Rückwärtsgang: Luther wieder in Latein

20. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Restauriert: In Basel 1520 veröffentlichter Sammelband aus dem Landeskirchlichen Archiv

Schon zu Martin Luthers Lebzeiten waren viele Menschen begierig, die Schriften des Reformators zu lesen. Sie wurden, nachdem sie zumeist in Wittenberg erschienen waren, an anderen Orten nachgedruckt, und auf diese Weise immer weiter verbreitet. Man konnte damals mit dem Nachdruck von Lutherschriften viel Geld verdienen. Ein Copyright, wie heute, gab es nicht und ein Honorar für seine geistige Arbeit hat Martin Luther nie erhalten. Um 1518 war Luther schon so bekannt und hatte bereits so viele Schriften veröffentlicht, dass geschäftstüchtige Verleger in Basel und Straßburg sich bemühten, eine Gesamtausgabe der Werke des Reformators zu veröffentlichen. Eine erste besorgte 1518 der Baseler Drucker und Verleger Johannes Froben (1460–1527). Sie enthielt alle Schriften Luthers, die er bis zu diesem Jahr veröffentlicht hatte. Andere folgten Froben, und es erschienen bis 1520 drei weitere Sammelausgaben mit den Werken Luthers.

Der Baseler Verleger Adam Petri veröffentlichte 1520 diesen Band. Foto: Landeskirchliches Archiv

Der Baseler Verleger Adam Petri veröffentlichte 1520 diesen Band. Foto: Landeskirchliches Archiv

Eine dieser frühen und heute seltenen Ausgaben von Luthers Schriften befindet sich auch im Landeskirchenarchiv in Eisenach. Sie wurde im Juli 1520 von dem Baseler Drucker und Verleger Adam Petri (1454–1527) veröffentlicht und enthält mehr als zwanzig Lutherschriften aus der Zeit zwischen 1517 und 1520, Sermone, Streitschriften, Akten und den Kommentar über den Brief des Apostels Paulus an die Galater. Da der umfangreiche Band für gebildete Leser bestimmt war, liegen in ihm alle Schriften in lateinischer Sprache vor. Auch einige, ursprünglich in deutscher Sprache veröffentlichte Sermone wurden für diese Ausgabe ins Lateinische übersetzt.

Das Buch stammt aus der ehemaligen Eisenacher Ministerialbibliothek, die einst im Turm der St.-Georgen-Kirche aufgestellt war. Diese bedeutende Kirchenbibliothek wurde 1596 von dem späteren Stedtfelder Pfarrer Sebastian Khymäus (1535–1614) gegründet. Bedeutende Zuwächse erhielt sie durch verschiedene Schenkungen. Als eine solche erweist sich auch der Band mit den Lutherschriften. Der Eisenacher Pfarrer Johannes Himmel (1546–1626) hat ihn der Ministerialbibliothek gestiftet. Er ist eifrig benutzt worden, denn auf vielen Seiten finden sich Unterstreichungen und Randbemerkungen einstiger Leser. Die machen diesen Petri-Druck von frühen reformatorischen Schriften Luthers zu einem einmaligen Buch, das in seiner Weise auch ein bedeutendes Denkmal der Reformation darstellt. Dieses ist mit landeskirchlichen Mitteln zur Reformationsdekade restauriert worden.

Hagen Jäger, Landeskirchenarchiv Eisenach

Das Geheimnis von Mühlberg

13. Februar 2017 von redaktionguh  
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Über den Köpfen der Einwohner von Mühlberg an der Elster liegt möglicherweise seit mindestens 457 Jahren, vielleicht sogar noch sehr viel länger, ein vor aller Augen sichtbares Geheimnis.

Im obersten Stockwerk des »Museums 1547« in Mühlberg (Kirchenkreis Bad Liebenwerda), in dem sich einst die Kloster-Propstei des Klosters Marienstern befand, schauen mit der Heiligen Veronika und Johannes dem Täufer zwei Heilige exakt auf die Geometrie der in Übereinstimmung stehenden beiden Spitzen der Klosterkirche. Dieser Umstand könnte noch Zufall sein, doch auf Satellitenbildern ist von oben eine Rautentrigonometrie zu erkennen, welche zeigt: Das System könnte man vor Jahrhunderten vorsätzlich und wissentlich eingemessen haben!

Von einer Markierung im Torhaus/Hospiz aus ist in der exakten Südausrichtung auf einem Gebäude am Altstädter Markt ein Jakobsstab zu sehen. Dabei handelt es sich um ein simples, aber effektives Vermessungsgerät in der geodätischen Landvermessung, welches ebenso in der Astronomie eingesetzt wurde.

Rautentrigonometrien tauchen auf mittelalterlichen Darstellungen der Freimaurer auf, welche in der Geschichte ihrer Tradition die Geheimnisse der Vermessung von den Dombauhütten und wiederum daraus aus früheren Zeiten von den bauenden Mönchen der Kreuzritter übernommen haben. Mit ähnlichen astronomischen Systemen wurden mutmaßlich bereits in der Antike, wie zum Beispiel in Stonehenge, aber auch in Ägypten und in Jerusalem die Gestirne über der Horizontlinie vermessen. Auch in Frankreich werden immer wieder an den Templern zuzuordnenden mittelalterlichen Kathedralen und Burgen eindeutige astronomische Ausrichtungen bemerkt. Durch die Drehbewegung der Erde, durch die Sommer-Winter-Schwankung und durch ihre Bahn um die Sonne tauchen die Gestirne im Osten immer an etwas verschobenen Punkten auf. Aus dieser Verschiebung können Vermesser und Astronomen nicht nur wichtige Daten für die Landwirtschaft, sondern auch Positionen auf der Erdkugel bestimmen. Sie waren quasi die Kalendarien und Navigationsgeräte der Antike und des Mittelalters.

