Erlebnis für Auge und Hand

14. November 2017 von redaktionguh  
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Neue Paramente für Erfurts Augustinerklosterkirche entstanden an der Burg Giebichenstein

Die neuen Paramente auf dem Altar und der Kanzel der Augustinerklosterkirche in Erfurt strahlen mit den Farben der prächtigen Fenster um die Wette. Sie leuchten rot, in verschiedenen Schattierungen, die man aus der Ferne als Faltenwurf wahrnimmt. Tritt man näher und berührt den Stoff, dann kann man Vieles ertasten: erhabene feste Stoffe, weiche Wolle, straffe Webfäden. Ein Erlebnis für die Wahrnehmung mit Auge und Hand.

Leuchtend: Der rote Altarbehang für die Augustinerklosterkirche steht für Kraft, Glauben und Bekenntnis. Die Studenten der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Cornelia Buchheim, Margarita Wenzel und Inka Schottdorf (v. l.) haben ihn geschaffen. Foto: Diana Steinbauer

Leuchtend: Der rote Altarbehang für die Augustinerklosterkirche steht für Kraft, Glauben und Bekenntnis. Die Studenten der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Cornelia Buchheim, Margarita Wenzel und Inka Schottdorf (v. l.) haben ihn geschaffen. Foto: Diana Steinbauer

Zum Reformationstag wurden die ersten neuen Paramente an die Augustinerkirche in Erfurt übergeben. Studentinnen der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle haben sie gemeinsam mit Professor Ulrich Reimkasten gestaltet. »Nachdem 2014 die restaurierten mittelalterlichen Fenster in der Kirche eingebaut wurden, entstand die Idee eines neuen Schmuckes des Altares und damit der Wunsch nach neuen Paramenten«, erklärt Augustinerpfarrerin Irene Mildenberger.

Die Idee, gemeinsam mit der Burg Giebichenstein zu arbeiten, wurde geboren und vom Freundeskreis des Augustinerklosters unterstützt – ideell und finanziell.

Die beiden roten Paramente tragen den Titel »Anfang« und schmückten beim Gottesdienst am 31. Oktober zum ersten Mal die Kirche.

»Wir wollten mit den Paramenten Kraft ausdrücken. Die Kraft der eigenen Überzeugung«, erklärt Margarita Wenzel. Sie und ihre Mitstreiterinnen haben sich lange und intensiv mit der Geschichte des Ortes und der Bedeutung liturgischer Farben auseinandergesetzt. »Rot, das ist der Glaube, der Heilige Geist, das Bekenntnis. Wir wollten der Haltung und dem Stadtpunkt Martin Luthers und dem gesprochenen Wort damit Ausdruck verleihen«, ergänzt Kommilitonin Inka Schottdorf.

70 Prozent der Garne färbten die Studenten selbst

Dazu beschäftigten sich die Studenten mit Klanggrafiken und ließen sich von diesen inspirieren. Solche Klanggrafik wurde interpretiert und malerisch so lang weiter ausgeformt, bis sich schließlich eine ganz eigene Bildsprache fand. Vom malerischen Entwurf wurde das Bild in der Technik der Jacquardweberei umgesetzt.

Eine extreme Farbenkraft sollte die Textilien prägen. Dafür haben die Studentinnen im Laufe der Arbeit fast 70 Prozent der Garne, die sie benutzten, selbst gefärbt. Alpaca-Mohair-Wolle oder Viskose-Seide sind nur ein Teil all der verschiedenen Garne, die hier zum Einsatz kamen. Flauschig, fest, hoch und tief, zeichnen sie sich als zusammengewobenes Textil ab.

Professor Ulrich Reimkasten spricht von einer großen Ehre, ein solches Projekt umsetzen zu dürfen. »Zur Ehre kam aber auch Angst, etwas zu schaffen, was der Kraft und Qualität des Ortes und der Fenster in der Kirche nicht entspricht«, erläutert er. Er hat die Hoffnung, dass mit den neuen Paramenten der religiöse Charakter des Ortes bei den vielen Besuchern, die das Augustiner­kloster vorrangig aus touristischem Interesse besuchen, noch stärkeren Eindruck macht. »Über die ästhetische Begeisterung soll die Begeisterung für die religiöse Bedeutung des Ortes geweckt werden«, so Reimkasten. Er sieht die Paramente als Antwort auf die Bildgewaltigkeit und Farbigkeit der Fenster der Augustinerkirche.

Kunsthochschule entwirft weitere Altarbehänge

Pünktlich zum Reformationsjubiläum haben die neuen rotfarbenen Paramente den Anfang gemacht und schmücken nun den Altar der Klosterkirche. Im Laufe des Kirchenjahres werden drei weitere Paramente in den Farben Weiß, Grün und Violett dazu kommen. Die Entwürfe existieren bereits.

Diana Steinbauer

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Es fängt gerade erst an

6. November 2017 von redaktionguh  
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Die Lutherdekade ist vorbei, die Erinnerung an die Zeit der Reformation noch lange nicht. Im Kurtheater Bad Liebenstein zeigen sie »Luthers Entführung«.

Zehn Themenjahre lang hat es allerorts und in aller Weise geluthert. Nun ist es gut mit der Lutherei. »Keineswegs!«, sagen sie in Bad Liebenstein (Kirchenkreis Bad Salzungen-Dermbach). Denn sie haben gerade erst angefangen mit der Erinnerung an Reformation und Kirchenspaltung.

