Maßstäbe
5. März 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
Abgelegt unter Kommentar

Bischöfin Margot Käßmann bei einer Podiumsdiskussion beim Deutschen Evangelischen Kirchentag 2009 in Bremen, Deutschland. Quelle: evangelisch.de
Selten hat ein persönlicher Fehler die Menschen so bewegt wie der Fall von Margot Käßmann. Tagelang bestimmten ihre Alkoholfahrt und die Folgen die Schlagzeilen. Ihr schneller Rücktritt von allen Ämtern – als EKD-Ratsvorsitzende und als hannoversche Landesbischöfin – kam dennoch für viele überraschend. Doch es passt zur bisherigen Bischöfin, dass sie sich ohne Umschweife zu ihrem Fehlverhalten bekannt hat und auch die Konsequenzen trägt. Nicht zuletzt für diese Geradlinigkeit und für ihre offene Art, mit den Brüchen in ihrem Leben umzugehen, ist sie geschätzt worden.
Ihre Glaubwürdigkeit basiert auf einem hohen moralischen Anspruch. Mit ihrem Rücktritt hat sie ein Zeichen gesetzt. In der Kirche kann es einen anderen Umgang mit Schuld und persönlichem Versagen geben als in Politik und Wirtschaft. Zugleich hat sie deutlich gemacht, von wem sie sich dabei getragen weiß. So viel Glaubenszuversicht in schwerer Zeit predigt mehr als manche Grundsatzrede. Die Glaubwürdigkeit der evangelischen Kirche hat durch den Schritt jedenfalls nicht gelitten. Im Gegenteil: Durch die konsequente Haltung der bisherigen Spitzenfrau ist sie in der Achtung eher gewachsen. Zudem geht die Theologin der Kirche ja nicht verloren. Jetzt wird sie an anderer Stelle beweisen, was ihr wichtig ist.
In der EKD hinterlässt der Abgang Margot Käßmanns freilich eine Lücke, die vom designierten Nachfolger, dem rheinischen Präses Nikolaus Schneider, nur schwer auszufüllen sein wird. In einer Mediengesellschaft, die ganz auf Köpfe setzt, war sie das Gesicht der evangelischen Kirche – fröhlich und den Menschen zugewandt. Dass sie auch vor heißen Eisen nicht zurückgeschreckt ist, ob in der Frage des Afghanistan-Krieges oder bei der Trauerfeier nach dem Selbstmord von Torwart Robert Enke, hat ihr zwar nicht nur Beifall eingetragen, aber Diskussionen in Gang gesetzt. Als Ratsvorsitzende mag sie an den hohen Ansprüchen gescheitert sein, durch ihre Art des Umgangs mit Schuld hat sie jedoch überzeugt.
Martin Hanusch
Abgefahren
24. Februar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
Abgelegt unter Kommentar

Foto: Gianluigi Calcaterra
Der Berliner Diakonie war der Vorfall sichtlich unangenehm. Zudem sind die Folgen noch gar nicht abzusehen. Es dürfte geraume Zeit dauern, bis die Diakonie ihre Glaubwürdigkeit zurückgewonnen und den Imageschaden aus der Welt geräumt hat. Als erste Konsequenz nach dem Bekanntwerden des Skandals hatte der evangelische Wohlfahrtsverband dem Geschäftsführer ein Ultimatum gesetzt und mehr Transparenz angemahnt. Inzwischen ist der Maserati verkauft und dem Chef der Treberhilfe einen Co-Geschäftsführer zur Seite gestellt worden, um weitere Irritationen zu vermeiden. Das war das Mindeste, was die Verantwortlichen tun konnten.
Der Fall zeigt freilich auch, dass die Diakonie hier vor einem Dilemma steht. Der Dachverband ist im Prinzip ein zahnloser Tiger, der wenig Einfluss auf die Geschäftsgebaren seiner Mitglieder nehmen kann – es sei denn, eine Einrichtung schlägt derart über die Stränge. Doch für den Wohlfahrtsverband ist es von elementarer Bedeutung, dass Einrichtungen für das einstehen, was die Diakonie auszeichnen sollte: Hilfe zu bieten für die am Rande der Gesellschaft Stehenden. Mit einem Nobelauto für den Chef dürfte das kaum gelingen.
Martin Hanusch
Ein tiefer Sumpf
18. Februar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
Abgelegt unter Kommentar

