»Die Melodie muss sich im Ohr festsetzen«

21. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Festgottesdienst in Wittenberg mit preisgekrönten Liedern eines europäischen Wettbewerbs

Bei einem Festgottesdienst der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) zum 500. Reformationsjubiläum werden am Sonntag, 19. März, in der Stadtkirche St. Marien in Wittenberg erstmals fünf neue Lieder vorgestellt und gesungen. Ausgewählt wurden sie bei einem 2015 ausgeschriebenen »Europäischen Reformationsliederwettbewerb«. Die Predigt hält Landesbischöfin Ilse Junkermann.

Bei der ersten Ausschreibungsrunde bestand die Aufgabe darin, einen neuen Text zu einer klassischen lutherischen, reformierten oder methodistischen Melodie zu verfassen bzw. eine Vorlage für eine spätere Vertonung zu liefern. Hierfür wurden Beiträge aus sieben Ländern eingereicht, von denen die international besetzte Jury fünf Liedtexte für eine Neuvertonung auswählte. Je ein deutscher, norwegischer, dänischer und zwei ungarische Texte gelangten so in die zweite Wettbewerbsrunde. Sie wurden dazu auch jeweils ins Englische übersetzt, um eine internationale Beteiligung zu ermöglichen. Die musikalische Gestaltung sollte in zwei Kategorien erfolgen: »traditionell« und »modern«.

»Uns war wichtig, dass das Lied auch von der Gemeinde gut singbar ist«, erläutert Jochen Arnold, Direktor des Michaelisklosters in Hildesheim und Liturgiebeauftragter der GEKE, die Überlegungen der Jury. »Die Melodie muss sich im Ohr festsetzen und darf nicht zu komplex sein. Außerdem sollte sie von Orgel oder Keyboard, gegebenenfalls auch Gitarre, gut begleitet werden können.« Mitglieder des Gremiums waren neben ihm die Studienleiterin für kirchenmusikalische Fort- und Weiterbildung in Berlin, Kirchenmusikdirektorin Dr. Britta Martini, und der dänische Kirchenmusiker Peter Steinvig (Methodistische Kirche).

Elvira Mahler. Foto: privat

Elvira Mahler. Foto: privat

Unter den erfolgreichen Autoren befindet sich eine Teilnehmerin aus der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland: Elvira Mahler (55) aus Zeitz, von der gleich zwei Beiträge ausgewählt wurden: ein Tauflied und der Song »Ich suche meinen Weg«. Die ursprünglich in einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) tätige Veterinäringenieurin und jetzige Gemeindepädagogin ist seit 1994 im Kirchenkreis Naumburg-Zeitz tätig und unterrichtet Evangelische Religion an acht Schulen. »Ich habe schon als Kind viel gelesen, aber auch selbst sehr gern gereimt oder kleine Geschichten geschrieben. Bis zu meinem Gemeindepädagogikstudium 1996 war mein Talent mehr oder weniger verschüttet«, berichtet sie im Gespräch mit der Kirchenzeitung. »Mein Dienst in Gemeinde und Schule inspirierte mich wieder zum Schreiben.«

Oft erweise sich ein konkreter Anlass als Auslöser. So auch bei der Entstehung ihres Taufliedes. »Gute Freunde baten mich und meinen kleinen Gospelchor, die musikalische Umrahmung der Taufe ihres kleinen Sohnes zu übernehmen. Das junge Paar hatte viele Jahre auf Nachwuchs gewartet und beinahe die Hoffnung aufgegeben, jemals Eltern zu werden. Nun hatte sich ihr lang ersehnter Kinderwunsch erfüllt. Ein kleiner Junge erblickte das Licht der Welt. Welch ein Glück und eine große Freude. Und eben diese Freude und eine tiefe Dankbarkeit erfüllten die Herzen der jungen Eltern und nach einem Gespräch mit ihnen auch mich.«

Insgesamt haben sich 100 Musiker, Dichter und Songwriter beiderlei Geschlechts mit etwa 120 Einsendungen am Wettbewerb beteiligt. Ziel der Ausschreibung sei es gewesen, Anliegen der Reformation und des Protestantismus einer breiteren kirchlichen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich zu machen, betont Jochen Arnold. Über den Weg der Musik ginge das besonders gut, denn »gerade um auch junge Menschen zu erreichen, ist das ein absoluter Schlüsselfaktor. Musik erreicht die Herzen, wie vor 500 Jahren, so auch heute.«

Zur Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) – Leuenberger Kirchengemeinschaft haben sich 94 protestantische Kirchen in Europa (und in Südamerika) zusammengeschlossen. Lutherische, reformierte, unierte, methodistische und vorreformatorische Kirchen gewähren einander seit 1973 Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft.

Michael von Hintzenstern

19. März, 10 Uhr, Stadtkirche Wittenberg: Festgottesdienst der GEKE, anschließend Empfang im Alten Rathaus, Markt 26

Boheme in der DDR

12. März 2017 von redaktionguh  
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Neues Standardwerk: Kunst und Gegenkultur im Staatssozialismus

Es ist die bisher ausführlichste Darstellung von Kunst und Gegenkultur in der DDR und kann auf Grund ihrer minutiösen Quellenkenntnis als wegweisendes Standardwerk bezeichnet werden: die fast 500 Seiten umfassende und reich bebilderte Monografie: »Boheme in der DDR« von Paul Kaiser. Es handelt sich hierbei um die aktualisierte Fassung der 2007 vom Autor an der Humboldt-Universität in Berlin eingereichten Dissertationsschrift, die mit höchstem Expertenlob bedacht wurde. Das Begleitbuch zu der von ihm und Claudia Petzold konzipierten Ausstellung »Boheme und Diktatur in der DDR« im Deutschen Historischen Museum in Berlin (1997/1998) ist seit Jahren vergriffen. Nun liegt ein Prachtband vor, der tiefe Einblicke in das gesellschaftliche Leben und die Situation jener »Kulturschaffenden« gewährt, die sich kritisch gegenüber dem »real existierenden Sozialismus« verhielten und eigene Entwürfe einbrachten.

