Synodenpräses: Kein Mangel an Kandidaten

15. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Dieter Lomberg über die bevorstehenden Bischofswahlen

Der Bischofswahlausschuss der EKM bekommt viel Arbeit. Regionalbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt wechselt als Landesbischöfin in die Nordkirche. Und in der EKM wird für Landesbischöfin Ilse Junkermann ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin gesucht. Dieter Lomberg, der Vorsitzende des Bischofswahlausschusses, antwortet auf die Fragen der Kirchenzeitung:

Mit Pröpstin Kühnbaum-Schmidt verliert die EKM eine profilierte Führungspersönlichkeit. Wie sieht der Zeitplan für die Wahl der Nachfolgerin, des Nachfolgers aus?
Lomberg:
Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt ist nicht nur eine profilierte, sondern auch eine prägende Persönlichkeit. Sie hat viele Anstöße zum Nachdenken gegeben, konstruktive Ideen eingebracht und Dinge kritisch und vor allem theologisch hinterfragt.

Es wird jetzt das in der EKM festgelegte Verfahren beginnen. Der Bischofswahlausschuss wird von mir einberufen, sich konstituieren, eine Findungsgruppe bilden und sich mit Kandidatinnen und Kandidaten befassen, die für das Amt geeignet sind. Am Ende steht dann die Wahl in der Synode. Wann das genau sein wird, kann ich noch nicht sagen.

Hat der Bischofswahlausschuss zur Kandidatensuche für die Nachfolge von Landesbischöfin Ilse Junkermann bereits getagt und gibt es schon Kandidaten?
Lomberg:
Zum Bischofswahlausschuss kann ich nur sagen, er macht seine Arbeit mit großem Engagement, großer Sorgfalt und nach den rechtlichen Vorgaben unseres kirchlichen Rechts.

Wie ist die Lage im Sprengel Halle-Wittenberg? Ist Propst Johann Schneider nach der gescheiterten Kandidatur in Oldenburg dort nun ein Kandidat auf Abruf?
Lomberg:
Er ist selbstverständlich kein Propst auf Abruf! Es ist immer eine Ehre, wenn eine Kirche jemanden für wert erachtet, für ein kirchenleitendes Amt zu kandidieren. Es gehören Mut und Gottvertrauen dazu, sich auf dieses Verfahren einzulassen.

Dieter Lomberg: Präses der Landessynode und Vorsitzender des Bischofswahlausschusses. Foto: Willi Wild

Dieter Lomberg: Präses der Landessynode und Vorsitzender des Bischofswahlausschusses. Foto: Willi Wild

Es spricht doch für die EKM, dass eine Pröpstin und ein Propst von den Wahlausschüssen anderer Kirchen für fähig gehalten wurden, das Amt einer Landesbischöfin bzw. eines Landesbischofs in ihrer Kirche gut ausfüllen zu können. Gott hat für Propst Schneider einen anderen Weg gewählt als für Pröpstin Kühnbaum-Schmidt. Anders als in den weltlichen Organisa­tionen und Unternehmen gibt es in der EKM keinen Grund, an der Loyalität zur Kirche und zum Amt zu zweifeln oder gar danach zu streben, ihn oder sie aus dem Amt zu drängen. Das wäre Unsinn.

Gehen der EKM langsam die Führungskräfte aus? Plädieren Sie eher für Lösungen von außen oder tendieren Sie mehr zu internen Kandidaten?
Lomberg:
Der EKM gehen weder schnell noch langsam die Führungskräfte aus! Wir haben viele Frauen und Männer, die sehr gut geeignet sind, Führungsämter in unserer Kirche zu übernehmen. Wir sehen sehr genau, wer sich für welches Amt wann eignen könnte und eignet. Deshalb gibt es keine pauschale Festlegung auf »außen oder innen« bei der Suche nach Kandidatinnen und Kandidaten. Wir fragen: was und wen will wann Gott in welchem Amt in unserer Kirche?

Kommen für die Ämter auch Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer infrage oder geht die Suche erst ab Superintendent los?
Lomberg:
Natürlich kommen für die Ämter auch Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer in Frage, wenn sie geeignet sind. Wir haben solche Personen durchaus, und in der Kirchenprovinz Sachsen (KPS) hat es das auch schon gegeben, dass sie in Leitungsämter gewählt wurden. Ich erinnere an Bischof i. R. Axel Noack.

Ich zitiere einen Superintendenten: Die Anforderungen für die Kirchenleitungsebene seien so hoch, dass sie vermutlich nur von Jesus selbst erfüllt werden können. Warum ist das so?
Lomberg:
Wenn ein Superintendent das meint, frage ich mich, welches theologische Verständnis von den Ämtern der Kirchenleitung dahintersteht. Ich weiß nur aus der Bibel, dass Jesus eine Vielzahl von Menschen berufen hat. Sehen Sie sich die Geschichten dieser Menschen an, dann werden Sie feststellen: Gott beruft nicht die Befähigten, sondern befähigt die Berufenen! Nehmen Sie nur Noah, Mose, Petrus und Paulus. Die haben sicherlich nicht die hohen Anforderungen erfüllt, die sich der von Ihnen zitierte Super­intendent vorstellt, aber sie haben als Werkzeuge Gottes Großes geleistet.

Die Fragen stellte Willi Wild.

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Eine geht, einer bleibt

EKM-Regionalbischöfe sind begehrt

Die Regionalbischöfin des Sprengels Meiningen-Suhl, Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt, ist neue Landesbischöfin der evangelischen Nordkirche. Die 54-Jährige erhielt bereits im ersten Wahlgang die erforderlichen Stimmen der Landessynode. Kühnbaum-Schmidt wird ihr neues Amt am 1. April 2019 antreten. Sie wird am 10. Juni, Pfingstmontag, im Schweriner Dom in ihr Amt eingeführt. Nach der Abstimmung im Kirchenparlament sagte die Theologin, sie sei dankbar für das große Vertrauen und freue sich auf Schwerin. Schwerin ist Sitz der Landesbischöfin. Aufgabe der nächsten Monate werde sein, ihren Bischofsbezirk in Thüringen »gut und geordnet« zu hinterlassen. Ihren Dienst in der Nordkirche werde sie damit beginnen, erst einmal zuzuhören.

Der Regionalbischof des Sprengels Halle-Wittenberg, Propst Johann Schneider, unterlag im dritten Wahlgang bei der Bischofswahl in Oldenburg Oberkirchenrat Thomas Adomeit. Schneider bezeichnete seine Entscheidung, die Anfrage der Präsidentin der Oldenburger Synode positiv zu beantworten und für die Wahl des Bischofs zu kandidieren, als eine positive Erfahrung. Enttäuscht zeigte sich der Theologe über die seiner Meinung nach »ungleichen Bedingungen« für die beiden Kandidaten.
Nach dem Bekanntwerden seiner Kandidatur im August habe er viele Rückmeldungen aus der EKM bekommen, die einen möglichen Wechsel bedauerten. Umso erfreuter seien diese Menschen, dass er nicht gewählt wurde, so Schneider gegenüber der Kirchenzeitung. »Das erleichtert mir das Hierbleiben, stärkt meine innere Haltung und gibt mir Mut, meinen Dienst mit neuem Elan fortzusetzen.« Er habe viele Ideen, die er gerne mit Menschen guten Willens in der EKM teilen und umsetzen möchte.

