Geistlicher Beistand für Vierbeiner

20. Februar 2017 von redaktionguh  
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Gerettet: Superintendent war Schutzengel für Jagdhund auf der A 38

Einen echten Schutzengel hatte eine Jagdhündin auf der A 38. Der Vierbeiner war während einer Treibjagd im Burgenlandkreis von seiner Fährte abgekommen und durch die Leitplanke auf die Autobahn geschlüpft. Da dort nur mäßiger Verkehr herrschte, schaffte es die junge Hundedame unbeschadet zur Mittelleitplanke, wo sie als »Geisterfahrer« gen Halle trabte.

Superintendent Michael Wegner rettete einer jungen Jagdhündin auf der A 38 bei Leuna das Leben. Foto: Ilka Jost

Superintendent Michael Wegner rettete einer jungen Jagdhündin auf der A 38 bei Leuna das Leben. Foto: Ilka Jost

In vorgeschriebener Richtung war Michael Wegner, Superintendent der Kirchenkreise Altenburger Land und Rudolstadt-Saalfeld, unterwegs. Unweit der Anschlussstelle Leuna sah er plötzlich einen Hund auf der Überholspur laufen. »Ich traute meinen Augen kaum. Es war mehr als Glück, dass das Tier nicht von einem der Autos erfasst wurde, die mit hoher Geschwindigkeit vorbeifuhren«, berichtet der 55-Jährige.

In Sekundenschnelle bremste er ab, setzte den Blinker, fuhr auf den Seitenstreifen und stieg aus, um die wagemütige Hundedame von der Fahrbahn zu locken. Mit einem großen Satz sprang die Jagdhündin in den geöffneten Kofferraum und beschnüffelte ihren Retter und dessen Fahrzeug.

Das Kuriose an der Sache: Michael Wegner, wohnhaft in Liebenrode im Südharz, hat selbst einen Jagdhund und somit viel Erfahrung und Feingefühl im Umgang: »Vielleicht hat der Ausreißer das ja gespürt und gewittert und ist deshalb so bereitwillig zu mir gekommen. Als ich das orangefarbene Signalhalsband und die Schelle gesehen hab, war mir klar, dass sich das Tier während einer Jagd verirrt haben musste.«

An einem weiteren Halsband befand sich ein Schild mit der Telefonnumer des Herrchens. Der Jäger hatte den ausgebüxten Vierbeiner bereits vermisst. Bevor der Ausreißer seinem Besitzer übergeben werden konnte, hatte dieser genügend Zeit, um sich von seiner Strapaze zu erholen, während der Superintendent einen Gottesdienst in der Brüderkirche Altenburg leitete. Anschließend ging es zurück auf die Autobahn, wo die Geschichte am vereinbarten Treffpunkt für alle Beteiligten ein gutes Ende nahm.

Dass die beherzte Rettungsaktion für ihn nicht ungefährlich war, dessen ist sich Michael Wegner bewusst. »Ich konnte einfach nicht anders. Wenn der Hund vor meinen Augen überfahren worden wäre, hätte ich dieses Bild nicht aus meinem Kopf bekommen«, so der tierliebe Pfarrer.

Ilka Jost

Bufdis: »Das ist der Hammer!«

13. Februar 2017 von redaktionguh  
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Hunderte Jugendliche engagieren sich im Bundesfreiwilligendienst (Bufdi) für das Reformationsjubiläum. Auch sie sorgen mit dafür, dass alles läuft.

Wo sich die Wittenberger Welterbestätten zwischen Lutherhaus und Schlosskirche auf 1 000 Metern wie auf einer Perlenkette aneinanderreihen, fühlt es sich noch an wie die große Ruhe vor dem Sturm. Das wird sich ändern, wenn die Feiern zum 500. Reformationsjubiläum in ihre heiße Phase treten. Mittendrin helfen dann etwa 250 Bufdis bei der Organisation. Junge Leute, die sich für einen Bundesfreiwilligendienst in Wittenberg entschieden haben.

Drei von ihnen sind Miriam, Johann-Hendrik und Paula, die aus dem Nordwesten Deutschlands kommen. Nach dem Abitur sind sie nach Wittenberg in die »Straße der Völkerfreundschaft« gezogen. »Kurz Völkerfreundschaft«, sagt Miriam, die gemeinsam mit anderen Volunteers eine der Wohngemeinschaften in Plattenbauten bezogen hat. Die Neu-Wittenberger, meistens im Alter zwischen 18 und 26 Jahren, eint die Lust, an einem großen Projekt mitzuarbeiten.

Und es wird groß: Konfirmandencamps, Weltausstellung zur Reformation, Europäischer Stationenweg mit Endpunkt Wittenberg, ein Abschlussgottesdienst zum Deutschen Evangelischen Kirchentag auf den Elbwiesen – überall sind die Volunteers eingebunden. Alleine zu den Konficamps werden im Sommer rund 16 500 Jugendliche erwartet.
Zur Weltausstellung rechnet Geschäftsführer Hartwig Bodmann vom organisierenden Verein »Reformationsjubiläum 2017« mit etwa 500 000 Besuchern. Beim Abschlussgottesdienst könnten es bis zu 200 000 Menschen werden, vielleicht auch mehr. Für die kommenden Monate werden in der Spitze täglich Tausende Gäste aus aller Welt in der Stadt erwartet, die der Reformations-Geschichte nachgehen.

Paula (von links, 18), Miriam (18) und Johann-Hendrik (19) vor dem berühmten Luther-Denkmal in Wittenberg. Ihre Ideen sind gefragt – bei Konfirmandencamps, einer Ausstellung und anderen Projekten, die an die Thesenveröffentlichung Martin Luthers vor 500 Jahren am 31. Oktober 1517 erinnern. Fotos: Dieter Sell/epd-bild

Paula (von links, 18), Miriam (18) und Johann-Hendrik (19) vor dem berühmten Luther-Denkmal in Wittenberg. Ihre Ideen sind gefragt – bei Konfirmandencamps, einer Ausstellung und anderen Projekten, die an die Thesenveröffentlichung Martin Luthers vor 500 Jahren am 31. Oktober 1517 erinnern. Fotos: Dieter Sell/epd-bild

Große Zahlen. Aber nichts, was die drei schrecken könnte. »Ich möchte mit vielen Menschen zusammenkommen«, bekräftigt Johann-Hendrik. Zu seinen Wurzeln gehört wie bei Miriam die kirchliche Jugendarbeit.