Foto: Julia Freeman-Woolpert, sxc.hu
Eine Lawine von Missbrauchsfällen erschüttert die katholische Kirche. Offenbar ungehindert haben Lehrer des Jesuitenordens ihre Schüler sexuell missbraucht – am renommierten Berliner Canisius-Kolleg und auch an anderen Schulen. Heute geht aus den Ordensakten hervor, dass sich einer der Täter sogar in Therapie befand. Doch niemand im Jesuitenorden nahm ihn aus der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen je hinaus. Statt der eigentlich fälligen Strafanzeige gegen die Beschuldigten wurde geschwiegen und vertuscht, was zu vertuschen war.
Kurz vor der Veröffentlichung des Zwischenberichts durch die Jesuiten-Anwältin Ursula Raue ging der Rektor des Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes, von einer dreistelligen Opferzahl aus. Und unter den Gläubigen breitet sich Erschrecken darüber aus, wie tief der Sumpf des Missbrauchs ist. Pater Mertes ist dabei nichts vorzuwerfen, im Gegenteil: Er war der erste, der es wagte, den Zirkel des Schweigens zu durchbrechen. Er betreibt die Transparenz, die im Umgang mit sexuellem Missbrauch nötig ist. Und das gilt auch für den Protestantismus, für Sportvereine und Jugendclubs.
Denn sexueller Missbrauch kommt in allen Kreisen der Gesellschaft vor. Ob der Zölibat der katholischen Geistlichen theologisch Sinn macht, sei dahingestellt. In jedem Fall dürfte der weitaus größte Teil der mehr als 2000 Verbrecher, die im vergangenen Jahr in Deutschland wegen des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen verurteilt wurden, nicht im Zölibat gelebt haben. Auch in der evangelischen Kirche gibt es immer wieder entsprechende Fälle, so zuletzt in Geesthacht, wo ein Kantor wegen des angeblichen Missbrauchs einer Konfirmandin vom Dienst suspendiert wurde. Deswegen ist Wachsamkeit in puncto Kindesmissbrauch eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Dass die Täter des Canisius-Kollegs nicht angeklagt werden können, weil die Straftaten verjährt sind, bleibt ein Skandal, der fast so groß ist, wie der Missbrauch selbst.
Benjamin Lassiwe
Die Aldi-DDR
11. Februar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Kommentar

Foto: Jelle Weidema, sxc.hu
Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Seit der Mensch über sich nachdenkt, seit er Religionen hat, zieht sich die Phase des bewussten Verzichts durch nahezu alle Kulturen. Warum eigentlich, wo doch alles zur Verfügung steht? Gerade deswegen!
Eines Tages hatte Homo sapiens es mit Ackerbau und Viehzucht geschafft, seine Ernährung auf eine planbare Grundlage zu stellen. Jetzt war er nicht länger nur ein zotteliger Primat, der Beeren, Nüsse und Früchte klaubend durch die Wälder zog, Tag für Tag auf die Gnade der Natur angewiesen. Doch auf Wohlstand und Überfluss ist sein biologisches Programm nicht eingestellt, sondern auf den Wechsel von guten und schlechten Zeiten. Gibt es reichlich zu essen, langt der Mensch zu und legt sich Polster an für Hunger und Not. Dieses Muster hat alles Verhalten des Menschen geprägt: Zugreifen, wenn die Gelegenheit günstig ist, morgen könnte sie vorüber sein. Die Mangelwirtschaft der DDR wurde auch dadurch in den Ruin getrieben. Lag eine begehrte Ware endlich in den Regalen, war sie sofort ausverkauft.
Der Handel macht sich das seit jeher zunutze. Täglich wird eine neue günstige Gelegenheit hinausposaunt. Niemand spielt auf dieser Klaviatur des Unbewussten so virtuos wie der Discounter Aldi. Dort wird jede Woche aufs Neue die DDR inszeniert. Konsumartikel werden künstlich verknappt. Nur ein- oder zweimal im Jahr gibt es dort, was andere Märkte ständig bereithalten. Aldi ist indes nur ein Beispiel. Oft hält jedoch der niedrige Preis näherer Überprüfung nicht stand. Und andere kommt er teuer zu stehen. Wenn ein Kilo Apfelsinen bei Aldi nur 70 Cent kostet, kann für den marokkanischen Orangenpflücker nur ein Hungerlohn herausspringen.
Ohne Scheu – so lautet in diesem Jahr das Motto der Fastenaktion »7 Wochen ohne«. Vielleicht sollte man das mal versuchen: Ohne Scheu ein Geschäft voller Schnäppchen betreten – und mit leeren Händen wieder rausgehen.
Wolfgang Weissgerber
Auf dem Prüfstand
4. Februar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
Abgelegt unter Kommentar