Wer Christian Storch, dem Intendanten des Bad Liebensteiner Kurtheaters, zuhört, der glaubt zunächst einmal, sich verhört zu haben. Er spricht von der Mitte der Luther-Dekade, von vier verbleibenden Jahren, für die sie etwas Besonderes suchten für die Stadt. Aber man hat ganz richtig gehört. Mögen die anderen des Thesenanschlags in Wittenberg anno 1517 gedenken, der mehr Legende als Fakt ist. In dieser Region haben sie ihr eigenes Reformations-Ereignis – die Entführung Martin Luthers im Jahr 1521.

Es war am späten Nachmittag des 4. Mai 1521. Nach einem Aufenthalt in Möhra, dem Stammort der Familie Luther, hat sich die Reisegruppe um den Reformator wieder auf den Weg gemacht. Von Worms sind sie zurückgekehrt, vom Reichstag, wo man Luther für vogelfrei erklärt hat. Sein Leben ist in Gefahr – und es scheint ernst zu werden, als die Gruppe im Glasbachgrund bei Steinbach nahe Bad Liebenstein von vermummten Reitern überfallen wird. Schreie sind zu hören; was folgt, ist Geschichte.

Luther-Darsteller Jethro D. Gründer ist zugleich auch Autor und Regisseur des Stücks. Foto: Heiko Matz

Luther-Darsteller Jethro D. Gründer ist zugleich auch Autor und Regisseur des Stücks. Foto: Heiko Matz

Luther wird im geheimen Auftrag seines Landesherrn, Friedrich dem Weisen, auf die Wartburg gebracht. Dort übersetzt er inkognito als Junker Jörg in nur elf Wochen das Neue Testament ins Deutsche. Der neue Glaube erstarkt, zehn Jahre später wird sich in Schmalkalden ein Bund aus neugläubigen Fürsten und Reichsstädten gründen, um ihn zu verteidigen. Die Entführung als Schlüsselereignis für die Sache der Reformation – davon wollen sie in Bad Liebenstein erzählen; im Jahr 2017 und in den folgenden Jahren bis 2021. Dafür wurde eigens ein Theaterstück in Auftrag gegeben, das die hiesige Historie in den Mittelpunkt stellt, dem Verbürgten aber noch Liebe und Humor als Zutaten beigibt.

So war es gewünscht und so hat es Jethro D. Gründer für das Kurtheater geschrieben. Der Titel des Schauspiels: »Luthers Entführung«. Ende September war die Uraufführung zu sehen. Nun gibt es zwei weitere Vorstellungen.
Gründer, der sich mit seiner Idee erst in einem Wettbewerb durchsetzen musste, ist mit der Luther-Thematik bestens vertraut. Zunächst war er am Landestheater Eisenach als Schauspieler engagiert, dann rief er mit Oliver Nedelmann das »freie eisenacher burgtheater« ins Leben. Für die Eigenproduktion des Kurtheaters dramatisierte er jetzt nicht nur den bekannten Stoff, sondern verantwortet auch die Regie und übernahm die Hauptrolle, Martin Luther also.

Dem wiederfährt auf der Theaterbühne so einiges, das nicht in den Geschichtsbüchern nachzulesen ist.

Histörchen mit schwer zu bestimmendem Wahrheitsgehalt wurden aufgenommen, vor allem aber eine frei erfundene Liebelei. Diese hat Luther mit einer gewissen Katharina, aber nicht jener von Bora, die er heiraten wird, sondern einer gleichnamigen entfernten Cousine aus Möhra. Die spendet dem Reformator zärtlich Trost, der auf der Wartburg von hartem Stuhlgang und Einsamkeit gleichermaßen gequält wird.

Friederike Ziegler hat die Partie der Cousine Katharina übernommen, der dritte Hauptdarsteller ist Lutz Schwarze. Er ist als Luthers Vater und in weiteren Rollen zu sehen. Mit den drei Profis stehen noch 38 weitere Akteure auf der Bühne – der Kinderchor aus Barchfeld, etliche Statisten und viele spielfreudige Bürger aus Bad Liebenstein und Bad Salzungen, aus Möhra, Steinbach und anderen nahen Orten.

Es ist eine aufwendige Schauspiel-Produktion. Das Bühnenbild haben sie schlicht gehalten, die Kostüme – teils vom Theater Eisenach geliehen – dafür prächtig gewählt. Und es gibt viel zu lachen, sagt Intendant Christian Storch.

Susann Winkel

17./18. November, 19.30 Uhr, Kurtheater Bad Liebenstein. Karten: Bad Liebenstein Information, Telefon (03 69 61) 6 93 20, oder online: www.luthers-entführung.de

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Bis zum Morgengrauen

1. November 2017 von redaktionguh  
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Kulturelle Nacht zum Reformationsjubiläum im Deutschen Nationaltheater Weimar

Ist nach einer ganzen Lutherdekade und einem Jubiläumsjahr nicht langsam mal gut mit der Reformation? Aus Weimar heißt es: Nein. Die Reformation geht weiter. Sie dauert an und reicht weit über Kirchengrenzen hinaus. Um das zu bedenken und von verschiedenen Seiten zu beleuchten, organisieren der Kirchenkreis Weimar und das Deutsche Nationaltheater Weimar (DNT) mit Unterstützung von Stadt und Freistaat eine Nacht zu 500 Jahren Reformation.