Müllplatz-Kunstaktion in Süßenborn bei Weimar im August 1985 mit Ulrich Jadke (links) und Thomas Onißeit (rechts). Foto: Claus Bach

Müllplatz-Kunstaktion in Süßenborn bei Weimar im August 1985 mit Ulrich Jadke (links) und Thomas Onißeit (rechts). Foto: Claus Bach

Neben 15 Hauptkapiteln, in denen unter anderem die »Boheme als Gegenkultur« und Versuche ihrer »Zersetzung« beleuchtet werden, sind es vor allem die »Fallbeispiele«, die ein lebendiges Bild der speziellen Situation einzelner Protagonisten vermitteln. So musste sich der Leiter der »Klaus Renft Combo« zum Beispiel am 22. September 1975 folgendes vernichtende Urteil der Konzert- und Gastspieldirektion Leipzig anhören, das er heimlich aufzeichnete: »Ich möchte Ihnen im Namen der Kommission mitteilen, dass wir nicht der Auffassung sind, dass dieses Vorspiel heute stattfindet. Und zwar aus folgenden Gründen: Die Texte, die Sie mir übergeben haben …, haben mit unserer sozialistischen Wirklichkeit nicht das Geringste zu tun. … Wir sind der Auffassung, dass damit die Gruppe Renft als nicht mehr existent anzusehen ist.« (Seite 92)

Im Blick auf die künstlerische Gegenkultur nennt der Autor zwei »institutionelle Schutzmächte innerhalb der DDR – die bundesdeutsche Diplomatie und die Evangelische Kirche«. Die seit 1974 bestehende Ständige Vertretung der BRD in der DDR firmierte diplomatische Empfänge zu künstlerischen Veranstaltungen um, zu denen nicht nur die DDR-Prominenz, sondern auch Verfemte und Ausgegrenzte eingeladen wurden. Hierdurch wurden zahlreiche Begegnungen ermöglicht. Kaiser würdigt aber auch die Rolle der »Offenen Arbeit« der evangelischen Landeskirchen, die seit Ende der 1960er-Jahre »unangepasste Jugendliche und Sondergruppen« sammelte und aktivierte. »In den 1970er-Jahren öffnete sie sich auch für die konfessionslosen Akteure und Gruppen der künstlerischen Boheme und fungierte für diese als Podium, Schutzraum und ›Konfliktregulierungsinstanz‹, auch wenn dieses Engagement innerkirchlich stark umstritten blieb«, heißt es da weiter. Zur inhaltlichen Vertiefung gibt es eine Reihe von Anmerkungen, in denen auch der thüringische Pfarrer Walter Schilling (Braunsdorf) als eine der »Zentralfiguren der Offenen Arbeit« genannt wird. (Seite 392)
Michael von Hintzenstern

Kaiser, Paul: Boheme in der DDR. Kunst und Gegenkultur im Staatssozialismus, 480 Seiten, Dresdner Institut für Kulturstudien, ISBN 978-3-9816461-5-3, 48 Euro

Magdeburg feiert Telemann

7. März 2017 von redaktionguh  
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Telemania: Am 4. März bricht sie in Magdeburg aus. Die Stadt erinnert mit einem umfangreichen Programm an einen Künstler, der zeitweilig fast vergessen war. Eine Spurensuche aus Anlass seines 250. Todestages.

Der Name Georg Philipp Telemann (1681–1767) taucht im Magdeburger Stadtbild öfter auf. Die Konzerthalle im Kunstmuseum Unser Lieben Frauen trägt ihn ebenso wie das Konservatorium der Stadt. Auch eine Straße ist nach ihm benannt. Das Zentrum für Telemann-Pflege und -Forschung setzt sich wissenschaftlich mit seinem Leben und Werk auseinander.

Die Telemannglocke der Walloner­kirche. Foto: Angela Stoye

Die Telemannglocke der Walloner­kirche. Foto: Angela Stoye

Wer aber in Magdeburg originale Zeugnisse aus dem Leben des Barockkomponisten sucht, hat es schwer. Fast alles, was an seine Kindheit und Jugend in der Stadt erinnern könnte, ist zerstört: das Geburtshaus, die Taufkirche, die Schulen. »Das hohe geistige und mitmenschliche Klima in seiner Familie und die Bildung, die er in den Schulen der Stadt empfing, haben ihm viel für seinen Lebensweg gegeben«, sagt Carsten Lange, promovierter Musikwissenschaftler und Leiter des Zen­trums für Telemann-Pflege und -Forschung Magdeburg. »Jahre nach seinem Weggang aus Magdeburg hat Telemann in Briefen und seinen drei gedruckten Autobiografien darauf hingewiesen.«

Georg Philipp Telemann stammt aus einem evangelischen Pfarrhaus. Sein Vater Heinrich hatte die zweite Pfarrstelle an der Heilig-Geist-Kirche inne. Seine Mutter Johanna Maria, die gerne und sehr gut sang, kam ebenfalls aus einer Pfarrfamilie. Die Telemanns lebten von 1679 bis 1690 wohl in einem Haus in der Judengasse. Getauft wurden die Kinder in der Heilig-Geist-Kirche. Beide Gebäude stehen nicht mehr. Georg Philipp besuchte die Schule am Magdeburger Dom, die sich im Südteil des Kreuzganges befand, und die Altstädtische Schule, ein Gymnasium mit reicher Musiktradition. Im Zweiten Weltkrieg zerstört, wurden dessen Reste später abgetragen. Die 1685 verwitwete Mutter Telemanns kaufte 1690 nahe der Wallonerkirche ein Haus, das ebenfalls nicht mehr steht.

