Werke von einzigartiger Schönheit

24. September 2017 von redaktionguh  
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Orgelbau: Vor 400 Jahren starb Esaias Compenius. Er gilt als einer der bedeutendsten mitteldeutschen Orgelbauer

Seine überragende Begabung, die Liebe zum ästhetischen Detail, handwerkliche Perfektion, grandiose Intonationskunst und die klangliche Raffinesse der Instrumente von Esaias Compenius suchen ihresgleichen. Die Zusammenarbeit mit dem Musiker Michael Praetorius und dem kunstsinnigen Halberstädter Bischof und Herzog Heinrich Julius hat Werke von einzigartiger Schönheit hervorgebracht. Esaias Compenius war einer der genialsten Orgelbauer seiner Zeit.

Prospektkopie der Compenius-Orgel in der Stadtkirche Bückeburg. Foto:Wieland Kastning

Prospektkopie der Compenius-Orgel in der Stadtkirche Bückeburg. Foto:Wieland Kastning

Geboren im Dezember 1566 in Eisleben als Sohn des Organisten und Orgelbauers Heinrich Compenius und dessen Ehefrau Barbara, geb. Goertteler, erlernte Esaias Compenius wie seine Brüder Timotheus, Heinrich und Jacob den Orgelbau bei seinem Vater. Nach der Schulzeit in Eisleben, Erfurt und Nordhausen arbeitete Esaias 1589 mit dem Vater an einer Orgel für die Jacobi-Kirche in Hettstedt. Es kam zum Streit und beide trennten sich.

Wahrscheinlich hat er zwischen 1590 und 1598 unter anderem im Weserbergland um Bückeburg gearbeitet und um 1595 auch beim Bau der großen Orgel mitgearbeitet, die David Beck für Herzog Heinrich Julius von Braunschweig in der Schlosskirche von Gröningen errichtete. Ihr wundervoller Prospekt ist in der Martinikirche in Halberstadt erhalten – wo ein Projekt zur Rekonstruktion einer der schönsten Orgeln weltweit in Arbeit ist.

1598 arbeitete Esaias in der Werkstatt seines Bruders Heinrich in Halle. Danach ließ er sich in Magdeburg nieder und übernahm eine Reihe von Aufträgen, die er nicht alle bewältigen konnte. So in Sudenburg, wo die Arbeiten von seinem Bruder Heinrich zu Ende geführt wurden. 1603 hatte Esaias die Pflege der großen Schlossorgel in Gröningen übernommen. Für das Halberstädter Domkapitel arbeitete er auch als Instrumentenmacher. Damals erhielt der den Auftrag zum Bau einer Orgel für Kroppenstedt, der sich bis zum Jahr 1613 hinziehen sollte und sowohl dem Auftraggeber wie dem Orgelbauer großen Ärger bereitete. Denn 1605 beauftragte ihn Herzog Heinrich Julius mit dem Bau einer zweimanualigen Kabinettorgel mit Pedal für seine Gemahlin Elisabeth, Schwester des dänischen Königs Christian IV., für deren Sommerresidenz in Schloss Hessen. Dieses mit dem Wolfenbütteler Hofkapellmeister Michael Praetorius und dem Herzog konzipierte grandiose Instrument hatte absolute Priorität. 1612 übernahm Compenius unter der Mitwirkung von Michael Praetorius den Bau einer dreimanualig disponierten Orgel für die neue Stadtkirche in Bückeburg. Mit seinem Sohn Adolph baute er bis 1615 an diesem Werk, das von Adolph noch erweitert wurde.

Esaias hatte inzwischen mit dem Domkapitel in Hildesheim ein neues Projekt abgesprochen, ebenso den Bau einer kleinen Orgel für eine Klosterkirche südlich von Hildesheim, als er von Elisabeth, der Witwe des Herzogs Heinrich Julius, den Auftrag erhielt, das »Höltzern Orgelwerck« als Geschenk für König Christian IV. nach Dänemark zu versetzen. Daher musste er seine Projekte zurückstellen und gab sie an seine Brüder weiter.

Compenius, der nach dem Tode seiner ersten Frau in Kroppenstedt erneut geheiratet und sich in Braunschweig niedergelassen hatte, zog im Frühjahr 1617 mit seiner kostbaren Fracht nach Schloss Frederiksborg bei Hilleröd. Dort baute er das herrliche Instrument wieder auf. Es ist dort trotz mehrerer dramatischer Vorkommnisse nach einer durchgreifenden Restaurierung erhalten. Schon das Äußere vermittelt durch die von einer Fama-Figur gehaltenen dänischen und braunschweigischen Wappen fürstlichen Pomp. Die Hinweise auf Venus und Merkur mit musizierenden Putten beschwören die Aura antiker Liebeslyrik. Die »Compenius-Orgel« umgibt ein Schleier des Geheimnisvollen vollendeter Schönheit, allein schon durch die harmonischen Proportionen der drei Prospektarkaden mit dem Dekor der Frontpfeifen aus Elfenbein und Ebenholz.

Mit diesem Juwel des historischen Orgelbaus verliert sich die Spur des Erbauers im Frühjahr 1617. Wann und wo Esaias Compenius gestorben ist, bleibt ein Geheimnis. Von seinem Selbstverständnis als Künstler zeugt ein Satz aus seiner Korrespondenz mit dem Kroppenstedter Rat, mit dem er auf Vorwürfe reagierte, er wolle die Kroppenstedter »an der Nase herumführen«: »Wann mir dann solche große verachtung vnd verkleinerung, meiner Kunst vnd ehrlichen nahmens, nicht alleine schmertzlichen wehe thut.«

Gerhard Aumüller

Der Autor ist Mediziner und hat zum Orgelbau geforscht. Er ist im Beirat der Internatio-
nalen Heinrich-Schütz-Gesellschaft. Einen Vortrag zum Thema hält er am 30. September, 15 Uhr, in der Kirche zu Kroppenstedt.

