner schönsten Kantaten, zu denen »Nun komm, der Heiden Heiland«, »Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen« und »Ich hatte viel Bekümmernis« gehören.

Helmuth Rilling musizierte mit Chorsängern und Instrumentalisten aus 18 Ländern in der Stadtkirche St. Peter und Paul. Foto: Maik Schuck

Helmuth Rilling musizierte mit Chorsängern und Instrumentalisten aus 18 Ländern in der Stadtkirche St. Peter und Paul. Foto: Maik Schuck

Es gab also gute Gründe, vom 5. bis 16. August zu einer »Weimarer Bach-Kantaten-Akademie« einzuladen und dafür einen der weltweit angesehensten Bach-Interpreten zu verpflichten: Helmuth Rilling. Chorsänger und Instrumentalisten aus 18 Ländern sind nach Weimar gekommen, um zehn Tage unter seiner Leitung zu musizieren: aus Argentinien und Chile, aus Spanien, den USA und China, aus Israel, Österreich und der Ukraine.

Vier Gesprächskonzerte in der Stadtkirche St. Peter und Paul sowie zwei krönende Abschlusskonzerte in Eisenach und Weimar lockten Scharen von Besuchern an. Helmuth Rilling reiste mit einem Team vertrauter Mitstreiter an, die mit dem Chor und den Instrumentalgruppen den Weg zu den einzelnen Aufführungen bereiteten und Rüstzeug für eine gediegene Bach-Interpretation vermittelten. Herausragende Gesangssolisten rundeten das faszinierende Gesamtbild ab.

»Musik darf nie bequem sein, nicht museal, nicht beschwichtigend. Sie muss aufrütteln, die Menschen persönlich erreichen, sie zum Nachdenken bringen.« Dies ist das persönliche Leitbild des inzwischen 81-jährigen Dirigenten, Lehrers und Bach-Botschafters, der 1954 die Gächinger Kantorei und 1965 das Bach-Collegium Stuttgart als instrumentalen Partner gründete. Seit dieser Zeit steht die intensive Beschäftigung mit dem Werk Johann Sebastian Bachs im Zentrum seines Wirkens. Er hat außerdem zur Wiederentdeckung der romantischen Chormusik beigetragen und fördert durch regelmäßige Kompositionsaufträge die zeitgenössische Musik. Mit seinen Ensembles gibt Rilling international Konzerte und ist gefragter Gastdirigent bei führenden Orchestern in aller Welt – darunter die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonic, das japanische NHK Symphony Orchestra und andere namhafte Klangkörper. Eine besondere Freundschaft bindet ihn seit über 30 Jahren an das Israel Philharmonic Orchestra, das er zusammen mit der Gächinger Kantorei in über 100 Konzerten dirigierte. Seit 1970 ist er künstlerischer Leiter des von ihm mitbegründeten Oregon Bach Festivals, eines der profiliertesten Musikfestivals in den USA. 1981 gründete Helmuth Rilling die Internationale Bachakademie Stuttgart.

Als erster Dirigent spielte er sämtliche Kantaten Johann Sebastian Bachs ein; zum Bach-Jahr 2000 erschien unter seiner künstlerischen Gesamtleitung mit der Edition Bachakademie die Gesamtaufnahme des Bachschen Werkes auf 172 CDs. Es ist als ein besonderer Glücksumstand zu bezeichnen, dass es den »Thüringer Bach-Wochen« und der Hochschule für Musik »Franz Liszt« gelungen ist, den Bach-Experten nach Weimar zu holen. Bei jeder einzelnen Note stand den jungen Leuten die Begeisterung ins Gesicht geschrieben.

Seine Gesprächskonzerte, in denen er Schritt für Schritt die Arien, Rezitative und Choräle der einzelnen Kantaten erläuterte, trugen nachhaltig zu einem besseren Verständnis ihrer Klangsprache bei. Ganz in Schwarz, nicht groß gewachsen, mit fülligem weißen Haupthaar, sprach er frei zur Hörergemeinde und erhob dann den Taktstock zu schlichten Bewegungen, die einen Kosmos himmlischer Harmonie auslösten. Die Klarheit seines Musizierens war dabei besonders beeindruckend, fernab von überzogenen Manierismen einer vermeintlich historischen Aufführungspraxis!

