So zeitgemäß kann Kirche sein

20. März 2017 von redaktionguh  
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Photovoltaik auf dem Dach, Godspot im Turm und E-Bike-Tankstelle am Eingang – die Johanniskirche in Frömmstedt (Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda) ist in vieler Hinsicht ein Unikum.

Der kleine weiße Kasten an der Wand der Frömmstedter Kirche blinkt geschäftig. Er fängt das Signal auf, das vom Pfarrhaus hierher in die Kirche gesendet wird, damit die Besucher der Sankt Johanniskirche dieses nutzen können. »Die Testphase ist abgeschlossen«, erklärt Pfarrer Jens Bechtloff stolz. Er hat sich schon eingeloggt ins Godspot-Netz. Nur noch kleine Feinheiten müssen nun erarbeitet werden, damit alles reibungslos läuft.

Sonnenenergie vom Kirchendach: St. Johannis versorgt auch den Ort Frömmstedt mit umweltfreundlichem Strom. Foto: Jens Bechtloff

Sonnenenergie vom Kirchendach: St. Johannis versorgt auch den Ort Frömmstedt mit umweltfreundlichem Strom. Foto: Jens Bechtloff

Die Godspot-Kirche ist nur eine der verschiedenen Facetten einer unglaublichen Wandlung, die die Frömmstedter Kirche seit 20 Jahren erlebt. Von der baufälligen Ruine zur Solar- und offenen Radfahrerkirche und eben nun auch zur Godspot-Kirche. Eine Entwicklung, die in der EKM und sogar deutschlandweit ihresgleichen sucht.

»Godspot« nennt sich das freie WLAN der evangelischen Kirche. Ohne Passwort oder andere Berechtigungen können sich Nutzer hier einloggen und das World Wide Web nutzen. Internet und Kirche, Websites und Gottesdienst: verträgt sich das? Pfarrer Bechtloff meint dazu: »Godspot ist sicherlich nicht für jede Kirche geeignet, doch Frömmstedt ist eine offene Kirche, eine Radfahrerkirche neuerdings auch mit Solartankstelle, die als Ort des Verweilens, der Einkehr und der Suche genutzt und geschätzt wird«, so Bechtloff. Und von daher biete sich diese Kirche an als Ort, der seinen Besuchern alle Möglichkeiten bietet, mit Gott und der Kirche in Kontakt zu kommen. Eben auch virtuell.

Seit zehn Jahren ist die St. Johanniskirche von Frömmstedt auch eine Solarkirche, die mit ihrer Photovoltaikanlage auf dem Dach durchschnittlich 9 000 Kilowattstunden Strom im Jahr erzeugt. Dieser fließt in das örtliche Stromnetz, kann aber auch über die im August 2016 installierte E-Bike-Tankstelle von Besuchern genutzt werden. Dieses Angebot besteht seit der Radsaison 2016. »Es sind schon einige hier im Pfarrhaus vorbeigekommen und haben gefragt, wo sie tanken können«, berichtet Katrin Ortmann, Mitarbeiterin des Seniorenbüros im ehemaligen Pfarrhaus von Frömmstedt. Pfarrer Bechtloff ist zuversichtlich, dass das Angebot in diesem Frühjahr und Sommer noch stärker als bisher angenommen wird. Der Bedarf bei immer mehr Radfahrern sei da. Außerdem kann der Anschluss auch anderweitig genutzt werden: »Ich habe schon Leute gesehen, die während der Grabpflege auf dem Friedhof rund um unsere Kirche den Stromanschluss zum Aufladen der Handys genutzt haben. Das finde ich gut und richtig«, so Bechtloff. Er hofft, dass E-Bike-Tankstelle und auch Godspot vor allem auch von der Jugend noch stärker angenommen werden und einen Denkanstoß dafür geben, wie Kirche auch sein kann.

Frömmstedt ist ein gutes Beispiel dafür, wie vielfältig kirchlicher Raum nutzbar gemacht wird. »Alles, was Kirche für Menschen tun kann, damit gemeinsam Leben eröffnet wird, das wollen wir tun und ›Godspot‹ trägt zum Miteinander bei«, ist Pfarrer Bechtloff sicher. Auch die Frömmstedter sind sich dessen bewusst geworden. Sie alle hoffen, dass im Reformationsjahr noch mehr Pilger auf dem Lutherweg vorbeikommen. Solartankstelle, Godspot und Übernachtungsmöglichkeiten: Frömmstedt ist gut vorbereitet für das Reformationsjahr.

Diana Steinbauer

Wittenberger Schlosskirche gehört jetzt EK

13. März 2017 von redaktionguh  
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Eigentumsübergang: Kritik der AfD-Fraktion am Vorgehen der Landesregierung

Am 30. Januar ist die Wittenberger Schlosskirche nun auch rechtlich in das Eigentum der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) übergegangen. Die Gestaltung des Schlosskirchenensembles war Gegenstand einer Rahmenvereinbarung aus dem Jahr 2009 zwischen dem Land Sachsen-Anhalt, der Lutherstadt Wittenberg, der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, dem Predigerseminar Wittenberg und der EKD.

