Plädoyer für das Leben

16. September 2017 von redaktionguh  
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Es war der berührendste Moment bei der »Wahlarena« im Fernsehen. Eine junge Frau, 18 Jahre alt, Erstwählerin, mit Downsyndrom, erklärt, dass neun von zehn Babys mit Downsyndrom in Deutschland abgetrieben werden und dass das bis wenige Tage vor der Geburt geschehen darf. Sie fragt Bundeskanzlerin Angela Merkel, wieso man Babys mit Downsyndrom bis kurz vor der Geburt abtreiben darf. »Ich will nicht abgetrieben werden, sondern auf der Welt bleiben!« Großer Applaus im Publikum, die Kanzlerin sichtlich bewegt. Sie verweist darauf, dass die Unionsfraktion eine verpflichtende Beratung bei Spätabtreibungen eingeführt habe. Eine Antwort auf die Frage bleibt sie schuldig.

CDU-Fraktionschef Volker Kauder gestand jüngst in einem Interview ein, dass er politisch in Sachen Abtreibung nichts mehr erreichen könne. Die Abtreibungsfrage sei entschieden. Die großen Parteien überlassen das Thema augenscheinlich der AfD. Christliche Lebensrechtsgruppen, die am Wochenende gemeinsam beim Schweigemarsch für das Leben in Berlin für den Schutz des ungeborenen Lebens demonstrieren, werden dadurch politisch in die rechte Ecke gedrängt.

Die Betroffenen, die Eltern, fühlen sich oft alleingelassen. Daran kann vermutlich auch ein Beratungsgespräch oder ein »Marsch für das Leben« nicht viel ändern. Durch den medizinischen Fortschritt ist Früherkennung möglich, aber die Überlebenschancen sind eben auch gestiegen. Geburt oder Abtreibung, wer will das entscheiden?

Die Entscheidung obliegt der Mutter. Es ist an uns, dass wir uns nicht wegducken, sondern den Betroffenen beistehen. Der Mut der jungen Frau in der Fernsehsendung ist bewundernswert. Ihr Plädoyer für das Leben hat mich beeindruckt.

Willi Wild

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Die Sonntagsfrage

10. September 2017 von redaktionguh  
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Es sind diesmal nicht die obersten kirchlichen Kreuzträger, die das Symbol der Christenheit fürs Foto abnehmen. Der Discounter Lidl lässt auf den Verpackungen seiner griechischen Spezialitäten die Kirchenkreuze der fotogenen Kulisse der Griecheninsel Santorin entfernen. Feta, Bifteki und Zaziki der Eigenmarke »Eridanous« zeigen zwar die Kuppeln der Kirchen, von denen es auf Santorin wohl 300 gibt, die Kreuze hat man wegretuschiert. »Eridanous« sieht griechisch aus und klingt auch so, ist es aber nicht. Im Englischen steht der Begriff für »erbärmlich« und das trifft auch auf die Erklärung des Konzerns zu. Das Unternehmen
respektiere die religiöse Vielfalt, deshalb habe man bewusst das Design verändert. Für Lidl sei eine religiöse Parteinahme nicht relevant.

Fast wäre auch das sogenannte Kanzlerduell ohne Kirche ausgekommen, hätte nicht Sandra Maischberger etwas unvermittelt die Sonntagsfrage gestellt: »Waren Sie heute in der Kirche?« Unvorbereitet und fast wie ertappte Konfirmanden gestanden beide Kandidaten, im Gottesdienst gefehlt zu haben. Recht viel mehr kam dann nicht mehr zu Kirche und Christentum und wurde auch nicht abgefragt. Mit knapp 60 Prozent stellen die Christen in unserem Land die größte religiöse Gruppe. Und es scheint, als werde sie von Medien und Politik wenig wahr- und vor allem ernst genommen.

Deshalb ist es gut, dass in einigen Kirchengemeinden den Bundestagskandidaten auf den Zahn gefühlt wird, wie beim öffentlichen Podiumsgespräch der evangelischen Jakobsgemeinde in Köthen. In der nächsten Ausgabe der Kirchenzeitung konfrontieren wir Bewerber für den Bundestag mit Fragen, die uns Christen bewegen. Auf die Antworten bin ich gespannt.