Sie beginnt am 30. Oktober um 16.45 Uhr mit dem Posaunenchor der Kreuzkirche Weimar und der Sambagruppe Escola Popular vor dem Theater und geht mit Gesprächsrunden, Bühnenstücken, Bewegungstheater und viel Musik bis in den frühen Morgen des Reformationstages weiter. Der Eintritt ist frei.

Eine Nacht im Theater: Vom späten Nachmittag des 30. Oktober bis weit nach Mitternacht gibt es im Deutschen National­theater in Weimar ein vielfältiges Kulturprogramm zum Reformationsjubiläum. Foto: Thomas Müller

Eine Nacht im Theater: Vom späten Nachmittag des 30. Oktober bis weit nach Mitternacht gibt es im Deutschen National­theater in Weimar ein vielfältiges Kulturprogramm zum Reformationsjubiläum. Foto: Thomas Müller

Weimars Superintendent Henrich Herbst war mit seiner Idee der etwas anderen Reformationsfeier bei DNT-Intendant Hasko Weber sofort auf Zustimmung getroffen. »Wir möchten Theater als öffentlichen Ort begreifen«, sagt Beate Seidel, Chefdramaturgin am Nationaltheater. »Ein Ort, wo gesellschaftliche Debatten möglich sind, die Auge in Auge ausgetragen werden, nicht über das Internet.« Die Kooperation zwischen Theater und Evangelischer Kirche in der Klassikerstadt ist nicht neu. Bereits in der Vergangenheit gab es zu Bühnenstücken wie Dostojewskis »Schuld und Sühne« einen Theatergottesdienst, der das Werk aus theologischer und künstlerischer Sicht betrachtete, beide Sichten verknüpfte. Eine Zusammenarbeit, die ebenfalls weitergeht.

Henrich Herbst ist besonders auf die Präsentation der Ergebnisse des Denkraums Weimar gespannt. Antworten auf die Gretchen-Frage »Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?« wurden von Schauspielern des DNT für eine Hörinstallation eingesprochen und sind ab 17.15 Uhr zu hören. Die große Resonanz auf das Projekt hat den Superintendenten überrascht.

Für Tischgespräche auf den Fluren des Theaters hat Beate Seidel ganz unterschiedliche Gesprächspartner gewonnen: einen Offizier mit Erfahrungen aus dem Afghanistan-Einsatz, einen Vertreter der Organisation »Ärzte ohne Grenzen«, einen Kriegsreporter. »Du musst dein Leben ändern« lautet das Motto dieser kleinen Tischrunden mit Menschen, die über ihre biografischen Wendepunkte berichten und mit ihren Tischnachbarn diskutieren wollen. Beginn ist 17.30 Uhr. Der enge Zeitplan wird eine der Herausforderungen des Abends sein.

Denn auch eine deutsche Erstaufführung steht auf dem Programm (19.15 Uhr). In »The Captain of the Bible Quiz Team« hält ein junger Mann spontan eine Predigt – das Theater wird zur Kirche. »Opfer des Krieges« ist der Titel eines Bewegungstheaters mit Puppen, Masken und Livemusik der afghanischen Theatergruppe Azdar (21.15 Uhr). Davor geht es in einem Bühnentalk um »Glaube und Macht« (20.30 Uhr). Bis weit nach Mitternacht gibt es im DNT Livemusik – Luthers Lieder durch die Jahrhunderte, von der Gambe bis zu DJ-Klängen.

»Es ist ein Programm zum Flanieren«, sagt Henrich Herbst, »ein offenes Angebot an die ganze Stadt.« Der Festgottesdienst am Reformationstag beginnt übrigens erst 11 Uhr – damit die Nachtschwärmer noch etwas ausschlafen können.

Katharina Hille

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Dynastiegewitter im Weißenfelser Schloss

24. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Erstmals ist ein wertvolles Exemplar der Großenhainer Kirchenagenda in Weißenfels zu sehen. In der aktuellen Sonderausstellung »Dynastiegewitter. August der Starke versus Herzog Christian« im Schloss, die sich einem fürstlichen Streit über Kirche und Glaube widmet, wird die Leihgabe der Landeskirche Sachsens ausgestellt.

Foto: Stadt Weißenfels

Foto: Stadt Weißenfels

Herzog Christian von Sachsen-Weißenfels ließ das Werk mit Silberbeschlägen, dem Herzogswappen und seinem Monogramm verzieren. Einzigartig wird das Buch auch durch eine persönliche Widmung. Am 23. Februar 1713, seinem ersten Geburtstag als Regent des Fürstentums Sachsen-Weißenfels, schrieb er: »Cum Deo Salus oder Gott ist des Hertzens Trost und Heil von ihm erwart ich alles«. Das Werk schenkte er der Hofkirche. Dort nutzten es die Pfarrer viele Jahre als Arbeitsbuch, schließlich stellt die Kirchenagenda eine Art Leitfaden der protestantischen Glaubenslehre dar.

Die Ausstellung ist bis 21. Januar geöffnet.

