Ein Retter seiner Heimatkirche

15. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Porträt: Er hat in vielen Kirchen als Künstler und Restaurator seine Spuren hinterlassen. Dafür wurde am 2. Oktober der Maler und Grafiker Gert Weber mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Unter dem Motto »Kultur verbindet!« überreichte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Vorabend des »Tages der Deutschen Einheit« im Schloss Bellevue die hohe Ehrung des Verdienstordens an 13 Frauen und 16 Männer aus Deutschland, Frankreich, Israel, der Schweiz und den Vereinigten Staaten von Amerika. Er betonte ihre Verdienste und ihr kulturpolitisches Engagement.

Zu den Ausgezeichneten gehören der Komiker Otto Waalkes, der Fotograf Jim Rakete, der Maler Neo Rauch, der Sprecher Christian Brückner und der Filmkomponist Hans Zimmer (»König der Löwen«) ebenso wie die Regisseurin Caroline Link, die Sängerin und Musikproduzentin Annette Humpe, die Schauspielerin Julia Jentsch (»Hannah Arendt«) und die Bratschistin Tabea Zimmermann. Dass er einmal in einer Reihe mit all diesen Prominenten stehen würde, hätte er sich zu DDR-Zeiten nicht vorstellen können. Damals geriet er immer wieder in Konflikt mit dem »real existierenden Sozialismus« und wurde in seiner künstlerischen Entwicklung eingeschränkt. Er freut sich aber auch, dass unter den früheren Preisträgern Erich Loest und Reiner Kunze zu finden sind, denen er sich besonders verbunden fühlt.

Arbeit in luftiger Höhe: Mehr als zwei Jahrhunderte musste die barocke St.-Crucis-Kirche in Wölfis (Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf) ohne ein Deckenbild auskommen. 2007 verhalf ihr Gert Weber mit dem »Kreuzweg« zu einem zum Patronat passenden Gemälde. Foto: privat

Arbeit in luftiger Höhe: Mehr als zwei Jahrhunderte musste die barocke St.-Crucis-Kirche in Wölfis (Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf) ohne ein Deckenbild auskommen. 2007 verhalf ihr Gert Weber mit dem »Kreuzweg« zu einem zum Patronat passenden Gemälde. Foto: privat

Mit der Verleihung des Verdienstordens an Gert Weber (67) wird die von ihm initiierte und von 1986 bis 1991 durchgeführte Restaurierung der Dreifaltigkeitskirche in seinem Geburtsort Gräfenhain (Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf) gewürdigt. »Seit den 1980er-Jahren engagiert er sich für dieses sakrale Kleinod, das heute eine der am besten erhaltenen barocken Dorfkirchen Thüringens ist«, heißt es in der Begründung.

Nachdem die Kirche 1991 wieder eingeweiht worden war, habe der engagierte Künstler damit begonnen, sich auch um die Instandsetzung der Orgel zu kümmern. »Sie ist fast 300 Jahre alt und eines der letzten und klangvollsten Originalinstrumente der Bachzeit.« Besonders verdient gemacht habe sich Gert Weber auch durch seine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Holocaust: »Das Kunstmuseum der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem hat eine Dokumentation seiner Arbeiten in ihr internationales Archiv aufgenommen. Gerd Weber hält mit seiner Kunst die Erinnerung wach – an Licht- und Schattenseiten deutscher Vergangenheit«, führte der Bundespräsident weiter aus.

Ich kann mich noch an den jungen Künstler erinnern, der Mitte der 1970er-Jahre im Evangelischen Gemeindezentrum von Herrenhof ein Wandbild mit dem Fischzug des Petrus gestaltet hatte. Das war in jener Zeit, in der er besonders von dem in Friedrichroda lebenden Maler Werner Schubert-Deister (1921–1991) gefördert wurde, der ihm von 1974 bis 1976 das Rüstzeug für das externe Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig vermittelte. Die Mitarbeit im Atelier des Malers, der 1986 in die Bundesrepublik auswanderte, prägte sein künstlerisches Werk nachhaltig. Er war sein großer Lehrmeister!

Seine erste Ausstellung hatte Weber 1980 im Schloss Ehrenstein in Ohrdruf. Zu den frühen Arbeiten gehört ein Wandbild (Stahlrelief) im Anna-Luisen-Stift Bad Blankenburg (1980). Von 1982 bis 1984 arbeitete er am Bauernkriegs-Panoramagemälde von Werner Tübke in Bad Frankenhausen mit. 1984 erfolgte der Ausschluss aus dem Verband Bildender Künstler der DDR mit Ausstellungsverbot, welches 1986 durch den Einsatz namhafter Kollegen aufgehoben wurde. Erst mit der Wende fanden seine Werke ein größeres Publikum.

Neben zahlreichen Ölbildern, Grafiken und Zeichnungen schuf Weber auch die Deckenbilder in den Kirchen zu Reichensachsen (Hessen) und Wölfis (Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf). Im letztgenannten Gotteshaus St. Crucis stellte er 2007 den Kreuzweg dar. Für zahlreiche neu gegossene Bronzeglocken gestaltete er Reliefs.

Webers Werke finden sich heute unter anderem im Deutschen Historischen Museum Berlin, im Dommuseum Fulda, in der Universität Leipzig, im Stadtmuseum Düsseldorf sowie in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen. Im Thüringer Landtag gestaltete er 2002 den »Raum der Stille« und in der Evangelischen Grundschule Gotha den Andachtsraum (2003).

