Ein Wort wird wieder Mode

22. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Das ging jetzt aber schnell. Der Heimatbegriff erlebt eine Renaissance. Unser Zeitungstitel »Glaube + Heimat« galt bis vor Kurzem noch als ewig-gestrig, revanchistisch und überhaupt nicht mehr zeitgemäß. Als ich vor zwei Jahren betonte, dass für mich der Titel nicht von gestern, sondern eine aktuelle Zeitansage sei, wurde ich belächelt.

Nachdem sich Tageszeitungen landauf, landab an der Heimat abgearbeitet haben und bei der Bundestagswahl angebliche Heimatbewahrer Zulauf verzeichnen konnten, scheint der Begriff in der Politik wieder en vogue. Grünen-Chefin Katrin Göring-Eckardt oder Linken-Vordenker Benjamin-Immanuel Hoff besorgen das Geschäft der Konservativen und publizieren neuerdings Gedanken zur Heimat.

Derzeit denken einige Politiker über ein Heimatministerium im Bund nach. Wenn diese Überlegungen nur dem Wahlerfolg der Rechtspopulisten geschuldet sind, wäre das zu kurz gegriffen. Heimat ist ein kostbares Gut. Was passiert, wenn Menschen heimatlos werden, können wir derzeit weltweit beobachten. Zu Flucht und Vertreibung können vermutlich auch einige Leserinnen und Leser leidvolle Kindheitserinnerungen beitragen. Viele Vertriebene sind bis an ihr Lebensende traumatisiert.

Heimat, der Begriff, den man in keine andere Sprache treffend übersetzen kann, hat nichts mit einigeln oder abgrenzen zu tun. Es ist das Gefühl, zu Hause zu sein, Wurzeln zu schlagen. Dieses Gefühl mit allen zu teilen, die hier leben, ist eine lohnende Aufgabe. Dazu braucht es weder die Politik noch ein Ministerium. Als Christen setzen wir uns für territorial und innerlich heimatlos gewordene Menschen ein. Weil uns der Glaube Halt und die christliche Gemeinschaft Heimat gibt.

Willi Wild

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Lebensmut am Sterbebett

15. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Vor 35 Jahren wurde in der Schweiz der Verein Exit gegründet. Sein Ziel: Unheilbar kranke Menschen sollten (und sollen) den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmen dürfen. Ein Jahr später, es war 1983, wurde in Deutschland an der Uniklinik Köln die erste Palliativstation gegründet. Ihr Ziel: Unheilbar kranke Menschen sollten (und sollen) am Lebensende selbstbestimmt und ohne Schmerzen auf ihren Tod warten dürfen.

Aus den zarten Anfängen hat sich ein immer dichteres Netz von Hospizarbeit entwickelt. Deren Verdienst: Tod und Sterben sind nicht mehr die gesellschaftlichen Tabuthemen, die sie einmal waren. Zwei Drittel der Deutschen wissen, worum es bei der Hospizarbeit geht. Immer häufiger können Sterbenskranke ihre letzten Tage im Hospiz verbringen.

In Ruhe in einer vertrauten Umgebung sterben zu dürfen, ist ein Segen – 66 Prozent der Deutschen wünschen sich das. Doch nur für jeden Vierten geht dieser Wunsch in Erfüllung. 40 Prozent der Menschen sterben im Krankenhaus, 30 Prozent im Pflegeheim. Die Wartelisten der Hospize sind oft lang. Es ist dringend nötig, dass Hospizarbeit gestärkt wird.

Doch genauso wichtig ist, dass Pflegeteams in Altenheimen und Krankenhäusern mehr Zeit bekommen für die Begleitung Sterbender. Eine Nachtschwester, die im Schnitt für 52 Heimbewohner zuständig ist, hat keine Zeit, um am Bett eines Sterbenden zu sitzen.

Der Tod ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Der Hospizarbeit ist es gelungen, dem Tod wieder einen Platz im Leben der Menschen zu verschaffen. Er wird deshalb nicht zum Freund. Aber so wird für manche aus Todesangst am Ende vielleicht sogar: Lebensmut.