In Arbeitsgemeinschaften bereiten die Freiwilligen beispielsweise Workshops für die Camps vor, planen Straßenaktionen, organisieren Öffentlichkeitsarbeit, helfen beim Souvenirverkauf, renovieren Wohnungen für Volunteers, die noch kommen. »Wir stellen das alles gemeinsam auf die Beine, das ist der Hammer«, freut sich Paula, die unter anderem Erfahrungen aus einer Jugendkirche mitbringt. »Die Volunteers sind engagiert, bringen neue Ideen ein, fragen anders, begeistern uns«, sagt Christof Vetter, Kommunikationschef des Vereins für das Reformationsjubiläum.

Doch es gehe nicht nur um die Arbeit, verdeutlicht Miriam. »Wir kriegen hier viel dazu: Neue Erfahrungen, viele Leute, ein Gefühl von Freiheit.« Das sei ein schöner Übergang von Schule und Elternhaus hin zum nächsten Schritt. Miriam spricht von »warmem Entzug«, verbunden mit der Aufgabe, sich selbst zu organisieren. Und fügt hinzu: »Es gibt hier niemanden, der dir sagt: aufräumen, Staub saugen.«

»Selbsterfahrung, nicht mehr bei den Eltern wohnen, das eigene Geld managen, Verantwortung übernehmen, neue Freundschaften, ausprobieren, was mir Spaß macht und was nicht« – das ist es auch, was Paula neben der Mitarbeit fasziniert. Und dann ist da noch das, was die Freiwilligen aus ihrer Freizeit machen. Johann-Hendrik spricht von Schlafmangel, davon, dass viel gefeiert wird.

Das passt zu den Tipps, die die ersten Volunteers für alle anderen aufgeschrieben haben. »Nicht wundern, wenn eure Nachbarn alles über euch wissen«, heißt es da beispielsweise. »Dann könnte es sein, dass man sich in den WGs zu laut unterhält. Achtung: Die Wände sind sehr dünn. Und auch: »Seid offen für alles und fragt immer nach, wenn ihr euch unsicher seid. Alle sind mega-nett und werden euch gerne helfen.«

Miriam schwärmt und fasst zusammen: Wer sich für Wittenberg entscheide, bekomme ein Gesamtpaket: »Neue Freunde, viel Gemeinschaft – und die Chance, Verantwortung zu übernehmen.«

Dieter Sell (epd)

www.bundesfreiwilligendienst.de

Stachel im Fleisch nicht entfernen

6. Februar 2017 von redaktionguh  
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Der Theologe Richard Harvey fordert die Abnahme der Wittenberger »Judensau« und stellt sich nun einer öffentlichen Debatte.

Käme man auf die Idee, Auschwitz abzureißen? Ist nicht gerade die Existenz des Ortes ein Stachel im Fleisch? Es mag ein gewagter Vergleich sein, den Jörg Bielig da ins Feld führte. Bielig ist Vorsitzender des Gemeindekirchenrats von St. Marien in Wittenberg. Hier predigte Luther, hier begann die Tradition evangelischer Gottesdienste in deutscher Sprache, aber hier – hoch oben an der Südost­ecke des Chores, für den unwissenden Besucher kaum zu sehen – hängt seit siebenhundert Jahren ein antisemitisches Schmährelief, eine »Judensau«.

In den 1980er-Jahren begann eine kritische Auseinandersetzung mit diesem »beunruhigenden Erbe«, wie Stadtkirchenpfarrer Johannes Block sagt. 1988 wurde unterhalb der Plastik eine Gedenk- und Mahnplatte von Wieland Schmiedel und Jürgen Rennert eingeweiht. Kurz vor dem Reformationsjubiläum, zu dem auch Luthers dunkle Seiten wie sein Judenhass beleuchtet werden sollen, gewann die Debatte um die »Judensau« eine neue Aktualität.

Die »Judensau« – an der Wittenberger Stadtkirche. Foto: Katja Schmidtke

Die »Judensau« – an der Wittenberger Stadtkirche. Foto: Katja Schmidtke

Der Londoner Theologe Richard Harvey, messianischer Jude, fordert in einer Online-Petition, die Plastik abzunehmen. Mehr als 6 000 Menschen haben sich seiner Meinung angeschlossen und unterzeichnet. »Ich sage nicht: Zerstört die ›Judensau‹«. Aber nehmt sie ab, findet einen anderen Standort, erklärt und dokumentiert sie«, bekräftigte Harvey kürzlich auf einem Podium der Evangelischen Akademie.

Der charismatische Harvey ließ seinen Emotionen freien Lauf, würdigte aber auch die bisherige Auseinandersetzung. Die Petition, sagte er, sei aus seinem eigenen Schmerz entstanden. »Ich sah die Plastik, nahm im Schatten der Kirche Platz, ich weinte. Ich schrieb ein Klagelied, ich fühlte, etwas müsse getan werden.« Er sei weder politisch korrekt noch ein Bilderstürmer, aber eine antisemitische Schmähplastik an einem sakralen Ort, einem Ort, der Gott und seiner Anbetung geweiht ist – das beschmutze den Namen Gottes. Harvey betonte, an einem öffentlichen, profanen Ort sei die Plastik besser aufgehoben.

Dafür sprach sich auch Ulrich Hentschel, ehemaliger Studienleiter an der Akademie der Nordkirche, aus. Er schlug vor, in der Auseinandersetzung um die »Judensau« einen deutlichen Bezug auf Luthers antisemitische Schriften zu nehmen und die Schmähplastik in einen direkten Kontext zur Gedenkplatte zu stellen. Hentschel plädierte für die Abnahme von der Kirchenwand. »Und was soll dann dort hin? Übertünchen? So tun, als wäre nichts geschehen? Nein. Den Riss des Holocausts und die Mitschuld unserer evangelischen Kirche ist nicht zu heilen.« Der Riss solle vielmehr spür- und sichtbar sein, schlug Hentschel vor. Er hoffe, die vielfach von außen herangetragene Kritik werde nicht schlecht geredet als ein Versuch, Geschichte umzuschreiben.

Darum gehe es nicht, sagte Marcus Funck vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Aber Erinnerung und Gedenken seien Prozesse. Was sich 1988 bewährt habe, kann sich möglicherweise heute nicht mehr aus dem Kontext erschließen.

Für den Erhalt an der Kirchenmauer sprach sich Sachsen-Anhalts Landeskonservatorin Ulrike Wendland aus. »Wir müssen das kulturelle Erbe bewahren, so chaotisch, unbequem und bösartig es ist, und es für nachkommende Generationen erhalten«, sagte sie. Selbst wenn man sich für eine Abnahme entscheide, bleibe die »Judensau« da. »Das Internet ist voller Bilder. Das Böse wird nicht vergehen.«

Eine Meinung, die auch Kirchenältester Jörg Bielig teilt. Wer die Plastik abnehme und sie nur museal betrachte, entfernt den Stachel aus dem Fleisch – der schmerzt, der aber wachhält.