Michael von Hintzenstern

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Von Balladen bis zum Boogie Woogie

6. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Kirchenkreis Mühlhausen: Bugenhagen-Musical mit »Pommerschen Engelspierken« in Bad Tennstedt

Musik, Gesang und Tanz machen Geschichte lebendig, wenn am 9. Oktober in der Nikolaikirche von Bad Tennstedt (Kirchenkreis Mühlhausen) ein Musical über Johannes Bugenhagen aufgeführt wird. Es erzählt die bewegte Geschichte des Reformators, der als Freund und Seelsorger Luthers in Wittenberg in die Geschichte eingegangen ist. In Greifswald, Hamburg, Schleswig und verschiedenen vorpommerschen Kirchen wurde das mitreißende Stück bereits aufgeführt.

Es musizieren und spielen »De pommerschen Engelspierken«, eine Gruppe von etwa 40 Menschen unterschiedlichen Alters aus vielen Bereichen des Lebens. Einige können gut singen, andere gut spielen. Manche sind tolle Typen auf der Bühne, andere haben großes Organisationstalent. Geleitet wird die Gruppe von Pastorin Dr. Nicole Chibici-Revneanu, die das Musical auch komponiert hat.

»Engelspierken« ist eine pommersch-plattdeutsche Bezeichnung für Libellen. Das Wort weckt Erinnerungen an einen Sommer am Badeteich: Libellen fliegen durchs Schilf und übers Wasser. Je nach Blickwinkel schimmern sie in vielen bunten Farben. Die Truppe ist genauso bunt.

Jeder und jede hat etwas einzubringen, ist und kann was. Da geht es ihnen manchmal ein bisschen wie den Hauptfiguren des Stückes.

Das Wort »Spierken« bedeutet für sich auch »kleines Holzstückchen«, »Reisig« oder »Span« – also Holz, das mit einer kleinen Flamme leicht anbrennt und so zum Entfachen eines Feuers dient. »Wenn Leute aus dem Publikum nach einer Vorstellung sagen, sie hätten die Reformation jetzt erst richtig verstanden, haben wir »Spierken« vielleicht auch ein Feuer zum Brennen gebracht«, sind die Mitwirkenden überzeugt.

Bunte Truppe: Die 40 Mitglieder können gut singen und gut spielen. Foto: Veranstalter

Bunte Truppe: Die 40 Mitglieder können gut singen und gut spielen. Foto: Veranstalter

Hauptdarsteller des Bugenhagen-Musicals ist Paul Gohlke, der auch im richtigen Leben den Beruf eines Theologe ausübt. Zu der Musicalgruppe gehören jedoch auch Schülerinnen, Ärzte, Tischler, Krankenschwestern, Mathelehrer und Menschen, die noch ihren beruflichen Platz suchen. Sie alle eint die Begeisterung, die die Musik auszulösen vermag.

Pastorin Nicole Chibici-Revneanu, im Hauptberuf Leiterin des Barther Bibelzentrums, hält die Fäden der Musicalgruppe in der Hand. Sie hat die Musikstücke komponiert und begleitet sie auf dem Klavier.

Stephanie Schwenkenbecher stellt die Darsteller mit ihren originellen Texten vor einige Herausforderungen, insbesondere durch plattdeutsche, sächsische und sogar lateinische Passagen.

Damit das Publikum bei alledem gut folgen kann, gibt es hochdeutsche Texthefte. Musikalisch sind verschiedenste Stilrichtungen von Balladen bis Boogie vertreten, die Engelspierken singen solistisch, in Duetten, Trios und im Chor. Mit all dem gelingt es, einen weniger bekannten Mitstreiter Martin Luthers darzustellen.

(G+H)

Dienstag, 9. Oktober, 19 Uhr, Kirche St. Nikolai Bad Tennstedt, Eintritt: 5 Euro, ermäßigt: 3 Euro

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Kunst und Revolution

2. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Lindenau-Museum Altenburg: Ausstellung zu den Jahren 1918 und 1968

Das Jahr 2018 markiert das 100- und 50-jährige Jubiläum zweier bedeutsamer Daten: 1918 schlossen sich viele Künstler, die traumatisiert aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrten, zu revolutionären Vereinigungen zusammen. Im Jahr 1968 kulminierten weltweit Proteste gegen den Vietnamkrieg, die Elterngeneration, Repression und Denkschranken. Unter dem Titel »Die einzig revolutionäre Kraft« widmet sich die neue Ausstellung des Lindenau-Museums diesen historischen Zäsuren.

Demokratie ist lustig, Joseph Beuys, Offsetdruck, 1973

Demokratie ist lustig, Joseph Beuys, Offsetdruck, 1973

Die Phasen um die Jahre 1918 und 1968 waren die fruchtbarsten in der jüngeren deutschen Kunstgeschichte. Gleichzeitig waren sie Zeiten eines tiefgreifenden politischen und gesellschaftlichen Umbruchs. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wollten Künstler im Zuge der Novemberrevolution mit künstlerischen Mitteln die Vision einer neuen Gesellschaft realisieren – jenseits von Militarismus, Nationalismus und Kapitalismus.

50 Jahre später resultierte aus dem Vietnamkrieg und dem »Muff von tausend Jahren« die nächste Sinnkrise: Mit den Protesten von 1968 schien die Möglichkeit einer besseren Welt erneut greifbar, wobei ein wichtiger Träger dieser Bewegung wiederum die Kunst war. Hier konnten neue Formen des Zusammenlebens spielerisch erprobt, Utopien formuliert und Zeitgeschichte kommentiert werden. Kunst war in diesen Jahren des Wandels nichts weniger als die rettende Insel und Schauplatz revolutionärer Diskurse.