(G+H/epd)

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Zeitzeugen erzählen

7. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Ausstellung zur Barmer Theologischen Erklärung im Landeskirchenamt


Sie wollten um Gottes Willen nicht schweigen. Im Mai 1934 kamen evangelische Christen aus ganz Deutschland nach Wuppertal-Barmen. Sie gründeten dort die »Bekennende Kirche«, deren Fundament die Thesen der Barmer Theologischen Erklärung waren.

Organisatorinnen: Brigitte Andrae (links) und Friederike Spengler in der Ausstellung im Landes­kirchenamt. Foto: Diana Steinbauer

Organisatorinnen: Brigitte Andrae (links) und Friederike Spengler in der Ausstellung im Landes­kirchenamt. Foto: Diana Steinbauer

Welche Grundlagen diese Erklärung hatte, welchen Weg ihre Unterzeichner während der NS-Zeit und danach gingen und welche Auswirkungen diese theologischen Thesen haben, das beleuchtet die interaktive Ausstellung »Gelebte Reformation – Barmer Theologische Erklärung«, die derzeit im Collegium maius im Landeskirchenamt in Erfurt zu sehen ist. Anhand von Bildern, Filmszenen, Dokumenten und Erfahrungsberichten bringt sie Licht in eine dunkle Zeit, in der ein eigener Standpunkt und Courage nicht selten lebensgefährlich waren. Auch für evangelische Christen.

Die Barmer Erklärung war ein Protest gegen die Gleichschaltung und Instrumentalisierung der Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus. Anders als viele Deutsche, für die Vaterland und Kirche zusammengehörten und die später auch den Einfluss des Führers auf die Kirche nicht kritisierten, stellen sich die Verfasser der Barmer Erklärung dem entgegen. Sie betonten in erster Linie wieder die Devise der Reformation »Verbum domini manet in aeternum« – Das Wort Gottes bleibet in Ewigkeit!«

Landeskirchenamtspräsidentin Brigitte Andrae sprach bei der Vernissage der Ausstellung von einer herausragenden Schau. »Vor allem in den persönlichen Zeitzeugenaufnahmen wird für mich die Zeit und ihr Umfeld lebendig«, erklärt Andrae. Vor allem an der Hörstation, an der man den Geschichten derer lauschen kann, die unmittelbar oder als Kinder oder Lebenspartner der Akteure an diesem Ereignis beteiligt waren. »Man kann hier eintauchen in ein Geschehen, und anhand der Einzelschicksale ergibt sich ein ganzer historischer Zusammenhang, ein geschichtliches Ereignis, von dessen Brisanz wir heute noch lernen und profitieren können.«

Andraes Referentin im Landeskirchenamt, Friederike Spengler, hat die Ausstellung, die als Beitrag zur Weltausstellung in Wittenberg 2017 konzipiert wurde, nach Erfurt geholt. Die Ausstellung kann und soll vor allem auch Schüler und Studenten, Konfirmanden- und Jugendgruppen ansprechen und das Lernen im Geschichtsunterricht unterstützen. Spengler ist froh, dass die Landeskirche von der Evangelischen Bank und der KD-Bank Stiftung unterstützt wird, um diese Schau zeigen zu können. »Es ist eine facettenreiche Ausstellung«, erklärt Friederike Spengler, »die hilft, den Kontext zu bebildern, die historische, ethische und religiöse Fragen zu klären versucht und die den Anstoß geben kann, den eigenen Standpunkt zu finden. Nicht belehrend, sondern anhand von Dokumenten.«

Diana Steinbauer

Die Ausstellung ist von Montag bis Freitag von 8 bis 16 Uhr im Collegium maius im Landeskirchenamt in Erfurt zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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»Das Gotteshaus muss in Ordnung sein«

1. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Interreligiöser Dialog: Muslim spendet für Kirchenglocke

In Freckleben bei Aschersleben ziehen die Evangelische Kirchengemeinde und der einzige Muslim im 700-Einwohner-Ort im wahrsten Sinn des Wortes an einem Strang: Nämlich am Glockenseil im Kirchturm der St. Stephanus-Kirche.

Einst hatte die Kirche drei Glocken. Zwei davon sind im 1. Weltkrieg eingeschmolzen worden. Die dritte Glocke wurde vom Ofen verschont und wieder aufgehangen. Vor der Glocke aus dem Jahr 1079 kann man ein wenig Ehrfrucht bekommen: Sie ist eine der ältesten Glocken der Evangelischen Landeskirche Anhalts. »Bald 1 000 Jahre alt«, sagt Pfarrer Arne Tesdorff. »Die ist von Christus ungefähr so weit entfernt wie von uns.«

Unter der Glocke: Ibrahim Pijck-Yücel (l.) und Pfarrer Arne Tesdorff.  Foto: Thorsten Keßler

Unter der Glocke: Ibrahim Pijck-Yücel (l.) und Pfarrer Arne Tesdorff. Foto: Thorsten Keßler

Zur Zeit ist die Glocke allerdings außer Dienst gestellt. Der falsch montierte Klöppel könnte sie zerstören. Mit der Sanierung wird das Geläut auch elektrifiziert. Gut die Hälfte der Kosten in Höhe von 7 000 Euro trägt die Kirchengemeinde selbst. 2 600 Euro waren dafür bisher zusammen gekommen. Die fehlenden 1 000 Euro hat jetzt der Freckleber Malermeister Ibrahim Pijck-Yücel gespendet, so dass inklusive der Mittel aus dem Spendenverdopplungsfonds der Landeskirche Anhalts die Sanierung beginnen kann.

Die Liebe hat den heute 45-jährigen vor 18 Jahren nach Freckleben geführt. Mit seinem Bruder hat er in der Urlaubsregion Alanya ein Restaurant betrieben und dort im Januar 2000 seine heutige Frau Saskia Pijck kennengelernt. Es folgte die Verlobung im Mai, die Hochzeit am 29. September und schließlich Ende des Jahres 2000 der Umzug nach Freckleben. In Rathmannsdorf bei Staßfurt machte Yücel eine Ausbildung zum Maler und Lackierer, später dann seinen Meister und führt seit einem halben Jahr den Malerbetrieb seines Schwiegervaters.Ibrahim Pijck-Yücel findet, ein Gotteshaus müsse in Ordnung sein. Egal, ob es sich um eine Kirche oder um eine Moschee handelt. Darum die Spende, um etwas zurück zu geben: »Mein Ort Freckleben brauchte Hilfe. Und das war eine Möglichkeit.«

Zur Spendenübergabe an den Gemeindekirchenrat und an Pfarrer Arne Tesdorff, dessen Vakanzvertretung für Freckleben Ende September endet, waren neben vielen Gemeindegliedern auch Hörfunk und Zeitungen angereist. So ein großes Echo hatter er nicht erwartet und der Rummel um die Spende war Ibrahim Pijck-Yücel auch eher unangenehm. »Wenn man was Gutes tun möchte, muss man es eigentlich heimlich machen statt öffentlich.«

Zuvor hatten sich schon viele Freckleber für die Sanierung der Glocke engagiert, weiß Gemeindekirchenrat Stephan Biedermann. »Die Landwirte aus der Umgebung, die auch Kirchenland gepachtet haben, haben auch gut gespendet.«

Thorsten Keßler

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Der grüne Herr Keßner

23. September 2018 von redaktionguh  
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Porträt: Den Besuchsdienst im Weimarer Klinikum teilen sich zehn Frauen und ein Mann. Rudolf Keßner ist seit einem Jahr begeistert bei der Sache. Das ist aber nicht sein einziges Ehrenamt.

