»Bitte segnen Sie uns doch«

24. Juli 2017 von redaktionguh  
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Themar: Superintendent Johannes Haak über einen ungewöhnlichen Pilgerweg

Eine Idee von Arnd Morgenroth, Pfarrer i. R. aus Themar: »Geht doch einen Pilgerweg.« Ich war skeptisch. Doch wir gingen. Stündlich, am Sonnabend, ab 12 Uhr, zogen wir – vornweg das Vortragekreuz. Von der Friedhofskirche zum Stadttor. Über den Fußgängerübergang. Dort war erste Pilgerstation. An einem alten großen Steinkreuz. Miteinander beteten wir: »Herr, unser Gott, stärke die Menschen, die sich für Mitmenschlichkeit einsetzen.« Und von dort der Weg auf die Bündniswiese. Zum Altar. Gegenüber dem Gelände des Rechtsrockkonzertes. Auf dem viele, Tausende Menschen zusammengekommen waren.

Es war laut. Wir hörten die Hassreden. Das Schreien und Grölen klang in meinen Ohren. Mein Gott – dachte ich, was hast du dir dabei gedacht? Wir waren nur so wenige. Manchmal nur eine Handvoll. Und pilgerten zum kleinen Altar mitten auf die Wiese. Vorbei an den Polizisten. Und manchmal auch neugierigen, spöttischen Blicken. Und fragenden Augen? Was soll das? Was machen die da? Ist das etwa Pegida? Oh nein, dachte ich. Jetzt werden wir auch noch verwechselt. Oder: »Ihr Scheiß-Christen mit euren Kreuzzügen. Ihr habt ja nicht mehr alle.«

Eine kleine Schar von Christen ging den Pilgerweg. Unbeirrt. Innerlich ruhig. Und dennoch mit zitternden Knien. Zum Altar. In Sichtweite der Absperrgitter und Wasserwerfer. Neben Staatsgewalt und Machtgedöns der Rechten. Unter den Augen der Polizei. Der Altar war liebevoll geschmückt mit den Blumen der Wiese aus Gottes Garten. Und ein weißes Tischtuch leuchtete uns entgegen. Das Kruzifix auf dem Altar wurde zum Zentrum. Der Kosmos bündelte sich im Gekreuzigten. Und wir beteten weiter: »Segne alle, die heute ihre Kraft einsetzen, um friedlich gegen Rechtsextremismus zu demonstrieren.« Von dieser Wiese aus ging es wieder zurück zum Empfang des Segens in die Friedhofskirche. Unterwegs sangen wir »Dona nobis pacem«, »Herr, gib uns deinen Frieden!« und »Verleih uns Frieden gnädiglich«. Oder »Shalom Chaverim – Shalom«. Und »Laudate omnes gentes …«. Mitten im Gedröhn der Naziklänge. Gott loben. Manchmal konnte ich nicht mehr singen. Mir blieb der Ton im Hals stecken. Andere sangen weiter. Manchmal mit brüchiger Stimme. Zitternd. Ja, wir sangen. Und wenn ich Mut brauchte, griff ich nach der Hand meiner Frau. Singen im Gedröhn und Gebrüll. Wie geht das? Ich weiß es nicht. Irgendwie ging es. Sicher mit Gottes gutem und friedlichem Geist, den ich spürte. Ich bin dankbar für diese geistliche Erfahrung meines Lebens.

Ja, um den Frieden ging es uns. In aller Auseinandersetzung und in aller Hetze des braunen Gedankengutes. Das Herz berühren. Ein leiser Protest. Eben »Herz statt Hetze«. Wir sind doch Christenleute. Dabei blieben Beschimpfungen nicht aus. Wir hatten vereinbart, uns nicht provozieren zu lassen.

Ganz plötzlich, unerwartet, geschah etwas besonders Schönes. Beim Rückweg vom Altar in Gottes Garten wurde die Musik am Stand der Marxistisch-Leninistischen Partei (MLPD) ausgestellt. Jedes Mal. Aus Respekt. Während des Pilgerns. Und unvermittelt kam ein Mann auf uns zu und bat. »Bitte, bitte segnen Sie uns doch. Haltet an bei uns.« Das hat mich fast umgeworfen. Auf dem nächsten Pilgerweg zur vollen Stunde gingen wir zum Stand der MLPD. Und wurden mit Beifall empfangen. Wir beteten mit den Worten von Dieter Trautwein: »Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden, wie du ihn versprichst uns zum Wohl auf Erden.« Und wir durften segnen, mit dem alten Aaronitischen Segen. Der Präses unserer Kreissynode, Olaf Ruck, las ein Wort von Martin Niemöller. Welche Kraft kam da über uns.

Danke. So schoss es mir durch den Kopf. Still und ohnmächtig Mächtige wurden wir. Das hat mich tief berührt. Menschen wissen sich unter dem Segen Gottes geborgen. Auch wenn der Glaube fern ist. Danke, Herr, du warst mitten unter uns.

Johannes Haak

Der Autor ist Superintendent des Kirchenkreises Hildburghausen-Eisfeld.

Am 29. Juli wird es ab 12 Uhr wieder stündlich einen Pilgerweg durch Themar geben.

www.kirchenkreis-hildburghausen-eisfeld.de/aktuelles

Zeichen setzen: Kirche gegen Hass und Hetze
Nächstenliebe braucht Klarheit – als evangelische Kirche wenden wir uns gegen Hass und Hetze jedweder politischer Couleur. Hier in Themar stehen wir als evangelische Kirche zusammen mit anderen friedlichen und demokratischen Akteuren gegen den Hass und die Hetze. Denn aus Sicht des christlichen Glaubens gilt: Mit dem biblischen Gebot, Gott und den Mitmenschen, den Nächsten, gleichermaßen zu lieben, ist es unvereinbar, andere Menschen zu verachten. Mit dem christlichen Glauben ist es unvereinbar, andere Menschen zu verfolgen, zu verletzen oder ihnen ein Leben in Freiheit und Menschenwürde zu verweigern.