In der Kirche aber wird der Suchende auf Telemanns Spuren fündig. Im Kirchenschiff steht eine Glocke, die Jakob Wentzel (gest. 1693), Bürger, Brauer und Glockengießer in Magdeburg, 1683 goss. Sie ist 595 Kilogramm schwer, misst 99 Zentimeter im Durchmesser und ist, so Carsten Lange, in mehrfacher Hinsicht bedeutend. Erstens steht sie für den Wiederaufbau und das langsame Erstarken der 1631 im Dreißigjährigen Krieg zerstörten Stadt Magdeburg. Zweitens zeugt die kunstvolle Arbeit vom hohen Stand des Glockengießerhandwerks in Magdeburg und drittens verweist sie direkt auf die Familie Telemann.

Denn zur reichen Glockenzier gehören neben einer Taube als Symbol für den Heiligen Geist auch Namen: Diaconus Henricus Telemann, der Vater des Komponisten; das Mitglied des Kirchenkollegiums Daniel Sebastian Lange als sein Patenonkel und der Kirchenälteste H. C. Dietrich Nolte, Ehemann der Taufpatin Georg Philipp Telemanns.

Die Glocke der 1945 zerbombten, später wieder aufgebauten und 1959 abgetragenen Heilig-Geist-Kirche überstand den Zweiten Weltkrieg nur durch Zufall auf dem Glockenfriedhof in Hamburg, wohin sie zum Einschmelzen gebracht worden war. Die Telemann-Glocke wurde, weil sie gesprungen war, 1951 zur Glockengießerei nach Apolda überführt. Erst 1983 kehrte sie nach Magdeburg zurück. Sie ist Eigentum der Altstadtgemeinde und steht im Schiff der Wallonerkirche. Der Sprung wurde zwar in Apolda geschweißt, aber ihr Klang ist dahin.

Magdeburg besitzt noch ein weiteres Zeugnis, das in direktem Zusammenhang mit Georg Philipp Telemann und seiner Familie steht. Es ist der Grabstein des Domherren Georg Philipp von Veltheim (1644–1683), ein weiterer Taufpate des Komponisten, der sich in der Nordwestecke des Dom-Kreuzgangs befindet und nach dem der später berühmte Komponist seine Vornamen erhielt. »Durch den Krieg ist in Magdeburg sehr vieles unwiederbringlich verloren«, bedauert Carsten Lange. Umso wertvoller seien die Glocke und der Stein.

Angela Stoye

www.telemann.org

Die Motette – neue Reihe in Magdeburg

Eine neue Konzertreihe wird in Magdeburg aus Anlass des 250. Todestages von Georg Philipp Telemann etabliert. Sie heißt »Die Motette«.

Einmal im Monat laden hauptsächlich Magdeburger Chöre dazu in den Hohen Chor der Wallonerkirche ein. »Die Motette« bedeutet 45 Minuten geistliche Chormusik und verbindende meditative Texte. Zum Auftakt am 11. März (16 Uhr) interpretieren Solisten, die Biederitzer Kantorei und das Musiksommerfestspielorchester unter der Leitung von Michel Scholl das »Deus judicium tuum regi da« (Psalm 71) von Georg Philipp Telemann und die Augustinus-Motette von Martin Wagner.

Am 29. April (15.30 Uhr) wird zur großen Motette »Sakrale Klangsphären« eingeladen. Es ist zugleich das Eröffnungskonzert des 19. Deutschen Chorfestivals »Welt in Atem« des Verbandes Deutscher Konzertchöre. Zahlreiche Chöre gestalten das dreistündige Programm mit hauptsächlich geistlicher Musik.

Weitere Motetten-Termine: 27. Mai, 1. Juli, 5. August, 2. September, 21. Oktober, 4. November und 2. Dezember (jeweils 16 Uhr).


Kritischer Zeitzeuge des Nationalsozialismus

28. Februar 2017 von redaktionguh  
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Restauriert: Zeichnungen von Alfred Ahner, die in der Kunstsammlung der Gedenkstätte Buchenwald aufbewahrt werden

Er ist ein Zeitzeuge der besonderen Art: der Maler Alfred Ahner, der nicht nur mit seinen Zeichnungen und Bildern gesellschaftliche Situationen eingefangen hat, sondern sie auch in seinen Tagebüchern mit knappen Worten auf den Punkt bringen konnte. Die drohende Gefahr des Nationalsozialismus erkannte er früh.

Mit der Kohle- und Pastell- zeichnung »Fanatische Wesen« (1930er-Jahre, 60,4 × 47,4 cm) bildete der Maler die reale Wirklichkeit ab. Foto: Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora

Mit der Kohle- und Pastell- zeichnung »Fanatische Wesen« (1930er-Jahre, 60,4 × 47,4 cm) bildete der Maler die reale Wirklichkeit ab. Foto: Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora

Jetzt sind 33 Handzeichnungen des lange Zeit in Weimar lebenden Künstlers nach ihrer Restaurierung an die Gedenkstätte Buchenwald zurückgegeben worden. Sie sind Teil eines nahezu 100 Arbeiten umfassenden Konvoluts von Zeichnungen aus den 1930er- und 1940er-Jahren, die in der Kunstsammlung der Gedenkstätte als Leihgabe der Alfred-Ahner-Stiftung aufbewahrt werden. Die Konservierung der Blätter führte der Grafik-Restaurator Hans Hilsenbeck (Baunatal) aus, der zuvor schon Zeichnungen aus dem Nachlass Ahners restauriert hatte. Die Finanzierung erfolgte durch Projektförderung der Thüringer Staatskanzlei.

Im Vorfeld hatte die Buchenwald-Stiftung 2003 eine Ausstellung mit Werken aus dem Nachlass des Malers unter dem Titel »Sehenden Auges. Alfred Ahner und das Ende von Weimar« präsentiert. Seither wurden die meisten der damals gezeigten Arbeiten in der Gedenkstätte auf dem Ettersberg aufbewahrt. Sie vermitteln nachhaltig, mit welch kritischer Perspektive Ahner dem Nationalsozialismus gegenüberstand.

