Vorerst kein Nachfolger in Sicht

24. Juli 2017 von redaktionguh  
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Traditionspflege: Zum 26. Mal verantwortet Gottfried Preller den Thüringer Orgelsommer

Jetzt, in der zweiten Julihälfte, muss der Thüringer Orgelsommer ohne Gottfried Preller auskommen. Urlaub. Das muss sein, nach Monaten der Vorbereitung und bereits zwei Wochen Konzertbetrieb mit Gastspielen kreuz und quer im Freistaat. Eine Auszeit mitten im Dauertrubel, die zuvor beim Durchhalten eine schöne Aussicht bot. Denn der 69-Jährige ist noch immer das, was er gar nicht mehr sein wollte: für alles hauptverantwortlich. Er ist der künstlerische und organisatorische Leiter der landesweiten Konzertreihe, die kurz nach der Wende aus dem von ihm initiierten Arnstädter Orgelsommer hervorging. Und er ist der Präsident des Trägervereins, des Thüringer Orgelsommer e.V.

Natürlich gibt es Helfer. Sehr viele sogar in den Juliwochen, die Sorge tragen für das Gelingen der Veranstaltungen. Die Karten verkaufen, Programme verteilen, hinterher auch wieder aufräumen. In diesem Jahr sind sie bei 55 Konzerten im Einsatz, was einen Spitzenwert darstellt. Die hohe Zahl lässt sich leicht erklären: In mehreren Kirchen wurden jüngst Restaurierungsprojekte abgeschlossen, hier sollten die Orgeln unbedingt wieder in Konzerten zu hören sein. Das ist schließlich das Anliegen der Reihe. Sie will aufmerksam machen auf die kostbaren, teils jahrhundertealten Instrumente überall im Land – auf ihre Klangschönheit oder ihren Jammerzustand.

Gottfried Preller mit dem Programmheft der Konzertreihe. Foto: Susann Winkel

Gottfried Preller mit dem Programmheft der Konzertreihe. Foto: Susann Winkel

Die zahlreichen Mitstreiter und die akribische Aufgabenverteilung und Planung der vergangenen Monate erlauben es, dass Gottfried Preller und seine Frau Annette doch wegfahren können. Obwohl sich noch immer kein Nachfolger gefunden hat. Zumindest keiner, der leidenschaftlich – oder verrückt – genug ist, die Leitung des Thüringer Orgelsommers in jenem ehrenamtlich-unbezahlten Umfang zu übernehmen, wie ihn Gottfried Preller seit einem Vierteljahrhundert stemmt. Dabei wollte der frühere Kirchenmusikdirektor, Bachkirchen-Kantor und Orgelsachverständige nach dem Jubiläumssommer 2016 eigentlich auch als Privatmann seinen Ruhestand beginnen. Nicht zuletzt, weil es die Rücksicht auf seine Gesundheit fordert.

Doch das Loslassen von Verantwortung muss vorerst verschoben werden. Der 69-Jährige kümmert sich weiter, so, wie er es seit 26 Jahren tut. Das ist vorübergehend eine Lösung und zugleich Teil des Dilemmas. »Ich dominiere den Laden«, sagt er mit einer Mischung aus Selbstbewusstsein und Selbstkritik. Immerhin gäbe es »den Laden« ohne ihn ja auch nicht und keiner kennt sich darin so gut aus wie Gottfried Preller. An die 2 000 Konzerte gab es schon im Thüringer Orgelsommer, deshalb weiß er, wo in der Rhön besonders viele Zuhörer kommen und in welcher Dorfkirche die Logistik knifflig zu lösen ist. Gibt es ein Problem, dann weiß er, wie es anzupacken ist, ohne großes Gerede.

Die Konzertreihe, ist sich Gottfried Preller sicher, kann auch künftig nur von einer Führungsperson geleitet werden. Einer muss das Sagen haben und die Verantwortung, aber er muss auch delegieren können – an weitere Ehrenamtliche. Anders als etwa die Thüringer Bachwochen hat der Thüringer Orgelsommer kein Budget, das es erlauben würde, für die Organisation, das Einwerben von Mitteln oder die Bewerbung der Reihe Mitarbeiter einzustellen. Was bei um die fünfzig Konzerten pro Jahrgang eigentlich vonnöten wäre. Es ist eben ein wirklich großer »Laden«, den Gottfried Preller da führt, mit viel Liebe und auch Selbstaufopferung, wie er sagt. Der Abschied in den Ruhestand ist jedenfalls erst einmal vertagt.

Susann Winkel

Noch bis zum 30. Juli präsentiert der Thüringer Orgelsommer Konzerte in Kirchen sowie open air.
www.orgelsommer.de

Akustische Architektur

17. Juli 2017 von redaktionguh  
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Magdeburg: Klanginstallation verarbeitet 48 Werke Georg Philipp Telemanns

»Telemann-Sphere« ist der Titel einer Klanginstallation des Komponisten Oliver Schneller, die im Kunstmuseum Unser Lieben Frauen in Magdeburg zu erleben ist. Das begehbare Kunstwerk ermöglicht das Wiedererkennen Telemannscher Werke, aber auch ein neuartiges Klangerlebnis.