Blick auf das Heiligenfenster mit der Heiligen Veronika (links) und Johannes dem Täufer (rechts). Foto: Veit Rösler

Blick auf das Heiligenfenster mit der Heiligen Veronika (links) und Johannes dem Täufer (rechts). Foto: Veit Rösler

Von der Geometrie her könnte mit einer solchen Anlage wie in Mühlberg über den Polarstern (Zirkularpunkt) im Norden und mit der Südausrichtung über den Jakobsstab im Süden dann in Richtung Osten über die Klosterspitzen durch das nun gebildete Trigonometrische Dreieck vermessen werden. Mit dieser mit dem bloßen Auge ohne Fernglas bzw. ohne Teleskop anwendbaren Visiermethode können die Gestirne unserer Milchstraße und immerhin noch der 2,2 Millionen Lichtjahre entfernte Andromedanebel als das am entfernteste, mit bloßem Auge erkennbare Objekt vermessen werden. Bei den Nachforschungen im »Fall Mühlberg« zeigte sich: Die Kreuzritter des Deutschen Ordens waren ab 1223 in der Nähe in Dommitzsch an der Elbe in einer Commende aktiv. Die Ersterwähnung von Mühlberg war 1228. Dommitzsch liegt 35 Kilometer und damit einen Tagesritt von Mühlberg und genauso weit auch von Wittenberg entfernt. Der für die Vermessung zuständige Landmeister des Ordens Hermann von Balk (–1239) soll sich zu dieser Zeit in Mühlberg aufgehalten haben. Genau weiß man: Hermann von Balk hat drei Jahre nach Mühlberg 1231 die Stadt Thorn eingemessen. Weitere interessante Spuren führen damit zu Astronom Nikolaus Kopernikus, welcher im Kloster Thorn aufgewachsen ist, und auch zum zweiten großen Astronomen der Neuzeit, Tycho Brahe, welcher ab 1560 in Wittenberg studiert hat. Denn auch in Wittenberg scheint mit der Marien-Stadtkirche und dem Nordturm der Schlosskirche die gleiche Geome­trie eingebaut worden zu sein.

Hinter dem in Mühlberg gefundenen System könnte sich sowohl für Mühlberg, für Thorn als auch für Lutherstadt Wittenberg eine astronomische Sensation verbergen. Die Geometrien sind noch immer vor aller Augen sichtbar vorhanden. Die Geometrie lügt nicht! Tiefgründig nachzulesen sind die geometrischen und geschichtlichen Zusammenhänge zwischen antiken Bauwerken, dem Kloster Mühlberg und der Stadt Wittenberg im am 18. Dezember 2016 erschienenen Buch »Das
Universum in der Königskammer«.

Veit Rösler

V. Rösler: Das Universum in der Königskammer. Ausgleich der Gravitation mit der Cheops-Pyramide, Books on Demand, 488 S., ISBN 978-3-74311-876-8, 39,90 Euro

Einheit von Kunst und Handwerk

5. Februar 2017 von redaktionguh  
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Fünf Orgelbauer erhielten in Bad Liebenwerda ihre Meisterbriefe

Oft geschieht es nicht, dass ein Meisterbrief an einen Orgelbauer übergeben wird – der anspruchsvolle Beruf, der Handwerk und Kunst in sich vereint, ist dafür schlicht zu selten. »Meist hat man höchstens alle paar Jahre einen neuen Meister«, sagt Dietmar Schmidt, Vorsitzender des Meisterprüfungsausschusses für Orgel- und Harmoniumbauer der Handwerkskammer Cottbus. Erstmals haben nun im Kammerbezirk Cottbus Orgelbauer ihre Meisterprüfung abgelegt. Und dass es gleich fünf waren, die am 14. Januar in der Südbrandenburgischen Orgelakademie in Bad Liebenwerda (Kirchenkreis Bad Liebenwerda) ihren Meisterbrief erhielten, hat deutschlandweit beträchtlichen Seltenheitswert.

Erhielten ihren Meisterbrief: die Orgelbauer No Sang Ook, Josef Poldrack, Lukas Ehlert, Axel Thomaß und Stefan Pilz (v. l. n. r.). Foto: Karsten Bär

Erhielten ihren Meisterbrief: die Orgelbauer No Sang Ook, Josef Poldrack, Lukas Ehlert, Axel Thomaß und Stefan Pilz (v. l. n. r.). Foto: Karsten Bär

Mit Stefan Pilz aus Leipzig, Lukas Ehlert aus Markersbach und Axel Thomaß aus Finsterwalde sind gleich drei der fünf »Jungmeister« Mitarbeiter des Mitteldeutschen Orgelbaus A. Voigt aus Bad Liebenwerda. Hinzu kommen Josef Poldrack aus Chemnitz, der einen eigenen Orgelbaubetrieb führt, sowie der aus Südkorea stammende No Sang Ook, der im Orgelbau Eule in Bautzen angestellt ist. Während No Sang Ook als Meisterarbeit eine zweimanualige Orgel neu baute, die künftig in einem Kammermusiksaal seines Heimatlandes Platz finden wird, haben die anderen vier Meister für den praktischen Teil ihrer Prüfung historische Orgeln restauriert: Josef Poldrack die Ibach-Orgel von Döblitz (Kirchenkreis Halle-Saalkreis), Axel Thomaß die Jemlich-Voigt-Orgel der Bartholomäuskirche im sächsischen Röhrsdorf, Stefan Pilz die Eule-Orgel in der St.-Afra-Kirche Meißen und Lukas Ehlert die Jehmlich-Orgel in Deuben bei Freital.

Dass die Ehrung der Meister in Bad Liebenwerda durchgeführt wurde, sei auch als Referenz an die Südbrandenburgische Orgelakademie zu verstehen, so Prüfungsausschussvorsitzender Dietmar Schmidt. Die Einrichtung in einem historischen Druckereigebäude am Markt von Bad Liebenwerda, die maßgeblich auf Initiative des Bad Liebenwerdaer Orgelbaumeisters und früheren Kantors Dieter Voigt entstand, will auf vielfältige Weise das öffentliche Bewusstsein für die Orgel als Musikinstrument und den Orgelbau als Handwerk fördern und sich sowohl in die Ausbildung von Orgelbauern als auch von Organisten einbringen.

Karsten Bär

Die Bibel als Theaterstück

30. Januar 2017 von redaktionguh  
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Das Theaterstück »Die Bibel« des schwedischen Autors Niklas Rådström (Übersetzung: Steffen Mensching) feiert am 28. Januar im Rudolstädter Theater als deutsche Erstaufführung Premiere.

