Von Wecker bis Hasenscheisse

24. Mai 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Hochkarätig: Kulturprogramm der Kirchentage auf dem Weg
und in Wittenberg


Wer die Wahl hat, hat die Qual. Dies werden viele Interessierte denken, die sich durch das vielfältige Programm der Kirchentage auf dem Weg und des Deutschen Evangelischen Kirchentages arbeiten.

Da ist zunächst das Konzert »Live 17« zu nennen, mit dem der Kirchentag in Wittenberg am Sonntag auf der Festwiese ausklingt (28. Mai, 16.30 bis 19 Uhr). »Vom Liedermacher bis zur Rockband, von Indie-Pop bis zu karibischem Gute-Laune-Sound ist für alle Musikbegeisterten etwas dabei«, freut sich Christof Vetter vom Verein »r2017«. Da ist an erster Stelle Konstantin Wecker zu nennen, der wenige Tage vor seinem 70. Geburtstag in der Lutherstadt gastiert. Er gilt neben Reinhard Mey, Hannes Wader und Franz Josef Degenhardt als einer der großen deutschen Liedermacher. Neben ihm und seiner Band sind Judy Bailey, »Bell Book + Candle« und »City« zu erleben. Bailey, die auf Barbados aufgewachsen ist und in Deutschland lebt, steht für einen Musikstil, der neben Pop- und Rockelementen auch Einflüsse von Reggae und afrikanischer Musik aufweist. Sie trat bereits bei vielen christlichen Großveranstaltungen auf. »Bell Book + Candle« gründeten sich 1994 in Berlin, besonders im Osten bekannt ist die Kultband »City«.

Zum Ausklang des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentages in Wittenberg gibt es am Sonntag, 28. Mai, von 16.30 bis  19 Uhr ein Konzert auf der Festwiese. Unter dem Motto »Poesie und Widerstand« wird es von Konstantin Wecker (unser Bild) sowie einer Reihe weiterer namhafter Musiker gestaltet. – Foto: Thomas Karsten

Zum Ausklang des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentages in Wittenberg gibt es am Sonntag, 28. Mai, von 16.30 bis 19 Uhr ein Konzert auf der Festwiese. Unter dem Motto »Poesie und Widerstand« wird es von Konstantin Wecker (unser Bild) sowie einer Reihe weiterer namhafter Musiker gestaltet. – Foto: Thomas Karsten

In Jena wird der Frage nachgegangen, was den politischen Widerstand in Ost und West mit heutigem Oppositionsgeist verbindet. Bands aus der DDR, der alten BRD und dem Deutschland von heute stellen sich dabei der Aufgabe, aus ihren gesellschaftlichen Realitäten heraus musikalische Antworten zu liefern. Zu erleben sind »Airtremp« (Jena), »Hasenscheisse« (Potsdam) und »Kai & Funky« von »Ton Steine Scherben« sowie der Berliner Sänger und Kabarettist Gymmick (26. Mai, 19 bis 23 Uhr, Bühne auf dem Markt).

Zwölf filmmusikreife Choralfantasien werden unter dem Titel »Lutheran Symphonics« von der Staatskapelle Weimar und dem Kammerchor der Hochschule für Musik »Franz Liszt« in der Klassikerstadt dargeboten (25. Mai, 20 Uhr, Weimarhalle). Der Komponist und Posaunenprofessor Christian Sprenger hat hierfür bekannten Kirchenliedern wie »Ein feste Burg ist unser Gott«, »Verleih uns Frieden« oder »Lobe den Herren« ein episches, symphonisches Gewand gegeben. Zu den »nicht alltäglichen Konzertformen« zählt eine elektroakustische Konzert-Installation, die Studierende aus der Kompositionsklasse von Prof. Robin Minard auf dem Herderplatz präsentieren (27. Mai, 20 bis 23 Uhr). Diese beschäftigt sich mit dem Begriff Raum und seinen verschiedenen Bedeutungen für den heutigen Menschen in einer beschleunigten und hochgradig synchronisierten Welt.

»Woran glaubst du?« fragen Studierende der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in einem Projekt in Halle, das auf dem Markt, im Dom und in der Moritzburg veranstaltet wird (27. Mai, 10.30 bis 12.30 Uhr). Neben Performances gibt es hier Mitmach-Angebote sowie Holy Hip-Hop: Graffiti, Breakdance, Rap und Beats.

Michael von Hintzenstern

»Luther! 95 Schätze – 95 Menschen«

22. Mai 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Die dritte Nationale Sonderausstellung zum 500. Reformationsjubiläum zeigt in Wittenberg die Entwicklung von Martin Luder zum Reformator Luther und seine Wirkung auf Menschen.

Was haben Steve Jobs, Astrid Lindgren und Axel Springer gemeinsam? Alle drei standen in der Nachfolge eines Mannes. Alle drei trugen zur Verbreitung seiner Botschaft bei. Jener Mann ist Martin Luther (1483–1546), im 16. Jahrhundert Mönch, aus heutiger Sicht Reformator.

Intensiv liefen die Vorbereitungen seit Oktober 2014, erzählt Benjamin Hasselhorn. Der Theologe und Historiker ist einer der vier Kuratoren, die in den vergangenen Jahren nach interessanten Figuren aus dem 16. bis 21. Jahrhundert forschten, die in irgendeiner Beziehung zu Luther stehen – und sei es als seine Kritiker. Zu jedem dieser Menschen suchten die Wissenschaftler dann nach einem Gegenstand, der mit der Person verbunden ist, aber zugleich zeigt, was der Mensch mit Martin Luther zu tun hat.