Klangwolke: In Oliver Schnellers (Foto) Installation erklingen aus 22 Lautsprechern bis zu 12 Kompositionen Telemanns gleichzeitig. – Foto: Kathrin Singer

Klangwolke: In Oliver Schnellers (Foto) Installation erklingen aus 22 Lautsprechern bis zu 12 Kompositionen Telemanns gleichzeitig. – Foto: Kathrin Singer

Der Besucher tritt in eine ihn quasi umkreisende Klangwolke, in der sich gleichzeitig zwölf verschiedene Stücke überlagern. Aus dieser treten nach und nach einzelne Kompositionen als »Stränge« hervor. Wie Details im Zoom einer Kamera werden diese plötzlich klar als Einzelkompositionen Telemanns erkennbar. Achtundvierzig Werke aus den unterschiedlichsten Schaffensperioden des in Magdeburg geborenen Komponisten erscheinen in der Installation des Klangkünstlers in einer ganz neuen Dimension. Dafür hat Carsten Lange (Zentrum für Telemann-Pflege und -Forschung) unterschiedlich besetzte Stücke aus Telemanns über 3 600 Titel umfassendem Gesamtwerk zusammengestellt. Die Auswahl unterstreicht kontrastreich die außergewöhnliche Vielfalt seines musikalischen Schaffens, das über Jahrzehnte dem sich wandelnden Musikgeschmack maßgebliche Impulse verlieh und daher auch stilistisch breit gefächert ist.

Der in Köln geborene Tonschöpfer Oliver Schneller (51) ist künstlerischer Leiter des Magdeburger »Sinuston-Festivals«. Der international gefragte Klangkünstler wirkt seit 2015 als Professor für Komposition an der Eastman School of Music in Rochester. Er hat mit vielen renommierten Ensembles zeitgenössischer Musik zusammengearbeitet und ist auf den großen internationalen Festivals Neuer Musik ein gern gesehener Gast.

Schneller nutzt die 48 Kompositionen, indem er sie auf neue Weise zusammensetzt und miteinander ins Verhältnis bringt. Dafür hat er eine fünfteilige Struktur geschaffen, die sich an miteinander verwandten Tonarten orientiert. Aus insgesamt 22 Lautsprechern erklingen bis zu 12 Kompositionen gleichzeitig und erlauben dem Besucher auf engstem Raum ein Eintauchen in Telemanns musikalischen Kosmos. Für diesen virtuellen Klang­raum hat Schneller eine trapezförmige Anordnung geschaffen, gleichsam eine begehbare akustische Architektur. »Die unfassbare Menge an Kompositionen Telemanns hat mich auf die Idee der Schichtung gebracht«, sagt Schneller. Außerdem müsse der Komponist bei diesem Arbeitspensum an mehreren Kompositionen gleichzeitig gearbeitet haben. Diesem Eindruck solle in der Installation ebenso nachgespürt werden können wie der Ungeduld und Schnelllebigkeit der Gegenwart. »Kaum jemand wird sich hinsetzen und sämtliche Telemann-Kompositionen von Anfang bis Ende durchhören«, sagte Schneller, den die hochexpressive Musik Telemanns sehr beeindruckt hat. Die Klanginstallation solle auch staunen machen, dass die große Bandbreite dessen, was erklingt, tatsächlich alles Telemann ist.

Michael von Hintzenstern

Bis 27. August: Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen, Untere Tonne

Haben Sie Reformationsbedarf?

8. Juli 2017 von redaktionguh  
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Die Städtische »galerie ada« in Meiningen nimmt in einer dreigeteilten Ausstellung das Wort Reformation ganz wörtlich und fragt, was es im Jahr 2017 bedeutet.

»RE:FORMATION« lautet der Titel der aktuellen Ausstellung in der Meininger »galerie ada«. In ihr geht es etwas anders zu als bei den vielen ähnlich benannten, in denen es landauf, landab im Jubiläumsjahr »luthert«. Das liegt am Präsentationskonzept: Bis Ende September werden die Galerieräume dreimal komplett unterschiedlich bestückt. Galerist Ralf-Michael Seele und Co-Kurator Klaus Nicolai fanden hierfür einen neuen Ansatz.

Der Galerist wollte das Thema Reformation zunächst gar nicht aufgreifen. Nicht auch noch in der »ada«! Doch dann überlegte er: »Gibt es etwas, das andere nicht machen?« Und: »Was ist heute am Begriff Reformation noch aktuell?« Ja und ja. Wenn er das Wort nur ganz wörtlich nimmt und »Reformation« eben nicht auf jene religiöse Erneuerungsbewegung unter Führung Martin Luthers im 16. Jahrhundert reduziert. Auch nicht ihre sämtlichen Nebenwirkungen und Spätfolgen zum Thema macht. In seiner originären, weiter gefassten Bedeutung meint »Reformation« eine Erneuerung oder auch geistige Umgestaltung.

