Katastrophehilfe für Japan

21. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Brief der Diakonie Katastrophenhilfe vom 17. März 2011


Liebe Gemeinden der evangelischen Landes- und Freikirchen,

wir sind mit Ihnen tief bewegt von den schrecklichen Bildern von Tod und Zerstörung nach dem verheerenden Erdbeben und nachfolgendem Tsunami in Japan. Und wir teilen die Fassungslosigkeit und das Grauen angesichts der offensichtlichen Unmöglichkeit, die entfesselten Kräfte in den Kernkraftwerken zu bändigen. Wir beten zu Gott, er möge die furchtbare Bedrohung durch eine Nuklearkatastrophe vom japanischen Volk abwenden. Das flehentliche Eintreten vor Gott ist z.Zt. unsere wichtigste Möglichkeit, den Menschen in Japan Beistand zu leisten. Diese Möglichkeit sollten wir als Christen und Christinnen nicht geringer schätzen als materielle oder personelle Hilfe – auch wenn sie in der Öffentlichkeit kaum noch Konjunktur hat!

Wir sind tief beeindruckt vom Willen unserer Bevölkerung, der japanischen Bevölkerung in der Stunde der Not beizustehen. Das Mitleid und die Bereitschaft, sich zu engagieren, sind weit größer als wir erwartet haben. Das kann uns alle mit Freude, Dankbarkeit und Stolz erfüllen.

Aber es stellt unsere eigene Verantwortung als Diakonie Katastrophenhilfe auf eine Probe: Umfang und Ende dieser doppelten Katastrophe, die über Japan hereingebrochen ist, sind noch nicht absehbar. Nicht absehbar ist darum gegenwärtig, wie viel Hilfe in Japan wirklich benötigt wird, wie viel die japanische Regierung und Zivilgesellschaft davon selbst leisten kann und wie viel sie von der Gebergemeinschaft weltweit erbitten wird. Kein Land ist so gut auf Katastrophenschutz und – hilfe spezialisiert und dafür gerüstet, wie Japan. Nur wenige Länder verfügen über so viel eigene Mittel und leichte Kreditzugänge. Gegenwärtig ist für uns darum noch nicht absehbar, wie viele unserer Kollekten- und Spendenmittel tatsächlich in der Katastrophenregion gebraucht werden. .

Um verantwortlich und korrekt mit Ihren Kollekten und Spenden umgehen zu können, bitten wir Sie darum, Ihre Spende und Kollekte ab sofort auf das Konto der Diakonie Katastrophenhilfe mit dem Stichwort ‚Allgemeiner Katastrophenfonds‘ einzuzahlen. Aus diesem Fonds finanzieren wir jede Hilfe, die wir in Japan mit Partnern unseres Vertrauens zugunsten der betroffenen Bevölkerung leisten können. .Dessen können Sie gewiss sein! Dazu stehen wir nicht zuletzt über das weltweite Netzwerk der Kirchen ACT in Kontakt mit Vertretern der ev. Kirchen in Japan.

Sollte Hilfsbereitschaft aber größer sein als der Hilfsbedarf, dann können wir damit auch Menschen in anderen Krisenregionen helfen, die weniger im Licht der Öffentlichkeit stehen, aber ebenso hilfsbedürftig sind und dringend auf unsere Unterstützung hoffen.

So helfen Sie uns, so korrekt und verantwortungsbewusst mit Ihren Kollekten umzugehen , wie Sie es von uns gewohnt sind und von uns erwarten dürfen,

Danke für Ihre Hilfe, Danke für Ihr Vertrauen!


Pfarrerin Cornelia Füllkrug-Weitzel

Vorstand Diakonie Katastrophenhilfe
Stuttgart, den 17.3.2011

Diakonie Mitteldeutschland
Spendenkonto: 800 8000
BLZ: 520 604 10 (Ev. Kreditgenossenschaft)
Spendenstichwort: Allgemeiner Katastrophenfonds

Zuerst Klarheit schaffen

25. Februar 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Gemeindebriefe sind ein wichtiges Medium kirchlicher Kommunikation
(Teil 1).
Jeden Monat eine Herausforderung: Den Gemeindebrief erstellen, informativ, ansprechend und aktuell. (Foto: Kristian Peetz/Fotolia)

Jeden Monat eine Herausforderung: Den Gemeindebrief erstellen, informativ, ansprechend und aktuell. (Foto: Kristian Peetz/Fotolia)

Große Schrift für die Senioren, Rätsel und Bilder für die Kinder und schräges Layout für die Jugendlichen. Gute Absichten und angebliche Bedürfnisse prallen gerade auf den Seiten für bestimmte Altersgruppen in vielen Gemeindebriefen beinahe erbarmungslos aufeinander.

Hier zeigt sich besonders gut der Spagat zwischen Inhalten, Gestaltung und der »Kundenorientierung«, nämlich ob die Gemeindebriefmacher ihre Leser und deren Lesegewohnheiten und Informationsbedürfnisse tatsächlich im Blick haben:

  • Wer macht welche Seiten für wen?
  • Was soll drauf und wie?
  • Wer soll das lesen?
  • Spricht die Seite wirklich die Zielgruppe an?
  • Soll die Seite informieren, berichten oder unterhalten?

Wer besonders angesprochen wird, ist auch besonders empfindlich. Leser merken schnell, ob sie ernst genommen werden oder Seiten einfach nur gefüllt werden, weil der Platz da ist und das »schon immer« so war. Doch sie lesen gern, wenn die Themen gut sind, die Seitenmacher sich in ihrer Gemeinde auskennen und  sie ihre Absichten im Vorfeld geklärt haben.

Solche Klärung braucht Zeit und gutes Hören aufeinander in den regelmäßigen Sitzungen der Gemeindebriefredaktion. Hier müssen die Rollen zwischen inhaltlich Verantwortlichen, Zulieferern und Seitengestaltern klar verteilt sein, wobei einer oder eine den Hut aufhat und die presserechtliche Verantwortung trägt.

Drei Beispiele: »Und dann bekomme ich immer noch ganz knapp die Kinderseite zugeliefert und kann nichts mehr ändern«, klagte der ­Layouter. Dass diese Seiten aus dem, was gerade zur Hand war, zusammengeklebt wurden, blieb im Druck sichtbar. Brauchen Kinder wirklich ein Sammelsurium aus Rätseln, Such- oder Irrwegbildern, die aberwitzigen Röhrensystemen ähneln? Lesen Kinder überhaupt im Gemeindebrief?

»Die Schrift hat mir besonders gut gefallen für die Jugendseite, die hat sonst niemand«, verteidigte sich der zuliefernde Jugendmitarbeiter. – »Zum Glück«, seufzte die Runde. Denn die fetten, bauchigen und ineinander verlaufenden Buchstaben waren nur mit Mühe auseinanderzuhalten und kaum zu entziffern. Sind Buchstabensalat oder Zettelkästen besonders ­jugendgerecht? Publikationen von Jugendlichen für Jugendliche jedenfalls beschränken sich auf eine gut lesbare Schrift in einheitlicher Größe und ­ordentlichen Spalten und wecken ­Interesse lieber mit ungewöhnlichen Bildern und Themen.

Und schließlich das Märchen von der großen Schrift für strapazierte Seniorenaugen. Ältere Augen sehen anders – aber wie anders, das könnte ein Besuch der Gemeindebriefmacher im Seniorenkreis klären. Allgemein gilt: Ein einheitliches Layout aller Seiten nimmt alle Leser gleich ernst. Und ein wesentlicher Vorteil: Gemeindebriefleser können jederzeit direkt befragt werden.