Seine Darstellungen der Mitläufer und Fanatiker, aber auch seine Wahrnehmung der aus der nationalsozialistischen Gesellschaft Ausgestoßenen ist einzigartig. Die Alfred-Ahner-Stiftung und die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora hoffen, in einem zweiten Schritt auch die weiteren Arbeiten restaurieren lassen zu können.
Alfred Ahner wurde 1890 im ostthüringischen Wintersdorf geboren und lebte von 1922 bis zu seinem Tod 1973 in Weimar. Er hinterließ ein umfangreiches Werk, das seine Tochter Maria-Erika Ahner Zeit ihres Lebens mit Beharrlichkeit, Sorgfalt und Respekt in seiner Gesamtheit bewahrte. Ahners schriftlicher Nachlass (Tagebücher, Briefe, Skizzenbücher) befindet sich seit den 1980er-Jahren in der Sächsischen Landesbibliothek.

Den bildkünstlerischen Nachlass übergab die Tochter 2008 der zur Bewahrung des Werks eigens von ihr errichteten Alfred-Ahner-Stiftung in Weimar. Dieser umfasst rund 5 000 Bilder aus allen Schaffensperioden, thematischen Bereichen und Maltechniken des Künstlers, aber auch persönliche Gegenstände, wie seine Staffelei und Malutensilien.

Der Nachlass befindet sich zum größten Teil im Stadtmuseum Weimar, aber auch im Thüringer Freilichtmuseum Hohenfelden. Zum Stiftungsvermögen gehören auch Leihgaben, die sich in verschiedenen Museen befinden, sowie zahlreiche Skizzenbücher.
Michael von Hintzenstern

Rückwärtsgang: Luther wieder in Latein

20. Februar 2017 von redaktionguh  
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Restauriert: In Basel 1520 veröffentlichter Sammelband aus dem Landeskirchlichen Archiv

Schon zu Martin Luthers Lebzeiten waren viele Menschen begierig, die Schriften des Reformators zu lesen. Sie wurden, nachdem sie zumeist in Wittenberg erschienen waren, an anderen Orten nachgedruckt, und auf diese Weise immer weiter verbreitet. Man konnte damals mit dem Nachdruck von Lutherschriften viel Geld verdienen. Ein Copyright, wie heute, gab es nicht und ein Honorar für seine geistige Arbeit hat Martin Luther nie erhalten. Um 1518 war Luther schon so bekannt und hatte bereits so viele Schriften veröffentlicht, dass geschäftstüchtige Verleger in Basel und Straßburg sich bemühten, eine Gesamtausgabe der Werke des Reformators zu veröffentlichen. Eine erste besorgte 1518 der Baseler Drucker und Verleger Johannes Froben (1460–1527). Sie enthielt alle Schriften Luthers, die er bis zu diesem Jahr veröffentlicht hatte. Andere folgten Froben, und es erschienen bis 1520 drei weitere Sammelausgaben mit den Werken Luthers.

Der Baseler Verleger Adam Petri veröffentlichte 1520 diesen Band. Foto: Landeskirchliches Archiv

Der Baseler Verleger Adam Petri veröffentlichte 1520 diesen Band. Foto: Landeskirchliches Archiv

Eine dieser frühen und heute seltenen Ausgaben von Luthers Schriften befindet sich auch im Landeskirchenarchiv in Eisenach. Sie wurde im Juli 1520 von dem Baseler Drucker und Verleger Adam Petri (1454–1527) veröffentlicht und enthält mehr als zwanzig Lutherschriften aus der Zeit zwischen 1517 und 1520, Sermone, Streitschriften, Akten und den Kommentar über den Brief des Apostels Paulus an die Galater. Da der umfangreiche Band für gebildete Leser bestimmt war, liegen in ihm alle Schriften in lateinischer Sprache vor. Auch einige, ursprünglich in deutscher Sprache veröffentlichte Sermone wurden für diese Ausgabe ins Lateinische übersetzt.

Das Buch stammt aus der ehemaligen Eisenacher Ministerialbibliothek, die einst im Turm der St.-Georgen-Kirche aufgestellt war. Diese bedeutende Kirchenbibliothek wurde 1596 von dem späteren Stedtfelder Pfarrer Sebastian Khymäus (1535–1614) gegründet. Bedeutende Zuwächse erhielt sie durch verschiedene Schenkungen. Als eine solche erweist sich auch der Band mit den Lutherschriften. Der Eisenacher Pfarrer Johannes Himmel (1546–1626) hat ihn der Ministerialbibliothek gestiftet. Er ist eifrig benutzt worden, denn auf vielen Seiten finden sich Unterstreichungen und Randbemerkungen einstiger Leser. Die machen diesen Petri-Druck von frühen reformatorischen Schriften Luthers zu einem einmaligen Buch, das in seiner Weise auch ein bedeutendes Denkmal der Reformation darstellt. Dieses ist mit landeskirchlichen Mitteln zur Reformationsdekade restauriert worden.

Hagen Jäger, Landeskirchenarchiv Eisenach

Das Geheimnis von Mühlberg

13. Februar 2017 von redaktionguh  
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Über den Köpfen der Einwohner von Mühlberg an der Elster liegt möglicherweise seit mindestens 457 Jahren, vielleicht sogar noch sehr viel länger, ein vor aller Augen sichtbares Geheimnis.

Im obersten Stockwerk des »Museums 1547« in Mühlberg (Kirchenkreis Bad Liebenwerda), in dem sich einst die Kloster-Propstei des Klosters Marienstern befand, schauen mit der Heiligen Veronika und Johannes dem Täufer zwei Heilige exakt auf die Geometrie der in Übereinstimmung stehenden beiden Spitzen der Klosterkirche. Dieser Umstand könnte noch Zufall sein, doch auf Satellitenbildern ist von oben eine Rautentrigonometrie zu erkennen, welche zeigt: Das System könnte man vor Jahrhunderten vorsätzlich und wissentlich eingemessen haben!