Ziel dieser Rahmenvereinbarung sei es, die historisch gewachsene Nutzungssituation an reformatorischen Gebäuden in Wittenberg einer zukunftsfähigen Strukturierung zuzuführen, erläuterte der Leiter der Rechtsabteilung der EKD, Oberkirchenrat Christoph Thiele, den Vorgang. Im Zuge der Umsetzung der Rahmenvereinbarung geht die Schlosskirche auf die EKD über, wodurch Stadt und Land künftig von den Unterhaltskosten entlastet würden. Die Eigentumsübertragungen erfolgten unentgeltlich, so Thiele gegenüber dem Deutschlandfunk. Faktisch handele es sich um einen Ablösevorgang im Sinne der Trennung von Staat und Kirche.

Die AfD-Fraktion im Landtag Sachsen-Anhalt hat die Eigentumsübertragung kritisiert. Nach Ansicht des AfD-Abgeordneten Hans-Thomas Tillschneider hätte das Land die Kirche behalten, verkaufen oder vermieten sollen, nachdem zuvor acht Millionen Euro für die Sanierung geflossen seien.

Der Antrag der AfD-Fraktion, die Übertragung rückgängig zu machen, wurde abgelehnt. Für den Beauftragten der evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung Sachsen-Anhalt, Oberkirchenrat Albrecht Steinhäuser, ist die aufwändige Sanierung der Schlosskirche ein deutlich sichtbarer Beitrag des Landes zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums. »Mit dem Eigentumsübergang dieser reformationsgeschichtlich bedeutsamen Kirche an die EKD geht auch die künftige Unterhaltungslast an die evangelische Kirche über, die vorher beim Land Sachsen-Anhalt lag. Aus Sicht des Landes ist dieser Vorgang deswegen nicht nur eine Investition in die kulturelle Substanz unseres Landes.«

(G+H)

Erlittenes Unrecht prägt

5. März 2017 von redaktionguh  
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Aufarbeitung: Wie steht es darum? Wer sich dem gesellschaftlichen System in der DDR nicht widerspruchslos beugte, wurde bespitzelt, verfolgt, verhaftet. Die Folgen für den Lebensweg spüren die Betroffenen bis in die Gegenwart.

»Es ist zukunftsweisend, sich einer schuldbeladenen Vergangenheit zu stellen und Verantwortung für die Opfer zu übernehmen«, sagte Hildigund Neubert am 13. Februar in Magdeburg. Deutschlands Ansehen in der Welt beruhe auch auf der Aufarbeitung seiner Vergangenheit, so die frühere Landesbeauftragte des Freistaates Thüringen für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Neubert zog bei der Eröffnung eines Forums der Konrad-Adenauer-Stiftung unter dem Thema »Die Aufarbeitung des SED-Unrechts in der Gegenwart« eine gemischte Bilanz. Es habe eine sehr breite politische Aufarbeitung gegeben. »Aber wie viel kommt bei den Menschen an? Zum Beispiel in der Lehrer-Ausbildung?« Neubert plädierte für ein Fortbestehen der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. »Wir brauchen sie weiterhin, denn es gibt noch viel zu tun.«

In der Haftanstalt »Roter Ochse« (heute JVA Halle) befindet sich eine Gedenkstätte. Hier wird an Opfer politischer Verfolgung und Strafjustiz von 1933 bis zum Ende der DDR im Jahr 1989 erinnert. – Foto: epd-bild

In der Haftanstalt »Roter Ochse« (heute JVA Halle) befindet sich eine Gedenkstätte. Hier wird an Opfer politischer Verfolgung und Strafjustiz von 1933 bis zum Ende der DDR im Jahr 1989 erinnert. – Foto: epd-bild

Johannes Rink, Landesvorsitzender Sachsen-Anhalt des Bundes der stalinistisch Verfolgten und der Vereinigung der Opfer des Stalinismus, sprach von großer Enttäuschung auf Seiten der Opfer des DDR-Regimes. »Was die DDR gemacht hat, war ein Verbrechen.« Die Benachteiligungen und Haftfolgeschäden hielten ein Leben lang an. Die monatliche Zuwendung gleiche das nicht aus. »Ich würde auf die 300 Euro verzichten, wenn ich dafür die vier Jahre nicht hätte sitzen müssen«, sagte der ehemalige Hochseefischer, dem seine Kritik am Mauerbau zum Verhängnis wurde. 65 hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter und IM in seiner Umgebung bespitzelten ihn im Lauf der Jahre. Hinzu kamen Verleumdungen in dem Betrieb, in dem er nach der Haftentlassung arbeitete: zum Beispiel die Behauptung, er sei wegen Diebstahls im Gefängnis gewesen.

Rink sprach auch davon, dass es immer schwieriger werde, Schülern heute Wissen über die DDR zu vermitteln. Die Eltern der heutigen Schüler seien 1989 selber noch sehr jung gewesen. Es staune immer wieder über das Nichtwissen über eine Zeit, die noch gar nicht so lange zurückliegt.

Der promovierte Historiker Stefan Wolle wird als wissenschaftlicher Leiter des in Berlin ansässigen DDR-Museums öfter von Besuchern kritisiert. Die Spanne reichte von »so finster, wie dargestellt, war die DDR nicht« bis zu »das geht gar nicht, die Ausstellung ist viel zu normal«. »Normales Leben konnte auch in der DDR glücklich sein«, so Wolle, »aber es war ein Leben in der Diktatur.« Es werde von Jahr zu Jahr schwieriger, das zu vermitteln.

Birgit Neumann-Becker, Beauftragte des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (bis Ende 2016 Beauftragte für die Stasi-Unterlagen), verwies darauf, dass Opfer nicht nur rechtlich, sondern auch psychosozial beraten werden. »Wir merken dabei, dass das Unrecht aus DDR-Zeiten prägend bleibt«, so die Theologin. Zur Rolle der inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi (IM) sagte sie, dass diese mit dazu beigetragen hätten, dass Menschen strafrechtlich verfolgt wurden und es schwierig sei, aus solchen Verwicklungen einen Ausweg zu finden.