Das Bauhaus, Abstraktion, DADA und die 1918 vielerorts entstandenen revolutionären Künstlergruppen lassen sich aus dieser Perspektive als Vorfahren von Happening, Performance und politischer Aktionskunst der 68er verstehen. Ihnen gemein sind die Überschreitung von Gattungsgrenzen, die Verknüpfung von Kunst und Leben und ihre kritische bis provokante Haltung zur Mehrheitsgesellschaft.

Die Ausstellung fragt anlässlich des doppelten Jubiläums nach dem beiden historischen Ereignissen innewohnenden revolutionären Potenzial von Kunst und stellt sich die Frage, wo diese entscheidende Kraft der Kunst heute geblieben ist. In zwei Räumen werden die Jahre 1918 und 1968 und deren Folgen im Spiegel der Kunst vor Augen geführt. Peter Weiss’ Ästhetik des Widerstands wird dort in einer raumgreifenden Wandinstallation präsentiert. Im Eckraum findet sich der Besucher in der Gegenwart wieder, wo Kunst angesichts vielfältiger globaler Krisen erneut als Möglichkeitsform des Politischen entdeckt wird.

Der Ausstellungstitel ist eine Hommage an Joseph Beuys, der den Satz geprägt hat: »Die einzig revolutionäre Kraft ist die Kunst.«

Die Ausstellung umfasst über 80 Arbeiten verschiedener Techniken, maßgeblich Malerei, Skulptur, Grafik, Collage, Plakat, Fotografie und Video.

Gezeigt werden Werke von Gerhard Altenbourg, Joseph Beuys, der Künstlergruppe Clara Mosch, Carlfriedrich Claus, Lutz Dammbeck, Otto Dix, Conrad Felixmüller, Petra Flemming, Otto Griebel, George Grosz, Klaus Hähner-Springmühl, John Heartfield, Käthe Kollwitz, Wolfgang Mattheuer, Jonathan Meese, A. R. Penck, Sigmar Polke, Julian Röder, Klaus Staeck, Volker Stelzmann, Elisabeth Voigt, Peter Weiss und den Wiener Aktionisten.

(G+H)

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Neue Sichtweisen in alten Mauern

20. September 2018 von redaktionguh  
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Pilgerprojekt: Kunst in vier Dorfkirchen um Gera

Auf einer Terrasse über der Flussaue der Weißen Elster liegt die um 1200 errichtete Kirche St. Margareta im Geraer Ortsteil Tinz. Aus der Erbauungszeit ist heute noch das Turmuntergeschoß vorhanden. Es gehört zu den ältesten Bauwerken im Stadtgebiet. Bis 1540 wurden am 13. Juli, dem Margaretentag, Wallfahrten mit Jahrmarkt nach Tinz durchgeführt. Dies endete mit Einführung der Reformation und der Annahme des evangelischen Glaubens durch die reußischen Landesherren.

Nach der Wende ab 1990 vor dem Verfall bewahrt und mit großem Aufwand restauriert, erweist sich das Gotteshaus heute wieder als Wallfahrtsort.

Motiv aus dem Altartriptychon »Gnadenwege« von Sebastian Weise, das in Dorna zu sehen ist. Ohne den Menschen im direkten Abbild zu zeigen, verweisen die Tafeln des Künstlers auf sein Wirken und Verwirken. Foto: Veranstalter

Motiv aus dem Altartriptychon »Gnadenwege« von Sebastian Weise, das in Dorna zu sehen ist. Ohne den Menschen im direkten Abbild zu zeigen, verweisen die Tafeln des Künstlers auf sein Wirken und Verwirken. Foto: Veranstalter

»Nimbus – Pilgern in Gera – Kunst in Kirchen« ist der Titel eines Projektes, das zum zehnten Mal von dem Maler Erik Buchholz in Zusammenarbeit mit dem Kirchenkreis Gera organisiert wird. Für ihn bedeutet Nimbus »Ausschweifen und Einkehren«. Das lateinische Wort steht für Wolke und Heiligenschein.

»Einem Strahlenkranz gleich umgeben die Dorfkichen Gera, ihre über Generationen gewachsenen Räume laden zum Innehalten ein«, heißt es werbend im Flyer. Der Weg 2018 führt von Pohlitz über Aga und Dorna nach Tinz.

Aktuelle Kunst trifft auf Zeugnisse einer reichhaltigen Geschichte und tritt mit ihnen in einen Dialog.

Zwischen den Dörfern und ihren Kirchen sei eine anmutige Landschaft zu erwandern, wobei es »äußere und innere Entdeckungen beim Pilgern gibt«, schwärmt Buchholz, der auch Ortsteilbürgermeister von Gera-Frankenthal ist.

In Tinz sind Arbeiten der »Schwarzweißwerkstatt« zu sehen, die sich der analogen Fotografie verschrieben hat.

Sigrid Pommer, Ulrike Schmidtke, Ines Freundel, Ines Müller und Ulrike Hauschild haben sich unter der künstlerischen Leitung von Ulrich Fischer der Pflege des traditionellen fotografischen Handwerks verschrieben. Seit neun Jahren gelangen vorgefundene Strukturen, Formen und Stimmungen durch sinnfällige Benutzung des Werkzeugs – der Kamera – in andere Dimensionen. »Wir arbeiten über ein oder mehrere Jahre an einem Thema, welches unser Interesse weckt«, erläutert der Kursleiter und Foto-Designer die Herangehensweise.