Suppenkasper in Endlosschleife: Medienkünstler Klaus Nicolai projiziert das Gesicht und die Hände von US-Präsident Donald Trump auf drei Teller. – Foto: Städtische »galerie ada«

Suppenkasper in Endlosschleife: Medienkünstler Klaus Nicolai projiziert das Gesicht und die Hände von US-Präsident Donald Trump auf drei Teller. – Foto: Städtische »galerie ada«

An dieser Stelle begann das kulturtouristisch etwas erschöpfte Thema »Reformation« für den Galeristen wieder spannend zu werden. Er überlegte: Wo besteht heute Reformationsbedarf? In der Gesellschaft, selbstredend. Aber auch bei jedem Einzelnen. Und so lautet die unausgesprochene Frage der Schau: »Wo ist Reformationsbedarf bei mir?« Das soll sich der Besucher fragen. Wäre es an der Zeit, die eigene Reset-Taste zu drücken? So wie Luther sie damals für seine Kirche drücken wollte – freilich ohne letztere gleich zu spalten.

Wer hier eine Art Lebensratgeber-Ausstellung erwartet, der irrt. Ralf-Michael Seele und Klaus Nicolai erklären nicht die Welt. Sie zeigen Kunst – Installationen, Objekte, Malerei, Video und Klangspiele –, über die sich nachdenken lässt. Länger, als ein Galerie-Besuch dauert. Das Heimgehen mit Fragezeichen im Kopf ist erwünscht. Das Eintreten und Schauen mit eigenen Assoziationen ebenso.

Die sind besonders gefragt beim Beitrag des Medienkünstlers Nicolai. Der serviert den US-Präsidenten Donald Trump auf Tellern. Nun ja, nicht direkt. Er projiziert die TV-Aufzeichnung einer seiner Reden auf einen quadratischen Plexiglastisch. Das Bild fällt hindurch, nur auf den Tellern verfängt es sich. Ein Teller für sein Gesicht, je einer für die Hände. Und Trump redet und redet. Ein Suppenkasper in Endlosschleife. Es hat etwas anrührend Albernes, wie er da aus dem Teller spricht.

Dieses Eingefangen-Werden funk­tioniert nicht bei jeder gezeigten Arbeit. Zumindest nicht bei allen Betrachtern. Es gilt, wie letztlich bei jeder Ausstellung, die Werke für sich zu erkunden, die den Besucher in ein stummes Gespräch verwickeln. Tatsächlich will die Schau vor allem dreierlei: erstaunen, amüsieren, verwirren. Das gelingt ihr unbedingt. Etwa mit dem Streubild von Eva Warmuth.

Sie hat verschiedenfarbige Getreide und Samen in arabesken Formen auf den Galerieboden gestreut. Ein höchst empfindliches Kunstwerk, dazwischen Brotlaibe, sicher steinhart, und Gesichter, geformt aus Erde aus dem angrenzenden Englischen Garten. Da schlagen die Assoziationen beim Betrachter Purzelbäume. Und das ist genau so gewollt. »Die Vollendung der Werke geschieht im Kopf der Betrachter«, erklärt Ralf-Michael Seele.

Auch die Ausstellung selbst ist nicht im klassischen Sinne fertig. Wer die »ada« bis zum 16. Juli besucht, wird die hier beschriebenen Installationen sehen und noch viel mehr. Wer zwischen dem 22. Juli und dem 27. August vorbeischaut, den erwarten interaktive Arbeiten. Im September geht es dann wieder etwas klassischer zu, mit Malerei, Grafik, Plastik und Objekten, einem bildkünstlerischen Blick auf die Reformation, an dem sich auch die evangelische Kirchengemeinde und der Kirchenkreis Meiningen beteiligen werden.

Susann Winkel

Bis 24. September, galerie ada, Bernhardstraße 3, Meiningen: Mi. bis So., 15 bis 20 Uhr

Flammen erzeugen Klang

5. Juli 2017 von redaktionguh  
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Kunstinstallation: »Organ« im thüringischen Krobitz


Im thüringischen Krobitz (Kirchenkreis Schleiz) ist in der St.-Anna-Kapelle seit dem Wochenende die Orgel-Kunstinstallation »Organ« zu sehen. Das Kunstwerk besteht aus 25 modellierten akustischen Resonanzröhren und wurde am Sonnabend für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht, wie die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland in Erfurt mitteilte. Als Orgelpfeifen werden Glaszylinder verschiedener Größe verwendet, die anstelle des im Orgelbau üblichen Luftstroms mithilfe kleiner Gasflammen zum Schwingen gebracht werden.

