Christlich-jüdischer Dialog: EKM vergibt erstmals Werner-Sylten-Preis

22. Januar 2018 von redaktionguh  
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Foto: Paul-Philipp Braun

Foto: Paul-Philipp Braun

Der Werner-Sylten-Preis für besondere Anstrengungen im christlich-jüdischen Dialog ist zum ersten Mal verliehen worden. Preisträger der mit je 750 Euro dotieren Auszeichnung sind die Evangelische Schulstiftung in Mitteldeutschland und der »Arbeitskreis gegen das Vergessen« aus Bibra (Kirchenkreis Meiningen).

Das ausgezeichnete Programm der Schulstiftung widmet sich der Frage, wie christlich-jüdischer Dialog auf Schulebene aussehen kann. Der Arbeitskreis in Bibra hat es sich zur Aufgabe gemacht, jüdisches Leben im Dorf zu entdecken, der Opfer zu gedenken und Begegnung zu fördern. (v. l. n. r.) Lehrer Jürgen Junker und die Schüler des Evangelischen Ratsgymnasiums in Erfurt Justin, Henriette, Lucca; der Arbeitskreis aus Bibra: Hartwig Floßmann, Dagmar Winkel, Karl Stockmann, Mimi Floßmann, Pfarrer Michael Schlauraff.

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Tilly geht stiften

15. Januar 2018 von redaktionguh  
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Weltgebetstag: Wenn Tilly Pape ihre fünfjährige Enkelin besucht, dann hört man derzeit oftmals recht schnell den Hilferuf der Kleinen: »Papa, die gehen aber noch!« Woraufhin der Vater seine Mutter Tilly leicht zweifelnd ansieht.

Bis vor gut zwei Monaten trug Tilly Pape nur Titel wie Oma, Geschäftsführerin der Nordthüringer Lebenshilfe, Kreiskirchenratsmitglied, Nordhäuser Stadträtin oder vielfach auch Aufsichtsratsvorsitzende. Nun ist sie als »Tilly der Stifteschreck« in aller Munde. Und diesen Ehrentitelhat sie sich redlich verdient.

Gestiftet: Aus alten Stiften wird Schulmaterial für syrische Mädchen in einem libanesischen Flüchtlingscamp. Im Bild: Tilly Pape und Kathrin Schwarze, die die Aktion für den Kirchenkreis organisiert, bei der »Ernte«. Fotos (2): Regina Englert

Gestiftet: Aus alten Stiften wird Schulmaterial für syrische Mädchen in einem libanesischen Flüchtlingscamp. Im Bild: Tilly Pape und Kathrin Schwarze, die die Aktion für den Kirchenkreis organisiert, bei der »Ernte«. Fotos (2): Regina Englert

Von Anfang an war die energiegeladene Frau von der Aktion des deutschen Weltgebetstagskomitees »Stifte machen Mädchen stark« fasziniert. Das Ziel dieses Projekts ist es, mit jeweils 450 leeren gesammelten Stiften ein syrisches Mädchen in einem libanesischen Flüchtlingscamp mit Schulmaterial zu versorgen. Die Stifte werden recycelt und pro Stift wird der Aktion 1 Cent gutgeschrieben.

Recycling ist genau Papes Ding. In der Nordthüringer Lebenshilfe sieht sie täglich, wie Menschen aus dem ganzen Landkreis in die Werkstätten kommen und ihre Elektrogeräte zum Recycling abgeben. Dass nun mit recycelten leeren Stiften so viel Gutes getan werden kann, hat sie schon fast naturgemäß begeistert. Recycling und Bildung, diese Kombination konnte nicht an ihr vorübergehen.

Tilly Pape wurde aktiv. In allen Aufsichtsräten, in denen sie ehrenamtlich tätig ist, warb sie für dieses Projekt. Sie telefonierte, führte immer wieder persönliche Gespräche und ging an keinem Büro vorbei, ohne prüfend auf den Schreibtisch zu blicken. Und so sammelten auf ihre Anregung hin das Südharz Klinikum, die Stadtwerke, die SWG (Städtische Wohnungsbaugesellschaft Nordhausen). Bettina Wolter und Christa Biesenbach unterstützten sie privat mit Sammlungen und auch Thomas Müller vom Schulamt aktivierte seine Schulen.

Das Ergebnis von großartigen 50 Kilogramm konnte Tilly Pape an Kathrin Schwarze übergeben, die als stellvertretende Delegierte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) beim Weltgebetstags-Komitee die Sammlung im Kirchenkreis Südharz übernommen hat. Zwei riesige Kartons gehen nun auf die Reise. Damit wurden im Kirchenkreis Südharz bisher 140 Kilogramm gesammelt. Das ist eine tolle Leistung und an vielen Stellen geht die Sammlung bis zum nächsten Weltgebetstag Anfang März weiter.