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Wenn Musik den Glauben trägt

18. September 2017 von redaktionguh  
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Jubiläum: Saalfelder Vocalisten feiern 30-jähriges Bestehen

Ein sommerlich-lauer Sonntagnachmittag. In einer kleinen Dorfkirche im Saaletal singen die Saalfelder Vocalisten geistliche Lieder. Es ist andächtig still. Dann kommt der Applaus – und die Ansage: Teil zwei des Konzertes gibt es im Nachbardorf. Es ist nicht ganz üblich, bei Nachbars in die Kirche zu gehen, wenn man doch selber eine hat. Aber jetzt, wo die Gemeinden zusammengelegt werden, da muss man wohl. Nach Kaffee und Kuchen wandert die ganze Gemeinde weiter zur nächsten Kirche. Die Vocalisten gehen voran, sie locken ihre Konzertgemeinde von einem Dorf ins nächste und von einer Kirche in die andere. Ach guck, die ist auch schön. Die Vocalisten sind ein gutes Zugpferd für die Gemeindearbeit, weiß die Pastorin. Und die acht Männer lassen sich gerne einspannen. Kleine Konzerte in kleinen Dorfkirchen – das ist völlig in Ordnung und hat auch etwas mit Heimat zu tun und mit ihrem Selbstverständnis. Sie sind – obwohl kein Kirchenchor – aktive Christen. Das wiederum kommt auch von der Musik. »Wenn es nicht so schöne Kirchenmusik gäbe – ich weiß nicht, ob ich an das Evangelium glauben könnte«, sagt Arnulf Heyn, der Blumenhändler. »Ich werde durch die Musik im Glauben getragen.«

Die Saalfelder Vocalisten: Im Repertoire haben sie hauptsächlich geistliche Lieder. Foto: Saalfelder Vocalisten

Die Saalfelder Vocalisten: Im Repertoire haben sie hauptsächlich geistliche Lieder. Foto: Saalfelder Vocalisten

Begonnen haben die Vocalisten bei den Thüringer Sängerknaben. Die strenge Schule von Walter Schönheit hat sie geprägt, später von Michael Schönheit. Mit Matrosenkrägelchen standen sie als Achtjährige schon auf der Empore der Johanniskirche in Saalfeld und sangen Motetten und Oratorien und in unzähligen Gottesdiensten. »Da gehen einem die gottesdienstlichen Abläufe in Fleisch und Blut über.«

Konzerte, Chorreisen – die Kirchen wurden eine zweite Heimat. »Und wenn dann die Morgensonne durch die Bleiglasfenster hereinscheint, geht mir das Herz auf«, erinnert sich Stefan Matz. »Da spüre ich die Religion.« Er ist Diplomkaufmann und bewertet Immobilien. Es sei der größte Lohn, die Zuhörenden mitzunehmen, sodass sie am Ende still und berührt aus der Kirche gehen.

Begonnen haben die acht Männer mit Trinkliedern in Kneipen und für Freibier. Dann wurden die Bühnen größer – vom Kulturhaus Rudolstadt-Schwarza bis ins ZDF und von Thüringen aus ging es bis in die USA, nach Japan und Südafrika. Hauptsächlich geistliches Liedgut von Bach bis Biller ist in ihrem Repertoire, aber auch Stücke von den Comedian Harmonists. Drei CDs haben sie eingespielt, eine DVD dokumentiert ihre Japanreise.

Nun sind sie seit 30 Jahren ein Team. »Wenn einer denken würde, er könne seinen Schädel durchsetzen, wären wir nicht mehr zusammen.«

Einmal saß der Kloß im Hals. Das war bei der Beerdigung ihres Chorbruders Bertram. Trotzdem haben sie gestanden und gesungen und sich hinterher in den Armen gelegen. Jesum bleibet meine Freude.

Singen wollen sie noch lange, sagt Henrik Pfeiffer, der Schornsteinfegermeister. Nur die Qualitätslatte bleibt hoch. »Wenn wir schlechter werden, ist irgendwann Schluss. Hoffentlich noch lange nicht.«

Ulrike Greim

Jubiläumskonzert am 23. September um 17 Uhr im ehem. Franziskanerkloster Saalfeld (Stadtmuseum)

www.saalfelder–vocalisten.de

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Luther kommt zu uns

11. September 2017 von redaktionguh  
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Uraufführung: Mit dem Luther-Oratorium »Wachet recht auff« erfüllt sich der Berliner Komponist Ralf Hoyer einen langgehegten Traum. Mit ihm sprach Michael von Hintzenstern.

Was hat Sie bewogen, ein Luther-Oratorium zu schreiben?
Hoyer:
Ich persönlich liebe den Klang großer Kirchenräume und hatte auch schon mehrfach Gelegenheit, speziell für den Halberstädter Dom zu komponieren. Bei den Aufführungen dieser Werke entstand in mir immer die Vorstellung, ich würde das Gebäude mit Klang anfüllen, der die darin befindlichen Menschen trägt und einhüllt, der sie an der entstehenden Energie teilhaben lässt.

Als »Wiederholungstäter« suche ich immer nach Möglichkeiten, wieder in eine solche Situation zu kommen. Das ging nun parallel zu meiner Luther-Entdeckungsreise und so war mir ziemlich bald klar, dass meine nächste Arbeit für einen Kirchenraum ein groß besetztes Oratorium zu Luther sein müsste.

Zu meiner großen Freude war Kerstin Hensel, die ich schon lange kenne und als Dichterin sehr schätze, sofort bereit, mir einen Text dafür zu schreiben.