Katja Schmidtke

Zur Klassenfahrt ins Kloster

30. Januar 2017 von redaktionguh  
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Das Jugendbildungszentrum Volkenroda im Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen bietet Themenbausteine für Kinder und Jugendliche an.

Was kann meine siebte Klasse drei Tage im Kloster tun?« Anfragen dieser Art erreichen Anne-Sophie Dessouroux, die Jugendreferentin am Europäischen Jugendbildungszentrum in Volkenroda, häufiger. Daraus entstand die Idee, konkrete Themenbausteine für Kinder und Jugendliche zu entwickeln.

»Zunächst haben wir überlegt, was denn unser Alleinstellungsmerkmal ist: Es ist das Kloster mit seiner Geschichte und die herrliche Umgebung«, beschreibt Dessouroux die Ausgangspunkte der Bildungsangebote. Vier Schwerpunkte haben sich daraus entwickelt – Auszeit, Schöpfung, Gemeinschaft, Sinnsuche.

Im Baustein »Kloster – Ort der Auszeit« können Kinder auf die »Zeitreise Minimönch« gehen. Mit einer Geschichte werden die Kinder zunächst in die Gedankenwelt mittelalterlicher Klöster entführt. Anschließend schlüpfen die Kinder selbst in eine Kutte und erkunden das Kloster in kleinen Gruppen. Dabei geht es nicht nur ums Hören, sondern auch ums Ausprobieren – so werden Wollfäden gesponnen, Briefe mit alter Feder geschrieben und anschließend mit heißem Wachs gesiegelt, Tiere gefüttert, Speckstein bearbeitet oder gepilgert.

Als Minimönche können Kinder im Kloster Volkenroda auf Zeitreise gehen. Foto: Frank Freudenberg

Als Minimönche können Kinder im Kloster Volkenroda auf Zeitreise gehen. Foto: Frank Freudenberg

Jugendliche erleben zum Thema Auszeit eine interaktive Klosterführung. Sie erfahren einiges zur Geschichte des Klosters, erobern die Räume aber auch für sich selbst. Sie machen Fotoaktionen oder suchen sich eine der medita­tiven Kammern im Christus-Pavillon aus und kommen dort ins Gespräch.Im Themenbereich »Kloster – Ort der Schöpfung und Umweltbildung« geht es hinaus in die Natur. Kinder erkunden, was es zwischen Burgwall und 1 000-jähriger Eiche zu entdecken gibt. Die Jugendlichen machen sich beim Geocaching auf die Suche nach versteckten Schätzen.

Das Thema »Kloster – Ort der Gemeinschaft« wirft die Frage auf: Wie funktionieren wir als Gruppe? Kinder schlüpfen dazu in Kostüme und spielen Theater oder sie gestalten gemeinsam etwas mit Holz. Jugendlichen wird schnell deutlich, dass der Einzelne, so gut er auch ist, das Spiel nicht gewinnen kann. Nur, wenn sich die Mannschaft gemeinsam eine Taktik ausdenkt und alle Mitspieler ihre Fähigkeiten einbringen, dann klappt es mit dem Sieg. In einer Gesprächsrunde wird besprochen, wie die Gruppe funktioniert hat.

Der Themenschwerpunkt »Kloster – Ort der Sinnsuche« richtet sich mit seinen Angeboten sowohl an diejenigen, die im Bereich Spiritualität bereits Erfahrungen haben als auch an die, die dem Thema bisher skeptisch gegenüberstanden. Kinder erleben Stille in der Klosterkirche oder sie empfinden eine biblische Geschichte nach. Jugendliche tauschen sich im »World Café« in kleinen Gruppen über Themen wie Freundschaft oder Liebe aus oder sie gehen der Frage nach, ob die Bibel auch heute ein Wegweiser ist.

Eine anschauliche Broschüre, die auch digital einsehbar ist, stellt die Bausteine übersichtlich vor. Dort finden sich auch Komplettpakete, die individuell angepasst werden können. »Es ist eine Erleichterung für Lehrer und Gemeindepädagogen, aus einem überschaubaren Angebot auszuwählen. Und wir müssen nicht bei jeder Gruppe das Rad neu erfinden«, so Dessouroux über das Konzept.

Katharina Freudenberg

www.kloster-volkenroda.de

Überzeugungsarbeit notwendig

23. Januar 2017 von redaktionguh  
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Mitteldeutsche Landeskirche stellt Schwerpunkte
der Arbeit im Reformationsjahr vor

Zum traditionellen Kamin-Gespräch hatten die Landesbischöfin sowie die Präsidentin und die Dezernenten des Landeskirchenamtes Vertreter der Medien in Sachsen-Anhalt nach Magdeburg und einen Tag später thüringer Journalisten nach Erfurt eingeladen. Dass die Besucher ohne knisterndes Kaminfeuer auskommen mussten, lag daran, dass in Magdeburg wegen des großen Interesses das Gespräch in einen größeren Raum verlegt werden musste. In Erfurt gibt es gar keinen Kamin.

Rund 14 Millionen Euro für Lutherdekade
Die Vorbereitungen auf das 500. Reformationsjubiläum in diesem Jahr bildeten den Schwerpunkt der Abende. Rund 14 Millionen Euro gibt die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) für die sogenannte Lutherdekade aus. Davon fließen acht Millionen Euro in Investitionen – wie Bau- und Restaurierungsvorhaben in den Lutherstädten Eisleben und Wittenberg sowie in Mansfeld oder Weimar. Bis Ende November 2016 wurden bereits 6,66 Millionen Euro vergeben. Durch Eigenmittel der Kirchenkreise und -gemeinden sowie Drittmittel – beispielsweise von Bund, Ländern oder Stiftungen – wird hier ein Gesamtprojektvolumen von knapp 57,8 Millionen Euro erreicht.