Und wer immer sich auf das christliche Abendland beruft, muss wissen: Der christliche Glaube ist ein Glaube, für den Barmherzigkeit, Liebe und Frieden zentral sind. Weil Gott uns Menschen liebt, verdienen und brauchen das Leben und die Würde jedes Menschen Anerkennung und Schutz. Uns allen ist gemeinsam, dass wir Gottes Geschöpfe sind. Es gilt deshalb, einander Respekt und Anerkennung entgegenzubringen und zu zeigen, Begegnung und Dialog zu pflegen. Zwischen verschiedenen kulturellen und politischen Gruppen wie zwischen verschiedenen Religionen. Stärken wir uns gegenseitig darin, Brücken zu bauen zwischen unterschiedlichen politischen Meinungen, zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen, zwischen verschiedenen sozialen Milieus. Treten wir gemeinsam in aller Klarheit ein für Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Mitmenschlichkeit – zeigen wir heute und morgen und immer wieder alle gemeinsam und friedlich: Themar steht gemeinsam gegen Hass und Hetze. Lassen Sie uns für diese Stadt um Gottes Frieden und seinen Segen bitten.

Auszüge aus dem Grußwort von Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt, Regionalbischöfin des Sprengels Meiningen-Suhl, zum Friedensgebet in der evangelischen Kirche in Themar, mit 400 Teilnehmern die größte Demonstration gegen das Rechtsrock-Konzert.

Schlechte Verlierer?

17. Juli 2017 von redaktionguh  
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»Sie kündigen uns – wir kündigen Ihnen« – Mit diesen Worten teilte ein Landwirt aus dem Kirchenkreis Gotha der Landesbischöfin im Mai erbost den Kirchenaustritt seiner gesamten Familie mit. Was war geschehen?

Familie Selz, die im Kirchenkreis Gotha breite Flächen Ackerland bewirtschaftet, hat auch von der Kirche Land gepachtet. Nun bewarb sich der Ökobetrieb um eine Verlängerung der Nutzungsrechte für verschiedene Flurstücke in Gotha-Siebleben. Die Familie führte bei der Bewerbung ihre Erfahrung als Landwirte und bisherige Pächter, den von ihnen betriebenen ökologischen Anbau, ihre Ortsansässigkeit und ihre Kirchenmitgliedschaft ins Feld und bot den geforderten Mindestpachtzins. Doch neben den Betreibern des Ökohofes Selz gab es fünf weitere Bewerber.

Hans Selz bekam den Zuschlag nicht. Damit hatten er und seine Familie nicht gerechnet. Sie fühlen sich ungerecht behandelt, erfüllten sie doch fast alle der erfragten Kriterien. Selz wirft der Kirche vor, nur nach dem Preis gegangen zu sein. »Da unsere Familie im Betrieb, wie es uns die Kirche vormacht, auch wirtschaftlich denken muss, haben wir das gleichermaßen gehandhabt. Sie kündigen uns, wir kündigen Ihnen«, heißt es in dem Schreiben an Landesbischöfin Ilse Junkermann, das »Glaube + Heimat« vorliegt.

Erntezeit: Kirchenland ist begehrt. Etwa drei Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in ­Mitteldeutschland gehört den evangelischen Kirchen. Die ­Verpachtung des Landes bringt Geld, aber manchmal auch ­Ärger. – Foto: ValentinValkov – stock.adobe.com

Erntezeit: Kirchenland ist begehrt. Etwa drei Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in ­Mitteldeutschland gehört den evangelischen Kirchen. Die ­Verpachtung des Landes bringt Geld, aber manchmal auch ­Ärger. – Foto: ValentinValkov – stock.adobe.com

Selz wirft der Kirche vor, im Verfahren befangen gewesen zu sein, habe doch jetzt ein Bewerber den Zuschlag erhalten, der zum einen mehr geboten habe, aber auch aktives Mitglied der Synode sei. »Wir denken, dass die Glaubwürdigkeit der Kirche enormen Schaden durch solches Tun erleidet«, heißt es in dem Schreiben.

Bernd Hänel, Amtsleiter des Kreiskirchenamtes Gotha und mit dem Fall betraut, hat Verständnis für die Enttäuschung. Dennoch stellt er fest, dass sich das Kreiskirchenamt klar an die Vergabekriterien gehalten habe. »Wenn ein Pachtvergabeverfahren eingeführt ist, dann ist eben ein Wettbewerb eröffnet«, so Hänel. Er schildert, dass sich unter den fünf Bewerbern zwei herausbildeten, Familie Selz und der neue Pächter. Nach allen Kriterien habe zwischen beiden, was die Voraussetzungen und auch das kirchliche Engagement anbelangt, Gleichstand geherrscht. Am Ende entschied der Preis. Das hat für Hänel nichts Anrüchiges: »Landwirte sind Wirtschaftsfachleute und sie wissen, dass der Preis entscheidet.«

Es werde darauf geachtet, dass ein Landwirt nicht mehr als 30 bis 40 Prozent Kirchenland bewirtschafte, so Hänel. Außerdem werde geprüft, ob sich für den unterlegenen Bieter eine existenzgefährdende Situation ergebe. Dies sei im Fall Selz eindeutig nicht der Fall. Das betont auch Konsistorialrat Diethard Brandt vom Dezernat Grundstücke der EKM. Er spricht von einer »ganz bitteren Erfahrung für alle Seiten«. Für Selz, der auf einen Teil seiner zu bewirtschafteten Fläche verzichten müsse, aber auch für die Kirche, die auf einen Schlag fünf engagierte Mitglieder verloren habe. Brandt widersprach der Darstellung, es läge hier Willkür seitens der Kirche vor. Es habe keine Kündigung und auch keine Wegnahme des Landes gegeben. Die Verlängerung oder auch Nichtverlängerung einer Pacht sei Teil eines ganz normalen Verfahrens, das als besonders fair prämiert wurde. So empfehle beispielsweise der Städtebund Sachsen-Anhalt das Pachtverfahren der EKM seinen Kommunen.

Das angewandte wettbewerbsoffene Verfahren soll dem fairen Wettbewerb dienen, die Wirtschaftlichkeit fördern, transparent und diskriminierungsfrei sein, Interessenkollisionen und Befangenheit ausschließen und effektiv sein. Bei der Begutachtung der Bewerber, so heißt es, »muss in besonderer Weise darauf geachtet werden, dass es bei der Pachtvergabe im Bereich der EKM nicht um die reine Optimierung der Vermögensverwaltung geht, sondern in welchem Umfang die sozialen und kirchlichen Gesichtspunkte ausgewogen Berücksichtigung gefunden haben«. Das bisherige Verfahren und auch die ab Oktober neu angewendeten Kriterien seien gerecht, dennoch existiere ein gewisser Grundkonflikt, so Brandt.