In Anlehnung an die 95 Thesen, die Martin Luther 1517 gegen die Missstände in der katholischen Kirche veröffentlicht hat, gibt es in der Wittenberger Sonderausstellung nun 95 Menschen zu entdecken. Sie sind die Ergebnisse harter Recherche, aber auch »schöne Zufallsfunde«, wie Hasselhorn sie nennt. Unter ihnen sind natürlich solche, die man erwartet wie den Theologen und NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer. Oder den Bürgerrechtler Martin Luther King, der 1966 in Chicago Thesen anschlug und sich damit in Kontinuität zu seinem Namenspatron setzte. Zu den eher unerwarteten Menschen zählen womöglich der dänische Filmemacher Lars von Trier oder der norwegische Maler Edvard Munch.

Medieninstallation: Nikolaus Kopernikus erforschte, dass sich die Erde um die Sonne bewegt. Foto: Thomas Bruns

Medieninstallation: Nikolaus Kopernikus erforschte, dass sich die Erde um die Sonne bewegt. Foto: Thomas Bruns

»Zu jeder Person gibt es mindestens ein Exponat«, sagt Hasselhorn. Einen Film, ein Kleidungsstück, Audio­mitschnitte, Manuskripte. Unterteilt sind die »95 Menschen« in drei Kapitel, der »Dreiteilung menschlicher Existenz« folgend, die Luther in seiner berühmten Freiheitsschrift aufgestellt hat: der inwendige, auf sich bezogene Mensch, der äußere, wirkende Mensch und der soziale Mensch unter Menschen.

In zwei weiteren Kapiteln geht es um den Reformator selbst. »Wir erzählen anhand von 95 Schätzen aus Luthers Umfeld seinen Weg in die Welt und zur Reformation«, erklärt der Kurator. »So umrunden wir in der Ausstellung ein Mal sein Leben.«

Stefan Rhein, der Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, ist besonders stolz auf einen Brief Luthers vom 31. Oktober 1517, dem heutigen Reformationstag. Diese Leihgabe aus dem Stockholmer Archiv soll der als Luder Geborene zum ersten Mal mit »Luther« unterschrieben haben. »Der 31. Oktober ist also nicht nur ein weltgeschichtliches Ereignis, für Luther selbst war dieser Tag auch ein biografischer Bruch«, sagt Rhein. Den Namen leitete er von dem griechischen Eleutherios, der Freie, ab. »Das zeigt auch, dass Luther die Wichtigkeit dieses Tages erkannt hat«, so Rhein. Im historischen Teil der Ausstellung, in dem Besucher dem Menschen Martin nahekommen sollen, sei dieser Brief ein zentraler Beleg für Luthers Verwandlung vom Mönch zum Reformator.

Und was erfährt man in der Ausstellung nun über Lindgren, Jobs und Springer? Der Zeitungsverleger soll stets ein Büchlein mit Sprüchen seines Vorbildes bei sich gehabt haben und ein Luther-Porträt in seinem Büro. Beim Apple-Gründer und Lutheraner Jobs war die Erfindung des Mac eine Revolutionierung unseres (Arbeits-)Lebens. Sozusagen eine technische Reformation. Und die schwedische Kinderbuchautorin Lindgren »setzt in ihren Büchern dem lutherisch geprägten ländlichen Schweden ein Denkmal«, sagt Kurator Hasselhorn.

Christina Özlem Geisler (epd)

Die Ausstellung ist bis 5. November im Augusteum des Lutherhauses zu sehen.

www.3xhammer.de

Spuren jüdischer Familien

15. Mai 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Koproduktion des Theaters Gera-Altenburg mit Partnern aus Tel Aviv

Im Hinterhaus wird 1914 Hochzeit gefeiert. Franziska Bucky und Albert Levy haben sich das »Jawort« gegeben. Kurz danach meldet sich Albert freiwillig an die Front. Fünf Jahre haben die Levys hier gelebt. Das Paul-Gustavus-Haus in der Wallstraße 29 ist eine von zwei Spielstätten auf den Spuren jüdischen Lebens in Altenburg. Schauspieldirektor und Regisseur Bernhard Stengele von Theater & Philharmonie Thüringen (TPT) hat sich auf Spurensuche begeben. Ihm zur Seite stand Christian Repkewitz, der die Geschichte der Familien Cohn, Bucky und Levy erforscht und aufgeschrieben hat.

Spielszene: Probe mit Mechthild Scrobanita als Marianne Bucky (geb. Cohn), Meshi Elbar als Rabbi und Bernhard Stengele (Regie) als Sally Bucky. Foto: Wolfgang Hesse

Spielszene: Probe mit Mechthild Scrobanita als Marianne Bucky (geb. Cohn), Meshi Elbar als Rabbi und Bernhard Stengele (Regie) als Sally Bucky. Foto: Wolfgang Hesse

Im Jahre 1890 eröffnete Marianne Cohn das erste Geschäft am Markt 23 in Altenburg. Gemeinsam mit Ehemann Sally Bucky führte sie binnen weniger Jahre das größte Kaufhaus am Platz, das M&S Cohn in der Spornstraße 3. Diese assimilierte jüdische Familie hatte großen Einfluss auf das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben der Stadt Altenburg. 1933 erfolgte die Zerschlagung des Unternehmens durch die Nationalsozialisten. Familienmitglieder wurden verhaftet oder konnten fliehen. Mehrere davon wurden in den Vernichtungslagern der Nazis umgebracht.

Das Stationen-Theater führt die Besucher zu verschiedenen Originalschauplätzen in der Stadt und holt dabei ein Kapitel Altenburger Geschichte eindrucksvoll ins Bewusstsein.

Die internationale Schauspielproduktion entsteht gemeinsam mit dem Jaffa Theater und dem Qarar House for Music, Theatre and Arts aus Tel Aviv. Zwei israelische und zwei palästinensische Schauspielerinnen und Schauspieler verstärken das internationale Team. Laiendarsteller der MitspielAKADEMIE aus Altenburg schaffen die Personenkulisse. Autorin Mona Becker wird unterstützt von Gaby Aldor und Mahmoud Abo Arisheh. Somit entsteht ein Kulturmix in den Sprachen Hebräisch, Arabisch und Deutsch. Die Handlung macht eine Übersetzung weitestgehend überflüssig.