Wer sich mit Rudolf Keßner verabredet, sollte Zeit einplanen. Der 68-Jährige schaut auf ein bewegtes Leben zurück und kann viel und interessant erzählen. Vor einem Jahr hat er seinen grafischen Betrieb in jüngere Hände gelegt. Allerdings bedeutete das nicht, dass er nun seine Hände in den Schoß legt. Der gelernte Schriftsetzer hat sich neben seiner Arbeit eigentlich schon immer ehrenamtlich engagiert.

Vor der Wende war er in der kirchlichen Friedensarbeit aktiv. Für die Kirchentage in Thüringen produzierte er viele Stempel mit der Aufschrift »Frieden schaffen ohne Waffen«. Natürlich war er mit seiner Haltung dem Staat ein Dorn im Auge. Die große Stasi-Akte zeugt davon. Weil er zu den Bausoldaten ging, wurde er während des Studiums exmatrikuliert. Eigentlich wollte der junge Mann mit den vielen Ideen Entwicklungsingenieur werden. Ein bisschen trauert er noch heute den verhinderten Berufschancen nach.

Seinen Kinderglauben, erfahren im christlichen Elternhaus und später vertieft im christlichen Internat der Herrnhuter Brüdergemeine, hat sich Rudolf Keßner bis heute bewahrt. Er sei behütet und weltoffen aufgewachsen. Durch die von Herrnhut ausgehende internationale Missionsarbeit lernt er früh Menschen unterschiedlicher Nationalitäten kennen. Auf der anderen Seite empfand er das Internat, das damals Kinderheim hieß, als eine beschützende »Käseglocke«, unter der sich der impulsive und kritische Geist gut entwickeln konnte.

Keßner nimmt bis heute kein Blatt vor den Mund. 1968 schloss er sich als Austauschschüler in Prag dem Widerstand an. Mut und Zivilcourage hat er in der DDR und zur Wendezeit bewiesen. Das wird nicht zuletzt in der Anerkennung als Opfer des SED-Unrechtsregimes deutlich. Nach 1989 tritt er zunächst dem Neuen Forum bei.

Gruppenbild mit Herrn: Rudolf Keßner und die »Grünen Damen« des Sophien- und Hufelandklinikums Weimar (v. l. n. r.) Friederike Prieß, Cäcilia Huhn und Ilse Mäurer. Foto: Maik Schuck

Gruppenbild mit Herrn: Rudolf Keßner und die »Grünen Damen« des Sophien- und Hufelandklinikums Weimar (v. l. n. r.) Friederike Prieß, Cäcilia Huhn und Ilse Mäurer. Foto: Maik Schuck

Ein logischer Schritt für den Bürgerrechtler. Später wechselt er zu Bündnis 90/Die Grünen. Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, das sind auch seine Anliegen, in dieser Reihenfolge. Kessner ist mittlerweile der einzige Weimarer Stadtrat, der seit der Wende ununterbrochen dabei ist. Ein bezahltes politisches Amt war nie sein Ziel. Ehrenamtlich hat er damals die Arbeit für Körperbehinderte in der »Aktion Annerose« in Thüringen mit aufgebaut. Selbstverständlich hilft er in seiner Kirchengemeinde mit. Der Gottesdienstbesuch gehört dazu. Die Gemeinschaft ist ihm wichtig: »Mir würde etwas fehlen«, sagt Keßner.

Der Glaube trage ihn auch durch schwere Stunden. Vor 40 Jahren mussten Rudolf Keßner und seine Frau Katharina am 23. Dezember das zweite Kind kurz nach der Geburt zu Grabe tragen. »Können Sie sich vorstellen, wie uns zu Mute war, als im Weihnachtsgottesdienst ›Ihr Kinderlein kommet‹ gesungen wurde?« Die handgedruckte Geburtsanzeige war bereits versandt. Damals hat der Schriftsetzer schweren Herzens eine Trauerkarte gestaltet. »Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; der Name des Herrn sei gelobt!« stand darauf. Nein, es habe seinem Glauben nicht geschadet, ganz im Gegenteil, ist sich Keßner sicher.

Auch wenn ihn die Trauer nach der langen Zeit immer mal wieder übermannt. Er habe aber so ein Urvertrauen und fühle sich behütet, wofür auch seine Kopfbedeckung stehe. Ohne Baskenmütze oder Rundkappe geht er nicht aus dem Haus. Das ist sein Markenzeichen. »Wenn ich nicht behütet bin, bekomme ich Kopfschmerzen.« Außerdem sei er, der Herr mit Hut, schließlich in Herrnhut aufgewachsen, schiebt Keßner verschmitzt hinterher.

Wie man den Lebensabschnitt bezeichnen soll, den Keßner vor einem Jahr begonnen hat, ist nicht ganz klar. Bei anderen heißt das Ruhestand. Er will, so scheint es, noch mal durchstarten. Beim Ambulanten Besuchs-, Hospiz- und Palliativberatungsdienst der Johanniter Unfallhilfe (JUH) hat er einen Kurs besucht und sich zum Sterbebegleiter ausbilden lassen. Und, er ist der einzige Herr bei den »Grünen Damen« im Weimarer Sophien- und Huflandklinikum. Besuchsdienst, das wollte er eigentlich schon immer machen. Früher fehlte dazu die Zeit.

Aber jetzt geht er Dienstagvormittag mit dem Bücherwagen durch die Gänge der Krankenstationen. Kontaktschwierigkeiten hat Keßner nicht: »Ich kann auf Menschen zugehen.« Den grünen Kittel seiner weiblichen Mitstreiterinnen trägt er aber nicht, und mit seiner schwarzen Jacke hielt man ihn auch schon mal für einen Pfarrer. Seitdem wählt er unauffällige Kleidung.

Der Besuchsdienst im Krankhaus gebe ihm sehr viel. Wer möchte, kann sich mit ihm nicht nur über Bücher, sondern über Gott und die Welt unterhalten. Die Patienten seien dankbar und nähmen zum großen Teil das Angebot der »Grünen Damen« gerne an. Leider fehle der jüngere Nachwuchs.

Er will auf jeden Fall weitermachen, schließlich sei der Familienspruch seit über 150 Jahren ja auch so eine Art Verpflichtung: »Mutig vorwärts, gläubig aufwärts, dankbar rückwärts.«

Willi Wild

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Respektvolle Partnerschaft

17. September 2018 von redaktionguh  
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Kirchenvertrag vor 25 Jahren unterzeichnet

Am 15. September 1993 wurde in der Lutherstadt Wittenberg der erste Evangelische Kirchenvertrag in den neuen Bundesländern unterzeichnet. Partner waren sechs evangelische Landeskirchen und das Land Sachsen-Anhalt. Der damalige Magdeburger Konsistorialpräsident Hartmut Johnsen war Verhandlungsführer der Kirchen. Seine Nach-Nachfolgerin ist Brigitte Andrae, die Präsidentin des Landeskirchenamtes der EKM.