Bildkünstlerische Reflexionen des Publizisten Sebastian Weise, die beim Begehen der Lutherwege in Thüringen und Sachsen entstanden sind, werden in Dorna gezeigt.

An den Wochenenden 22./23. September sowie 29./30. September sind in den genannten Kirchen jeweils von 11 bis 17 Uhr (Dorna 13 bis 17 Uhr) die Ausstellungen mit unterschiedlichen Positionen zu besichtigen.

Michael von Hintzenstern

www.facebook.com/Nimbus-Kunst-in-Kirchen-Pilgern-um-Gera

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Visionen für den Petersberg

18. September 2018 von redaktionguh  
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Achava heißt Brüderlichkeit. Mit über 30 Konzerten, Workshops, Ausstellungen, Schülerprogrammen und einem Straßenfest bauen die Achava Festspiele Thüringen bereits zum vierten Mal vom 20. bis 30. September Brücken zwischen den Kulturen. Im Gespräch mit »Glaube + Heimat« erläutert Intendant Martin Kranz inhaltliche Schwerpunkte des Festivals.

Im Fokus der Achava Festspiele Thüringen steht der interkulturelle und interreligiöse Dialog. Die Besucherzahlen sind von 8 000 auf 16 000 angestiegen. Was erwartet die Besucher diesmal?
Kranz:
Zum einen geht es um 70 Jahre Staat Israel und die Situation im Nahen Osten und zum anderen soll diesmal die Geschichte Erfurts im 13. und 14. Jahrhundert beleuchtet werden. Unter dem Titel »Das Erfurter Blau« wird der Waidhandel im Mittelalter beschrieben. In diesem Zusammenhang beschäftigten sich Wissenschaftler in einem Forschungsauftrag mit der Frage, was der Waidhandel mit den Erfurter Juden zu tun hatte. Ein Ergebnis war, so viel kann ich schon verraten, dass die Waidhändler die Juden aus diesem ertragreichen Geschäft weitgehend herausgehalten haben.

Hatte das etwas mit Antisemitismus zu tun?
Kranz:
Ich würde es nicht als Antisemitismus bezeichnen. Man hat im Grunde die Felder abgesteckt. Man hatte sich zwar jüdisches Geld geliehen, aber in den Handel durften Juden nicht mit einsteigen. Der Rückblick ist lohnend, weil man in der Entwicklung erkennen kann, wie später Antisemitismus und die Pogrome folgten. Das kam nicht von ungefähr. Die jüdische Gemeinde war im 12. und 13. Jahrhundert in Erfurt sehr stark. Die Idee, die hinter Achava steckt, ist natürlich auch, Zusammenhänge aufzuzeigen und darüber zu reden, was das mit uns heute noch zu tun hat.

Stichwort Chemnitz: Was ist derzeit los in unserer Gesellschaft?
Kranz:
Ich bin erst mal erschüttert. Wir müssen in einer breiten gesellschaftlichen Debatte gemeinsam überlegen: Wie gehen wir damit um? Auch dafür steht Achava, dass wir über religiöse Grenzen hinweg gesellschaftliche Probleme und Herausforderungen diskutieren. Wir müssen dahin kommen, dass wir miteinander diskutieren und nicht gegeneinander kämpfen. Man sollte jetzt nicht Chemnitz und Sachsen stigmatisieren. Es geht vielmehr um eine Analyse, warum Pegida in Teilen Sachsens so stark ist.

Populismus, Antisemitismus und Menschenverachtung werden bei Achava in einem anderen Zusammenhang eine Rolle spielen. Was verbirgt sich hinter der Überschrift »Revolution der Seele«?
Kranz:
In Thüringen gab es in den 1920er-Jahren einen charismatischen »Guru« aus der Reihe der sogenannten Inflationsheiligen, den Kunsthandwerker Friedrich Muck-Lamberty, der die »Neue Schar« gegründet hat. Eine Bewegung, die frei sein wollte. Das drückte sich unter anderem in der Nacktheit, der Freikörperkultur, aus. Zurück zur Natur. Die Befreiung aus dem Wilhelminismus, den bürgerlichen Schranken. Er sammelte sehr schnell die Massen um sich. Die Kirchen öffneten ihm die Türen. Er predigte beispielsweise in der Weimarer Stadtkirche vor 1 000 Menschen. Auf den Erfurter Domplatz kamen 15 000 zu »Erweckungsfeiern«.

Redaktionsgespräch: Der Intendant der Festspiele, Martin Kranz, will über religiöse Grenzen hinweg auf gesellschaft- liche Ereignisse reagieren. Foto: Willi Wild

Redaktionsgespräch: Der Intendant der Festspiele, Martin Kranz, will über religiöse Grenzen hinweg auf gesellschaft- liche Ereignisse reagieren. Foto: Willi Wild

Die Volkslieder aus dem Liederbuch der Neuen Schar sind heute noch erhältlich. Muck-Lamberty war ein Volksverführer und zeit seines Lebens Antisemit. Es ging ihm um das Thema: Der neue Mensch. Wie formen wir uns neu? Die Nazis haben übrigens später diese Ansätze und einige Elemente aus der Neuen Schar übernommen. Bei einer Veranstaltung wird der Enkel anwesend sein, Schauspieler Thomas Thieme liest Texte. Der Regisseur und Dramaturg Michael Dissmeier hat an diesem Programm ein Jahr lang gearbeitet und recherchiert. Er hat bislang unveröffentlichtes Material zusammengetragen. Darin wird deutlich, was wir heute auch wieder erleben: Das Verantwortlichmachen von Minderheiten für Fehler und Fehlentwicklungen.