Die Kirche wird oft über ihre Flächen wahrgenommen. Es ist der Landbesitz, mit dem Gemeinden und Pfarreien ausgestattet sind. Sie prägen das Bild von Kirche unweigerlich, und das schon seit Jahrhunderten. »Grund und Boden sind uns anvertrautes Schöpfungsgut«, erklärt Diethard Brandt. »Deshalb darf man nicht nur nach dem Preis gehen, aber es geht auch nicht, dass Geld gar keine Rolle spiele«, so Brandt. Denn Fakt ist, dass circa zwölf Prozent der Ausgaben im landeskirchlichen Haushalt allein durch die Einnahmen aus kirchlichem Grundbesitz gedeckt werden. Ein Großteil dieser Einnahmen ist für die Personalkosten in der EKM bestimmt. Ein wichtiger Baustein, auf den die EKM angewiesen ist, und zwar stärker als andere Landeskirchen, deren Kirchensteuereinnahmen um ein Vielfaches höher sind als hierzulande.

Daraus ergibt sich, was auch der Konflikt mit Familie Selz andeutet: ein Spagat zwischen dem Auftrag der kirchlichen Verwaltung und der gesellschaftlichen Erwartung. Das Pachtverfahren der EKM hatte in seiner derzeitigen Form 25 Jahre Bestand. Die Landessynode hat es in einer Evaluation neu bewertet und verbessert. Im Oktober sollen die neuen Richtlinien in Kraft treten. Die Synodalen haben sich in ihrer Bewertung ganz klar gegen den Schutz von Altpächtern ausgesprochen.

Diana Steinbauer

Eine der aktivsten Kirchen

11. Juli 2017 von redaktionguh  
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Prominentes Mitglied: Barack Obama gehörte einer UCC-Gemeinde in Chicago an

Bei Kundgebungen in den USA gegen Maßnahmen und Vorhaben des republikanischen Präsidenten Donald Trump stehen die Chancen gut, dass man früher oder später auf Mitglieder einer UCC-Gemeinde trifft. Die 1957 durch den Zusammenschluss evangelisch-reformierter und kongregationalistischer Kirchen gegründete United Church of Christ (UCC), die Vereinigte Kirche Christi, gilt als eine der politisch und bürgerrechtlich »aktivsten« Kirchen der USA.

Die Kirche habe den Auftrag, »Leben zu verändern – im individuellen Bereich, in Systemen und weltweit«, heißt es in einem kirchlichen Grundsatzpapier. »Wir verpflichten uns zur Arbeit für Gerechtigkeit.« Bereits 1972 hat eine UCC-Gemeinde einen sich offen zu seiner Homosexualität bekennenden Pastor geweiht. 2005 sprach sich die Kirche für gleichgeschlechtliche Ehen aus.

Mitteldt-2017-27Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Ilse Junkermann, war zu Gast bei der UCC-Generalsynode in Baltimore im Bundesstaat Maryland. Die UCC ist seit 1980 Partnerkirche der Evangelischen Kirche der Union in Deutschland. Partnerkonferenz der EKM in der UCC ist die Central Atlantic Conference an der US-Ostküste im Raum Baltimore.

Auf der Tagesordnung stand ein Resolutionsentwurf, die UCC zu einer Willkommenskirche für Flüchtlinge und Migranten zu erklären. Ein weiterer Entwurf betonte das Engagement zur Bewahrung der Schöpfung. Noch nie hätten sich der Planet und das Klima so rapide verändert. Gläubige müssten »kühn und mutig« handeln, um die »größte moralische Herausforderung« der Weltgeschichte anzugehen.

Rückblick zur Generalsynode von Juni 2007, damals in Hartford in Connecticut: Ein Synodenredner sagte, Glaube sei für ihn eine »mächtige Motivationskraft«. Die Kirche sei auf dem »Weg, Werte ins politische Leben einzubringen«. Der Mann am Mikrofon hieß Barack Obama; er war ein junger Senator aus Illinois, der mehrere Monate zuvor angekündigt hatte, er kandidiere für das Amt des Präsidenten der USA.

Obama war Mitglied der Dreifaltigkeits-UCC-Gemeinde in Chicago. Zuvor sei er bei der Glaubensfrage Skeptiker gewesen, doch diese Gemeinde und deren Pastor hätten ihn zu Jesus Christus geführt. »Als ich unter dem Kreuz kniete, hörte ich, wie mich der Geist Gottes ansprach. Ich habe mich seinem Willen ausgeliefert.« So hat Barack Obama seine Glaubensentscheidung beschrieben.

Protestantische Kirchen in den USA kämpfen seit Jahrzehnten mit sinkenden Mitgliedszahlen. 1960 hatte die UCC 8 184 Gemeinden und 2,2 Millionen Mitglieder. Im Jahr 2016 waren es nach Kirchenangaben 5 032 Gemeinden und 914 000 Mitglieder. Mitgliedsschwund betrifft liberal eingestellte Kirchen, aber auch konservative. So verliert der konservative Südliche Baptistenverband, die größte protestantische Kirche, seit zehn Jahren kontinuierlich Mitglieder.

Stark gewachsen hingegen ist nach Angaben des Public Religion Research Institute in Washington der Anteil der Menschen ohne religiöse Bindung – von 7 Prozent im Jahr 1974 auf 25 Prozent im Jahr 2016. 39 Prozent der 18- bis 29-Jährigen hätten keine religiösen Bindungen.

Konrad Ege

www.ucc.org

Sieben und zwei macht eins

3. Juli 2017 von redaktionguh  
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Kirche in der Region: Nördlich von Zeitz wachsen zwei Gemeinden und sieben Kirchspiele zusammen zum nördlichen Zeitz, kurz »Nözz«. Ein Erfahrungsbericht.

Die Türme der 36 Kirchen sind nicht zu übersehen, seit Jahrhunderten prägen sie die Dörfer rund um Zeitz, und dennoch wuchs nach der Jahrtausendwende die Angst, ob die Kirche im Dorf bleibt oder unsichtbar wird. Weniger Mitglieder, weniger Pfarrstellen und doch so viel Arbeit, dass sie keine Gemeinde allein bewältigt, eigentlich nicht einmal ein Pfarrbereich.

Verlust und Angst standen am Anfang, doch daraus ist im Süden von Sachsen-Anhalt Neues und Mutmachendes entstanden. Vor zehn Jahren machten sich die Gemeinden auf den Weg, zu einer Region zusammenzuwachsen, zum »Nözz« – der Region nördliches Zeitz.

