Braga, Coimbra und Fatima

20. Juni 2016 von redaktionguh  
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Leser von Glaube und Heimat entdeckten im Mai die Sehenswürdigkeiten Portugals

Das Interesse der 26 Leser von Glaube+Heimat war groß, denn alle betraten portugiesischen Boden zum ersten Mal. Nach der Landung in Porto und dem Empfang durch die Reiseleiterin Teresa Leite sahen wir die geschichtsträchtige Stadt vorerst vom Bus und bekamen einen Vorgeschmack auf das, was uns 23. bis 30. Mai erwarten sollte. Im Hotel – mit Blick auf den Atlantik – bat uns Reisebegleiter, Pfarrer i. R. Hanfried Victor, zu einer Vorstellungsrunde und ließ uns die Erwartungen für die nächsten Tage aussprechen. Der überwiegende Teil wollte die Sehenswürdigkeiten kennenlernen und den geschichtlichen Hintergrund dieses einstmals durch seine Kolonien so überreichen Landes erklärt bekommen. Es gab aber auch Hoffnungen, mehr über das Miteinander der verschiedenen Konfessionen zu erfahren.

Der erste Tag brachte uns in die Kathedrale von Braga, wo ein junger Organist die zweiteilige Barockorgel erklärte. Wir sahen die hochgelegene Wallfahrtskirche Bom Jesus do Monte, die früher nur durch einen mühsamen Aufstieg erreicht werden konnte. Nach einem Bummel durch Porto erreichten wir den Mitte des 18. Jahrhunderts erbauten Börsenpalast, dessen Größe und reichhaltige Innenausstattung alle faszinierte. Die Schifffahrt auf dem Douro führte bis fast an die Mündung. Leider endete sie vorzeitig durch Maschinenschaden.

Nächstes Ziel war Lissabon. Aber erst gab es einen Spaziergang im Park und Wald von Bussaco mit seinen seltenen Bäumen und anderen Pflanzen. Später folgte eine Führung durch die Universitätsstadt Coimbra mit ihrer reichhaltigen Bibliothek. Gespannt waren wir auf den Pilgerort Fatima. Hier soll Maria drei Hirtenkindern erschienen sein. Sie wohnten – wie wir uns überzeugen konnten – mit ihren Eltern vor 100 Jahren in ärmlichen Katen. Besonders hier wurde deutlich, wie die Andenkenindustrie das Eigentliche eines solchen Ortes überdecken kann. Nachdem wir den Versammlungsplatz vor der Wallfahrtskirche, der etwa zehn Fußballfelder groß ist, überquert hatten, stellte sich heraus, dass die angemeldete Andacht in der Erscheinungskapelle nicht möglich war. Man verwies uns auf den interessanten Rundbau der knapp zehn Jahre alten Igreja da Santissima Trinidade (Dreifaltigkeitskirche) – dem viertgrößten Kirchenbau der Welt mit Platz für 8.600 Gläubige. Dort haben wir dann fröhlich singen und beten können.

Lissabon ist eine hügelige Stadt mit engen Gassen und schönen Aussichtspunkten. Bei herrlichem Wetter und leichtem Wind standen wir auf der Burg Sao Jorge, einer früheren Maurenfestung und dem späteren Sitz vieler portugiesischer Könige. Wir konnten über die Stadt hinweg den vor der Mündung recht breiten Tejo bestaunen. Der Nachmittag war dem sehr informativen Besuch der Deutschen Evangelischen Kirchengemeinde Lissabon vorbehalten. Sie ist eine der ältesten Auslandsgemeinden, deren Wurzeln bis 1761 zurückreichen. Das Pfarrerehepaar Nora Steen und Leif Mennrich – früher in Hildesheim – teilen sich für sechs Jahre diese Stelle. Der Empfang war überaus herzlich. Mit Spannung hörten wir die kurzen Berichte einiger Gemeindeglieder über ihren Lebenslauf und die Gemeindesituation. Ausführliche Informationen findet man auf der sehr gut gepflegten Webseite www.dekl.org.