In 41 Szenen werden Geschichten des Alten und Neuen Testaments erzählt – als eine Art Revue durch uralte Mythen über die menschliche Existenz. »Als ich das Stück las«, sagt Gastregisseur Alejandro Quintana, »war ich angenehm überrascht, wie gegenwärtig es ist. Das Buch der Bücher spricht zu uns Heutigen ganz aktuell.« Dramaturg Michael Kliefert ergänzt: »Die Bibel wird als Literatur entdeckt. Alle wesentlichen Stationen sind auf die Wahrheit des Lebens konzentriert.« Dabei geht es um Sünde und Streit, um Mord und Totschlag, um Hunger und Krieg, Rache, Verfolgung, Flucht und Exil. Eine Tat zieht die nächste nach sich, bis einer kommt, der anders ist, der Liebe einfordert, auch Liebe unter Feinden: Christus. An seiner Person zeigen sich die Schwierigkeiten, andere Denkmuster zu begreifen und anzunehmen.

Da steht Abraham, der Stammvater Israels, in einen Fellmantel gehüllt. Er windet sich unter den bohrenden Fragen dreier Engel, die ihn umkreisen. Auf Geheiß von Gott hätte er seinen Sohn Isaak getötet. Warum wollte er einen Menschen umbringen, den er liebt? Was hat ihn angetrieben? Es geht um die eigene Verantwortung für begangene Taten, um ein Schuldeingeständnis, das nicht auf eine höhere Macht übertragen werden kann. Für die Verwandten in Sodom feilscht Abraham um Schonung vor der totalen Vernichtung. Vergebens. Es finden sich keine zehn Gerechten. Lot und seine Töchter können mithilfe der Engel der Feuersbrunst entkommen. Nur seine Frau, die sich umdreht, erstarrt eindrucksvoll zu einer Salzsäule. Eine Geschichte von Flucht und Vertreibung, aber auch von Rache und Vergeltung: Als Moses sein Volk durch das sich nach rechts und links teilende Meer führt, folgen ihnen die Häscher aus Ägypten. In der Morgendämmerung schließt er den Graben wieder. Tausende Krieger und Pferde ertrinken.

Eine Engelgruppe, zu der auch Luzifer gehört, führt durch das gesamte Stück. Fotos (2): Lisa Stern, Theater Rudolstadt

Eine Engelgruppe, zu der auch Luzifer gehört, führt durch das gesamte Stück. Fotos (2): Lisa Stern, Theater Rudolstadt

Am Anfang war Harmonie. Gottes Helfer inszenieren einen großen Raum, der alle in Erstaunen versetzt. Wunderbar wird diese Welt erschaffen, in der alle friedlich beieinander leben. Immer wieder springt die Handlung von der menschheitsgeschichtlichen Dimension auf die reale Bühne: lebendige Tiere sind nicht gestattet und nach der Erschaffung des ersten Menschenpaares beginnt bereits die Gender-Debatte. Adam (Johannes Geißer) und Eva (Anne Kies) gehören neben einer hierarchisch operierenden Engelgruppe zu den Konstanten im Stück. Nach ihrer Vertreibung aus dem Paradies lebt das Paar ständig auf der Flucht: als Illegale in Noahs Arche, als Durchreisende in Grenzgebieten, die Geld an Schleuser zahlen müssen, um weiterzukommen und am Leben zu bleiben. Schauspieler Markus Seidensticker verwandelt sich im Verlauf der episodenhaften Handlung vom ersten Engel, der teilweise in der Ich-Form Gottes Willen verkündet, zum Erzähler: »Ich bin ein Werkzeug Gottes. Am Anfang bin ich eins mit ihm, doch im Verlauf des Stücks kommen
Zweifel auf.«

Das Stück öffnet Türen, jeder wird zum Nachdenken herausgefordert. Befreiung, Bindungen untereinander, aber vor allem Liebe in einem umfassenden Sinn sind die zentralen Themen, die Alternativen zu den Reaktionsmustern, die die Menschheit auch heute noch in Angst und Schrecken versetzen. Den gewaltigen Stoff, der in der Originalfassung über fünf Stunden lang ist, haben die Rudolstädter auf über drei Stunden gekürzt (mit Pause). Der Minimalismus, den Regisseur Alejandro Quintana ohne Showeffekte oder bloße Bebilderung mit gutem Schauspiel und in chorischen Szenen anstrebt, lässt viel Platz für eigenes Denken. »Das Schöne wäre, wenn wir auch Menschen erreichen, die die Bibel nicht kennen«, antwortet Michael Kliefert auf die Frage nach dem erwarteten Publikum. Zur Premiere am 28. Januar hat sich auch Autor Niklas Rådström angesagt. Dann erwartet die Zuschauer nicht nur ein spannendes Stück, sondern auch ein neu gestaltetes Theater im Stadthaus.

Doris Weilandt

Premiere: 28. Januar, 19.30 Uhr
Weitere Aufführungen: 24. Februar, 18 Uhr; 25. Februar, 19 Uhr und 26. Februar, 18 Uhr
Theaterkasse: Montag bis Freitag 9.30 bis 12 Uhr und 13 bis 17 Uhr, Sonnabend 10 bis 12 Uhr, Telefon (0 36 72) 42 27 66
www.theater-rudolstadt.de

Jetzt wird’s schmalkaldisch!

25. Januar 2017 von redaktionguh  
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Reformations-Ausstellung zeigt aktuelle Arbeiten Thüringer Künstler in der FBF-Galerie

Zu Beginn ein kleines Gedanken­experiment, eine Reise zurück in das Jahr 1537. Jene Familie, die in besagtem Jahr in der Gillersgasse 2 in Schmalkalden, gleich hinter der Stadtkirche St. Georg, gelebt hat, dürfte durch die Fenster des urigen Fachwerkhauses des Öfteren Martin Luther gesehen haben. Durch einen Seiteneingang gelangte der Reformator in die Paramenten-Kammer über der Sakristei, wo er sich in den kalten Februartagen während der Morgengottesdienste aufwärmen konnte.

Die Lutherstube gibt es immer noch im 480. Jahr nach der größten Tagung des Schmalkaldischen Bundes, als Luther sein geistliches Testament in Artikelform vorstellte. Ebenso blieb das rote Fachwerkhaus erhalten. Dort ist seit August 2010 die FBF-Galerie untergebracht, deren besonderes Augenmerk den Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Kunst gilt. Wer heute den großen Lichthof im Obergeschoss des Mittelalterbaus betritt, der richtet seinen Blick abermals auf den Reformator.