Formal-juristisch besteht die Struktur mit Pfarrer und Ortsgemeinde fort, es existieren weiterhin zwei eigenständige Gemeinden und sieben Kirchspiele und Kirchengemeindeverbände. Aber das Selbstverständnis hat sich gewandelt. Die zwei Pfarrstellen und die anderthalb Stellen für Gemeindepädagogen verteilen sich auf insgesamt fünf Hauptamtliche, hinzu kommt eine Vikarin. »Ich bin nicht der Pfarrer für Profen. Wir alle sind Mitarbeiter für die Region«, sagt Matthias Keilholz.

Gemeinsam reden, planen und essen: Zwei Mal im Jahr treffen sich Kirchenälteste und Hauptamtliche zum Regionalbeirat im »Nözz« – der kirchlichen Region nördliches Zeitz (Kirchenkreis Naumburg-Zeitz). – Foto: privat

Gemeinsam reden, planen und essen: Zwei Mal im Jahr treffen sich Kirchenälteste und Hauptamtliche zum Regionalbeirat im »Nözz« – der kirchlichen Region nördliches Zeitz (Kirchenkreis Naumburg-Zeitz). – Foto: privat

Wo die Zusammenarbeit früher auf Zuruf geschah, wird nun strukturiert die Arbeit geteilt. Pfarrer Keilholz, die ordinierten Gemeindepädagogen Friederike und Johannes Rohr sowie die Gemeindepädagogen Georg Frick und Katrin Lange sind in allen Orten und Gruppen unterwegs, sie sind in der Region präsent, kennen sich aus, können sich so im Fall von Urlaub und Krankheit besser vertreten.

Das »Nözz« ist in fünf Gemeinschaften unterteilt, in denen jeden Sonntag Gottesdienst gefeiert wird – die Orte und Prediger wechseln sich ab. Keiner der insgesamt 2 500 Christen der Region soll mehr als zehn Kilometer zum nächsten Gottesdienst fahren müssen. »Manche fahren in den Nachbarort, andere nicht«, sagt Pfarrer Keilholz. Es gelingt nicht immer, das Kirchturmdenken zu durchbrechen. Das ist Arbeit für eine Generation.

Der Basis ist nichts übergestülpt worden: Im Gegenteil. »Die Gemeinden haben damals das Problem erkannt und wussten, dass sie handeln müssen«, sagt Daniel Thieme, Mitarbeiter für Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis Naumburg-Zeitz. Als das Vorhaben »Nözz« als Modellprojekt der Landeskirche startete, stimmten die Gemeindekirchenräte zu. In einem Beschluss legten sie fest, nach innen und außen als eine Region aufzutreten. Zwei Mal jährlich treffen sich die Kirchenältesten und Hauptamtlichen zum Regionalbeirat. Hier planen sie das Jahr und tauschen sich aus, etwa über ihre Haltung zum Abendmahl mit Kindern oder ob die Kirchen auch für weltliche Trauerfeiern offen sein sollten. Auch der Regionalkonvent mit den Christen aus Zeitz ist seit Jahren eine feste Größe. Das »Nözz« gibt einen gemeinsamen Gemeindebrief heraus, betreibt eine Homepage, organisiert Kirchentage oder besondere Gottesdienste. Nach zehn Jahren, bilanziert Pfarrer Keilholz, verstehe sich die Region tatsächlich als Region. Die Christen zwischen Rathewitz und Langendorf, Muschwitz und Gleina erleben, dass kirchliches Leben im Dorf angeboten wird: Gottesdienste und Musik, Konfi-Arbeit, Angebote für Kinder und Jugendliche, Seniorentreff und Bibelgespräch. »Eigentlich sind wir nun sogar mehr Hauptamtliche als in der klassischen parochialen Struktur«, sagt Pfarrer Keilholz.

Die Region hat aber ihre Tücken: Nach wie vor wohnt der Pfarrer, wohnt die Gemeindepädagogin an einem Ort, bekommt nur dort den Alltag mit. Die Wege sind lang, der Kontakt zu den Mitarbeitern weniger direkt und auch rechtlich ist das »Nözz« nicht eins. Als das Ehepaar Rohr in Hohenmölsen eingestellt wurde, war im Auswahl- und Bewerbungsprozess nur das dortige Kirchspiel beteiligt. Nicht alles ist zu Ende gedacht, an manchem gibt es Kritik und vieles muss sich noch entwickeln. Trotzdem sagt Pfarrer Keilholz: »Es gibt keine Form, wie es anders laufen könnte.«

Katja Schmidtke

Peinliche Zahlenkosmetik

24. Juni 2017 von redaktionguh  
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Kirchentage auf dem Weg: Wurden kritische Stimmen im Vorfeld ignoriert?

Die einen sagen nichts, die anderen wissen nichts und die nächsten sind noch nicht so weit. Dass die Kirchentage auf dem Weg viel weniger Besucher hatten als erwartet, können auch die größten Kirchenoptimisten nicht bestreiten. Landeskirchen, die Länder und Kommunen haben Millionen Euro bereitgestellt. Mit der Analyse und der Bilanz tut man sich bei den Veranstaltern allerdings schwer.

Erst spät habe sich ablesen lassen, dass weniger zahlende Kirchentags-Besucher kommen als erwartet, antwortet auf Nachfrage Ulrich Schneider, Geschäftsführer des Veranstalters »r2017«. Die Resonanz auf Aufrufe und Veranstaltungen im Vorfeld wie etwa den Bibelweltrekord in Magdeburg mit mehr als 400 Teilnehmern, haben eher das Gegenteil vermuten lassen, so Schneider. Er spricht von einer »insgesamt sehr positiven Stimmung und Begeisterung«.

Mitteldt-2017-25

In Zahlen belegen lässt sich das nicht. Zehn Millionen Euro habe man für die Kirchentage auf dem Weg veranschlagt, sagt Ulrich Schneider. Er rechne nicht mit einem Defizit.

Matthias Sengewald, Vorsitzender des Landesausschusses des Deutschen Evangelischen Kirchentags in Mitteldeutschland, kann da nur mit dem Kopf schütteln. Von Anfang an habe man darauf hingewiesen, dass die prognostizierten Besucherzahlen unrealistisch seien. Sechs Kirchentage in acht Städten neben dem Kirchentag in Berlin, noch dazu in einem entkirchlichten Gebiet, das werde ganz schwierig, wusste Sengewald vorher. Leider wurden die Bedenken nicht gehört.