Karin Bertheau

Der Evangelische Presseverband in Mitteldeutschland und die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland haben einen Gemeindebriefpreis als Innovationspreis ausgelobt. Gesucht werden Konzepte, wie der Gemeindebrief weiterentwickelt werden kann.
Einsendungen bitte bis 31. Oktober 2011 an: Wartburg Verlag, Redaktion »Glau­be+Heimat«, Lisztstraße 2a, 99423 Weimar.

Gemeindebriefpreis ausgeschrieben – Visitenkarte der Gemeinde

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Evangelischer Presseverband und mitteldeutsche Landeskirche haben einen Gemeindebriefpreis ausgelobt. Hier kommen die Teilnahmebedingungen.

Sie sind die Visitenkarten der Kirchengemeinden und die heimlichen Riesen in der evangelischen Medienlandschaft: die Gemeindebriefe. In den meisten Gemeinden der mitteldeutschen Kirche und Anhalts gibt es inzwischen Publikationen, die regelmäßig über das gemeindliche Leben informieren.

Nach jüngsten Untersuchungen erreicht das Medium Gemeindebrief mehr als zwei Drittel aller evangelischen Haushalte. Die Machart ist dabei sehr verschieden und reicht von einfachen Informa tionsblättern bis zu aufwendig gestalteten Heften. Doch unabhängig von der gegenwärtigen Gestaltung gibt es zumeist noch »Luft nach oben«.

Der Evangelische Presseverband in Mitteldeutschland, Herausgeber der Kirchenzeitung »Glaube+Heimat«, und die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) haben deshalb einen Gemeindebriefpreis ausgelobt. Anders als bei herkömmlichen Wettbewerben soll nicht einfach der schönste oder beste Gemeindebrief prämiert werden. Ausgezeichnet werden vielmehr Veränderung und Weiterentwicklung des Gemeindebriefkonzeptes. Es ist also ein echter Innovationspreis.

Dem entsprechen auch die Kriterien: Neben der Gestaltung (Layout und Bilder), Übersichtlichkeit (Struktur und Orientierung) sowie Themenauswahl und Darstellungsformen sollen auch andere Aspekte zugrundegelegt werden:

  • Wie werden die unterschiedlichen Generationen angesprochen?
  • Wie wird gemeindliches Leben nach außen vermittelt?
  • Welche Anstrengungen hat die Gemeindebriefredaktion unternommen, zu ökologischen Lösungen zu kommen (Papier und Verbreitung)?
  • Mit welcher Sorgfalt geht die Redaktion an die Arbeit?
    Schließlich ist der Gemeindebrief auch eine Art »Liebesbrief an die Gemeinde«.

Alle diese Kriterien sollen bei der Auswahl und Prämierung eine Rolle spielen.

Als Preisgelder winken 1.500 Euro für den Sieger, 1.000 Euro für den Zweit- und 500 Euro für den Drittplatzierten. Die Schirmherrschaft des Gemeindebriefpreises hat der EKM-Gemeindedezernent, Oberkirchenrat Christoph Hartmann, übernommen. Einsendeschluss für teilnehmende Redaktionen ist der 31. Oktober 2011.

Eine namhaft besetzte Jury, zu der unter anderem die Erlanger Publizistikprofesssorin Johanna Haberer gehört, wird die Gemeindebriefe und die vorgelegten Gemeindebriefkonzepte analysieren, vergleichen und die überzeugendste Weiterentwicklung auszeichnen. Eingereicht werden soll je ein Exemplar des Gemeindebriefes vor der Überarbeitung und ein Heft nach der Umstellung, sodass die Veränderung deutlich wird.

Auch Gemeindebriefredaktionen, die bereits im vergangenen Jahr 2010 mit einer Weiterentwicklung begonnen haben, können sich mit ihrem Konzept am Gemeindebriefpreis beteiligen. Es geht vor allem darum zu zeigen, dass und wie sich die Hefte entwickelt haben. »Glaube+Heimat« wird in den nächsten Monaten regelmäßig Beiträge zu Fragen von Struktur, Layout, Bild- und Textsprache sowie weiteren Aspekten rund um den Gemeindebrief veröffentlichen.

Außerdem soll ein Seminartag für Gemeindebriefredaktionen in Erfurt und Magdeburg angeboten werden. Auch hier ist das Ziel, den Redakteuren bzw. Redaktionsteams das nötige Handwerkszeug zu vermitteln, damit die Gemeindebriefe informativer und übersichtlicher werden, eben eine Visitenkarte der Gemeinde.

Martin Hanusch

Einsendungen richten Sie bitte an den:
Wartburg Verlag,
Redaktion Glaube+Heimat,
Lisztstraße 2a, 99423 Weimar.


Luther hätte es gefallen

27. Januar 2011 von redaktionguh  
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Sechs Tage lang war eine Gruppe von Lesern auf den Spuren Martin Luthers unterwegs von Erfurt nach Rom. Jetzt geht es zurück nach Deutschland.

Rovereto, 25.1.11

Zwischenstation auf der Rückfahrt, 600 Kilometer heute von Rom an einem sonnig-kalten Wintertag, morgen noch einmal rund 750 Kilometer bis Erfurt.

Am Frühstückstisch erzählt mir ein Ehepaar von ihrem gestrigen Begegnung mit Günter Beckstein. Der ehemalige bayrische Ministerpräsident gehört zur Delegation der Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD). Sie hatten sich mit Beckstein schon nach dem sonntäglichen Gottesdienst in Rom unterhalten, gestern nun lief er ihnen in oder vor der Peterskirche über den Weg, er kam gerade von der Papstaudienz. Unsere beiden Mitreisenden fragten ihn natürlich, wie es „gelaufen“ sei. Die VELKD-Leitenden waren so wie wir in diesen Tagen in Sachen Luther in Rom, allerdings auf diplomatischer Ebene. Was ich höre, was meine Gesprächspartner von Beckstein gehört haben, ist, dass es vorerst keine gemeinsame Abendmahlsfeiern geben wird (wer hätte auch anderes erwartet?), und: Über die Haltung zum Reformationsjubiläum denkt der Vatikan nach. Naja.

Nach drei Tagen Rom bilanziert jeder in den Gesprächen seine persönlichen Eindrücke. Das Ehepaar am Frühstückstisch fand vieles interessant und sehenswert, aber so schnell wollen sie doch nicht wiederkommen, dazu sei die Welt zu groß, und es gäbe in ihr noch viel zu sehen. Für die Erfurter Lateinlehrerin ist die Rückkehr nach Rom keine Frage, sie weiß schon genau, wann sie das nächste mal mit einer Schulklasse in Rom sein wird.

Für ihre Kollegin Dorothea Wirthwein war es dagegen die erste, aber keineswegs letzte Begegnung mit Kultur und Geschichte der Ewigen Stadt, die für die Lehrerin aus Henneberg umso interessanter und bewegender gewesen ist, da sie die Fächer Religion und Geschichte unterrichtet. Und eine besondere Freude war es für Frau Wirthwein, dass sie die Reise als Gewinnerin des Weihnachtsrätsel von „Glaube+Heimat“ antreten konnte.

Während der Busfahrt studiere ich weiter meinen Reiseführer „Luther in Rom“. Es gibt wenig Belege für seine Reise und viele Vermutungen über sie. Die Sette chiese, die sieben Pilgerkirchen, wird er abgepilgert haben, die Stufen der Scala santa, der heiligen Treppe, an der Lateranskirche ist er auf den Knien betend hinauf gerutscht, um durch sein Gebet die Seele eines nahen Angehörigen aus dem Fegefeuer zu erlösen. Später erzählt er, er habe sich gefragt: „Wer weiß, ob das wahr ist.“ Die Katakomben des Heiligen Calixstus an der Via Appia hat er auch besucht.