Galerieleiter Prof. Norbert Krah mit dem für die Ausstellung angefertigten Glasfenster von Wolfgang Nickel, das dauerhaft in der Galerie bleibt. – Foto: Susann Winkel

Galerieleiter Prof. Norbert Krah mit dem für die Ausstellung angefertigten Glasfenster von Wolfgang Nickel, das dauerhaft in der Galerie bleibt. – Foto: Susann Winkel

Die neue Sonderausstellung heißt im Kurzen »Schmalkaldisch. Protestantisch« – und im umso längeren Untertitel »Zeitgeschichtliche Reflexionen zu Martin Luther 2017. Malereien, Grafiken, Collagen, Reliefs und Skulpturen«. Aber es kommt ohnehin mehr auf den Kurztitel an. Der soll lautmalerisch auf die Schmalkaldischen Artikel verweisen. Theologisch ein echtes Pfund, mit dem sich im Jubiläumsjahr 2017 wuchern lassen sollte. Touristisch allerdings eher Randnotiz. Weshalb es klug ist, die Schau der Flut an Jubiläumsbeiträgen voranzustellen. Noch ist die Aufmerksamkeit größer.

Die von Norbert Krah und dem Verein der Forschungs- und Bildungs-Fördergesellschaft (FBF) ist nicht kunsthistorisch konzipiert, sondern fußt auf einem weit zu fassenden Thema. Diesmal waren Thüringer Künstler aufgefordert, sich im lutherischen Geist mit aktuellen Problemen zu befassen. Ein Bezug zu Luthers Artikeln? Ist eher nicht auszumachen.

Flucht, Integration und Fremdenfeindlichkeit
Der Auftrag brachte Arbeiten hervor, die sich um Flucht, Integration und Fremdenfeindlichkeit drehen. Etwa das Grafikblatt »Moschee am Lutherweg« von Edmond Garn aus Floh-Seligenthal oder die drei Digital-Collagen des Meiningers Dietrich Ziebart, die an die Artikel des Grundgesetzes der Bundesrepublik erinnern: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.«

So weit, so schlüssig: Mithilfe der Werke, die sich unten im Vortragsraum und oben auf der Galerieebene verteilen, wird eine ästhetisch anregende Atmosphäre geschaffen, die nutzbar ist für Vorträge, Gespräche, Debatten. Ein Reigen an Begleitveranstaltungen ist geplant.

Hier nun löst sich die Ausgangsidee in Beliebigkeit auf. Neben den Werken, die nach der Themenvorgabe für diese Ausstellung entstanden sind, ist allerhand zu sehen, was irgendwie mit Luther zu tun hat. Zum Beispiel eine ganze Reihe Flugschriften aus dem 16. Jahrhundert, Nachdrucke von Werken der beiden Cranachs oder von Hans Holbein dem Jüngeren, die polemisch mal für, mal wider den Reformator Partei ergreifen. Dazu Grafiken aus einer Mappe von 14 DDR-Künstlern, die 1983 anlässlich des 500. Geburtstags von Luther herausgegeben wurde. Zudem einige Kaltnadelradierungen zur Reformation vom Maler und Grafiker Harald R. Gratz (Schmalkalden), datiert auf das Jahr 2008.

Wer nun als Besucher beim Betrachten dieser Fülle ein Déjà-vu-Erlebnis hat (frz.: »schon gesehen«), der irrt nicht: Zahlreiche Exponate entstammen der 2012 gezeigten FBF-Ausstellung »Ich bin so frei«. Damals wurde an die Verkündung der Schmalkaldischen Artikel vor 475 Jahren erinnert und von einem guten Dutzend hiesiger Künstler die Verbreitung von Luthers Glaubenslehre in 50 Variationen dargestellt. Nun sind weitere dazugekommen.

Norbert Krah und die Mitstreiter der FBF-Galerie bieten Künstlern der Region eine Plattform zur Präsentation ihrer Arbeiten, geben selber Werke in Auftrag, kaufen kontinuierlich für ihre Sammlung an. So wird viel Schönes möglich, aufwendige Kunstbücher ebenso wie die Fertigung von Glasfenstern für die Galerie von Wolfgang Nickel, die dort verbleiben können.

Susann Winkel

»Schmalkaldisch. Protestantisch« ist bis Ende Juni in der FBF-Galerie Schmalkalden zu sehen, Führungen auf Anfrage, E-Mail <prof.dr.n.krah@gmx.de>

Neue Klänge zu alten Liedern

18. Januar 2017 von redaktionguh  
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Das Reformationsjubiläum hat zahlreiche Komponisten angeregt, neue Werke zu schreiben, die nun in Mitteldeutschland aus der Taufe gehoben werden. Ein Überblick.

Zu den Uraufführungen des Jahres 2017 gehört die »Reformationssymphonie« für Orgel des US-amerikanischen Komponisten Daniel E. Gawthrop, die Kantor Hartmut Siebmanns anlässlich des 9. Pößnecker Orgelfrühlings präsentieren wird (14. Mai, 19 Uhr, Stadtkirche St. Bartholomäus). 1949 in Fort Wayne geboren, ist er vor allem durch seine Chor-, Orchester- und Orgelwerke international bekannt geworden. Der langjährige Kritiker der »Washington Post« ist da­rüber hinaus als Organist, Dirigent und Schriftsteller tätig.

Als »Hauskomponist« des Pößnecker Musiklebens hat sich in den vergangenen Jahren Andreas Hilscher (*1955) etabliert, der seit 2000 als Kirchenmusiker in der katholischen Kirchengemeinde St. Joseph in Hamburg-Wandsbek seine Hauptwirkungsstätte hat. Von ihm wird die Kantate »Ein feste Burg ist unser Gott« aus der Taufe gehoben (16. September, 19.30 Uhr, Stadtkirche).

Hans Tutschku (Boston) hat eine Klanginstallation geschaffen, in der die auf verschiedenen Kontinenten  aufgenommenen Gesänge unterschiedlicher Religionen und Kulturen miteinander harmonieren. Foto: Archiv

Hans Tutschku (Boston) hat eine Klanginstallation geschaffen, in der die auf verschiedenen Kontinenten aufgenommenen Gesänge unterschiedlicher Religionen und Kulturen miteinander harmonieren. Foto: Archiv

Im Dom zu Halberstadt erklingt am 16. September unter dem Titel »Wachet recht auff« ein Luther-Oratorium des Berliner Komponisten Ralf Hoyer (*1950). Hierbei wirken die Brandenburger Symphoniker, der Posaunenchor des Brandenburger Domes, das Vokal­ensemble Berlin und die Kantorei Halberstadt zusammen (Beginn: 18 Uhr).
Der freischaffende Tonschöpfer war von 1977 bis 1980 Meisterschüler an der Ostberliner Akademie der Künste bei Ruth Zechlin und Georg Katzer.