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Ein christliches Freudenkonzert

16. Oktober 2017 von redaktionguh  
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»Gaudium Christianum« von 1617 wird in Gera und Eisenach aufgeführt

Anlässlich des 100. Jahrestages des Lutherischen Thesenanschlages wurden in den protestantischen Gebieten des deutschen Reiches Festgottesdienste gehalten. Über deren musikalische Bestandteile liegen vor allem Zeugnisse aus lutherischen Gebieten vor, da die Musik in den Liturgien der reformierten Kirchen eher eine untergeordnete Rolle spielte.

Die einzige geschlossene und vollständig erhaltene Komposition zum Reformationsjubiläum 1617 ist das sechsteilige »Gaudium Christianum« des Kantors und Pfarrers Michael Altenburg. Er wurde 1584 in Alach bei Erfurt geboren, studierte Theologie, war zunächst Kantor an der Erfurter Andreaskirche, dann im Erfurter Umland tätig, bevor er als Diakon und Pastor an die Andreaskirche zurückkehrte. Sein Werk entstand wahrscheinlich in Tröchtelborn, wo er möglicherweise auch als Kantor arbeitete.

Altenburg kombinierte die wesentlichen Kompositionsstile seiner Zeit, vom einfachen Choralsatz bis zur vierchörigen Schreibweise. Durch das damals gebräuchliche Instrumentarium wie Zinken, Posaunen, Dulzian, Chitarrone und Orgel, die sich in verschiedensten Kombinationen mit Gesangssolisten und Chor abwechseln, erzeugte er unterschiedlichste Klangfarben.

Das Johann Rosenmüller Ensemble wurde 1995 von Arno Paduch in Leipzig gegründet und wird noch heute von ihm geleitet. Foto: Ulrike Voss

Das Johann Rosenmüller Ensemble wurde 1995 von Arno Paduch in Leipzig gegründet und wird noch heute von ihm geleitet. Foto: Ulrike Voss

Monumentalität erreichte er durch die Verwendung von Trompeten und Pauken, die sonst fürstlichen Kapellen vorbehalten waren.

Unter dem Titel »Lutherisches Jubelgeschrey« werden in Gera und Eisenach neben Altenburgs Werk auch kontrastierende, klanglich opulente Kompositionen von Samuel Scheidt, Johann Hermann Schein, Johann Walter und Heinrich Schütz zu hören sein. Schütz’ Kompositionen waren wiederum Teil der Dresdner Feierlichkeiten zum 100. Reformationsjubiläum, die musikhistorisch von großer Bedeutung sind, da ihr genauer Ablauf überliefert ist.

Der Landesjugendchor Thüringen und das Johann Rosenmüller Ensemble wirken in Gera und Eisenach das erste Mal gemeinsam. Der Landesjugendchor wurde 2013 wiedergegründet. Sein Repertoire umfasst geistliche wie weltliche A-cappella-Musik, reicht von Vertonungen des 16. Jahrhunderts bis zu Kompositionen der Gegenwart. Der Schwerpunkt des Johann Rosenmüller Ensembles liegt in der Wiederaufführung unbekannter Musik des 17. und 18. Jahrhunderts. Dabei wird Wert auf authentische Interpretation durch gründliches Quellenstudium und das Spielen auf Kopien von Originalins­trumenten gelegt. Unterstützt werden der Chor und die Musiker von sechs Solisten. Die Gesamtleitung liegt bei Nikolaus Müller. Er ist Universitätsmusikdirektor der Ruhr-Universität Bochum und künstlerischer Leiter der Robert-Franz-Singakademie Halle und des Landesjugendchores.

(G+H)

14. Oktober, 19 Uhr: St. Salvator-Kirche, Gera; 15. Oktober, 19.30 Uhr: Wartburg-Festsaal, Eisenach

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»Gelbes Lied« steckt am Metallmantel

9. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Erinnerung: Ein vieldeutiges Kunstwerk hat in der Martinikirche seinen Platz gefunden

Die Turmkapelle an der Mühlhäuser Martinikirche ist außergewöhnlich: Dank der Deckenmalerei und einer Metallskulptur von Timm Kregel. Dieses Kunstprojekt war vor zwei Jahren von den Rotary Clubs Münster-St. Mauritz, Eschwege und Mühlhausen initiiert und finanziert worden. Der »Metall-Mantel« hatte zunächst seinen Platz im Kirchenraum – nun ist er in die kleine Kapelle umgezogen. »Wir wollen wieder Friedensgebete machen«, sagt Gemeindepädagoge Frederik Seeger, der die Martinikirche seit zehn Jahren betreut. Es gehe um Frieden nach innen und außen.

In der »Kapelle der Einheit« steht die Skulptur. Foto: Claudia Götze

In der »Kapelle der Einheit« steht die Skulptur. Foto: Claudia Götze

Als das Kunstprojekt vor zwei Jahren fertig war und an 25 Jahre Wende erinnerte, war die Turmkapelle noch eine Baustelle. Nun aber ist sie restauriert, und die Skulptur konnte umziehen. Sie erinnert an das »Gelbe Lied«, das nur hier in Mühlhausen so heißt.