Der Weimarer Superintendent Henrich Herbst kritisiert die »undurchschaubare und unzureichende« Informationsstrategie des Trägervereins: »Die durch die Veranstalter gemeldeten hohen Teilnehmerzahlen waren uns vor Ort sehr peinlich, denn sie entsprachen nicht unserer Einschätzung.« Überhaupt sei das Vorhaben als zu sehr von außen aufgesetzt erlebt worden.

Eine endgültige finanzielle Abrechnung des Himmelfahrtwochenendes ist noch nicht erstellt. Sie soll in einem Monat vorliegen, wenn auch die ausstehenden Rückläufe aus den Vorverkaufsstellen vorlägen. Insgesamt seien die Kirchentage auf dem Weg je zu einem Drittel aus kirchlichen und staatlichen Mitteln und aus Eigenmitteln, wie Sponsoring und Teilnehmerbeiträgen, finanziert. Fest steht: Bei einem Minus müsste »r2017« als Durchführungsverein das Defizit tragen. Aber niedrigere Einnahmen aus Ticketerlösen stünden auch niedrigeren Ausgaben, zum Beispiel für Übernachtungen oder Verkehrsverbundtickets, gegenüber, sagt Ulrich Schneider. »Insofern wird sich ein Defizit in Grenzen halten. Die Finanzierungsstruktur bleibt erhalten.«

Die öffentlichen Geldgeber werden ihre Zuschüsse im Falle eines Defizits jedenfalls nicht aufstocken. »Eine Erhöhung der vereinbarten Zuschüsse des Landes ist nicht möglich«, teilt Rainer Metke, stellvertretender Regierungssprecher in Magdeburg, mit. Sachsen-Anhalt hat das Reformationsjubiläum großzügig unterstützt und zwei Millionen Euro für r2017-Projekte wie die Kirchentage auf dem Weg in Halle, Magdeburg und Dessau-Roßlau überwiesen. Dazu gab es eine Menge Hilfe im Umfeld von Festgottesdienst und Weltausstellung: Logistik, Verkehr, Polizei etc. In Thüringen will man erst einmal die Abrechnung der Veranstalter abwarten.

Kritik wie aus der Leipziger Stadtverwaltung, die »r2017« eine signifikante Fehleinschätzung hinsichtlich der realen Besucherpotenziale bescheinigte, ist aus Magdeburg und Halle nicht zu hören. Mit knapp einer Million Euro hatte Leipzig den Kirchentag unterstützt. Die Landeshauptstadt Magdeburg hat 300 000 Euro in den Haushalt eingestellt. Mit den Veranstaltern habe man vertrauensvoll zusammengearbeitet, heißt es aus dem Büro des Oberbürgermeisters. Auch die Stadt Halle ist voll des Lobes. Der Kirchentag sei gelungen, sagt Judith Marquardt, Beigeordnete für Kultur und Sport, und beruft sich auf die Zahlen des Kirchenkreises, wonach 20 000 Menschen den Kirchentag in Halle besucht haben. Mehrfachzählungen sind jedoch inbegriffen.

Katja Schmidtke, Willi Wild

Diakoniechef geht in Rente

16. Juni 2017 von redaktionguh  
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Bilanz: Im Juli geht der Gründungsvorsitzende der Diakonie Mitteldeutschland, Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg, in den Ruhestand. Mirjam Petermann hat mit ihm gesprochen.

Herr Grüneberg, wissen Sie schon, wie Ihr Ruhestand aussehen wird?
Grüneberg:
Ich will den Übergang nicht leichtnehmen. Demzufolge werde ich eine längere Wanderung machen. Auf der einen Seite, um Abstand zu gewinnen, und auf der anderen Seite, um den nächsten Lebensabschnitt ein bisschen klarer zu sehen.

Wohin geht es?
Grüneberg:
Von der Wartburg nach Assisi. Dieser Gedanke ist mir zum 800-jährigen Jubiläum der heiligen Elisabeth gekommen, die sehr durch das Armutsideal der Franziskaner am Fuße der Wartburg beeinflusst war.

Seltener Moment: Bald hat Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg mehr Zeit, seinen Garten, »den schönsten Ort in Eisenach«, zu genießen. Am 16. Juni wird der Diakoniechef in den Ruhestand verabschiedet. Foto: Mirjam Petermann

Seltener Moment: Bald hat Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg mehr Zeit, seinen Garten, »den schönsten Ort in Eisenach«, zu genießen. Am 16. Juni wird der Diakoniechef in den Ruhestand verabschiedet. Foto: Mirjam Petermann

Haben Sie auch schon Pläne für die Zeit nach Ihrer Rückkehr?
Grüneberg:
Ich bin im Jazzclub Eisenach momentan eher ein passives Mitglied. Das kann ich jetzt ändern.Dann werde ich mich stärker um meine Enkelkinder und meine beiden Söhne kümmern. Außerdem habe ich in den letzten Jahren Haus, Garten und Wald ein bisschen vernachlässigt. Und mich haben zwei Einrichtungen gefragt, ob ich in Zukunft in ihren Gremien mitarbeiten könnte. Das werde ich gerne machen. Dann ist es aber erstmal genug.

Hatten Sie Zweifel, als Sie 1999 gefragt wurden, das Amt zu übernehmen?
Grüneberg:
Ich bin da nicht einer, der in sich geht und dann überlegt, ob er das kann oder nicht. Ich habe eher gedacht: Wenn die denken, ich kann das, dann sage ich: Okay, ich probiere es.

Gab es Momente, in denen Sie die Entscheidung bereut haben?
Grüneberg:
Nein. Es ist ja nicht nur eine anstrengende, sondern auch eine interessante Arbeit. Praktisch ist kein Arbeitstag wie der andere. Man muss nur ruhig bleiben und darf sich nicht verrückt machen lassen. Ich habe eher ein ruhigeres Gemüt, das hat mir sehr geholfen.

Wie lautet Ihre persönliche Bilanz Ihrer Arbeit als Diakoniechef?
Grüneberg:
Diese 17 Jahre waren wie ein Lernprogramm für mich. Es gab jeden Tag etwas Neues zu verstehen. Die wichtigste und zugleich anstrengendste Phase war die Fusion der drei diakonischen Werke zur Diakonie Mitteldeutschland. Darüber stand immer die Frage: Wird es sich lohnen?