In der Wenzelskirche zu Naumburg mit ihrer berühmten Hildebrandt-Orgel ist am 30. September eine Soirée »Zukunftsmusik« mit aufwendigen Lichtilluminationen zu erleben, wobei eine Auftragskomposition von Franz Danksagmüller (Lübeck) über das »Naumburger Kyrie« von 1537/38 uraufgeführt wird. Die hierbei verarbeitete Melodie stammt aus der ersten protestantischen Kirchenordnung für St. Wenzel, ist vom Organisten David Franke zu erfahren. Ein Konzert, in dem Orgel und Live-Elektronik miteinander korrespondieren (30. September, 19.30 Uhr). Der vielseitige Klangkünstler, der Orgel, Komposition und elek­tronische Musik in Wien, Linz, Saarbrücken und Paris studiert hat, ist seit 2005 Orgelprofessor in Lübeck.

In der Weimarer Jakobskirche ist zwei Wochen lang die Klanginstallation »Die Stimmen im Kirchenschiff« von Hans Tutschku (*1966) zu hören. Dem aus Weimar stammenden Kompositionsprofessor (Harvard-University, Cambridge/USA) ist es mit diesem Werk gelungen, auf verschiedenen Kontinenten aufgenommene Gesänge unterschiedlicher Religionen und Kulturen miteinander zu harmonisieren (24. Oktober bis 5. November).

Zur Eröffnung spielt das »Ensemble für Intuitive Musik Weimar« (EFIM), wobei es zu einem Dialog der verwendeten »Soundscapes« (Klangschaften) mit Luther-Chorälen kommt.

Am Reformationstag gelang in einem Festkonzert zur Einweihung der neuen Friedensglocken der Margarethenkirche Gotha die Kantate »Himmel über Syrien« des emeritierten Weimarer Generaldirektors George Alexander Albrecht (*1935) zur Aufführung, die 2015 in der Klassikerstadt uraufgeführt wurde. Ein Werk gegen den Krieg, »angeregt durch mein Entsetzen über das Leiden jesidischer, syrischer und kurdischer Flüchtlinge«, erläutert der Komponist. »Ursprünglich als Hymnus für die Aufnahme Mariens in den Himmel gedacht (15. August), ergab sich durch die politischen Ereignisse ein Kampf der brutalen Kriegsgewalten gegen die zarte Welt des Glaubens und der Verklärung. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung bricht das ganze Klanggebäude in sich zusammen und versinkt in der Finsternis des Nichts. Sehr leise ertönt die Bitte ›Maria, breit den Mantel aus‹.« (31. Oktober, 17 Uhr)

Michael von Hintzenstern

Luther-Dekade trifft Dada-Dekade

9. Januar 2017 von redaktionguh  
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Sie ist in gewisser Weise ein ironischer Kommentar zur Luther-Dekade, die seit 2008 mit Themenjahren das 500. Reformationsjubiläum vorbereitet: die Weimarer Dada-Dekade 2012–2022.

Auch hier gibt es einen historischen Anknüpfungspunkt: den »Internationalen Kongress der Dadaisten und Konstruktivisten«, der vom 25. bis 27. September 1922 in Weimar und Jena veranstaltet wurde. Weil dieses einzigartige Treffen damals in der Klassikerstadt keine Beachtung fand, soll durch die Proklamation der Dekade sein 100. Jahrestag ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden.

Zu den weit gereisten Teilnehmern gehörten aus dem Westen der dadaistische Freundeskreis um Hans Arp, Kurt Schwitters und Tristan Tzara und aus dem Osten die Suprematisten und Konstruktivisten um El Lissitzky und László Moholy-Nagy. Die Organisation lag in den Händen des Holländers Theo van Doesburg (1883–1931), der 1921 und 1922 Kurse im Umfeld des Weimarer Bauhauses hielt, zu den Mitbegründern der abstrakten Malerei gehörte und sich zeitweilig dem Dadaismus anschloss. Er schrieb unter dem Namen I. K. Bonset dadaistische Gedichte und veröffentlichte diese in seiner Zeitschrift »Mecano«.

Die Wärmflaschen-Ente von Reinhard von Gigantikow ist im Lügenmuseum Radebeul ausgestellt. Foto: Amac Garbe

Die Wärmflaschen-Ente von Reinhard von Gigantikow ist im Lügenmuseum Radebeul ausgestellt. Foto: Amac Garbe

Mit der »Dada-Dekade 2012–2022« geht es den Veranstaltern – der Galerie Markt 21 und dem Verein »Klang Projekte Weimar« – nicht um kollektive Denkmalpflege, sondern um eine Mobilisierung der schöpferischen Kräfte, die heute in der »freien Szene« existieren. Bei der Vorbereitung des 100. Kongress-Jubiläums setzen sie deshalb auch auf Themenjahre, die historische und lokale Querverbindungen herstellen, wie z. B. »Jena – Japan – Jenseits« (2013) oder »Hoch – Höher – HÖCH. Dada mit HANNAH aus Gotha« (2014), wobei die vor 125 Jahren in Gotha geborene erste Dadaistin und Wegbereiterin von Collage und Fotomontage im Mittelpunkt stand. Während 2015 unter dem Motto »Grachten – Kräche – Kreationen« ein 1923 durchgeführter »Dada-Feldzug« in die Niederlande mit einer Wohnwagen-Tour nach Amsterdam nachgestellt wurde, war es 2016 der 100. Geburtstag von Dada, der unter der Überschrift »Zürich – Züklon – Züankaly« auch am Gründungsort, dem »Cabaret Voltaire«, in der Schweizer Metropole begangen wurde.

Unter dem Titel »Reformation, Revolution, Reklamation« treffen in diesem Jahr beide Dekaden aufeinander. Dabei stehen jene geschichtlichen Ereignisse im Mittelpunkt, die vor 500 bzw. 100 Jahren für Furore sorgten: Luthers Thesenanschlag und die Große Sozialistische Oktoberrevolution. Darüber hinaus reagieren die Initiatoren auf brisante gesellschaftspolitische Entwicklungen. Die Performance »Neujahrsempfang« zur Eröffnung des sechsten Themenjahres wird deshalb mit einer Ausstellung des »Ideenmillionärs« Richard von Gigantikow verknüpft, den »Die Zeit« als »letzten Dadaisten des wilden Ostens« bezeichnete.