Willi Wild

Gott »Hallo« sagen

3. September 2017 von redaktionguh  
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Meine Freundin Anja hat mit Gott nicht viel am Hut. Als wir einmal gemeinsam in Prag waren und den Hradschin besichtigten, fragte sie mich plötzlich mit Blick auf den Veitsdom: »Na, willst du Gott nicht schnell ›Hallo‹ sagen?« Ich wollte tatsächlich und nahm mir eine stille Zeit, während Anja weiter das Gelände erkundete. Sie hatte mein Bedürfnis gespürt, mir eine kurze Auszeit zu gönnen und Gott nahe zu sein, zur Ruhe zu kommen und zu beten.

Viele Menschen haben dieses Bedürfnis, doch oft ist hierzulande an der Kirchentüre Endstation. Wer einen längeren Atem hat, der kommt am Sonntag wieder, doch der, der sich erst hat überwinden müssen, der wird sicher kaum einen zweiten Versuch wagen. Das hat Landesbischöfin Ilse Junkermann klar erkannt. Innerhalb eines Jahres eine fast vollständige Kirchenöffnung für die EKM zu schaffen, das war wohl sehr ambitioniert.

Kirchentüren sperren sich nicht von allein auf. Es sind engagierte Gemeindemitglieder, die für ihre Kirchen und sich auch um sie sorgen. Natürlich könnte man 24 Stunden offen lassen oder aber Beschallungstechnik zurückbauen, liturgische Gefäße, Kunstschätze oder kostbare Kruzifixe wegsperren. Doch gerade bei Letzterem muss man sich im Klaren sein, dass Kirchen dann zwar offen und für jedermann begehbar sind, jedoch das Wesentliche von ihrer Bestimmung verlieren würden.

Nichtsdestotrotz, die Initiative »Offene Kirchen« ist und bleibt eine gute Idee, die es weiter zu verfolgen gilt. Und mit der Zeit und wachsenden Erfahrungen könnte aus der Idee ein echtes Erfolgsmodell werden, das die Kirche im 21. Jahrhundert in unseren Breiten stärker verankert. Vielleicht klappt es ja mit den 95 Prozent bis zum nächsten Reformationsjubiläum.

Diana Steinbauer

Begleitung im Glauben

27. August 2017 von redaktionguh  
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Ein kleiner Mensch, frisch in der Welt angekommen, soll in der christlichen Gemeinschaft aufwachsen, begleitet, gestärkt, beschirmt. Es ist ein Grund zur Freude, dass sich auch heute viele Eltern – wieder oder immer noch – für die Taufe ihres Kindes entscheiden und das Fest zu einem bis ins Detail vorbereiteten freudigen Höhepunkt werden lassen. Möglicherweise auch dann, wenn ihre eigene Beziehung zur Kirchengemeinde und vielleicht sogar zu ihrem Glauben diffus geworden ist oder sich auf wenige, zumeist feiertägliche Berührungspunkte beschränkt.

Dass sie dann auch Paten für ihr Kind auswählen, wohl überlegt Menschen ansprechen, die es auf seinem Weg begleiten sollen, ist nicht minder erfreulich. Das Patenamt beinhaltet verantwortungsvolle Aufgaben. Für Eltern ist es allerdings manchmal gar nicht leicht, jemanden zu finden, der als Pate infrage kommt, weil bei den Freunden die kirchliche Bindung fehlt. Hinzu kommt eine weitere Hürde. Offenkundig scheint in Vergessenheit geraten zu sein, was es bedeutet, ein Patenamt für einen Täufling zu übernehmen.

Doch gerade weil die Idee des Pate-Seins, des Begleitens und Erziehens im christlichen Glauben und nach christlichen Werten mit den Eltern und in Ergänzung dazu so zeitlos wertvoll und großartig ist, sollte sich Kirche Zeit nehmen und Wege finden, um dem Patenamt wieder mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

Gesprächsrunden unter Paten sind ein guter Ansatz. Oder ein Austausch in anderer Form, der die Verantwortung und Pflichten deutlich und verständlich klarmacht. Zugleich sollten Christen ermutigt werden, sich auf diese wunderbare Aufgabe einzulassen.