Susanne Schröder

Die Autorin ist Redakteurin beim Bayerischen Sonntagsblatt

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Mittendrin statt nur dabei

8. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Das war diesmal eine komische Wahl. Noch nie saß ich länger unentschlossen in der Wahlkabine. Selten zuvor hatte ich mich intensiver mit Wahlprogrammen und deren praktischer Umsetzung beschäftigt. Ja, ich habe gewählt, aber so richtig zufrieden war ich danach nicht. Und jetzt wieder vier Jahre abtauchen, bis zur nächsten Bundestagswahl.

Die Befürworter der direkten Demokratie glauben, dass mit bundesweiten Volksentscheiden mehr Mitbestimmung und Einfluss möglich sind. Auseinandersetzung mit Politik und Politikern nicht nur im Wahlkampf. Spanien ist dafür wohl kein gutes Beispiel. Der Volksentscheid in Katalonien ist gerade blutig über die Bühne gegangen. Allerdings stellt das Beharren auf das Referendum dort auch einen Verfassungsbruch dar.

Bei uns gilt ein hoch formalistisches und entschleunigtes Verfahren. Vom Antrag bis zum Entscheid können da schon zwei Jahre vergehen. Keine Chance für populistische Stimmungen oder anarchistische Auswüchse. Zumal Grund- und Minderheitenrechte eingehend im Vorfeld geprüft werden müssen. Wie es gehen kann, zeigte der Volksentscheid der Berliner zum Flughafen Tegel parallel zur Bundestagswahl. Auch wenn der Senat nicht an das Abstimmungsergebnis gebunden ist, die Meinung der Bevölkerung ist klar ersichtlich.

Der Volksentscheid ist ein demokratisches Instrument in der Hand aller Bürger und sollte es auch auf Bundesebene sein. Das gehört in den Koalitionsvertrag der neuen Regierung. Dafür können wir uns als Christen und mündige Bürger starkmachen. Für die Teilnahme und Teilhabe am demokratischen Prozess will ich keine vier Jahre warten müssen.

Willi Wild

www.volksentscheid.de

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Ein deutlicher Kontrapunkt

1. Oktober 2017 von redaktionguh  
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In den vergangenen Monaten hatten wir viele Menschen aus aller Herren Länder zu Gast in Mitteldeutschland. Die allermeisten von ihnen werden mit einem schönen Bild von Deutschland in ihre Heimat zurückgekehrt sein. Das entspricht der Wahrheit.

Allerdings setzt die Wahl vom vergangenen Sonntag einen deutlichen Kontrapunkt. Eine qualifizierte Minderheit hat offensichtlich eine andere Vorstellung davon, wie dieses Land zukünftig aussehen soll. Die Auseinandersetzung darüber wird nun im Deutschen Bundestag geführt werden. So weit ist die Wahl ein Beweis für die Funktionstüchtigkeit der Demokratie.

Als Christen sind wir Bürger unseres Landes. Daher beteiligen wir uns an dieser Diskussion. Als Kirche Jesu Christi sind wir nicht Teil des Staates. Wir predigen die Rettung der Welt in Jesus Christus, und der Staat darf uns darin nicht behindern. Im alltäglichen Leben findet das Evangelium eine ausdrückliche Entschiedenheit: Unser Glaube lässt uns eintreten für die Menschen auf der Schattenseite des Lebens – gleichgültig, ob sie aus Syrien oder einem sozialen Brennpunkt in Mitteldeutschland kommen. Wer einer vertieften Spaltung unserer Gesellschaft das Wort redet, kann sich nicht auf die Predigt Jesu berufen.

Mich schmerzen die kurzschlüssigen Deutungen über die Wählerschaft in unserer Region. Als Christenmenschen werden wir erkennbar und für das Evangelium streitbar, selbstbewusst weil gottesbewusst dienstbar sein. Auf die Frage, in welchem Land wir leben wollen, geben wir eine Antwort, die dem Bild unserer Gäste sehr nahe kommt. Für die Führung unseres Landes bitten wir um Gottes Geleit.

Joachim Liebig

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Der Autor ist Kirchenpräsident der Landeskirche Anhalts und Vorsitzender des Ev. Presseverbandes Mitteldeutschland.

