Sieben Wochen Ehrgeiz fasten
2. März 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Foto: „7 Wochen Ohne“; Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik gGmbH
»Es macht kaputt, wenn man den Ehrgeiz hat, immer der oder die Beste zu sein«, so die Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler bei der Eröffnung am vergangenen Sonntag. Dagegen will die evangelische Kirche ein Zeichen gegen den Perfektionswahn setzen. Fast drei Millionen Menschen wollen sich diesem Aufruf anschließen, schätzen die Organisatoren der Fastenaktion.
Doch es wird wohl nicht jedem Chef gefallen, wenn der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin sich mit dem Hinweis auf die Aktion vielleicht zusätzlichen Anforderungen verweigert oder zu den Qualitätsstandards Adieu sagt. Aber kann es nicht auch ganz heilsam sein, mit mehr Gelassenheit zu leben? Nicht immer schneller, weiter, besser als die anderen sein zu wollen? Oder nicht immer alles billiger haben zu müssen? Denn dort, wo es solche Gewinner gibt, gibt es immer auch Verlierer. Für Schnäppchen, die wir ergattern, zahlen andere mit niedrigen Löhnen oder schlechten Arbeitsbedingungen drauf.
Andere essen während der Fastenzeit keine Schokolade, verzichten auf Alkohol oder Fleisch – oder leben eine Zeit ganz ohne feste Nahrung. Auch das mag heilsam sein und die innere Einkehr befördern. Doch ganz ohne Essen kann der Mensch nicht leben. Und auch ganz ohne Ehrgeiz geht es natürlich nicht. Und so sind sieben Wochen ohne übertriebene Forderungen an sich selbst und an andere ein gutes Mittel, wieder das richtige Maß zu finden und einfach alles »gut« zu machen, statt immer besser, schneller, billiger.
Christine Reuther
Später Lohn?
24. Februar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Jetzt soll es also doch noch Joachim Gauck richten. Der Pfarrer und Bürgerrechtler ist am Ende erstaunlich einmütig als Kandidat für die Nachfolge des zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff präsentiert worden.
In seiner aktiven Zeit als Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde gab es das unschöne Wort »gaucken« für die Überprüfung auf eine mögliche Verstrickung mit der Stasi. Seit der Nominierung muss sich Joachim Gauck nun seinerseits von allen Seiten durchleuchten lassen. Das betrifft natürlich weit weniger seine Vergangenheit, gerade dafür ist der einstige DDR-Bürgerrechtler ein geschätzter Kandidat. Denn gesucht wurde jemand für das höchste Amt im Staate, auf den sich nicht nur (fast) alle einigen konnten, sondern der die Defizite seines Vorgängers vergessen lässt.
Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel musste hier über ihren Schatten springen und den »überparteilichen« Kandidaten der Opposition und des Koalitionspartners akzeptieren. Ein »Präsident der Herzen« war Gauck ja schon lange. Viel erstaunlicher als die rasche Kür ist jedoch die Tatsache zu werten, dass im Präsidentenpoker gleich vier Vertreter der evangelischen Kirche im Rennen waren. Neben Gauck wurden nämlich auch die Namen des früheren EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber, der ehemaligen hannoverschen Landesbischöfin Margot Käßmann und die amtierende Präses der EKD-Synode, Katrin Göring-Eckart, genannt.
Offensichtlich wird den Männern und Frauen der Kirche immer noch ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit zugetraut. Die historische Entscheidung für den Pastor aus dem Osten ist nun zugleich eine späte Genugtuung für die friedliche Revolution und die Rolle der Kirche in der DDR.
Doch Joachim Gauck dürfte keineswegs ein bequemer Präsident werden, dafür hat er zu viele Ecken und Kanten und lässt sich in keine Schublade stecken. Das beweisen bereits die Reaktionen auf seine Nominierung. Jetzt muss der Theologe zeigen, dass er neben den Themen Freiheit und Verantwortung auch Wegweisendes zum Zusammenleben in der Gesellschaft, zur Krise des Finanzwesens oder der Globalisierung sagen kann und versöhnend wirkt.
Er selbst weiß wohl am besten, dass die Hoffnungen, die in seine Person gesetzt werden, kaum zu erfüllen sind. Vorsorglich hat er die Erwartungen gebremst. Doch eines kann er vermutlich wie kein anderer, glaubwürdig und glaubhaft für die Vorzüge der Demokratie werben.