Welche inhaltlichen Ansatzpunkte bestimmten die Konzeption des Werkes?
Hoyer:
Es ist in erster Linie die Haltung des Widerstehens, des sich selbst treu Bleibens, die Kerstin Hensel und mich an Luther interessiert hat. Diese Haltung ist auch heute dringend notwendig, wenngleich für diejenigen, die sie an den Tag legen, oftmals ebenso riskant wie damals.

Luther war ein Mensch mit Zweifeln und Irrtümern, voll und ganz ein Kind seiner Zeit. Nur wenn er uns als ein solches gegenübertritt, nicht auf einem Sockel, kommt er uns – die wir Kinder unserer Zeit sind – nahe und wir verstehen ihn.

Es gab verschiedene Überlegungen, Aktualisierungen und deutliche Parallelen zu heute anzubringen – sie haben sich alle erübrigt. Es geht einfacher. Luther kommt zu uns in einer heutigen Musiksprache und wir kommen zu ihm, indem wir eintauchen in alte Choräle, die aus bitterster Not um Hoffnung und Erlösung bitten. Und indem wir ein altes Frühlingslied singen, das mit seinen, von Luther beförderten Spottversen auf den Papst auch den Frühling der Reformation meint.

Komponist Ralf Hoyer (l.) bespricht mit Mitgliedern der Kantorei Halberstadt sein Luther-Oratorium »Wachet recht auff«, das am 16. September im Halberstädter Dom seine Uraufführung erlebt. Foto: Sabine Scholz

Komponist Ralf Hoyer (l.) bespricht mit Mitgliedern der Kantorei Halberstadt sein Luther-Oratorium »Wachet recht auff«, das am 16. September im Halberstädter Dom seine Uraufführung erlebt. Foto: Sabine Scholz

In Ihrer Komposition wirken neben Profis auch Laien mit. Wie ist Ihnen dieser Spagat gelungen?
Hoyer:
Ob er gelungen ist, wird sich zeigen. Natürlich ist der Schwierigkeitsgrad an die Möglichkeiten von Laien angepasst. Dennoch sind ungewohnte Herausforderungen zu meistern. Für die Mitglieder des Posaunenchores beispielsweise ist es eine völlig neue Erfahrung, »nur« eine Farbe in einem Gesamtklang zu sein, wo sie doch sonst komplette Choräle spielen.

Dem in der Zuhörer-Gemeinde platzierten Laienchor kommt neben seiner Funktion als Gegensatz zum Chor auf der Bühne auch eine vermittelnde und identitätsstiftende Rolle gegenüber der Gemeinde zu. Im gemeinsamen Singen kann sich Übereinkunft herstellen. Luther wusste diese Tatsache zu nutzen, indem er nicht nur mit seinen Predigten, sondern auch mit seinen Kirchenliedern für die Weiterverbreitung der reformatorischen Ideen sorgte.

Was bedeutet für Sie der Reformator?
Hoyer:
Eine der beeindruckendsten Geschichten, die ich als Kind gehört habe, war jene, dass Martin Luther ein Blatt Papier mit 95 Thesen an die Kirchentür in Wittenberg genagelt hätte.

Mit Hammer und Nägeln kannte ich mich als Achtjähriger schon aus und mit Blick auf unsere Kirchentür im Berliner Stadtteil Friedrichshagen stellte ich mir vor, dass es schwierig und anstrengend gewesen sein muss. Immerhin hörte ich im Religionsunterricht auch vom Ablasshandel und vom Mönch Tetzel … Es waren wunderbare, die Fantasie anregende Stunden. Verstanden habe ich vermutlich sehr wenig, aber das ist wohl normal und auch nicht weiter schlimm. Denn es war eine Spur gelegt.

So hat es mich – nach einer langen kirchenfernen Zeit – dann eines Tages doch interessiert, was es mit Luther und seinem »hier stehe ich …« auf sich hat. Diese Erkundungen dauern an.

Uraufführung: 16. September, 18 Uhr, Dom zu Halberstadt, Vokalconsort Berlin, Brandenburger Symphoniker, Kantorei Halberstadt, Leitung: KMD Claus-Ehrhard Heinrich; weitere Aufführungen: 17. September, 17 Uhr, Brandenburg, Dom; 23. September, 19.30 Uhr, Bayreuth, Stadtkirche

Innere Einkehr und Meditation

4. September 2017 von redaktionguh  
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Pilgerprojekt im Kirchenkreis Gera: Moderne Kunst in alten Kirchen

Bereits zum neunten Male laden alte Dorfkirchen in Gera zum Pilgern und zum Kennenlernen von Kunst ein. »NIMBUS – Pilgern und Kunst in Kirchen« heißt das Projekt, das der Geraer Zeichner und Maler Erik Buchholz im Jahre 2008 erstmalig organisierte.

Lokaltermin: Erik Buchholz und Claudia Fischer besprechen in Gera-Zwötzen Details ihrer Foto-Ausstellung. Foto: Wolfgang Hesse

Lokaltermin: Erik Buchholz und Claudia Fischer besprechen in Gera-Zwötzen Details ihrer Foto-Ausstellung. Foto: Wolfgang Hesse

»NIMBUS möchte neue Kunst dorthin bringen, wo die Kirchenräume die Spiritualität und das Ehrwürdige atmen. So verbinden sich Gegenwart und Vergangenheit und stellen ganz besonders junge Künstler und deren Schaffen in den Mittelpunkt«, erklärt der Initiator. »Andacht, innere Einkehr und Meditation finden wir in der modernen Lyrik, in der Musik, in einem Bild und auch in neuen Kunstformen, wie Video, Beleuchtung oder Klang.«

»Wir haben uns entschieden, zu NIMBUS 2017 wieder die Kirchen am südlichen Stadtrand einzubeziehen«, gesteht Erik Buchholz. So werden neben den Kirchen in Gera-Pforten und Markersdorf die Gotteshäuser in Zwötzen, Kaimberg, Liebschwitz und Taubenpreskeln einladen.