Für Tilly Pape ist jetzt erst einmal Schluss. Ob sie’s wirklich lassen kann, das sehen Sie, wenn sie demnächst an Ihrem Schreibtisch vorbeikommt.

Regina Englert

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Du sollst den Feiertag heiligen

8. Januar 2018 von redaktionguh  
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Ruhetag: Für viele ist der Sonntag ein Werktag wie jeder andere. Dies birgt jedoch Risiken. Eine Initiative, der auch die Kirchen angehören, setzt sich für den Sonntagsschutz ein.

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde« – so lesen wir es in der Bibel gleich im ersten Satz. Die Schilderung des göttlichen Handelns in den danach folgenden Versen unternimmt den Versuch, die gesamte wahrnehmbare Welt als Schöpfungswerk des einen Gottes zu verstehen. Und vollendet wird dies Schöpfungswerk am siebten Tag, von dem es heißt: dass Gott »ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.«

Für das dritte der zehn Gebote – wir kennen es in der Formulierung: du sollst den Feiertag heiligen – wird in seiner Begründung Bezug genommen auf das Ruhen Gottes am siebten Tag. »Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der Herr den Sabbattag und heiligte ihn.« (Ex 20,9-11)

Die Erinnerung an das Schöpfungswerk Gottes durch die Ruhe des siebten Tages, sie soll uns in unserer eigenen Existenz mit ihrem Tun und Lassen vor Augen stellen, dass gerade auch im Lassen Bezug genommen wird auf unser Sein vor Gott. Oder vielleicht mit etwas weniger Pathos: gerade im Lassen wird die Reflexion unserer eigenen Identität erst ermöglicht.

Ohne Sonntag gibt es nur noch Werktage: Die gleichlautende EKD-Kampagne 1999 fand in der Geschäftswelt keinen großen Widerhall. Foto: epd-bild

Ohne Sonntag gibt es nur noch Werktage: Die gleichlautende EKD-Kampagne 1999 fand in der Geschäftswelt keinen großen Widerhall. Foto: epd-bild

Bemerkenswert an der Begründung des dritten Gebotes ist nicht nur der Umstand an sich, dass wir durch die Ruhe des siebten Tages hineingenommen werden in das Schöpfungswerk Gottes; bemerkenswert ist darüber hinaus, dass die Bibel uns in der Parallel­überlieferung der Zehn Gebote für das dritte Gebot noch eine andere Begründung liefert. Und die ist eher von sozialer Natur: »Aber am siebenten Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Rind, dein Esel, all dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt, auf dass dein Knecht und deine Magd ruhen gleichwie du. Denn du sollst daran denken, dass auch du Knecht in Ägyptenland warst und der Herr, dein Gott, dich von dort herausgeführt hat mit mächtiger Hand und ausgerecktem Arm. Darum hat dir der Herr, dein Gott, geboten, dass du den Sabbattag halten sollst.« (Dtn 5,14 f.)

Der Rückblick auf die eigene Existenz als Fronpflichtige in Ägypten nimmt die in den Blick, die selbst auch wirtschaftlich abhängig sind. In der frühen Geschichte der Kirche feierten Christen zunächst auch den Sabbat. Schließlich stammten die ersten von ihnen ja aus der Tradition ihres eigenen Judentums. Mehr und mehr rückte dann aber die Vergegenwärtigung der Auferstehung Jesu in den Fokus christlicher Wochengestaltung. Und damit der Sonntag.

Als der römische Kaiser Konstantin im Jahr 321 den Sonntag zum gesetzlichen Feiertag erklärte, stützte er seine Entscheidung allerdings nicht auf das Sabbatgebot, sondern auf den Sonnenkult des römischen Reiches. 43 Jahre später folgte die Kirche auf dem Konzil von Laodicea der Entscheidung des Kaisers und verlegte die Heiligkeit des Tages von Samstag auf Sonntag. Die Reformation hat ihr Augenmerk für den Sonntag dann weniger auf die Pflicht zur Heiligung dieses Tages gelegt, sondern stärker die Freiheit betont, die mit der Ruhe des Sonntags geschenkt ist. Zum Hören des Wortes und der Unterbrechung des alltäglichen Tuns.

Unser Grundgesetz schützt den Sonntag in Aufnahme einer Formulierung der Weimarer Reichsverfassung von 1919 als »Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung«. Es knüpft damit an die beiden Begründungsstränge des Sabbatgebotes in erkennbarer Weise an.

Gerade in Zeiten, in denen Fragen der eigenen Identität und die nach sozialer Gerechtigkeit zum Teil sehr kontrovers diskutiert werden in unserem Land, sollte die heilsame Rolle des arbeitsfreien Sonntags nicht nur für glaubende Menschen betont und seine schleichende Erosion nicht widerstandslos hingenommen werden.

Albrecht Steinhäuser

Der Autor ist Beauftragter der Evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung in Sachsen-Anhalt.