Beeindruckt hat ihn, dass die Toten dort „schrenkicht“ liegen, er gibt sogar eine Zahl an, die offenbar seinerzeit verbreitetes Wissen war: 76 000 Märtyrer und 40 Päpste. Und schließlich sind Luther die protzigen Renaissance-Paläste der Kardinäle und Päpste aufgefallen. Auf dem Höhepunkt seiner Polemik gegen das Papsttum, erinnert er sich empört: „Welche Pracht, welcher Glanz, welche Eleganz kann in der ganzen Welt mit ihnen verglichen werden? Sie bauen nämlich so, als dächten sie, sie könnten sich das ewige Paradies in dieser Welt bereiten. … Man schämt sich selbst königliche Paläste mit ihnen zu vergleichen.“

Selbst für die wenigen mehr oder weniger nachgewiesenen römischen Lutherorte reichen aber drei Besuchstage nicht aus. Und dann gibt es die unübersehbaren, vielen indirekten Lutherspuren. Zunächst, auch die katholische Kirche wäre heute eine andere, wenn sie nicht gezwungen gewesen wäre, sich mit dem reformatorischen Gedankengut auseinanderzusetzen. Doch das ist eine andere lange Geschichte; morgen früh fahren wir Trient vorbei, der Stadt des Reformkonzils.

Ein Tischgespräch im Sinn des Reformators

Wenigstens ein sichtbares Zeugnis, wie Luthers Ideen das heutige Rom geformt haben, will ich doch nennen, es ist zugleich ein Zeugnis der Schönheit und des Ebenmaßes: die Piazza del Popolo und seine Porta, das Stadttor an der Via flaminia, dort wo Luther die Stadt betrat, dort wo der Konvent der Augustiner stand, heute einer schönsten Plätze Roms, ein elegantes Oval, mit symmetrisch angeordneten Kirchen und Gebäuden.

Der barocke Neubau des Stadttores geschah, damit das katholische Rom einen der größten Triumphe über die Luthersche Häresie im 17. Jahrhundert gebührend feiern konnte, den Einzug von Christine von Schweden. Die Ex-Königin und Tochter Gustav Adolfs, der im Dreißigjährigen für die Sache der Protestanten gefallen war, war zum katholischen Glauben konvertiert, ein propagandistischer Erfolg des Vatikans, und ein unerhörtes Ereignis, das in ganz Europa diskutiert wurde.

Bei Abendessen erzählt jemand, im italienischen Fernsehen einen Bericht über einen ökumenischen Gottesdienst am heutigen Bekehrungstag des Apostel Paulus in dessen Titelkirche in Rom gesehen zu haben, in San Paolo furi del Mura, (dort wo vor zwei Tagen der Luther-Olivenbaum gepflanzt worden war.) Der Papst war anwesend, und man sah Pfarrer Kruse einen Text aus dem Evangelium lesend.

Darauf entspinnt sich an unserem Tisch – an ihm sitzen unter anderem zwei Theologen – ein lebhaftes und leidenschaftliches Gespräch über beide Konfessionen, die Eucharistie, die katholische Lehre von der apostolischen Sukzession, die Bedeutung der Taufe usw. Als zum Nachtisch Eis mit Schokoladencreme serviert wird, sind wir allerdings bei Marxens Religionskritik und ein paar Minuten später bei der Vieldeutigkeit der Geschichte vom Sündenfall. Ein Tischgespräch im Geiste Luthers. Es hätte ihm gefallen.

Jörg Sobiella

Mein römischer Besucherfehler

25. Januar 2011 von redaktionguh  
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Seit 19. Januar sind 45 Leser und Leserinnen von Glaube+Heimat für eine Woche unterwegs aufs Luthers Spuren nach Rom.

Rom, 24.1.2011

Die Weihnachtskrippe vor dem Petersdom steht noch bis Mariä Lichtmess.

Die Weihnachtskrippe vor dem Petersdom steht noch bis Mariä Lichtmess.

Mit der Metro zurück ins Hotel: Ich sehne mich nach einem heißen Bad. In der U-Bahn bin ich ein Müder unter Müden. Rom fährt mit gesenktem Kopf nach Hause, es riecht nach Arbeit und Erschöpfung. Touristen mit Reiseführern oder Stadtplänen haben sich nicht in diese Vorortbahn verirrt.

Nach drei Tagen Pflastertreten in Rom schleppe ich Blei in meinen Waden mit. Ich hatte es geahnt und mich wohlweislich gegen das Abendessen mit geschmettertem Belcanto zwischen den Gängen entschieden, zu dem sich alle anderen Mitreisenden entschlossen haben. Während ich hier schreibe, frage ich mich, was sie zwischen „Primi piatti“ und „Secondo piatti“ zu hören bekommen, ich tippe auf Rossini, die Figaro-Arie aus dem „Barbier von Sevilla“; Verdi, „Rigoletto“, die Stretta des Herzogs und Puccini, „La Boheme“, „Wie eiskalt ist Dein Händchen…“.

Ich habe mir eine Flasche Rotwein gekauft, Wasser, etwas Käse, Salami, Oliven und Äpfel; damit bin ich allemal zufriedener als mit den lieblosen Gerichten und pappigen Pizzen, mit der der massentouristische Durchschnitt in der Ewigen Stadt abgespeist wird. Die Herablassung der Kellner (übrigens auch die in unseren Hotel, das ansonsten gute Mittelklassezimmer in ruhiger Lage bietet), die barsche Art, wie sie uns bedienen, die Rechnungszettel auf die Tische knallen und das Wechselgeld hinschmeißen, spricht Bände. Und das alles bei sehr gehobenen Preisen.

Im Café am Nachmittag an den Bernini-Kollonaden des Petersplatzes zahle ich für ein Americano (ein Kaffee von der Größe unserer Normaltassen) und ein Stück Torta (Kuchen) zehn Euro. Fürs gleiche Geld bekommt man an der nächsten Ecke zwei Krawatten, die in Deutschland zusammen mindestens 60 Euro kosten würden. Nur Schlipse kann man nicht essen. Die römische Innenstadt lebt vom Tourismus, auch jetzt schon im Januar, doch den Römern scheint der Massentourist im Allwetter-Anorak, in Jeans, Goretex-Wanderschuhen, mit Wasserflaschen bestückten Rucksack und Digitalkamera ausgesprochen lästig zu sein.

Ich sehe auch so aus, und ich habe den Eindruck, in ihren Augen sind wir Barbaren, die zwar Umsatz bringen, aber eigentlich stören. In einem kleinen Geschäft – Roms Handel lebt von kleinen, bisweilen winzigen Geschäften, Kaufhäuser sind nicht beliebt – lasse ich mir einige Pullover zeigen, entschließe mich dann aber doch, nichts zu kaufen, die Verkäuferin wendet sich wortlos mit einer hochgezogenen Augenbraue ab. Schade, dass meine paar Brocken  Italienisch nicht ausreichen, sie zu bitten, dieses Mienenspiel zu wiederholen; ich hätte es gern fotografiert, es war der mit minimalster Bewegung perfekt erreichte Ausdruck vollständiger Verachtung.

Heute standen die Vatikanischen Museen auf dem Tagesprogramm. Ich bin erleichtert, sie an diesem Januartag bloß voll zu finden. Bei meinen zwei vorherigen Besuchen, jeweils in der Hauptsaison, schob sich jeder gegen jeden durch die stickigen Räume, vor lauter Köpfen und Körpern war mitunter nichts zu sehen. Ich nehme mir vor, falls noch einmal Rom, dann nur noch im Januar. Und wieder mache ich in den Vatikanischen Museen den Fehler, den ich meinen römischen Besucherfehler nenne möchte.