Lesergruppe mit Pfarrerin Nora Steen und ihren beiden Töchtern in Lissabon

Lesergruppe mit Pfarrerin Nora Steen und ihren beiden Töchtern in Lissabon

Neugierig waren wir auf die zum UNESCO-Welterbe gehörende Kulturlandschaft von Sintra, deren Schönheit schon viele Dichter gepriesen haben. Und der aus den Resten eines Maurenschlosses errichtete Königspalast hat uns nicht enttäuscht. Riesige Räume, so unter anderem der Schwanensaal und eine Küche mit zwei weithin sichtbaren Abzugskaminen, wurden gezeigt.

Unsere Phantasie wurde dann am Cabo da Roca beflügelt. Wir stellten uns vor, wie am westlichsten Punkt Europas im 15. Jahrhundert der portugiesische Prinz Heinrich der Seefahrer seine Entdeckungsfahrten plante und Portugal zur führenden Weltmacht aufsteigen ließ. Daran hatte auch Vasco da Gama großen Anteil. Seinen Sarkophag fanden wir im Hieronymos-Kloster im Stadtteil Belem. Leider hatte Kardinal Manuel Clemente, der Patriarch von Lissabon, eine für den Nachmittag verabredete Audienz nicht einhalten können, so dass wir nach längerer Wartezeit den Bischofspalast wieder verlassen haben. Wir fanden das schade. Unsere Reiseleiterin hatte Tränen in den Augen. Als „Trostpflaster“ spendierte uns Pfarrer Victor eine Konditor-Spezialität Lissabons, die „Pasteis de Belem“, ein süßes Blätterteig-Gebäck mit köstlichem Eierpudding.

Die über 2000 Meter lange Hängebrücke über den Tejo überquerten wir nun in Richtung Algarve, fanden den Besuch der Knochenkapelle in Evora recht makaber, dagegen den Besuch einer Korkeichenfabrik hoch interessant. Es erstaunte uns, dass man aus diesem Material Schuhe und Taschen, aber auch Lampenschirme und Schreibtischunterlagen herstellen kann.

Der letzte Tag klang aus mit einem Besuch des Cabo de Sao Vicente, dem südwestlichsten Punkt Europas und der Stadt Sagres mit ihrem Sklavenmarkt, aber auch einem sehr interessanten Museum.

Ein würdiger Abschluss führte uns dann noch einmal alle zusammen zu einem Gottesdienst in der deutschsprachigen Evangelischen Kirchengemeinde im Algarve, den uns Pfarrer Hans-Uwe Hüllweg hielt. Er wohnt in Münster, begleitet aber zurzeit für zehn Monate als Ruheständler die Gemeinde in Süd-Portugal.

Was bleibt? Einmal die Erinnerung an das harmonische Miteinander, aber vor allem das über 100-seitige Vorbereitungsheft mit wertvollen Informationen, Gebeten und ausgesuchten Liedern, die wir oft und gern gesungen haben.

Pfarrer i. R. Rudolf Haas, Magdeburg

Ostern mit Kanonenschlägen

7. Mai 2015 von redaktionguh  
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Bunter Strauß von Eindrücken: Die Leserreise zum orthodoxen Osterfest auf die Kykladen

Während das heilige Licht von Kerze zu Kerze weitergegeben wird und Priester und Diakone auf dem Platz vor der Kirche die Liturgie singen, wird das zuvor noch vereinzelte Prasseln und Knallen zum ohrenbetäubenden Getöse. Hunderte von Knallkörpern fliegen durch die Gegend, Raketen steigen, farbige Funken sprühend, in den mitternächtlichen Himmel. In das hektische Klingeln der Kirchenglocken mischen sich dröhnende Kanonenschläge, die schon Sekundenbruchteile vor dem Trommelfell im Bauchfell spürbar werden. Und in all das erklingt der Ruf: »Christós Anésti!« – »Christus ist auferstanden!«

Es ist die Osternacht in Parikia, Hauptstadt der Kykladeninsel Páros. Feuerwerke steigen in dieser Nacht noch an vielen anderen Kirchen der Insel und ebenso auf den Nachbarinseln in den Himmel über der Ägäis. Griechisch-orthodoxe und katholische Christen feiern mit dieser bunten Mischung aus Silvesterknallerei und besinnlicher Osternacht gemeinsam nach dem julianischen Kalender das Fest der Auferstehung Christi. Es ist in der griechischen Kultur bis heute das wichtigste Fest überhaupt.