Dieses auf gelbes Papier gedruckte Lied »Herr, lass deine Wahrheit uns vor Augen stehen, lass in deiner Klarheit Lug und Trug vergehn« vereinte im Herbst 1989 in der Martinikirche Hunderte Christen und Nichtchristen aus Mühlhausen und Umgebung, um die Wende mit friedlichen Mitteln zu gestalten. Die sechs Strophen wurden jeweils am Ende der wöchentlichen Gebete »Für unser Land« gesungen. Das Lied ist verbunden mit Erinnerungen und Emotionen. Der Text stammt von der Religionspädagogin Liselotte Corbach (1910–2002), die ihn 1953 verfasst hatte. Vier Worte des Liedtextes sind in vergoldeter, gelb glänzender Schrift im Saum des angedeuteten Mantels der Metallskulptur wiedergegeben. Das auch als Martinsmantel interpretierbare Kunstwerk ist aber auf den ersten Blick zuallererst ein Kreuz. Dazwischen leuchten Kerzen.

In der »Kapelle der Einheit« hat sie nun ihren endgültigen Platz gefunden. Durch eine Glastür ist sie auch von außen sichtbar. Sie wird zudem auch als Symbol gesehen für die Freundschaft der Rotary Clubs Mühlhausen, Münster und Eschwege. Die Rotary Clubs Mühlhausen und Eschwege haben sich auch an der Finanzierung einer Aussichtsplattform im Grenzmuseum Schifflersgrund zwischen dem eichsfeldischen Asbach-Sickenberg und dem hessischen Bad Sooden-Allendorf beteiligt und damit die Erinnerung an ein weiteres Stück Zeitgeschichte gefördert.

Claudia Götze

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Allein Gott die Ehre

1. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Das Festival »Güldener Herbst« präsentiert protestantische und katholische alte Musik

Von Bad Liebenstein im Westen bis Eisenberg im Osten, von Sondershausen im Norden bis Rudolstadt im Süden: Das Festival Alter Musik »Güldener Herbst« zieht bereits zum 19. Mal weite Kreise in Thüringen. Das Spektrum der Veranstaltungen reicht von Kantatengottesdiensten und Messen bis zur Kammermusik, vom Tanzspiel bis zum Orgelkonzert; auch Konzerteinführungen, Stadtführungen und eine Ausstellung ergänzen das Programm.

Anlässlich des Reformationsjubiläums widmet sich das Festival in diesem Jahr einem Thema, das in erster Linie Johann Sebastian Bach zugeschrieben wird. Doch »Soli Deo Gloria – Allein Gott die Ehre« galt Protestanten wie auch Katholiken bis hin zur Aufklärung als Lebensmotto. »Auch alles weltliche Schaffen stand unter dem Motto«, sagt Helen Geyer, Professorin für Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik »Franz Liszt« in Weimar und Mitbegründerin der Academia Musicalis Thuringiae, die das Festival organisiert.

Das stehe im Gegensatz zu heute, wo wir andere Maßstäbe haben, so Geyer weiter. Das Motto wurde auch als Motor für maximale künstlerische Leistung verstanden, da »Soli Deo Gloria« implizierte, dass nur das Beste gut genug für Gott sein könne.

Die Trennung der Werke nach katholisch und protestantisch sei nur selten musikalisch nachvollziehbar, sagt Helen Geyer.

Stilistisch gäbe es minimale Unterschiede. Vielmehr handelt es sich in der Regel um eine politische, religiös begründete Trennung und so liegt es nahe, beides miteinander zu präsentieren. Beispielsweise in Rudolstadt, wenn das renommierte Basler Barockensemble Musica Fiorita den Zuhörern neben katholischer Kirchenmusik von Niccolò Jommelli und Johann Adolf Hasse auch den Thüringer Zeitgenossen Johann Melchior Molter – alles aus den Rudolstädter Beständen – zu Gehör bringt. Aber auch Veranstaltungen, die nur eine der beiden Strömungen betonen, sind im Festivalprogramm zu finden. Etwa Christian Fürchtegott Gellerts »Geistliche Oden und Lieder«, vertont von Carl Philipp Emanuel Bach in Eisfeld (14. Oktober, 19.30 Uhr, Rathaussaal) oder zum Abschlusskonzert in Auerstedt, wenn eher der katholische Akzent zum Tragen kommt (15. Oktober, 15 Uhr, Maloca im Schlosspark). Es gehört zum Charakter des Festivals, dass die aufgeführten Stücke auch einen Bezug zu dem Ort haben, an dem sie erklingen. So werden beispielsweise in der Barockkirche im Bad Liebensteiner Ortsteil Steinbach (7. Oktober, 19.30 Uhr) barocke Motetten von Georg Philipp Telemann und Johann Sebastian Bach zu hören sein, die im Pfarrarchiv des Ortes lagern.

Über die wissenschaftliche Betrachtung des »Soli Deo Gloria«-Anspruchs wird Helen Geyer in Wandersleben auch einen Vortrag halten (1. Oktober, 14 Uhr, Menantes-Literaturgedenkstätte). Sie betrachtet dabei auch, was es im 18. Jahrhundert bedeutete, eine Messe oder einen Gottesdienst zu besuchen. »Es war der Moment, in dem jeder Gläubige den Alltag verlassen hat und in die aufbauende Umgebung der Kirche getreten ist, mit Musik, die sonst nicht zu hören war«, sagt sie. Die Gesellschaft dadurch aufzubauen, war ihrer Ansicht nach die große Leistung der Kirchen jener Zeit.