Michael von Hintzenstern

Wenn der Pfarrer Urlaub hat

19. August 2014 von redaktionguh  
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In Ifta halten Gemeindemitglieder Sommerandachten

Es ist Sommer in Mitteldeutschland. Auch am vergangenen Sonntagmorgen lädt das Wetter zu Ausflügen und Urlaub ein. Vielerorts bleiben die Kirchen vor allem in den Ferien leer oder Pfarrerinnen und Pfarrer sind in dieser Zeit besonders gestresst, weil sie Urlaubsvertretungen zu übernehmen haben. Anders sieht es im kleinen Ort Ifta (Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen) aus. Auch hier hat der Sommer die Reihen geleert, aber die Gemeinde trifft sich trotzdem. Und sie gestaltet ihren Gottesdienst unter dem Titel »Som­merandacht« selbst.

Lieselotte Fischer mit Hannelore Beer und Doris Zöllner bei der Vorbereitung der Sommerandacht (von links). Foto: Mirjam Petermann

Lieselotte Fischer mit Hannelore Beer und Doris Zöllner bei der Vorbereitung der Sommerandacht (von links). Foto: Mirjam Petermann

»Diese Regelung habe ich als Idee aus der Deutschen Evangelischen Gemeinde in Barcelona mitgebracht«, erzählt der Iftaer Pfarrer Klaus Zebe. Die Sommerpause dort ist sehr lang. In dieser Zeit kommen meist Vertretungspfarrer aus Deutschland, die dann eine Andacht halten. Er selbst war dort ein halbes Jahr für ein Auslandsvikariat. »Ist aber gerade kein Pfarrer greifbar, gibt es auch dort in der Gemeinde einige, die eine kurze Andacht gestalten«, erzählt Zebe weiter.

Bereits vor drei Jahren schlug er die Idee der Sommerandachten vor. »Ich überlegte, was dazu nötig wäre, dass die Gemeinde sich das zutraut«, so der junge Pfarrer. Die Antwort darauf fand er einerseits in der klaren Begrenzung – sechs Wochen Sommerferien – und auch in der einfachen Form sowie im Material, das für jeden handhabbar ist: Er entwirft ein Andachtsheft mit Vorschlägen für alle wichtigen Grund­elemente des Gottesdienstes: Lieder, Psalm, Lesungen und ein kurzer geistlicher Impuls.

Und wie reagierte die Gemeinde darauf? »Es wird positiv angenommen«, resümiert Pfarrer Zebe, der bereits zwei Mal als Gast dabei war. »Es sind schöne Andachten, bei denen es Spaß macht, dabei zu sein.« Und auch Lieselotte Fischer, eine der Mitgestalterinnen der Sommerandachten und Mitglied des Gemeindekirchenrates, kann dem nur zustimmen: »Im Sommer werden es eben kaum mehr Besucher, selbst dann nicht, wenn der Pfarrer da ist.«

Kontakt und Austausch in den Sommermonaten

Schon in den vergangenen beiden Jahren hat Lieselotte Fischer bei den Andachten mitgewirkt. »Im ersten Jahr war das schon sehr ungewohnt. Da hatte ich vorn auch noch Herzklopfen. Inzwischen sind wir da schon geübter«, sagt sie lachend. Zwei Mal in sechs Wochen eine Andacht zu halten, darin sieht sie kein Problem.

»Es sind ja auch immer andere an der Reihe«, so die Kirchenälteste. Jeweils drei Gemeindemitglieder sind an einem Sonntag verantwortlich und teilen sich die Aufgaben untereinander auf. Die Andachten bieten der Gemeinde eine Gelegenheit, sich auch während des Sommers kontinuierlich zu treffen, im Kontakt und Austausch zu bleiben. »In den Sommermonaten sind wir bei uns in der Region sehr dünn besetzt«, erläutert Klaus Zebe. »Deshalb war es das Ziel, einerseits mir selber, aber auch den Pfarrkollegen durch diese einfache Form etwas Freiraum zu schaffen – für den eigenen Urlaub oder etwa während der Begleitung von Freizeiten.«

