Durchweg positive Einträge

18. September 2017 von redaktionguh  
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Bugenhagenhaus: Bilanz der EKM-Themenwochen – Botschaften zum Abschluss übergeben

Im Wittenberger Bugenhagenhaus präsentierten sich während der Weltausstellung Reformation Kirchenkreise und Initiativen aus der EKM. Mit der Projektverantwortlichen Adelheid Ebel sprach Willi Wild.

Wie sieht Ihre persönliche Bilanz aus?
Ebel:
Es war ein toller Sommer. Im Bugenhagenhaus habe ich viele wunderbare Menschen aus unserer Landeskirche kennengelernt. Unsere Kirche lebt, da ist viel Kreativität und Engagement. Der Austausch war wirklich sehr wertvoll. Ein Höhepunkt für mich waren »Luthers Freunde« aus dem Südharz, die mit einer dreieinhalb Meter großen Lutherpuppe durch die Innenstadt gezogen sind und Besucher auf die Angebote im Bugenhagenhaus aufmerksam gemacht haben.

Wie war die Resonanz?
Ebel:
Wir haben die Erfahrung gemacht, wenn wir rausgehen, Menschen einladen und auf die Angebote aufmerksam machen, dann wirkte sich das auf die Resonanz im Haus aus. Nach dem Kirchentag hatten wir allerdings erst mal Flaute. Aber in der Urlaubszeit, im Juli und August, wurde es dann immer besser. Ich glaube, auch für die beteiligten Kirchenkreise war es eine schöne Erfahrung, wenn die Teams eine Woche gemeinsam hier in Wittenberg verbracht haben.

Welche Kommentare haben die Besucher im Gästebuch hinterlassen?
Ebel:
Die Kommentare sind durchweg positiv. Da heißt es dann: Vielen Dank für den einladenden Raum, für die Gestaltung, für den freundlichen Empfang, für interessante Ausstellungen, für gute Begegnung und gute Ideen, für eine tolle Zeit und tolle Gespräche. Ein Kind hat geschrieben: »Ich hab Kostüme angezogen, ich hab alte Schrift ausprobiert. Es hat mir gefallen.«

Ein Schatzkästchen mit Botschaften übergab Adelheid Ebel (rechts) an Reformationsbotschafterin Margot Käßmann (links). Foto: Thomas Klitzsch

Ein Schatzkästchen mit Botschaften übergab Adelheid Ebel (rechts) an Reformationsbotschafterin Margot Käßmann (links). Foto: Thomas Klitzsch

Der Kirchenkreis Mühlhausen hatte Kostüme mitgebracht. Damit konnte man sich fotografieren lassen. Ein weiterer Eintrag, der mich bewegt hat: »Ich wünsche der EKM den Mut eines Luthers, für Überzeugung Kopf und Kragen zu riskieren.« Diese Botschaft verstehe ich als Anregung für unsere Arbeit: Den Mut zu haben, Dinge zu lassen, wo wir wissen, das funktioniert nicht mehr. Stattdessen gemeinsam zu schauen, wo entsteht etwas Neues.

Reformation geht weiter – was bleibt von der Weltausstellung?
Ebel:
In der vergangenen Woche wurden die Zukunftsprojekte der EKM thematisiert. Die sogenannten Erprobungsräume stießen dabei auf großes Interesse auch von Mitgliedern anderer Landeskirchen. Dabei wurde gezeigt, welche Ideen und neuen Formen von Kirche in den Regionen erprobt werden und welche Auswirkungen sie haben. Da passiert Reformation ganz praktisch vor Ort. Sich darüber auszutauschen, das kam sehr gut an und geht weiter. Das war eine Art Zukunftswerkstatt mit regionalen Bezügen.

Die Weltausstellung Reformation ist zu Ende. Gilt das auch für die Aktivitäten des Kirchenkreises?
Ebel:
Nein, wir bleiben natürlich gute Gastgeber und es gibt weiterhin eine Reihe von Angeboten. Beispielsweise werden die ökumenischen Themengottesdienste in der Stadtkirche, gleich neben dem Bugenhagenhaus, jeden Mittwoch um 20.17 Uhr, bis zum 25. Oktober fortgesetzt. Im Reformationssommer haben wir gelernt, dass wir uns nicht verstecken brauchen. Wir wollen als Kirche auf vielfältige Weise erkennbar sein und uns dazu mutig auf den Marktplatz stellen.

www.kirchenkreis-wittenberg.de

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Um Schimmels willen! – Mysteriöser Pilzbefall an Orgeln

11. September 2017 von redaktionguh  
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Vor zwei Jahren ist in der EKM eine Online-Umfrage zum Schimmelbefall an historischen und neuen Orgeln gestartet worden. Bei der Befragung ging es zum einen um die Gefährdung der Instrumente, aber auch um gesundheitliche Risiken. Über das Ergebnis sprach Michael von Hintzenstern mit Christoph Zimmermann, dem Orgelreferenten im Landeskirchenamt.