Gut gerüstet geht die EKM ins Reformationsjahr. Die Kirchenleitung schaut aber bereits auf die Zeit nach 2017: (von links) Landesbischöfin Ilse Junkermann, Oberkirchenrätin Martina Klein, Oberkirchenrat Michael Lehmann, Präsidentin Brigitte Andrae, Oberkirchenrat Stefan Große und Kirchenrat Dr. Thomas Schlegel im Landeskirchenamt in Erfurt. – Foto: Adrienne Uebbing

Gut gerüstet geht die EKM ins Reformationsjahr. Die Kirchenleitung schaut aber bereits auf die Zeit nach 2017: (von links) Landesbischöfin Ilse Junkermann, Oberkirchenrätin Martina Klein, Oberkirchenrat Michael Lehmann, Präsidentin Brigitte Andrae, Oberkirchenrat Stefan Große und Kirchenrat Dr. Thomas Schlegel im Landeskirchenamt in Erfurt. – Foto: Adrienne Uebbing

Nachhaltige Investitionen für Kirchengemeinden
In Projektförderungen fließen knapp 1,4 Millionen Euro. Ein Beispiel hierfür ist die Ausbildung von Gästebegleitern zur Lutherdekade mit dem Titel »Lutherfinder«. Im Vorfeld der Dekade hatte die EKM eine interne Projektliste mit 55 kirchlichen Vorhaben erstellt. Kriterien waren nicht nur die reformationsgeschichtliche Bedeutung, sondern auch Standortkonzepte, Fördermöglichkeiten, Eigeninitiativen oder Folgekosten. Für die »Kirchentage auf dem Weg« in Erfurt, Halle und Eisleben, Jena und Weimar sowie Magdeburg und weitere Beiträge zum Reformationsjubiläum sind rund 3,4 Millionen Euro veranschlagt, für das EKM-Projektbüro »Reformationsjubiläum« knapp 1,3 Millionen. Landesbischöfin Ilse Junkermann sagte, dass durch die restaurierten Gebäude und Kunstwerke etwas Bleibendes in den Gemeinden entstanden sei.

Von dem im Herbst 2015 anvisierten Ziel, 2017 fast alle Kirchen und Kapellen in der EKM zu öffnen, müsse sie abrücken. »Hier ist noch viel Überzeugungsarbeit notwendig«, so die Landesbischöfin. Die Entscheidung, wie lange eine Kirche geöffnet werde, fälle der jeweilige Gemeindekirchenrat. Aber das »fällt zum Teil sehr, sehr schwer«.

Ernüchterndes Ergebnis vorgestellt
Der Stand 2015: Nur etwa drei Prozent der 4030 Kirchen und Kapellen waren »verlässlich geöffnet«; weitere zwölf Prozent wurden auf Verlangen auf- und wieder zugeschlossen. Angst vor Vandalismus und Diebstahl spiele eine große Rolle. Die Rückmeldungen einer Umfrage vom Oktober 2016 (mit nur acht Prozent Beteiligung) ergaben unter anderem, dass 34 Prozent der Kirchen geöffnet sind, die Hälfte jedoch nur im Sommer. Für die Landesbischöfin ein ernüchterndes Ergebnis. Ilse Junkermann will aber weiter für die Kirchenöffnung werben und hofft hier auf eine Art »Welleneffekt«, basierend auf Überzeugungsarbeit, Beratungsangeboten und guten Erfahrungen.

Angela Stoye

»Gedächtnis der Reformation«

16. Januar 2017 von redaktionguh  
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15 Thesen: Oberbürgermeister meldet Anspruch Gothas an, Lutherstadt zu sein

Gotha hat sich zum »Gedächtnis der Reformation« erklärt. Mit 15 Thesen unterstreicht Oberbürgermeister Knut Kreuch (SPD) diesen Anspruch. Dabei reicht das Spektrum der von ihm angeführten Ereignisse aus vorreformatorischen Zeiten über unmittelbare Aktivitäten Martin Luthers bis hin zu dessen Wunsch, in der Stadt zu sterben und dort begraben zu sein.

Der Kreuzgang des Augustinerklosters in der »göttlichen Stadt«. Hier hatte der Reformator seine erste Leitungsstelle. Foto: Augustinerkloster Gotha

Der Kreuzgang des Augustinerklosters in der »göttlichen Stadt«. Hier hatte der Reformator seine erste Leitungsstelle. Foto: Augustinerkloster Gotha

Zudem veröffentlichte die Stadt eine Liste mit 17 Gedächtnisorten der Reformation. Darin sind unter anderem die Cranach-Bilder auf Schloss Friedenstein, der größte Flügelaltar der Zeit sowie die erste barocke protestantische Schlosskirche angeführt. Mit Stolz wird zudem auf die Sammlungen der Universitäts- und Forschungsbibliothek Gotha verwiesen. Hier befinden sich neben 1 100 Briefen Luthers auch 280 Handschriften mit mehr als 15 800 Einzeldokumenten sowie 700 Flugblätter der Reformation.

Gotha brauche den Vergleich mit anderen Luther-Städten wie dem Geburts- und Sterbeort Eisleben, seiner Universitätsstadt Erfurt oder Wittenberg mit dem legendären Thesenanschlag nicht scheuen. »Bereits vor 300 Jahren entwickelte sich die Stadt zum frühen Zentrum der Reformationsforschung. Um es kurz zu sagen – Gotha ist das Gedächtnis der Reformation«, erklärte der Oberbürgermeister.

Gothaer Thesen zu Luther:

1. Martin Luther war mehrfach in Gotha. Mindestens sieben Aufenthalte Luthers in Gotha sind belegt. Luther predigte, wohnte und arbeitete in Gotha.

2. Bereits vor Luthers erstem Besuch gab es reformatorische Ansätze in Gotha. In Gotha lebte von 1504 bis 1526 der große Humanist Mutianus Rufus, den man als die bedeutendste Geistesgröße der Hochrenaissance schätzt und der in Gotha einen Gelehrtenkreis versammelte. Er war ein erster massiver Kritiker der katholischen Kirche.

3. Martin Luthers erster Aufenthalt in Gotha hatte besondere Bedeutung. Die Gothaer Augustinereremiten wählten Luther am 29. April 1515 zu ihrem Distriktvikar, sozusagen zum Vorgesetzten. Es war Luthers erste Leitungsstelle, der Beginn seiner Karriere.

4. Luther hielt in Gotha eine wortgewaltige Predigt. Wie eine Sage berichtet, hat Luther am 8. April 1521 in der Augustinerkirche so heftig gepredigt, dass sich die Steine aus dem Mauerwerk lösten und zu Boden polterten.

5. Gotha war schon frühzeitig eine Stadt der Reformation. Schon 1522 predigte Johann Langenhan an der Margarethenkirche Luthers Wort, er war einer der ersten evangelischen Pfarrer auf deutschem Boden.

6. Gotha hat das älteste reformatorische Gymnasium Deutschlands. Im Dezember 1524 gründete Martin Luthers Freund Friedrich Myconius aus einer alten Lateinschule das erste frühneuzeitliche akademische Gymnasium.