In Spichra, das zur Kirchengemeinde Ifta gehört, werden ebenfalls diese Sommerandachten gehalten. Ein weiterer Ort, Pferdsdorf, hat eine andre Lösung gefunden. Dort trifft sich die Gemeinde während der Sommerpause gelegentlich zu einem thematischen Nachmittag. »Die Gemeinde hatte von Anfang an gesagt, die Sommerandachten seien nichts für sie«, sagt Pfarrer Zebe. »Das muss ich aushalten, wenn sie darin nicht ihre Prioritäten sieht.«

In Ifta gestalteten am vergangenen Sonntag neben Lieselotte Fischer eine weitere Kirchen­älteste und eine Kindermitarbeiterin die Sommerandacht. Die Reihen waren lose besetzt, zu zwölft war man an diesem Morgen. Es wurde viel gesungen, begleitet von der Orgel. Gelegentlich gab es kurze Pausen und kleine Absprachen. Das störte niemanden und passte gut in die lockere und angenehme Form, fern von so mancher Gottesdienstroutine. Die Light-Variante sozusagen – passend zum Sommer.

Mirjam Petermann

Ein Ort, um Kind zu sein

12. August 2014 von redaktionguh  
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Seit zehn Jahren besteht das evangelische Kinderhaus in Rudolstadt

Rudolstadt ist ein beschauliches Städtchen, der historische Stadtkern atmet laue Sommerluft. Plötzlich zerreißt Fußgetrappel und lautes Rufen die Stille. Lisa, Amelie, Max und all die anderen Kinder biegen in die schmale Gasse an der Stadtkirche ein, erklimmen in großen Schritten die Stufen – und sind endlich da, an der Tür zu »ihrem« Kinderhaus. Ein Raum zum gemeinsamen Essen und Erzählen. Ein großer Raum zum Spielen. Ein Erker mit Blick auf die grünen Bäume. Ein Garten, der zum Toben einlädt. Schränke, angefüllt mit Bastelmaterialien, Stiften und Papier. Und mittendrin Gemeindepädagogin Rita Schnack, die die Kinder herzlich begrüßt. Einmal angekommen, heißt es zunächst, Schuhe aus, Hände waschen und an den großen Tisch gesetzt. »Gemeinsame Rituale sind wichtig«, erklärt Rita Schnack, die an diesem Nachmittag gemeinsam mit Kirchenmusikdirektorin Katja Bettenhausen, Propsteikantorin im Propstsprengel Meiningen-Suhl, die Kinder betreut. »Gegenseitige Achtung, Ruhe und Gelassenheit sind uns besonders wichtig«, so Rita Schnack. Und tatsächlich, am Kaffeetisch wird die Rasselbande von eben ganz zahm. »Wir bieten im Kinderhaus eine offene Kinderarbeit an, jedes Kind ist uns willkommen. Dabei ist es wichtig, dass auch für Kinder aus sozial schwachen Familien keine finanziellen Hürden entstehen«, erklärt die Gemeindepädagogin. »Die Eltern zahlen aus diesem Grund nur einen kleinen Obolus für das Kaffeetrinken, die Stadtkirche stellt uns das Haus zur Verfügung und trägt die Unkosten.«

Vor zehn Jahren öffnete das Kinderhaus seine Türen, ursprünglich, um die verschiedenen, über die Stadt verteilten Christenlehregruppen zu bündeln und den Kindern einen zentralen Ort zur Verfügung stellen zu können. Seitdem findet die Verkündigung wöchentlich von Dienstag bis Donnerstag am Rudolstädter Kirchhof statt. »Es gibt keine festen Christenlehrezeiten bei uns. Trotzdem legen wir großen Wert auf biblische Geschichten. Wenn ich von Jesus erzähle, entwickeln die Kinder ganz eigene Gedanken und beziehen die Geschichten immer auch auf ihr eigenes Leben«, schildert Rita Schnack. »Das Kinderhaus ist offen für alle Kinder der ersten bis sechsten Klasse, um einen möglichst nahtlosen Übergang zur Konfirmandenzeit zu schaffen«, ergänzt Katja Bettenhausen. Die Kirchenmusikerin engagiert sich seit seiner Eröffnung im Kinderhaus. So ist das gemeinsame Singen zu einem Schwerpunkt in der pädagogischen Arbeit geworden. Jeden Mittwoch probt hier der Kinder- und Jugendchor. Zum zehnjährigen Jubiläum wurde das Musical »Die vier Elemente« vorbereitet.