Gläserne Orgelpfeifen: Die Installation »Organ« besteht aus 25 akustischen Resonanzröhren – Foto: Thomas Müller/Internationale Bauausstellung Thüringen

Gläserne Orgelpfeifen: Die Installation »Organ« besteht aus 25 akustischen Resonanzröhren – Foto: Thomas Müller/Internationale Bauausstellung Thüringen

Das Kunstwerk von Carsten Nicolai ist Teil des »Querdenker«-Projekts von Landeskirche und Internationaler Bauausstellung Thüringen. Die Arbeit sei von frühen Entwürfen sogenannter Flammenorgeln aus dem 18. Jahrhundert inspiriert, hieß es. Im Gegensatz zur klassischen Orgel sind die Tonerzeuger hier aber die Flammen. Sie erzeugen die Töne, indem sie in Glaszylindern mitschwingen.

»Wichtig ist mir, dass sich ganz ursprüngliche Elemente wie Feuer, Erde, Luft und Klang sowohl visuell als auch akustisch miteinander verbinden und eine Symbiose mit dem Ort bilden«, sagte Künstler Nicolai. Die besondere Faszination liege darin, dass die Klangerzeugung nicht – wie bei der konventionellen Orgel – unsichtbar bleibt, sondern sichtbar wird. Nicolai hat nicht nur das Instrument entworfen, sondern auch eine Komposition dafür geschrieben.

Ziel des Projektes ist, neue Nutzungsideen für Thüringer Kirchen zu finden. Das Kunstprojekt »Organ« (deutsch: Orgel) wird in Zusammenarbeit mit der Kirchengemeinde und der Gemeinde Weira umgesetzt.

(epd)

Das Orgel-Kunstwerk kann bis 10. September in der St.-Anna-Kapelle jeden Sonnabend und Sonntag von 14 bis 20 Uhr besichtigt werden. Der Eintritt ist frei.

Stephanus’ fragile Hülle

26. Juni 2017 von redaktionguh  
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Herausforderung: Die Farbschicht der Steinskulpturen im Halberstädter Dom muss saniert werden. Doch es gibt noch keine Methode zur Beseitung der Schäden. Derzeit prüfen Experten, wie sie die Figuren retten können.

Dem heiligen Stephanus, dem Schutzpatron des Halberstädter Domes, geht es schlecht. Die Skulptur im Hohen Chor wirkt wie die des Co-Patrons Sixtus und der zwölf Apostel aschfahl und blickt zerfurcht in den Kirchenraum. Den 14-farbig gefassten Steinskulpturen geht es schlecht, diagnostiziert Restauratorin Corinna Grimm-Remus. Sie benötigen unbedingt eine Ganzkörperkur, wie Ralf Lindemann von der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt erklärt. Geschieht das nicht, droht der Verlust der originalen Fassung, also der Farbschicht. »Die Farbe ist im Laufe der Zeit zu einer Hülle geworden, die losgelöst vom Stein steht«, erläutert Grimm-Remus auf dem Gerüst in fünf Metern Höhe, das sie den Figuren ganz nah sein lässt.

Sorgenvoller Blick: Restauratorin Corinna Grimm-Remus neben Stephanus. – Foto: Uwe Kraus

Sorgenvoller Blick: Restauratorin Corinna Grimm-Remus neben Stephanus. – Foto: Uwe Kraus

Das Problem: Es gibt noch keine Methode, wie derartigen Schäden beizukommen ist. Nur anderenorts treffen die Experten auf ebenso stark geschädigte mittelalterliche Skulpturen. Nun testen über drei Jahre Restauratoren im Halberstädter Dom Methoden, um Stephanus & Co. vor dem Verfall zu bewahren. Nicht einfach, schließlich betrete man damit Neuland. »Dazu gibt es nichts auf dem Markt«, so die Restauratorin, die sich wie kaum jemand anderes schon über Jahre mit den Steinen des Halberstädter Domes befasst. Dabei entpuppt sich nicht der Staubmantel der Jahrhunderte als Problem, sondern die Farbe, die nur noch einer Skulpturen-Hülle gleicht. Eine Notsicherung ist jetzt gefragt. Schließlich hätten Umwelteinflüsse über die Jahrhunderte die Haut der Figuren angekratzt. Im 19. Jahrhundert waren sie bei der Fenstersanierung über Jahre den schwankenden Außentemperaturen ausgesetzt. Nach dem ZweitenWeltkrieg lag sogar Schnee im Hohen Chor. So soll im Projekt geklärt werden, wie die massiven Schäden überhaupt entstanden sind.