Heute kann ich mit Abstand sagen, die Entscheidung war richtig. Das Ziel, die Diakonie Mitteldeutschland strategisch für die Zukunft gut aufzustellen und als sozialpolitischer Akteur stärker wahrnehmbar zu machen, wurde erreicht.

War Ihre Amtszeit erfolgreich?
Grüneberg:
Zu sagen, wie erfolgreich oder wie erfolglos so eine Tätigkeit ist, ist schwierig. Wir haben bestimmte Themen in die Öffentlichkeit gebracht, zum Beispiel das Thema Armut. Das wurde auch von politischer Seite eher distanziert aufgenommen. Aber im Laufe der Jahre ist das in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Was hat Sie noch beschäftigt?
Grüneberg:
Das Thema Pflege. Dabei hat sich der Fokus verändert. Am Anfang stand die Anerkennung unserer diakonischen Tarife. Werden die Menschen gut bezahlt? Stimmt die Qualität? Heute fragen wir uns, ob wir in der Pflege überhaupt noch gute Arbeitskräfte finden werden. Es sind immer dieselben Themen, aber im Grunde genommen verändern sich die Akzente. Das heißt, man ist mit bestimmten Dingen eigentlich nie fertig.

Ist dieser Zustand nicht unbefriedigend?
Grüneberg:
Nein, man muss sich den Aufgaben stellen, die jetzt aktuell sind. Aber in dem Bewusstsein, dass man nicht zu einer endgültigen Lösung kommen wird. Mit einer sich verändernden Gesellschaft verändern sich in bestimmten Bereichen auch immer die Fragestellungen.

Kann die Diakonie mit dem christlichen Ansatz andere Antworten geben?
Grüneberg:
Ich glaube schon. Es ist einfach etwas anderes, wenn man bestimmte Handlungsweisen von seinem Glauben her ableitet. Wenn es in der Gesellschaft aber nur noch Stimmen gibt, die Themen ökonomisch, rational oder angstbesetzt betrachten, dann gibt es ganz andere Antworten. Hier merkt man, dass die Stimmen der Kirchen unentbehrlich sind, um ethische und christliche Werte in der Gesellschaft lebendig zu halten.

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger Christoph Stolte?
Grüneberg:
Die Erfahrung lehrt, dass die Kulturen in den unterschiedlichen Bundesländern sehr verschieden sind und man sich darauf einstellen muss. Ich wünsche ihm, dass ihm das gelingt. Und dass er in seiner Arbeit Erfüllung findet und seine eigenen Impulse setzen kann.

www.diakonie-mitteldeutschland.de

Die Altäre von Kemberg

12. Juni 2017 von redaktionguh  
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Der Cranach-Altar in der Kleinstadt nahe Wittenberg fiel vor 23 Jahren einem Brand zum Opfer. Bis heute schwelt der Streit über den Umgang mit dem zerstörten Kulturgut.

Kirchenkonservatorin Bettina Seyderhelm erinnert sich genau an jenen Novembertag 1994. Ein Schwelbrand hatte in der Stadtkirche zu Kemberg gewütet. Mitten im Chaos der Zerstörung lag wie ein »großer gefallener Vogel« der Altar von Lucas Cranach dem Jüngeren. Zwei Drittel des Kunstwerks von 1565 waren unwiederbringlich verloren. Verbrannt. Verkohlt. Verrußt.

Auch Walter Neumann erinnert sich. Der Elektromeister war damals stellvertretender Bürgermeister, vom Stadtrat eilte er zur Kirche. »Mir war sofort klar, da müssen wir etwas tun«, sagt er. Etwas tun – doch wie? In Kemberg beschritt man verschiedene Wege. »Die Kopie eines so hochrangigen Kunstwerks nach Fotografien ist nicht nur wegen der fehlenden genauen Vorlagen unmöglich, sondern auch, weil kaum jemand die feine Technik der Cranach’schen Malerei beherrscht«, erklärt Bettina Seyderhelm. Der Gemeindekirchenrat schließt sich dieser Ansicht an und beauftragt nach einem Wettbewerb den renommierten Künstler Arnulf Rainer. Er schafft ein Altarkreuz; Günter Grohs dazu korrespondierende Fenster. »Wir haben lange diskutiert und öffentlich, transparent und demokratisch entschieden«, fasst Kirchenältester Dieter Schröter zusammen.

Zankapfel: Eine Kopie (rechts) des 1994 nahezu vollständig verbrannten Cranach-Altars (links) in Kemberg, Kirchenkreis Wittenberg. Foto/Repro: Thomas Klitzsch

Zankapfel: Eine Kopie (rechts) des 1994 nahezu vollständig verbrannten Cranach-Altars (links) in Kemberg, Kirchenkreis Wittenberg. Foto/Repro: Thomas Klitzsch

Auch wenn Walter Neumann mit in der Jury für die Neugestaltung des Altarraums sitzt, wählt er einen anderen Weg. 2010 – da ist der Chorraum seit acht Jahren neu – tritt er mit einer Gruppe anderer Handwerker in die Öffentlichkeit: Sie wollen den Cranach-Altar wie Phönix aus der Asche auferstehen lassen. Die Eisleber Künstlerin Mariana Lepadus, die in Rumänien Kirchenmalerei studierte und sich der Ikonenmalerei verschrieben hat, wagt sich an das Projekt. Mehr als 100 Menschen spenden, 74 000 Euro kommen zusammen.

Gemeindekirchenrat, Kirchenkonservatorin Seyderhelm und Superintendent Christian Beuchel distanzieren sich von dem Vorhaben. Die Nachbildung soll nicht in der Kirche ausgestellt werden. Kirchenältester Dieter Schröter: »Erstens: Wir haben uns für eine Neugestaltung des Altarraums entschieden und mit Arnulf Rainer einen großen Künstler gewinnen können. Zweitens: In der Sakristei können die erhaltenen Reste des Cranachs besichtigt werden. Drittens: Eine Kopie des Originals kann es nicht geben.« Mehrfach ist dieses Nein schriftlich protokolliert, betont Bettina Seyderhelm. Die Handwerker können oder wollen sich daran nicht erinnern.