7. Luther berief in Gotha den ersten Superintendenten Deutschlands. Im Jahr 1529, vielleicht auch schon drei Jahre früher, hat Luther seinen Vertrauten Friedrich Myconius, der seit 1524 in Gotha als Pfarrer wirkte und im Gothaer Pfaffensturm viel Blutvergießen verhinderte, zum ersten Superintendenten berufen.

8. Eine Gothaerin war Trauzeugin Martin Luthers. Die Ehefrau des Malers Lucas Cranach und Tochter eines Gothaer Ratsherren, Barbara Cranach geb. Brengebier, und ihr Mann waren am 13. Juni 1525 Trauzeugen der Hochzeit von Martin Luther und Katharina von Bora.

9. Gotha steht mit einem Ereignis zur Verteidigung der Reformation in Verbindung. Am 27. Februar 1526 verhandelten auf der Burg Grimmenstein Landgraf Phillip von Hessen (1504 bis 1567) und Kurfürst Johann von Sachsen (1468–1532) den »Gotha-Torgauer Bund«, das erste Waffenbündnis zum Schutz der Reformation.

10. Ein Gothaer brachte der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf den evangelischen Glauben. Im Jahr 1527 hielt Friedrich Myconius seine erste Predigt und diskutierte mit einem Kölner Franziskanermönch, den er im Streitgespräch bezwang.

11. In Gotha wurde die erste Mädchenschule der Reformation gegründet. Die 1522 eröffnete deutsche Schreibschule an der Margarethenkirche wurde im Jahr 1534 zu einer Mädchenschule umgewandelt und eine Frau wurde als Lehrerin angestellt. Es ist die erste Mädchenschule der Reformation.

12. In Gotha befindet sich die älteste Beschreibung der Reformation aus Luthers Zeit. Der Historiker Daniel Gerth hat diese Beschreibung im Jahr 2016 im Thüringischen Staatsarchiv Gotha entdeckt. Sie stammt aus dem Jahr 1535.

13. Luther wollte in Gotha sterben. Am 27. Februar 1537 diktierte Martin Luther auf dem Sterbebett zu Gotha sein erstes Testament, er wollte in Gotha begraben werden. Der Gothaer Bürgermeister Johann Oßwald ließ ihn Wasser trinken, bis er wieder gesundete.

14. Luther erwähnte Gotha als »göttliche Stadt«. In einem Brief an Friedrich Myconius vom 27. Juli 1537 schrieb Luther über Gotha als »civitas divina«. Gotha war für ihn die »göttliche Stadt«.

15. In Gotha gibt es ein originales Bauwerk aus Luthers Zeit. Das Haus »Zu den zwei Helmen« am Hauptmarkt 15 ist zwei Jahre vor Luthers Tod (1544) gebaut worden und bis zum heutigen Tag als Wohn- und Geschäftshaus erhalten. Die Augustinerkirche ist nur in ihren Grundmauern und in Einzelbauteilen aus der Lutherzeit erhalten.
(epd)


Keine Sorge, die Beter sterben nicht aus

9. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Zu einer Woche des Gebetes über Konfessionsgrenzen hinweg ruft die Weltweite Evangelische Allianz zum 171. Mal in der zweiten Januarwoche auf. Harald Krille sprach darüber mit Michael Eggert, Pfarrer der EKM und Mitglied im Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz.

Herr Eggert, man hatte in den vergangenen Jahren manchmal den Eindruck, dass die Allianzgebetswoche so eine Art Auslaufmodell ist und die letzten treuen Beter allmählich weg­sterben …
Eggert:
Ich kann Sie beruhigen: Die Angst, dass die Beter aussterben, ist unberechtigt. Denn Gott erweckt sich stets neue Beter. Das sehen wir auch in der Allianz im Bereich von Mitteldeutschland, den ich überblicke. So gibt es beispielsweise hier in Weimar wirklich sehr viele Menschen und Gruppen, die das Gebet für die Stadt und die Gemeinde Jesu auf dem Herzen haben. Ich habe selbst erlebt, wie ein koreanischer Dirigent, der Christ ist, das erste Mal nach Weimar kam, aus dem Bahnhof trat und sagte: »Ich fühle, dass diese Stadt voller Gebet ist.«

Grafik: G+H

Die 1846 in London gegründete Evangelische Allianz verstand sich von Anfang an als konfessions- und denominationsübergreifende Einigungsbewegung. Getragen wurde und wird sie von Einzelpersönlichkeiten aus verschiedenen Kirchen und Gemeinschaften. Eines der wichtigsten Anliegen war von Beginn an das gemeinsame Gebet, zu dem bereits bei der Gründungsversammlung aufgerufen wurde. In mindestens 71 Orten der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) sowie der anhaltischen Kirche treffen sich nach den Recherchen von »Glaube + Heimat« und der regionalen Allianzbeauftragten in der kommenden Woche Christen zum gemeinsamen Gebet. Sollte Ihr Ort nicht dabei sein, so liegt dies daran, dass er weder uns noch der Allianz bekannt war. Bitte melden Sie sich in diesem Fall in der Redaktion, Telefon: (0 36 43) 24 61-20. (Grafik: G+H)

Ich glaube, dass Gebet das entscheidende Fundament unseres Glaubens und Wirkens als Christen ist und dass deshalb auch die Allianzgebetswoche kein Auslaufmodell, sondern nach wie vor ein Zukunftsmodell ist. Es gibt meines Wissens keine andere christliche Veranstaltung, die seit 171 Jahren in dieser Weise jährlich stattfindet. Das ist einmalig und zeigt, dass hier der Kern unseres Glaubens verankert ist.

Nun ist Weimar eine größere Stadt mit internationalem Flair – aber wie sieht es in der Fläche aus?
Eggert:
Als Mitglied im Hauptvorstand der Allianz nehme ich am sogenannten »Kon-Takt-Programm« teil. Dabei geht es darum, Kontakt zu den örtlichen Allianzarbeiten in einem ganz bestimmten geografischen Bereich zu halten und sie nach Möglichkeit zu unterstützen. Und da habe ich herausgefunden, dass es den einen oder anderen Ort gibt, in dem es die Gebetswoche oder überhaupt die Allianzarbeit nicht mehr gibt, weil sie an einzelnen Familien oder Personen hing. Dafür hab ich aber andere aufgespürt, die wir bisher noch gar nicht im Blick hatten. Und dafür bin ich sehr dankbar. Die Allianzarbeit lebt, nicht nur in Weimar.