300 000 Euro stehen dafür zur Verfügung, fast 120 000 Euro fließen allein von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, wie deren Mitarbeiter Paul Bellendorf berichtet. »Ein spannendes Projekt, bei dem wir uns gerne engagieren.« Als besonders innovativen Aspekt sieht die Kulturstiftung eine Kooperation mit der Bauhaus-Universität Weimar. Die lässt Drohnen im Dom kreisen, um alles dreidimensional darzustellen. Auch dabei ist Vorsicht geboten: Bei den Nahaufnahmen dürfen sich die kleinen Flugobjekte nicht zu dicht an die Figuren heranwagen. Die fragile Farbschicht könnte durch die Abluft weggepustet werden. Beim späteren »Facings« soll eine Art Schutz- oder Zwischenschicht im Sinne einer Kaschierung gefunden werden, die eine Fassungsfestigung und »Replatzierung« erlaubt, aber den Verlust der Fassung durch direkte Berührung verhindert. Dabei soll der Schmutz entfernt werden, ohne die Farbe zu beschädigen. Im Rahmen einer ersten Notsicherung soll das modellhaft entwickelte Vorgehen am gesamten Skulpturenbestand umgesetzt und fachlich überprüft werden. Dazu wird es auf einem Fachkolloquium einen Erfahrungsaustausch im Dom zu Halberstadt geben.

Uwe Kraus

Weimarer Kinderbibel ist fertig

19. Juni 2017 von redaktionguh  
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Projekt geht weiter: Jetzt entsteht ein Kinderbibel-Raum

Sechs Staffeln kann das Projekt »Weimarer Kinderbibel« vorweisen und einen Erfolg, der zu Beginn im Jahr 2012 noch nicht abzusehen war. Auch nicht, dass sich die Idee der promovierten Sprachwissenschaftlerin und Autorin, Annette Seemann, weit über Thüringens Grenzen ausbreiten würde.

Initiatoren: Annette Seemann, Ulrike Greim und Sigrun Lüdde (hinten, v. l.) präsentierten zum Kirchentag auf dem Weg die »Weimarer Kinderbibel« mit den besten Geschichten und Illustrationen aus den sechs Staffeln des Projekts. Lea (vorn li.) und Julia (re.) lasen ihre Geschichten vor. Foto: Dietlind Steinhöfel

Initiatoren: Annette Seemann, Ulrike Greim und Sigrun Lüdde (hinten, v. l.) präsentierten zum Kirchentag auf dem Weg die »Weimarer Kinderbibel« mit den besten Geschichten und Illustrationen aus den sechs Staffeln des Projekts. Lea (vorn li.) und Julia (re.) lasen ihre Geschichten vor. Foto: Dietlind Steinhöfel

Zum Kirchentag auf dem Weg wurde im Weimarer »mon ami« eine Extra-Kinderbibel mit den besten Geschichten und Illustrationen aller Jahrgänge präsentiert. Drei Schülerinnen lasen aus ihren Erzählungen. Im Laufe der Jahre hatten sich rund 500 Kinder aus Weimar und Thüringen beteiligt. Dazu zahlreiche Schulen und Lehrer, wie Uwe Butze von der Pestalozzi-
Regelschule in Weimar. »Ich habe selten so was Tolles gemacht«, bekannte er. Die Schülerinnen Lea und Julia fanden es gut, dass Schule mal anders war als sonst. Die beiden Mädchen aus der 6. Klasse lasen ihre Geschichten vor.

»Wir haben mit diesem kulturgeschichtlichen Projekt wieder Wissen ins Bewusstsein gerückt, das früher ganz selbstverständlich dazugehörte, betonte Annette Seemann. Ulrike Greim, Rundfunkbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Kinderbibel, sagte: »Die Weimarer Kinderbibel ist nur im Ergebnis ein Buch, sie war ein Prozess.«

Der ist nun im Reformationsjahr abgeschlossen, aber es gäbe noch eine Menge zu tun, so Sigrun Lüdde, Geschäftsführerin der Literarischen Gesellschaft Thüringen, denn zum Reformationstag soll im Turm der Stadtkirche St. Peter und Paul ein Kinderbibel-Raum entstehen.

Dietlind Steinhöfel

Am seidenen Faden der Lust

12. Juni 2017 von redaktionguh  
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Die vor zwei Jahren in Rohr (Kirchenkreis Henneberger Land) entfachte Theaterleidenschaft lodert weiter. In der dritten Spielzeit wird mit dem Schauspiel »Fatale Lust – Die Reformation am seidenen Faden« ein pikantes Stück Reformationsgeschichte in Szene gesetzt.

Schon als Kind habe ihn die Figur Martin Luthers fasziniert, bekennt der Autor und Regisseur Axel Weiß, der 2015 das Historienspiel »Theophanu – Die Kaiserin in Rohr« und 2016 das Lustspiel »Hoch auf dem gelben Wagen« in Rohr auf die Bühne gebracht hat. Jetzt, wo das Jubiläum »500 Jahre Reformation« begangen wird, stehe er hier und könne nicht anders, nutzt Weiß ein Luther-Wort zur Begründung für die Wahl des Stoffes.

Direkt, unverblümt und sprachgewaltig geht es zu in »Fatale Lust – Die Reformation am seidenen Faden«. Jedoch nicht Luther steht darin im Mittelpunkt, sondern Landgraf Philipp von Hessen (1504–1567). »Der gilt einerseits als einer der bedeutendsten Landesfürsten und politischen Führer zu seiner Zeit und als einer der Hauptmänner der Reformation, aber andererseits auch als einer, der durch sein sexsüchtiges Verhalten die Reformation in Gefahr brachte«, erklärt Axel Weiß.