Frau Andrae, wo haben die Kirchen die Möglichkeiten und Freiräume genutzt?
Andrae:
Da verweise ich aktuell auf das letzte Gespräch unserer Kirchen mit der Landesregierung, das wir vor wenigen Tagen hatten. Wir haben sehr intensiv über unseren je eigenen Beitrag für ein gelingendes europäisches Miteinander gesprochen. Aktuell stehen wir vor großen Herausforderungen in Europa. Da ist es wichtig, Positionen zu finden, die einerseits klar, andererseits aber auch konsensfähig sind.

Brigitte Andrae. Foto: epd-bild

Brigitte Andrae. Foto: epd-bild

Angesprochen worden ist in diesem Gespräch auch die Entwicklung des Religionsunterrichtes an den Schulen in Sachsen-Anhalt. Insgesamt blicken wir auf eine erfreuliche Entwicklung in den letzten Jahren. Die deutliche Mehrheit der Schülerinnen und Schüler hat inzwischen die Möglichkeit, am Evangelischen Religionsunterricht teilzunehmen. In Fragen des Lehrkräfteangebotes, der Planbarkeit des Unterrichtseinsatzes und zum Teil auch bei der Refinanzierung gibt es aber nach wie vor Handlungsbedarf. Auch darüber wurde gesprochen.

Und wo hat das nicht funktioniert?
Andrae:
Natürlich gibt es immer mal wieder Reibungspunkte. Zu Verbesserungen bei der Finanzierung unserer Schulen zu kommen, war nicht leicht. Trotz der erreichten Fortschritte bleibt hier noch etwas zu tun.

Schwieriger geworden ist die Situation auch dadurch, dass wir in Parlament und Regierung nicht mehr so selbstverständlich auf Menschen treffen, die Kirche aus eigenem Erleben kennen. Da ist an der einen oder anderen Stelle schon Übersetzungsarbeit zu leisten. Im Großen und Ganzen funktioniert die Zusammenarbeit aber gut.

Damals wurde auf die Bezeichnung »Staatskirchenvertrag« verzichtet und »Evangelischer Kirchenvertrag« gewählt. Dennoch sprachen und sprechen Kritiker von zu großer Nähe von Staat und Kirchen und Sonderrechten für letztere. Wie sehen Sie das?
Andrae:
Die Terminologie verdeutlicht sehr schön, dass wir es bei dem Wittenberger Vertrag eben gerade mit einem Vertragswerk zwischen zwei gleichberechtigten und selbstständigen Partnern zu tun haben. Und da gibt es Fragen, die beide Partner betreffen und die verlässlich zu regeln sind. Ein Privileg der Kirchen kann ich darin gerade nicht erkennen. Eher eine Grundhaltung des Respekts vor der Eigenständigkeit des je anderen.

Die Fragen stellte Angela Stoye.

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Niemals langweilig

10. September 2018 von redaktionguh  
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Umgestiegen: Ursprünglich wollte Christin Bärwald Lehrerin werden. Jetzt ist die Eisenacherin Vikarin in Apolda. Mit der angehenden Pfarrerin sprach Diana Steinbauer.

Was hat Sie dazu bewogen, Pfarrerin werden zu wollen?
Bärwald:
Der Entschluss, Pfarrerin zu werden, kam bei mir relativ spät. Genauer gesagt, erst mit 26 Jahren. Eigentlich wollte ich Lehrerin werden. Und so habe ich nach dem Abitur Latein, Religion und Erziehungswissenschaft studiert.

Schon immer gehörte die Kirchengemeinde zu meinem Leben dazu. Zunächst Religionsunterricht und Christenlehre. Meine Uroma hat mich regelmäßig mit in die Kirche genommen. Mit 14 Jahren habe ich mich taufen lassen und war seitdem immer im Gemeindekirchenrat tätig. Dann wurde ich Lektorin. Im Grunde genommen bin ich in diesen Berufswunsch langsam hineingewachsen.

Wie hat man Sie auf den Pfarrberuf und den Gemeindealltag vorbereitet?
Bärwald:
Ich glaube, dass das Studium nicht wirklich auf den Pfarrberuf und den Gemeindealltag vorbereiten kann. Dazu ist es auch nicht gedacht. Es handelt sich hierbei also um die notwendige fachwissenschaftliche Grundlage des Pfarrberufs. Aber der Pfarr- bzw. Gemeindealltag beinhaltet natürlich noch mehr. Und dafür gibt es ja dann das Vikariat. Sozusagen die Schnittstelle zwischen Studium und späterem Pfarrberuf.

Christin Bärwald. Foto: privat

Christin Bärwald. Foto: privat

Im Vikariat habe ich ziemlich schnell gemerkt, wie gut es ist, auf theologisches Wissen zurückgreifen zu können. Aber es ist schwierig, dieses Wissen in der Praxis anzuwenden. Da bin ich froh, eine Mentorin an der Seite zu haben. Ansonsten gibt es im Vikariat immer wieder Dinge, auf die auch das Predigerseminar nicht vorbereiten kann. Ich denke hier an Verwaltungsabläufe, persönliches Zeitmanagement oder an Sitzungsdynamiken.

Entspricht der Beruf Ihren Vorstellungen?
Bärwald:
Ich habe in Apolda eine aufgeschlossene Kirchengemeinde angetroffen, die es mir leicht gemacht hat, anzukommen. Ansonsten habe ich einen gut gefüllten Terminkalender und immer wieder die Möglichkeit, kreativ zu sein und neue Dinge auszuprobieren. Vor dem Vikariat hätte ich mir nicht vorstellen können, Gottesdienste mit geistig behinderten Menschen zu feiern, mich intensiv mit dem Thema Inklusion auseinanderzusetzen, Gemeindeabende und Glaubenskurse vorzubereiten oder in einem »Bündnis gegen rechts« so intensiv wie momentan mitzuarbeiten.

Das klingt nach Erfüllung. Was ist an Ihrem Beruf Berufung?
Bärwald:
Das mag jetzt abgedroschen klingen, aber es ist der intensive Kontakt mit den Menschen – sie in jeglichen Lebenssituationen zu begleiten und vor allem im Glauben mit ihnen verbunden zu sein. Ich liebe es, mit den Gemeinden Gottesdienste zu feiern und mit ihnen über Gott und die Welt zu reden. Auch wenn es manchmal schwierige Themen sind. Und es sind die vielfältigen Arbeitsmöglichkeiten, die mich dabei bleiben lassen. Es wird auf alle Fälle niemals langweilig.

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Finanzen: Vieles wird in einen Topf geworfen

27. August 2018 von redaktionguh  
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Oberkirchenrat Stefan Große über Fakten und Vorurteile bezüglich der Staatsleistungen

Regelmäßig im Sommer veröffentlicht die Humanistische Union Berechnungen zu den Staatsleistungen für die evangelischen Landeskirchen und die katholischen Diözesen. Sie betragen in diesem Jahr für die EKM rund 39,9 Millionen Euro. Katja Schmidtke sprach darüber mit dem Finanzdezernenten, Oberkirchenrat Stefan Große.