Rom nimmt einen auf jeden Schritt gefangen. Die Stadt ist an jeder Ecke, mit beinahe jedem Haus und jeder Kirche, Säule, Treppe, Brücke, Mauer, Inschrift, mit jedem Tor, Bogen, Park, Ruinenstumpf, Turm, Brunnen, mit jedem Denkmal und seinen sieben Hügeln eine geschichtliche und kunstgeschichtliche Versuchung zum Verweilen und Betrachten. Die Stadt fordert eine Selbstprüfung in Zielstrebigkeit und Konzentration. Wer nicht genau weiß, was er sich in der zur Verfügung stehenden Zeit anschauen will, hat schon gegen die ablenkende Überfülle der Zeugnisse, den einladenden Fassadenterror des Barocks verloren. Vom verführerischen Liebesblick der Waren, die aus den kleinen Lädchen hinaus auf die Gasse drängen, gar nicht zu reden.

Der frechste Witz der Malerei

In den Vatikanischen Museen will ich mir wieder alles (gleich ALLES, ich muss doch wahnsinnig sein!) ganz genau anschauen, nichts auslassen, statt mich auf einige ausgewählte Abteilungen zu konzentrieren, wie zum Beispiel die große, abgelegene und deshalb stille etruskische Sammlung. Ich wäre vermutlich noch jetzt zwölf Stunden später mit den Hunderten antiken Büsten im Museo Chiaramonti beschäftigt, wenn ich mich selbst beim Wort genommen hätte. Und so kommt wie es so oft beim Besuch großer Museen kommt, irgendwann laufe ich wie ein Fliehender vor den Kunstwerken durch die endlosen Galerien, weil ja trotz alledem einige bestimmte Sehenswürdigkeiten unverzichtbar sind: die Stanzen des Raffael, die Räume des Borgia-Papstes Alexander VI. und natürlich die Sixtinische Kapelle mit der anrührendsten Geste der Malerei, der Erschaffung des Menschen vermittels einer leichten Berührung – nein, stimmt nicht, es ist nicht einmal eine Berührung, es bleibt bei einem schwebenden Fingerzeig, einer grazilen Geste, deren Gott in all seiner massigen Körperlichkeit fähig ist. Der Mensch ein Fingerzeig des Schöpfers, ein unerwartet schöner Gedanke. Und im Fresko der Scheidung von Tag und Nacht hat Michelangelo den frechsten Witz der Malerei gleich mitgeliefert, dort zeigt uns Gott seinen nackten Hintern.

Während mir der Hals vom Hinaufschauen zu schmerzen beginnt, höre ich neben mir zwei deutsche Stimmen: „Guck mal, das ist auch schön.“- „Super.“- „Und das, wie findste das?“ –“Nö, da find ich das andere besser.“ Ich blinzele zur Seite, die beiden stehen unter Michelangelos Himmel mitten in der „Sistina“ und betrachten sich Fotos auf einem iPhone.

Jörg Sobiella

Die erste Luther-Olive der Welt

24. Januar 2011 von redaktionguh  
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Seit 19. Januar sind 45 Leser und Leserinnen von Glaube+Heimat für eine Woche unterwegs aufs Luthers Spuren nach Rom.

Rom, 23.1.11

Rom hat zwei Metrolinien, 21 Brücken über den Tiber, 44 Museen, 63 Katakomben und 400 Kirchen. In einer von diesen 400 Kirchen, der Evangelisch-lutherischen Christuskirche, feiern wir am Sonntagmorgen den Gottesdienst und das Abendmahl, gemeinsam mit der Gemeinde und der Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), der wir schon in Mailand begegnet waren.

Als besonderes Zeichen pflanzte Kardinal Kurt Koch im Rahmen des Projektes "Luthergarten" an der Kirche San Paolo furi del Mura eine Olive.

Als besonderes Zeichen pflanzte Kardinal Kurt Koch im Rahmen des Projektes "Luthergarten" an der Kirche San Paolo furi del Mura eine Olive.

Pfarrer Jens-Martin Kruse freut sich, in der Gebetswoche für die Einheit der Christen uns und die Delegation der VELKD begrüßen zu dürfen. Die Fürbitte im Gottesdienst betont den Gedanken der Ökumene und die Hoffnungen, die die evangelischen Christen mit der Gebetswoche verbinden. Nicht zuletzt deshalb ist die Leitung der VELKD gerade in dieser Woche nach Rom gekommen; am Montag wird sie vom Papst empfangen. Was wird sie mit dem Papst besprechen, worum wird ihn Bischof Johannes Friedrich bitten? Vielleicht um dies: „Heiliger Vater, heben Sie den Bann gegen Martin Luther auf!“ Immerhin, das wäre ein sichtbares – ach, was sage ich! – ein sensationelles Zeichen für die Ökumene. Doch bevor es so weit ist, müssen wohl noch einige Reformationsdekaden vergehen. Vorerst bereitet sich die Stadt auf den Pilger- und Touristenansturm zur Seligsprechung von Johannes Paul II. am 1. Mai vor.

Nach dem sonntäglichen Kirchgang will ich wenigstens einige der Orte aufsuchen, die noch von Luthers Aufenthalt zeugen könnten, es sind beklagenswert wenige. In einem indirekten Sinn trägt Luther dafür selbst eine Verantwortung. Die Kirchen und öffentlichen Räume Roms sind größtenteils barock überformt. Das Barock, ursprünglich auch als Jesuitenstil bezeichnet, ist die Ästhetik der Gegenreformation, heiliges Theater mit allen Mitteln und Tricks der Künste.

Um mit Luthers Augen Rom zu sehen zu können, habe ich Jürgen Krügers und Martin Wallraffs Buch „Luthers Rom. Die ewige Stadt in der Renaissance“ mitgenommen, ein lesenswerter Kunst- und Geschichtsführer zu Kirchen, Gebäuden und Plätzen, die Luther so, wie wir sie erleben, dann doch nicht gesehen hat. Denn fast alles, was wir wissen von dieser für Luther und sein reformatorisches Denken später nicht unwichtigen Visite muss man seiner eignen Rückschau entnehmen.

Er hat gewissermaßen zwei Rom-Reisen unternommen, die tatsächliche 1510 oder 1511 und später in einer Art Selbstinterpretation eine zweite Reise, die auch dem Zweck diente, seinen Gegner sagen zu können: Wenn ich, Luther, das römische Papsttum als Antichristen geißle, dann weiß ich, worüber ich rede. So schreiben es die Buchautoren (und so wird es am Abend im Hotel auch Andreas Lindner uns allen noch einmal erklären). Luther reiste mit zweierlei Absicht, als Pilger und in Ordensangelegenheiten, ein Dienstreisender war er also. Heutige Bildungsreisen, die auf dem Prinzip beruhen, etwas mit eigenen Augen gesehen zu haben, kannte man nicht; touristische Neugier war dem frühen 16. Jahrhundert fremd. Der Mönch Martinus war noch ganz in der Frömmigkeit seiner Zeit verhaftet und am weltlich-unchristlichen Treiben des Vatikans während seines Besuches wenig Anstoß genommen haben.

Er wird die Tour zu den sieben Pilgerkirchen in und um Rom absolviert haben, aber keine zeigt sich uns heute so, wie er sie sah, die Peterskirche war eine Riesenbaustelle. Vermutlich hat er im Konvent seines Ordens gewohnt, der heute noch an der Piazza del Popolo liegt. Vermutlich kam er auch dort am Stadttor an (wie mehr als 250 Jahre später noch ein berühmter deutscher Romreisender – Johann Wolfgang Goethe) und sah als erstes die monumentale, antike Stadtmauer. Und vermutlich hat er im hinter der Kirche befindlichen Konvent gewohnt.