Auf Workshops in Jaffa, in Yad Vashem und im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald hat sich das gesamte Produktionsteam mit Zusammenhängen der Geschichtsaufklärung und mit dem aktuellen politischen Weltgeschehen auseinandergesetzt. »Dabei konnten«, bestätigt Dramaturgin Svea Haugwitz, »unterschiedliche Sichten auf Israel und Palästina diskutiert, aber auch die Frage gestellt werden, was der Holocaust in deutschen Familien bedeutet.«

Erfahrungen mit Krieg, Vertreibung, Flucht, Ausgrenzung und Rassismus werden in der Inszenierung thematisiert und mit aktuellen Situationen in Politik, Geschichte, Tradition und Religion abgeglichen. Sound-Collagen, Installationen und performative Elemente helfen, die Story zu begreifen. Neben der historischen Abhandlung vertiefen fiktive Elemente und Monologe die Dramatik. »Die Etagen des Paul-Gustavus-Hauses und der Hinterhof atmen Geschichte und scheinen für die Inszenierung wie geschaffen«, findet Svea Haugwitz. Als provozierend und bedrückend bezeichnet die Dramaturgin die Spielszenen im Keller. Das Leid der Familie, die Erfahrungen in Konzentrations- und Vernichtungslagern werden gepaart mit Schicksalen syrischer Flüchtlinge. Wie viele Familien wurden auch Cohn, Bucky und Levy in der ganzen Welt zerstreut. Zur Premiere am 20. Mai werden Nachfahren aus Südafrika, den USA, aus Großbritannien und aus Kanada erwartet.

»Wenn man Menschen ausgrenzt, so fügt man sich selber den größten Schaden zu«, fasst Bernhard Stengele die Aussage des Stückes zusammen. »Die Ausgrenzung der jüdischen Familien war ein Verlust für Altenburg und ein Verlust für Deutschland.«
Wolfgang Hesse

Die Premiere am 20. Mai ist ausverkauft! Weitere Vorstellungen in Altenburg: 21. 5., 24. 5., 26. 5., 27. 5., 28. 5., 31. 5., 1. 6. und 2. 6., jeweils 19.30 Uhr, ab Markt 23.
Vom 7. bis 12. September wird die Produktion im Jaffa Theater, Tel Aviv, gezeigt.

www.cohn-bucky-levy.de

Musical zum Jubiläum

8. Mai 2017 von redaktionguh  
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Evangelische Grundschule Eisenach feiert 15-jähriges Bestehen mit Neuinszenierung

In diesem Jahr gibt es viel zu feiern. Auch für die Evangelische Grundschule Eisenach. Zu ihrem 15-jährigen Bestehen kommen, bekannterweise, 500 Jahre Reformation und, eher weniger bekannt, das Gedenken an den 250. Todestag des Komponisten Georg Philipp Telemann.

Wie zum Schuljubiläum vor fünf Jahren sollte es wieder ein Musical geben; am besten eins, das die anderen beiden Jubiläen miteinander verbindet.

Heraus kam das Musical »Etwas Neues«. Zum einen geht es darin um den Komponisten Telemann, der an seinem Schreibtisch sitzt und verzweifelt versucht, eine neue Kirchenkantate zu komponieren. Zufällig fällt ihm und seiner Frau Amalie ein Notenblatt mit Luthers »Ein feste Burg ist unser Gott« in die Hände, und es beginnt die Geschichte in der Geschichte: Telemann erzählt Amalie das Leben der Luthers, insbesondere das der Katharina von Bora. Wie sie im Kloster aufwächst, während sich die Welt außerhalb grundlegend verändert. Wie sie von Luthers Schriften fasziniert und gleichzeitig verzweifelt ist.

Probebühne des Landestheaters Eisenach: Über 50 Schülerinnen und Schüler studieren unter Leitung ihrer Musiklehrerin Almuth Heinze ihre Gesangsstimmen ein. Foto: Mirjam Petermann

Probebühne des Landestheaters Eisenach: Über 50 Schülerinnen und Schüler studieren unter Leitung ihrer Musiklehrerin Almuth Heinze ihre Gesangsstimmen ein. Foto: Mirjam Petermann

Eindrucksvoll mit Stimme und Gesten zeigten die Katharina-Darstellerinnen Henriette und Sarah diesen Konflikt bei den Proben ihres Solos »Gott, du mein Gott«. Während hier zurückhaltend das Klavier begleitet, ist in der nächsten Szene ein treibender Beat von Trommeln und Bass zu hören, wenn Katharina und die anderen Nonnen flüchten. Der Chor von fast 50 Schülerinnen und Schülern singt voller Begeisterung »Still und leise muss es sein, steckt die Nonnen in die Tonne rein.«

Der Text des Stücks stammt aus der Feder von Schulleiterin Manja Güldenpfennig. Voller Lob ist sie über die Darsteller und deren Begeisterung für die alten Texte, die Konzentration und das Durchhaltevermögen. »Das sind ja keine auserwählten Kinder, sondern Kinder, die das ganze Schuljahr über in einem normalen integrativen Chor gemeinsam singen«, sagt sie. Und musizieren. Ein Flötenquartett und Trommeln sind dabei ebenso zu hören wie Mitarbeiter der Schule, die mit Gitarre, Bass und sogar einem Dudelsack Unterstützung leisten.

Für die Vertonung und die musikalische Umsetzung ist Musiklehrerin Almuth Heinze zuständig. Seit November probt sie mit den Schülern die Lieder und Texte für das gesanglich durchaus anspruchsvolle Stück. Große Ton­sprünge, koloraturenähnliche Passagen und dynamische Variationen verlangen den Schülern einiges ab. »Das Besondere an dem Chor ist, dass sie alle gerne singen«, sagt Heinze.