Von einer Markierung im Torhaus/Hospiz aus ist in der exakten Südausrichtung auf einem Gebäude am Altstädter Markt ein Jakobsstab zu sehen. Dabei handelt es sich um ein simples, aber effektives Vermessungsgerät in der geodätischen Landvermessung, welches ebenso in der Astronomie eingesetzt wurde.

Rautentrigonometrien tauchen auf mittelalterlichen Darstellungen der Freimaurer auf, welche in der Geschichte ihrer Tradition die Geheimnisse der Vermessung von den Dombauhütten und wiederum daraus aus früheren Zeiten von den bauenden Mönchen der Kreuzritter übernommen haben. Mit ähnlichen astronomischen Systemen wurden mutmaßlich bereits in der Antike, wie zum Beispiel in Stonehenge, aber auch in Ägypten und in Jerusalem die Gestirne über der Horizontlinie vermessen. Auch in Frankreich werden immer wieder an den Templern zuzuordnenden mittelalterlichen Kathedralen und Burgen eindeutige astronomische Ausrichtungen bemerkt. Durch die Drehbewegung der Erde, durch die Sommer-Winter-Schwankung und durch ihre Bahn um die Sonne tauchen die Gestirne im Osten immer an etwas verschobenen Punkten auf. Aus dieser Verschiebung können Vermesser und Astronomen nicht nur wichtige Daten für die Landwirtschaft, sondern auch Positionen auf der Erdkugel bestimmen. Sie waren quasi die Kalendarien und Navigationsgeräte der Antike und des Mittelalters.

Blick auf das Heiligenfenster mit der Heiligen Veronika (links) und Johannes dem Täufer (rechts). Foto: Veit Rösler

Blick auf das Heiligenfenster mit der Heiligen Veronika (links) und Johannes dem Täufer (rechts). Foto: Veit Rösler

Von der Geometrie her könnte mit einer solchen Anlage wie in Mühlberg über den Polarstern (Zirkularpunkt) im Norden und mit der Südausrichtung über den Jakobsstab im Süden dann in Richtung Osten über die Klosterspitzen durch das nun gebildete Trigonometrische Dreieck vermessen werden. Mit dieser mit dem bloßen Auge ohne Fernglas bzw. ohne Teleskop anwendbaren Visiermethode können die Gestirne unserer Milchstraße und immerhin noch der 2,2 Millionen Lichtjahre entfernte Andromedanebel als das am entfernteste, mit bloßem Auge erkennbare Objekt vermessen werden. Bei den Nachforschungen im »Fall Mühlberg« zeigte sich: Die Kreuzritter des Deutschen Ordens waren ab 1223 in der Nähe in Dommitzsch an der Elbe in einer Commende aktiv. Die Ersterwähnung von Mühlberg war 1228. Dommitzsch liegt 35 Kilometer und damit einen Tagesritt von Mühlberg und genauso weit auch von Wittenberg entfernt. Der für die Vermessung zuständige Landmeister des Ordens Hermann von Balk (–1239) soll sich zu dieser Zeit in Mühlberg aufgehalten haben. Genau weiß man: Hermann von Balk hat drei Jahre nach Mühlberg 1231 die Stadt Thorn eingemessen. Weitere interessante Spuren führen damit zu Astronom Nikolaus Kopernikus, welcher im Kloster Thorn aufgewachsen ist, und auch zum zweiten großen Astronomen der Neuzeit, Tycho Brahe, welcher ab 1560 in Wittenberg studiert hat. Denn auch in Wittenberg scheint mit der Marien-Stadtkirche und dem Nordturm der Schlosskirche die gleiche Geome­trie eingebaut worden zu sein.

Hinter dem in Mühlberg gefundenen System könnte sich sowohl für Mühlberg, für Thorn als auch für Lutherstadt Wittenberg eine astronomische Sensation verbergen. Die Geometrien sind noch immer vor aller Augen sichtbar vorhanden. Die Geometrie lügt nicht! Tiefgründig nachzulesen sind die geometrischen und geschichtlichen Zusammenhänge zwischen antiken Bauwerken, dem Kloster Mühlberg und der Stadt Wittenberg im am 18. Dezember 2016 erschienenen Buch »Das
Universum in der Königskammer«.

Veit Rösler

V. Rösler: Das Universum in der Königskammer. Ausgleich der Gravitation mit der Cheops-Pyramide, Books on Demand, 488 S., ISBN 978-3-74311-876-8, 39,90 Euro

Einheit von Kunst und Handwerk

5. Februar 2017 von redaktionguh  
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Fünf Orgelbauer erhielten in Bad Liebenwerda ihre Meisterbriefe

Oft geschieht es nicht, dass ein Meisterbrief an einen Orgelbauer übergeben wird – der anspruchsvolle Beruf, der Handwerk und Kunst in sich vereint, ist dafür schlicht zu selten. »Meist hat man höchstens alle paar Jahre einen neuen Meister«, sagt Dietmar Schmidt, Vorsitzender des Meisterprüfungsausschusses für Orgel- und Harmoniumbauer der Handwerkskammer Cottbus. Erstmals haben nun im Kammerbezirk Cottbus Orgelbauer ihre Meisterprüfung abgelegt. Und dass es gleich fünf waren, die am 14. Januar in der Südbrandenburgischen Orgelakademie in Bad Liebenwerda (Kirchenkreis Bad Liebenwerda) ihren Meisterbrief erhielten, hat deutschlandweit beträchtlichen Seltenheitswert.