Der gebürtige Erfurter, der bereits in den 1980er-Jahren mit spektakulären Kunst-Aktionen in der Ostberliner Szene am Prenzlauer Berg gegen die offizielle Kulturpolitik auftrat, ist bis heute unbequem geblieben. So intervenierte er im Juni 2016 mit der »WuKaMenta« vor der Frauenkirche in Dresden und lud 33 internationale Künstler ein. Die Idee einer Ausstellung von »Wunderkammern zeitgenössischer Kunst im öffentlichen Raum« wird in diesem Jahr fortgesetzt und der Frage nachgehen: »Anders leben, aber wie?« Außerdem sind »Montags-Messen« auf dem Neumarkt geplant.

Richard von Gigantikows »Lügenmuseum«, seit 2012 in Radebeul beheimatet, zeigt »Reliquien einer traumatisch eingestürzten Inneneinrichtung namens DDR«. Aus seinem reichen Fundus sind in Weimar unter dem Titel »RiRaRutsch« Collagen, Installationen, Licht- und Klanginszenierungen zu sehen, wie z. B. »Die Kathedrale des Sozialismus«. Sie zeigt die Lüge der im rosa Licht erscheinenden Geschichte. »Nicht für jeden war die DDR ein Gefangenenlager mit Wachtürmen und Stacheldraht. Für viele Verweigerer, Bürgerrechtler und Künstler schon«, betont der Ausstellungsmacher. Ihre Wut und ihr erlebtes Unrecht hätten sie deshalb mit ihren Kunstwerken zum Ausdruck gebracht. »Dada ist antikünstlerische Geste, raumfüllende Ausstellungsästhetik und aufwühlende Geisteshaltung mit Biss, die in der Weimarer Galerie den befruchtenden Rahmen findet«, ist der Künstler überzeugt.

Michael von Hintzenstern

Der Autor ist Initiator der Dada-Dekade 2012–2022

13. Januar bis 22. Februar, Galerie Markt 21, Weimar, täglich 18 bis 24 Uhr, Eintritt frei; Eröffnung: Freitag, 13. 1., 21 Uhr, mit Uraufführung eines neuen Werkes durch den »Absurden Chor Weimar«

www.dadamenta.eu

»… da komm ich her!«

28. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Der 1990 gestohlene und 2012 auf einem Berliner Trödelmarkt wiederentdeckte Taufengel der Schlosskirche von Ilsenburg schmückt frisch restauriert die dortige Marienkirche.

Als die drei als Engel gekleideten Mädchen die Schleife lösten und das Tuch abnahmen, ging ein Raunen durch die versammelte Gemeinde. Zum Vorschein kam ein frisch restaurierter, leuchtender Tauf­engel, der am 1. Advent in der Marienkirche von Ilsenburg im Kirchenkreis Halberstadt nach der Enthüllung zur Decke emporschwebte. »Für die alten Ilsenburger war das besonders bewegend«, sagt Peter Müller. Nicht nur der Pfarrer aus der Harzstadt ist froh, dass mit einem festlichen Nachmittag eine jahrzehntelange Geschichte ein schönes Ende fand.

Der um das Jahr 1695, wahrscheinlich von Bastian Heidekamp, angefertigte Engel gehörte zusammen mit einigen anderen in die Ilsenburger Schlosskirche, die einstige romanische Klosterkirche St. Peter und Paul. In den 1950er-Jahren stand er zeitweilig auf dem Dachboden, wo ihn Walter Bolze, Leiter der Halberstädter Außenstelle des Kirchlichen Bauamtes, fotografierte. Da fehlten dem Engel schon die Flügel. Auch die Taufschale, die er einst in seiner rechten, vorgestreckten Hand hielt, war weg. Unzweifelhaft gibt das Schwarz-Weiß-Foto wieder: das freundliche, von Locken umrahmte Gesicht, das faltige Obergewand, die antikisierenden Schuhe und das mit Blumen bemalte Untergewand.

Der Taufengel erstrahlt in neuem Glanz.

Der Taufengel erstrahlt in neuem Glanz.

»Das ist schon etwas Besonderes«, sagt Kirchenkonservatorin Dr. Bettina Seyderhelm (Magdeburg). Insgesamt gebe es in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland nur noch drei Engel mit einem ähnlich bemalten Gewand. Einer davon ist der aus Schwanebeck bei Halberstadt, der sich heute in Neustadt im Kirchenkreis Südharz befindet.

Die Geschicke des Engels sind eng mit der Schlosskirche verknüpft. Die Kirchengemeinde, der sie gehörte, durfte sie 1967 zum letzten Mal benutzen und musste sie danach an den Staat verkaufen. Das Inventar blieb aber zu allen Zeiten ihr Eigentum. Nur einmal im Jahr durfte die Gemeinde von da an das Gebäude betreten und nach dem Rechten sehen. Der Engel wurde in den 1980er-Jahren noch einmal in einem Vertrag genannt und um die Wendezeit gestohlen.

Im März 2012 entdeckte der Restaurator Dirk Jacob die etwa 1,50 Meter hohe Figur in Berlin auf einem Antik- und Trödelmarkt und verständigte die Magdeburger Kunstreferentin. In Zusammenarbeit der Polizei in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen wurde dann der Engel bei einem Kunsthändler in Hannover sichergestellt und später, nachdem er eindeutig als Eigentum der Ilsenburger Kirchengemeinde identifiziert worden war, der Landeskirche übergeben. Dabei war das Buch »Taufengel in Mitteldeutschland. Geflügelte Taufgeräte zwischen Salzwedel und Suhl« sehr hilfreich, in dem auch alle »verlorenen Engel« verzeichnet sind.

Nach Jahrzehnten auf dem Dachboden und anschließend in vermutlich sehr trockener Umgebung war der Engel in einem traurigen Zustand. Die originale barocke Farbfassung war an vielen Stellen ausgebrochen und Risse zogen sich durch das darunter sichtbar gewordene Holz. 6 000 Euro waren für die Restaurierung notwendig. 5 000 übernahm die Kirchliche Stiftung Kunst- und Kulturgut, der Rest stammt aus Spendenmitteln. Restaurator Dirk Jacob gab dem Engel im Zuge seiner Arbeiten zusammen mit einem Bildhauer auch Flügel und Taufschale zurück.