Martin Hanusch
Familienbilder
22. Februar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Es klingt wie eine Allerweltsweisheit und ist doch nicht in den Köpfen angekommen. Das klassische Familienmodell steht nicht nur vor einem radikalen Umbruch, der Wandel ist längst im Gang. Heute wollen nicht nur die Frauen Familie und Beruf unter einen Hut bringen. Auch Väter verbringen mehr Zeit mit dem Nachwuchs. Die Politik hat entsprechend reagiert und mit der Elternzeit eine Möglichkeit geschaffen, dass beide Verantwortung für die Kinder übernehmen können.
Dagegen tun sich die Kirchen eher schwer, sich auf die neuen Gegebenheiten einzustellen. Nicht nur nach Ansicht der Präsidentin der Evangelischen Aktionsgemeinschaft für Familienfragen, Christel Riemann-Hanewinckel, unternehmen sie nicht genug, um alte Rollenbilder aufzubrechen. Stattdessen dominiert ein Ideal, wie Familie sein soll.
Dabei sind die Veränderungen schon jetzt dramatisch. So kommen 61 Prozent der Kinder im Osten bei unverheirateten Paaren zur Welt, im Westen dagegen nur 27 Prozent. Immer mehr Eltern leben ohne Trauschein zusammen, und es steigt die Zahl der Lebensgemeinschaften mit Kindern und Alleinerziehenden. Von den verschiedenen Formen des Zusammenlebens in Patchworkfamilien einmal ganz abgesehen.
Die Kirche muss deshalb umdenken, wenn sie den Zug nicht verpassen will. Erste Ansätze gibt es. Die Synode der mitteldeutschen Kirche hat das Familienthema zuletzt in den Mittelpunkt gerückt und die EKD kürzlich zu einem Fachtag nach Eisenach eingeladen. Denn klar ist:
Die klassische Familienarbeit mit traditionellen Kinderangeboten und Familiengottesdiensten greift zu kurz. Daneben braucht es neue Formen und Angebote, die auch Alleinerziehende, Jugendliche und Paare im mittleren Alter in den Blick nehmen. Ein Segnungsgottesdienst zum Valentinstag allein reicht nicht. Niemand verlangt von der Kirche, sich gänzlich von den traditionellen Arbeitsfeldern zu verabschieden, ihr Familienbild der Realität anpassen sollte sie aber schon.
Martin Hanusch
Protest als Schule der Demokratie
9. Februar 2012 von redaktionguh
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Ist Dresden sein Problem mit Neonazis los? Ihren Großaufmarsch, am 18. Februar haben sie zumindest abgesagt. Die Blockaden der vergangenen Jahre haben Wirkung gezeigt, sagen einige. Manches scheint dafür zu sprechen. Die Frustration unter den verhinderten Neonazi-Demonstranten jedenfalls war 2010 und 2011 nicht zu übersehen. In Jena hatten Sitzblockaden schon vor Jahren den braunen Spuk beendet.
Ist eine demokratisch fragwürdige Methode also die einzig wirksame gegen Demokratiefeinde?
Nein. Entscheidend ist nicht diese oder jene Art des Protestes, sondern dessen breite Basis. Wer sich symbolisch in eine Menschenkette einreiht, ist ebenso wichtig wie jemand, der sich auf die Straße setzt. Denn beide haben begriffen, dass sie die Lösung nicht Verwaltung, Gerichten und Polizei überlassen können, sondern sich selbst aufmachen müssen.
Auch wenn sich am 18. Februar in Dresden kein einziger Neonazi blicken lassen sollte, in der Vorbereitung haben alle Beteiligten mehr über Demokratie gelernt als in den Jahren zuvor. Zum Beispiel, dass Widerstand gegen Rechtsextremisten anstrengende Diskussion braucht, aber nicht Sturheit. Dass Kompromisse nötig sind, weil erst der Konsens die gewünschte politische Wirkung entfaltet.
Noch ist es für Triumph zu früh. Das Fatalste wäre es, erleichtert daheim die Füße hochzulegen. Vielleicht hat Dresden nun erstmals die Chance, Trauer und Gedenken in ein Freudenfest der Demokratie münden zu lassen.
Geschafft wäre es damit noch längst nicht. Große Neonaziaufmärsche lassen sich verdrängen. Rechtsextremes Denken aber ist damit nicht aus der Welt. Um Menschen dagegen zu immunisieren, braucht es geduldige, unspektakuläre Kleinarbeit.
Tomas Gärtner
Maß halten
4. Februar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Verstümmelte, zusammengepferchte Hühner, Schweinefolter im Schlachthof. Immer wieder tauchen solche Meldungen auf, verstören kurz – und sind wenig später auch schon wieder vergessen. Das Leid der Tiere berührt Konsumenten ebenso wenig nachhaltig wie die Hinweise auf verantwortungsvollen Umgang mit der Natur, auf Hunger in anderen Erdteilen oder auf die Verschwendung von Ressourcen. Die Deutschen wissen um diese Missstände – und konsumieren trotzdem weiter Billigfleisch. Das Leid anderer trifft nur oberflächlich.