Es war damals nicht ungewöhnlich, dass sich jemand leisten konnte, Konkubinen zu halten. Dass ein tiefgläubiger Mensch wie Landgraf Philipp die Ehe mit zwei Frauen anstrebte, war hingegen schier unglaublich, überaus dreist und eigentlich unmöglich, wo doch auf Bigamie die Todesstrafe stand. Dennoch gelang es Philipp, den Segen für eine Doppelehe mit der 17-jährigen Margarethe von der Saale zu erhalten. Auch den von Luther. Ihn ersuchte Philipp 1539 über einen Mittelsmann um eine offizielle Zustimmung zur beabsichtigten Doppelehe. Eine theologische Argumentationshilfe lieferte er gleich mit, indem er darauf verwies, dass Gott auch so manchem Patriarchen aus dem Alten Testament mehr als eine Ehefrau zugestanden habe.

Rohrer Kirchhof: Eine große Truppe kommt jedes Mal zur Probe zusammen. Und doch ist es immer nur ein Teil des gesamten Ensembles. Foto: Jürgen Glocke

Rohrer Kirchhof: Eine große Truppe kommt jedes Mal zur Probe zusammen. Und doch ist es immer nur ein Teil des gesamten Ensembles. Foto: Jürgen Glocke

Es passte nicht zu Luthers hohen moralischen Ansprüchen, einerseits die Verkommenheit der katholischen Kirche anzuprangern und andererseits die Eheprinzipien des Neuen Testaments zu negieren. Doch Philipp drohte für den Fall, dass man ihm in der Ehesache nicht entgegenkam, mit einem Wechsel samt seiner Truppen ins Lager der Reformationsgegner.
Wie stets, wenn Politik mit im Spiel ist, ist alles nur eine Frage der Darstellung. Des Landgrafen Begehren wurde als Seelenheil-Rettung für ihn betrachtet und als Ausnahme gestattet. So kam es, dass 1540 die Hochzeit Philipps mit Margarethe von der Saale stattfand und sich nachher die Protagonisten der Reformation wieder der Umsetzung ihrer Ziele zuwenden konnten. Vor diesem Hintergrund hat Axel Weiß sein Stück entwickelt, wissenschaftlich beraten von Dr. Kai Lehmann. Der Direktor des Museums Schloss Wilhelmsburg in Schmalkalden ist ein profunder Kenner der Materie.

Seit viereinhalb Monaten laufen die Proben, wofür knapp 100 Darsteller (inklusive Mehrfachbesetzungen der meisten Rollen), fünf Chöre und mit dem Personal hinter der Bühne insgesamt rund 200 Mitwirkende aufgeboten werden. Die Herausforderung, vor der das Team steht, war noch nie so groß wie bei dieser dritten Sommertheater-Auflage. Das rührt vor allem daher, dass die Theatertruppe diesmal auf Tournee gehen will. Eingedenk dessen, dass Luther vielerorts predigte, wird das Schauspiel nicht nur beim Rohrer Sommertheater aufgeführt, sondern auch in Dermbach, Kloster Veßra, Philippsthal, Schmalkalden und Untermaßfeld.

Auch einige Pfarrer sind im Darsteller-Team und spielen historische Geistliche, wie der Rohrer Pfarrer Armin Pöhlmann und sein Schmalkalder Amtskollege Martin Schreiber. Ebenso sind in der Rolle des Schulzen hier und da aktuelle Kommunalpolitiker zu erleben – so in Dermbach der dortige Bürgermeister Thomas Hugk, in Philippsthal Bürgermeister Ralf Orth und in Untermaßfeld Amtsinhaber Rolf Pohland. Museumsdirektor Kai Lehmann schlüpft bei der Aufführung im Hof von Schloss Wilhemsburg in die Rolle des Nuntius.

Jürgen Glocke

Termine
•    Rohr: 22. Juni, 19 Uhr (Generalprobe), 23. Juni, 19 Uhr (Premiere), 24. Juni, 19 Uhr, 25. Juni, 15 Uhr
•    Untermaßfeld: 30. Juni und 1. Juli, jeweils 19 Uhr, 2. Juli, 15 Uhr
•    Philippsthal: 7. Juli, 19 Uhr, und 9. Juli, 15 Uhr
•    Schmalkalden: 14. und 15. Juli, jeweils 19 Uhr
•    Dermbach: 21. und 22. Juli, jeweils 19 Uhr, und 23. Juli, 15 Uhr
•    Kloster Veßra: 28. und 29. Juli, jeweils 19 Uhr, und 30. Juli, 15 Uhr

Effektvolle Performance auf der Elbe

5. Juni 2017 von redaktionguh  
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»Am Anfang war das Wort.«: Auf einem stattlichen Elbeschiff, das eine riesige Bibel trug, lief Luthers Bibelübersetzung am Freitagabend in Magdeburg ein. Die Szene war Teil der Performance »Unseres Herrgotts Kanzlei. Magdeburg am Fluss der Reformation« an beiden Ufern der Elbe in Höhe des Petriförders. Die zahlreichen Zuschauer sahen eine Inszenierung mit über 200 Mitwirkenden zur Geschichte Magdeburgs im 16. Jahrhundert, als die Stadt auch einer einjährigen Belagerung trotzte. Das Spektakel mit eindrucksvollen Licht- und Klangeffekten entstand in Zusammenarbeit von Jörg Richter (Regie), Dirk Heidicke (Autor), Toto (Bühnenbild) und Sven Helbig (Musik).