Ungefährlich: Was wie Staub aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Schimmelpilz, von dem aber keine Gefahr ausgehen soll.  Foto: Christoph Zimmermann

Ungefährlich: Was wie Staub aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Schimmelpilz, von dem aber keine Gefahr ausgehen soll. Foto: Christoph Zimmermann

Wie viele Gemeinden haben sich beteilig und welche Ergebnisse konnten ermittelt werden?
Zimmermann:
Unser Online-Fragebogen wurde für ca. 400 Instrumente aus den Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ausgefüllt. Das hat unsere Erwartungen bei Weitem übertroffen und freut uns sehr. Es handelt sich dabei um Instrumente mit und ohne Schimmelbefall. Die Umfrage war Teil eines durch die EKM initiierten Forschungsprojektes zu den Ursachen des zugenommenen Schimmelbefalls an Orgeln. Im Ergebnis dieser Befragung wurden etwa 50 Orgeln besichtigt und untersucht. Daraus wurden noch einmal 20 Instrumente für eine vertiefte Untersuchung ausgewählt. Ziel des Forschungsprojektes ist zunächst die Untersuchung der Ursachen für diesen Befall.

Welche Ursachen gibt es?
Zimmermann:
Klar ist, dass die Klimaverhältnisse in der Kirche und speziell in der Orgel eine große Rolle spielen. Wieweit auch die Beschichtungen auf den Oberflächen eine Rolle spielen, ist noch nicht abschließend geklärt.

Was sollen Kirchengemeinden unternehmen, deren Orgeln von Pilzen befallen sind?
Zimmermann:
Grundsätzlich sind die zuständigen Orgelsachverständigen erste Ansprechpartner zu den Fragen der Orgel. Unser Forschungsprojekt ist noch nicht abgeschlossen. Wir empfehlen zunächst, möglichst keine Eingriffe (Reinigung nur wegen Pilzbefall, Behandlung mit Fungiziden o.ä.) vorzunehmen, sondern die Projektergebnisse abzuwarten. Sinnvoll ist aber, geeichte Messgeräte (Datenlogger) in den betroffenen Instrumenten und Kirchenräumen auszulegen. Die Temperatur- und Feuchtedaten von wenigstens einem Jahr sind für eine Bewertung der örtlichen Klimasituation sehr hilfreich.

Kann man nach dem jetzigen Forschungsstand gesundheitliche Gefährdungen ausschließen?
Zimmermann:
Es hat sich bei unseren untersuchten Instrumenten herausgestellt, dass fast ausschließlich Pilze der Aspergillus-glaucus-Gruppe anzutreffen sind. Von diesen geht im Normalfall keine Gesundheitsgefahr aus. Auch wirken sie nicht holzzerstörend. Bei einer anstehenden Reinigung durch Fachleute sollten diese sich trotzdem mit entsprechendem Schutz ausrüsten, um im Einzelfall eine mögliche allergische Reaktion auszuschließen.

Wie soll in Zukunft – auch bei Baumaßnahmen – mit drohendem Pilzbefall umgegangen werden?
Zimmermann:
Im November findet im Rahmen des Forschungsprojektes ein Kolloquium in Erfurt statt. Dabei werden die bis dahin ausgewerteten Ergebnisse Orgelsachverständigen, Orgelbauern und Kirchenbaureferenten vorgestellt und diskutiert. Dies wird uns hoffentlich in einigen Punkten Klarheit bringen und die Grundlage sein, auf der wir in einem Folgeprojekt auf konkrete Handlungsmuster hoffen.

Zugang mit Hindernissen

4. September 2017 von redaktionguh  
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Offene Kirchen: Wenn die Suche nach dem Kirchenschlüssel zur Odyssee wird

Die Klinke gedrückt, aber die Tür gibt nicht nach. Das ist immer noch die Realität vor mitteldeutschen Kirchentüren. Nicht hineinkönnen, ausgesperrt sein, dieses Gefühl begleitet Gabriele Schwarz seit Juni dieses Jahres bis heute. Sie lebt in Lützen im Kirchenkreis Merseburg, war aber zuvor mehr als 30 Jahre in Eisenach zu Hause. Gern besucht sie die Thüringer Heimat, trifft sich mit ehemaligen Klassenkameraden. Wie auch im Juni. Sie waren im Thüringer Wald unterwegs, gemeinsam wollten sie die historische Kirche von Cabarz, einem Ortsteil von Bad Tabarz, besuchen. Doch die Besichtigung wurde ihnen, laut Frau Schwarz, durch den dortigen Pfarrer verwehrt. Sie seien keine christliche Pilgergruppe und auch nicht alle Kirchenmitglieder, sei die Begründung gewesen. Pfarrer Kai-Philipp Kunze will das so nicht stehen lassen. Er habe mit Frau Schwarz nie gesprochen, doch ein Herr (ein ehemaliger Schulkamerad von Frau Schwarz, Anm. d. Red.) hätte in einem eher groben Ton angefragt und Kunze habe aufgrund von Terminschwierigkeiten leider absagen müssen. Dann habe ein Wort das andere gegeben. Alles Missverständnisse, die bei den Beteiligten jedoch noch nachwirken.