Deutliche Worte fand auch der Politikwissenschaftler Helmut Müller-Enbergs. »Die, die unter die Räder gekommen sind, erhalten weniger Aufmerksamkeit als die IM.« Auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts habe es über 23 700 IM gegeben. Der Bezirk Magdeburg verfügte über den drittgrößten »Durchdringungsgrad« mit IM in der DDR. Das Handeln von IM sei sehr unterschiedlich zu bewerten. »Man sollte sich eher mit denen befassen, die gezielt die Nähe bestimmter, vom MfS als Feinde deklarierter Menschen suchten, um ihnen zu schaden.« Von diesen IMB genannten Stasi-Mitarbeitern seien die wenigsten einem großen Publikum bekannt geworden, weil deren Unterlagen 1989 zuerst vernichtet wurden. Die Inhalte der Akten der IM seien deutlich niedriger zu veranschlagen als die der IMB.

Hildigund Neubert verwies da­rauf, dass das gesellschaftliche Klima heute zu einer Wiederbelebung des Leides der Opfer führe. Dazu trügen auch die Reha-Gesetze und die teilweise sehr langen Verfahren bei, in denen die Opfer beweisen müssten, dass ihnen Unrecht getan wurde. Sie würden es oft nicht oder nur sehr schwer verkraften, wieder vor Gericht zu müssen. »Es fehlt ein klares Urteil über die DDR«, so Neubert. »Das ist in der Gesellschaft noch immer nicht Konsens. Das belastet die Opfer noch immer. Und auch in der evangelischen Kirche ist nicht alles richtig gemacht worden.«

Johannes Rink sprach davon, dass viele Opfer sich auch heute noch nicht trauten, über ihr Leben in der DDR zu sprechen. Sie seien damals isoliert gewesen und seien es heute wieder. »Ich habe bis 1990 meiner Tochter nicht erzählen können, dass ich im Zuchthaus war«, sagte er. »Erst als ich rehabilitiert war, ging das.«

Angela Stoye

Zehn Diakone eingesegnet

27. Februar 2017 von redaktionguh  
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Foto: Mirjam Petermann

Foto: Mirjam Petermann

Landesbischöfin Ilse Junkermann und Diakon Hanno Roth haben am Sonntag sieben Diakoninnen und drei Diakone aus verschiedenen Landeskirchen in der Eisenacher Nikolaikirche für ihren zukünftigen Dienst eingesegnet. Die zweieinhalbjährige, berufsbegleitende Ausbildung absolvierten sie am Diakonischen Bildungsinstitut Johannes Falk (DBI) in Eisenach. Die Absolventen arbeiten beispielsweise als gemeindepädagogische Mitarbeiter, als Erzieherinnen, in der Altenpflege oder der Stadtmission und engagieren sich ehrenamtlich in unterschied­lichen Bereichen.

Als Diakone sind sie nun auch zur Verkündigung und Gottesdienstleitung sowie zum Spenden der Sakramente Taufe und Abendmahl berechtigt. Zurzeit gibt es rund 440 Diakoninnen und Diakone, die in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) eingesegnet wurden (mehr zu diesem Thema in Ausgabe Nummer 10).

Geistlicher Beistand für Vierbeiner

20. Februar 2017 von redaktionguh  
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Gerettet: Superintendent war Schutzengel für Jagdhund auf der A 38

Einen echten Schutzengel hatte eine Jagdhündin auf der A 38. Der Vierbeiner war während einer Treibjagd im Burgenlandkreis von seiner Fährte abgekommen und durch die Leitplanke auf die Autobahn geschlüpft. Da dort nur mäßiger Verkehr herrschte, schaffte es die junge Hundedame unbeschadet zur Mittelleitplanke, wo sie als »Geisterfahrer« gen Halle trabte.

Superintendent Michael Wegner rettete einer jungen Jagdhündin auf der A 38 bei Leuna das Leben. Foto: Ilka Jost

Superintendent Michael Wegner rettete einer jungen Jagdhündin auf der A 38 bei Leuna das Leben. Foto: Ilka Jost

In vorgeschriebener Richtung war Michael Wegner, Superintendent der Kirchenkreise Altenburger Land und Rudolstadt-Saalfeld, unterwegs. Unweit der Anschlussstelle Leuna sah er plötzlich einen Hund auf der Überholspur laufen. »Ich traute meinen Augen kaum. Es war mehr als Glück, dass das Tier nicht von einem der Autos erfasst wurde, die mit hoher Geschwindigkeit vorbeifuhren«, berichtet der 55-Jährige.

In Sekundenschnelle bremste er ab, setzte den Blinker, fuhr auf den Seitenstreifen und stieg aus, um die wagemütige Hundedame von der Fahrbahn zu locken. Mit einem großen Satz sprang die Jagdhündin in den geöffneten Kofferraum und beschnüffelte ihren Retter und dessen Fahrzeug.