Fröhliche Runde unter strahlendem Mittelmeerhimmel: die »Glaube + Heimat«-Leserreisegruppe vor der berühmten Löwenstraße auf dem Ausgrabungsgelände der Insel Delos – Foto: Ioannis Giannourakos

Fröhliche Runde unter strahlendem Mittelmeerhimmel: die »Glaube + Heimat«-Leserreisegruppe vor der berühmten Löwenstraße auf dem Ausgrabungsgelände der Insel Delos – Foto: Ioannis Giannourakos

Für 28 Christen aus Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen, die sich vom 9. bis 19. April mit »Glaube + Heimat« auf die Leserreise zu den »Inseln des Lichtes« gemacht hatten, hielten die Eilande der Ägäis allerdings noch mehr Überraschungen bereit: Frühchristliche Kirchen, byzantinische Kunst, Griechenlands größtes archäologisches Ausgrabungsgelände auf der antiken »heiligen Insel« Delos, die Geschichte des parischen Marmors und Griechenlands wichtigste Wallfahrtskirche auf Tinos waren nur einige der Höhepunkte.

Dazu kamen ganz besondere Begegnungen mit Menschen: etwa mit der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in Athen oder mit dem katholischen Priester von Tinos. Und nicht zu vergessen mit dem orthodoxen Priester Papa Kostas in Ermoúpoli, der Hauptstadt der Insel Syros. Er lud die Christen aus Mitteldeutschland sogar spontan ein, während der Messe einen Gruß zu singen: »Christ ist erstanden von der Marter alle, des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.« Dank geübter Chorsänger drang der protestantische Osterchoral sogar mehrstimmig durch die orthodoxe Basilika. Ein durchaus ungewöhnliches Zeichen ökumenischer Offenheit in einer Region, die auch innerhalb Griechenlands für ihre kirchlich besonders konservative Haltung bekannt ist.

Reiseleiter Ioannis Giannourakos, kurz »Janni« genannt, vermochte es, nicht nur die Geschichte von der Frühzeit über die Antike bis zur Gegenwart des griechischen Staates mit seinen aktuellen Problemen lebendig zu vermitteln. Er sorgte durch unermüdlichen organisatorischen Einsatz dafür, dass die Reise zu einem wahrhaft ganzheitlichen Erlebnis wurde: Ob Wanderungen in der herrlich blühenden Frühlingsnatur der Kykladen, ob die vielfältigen Begegnungen mit unverdorben echter ägäischer Küche oder das Osterlamm-Essen und die Teilnahme an einem Dorffest mit Tanz und Gesang – die Vielfalt der Eindrücke dieser »Reise in guter Gemeinschaft« wird wohl noch einige Zeit nachklingen.

Harald Krille

Beinahe wie im Paradies

25. Juli 2014 von redaktionguh  
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Über Pfingsten 2014 verbrachten 28 Leserinnen und Leser wunderbare Tage auf den Kanalinseln

An den Hängen und Gartenmauern leuchten die Mittagsblumen. Strahlendblauer Himmel, blaues Meer, Klippen, Farne, Fingerhut und Heide – und das faszinierende Schauspiel von Ebbe und Flut. Die Leserreise unserer Kirchenzeitung zu den Kanalinseln war fast eine Reise ins Paradies. Die herrlichen Gärten wie der von Judith Queree mit Blumen, alten Bäumen, verwunschenen Ecken und hohen Wiesen faszinierten die 29 Reisenden ebenso wie der Samares Garden, ein Park mit Rosen, Kräutern, einem japanischen Garten, blühenden Sträuchern, kleinen Wassern … Es duftete an jeder Ecke anders. Die Kanalinseln – ein Land wo Milch und Honig fließen? Fast, wären da nicht auch die Spuren der Vergangenheit. An den herrlichen Klippen und Ufern noch alte Nazi-Bunker. Und die Jersey War Tunnels, ein Tunnelgeflecht im Süden der Insel, das Hitlers Autobahnbauer Fritz Todt von osteuropäischen Zwangsarbeitern in den Felsen hauen ließ. Die museale Aufarbeitung zeigt das Leben und Leiden während der deutschen Besatzung.