Die Kirche von Cabarz im Thüringer Wald. Foto: Kirchengemeinde

Die Kirche von Cabarz im Thüringer Wald. Foto: Kirchengemeinde

Wie sich das alles ergeben hat, kann heute nicht mehr vollständig geklärt werden. Der Fall zeigt jedoch, dass es in einigen Regionen der EKM auch im Reformationsjubiläumsjahr immer noch schwer zu sein scheint, in eine verschlossene Kirche zu kommen. Pfarrer Kunze betont, man halte die Kirche in den Sommermonaten drei Tage pro Woche offen. Großen Zuspruch hätte dies aber bisher nicht erfahren. Der Seelsorger macht deutlich, dass eine Besichtigung der Kirche möglich sei. Besucher müssten aber flexibel sein.

»Wir halten die Kirchen offen, aber nicht unbeaufsichtigt«, erläutert der Superintendent des Kirchenkreises Waltershausen-Ohrdruf, Wolfram Kummer. Denn man habe in den Kirchen der Umgebung schon hässliche und
übelriechende Erfahrungen gemacht.

In Dorfkirchen, wo die Identifikation der Bewohner mit der Kirche groß sei, klappe die Öffnung der Kirchen gut. Anderswo hätten sich Kirchenälteste dafür entschieden, gar nicht oder nur an bestimmten Tagen zu öffnen. Die Sorge für die Kirche liege bei den Gemeindemitgliedern, betont Superintendent Kummer. Ihre Anstrengungen müsse man würdigen und die Kraft, die das Engagement fordere.

Das gehe nur behutsam. Und, man müsse die ernst nehmen, die die Last der Verantwortung und der Logistik einer offenen Kirche tragen. Das könnten dann auch immer nur individuelle Lösungen sein.

Der Besuchergruppe um Gabriele Schwarz gelang es dann doch noch, die Kirche von Cabarz zu besuchen. Eine Mitarbeiterin des Heimatmuseums Tabarz vermittelte den Kontakt zu einem Kirchenältesten, der den Besuchern die Besichtigung letztlich ermöglichte. Trotz des guten Ausgangs der Geschichte zeigt das Beispiel Cabarz, dass es mitunter einiger Anstrengungen bedarf, um Einlass zu finden. Und der Fall offenbart die Schwierigkeiten und Hinderungsgründe für eine Öffnung.

Diana Steinbauer

»Weißes Gold«: Das weltweit erste Taufbecken aus Porzellan

28. August 2017 von redaktionguh  
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Foto: Wolfgang Hesse

Foto: Wolfgang Hesse

Die Porzellanmanufaktur Reichenbach am Hermsdorfer Kreuz hat nach Experten-Angaben das erste Taufbecken der Welt aus »weißem Gold« hergestellt. Stolz präsentiert Annett Geithe (Foto oben re.) von der Manufaktur das Becken. Es ist für die Porzellan-Kirche auf der Leuchtenburg als Teil der Porzellan­welten bestimmt und soll Ende Oktober erstmalig zum Einsatz kommen.

Die Herstellung des Taufbeckens war eine Herausforderung: »Sowohl das Design als auch die technische Umsetzung benötigten viel Zeit und viele Tests«, so Keramikingenieur Sven Hergeth, der als Modelleur arbeitet und die Schale geschaffen hat. Es wurden mehrere Versuche gestartet, bis ein Becken mit der gewünschten Form und Größe den Brennvorgang bei 1 380 °C überstanden hatte.

Das schalenförmige Taufbecken misst 78 cm im Durchmesser und besteht aus unglasiertem Porzellan; in die kleine Vertiefung in der Mitte passen etwa 250 Milliliter Taufwasser. Im Moment wird die Schale von Porzellanmalerin Anika Raschke in Reichenbach in Handmalerei noch mit zwei Baby­füßchen in Platindekor versehen, die nach dem Brennen auf dem matten Porzellan golden und silbern schimmern werden.

Fest in Frauenhand

21. August 2017 von redaktionguh  
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Reformationsjubiläum: Frauen feiern in Wittenberg und fordern Veränderung

Mehrere hundert Frauen aus 18 Nationen haben sich am Sonnabend auf dem Wittenberger Marktplatz zu einem Frauenfestmahl zusammengefunden. Zwischen den Statuen von Martin Luther und Phillip Melanchthon ging es der weiblichen Hälfte der Menschheit darum, »nicht nur aufzutischen, sondern sich vor allem einzumischen«, wie Carola Ritter, Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland, formulierte. Sie gehörte zu den Organisatorinnen der fröhlichen Zusammenkunft. Deren Motto »ein Törtchen, ein Wörtchen, ein Lied« war einem Songtext des Liedermachers Gerhard Schöne entliehen und lud ein zu schmackhaften Gerichten, anregenden Gesprächen und gemeinsamem Gesang.