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Wenn der Weihnachtsmann die Fäuste schwingt

1. Januar 2018 von redaktionguh  
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Kooperation: EKM und Bauhaus-Universität Weimar initiieren Wettbewerb zum Fest der Liebe

Die Aktion »Weihnachten geht weiter« der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) ist auch in diesem Jahr wieder gestartet worden. Dabei soll, so die Initiatoren, zum Nachdenken über folgende Fragen angeregt werden: Was bleibt, wenn die Weihnachtsfeiertage vorbei sind? Wie prägt die Botschaft des christlichen Festes den weltlichen Alltag? Karsten Kopjar, der die Aktivitäten der EKM in den sogenannten sozialen Medien koordiniert, zur Intention der Aktion: »Wir möchten damit zeigen, dass die Weihnachts-Botschaft weit hinausgeht über die drei Feiertage im Dezember.«

Weihnachten geht weiter: Wolfgang Kissel (links), Professor für Medien-Ereignisse, hat sichtbar Vergnügen am Beitrag von Christoph Stötzer. Foto: Maik Schuck

Weihnachten geht weiter: Wolfgang Kissel (links), Professor für Medien-Ereignisse, hat sichtbar Vergnügen am Beitrag von Christoph Stötzer. Foto: Maik Schuck

Konkret bedeutet das, dass ab Heiligabend bis zum 10. Januar 14 Kurzfilme des EKM-Kooperationsprojekts »Christmas Shorts« online zu sehen sein werden. Produziert wurden die Videoclips von Studierenden der Bauhaus-Universität Weimar im Rahmen eines Wettbewerbs. Die Filme von 90 Sekunden Länge sollen die Botschaft von Weihnachten individuell und kritisch unter die Lupe nehmen und aus ungewöhnlichen Perspektiven betrachten, so die Anforderung.

Entstanden sind kurze Dokumentar-, Spiel- und Animationsfilme. Eine Studentin beispielsweise hat am 24. Dezember Geburtstag und beschäftigt sich in ihrer Videosequenz mit den Schwierigkeiten und Konflikten, die sich daraus ergeben. In einer Kurz-Komödie geht es um den »Wahnsinn« der Weihnachtszeit oder einen prügelnden Weihnachtsmann. In einem Film fragt sich ein kleiner Junge, warum
sein Vater Weihnachten arbeiten muss.

Eine Jury der EKM bestehend aus Vertretern der Evangelischen Jugend, kirchlicher Einrichtungen, Theologen, ehrenamtlichen Mitarbeitern und Journalisten hat die Kurzfilme bewertet und wird die besten drei Arbeiten auszeichnen.

Auf ihrer Internetseite präsentiert die EKM die Videos und die Zuschauer können mit abstimmen, indem sie ihren Lieblingsclip bewerten. Bekanntgegeben werden die Ergebnisse am 12. Januar 2018.

Um auf die Aktion hinzuweisen, werden Postkarten in vielen Kirchengemeinden beim Heiligabendgottesdienst
verteilt.

(G+H)

www.weihnachten-geht-weiter.de

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600 Baumanhänger aus Porzellan

25. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Foto: Thomas Klitzsch

Foto: Thomas Klitzsch

Das Ergebnis ihrer Arbeit im Museum Porzellanikon in Selb (Oberfranken) präsentieren Schüler aus Wittenberg und Selb in der Wittenberger Schlosskirche. Im Herbst hatten die Schüler Christbaumschmuck aus Porzellan gefertigt. Jetzt haben sie damit den Christbaum der Schlosskirche geschmückt (Foto). Die Engel, Sterne oder auch kleine Luther-Köpfe waren vorher in den Öfen des Unternehmens Rosenthal gebrannt worden. Auch die Tanne kommt übrigens aus dem Fichtelgebirge. Traditioneller Baumschmuck samt Christbaum aus Oberfranken war in der Vergangenheit bereits am Dienstsitz des Bundespräsidenten in Berlin oder im EU-Parlament in Straßburg zu bewundern.

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Wir bekommen ein Kind

22. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Weihnachtsbetrachtung von Landesbischöfin Ilse Junkermann

Ein Krippenspiel ohne Kind, das geht gar nicht! Zur Generalprobe stapft die siebenjährige Maria mit ihrer großen Babypuppe unterm Arm nach vorn und legt sie beherzt in die Krippe. Da treten alle theologischen Einwände von wegen Licht als Symbol für das Kind in den Hintergrund. Ob wir wollen oder nicht: Wir bekommen ein Kind. Das ist Weihnachten. Das sollen auch alle sehen!

Aber warum ein Kind? In der Geschichte von Dietrich Mendt »Die Erfindung der Weihnachtsfreude« kommt Gott Vater nebst Thronrat und Erzengeln zu dem Schluss: Der Messias soll weder ein machtvoller König noch ein markanter Prophet sein. Ein Kind soll er sein, denn über ein Kind, da freuen sich die Menschen richtig!