Erhielten ihren Meisterbrief: die Orgelbauer No Sang Ook, Josef Poldrack, Lukas Ehlert, Axel Thomaß und Stefan Pilz (v. l. n. r.). Foto: Karsten Bär

Erhielten ihren Meisterbrief: die Orgelbauer No Sang Ook, Josef Poldrack, Lukas Ehlert, Axel Thomaß und Stefan Pilz (v. l. n. r.). Foto: Karsten Bär

Mit Stefan Pilz aus Leipzig, Lukas Ehlert aus Markersbach und Axel Thomaß aus Finsterwalde sind gleich drei der fünf »Jungmeister« Mitarbeiter des Mitteldeutschen Orgelbaus A. Voigt aus Bad Liebenwerda. Hinzu kommen Josef Poldrack aus Chemnitz, der einen eigenen Orgelbaubetrieb führt, sowie der aus Südkorea stammende No Sang Ook, der im Orgelbau Eule in Bautzen angestellt ist. Während No Sang Ook als Meisterarbeit eine zweimanualige Orgel neu baute, die künftig in einem Kammermusiksaal seines Heimatlandes Platz finden wird, haben die anderen vier Meister für den praktischen Teil ihrer Prüfung historische Orgeln restauriert: Josef Poldrack die Ibach-Orgel von Döblitz (Kirchenkreis Halle-Saalkreis), Axel Thomaß die Jemlich-Voigt-Orgel der Bartholomäuskirche im sächsischen Röhrsdorf, Stefan Pilz die Eule-Orgel in der St.-Afra-Kirche Meißen und Lukas Ehlert die Jehmlich-Orgel in Deuben bei Freital.

Dass die Ehrung der Meister in Bad Liebenwerda durchgeführt wurde, sei auch als Referenz an die Südbrandenburgische Orgelakademie zu verstehen, so Prüfungsausschussvorsitzender Dietmar Schmidt. Die Einrichtung in einem historischen Druckereigebäude am Markt von Bad Liebenwerda, die maßgeblich auf Initiative des Bad Liebenwerdaer Orgelbaumeisters und früheren Kantors Dieter Voigt entstand, will auf vielfältige Weise das öffentliche Bewusstsein für die Orgel als Musikinstrument und den Orgelbau als Handwerk fördern und sich sowohl in die Ausbildung von Orgelbauern als auch von Organisten einbringen.

Karsten Bär

Die Bibel als Theaterstück

30. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Das Theaterstück »Die Bibel« des schwedischen Autors Niklas Rådström (Übersetzung: Steffen Mensching) feiert am 28. Januar im Rudolstädter Theater als deutsche Erstaufführung Premiere.

In 41 Szenen werden Geschichten des Alten und Neuen Testaments erzählt – als eine Art Revue durch uralte Mythen über die menschliche Existenz. »Als ich das Stück las«, sagt Gastregisseur Alejandro Quintana, »war ich angenehm überrascht, wie gegenwärtig es ist. Das Buch der Bücher spricht zu uns Heutigen ganz aktuell.« Dramaturg Michael Kliefert ergänzt: »Die Bibel wird als Literatur entdeckt. Alle wesentlichen Stationen sind auf die Wahrheit des Lebens konzentriert.« Dabei geht es um Sünde und Streit, um Mord und Totschlag, um Hunger und Krieg, Rache, Verfolgung, Flucht und Exil. Eine Tat zieht die nächste nach sich, bis einer kommt, der anders ist, der Liebe einfordert, auch Liebe unter Feinden: Christus. An seiner Person zeigen sich die Schwierigkeiten, andere Denkmuster zu begreifen und anzunehmen.

Da steht Abraham, der Stammvater Israels, in einen Fellmantel gehüllt. Er windet sich unter den bohrenden Fragen dreier Engel, die ihn umkreisen. Auf Geheiß von Gott hätte er seinen Sohn Isaak getötet. Warum wollte er einen Menschen umbringen, den er liebt? Was hat ihn angetrieben? Es geht um die eigene Verantwortung für begangene Taten, um ein Schuldeingeständnis, das nicht auf eine höhere Macht übertragen werden kann. Für die Verwandten in Sodom feilscht Abraham um Schonung vor der totalen Vernichtung. Vergebens. Es finden sich keine zehn Gerechten. Lot und seine Töchter können mithilfe der Engel der Feuersbrunst entkommen. Nur seine Frau, die sich umdreht, erstarrt eindrucksvoll zu einer Salzsäule. Eine Geschichte von Flucht und Vertreibung, aber auch von Rache und Vergeltung: Als Moses sein Volk durch das sich nach rechts und links teilende Meer führt, folgen ihnen die Häscher aus Ägypten. In der Morgendämmerung schließt er den Graben wieder. Tausende Krieger und Pferde ertrinken.

Eine Engelgruppe, zu der auch Luzifer gehört, führt durch das gesamte Stück. Fotos (2): Lisa Stern, Theater Rudolstadt

Eine Engelgruppe, zu der auch Luzifer gehört, führt durch das gesamte Stück. Fotos (2): Lisa Stern, Theater Rudolstadt

Am Anfang war Harmonie. Gottes Helfer inszenieren einen großen Raum, der alle in Erstaunen versetzt. Wunderbar wird diese Welt erschaffen, in der alle friedlich beieinander leben. Immer wieder springt die Handlung von der menschheitsgeschichtlichen Dimension auf die reale Bühne: lebendige Tiere sind nicht gestattet und nach der Erschaffung des ersten Menschenpaares beginnt bereits die Gender-Debatte. Adam (Johannes Geißer) und Eva (Anne Kies) gehören neben einer hierarchisch operierenden Engelgruppe zu den Konstanten im Stück. Nach ihrer Vertreibung aus dem Paradies lebt das Paar ständig auf der Flucht: als Illegale in Noahs Arche, als Durchreisende in Grenzgebieten, die Geld an Schleuser zahlen müssen, um weiterzukommen und am Leben zu bleiben. Schauspieler Markus Seidensticker verwandelt sich im Verlauf der episodenhaften Handlung vom ersten Engel, der teilweise in der Ich-Form Gottes Willen verkündet, zum Erzähler: »Ich bin ein Werkzeug Gottes. Am Anfang bin ich eins mit ihm, doch im Verlauf des Stücks kommen
Zweifel auf.«

Das Stück öffnet Türen, jeder wird zum Nachdenken herausgefordert. Befreiung, Bindungen untereinander, aber vor allem Liebe in einem umfassenden Sinn sind die zentralen Themen, die Alternativen zu den Reaktionsmustern, die die Menschheit auch heute noch in Angst und Schrecken versetzen. Den gewaltigen Stoff, der in der Originalfassung über fünf Stunden lang ist, haben die Rudolstädter auf über drei Stunden gekürzt (mit Pause). Der Minimalismus, den Regisseur Alejandro Quintana ohne Showeffekte oder bloße Bebilderung mit gutem Schauspiel und in chorischen Szenen anstrebt, lässt viel Platz für eigenes Denken. »Das Schöne wäre, wenn wir auch Menschen erreichen, die die Bibel nicht kennen«, antwortet Michael Kliefert auf die Frage nach dem erwarteten Publikum. Zur Premiere am 28. Januar hat sich auch Autor Niklas Rådström angesagt. Dann erwartet die Zuschauer nicht nur ein spannendes Stück, sondern auch ein neu gestaltetes Theater im Stadthaus.