Als Standort für die Nachbildung bietet sich der Kirchturm an, der sich in städtischem Eigentum befindet und Ausstellungsort ist. Das gehe aus versicherungstechnischen und klimatischen Gründen nicht, entgegnet Neumann. »Wir haben geglaubt, dass sich in der riesigen Kirche doch ein Platz finden muss«, sagt er. Auch die Spender hegen diese Hoffnung. Die Kirchengemeinde erklärt sich bereit, das Werk von Mariana Lepadus im Mai einige Tage in der Stadtkirche zu zeigen. Zur Präsentation sei die Kirche fast bis auf den letzten Platz gefüllt gewesen, 300 Menschen hätten sich mit ihrer Unterschrift für den Verbleib ausgesprochen, so Neumann.

Doch inzwischen ist der Altar verabredungsgemäß wieder abgebaut, auch der Bericht der Bild-Zeitung »Altar-Skandal in Kemberg« ändert daran nichts. Die Stimmung in der Stadt ist schlecht. Pfarrer und Kirchenälteste werden überall angesprochen. Der öffentliche Druck wächst. Es heißt, der Ministerpräsident wolle sich einschalten. Am 15. Juni – nach Redaktionsschluss dieser Zeitung – wollen Kirchenkonservatorin Seyderhelm und Superintendent Beuchel zunächst mit der Gemeinde und dann mit den Initiatoren der Altar-Kopie ins Gespräch kommen. Nicht zum ersten Mal.

Katja Schmidtke

In Stotternheim schlug es ein

5. Juni 2017 von redaktionguh  
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Schöne Legende, triste Wirklichkeit: Der Kirchentag auf dem Weg macht Station in Stotternheim. Wurde hier Weltgeschichte geschrieben? Es sieht zumindest nicht danach aus.

Schon die Anfahrt gestaltet sich holprig. Der Luthersteinweg ist eine staubige Piste. Er führt vom Bahnhof des Fleckens Stotternheim zur Deponie leicht bergan. Rechts und links blinkt das Blau von Baggerseen. Mit großen rostigen Maschinen wird geschürft. Leise rieselt der Kies vom Förderband.

Dort, wo der Weg auf die alte, inzwischen abgedeckte Müllhalde der Thüringer Landeshauptstadt Erfurt trifft, biegt er scharf ab. An der Ecke steht der rote Stein. Dahinter ein Bratwurstrost, Tische für den Getränkeverkauf und für Broschüren, die vom Ort erzählen. Eine mobile Bühne, im Halbkreis ein Posaunenchor und Bierbänke, die mit über hundert Menschen besetzt sind. Einheimische sind gekommen und der Kirchenchor, dazu Leute aus der Stadt. Einige tragen den orangefarbenen Schal des Kirchentags.

Der Erfurter Kirchentag auf dem Weg macht Station in Stotternheim. »Geblitzt«, heißt hier einer von mehr als 200 Programmpunkten. Er erinnert daran, dass hier vor über 500 Jahren Weltgeschichte geschrieben wurde – zumindest wenn man denen glaubt, die später alles notierten. Die Legende geht so: Auf dem Weg von Mansfeld nach Erfurt gerät der Jura-
student Martin Luther in ein Unwetter. Neben ihm schlägt ein Blitz ein. Voller Angst fleht der junge Mann: »Hilf du, Sankt Anna.« Und er verspricht: »Ich will ein Mönch werden.« Genau so steht es seit 1917 in weißer Schrift auf dem großen roten Stein. »Geweihte Erde« auch und »Werdepunkt der Reformation«.

Ganz sicher ist die Sache mit dem Blitz nicht, wohl aber das Mönchsein. Zwei Wochen nach dem Gewitter, am 17. Juli 1505, klopft der 21-jährige Lu-ther an die Pforte des Erfurter Augustinerklosters. Er bleibt, mit Unterbrechungen, bis 1511, dem Jahr seines endgültigen Umzugs nach Wittenberg.

Ob zu Fuß oder per Tandem: Kirchentagsbesucher in Erfurt wollten Luthers Wege gehen und machten sich – wie einst der Reformator – vom Lutherstein in Stotternheim auf zum Augustinerkloster. Foto: Matthias F. Schmidt

Ob zu Fuß oder per Tandem: Kirchentagsbesucher in Erfurt wollten Luthers Wege gehen und machten sich – wie einst der Reformator – vom Lutherstein in Stotternheim auf zum Augustinerkloster. Foto: Matthias F. Schmidt

Blitz hin oder her, eine – wie auch immer – geartete Krise muss Luther gehabt haben. Da sind sich die Redner des kleinen Festaktes, der Erfurter Senior Matthias Rein, Stotternheims Pfarrer Jan Redeker und die Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, gemeinsam sicher. Wichtig sei, dass er sich auf den Weg machte – zu seinem Glauben und zu sich selbst.

So sind denn auch die Gäste eingeladen, den Weg nach Erfurt zurück unter die Füße zu nehmen. Zwei Routen sind im Angebot: Die östliche, zwölf Kilometer lang, führt über freies Feld hinter dem Autobahnring der Landeshauptstadt bis zum Ringelberg und von dort geradeaus bis zum Augustinerkloster. Die westliche, sechs Kilometer länger, führt durch Stotternheim und Mittelhausen bis zur Gera. Immer am Flussufer entlang, ist auch hier das Kloster das Pilgerziel.

Der Schatten der Flussauen scheint anziehender zu sein. Zumindest an der ersten Zwischenstation, St. Peter und Paul in Stotternheim, lassen sich 60 Männer, Frauen und auch ein paar Kinder die 1704 erbaute Barockkirche zeigen. Mit den neuen Glasfenstern des Künstlers Gert Weber präsentiert sich das Gotteshaus schlicht und anspruchsvoll zugleich.

Ginge das nicht auch am »Werdepunkt der Reformation«? Der Kirchenälteste Karl-Eckhard Hahn bittet um Geduld und Nachsicht. Es habe sich schon viel verändert. Bald würden die jungen Bäume zur grünen Kirche he­rangewachsen sein. Noch im Sommer will die Gemeinde am Lutherstein einen Steinaltar errichten. Und irgendwann muss ja auch mal der Kies im See komplett abgebaut sein.