Das Krizifix in der Kirche Santa Maria del Popolo, unter dem schon Luther gebete haben soll.

Das Krizifix in der Kirche Santa Maria del Popolo, unter dem schon Luther gebete haben soll.

Luthers Rom, das war keine Ewige Stadt, sondern ein Städtchen in den Resten einer verewigten Kapitale. Schätzungsweise 40 000 Menschen hatten sich im Trümmerfeld der antiken Millionenmetropole eingerichtet. Allerdings wurde heftig gebaut, das Machtbewusstsein der Renaissancepäpste feierte sich, nach dem Ende der Kirchenspaltung und der Rückkehr der Kurie aus Avignon, in prachtvollen sakralen und weltlichen Neubauten.

Verpasste Gelegenheiten

Über Luthers Aufenthalt in Rom ließe sich eine ganzes Buch verpasster Gelegenheiten schreiben: Er, der noch ungekannte Mönch aus dem rauen Norden, besucht die Stadt, als Michelangelo gerade die Decke der Sixtinischen Kappelle ausmalt, als Raffael in Rom wirkt, drei junge Genie hätten sich begegnen können.

Wie jedem Rom-Besucher wird Luther die Ruine des Colosseum ins Auge gestochen sein, das als idealer Steinbruch ausweidet wurde. Bezeugt ist zudem, dass ihn das Pantheon beeindruckt hat. Auch das Äußere von Santa Maria del Popolo, der Kirche des Augustinerkonvents, und von Santa Maria dell` Anima, der Nationalkirche der Deutschen, könnte Luther so gesehen haben, wie sie sich heute noch präsentieren. Beide Kirchen waren um 1510 im Wesentlichen fertiggestellt und standen kurz vor ihrer Vollendung. Santa Maria del Popolo gilt heute mit seiner (vergleichsweise kleinen) Kuppel über der Vierung als kühner Entwurf und als Vorgriff auf die kommenden Kirchenbauten. Luther wird das vermutlich nicht beeindruckt haben. Ohnehin wird die Kirche heute nicht wegen des Reformators oder aus architekturgeschichtlichem Interesse besucht. Es sind zwei dramatisch ausgeleuchtete Caravaggio-Gemälde, die sie für die Touristen attraktiv macht. Ich muss mir ihre Betrachtung mit einer Gruppe amerikanischer Jugendlicher teilen, die sich mit ihren prallen Rucksäcken in die schmale Seitenkapelle drängen. In einer anderen Kapelle hängt ein schlichtes Holzkruzifix, es nimmt sich unter all dem barocken Überschwang nordisch streng aus. Womöglich deshalb erzählt man sich, dass Luther unter diesem Holzkreuz gebetet haben soll.

Auch Bischof Johannes Friedrich legte beim Baumpflanzen mit Hand an.

Auch Bischof Johannes Friedrich legte beim Baumpflanzen mit Hand an.

Am Nachmittag mache ich mich auf zur Kirche San Paolo furi del Mura, der Basilika mit dem Paulusgrab, die vor 500 Jahren – wie ihr Name sagt – vor den Mauern der Stadt lag. Heute fährt man ein paar Stationen mit der Metro. Es heißt, sie war damals die größte Kirche der Welt. Sie gehört zu den jenen sieben Kirchen, die jeder fromme Pilger in Gebet und Andacht besucht haben soll. Auch hier wird Luther ein anderes Gotteshaus erblickt haben als wir. Die alte Basilika wurde 1823 durch einen Brand zerstört. Ich will einer ökumenisch-ökologischen Geste zuschauen, der „Baumpflanzung im Rahmen des Projektes Luthergarten“ an der Kirche.

Der Garten besteht zwar augenblicklich bloß aus einer quadratischen Fläche frisch umbrochener und sorgfältig geharkter Erde, aber einen echten Kurienkardinal Erde schippen zu sehen, und das in Lutherschem Gottvertrauen – wenn morgen die Welt unterginge, dann solle man heute ein Bäumchen pflanzen – das sieht man auch in Rom nicht alle Tage. Statt eines Apfelbäumchens pflanzt Kardinal Kurt Koch, der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen, zusammen mit der Delegation der VELKD eine Olive und zitiert tatsächlich das Lutherwort vom zu pflanzenden Baum. Vermutlich ist es die erste Luther-Olive der Welt. Wenn demnächst die Welt untergehen sollte, würde ich gerne vorher noch von diesem Olivenbaum ein Schlückchen kaltgepressten Öls kosten.

Jörg Sobiella

Aha-Erlebnisse in der Ewigen Stadt

23. Januar 2011 von redaktionguh  
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Rom, 20. und 21.1.11

Von Mailand nach Rom – noch einmal knapp über 600 Kilometer Autobahn, die uns – auf den Höhen des Apennin – die Toskana im Schnee beschert. Zeit genug ein paar Zeilen über unseren Fahrer Reiner Beutler zu schreiben. Gefreut hat er sich und war gerührt, als wir ihm den Hut mit den eingesammelten 50 Euro überreichen. So etwas sei ihm auch noch nicht passiert, sagt der 42-Jährige. Seit 20 Jahren ist er als Fernreisebusfahrer unterwegs. Als ich ihn frage, ob er wisse, wie oft er schon nach Italien gefahren ist, winkt er ab. Er weiß es nicht.

Reiner Beutler besitzt Entertainerqualitäten, immer wieder auf den langen Strecken muntert er uns mit Anekdoten auf, und immer wieder gibt es etwas, das auch er noch nicht gesehen hat, zum Beispiel die Toskana im Schnee. Da er fast schon jeden touristischen Menschenschlag zu allen möglichen touristischen Zielen in Europa gefahren hat, ist sein Reservoir an Geschichten, beherzigenswerten Reiseempfehlungen, Menschenerfahrung, bürokratischen und EU-geregelten Paradoxien fast unerschöpflich.

So bittet er uns, auf den Rastplätzen unsere Apfelgriebsche, Bananenschalen und Butterbrotpapiere selbst zu entsorgen. Wenn wir sie in eine Mülltonne werfen, sei das in Ordnung, würden wir jedoch unsere harmlosen Rückstände in einen Bus-Mülleimer werfen und er, der Busfahrer, das Zeug an irgendeiner Raststätte in eine Mülltonne kippen, gelte das als gewerbliche Müllentsorgung, und er würde sich damit strafbar machen. Oder er lässt uns schätzen, wie viele Alpentunnel wir durchquert haben, und erzählt von der Dame, die auf dem Anreiseweg zu ihrem Kreuzfahrtschiff die ganze Nachtfahrt hindurch kein Auge zugetan und statt dessen die Tunnel gezählt habe. Oder er verrät uns seine italienische Lieblingsstadt – Orvieto, an der wir am Nachmittag vorbeifahren. Der Born seiner Fernfahrerweisheit sprudelt unerschöpflich.

Unterwegs in Rom: hier an den Resten des Trajantempels

Unterwegs in Rom: hier an den Resten des Trajantempels

Allmählich kommt man mit den anderen Reisenden ins Gespräch. Da ist die Lateinlehrerin aus Erfurt, die schon etliche Male mit Schulklassen Rom besucht hat, nun aber tatsächlich einmal Luthers Spuren suchen will, oder das Ehepaar, das bereits nach Santiago de Compostella gepilgert ist und die Reise als Schnupperkurs nutzt, weil es auch noch nach Rom pilgern möchte. Da ist der pensionierte Oberkirchenrat aus Sachsen-Anhalt, der mir beim Gang durch Mailand von seiner Zeit als Auslandsseelsorger auf Mallorca erzählt oder der Denkmalpfleger aus Weimar, der sich detailliert in der antiken römischen Architekturgeschichte auszukennen scheint, aber noch niemals an den Ort seiner elaborierten Kenntnisse gelangt ist. Und da ist das lebensfrohe Häuflein Eisfelder, das nicht ohne eine ordentliche Stracke aufgebrochen ist – es geht eben nichts über die Wurst der Heimat, selbst im Land berühmter Schinken und Salami – und das ihre Lebensmaxime den katholischen Glaubensbrüdern im Eichsfeld abgeguckt hat: glaubensstark und trinkfest.