Demokratie gestalten

24. September 2017 von redaktionguh  
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Im gemeinsamen Wort der Kirchen zur Bundestagswahl heißt es, Demokratie lebt durch Beteiligung, und nur so können Anliegen und Interessen der Menschen in eine Politik umgesetzt werden, die dem Gemeinwohl dient. Die Erinnerung daran tut not, angesichts gewachsener Aggressionen gegenüber jenen, die auf komplexe Probleme eben keine einfachen Antworten geben.

Nach wie vor gibt es soziale Probleme auch in unserem Land. Die Folgen der demografischen Entwicklung müssen gestaltet werden, um angemessene Lebensbedingungen bis ins Alter gewährleisten zu können. Die Arbeitswelt steht durch Globalisierung, Automatisierung und Digitalisierung erkennbar vor Wandlungsprozessen. Chancen und Risiken müssen aufeinander bezogen werden, um Wohlstand für alle zu fördern.

Der Prozess der europäischen Einigung wird mit stärker gewordener Skepsis betrachtet. Nationale Identitäten und gemeinsame Interessen müssen zum Ausgleich gebracht und plausibel vermittelt werden. Menschen suchen Zuflucht und Perspektive in unserem Land. Ihnen eine Heimat zu geben und sie zu integrieren, fordert uns in besonderer Weise heraus.

Wir nehmen wahr, dass sich Menschen um Identität und sozialen Frieden in unserem Land sorgen. Die Zahl derer nimmt zu, die den Eindruck haben, nicht gehört und verstanden zu werden. Darauf müssen wir Antworten finden, die zusammenführen und nicht spalten. Große Parteien stehen zur Wahl und auch kleine. Wie auch immer man wählt, es ist ein wichtiger Beitrag zur Gestaltung unseres Landes. Wir sollten ihn nicht verweigern!

Albrecht Steinhäuser

Der Autor ist Beauftragter der evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung Sachsen-Anhalt.

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Plädoyer für das Leben

16. September 2017 von redaktionguh  
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Es war der berührendste Moment bei der »Wahlarena« im Fernsehen. Eine junge Frau, 18 Jahre alt, Erstwählerin, mit Downsyndrom, erklärt, dass neun von zehn Babys mit Downsyndrom in Deutschland abgetrieben werden und dass das bis wenige Tage vor der Geburt geschehen darf. Sie fragt Bundeskanzlerin Angela Merkel, wieso man Babys mit Downsyndrom bis kurz vor der Geburt abtreiben darf. »Ich will nicht abgetrieben werden, sondern auf der Welt bleiben!« Großer Applaus im Publikum, die Kanzlerin sichtlich bewegt. Sie verweist darauf, dass die Unionsfraktion eine verpflichtende Beratung bei Spätabtreibungen eingeführt habe. Eine Antwort auf die Frage bleibt sie schuldig.

CDU-Fraktionschef Volker Kauder gestand jüngst in einem Interview ein, dass er politisch in Sachen Abtreibung nichts mehr erreichen könne. Die Abtreibungsfrage sei entschieden. Die großen Parteien überlassen das Thema augenscheinlich der AfD. Christliche Lebensrechtsgruppen, die am Wochenende gemeinsam beim Schweigemarsch für das Leben in Berlin für den Schutz des ungeborenen Lebens demonstrieren, werden dadurch politisch in die rechte Ecke gedrängt.

Die Betroffenen, die Eltern, fühlen sich oft alleingelassen. Daran kann vermutlich auch ein Beratungsgespräch oder ein »Marsch für das Leben« nicht viel ändern. Durch den medizinischen Fortschritt ist Früherkennung möglich, aber die Überlebenschancen sind eben auch gestiegen. Geburt oder Abtreibung, wer will das entscheiden?

Die Entscheidung obliegt der Mutter. Es ist an uns, dass wir uns nicht wegducken, sondern den Betroffenen beistehen. Der Mut der jungen Frau in der Fernsehsendung ist bewundernswert. Ihr Plädoyer für das Leben hat mich beeindruckt.