Wer trägt eigentlich die Gebetswoche in den Orten? Wer ist Allianz?
Eggert:
Die Allianz ist ja ein Netzwerk. Es gibt keine Mitgliedschaft. Es sind die, die das Gebet auf dem Herzen haben und denen die Einheit der Christen wichtig ist. In Thüringen ist es oft so, dass die Leiter oder Vorsitzenden der Landeskirchlichen Gemeinschaften in die Verantwortung eintreten und federführend sind. Aber einige Leiter sind auch in anderen Kirchen tätig. In Erfurt beispielsweise trägt der Pastor der Freien Evangelischen Gemeinde die Verantwortung. Und es gibt ganz viele Ehrenamtliche, die etwa die Gebetswochen organisieren.

Der Name Evangelische Allianz klingt so, als ob nur Protestanten teilnehmen können.
Eggert:
Mitmachen kann jeder, der die Grundsätze der Allianzarbeit befürwortet. In vielen Orten in Deutschland arbeiten auch katholische Christen in der Allianzarbeit mit, kommt man zu Gebetsabenden in katholischen Gotteshäusern zusammen, so auch in Weimar seit einigen Jahren. Hier ist auch die einzige russisch-
orthodoxe Gemeinde Thüringens mit dabei. Zu den Abenden der Allianzgebetswoche können wir zwar nicht in die orthodoxe Kirche, weil der historische Friedhof, auf dem sie liegt, abends verschlossen wird. Aber der orthodoxe Priester beteiligt sich seit einigen Jahren an den Abenden. Und einmal im Jahr sind wir in unserer monatlichen Reihe »Gebet für Weimar« auch in der orthodoxen Kirche zu Gast.

Wie läuft so ein Gebetsabend konkret ab? Werden da Gebete verlesen oder muss jeder frei beten?
Eggert:
Ein Gebetsabend verläuft in der Regel so, dass es nach einer Begrüßung und möglicherweise dem Grußwort des Gastgebers meistens Musik gibt, einige Lieder gesungen werden oder sich auch Chöre beteiligen. Es folgen ein kurzes Wort, also eine Andacht zu dem jeweils vorgegebenen Thema sowie Informationen zu konkreten Gebetsanliegen.

Illustration: Balintseby/Freepik.com

Illustration: Balintseby/Freepik.com

Und dann gibt es die eigentliche Gebetszeit. Die wird vollkommen unterschiedlich gestaltet. In größeren Räumen und bei vielen Teilnehmern ist es in der Regel so, dass man kleine Gruppen bildet. Da ist dann auch Raum für das freie Gebet. Doch die Verantwortlichen haben auch die Freiheit, formulierte Gebete vorzutragen, und die Gemeinde betet dann in der Stille. Es gibt da keine festen Regeln. Es gibt nur die Regel, dass man das, was der Gastgeber oder der Verantwortliche tut, mit vollzieht.

Sie sprachen von thematischen Vorgaben, wer erstellt die?
Eggert:
Diese Vorgaben werden jedes Jahr von der Deutschen Evangelischen Allianz erarbeitet, in einem Begleitheft zusammengefasst und auf Anforderung an die Gebetsorte verschickt. So kann sich jeder schon vorher über die Themen der Abende und die Gebetsvorschläge informieren. Aber es steht auch frei, eigene Schwerpunkte einzubringen. Wenn wir beispielsweise im Weimarer Rathaus oder in der Stadtverwaltung sind, beten wir natürlich auch für die Stadt, selbst wenn es an diesem Abend nicht im Heft steht.

Was ist dieses Jahr thematischer Schwerpunkt?
Eggert:
Das Oberthema in diesem Jahr heißt »Einzigartig« und greift die vier »Sola« der Reformation auf: allein Christus, allein die Bibel, allein die Gnade und allein der Glaube. Die werden in den Mittelpunkt gerückt.

Wie fromm muss man sein, um zur Allianzgebetswoche zu gehen?
Eggert:
Fromm ist ein schwieriger Begriff, der ja meist sehr unterschiedlich gefüllt wird. Ich denke: Jeder, dem es ein Anliegen ist, vor Gott für die Welt, für seine Gemeinde und für die Einheit der Christen einzutreten, der sollte kommen. Es ist ja oft so, dass Mitglieder unserer Landeskirche das freie Gebet nicht so kennen. Deshalb: Jeder kann und soll an den Abenden so beten, wie es ihm selbst gemäß ist. Gern laut, aber ebenso gern im Stillen. Wichtig ist allein, dass wir nicht nur über das Gebet reden, sondern es auch tun.

Advent heißt Ankunft

27. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Kirche am Gleis: Die Bahnofsmission in Halle wird 25 Jahre

Die Bahnhofsmission in Halle feierte in diesen Tagen ihren 25. Gründungstag. Seit 1991 haben die Haupt- und Ehrenamtlichen über 900 000 Mal Menschen geholfen.
Der Wind pfeift eisig durch die Bahnsteighalle. Bellal zieht die schwarze Mütze weiter über die Ohren, strafft die Handschuhe. Es ist ein kalter Dienst an jenem trüben, diesigen Sonntagvormittag im Dezember auf dem Hauptbahnhof von Halle.

»Wir schauen, wer Hilfe braucht«

Bellal ist seit drei Monaten immer wieder hier – er ist ehrenamtlicher Helfer bei der Bahnhofsmission. Der junge Afghane ist an diesem Tag mit Steffen Hoehl, dem stellvertretenden Leiter der Mission, auf den Bahnsteigen, der Kuppelhalle und der Unterführung unterwegs. »Wir schauen, wer Hilfe braucht«, sagt Steffen Hoehl. Als die S-Bahn aus Leipzig mit Verspätung einfährt, ist es zum Beispiel eine Mutter mit zwei kleinen Kindern. Schweres Gepäck aus dem Zug wuchten, bei den Fernzügen älterer Modelle den Reisenden helfen, die Stufen unfallfrei herunterzukommen, alleinreisende Kinder und Menschen mit Mobilitätseinschränkungen begleiten, Wege weisen, Orientierung geben, ein Lächeln schenken, aufmerksam sein. Das ist ein Aufgabenfeld der Bahnhofsmission, die vor 25 Jahren gegründet worden ist.

Mehr als 900 000 Mal im Einsatz für Menschen

Die Einrichtung zählt damit zu den ältesten ihrer Art in Sachsen-Anhalt. Sie wurde am 20. Dezember 1991 von der katholischen und evangelischen Kirche ins Leben gerufen. Seitdem wurden mehr als 900 000 Kontakte gezählt. Inzwischen ist der evangelische Kirchenkreis Halle-Saalkreis der alleinige Träger. Er finanziert zwei Stellen: Heike Müller als Leiterin und Steffen Hoehl als ihr Stellvertreter sind zwei Hauptamtliche unter rund 20 Ehrenamtlichen. Unterstützung kommt auch von der Stadt Halle, sie finanziert die Frühstücksversorgung – das zweite Aufgabenfeld der Bahnhofsmission.