Anke Pfannstiel

Himmel, Arsch und Luther

20. August 2017 von redaktionguh  
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Donnerwetter! Wenn man sich mit Martin Luther beschäftigt, wird man irgendwann auch auf seine Sprache stoßen. Tatsächlich fühlt man sich bei der Lektüre seiner Zitate frappierend an die heutige »hate speech« erinnert; die »Hassrede« – jene neu aufkommende Verrohung der Sprache, die in unsäglichen, aber quotenträchtigen Talkshows in die Wohnzimmer flimmert und endlos wiederholt wird in den sozialen Medien.

Auch Luthers Zeit war eine Periode der »hate speech«. Die Kulturwissenschaft bezeichnet diese Periode mit dem Wort »Grobianismus«. Der große Reformator schimpfte und provozierte, wütete und kanzelte ab wie kaum ein zweiter.

Luther war ein Phänomen. Vom Akademiker zum Straßenprediger, vom wissenschaftlichen Diskurs zur Wort-Gewalt eines Fischverkäufers, der die Menschen Kraft seiner Sprache zum Zuhören zwingt. Nicht alles ist dabei seiner Veranlagung zum Choleriker zuzuschreiben. Auch nüchternes Kalkül wird eine Rolle gespielt haben. Denn Luther wollte die Menschen erreichen; nicht nur die Gebildeten, sondern das ganze Volk. Er suchte und fand die Aufmerksamkeit der Menschen auf den Straßen. Er buhlte regelrecht darum.Und daran hapert es heute.

Wer heute Theologen nach Gott und Glaube fragt, erhält meist erst mal eine Antwort: »Das ist alles nicht so einfach.« Das stimmt auch. Es ist nicht einfach, eine 2000 Jahre alte Botschaft in heutiges Denken und Fühlen zu übersetzen. Aber auch für Luther lagen schon 1 500 Jahre dazwischen. Und er fand einen Weg.

Niemand kann eine Jahrtausend-Figur wie Martin Luther einfach kopieren. Aber: Das Evangelium so zu verkündigen, dass auch RTL 2-Zuschauer hinschauen und hinhören – wäre nicht das die Herausforderung heutiger Theologie?

G.-M. Hoeffchen

Man müsste mal

13. August 2017 von redaktionguh  
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Die Idee war und ist klasse. Gesunde besuchen Kranke und tun ihnen Gutes. Die Anregung dazu bekam Brigitte Schröder in den USA von den »Pink Ladies«. Der Grundgedanke ist aber schon in der Bibel zu finden. Dort ist zwar nicht von den Grünen Damen die Rede, aber vom Dienst am Nächsten. In Matthäus 25 Vers 40 heißt es: »Ich war krank und ihr habt mich besucht.« Die Präambel der Grünen Damen und Herren. Apro­pos Herren. Von den 9 000 Ehrenamtlichen in 600 Krankenhäusern und Altenhilfe-Einrichtungen sind nicht einmal 10 Prozent Männer.

Die Arbeit der Grünen Damen wird zu Recht hoch gelobt. Oft sind es Männer, die die Arbeit öffentlich würdigen. Da kann man sich manchmal des Eindrucks nicht erwehren, dass damit der fehlende eigene Einsatz kompensiert werden soll. Ich will mich da gar nicht ausnehmen. Wie oft schiebt man den Mangel an Zeit und Möglichkeit vor. Im erwähnten Bibelvers geht es nicht nur um den Besuchsdienst. Das Geschlecht und die Farbe des Kittels spielen in diesem Zusammenhang auch keine Rolle. Kleiderkammer, Gefangenen-Betreuung, Kollektendienst im Gottesdienst oder Putzkolonne im Gemeindehaus. Oft bleiben wir bei »man müsste mal« stehen.

Wollte ich nicht bei der Freitagsmusik des Posaunenchores im Krankenhaus mitwirken? Wöchentlich zieht eine kleine Gruppe Blechbläser von Station zu Station und spielt Choräle auf den Gängen. Entweder kam etwas dazwischen oder ich habe es schlicht vergessen. Das will ich ändern. Der nächste Termin steht fest im Kalender. Brigitte Schröder hat sie vorgelebt, die praktische Nächstenliebe. Oder wie es der Sozialreformer Johannes Falk ausdrückte: »Die Predigt ist keine Tat, wohl aber die Tat eine Predigt.«