Nach der Flucht erzählt das Musical weiter von Katharinas Ankunft in Wittenberg, der Eheschließung und dem nicht ganz unproblematischen Zusammenleben mit Luther. Es zeichnet ihr Leben als kluge Hausfrau, erfolgreiche Unternehmerin und liebende Mutter mit einem starken Glauben.

Inhaltlich und musikalisch hat das Stück die verschiedenen Geschichten eng verwoben, mit vielen Details. Dreh- und Angelpunkt ist dabei das Telemann-Stück »Etwas Neues«. Es liefert nicht nur den Titel, sondern beschreibt auch inhaltlich mehrere Ebenen, wie Manja Güldenpfennig erklärt: »Telemann und Luther haben beide etwas Neues gewagt. Einer mit seinen Kantaten, der andere mit seinen Schriften. Und Katharina natürlich auch.« Dass sie die zentrale Figur des Stücks ist, hat noch einen anderen Grund, auch »etwas Neues«. Denn ab dem kommenden Schuljahr wird die Schule ihren Namen »Katharina von Bora« tragen. Sie »gehört zu den Wurzeln unseres evangelischen Glaubens. Darum sollte man sie kennen und zu schätzen wissen«, heißt es am Ende des Stücks, was durchaus als Begründung für die Namenswahl verstanden werden kann.

Mirjam Petermann

Premiere: Samstag, 6. Mai, 14.30 Uhr, Nikolaikirche Eisenach; eine weitere Aufführung folgt um 17 Uhr. Innerhalb der Eisenacher Telemanntage: 17. Juni, 19 Uhr.

Das Böse wird zum Schluss besiegt

24. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Puppenspielerin Anne-Christin Jost bringt in ihrer neuesten Inszenierung in origineller Weise das Leben Martin Luthers den Menschen nahe.

Wer lässt sich bei den Endvorbereitungen zu einem Theaterstück schon gerne in die Karten schauen? Puppenspielerin Anne-Christin Jost hat damit kein Pro­blem. Sie lädt mich zu einem Besuch in ihre Werkstatt ein.

Während ich mich umschaue, grübelt die Akteurin, wie sie aus einem Pappkarton am besten ein Schreibpult falten kann. »Dann wird es noch holzfarben gestrichen und ein Tintenfass kommt noch oben auf«, resümiert sie heiter. Die Lösung ist gefunden. Wieder ist ein Requisit für das Marionetten-Spiel rund um das Leben und die Botschaft Martin Luthers fast fertig. »Ende des Monats ist Premiere, bis dahin muss alles passen«, erfahre ich. Dann werden 20 Marionetten-Akteure, bewegt von nur zwei Händen, Szenen aus dem Leben des Reformators den Besuchern nahebringen. Alles muss bis zur Aufführung genau durchdacht werden.

Blick in die Werkstatt: Puppenspielerin Anne-Christin Jost aus Frankenhain (Ilm-Kreis) bereitet ein Spiel mit Marionetten über das Leben Martin Luthers vor. Rechts im Bild der Reformator. Fotos: Rosso di Sera

Blick in die Werkstatt: Puppenspielerin Anne-Christin Jost aus Frankenhain (Ilm-Kreis) bereitet ein Spiel mit Marionetten über das Leben Martin Luthers vor. Rechts im Bild der Reformator. Fotos: Rosso di Sera

Das Textmanuskript gibt es schon lange. Es wurde von Hans-Joachim Köhler verfasst. Der Titel »Gott sei’s gelobt, getrommelt und gepfiffen: Ein feste Burg ist unser Gott!« verspricht viel Spannung. Anne-Christin Jost berichtet, dass das Stück in drei Ebenen spielt. Im Himmel, auf der Erde und in der Hölle. Es gibt Engel und als Gegenspieler Teufel. Sie wollen auf die Gedanken Martins Einfluss nehmen. Am Anfang lernen die Zuschauer Luther als Schuljungen kennen. Später erleben sie ihn bei einem Gewitter auf einem Feld in Stotternheim nahe Erfurt, in Wittenberg, Worms und auf der Wartburg.

»Bei den Vorbereitungen und der Planung habe ich mir immer überlegt, wie sah die Welt zu Zeiten Luthers aus. Wie waren die Menschen gekleidet, wie haben sie sich damals die Hölle vorgestellt. Ich habe in Büchern und im Internet nach Zeichnungen gesucht, um mir ein Bild davon zu machen«, berichtet die Frau, welche den Marionetten Leben einhaucht. Es war ein langer Entstehungsprozess.

Im Sommer 2016 hat sie dann mit der praktischen Umsetzung begonnen. Szene für Szene entstanden die notwendigen Figuren und Requisiten. »Man muss an so vieles denken. Beispielsweise, von welcher Seite welche Puppe in Aktion tritt. Ich stehe ja hinter der Kulisse und muss alles spiegelverkehrt im Kopf haben.«

Die Akteurin ist handwerklich ein wahres Multitalent. Sie malt die Hintergründe, baut Möbel, schneidert die Kleidung, zeigt mir, wie die Hände für die Marionetten entstehen. »Zum Glück kann ich bei den Marionetten auf meinen Fundus zurückgreifen«, betont sie. Und so werden kurzerhand die Heiligen Drei Könige aus dem Weihnachtsprogramm zu Soldaten umgestaltet.

Als nächste Arbeiten stehen die Fertigstellung der gemalten Hintergrundbilder und der letzte Schliff für die Engel auf der Tagesordnung. Während die Kulissen trocknen, geht es zügig bei der Gestaltung der Engel weiter.