Die Festspiele stehen auch für neue Veranstaltungsformate. Welche werden diesmal angeboten?
Kranz:
Wir haben Angebote für Schüler entwickelt. Ein spontanes, musikalisches Frage- und Antwortspiel wird es in mehreren Thüringer Städten geben. Eine Gruppe Musiker spielt mit Schülern Gypsy Music, also Musik der Sinti und Roma. Die Schüler müssen ein Instrument spielen oder singen können. Wir musizieren aber nicht nach vorgegebenen Noten! Es geht um Improvisation.

Außerdem laden wir 300 Schüler in den Thüringer Landtag ein. Im Plenum sollen sie Demokratie erfahren. Am Ende wird gemeinsam im Innenhof des Landtags gefeiert und getanzt. Zudem werden wir, nach den positiven Erfahrungen des vergangenen Jahres, auf der Erfurter Krämerbrücke wieder ein Straßenfest feiern.

Die Peterskirche auf dem Erfurter Petersberg soll nun zur dauerhaften Hauptspielstätte werden. Welche Idee steckt dahinter?
Kranz:
Die Peterskirche, die einst zu einem Benediktinerkloster gehörte, thront über der Stadt. Die Idee ist, daraus einen interkulturellen Begegnungsort zu machen. Bezugspunkte dafür gibt es ausreichend. Der Eigentümer, die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, stellt in dieser Woche einen Plan zum Umbau des Gebäudes vor. Die Peterskirche soll wieder einen sakralen Charakter erhalten. Der Freistaat Thüringen hat dafür fünf Millionen Euro bereitgestellt. Denkbar ist, dass das Gelände um die Peterskirche herum zur Landesgartenschau 2021 eine inhaltliche Komponente zur Gebäudekonzeption erfährt. Ich finde, dass es an der Zeit ist, den Petersberg in diesem Zusammenhang mit der Stadt und den Menschen zu verbinden. Das wäre ein nachhaltiges Vorhaben, eng verbunden mit der Intention von Achava.

Die Fragen stellte Michael von Hintzenstern.

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Mit Fernglas am Prospekt

7. September 2018 von redaktionguh  
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Halberstadt verfolgt ein visionäres Projekt: Die Restaurierung der Domorgel und die Wiederherstellung der historischen Lichtführung.

Es ist eine außergewöhnliche Geburtstagsfeier, die am 9. September im Halberstädter Dom St. Stephanus und St. Sixtus begangen wird: Der mächtige Orgelprospekt mit seiner ehemals außergewöhnlichen Lichtführung und den einzigartigen Seitenspieltischen ist von der 1718 geweihten Domorgel erhalten geblieben. »Mit seinen reichen Verzierungen gehört er zu den größten und eindrucksvollsten Leistungen barocker Orgelarchitektur in der mittel- und norddeutschen Orgellandschaft«, betont Carmen Presch vom Halberstädter »Förderkreis Musik am Dom«.

Der mächtige barocke Orgelprospekt ist neben dem Domschatz eine weitere Halberstädter Kostbarkeit. Die Orgel soll ihren einzigartigen Lichttunnel wieder erhalten. Foto: Domschatz Halberstadt

Der mächtige barocke Orgelprospekt ist neben dem Domschatz eine weitere Halberstädter Kostbarkeit. Die Orgel soll ihren einzigartigen Lichttunnel wieder erhalten. Foto: Domschatz Halberstadt

Für sie ist Halberstadt eine Orgelstadt mit 1 000-jährigen Orgelgeschichten – von der Domorgel über die Michael-Praetorius-Orgel in St. Martini, die Jesse-Orgel in St. Moritz und das in kommende Jahrhunderte währende John-Cage-Orgel-Projekt. Halberstadt gehört »neben Aachen und Straßburg zu den am weitesten zurückreichenden Zeugnissen der Orgelbaukunst in Deutschland, ja in ganz Europa«, bescheinigt der Orgel-Experte Felix Friedrich.

Unter dem Motto »Halberstadt – Orgelstadt« startet am 9. September, 13 Uhr, ein Rundgang zur Praetorius-Orgel und zum John-Cage-Projekt. Eine Performance hinter der Dom-Orgel als Teil der Kunst-Biennale ist ein weiterer Höhepunkt.

Die Restaurierung des barocken Prospektes mit Wiedergewinnung der historischen Lichtführung und die Erneuerung der jetzigen Orgel sind Ziel des vor drei Jahren angestoßenen Projekts »Durch die Orgel Licht«. Der Kern des Vorhabens: Den an Stelle des Spielschranks in der Mitte des Unterbaus quer durch die Orgel führenden Tunnel, »um das Licht in der Kirche durch das Werk beizubehalten«, wieder freizulegen. »Bei Um- und Neubauten der Orgel wurde im Laufe der Zeit die historische Position des mit reichen Schnitzereien verzierten Prospektes stark verändert. Der Lichttunnel wurde verschlossen, so dass nichts von der barocken Lichtführung um und durch die Orgel übrig blieb«, bedauert Carmen Presch.

So werden zum Orgeltag am 9. September nach dem Gottesdienst alle zu einer Fernglasführung am beleuchteten Orgelprospekt eingeladen und können am Modell des belgischen Orgelbauers Patrick Collon die mögliche künftige Westseite des Domes ansehen.
Die Mitstreiter vom »Förderkreis Musik am Dom« wissen: sie verfolgen ein millionenschweres, visionäres Projekt. Es könne Jahrzehnte dauern. Doch ihr Neun-Punkte-Plan steht: von der Tunnelöffnung über die große Orgel mit 80 Registern bis zu zwei Seitenorgeln mit jeweils acht Registern.