Mit Beginn des neuen Kirchenjahres ist der Taufengel in Ilsenburg zurück – aber nicht in der Schloss-, sondern in der Marienkirche. Hier schwebt er, in sicherem Abstand vor der Wärmestrahlung der neuen Deckenheizung, und lächelt den Besuchern zu. Auch künftig wird die Kirchengemeinde für Taufen das Taufbecken benutzen. »Aber der Engel hängt in der Nähe und wird jede Taufe von seinem Platz aus ›beobachten‹«, schmunzelt Pfarrer Müller.

Angela Stoye

Singen mit Herz und Freude

16. Dezember 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Neue Weihnachts-CD des Gospelchores »black feet – white voices« in Jena präsentiert

Get on board« – Kommt mit an Bord. Stimmgewaltig und mit viel Bewegung eröffnen die »black feet – white voices« den Abend in der Jenaer Stadtkirche und laden die etwa 350 Zuhörer zu einer Reise durch die Weihnachtsgeschichte ein. Der Gospelchor an der Jenaer Friedenskirche feiert sein 20-jähriges Bestehen. Almut Elsässer, Diplom-Sozialpädagogin im Kirchenkreis Eisenberg, hat ihn im Rahmen ihres Freiwilligen Sozialen Jahres bei der Evangelischen Jugendarbeit in Jena gegründet und leitet das Ensemble seither ehrenamtlich. Aus dem »wilden Haufen« der Anfangsjahre, wie sie sagt, sei ein richtiger Chor entstanden. Heute zählt er 30 mehrheitlich »weiße Stimmen« – und doppelt so viele »schwarze Füße«, wenn man so will.

Immer in Bewegung: der Gospelchor »black feet – white voices« aus Jena. Foto: Elisabeth Groh

Immer in Bewegung: der Gospelchor »black feet – white voices« aus Jena. Foto: Elisabeth Groh

Der Name »black feet – white voices« sei mit einem Augenzwinkern zu verstehen, erklärt die Chorleiterin. »Wir verfügen vielleicht nicht über originale Gospel-Stimmen. Aber wir können aus unserem Gefühl heraus die Stücke zum Leben erwecken.« Dass das gelingt, zeigte der Abend in der Jenaer Stadtkirche: Das großartig interpretierte »What child is this« beeindruckt, das sanfte Wiegenlied »Lulla Lullay« erfüllt das Kirchenschiff mit andächtiger Stille, bei »Go tell it on the mountain« steht das Publikum, singt und klatscht begeistert mit.

»Geistliches und Gesang, das geht einfach gut zusammen«, weiß Almut Elsässer und strahlt. Die Lebensfreude, die vom Gospel (englisch good spell: »Evangelium«, »Gute Nachricht«) ausgeht, übertrage sich bei Konzerten nicht selten auf das Publikum. Bis zu acht Auftritte absolviert der Chor im Jahr, oft singen die »black feet – white voices« für einen guten Zweck, für renovierungsbedürftige Kirchen, Vereine oder die Flüchtlingsarbeit der EKM. Die positive Energie, die an Konzert­abenden freigesetzt wird, basiert auf harter Arbeit. Auf dem wöchentlichen Probenplan stehen anspruchsvolle Chorsätze, darunter bis zu achtstimmige Arrangements. Das Repertoire reicht von Gospel und Spiritual über Traditionals bis hin zum Popsong. Gesungen wird ausschließlich a cappella, begleitet nur ab und an vom Schlagzeug.

Von einem Konzert kann jedoch nur ein Eindruck, ein Gefühl bleiben. Daher haben die »black feet – white voices« sich und ihrem Publikum schon vor dem Fest ein Geschenk gemacht: Bereits im Januar hat der Chor eine Weihnachts-CD aufgenommen, die neben Gospels auch traditionelle westliche Lieder enthält. »Das Einsingen der CD war für den Chor eine einmalige Erfahrung, die uns noch enger zusammengebracht hat«, erinnert sich Chormitglied Benjamin Koch an die zwei winterlichen Produktionstage in der Kulturkirche in Löbstedt. »Way down to Bethlehem« ist die dritte CD-Produktion des Chors und eine gelungene Momentaufnahme aus dem Jubiläumsjahr.

Zwanzig Jahre, das sind zwei Jahrzehnte, in denen viel Arbeit und Herzblut stecken. »Damit ein Projekt über so lange Zeit Bestand hat, braucht es nicht nur singfreudige, sondern auch engagierte Menschen«, stellt Almut Elsässer fest. So sei es dem Einsatz von Kirchenmusikdirektor Martin Meier und Ralf Kleist, dem Öffentlichkeitsreferenten der evangelischen Kirche in Jena, zu verdanken, dass die Sängerinnen und Sänger im Gemeindezentrum der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Jena einen festen Probenraum finden konnten. Mit Vanessa Süß, einer Jazzbandsängerin aus Erfurt, und der Gesangslehrerin Veronika Dietzsch aus Jena hat der Chor zwei erfahrene Solistinnen. Veronika Dietzsch gibt zudem ehrenamtlich regelmäßig Stimmbildungsunterricht für die Chormitglieder.

»Engagement wie dieses ist ein großes Geschenk, das dazu beigetragen hat, den Chor voranzubringen«, sagt Almut Elsässer. Sie selbst macht derzeit eine Chorleiterausbildung an der Musikhochschule »Franz Liszt« in Weimar. Aber nicht nur der qualitative Anspruch habe zugenommen, meint Elsässer, auch der organisatorische Aufwand sei mit dem Chor gewachsen. Ein kleines Team kümmert sich um Konzertplanung, Pressearbeit und Mitgliederwerbung. Besonders Männerstimmen, hohe Sopran- und tiefe Altstimmen werden gesucht, auch im Hinblick auf die für 2018 geplante Gospelmesse, die der Chor zusammen mit der Kantorei der Friedenskirche auf die Beine stellen möchte. Es ist das gemeinsame Tun, das Almut Elsässer und ihren Chor antreibt. »Jeder Einzelne singt mit so viel Herz und Freude, ob zu einem Konzert oder bei einer Probe«, schwärmt Almut Elsässer.

Beatrix Heinrichs

Termin: 17. Dezember, 17 Uhr, Roßbach (bei Naumburg)
Die Weihnachts-CD kann bei den Konzerten des Gospelchors »black feet – white voices«, in der Jenaer Buchhandlung Steen sowie im Kirchenladen Jena erworben werden. Bestellungen sind unter Angabe von Name, Anschrift und Anzahl per E-Mail möglich: <gospel-jena@gmx.de>, Preis: 10 Euro + 2 Euro Versandkosten.