Samares Garden auf der Blumeninsel. Unsere Reiseführerin Anne (2. v. l.) hat die Leserreisenden eine Woche freundlich begleitet. – Foto: Detlef Wendt

Samares Garden auf der Blumeninsel. Unsere Reiseführerin Anne (2. v. l.) hat die Leserreisenden eine Woche freundlich begleitet. – Foto: Detlef Wendt

Die Gruppe ist am Pfingstsonntagnachmittag dort. Ein Kontrastprogramm zum Vormittag, wo der Gottesdienst in der freien anglikanischen Gemeinde St. Paul’s gefeiert wurde mit anschließendem Gemeindefest. Eine herzliche Begegnung. Vor dem Gottesdienst empfing Paul Brooks, Minister und Vize-Dekan, die deutschen Reisenden herzlich. Seine Frau spricht deutsch, erzählt vom Gemeindeleben, der Kinderarbeit und der guten ökumenischen Zusammenarbeit, zum Beispiel bei den Streatworkern, die nachts auf den Straßen unterwegs sind, betrunkene Jugendliche »aufsammeln«. Davon hatten wir schon ein paar Tage zuvor bei den Methodisten erfahren. Dort hatte uns Referent Toni begrüßt, ein freundlicher und mitteilsamer Pfarrer. Die Gemeinde ist nicht nur mit den anderen Kirchen in der nächtlichen Straßenarbeit aktiv, sondern hat neben einem Kindergarten auch eine Armenküche. Wir sind eingeladen zur Suppe.

Begegnung mit Christen auf Jersey

Die Kirchen auf Jersey finanzieren sich nicht durch Kirchensteuern. Die Finanzierung scheint jedoch trotzdem zu funktionieren. Bei der Begegnung in einer der zwölf anglikanischen Pfarrkirchen, in St. Clement, erfahren wir zum Beispiel, dass der Pfarrer dort sein Geld in der Finanzbranche verdient. Er hat Theologie studiert, ist ordiniert, betreut die Gemeinde jedoch ehrenamtlich. Seine Kirche kann nicht alle Theologen bezahlen, erläutert er. Doch »Gott ist überall, auch im Finanzsektor«, da gäbe es Schuld und Vergebung, Liebe und Barmherzigkeit. Ein sympathischer Pfarrer, der mit ganzem Herzen seine Arbeit versieht. St. Clement, erklärt er fast ohne Bedauern, sei eine »Beerdigungskirche«, weil die Gemeinde sehr alt sei. Zu Hochzeiten und Taufen gingen die Leute eher in die größeren Kirchen. Doch er und seine Kollegen sind bemüht, auch jüngere Menschen anzusprechen. So gäbe es gute Verbindungen zur Schule. Die Lehrer kommen mit den Kindern zu ihnen, um die Kirche kennenzulernen. Als »unsere Kantorin«, Rosemarie Schurig aus Weimar, zum Abschied mit der Gruppe »Großer Gott, wir loben dich« anstimmt, ist er sehr gerührt. Seine Mutter, so sagt er, habe den Zweiten Weltkrieg und die deutsche Besatzung miterlebt. Nun würden hier in dieser Kirche Deutsche singen und Gott loben. Er sei dankbar für so viele Jahrzehnte Frieden und dass es Freundschaft, Brüderlichkeit zwischen uns geben könne. Es war auch für uns eine bewegende Begegnung.