Willi Wild

Glocken für den Krieg

6. August 2017 von redaktionguh  
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Wenn abends um sechs die Glocken läuteten, mussten wir heimkommen. Läutete es nachmittags, wussten wir: Jemand wird beerdigt. Läuten Glocken zur Taufe, Konfirmation, Hochzeit und am Grab, teilen sie die schönen und die schweren Stunden einem ganzen Ort mit. Umgekehrt nehmen sie einzelne Menschen in das hinein, was alle betrifft: Frieden und Krieg, Feuer, Gefahr und Befreiung. Glockenguss und Glockenweihe sind große Feste. Zerspringt umgekehrt eine Glocke, ist das beklemmend. Wird sie abgenommen und zerschlagen, kann auch im Inneren der Menschen etwas kaputtgehen.

Im Ersten Weltkrieg wurden in ganz Deutschland Glocken von den Kirchtürmen genommen, auf Glockenfriedhöfen gesammelt und dann eingeschmolzen. Die wenigsten kamen zurück. Viele der Verschonten fielen dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer. Wenn sie zuvor zu Gottesdiensten, zu Freude und Leid der Menschen gerufen hatten, wurden sie nun zu todbringenden Waffen, zu Kanonen, Gewehren und Munition. Vielleicht wurde aus einer Glocke sogar jene Kugel, die das Leben auslöschte, das sie einstmals am Taufbecken eingeläutet hatte.

Was den Menschen helfen und ihnen das Leben erleichtern und schön machen soll, wird dazu verwendet, sie zu verletzen, zu unterdrücken, zu foltern und zu töten. Das passiert immer wieder, auch heute. Glocken zu Kanonen.

Die Bibel träumt umgekehrt. Es wird gelingen, dass die Menschen Schwerter zu Pflugscharen, Spieße zu Winzermessern schmieden – und nicht umgekehrt. Die Glocken unserer Kirchen rufen zum Gebet. Sie läuten die Liebe ein. Sie läuten gegen den Tod an. Sie mahnen für Menschenrechte. So loben sie Gott.

Margot Runge

Die Autorin ist Pfarrerin in Sangerhausen.

Zu viel Luther?

30. Juli 2017 von redaktionguh  
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Das aktuelle Reformationsjubiläum ist kaum überschaubar und zugleich inspirierend. Eine kleine, ganz persönliche Auswahl der letzten Tage: Lesung von F. C. Delius, der in seinem Buch »Warum Luther die Reformation versemmelt hat« Luther den Erbsündenbegriff des Augustinus und damit die Sündhaftigkeit der Sexualität vorwirft und in der Diskussion einen »Erbsündenbeauftragten« der EKD fordert. Am gleichen Tag, wiederum in Wittenberg, eine Tagung über die Zukunft von Kirchengebäuden und über Ideen zur Transformation von Räumen zu Orten spiritueller Begegnung. Zwei Tage später ein Ausstellungsbesuch »Luther in Laach«, denn auch im Benediktinerkloster Maria Laach grassiert der Luther-Virus. Luther war hier natürlich nie, ist aber bis heute mit zahlreichen Schriften in der wunderschönen Bibliothek präsent, übrigens bis zum Zweiten Vaticanum als »verbotene Bücher« gekennzeichnet und erst danach als »allgemeine Theologie«. Die Vielzahl an Veranstaltungen in ganz Deutschland zeigt: Das Reformationsjubiläum ist eine Graswurzelbewegung!

Luther (ver)führt viele Menschen an die authentischen Stätten. Eine schöne Erfahrung: Auch die Heimat Luthers, das Mansfelder Land, wird zunehmend wahrgenommen, die Museen in Eisleben und Mansfeld besuchen fast dreimal so viele Gäste wie im gleichen Zeitraum 2016. Denn: Das Original zieht! Gegen jede kirchliche Luther-Skepsis und Luther-Ferne sei gesagt: Mit seinen Ecken und Kanten ist Luther ein faszinierender Mensch, ein »Vater im Glauben«, der mit seinem eigenen Ringen bis heute existenziell berührt, ein großartiger Schriftsteller und Seelsorger, eine Persönlichkeit Mitteldeutschlands wie der Weltgeschichte. 2017 ist ein Luther-Jahr, und das ist auch gut so!