Identitätsstiftende Kleidung

12. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Thüringens Kirmes ist die älteste, weiß Knut Kreuch. Dass Bonifatius 724 in Altenbergen bei Gotha die erste Kirche geweiht hat, ist für den Vorsitzenden des Thüringer Landestrachtenverbandes ein triftiger Grund, 2024 eine riesige Thüringer Landeskirmes zu feiern.

Für ihn gehören Trachten und Kirchweih zusammen, denn zu diesem Anlass schlüpften die Bauern für den Kirchgang in ihre schönste Kleidung, eben das, was heute die Tracht ausmacht. Das werde aber bei den wenigsten Kirmsen noch praktiziert, sagt Kreuch, der seit zehn Jahren Oberbürgermeister der Stadt Gotha ist. Weil es teuer sei, sich die entsprechende Tracht anfertigen zu lassen. »Da ist’s billiger, ein Dirndl anzuziehen oder sich ein entsprechendes Kleid beim Hochzeitsausstatter zu holen.«

Kreuch hat sich früh schon für Heimatgeschichte und Traditionspflege im heimischen Wechmar, dem Thüringer Bachstammort, interessiert. Und er begann damit zu einer Zeit, als auch die DDR sich diesem Feld öffnete. »In den 70er-Jahren ließen die Genossen mit den Karnevalsvereinen ein klein wenig Kritik zu, in den Achtzigern erkannten sie, dass die sozialistische Heimat auch eine Vergangenheit hat, dass die Traditionen der Arbeiter und Bauern zu pflegen seien«, erinnert sich Kreuch. Das führte keineswegs dazu, dass nun Trachtenvereine wie Pilze aus dem Boden sprossen. Bis 1990 seien es nur wenige gewesen, sagt der Landesvorsitzende.

Knut Kreuch und Eva Kowalewski koordinieren die Arbeit des Thüringer Landestrachtenverbandes. – Foto: Klaus-Dieter Simmen

Knut Kreuch und Eva Kowalewski koordinieren die Arbeit des Thüringer Landestrachtenverbandes. – Foto: Klaus-Dieter Simmen

Sogenannte Folklore-Ensembles gab es zu DDR-Zeiten in Altenburg, Rudolstadt, Erfurt und Benshausen. Träger waren Trachtenvereine. Der erste übrigens gründete sich 1895 in Finsterbergen, Ruhla folgte 1899, Tabarz 1904 und Ernstroda 1928. Diese Uraltvereine lebten in den 80er-Jahren auf, fanden ein Zuhause unterm Dach von Kulturbund oder – schließlich entstanden sie auf dem Dorf – in der Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe, jener Massenorganisation in der DDR für die Landbevölkerung.

Mit der Wende erlebte auch das Thüringer Trachtenwesen einen ungeahnten Aufschwung. Die Vereine bekamen Zulauf; in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wurden eifrig Trachten geschneidert. »Wir Thüringer präsentierten stolz unsere Tracht auf dem Münchner Oktoberfest, reisten nach Cannstadt und ließen kein Trachtenfest aus, um zu zeigen, seht her, das sind wir«, erinnert sich Knut Kreuch. Nicht alles aus dieser Zeit hatte Bestand. »Heute«, sagt der Trachten-Chef, »ist Normalität eingekehrt.« Auf die Euphorie folgte Stabilität, was nicht das Schlechteste ist.

Und die ist da gegeben, wo Schule und Hort zusammenarbeiten, wo die Kinder schon im Kindergarten lernen, dass erhaltenswert ist, was ihre Vorderen einst stolz zum Kirchgang zeigten. »Das findet bei den Kleinen Gehör«, weiß Kreuch, »Schüler so ab der achten Klasse zieht es nicht in einen Trachtenverein.« Viele verlassen der Arbeit wegen ihr Dorf. Von denen, die bleiben, entdecken einige später die Tracht für sich. »Und die ist nicht billig. Es gibt Trachten, wo für den Rock gleich neun Meter Stoff gebraucht werden. Und Plastikschuhe gehen schon gar nicht. Ich sage immer, wer in der Tracht seiner Heimat aus dem Haus geht, sollte zuvor gründlich in den Spiegel schauen, um so manche Peinlichkeit zu vermeiden.«

So wie in Historienfilmen Schauspieler tunlichst keine Armbanduhr tragen sollten, gehört zur Tracht Authentizität, findet der Landesvorsitzende. »Natürlich hat Tracht Zukunft, wenn man authentisch bleibt und damit sich selbst treu.« Und das ist für Kreuch keine Frage der Quantität. Es gäbe, sagt er, Orte, wo zwei Menschen die Tracht des Dorfes tragen und damit erhalten, so wie in Leina, wo einst der Pfarrer und Fabeldichter Wilhelm Hey wirkte. Andererseits gibt es wieder Dörfer, wo sich 150 Menschen dem Trachtenverein angeschlossen haben. Ruhla gehört dazu und Wechmar. »Es hilft den Vereinen nicht, wenn gejammert wird. Dort, wo ein Kind die Tracht trägt, hat der Verein Zukunft«, denkt der Landesvorsitzende rigoros.

Der Thüringer Landestrachtenverband hat seinen Sitz in Wechmar, wo sich Eva Kowalewski hauptamtlich für die Belange der Mitgliedsvereine einsetzt. »Ohne Hauptamt kann Ehrenamt nicht funktionieren«, ist sich Kreuch sicher. Unterm Dach des Verbandes sind 99 Mitgliedsvereine organisiert, die zusammen 5 000 Mitglieder haben.

In der Hohenkirchenstraße 13 befindet sich der wunderschön restaurierte Landsitz des Gothaer Oberhofmarschalls Hans Adam von Studnitz aus dem Jahre 1750. Das Gebäude gilt als Musterbeispiel eines adligen Landsitzes im 18. Jahrhundert. Hier befinden sich die Geschäftsräume des Landesverbandes. Der einmalige Rokokosaal steht als besonders repräsentativer Tagungsraum zur Verfügung. Ein weiterer Anziehungspunkt für Forscher und Kulturinteressierte ist das Archiv, das ständig im Wachsen begriffen ist. In einem Ausstellungsraum werden wechselnde Ausstellungen präsentiert.

Klaus-Dieter Simmen

Weihnachtsausstellung des Thüringer Landestrachtenverbandes »Die Krippe in der Weihnachtszeit«: Wechmar, Landhaus Studnitz, bis 15. 1. 2017; Voranmeldung: Telefon (03 62 56) 8 65 60

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