Fototermin: Rund 120 Frauen im Talar fanden sich am Sonnabend auf dem Schlosshof ein. Frauen im Pfarr- oder einem anderen kirchlichen Leitungsamt sind noch immer nicht selbstverständlich. Foto: Thomas Klitzsch

Fototermin: Rund 120 Frauen im Talar fanden sich am Sonnabend auf dem Schlosshof ein. Frauen im Pfarr- oder einem anderen kirchlichen Leitungsamt sind noch immer nicht selbstverständlich. Foto: Thomas Klitzsch

»Dass wir hier stehen, ist eine Wirkung der Reformation«, bekundete Landesbischöfin Ilse Junkermann und fügte selbstbewusst hinzu, dass durch Luthers Diktum von der Priesterschaft aller Glaubenden »alle gleichermaßen berufen sind – zu allen Ämtern der Kirche«. Doch vielerorts gilt es dies immer noch durchzusetzen. Kaum jemand weiß das besser als Jana Jeruma Grinberga. Sie wurde 2009 zur ersten Bischöfin der lutherischen Kirche in Großbritannien berufen. In der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands wäre ihr dies inzwischen verwehrt, denn 2016 sind auf Beschluss der dortigen Synode Frauen wieder vom Pfarramt ausgeschlossen worden. Inzwischen ist die gebürtige Lettin Grinberga als Kaplanin der Anglikanischen Kirche in Riga tätig, ein Stachel im Fleisch der konservativen Kirchenvertreter in ihrem Heimatland. »Es stehen uns noch einige Kämpfe bevor«, bekundet sie im Gespräch und sprühte dabei vor Energie. Das Frauentreffen an der Wiege der Reformation gebe Kraft und es helfe, »einander zu stärken«.

Auch unter deutschen evangelischen Theologen gebe es Stimmen, die über »zu viel Sopran« auf den Kanzeln klagten, sprang ihr die Reformationsbotschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, bei; sie erinnerte zudem an die Reaktionen, als vor 25 Jahren Maria Jepsen zur ersten evangelisch-lutherischen Bischöfin weltweit gewählt wurde. Jepsen war beim Frauenfestmahl dabei und wurde von den Anwesenden mit großem Beifall begrüßt und gefeiert. Sie sei »Vorbild und Mut machendes Beispiel für viele Frauen« gewesen, so die Lettin Grinberga.

Dass es in Sachen Geschlechtergerechtigkeit auch noch andere Baustellen gibt, betonte Gisela Hoffmann, die zusammen mit etwa 30 anderen Frauen aus Stuttgart und Umgebung angereist war. Die Mutter dreier inzwischen erwachsener Kinder hatte sich über Jahrzehnte ehrenamtlich in der evangelischen Kirche engagiert und etwas zum Festmahl mitgebracht – ihren Rentenbescheid. Der sei ein trauriges Beispiel für die Geringschätzung weiblichen Engagements jenseits der Lohnarbeit.

Es gehe darum, »fortzusetzen, was erreicht wurde und möglichst viele Frauen mit ins Boot zu holen«, fand Andrea Klose. Die Wittenbergerin arbeitet in einer Bäckerei am Marktplatz in der Lutherstadt und war spontan als Vertreterin des Bereichs »ein Törtchen« für die verhinderte Starköchin Sarah Wiener eingesprungen. Für »ein Lied« sorgten die Theologin und Musikwissenschaftlerin Sybille Fritsch-Oppermann sowie »Brass Feminale«, eine eigens zum Frauenfesttag gegründete Formation, bestehend aus acht Bläserinnen aus allen Teilen Deutschlands.

Die Reformation gehe weiter, so Landesbischöfin Ilse Junkermann, »dafür sind wir ein Zeichen heute«. Und noch »ein Wörtchen« gab sie den Frauen mit auf den Weg: »Wir haben keine Angst vor Veränderung.«

Stefanie Hommers


Heilige Schrift im Bild

14. August 2017 von redaktionguh  
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Weimarer Kinderbibel eine Woche in Wittenberg

Mitteldeutsch-2-32-2017Unter dem Motto »Bild und Bibel« steht die 13. Themenwoche der Weltausstellung Reformation vom 16. bis 21. August in Wittenberg. Besucher können alte Ikonen und neue Icons entziffern, mit Künstlerinnen und Künstlern ins Gespräch kommen, über Bilderverbote diskutieren und vieles mehr.

Mit dabei ist im Bugenhagenhaus die Weimarer Kinderbibel, geschrieben und gestaltet von Kindern.

Mit inzwischen sechs Staffeln kann das Projekt der Kinderbibel einen Erfolg vorweisen, der beim Start im Jahr 2012 nicht abzusehen war. Im Lauf der Jahre haben sich über 500 Kinder aus Weimar und anderen Orten in Thüringen beteiligt.

Kinder des ersten Jahrganges der Weimarer Kinderbibel blättern im fertigen Exemplar. Foto: Maik Schuck

Kinder des ersten Jahrganges der Weimarer Kinderbibel blättern im fertigen Exemplar. Foto: Maik Schuck

Bei der Themenwoche in Wittenberg anwesend ist auch die Ideengeberin, die promovierte Sprachwissenschaftlerin Annette Seemann. Die von Frank Nolde kuratierte Ausstellung im Bugenhagenhaus zeigt ausgewählte Geschichten und Gestaltungen aus den sechs Jahren Projektarbeit mit Kindern der Klassenstufen vier bis sieben. Hinzu kommen Fotos vom Entstehungsprozess der Kinderbibeln und natürlich die Bibeln selber.