Mirjam Petermann

www.gueldener-herbst.de

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Werke von einzigartiger Schönheit

24. September 2017 von redaktionguh  
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Orgelbau: Vor 400 Jahren starb Esaias Compenius. Er gilt als einer der bedeutendsten mitteldeutschen Orgelbauer

Seine überragende Begabung, die Liebe zum ästhetischen Detail, handwerkliche Perfektion, grandiose Intonationskunst und die klangliche Raffinesse der Instrumente von Esaias Compenius suchen ihresgleichen. Die Zusammenarbeit mit dem Musiker Michael Praetorius und dem kunstsinnigen Halberstädter Bischof und Herzog Heinrich Julius hat Werke von einzigartiger Schönheit hervorgebracht. Esaias Compenius war einer der genialsten Orgelbauer seiner Zeit.

Prospektkopie der Compenius-Orgel in der Stadtkirche Bückeburg. Foto:Wieland Kastning

Prospektkopie der Compenius-Orgel in der Stadtkirche Bückeburg. Foto:Wieland Kastning

Geboren im Dezember 1566 in Eisleben als Sohn des Organisten und Orgelbauers Heinrich Compenius und dessen Ehefrau Barbara, geb. Goertteler, erlernte Esaias Compenius wie seine Brüder Timotheus, Heinrich und Jacob den Orgelbau bei seinem Vater. Nach der Schulzeit in Eisleben, Erfurt und Nordhausen arbeitete Esaias 1589 mit dem Vater an einer Orgel für die Jacobi-Kirche in Hettstedt. Es kam zum Streit und beide trennten sich.

Wahrscheinlich hat er zwischen 1590 und 1598 unter anderem im Weserbergland um Bückeburg gearbeitet und um 1595 auch beim Bau der großen Orgel mitgearbeitet, die David Beck für Herzog Heinrich Julius von Braunschweig in der Schlosskirche von Gröningen errichtete. Ihr wundervoller Prospekt ist in der Martinikirche in Halberstadt erhalten – wo ein Projekt zur Rekonstruktion einer der schönsten Orgeln weltweit in Arbeit ist.

1598 arbeitete Esaias in der Werkstatt seines Bruders Heinrich in Halle. Danach ließ er sich in Magdeburg nieder und übernahm eine Reihe von Aufträgen, die er nicht alle bewältigen konnte. So in Sudenburg, wo die Arbeiten von seinem Bruder Heinrich zu Ende geführt wurden. 1603 hatte Esaias die Pflege der großen Schlossorgel in Gröningen übernommen. Für das Halberstädter Domkapitel arbeitete er auch als Instrumentenmacher. Damals erhielt der den Auftrag zum Bau einer Orgel für Kroppenstedt, der sich bis zum Jahr 1613 hinziehen sollte und sowohl dem Auftraggeber wie dem Orgelbauer großen Ärger bereitete. Denn 1605 beauftragte ihn Herzog Heinrich Julius mit dem Bau einer zweimanualigen Kabinettorgel mit Pedal für seine Gemahlin Elisabeth, Schwester des dänischen Königs Christian IV., für deren Sommerresidenz in Schloss Hessen. Dieses mit dem Wolfenbütteler Hofkapellmeister Michael Praetorius und dem Herzog konzipierte grandiose Instrument hatte absolute Priorität. 1612 übernahm Compenius unter der Mitwirkung von Michael Praetorius den Bau einer dreimanualig disponierten Orgel für die neue Stadtkirche in Bückeburg. Mit seinem Sohn Adolph baute er bis 1615 an diesem Werk, das von Adolph noch erweitert wurde.

Esaias hatte inzwischen mit dem Domkapitel in Hildesheim ein neues Projekt abgesprochen, ebenso den Bau einer kleinen Orgel für eine Klosterkirche südlich von Hildesheim, als er von Elisabeth, der Witwe des Herzogs Heinrich Julius, den Auftrag erhielt, das »Höltzern Orgelwerck« als Geschenk für König Christian IV. nach Dänemark zu versetzen. Daher musste er seine Projekte zurückstellen und gab sie an seine Brüder weiter.

Compenius, der nach dem Tode seiner ersten Frau in Kroppenstedt erneut geheiratet und sich in Braunschweig niedergelassen hatte, zog im Frühjahr 1617 mit seiner kostbaren Fracht nach Schloss Frederiksborg bei Hilleröd. Dort baute er das herrliche Instrument wieder auf. Es ist dort trotz mehrerer dramatischer Vorkommnisse nach einer durchgreifenden Restaurierung erhalten. Schon das Äußere vermittelt durch die von einer Fama-Figur gehaltenen dänischen und braunschweigischen Wappen fürstlichen Pomp. Die Hinweise auf Venus und Merkur mit musizierenden Putten beschwören die Aura antiker Liebeslyrik. Die »Compenius-Orgel« umgibt ein Schleier des Geheimnisvollen vollendeter Schönheit, allein schon durch die harmonischen Proportionen der drei Prospektarkaden mit dem Dekor der Frontpfeifen aus Elfenbein und Ebenholz.