Eine tägliche Attraktion war das Amphibienfahrzeug, das Besucher zur Elisabeth-Festung bei St. Helier fuhr – bei Ebbe auf Rädern, bei Flut  schwimmend. – Foto: Jürgen Hagenberg

Eine tägliche Attraktion war das Amphibienfahrzeug, das Besucher zur Elisabeth-Festung bei St. Helier fuhr – bei Ebbe auf Rädern, bei Flut schwimmend. – Foto: Jürgen Hagenberg

Jeden Tag fühlen wir uns reich beschenkt: von der Natur und den guten Begegnungen, vom Singen miteinander und den Ausflügen genauso wie von der guten Küche im Hotel in St. Helier, der Hauptstadt der Insel Jersey, wo wir untergebracht sind, werden jeden Abend frischer Fisch und Meeresfrüchte aufgetischt. Wir genießen eine Austernverkostung an den Klippen, eine Kutschfahrt oder Radtour auf der kleinen Insel Sark mit Besichtigung des Seigneurie Gardens, Wein, Burgen und einen leider zu kurzen Abstecher nach Guernsey. Acht erfüllte Tage mit einer aufgeschlossenen Reisegruppe, einer wunderbaren Begleitung durch Anne – eben eine Reise in guter Gemeinschaft.

Dietlind Steinhöfel

Christen auf dem »Dach Afrikas«

25. Juli 2014 von redaktionguh  
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G+H-Leserreise 2014 nach Äthiopien – manchmal auch abseits der Touristenpfade

Zwölf Leserinnen und Leser der Kirchenzeitung reisten gemeinsam mit Pfarrer Hanfried Victor nach Äthiopien. Hans-Christoph Schulz aus dem thüringischen Birkigt hat seine Eindrücke vom Leben auf dem »Dach Afrikas« aufgeschrieben:

Eine Herausforderung war es, sich in Äthiopien einige amharische Wörter einzuprägen und halbwegs verständlich auszusprechen, wie »batam amesegenallu« (vielen Dank). Wer sich redlich mühte, wurde mit einem freundlichen und verständnisvollen Lächeln der Gastgeber belohnt. Bilder und Begegnungen, die nicht mit der Digitalkamera festgehalten werden können, haben sich während der Reise tief ins Gedächtnis eingeprägt. So der Besuch bei Afrikas »Mutter Theresa«, der 80-jährigen Abebech Gobena. Angesichts der Hungerkatastrophe in den 1980er Jahren gründete sie unter großem persönlichem Einsatz ein Waisenhaus in Addis Abeba. Inzwischen sind Kindergärten, Schulen und Ausbildungswerkstätten hinzugekommen, in denen mehr als 12 000 Kinder aus den Armenvierteln in verschiedenen Projekten betreut werden. Ziel dieses von der UNICEF geförderten Konzeptes ist es, nicht nur Waisenkinder von der Straße zu holen, sondern Frauen und Mütter in Trainingsprogrammen zu stärken, damit sie selber für ihre Kinder sorgen können. In dem Gespräch erfuhren wir, dass bis heute allein in der Hauptstadt monatlich 20 Kinder verlassen und ausgesetzt werden und Millionen Kinder in Äthiopien auf der Straße leben.

Abebech Gobena (re.) gilt als Mutter Theresa von Äthiopien. Sie gründete in den 1980er Jahren unter großem persönlichen Einsatz ein Waisenhaus. Die Reisegruppe informierte sich über die Entwicklung, die die Arbeit mit armen Kindern und Jugendlichen seither genommen hat. – Foto: Hans-Christoph Schulz

Abebech Gobena (re.) gilt als Mutter Theresa von Äthiopien. Sie gründete in den 1980er Jahren unter großem persönlichen Einsatz ein Waisenhaus. Die Reisegruppe informierte sich über die Entwicklung, die die Arbeit mit armen Kindern und Jugendlichen seither genommen hat. – Foto: Hans-Christoph Schulz