Einen Schritt schneller sein – das ist das Leitbild der Haupt- und Ehrenamtlichen der Hallenser Bahnhofsmission. Sie haben einen wachen Blick dafür, wo die Menschen beim Ein-, Aus- und Umsteigen Hilfe benötigen. Hier sind Steffen Hoehl und der junge Afghane Bellal beim Außendienst an Gleis 2. Foto: Katja Schmidtke

Einen Schritt schneller sein – das ist das Leitbild der Haupt- und Ehrenamtlichen der Hallenser Bahnhofsmission. Sie haben einen wachen Blick dafür, wo die Menschen beim Ein-, Aus- und Umsteigen Hilfe benötigen. Hier sind Steffen Hoehl und der junge Afghane Bellal beim Außendienst an Gleis 2. Foto: Katja Schmidtke

Denn die Räumlichkeiten im hinteren Seitenflügel des Bahnhofs sind auch Anlaufpunkt für sozial benachteiligte und einsame Menschen. Draußen auf der Fensterbank stehen Blumenkästen mit Heidekraut, im Fenster hängt weihnachtlicher Schmuck, drinnen sind die Tische sauber und liebevoll eingedeckt, mit Blumen und Deckchen, die Kaffeemaschine blubbert, es ist gemütlich warm. »Wir sind bemüht, hier mit jedem verantwortungsbewusst und respektvoll umzugehen. Das fängt bei einem ordentlich gedeckten Tisch an«, sagt Heike Müller. Sie leitet die Bahnhofsmission seit 17 Jahren.

Was hat sich in dieser Zeit verändert? Es kommen viel mehr psychisch kranke Menschen, bilanziert die ausgebildete Sozialarbeiterin. Lange Arbeitslosigkeit, aber auch der Missbrauch von Alkohol und anderen Drogen mache die Menschen krank. Es sind hauptsächlich Männer. Die meisten müssen mit einer schmalen Rente auskommen, aber es gibt auch andere Fälle. Bedürftigkeit ist heute ein vielschichtiges Problem, es betrifft längst nicht nur alte oder obdachlose Menschen. »Im Moment kommen auch viele junge Erwachsene, die haben oft schon abgeschlossen, können nicht, wollen nicht. Das macht nachdenklich«, sagt Heike Müller. Ihr Team will den Besuchern mehr als eine Stulle und einen heißen Kaffee mitgeben. Es soll hier auch um Mitmenschlichkeit gehen, um Höflichkeit, Respekt, um Regeln und Rituale. Hilfe zur Selbsthilfe. »Aber ohne Zeigefinger.«

Jeder Tag beginnt mit einer Geschichte aus dem immerwährenden Kalender »Blätter, die uns durch den Tag begleiten«. Das kann ein Gleichnis sein, ein Vers oder eine Geschichte aus der Bibel. Einmal im Monat bietet Pfarrer Karsten Müller aus der nahen Johannesgemeinde ein Bibelgespräch für die Ehrenamtlichen an. Nicht alle Helfer indes sind konfessionell gebunden oder gläubig. Dass auch zwei, die dem Glauben fernstehen, dennoch regelmäßig zum Bibelkreis kommen, empfindet Heike Müller als wohltuend und anregend. Einmal im Jahr wird, wie am 20. Dezember zur Jubiläumsfeier, in der Bahnhofshalle ein Gottesdienst gefeiert, meist im Frühling. Zudem hält Pfarrer Müller am Heiligen Abend, 13.30 Uhr, eine Andacht.

Zwei Flüchtlinge unter den ehrenamtlichen Helfern

Die Bahnhofsmission lebt von und mit ihren Ehrenamtlichen. Unter ihnen sind viele Rentner, neuestens auch zwei Flüchtlinge: neben dem jungen Mann aus Afghanistan eine aus dem Irak geflohene Christin. Beiden wolle man ein Stück Heimat geben. Heike Müller und ihr Kollege Steffen Hoehl sind zudem immer auf der Suche nach Menschen, die sich engagieren wollen, die ein bisschen Zeit schenken und die Arbeit unterstützen möchten und können. Interessenten durchlaufen fünf Probedienste, sie sollten körperlich und seelisch fit sein, eine gute Kondition bei Hitze und Kälte, treppauf, treppab mitbringen und eine schnelle Auffassungsgabe haben.

Die Bahnhofsmission Halle, die schon einmal von 1946 bis 1956 existierte, ist eine von 103 Einrichtungen deutschlandweit. In Sachsen-Anhalt existiert die »Kirche am Gleis« neben Halle auch in Magdeburg, Halberstadt, Stendal, Bitterfeld und Dessau. In Thüringen gibt es keine Bahnhofsmission. Erst vor wenigen Wochen ist ein Verein zur Förderung der Bahnhofsmissionen in Deutschland gegründet worden.

Katja Schmidtke

www.bahnhofsmission.de

Neuer Verband für Mitarbeiter

19. Dezember 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Interessenvertretung: In Erfurt hat sich der Verband kirchlicher Mitarbeitender in der EKM (VKM) gegründet. Damit gibt es jetzt neben dem Gesamtausschuss der Mitarbeitervertretung (GAMAV) einen zweiten Arbeitnehmerverband.

Wir wollen den Einzelnen vor Ort arbeitsrechtlich vertreten und auch das Gesamtarbeitsrecht in Mitteldeutschland mitgestalten«, erklärt der Vorstandsvorsitzende Markus Böttcher. Mitglieder im neugegründeten Verband können alle Angestellten der Landeskirche sowie Mitarbeitende aller Berufsgruppen im Bereich der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, der Evangelischen Landeskirche Anhalts und ihrer diakonischen Einrichtungen werden. Geistliche können laut Satzung nicht Mitglied sein. Der »Verband kirchlicher Mitarbeitender« (VKM) ist kein Novum. Vorbilder hat er bereits in anderen Landeskirchen in Bayern, Nordrhein-Westfalen oder Hessen.

Die Diakonie Mitteldeutschland ist mit 30 000 Mitarbeitern und 1 700 Einrichtungen in Thüringen, Sachsen-Anhalt einer der größten Arbeitgeber in Mitteldeutschland. Die Wohlfahrts­organisation begrüßt die Initiative der VKM-Gründer. »Wir freuen uns über das Interesse und die Initiative, den ›Dritten Weg‹ (siehe Info-Kasten) zu stärken«, sagt Pressesprecher Frieder Weigmann. Laut Weigmann sei mit dem VKM ein potenzieller Partner in der Arbeitsrechtsetzung entstanden.