Stefan Rhein

Der Autor ist Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten Sachsen-Anhalt

Auf der falschen Spur

21. Juli 2017 von redaktionguh  
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Zwischenbilanz des Reformationsjubiläums: In Thüringen läuft es besser als erwartet. »Im Gegensatz zu Wittenberg, wo vor allem die religiöse Botschaft Luthers vermittelt werde, visiere man eine breitere Zielgruppe an«, ließ sich Eisenachs Oberbürgermeisterin Katja Wolf (Linke) zitieren.

Es ist ein Schlag ins Gesicht für alle, die sich im Reformationsjubiläum ihres Glaubens wegen engagieren. Für die, die Luthers Ansichten verbreiten, diskutieren und ins Hier und Jetzt übertragen wollen. Die Oberbürgermeisterin aus Luthers »lieber Stadt« dagegen feiert die geistliche Inhaltslosigkeit, weil die Zahlen dafürsprechen.

Und so passt es auch perfekt ins Konzept, dass hier über 30 000! Besucher auf Luthers Spuren wandern werden. Dass die Wanderer rein physisch zwischen Georgenkirche, seiner damaligen Lateinschule und dem Haus seiner Verwandten, Frau Cotta, auch mal genau da langlaufen, wo Luther einst als 15-Jähriger langlief, ist höchst wahrscheinlich. Doch auf Luthers geistige und geistliche Spuren werden die Wanderer nur am Rande geführt. Dass es städtisches Kalkül ist, wissen wir nun, aber warum hat die Kirche dem wenig entgegenzusetzen? Es sind Ferien und es gab in diesem Jahr schon genug zu tun, lauten mögliche Erklärungsversuche.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung zitierte in ihrer Bilanz zum Reformationsjubiläum den Münchner Theologen Friedrich Wilhelm Graf mit den Worten: »Ich kann nicht erkennen, was die Kirche mit dem Reformationsjubiläum eigentlich will.« Wenn über 30 000 Menschen zum Wandern auf Luthers Spuren nach Eisenach kommen, sollte die Kirche mehr Spuren seiner reformatorischen Botschaften gelegt haben als zwei ökumenische Gottesdienste, Konzerte und offene Kirchen.

Mirjam Petermann

Ballermann bei Luther

15. Juli 2017 von redaktionguh  
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Noch sind zwei Monate Zeit. Schon jetzt bringen die Sattelschlepper Zelte, Garnituren, Küchen, Spülstraßen und – ganz wichtig – Maßkrüge. Der Wiesn-Aufbau hat begonnen. Was vor 207 Jahren zu Ehren des königlichen Brautpaares Ludwig des I. von Bayern mit Therese von Sachsen-Hildburghausen begann, hat sich zum größten Volksfest der Welt gemausert. Das Münchner Oktoberfest. Mit Luthers Hochzeit im Juni in Wittenberg hat sich ein ähnliches Veranstaltungskonzept seit 1993 etabliert. Jahr für Jahr wächst der Besucherstrom.

Schade, dass das Fest nur einmal im Jahr stattfindet. Wären doch gerade jetzt in den Sommermonaten des Reformationsjahres Gäste vonnöten. Vor allem in den Wallanlagen bei der Weltausstellung. Die Idee – ebenfalls aus Bayern – kommt da gerade zur rechten Zeit. Am Seelsorge-Riesenrad öffnet ein Biergarten seine Pforten und die Zapfhähne. Den musikalischen Auftakt machte das Blasorchester Wittenberg. Der Kirchenliedermacher Fritz Baltruweit wird nächste Woche für zünftige Stimmung sorgen.

Der Versuch, die Lutherstadt auch volkstümlich erscheinen zu lassen, ist aller Ehre wert. Vermutlich wäre auch der Reformator einem Besuch nicht abgeneigt. Achtung: Alkoholisierten Besuchern ist die Fahrt in den Gondeln untersagt. Das Seelsorge-Gespräch muss also warten, bis Fröhlichkeit und Alkohol verflogen sind. Apropos: Der Partyhit von Tony Marschall »Die Hände zum Himmel« könnte bald »Ein feste Burg« übertönen. »Wenn du heut’ nicht in der Stimmung bist / Lass doch alles so sein, wie es ist / Wir wollen trinken, noch einen trinken / Weil man die Sorgen dann vergisst.« So schnell wird aus dem Torraum 6 der Ballermann 6 des Reformationssommers.

Willi Wild

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