Dirk Löhr (epd)

Unter Gottes freiem Himmel

24. Mai 2017 von redaktionguh  
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Wittenberg: So wird das Festwochenende zum Abschluss der Kirchentage

Am Sonntag feiern Menschen aus aller Welt den Festgottesdienst des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentags vor den Toren Wittenbergs auf den Elbwiesen bei Pratau. Für viele ist es der Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 500. Reformationsjubiläum in diesem Jahr. Dazu werden die Besucher der sechs regionalen Kirchentage auf dem Weg in Mitteldeutschland und des zentralen Protestantentreffens in Berlin zum Ausgangspunkt der Reformation in der Lutherstadt erwartet.

Bereits am Samstagabend gibt es einen Predigt-Slam auf der Bühne vor der Schlosskirche (18.30 Uhr), um 21 Uhr beginnt das Programm auf den Elbwiesen südlich der Altstadt mit der »Nacht der Lichter«. Das Gebet zum Sonnenuntergang feiern die Besucher mit der Gemeinschaft von Taizé. Wer möchte, kann im Anschluss auf der Wiese unter freiem Himmel übernachten. Zelte und Gepäckstücke sind aus Sicherheitsgründen nicht zugelassen.

Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) präsentiert sich in Wittenberg mit wechselnden Ausstellungen und Präsentationen aus den Kirchenkreisen im Bugenhagenhaus direkt hinter der Stadtkirche St. Marien. Zum Festwochenende ist dort die Ausstellung »500 Kirchen. 500 Ideen – Querdenker für Thüringen« zu sehen. – Foto: Willi Wild

Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) präsentiert sich in Wittenberg mit wechselnden Ausstellungen und Präsentationen aus den Kirchenkreisen im Bugenhagenhaus direkt hinter der Stadtkirche St. Marien. Zum Festwochenende ist dort die Ausstellung »500 Kirchen. 500 Ideen – Querdenker für Thüringen« zu sehen. – Foto: Willi Wild

Der Sonntag beginnt um 4.30 Uhr mit einer Andacht zum Sonnenaufgang (5.19 Uhr). Für 12 Uhr ist der Abendmahlsgottesdienst unter dem Titel »Von Angesicht zu Angesicht« angesetzt. Im Mittelpunkt steht die Bibelstelle 1. Korinther 13. Predigen wird der südafrikanische Erzbischof Thabo Makgoba.

Im Anschluss (13.30 Uhr) werden Grußworte von Politikern wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD), Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) und Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör (parteilos) sowie kirchlicherseits von Magdeburgs Bischof Gerhard Feige erwartet, der auch den Vorsitz der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz innehat.

Zu einem Reformationspicknick ab 14.30 Uhr laden rund 600 Gemeinden ein. Nach 16.30 Uhr mündet das gemeinsame Essen und Trinken in das Konzert »Live 17« mit Künstlern wie Konstantin Wecker, »Bell Book and Candle«, Judy Bailey und CITY.

Sonderzüge mit einem Fassungsvermögen von je 900 Passagieren fahren aus Berlin, Leipzig und Magdeburg im 10- bis 15-Minuten-Takt. Für Reisebusse, Pkw und Fahrräder sind Parkplätze mit einem Shuttle-Service zur Festwiese geschaffen. Im Falle eines schweren Unwetters würde das Festprogramm abgesagt.

Die Kirchenzeitung finden Sie im Bugenhagenhaus hinter der Stadtkirche St. Marien oder im Mediencafé in der Neustraße 10 gegenüber der Geschäftsstelle vom Trägerverein r2017.

(epd/G+H)

Ideen aus den Kirchenkreisen

22. Mai 2017 von redaktionguh  
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Bugenhagenhaus: EKM auf der »Weltausstellung Reformation«

Mit Ausstellungen, Vorträgen und Filmvorführungen ist auch die Evangelische Kirche Mitteldeutschlands auf der »Weltausstellung Reformation« präsent. Vom
20. Mai bis 10. September sind Kirchenkreise und Werke der EKM Teil des Reformationssommers, sagte Adelheid Ebel vom EKM-Projektbüro Reformationsjubiläum in Wittenberg. Im Bugenhagenhaus neben der Stadtkirche stellt sich die Landeskirche vor.

»Die Idee eines Ausstellungsorts für die EKM geht auf Propst Siegfried Kasparick zurück«, erinnert Adelheid Ebel an den im vergangenen Jahr verstorbenen Ökumene- und Reformationsbeauftragten der mitteldeutschen Landeskirche. Gemeinsam mit Christiane Schulz, Leiterin der landeskirchlichen Geschäftsstelle für die Lutherdekade, hat Adelheid Ebel diese Idee umgesetzt. Das Programm ist angelehnt an die 16 Themenwochen der »Weltausstellung Reformation«, die mittwochs beginnen und bis Montag dauern; dienstags ist die Weltausstellung geschlossen.

Adelheid Ebel, EKM-Projektbüro Reformationsjubiläum im Bugenhagenhaus. Foto: Thomas Klitzsch

Adelheid Ebel, EKM-Projektbüro Reformationsjubiläum im Bugenhagenhaus. Foto: Thomas Klitzsch

Den Auftakt in der Festwoche vom 20. bis 29. Mai macht die von Landesbischöfin Ilse Junkermann zum Reformationsjubiläum angestoßene Initiative »Offene Kirche« sowie das Querdenker-Projekt von Kirche und Internationaler Bauausstellung in Thüringen. In der sich anschließenden Europa-Woche rücken die Beziehungen der EKM zu ihren europäischen Partnern in den Fokus. In der Ökumene-Woche ab 7. Juni präsentiert sich das Lothar-Kreyssig-Ökumene-Zen­trum, und der Kirchenkreis Bad Liebenwerda wird schildern, wie Ökumene im Elbe-Elster-Land gelebt wird. Mitte August heißt die Themenwoche »Bibel und Bild«: Dann werden im Bugenhagenhaus der Kirchenkreis Weimar mit seiner Kinderbibel, die Kunstgutbeauftragte der EKM und die Kirchliche Stiftung Kunst- und Kulturgut in der Kirchenprovinz Sachsen das Programm gestalten. In den Blick genommen werden dabei Kinderbilder des Reformationszeitalters.

Auch die Evangelischen Frauen, die Evangelische Erwachsenenbildung, die Schulstiftung, viele Kirchenkreise aus Nord und Süd sowie die Erprobungsräume stellen sich im Verlauf der Weltausstellung im Bugenhagenhaus vor. »Die vielen Ideen zeugen von der Fülle unserer Landeskirche«, freut sich Adelheid Ebel über die Vielfalt der kommenden Wochen.

Katja Schmidtke

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