Willi Wild

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Die Sonntagsfrage

10. September 2017 von redaktionguh  
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Es sind diesmal nicht die obersten kirchlichen Kreuzträger, die das Symbol der Christenheit fürs Foto abnehmen. Der Discounter Lidl lässt auf den Verpackungen seiner griechischen Spezialitäten die Kirchenkreuze der fotogenen Kulisse der Griecheninsel Santorin entfernen. Feta, Bifteki und Zaziki der Eigenmarke »Eridanous« zeigen zwar die Kuppeln der Kirchen, von denen es auf Santorin wohl 300 gibt, die Kreuze hat man wegretuschiert. »Eridanous« sieht griechisch aus und klingt auch so, ist es aber nicht. Im Englischen steht der Begriff für »erbärmlich« und das trifft auch auf die Erklärung des Konzerns zu. Das Unternehmen
respektiere die religiöse Vielfalt, deshalb habe man bewusst das Design verändert. Für Lidl sei eine religiöse Parteinahme nicht relevant.

Fast wäre auch das sogenannte Kanzlerduell ohne Kirche ausgekommen, hätte nicht Sandra Maischberger etwas unvermittelt die Sonntagsfrage gestellt: »Waren Sie heute in der Kirche?« Unvorbereitet und fast wie ertappte Konfirmanden gestanden beide Kandidaten, im Gottesdienst gefehlt zu haben. Recht viel mehr kam dann nicht mehr zu Kirche und Christentum und wurde auch nicht abgefragt. Mit knapp 60 Prozent stellen die Christen in unserem Land die größte religiöse Gruppe. Und es scheint, als werde sie von Medien und Politik wenig wahr- und vor allem ernst genommen.

Deshalb ist es gut, dass in einigen Kirchengemeinden den Bundestagskandidaten auf den Zahn gefühlt wird, wie beim öffentlichen Podiumsgespräch der evangelischen Jakobsgemeinde in Köthen. In der nächsten Ausgabe der Kirchenzeitung konfrontieren wir Bewerber für den Bundestag mit Fragen, die uns Christen bewegen. Auf die Antworten bin ich gespannt.

Willi Wild

Gott »Hallo« sagen

3. September 2017 von redaktionguh  
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Meine Freundin Anja hat mit Gott nicht viel am Hut. Als wir einmal gemeinsam in Prag waren und den Hradschin besichtigten, fragte sie mich plötzlich mit Blick auf den Veitsdom: »Na, willst du Gott nicht schnell ›Hallo‹ sagen?« Ich wollte tatsächlich und nahm mir eine stille Zeit, während Anja weiter das Gelände erkundete. Sie hatte mein Bedürfnis gespürt, mir eine kurze Auszeit zu gönnen und Gott nahe zu sein, zur Ruhe zu kommen und zu beten.

Viele Menschen haben dieses Bedürfnis, doch oft ist hierzulande an der Kirchentüre Endstation. Wer einen längeren Atem hat, der kommt am Sonntag wieder, doch der, der sich erst hat überwinden müssen, der wird sicher kaum einen zweiten Versuch wagen. Das hat Landesbischöfin Ilse Junkermann klar erkannt. Innerhalb eines Jahres eine fast vollständige Kirchenöffnung für die EKM zu schaffen, das war wohl sehr ambitioniert.

Kirchentüren sperren sich nicht von allein auf. Es sind engagierte Gemeindemitglieder, die für ihre Kirchen und sich auch um sie sorgen. Natürlich könnte man 24 Stunden offen lassen oder aber Beschallungstechnik zurückbauen, liturgische Gefäße, Kunstschätze oder kostbare Kruzifixe wegsperren. Doch gerade bei Letzterem muss man sich im Klaren sein, dass Kirchen dann zwar offen und für jedermann begehbar sind, jedoch das Wesentliche von ihrer Bestimmung verlieren würden.

Nichtsdestotrotz, die Initiative »Offene Kirchen« ist und bleibt eine gute Idee, die es weiter zu verfolgen gilt. Und mit der Zeit und wachsenden Erfahrungen könnte aus der Idee ein echtes Erfolgsmodell werden, das die Kirche im 21. Jahrhundert in unseren Breiten stärker verankert. Vielleicht klappt es ja mit den 95 Prozent bis zum nächsten Reformationsjubiläum.