Am Vorabend des Orgeltages erhält der »Förderkreis Musik am Dom« prominente Unterstützung (8. 9., ab 20 Uhr). Der Bestsellerautor Bastian Sick (»Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod«) liest, singt und unterhält mit Geschichten und Gedichten über die deutsche Sprache, über Luther, Kirchenlieder und geflügelte Worte aus der Bibel. Halberstadts Domkantor Claus-Erhard Heinrich begleitet ihn dabei an der Orgel.

Uwe Kraus

Denkmaltag – Orgeltag

Der Tag des offenen Denkmals am 9. September fällt in diesem Jahr mit dem Deutschen Orgeltag zusammen. Mehr als 7 500 historische Baudenkmale, Parks oder archäologische Stätten öffnen ihre Türen. Das Jahresmotto lautet »Entdecken, was uns verbindet«. Zudem sollen an diesem Tag überall in Deutschland Orgeln zu sehen, zu besichtigen und vor allem zu hören sein. Bislang sind mehr als 100 Veranstaltungen registriert.

Mit dabei ist auch die Reformierte Domgemeinde in Halle. Die Restaurierung der einzig noch erhaltenen Großorgel in Halle steht kurz vor dem Abschluss. Nach dem Gottesdienst am 9. September gibt um 11.30 Uhr Orgelmusik von der Stephani-Orgel, die seit zwölf Jahren als InterimsLösung ihren Dienst tut. Je drei Orgel- und Domführungen schließen sich an. Kinder können Orgelansichten malen und basteln.

www.orgeltag.de


www.tag-des-offenen-denkmals.de

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Ausgezeichneter »Gegenstand«

3. September 2018 von redaktionguh  
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Foto: Willi Wild

Foto: Willi Wild

Der Kolumbianer Christian Andrés Parra Sanchez (Foto), Absolvent der Burg Giebichenstein/Kunsthochschule Halle, ist für seine Abschlussarbeit »Gegenstand« gegen Xenophobie, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in der heutigen globalisierten Gesellschaft mit dem Herder-Förderpreis ausgezeichnet worden. Der mit 2 000 Euro dotierte Preis wird vom Kirchenkreis Weimar, dem Sophien- und Hufelandklinikum und der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein im Gedenken an Johann Gottfried Herder ausgelobt. Die Preis-
verleihung gehörte zu der alljährlichen Feier zum Herdergeburtstag in der Weimarer Stadtkirche. Festredner war Professor Jan Philipp Reemtsma zum Thema »Herders Problem mit der Geschichte – und das unsere«.

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»Unser Geschenk«

27. August 2018 von redaktionguh  
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Orgelbau: Weißenfels und Merseburg feiern den 200. Geburtstag von Friedrich Ladegast

Der Blick gen Empore fällt auf eine leere Wand. In der Laurentiuskirche in Weißenfels fehlt ein wichtiges Stück. Die Orgel ist nicht an ihrem Platz. Nichts, was den Ladegast-Verein bange macht. Ganz im Gegenteil.

»Das Instrument wird restauriert. Es ist unser Geschenk an seinen Schöpfer«, erzählt Gisela Bevier, die Vorsitzende des Ladegast-Vereins. Vor zwei Jahren fasste man den Beschluss, der 149 Jahre alten Orgel eine Kur zu bescheren. Sie gilt als die älteste erhaltene, nach dem Kegelladensystem erbaute Orgel von Friedrich Ladegast (1818–1905).

Die Ladegast-Orgel in der Weißenfelser Marienkirche soll umfassend restauriert werden. Für die Gemeinde ist dies ein Mammut-Vorhaben, berichten Kai Schmidt vom Gemeindekirchenrat und Gisela Bevier, Vorsitzende des Ladegast-Vereins. Foto: Constanze Matthes

Die Ladegast-Orgel in der Weißenfelser Marienkirche soll umfassend restauriert werden. Für die Gemeinde ist dies ein Mammut-Vorhaben, berichten Kai Schmidt vom Gemeindekirchenrat und Gisela Bevier, Vorsitzende des Ladegast-Vereins. Foto: Constanze Matthes

Über die Zeit nahezu im Original geblieben, habe ihr allerdings über die Jahre vor allem der Schmutz zugesetzt, sei eine Reinigung dringend notwendig gewesen, berichtet die Vereinsvorsitzende. Die Kosten in Höhe von 65 000 Euro stemmt zu einem großen Teil das Land Sachsen-Anhalt mit Mitteln aus dem Programm für Denkmalschutz. Der Rest von rund 10 000 Euro hat der Verein als Spenden gesammelt, zu Veranstaltungen wie Konzerten und Lesungen.

Mit dem Auftrag wurde das Leipziger Orgelbauunternehmen von Stefan Pilz betraut. Das Projekt begleiteten der Orgelsachverständige des Kirchenkreises Merseburg, Roland Hentzschel, sowie Holger Brülls vom Landesamt für Denkmalschutz. Im Juni haben die Arbeiten begonnen, im Dezember sollen sie abgeschlossen sein, so ist der Plan. Und mittendrin feiert der Verein mit mehreren Veranstaltungen den 200. Geburtstag des Orgelbauers am 30. August.