Und wie wird der Text umgesetzt? Das ganze Stück über das Leben und Wirken Martin Luthers besteht aus Psalmen, Textergänzungen, Hintergrundmusik und Geräuschen, wie dem Donner während des Gewitters. Letztere kommen vom Band, die Texte werden live gesprochen. »Es ist ein Programm, von Menschen für Menschen. Deshalb muss ich mich nicht starr an das Skript halten. Besonders, wenn ich vor Kindern spielen werde, muss ich reagieren. Auch mal auf Zwischenrufe und Kommentare eingehen«, erläutert mir Anne-Christin Jost ihre Umsetzung des Luther-Stoffes.

Und was ist das Ziel des Marionetten-Luther-Spiels? Puppenspielerin Jost: »Ein Spiel der Marionetten gegen die Angst. Zum Schluss wird das Böse – der Teufel – besiegt. Die Zuschauer sollen verstehen: Gott nimmt die Menschen an, wie sie sind. Gott liebt alle Menschen, auch die mit Fehlern und Schwächen.«

Rosso di Sera

Welt in Atem

17. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Musikereignis: Das 19. Deutsche Chorfestival lässt ab 28. April Magdeburg erklingen

Der Zeitpunkt war günstig, als der Magdeburger Domchor vor zwei Jahren Mitglied im Verband Deutscher Konzertchöre (VDKC) wurde. So avancierte er gleich zu einem Gastgeber des 19. Deutschen Chorfestivals, das vom 28. April bis zum 1. Mai 30 Chöre mit mehr als 1 000 Sängerinnen und Sängern in der Elbestadt zusammenführt. Zwölf Konzerte gestalten die »Laienchöre auf professionellem Niveau«, wie Isabel Tönniges sagt. Die Assistentin des Domkantors gehört vor Ort zum Organisationsteam des Festivals. Natürlich freut sie sich besonders, dass sich alle drei Ensembles ihres Chores auch außerhalb des Domes vorstellen können: Die Domsingschule, die Junge Kantorei und der Oratorienchor. »Mit der Untergliederung streben wir eine bestmögliche Förderung der Sänger an. Aber natürlich treten auch alle gemeinsam auf, beispielsweise beim Weihnachtssingen«, erläutert sie.

Zu Hause ist der Magdeburger Domchor natürlich in der Kathedrale. Beim Chorfestival vom 28. April bis 1. Mai singt er jedoch an anderen Orten. Foto: Andre Seifert

Zu Hause ist der Magdeburger Domchor natürlich in der Kathedrale. Beim Chorfestival vom 28. April bis 1. Mai singt er jedoch an anderen Orten. Foto: Andre Seifert

Am Chorfestival teilnehmen dürfen Mitglieder des VDKC, außerdem einige Chöre aus Magdeburg und Umgebung als Gastgeber. Die Ensembles meldeten sich mit ihren Programmen an; der künstlerische Leiter Reinhold Stiebert stellte das Programm zusammen und Ange Langhoff hält die organisatorischen Fäden des Großprojekts in den Händen. Dazu gehören nicht nur die Konzerte. »Wir wollen den Chorgesang direkt zu den Magdeburgern bringen. Deshalb gibt es einen choreografierten Flashmob in einem Einkaufszentrum, treten Chöre auf dem Alten Markt und an anderen Orten in der Innenstadt auf«, kündigt Isabel Tönniges an. Einige Ensembles werden Stadtführungen mit einem Ständchen bereichern. Gospel-, Kinder- und Jugendchöre, Sänger mit und ohne kirchlichen Hintergrund sind dabei. Da Gesang und Gottesdienst eng verwoben sind, werden einige Ensembles am Sonntag ausschwärmen, um die Gottesdienste in acht Kirchen in und um Magdeburg zu bereichern und zugleich noch tiefer in die Atmosphäre der Gastgeberstadt einzutauchen. »Vielleicht sind die dann etwas besser besucht als sonst«, schmunzelt Isabel Tönniges. Geistlich geht es auch bei den »Sakralen Klangsphären« zu, mit denen Chöre aus Biederitz, Limburg, Hannover, Wernigerode und Versmold das gerade begonnene junge Konzertformat einer monatlichen Motette in Magdeburg bereichern.

Im Jahr des Reformationsjubiläums und im 250. Todesjahr von Georg Philipp Telemann, der in Magdeburg geboren wurde, widmet sich das Programm des Festivals natürlich auch diesen Themen. Telemanns Musik erklingt in mehreren Konzerten. Die Reformation spielt beim »Nachtgesang III« mit Werken von Brahms, Purcell und Schütz – dargeboten von voces cantantes Mainz, dem Europäischen Kammerchor Köln und den Hallenser Madrigalisten – eine Rolle.

Unter dem Festivaltitel »Welt in Atem« singen der Cäcilienchor Frankfurt, der Leipziger Kammerchor und die Singakademie Dresden Chormusik zwischen Reformation und Revolution. Der Kinderchor und der Jugendkammerchor der schola cantorum weimar, der Kammerchor der Technischen Universität Ilmenau und das Vocal Concert Dresden gestalten festliche Konzerte ebenso wie lockere Programme für Familien.

Den weitesten Weg dürften die Stuttgarter Choristen zurücklegen, um in der Festivalatmosphäre den Gedanken- und Erfahrungsaustausch zu pflegen, Kontakte zu erneuern und natürlich um sich zu präsentieren. »Mit dem Podium Junger Gesangssolisten bietet das Festival auch einen kleinen Wettbewerb, der vor allem den Solisten die Möglichkeit geben soll, sich den Chören vorzustellen«, ergänzt Isabel Tönniges die Ziele des Festivals, das der VDKC etwa alle vier Jahre ausrichtet.

Renate Wähnelt

Karten und Informationen:

www.vdkc.de/dcf2017

Heftige Gemütsbewegungen

11. April 2017 von redaktionguh  
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Johannespassion: Bach verknüpfte Bibeltext und freie Lyrik

In der Karwoche wird in vielen Gemeinden im Norden und Süden der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) Johann Sebastian Bachs »Johannespassion« (1724) aufgeführt. Sie stellt das erste musikalische Großprojekt des Thomaskantors dar, der ein Jahr zuvor sein Amt in Leipzig angetreten hatte. Obwohl sein Anstellungsvertrag festschrieb, dass seine Kirchenmusik »nicht opernhafftig herauskomme, sondern vielmehr zur Andacht aufmuntere«, gelang es dem Komponisten, neue Horizonte zu eröffnen.