Die Taubenpreskelner Kirche liegt inmitten eines Friedhofes und inte­griert sich in das sie umgebende Grün. Buchholz hat Gerd Kaden aus Greiz vergangenes Jahr hier kennengelernt. Der Bildhauer war von der Idee begeistert und konnte für die Kirche in Gera-Liebschwitz gewonnen werden. Seine Arbeiten knüpfen an Darstellungen der geschundenen Kreatur an. Sein Gekreuzigter oder Schmerzensmann greift dieses Thema auf und führt es weiter.

Timm Kregel hat sich die Kirche Taubenpreskeln ausgesucht. Der 1957 in Leipzig geborene Grafiker studierte unter anderem Kunst und Design in Halle auf Burg Giebichenstein. Derzeit beschäftigt er sich mit Skulpturen, Malerei und Grafik. Seit 1999 lebt und arbeitet er in Gorsleben.

Claudia Fischer lebt in Jena und Lissabon und hat sich für die Zwötzener Kirche St. Martini entschieden. Die Künstlerin hat Fotografie in Rochester und Leipzig studiert und beschäftigt sich mit Themen, die sie fotografisch beschreibt. In Zwötzen zeigt sie ihre aktuellen Arbeiten. Sprache und Text verwandelt sie in eine Kunstform. Auf ihren Fotografien wird Text eines Laserdruckers »unter die Lupe genommen« und extrem vergrößert. Dabei sieht man Grafiken, die Holzschnitten ähneln. Diese Objekte werden sich beweglich in den Kirchenraum einpassen.

Die Schwedin Nina Lundström lebt seit dem Jahre 2000 in Weimar und arbeitet als Cutterin beim Fernsehen. Das Medium Video hat es ihr angetan. In der Kirche Gera-Pforten möchte sie einladen, ihre Kunst so zu entdecken, »wie wir das Leben in und mit dem Körper erleben«. Ihre Arbeiten zeigen Möglichkeiten, aus dem Alltäglichen auszubrechen und die Freiheit zu gestalten.

Tanja Pohl wirkt in Greiz und zählt zu den interessantesten Nachwuchskünstlerinnen. Ihre Werke, von Druckgrafik über Malerei bis hin zur Plastik, werden in Kaimberg zu sehen sein. Schließlich wird Angelika Weikert, eine Malerin aus Sangerhausen, meditative Arbeiten in der Kirche Markersdorf ausstellen.

Wolfgang Hesse

9. September bis 3. Oktober, am Wochenende von 10 bis 17 Uhr

Vater der Lieder – Martin Luther und die Musik

28. August 2017 von redaktionguh  
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Wittenberg: 12. Renaissance Musikfestival startet Kartenvorverkauf und feiert Reformator

Das Wittenberger Renaissance Musikfestival präsentiert vom 20. Oktober bis zum 5. November 13 Konzerte, 11 Kurse für Instrumentalspiel und Tanz, einen historischen Ball sowie eine Instrumentenausstellung im Alten Rathaus. Sowohl internationale Spitzenkünstler als auch selten zu erlebende Instrumentalvirtuosen gastieren vor großartiger Kulisse und bereichern das ohnehin sehr dichte Kulturprogramm in der Reformationswoche mit musikalischen Hochgenüssen.

Historischer Klang: Die Wittenberger Hofkapelle lädt zu einer Reise von Antoine Busnois bis Heinrich Schütz ein. Foto: Veranstalter/Nils Bröer

Historischer Klang: Die Wittenberger Hofkapelle lädt zu einer Reise von Antoine Busnois bis Heinrich Schütz ein. Foto: Veranstalter/Nils Bröer

Martin Luther war ein kunstsinniger, musikalischer und geselliger Privatmensch. Diese Seiten seines Charakters waren prägend für das Wesen und Wirken der Reformation und letztendlich für die Entwicklung der Kirchenmusik. So verwundert es nicht, dass Festivalleiter Thomas Höhne den Reformator als den »Vater der Lieder« ins Zentrum seines diesjährigen Programms stellt und daran erinnert, wie lebensnotwendig die Musik für den Theologen war. Er komponierte, dichtete, sang und spielte selbst Laute. Musik als wirksames Mittel gegen Sorge, Trauer und Hass waren für ihn untrennbar mit der religiösen Praxis verbunden. Luther vertonte zahlreiche Psalmen, komponierte regelrechte Ohrwürmer, die dazu dienten, Glaubenstexte zu verinnerlichen, und führte letztendlich den deutschsprachigen Gemeindegesang im Gottesdienst ein.

Mit Pauken und Trompeten, sprich in großer Besetzung, wird die Wittenberger Hofkapelle – als gastgebendes Ensemble des Festivals – in diesem Jahr erstmals das Eröffnungskonzert gestalten. Für ihren Leiter Thomas Höhne, der es 2006 gründete, war es wichtig, auf die reiche regionale Musiktradition zu verweisen und diese zu zelebrieren.

Um nah bei Luther zu bleiben, verkörpern Gesang und das Musizieren auf der Laute den roten Faden des Programms. Dabei vermitteln das renommierte Calmus Ensemble, die Sänger von VocaMe, der Kinderchor der Oper Leipzig, der Tenor Johannes Weiss, der Chor der Valparaiso Universität aus Indiana (USA) und die Sopranistin Julla von Landsberg vielfältige Beispiele für die berührende Kraft des Gesangs.

Mit der Lautten Compagney, dem Leipziger Barockorchester und den Solisten Rolf Lislevand, Lorenz Duftschmid und Christoph Sommer kehren international gefeierte Virtuosen der Lautenmusik zurück.