Mit diesem Juwel des historischen Orgelbaus verliert sich die Spur des Erbauers im Frühjahr 1617. Wann und wo Esaias Compenius gestorben ist, bleibt ein Geheimnis. Von seinem Selbstverständnis als Künstler zeugt ein Satz aus seiner Korrespondenz mit dem Kroppenstedter Rat, mit dem er auf Vorwürfe reagierte, er wolle die Kroppenstedter »an der Nase herumführen«: »Wann mir dann solche große verachtung vnd verkleinerung, meiner Kunst vnd ehrlichen nahmens, nicht alleine schmertzlichen wehe thut.«

Gerhard Aumüller

Der Autor ist Mediziner und hat zum Orgelbau geforscht. Er ist im Beirat der Internatio-
nalen Heinrich-Schütz-Gesellschaft. Einen Vortrag zum Thema hält er am 30. September, 15 Uhr, in der Kirche zu Kroppenstedt.

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Wenn Musik den Glauben trägt

18. September 2017 von redaktionguh  
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Jubiläum: Saalfelder Vocalisten feiern 30-jähriges Bestehen

Ein sommerlich-lauer Sonntagnachmittag. In einer kleinen Dorfkirche im Saaletal singen die Saalfelder Vocalisten geistliche Lieder. Es ist andächtig still. Dann kommt der Applaus – und die Ansage: Teil zwei des Konzertes gibt es im Nachbardorf. Es ist nicht ganz üblich, bei Nachbars in die Kirche zu gehen, wenn man doch selber eine hat. Aber jetzt, wo die Gemeinden zusammengelegt werden, da muss man wohl. Nach Kaffee und Kuchen wandert die ganze Gemeinde weiter zur nächsten Kirche. Die Vocalisten gehen voran, sie locken ihre Konzertgemeinde von einem Dorf ins nächste und von einer Kirche in die andere. Ach guck, die ist auch schön. Die Vocalisten sind ein gutes Zugpferd für die Gemeindearbeit, weiß die Pastorin. Und die acht Männer lassen sich gerne einspannen. Kleine Konzerte in kleinen Dorfkirchen – das ist völlig in Ordnung und hat auch etwas mit Heimat zu tun und mit ihrem Selbstverständnis. Sie sind – obwohl kein Kirchenchor – aktive Christen. Das wiederum kommt auch von der Musik. »Wenn es nicht so schöne Kirchenmusik gäbe – ich weiß nicht, ob ich an das Evangelium glauben könnte«, sagt Arnulf Heyn, der Blumenhändler. »Ich werde durch die Musik im Glauben getragen.«

Die Saalfelder Vocalisten: Im Repertoire haben sie hauptsächlich geistliche Lieder. Foto: Saalfelder Vocalisten

Die Saalfelder Vocalisten: Im Repertoire haben sie hauptsächlich geistliche Lieder. Foto: Saalfelder Vocalisten

Begonnen haben die Vocalisten bei den Thüringer Sängerknaben. Die strenge Schule von Walter Schönheit hat sie geprägt, später von Michael Schönheit. Mit Matrosenkrägelchen standen sie als Achtjährige schon auf der Empore der Johanniskirche in Saalfeld und sangen Motetten und Oratorien und in unzähligen Gottesdiensten. »Da gehen einem die gottesdienstlichen Abläufe in Fleisch und Blut über.«

Konzerte, Chorreisen – die Kirchen wurden eine zweite Heimat. »Und wenn dann die Morgensonne durch die Bleiglasfenster hereinscheint, geht mir das Herz auf«, erinnert sich Stefan Matz. »Da spüre ich die Religion.« Er ist Diplomkaufmann und bewertet Immobilien. Es sei der größte Lohn, die Zuhörenden mitzunehmen, sodass sie am Ende still und berührt aus der Kirche gehen.

Begonnen haben die acht Männer mit Trinkliedern in Kneipen und für Freibier. Dann wurden die Bühnen größer – vom Kulturhaus Rudolstadt-Schwarza bis ins ZDF und von Thüringen aus ging es bis in die USA, nach Japan und Südafrika. Hauptsächlich geistliches Liedgut von Bach bis Biller ist in ihrem Repertoire, aber auch Stücke von den Comedian Harmonists. Drei CDs haben sie eingespielt, eine DVD dokumentiert ihre Japanreise.

Nun sind sie seit 30 Jahren ein Team. »Wenn einer denken würde, er könne seinen Schädel durchsetzen, wären wir nicht mehr zusammen.«

Einmal saß der Kloß im Hals. Das war bei der Beerdigung ihres Chorbruders Bertram. Trotzdem haben sie gestanden und gesungen und sich hinterher in den Armen gelegen. Jesum bleibet meine Freude.

Singen wollen sie noch lange, sagt Henrik Pfeiffer, der Schornsteinfegermeister. Nur die Qualitätslatte bleibt hoch. »Wenn wir schlechter werden, ist irgendwann Schluss. Hoffentlich noch lange nicht.«

Ulrike Greim

Jubiläumskonzert am 23. September um 17 Uhr im ehem. Franziskanerkloster Saalfeld (Stadtmuseum)

www.saalfelder–vocalisten.de

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Luther kommt zu uns

11. September 2017 von redaktionguh  
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Uraufführung: Mit dem Luther-Oratorium »Wachet recht auff« erfüllt sich der Berliner Komponist Ralf Hoyer einen langgehegten Traum. Mit ihm sprach Michael von Hintzenstern.