Altarretabel Kirche St. Jakobus, Rottenbach, Saalfelder Werkstatt 1498, Detail Christuskind (Evangelische Kirchengemeinde Königsee-Rottenbach, Kirchenkreis Rudolstadt-Saalfeld) Foto: Ulrich Kneise

Altarretabel Kirche St. Jakobus, Rottenbach, Saalfelder Werkstatt 1498, Detail Christuskind (Evangelische Kirchengemeinde Königsee-Rottenbach, Kirchenkreis Rudolstadt-Saalfeld) Foto: Ulrich Kneise

Ein ganz normales Kind und zugleich ein besonderes Kind, denn sein Vater ist Gott. Das ist das Geheimnis von Weihnachten, Gott wird ein Mensch!

Diesem Geheimnis sind unzählige Darstellungen vom Christuskind auf der Spur, auch das Christuskind aus der Rottenbacher Jakobuskirche im Kirchenkreis Rudolstadt-Saalfeld. Es ist ein besonderes Christuskind mit einem besonderen Ausdruck.

Da ist zuerst: Nackt und bloß schaut es in die Welt. Es braucht keine Kleider, wie sie sonst »Leute machen«. Es ist schon wer. Es muss sich nicht über äußere Pracht hervorheben. Es muss auch nicht etwas bemänteln oder retuschieren.

Darin liegt Segen über der Welt. Die Segensgeste der rechten Hand, wie beiläufig erhoben, unterstreicht das: Vor Gott, als Gotteskind musst Du Dich nicht verstellen. Gott will nichts aus sich machen oder etwas hermachen. Wie könnte er das besser ausdrücken als so: als Kind, nackt und bloß.

So ist das Christuskind wer: Selbstbewusst, aufrecht, fast schelmisch schaut es in die Welt. Offen und direkt geht es in Blickkontakt, mit seiner ganzen Person Aufmerksamkeit. Und bringt so Gottes Botschaft: Du Menschenkind, vor mir brauchst Du nichts aus Dir zu machen. Du bist wer. Denn ich bin Mensch an Deiner Seite Mensch. Wie Du, wie jedes Neugeborene komme ich nackt und arm zur Welt. So schaue ich Dich an, Du Menschenkind: Sag ja zu Deinem Menschsein, leg alle Verkleidungen ab, lass die Anstrengungen um Anerkennung sein. Sei lieber ein bisschen heiter und schelmisch.

Deshalb ein Kind: Gott blickt freundlich auf mich. Darin liegt Segen. Gottes Blick macht mich frei. Da muss ich nichts mehr aus mir machen; oder mich danach richten, wie andere auf mich blicken und mich beurteilen. Da kann ich friedlich, ja, auch heiter, mit mir und anderen umgehen.

Und auf Friedlichkeit setzt Gott für die ganze Welt. Dieses wehrlose und verletzliche Kind hält die Welt in seiner linken Hand. So zeigt uns Gott den Weg zum Frieden. Er macht sich wehrlos, hilflos, bloß jeglicher Kennzeichen von Macht oder Pracht oder militärischer Gewalt. Friede wird auf der Welt durch Freiheit von Gewalt.
Wie geht das? Die Wirkung eines hilflosen Kindes ist erstaunlich. Lacht es, freuen wir uns mit; weint es, wollen wir es fürsorglich beruhigen. Ein Kind aktiviert das Schönste, was Gott in uns hineingelegt hat – Fürsorglichkeit und Mitgefühl, Liebe. Deshalb ein Kind.

Aber ist das nicht naiv, darauf zu setzen? Und gefährlich? Ja! So sehr ein Kind das Beste in uns weckt – Liebe, Zärtlichkeit – so sehr ist es gefährdet.

Eine andere Maria geht mir nicht aus dem Kopf, sieben Jahre alt. Im Kinderhospiz in Tambach-Dietharz bin ich ihr dieses Jahr begegnet. Ihr leiblicher Vater hat sie als Säugling so schlimm geschüttelt, dass sie seitdem mehrfach behindert ist. Ihr ist fast alles an Entfaltung genommen. Bei Pflegeeltern lebt sie nun, immer wieder von schlimmen Anfällen geplagt.

Als Kind, zerbrechlich und ausgeliefert, angewiesen auf Hilfe, so gibt sich Gott dieser Welt hin. Ja, das ist riskant. Die Liebe riskiert es. Die Liebe Gottes riskiert alles, um in uns Liebe zu erwecken, damit wir IHM wieder ähnlicher werden.

Gott riskiert es immer wieder. In jedem Kind und in jedem Verfolgten, in jedem Armen und in jedem Leidenden – Gott schaut uns an und braucht uns mit unseren schönsten Eigenschaften: Fürsorglichkeit und Mitgefühl, Liebe.