Erstmals präsentiert das Festival mit dem Potsdamer Ensemble I Confidenti auch Musiktheater. Mit Maskenspiel, Chören und Instrumentalmusik bieten sie in »Dolcissima Speranza« ein Mysterienspiel dar, das Luthers Lieder mit Kompositionen von Schütz und Monteverdi verbindet. Besonders ist hierbei, dass das Bühnenbild der Produktion unter Mitwirkung von Schülern des Wittenberger Melanchthon-Gymnasiums entsteht und das Orchester mit Schülern besetzt ist.
(G+H)

www.wittenberger-renaissancemusik.de

Kleinod der Literaturgeschichte

21. August 2017 von redaktionguh  
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Neuauflage: Zerbst will Theatergeschichte schreiben. Knapp 500 Jahre nach der letzten Aufführung kommt in der Stadt ein mittelalterliches Prozessionsspiel auf die Bühne. Aber als Stück für unsere Zeit.

Gebeugt und langsam kommen sie näher, kennen nur ein Ziel: Die hoch aufgerichtete Gestalt, die mit einem Kästchen in der Hand dasteht. Bald ist sie eingekreist … Seit dem 9. August steht auf dem Markt in Zerbst eine Bühne. In den nächsten vier Wochen wird an dieser Stelle das geprobt, was vom 8. bis 10. September als Open-Air-Spektakel über die Bretter gehen soll: Mit dem Titel »Hört her, merkt auf, versteht!« wird das Zerbster Prozessionsspiel von 1507 multimedial neu inszeniert. Die Proben laufen schon länger, die heiße Phase hat soeben begonnen. Am 10. August probten die Kinder vom Reit- und Fahrverein Sankt Laurentius eine Szene aus dem Leben ihres Vereins-Namenspatrons, der im antiken Rom lebte. Laurentius starb als Märtyrer, weil er sich weigerte, den Schatz seiner Kirche dem Kaiser auszuliefern, und ihn stattdessen unter den römischen Armen und Kranken austeilte.

Szene auf dem Markt: Kinder des Reit- und Fahrvereins Sankt Laurentius proben mit Professor Hans-Rüdiger Schwab für das Prozessionsspiel. Ein geduldiger Mitwirkender ist Hengst Paul. Foto: Angela Stoye

Szene auf dem Markt: Kinder des Reit- und Fahrvereins Sankt Laurentius proben mit Professor Hans-Rüdiger Schwab für das Prozessionsspiel. Ein geduldiger Mitwirkender ist Hengst Paul. Foto: Angela Stoye

Die Laurentius-Szene ist eine von insgesamt 24, die im September zu sehen sein werden. Nicht nur 415 Erwachsene und Kinder machen bei dem Spiel mit, sondern auch neun Pferde. Die zweibeinigen Darsteller kommen aus Zerbst sowie zahlreichen Orten aus der näheren und weiteren Umgebung der anhaltischen Stadt. Der künstlerische Leiter und Regisseur, Professor Hans-Rüdiger Schwab, kommt aus Münster. Alle sind ehrenamtlich, aber mit großem Einsatz bei der Sache. Möglich wird die Aufführung nicht nur durch dieses Engagement, sondern auch durch finanzielle Förderung, etwa von Seiten des Landes Sachsen-Anhalt und der Ostdeutschen Sparkassenstiftung.

Fünf Jahre ist es her, seit das originale Fronleichnamsspiel im Zerbster Stadtarchiv wiederentdeckt wurde. Seit dem schweren Bombenangriff am 16. April 1945 galt die Handschrift als verloren. 1490 wurde das Spiel, das als eines der bedeutendsten spätmittelalterlichen Spiele im deutschsprachigen Raum gilt, in der Stadthistorie erstmals erwähnt. Zwischen 1507 und 1522 entwickelte es sich zum Großereignis mit bis zu 2 500 Mitwirkenden. »Damals spielten hauptsächlich Vertreter der Zünfte die Szenen. Heute sind es Menschen aus Vereinen, Chören oder Kirchengemeinden, die die historische Überlieferung in Szene setzen«, so Regisseur Hans-Rüdiger Schwab: »Vom enormen Engagement aller Laiendarsteller lebt die Aufführung.« Schwab verweist darauf, dass das Stück ein »Kleinod der deutschen Literaturgeschichte« sei. Nur eine Handvoll solcher Spiele sei überliefert, wiederaufgeführt keines. In Zerbst führe man es jedoch nicht eins zu eins wie im Mittelalter auf, als Prozession durch die Stadt, sondern auf einer Bühne vor der imposanten Ruine der Nikolaikirche. Außerdem seien die Fragen, die das Spiel aufwirft – etwa die nach Lebenssinn oder Hoffnung – Fragen, die auch die Menschen von heute bewegten. Sie seien »ein wichtiger Grund, warum man sich auch heute darauf einlassen kann«.

Bürgermeister Andreas Dittmann lädt zum Besuch des Spieles vom 8. bis 10. September und des Begleitprogramms – bestehend aus Bollen- und Mittelaltermarkt, Stadtführungen, Sonderausstellung im Rathaus und ökumenischem Gottesdienst am 10. September – herzlich ein. »An diesem Wochenende kann es nur ein Ziel geben: Zerbst«, sagt er. Und sollte es regnen, sei für genügend Capes gesorgt. Denn: »Wir lassen niemanden im Regen stehen.«

Der katholische Pfarrer Hartmut Neuhaus und der Pressesprecher der Landeskirche Anhalts, Johannes Killyen, verwiesen auf das Engagement der Kirchengemeinden für das Spiel und das Festwochenende. So seien täglich um 17.30 Uhr ökumenische Andachten in der Bartholomäikirche geplant.

Am 10. September stehe ein ökumenischer Open-Air-Gottesdienst in St. Nicolai auf dem Programm.