Rom verweigert uns am Sonnabend das vorfrühlingshafte Wetter, der letzten Tage. Schon bis zu 18 Grad hätten die Römer in den ersten Tagen des neuen Jahres gehabt, berichtet unsere Stadtführerin Irmgard Paresi. Wir haben einen Regentag als erste Begegnung mit der Ewigen Stadt erwischt. Aber auch die Nässe schmälert nicht die hier unbedingt schon vorweg für alle künftigen Rom-Touristen abzugebende Empfehlung: Fahren Sie unbedingt im Januar! Da quillt die Stadt nicht vor Touristen nicht über.

Wer Rom in der Hochsaison besucht – und die währt fast das ganze Jahr – braucht für seine Stadtgänge starke Nerven, eine belastbare Physis (zum Beispiel bei der Benutzung der zwei Metrolinien) und eine Schafsgeduld (zum Beispiel beim Schlangenstehen vor dem Einlass in die Vatikanischen Museen). Der Januar erspart einem solche touristischen Ochsentouren. Irmgard Paresi, die Deutsche, die seit 40 Jahren in Rom lebt, bestätigt das.

Die Reisegruppe wird in Rom zwar von Regen empfangen, trotzdem hat die Stadt auch im Januar ihren Reiz.

Die Reisegruppe wird in Rom zwar von Regen empfangen, trotzdem hat die Stadt auch im Januar ihren Reiz.

Zunächst im Bus, dann zu Fuß durch die Altstadt absolvieren wir mit Irmgard Paresi das Pflichtprogramm der unverzichtbaren Highlights: das Colosseum, die Lateranbasilika, das bombastische Einheitsdenkmal, das Forum Romanum, der Circus Maximus und entlang des Tibers mit Blick auf den Stadtteil Trastevere zur Engelsburg. Von dort geht’s zu Fuß durch die Altstadt, durch den Regen und auf verschlungenen Umwegen zur Piazza Navona, zum Pantheon, zum Trevibrunnen und zur Spanischen Treppe.

Für die überwiegende Mehrzahl unserer Reisegruppe ist dieser regengraue Sonnabend die erste Begegnung mit der Ewigen Stadt. Und das Staunen, das Aha-Erleben hält den Tag über an, obwohl praktisch jeder die berühmten Bilder und Ansichten Roms durchs Fernsehen, durch Filme etc. im Hinterkopf längst abgespeichert hat.

Wie muss das für Luther gewesen sein, dem so gut wie keine Bildmedien zur Verfügung standen? Mit welchen Erwartungen, Vorstellungen und Bildern im Kopf über das Aussehen der Heiligen Stadt ist er hier eingetroffen, noch nicht ahnend, dass er die Stadt samt dem Papst dereinst als „Hure Babylon“ anprangern wird.

Jörg Sobiella

Glaubenshöhle und Einkaufstempel

23. Januar 2011 von redaktionguh  
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Mailand, 20.1.11

Die beinahe schon italienische Südseite der Alpen empfängt uns, nachdem wir den San Bernhardino-Paß passiert haben, mit strahlendem Sonnenschein. Anderthalb Stunden später kommen wir nach Mailand in das normale Chaos einer italienischen Großstadt, das man von diversen Italienbesuchen kennt. Wahrscheinlich ist es aber gar kein Chaos, sondern nur Alltag. Aber wir, die wir in mitteldeutschen Dörfern, Klein- und Mittelstädten wohnen, staunen wieder einmal über die gewagten Überhol- und Einordnungsmanöver vor und neben unserem Bus den Beinahe-Crashs, und staunen noch mehr über die Umgebung unseres Hotels: ein Schnarchsilo inmitten die tristen Kulisse für einen Film im Stile des italienischen Neo-Realismus der 1950er Jahre.

Die Fahrt in die Innenstadt weitet sich zu einer zähen Odyssee durch die nachmittägliche Rushhour aus, im Schritttempo schiebt sich unser Bus von einer roten Ampel zu nächsten. Trotz Navigationsgerät und mehrfachen Telefonaten mit der uns erwartenden Nora Foeth verfransen wir uns im Dickicht der verstopften Gassen, wo unser Fahrer Reiner Beutler sein rangiertechnisches Meisterstück vollbringt, eine Millimeterarbeit des Durchkommens zwischen wild parkenden Autos und Motorrollern, die selbst einige einheimische Beobachter auf der Straße erstarren lässt.

Der Dom in Mailand beeindruckt schon durch seine schiere Größe.

Der Dom in Mailand beeindruckt schon durch seine schiere Größe.

Schließlich stoßen wir aber doch auf unseren Stadtführerin, die Theologin Nora Foeth, die zurzeit die Schweizer reformierte Pfarrstelle der „Chiesa christiana protestante di Milano“ inne hat. Der Verkehrsinfarkt hat uns fast eine Stunde kostbare Zeit gestohlen, denn wir alle wollen ja noch bei Tageslicht in das centro eintauchen. Zunächst aber führt uns Nora Foeth zur Kirche des heiligen Ambrosius, dem ältesten Gotteshaus der Stadt, erbaut um 380 nach Christus. Der heilige Ambrosius war im 4. Jahrhundert Bischof in Mailand; er ist einer der vier Kirchenväter, er taufte und förderte einen anderen Kirchenvater, den heiligen Augustinus. Man kann Ambrosius heute noch in die leeren Augenhöhlen blicken, seine Gebeine und sein polierter (seltsam sonnenstudiobraun) lackierter Schädel ruhen in einem Glassarg in der Krypta.

Auf seiner Pilger- und Dienstreise ist Luther vermutlich durch Mailand gekommen. Ob er schon die Knochen des Heiligen betrachten konnte? Wenn ja, was ist ihm durch den Kopf gegangen sein, der als Reformator einige Jahre später in der Auseinandersetzung mit dem Ablassgeschäft des Johann Tetzel davon sprechen wird, dass der tote Hund, der in Santiago begraben liegt, kein Seelenheil bringt.

Unser zweites Ziel in der Stadt ist natürlich der Dom. Als wir ihn erreichen, dämmert es bereits. Die prachtvollen Fassaden der Belle Epoque ringsherum sind in raffiniert designte Lichtkleider eingehüllt und schillern in den verschiedensten Farben. Auf dem abendlichen Weg zurück kommen wir am kastellartigen Schloss der Sforza-Herzöge vorbei; der Eingangsturm der Festung ist eingehüllt in ein blitzendes, funkelndes Lichternetz, das den Sternen und dem Vollmond am Firmament die Schau stiehlt. Mailand scheint am Abend noch eleganter, noch bezaubernder als am Tage zu wirken.

Mein erster Eindruck vom Dom – der Alptraum eines gotischen Zuckerbäckers, mein zweiter Gedanke, an dieser Kirche hat Antonio Gaudi experimentiert, bevor er die Sagrada Familia in Barcelona baute.