Viele Medien übernehmen den Ton der Pressemitteilung der Humanistischen Union. Ärgert Sie das?
Große:
Es ist das gute Recht der Humanistischen Union, ihre Meinung öffentlich zu vertreten. Dass das regelmäßig im Sommerloch erfolgt, spricht für sich. Um Aufmerksamkeit zu bekommen, verschweigt die Humanistische Union bewusst oder unbewusst, dass man die Dinge sauber trennen muss, um eben nicht Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Falsches wird nicht durch ständiges Wiederholen richtig.

Stefan Große. Foto:  Stephan Kurzke

Stefan Große. Foto: Stephan Kurzke

Mich enttäuscht, dass Medien relativ ungeprüft derartige Inhalte übernehmen. Die Korrektivaufgabe, die Journalisten haben, sollte doch verhindern, einfach ideologische, anti-kirchliche Reflexe zu verstärken.

Was sollte differenziert werden?
Große:
Gerne werden bei der Kirchenfinanzierung Staatsleistungen, Kirchensteuern und die Leistungen aufgrund des Subsidiaritätsprinzips, also Leistungen für die Wohlfahrtspflege, in einen Topf geworfen.

Erstens: Die Staatsleistungen. Sie sind letztlich Pachtersatzleistungen für säkularisiertes Kirchenvermögen infolge des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803. Der Staat hat Land von der Kirche bekommen, und damit war die Kirche nicht mehr in der Lage, sich aufgrund der Pachterlöse von diesem Land zu finanzieren. Der Staat erfüllt damit eine Rechtsverpflichtung gegenüber der Kirche. Das haben die Weimarer Reichsverfassung und später das Grundgesetz so übernommen.

Zweitens: Die Kirchensteuer. Sie wird oft herangezogen, um eine zu enge Verflechtung zwischen Staat und Kirche in Deutschland zu belegen. Im Kern ist die Kirchensteuer das Gegenteil. Sie hat die direkte Staatsfinanzierung abgelöst und ist im Grunde nichts anderes als ein Mitgliedsbeitrag, den der Staat im Auftrag der Kirche erhebt. Für diese Dienstleistung bekommt der Staat drei Prozent des Kirchensteueraufkommens. Im digitalen Zeitalter, wo das mit relativ wenig Aufwand verbunden ist, ist das ein guter Satz.

Sie sprachen auch von Leistungen nach dem Subsidiaritätsprinzip. Was verbirgt sich dahinter?
Große:
Das sind öffentliche Mittel, die der Staat als Kostenerstattung an freie Träger der Wohlfahrtspflege zahlt, etwa dafür, dass sie Kindergärten, Pflegeheime oder Krankenhäuser betreiben. Solche Gelder bekommen die AWO, das Rote Kreuz, die Volkssolidarität, die Waldorfschulen und eben auch die kirchlichen Träger. Dies als besondere Unterstützung der Kirchen herauszustellen, ist falsch.

EKD-weit machen die Staatsleistungen zwei Prozent der Einnahmen aus. Wie sieht das in der EKM aus?
Große:
In Mitteldeutschland ist das deutlich höher, aber das hat einen Grund. In den frühen 1990er-Jahren wurden in den Staatskirchenverträgen u. a. die Staatsleistungen neu verhandelt und per Gesetz in Kraft gesetzt. Im Rahmen dieser Verhandlungen haben sich Kirche und Staat neu verständigt und sich dabei aufeinander zu bewegt. Das ging natürlich nicht ohne Zugeständnisse auf beiden Seiten. Dies also zum Vorwurf: Staatsleistungen wären ein alter Zopf. Nein, in den neuen Ländern liegen ihnen moderne Verträge zu Grunde – und Verträge sind zu erfüllen. Wir leben in einem Rechtsstaat.

Natürlich würden wir uns Ablöseverhandlungen nicht verschließen. Der Bundesgesetzgeber ist nach Artikel 140 Grundgesetz der eigentliche Verpflichtete für ein Ablösegrundsätze-Gesetz. Es sollte einen länderübergreifenden einheitlichen Maßstab geben, mit dem klar ist, wie die Staatsleistungen abgelöst werden und dass keine (Teil-) Enteignung stattfindet.

Was meinen Sie damit?
Große:
Rein juristisch bedeutet Ablösung nicht, das Recht zu entziehen und dann zu schauen, welcher Ersatz zu zahlen ist. Ablösung bedeutet, die juristische Hingabe einer Leistung an Erfüllungsstatt, also der Ersatz der abzulösenden Leistung durch eine neue, die Ablöseleistung. Wir sind die Letzten, die sich solchen Verhandlungen verschließen würden. Das hat die EKD übrigens deutlich erklärt.

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Kirche zu verkaufen


Bitterfelder Gemeinde kann sich Unterhalt von zwei Kirchen und Gemeindehaus nicht leisten

Die Bauermeister-Gedächtniskirche ist in Stein gemeißelte Geschichte. Sie erzählt nicht nur, wie Kirchen zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut wurden – im neogotischen Stil, mit fantasiereichen Wandbemalungen, bunten Bleiglasfenstern und geschnitzter Kanzel. Das ist nicht außergewöhnlich, ähnliche Kirchen stehen in Dessau, Halle oder im Bitterfelder Zentrum. Nein, die Bauermeister-Gedächtniskirche am Rande der Stadt, in der ehemaligen Kraftwerkssiedlung Deutsche Grube erzählt ein Stück Industrie- und Sozialgeschichte.
Gebaut von 1905 bis 1907, war die Kirche zunächst eine Privatkirche, bezahlt vom Unternehmer Louis Bauermeister, der eine Kohlegrube und Tonröhrenfabrik betrieb. Bauermeister und besonders seine Frau galten als sozial, und so ließ der Unternehmer einen Kindergarten, eine Schule und eben eine Kirche errichten. Denkmalschützer schwärmen, ein industriegeschichtliches Denkmal wie die neogotische Kirche in der Deutschen Grube gebe es in Sachsen-Anhalt kein zweites Mal.

Der Bitterfelder Pfarrer Johannes Toaspern erzählt diese Geschichte gerne und mit viel Enthusiasmus, aber allein aus Begeisterung heraus lässt sich kein Kirchengebäude unterhalten.
In der Kraftwerkssiedlung, zu der noch in den 1950er-Jahren eine starke christliche Gemeinde gehörte, leben inzwischen kaum mehr Christen. Nach der Wende zogen viele, die im Wolfener Neubaugebiet groß geworden sind, in die Siedlung. Menschen, die kaum christlich sozialisiert sind, schildert der Pfarrer. Inzwischen wird eine Handvoll Gemeindeblättchen verteilt, ein Aufruf vor vier Jahren, was mit der Kirche geschehen solle, blieb ohne Reaktion, und sonntags kamen so wenige zum Beten und Singen zusammen, dass seit Frühjahr 2017 keine Andachten und Gottesdienste mehr in der Bauermeister-Gedächtniskirche gefeiert werden.