Doris Weilandt

Premiere: 28. Januar, 19.30 Uhr
Weitere Aufführungen: 24. Februar, 18 Uhr; 25. Februar, 19 Uhr und 26. Februar, 18 Uhr
Theaterkasse: Montag bis Freitag 9.30 bis 12 Uhr und 13 bis 17 Uhr, Sonnabend 10 bis 12 Uhr, Telefon (0 36 72) 42 27 66
www.theater-rudolstadt.de

Jetzt wird’s schmalkaldisch!

25. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Reformations-Ausstellung zeigt aktuelle Arbeiten Thüringer Künstler in der FBF-Galerie

Zu Beginn ein kleines Gedanken­experiment, eine Reise zurück in das Jahr 1537. Jene Familie, die in besagtem Jahr in der Gillersgasse 2 in Schmalkalden, gleich hinter der Stadtkirche St. Georg, gelebt hat, dürfte durch die Fenster des urigen Fachwerkhauses des Öfteren Martin Luther gesehen haben. Durch einen Seiteneingang gelangte der Reformator in die Paramenten-Kammer über der Sakristei, wo er sich in den kalten Februartagen während der Morgengottesdienste aufwärmen konnte.

Die Lutherstube gibt es immer noch im 480. Jahr nach der größten Tagung des Schmalkaldischen Bundes, als Luther sein geistliches Testament in Artikelform vorstellte. Ebenso blieb das rote Fachwerkhaus erhalten. Dort ist seit August 2010 die FBF-Galerie untergebracht, deren besonderes Augenmerk den Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Kunst gilt. Wer heute den großen Lichthof im Obergeschoss des Mittelalterbaus betritt, der richtet seinen Blick abermals auf den Reformator.

Galerieleiter Prof. Norbert Krah mit dem für die Ausstellung angefertigten Glasfenster von Wolfgang Nickel, das dauerhaft in der Galerie bleibt. – Foto: Susann Winkel

Galerieleiter Prof. Norbert Krah mit dem für die Ausstellung angefertigten Glasfenster von Wolfgang Nickel, das dauerhaft in der Galerie bleibt. – Foto: Susann Winkel

Die neue Sonderausstellung heißt im Kurzen »Schmalkaldisch. Protestantisch« – und im umso längeren Untertitel »Zeitgeschichtliche Reflexionen zu Martin Luther 2017. Malereien, Grafiken, Collagen, Reliefs und Skulpturen«. Aber es kommt ohnehin mehr auf den Kurztitel an. Der soll lautmalerisch auf die Schmalkaldischen Artikel verweisen. Theologisch ein echtes Pfund, mit dem sich im Jubiläumsjahr 2017 wuchern lassen sollte. Touristisch allerdings eher Randnotiz. Weshalb es klug ist, die Schau der Flut an Jubiläumsbeiträgen voranzustellen. Noch ist die Aufmerksamkeit größer.

Die von Norbert Krah und dem Verein der Forschungs- und Bildungs-Fördergesellschaft (FBF) ist nicht kunsthistorisch konzipiert, sondern fußt auf einem weit zu fassenden Thema. Diesmal waren Thüringer Künstler aufgefordert, sich im lutherischen Geist mit aktuellen Problemen zu befassen. Ein Bezug zu Luthers Artikeln? Ist eher nicht auszumachen.

Flucht, Integration und Fremdenfeindlichkeit
Der Auftrag brachte Arbeiten hervor, die sich um Flucht, Integration und Fremdenfeindlichkeit drehen. Etwa das Grafikblatt »Moschee am Lutherweg« von Edmond Garn aus Floh-Seligenthal oder die drei Digital-Collagen des Meiningers Dietrich Ziebart, die an die Artikel des Grundgesetzes der Bundesrepublik erinnern: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.«

So weit, so schlüssig: Mithilfe der Werke, die sich unten im Vortragsraum und oben auf der Galerieebene verteilen, wird eine ästhetisch anregende Atmosphäre geschaffen, die nutzbar ist für Vorträge, Gespräche, Debatten. Ein Reigen an Begleitveranstaltungen ist geplant.

Hier nun löst sich die Ausgangsidee in Beliebigkeit auf. Neben den Werken, die nach der Themenvorgabe für diese Ausstellung entstanden sind, ist allerhand zu sehen, was irgendwie mit Luther zu tun hat. Zum Beispiel eine ganze Reihe Flugschriften aus dem 16. Jahrhundert, Nachdrucke von Werken der beiden Cranachs oder von Hans Holbein dem Jüngeren, die polemisch mal für, mal wider den Reformator Partei ergreifen. Dazu Grafiken aus einer Mappe von 14 DDR-Künstlern, die 1983 anlässlich des 500. Geburtstags von Luther herausgegeben wurde. Zudem einige Kaltnadelradierungen zur Reformation vom Maler und Grafiker Harald R. Gratz (Schmalkalden), datiert auf das Jahr 2008.