Ebenfalls im Bugenhagenhaus präsentiert sich unter dem Thema »Kirchliche Kunst im ganzen Land« die 1999 gegründete Kirchliche Stiftung Kunst- und Kulturgut.

(G+H)

Literarische Gesellschaft Thüringen (Hrsg.): Weimarer Kinderbibel. Geschrieben und gestaltet von Kindern: Erlesene Geschichten und Bilder, Wartburg Verlag, 168 S., ISBN 978-3-86160-278-1, 14,90 Euro

https://r2017.org/nc/weltausstellung/programm/kalender

Rast an der Radwegekirche

7. August 2017 von redaktionguh  
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Elberadweg: Teilstück in der Altmark wieder befahrbar

Mehr als 4 000 evangelische Kirchen und Kapellen stehen in Mitteldeutschland. Das sind rund 18 Prozent aller evangelischen Kirchen Deutschlands. Derzeit laden 64 davon, sogenannte Radwegekirchen, zu einer besonderen Rast ein. Die Gotteshäuser liegen unmittelbar an Radwegen in Thüringen, Sachsen-Anhalt sowie in Sachsen und sind auf Hinweisschildern am Weg und an den Kirchen als Radwegekirchen gekennzeichnet. Die Kirchen bieten noch bis zum Reformationstag am 31. Oktober an mindestens fünf Tagen in der Woche tagsüber einen Ort der Ruhe und Besinnung. An manchen Orten gilt diese Regelung auch für das Winterhalbjahr.

Foto: Screenshot G+H

Foto: Screenshot G+H

In einigen Kirchengemeinden gibt es zudem Kirchenführungen und Seelsorgegespräche. Zertifizierte Radwegekirchen sollten neben Informationen möglichst auch einen Rastplatz oder Bänke im Garten sowie Zugang zu Toi­letten und Trinkwasser bereitstellen.

Ein Teilstück des Elberadweges in der Altmark zwischen Billberge und Arneburg im Kirchenkreis Stendal ist jetzt wieder ohne Einschränkungen befahrbar, so das Wirtschaftsministerium in Magdeburg.

Eine Karte mit allen Radwegen und Radwegekirchen findet sich auf einer Internetseite (Foto).

Dort gibt es detaillierte Informationen zu Öffnungszeiten oder der Geschichte der Kirche. Ein grünes Signet mit Kirche und Radfahrer kennzeichnet vor Ort die Kirchen.
(G+H/epd)

www.radwegekirchen.de

Alles nach Plan?

31. Juli 2017 von redaktionguh  
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Zwischenbilanz: Veranstalter in Wittenberg zufrieden – Besucherzahlen hinter den Erwartungen

Das Reformationsjubiläum wartet weiter auf den großen Durchbruch. Für die »Weltausstellung Reformation« in Wittenberg, zu der rund 500 000 Besucher erwartet worden waren, sind bislang erst 70 000 Eintrittskarten verkauft worden. Sie läuft noch bis zum 10. September.

Guter Dinge: (v. li.) Ulrich Schneider, Geschäftsführer r2017, Margot Käßmann, Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör und Pfarrer Christian Ferber vor dem Segens­roboter der Weltausstellung Reformation. Foto: r2017

Guter Dinge: (v. li.) Ulrich Schneider, Geschäftsführer r2017, Margot Käßmann, Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör und Pfarrer Christian Ferber vor dem Segens­roboter der Weltausstellung Reformation. Foto: r2017

Die Ausstellung in den Grünanlagen rund um die Wittenberger Altstadt sollte einer der Höhepunkte im Jahr der 500. Wiederkehr von Luthers Thesenanschlag sein. Insgesamt kostet die Weltausstellung rund 20 Millionen Euro, neben der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zählen auch das Land Sachsen-Anhalt und der Bund zu den Geldgebern. Die Veranstalter zeigten sich dennoch zufrieden: »Die Weltausstellung hat an Fahrt aufgenommen«, sagte Geschäftsführer Ulrich Schneider. »Die Teilnehmerzahlen werden zunehmend stärker.« Reformationsbotschafterin Margot Käßmann sagte, sie »schätze besonders die Qualität der Begegnung von vielen Menschen, die Zuwendung zu existenziellen Fragen«. Die Weltausstellung zeige, dass 500 Jahre Reformation nicht eine Schau der Historie seien. »Wer bisher dabei ist, ist begeistert.«

Im Unterschied zum Millionenprojekt Weltausstellung kann die Stadt Wittenberg selbst im Lutherjahr nicht über fehlende Gäste klagen: Allein die Schlosskirche, an deren Tür Luther 1517 seine 95 Thesen angeschlagen haben soll, zählte seit Jahresanfang rund 280 000 Besucher. Und das Luther-Panorama des Künstlers Yadegar Asisi, ein begehbares Kunstwerk, das Besucher in die Zeit des 16. Jahrhunderts zurückversetzt, wurde seit Oktober 2016 von rund 250 000 Menschen besucht. Die genuin kirchlichen Angebote werden dagegen deutlich schwächer wahrgenommen. Der von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau ausgestellte Segensroboter, der als eines der Highlights der Weltausstellung gilt, hat nach Angaben von Standleiter Christian Ferber seit Beginn der Weltausstellung 3 800 Mal den Segen gespendet. Pro Woche würden etwa 380 bis 400 Menschen den Roboter nutzen – was zeigt, dass die Besucher zwar in Wittenberg sind, die teure Weltausstellung aber wohl weitgehend ignorieren.