Nun will die Gemeinde das Gotteshaus verkaufen. »Ich liebe diese Kirche. Je länger, desto mehr«, sagt der Pfarrer. Aber der Prediger und Seelsorger ist längst auch zum Immobilienmanager geworden. Denn die Gemeinde mit ihren 1 000 Mitgliedern kann sich auf Dauer nicht alle Gebäude leisten. Im Bitterfelder Zentrum soll die ebenfalls um die Jahrhundertwende errichtete Stadtkirche saniert und zum Gemeindezentrum umgebaut werden. Ist das geschehen, möchte die Gemeinde das Lutherhaus von 1928 veräußern – ein riesiges Haus mit Saal, Pfarrwohnung, Mietwohnungen, Büro- und Sozialräumen, Freitreppe und Terrasse.

Seit dem Frühjahr wirbt Johannes Toaspern für die Bauermeister-Gedächtniskirche. Zeitungen und Fernsehen berichteten und einige Interessenten haben sich gemeldet. Denkbar ist vieles: Die Weiternutzung als Kirche durch Freikirchen oder orthodoxe Christen, die Heimstatt für eine Communität, Wohnhaus und Ateliers für Künstler oder eine »Hochzeits-Event-Kirche«. Konkrete, ernstgemeinte Angebote mit einer überzeugenden Nutzung gibt es bislang nicht. Einen Preis hat die Kirchengemeinde nicht festgelegt. »Der Preis ist abhängig vom Nutzungskonzept«, so Pfarrer Toaspern.

Katja Schmidtke

Auf dem Trockenen

20. August 2018 von redaktionguh  
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Ein außergewöhnlicher Sommer: Hitze und Dürre seit dem Frühling fordern die Landwirte heraus. Nun ist auch die Kirche gefragt.

Mais, der nur einen halben Meter hoch wächst und Weizen-Ähren, die kleine Körner bilden. Eine Kommune verbietet ihren Bürgern das Gießen mit Trinkwasser und die andere ruft dazu auf, junge Straßenbäume zu wässern. Die Elbe führt Niedrigwasser, in Magdeburg hatte sie in der Vorwoche mit 52 Zentimetern fast ihren historischen Tiefststand von 1934 erreicht. Landwirte rechnen mit hohen Einbußen. Das ist der Sommer 2018.

Nach 1992 und 2003 sei dieses Erntejahr durch eine extreme Dürre gekennzeichnet, meldete der christlich geprägte Deutsche Bauernbund. Sachsen-Anhalts Verbandspräsident Jochen Dettmer sprach von einer Naturkatastrophe. In einigen Regionen Sachsen-Anhalts hat es seit April nicht mehr nennenswert geregnet. Mitte Juli forderten die Landwirte Unterstützung. Der Hilferuf richtete sich nicht nur an die Regierungen, sondern auch an die Kirchen. Sie gehören zu den großen Verpächtern. Die Pachtkosten müssten reduziert werden. Stundungen haben keine stabilisierenden Wirkungen, heißt es aus der Quedlinburger Geschäftsstelle des Bauernbunds.

Einen Pachterlass oder -verzicht wird es jedoch nicht geben, sagte Oberkonsistorialrat Diethard Brandt, Leiter des Grundstücksreferats im Landeskirchenamt Magdeburg. »Das Geld ist ja im Haushalt für unsere Aufgaben eingeplant.« Stattdessen wird die Kirche die Pachtzahlung stunden.

Staubtrockene Erde: Ein Landwirt lässt Ackerboden durch seine Hände rieseln, im Hintergrund steht der Mais auf den Feldern. Foto: epd-bild

Staubtrockene Erde: Ein Landwirt lässt Ackerboden durch seine Hände rieseln, im Hintergrund steht der Mais auf den Feldern. Foto: epd-bild

Üblicherweise endet ein Pachtjahr am 30. September, dann haben die Bauern ihre Ernte verkauft und zahlen die Pacht für die zurückliegenden zwölf Monate. Oberkonsistorialrat Brandt kündigte an, dass die Zahlung erst am Jahresende fällig wird, wenn die Landwirte ihre Subventionen und gegebenenfalls Hilfen erhalten haben. »Wir sehen, dass das Anliegen der Bauern berechtigt ist. Dem wollen wir uns, im Rahmen unserer Möglichkeiten, stellen.« Verpächter haben eine Mitverantwortung, betonte Brandt. Man teile sich Erfolge und Misserfolge. »Und in diesem Jahr sind es schon sehr besondere Umstände.«

Mortimer von Rümker, Vorsitzender des Landwirtschaftsausschusses der EKM-Landessynode und selbst Landwirt bei Gotha, betont, wie wichtig das Differenzieren ist. Die eine Landwirtschaft gibt es nicht. Während einige Ackerbaubetriebe eine gute Ernte gemacht haben, fällt sie bei anderen schlecht aus; besonders hart trifft es die Viehhalter. Weil Mais und Gras während ihrer Wachstumsphase im Frühling das Wasser fehlte, gibt es zu wenig Viehfutter.

Hingegen hat die SaatGut Friedrichswerth – Landwirtschaftsbetrieb von Rümker eine gute Ernte eingefahren. Das Getreide hat schöne, große Körner gebildet. »Schlicht und ergreifend Glück« nennt es Rümker, dass auf den 600 Hektar großen Feldern im Mai zwei Gewitterschauer niedergingen, während es nur wenige Kilometer weiter trocken blieb.

Wie soll man den Kollegen nun also helfen? Einen Pachterlass hält Rümker nicht für geeignet, um Betriebe zu unterstützen. Wohl aber empfiehlt er einen Blick in die Verträge: Der Pachtpreis kann je nach wirtschaftlicher Lage angepasst werden. »Das heißt: auch nach unten.« Auch die Bildung von Rücklagen für schlechtere Jahr wäre eine sinnvolle Maßnahme.
Hitze und Dürre treffen nicht nur die Landwirtschaft. Zwischen Schönebeck und Magdeburg trocknen die Elbauen aus, hat Hans-Joachim Döring, Umweltbeauftragter der EKM, beobachtet. Sinkt der Grundwasserspiegel, schadet das nicht nur Flora und Fauna, sondern auch dem Tourismus an der Elbe und im Wörlitzer Park sowie den auf Lehm gebauten Häusern in den Auen, Setzungsrisse tun sich auf. »Die Angst ist bei den Menschen angekommen«, sagt Döring.

Gleichsam hat er festgestellt, dass vieles, was vor Jahren als ideologieverdächtig gebrandmarkt wurde, heute ernsthafter diskutiert wird. »Wir haben genug erkannt und sollten es ändern«, sagt er und nennt als Beispiele den Ausstieg aus der Kohle, ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen, eine Rückkehr zur Kreislaufwirtschaft nicht nur im Agrarbereich, ein Bodenfonds in öffentlicher Hand, eine neue Förderpraxis für Bauernhöfe oder ein Ende der Illusion, die Elbe sei eine Schifffahrtsstraße für Massengüter. »Aktuell und in unserer Gegend auch relevant: keine Parteien wählen, die den Klimawandel leugnen.«

Als Christ bringe ihn die Dürre in Erklärungsnöte, gesteht Döring. »Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen«, zitiert er Psalm 24 und fügt an: »Gilt das noch? Hat Gott seine Zusage an den Planeten zurückgestellt, hält er uns einen Spiegel vor?« Hans-Joachim Döring hadert.