Das gemeinsame Singen ist zentraler Bestandteil der Kinderhaus-Nachmittage. Foto: Ulrike Eisner

Das gemeinsame Singen ist zentraler Bestandteil der Kinderhaus-Nachmittage. Foto: Ulrike Eisner

Fragt man die Kinder, was sie von ihrem Refugium im Herzen Rudolstadts halten, kommen die Antworten sofort. »Dass wir so viele tolle Sachen machen«, ruft Max. »Dass wir Freunde treffen und basteln können«, meint Amelie. Lisa hingegen mag das Singen am liebsten. Nach der Kaffeezeit sind die Akkus wieder aufgeladen und die Kinder stürmen in den Garten oder ziehen sich mit einem Buch in die Kuschelecke zurück. »Die Kinder haben sich ausgemacht, dass Mädchen und Jungs abwechselnd den Erker nutzen können«, erklärt Rita Schnack und fügt mit einem Lächeln hinzu: »Ich find’ die einfach ganz toll.«

Ulrike Eisner

Eine fröhliche Verkündigerin

5. August 2014 von redaktionguh  
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Vorgestellt: Pfarrerin im Entsendungsdienst Katharina Prüßing-Neumann

Einen Pluspunkt hatte sie sofort: Die neue Pfarrerin hat die schweren Steintröge vorm Pfarrhaus mit bunten Frühlingsblumen geschmückt. »Das sieht wunderschön aus. Das war immer so traurig. Bisher hat das noch niemand so schön gemacht«, sagt eine Frau aus der Gemeinde. Katharina Prüßing-Neumann freut sich über das Kompliment. Die Sonne scheint vom Himmel, der Einführungsgottesdienst mit Superintendent und Kollegen sowie einer bis in die zweite Empore gefüllten Dorfkirche trägt zu dieser Freude bei. Im April tritt Katharina Prüßing-Neumann ihre erste Stelle in Klettbach im Kirchenkreis Weimar an, im Mai feiert sie mit anderen jungen Theologen Ordination im Magdeburger Dom.

Sommer im Pfarrgarten, noch ist hier viel zu tun. Doch die Gemeindearbeit ist für Katharina Prüßing-Neumann der wichtigere Garten. Foto: Dietlind Steinhöfel

Sommer im Pfarrgarten, noch ist hier viel zu tun. Doch die Gemeindearbeit ist für Katharina Prüßing-Neumann der wichtigere Garten. Foto: Dietlind Steinhöfel

Inzwischen ist ein Vierteljahr vergangen. Es ist Sommer. Wieder lacht die Sonne in den großen Pfarrhof und -garten. Gerade hat die Pfarrerin im Entsendungsdienst ihre Christenlehrekinder verabschiedet. Die Arbeit mit Kindern liegt der 30-Jährigen besonders. »Das ging schon nach der Konfirmation los im Ehrenamt, dann während des Theologiestudiums als Nebenbeschäftigung«, erzählt sie. Dabei stammt die fröhliche Frau mit den roten Haaren aus keinem sehr christlichen Elternhaus. Ihr Vater gehört keiner Kirche an, ihre Mutter ist evangelisch. Doch sie und ihre Geschwister wurden getauft und konfirmiert. Das war die Abmachung zwischen den Eltern vor der Hochzeit. Welchen Weg sie dann in ihrem Leben gehen werden, sollte ihnen überlassen werden. Und Katharina fand ihre Berufung. »Es war schon in Konfirmandentagen mein Wunsch, Pfarrerin zu werden«, sagt sie. »Die Bibel hat mich interessiert, und die Glaubensfragen haben mich sehr angesprochen. Ich spürte, dass diese Themen mit mir zu tun haben. Das wollte ich weitergeben.« Weil die Konfirmandenzeit für sie so wichtig und wegweisend war, freut sie sich auf neue Konfirmanden im nächsten Schuljahr.