Schon im Mittelalter war es üblich, die Passionsgeschichte nach den vier Evangelien an je vier Tagen der Stillen Woche mit verteilten Rollen »abzusingen«. Ein Geistlicher übernahm die erzählenden Partien, ein zweiter die Worte Christi, ein anderer die übrigen Personen. Die Worte der Volksmassen, der turbae, wurden von einem Chor gesungen.

Zur Eröffnung der Thüringer Bachwochen erklingt am 8. April in der Bach­kirche zu Arnstadt die Johannespassion. Das Londoner Ensemble »Salomon’s Knote Baroque Collective« singt das Werk auswendig und beeindruckt mit einer kammermusikalisch direkten Deutung. Foto: Veranstalter

Zur Eröffnung der Thüringer Bachwochen erklingt am 8. April in der Bach­kirche zu Arnstadt die Johannespassion. Das Londoner Ensemble »Salomon’s Knote Baroque Collective« singt das Werk auswendig und beeindruckt mit einer kammermusikalisch direkten Deutung. Foto: Veranstalter

Die evangelische Kirche hat diese Tradition fortgeführt. Heinrich Schütz vertonte – ohne eingeflochtene Choräle und Arien – nur den Bibeltext. Doch bald trat die Dichtung an die Stelle der Bibelworte. Eine wichtige Rolle nahm dabei der Hamburger Ratsherr Barthold Heinrich Brockes ein, dessen Libretto »Der für die Sünden der Welt gemarterte und sterbende Jesus« von Georg Philipp Telemann, Reinhard Keiser und Georg Friedrich Händel vertont wurde. So entstanden Anfang des 18. Jahrhunderts Oratorien, die sich vom genauen Wortlaut der Bibel entfernten und mehr auf die emotionale Rührung der Zuhörer im Konzertsaal abzielten. Die Brockes-Passion entsprach dem Bedürfnis der Zeit nach einer Versenkung in die biblischen Inhalte. So forderte der Musiktheoretiker Johann Mattheson: »Hier allein, nämlich bei dem Gottesdienst, sind gar heftige, ernstliche und höchstangelegentliche Gemütsbewegungen nötig.«

Bach gelang es, Tradition und den Geist einer neuen Zeit miteinander zu verbinden. Er stützte sich auf die Passionsgeschichte, wie sie im 18. und 19. Kapitel des Johannesevangeliums geschildert wird, und fügte passende Choräle ein. Als modernes Element integrierte er eine überschaubare Anzahl an Arien, die sich auf freie religiöse Lyrik und Elemente des Brockes-Textes stützen. Im Fokus stehen fünf Stationen: Gefangennahme im Garten Gethsemane – Jesus vor den Hohepriestern – Prozess vor dem Statthalter Pilatus – Kreuzigung auf Golgatha – Grablegung. Zu den Akteuren gehören der Erzähler (Evangelist), die in indirekter Rede sprechenden Personen (Jesus, Petrus, Pilatus) sowie Gruppen (Volk, Kriegsknechte, Hohepriester), die das Geschehen mit erschütternder Eindringlichkeit vor Ohren führen. Eine Musik voll emotionaler Kraft!

Michael von Hintzenstern

Auch in der Provinz erklingt Bachs großartiges Werk

3. April 2017 von redaktionguh  
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Gemeinschaftsprojekt: Die Matthäuspassion wird in Altenburg und Zeitz von 150 Sängerinnen und Sängern aufgeführt

Für Philipp Göbel, Kantor in Altenburg, ist Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion eines der Hauptwerke der protestantischen Kirchenmusik. Gemeinsam mit seinem Zeitzer Kollegen, Kreiskantor Clemens Bosselmann, hat er das Werk für das Jahr des Reformationsjubiläums ausgesucht. Von Anfang an als Gemeinschaftsprojekt geplant, bauen beide Kirchenmusiker auf eine sehr gute Zusammenarbeit in den letzten Jahren. Giacomo Puccinis »Messa di Gloria« wurde im vergangenen Jahr aufgeführt, und 2015 stand »Ein deutsches Requiem« von Johannes Brahms auf dem Plan, wobei sich Kantor Martin Hesse aus Gera an der Kooperation beteiligte.

Intensive Vorbereitung: Kantor Philipp Göbel probt mit der Altenburger  Kantorei und dem Altenburger Motettenchor für die Aufführung der Matthäus- passion am 8. und 9. April in Altenburg und Zeitz. Foto: Wolfgang Hesse

Intensive Vorbereitung: Kantor Philipp Göbel probt mit der Altenburger Kantorei und dem Altenburger Motettenchor für die Aufführung der Matthäus- passion am 8. und 9. April in Altenburg und Zeitz. Foto: Wolfgang Hesse

Nach ihrer Uraufführung am 11. April 1727 in der Thomaskirche zu Leipzig bzw. nach Bachs Tod war die Matthäuspassion bald in Vergessenheit geraten. 100 Jahre später holte Felix Mendelssohn Bartholdy mit einer Wiederaufführung in einer gekürzten Version das Werk in die Kirchen zurück. Erst seit 1912 ist die Passion in der bis heute gültigen ungekürzten Fassung bekannt.

Bosselmann und Göbel können auf Erfahrungen zurückgreifen, haben sie doch gemeinsam mit der Kantorei Naumburg die Matthäuspassion bereits vor drei Jahren aufgeführt. Daran erinnert sich auch Annekatrin Salzmann aus Zeitz. Sie empfindet die Matthäuspassion als Einstimmung auf den Karfreitag, das Geschehen hin bis zum Ostersonntag, und freut sich, dass auch in der Provinz diese große Musik von Bach aufgeführt werden kann. »Ein wenig Aufregung ist immer dabei«, gesteht sie. »Inzwischen haben wir aber die Erfahrung gemacht, dass wir es mit unserem Kantor gut schaffen können.« Die Kantoreien aus Zeitz und Altenburg werden den Chor I singen.