Das Kuriose an der Sache: Michael Wegner, wohnhaft in Liebenrode im Südharz, hat selbst einen Jagdhund und somit viel Erfahrung und Feingefühl im Umgang: »Vielleicht hat der Ausreißer das ja gespürt und gewittert und ist deshalb so bereitwillig zu mir gekommen. Als ich das orangefarbene Signalhalsband und die Schelle gesehen hab, war mir klar, dass sich das Tier während einer Jagd verirrt haben musste.«

An einem weiteren Halsband befand sich ein Schild mit der Telefonnumer des Herrchens. Der Jäger hatte den ausgebüxten Vierbeiner bereits vermisst. Bevor der Ausreißer seinem Besitzer übergeben werden konnte, hatte dieser genügend Zeit, um sich von seiner Strapaze zu erholen, während der Superintendent einen Gottesdienst in der Brüderkirche Altenburg leitete. Anschließend ging es zurück auf die Autobahn, wo die Geschichte am vereinbarten Treffpunkt für alle Beteiligten ein gutes Ende nahm.

Dass die beherzte Rettungsaktion für ihn nicht ungefährlich war, dessen ist sich Michael Wegner bewusst. »Ich konnte einfach nicht anders. Wenn der Hund vor meinen Augen überfahren worden wäre, hätte ich dieses Bild nicht aus meinem Kopf bekommen«, so der tierliebe Pfarrer.

Ilka Jost

Bufdis: »Das ist der Hammer!«

13. Februar 2017 von redaktionguh  
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Hunderte Jugendliche engagieren sich im Bundesfreiwilligendienst (Bufdi) für das Reformationsjubiläum. Auch sie sorgen mit dafür, dass alles läuft.

Wo sich die Wittenberger Welterbestätten zwischen Lutherhaus und Schlosskirche auf 1 000 Metern wie auf einer Perlenkette aneinanderreihen, fühlt es sich noch an wie die große Ruhe vor dem Sturm. Das wird sich ändern, wenn die Feiern zum 500. Reformationsjubiläum in ihre heiße Phase treten. Mittendrin helfen dann etwa 250 Bufdis bei der Organisation. Junge Leute, die sich für einen Bundesfreiwilligendienst in Wittenberg entschieden haben.

Drei von ihnen sind Miriam, Johann-Hendrik und Paula, die aus dem Nordwesten Deutschlands kommen. Nach dem Abitur sind sie nach Wittenberg in die »Straße der Völkerfreundschaft« gezogen. »Kurz Völkerfreundschaft«, sagt Miriam, die gemeinsam mit anderen Volunteers eine der Wohngemeinschaften in Plattenbauten bezogen hat. Die Neu-Wittenberger, meistens im Alter zwischen 18 und 26 Jahren, eint die Lust, an einem großen Projekt mitzuarbeiten.

Und es wird groß: Konfirmandencamps, Weltausstellung zur Reformation, Europäischer Stationenweg mit Endpunkt Wittenberg, ein Abschlussgottesdienst zum Deutschen Evangelischen Kirchentag auf den Elbwiesen – überall sind die Volunteers eingebunden. Alleine zu den Konficamps werden im Sommer rund 16 500 Jugendliche erwartet.
Zur Weltausstellung rechnet Geschäftsführer Hartwig Bodmann vom organisierenden Verein »Reformationsjubiläum 2017« mit etwa 500 000 Besuchern. Beim Abschlussgottesdienst könnten es bis zu 200 000 Menschen werden, vielleicht auch mehr. Für die kommenden Monate werden in der Spitze täglich Tausende Gäste aus aller Welt in der Stadt erwartet, die der Reformations-Geschichte nachgehen.

Paula (von links, 18), Miriam (18) und Johann-Hendrik (19) vor dem berühmten Luther-Denkmal in Wittenberg. Ihre Ideen sind gefragt – bei Konfirmandencamps, einer Ausstellung und anderen Projekten, die an die Thesenveröffentlichung Martin Luthers vor 500 Jahren am 31. Oktober 1517 erinnern. Fotos: Dieter Sell/epd-bild

Paula (von links, 18), Miriam (18) und Johann-Hendrik (19) vor dem berühmten Luther-Denkmal in Wittenberg. Ihre Ideen sind gefragt – bei Konfirmandencamps, einer Ausstellung und anderen Projekten, die an die Thesenveröffentlichung Martin Luthers vor 500 Jahren am 31. Oktober 1517 erinnern. Fotos: Dieter Sell/epd-bild

Große Zahlen. Aber nichts, was die drei schrecken könnte. »Ich möchte mit vielen Menschen zusammenkommen«, bekräftigt Johann-Hendrik. Zu seinen Wurzeln gehört wie bei Miriam die kirchliche Jugendarbeit.

In Arbeitsgemeinschaften bereiten die Freiwilligen beispielsweise Workshops für die Camps vor, planen Straßenaktionen, organisieren Öffentlichkeitsarbeit, helfen beim Souvenirverkauf, renovieren Wohnungen für Volunteers, die noch kommen. »Wir stellen das alles gemeinsam auf die Beine, das ist der Hammer«, freut sich Paula, die unter anderem Erfahrungen aus einer Jugendkirche mitbringt. »Die Volunteers sind engagiert, bringen neue Ideen ein, fragen anders, begeistern uns«, sagt Christof Vetter, Kommunikationschef des Vereins für das Reformationsjubiläum.