Seit 2007 besteht der Verein mit Sitz in Weißenfels, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Laurentiuskirche samt Orgel und der dortigen Ladegast-Sammlung in das Blickfeld der Öffentlichkeit zu bringen und für Kultur im Gotteshaus zu sorgen. Zudem engagieren sich die Mitglieder, um auf das Leben und Wirken Ladegasts aufmerksam zu machen sowie die wissenschaftliche Forschung zu fördern.

Dass der Verein in Weißenfels aus der Taufe gehoben wurde, kommt nicht von ungefähr. Geboren und aufgewachsen in Hochhermsdorf/Sachsen verband Friedrich Ladegast die Liebe zur Musik und das beim Vater erworbene handwerkliche Können miteinander. 1847 ließ er sich als Orgelbauer und Instrumentenmacher in Weißenfels nieder, wirkte dort mehrere Jahrzehnte und verstarb im Jahr 1905.

Von den rund 200 Orgeln, die Ladegast erbaut hat, sind eine Handvoll in der Saalestadt und ihren Ortsteilen zu finden. Weitere Orgeln baute der »Silbermann des 19. Jahrhunderts«, wie er auch genannt wird, für den Merseburger Dom, die Leipziger Nikolaikirche, die Schlosskirche zu Wittenberg, St. Jakob in Köthen, den Tallinner Dom oder die Altenburger Bartholomäikirche. Sein größtes Instrument erklingt in Schwerin.

In Weißenfels bedarf nicht nur die Orgel in der Laurentius-, sondern auch die in der Marienkirche am Markt einer Restaurierung. Für die Kirchengemeinde gilt dies als ein Mammut-Projekt mit Kosten in Höhe von schätzungsweise 454 000 Euro. »Das Instrument wurde in der Vergangenheit oft verbaut, so dass sich sein Zustand verschlechtert hat. Wir wollen es in den Original-Zustand zurückführen«, erzählt Kirchenältester Kai Schmidt.

Vor dem 150. Geburtstag des Instruments im Jahr 2014 wurde ein Förderverein ins Leben gerufen. Vor zwei Jahren widmete sich ein Kolloquium der Orgel. Der Bund will die Sanierung mit mehr als 76 000 Euro unterstützen.

Constanze Matthes

Termine
30. August, 15 Uhr: Führung in Weißenfels (Treff: Grünanlage am Ratssaal); 19 Uhr: Orgelfest im Merseburger Dom mit Heribert Metzger (Salzburg), Michael Schönheit (Merseburg), Denny Wilke (Mühlhausen) und Jan Ernst (Schwerin)
31. August, 15 Uhr: Kranzniederlegung auf dem Weißenfelser Friedhof, 17 Uhr: Konzert in der Kirche Wengelsdorf mit Katharina Dargel und Michael Schönheit

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Der »Friedenstornado«

17. August 2018 von redaktionguh  
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Bergern: Die gemalte Botschaft des Künstlers Matt Lamb feiert Jubiläum

Die kleine Kirche »Zum Kripplein Christi« steht direkt neben dem ehemaligen Rittergut in der Gemeinde Bergern bei Bad Berka im Kirchenkreis Weimar. Das Bauwerk passt sich an die Umgebung an, und auch ihr Turm erhebt sich kaum über die Dächer des Dorfes in unmittelbarer Nähe von Bad Berka. Doch beim Eintreten wird der Besucher von einer expressiven Bildwelt überrascht, die ihn ganz einnimmt. In kräftigen Farben leuchtet der Zyklus des amerikanischen Friedensaktivisten und Künstlers Matt Lamb, der Szenen aus dem Leben Jesu darstellt.

Die Erzählung beginnt hinter dem Altar mit der Entscheidung Gottes, seinen Sohn Mensch werden zu lassen. Dazwischen immer wieder der Teufel, der in unterschiedlicher Gestalt auftritt und versucht, das heilbringende Werk des Gottessohnes zu verhindern. Ein wiederkehrendes Symbol ist die Krone, die für König, Schöpfer, Gottesmutter und den Heiligen Geist stehen kann. Matt Lamb bezeichnete sein Werk als »Friedenstornado«, der durch die Kirche wirbelt.

Expressive Farbwucht: Die Ausmalung der kleinen Kirche von Bergern bei Bad Berka ist eines der letzten Großprojekte des 2012 verstorbenen Künstlers Matt Lamb. Foto: Doris Weilandt

Expressive Farbwucht: Die Ausmalung der kleinen Kirche von Bergern bei Bad Berka ist eines der letzten Großprojekte des 2012 verstorbenen Künstlers Matt Lamb. Foto: Doris Weilandt

Rolf Kirchner gehört zum Freundeskreis »Matt-Lamb-Kirche Zum Kripplein Christi Bergern«. Jeden ersten Sonntag im Monat öffnen die Mitglieder die Kirche für Besucher und erzählen dabei von ihrer Erfahrung mit einem Projekt, das ihr Zusammenleben nachhaltig verändert hat. »Die Kirche ist wieder das, was sie eigentlich sein soll: der Mittelpunkt der Gemeinde. Das Kunstwerk hat alle zusammen gebracht«, erzählt Kirchner.

Die Ausmalung ist eines der letzten großen Arbeiten des 2012 verstorbenen Künstlers. Die Verbindung zu ihm kam durch die Freundschaft einer Bergerner Familie mit Gemeindemitgliedern aus dem saarländischen Tünsdorf zustande. Dort hatte der Künstler 2003 die Friedenskapelle »Regina-Pacis-Maria Friedenskönigin« ausgestaltet und das »Matt Lamb Center of Modern Art« mitbegründet.