Angela Stoye

www.stadt-zerbst.de

Karten unter www.reservix.de oder der Touristinformation der Stadt

Meisterliche Handwerkskunst

14. August 2017 von redaktionguh  
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Orgelbau: Neue Pfeifen für Walldorfer Orgel in Bad Liebenwerda gegossen

Wie aus flüssigem Metall mit vollendeter Handwerkskunst Orgelpfeifen geformt werden, konnten Mitglieder der Kirchengemeinde Walldorf (Kirchenkreis Meiningen) bei einem Besuch der Orgelbaufirma Voigt in Bad Liebenwerda (Lausitz) miterleben. Vor den Augen der weit gereisten Thüringer Gäste wurden in einem historischen Augenblick die ersten Pfeifen für ihr zukünftiges Instrument gegossen.

Die neue Orgel ist für die im Wiederaufbau befindliche Kirchenburg Walldorf bestimmt, die 2012 vollständig abbrannte. Christus war vom Kreuz gefallen, das Dach eingestürzt, Orgel und Altar wurden vollständig vernichtet und der Glockenturm war einsturzgefährdet. Das Gebäude wird seitdem nach einem aufwendigen Konzept für mehrere Millionen Euro wieder aufgebaut. »In den vier eingereichten Angeboten konnte der Mitteldeutsche Orgelbau Voigt am meisten überzeugen«, so Pfarrer Heinrich Freiherr von Berlepsch. »Uns war es wichtig, bei der Konstruktion der Orgel ein Fenster einzubinden, das den Raum dominiert und Licht spendet. Das gelang Dr. Markus Voigt optimal. Er hatte das interessanteste Konzept«, erklärt der vom Ambiente der Szenerie sichtlich begeisterte Pfarrer.

Historischer Augenblick: Orgelbaumeister Axel Thomaß (rechts) sowie der Orgelbaumeister und Restaurator Matthias Voigt (links) gießen in Bad Liebenwerda die ersten Pfeifen für das neue Instrument der am 3. April 2012 abgebrannten Kirchenburg in Walldorf. Foto: Veit Rösler

Historischer Augenblick: Orgelbaumeister Axel Thomaß (rechts) sowie der Orgelbaumeister und Restaurator Matthias Voigt (links) gießen in Bad Liebenwerda die ersten Pfeifen für das neue Instrument der am 3. April 2012 abgebrannten Kirchenburg in Walldorf. Foto: Veit Rösler

Den Walldorfern war der Brand ihrer Kirche tief zu Herzen gegangen. Nun standen einigen Vertretern der Kirchengemeinde beim Entstehen der neuen Pfeifen die Tränen in den Augen. Zunächst auf 290 Grad erhitzt, wird das flüssige Metall aus einer Legierung von 70 Prozent Zinn und 30 Prozent Blei unter Zugabe eines Flussmittels aus Wachs auf exakt 195 Grad herabgekühlt. Dann müssen die Orgelbaumeister rasanten Schrittes die mit flüssigem Metall gefüllte Lade über einen Tisch ziehen. Dabei entsteht eine dünne, etwa drei Millimeter starke und 330 Zentimeter lange Metallplatte.

So ein anspruchsvoller Gießvorgang findet nur ganz selten im Jahr statt. Viele Orgelbaubetriebe lassen die Pfeifenplatten daher bei externen Firmen maschinell anfertigen. Die Platten werden dann in eine Zinnhobelmaschine eingespannt und auf das für den zukünftigen Ton exakt vordefinierte Maß zwischen 1,2 und 0,22 Millimeter abgehobelt. Ein Polierstein bringt den letzten Schliff. Legierung und Starkwandigkeit sind entscheidend für den zukünftigen Ton. Danach werden die dünnen Bleche in die markante runde Form gebracht und von Hand verlötet. Für die Walldorfer Orgel müssen insgesamt 1 072 Pfeifen unterschiedlichster Größe hergestellt werden, die etwa im Dezember 2018 fertiggestellt sein sollen.

Veit Rösler

50 Jahre Zwischenstopp in Apolda

6. August 2017 von redaktionguh  
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Glocken bestimmen seit mehr als 50 Jahren das Leben von Margarete Schilling. An Ruhestand ist bei der 85-Jährigen noch lange nicht zu denken.

Ein heller Ton erklingt am Brunnen vor dem Apoldaer Glockenstadtmuseum. Die darüber hängende Glocke ist eine Attraktion für die Besucher der Landesgartenschau. Immer wieder wird sie angeschlagen. Gestiftet hat sie Margarete Schilling, als sie 2016 zur Brunnenmeisterin ernannt wurde. Glocken bestimmen seit mehr als 50 Jahren das Leben der mit vielen Talenten beschenkten Expertin. In diesen Tagen feiert sie ihren 85. Geburtstag. Das Alter ist an ihr vorbeigegangen, wie sie selbst sagt. Zeit hat sie kaum. Nach wie vor ist sie täglich in Sachen Glocken unterwegs, beantwortet Mails aus aller Welt. »Ich werde viel eingeladen und zu Glocken befragt, die meine Vorfahren gemacht haben«, erzählt Margarete Schilling. Mit den Vorfahren ist die Glockengießerdynastie Schilling gemeint, die im Verlauf der Firmengeschichte Tausende von Glocken für Kirchtürme und Mahnmale rund um den Globus gegossen hat. Durch Heirat mit Franz Peter Schilling kam sie zum Unternehmen. Ihre Autobiografie ist ironisch mit »50 Jahre Zwischenstopp in Apolda« überschrieben. 60 Jahre würde sie gern erreichen.