Katja Schmidtke

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Wie sich die EKM entwickelt hat

13. August 2018 von redaktionguh  
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Nach dem Rückblick auf den Brief aus Halle zur Kirchenfusion (Nr. 27, S. 5) wollte Leserin Christiane Paul wissen, wie sich die Vereinigung der Kirchenprovinz Sachsen (KPS) mit der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Thüringen zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in den vergangenen 15 Jahren entwickelt hat. Brigitte Andrae, Präsidentin des Landeskirchenamtes der EKM, und der Leiter des Finanzdezernates, Oberkirchenrat Stefan Große, antworten.

Hat sich das Zusammenlegen von zwei Kirchen auch innerhalb der EKD ausgewirkt?
Andrae:
Der Prozess des Zusammenschlusses der Kirchenprovinz Sachsen und der Thüringer Landeskirche ist innerhalb der EKD mit großer Aufmerksamkeit verfolgt worden. Das hing sicher auch damit zusammen, dass eine Vereinigung von Landeskirchen ein eher seltener Vorgang ist.

Außerdem schlossen sich zwei Kirchen zusammen, die nach Gemeindegliederzahlen annähernd gleich groß waren sowie unterschiedlichen Konfessionen und damit unterschiedlichen konfessionellen Zusammenschlüssen (UEK und VELKD) angehörten. Die EKM ist die einzige Landeskirche innerhalb der EKD, die Mitglied beider konfessioneller Zusammenschlüsse ist. Innerhalb dieser, wie auch innerhalb der EKD, hat die EKM eine wichtige Stimme.

Wie zeigt sich das?
Andrae:
Ich nenne einige Beispiele: Unsere Kirchenverfassung gilt als eine der modernsten innerhalb der EKD und war Vorbild für andere Kirchenverfassungen wie die der Nordkirche 2012. Unsere Erfahrungen im praktischen Umgang mit verschiedenen Bekenntnisgrundlagen werden immer wieder nachgefragt.

Wir haben eine Vereinheitlichung wichtiger rechtlicher Regelungen innerhalb der EKD angeregt. So ging der Anstoß, ein EKD-weit einheitliches Pfarrdienstgesetz zu schaffen, von der damaligen, aus beiden Vorgängerkirchen bestehenden Föderation aus.

Die Bischofskirche: Der Magdeburger Dom ist die Predigtkirche der Landesbischöfin. Gleich daneben, der Bischofssitz und Teilbereiche des Landeskirchenamtes. Im Erfurter Collegium maius ist das Landeskirchenamt beheimatet. Foto: epd-bild

Die Bischofskirche: Der Magdeburger Dom ist die Predigtkirche der Landesbischöfin. Gleich daneben, der Bischofssitz und Teilbereiche des Landeskirchenamtes. Im Erfurter Collegium maius ist das Landeskirchenamt beheimatet. Foto: epd-bild

Zu nennen sind auch unsere innovativen Vorhaben und Projekte wie die Erprobungsräume, das Pachtvergabeverfahren, für das die EKM 2015 den 1. Preis beim Wettbewerb »BodenWertSchätzen« der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und des Rates für Nachhaltigkeit erhielt, oder das erst kürzlich preisgekrönte Projekt »Vereinheitlichung und Optimierung des Personalmanagements nach dem Zusammenschluss der evangelischen Kirchen in Mitteldeutschland«. Diese Beispiele wären ohne die mit dem Zusammenschluss gewonnenen Ressourcen so nicht möglich gewesen. Nachgefragt werden auch unsere praktischen Erfahrungen als Kirche in einem stark säkularisierten Umfeld von anderen Landeskirchen. Die Ausgestaltung und weitere Entwicklung der EKM wird daher nach wie vor mit Interesse verfolgt. Gelegentlich machen wir dabei die Erfahrung, dass unsere Stimme, wie die anderer östlicher Landeskirchen auch, nicht ausreichend gehört wird. Es bleibt also eine wichtige Aufgabe, auf unsere spezielle kirchliche und gesellschaftliche Situation immer wieder hinzuweisen.

Brigitte Andrae. Foto: epd-bild

Brigitte Andrae. Foto: epd-bild

Konnte die vereinigte Kirche stärker ausstrahlen?
Andrae:
Das gerade Gesagte möchte ich mit dem Hinweis ergänzen, dass die EKM ein wichtiger Player im Dialog mit staatlichen Stellen auf Landes- und kommunaler Ebene und mit anderen Akteuren der Zivilgesellschaft ist. Auch dafür einige Beispiele:

So nehmen Landesbischöfin Ilse Junkermann und andere Leitungsverantwortliche auf allen Ebenen unserer Landeskirche regelmäßig zu wichtigen Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens Stellung. Die EKM, ihre Kirchenkreise und Gemeinden öffnen mit ihren Veranstaltungen Räume für den öffentlichen Diskurs. Das gilt beispielsweise auch für das Landeskirchenamt in Erfurt, das seit 2011 zusammen mit zwei Kooperationspartnern zu der Reihe »Collegium maius Abende« einlädt. Und mit der Übernahme der Trägerschaft für die Opferberatung »ezra« (für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt) 2012 hat die EKM ein wichtiges Signal gesetzt.

Wurden die Hoffnungen auf Einsparungen erfüllt? Oder wurden diese durch Mehrausgaben an anderer Stelle nicht erreicht?
Große:
Der Zusammenschluss der beiden ehemaligen Teilkirchen zur EKM hatte einen wichtigen Kernprozess: die Strukturanpassung im übergemeindlichen Bereich. Ziel war es, die Explosion der Ausgaben oberhalb der Gemeinden zu vermeiden, Einsparungen nachzuweisen, Doppelstrukturen zu überprüfen sowie innovative Ansätze und eine qualitätsvolle Arbeit im Landeskirchenamt sowie den unselbstständigen Werken und Einrichtungen zu ermöglichen.

Stefan Große. Foto: EKM

Stefan Große. Foto: EKM

Mit Beschluss der Landessynode vom 10. November 2010 wurde dieser flächendeckende Prozess abgeschlossen. Die Ziele wurden erreicht. Die Kostendisziplin im Landeskirchenamt und den unselbstständigen Werken und Einrichtungen wurde befördert. Das gilt insbesondere für den anschließenden Prozess der Organisationsentwicklung im Landeskirchenamt.

Welche Veränderungen gibt es?
Große:
Mit dem Haushalt 2014 haben wir Finanzbudgets eingeführt, die sich an der Organisationsstruktur des Landeskirchenamtes orientieren. Damit steht den Dezernaten und der Landesbischöfin für ihre Bereiche ein Gesamtbetrag (Budget) zur Verfügung, mit dem alle anfallenden Ausgaben zu decken sind. Damit wird die Eigenverantwortung der Dezernate gestärkt, sie werden zu einer sparsamen Haushaltsführung motiviert und die laufende Bewirtschaftung wird durch die Deckungsfähigkeit der Personal- und Sachkosten auf der Ebene des jeweiligen Budgets erleichtert.