Foto: epd-bild

Foto: epd-bild

Von Wecker bis Hasenscheisse

24. Mai 2017 von redaktionguh  
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Hochkarätig: Kulturprogramm der Kirchentage auf dem Weg
und in Wittenberg


Wer die Wahl hat, hat die Qual. Dies werden viele Interessierte denken, die sich durch das vielfältige Programm der Kirchentage auf dem Weg und des Deutschen Evangelischen Kirchentages arbeiten.

Da ist zunächst das Konzert »Live 17« zu nennen, mit dem der Kirchentag in Wittenberg am Sonntag auf der Festwiese ausklingt (28. Mai, 16.30 bis 19 Uhr). »Vom Liedermacher bis zur Rockband, von Indie-Pop bis zu karibischem Gute-Laune-Sound ist für alle Musikbegeisterten etwas dabei«, freut sich Christof Vetter vom Verein »r2017«. Da ist an erster Stelle Konstantin Wecker zu nennen, der wenige Tage vor seinem 70. Geburtstag in der Lutherstadt gastiert. Er gilt neben Reinhard Mey, Hannes Wader und Franz Josef Degenhardt als einer der großen deutschen Liedermacher. Neben ihm und seiner Band sind Judy Bailey, »Bell Book + Candle« und »City« zu erleben. Bailey, die auf Barbados aufgewachsen ist und in Deutschland lebt, steht für einen Musikstil, der neben Pop- und Rockelementen auch Einflüsse von Reggae und afrikanischer Musik aufweist. Sie trat bereits bei vielen christlichen Großveranstaltungen auf. »Bell Book + Candle« gründeten sich 1994 in Berlin, besonders im Osten bekannt ist die Kultband »City«.

Zum Ausklang des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentages in Wittenberg gibt es am Sonntag, 28. Mai, von 16.30 bis  19 Uhr ein Konzert auf der Festwiese. Unter dem Motto »Poesie und Widerstand« wird es von Konstantin Wecker (unser Bild) sowie einer Reihe weiterer namhafter Musiker gestaltet. – Foto: Thomas Karsten

Zum Ausklang des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentages in Wittenberg gibt es am Sonntag, 28. Mai, von 16.30 bis 19 Uhr ein Konzert auf der Festwiese. Unter dem Motto »Poesie und Widerstand« wird es von Konstantin Wecker (unser Bild) sowie einer Reihe weiterer namhafter Musiker gestaltet. – Foto: Thomas Karsten

In Jena wird der Frage nachgegangen, was den politischen Widerstand in Ost und West mit heutigem Oppositionsgeist verbindet. Bands aus der DDR, der alten BRD und dem Deutschland von heute stellen sich dabei der Aufgabe, aus ihren gesellschaftlichen Realitäten heraus musikalische Antworten zu liefern. Zu erleben sind »Airtremp« (Jena), »Hasenscheisse« (Potsdam) und »Kai & Funky« von »Ton Steine Scherben« sowie der Berliner Sänger und Kabarettist Gymmick (26. Mai, 19 bis 23 Uhr, Bühne auf dem Markt).

Zwölf filmmusikreife Choralfantasien werden unter dem Titel »Lutheran Symphonics« von der Staatskapelle Weimar und dem Kammerchor der Hochschule für Musik »Franz Liszt« in der Klassikerstadt dargeboten (25. Mai, 20 Uhr, Weimarhalle). Der Komponist und Posaunenprofessor Christian Sprenger hat hierfür bekannten Kirchenliedern wie »Ein feste Burg ist unser Gott«, »Verleih uns Frieden« oder »Lobe den Herren« ein episches, symphonisches Gewand gegeben. Zu den »nicht alltäglichen Konzertformen« zählt eine elektroakustische Konzert-Installation, die Studierende aus der Kompositionsklasse von Prof. Robin Minard auf dem Herderplatz präsentieren (27. Mai, 20 bis 23 Uhr). Diese beschäftigt sich mit dem Begriff Raum und seinen verschiedenen Bedeutungen für den heutigen Menschen in einer beschleunigten und hochgradig synchronisierten Welt.