Doch es gibt Hoffnung, uns alle nachhaltig zu packen: Die Angst vor dem eigenen Leid ist unser wunder Punkt. Lebensmittelskandale etwa treffen diesen: Gefährliche Ehec-Erreger auf Gemüse, Antibiotika-Schweine, Dioxin-Eier – da fängt das Konsumentenherz an zu klopfen. Sofort fordern wir: Der Handel muss Produkte klarer auszeichnen, der Staat Gesetze erlassen, die Aufsichtsbehörden strikter kontrollieren. Und die Verbraucher, kontert die Industrie, müssen aufhören, nur das Billigste zu kaufen.
So weit, so richtig. Lässt man den faden Beigeschmack beiseite, dass die Motive der Forderungen traurig egoistisch sind, haben sie ja ihre Berechtigung. Vielleicht braucht der Mensch die Bedrohung der eigenen Gesundheit, um über den Wert von Nahrung nachzudenken.
Trotzdem müssen nicht immer gleich Staat und EU eingreifen, wie es aktuell wieder anlässlich der Berliner Agrarmesse »Grüne Woche« gefordert wurde. Das muss doch auch eine Nummer kleiner gehen. Denn die Probleme sind klar:
Wir essen zu viel und zu ungesund. Da liegt die Lösung auf der Hand. Mäßigung lautet das Zauberwort. Weniger Fleisch, weniger Völlerei! Das schont Ressourcen, hilft Klima und Tieren. Nicht zu vergessen die »Ego«-Argumente: Das ist gut für die eigene Gesundheit und den eigenen Geldbeutel. Das ist Wirksamkeit auch ohne Gesetze, die keinem weh-, aber vielen guttut. Frei nach dem Aufklärer Christoph Martin Wieland: Weniger ist mehr.
Brigitte Vordermayer
Am Tropf?
30. Januar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Mit schöner Regelmäßigkeit werden die Staatsleistungen an die Kirchen infrage gestellt. Waren es im vergangenen Jahr noch vor allem FDP-Politiker, die hier vorgeprescht sind, will sich nun die sachsen-anhaltische Linke in Abstimmung mit der Thüringer Fraktion daran machen, die Zahlungen des Staates an die Kirchen auf den Prüfstand zu stellen. In einer Zeit, in der die Länder kräftig sparen müssen, wecken die Dotationen, die allein in Sachsen-Anhalt bei 30 Millionen Euro liegen, schnell Begehrlichkeiten.
Die Kirchen stecken dabei in einem Dilemma: Einerseits gibt es die rechtlich verbrieften Leistungen, die ein Ausgleich für Enteignungen Anfang des 19. Jahrhunderts darstellen. Auf der anderen Seite nagt es an der Glaubwürdigkeit der Kirche, wenn diese scheinbar am Tropf des Staates hängt. Die historischen Hintergründe und die zugrundeliegenden Staatskirchenverträge sind der Öffentlichkeit in der Regel kaum vermittelbar. Schon deshalb wäre eine Ablösung eigentlich der bessere Weg.
Angesichts der Kassenlage scheint der aber wenig wahrscheinlich. Zudem steht soviel fest: Gerade die ostdeutschen Kirchen sind dringend auf das Geld angewiesen. Allein in der EKM machen die Staatsleistungen fast ein Viertel des Haushaltes aus, in Anhalt sind es rund 17 Prozent. Ohne diese Zuwendungen, das wissen die Verantwortlichen auf beiden Seiten, sähe es schnell düster aus in der ostdeutschen Kirchenlandschaft.
Der Glaubwürdigkeit des kirchlichen Zeugnisses kommt deshalb eine besondere Bedeutung zu. So gewinnt die Kirche nicht an Überzeugungskraft, wenn sie allein auf die Rechtmäßigkeit der Staatsleistungen setzt. Vielmehr muss die Kirche offensiv und auch öffentlich darstellen, warum die Zahlungen keineswegs alte Privilegien sind, sondern ein sehr aktueller Beitrag für einen gesellschaftlich notwendigen Dienst. Ansonsten dürfte die Diskussion über die Staatsleistungen weiterhin mit schöner Regelmäßigkeit wieder auftauchen.