Was bedeuten die Veränderungen für die Kirchenkreise und -gemeinden?
Große:
Mit der Neufassung des Finanzgesetzes konnten wir eine bessere Umsetzung der Vorgaben aus der Verfassung erreichen. Es gewährleistet den solidarischen, sparsamen, wirtschaftlichen und transparenten Einsatz aller kirchlichen Mittel und setzt auf das eigenverantwortliche Handeln der Kirchenkreise und Kirchengemeinden gemäß der jeweils eigenen spezifischen Situation.

Besonders hervorzuheben ist, dass verbindlich geregelt ist, dass der Löwenanteil der kirchlichen Mittel zur Finanzierung der Aufgaben der Kirchengemeinden und Kirchenkreise einzusetzen ist. Das passiert in den jährlichen Haushaltsplänen, mit denen in den vergangenen Jahren stets der Nachweis geführt wurde, dass diese Regelung mit durchschnittlich 77 Prozent der Plansumme strikt eingehalten wird. Ganz besonders erwähnenswert ist auch, dass die EKM im Finanzgesetz die Finanzierung des Verkündigungsdienstes der Kirchengemeinden und Kirchenkreise in den Mittelpunkt rückt. Veränderungen dort bedeuten automatisch die gleichen Veränderungen im Bereich der Landeskirche. Das ist auch der Grund dafür, dass im Etat 2019 die Kürzungen im Verkündigungsdienst im gleichen Verhältnis den landeskirchlichen Anteil an der Plansumme betreffen.

Ich betone: Ohne die Kirchenfusion wären derartige Regelungen zugunsten der Kirchengemeinden und Kirchenkreise nicht gelungen, ganz abgesehen davon, dass die jeweilige Teilkirche für sich drastischer hätte einsparen müssen und die Qualität ihrer Werke und Dienste wie auch der landeskirchlichen Verwaltung nicht hätte halten oder gar ausbauen können.

Benötigt die EKM weiterhin drei Leitungsebenen, wo doch die Gemeinden zum Fusionieren aufgefordert werden, um Personal zu sparen? Käme die Landeskirche nicht mit Bischof oder Bischöfin und Superintendenten aus?
Andrae:
Was ist das für ein merkwürdiges Kirchenbild? Als Juristin verweise ich auf unsere Kirchenverfassung. Die Grundbestimmungen heben hervor, dass die EKM in den vielfältigen Formen von Gemeinden und Diensten lebt und die verschiedenen Rechtsformen (Ebenen) als Zeugnis- und Dienstgemeinschaft eine innere und äußere Einheit bilden. Innerhalb dieser Einheit nehmen die verschiedenen Ebenen ihre jeweiligen Aufgaben eigenverantwortlich wahr.

Oder ist gemeint, dass es keine Regionalbischöfinnen und Regionalbischöfe mehr in der EKM geben soll? Dem würde ich widersprechen. Das regionalbischöfliche Amt hat eine wichtige Scharnierfunktion zwischen der landeskirchlichen Ebene und den Kirchenkreisen und Gemeinden. Regionalbischöfinnen und Regionalbischöfe haben Anteil an der geistlichen Leitung der EKM, sie begleiten die Mitarbeitenden in ihrem Dienst, repräsentieren Kirche auch gegenüber staatlichen Stellen und der Gesellschaft.

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Simsons Kraft kehrt zurück

5. August 2018 von redaktionguh  
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Das älteste Dienstfahrzeug der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland steht bei Pfarrer Gunter Barthel in Heyerode im Kirchenkreis Mühlhausen.

Dass es für zwei Oldtimer des Suhler Simson Werkes im Eichsfeld eine unverhofftes Wiedererstarken und somit ein zweites Leben auf den Landstraßen geben konnte, haben diese sinnigerweise einem Geistlichen zu verdanken. Und dies durch wahrhaft himmlische Fügungen und in ökumenischer Eintracht. Dem inzwischen in den Ruhestand gegangenen evangelischen Pfarrer Gunter Barthel aus Heyerode hatte über viele Jahre ein Moped SR 1 zu Diensten gestanden, bis es eines Tages jedoch den Geist aufgegeben hatte und dem Verschrotten nahe war.

Zweiradfreunde: Falls eine der beiden Mopeds des pensionierten Pfarrers Gunter Barthel (l.) einmal streiken sollte, steht ihm der Schlosser Ronny Döring zu Diensten. Foto: Reiner Schmalzl

Zweiradfreunde: Falls eine der beiden Mopeds des pensionierten Pfarrers Gunter Barthel (l.) einmal streiken sollte, steht ihm der Schlosser Ronny Döring zu Diensten. Foto: Reiner Schmalzl

Vor etwa zehn Jahren begegnete dem Pfarrer dann ein Engel, ein sachkundiger Oldtimerfan und Experte des SR 1 aus Falken, der ihm das Moped vom Baujahr 1956 wieder aufgebaut und ihm frisches Leben eingehaucht hatte. Für Gunter Barthel ein Geschenk und Glück zugleich. »Mit meiner ersten Dienststelle in Frankenroda und Ebenshausen habe ich 1988 auch das Dienstmoped meines Amtsvorgängers übernommen«, erinnert sich der 66-Jährige an die Anfänge seines Wirkens im benachbarten Wartburgkreis. Damit verbunden ist die Liebe zu dem ans Herz gewachsenen alten Zweirad.

So kann Gunter Barthel nun behaupten, dass es sich bei dem einst von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen angeschafften Moped mit jetzt 62 Jahren vermutlich um das älteste Dienstfahrzeug der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland handelt. Denn ab und an wird der Heyeröder Pfarrer zu einem Gottesdienst oder einer Hochzeit gerufen. »Das Schöne an dem SR 1 ist das Motorgeknatter«, schwärmt er von seinem Zweirad in Originalpatina und mit Zweitakt-Duft.

Falls das Moped einmal nicht fahrbereit sein sollte, steht ihm mit einem »Spatz« noch ein weiterer Simson-Oldtimer bereit. Dieser wurde der Familie einst durch einen katholischen Priester überlassen. Nachdem jenes Moped jahrelang in der Garage gestanden hatte, konnte Gunter Barthel »den Schrotthaufen nicht mehr sehen«. Da kam ihm schließlich ein Fachmann wie gerufen. Nämlich der Kfz-Handwerksmeister Georg Mühr aus Faulungen, der sich auf die Reparatur und Restaurierung der legendären Simson-Zweiräder aus Suhl spezialisiert hat. Er hat den »Spatz« grundhaft restauriert und in diesem Frühjahr in einstiger Schönheit erstrahlen lassen.

Und sollte es plötzlich einmal gravierende Probleme mit einem seiner beiden Zweirad-Oldtimer geben, kann Pfarrer Barthel auf einen weiteren »Schrauber« zählen. Denn als gelernter Landmaschinenschlosser und Tischler steht ihm quasi als Nothelfer Ronny Döring zur Seite. Auch für ihn gilt das verlässliche Handwerkermotto »Geht nicht, gibt’s nicht!«.

Das SR 1 war das erste Moped der DDR. Das S stand für Suhl und das R für Rheinmetall.

Reiner Schmalzl

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