Was hat Sie bewogen, ein Luther-Oratorium zu schreiben?
Hoyer:
Ich persönlich liebe den Klang großer Kirchenräume und hatte auch schon mehrfach Gelegenheit, speziell für den Halberstädter Dom zu komponieren. Bei den Aufführungen dieser Werke entstand in mir immer die Vorstellung, ich würde das Gebäude mit Klang anfüllen, der die darin befindlichen Menschen trägt und einhüllt, der sie an der entstehenden Energie teilhaben lässt.

Als »Wiederholungstäter« suche ich immer nach Möglichkeiten, wieder in eine solche Situation zu kommen. Das ging nun parallel zu meiner Luther-Entdeckungsreise und so war mir ziemlich bald klar, dass meine nächste Arbeit für einen Kirchenraum ein groß besetztes Oratorium zu Luther sein müsste.

Zu meiner großen Freude war Kerstin Hensel, die ich schon lange kenne und als Dichterin sehr schätze, sofort bereit, mir einen Text dafür zu schreiben.

Welche inhaltlichen Ansatzpunkte bestimmten die Konzeption des Werkes?
Hoyer:
Es ist in erster Linie die Haltung des Widerstehens, des sich selbst treu Bleibens, die Kerstin Hensel und mich an Luther interessiert hat. Diese Haltung ist auch heute dringend notwendig, wenngleich für diejenigen, die sie an den Tag legen, oftmals ebenso riskant wie damals.

Luther war ein Mensch mit Zweifeln und Irrtümern, voll und ganz ein Kind seiner Zeit. Nur wenn er uns als ein solches gegenübertritt, nicht auf einem Sockel, kommt er uns – die wir Kinder unserer Zeit sind – nahe und wir verstehen ihn.

Es gab verschiedene Überlegungen, Aktualisierungen und deutliche Parallelen zu heute anzubringen – sie haben sich alle erübrigt. Es geht einfacher. Luther kommt zu uns in einer heutigen Musiksprache und wir kommen zu ihm, indem wir eintauchen in alte Choräle, die aus bitterster Not um Hoffnung und Erlösung bitten. Und indem wir ein altes Frühlingslied singen, das mit seinen, von Luther beförderten Spottversen auf den Papst auch den Frühling der Reformation meint.

Komponist Ralf Hoyer (l.) bespricht mit Mitgliedern der Kantorei Halberstadt sein Luther-Oratorium »Wachet recht auff«, das am 16. September im Halberstädter Dom seine Uraufführung erlebt. Foto: Sabine Scholz

Komponist Ralf Hoyer (l.) bespricht mit Mitgliedern der Kantorei Halberstadt sein Luther-Oratorium »Wachet recht auff«, das am 16. September im Halberstädter Dom seine Uraufführung erlebt. Foto: Sabine Scholz

In Ihrer Komposition wirken neben Profis auch Laien mit. Wie ist Ihnen dieser Spagat gelungen?
Hoyer:
Ob er gelungen ist, wird sich zeigen. Natürlich ist der Schwierigkeitsgrad an die Möglichkeiten von Laien angepasst. Dennoch sind ungewohnte Herausforderungen zu meistern. Für die Mitglieder des Posaunenchores beispielsweise ist es eine völlig neue Erfahrung, »nur« eine Farbe in einem Gesamtklang zu sein, wo sie doch sonst komplette Choräle spielen.

Dem in der Zuhörer-Gemeinde platzierten Laienchor kommt neben seiner Funktion als Gegensatz zum Chor auf der Bühne auch eine vermittelnde und identitätsstiftende Rolle gegenüber der Gemeinde zu. Im gemeinsamen Singen kann sich Übereinkunft herstellen. Luther wusste diese Tatsache zu nutzen, indem er nicht nur mit seinen Predigten, sondern auch mit seinen Kirchenliedern für die Weiterverbreitung der reformatorischen Ideen sorgte.

Was bedeutet für Sie der Reformator?
Hoyer:
Eine der beeindruckendsten Geschichten, die ich als Kind gehört habe, war jene, dass Martin Luther ein Blatt Papier mit 95 Thesen an die Kirchentür in Wittenberg genagelt hätte.

Mit Hammer und Nägeln kannte ich mich als Achtjähriger schon aus und mit Blick auf unsere Kirchentür im Berliner Stadtteil Friedrichshagen stellte ich mir vor, dass es schwierig und anstrengend gewesen sein muss. Immerhin hörte ich im Religionsunterricht auch vom Ablasshandel und vom Mönch Tetzel … Es waren wunderbare, die Fantasie anregende Stunden. Verstanden habe ich vermutlich sehr wenig, aber das ist wohl normal und auch nicht weiter schlimm. Denn es war eine Spur gelegt.

So hat es mich – nach einer langen kirchenfernen Zeit – dann eines Tages doch interessiert, was es mit Luther und seinem »hier stehe ich …« auf sich hat. Diese Erkundungen dauern an.

Uraufführung: 16. September, 18 Uhr, Dom zu Halberstadt, Vokalconsort Berlin, Brandenburger Symphoniker, Kantorei Halberstadt, Leitung: KMD Claus-Ehrhard Heinrich; weitere Aufführungen: 17. September, 17 Uhr, Brandenburg, Dom; 23. September, 19.30 Uhr, Bayreuth, Stadtkirche

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