Doch es gehe nicht nur um die Arbeit, verdeutlicht Miriam. »Wir kriegen hier viel dazu: Neue Erfahrungen, viele Leute, ein Gefühl von Freiheit.« Das sei ein schöner Übergang von Schule und Elternhaus hin zum nächsten Schritt. Miriam spricht von »warmem Entzug«, verbunden mit der Aufgabe, sich selbst zu organisieren. Und fügt hinzu: »Es gibt hier niemanden, der dir sagt: aufräumen, Staub saugen.«

»Selbsterfahrung, nicht mehr bei den Eltern wohnen, das eigene Geld managen, Verantwortung übernehmen, neue Freundschaften, ausprobieren, was mir Spaß macht und was nicht« – das ist es auch, was Paula neben der Mitarbeit fasziniert. Und dann ist da noch das, was die Freiwilligen aus ihrer Freizeit machen. Johann-Hendrik spricht von Schlafmangel, davon, dass viel gefeiert wird.

Das passt zu den Tipps, die die ersten Volunteers für alle anderen aufgeschrieben haben. »Nicht wundern, wenn eure Nachbarn alles über euch wissen«, heißt es da beispielsweise. »Dann könnte es sein, dass man sich in den WGs zu laut unterhält. Achtung: Die Wände sind sehr dünn. Und auch: »Seid offen für alles und fragt immer nach, wenn ihr euch unsicher seid. Alle sind mega-nett und werden euch gerne helfen.«

Miriam schwärmt und fasst zusammen: Wer sich für Wittenberg entscheide, bekomme ein Gesamtpaket: »Neue Freunde, viel Gemeinschaft – und die Chance, Verantwortung zu übernehmen.«

Dieter Sell (epd)

www.bundesfreiwilligendienst.de

Stachel im Fleisch nicht entfernen

6. Februar 2017 von redaktionguh  
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Der Theologe Richard Harvey fordert die Abnahme der Wittenberger »Judensau« und stellt sich nun einer öffentlichen Debatte.

Käme man auf die Idee, Auschwitz abzureißen? Ist nicht gerade die Existenz des Ortes ein Stachel im Fleisch? Es mag ein gewagter Vergleich sein, den Jörg Bielig da ins Feld führte. Bielig ist Vorsitzender des Gemeindekirchenrats von St. Marien in Wittenberg. Hier predigte Luther, hier begann die Tradition evangelischer Gottesdienste in deutscher Sprache, aber hier – hoch oben an der Südost­ecke des Chores, für den unwissenden Besucher kaum zu sehen – hängt seit siebenhundert Jahren ein antisemitisches Schmährelief, eine »Judensau«.

In den 1980er-Jahren begann eine kritische Auseinandersetzung mit diesem »beunruhigenden Erbe«, wie Stadtkirchenpfarrer Johannes Block sagt. 1988 wurde unterhalb der Plastik eine Gedenk- und Mahnplatte von Wieland Schmiedel und Jürgen Rennert eingeweiht. Kurz vor dem Reformationsjubiläum, zu dem auch Luthers dunkle Seiten wie sein Judenhass beleuchtet werden sollen, gewann die Debatte um die »Judensau« eine neue Aktualität.

Die »Judensau« – an der Wittenberger Stadtkirche. Foto: Katja Schmidtke

Die »Judensau« – an der Wittenberger Stadtkirche. Foto: Katja Schmidtke

Der Londoner Theologe Richard Harvey, messianischer Jude, fordert in einer Online-Petition, die Plastik abzunehmen. Mehr als 6 000 Menschen haben sich seiner Meinung angeschlossen und unterzeichnet. »Ich sage nicht: Zerstört die ›Judensau‹«. Aber nehmt sie ab, findet einen anderen Standort, erklärt und dokumentiert sie«, bekräftigte Harvey kürzlich auf einem Podium der Evangelischen Akademie.

Der charismatische Harvey ließ seinen Emotionen freien Lauf, würdigte aber auch die bisherige Auseinandersetzung. Die Petition, sagte er, sei aus seinem eigenen Schmerz entstanden. »Ich sah die Plastik, nahm im Schatten der Kirche Platz, ich weinte. Ich schrieb ein Klagelied, ich fühlte, etwas müsse getan werden.« Er sei weder politisch korrekt noch ein Bilderstürmer, aber eine antisemitische Schmähplastik an einem sakralen Ort, einem Ort, der Gott und seiner Anbetung geweiht ist – das beschmutze den Namen Gottes. Harvey betonte, an einem öffentlichen, profanen Ort sei die Plastik besser aufgehoben.

Dafür sprach sich auch Ulrich Hentschel, ehemaliger Studienleiter an der Akademie der Nordkirche, aus. Er schlug vor, in der Auseinandersetzung um die »Judensau« einen deutlichen Bezug auf Luthers antisemitische Schriften zu nehmen und die Schmähplastik in einen direkten Kontext zur Gedenkplatte zu stellen. Hentschel plädierte für die Abnahme von der Kirchenwand. »Und was soll dann dort hin? Übertünchen? So tun, als wäre nichts geschehen? Nein. Den Riss des Holocausts und die Mitschuld unserer evangelischen Kirche ist nicht zu heilen.« Der Riss solle vielmehr spür- und sichtbar sein, schlug Hentschel vor. Er hoffe, die vielfach von außen herangetragene Kritik werde nicht schlecht geredet als ein Versuch, Geschichte umzuschreiben.

Darum gehe es nicht, sagte Marcus Funck vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Aber Erinnerung und Gedenken seien Prozesse. Was sich 1988 bewährt habe, kann sich möglicherweise heute nicht mehr aus dem Kontext erschließen.