»Woran glaubst du?« fragen Studierende der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in einem Projekt in Halle, das auf dem Markt, im Dom und in der Moritzburg veranstaltet wird (27. Mai, 10.30 bis 12.30 Uhr). Neben Performances gibt es hier Mitmach-Angebote sowie Holy Hip-Hop: Graffiti, Breakdance, Rap und Beats.

Michael von Hintzenstern

»Luther! 95 Schätze – 95 Menschen«

22. Mai 2017 von redaktionguh  
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Die dritte Nationale Sonderausstellung zum 500. Reformationsjubiläum zeigt in Wittenberg die Entwicklung von Martin Luder zum Reformator Luther und seine Wirkung auf Menschen.

Was haben Steve Jobs, Astrid Lindgren und Axel Springer gemeinsam? Alle drei standen in der Nachfolge eines Mannes. Alle drei trugen zur Verbreitung seiner Botschaft bei. Jener Mann ist Martin Luther (1483–1546), im 16. Jahrhundert Mönch, aus heutiger Sicht Reformator.

Intensiv liefen die Vorbereitungen seit Oktober 2014, erzählt Benjamin Hasselhorn. Der Theologe und Historiker ist einer der vier Kuratoren, die in den vergangenen Jahren nach interessanten Figuren aus dem 16. bis 21. Jahrhundert forschten, die in irgendeiner Beziehung zu Luther stehen – und sei es als seine Kritiker. Zu jedem dieser Menschen suchten die Wissenschaftler dann nach einem Gegenstand, der mit der Person verbunden ist, aber zugleich zeigt, was der Mensch mit Martin Luther zu tun hat.

In Anlehnung an die 95 Thesen, die Martin Luther 1517 gegen die Missstände in der katholischen Kirche veröffentlicht hat, gibt es in der Wittenberger Sonderausstellung nun 95 Menschen zu entdecken. Sie sind die Ergebnisse harter Recherche, aber auch »schöne Zufallsfunde«, wie Hasselhorn sie nennt. Unter ihnen sind natürlich solche, die man erwartet wie den Theologen und NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer. Oder den Bürgerrechtler Martin Luther King, der 1966 in Chicago Thesen anschlug und sich damit in Kontinuität zu seinem Namenspatron setzte. Zu den eher unerwarteten Menschen zählen womöglich der dänische Filmemacher Lars von Trier oder der norwegische Maler Edvard Munch.

Medieninstallation: Nikolaus Kopernikus erforschte, dass sich die Erde um die Sonne bewegt. Foto: Thomas Bruns

Medieninstallation: Nikolaus Kopernikus erforschte, dass sich die Erde um die Sonne bewegt. Foto: Thomas Bruns

»Zu jeder Person gibt es mindestens ein Exponat«, sagt Hasselhorn. Einen Film, ein Kleidungsstück, Audio­mitschnitte, Manuskripte. Unterteilt sind die »95 Menschen« in drei Kapitel, der »Dreiteilung menschlicher Existenz« folgend, die Luther in seiner berühmten Freiheitsschrift aufgestellt hat: der inwendige, auf sich bezogene Mensch, der äußere, wirkende Mensch und der soziale Mensch unter Menschen.

In zwei weiteren Kapiteln geht es um den Reformator selbst. »Wir erzählen anhand von 95 Schätzen aus Luthers Umfeld seinen Weg in die Welt und zur Reformation«, erklärt der Kurator. »So umrunden wir in der Ausstellung ein Mal sein Leben.«

Stefan Rhein, der Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, ist besonders stolz auf einen Brief Luthers vom 31. Oktober 1517, dem heutigen Reformationstag. Diese Leihgabe aus dem Stockholmer Archiv soll der als Luder Geborene zum ersten Mal mit »Luther« unterschrieben haben. »Der 31. Oktober ist also nicht nur ein weltgeschichtliches Ereignis, für Luther selbst war dieser Tag auch ein biografischer Bruch«, sagt Rhein. Den Namen leitete er von dem griechischen Eleutherios, der Freie, ab. »Das zeigt auch, dass Luther die Wichtigkeit dieses Tages erkannt hat«, so Rhein. Im historischen Teil der Ausstellung, in dem Besucher dem Menschen Martin nahekommen sollen, sei dieser Brief ein zentraler Beleg für Luthers Verwandlung vom Mönch zum Reformator.

Und was erfährt man in der Ausstellung nun über Lindgren, Jobs und Springer? Der Zeitungsverleger soll stets ein Büchlein mit Sprüchen seines Vorbildes bei sich gehabt haben und ein Luther-Porträt in seinem Büro. Beim Apple-Gründer und Lutheraner Jobs war die Erfindung des Mac eine Revolutionierung unseres (Arbeits-)Lebens. Sozusagen eine technische Reformation. Und die schwedische Kinderbuchautorin Lindgren »setzt in ihren Büchern dem lutherisch geprägten ländlichen Schweden ein Denkmal«, sagt Kurator Hasselhorn.

Christina Özlem Geisler (epd)

Die Ausstellung ist bis 5. November im Augusteum des Lutherhauses zu sehen.

www.3xhammer.de

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