Diana Steinbauer

Begleitung im Glauben

27. August 2017 von redaktionguh  
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Ein kleiner Mensch, frisch in der Welt angekommen, soll in der christlichen Gemeinschaft aufwachsen, begleitet, gestärkt, beschirmt. Es ist ein Grund zur Freude, dass sich auch heute viele Eltern – wieder oder immer noch – für die Taufe ihres Kindes entscheiden und das Fest zu einem bis ins Detail vorbereiteten freudigen Höhepunkt werden lassen. Möglicherweise auch dann, wenn ihre eigene Beziehung zur Kirchengemeinde und vielleicht sogar zu ihrem Glauben diffus geworden ist oder sich auf wenige, zumeist feiertägliche Berührungspunkte beschränkt.

Dass sie dann auch Paten für ihr Kind auswählen, wohl überlegt Menschen ansprechen, die es auf seinem Weg begleiten sollen, ist nicht minder erfreulich. Das Patenamt beinhaltet verantwortungsvolle Aufgaben. Für Eltern ist es allerdings manchmal gar nicht leicht, jemanden zu finden, der als Pate infrage kommt, weil bei den Freunden die kirchliche Bindung fehlt. Hinzu kommt eine weitere Hürde. Offenkundig scheint in Vergessenheit geraten zu sein, was es bedeutet, ein Patenamt für einen Täufling zu übernehmen.

Doch gerade weil die Idee des Pate-Seins, des Begleitens und Erziehens im christlichen Glauben und nach christlichen Werten mit den Eltern und in Ergänzung dazu so zeitlos wertvoll und großartig ist, sollte sich Kirche Zeit nehmen und Wege finden, um dem Patenamt wieder mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

Gesprächsrunden unter Paten sind ein guter Ansatz. Oder ein Austausch in anderer Form, der die Verantwortung und Pflichten deutlich und verständlich klarmacht. Zugleich sollten Christen ermutigt werden, sich auf diese wunderbare Aufgabe einzulassen.

Anke Pfannstiel

Himmel, Arsch und Luther

20. August 2017 von redaktionguh  
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Donnerwetter! Wenn man sich mit Martin Luther beschäftigt, wird man irgendwann auch auf seine Sprache stoßen. Tatsächlich fühlt man sich bei der Lektüre seiner Zitate frappierend an die heutige »hate speech« erinnert; die »Hassrede« – jene neu aufkommende Verrohung der Sprache, die in unsäglichen, aber quotenträchtigen Talkshows in die Wohnzimmer flimmert und endlos wiederholt wird in den sozialen Medien.

Auch Luthers Zeit war eine Periode der »hate speech«. Die Kulturwissenschaft bezeichnet diese Periode mit dem Wort »Grobianismus«. Der große Reformator schimpfte und provozierte, wütete und kanzelte ab wie kaum ein zweiter.

Luther war ein Phänomen. Vom Akademiker zum Straßenprediger, vom wissenschaftlichen Diskurs zur Wort-Gewalt eines Fischverkäufers, der die Menschen Kraft seiner Sprache zum Zuhören zwingt. Nicht alles ist dabei seiner Veranlagung zum Choleriker zuzuschreiben. Auch nüchternes Kalkül wird eine Rolle gespielt haben. Denn Luther wollte die Menschen erreichen; nicht nur die Gebildeten, sondern das ganze Volk. Er suchte und fand die Aufmerksamkeit der Menschen auf den Straßen. Er buhlte regelrecht darum.Und daran hapert es heute.

Wer heute Theologen nach Gott und Glaube fragt, erhält meist erst mal eine Antwort: »Das ist alles nicht so einfach.« Das stimmt auch. Es ist nicht einfach, eine 2000 Jahre alte Botschaft in heutiges Denken und Fühlen zu übersetzen. Aber auch für Luther lagen schon 1 500 Jahre dazwischen. Und er fand einen Weg.

Niemand kann eine Jahrtausend-Figur wie Martin Luther einfach kopieren. Aber: Das Evangelium so zu verkündigen, dass auch RTL 2-Zuschauer hinschauen und hinhören – wäre nicht das die Herausforderung heutiger Theologie?

G.-M. Hoeffchen

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