Benjamin Lassiwe

»Bitte segnen Sie uns doch«

24. Juli 2017 von redaktionguh  
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Themar: Superintendent Johannes Haak über einen ungewöhnlichen Pilgerweg

Eine Idee von Arnd Morgenroth, Pfarrer i. R. aus Themar: »Geht doch einen Pilgerweg.« Ich war skeptisch. Doch wir gingen. Stündlich, am Sonnabend, ab 12 Uhr, zogen wir – vornweg das Vortragekreuz. Von der Friedhofskirche zum Stadttor. Über den Fußgängerübergang. Dort war erste Pilgerstation. An einem alten großen Steinkreuz. Miteinander beteten wir: »Herr, unser Gott, stärke die Menschen, die sich für Mitmenschlichkeit einsetzen.« Und von dort der Weg auf die Bündniswiese. Zum Altar. Gegenüber dem Gelände des Rechtsrockkonzertes. Auf dem viele, Tausende Menschen zusammengekommen waren.

Es war laut. Wir hörten die Hassreden. Das Schreien und Grölen klang in meinen Ohren. Mein Gott – dachte ich, was hast du dir dabei gedacht? Wir waren nur so wenige. Manchmal nur eine Handvoll. Und pilgerten zum kleinen Altar mitten auf die Wiese. Vorbei an den Polizisten. Und manchmal auch neugierigen, spöttischen Blicken. Und fragenden Augen? Was soll das? Was machen die da? Ist das etwa Pegida? Oh nein, dachte ich. Jetzt werden wir auch noch verwechselt. Oder: »Ihr Scheiß-Christen mit euren Kreuzzügen. Ihr habt ja nicht mehr alle.«

Eine kleine Schar von Christen ging den Pilgerweg. Unbeirrt. Innerlich ruhig. Und dennoch mit zitternden Knien. Zum Altar. In Sichtweite der Absperrgitter und Wasserwerfer. Neben Staatsgewalt und Machtgedöns der Rechten. Unter den Augen der Polizei. Der Altar war liebevoll geschmückt mit den Blumen der Wiese aus Gottes Garten. Und ein weißes Tischtuch leuchtete uns entgegen. Das Kruzifix auf dem Altar wurde zum Zentrum. Der Kosmos bündelte sich im Gekreuzigten. Und wir beteten weiter: »Segne alle, die heute ihre Kraft einsetzen, um friedlich gegen Rechtsextremismus zu demonstrieren.« Von dieser Wiese aus ging es wieder zurück zum Empfang des Segens in die Friedhofskirche. Unterwegs sangen wir »Dona nobis pacem«, »Herr, gib uns deinen Frieden!« und »Verleih uns Frieden gnädiglich«. Oder »Shalom Chaverim – Shalom«. Und »Laudate omnes gentes …«. Mitten im Gedröhn der Naziklänge. Gott loben. Manchmal konnte ich nicht mehr singen. Mir blieb der Ton im Hals stecken. Andere sangen weiter. Manchmal mit brüchiger Stimme. Zitternd. Ja, wir sangen. Und wenn ich Mut brauchte, griff ich nach der Hand meiner Frau. Singen im Gedröhn und Gebrüll. Wie geht das? Ich weiß es nicht. Irgendwie ging es. Sicher mit Gottes gutem und friedlichem Geist, den ich spürte. Ich bin dankbar für diese geistliche Erfahrung meines Lebens.

Ja, um den Frieden ging es uns. In aller Auseinandersetzung und in aller Hetze des braunen Gedankengutes. Das Herz berühren. Ein leiser Protest. Eben »Herz statt Hetze«. Wir sind doch Christenleute. Dabei blieben Beschimpfungen nicht aus. Wir hatten vereinbart, uns nicht provozieren zu lassen.

Ganz plötzlich, unerwartet, geschah etwas besonders Schönes. Beim Rückweg vom Altar in Gottes Garten wurde die Musik am Stand der Marxistisch-Leninistischen Partei (MLPD) ausgestellt. Jedes Mal. Aus Respekt. Während des Pilgerns. Und unvermittelt kam ein Mann auf uns zu und bat. »Bitte, bitte segnen Sie uns doch. Haltet an bei uns.« Das hat mich fast umgeworfen. Auf dem nächsten Pilgerweg zur vollen Stunde gingen wir zum Stand der MLPD. Und wurden mit Beifall empfangen. Wir beteten mit den Worten von Dieter Trautwein: »Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden, wie du ihn versprichst uns zum Wohl auf Erden.« Und wir durften segnen, mit dem alten Aaronitischen Segen. Der Präses unserer Kreissynode, Olaf Ruck, las ein Wort von Martin Niemöller. Welche Kraft kam da über uns.