Im hohen Alter noch kein bisschen müde: Margarete Schilling am Brunnen des Glockenstadtmuseums in Apolda. Foto: Doris Weilandt

Im hohen Alter noch kein bisschen müde: Margarete Schilling am Brunnen des Glockenstadtmuseums in Apolda. Foto: Doris Weilandt

Margarete Schilling übernahm 1970 zusammen mit ihrem Mann die Glockengießerei. Nach der Zwangsverstaatlichung des Betriebes begann das Paar 1976 freiberuflich zu arbeiten. Sie projektierten Glocken und Carillons, darunter auch das Glockenspiel im Französischen Dom in Berlin mit 60 Glocken, das in Pößneck gegossen wurde. Das klangschönste Carillon befindet sich im Turm der Bartholomäuskirche in Erfurt, findet die Expertin. »Das älteste Glockenspiel von uns gibt es in Lößnitz im Erzgebirge. Mein Schwiegervater und die Stadt haben es im Zweiten Weltkrieg unter großer Mühe vor dem Einschmelzen gerettet.« Jetzt ist es das älteste noch original erhaltene Glockenspiel in Deutschland. Anlässlich eines Kirchenjubiläums wird im August ein kanadischer Carillonneur ein Konzert geben. Margarete Schilling ist selbstverständlich dabei. »Um ein Glockenspiel zu entwerfen, braucht es genaue Kenntnis der Teiltöne«, erklärt sie. Jede Glocke hat mehrere Teiltöne, die miteinander harmonieren müssen. Die Expertin lächelt: »Wir hatten damals noch keine Computer und haben uns ganz auf unser Gehör verlassen.« Für ihre Werke wird sie von Kennern sehr geschätzt. Aus Hochachtung vor ihrer Lebensleistung widmeten ihr zahlreiche Komponisten Musikstücke.

Jetzt ist sie stolz: Sie hat es geschafft, dass das Glockenstadtmuseum, die ehemalige Glockengießerei, die Schilling-Villa und das Stadthaus mit Glockenspiel (alles Apolda) in die Straße der Musik aufgenommen wurden. Zu diesem Verein gehören bedeutende Orte der mitteldeutschen Musikgeschichte. Um die Villa kümmert sich die rührige Schilling-Nachfahrin mit Hingabe. Das denkmalgeschützte Ensemble erbaute das Dresdner Büro Schilling und Graebner 1904 im Stil der Reformarchitektur. »Der Erhalt des Denkmals und des Parks ist meine Hauptaufgabe«, erklärt Margarete Schilling. Gerade schreibt sie an einem Buch über den Park. Es soll in Kürze erscheinen. Daneben hat sie viele Bücher über Glocken und Glockenspiele verfasst und zu eigenen Ausstellungen geschrieben. Überhaupt – die Kunst: Die Glockenexpertin und Autorin bedauert, dass ihre künstlerische Arbeit immer zu kurz kommt. Bei dem Weimarer Maler Horst Jährling hat sie Unterricht genommen. Die Schillings hatten ihn als Gestalter für den Glockenschmuck mit zahlreichen Aufgaben betraut. Von ihm stammt beispielsweise die Schrift auf der 1976 gegossenen Glocke zum 150-jährigen Jubiläum der Firma für das Rathaus in Apolda. Margarete Schilling ist froh, dass sie mit ihm zusammengearbeitet hat.

Urlaub findet sie langweilig. Die Expertin ist durch die ganze Welt gereist, um Glocken anzuschauen und zu begutachten. Unterwegs hat sie viele Kirch- und Glockentürme fotografiert. Im letzten Jahr konnte sie in Zürich eine Ausstellung zu Schilling-Glocken vorstellen. In der Schweiz gibt es sehr viele Apoldaer Glocken, die nicht zerstört worden sind. »Ich habe noch unglaublich viel aufzuarbeiten«, sagt sie und verabschiedet sich.

Doris Weilandt

Berühmter Bach-Botschafter

30. Juli 2017 von redaktionguh  
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Gesprächskonzerte mit Helmuth Rilling in Weimar, Erfurt und Eisenach

Bereits zum vierten Mal lädt Helmuth Rilling vom 6. bis 19. August internationale Chorsänger und Instrumentalisten nach Weimar ein, um gemeinsam mit einem Dozenten-Team an den Weimarer Kantaten Johann Sebastian Bachs zu arbeiten. In den vergangenen drei Jahren wurden aus zahlreichen Bewerbern jeweils 70 Musiker aus der ganzen Welt ausgewählt, die mit immenser Begeisterung und großem musikalischem Talent in kürzester Zeit zu einem exzellenten Chor und Orchester zusammenwuchsen.

In diesem Jahr werden 74 Musikerinnen und Musiker aus 19 Ländern mitwirken.

Hingebungsvolle Werktreue: Helmuth Rilling beim Dirigieren einer Bach-Kantate. Foto: Holger Schneider

Hingebungsvolle Werktreue: Helmuth Rilling beim Dirigieren einer Bach-Kantate. Foto: Holger Schneider

Mit den Teilnehmern der 4. Weimarer Bachkantaten-Akademie, die von den Thüringer Bachwochen in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik »Franz Liszt« in Weimar veranstaltet wird, wird Rilling herausragende Werke aus Bachs Kantatenschaffen erarbeiten, um sie dann in Gesprächs- und Abschlusskonzerten in Weimar, Eisenach, Erfurt und Leipzig zu erklären und aufzuführen. Im Mittelpunkt stehen diesmal vier Kantaten zu den großen Kirchenfesten, außerdem stellen sich Solisten, Chor und Orchester jeweils mit einem eigenen Konzertprogramm vor.

Kantaten zu den Kirchenfesten

Die Erfahrungen der letzten Jahre haben nachhaltig gewirkt: Die den Proben folgenden Konzerte waren für Interpreten und Publikum unvergessliche Erlebnisse. Sie haben in eindrucksvoller Weise gezeigt, welche Aufgabe ein derartiges Projekt gerade an historischem Ort erfüllen kann: Jungen Menschen den Geist Bachs und das Wesen seiner Musik zu vermitteln, sodass sie in ihrer Heimat kaum je wieder diese Musik spielen werden, ohne an diese Erfahrung zu denken.