Martin Hanusch
Die Toten und die Lebenden
20. Januar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Die Bilder gingen um die Welt und jeder konnte sie mit zwei, drei Klicks im Internet finden. Das Video zeigte vier US-Soldaten, wie sie irgendwann 2011 in Afghanistan auf die Leichen getöteter Taliban urinieren. Damals, gestern und heute wird in allen Kriegen den Leichen der Feinde jede nur erdenkliche Perversität angetan, während man sich bemüht, tote Kameraden ehrenhaft zu begraben. Wer will kriegstypische Leichenschändungen auflisten?
Immerhin kennt die Öffentlichkeit kriegführender Demokratien wie USA und Deutschland heute die Begriffe »posttraumatische Störung« oder »Kriegsneurose«. Sie umschreiben die Tatsache, dass Krieg menschliche Seelen bis zur Lebensuntüchtigkeit verwüsten kann. Vieles, was die posttraumatische Störung so grausam macht, trifft nicht zuerst die Toten, sondern die Lebenden, die auf deren Heimkehr gewartet haben. Die widerliche Szene im Netz sät überreichlich Hass, weil sie zum Feindeshass die Verachtung für deren Religion hinzufügt.
Und doch: Habe ich zu wählen, will ich mein bisschen Kraft in den Protest gegen die Kriegsverbrechen an den Lebenden stecken. Hoffentlich gelingt es uns dadurch Schritt für Schritt, den Kriegsmaschinen in die Räder zu greifen: Massenvergewaltigungen als militärtaktisches Konzept; Missbrauch von Kindern als lebende Mordwerkzeuge; ethnische Säuberungen als Preis für nationalistische Fantasien; Feuer frei auf Bürger, die nicht mehr verlangen, als was ihr Diktator im Fernsehen längst versprochen hat.
Und – so wird speziell für uns Deutsche ein Schuh daraus – Waffengeschäfte mit jeder staatlichen oder nichtstaatlichen Killerbande, die es versteht, unsere Gesetze auszutricksen.
Was wir den Kriegstoten schuldig sind, zählt nach christlicher Tradition zu den Werken der Barmherzigkeit. Was die in Todesgefahr Lebenden brauchen, sind die Werke des Friedens und der Gerechtigkeit. Erst alles zusammen macht den Glauben aus.
Harald Rohr
Trauerspiel
14. Januar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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© Jesco Denzel - Presse- und Informationsamt der Bundesregierung
Um es vorwegzunehmen: Weder droht durch die Kreditaffäre um Bundespräsident Christian Wulff eine Staatskrise noch gefährden seine Drohanrufe bei der Bild-Zeitung die Pressefreiheit. Gleichwohl hat das ungeschickte Gebaren des obersten Repräsentanten unseres Staates gravierende Folgen. Ob er deshalb zurücktreten muss, wie eine knappe Mehrheit der Bundesbürger meint, sei einmal dahingestellt. Durch sein taktisches Agieren schadet Christian Wulff sich selbst am meisten. Das Amt beschädigen kann er damit nicht.
Ganz offensichtlich hat der Bundespräsident zwei Gesichter. Das eine, für die Öffentlichkeit bestimmte, gibt sich sehr persönlich, wenn er seine Fehler einräumt und um Verständnis wirbt. Doch da existiert eben auch das andere. Hier ist er auf seinen eigenen Vorteil bedacht, obwohl er es nicht nötig hätte, hier verschweigt er wirtschaftliche Verflechtungen und hier droht er einer Zeitung, der er bislang gerne Einblick in sein Leben gewährt hat.
Dass die Bild-Zeitung nicht nur eine hehre Verfechterin der Pressefreiheit ist, sondern in erster Linie ihre eigenen Interessen im Blick hat, steht auf einem anderen Blatt.
Leider erkennt der Bundespräsident bis heute nicht, was er mit seinem Verhalten anrichtet. Das ist das eigentliche Trauerspiel an der ganzen Kredit- und Medienaffäre: ein Präsident, der am Ende selbst nicht mehr Herr des Verfahrens ist. Wie will er sich künftig zu Werten wie Solidarität und Gerechtigkeit äußern? Ist doch gerade die Glaubwürdigkeit das höchste Gut und politisch fast die einzige Macht, die dem Präsidenten bleibt.
Nur jemand, der ohne Sünde ist, dürfe den ersten Stein werfen, hat Christian Wulff im Fernsehinterview zu seiner Verteidigung die Bibel zitiert. Das ist sicher richtig. Aber Jesus hat das nicht zu seiner eigenen Verteidigung gesagt. Für den Bundespräsidenten gilt wohl eine andere Stelle bei Matthäus, die er beherzigen sollte, wenn er eine zweite Chance bekommen will: »Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Alles darüber ist vom Übel.«
Martin Hanusch
Nicht verjährt
6. Januar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Wie viel Vergangenheit verträgt ein Volk und wie geht es damit um? Das war die zentrale Frage, als vor 20 Jahren das Stasi-Unterlagengesetz in Kraft trat. Durch das Gesetz sollte den Opfern von einst die Einsicht in ihre Akten gesichert werden und der Umgang mit dem Erbe des Herrschaftsapparates der SED geregelt werden. Das, was damals für heftige Diskussionen sorgte, ist inzwischen gängige Praxis.