Danke. So schoss es mir durch den Kopf. Still und ohnmächtig Mächtige wurden wir. Das hat mich tief berührt. Menschen wissen sich unter dem Segen Gottes geborgen. Auch wenn der Glaube fern ist. Danke, Herr, du warst mitten unter uns.

Johannes Haak

Der Autor ist Superintendent des Kirchenkreises Hildburghausen-Eisfeld.

Am 29. Juli wird es ab 12 Uhr wieder stündlich einen Pilgerweg durch Themar geben.

www.kirchenkreis-hildburghausen-eisfeld.de/aktuelles

Zeichen setzen: Kirche gegen Hass und Hetze
Nächstenliebe braucht Klarheit – als evangelische Kirche wenden wir uns gegen Hass und Hetze jedweder politischer Couleur. Hier in Themar stehen wir als evangelische Kirche zusammen mit anderen friedlichen und demokratischen Akteuren gegen den Hass und die Hetze. Denn aus Sicht des christlichen Glaubens gilt: Mit dem biblischen Gebot, Gott und den Mitmenschen, den Nächsten, gleichermaßen zu lieben, ist es unvereinbar, andere Menschen zu verachten. Mit dem christlichen Glauben ist es unvereinbar, andere Menschen zu verfolgen, zu verletzen oder ihnen ein Leben in Freiheit und Menschenwürde zu verweigern.

Und wer immer sich auf das christliche Abendland beruft, muss wissen: Der christliche Glaube ist ein Glaube, für den Barmherzigkeit, Liebe und Frieden zentral sind. Weil Gott uns Menschen liebt, verdienen und brauchen das Leben und die Würde jedes Menschen Anerkennung und Schutz. Uns allen ist gemeinsam, dass wir Gottes Geschöpfe sind. Es gilt deshalb, einander Respekt und Anerkennung entgegenzubringen und zu zeigen, Begegnung und Dialog zu pflegen. Zwischen verschiedenen kulturellen und politischen Gruppen wie zwischen verschiedenen Religionen. Stärken wir uns gegenseitig darin, Brücken zu bauen zwischen unterschiedlichen politischen Meinungen, zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen, zwischen verschiedenen sozialen Milieus. Treten wir gemeinsam in aller Klarheit ein für Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Mitmenschlichkeit – zeigen wir heute und morgen und immer wieder alle gemeinsam und friedlich: Themar steht gemeinsam gegen Hass und Hetze. Lassen Sie uns für diese Stadt um Gottes Frieden und seinen Segen bitten.

Auszüge aus dem Grußwort von Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt, Regionalbischöfin des Sprengels Meiningen-Suhl, zum Friedensgebet in der evangelischen Kirche in Themar, mit 400 Teilnehmern die größte Demonstration gegen das Rechtsrock-Konzert.

Schlechte Verlierer?

17. Juli 2017 von redaktionguh  
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»Sie kündigen uns – wir kündigen Ihnen« – Mit diesen Worten teilte ein Landwirt aus dem Kirchenkreis Gotha der Landesbischöfin im Mai erbost den Kirchenaustritt seiner gesamten Familie mit. Was war geschehen?

Familie Selz, die im Kirchenkreis Gotha breite Flächen Ackerland bewirtschaftet, hat auch von der Kirche Land gepachtet. Nun bewarb sich der Ökobetrieb um eine Verlängerung der Nutzungsrechte für verschiedene Flurstücke in Gotha-Siebleben. Die Familie führte bei der Bewerbung ihre Erfahrung als Landwirte und bisherige Pächter, den von ihnen betriebenen ökologischen Anbau, ihre Ortsansässigkeit und ihre Kirchenmitgliedschaft ins Feld und bot den geforderten Mindestpachtzins. Doch neben den Betreibern des Ökohofes Selz gab es fünf weitere Bewerber.

Hans Selz bekam den Zuschlag nicht. Damit hatten er und seine Familie nicht gerechnet. Sie fühlen sich ungerecht behandelt, erfüllten sie doch fast alle der erfragten Kriterien. Selz wirft der Kirche vor, nur nach dem Preis gegangen zu sein. »Da unsere Familie im Betrieb, wie es uns die Kirche vormacht, auch wirtschaftlich denken muss, haben wir das gleichermaßen gehandhabt. Sie kündigen uns, wir kündigen Ihnen«, heißt es in dem Schreiben an Landesbischöfin Ilse Junkermann, das »Glaube + Heimat« vorliegt.