Ein anderes Bild: Unser äthiopischer Reiseführer Teketayi zeigte uns mit Hingabe und Herzblut sein Heimatland. Er führte uns nicht nur zu den touristischen Sehenswürdigkeiten in Addis Abeba, Axum, Gondar, Bahar Dar, Lalibela und den Simien-Nationalpark, sondern auch spontan zu Menschen. Während der Fahrt auf »Naturstrecke« nach Lalibela ging er mit uns in ein nahe gelegenes Dorf mit fünf Wohnhütten. Eine junge Frau zeigte uns ihre Rundhütte von sechs Metern Durchmesser, in der sie, ihr Mann, ihre drei Kinder, ihre Kuh und ihr Schaf leben. Wir sahen Lehmfußboden, eine kleine offene Kochstelle in der Mitte, Vorratssäcke an der Seite, ein Hochbett für die Kinder über den Tieren, eine Sitzgelegenheit als Ehebett. Wasser muss die junge Frau, die bald ihr viertes Kind erwartet, in einem 25-Liter-Kanister holen. Das bedeutet für sie eine halbe Stunde Fußweg bergauf, zurück in ihre Hütte. Bei aller äußeren Armut strahlt sie Fröhlichkeit aus. Ihre Haltung zeugt von einem Stolz auf das Land und seine kulturhistorische Geschichte.

Wie die meisten Menschen im nördlichen Hochland Äthiopiens trägt die junge Frau ein Kreuz: Ich gehöre zu Christus, ich bin sein Eigentum und trage seinen Namen, bedeutet das. Andere Menschen tragen ein Kreuz als Tattoo auf der Stirn. In Addis Abeba erlebten wir die Feier der Osternacht mit: Das Trommeln und rituelle Tanzen der Mönche, die große Andacht der Gläubigen waren so ganz anders als gewohnt, aber sehr beeindruckend.

Auch Luther war schon hier …

25. Juli 2014 von redaktionguh  
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50 Christen aus Mitteldeutschland gingen Ostern 2014 auf eine ökumenische Wallfahrt nach Rom

Das gab es bisher so noch nicht: Je 25 Leser der evangelischen Kirchenzeitungen in Mitteldeutschland, »Glaube + Heimat« sowie »Der Sonntag«, und der katholischen Wochenzeitung »Tag des Herrn« machten sich über Ostern gemeinsam zu einer ökumenischen Pilgerfahrt nach Rom auf. Doch nicht nur um Papst und Petersdom, antikes und barockes Rom sowie Pizza und Pasta ging es dabei. Ob beim Besuch der frühchristlichen Katakomben oder bei der traditionellen Kreuz­wegandacht am Karfreitagabend im Kolosseum: Die Reise wurde auch zu einer Begegnung mit der 1 500-jährigen gemeinsamen Märtyrer- und Kirchengeschichte. In einer Sonderführung auf dem Campo Santo Teutonico erläuterte Rektor Hans Peter Fischer den deutschen Besuchern die Geschichte und Gegenwart des exterritorialen Gebietes innerhalb des Vatikans, zu dem heute neben einem Friedhof auch ein deutschsprachiges Priesterkolleg gehört.

Die ökumenische Pilgergruppe vor der Kulisse des Petersdomes – zugegeben, bei der Perspektive hat der Fotograf in der virtuellen Dunkelkammer ein wenig gemogelt … Pater Ralf Sagner (links) aus Leipzig und Redakteur Harald Krille (rechts) aus Weimar begleiteten die Gruppe. – Foto: Harald Krille

Die ökumenische Pilgergruppe vor der Kulisse des Petersdomes – zugegeben, bei der Perspektive hat der Fotograf in der virtuellen Dunkelkammer ein wenig gemogelt … Pater Ralf Sagner (links) aus Leipzig und Redakteur Harald Krille (rechts) aus Weimar begleiteten die Gruppe. – Foto: Harald Krille

Zwischen dem Friedhof und dem Petersdom stand ursprünglich auch der jetzt auf dem Petersplatz befindliche Obelisk als Markierung der antiken Arena des Kaisers Nero – die in der ersten großen Christenverfolgung Roms traurige Berühmtheit erlangte. Und: Auch Luther habe mit hoher Sicherheit bei seiner Romreise als Mönch 1510 bzw. 1511 auf dem Campo Santo Teutonico Station gemacht, zeigte sich Fischer überzeugt. Denn das Institut war zur damaligen Zeit erste Anlaufstätte für die Pilger aus Deutschland.