So finden wir uns nicht damit ab, dass in unserem Land jedes fünfte Kind unter Armut leidet, und dass weltweit täglich 800 Kinder nur deshalb sterben, weil sie keinen Zugang zu sauberem Wasser haben. Wenn wir Gott dienen wollen, dann in diesen Kindern. Auch deshalb ein Kind.

Und schließlich: Auch deshalb ein Kind, damit die, die keine Zukunft haben, Zukunft erhalten; damit wir, die oft aufgeben wollen und sich abfinden mit dem, wie die Welt eben ist, sich wieder aufrecht hinsetzen und dem Kind folgen.

Ein Kind, das ist auch ein Bild des Anfangs. Ein Anfang, den wir immer wieder suchen und aufnehmen können. Das Kind ermuntert uns: »Jede Minute kann etwas ganz Frisches und Neues beginnen.« So schaut uns das Kind an und träumt in uns vom neuen Anfang, vom Neu-geboren-Werden. Auch darum ein Kind.

Ilse Junkermann, Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland


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Luther in 360 Grad

18. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Thüringer Tourismus setzt auf Geschichte und virtuelle Realität

Roboterarm Kuka nimmt auf eine virtuelle Reise durch Thüringen mit. Über die ausgewählten Orte werden Filme gezeigt. Im Hintergrund Martin Luther als Pappkamerad, der auf die Smartphone-App »Luther to go« verweist. Fotos: Willi Wild

Roboterarm Kuka nimmt auf eine virtuelle Reise durch Thüringen mit. Über die ausgewählten Orte werden Filme gezeigt. Im Hintergrund Martin Luther als Pappkamerad, der auf die Smartphone-App »Luther to go« verweist. Fotos: Willi Wild

In Erfurt ist die virtuelle Erlebniswelt »360 Grad – Thüringen Digital Entdecken« gestartet. Besucher erwartet in den Räumlichkeiten der Touristinformation direkt am Hauptbahnhof ein Thüringen-Erlebnis aus Klang, Raum und Bild, so die Geschäftsführerin der landeseigenen Tourismusgesellschaft TTG Bärbel Grönegres. Ein interaktives Thüringen-Modell unter anderem mit Roboter-Guide und Thementouren präsentiert Natur, Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft und Leben im Freistaat. Dabei spielen auch die vielen Kirchen, sowie die Kirchengeschichte eine Rolle. Reformator Martin Luther kann man sich beispielsweise über die App »Luther to go« nähern. »Mit der virtuellen Erlebniswelt wollen wir dieses Konzept für Thüringen nutzen und so auch in der Vermarktung neue Wege gehen«, erklärte Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD). Ziel sei es, die touristischen Angebote stärker an den Wünschen »des heute anspruchsvolleren Publikums auszurichten und Reisemotive zu schaffen«, fügte er hinzu. Für die Einrichtung der Erlebniswelt inklusive des Umbaus der alten Touristinformation habe sein Haus etwa eine Million Euro zur Verfügung gestellt.

Kopfkino: Mit Videobrille und Kopfhörer können Besucher im Erlebnisraum am Erfurter Hauptbahnhof auch Luther und die Wartburg räumlich entdecken.

Kopfkino: Mit Videobrille und Kopfhörer können Besucher im Erlebnisraum am Erfurter Hauptbahnhof auch Luther und die Wartburg räumlich entdecken.

Drei thematische Räume bilden die digitale Erlebniswelt. Herzstück ist der wie eine Waldlichtung gestaltete Raum »die Lichtung«. Hier führt ein Roboter mit den Thementouren »Orte mit Aura«, »Thüringer blau«, »Mit allen Sinnen« und »Leben und Arbeiten in Thüringen« durch den Freistaat. Im Raum »Weitblick« können Besucher in bequemen Sesseln Platz nehmen und Thüringen virtuell »360 Grad« entdecken. Der offene Raum »Der gute Rat« bietet zudem traditionelle Beratung und Information durch Broschüren und Karten sowie einen Multi-Touch-Tisch mit Informationen zu Ausflugs­zielen, Gastronomie und Übernachtungsmöglichkeiten.

(epd/G+H)

www.thueringen-entdecken.de

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Licht und Holz zum Lob Gottes

11. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Die Ankunft der neuen Prinzipalstücke im Evangelischen Predigerseminar Wittenberg fiel auf einen unruhigen Tag.

Es war, erinnert sich Hanna Kasparick, der 5. Oktober: Sturmtief Xavier zog mit Orkanböen übers Land und hinterließ auch in der Lutherstadt und Umgebung Schäden, besonders in der Natur. Unversehrt gelangten indes die Preziosen ins Schloss zum Predigerseminar. Später, sagt dessen scheidende Direktorin, da haben beim Aufbau der Prinzipalien die Vikare das Lied »Großer Gott, wir loben dich« gesungen. Gründe zu loben und zu danken, gibt es in diesen Tagen wohl einige. Denn nach Jahren des Exils, verbunden auch mit Rückschlägen auf der Großbaustelle Schloss, ist das Seminar nun in seinem neuen Domizil angekommen. Die Trauerarbeit über den Auszug aus dem Augusteum und den »Verlust« desselben im Jahr 2012 an die Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt scheint bewältigt.