Nora Foeth sagt, wir hätten es gut abgepasst, dass wir erst jetzt Mailand besuchten, denn solange sie hier lebt, seit 13 Jahren, war die blendend weiße Marmorfassade, die gerade in der Dämmerung des Winterabend verblasst, hinter Baugerüsten verschwunden. Das Innere der gewaltigen Kirche überwältigt durch seine schieren Dimensionen, sie müssen für einen spätmittelalterlichen Gläubigen geradezu überirdisch einschüchternd gewesen sein: das Längsschiff 157 Meter, das Querschiff 109 Meter, die innere Höhe der Kuppel über der Vierung 94 Meter. Ich habe das ketzerische und materialistische Gefühl, dass ich hier nicht sein will und ich vermutlich besser in den gegenüberliegenden Einkaufstempel der „galeria vittorio emanuelle“ passe.

Die Galleria ist die Kirche der konsumistischen Heiligen Gucci, Prada oder Versace.

Die Galleria ist die Kirche der konsumistischen Heiligen Gucci, Prada oder Versace.

Solche schnöden Gefühle sollte ich nicht haben, ich weiß, noch dazu auf einer Reise im Geiste Luthers, aber mich zieht es trotzdem hinaus aus dieser grausteinernen Riesenhöhle des Glaubens, die mich mit ihren Dimensionen förmlich zermalmt, und hinein in den protzigen Rachen des Nobelkonsums. Die galleria ist die Kirche der konsumistischen Heiligen Gucci, Prada, Versace, Louis Vuitton, Rolex, Dolce und Gabana et alii, die dort ihre strahlenden Altäre ausbreiten. Das kann kein Zufall sein, dass sich unmittelbar neben dem Dom eine 150 Mater lange Längsgalerie und eine 100 Meter lange Quergalerie in einer himmelshohen Glitzerkuppel Kuppel kreuzen und eine Shoppingkirche bilden.

Soll ich jetzt noch von unserem abendlichen Bildungsprogramm schreiben? Ich müsste wohl meiner Chronistenpflicht genüge tun. Unser Mailänder Kurzaufenthalt war schon durch die zeitraubende Herumkurverei im Nachmittagverkehr leicht ramponiert worden, er verunglückte leider nahezu komplett in den Abendstunden in der deutschen Protestantischen Kirche, wo unsere Reisegruppe einer Delegation der Leitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VLKD) begegnete. Deren leitender Bischof, Landesbischof Johannes Friedrich (München), sprach zu den Mailänder Gemeindemitgliedern über den „Religiösen und kulturellen Pluralismus als Herausforderung für den sozialen Zusammenhalt in Europa“. Der „Unfall“ des als Podiumsgespräch mit einer Muslima und als Diskussion mit den Zuhörern angelegten Abends bestand nicht in Bischof Friedrichs hörenswerten Vortrag, er bestand in der Organisation und im Ablauf. Die Kopfhörer reichten nicht, viele von uns vermochten den simultan übersetzten Ausführungen der italienischen Gesprächspartner nicht zu folgen, hielten aber diszipliniert aus, auch als die als Ein-Stunden-Veranstaltung angekündigte Diskussion längst in die dritte Stunde begeben hatte und zum ihrem eigenen Aufmerksamkeitskiller geworden war. Auch der ehemalige bayrische Ministerpräsident Günter Beckstein, der zu den Mitgliedern der VELKD-Delegation gehörte, zog ein langes und gelangweiltes Gesicht. Unser kollektives, vormitternächtliche Gefühl war nach einem langen Tag eines von bleierner Müdigkeit.

Übrigens hatte auch unser Fahrer sein Quantum Mailänder Frust abbekommen. Während wir in der Stadt unterwegs waren, wollte er die Scheiben des Busses putzen und wurde dafür mit 50 Euro Strafe zur Kasse gebeten. Das Waschen von Fahrzeugen am Straßenrand ist in der Stadt verboten – wie bei uns. Nun könnte man sich ja darüber streiten, ob das Säubern einer Frontscheibe mit Autowaschen gleichzusetzen ist, aber wer könnte und wollte sich schon mit der italienischen Staatsmacht in Gestalt eines Carabinieri streiten? Verständlicherweise war Reiner Beutler ordentlich vergrätzt. Aber schon auf der Fahrt ins Hotel macht der Gedanke die Runde, anderntags einen Hut herumgehen zu lassen, in den jeder von uns 45 Reisenden einen Euro hineingibt.

Jörg Sobiella

Armer Bruder Martin!

21. Januar 2011 von redaktionguh  
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Seit 19. Januar sind 45 Leser und Leserinnen von Glaube+Heimat für eine Woche unterwegs aufs Luthers Spuren nach Rom.

Chur, Graubünden, 19.1.11

Die Stimmung im Reisebus ist gut!

Die Stimmung im Reisebus ist gut!

Viele Wege führen nach Rom. Unserer führt uns über die Thüringer-Wald-Autobahn und die A 7 zunächst nach Augsburg. Bevor wir uns, noch in der Dunkelheit eines Thüringer Wintermorgens gleich hinter Erfurt in unsere Schalensitze einkuscheln und noch eine Mütze Schlaf nachholen, stelle ich einen ersten stillen Vergleich an, mit dem zu vergleichen ich mich ansonsten nicht erkühne – Wer bin ich denn und wer ist er? -, mit Luther. Aber in diesem Punkt fällt der Vergleich doch eindeutig zu Gunsten unserer Reisegruppe aus. Wie gesagt, Schalensitze in Schlummerstellung in einem Vier-Sterne-Bus der Marke „Setra“, in dem wir nach der analogen Begrüßung durch Reiseleiter Lothar Schmelz, dem Morgen-Hallo unseres Fahrers Reiner Beutler vom Busunterehmen Wollschläger aus Laucha, per Monitor digital animiert von Sara Setra begrüßt, die uns mit einem betörenden Silberblick alle Raffinessen unseres Busses enthüllt. Mit uns bei Tempo 100 sind „an Bord“: Getränke und Snacks, vom Kaffee bis zum Piccolo-Sekt nebst Würstchen und Fünf-Minuten-Terrine.

Armer Bruder Martin! Für ihn bedeutete Reisen noch Mühsal und Gefahr, wochenlange Tippelei von Kloster zu Kloster oder Kirche oder Spelunke und vermutlich auch die eine oder andere Nächtigung unter Gottes freiem Himmel. Und selbst wenn sich unser Rompilger einen Wagen hätte leisten können, er hätte nicht gedurft, höre ich in Augsburg von Pfarrer Wolfgang Wunderer. Die Ordensregel verlangte die Knochenarbeit des Gehens mit gesenktem Haupt! Da hat Luther nicht einmal die grandiosen Alpen gesehen, sondern nur die Steine auf dem Weg. Und das bis Rom!

Mit Luther und Rom ist das so ungefähr wie mit Homer. Wir wissen nicht genau, ob es Homer gegeben hat, aber wir wissen ganz genau, dass er blind war. Von Luther wissen wir, daß er in Rom war, wissen aber nicht genau, wann. Lothar Schmelz und Andreas Lindner vom Martin-Luther-Institut der Erfurter Universität klären uns über den Stand der Luther-Forschung auf. Einiges spricht dafür, dass Luther erst 1512 nach Rom gepilgert ist, und dann nicht von Erfurt, sondern von Wittenberg.

Ich suche in Gedanken meinen Reiseanlass, der mir aufgrund des runden Jubiläums doch sehr schlüssig und gediegen vorkam (genau vor 500 Jahren hat der große Mann das gleiche Ziel gehabt, nur eben nicht im Schalensitz, ich sehe ihn förmlich neben unseren Bus herhasten) und nun ist die ganze Episode samt ihren welthistorischen Folgen vielleicht erst 499 Jahre her. Auf welcher Route er nach Rom gelangte, weiß man auch nicht so genau. (Noch abenteuerlicher wird es bei den Mutmaßungen über seinen Heimweg, Luther in Rom ist klar, aber Luther auf dem Weg zurück in Frankreich? Hoffentlich erfährt das nicht Dan Brown. Ich sehe den Buchtitel schon vor mir: „Der Martinuscode“.)