Für den Erhalt an der Kirchenmauer sprach sich Sachsen-Anhalts Landeskonservatorin Ulrike Wendland aus. »Wir müssen das kulturelle Erbe bewahren, so chaotisch, unbequem und bösartig es ist, und es für nachkommende Generationen erhalten«, sagte sie. Selbst wenn man sich für eine Abnahme entscheide, bleibe die »Judensau« da. »Das Internet ist voller Bilder. Das Böse wird nicht vergehen.«

Eine Meinung, die auch Kirchenältester Jörg Bielig teilt. Wer die Plastik abnehme und sie nur museal betrachte, entfernt den Stachel aus dem Fleisch – der schmerzt, der aber wachhält.

Katja Schmidtke

Zur Klassenfahrt ins Kloster

30. Januar 2017 von redaktionguh  
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Das Jugendbildungszentrum Volkenroda im Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen bietet Themenbausteine für Kinder und Jugendliche an.

Was kann meine siebte Klasse drei Tage im Kloster tun?« Anfragen dieser Art erreichen Anne-Sophie Dessouroux, die Jugendreferentin am Europäischen Jugendbildungszentrum in Volkenroda, häufiger. Daraus entstand die Idee, konkrete Themenbausteine für Kinder und Jugendliche zu entwickeln.

»Zunächst haben wir überlegt, was denn unser Alleinstellungsmerkmal ist: Es ist das Kloster mit seiner Geschichte und die herrliche Umgebung«, beschreibt Dessouroux die Ausgangspunkte der Bildungsangebote. Vier Schwerpunkte haben sich daraus entwickelt – Auszeit, Schöpfung, Gemeinschaft, Sinnsuche.

Im Baustein »Kloster – Ort der Auszeit« können Kinder auf die »Zeitreise Minimönch« gehen. Mit einer Geschichte werden die Kinder zunächst in die Gedankenwelt mittelalterlicher Klöster entführt. Anschließend schlüpfen die Kinder selbst in eine Kutte und erkunden das Kloster in kleinen Gruppen. Dabei geht es nicht nur ums Hören, sondern auch ums Ausprobieren – so werden Wollfäden gesponnen, Briefe mit alter Feder geschrieben und anschließend mit heißem Wachs gesiegelt, Tiere gefüttert, Speckstein bearbeitet oder gepilgert.

Als Minimönche können Kinder im Kloster Volkenroda auf Zeitreise gehen. Foto: Frank Freudenberg

Als Minimönche können Kinder im Kloster Volkenroda auf Zeitreise gehen. Foto: Frank Freudenberg

Jugendliche erleben zum Thema Auszeit eine interaktive Klosterführung. Sie erfahren einiges zur Geschichte des Klosters, erobern die Räume aber auch für sich selbst. Sie machen Fotoaktionen oder suchen sich eine der medita­tiven Kammern im Christus-Pavillon aus und kommen dort ins Gespräch.Im Themenbereich »Kloster – Ort der Schöpfung und Umweltbildung« geht es hinaus in die Natur. Kinder erkunden, was es zwischen Burgwall und 1 000-jähriger Eiche zu entdecken gibt. Die Jugendlichen machen sich beim Geocaching auf die Suche nach versteckten Schätzen.

Das Thema »Kloster – Ort der Gemeinschaft« wirft die Frage auf: Wie funktionieren wir als Gruppe? Kinder schlüpfen dazu in Kostüme und spielen Theater oder sie gestalten gemeinsam etwas mit Holz. Jugendlichen wird schnell deutlich, dass der Einzelne, so gut er auch ist, das Spiel nicht gewinnen kann. Nur, wenn sich die Mannschaft gemeinsam eine Taktik ausdenkt und alle Mitspieler ihre Fähigkeiten einbringen, dann klappt es mit dem Sieg. In einer Gesprächsrunde wird besprochen, wie die Gruppe funktioniert hat.

Der Themenschwerpunkt »Kloster – Ort der Sinnsuche« richtet sich mit seinen Angeboten sowohl an diejenigen, die im Bereich Spiritualität bereits Erfahrungen haben als auch an die, die dem Thema bisher skeptisch gegenüberstanden. Kinder erleben Stille in der Klosterkirche oder sie empfinden eine biblische Geschichte nach. Jugendliche tauschen sich im »World Café« in kleinen Gruppen über Themen wie Freundschaft oder Liebe aus oder sie gehen der Frage nach, ob die Bibel auch heute ein Wegweiser ist.

Eine anschauliche Broschüre, die auch digital einsehbar ist, stellt die Bausteine übersichtlich vor. Dort finden sich auch Komplettpakete, die individuell angepasst werden können. »Es ist eine Erleichterung für Lehrer und Gemeindepädagogen, aus einem überschaubaren Angebot auszuwählen. Und wir müssen nicht bei jeder Gruppe das Rad neu erfinden«, so Dessouroux über das Konzept.

Katharina Freudenberg

www.kloster-volkenroda.de

Überzeugungsarbeit notwendig

23. Januar 2017 von redaktionguh  
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Mitteldeutsche Landeskirche stellt Schwerpunkte
der Arbeit im Reformationsjahr vor

Zum traditionellen Kamin-Gespräch hatten die Landesbischöfin sowie die Präsidentin und die Dezernenten des Landeskirchenamtes Vertreter der Medien in Sachsen-Anhalt nach Magdeburg und einen Tag später thüringer Journalisten nach Erfurt eingeladen. Dass die Besucher ohne knisterndes Kaminfeuer auskommen mussten, lag daran, dass in Magdeburg wegen des großen Interesses das Gespräch in einen größeren Raum verlegt werden musste. In Erfurt gibt es gar keinen Kamin.