Grund zur Freude bieten die Prinzipalstücke, die der in München beheimatete Bildhauer Werner Mally für die Seminar-Aula, gern auch Winterkirche genannt, geschaffen hat. Altar, Taufe, Kanzel, Leuchter – herausgearbeitet aus geschichtetem Birkenholz. Sie wirken wie der Gegenentwurf zu den oftmals prunkvollen sakralen Ausstattungsgegenständen vergangener Zeiten in Kirchen. Und müsste man Mallys Arbeit mit Musik beschreiben, so fiele einem vielleicht Arvo Pärt ein. Dem estnischen Komponisten gelingt mit betörender Einfachheit und wenigen Tönen, wofür andere ein ganzes Orchester brauchen: Er berührt die Menschen, so sie dafür empfänglich sind, ganz unmittelbar und nicht selten tief.

Mally, der schon einige Prinzipalien konzipiert hat, verzichtet bei seiner Schöpfung für das Predigerseminar auf jegliche Form von Zierrat. Was wirkt, sind das Material und die Formen und, das vor allem, die dem Ganzen zugrunde liegende künstlerische Idee: So sei aus dem Altar die Taufe entstanden und aus der Taufe die Kanzel, die aufs Wort weist, welches im Osterleuchter schließlich Licht wird. Jenseits rezeptionsästhetischer Betrachtungen kann Kasparick freilich auch zur Genese dieser Prinzipalstücke Auskunft geben. So habe es bereits seit 2014 eine Beratergruppe gegeben: zu ihr gehörten neben anderen Christian Lehnert vom Liturgiewissenschaftlichen Institut an der Universität Leipzig, Bettina Seyderhelm als Kunstbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und Thomas Erne, Direktor des Instituts für Kirchenbau (Marburg).

Winterkirche: Die Seminar-Aula des Predigerseminars im Schlossensemble. Fotos (2): Thomas Klitzsch

Winterkirche: Die Seminar-Aula des Predigerseminars im Schlossensemble. Fotos (2): Thomas Klitzsch

Am Beginn der Überlegungen stand die Maßgabe, dass hier oben auf dem Wittenberger Schloss, quasi zwischen Himmel und Erde, keine Mehrzweckhalle entstehen soll, sondern ein liturgisch-geistlich geprägter Raum. Der mutet bewusst schlicht an. Ein entscheidendes architektonisches Element ist das Licht, das unter anderem durch ein ellipsenförmiges Oberlicht fällt. Bei den Prinzipalien standen Funktionalität – etwa sollten sie beweglich sein – sowie die Wirkung im Vordergrund. Für die Ausführung kamen laut Kasparick Vorschläge aus der Beratergruppe, irgendwann standen »sieben, acht Namen« im Raum. Bei einer geheimen Abstimmung lag Werner Mally vorn.

Etwa 50 000 Euro mussten, so Hanna Kasparick, für die Prinzipalstücke aufgebracht werden, davon kamen anteilig 25 000 Euro vom Verein Ausstellungshaus christliche Kunst sowie von den Landeskirchen, die in Wittenberg ausbilden lassen. Die offizielle Indienstnahme soll am 7. Dezember erfolgen, wenngleich sie in der Winterkirche bereits Abendmahl gefeiert haben. Am
9. Dezember kann schließlich bei einem Tag der offenen Tür auch die interessierte Öffentlichkeit die Studieneinrichtung besichtigen.

Corinna Nitz

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Dissens offen zutage getreten

4. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Synode: Eine Chronologie der Ereignisse des späten Mittwochnachmittags bei der Herbsttagung in Erfurt, die für Ratlosigkeit und in Teilen für Unverständnis sorgten.

Damit hatte keiner der 80 Syno­dalen gerechnet, als kurz vor dem Abendbrot Synodenpräses Dieter Lomberg noch zwei Entscheidungen aus dem Landeskirchenrat angekündigte. Vermutlich hätten sich die Synodalen bei der Aussprache zum Bericht der Präsidentin des Landeskirchenamtes, Brigitte Andrae, kürzer gefasst, wenn sie geahnt hätten, was ihnen noch bevorsteht.

Amtszeitverlängerung für Propst Hackbeil

Zunächst trat Landesbischöfin Ilse Junkermann als Vorsitzende des Landeskirchenrates ans Mikrofon. Sie teilte dem Kirchenparlament mit, dass das 22-köpfige Leitungsgremium der Landeskirche beschlossen habe, bei der Landessynode einen Antrag auf die Verlängerung der Amtszeit von Propst Christoph Hackbeil, dem Regionalbischof des Sprengels Stendal-Magdeburg, zu stellen. Dass sie dabei versehentlich von einer Verlängerung »bis zum Ende seines Ruhestandes« sprach, machte ihre Nervosität deutlich. Warum die Landesbischöfin in dieser Situation angespannt war, sollte die anschließende Verlautbarung ihres Stellver-
treters, Propst Diethard Kamm, zeigen.