In Augsburg ist unser Reisepatron jedenfalls gewesen, bezeugt und verbürgt zumindest für rund sieben Tag im Oktober 1518. Wer dem Reformator nach Rom folgt, hat guten Grund in Augsburg Station zu machen.

Pfarrer Wolfgang Wunderer vor der fürstbischöflichen Residenz. Er zeigt die Darstellung des Augsburger Bekenntnisses.

Pfarrer Wolfgang Wunderer vor der fürstbischöflichen Residenz. Er zeigt eine Darstellung des Augsburger Bekenntnisses.

Die Geschichte geht so, Pfarrer Wolfgang Wunderer, unser Kurzzeit-Stadtführer, erzählt sie uns, in der ehemaligen Klosterkirche der Karmeliter, der ersten protestantischen Kirche in Augsburg, das Kloster war Luthers Augsburger Bleibe: 1518 wird über Luther der päpstliche Bann verhängt. Der Betroffene hatte sich innerhalb von 60 Tagen einzufinden, um zu widerrufen oder sich zu verteidigen. Für Luther wäre das der zweite Fußmarsch nach Rom gewesen. Dem schlauen sächsischen Kurfürsten gelingt es jedoch, für Luther ein Treffen mit dem päpstlichen Kardinallegaten Cajetan zu arrangieren, der wegen des Reichstages in Augsburg, der damals reichsten Stadt des Heiligen Römischen Reiches, weilt, in der wohl berechtigen Befürchtung, wenn sein Wittenberger Mönchlein seine aufrührerischen Thesen in Rom verteidigt, dann ist es um ihn geschehen. Die Begegnung zwischen dem Gesandten des Papstes, der eigentlich nur einen Widerruf erwartet, mit dem Wittenberger Theologieprofessor, der Cajetan zu theologischen Disputationen nötigt, ist der einzige direkte Kontakt zwischen der römischen Kurie und Martin Luther. Deshalb hat es einen Sinn, sagt Pfarrer Wunderer, auf Luthers Weg nach Rom einen Zwischenstopp in Augsburg einzulegen. Und schließlich ist Augsburg der Ort der hochbedeutenden Confessio Augustana von 1530 und des Augsburger Religionsfriedens 1555.

Luther eilte 1518 in zehn Tagen von Wittenberg nach Augsburg, im Schnitt pro Tag 55 Kilometer (soviel noch einmal nicht nur zum wortgewaltigen Bibelübersetzer, sondern auch zum schrittgewaltigen Luther), um nicht die 60-tägige Frist zu überschreiten. Wir eilen mit unserem Cicerone ungefähr in demselben Tempo flugs zur zweiten großen protestantischen Kirche in der Altstadt, der eindrucksvollen Heiliggeist-Kirche, und zur fürstbischöflichen Residenz, wo das protestantische Bekenntnis 1530 vor Kaiser Karl V. verlesen wurde, auf Lateinisch und Deutsch. Der Habsburger, erzählt Wolfgang Wunderer, verstand nur schlecht Latein und noch schlechter Deutsch, das heißt, er verstand eigentlich nichts. Außerdem war es an jenem 25. Juni schwülwarm, der Raum gestopft voll, die Fenster weit geöffnet. Das Glaubensbekenntnis sollte als geheime Reichssache hinter verschlossenen Türen stattfinden. Statt dessen posaunte der kursächsische Kanzler Beier mit voller Stimme nach draußen, wo es von den zusammengeströmten Augsburger Protestanten gehört und mitgeschrieben wurde. Das Neue kommt ja oft durch Versehen in die Welt oder durch offene Fenster. Schließlich schnell noch ein Sprung – unser Bus wartet schon, wir müssen noch nach Chur in der Schweiz – ins grandiose Augsburger Renaissance-Rathaus, wo unsere Reisegruppe vom Stadtratsältesten und ehemaligen 2. Bürgermeister Theodor Gandenheimer begrüßt wird.

Gandenheimer möchte mindestens so viel über seine Heimatstadt plaudern, wie uns Wolfgang Wucherer auch nicht erzählen konnte. Denn Augsburg ist 2000-jährige römisch-deutsche Geschichte in nuce – halt nicht nur die wichtigste Luther-Stadt auf bayrischem Boden, sondern auch die deutsche Mozartstart, Römerstadt, Fuggerstadt, Stadt des Bischofs Ulrich, der gemeinsam mit Kaiser Otto auf dem Lechfeld die Hunnen schlug, Rudolf-Diesel-und-MAN-Stadt und Brecht-Stadt. „Den lieben die Augsburger nicht so sehr“, räumt Theodor Gandenheimer ein, dessen Vater mit Brecht zur Schule ging. Kommentar des katholischen Gandenheimer-Vaters zum Kommunisten und Dialektiker und Frauenverbraucher Brecht: „Wenn er so gelebt, wie er schrieben hätte, wär’s in Ordnung gewesen.“

Viel zu wenig Zeit für die mehr als sehenswerte Stadt. Wie oft sind wir schon auf Mallorca oder Zypern gewesen, aber noch nie in Augsburg! Die Bildungslücke muss geschlossen werden.

Doch nun auf nach Chur. Die Alpen sind schon in Nachtschwärze versunken und der Vollmond über der ramponierten Steueroase Lichtenstein zur Linken unserer letzten Autobahn noch nicht aufgegangen. Chur. „783 Kilometer von Erfurt“, ruft uns unser Setra-Lenker zu, wir applaudieren wie bei einer Landung.

Jörg Sobiella

Auf Luthers Spuren nach Rom

19. Januar 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Der Petersplatz in Rom wartet schon auf die Besucher. Martin Luther hat ihn freilich so nicht gesehen. (Foto: epd-bild/Joerg Reuther)

Der Petersplatz in Rom wartet schon auf die Besucher. Martin Luther hat ihn freilich so nicht gesehen. (Foto: epd-bild/Joerg Reuther)


Das Erfurter Augustinerkloster veranstaltet eine Reise auf der historischen Route – Wir sind für Sie dabei.

Im November 1510 brach Martin ­Luther aus dem Erfurter Augustinerkloster auf, um im Auftrag seines Ordens nach Rom zu reisen. Nach ­wochenlangem beschwerlichen Fußmarsch erreichten er und ein Begleiter Ende Dezember 1510 oder Anfang ­Januar 1511 die Stadt am Tiber. Die beiden Augustinermönche hielten sich zur Regelung ihrer Angelegenheiten vier Wochen in der »Ewigen Stadt« auf und traten dann den Rückweg an. Vermutlich im März 1511 traf Luther wieder in Erfurt ein.

Auf Anregung des Erfurter Augustinerklosters wird die historische Route vom 19. bis 26. Januar 2011 auf einer Busreise über die Alpen nachvollzogen, die in Medienpartnerschaft mit »Glaube+Heimat« läuft. Die Route führt vom 19. bis 20. Januar über Augsburg, wo eine Stadtführung zu Luther angeboten wird, über Chur bis nach Mailand. Vom 21. bis 24. Januar ist die Gruppe dann in Rom. Hier gibt es unter anderem einen Gottesdienst in der Evangelischen Gemeinde, in der am 23. Januar der bayrische Landesbischof Johannes Friedrich predigt, und ein Besuch im Vatikan. Die Rückreise führt am 25. und 26. Januar über Trient und den Brenner zurück nach Erfurt.

Begleitet wird die Gruppe von dem Journalisten Jörg Sobiella, der an dieser Stelle in einem Internettagebuch von seinen Eindrücken berichten wird. Morgen lesen Sie hier seinen ersten Eintrag.

(mkz)

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