Zum Kirchengemeindeverband Klettbach gehören neun Dörfer mit etwa 600 Gemeindemitgliedern. Zum Glück, betont sie, habe sie sehr engagierte und kompetente Kirchenälteste, zudem eine Ministelle für Verwaltungsaufgaben. Allerdings sei die Arbeit umfangreicher als erwartet mit ihrer 75-Prozent-Anstellung. Schon allein der monatliche Gottesdienstplan für die neun Dörfer sei eine Herausforderung, damit die Feiern gerecht verteilt werden. Trotzdem macht ihr das Amt viel Freude, das ist nicht zuletzt ihren lebensnahen Predigten abzuspüren. Doch der eigene Anspruch an sich selbst und ihr Pfarrerbild reiben sich noch mit der Realität. In ihrer Jugend hatte sie gemeint, der Pfarrberuf sei ehrenamtlich, und sich gefragt, wie sie das wohl bewältigen würde – Beruf und Pfarramt.

Für die Klettbacher war Katharina Prüßing-Neumann keine Unbekannte. Schon während ihres Vikariats in Weimar hat sie hier hin und wieder Dienst getan. Zum Beispiel im Herbst 2013 eine Krabbelgruppe aufgebaut. Eine Mutter hatte nach der Taufe ihres Kindes nach einem solchen Angebot gefragt. Inzwischen treffen sich 15 Mütter mit ihren Kindern im Gemeindehaus.

Was sie sich wünscht? Eine wachsende Kirchengemeinde. Und da ist sie ganz realistisch: »Die beste Werbung ist ein attraktives und lebendiges Gemeindeleben.« Dazu gehören für sie die persönlichen Beziehungen, damit die Gemeinde merkt: Da ist jemand, der sich für mich interessiert.

Das Hoftor geht auf und eine Nachbarin bringt Früchte ihres Gartens: eine Gurke und einen großen Kohlrabi. Andreas Neumann, ebenfalls Pfarrer und Ehemann von Katharina, nimmt die Gaben entgegen. So etwas wächst noch nicht im Pfarrgarten. Die Zeit hierfür ist knapp. Doch die Blumenstauden, die sie zur Einführung bekommen hat, sind eingepflanzt und blühen prächtig. Ihre Hobbys stellt sie nun etwas zurück – das Lesen von Krimis, Fantasy, Romanen zum Beispiel. Andere Steckenpferde kommen ihrer Arbeit zugute: Basteln mit den Kindern, Theaterspielen oder biblische Geschichten neu erzählen.

Katharina Prüßing-Neumann wird Neues ausprobieren, aber vor allem auf Gottesdienst, Kasualien und Kontakte zu ihren Gemeindemitgliedern Wert legen. Den Wunsch ihres Gemeindekirchenrats, öfter Abendmahl zu feiern, wird sie ganz sicher erfüllen.

Dietlind Steinhöfel

Eine besondere Form des Gedenkens

26. Juli 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

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Das Reisdorfer Kriegerdenkmal wird in ein Friedensmahnmal verwandelt

Das Kriegerdenkmal in Reisdorf (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) wird am 26. Juli in ein Friedensdenkmal umgewandelt. 100 Jahre nach der Völkerschlacht bei Leipzig im Jahr 1913 errichtet, wird es jetzt mit einer Glasplatte versehen, auf der in acht Sprachen das Wort Frieden zu lesen ist. Michael von Hintzenstern befragte hierzu Pfarrerin Ruth-Barbara Schlenker (Kirchengemeindeverband Niedertrebra und Vakanzvertretung in Bad Sulza), in deren Gemeinden zahlreiche Veranstaltungen an den Ausbruch des 1. Weltkrieges vor 100 Jahren erinnern.