Rund 14 Millionen Euro für Lutherdekade
Die Vorbereitungen auf das 500. Reformationsjubiläum in diesem Jahr bildeten den Schwerpunkt der Abende. Rund 14 Millionen Euro gibt die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) für die sogenannte Lutherdekade aus. Davon fließen acht Millionen Euro in Investitionen – wie Bau- und Restaurierungsvorhaben in den Lutherstädten Eisleben und Wittenberg sowie in Mansfeld oder Weimar. Bis Ende November 2016 wurden bereits 6,66 Millionen Euro vergeben. Durch Eigenmittel der Kirchenkreise und -gemeinden sowie Drittmittel – beispielsweise von Bund, Ländern oder Stiftungen – wird hier ein Gesamtprojektvolumen von knapp 57,8 Millionen Euro erreicht.

Gut gerüstet geht die EKM ins Reformationsjahr. Die Kirchenleitung schaut aber bereits auf die Zeit nach 2017: (von links) Landesbischöfin Ilse Junkermann, Oberkirchenrätin Martina Klein, Oberkirchenrat Michael Lehmann, Präsidentin Brigitte Andrae, Oberkirchenrat Stefan Große und Kirchenrat Dr. Thomas Schlegel im Landeskirchenamt in Erfurt. – Foto: Adrienne Uebbing

Gut gerüstet geht die EKM ins Reformationsjahr. Die Kirchenleitung schaut aber bereits auf die Zeit nach 2017: (von links) Landesbischöfin Ilse Junkermann, Oberkirchenrätin Martina Klein, Oberkirchenrat Michael Lehmann, Präsidentin Brigitte Andrae, Oberkirchenrat Stefan Große und Kirchenrat Dr. Thomas Schlegel im Landeskirchenamt in Erfurt. – Foto: Adrienne Uebbing

Nachhaltige Investitionen für Kirchengemeinden
In Projektförderungen fließen knapp 1,4 Millionen Euro. Ein Beispiel hierfür ist die Ausbildung von Gästebegleitern zur Lutherdekade mit dem Titel »Lutherfinder«. Im Vorfeld der Dekade hatte die EKM eine interne Projektliste mit 55 kirchlichen Vorhaben erstellt. Kriterien waren nicht nur die reformationsgeschichtliche Bedeutung, sondern auch Standortkonzepte, Fördermöglichkeiten, Eigeninitiativen oder Folgekosten. Für die »Kirchentage auf dem Weg« in Erfurt, Halle und Eisleben, Jena und Weimar sowie Magdeburg und weitere Beiträge zum Reformationsjubiläum sind rund 3,4 Millionen Euro veranschlagt, für das EKM-Projektbüro »Reformationsjubiläum« knapp 1,3 Millionen. Landesbischöfin Ilse Junkermann sagte, dass durch die restaurierten Gebäude und Kunstwerke etwas Bleibendes in den Gemeinden entstanden sei.

Von dem im Herbst 2015 anvisierten Ziel, 2017 fast alle Kirchen und Kapellen in der EKM zu öffnen, müsse sie abrücken. »Hier ist noch viel Überzeugungsarbeit notwendig«, so die Landesbischöfin. Die Entscheidung, wie lange eine Kirche geöffnet werde, fälle der jeweilige Gemeindekirchenrat. Aber das »fällt zum Teil sehr, sehr schwer«.

Ernüchterndes Ergebnis vorgestellt
Der Stand 2015: Nur etwa drei Prozent der 4030 Kirchen und Kapellen waren »verlässlich geöffnet«; weitere zwölf Prozent wurden auf Verlangen auf- und wieder zugeschlossen. Angst vor Vandalismus und Diebstahl spiele eine große Rolle. Die Rückmeldungen einer Umfrage vom Oktober 2016 (mit nur acht Prozent Beteiligung) ergaben unter anderem, dass 34 Prozent der Kirchen geöffnet sind, die Hälfte jedoch nur im Sommer. Für die Landesbischöfin ein ernüchterndes Ergebnis. Ilse Junkermann will aber weiter für die Kirchenöffnung werben und hofft hier auf eine Art »Welleneffekt«, basierend auf Überzeugungsarbeit, Beratungsangeboten und guten Erfahrungen.

Angela Stoye

»Gedächtnis der Reformation«

16. Januar 2017 von redaktionguh  
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15 Thesen: Oberbürgermeister meldet Anspruch Gothas an, Lutherstadt zu sein

Gotha hat sich zum »Gedächtnis der Reformation« erklärt. Mit 15 Thesen unterstreicht Oberbürgermeister Knut Kreuch (SPD) diesen Anspruch. Dabei reicht das Spektrum der von ihm angeführten Ereignisse aus vorreformatorischen Zeiten über unmittelbare Aktivitäten Martin Luthers bis hin zu dessen Wunsch, in der Stadt zu sterben und dort begraben zu sein.

Der Kreuzgang des Augustinerklosters in der »göttlichen Stadt«. Hier hatte der Reformator seine erste Leitungsstelle. Foto: Augustinerkloster Gotha

Der Kreuzgang des Augustinerklosters in der »göttlichen Stadt«. Hier hatte der Reformator seine erste Leitungsstelle. Foto: Augustinerkloster Gotha

Zudem veröffentlichte die Stadt eine Liste mit 17 Gedächtnisorten der Reformation. Darin sind unter anderem die Cranach-Bilder auf Schloss Friedenstein, der größte Flügelaltar der Zeit sowie die erste barocke protestantische Schlosskirche angeführt. Mit Stolz wird zudem auf die Sammlungen der Universitäts- und Forschungsbibliothek Gotha verwiesen. Hier befinden sich neben 1 100 Briefen Luthers auch 280 Handschriften mit mehr als 15 800 Einzeldokumenten sowie 700 Flugblätter der Reformation.