Keine Verlängerung für Landesbischöfin

Der Regionalbischof des Sprengels Gera–Weimar verkündete, dass der Landeskirchenrat auf seiner Sitzung am 20. Oktober beschlossen habe, keinen Antrag auf eine Verlängerung der Amtszeit von Landesbischöfin Ilse Junkermann zu stellen. Kamm wörtlich: »Der Landeskirchenrat würdigt insbesondere die Prägung des Bischofsamtes in unserer noch jungen Kirche, gerade in der Phase des Zusammenwachsens sehr unterschiedlicher geistlicher und struktureller Traditionen durch Landesbischöfin Junkermann und dankt ihr für ihren Dienst. Er hofft auf eine weitere gute gemeinsame Arbeit in den nächsten zwei Jahren bis zum Ablauf ihrer Amtszeit.« Im ausführlichen Austausch und in gründlicher Beratung sei man zu dem Ergebnis gekommen, dass dann andere und neue Impulse der Konsolidierung und des Aufbruchs in die Gesellschaft für die EKM wichtig seien, sagte Kamm – und ging wieder an seinen Platz.

Junkermann: »Entscheidung schmerzt mich«

Noch ehe die Synodalen so richtig fassen konnten, was da gerade ex cathedra verkündet wurde, trat die Landesbischöfin ein weiteres Mal ans Mikrofon und verlas eine vorbereitete Erklärung:

Stand nicht zur Abstimmung: Der Antrag an die Synode auf Amtszeitverlängerung der Landesbischöfin wird vom Landeskirchenrat gestellt. Im Bild heben die Synodalen ihre Stimmkarte zur Abstimmung, um einen Antrag in einen Ausschuss zu verweisen. Foto: Willi Wild

Stand nicht zur Abstimmung: Der Antrag an die Synode auf Amtszeitverlängerung der Landesbischöfin wird vom Landeskirchenrat gestellt. Im Bild heben die Synodalen ihre Stimmkarte zur Abstimmung, um einen Antrag in einen Ausschuss zu verweisen. Foto: Willi Wild

»Hohe Synode, jetzt verstehen Sie, warum ich eben so aufgeregt war. Ich möchte zu dieser Entscheidung sagen: Ich war gerne zu einer Verlängerung meiner Amtszeit bereit. Sie kennen mein Engagement und meine Begeisterung für diese Kirche. Insofern schmerzt mich diese Entscheidung. Zugleich und selbstverständlich respektiere ich sie. Zu diesem Zeitpunkt schafft dieser Beschluss Klarheit, auch für mich selbst. Ich bin gespannt, was Gott mit mir für meine restliche Dienstzeit bis zu meinem Ruhestand vorhat und was mit unserer Kirche.

Gottes guter Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit helfe uns, bei unserer Aufgabe die beiden noch verbleibenden Jahre gut und konstruktiv miteinander zu gestalten. Ich sehe meine Aufgabe insbesondere darin, in dem großen Veränderungsprozess, in dem wir uns befinden, die Gemeinden und die Verantwortlichen zu begleiten. Sei es in mancher Trauer und Ratlosigkeit, sei es in den neuen Aufbrüchen. Dafür und für die weitere Zusammenarbeit mit Ihnen und mit allen Verantwortlichen in den Gemeinden in unserer Kirche will ich und werde ich weiter meine Kräfte einsetzen und natürlich auch für die Vertretung unserer Kirche nach außen.«

Vizepräses Steffen Herbst: »Erschrocken und traurig«

Die Synodalen waren sprachlos. Steffen Herbst, der 1. Vizepräses der Synode aus Königsee (Kirchenkreis Rudolstadt-Saalfeld) ging ans Rednerpult und sagte nur einen Satz: »Frau Landesbischöfin, ich bin erschrocken und traurig.« Vermutlich sprach er damit vielen Delegierten aus dem Herzen. Beim anschließenden Abendbrot im Augustinerkloster und die Tage darauf war die Entscheidung und die Art der Verkündung sowie der Entgegnung Gegenstand vieler Diskussionen am Rande der Herbsttagung der Synode. Vor allem wurde nach den Gründen gefragt, die zu dieser Entscheidung geführt hätten. Da es sich aber um einen Beschluss aus einer nichtöffentlichen Sitzung handelte, blieben und bleiben die Gründe unter Verschluss.