Foto: MJimages, sxc.hu
Unumstritten waren die Hartz-IV-Gesetze noch nie. Doch jetzt mehren sich die Stimmen derer, die einschneidende Änderungen anmahnen. Die Vorschläge reichen von einer anderen Bezeichnung, wie etwa von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen ins Gespräch gebracht, über höhere Regelsätze bis zu einer gründlichen Revision. Erstaunlich wenig Rückhalt hat dagegen die Forderung des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) gefunden, eine
Arbeitspflicht für Hartz-IV-Empfänger einzuführen. Als ob die Mehrheit der Betroffenen das Leben von Hartz IV als angenehme Variante ansehen könnte. Zum Glück ist der Vorstoß auf breite Ablehnung gestoßen – selbst in den eigenen Reihen. Zwang gibt es schon genug. Was wirklich fehlt, sind echte Perspektiven und neue Arbeitsplätze.
Zwar hat die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe durchaus positive Effekte mit sich gebracht. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs ist gestiegen, die Arbeitslosenquote zurückgegangen. Wenn allerdings Hartz IV als Brandmal erscheint und die Angst vor dem Abstieg dominiert, ist etwas faul im System. Schon deshalb gehören die Bestimmungen auf den Prüfstand.
Die Kirchen halten sich hier auffällig zurück. Auch in den meisten Gemeinden spielt das Thema kaum eine Rolle, wie eine Studie des Kinderhilfswerkes Compassion Deutschland ergeben hat. Allein das Diakonische Werk ist hier mit konkreten Vorschlägen hervorgetreten. Zuletzt hat sich die Diakonie Mitteldeutschland deutlich gegen die ungerechte Rückzahlung im Zusammenhang mit der Kindergelderhöhung bei Hartz-IV-Empfängern gewandt. Verständlich ist die kirchliche Zurückhaltung nicht: Immerhin nimmt der Umgang mit den Armen und Schwachen in der Bibel breiten Raum ein. Schon im Alten Testament gibt es eine Fülle von Bestimmungen, die sich mit sozialen Fragen befassen. Der Maßstab für eine gute Gesellschaft war immer der Punkt, wie es dem Schwächsten geht. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Martin Hanusch
Provokant
28. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
Abgelegt unter Kommentar