Rund 6,6 Millionen Anträge auf Akteneinsicht sind seither gestellt und fast 1,8 Millionen Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes auf eine Stasi-Verstrickung überprüft worden. Nicht nur nach Ansicht des Theologen und Politikers Richard Schröder handelt es sich um eine echte Erfolgsgeschichte. Auch international gilt es als Modell einer bewussten Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.
Allenfalls die Besetzung der Spitze einer Landesbehörde, die Verlängerung der Überprüfungsfrist oder die Frage, ob der Chef der Stasi-Unterlagenbehörde langjährige Mitarbeiter wegen ihrer frühere Stasitätigkeit einfach versetzen darf, sorgt heute für Aufregung. Strittig wird es zudem stets dann, wenn es um die Frage geht, wie mit den Tätern von einst verfahren werden soll.
Natürlich kann das Stasi-Unterlagengesetz den rechtsstaatlichen Umgang mit den Akten regeln. Welche Erkenntnisse und Konsequenzen daraus zu ziehen sind, steht jedoch auf einem anderen Blatt.
Die Kirche ist hier leider nicht mit gutem Beispiel vorangegangen. Lange hat sie sich schwer damit getan, die eigene Vergangenheit und das Versagen einzelner Kirchenvertreter kritisch in den Blick zu nehmen und auch Konsequenzen zu ziehen. Durch diese zögerliche Haltung hat sie viel Kredit verspielt.
Dabei hätte gerade die Kirche zeigen können, dass die juristische Aufarbeitung das eine ist, der Umgang mit Fehlverhalten, Schuld und mit den Brüchen in der Lebensgeschichte etwas anderes. Das bleibt eine Aufgabe, die auch 20 Jahre nach dem Inkrafttreten des Stasi-Unterlagengesetzes nicht verjährt ist.
Martin Hanusch
Mit Zuversicht?
29. Dezember 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Wirklich überraschend kommt das Ergebnis nicht. Die Grundstimmung der Deutschen ist weiter überwiegend pessimistisch. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Infratest dimap findet nur gut jeder Dritte, dass die Verhältnisse in Deutschland Anlass zur Zuversicht geben. Dagegen sehen 58 Prozent der Bundesbürger eher Anlass zur Beunruhigung, im Osten sogar mehr als zwei Drittel.
Ein Grund für diese ernüchternde Bilanz liegt ganz sicher an der beständigen Rede von der Krise. Das kann nicht ohne Folgen bleiben.
Dazu kommt das subjektive Gefühl, dass die Gesellschaft sich weiter entsolidarisiert. Dass das nicht unbedingt den Tatsachen entsprechen muss, tut gar nichts zur Sache.
Häufig reicht schon das Gefühl, alles werde irgendwie schlechter, um den negativen Eindruck zu verstärken.
Nicht umsonst haben Kirchenvertreter und Politiker vor Weihnachten zu mehr Hilfsbereitschaft, Anteilnahme und Mitmenschlichkeit aufgerufen. Denn gerade die Feiertage zeigen, wie wichtig der Zusammenhalt ist – in den Familien und in der Gesellschaft.
Das freilich gilt nicht nur zu Weihnachten, sondern immer, und dazu kann jeder seinen Beitrag leisten.
Genau daran hapert es jedoch zumeist.
Das nämlich hat die Krise sehr deutlich vor Augen geführt. Es werden zwar gerne Werte wie Solidarität und Hilfsbereitschaft im Munde geführt, bei der Umsetzung fehlt dann aber die Kraft oder das Interesse.
Hier müssen wir Christen gar nicht mit dem Finger auf andere zeigen. Wir sind ebenfalls nicht frei davon, eher schwarzzusehen oder allein den eigenen Vorteil im Auge zu behalten. Häufig machen wir es nicht besser, obwohl wir es besser wissen müssten.
Dabei sind für Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe keine großartigen Vorsätze vonnöten, vielfach reichen schon kleine Gesten, ein freundliches Wort oder die Bereitschaft, dem anderen zuzuhören. Damit es im neuen Jahr allen etwas besser geht und wir wieder zuversichtlicher in die Zukunft schauen können.
Martin Hanusch