Pfarrerin Ruth-Barbara Schlenker, Falk Knoblauch und Ullrich Keimling mit der beschrifteten Glasplatte des Friedensdenkmals in Reisdorf. – Foto: Hartwig Mähler

Pfarrerin Ruth-Barbara Schlenker, Falk Knoblauch und Ullrich Keimling mit der beschrifteten Glasplatte des Friedensdenkmals in Reisdorf. – Foto: Hartwig Mähler

Wie kam es zur Idee der Denkmalumwandlung?
Schlenker:
Im Jahr 2013 bot es sich an, auf den großen Findling zu schauen, der dort seit 100 Jahren aufgerichtet steht und »ganz harmlos« die Zahlen 1813–1913 trägt, versehen mit einem Eisernen Kreuz. Einstmals »zierten« ihn noch zwei echte Kanonenkugeln. 2013 war seine Errichtung nicht nur ein Jahrhundert her, sondern es wurde auch an den Abschluss des deutsch-französischen Élysée-Vertrages vor 50 Jahren erinnert, der die Freundschaft zwischen beiden Völkern besiegelte.

Die Schlacht bei Auerstedt 1806 und die durchziehenden und marodierenden, diesmal fliehenden Franzosen 1813 haben viel Leid in die Dörfer gebracht sowie ökonomischen Schaden und Krankheiten. 2013 kam vom »Emstal Heimatbund Reisdorf« die Anregung, die Schrift am Denkmal zu erneuern. Als ich im September das Kirchspiel Bad Sulza in Vakanz übernahm, habe ich mich eingeschaltet und eine kleine Vorbereitungsgruppe gegründet. Mit Bürgermeister Dirk Schütze, Heimatforscher Ullrich Keimling und Gemeindekirchenratsmitgliedern überlegten wir gemeinsam, welche Botschaft das Denkmal heute haben müsste. Denn inzwischen sind zwei Kriege über die Welt gegangen mit 90 Millionen Toten, da kann man nicht so tun, als sei nichts passiert. Wir müssen uns heute der Rolle, die Deutschland weltweit in Konflikten spielen soll, bewusst werden und sie aktiv gestalten. Nicht Export von Waffen und Soldaten, sondern Aussendung von Menschen mitsamt der Logistik, die Konflikte schlichten und Kommunikation fördern. »Mit Deutschland, ist kein Krieg mehr zu machen« – das müsste das Leitbild unserer Republik werden. Was passiert stattdessen? Ein hoher Prozentsatz unseres wirtschaftlichen Wohlstands basiert auf Waffenexport.

In der Friedenskirche Auerstedt wird unter dem Motto »Kriegstod – Friedensvision« bis 15. August eine Ausstellung über Kriegerdenkmäler gezeigt. Welche Intentionen verbinden Sie damit?
Schlenker:
Das Gedenken an die Schlacht von Jena und Auerstedt 1806 wurde 2006 sehr kommerziell begangen. Damals hat sich die Geschichtswerkstatt Weimar-Apolda mit Kriegerdenkmälern in Thüringen befasst und diese Ausstellung konzipiert. Wir hatten die »Kriegslandschaft« um Auerstedt im Blick und haben uns gefragt, ob die Kriegserfahrungen die Denkweise und die Friedenshaltung der Bevölkerung nachhaltig beeinflusst haben. Wir schauten uns also die Denkmäler und den Umgang mit ihnen an. Darin unterschied sich Auerstedt nicht von anderen Orten. Nach der Wende wurden sie alle wieder belebt bzw. mit Opfertafeln des 2. Weltkrieges ergänzt. Dabei waren immer nur die toten Soldaten im Blick, nie »Feinde«, die hier zu Tode kamen. Dabei lohnt es sich, unbedingt auch darauf zu schauen und zu veranlassen, dass auch ihrer gedacht wird.

Die Ausstellung zeigt stellvertretend für alle Denkmäler, die sich immer wieder gleichen, die Typen vom kriegsverherrlichenden Monument bis hin zum ausgesprochenen Friedensdenkmal. Vor einiger Zeit wurde sie noch einmal pädagogisch überarbeitet und verallgemeinert, sodass sie jetzt Menschen anregen kann, mit ihren Denkmalen daheim fantasievoll umzugehen.

Einweihung des Friedensdenkmals Reisdorf: 26. Juli, 18 Uhr; Gedenkgottesdienst »Krieg und Frieden« in Auerstedt, 27. Juli, 9 Uhr

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