Foto: Yan Boechat, sxc.hu
Hannovers Bischöfin Margot Käßmann geht es derzeit ein bisschen so wie Goethes Zauberlehrling. Mit ihrer Neujahrspredigt und einigen Interviews hatte die EKD-Ratsvorsitzende eine höchst notwendige und dringend erforderliche Debatte um die Fortsetzung und künftige Gestaltung des deutschen Engagements in Afghanistan ausgelöst. Und ihr Diktum »Nichts ist gut in Afghanistan« hat schon Ende Januar gute Chancen, zu einem der Zitate des Jahres zu werden.
Sicher: Margot Käßmann äußert sich gern plakativ. Ihr ganzes Berufsleben lang hat sich die Theologin mit offenen Worten nicht zurückgehalten, auch wenn das für ihr Gegenüber zuweilen unangenehm war. Zuletzt riskierte sie einen Konflikt mit der katholischen Kirche, als sie auf die Frage, was sie ökumenisch von Papst Benedikt XVI. erwarten könne, schlicht mit »nichts« antwortete. So richtig diese Antwort ist – so sehr stößt sie die Katholiken vor den Kopf. Möglich, dass das der Sprengstoff ist, der den Ökumenischen Kirchentag im Mai vorantreibt: Mit ihrer forschen Art hatte Margot Käßmann bislang Erfolg. Als Frau und Mutter boxte sie sich in der Männergesellschaft Kirche durch. Auch deswegen ist sie so ungeheuer populär.
Doch es gehört zum Charakter einer plakativen Äußerung, dass ihr manchmal die Präzision fehlt. Am 25. Januar veröffentlichte die EKD ein Grundsatzpapier zu Afghanistan. Es ist deutlich ausgewogener als die Neujahrspredigt: Gefordert wird darin ein Vorrang des zivilen Aufbaus. Gespräche mit gemäßigten Taliban werden angemahnt. Doch auch die Rolle der ISAF-Schutztruppe wird anerkannt. Und es gibt den Vorschlag, die zivilen Friedenskräfte ebenfalls mit einem Bundestagsmandat zu versehen. Zurückgerudert sind die Protestanten damit nicht. Im Gegenteil: Sie erläutern ihre Position noch einmal so, dass es der Politik erleichtert wird, im Umfeld der internationalen Afghanistankonferenz darauf einzugehen. Denn eine provokante Position alleine reicht für die Lösung des Konfliktes nicht aus.
Benjamin Lassiwe
Wettstreit
21. Januar 2010 von redaktionguh
Abgelegt unter Kommentar
Droht den Bundesländern Sachsen-Anhalt und Thüringen ein Wettstreit im Blick auf das Lutherjubiläum 2017?
Wenn man manchen Berichten der jüngsten Zeit Glauben schenkt, hat das Rennen um die beste Ausgangsposition in der Reformationsdekade längst begonnen. Da werden die Lutherstädte Eisleben und Wittenberg plötzlich zu Konkurrenten von Wartburg oder dem Lutherstammort Möhra erklärt. Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) tut gut daran, sich an solchen Streitigkeiten und Spiegelfechtereien nicht zu beteiligen. Ihr Augenmerk muss vielmehr auf die inhaltliche Ausgestaltung der nächsten Jahre gerichtet sein.
Mit Erfurt, Eisenach, Eisleben, Möhra, Torgau und Wittenberg vereint sie fast alle wichtigen Lutherstätten auf sich, lediglich Schmalkalden und Coburg zählen nicht zu ihrem Gebiet. Diese Fülle an authentischen Orten ist zweifellos ein großes Pfund, mit dem die EKM in der Lutherdekade wuchern kann.
Schon aus diesen Gründen muss der Kirche daran gelegen sein, dass die beteiligten Bundesländer im Blick auf das große Jubiläum intensiv zusammenarbeiten. Ansonsten besteht die Gefahr der Zersplitterung, die niemandem weiterhilft.
Natürlich haben die Länder, was den Tourismus betrifft, eigene Interessen.
Allerdings dürfte sich ein amerikanischer oder skandinavischer Tourist, der auf den Spuren Luthers wandelt, kaum von deutschen Ländergrenzen beeindrucken lassen. Er wird die Wartburg genauso sehen wollen wie das Geburtshaus in Eisleben oder das Schloss Hartenfels in Torgau. Das sollte auch den Verantwortlichen klar sein.
Den Kirchen kann es zudem nicht allein um eine touristische Vermarktung des Reformators gehen.
Im Mittelpunkt aller kirchlichen Bemühungen um das Jubiläum 2017 muss vielmehr die Bedeutung des Reformators für Kirche und Gesellschaft stehen und die Frage, was uns das heute, 500 Jahre danach, zu sagen hat. Im stark säkularisierten »Kernland der Reformation« ist das wohl Aufgabe genug.
Martin Hanusch
Kriegslogik?
15. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Kommentar

Dr. Margot Käßmann, Vorsitzende des Rates der EKD (Foto Monika Lawrenz/ LVH)
Eigentlich könnte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zufrieden sein. So viel Aufmerksamkeit wie nach der Kritik der Ratsvorsitzenden Margot Käßmann am Bundeswehreinsatz in Afghanistan ist ihr lange nicht zuteil geworden. Endlich wird über den Krieg am Hindukusch und friedensethische Fragen intensiv diskutiert. Nach den ersten massiven Reaktionen auf die Bedenken der Bischöfin hat sich die Aufregung inzwischen wieder etwas gelegt. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und die EKD-Ratsvorsitzende haben sich zu einem klärenden Gespräch getroffen. Soweit scheint es ein völlig normaler Vorgang.
Nicht normal sind dagegen die Unterstellungen, die Ratsvorsitzende könne nicht für die gesamte evangelische Kirche sprechen, übe »populistische Fundamentalkritik« und falle noch dazu mit ihren Äußerungen den Soldaten in den Rücken. Hier gibt es offensichtlich einigen Klärungsbedarf, was Aufgabe der Kirche ist. Die Rechtfertigung eines Krieges kann es jedenfalls nicht sein. Natürlich hat eine EKD-Ratsvorsitzende das Recht und die Pflicht, sich zu einem Bundeswehreinsatz zu äußern, der viel zu lange verharmlost worden ist.
Die Politik hat sich zuletzt um eine Diskussion über Ziele und Länge des Engagements in Afghanistan gedrückt – wohl auch aus Sorge vor der öffentlichen Meinung. Nun wagt es endlich jemand, offen zu sagen, dass die Logik des Krieges durchbrochen werden muss. Vermutlich sind die Reaktionen deshalb so heftig ausgefallen. Zudem herrscht bei manchen Politikern augenscheinlich das fatale Missverständnis vor, die Kirchen seien allein für die inneren Werte zuständig.
Doch der christliche Glaube hat auch ganz praktische Konsequenzen. Vor wenigen Wochen erst ist die mutige Rolle der Kirchen in der DDR gefeiert worden. Damals haben sich die Protestanten deutlich positioniert – auch politisch. Was früher richtig war, kann jedoch nicht plötzlich falsch sein, nur weil es der eigenen Position widerspricht.
Martin Hanusch
Gesprächsbedarf
7. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
Abgelegt unter Kommentar