Den besten Gottesdienst in Rom erlebte der spätere Reformator in der deutschen katholischen Nationalkirche Santa Marie dell’Anima in der Altstadt Roms. Was lag näher, als dass auch die mitteldeutschen Pilger einen gemeinsamen Gottesdienst in dieser »frühen Lutherstätte« feierten? Zu den Höhepunkten der Reise aber gehörte sicherlich die Feier der Auferstehung Christi in der Ostermesse mit Papst Franziskus auf dem Petersdom, gemeinsam mit 150 000 Pilgern aus aller Welt. Weltkirche zum Anfassen! Und eine Sternstunde wurde die Begegnung mit dem Oberhaupt des weltweiten Benediktinerordens, Notger Wolf. Mehr als eine Stunde nahm sich der durch Bücher und Fernsehsendungen bekannte Abtprimas Zeit für das Gespräch mit seinen deutschen Landsleuten. Nicht ohne einen kritischen Blick auf die Zustände in Kirche und Gesellschaft zu werfen. Das Fazit am Ende: fünf ebenso anstrengende wie anregende Tage, die zeigten, dass evangelische und katholische Christen weit mehr verbindet als trennt.

Harald Krille

Israel: Zwischen Bibel, Kommerz und Politik

4. Dezember 2013 von redaktionguh  
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Es ist Abend im Kibbuz Sha’ar Hagolan, die Füße sind müde und die Eindrücke gewaltig. Der Flug nach Tel Aviv, die nächtliche Busfahrt bis an den Süden des Sees Genezareth und das Tagesprogramm hängt allen unserer Gruppe in den Knochen. Es ist Ende Oktober und noch heiß in Israel. Das also ist das Heilige Land, trocken, staubig – und doch hier und da begrünte Flecken. Wie im Kibbuz liegen an den Bäumen und Sträuchern feine Schläuche. Nachts laufen die Pumpen, bringen Tropfen für Tropfen Wasser. Überall wird uns die Tröpfchenbewässerung, die aus öden Flächen fruchtbares Land entstehen lässt, begegnen.

Israel-Reise-1Der Fußmarsch vom Berg der Seligpreisungen bis zur Primatskapelle in Tabgha, dem Ort der Brotvermehrung, hat etwas Unwirkliches. Überall Touristengruppen. In der Kapelle singt eine Gruppe »Dona nobis pacem«. Draußen wird in vielen Sprachen dieselbe Bibelstelle gelesen: Jesus erscheint den Jüngern am See (Johannes 21). Hände und Füße werden ins Wasser getaucht, fast eine heilige Handlung. Die Kirche der Brotvermehrung, Kapernaum mit dem Haus des Petrus, süßer Saft des Granatapfels … Am Nachmittag sind wir in Dalmanuta, wohin Jesus nach dem Wunder der Brotvermehrung fuhr. Hier befindet sich ein Gottesdienstplatz am See mit einem großen Stein als Altar. Andacht und Abendmahl mit Pfarrer Ricklef Münnich sind wie ein Ankommen, ein Eintauchen in das Land, in dem Jesus lebte und wirkte, wo er Brot und Wein teilte …

Israel-Reise-3Die Abende im Kibbuz sind mild. Die Gruppe kann noch draußen sitzen, Wein trinken, reden, singen, beten. Die Gruppe von »Glaube + Heimat«-Lesern bzw. von der sächsischen Kirchenzeitung »Der Sonntag« wachsen bald zu einer guten Gemeinschaft zusammen.