Neuwahl vermutlich im Frühjahr 2019

Landesbischöfin Ilse Junkermann war von der Landessynode im März 2009 für eine Amtszeit von zehn Jahren gewählt worden. Das Bischofswahlgesetz lässt mehrere Amtsperioden und damit eine Wiederwahl zu. Ist das Ruhestandsalter nicht weiter als fünf Jahre entfernt, kann die Landessynode die Amtszeit per Beschluss einmalig bis zum Eintritt in den Ruhestand verlängern.

Nach der Entscheidung des Landeskirchenrats tritt nun der Bischofswahlausschuss zusammen, um der Synode vermutlich im Frühjahr 2019 Wahlvorschläge zu unterbreiten. Dem Bischofswahlausschuss gehören neben den Mitgliedern des Landeskirchenrats sechs weitere Synodale sowie je ein Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und der Union Evangelischer Kirchen (UEK) an. Das Oberhaupt der EKM wird dann von der Landessynode gewählt.

Willi Wild

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Der Trauer einen Raum geben

26. November 2017 von redaktionguh  
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Gesprächskreis für früh verwaiste Eltern

Ein Kind während der Schwangerschaft, unter der Geburt oder kurz danach zu verlieren, ist für die Eltern ein trauriges Ereignis. Darüber zu sprechen, war lange Zeit ein Tabu. Doch seit einigen Jahren entwickelt sich eine Gesprächs- und Trauerkultur, die den betroffenen Müttern und Vätern die Möglichkeit einräumt, über ihr Schicksal sprechen und trauern zu können. Das Team des Weimarer Sophien- und Hufeland-Klinikums lädt diese »früh verwaisten Eltern« alle zwei Monate jeweils am letzten Mittwoch eines Monats zu einem Gesprächskreis ein. Die in diesem Jahr initiierte Zusammenkunft – das erste Gespräch fand im September statt – gebe den Eltern die Möglichkeit zu trauern, betont Klinikseelsorgerin Dorothea Knetsch. Das sei wichtig, denn der Tod eines früh verlorenen Kindes begleite die Eltern zeitlebens.

Für Kinder, die weniger als 500 Gramm wiegen und vor oder während der Geburt sterben, besteht keine Bestattungspflicht. Dennoch bietet das Sophien- und Hufeland-Klinikum für diese sogenannten Sternenkinder drei Mal jährlich eine anonyme Bestattung an. Die Zahl der Fehl- und Totgeburten – Kinder unter 500 Gramm ohne Vitalzeichen – beträgt in der Weimarer Klinik im Jahr etwa 90 bis 100. »Das sind beispielweise Kinder, die schwer erkrankt sind, sich nicht weiterentwickeln und im Mutterleib versterben«, erklärt Astrid Preuß, Eltern- und Patientenberaterin am Sophien- und Hufeland-Klinikum Weimar. Oder Fehlgeburten, die sich in einer sehr frühen Schwangerschaftswoche ereignen. »Manchmal hört das kindliche Herz in einer weiter fortgeschrittenen Schwangerschaftswoche auf zu schlagen«, schildert Astrid Preuß mögliche Ursachen für den frühen Tod der kleinen Lebewesen.

Ob Eltern in einer frühen oder fortgeschrittenen Schwangerschaftswoche ihr Kind verlieren – immer sei das für Eltern schwer zu bewältigen. Die anonyme Bestattung auf dem Friedhof helfe ihnen, den Schmerz und die Trauer zu verarbeiten. »Sie erleben, ihr Kind wird würdevoll bestattet.«

Die Bestattung beginnt mit einer Andacht in der Kapelle, beschreibt Dorothea Knetsch. Danach wird der Kindersarg zur Grabstätte getragen. Für die Eltern sei es wichtig, zu wissen, wo ihr Kind begraben liegt, und dass sie diesen Ort der Trauer besuchen können.

An der Gesprächsrunde im September nahmen Mütter und Väter teil, die vor zwei bis drei Jahren ihr Kind verloren hatten. Nach einem Herbstgedicht von Rainer Maria Rilke hatten sie die Gelegenheit, den Namen ihres verstorbenen Kindes zu nennen. Ein wichtiges Ritual, meint die Seelsorgerin, denn die Namensnennung helfe bei der aktiven Auseinandersetzung mit dem Tod des Kindes. Beide Mitarbeiterinnen des Weimarer Klinikums, Dorothea Knetsch und Astrid Preuß, sind froh, dass es nun auch in Weimar eine Begegnungsmöglichkeit für Betroffene gibt. Sie heißen »früh verwaiste Eltern« zu dem Gesprächskreis willkommen. Das nächste Treffen ist am 29. November, 19.30 Uhr, in der Caféteria des Sophienhauses, Trierer Straße 2 a, in Weimar.

Sabine Kuschel

Kontakt:
Dorothea Knetsch, Mobil (01 71) 7 14 95 88, E-Mail <d.knetsch@klinikum-weimar.de>;
Astrid Preuß, Telefon (0 36 43) 57 16 00, E-Mail <a.preuss@klinikum-weimar.de>

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