Wer nun als Besucher beim Betrachten dieser Fülle ein Déjà-vu-Erlebnis hat (frz.: »schon gesehen«), der irrt nicht: Zahlreiche Exponate entstammen der 2012 gezeigten FBF-Ausstellung »Ich bin so frei«. Damals wurde an die Verkündung der Schmalkaldischen Artikel vor 475 Jahren erinnert und von einem guten Dutzend hiesiger Künstler die Verbreitung von Luthers Glaubenslehre in 50 Variationen dargestellt. Nun sind weitere dazugekommen.

Norbert Krah und die Mitstreiter der FBF-Galerie bieten Künstlern der Region eine Plattform zur Präsentation ihrer Arbeiten, geben selber Werke in Auftrag, kaufen kontinuierlich für ihre Sammlung an. So wird viel Schönes möglich, aufwendige Kunstbücher ebenso wie die Fertigung von Glasfenstern für die Galerie von Wolfgang Nickel, die dort verbleiben können.

Susann Winkel

»Schmalkaldisch. Protestantisch« ist bis Ende Juni in der FBF-Galerie Schmalkalden zu sehen, Führungen auf Anfrage, E-Mail <prof.dr.n.krah@gmx.de>

Neue Klänge zu alten Liedern

18. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Das Reformationsjubiläum hat zahlreiche Komponisten angeregt, neue Werke zu schreiben, die nun in Mitteldeutschland aus der Taufe gehoben werden. Ein Überblick.

Zu den Uraufführungen des Jahres 2017 gehört die »Reformationssymphonie« für Orgel des US-amerikanischen Komponisten Daniel E. Gawthrop, die Kantor Hartmut Siebmanns anlässlich des 9. Pößnecker Orgelfrühlings präsentieren wird (14. Mai, 19 Uhr, Stadtkirche St. Bartholomäus). 1949 in Fort Wayne geboren, ist er vor allem durch seine Chor-, Orchester- und Orgelwerke international bekannt geworden. Der langjährige Kritiker der »Washington Post« ist da­rüber hinaus als Organist, Dirigent und Schriftsteller tätig.

Als »Hauskomponist« des Pößnecker Musiklebens hat sich in den vergangenen Jahren Andreas Hilscher (*1955) etabliert, der seit 2000 als Kirchenmusiker in der katholischen Kirchengemeinde St. Joseph in Hamburg-Wandsbek seine Hauptwirkungsstätte hat. Von ihm wird die Kantate »Ein feste Burg ist unser Gott« aus der Taufe gehoben (16. September, 19.30 Uhr, Stadtkirche).

Hans Tutschku (Boston) hat eine Klanginstallation geschaffen, in der die auf verschiedenen Kontinenten  aufgenommenen Gesänge unterschiedlicher Religionen und Kulturen miteinander harmonieren. Foto: Archiv

Hans Tutschku (Boston) hat eine Klanginstallation geschaffen, in der die auf verschiedenen Kontinenten aufgenommenen Gesänge unterschiedlicher Religionen und Kulturen miteinander harmonieren. Foto: Archiv

Im Dom zu Halberstadt erklingt am 16. September unter dem Titel »Wachet recht auff« ein Luther-Oratorium des Berliner Komponisten Ralf Hoyer (*1950). Hierbei wirken die Brandenburger Symphoniker, der Posaunenchor des Brandenburger Domes, das Vokal­ensemble Berlin und die Kantorei Halberstadt zusammen (Beginn: 18 Uhr).
Der freischaffende Tonschöpfer war von 1977 bis 1980 Meisterschüler an der Ostberliner Akademie der Künste bei Ruth Zechlin und Georg Katzer.

In der Wenzelskirche zu Naumburg mit ihrer berühmten Hildebrandt-Orgel ist am 30. September eine Soirée »Zukunftsmusik« mit aufwendigen Lichtilluminationen zu erleben, wobei eine Auftragskomposition von Franz Danksagmüller (Lübeck) über das »Naumburger Kyrie« von 1537/38 uraufgeführt wird. Die hierbei verarbeitete Melodie stammt aus der ersten protestantischen Kirchenordnung für St. Wenzel, ist vom Organisten David Franke zu erfahren. Ein Konzert, in dem Orgel und Live-Elektronik miteinander korrespondieren (30. September, 19.30 Uhr). Der vielseitige Klangkünstler, der Orgel, Komposition und elek­tronische Musik in Wien, Linz, Saarbrücken und Paris studiert hat, ist seit 2005 Orgelprofessor in Lübeck.

In der Weimarer Jakobskirche ist zwei Wochen lang die Klanginstallation »Die Stimmen im Kirchenschiff« von Hans Tutschku (*1966) zu hören. Dem aus Weimar stammenden Kompositionsprofessor (Harvard-University, Cambridge/USA) ist es mit diesem Werk gelungen, auf verschiedenen Kontinenten aufgenommene Gesänge unterschiedlicher Religionen und Kulturen miteinander zu harmonisieren (24. Oktober bis 5. November).

Zur Eröffnung spielt das »Ensemble für Intuitive Musik Weimar« (EFIM), wobei es zu einem Dialog der verwendeten »Soundscapes« (Klangschaften) mit Luther-Chorälen kommt.

Am Reformationstag gelang in einem Festkonzert zur Einweihung der neuen Friedensglocken der Margarethenkirche Gotha die Kantate »Himmel über Syrien« des emeritierten Weimarer Generaldirektors George Alexander Albrecht (*1935) zur Aufführung, die 2015 in der Klassikerstadt uraufgeführt wurde. Ein Werk gegen den Krieg, »angeregt durch mein Entsetzen über das Leiden jesidischer, syrischer und kurdischer Flüchtlinge«, erläutert der Komponist. »Ursprünglich als Hymnus für die Aufnahme Mariens in den Himmel gedacht (15. August), ergab sich durch die politischen Ereignisse ein Kampf der brutalen Kriegsgewalten gegen die zarte Welt des Glaubens und der Verklärung. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung bricht das ganze Klanggebäude in sich zusammen und versinkt in der Finsternis des Nichts. Sehr leise ertönt die Bitte ›Maria, breit den Mantel aus‹.« (31. Oktober, 17 Uhr)

Michael von Hintzenstern

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