Beratungsgremium beim sogenannten Dritten Weg ist die Arbeitsrechtliche Kommission, die in der EKM aus fünf Vertretern der Dienstgeber und fünf Vertretern der Dienstnehmer besteht. Davon besetzen drei Plätze die GAMAV, und zwei Plätze sollten von einem Verband oder einer Gewerkschaft besetzt werden. Ist das nicht der Fall, übernimmt die GAMAV diese Plätze.

Der Vorstand des VKM: Robert Brandt, stellvertretender Vorsitzender, Chris Roth, Kassenwart, und Markus Böttcher, Vorsitzender (v. li.) Foto: Diana Steinbauer

Der Vorstand des VKM: Robert Brandt, stellvertretender Vorsitzender, Chris Roth, Kassenwart, und Markus Böttcher, Vorsitzender (v. li.) Foto: Diana Steinbauer

»Bisher gab es hier eine Leerstelle, weil kein anderer Verband in der Landeskirche existierte«, erklärte Oberkirchenrat Christian Fuhrmann, Leiter des Fachgebiets Diakonie im Landeskirchenamt der EKM. Er begrüßt die Entstehung des VKM als selbstständigen Verband der Mitarbeitenden. »Meine Hoffnung ist, dass durch diesen Verband Bewegung in die arbeitsrechtlichen Verhandlungen kommt, die in der altbewährten Form oft in Frage stehen«, so Fuhrmann. Es gehe dabei nicht nur um Tarife, sondern auch um die Beteiligung der Mitarbeitenden und die inhaltliche christliche Profilbildung. »Die Vielfalt der Betrachtungsweisen ist wichtig, um die Zukunft konstruktiv anzugehen«, betont Fuhrmann.
Die arbeitsrechtlichen Verhandlungen seien, so bewertet es der VKM, in den letzten Jahren festgefahren. Die Gesamtmitarbeitervertretung GAMAV führe keine Entgeltverhandlungen, sondern strebe für die Beschäftigten eine Tariflösung an. »Tarifverträge wollen wir als VKM nicht. Da es in Ostdeutschland keinen Tarifvertrag im Bereich der Kirche gibt, der besser ist als einer, der über den ›Dritten Weg‹ zustande gekommen wäre«, erklärt Markus Böttcher. Er und seine Mitstreiter glauben, dass dieser Weg funktioniere und auch von den Mitarbeitenden gewollt sei.

GAMAV-Vorsitzende Edda Busse, bewertet dies anders: »Gerade auch durch die letzte Umfrage ist ganz klar zutage getreten, dass die Mehrheit der Mitarbeitenden eine tarifliche Lösung wünscht.

Darum bleiben wir auf diesem Weg.« Sie sieht den neugegründeten VKM nicht als Konkurrenz. »Der Gesamtausschuss ist gesetzlich gewollt und verankert. Er hat eine ganz andere Gewichtung und Akzeptanz als ein eigenständiger Verband.« Das sieht auch ihr Stellvertreter Manfred Quentel so: »Die Mitarbeitervertretung wird in einem stufenweisen demokratischen Verfahren gewählt. Sie hat besondere und festgelegte Rechte und Aufgaben. In Verhandlungen mit Arbeitgebern können wir ganz anders Einfluss nehmen, als ein Verband von außen das kann.« Er sieht die Gefahr einer Spaltung der Mitarbeiterschaft, die den Arbeitgebern nicht ungelegen sein könnte. Die Abkehr vom zweiten Weg, also der tariflichen Einigung, sei die falsche Zielsetzung.

Mindestens 300 Mitglieder braucht der neue Verband, um Vertreter in die arbeitsrechtliche Kommission der EKM schicken zu können. Eine Marke, die der Verband bis 2018, der Neubesetzung der arbeitsrechtlichen Kommission, erreichen möchte.

Diana Steinbauer

Der Dritte Weg
Das Arbeitsvertragsrecht der Kirchen, das die Grundlagen des Tarifsystems abweichend vom geltenden Tarifvertragsrecht regelt, wird als Dritter Weg bezeichnet. Anstelle einer selbstständigen Setzung durch den Arbeitgeber (Erster Weg), wie bei Beamten oder einer Übernahme des Tarifvertrags­systems (Zweiter Weg), besagt der Dritte Weg, dass die Grund­lagen des Arbeitsverhältnisses in Richtlinien von kirchlichen Gremien festgelegt werden. Diese sind paritätisch aus gewählten und weisungsungebundenen Vertretern der Mitarbeiter und Vertretern der Dienstgeber besetzt.

Adventskalender für danach

13. Dezember 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Weihnachten geht weiter: EKM-Internetkalender mit geistlichen Impulsen

Foto: EKM

Foto: EKM

Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) bietet in diesem Jahr erstmals einen Adventskalender für die Zeit nach den Weihnachtsfeiertagen an. In vielen Kirchen in Mitteldeutschland wird an Heiligabend eine kunstvoll gestaltete Postkarte mit einem Krippenmotiv von Lucas Cranach d. Ä. ausliegen. Sie weist unter dem Titel »Weihnachten geht weiter« auf den »Nach-Adventskalender« hin. Täglich vom 27. Dezember bis 6. Januar kann online unter www.weihnachten-geht-weiter.de ein Türchen geöffnet werden. In insgesamt elf kurzen Videos erklären unter anderem Landesbischöfin Ilse Junkermann oder EKM-Personaldezernent Michael Lehmann Grundlagen christlicher Gemeinschaft und regen zum Austausch darüber an. Themen sind dabei beispielsweise die Bibel, Seelsorge oder das Kirchenjahr.

»Weihnachten ist ja nicht mit dem Heiligen Abend beendet, sondern geht danach erst richtig los«, erklärt der EKM-Beauftragte für die Sozialen Medien, Karsten Kopjar, die Aktion. »Unsere Idee war: An Heiligabend kommen jedes Jahr zahlreiche Menschen zum Gottesdienst. Es wäre doch schön, mehr Kontakt zu ihnen zu bekommen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Dazu wollen wir mit unserem ›Nach-Adventskalender‹ einen Impuls geben.« Kopjar bittet ausdrücklich um Kommentare zu der Weihnachtsaktion auf Twitter und Facebook.

(G+H)

Interessierte Gemeinden, Kirchenkreise und auch Einzelpersonen können die Postkarte im Landeskirchenamt bestellen.
www.ekmd.de/service/onlinebestellen/onlinebestellungen/33763.html

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