Der Altenburger Motettenchor und der Kammerchor Zeitz sind für Chor II verantwortlich. Schüler des Christlichen Spalatin-Gymnasiums und die Jugendkantorei Zeitz singen »Christe, du Lamm Gottes« während des Eingangschores. Insgesamt stehen etwa 150 Sängerinnen und Sänger während der Aufführungen auf dem Chorpodest. Neben Proben in den jeweiligen Chören vervollständigten zwei Komplettproben im März die Vorbereitungen. Als Klangkörper konnte Philipp Göbel das Sächsische Barockorchester aus Leipzig gewinnen. Die Musiker spielen hauptsächlich auf historischen Instrumenten und sind spezialisiert auf Alte Musik.

Philipp Göbel war von der Matthäuspassion schon immer fasziniert. »In der Musik, den Arien und dem Passionstext finden sich alle Facetten menschlicher Regungen in der Kombination mit Leid und Trauer. Jeder Zuhörer kann sich in diesem Werk wiederfinden.« Alle, die sich auf die drei Stunden einlassen, werden reich beschenkt, meint der Kantor. »In den wunderbaren Chören, Chorälen, den kunstvollen Rezitativen und im Wechselspiel von verteilten Rollen kann der Zuhörer einen Zugang zum Karfreitagsgeschehen finden«, sagt Göbel. »Nach der Aufführung 2014«, so bestätigt er, »haben mir viele Besucher von einem ganz neuen Blick auf die Geschichte berichtet. Auffällig war, dass sie das Thema erstmalig an sich heranließen.«

Solisten in der Brüderkirche Altenburg sind: Wolfram Lattke (Evangelist), Daniel Blumenstein (Christus-Worte), Julia Kirchner (Sopran), Susanne Krumbiegel (Alt) und Cornelius Uhle (Bass). Die Gesamtleitung hat in Altenburg Philipp Göbel und in Alt-Tröglitz bei Zeitz Kantor Clemens Bosselmann.

Wolfgang Hesse

Termine: Samstag, 8. April, 19 Uhr, Altenburg, Brüderkirche; Sonntag, 9. April, 17 Uhr, Alt-Tröglitz bei Zeitz, Hyzet – Kultur- und Kongresszentrum; Karten im Vorverkauf Altenburg 13 Euro, Zeitz 20 Euro, erhöhter Preis an den Abendkassen

»Die Melodie muss sich im Ohr festsetzen«

21. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Festgottesdienst in Wittenberg mit preisgekrönten Liedern eines europäischen Wettbewerbs

Bei einem Festgottesdienst der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) zum 500. Reformationsjubiläum werden am Sonntag, 19. März, in der Stadtkirche St. Marien in Wittenberg erstmals fünf neue Lieder vorgestellt und gesungen. Ausgewählt wurden sie bei einem 2015 ausgeschriebenen »Europäischen Reformationsliederwettbewerb«. Die Predigt hält Landesbischöfin Ilse Junkermann.

Bei der ersten Ausschreibungsrunde bestand die Aufgabe darin, einen neuen Text zu einer klassischen lutherischen, reformierten oder methodistischen Melodie zu verfassen bzw. eine Vorlage für eine spätere Vertonung zu liefern. Hierfür wurden Beiträge aus sieben Ländern eingereicht, von denen die international besetzte Jury fünf Liedtexte für eine Neuvertonung auswählte. Je ein deutscher, norwegischer, dänischer und zwei ungarische Texte gelangten so in die zweite Wettbewerbsrunde. Sie wurden dazu auch jeweils ins Englische übersetzt, um eine internationale Beteiligung zu ermöglichen. Die musikalische Gestaltung sollte in zwei Kategorien erfolgen: »traditionell« und »modern«.

»Uns war wichtig, dass das Lied auch von der Gemeinde gut singbar ist«, erläutert Jochen Arnold, Direktor des Michaelisklosters in Hildesheim und Liturgiebeauftragter der GEKE, die Überlegungen der Jury. »Die Melodie muss sich im Ohr festsetzen und darf nicht zu komplex sein. Außerdem sollte sie von Orgel oder Keyboard, gegebenenfalls auch Gitarre, gut begleitet werden können.« Mitglieder des Gremiums waren neben ihm die Studienleiterin für kirchenmusikalische Fort- und Weiterbildung in Berlin, Kirchenmusikdirektorin Dr. Britta Martini, und der dänische Kirchenmusiker Peter Steinvig (Methodistische Kirche).

Elvira Mahler. Foto: privat

Elvira Mahler. Foto: privat

Unter den erfolgreichen Autoren befindet sich eine Teilnehmerin aus der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland: Elvira Mahler (55) aus Zeitz, von der gleich zwei Beiträge ausgewählt wurden: ein Tauflied und der Song »Ich suche meinen Weg«. Die ursprünglich in einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) tätige Veterinäringenieurin und jetzige Gemeindepädagogin ist seit 1994 im Kirchenkreis Naumburg-Zeitz tätig und unterrichtet Evangelische Religion an acht Schulen. »Ich habe schon als Kind viel gelesen, aber auch selbst sehr gern gereimt oder kleine Geschichten geschrieben. Bis zu meinem Gemeindepädagogikstudium 1996 war mein Talent mehr oder weniger verschüttet«, berichtet sie im Gespräch mit der Kirchenzeitung. »Mein Dienst in Gemeinde und Schule inspirierte mich wieder zum Schreiben.«