Gotha brauche den Vergleich mit anderen Luther-Städten wie dem Geburts- und Sterbeort Eisleben, seiner Universitätsstadt Erfurt oder Wittenberg mit dem legendären Thesenanschlag nicht scheuen. »Bereits vor 300 Jahren entwickelte sich die Stadt zum frühen Zentrum der Reformationsforschung. Um es kurz zu sagen – Gotha ist das Gedächtnis der Reformation«, erklärte der Oberbürgermeister.

Gothaer Thesen zu Luther:

1. Martin Luther war mehrfach in Gotha. Mindestens sieben Aufenthalte Luthers in Gotha sind belegt. Luther predigte, wohnte und arbeitete in Gotha.

2. Bereits vor Luthers erstem Besuch gab es reformatorische Ansätze in Gotha. In Gotha lebte von 1504 bis 1526 der große Humanist Mutianus Rufus, den man als die bedeutendste Geistesgröße der Hochrenaissance schätzt und der in Gotha einen Gelehrtenkreis versammelte. Er war ein erster massiver Kritiker der katholischen Kirche.

3. Martin Luthers erster Aufenthalt in Gotha hatte besondere Bedeutung. Die Gothaer Augustinereremiten wählten Luther am 29. April 1515 zu ihrem Distriktvikar, sozusagen zum Vorgesetzten. Es war Luthers erste Leitungsstelle, der Beginn seiner Karriere.

4. Luther hielt in Gotha eine wortgewaltige Predigt. Wie eine Sage berichtet, hat Luther am 8. April 1521 in der Augustinerkirche so heftig gepredigt, dass sich die Steine aus dem Mauerwerk lösten und zu Boden polterten.

5. Gotha war schon frühzeitig eine Stadt der Reformation. Schon 1522 predigte Johann Langenhan an der Margarethenkirche Luthers Wort, er war einer der ersten evangelischen Pfarrer auf deutschem Boden.

6. Gotha hat das älteste reformatorische Gymnasium Deutschlands. Im Dezember 1524 gründete Martin Luthers Freund Friedrich Myconius aus einer alten Lateinschule das erste frühneuzeitliche akademische Gymnasium.

7. Luther berief in Gotha den ersten Superintendenten Deutschlands. Im Jahr 1529, vielleicht auch schon drei Jahre früher, hat Luther seinen Vertrauten Friedrich Myconius, der seit 1524 in Gotha als Pfarrer wirkte und im Gothaer Pfaffensturm viel Blutvergießen verhinderte, zum ersten Superintendenten berufen.

8. Eine Gothaerin war Trauzeugin Martin Luthers. Die Ehefrau des Malers Lucas Cranach und Tochter eines Gothaer Ratsherren, Barbara Cranach geb. Brengebier, und ihr Mann waren am 13. Juni 1525 Trauzeugen der Hochzeit von Martin Luther und Katharina von Bora.

9. Gotha steht mit einem Ereignis zur Verteidigung der Reformation in Verbindung. Am 27. Februar 1526 verhandelten auf der Burg Grimmenstein Landgraf Phillip von Hessen (1504 bis 1567) und Kurfürst Johann von Sachsen (1468–1532) den »Gotha-Torgauer Bund«, das erste Waffenbündnis zum Schutz der Reformation.

10. Ein Gothaer brachte der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf den evangelischen Glauben. Im Jahr 1527 hielt Friedrich Myconius seine erste Predigt und diskutierte mit einem Kölner Franziskanermönch, den er im Streitgespräch bezwang.

11. In Gotha wurde die erste Mädchenschule der Reformation gegründet. Die 1522 eröffnete deutsche Schreibschule an der Margarethenkirche wurde im Jahr 1534 zu einer Mädchenschule umgewandelt und eine Frau wurde als Lehrerin angestellt. Es ist die erste Mädchenschule der Reformation.

12. In Gotha befindet sich die älteste Beschreibung der Reformation aus Luthers Zeit. Der Historiker Daniel Gerth hat diese Beschreibung im Jahr 2016 im Thüringischen Staatsarchiv Gotha entdeckt. Sie stammt aus dem Jahr 1535.

13. Luther wollte in Gotha sterben. Am 27. Februar 1537 diktierte Martin Luther auf dem Sterbebett zu Gotha sein erstes Testament, er wollte in Gotha begraben werden. Der Gothaer Bürgermeister Johann Oßwald ließ ihn Wasser trinken, bis er wieder gesundete.

14. Luther erwähnte Gotha als »göttliche Stadt«. In einem Brief an Friedrich Myconius vom 27. Juli 1537 schrieb Luther über Gotha als »civitas divina«. Gotha war für ihn die »göttliche Stadt«.

15. In Gotha gibt es ein originales Bauwerk aus Luthers Zeit. Das Haus »Zu den zwei Helmen« am Hauptmarkt 15 ist zwei Jahre vor Luthers Tod (1544) gebaut worden und bis zum heutigen Tag als Wohn- und Geschäftshaus erhalten. Die Augustinerkirche ist nur in ihren Grundmauern und in Einzelbauteilen aus der Lutherzeit erhalten.
(epd)


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