Helmuth Rilling (84) ist zweifelsohne einer der großen Interpreten der Musik Johann Sebastian Bachs. Über die letzten fünfzig Jahre hat er mit zahllosen Konzerten, ausgewählten Ensembles und vielerlei Projekten für Aufsehen gesorgt. Er verantwortete die erste Einspielung des Bachschen Gesamtwerkes und schlug Brücken nach Osteuropa, Asien und Amerika. Die heute weltumspannende Präsenz der Musik des Thomaskantors würde es ohne ihn kaum geben. Rilling ist Gründer und langjähriger Leiter der Gächinger Kantorei und des Bach-Collegiums Stuttgart, der Internationalen Bachakademie Stuttgart und des Oregon Bach Festivals (USA). Der Dirigent ist darüber hinaus Initiator von Bach-Akademien in aller Welt.
Auftakt der öffentlichen Veranstaltungen in Thüringen ist am Mittwoch, 9. August, um 18 Uhr in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul mit der Kantate BWV 63 »Christen, ätzet diesen Tag«. Der Eintrittspreis beträgt 15 Euro (ermäßigt: 10 Euro).

Die folgenden Gesprächskonzerte werden ab Nr. 31 auf Seite 10 (Tipps und Termine) der Kirchenzeitung angezeigt. (G+H)

www.thueringer-bachwochen.de

Vorerst kein Nachfolger in Sicht

24. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Traditionspflege: Zum 26. Mal verantwortet Gottfried Preller den Thüringer Orgelsommer

Jetzt, in der zweiten Julihälfte, muss der Thüringer Orgelsommer ohne Gottfried Preller auskommen. Urlaub. Das muss sein, nach Monaten der Vorbereitung und bereits zwei Wochen Konzertbetrieb mit Gastspielen kreuz und quer im Freistaat. Eine Auszeit mitten im Dauertrubel, die zuvor beim Durchhalten eine schöne Aussicht bot. Denn der 69-Jährige ist noch immer das, was er gar nicht mehr sein wollte: für alles hauptverantwortlich. Er ist der künstlerische und organisatorische Leiter der landesweiten Konzertreihe, die kurz nach der Wende aus dem von ihm initiierten Arnstädter Orgelsommer hervorging. Und er ist der Präsident des Trägervereins, des Thüringer Orgelsommer e.V.

Natürlich gibt es Helfer. Sehr viele sogar in den Juliwochen, die Sorge tragen für das Gelingen der Veranstaltungen. Die Karten verkaufen, Programme verteilen, hinterher auch wieder aufräumen. In diesem Jahr sind sie bei 55 Konzerten im Einsatz, was einen Spitzenwert darstellt. Die hohe Zahl lässt sich leicht erklären: In mehreren Kirchen wurden jüngst Restaurierungsprojekte abgeschlossen, hier sollten die Orgeln unbedingt wieder in Konzerten zu hören sein. Das ist schließlich das Anliegen der Reihe. Sie will aufmerksam machen auf die kostbaren, teils jahrhundertealten Instrumente überall im Land – auf ihre Klangschönheit oder ihren Jammerzustand.

Gottfried Preller mit dem Programmheft der Konzertreihe. Foto: Susann Winkel

Gottfried Preller mit dem Programmheft der Konzertreihe. Foto: Susann Winkel

Die zahlreichen Mitstreiter und die akribische Aufgabenverteilung und Planung der vergangenen Monate erlauben es, dass Gottfried Preller und seine Frau Annette doch wegfahren können. Obwohl sich noch immer kein Nachfolger gefunden hat. Zumindest keiner, der leidenschaftlich – oder verrückt – genug ist, die Leitung des Thüringer Orgelsommers in jenem ehrenamtlich-unbezahlten Umfang zu übernehmen, wie ihn Gottfried Preller seit einem Vierteljahrhundert stemmt. Dabei wollte der frühere Kirchenmusikdirektor, Bachkirchen-Kantor und Orgelsachverständige nach dem Jubiläumssommer 2016 eigentlich auch als Privatmann seinen Ruhestand beginnen. Nicht zuletzt, weil es die Rücksicht auf seine Gesundheit fordert.

Doch das Loslassen von Verantwortung muss vorerst verschoben werden. Der 69-Jährige kümmert sich weiter, so, wie er es seit 26 Jahren tut. Das ist vorübergehend eine Lösung und zugleich Teil des Dilemmas. »Ich dominiere den Laden«, sagt er mit einer Mischung aus Selbstbewusstsein und Selbstkritik. Immerhin gäbe es »den Laden« ohne ihn ja auch nicht und keiner kennt sich darin so gut aus wie Gottfried Preller. An die 2 000 Konzerte gab es schon im Thüringer Orgelsommer, deshalb weiß er, wo in der Rhön besonders viele Zuhörer kommen und in welcher Dorfkirche die Logistik knifflig zu lösen ist. Gibt es ein Problem, dann weiß er, wie es anzupacken ist, ohne großes Gerede.

Die Konzertreihe, ist sich Gottfried Preller sicher, kann auch künftig nur von einer Führungsperson geleitet werden. Einer muss das Sagen haben und die Verantwortung, aber er muss auch delegieren können – an weitere Ehrenamtliche. Anders als etwa die Thüringer Bachwochen hat der Thüringer Orgelsommer kein Budget, das es erlauben würde, für die Organisation, das Einwerben von Mitteln oder die Bewerbung der Reihe Mitarbeiter einzustellen. Was bei um die fünfzig Konzerten pro Jahrgang eigentlich vonnöten wäre. Es ist eben ein wirklich großer »Laden«, den Gottfried Preller da führt, mit viel Liebe und auch Selbstaufopferung, wie er sagt. Der Abschied in den Ruhestand ist jedenfalls erst einmal vertagt.

Susann Winkel

Noch bis zum 30. Juli präsentiert der Thüringer Orgelsommer Konzerte in Kirchen sowie open air.
www.orgelsommer.de

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