Oft erweise sich ein konkreter Anlass als Auslöser. So auch bei der Entstehung ihres Taufliedes. »Gute Freunde baten mich und meinen kleinen Gospelchor, die musikalische Umrahmung der Taufe ihres kleinen Sohnes zu übernehmen. Das junge Paar hatte viele Jahre auf Nachwuchs gewartet und beinahe die Hoffnung aufgegeben, jemals Eltern zu werden. Nun hatte sich ihr lang ersehnter Kinderwunsch erfüllt. Ein kleiner Junge erblickte das Licht der Welt. Welch ein Glück und eine große Freude. Und eben diese Freude und eine tiefe Dankbarkeit erfüllten die Herzen der jungen Eltern und nach einem Gespräch mit ihnen auch mich.«

Insgesamt haben sich 100 Musiker, Dichter und Songwriter beiderlei Geschlechts mit etwa 120 Einsendungen am Wettbewerb beteiligt. Ziel der Ausschreibung sei es gewesen, Anliegen der Reformation und des Protestantismus einer breiteren kirchlichen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich zu machen, betont Jochen Arnold. Über den Weg der Musik ginge das besonders gut, denn »gerade um auch junge Menschen zu erreichen, ist das ein absoluter Schlüsselfaktor. Musik erreicht die Herzen, wie vor 500 Jahren, so auch heute.«

Zur Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) – Leuenberger Kirchengemeinschaft haben sich 94 protestantische Kirchen in Europa (und in Südamerika) zusammengeschlossen. Lutherische, reformierte, unierte, methodistische und vorreformatorische Kirchen gewähren einander seit 1973 Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft.

Michael von Hintzenstern

19. März, 10 Uhr, Stadtkirche Wittenberg: Festgottesdienst der GEKE, anschließend Empfang im Alten Rathaus, Markt 26

Boheme in der DDR

12. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Neues Standardwerk: Kunst und Gegenkultur im Staatssozialismus

Es ist die bisher ausführlichste Darstellung von Kunst und Gegenkultur in der DDR und kann auf Grund ihrer minutiösen Quellenkenntnis als wegweisendes Standardwerk bezeichnet werden: die fast 500 Seiten umfassende und reich bebilderte Monografie: »Boheme in der DDR« von Paul Kaiser. Es handelt sich hierbei um die aktualisierte Fassung der 2007 vom Autor an der Humboldt-Universität in Berlin eingereichten Dissertationsschrift, die mit höchstem Expertenlob bedacht wurde. Das Begleitbuch zu der von ihm und Claudia Petzold konzipierten Ausstellung »Boheme und Diktatur in der DDR« im Deutschen Historischen Museum in Berlin (1997/1998) ist seit Jahren vergriffen. Nun liegt ein Prachtband vor, der tiefe Einblicke in das gesellschaftliche Leben und die Situation jener »Kulturschaffenden« gewährt, die sich kritisch gegenüber dem »real existierenden Sozialismus« verhielten und eigene Entwürfe einbrachten.

Müllplatz-Kunstaktion in Süßenborn bei Weimar im August 1985 mit Ulrich Jadke (links) und Thomas Onißeit (rechts). Foto: Claus Bach

Müllplatz-Kunstaktion in Süßenborn bei Weimar im August 1985 mit Ulrich Jadke (links) und Thomas Onißeit (rechts). Foto: Claus Bach

Neben 15 Hauptkapiteln, in denen unter anderem die »Boheme als Gegenkultur« und Versuche ihrer »Zersetzung« beleuchtet werden, sind es vor allem die »Fallbeispiele«, die ein lebendiges Bild der speziellen Situation einzelner Protagonisten vermitteln. So musste sich der Leiter der »Klaus Renft Combo« zum Beispiel am 22. September 1975 folgendes vernichtende Urteil der Konzert- und Gastspieldirektion Leipzig anhören, das er heimlich aufzeichnete: »Ich möchte Ihnen im Namen der Kommission mitteilen, dass wir nicht der Auffassung sind, dass dieses Vorspiel heute stattfindet. Und zwar aus folgenden Gründen: Die Texte, die Sie mir übergeben haben …, haben mit unserer sozialistischen Wirklichkeit nicht das Geringste zu tun. … Wir sind der Auffassung, dass damit die Gruppe Renft als nicht mehr existent anzusehen ist.« (Seite 92)

Im Blick auf die künstlerische Gegenkultur nennt der Autor zwei »institutionelle Schutzmächte innerhalb der DDR – die bundesdeutsche Diplomatie und die Evangelische Kirche«. Die seit 1974 bestehende Ständige Vertretung der BRD in der DDR firmierte diplomatische Empfänge zu künstlerischen Veranstaltungen um, zu denen nicht nur die DDR-Prominenz, sondern auch Verfemte und Ausgegrenzte eingeladen wurden. Hierdurch wurden zahlreiche Begegnungen ermöglicht. Kaiser würdigt aber auch die Rolle der »Offenen Arbeit« der evangelischen Landeskirchen, die seit Ende der 1960er-Jahre »unangepasste Jugendliche und Sondergruppen« sammelte und aktivierte. »In den 1970er-Jahren öffnete sie sich auch für die konfessionslosen Akteure und Gruppen der künstlerischen Boheme und fungierte für diese als Podium, Schutzraum und ›Konfliktregulierungsinstanz‹, auch wenn dieses Engagement innerkirchlich stark umstritten blieb«, heißt es da weiter. Zur inhaltlichen Vertiefung gibt es eine Reihe von Anmerkungen, in denen auch der thüringische Pfarrer Walter Schilling (Braunsdorf) als eine der »Zentralfiguren der Offenen Arbeit« genannt wird. (Seite 392)
Michael von Hintzenstern

Kaiser, Paul: Boheme in der DDR. Kunst und Gegenkultur im Staatssozialismus, 480 Seiten, Dresdner Institut für Kulturstudien, ISBN 978-3-9816461-5-3, 48 Euro

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