Erntezeit: Kirchenland ist begehrt. Etwa drei Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in ­Mitteldeutschland gehört den evangelischen Kirchen. Die ­Verpachtung des Landes bringt Geld, aber manchmal auch ­Ärger. – Foto: ValentinValkov – stock.adobe.com

Erntezeit: Kirchenland ist begehrt. Etwa drei Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in ­Mitteldeutschland gehört den evangelischen Kirchen. Die ­Verpachtung des Landes bringt Geld, aber manchmal auch ­Ärger. – Foto: ValentinValkov – stock.adobe.com

Selz wirft der Kirche vor, im Verfahren befangen gewesen zu sein, habe doch jetzt ein Bewerber den Zuschlag erhalten, der zum einen mehr geboten habe, aber auch aktives Mitglied der Synode sei. »Wir denken, dass die Glaubwürdigkeit der Kirche enormen Schaden durch solches Tun erleidet«, heißt es in dem Schreiben.

Bernd Hänel, Amtsleiter des Kreiskirchenamtes Gotha und mit dem Fall betraut, hat Verständnis für die Enttäuschung. Dennoch stellt er fest, dass sich das Kreiskirchenamt klar an die Vergabekriterien gehalten habe. »Wenn ein Pachtvergabeverfahren eingeführt ist, dann ist eben ein Wettbewerb eröffnet«, so Hänel. Er schildert, dass sich unter den fünf Bewerbern zwei herausbildeten, Familie Selz und der neue Pächter. Nach allen Kriterien habe zwischen beiden, was die Voraussetzungen und auch das kirchliche Engagement anbelangt, Gleichstand geherrscht. Am Ende entschied der Preis. Das hat für Hänel nichts Anrüchiges: »Landwirte sind Wirtschaftsfachleute und sie wissen, dass der Preis entscheidet.«

Es werde darauf geachtet, dass ein Landwirt nicht mehr als 30 bis 40 Prozent Kirchenland bewirtschafte, so Hänel. Außerdem werde geprüft, ob sich für den unterlegenen Bieter eine existenzgefährdende Situation ergebe. Dies sei im Fall Selz eindeutig nicht der Fall. Das betont auch Konsistorialrat Diethard Brandt vom Dezernat Grundstücke der EKM. Er spricht von einer »ganz bitteren Erfahrung für alle Seiten«. Für Selz, der auf einen Teil seiner zu bewirtschafteten Fläche verzichten müsse, aber auch für die Kirche, die auf einen Schlag fünf engagierte Mitglieder verloren habe. Brandt widersprach der Darstellung, es läge hier Willkür seitens der Kirche vor. Es habe keine Kündigung und auch keine Wegnahme des Landes gegeben. Die Verlängerung oder auch Nichtverlängerung einer Pacht sei Teil eines ganz normalen Verfahrens, das als besonders fair prämiert wurde. So empfehle beispielsweise der Städtebund Sachsen-Anhalt das Pachtverfahren der EKM seinen Kommunen.

Das angewandte wettbewerbsoffene Verfahren soll dem fairen Wettbewerb dienen, die Wirtschaftlichkeit fördern, transparent und diskriminierungsfrei sein, Interessenkollisionen und Befangenheit ausschließen und effektiv sein. Bei der Begutachtung der Bewerber, so heißt es, »muss in besonderer Weise darauf geachtet werden, dass es bei der Pachtvergabe im Bereich der EKM nicht um die reine Optimierung der Vermögensverwaltung geht, sondern in welchem Umfang die sozialen und kirchlichen Gesichtspunkte ausgewogen Berücksichtigung gefunden haben«. Das bisherige Verfahren und auch die ab Oktober neu angewendeten Kriterien seien gerecht, dennoch existiere ein gewisser Grundkonflikt, so Brandt.

Die Kirche wird oft über ihre Flächen wahrgenommen. Es ist der Landbesitz, mit dem Gemeinden und Pfarreien ausgestattet sind. Sie prägen das Bild von Kirche unweigerlich, und das schon seit Jahrhunderten. »Grund und Boden sind uns anvertrautes Schöpfungsgut«, erklärt Diethard Brandt. »Deshalb darf man nicht nur nach dem Preis gehen, aber es geht auch nicht, dass Geld gar keine Rolle spiele«, so Brandt. Denn Fakt ist, dass circa zwölf Prozent der Ausgaben im landeskirchlichen Haushalt allein durch die Einnahmen aus kirchlichem Grundbesitz gedeckt werden. Ein Großteil dieser Einnahmen ist für die Personalkosten in der EKM bestimmt. Ein wichtiger Baustein, auf den die EKM angewiesen ist, und zwar stärker als andere Landeskirchen, deren Kirchensteuereinnahmen um ein Vielfaches höher sind als hierzulande.

Daraus ergibt sich, was auch der Konflikt mit Familie Selz andeutet: ein Spagat zwischen dem Auftrag der kirchlichen Verwaltung und der gesellschaftlichen Erwartung. Das Pachtverfahren der EKM hatte in seiner derzeitigen Form 25 Jahre Bestand. Die Landessynode hat es in einer Evaluation neu bewertet und verbessert. Im Oktober sollen die neuen Richtlinien in Kraft treten. Die Synodalen haben sich in ihrer Bewertung ganz klar gegen den Schutz von Altpächtern ausgesprochen.

Diana Steinbauer

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