Auf Einladung der Bergerner präsentierte Matt Lamb den Bilderzyklus zum Leben Jesu während der Dorfkirmes 2007. Das überzeugte die Gemeinde so sehr, dass sie in der Folgezeit alles daran setzte, das Projekt zu realisieren. Nach Abstimmung mit der Pastorin und der Denkmalpflege fand sich mit der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen auch ein engagierter Sponsor.

2008 konnte die Ausmalung in der Kirche, die zur Erhöhung der Beständigkeit der Farbe auf vorgeblendeten Tafeln vorgenommen wurde, beginnen. Kirchner erinnert sich genau: »Es begann an einem Montag und endete Freitag. Matt Lamb hat Familien aus dem Dorf dabei ermutigt, selbst tätig zu werden und Teile im Emporenbereich auszumalen«. Zögerlich näherten sich die Bergerner dem Malgrund. Doch mit jedem Strich fassten sie Mut und kreierten eigene Bildschöpfungen im Stil des Meisters.

Als der Zyklus fertig war, hat sich die Dorfgemeinschaft zusammen gefunden, um das Gotteshaus zu restaurieren. »Fast alle haben sich beteiligt«, erzählt Kirchner mit strahlendem Lächeln. Die Einweihung war gleichzeitig der Einführungsgottesdienst von Pfarrer Ulrich-Matthias Spengler. Bis heute wirkt die Aktion nach und sorgt für einen außergewöhnlichen Zusammenhalt.

Der Freundeskreis, der das Kunstwerk zugänglich halten will, hat sich 2010 gegründet. Neben den sonntäglichen Führungen werden Musikveranstaltungen organisiert und eine Wanderausstellung zum Kunstwerk anderen Kirchgemeinden angeboten. Zum 10-jährigen Bestehen des Bildzyklus lädt er für den 18. und 19. August zu einem Festwochenende mit Gottesdiensten und umfangreichem Programm ein, bei dem am Sonnabend der Tango Argentino mit der Jenaer Band »Celina« im Mittelpunkt steht.

Doris Weilandt

www.matt-lamb-kirche-bergern.com/Veranstaltungshinweise

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Beten, Bauhaus, Krankenpflege

12. August 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

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Fernsehtipp: Der MDR stellt am 14. August das Diakonissenmutterhaus in Elbingerode vor


Ihre bewegte Geschichte reicht bis ins Jahr 1899 zurück: Ganz im Trend der damaligen Zeit gründete Pfarrer Blazejewski ein »Gemeinschafts-Schwesternhaus« im ostpreußischen Borken bei Bartenstein. Schon ein Jahr später zog die Lebensgemeinschaft nach Vandsburg in Westpreußen um. Als dieser Ort nach dem ersten Weltkrieg an den neugegründeten polnischen Nationalstaat fiel, zogen 300 der damals 450 Diakonissen westwärts auf der Suche nach einem neuen Ort für ihre Gemeinschaft. Über Stationen in Berlin und im sächsischen Rathen gelangten sie nach Elbingerode im Harz und gründeten dort in einem ehemaligen Kurhotel das Diakonissenmutterhaus »Neuvandburg«.

Theologisch konservativ, architektonisch modern: Die Diakonissen entschieden sich Anfang der 1930er-Jahre gerade nicht für die besonders von nationalistischen Kräften propagierte »Heimatschutzarchitektur«, sondern für einen modernen Zweckbau – ganz im Geiste des vom Bauhaus geprägten »Neuen Bauens«. Foto: MDR/Philipp Bauer

Theologisch konservativ, architektonisch modern: Die Diakonissen entschieden sich Anfang der 1930er-Jahre gerade nicht für die besonders von nationalistischen Kräften propagierte »Heimatschutzarchitektur«, sondern für einen modernen Zweckbau – ganz im Geiste des vom Bauhaus geprägten »Neuen Bauens«. Foto: MDR/Philipp Bauer

Das Domizil wurde bald zu klein, und so traf die Gemeinschaft eine wichtige Entscheidung: Ein Neubau sollte entstehen. Das besondere: Sie entschieden sich Anfang der 1930er-Jahre für einen modernen Zweckbau im Geiste des Bauhauses, das damals von nationalistischen Kräften heftig bekämpft, aus Weimar nach Dessau vertrieben und später gänzlich verboten wurde. Entstanden ist ein bis heute mustergültig funktionierendes Architektur­ensemble mit Wohn- und Gemeinschaftsräumen sowie, als Clou, einem Schwimmbad unter dem Kirchensaal.

Der spannenden Geschichte der Elbingeröder Schwesternschaft mit ihrem diakonischen Engagement in dem angeschlossenen Krankenhaus geht am Dienstag, 14. August, das MDR-Fernsehen nach. Unter dem Motto »Der Osten – Entdecke, wo du lebst« gibt es einen Einblick in Vergangenheit und Gegenwart des Diakonissenhauses und die Besonderheiten der Lebensgemeinschaft »evangelischer Nonnen«. Auch nach der Zukunft fragt der Film – haben die derzeit 150 hier lebenden Diakonissen doch einen Altersdurchschnitt von 78 Jahren erreicht. Nachwuchs ist nicht in Sicht. Dennoch ist der heutige Leiter, Pastor Reinhard Holmer, zuversichtlich, dass Elbingerode auch in Zukunft ein Ort der Nächstenliebe und Hilfe für Menschen bleibt. (G+H)

Der Osten – Entdecke wo du lebst, MDR Fernsehen, 14. August, 20.45 Uhr

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