Foto: Daniel Cubillas, sxc.hu
Das neue Jahr beginnt, wie das alte geendet hat: mit einer Debatte um den Islam und die Frage, ob es sich hier um eine gewalttätige Religion handelt. Waren es zuletzt das Minarettverbot in der Schweiz und das vereitelte Flugzeug-Attentat von Detroit, was die Gemüter bewegte, ist es nun der versuchte Anschlag auf den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard. Vor gut vier Jahren hatten seine Mohammed-Karikaturen zu einem massiven und zum Teil gewaltsamen Protest in der islamischen Welt geführt. So mancher Beobachter sah sich ob dieses Ausbruches in seinem negativen Urteil bestätigt, die Religionen im Allgemeinen und der Islam im Besonderen neigten zu Intoleranz und Gewalt.
Die Diskussionen um die Folgen des zum Glück glimpflich abgelaufenen Anschlages dürften jedoch erst der Anfang sein. Wenn man den Experten glaubt, wird das 21. Jahrhundert vor allem von der interreligiösen Frage geprägt sein. Schon jetzt rückt das Verhältnis zum Islam immer stärker in den Blickpunkt. Auch für die Kirchen bedeutet das eine große Herausforderung. Zu Recht hat der neue Generalsekretär des Weltkirchenrates, Olav Fykse Tveit, dabei vor einem ideologischen Konflikt zwischen Christentum und Islam gewarnt.
Auch wenn es immer wieder Übergriffe von Fanatikern gibt, darf das nicht zu Pauschalurteilen führen. Der islamische Fundamentalismus und der Islam sind ebenso wenig dasselbe wie extremistische Hindus und der Hinduismus oder fundamentalistische Christen und das Christentum. Natürlich gibt es im Islam Gewalt und Extremismus. Auf die Religion können sich die Fanatiker dabei jedoch nicht berufen. Die Mehrheit der Muslime will friedlich leben – genau wie wir. Um ein besseres Miteinander zu erreichen, ist ein intensiver Dialog notwendig, bei dem die strittigen Fragen nicht ausgeklammert werden dürfen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die zum Teil irrationale Angst vor dem Islam weiter wächst. Die Folgen wären sowohl für die Muslime als auch für die westlichen Gesellschaften verheerend.
Martin Hanusch
Hoffnungsschimmer
30. Dezember 2009 von redaktionguh
Abgelegt unter Kommentar

© barunpatro.com (SXC)
Selbst in den Kirchen ist mitunter etwas von dieser Schwarzmalerei zu spüren. Der Film- und Theaterregisseur Christoph Schlingensief hat hier jüngst sogar einen »Wimmerton« ausgemacht, obwohl es in den Gemeinden unzählige wunderbare Mitglieder und gute Hilfsprojekte gebe. Nicht nur der Aktionskünstler hat offensichtlich das Gefühl, dass die Kirche zu wenig Freude und Hoffnung vermittelt. Das allerdings sollte uns tatsächlich zu denken geben.
Denn zur Resignation gibt es wahrlich keinen Grund. Schließlich wächst neben der Abwendung von den Institutionen andererseits die Bereitschaft, sich zu beteiligen – wenn auch in anderen, neuen Formen. Für die Kirchen bedeutet das mehr als einen Hoffnungsschimmer. Zwar haben sie ebenfalls mit dem Vertrauensverlust zu kämpfen, gleichwohl bieten sie alles, was für solches Engagement notwendig ist: vielfältige Aufgaben in Kirchbau- und Kulturvereinen, in der Jugendarbeit oder bei Besuchsdiensten. Dazu braucht es nur etwas Selbstbewusstsein und Gottvertrauen. Dann kommen die Menschen sicher immer noch nicht in Scharen. Aber sie hätten es erheblich einfacher, in der Kirche eine Heimat zu finden.
Martin Hanusch