Drei Tage sind wir am See Genezareth, fahren zu zwei der Jordanquellen, nach Tel Dan, wo einst Jerobeam einen heidnischen Tempel baute (1. Könige, Kapitel 12). Dort werden wir auch mit der jüngsten Vergangenheit des Landes konfrontiert: Schützengräben der Israelis zur Verteidigung der Jordanquelle. Die Spuren der Konflikte der Neuzeit neben denen aus dem Alten Testament. Genauso sind die Spuren der Konflikte auf dem Weg nach und in Jerusalem selbst präsent. Auf der anderen Seite Geschäftigkeit und Handel, Landwirtschaft, Beduinendörfer. In diesem wunderschönen, kleinen, schwierigen Heiligen Land scheinen die Gegensätze unserer Welt besonders aufeinanderzutreffen: Heiliges, Religiöses vieler Couleur, Konflikte und Kommerz.

Israel-Reise-2Jerusalem ist nicht nur durch sein Leben, seine heiligen Stätten beeindruckend, sondern auch durch zwei Begegnungen: mit dem in Israel lebenden Journalisten Johannes Gerloff und der in Eisenach geborenen Avital Ben-Chorin. Die heute 90-Jährige war mit 13 Jahren nach Israel gekommen und dadurch dem Holocaust entgangen. Später wird die Gruppe in der Gedenkstätte Yad Vashem noch einmal mit all dem Leid des jüdischen Volkes während der Nazizeit in Europa konfrontiert.

Die Fahrt mit der Straßenbahn zurück ins Hotel verläuft unter den dortigen Eindrücken sehr schweigsam.

Dass es neben ernsten Gesprächen immer auch viel Fröhliches gab, gehört selbstverständlich zu einer »Reise in guter Gemeinschaft«: schwatzen am Abend, singen, Kamelreiten oder ein (sehr gewöhnungsbedürftiges) Bad im Toten Meer …

Dietlind Steinhöfel

Luther hätte es gefallen

27. Januar 2011 von redaktionguh  
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Sechs Tage lang war eine Gruppe von Lesern auf den Spuren Martin Luthers unterwegs von Erfurt nach Rom. Jetzt geht es zurück nach Deutschland.

Rovereto, 25.1.11

Zwischenstation auf der Rückfahrt, 600 Kilometer heute von Rom an einem sonnig-kalten Wintertag, morgen noch einmal rund 750 Kilometer bis Erfurt.

Am Frühstückstisch erzählt mir ein Ehepaar von ihrem gestrigen Begegnung mit Günter Beckstein. Der ehemalige bayrische Ministerpräsident gehört zur Delegation der Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD). Sie hatten sich mit Beckstein schon nach dem sonntäglichen Gottesdienst in Rom unterhalten, gestern nun lief er ihnen in oder vor der Peterskirche über den Weg, er kam gerade von der Papstaudienz. Unsere beiden Mitreisenden fragten ihn natürlich, wie es „gelaufen“ sei. Die VELKD-Leitenden waren so wie wir in diesen Tagen in Sachen Luther in Rom, allerdings auf diplomatischer Ebene. Was ich höre, was meine Gesprächspartner von Beckstein gehört haben, ist, dass es vorerst keine gemeinsame Abendmahlsfeiern geben wird (wer hätte auch anderes erwartet?), und: Über die Haltung zum Reformationsjubiläum denkt der Vatikan nach. Naja.

Nach drei Tagen Rom bilanziert jeder in den Gesprächen seine persönlichen Eindrücke. Das Ehepaar am Frühstückstisch fand vieles interessant und sehenswert, aber so schnell wollen sie doch nicht wiederkommen, dazu sei die Welt zu groß, und es gäbe in ihr noch viel zu sehen. Für die Erfurter Lateinlehrerin ist die Rückkehr nach Rom keine Frage, sie weiß schon genau, wann sie das nächste mal mit einer Schulklasse in Rom sein wird.

Für ihre Kollegin Dorothea Wirthwein war es dagegen die erste, aber keineswegs letzte Begegnung mit Kultur und Geschichte der Ewigen Stadt, die für die Lehrerin aus Henneberg umso interessanter und bewegender gewesen ist, da sie die Fächer Religion und Geschichte unterrichtet. Und eine besondere Freude war es für Frau Wirthwein, dass sie die Reise als Gewinnerin des Weihnachtsrätsel von „Glaube+Heimat“ antreten konnte.

Während der Busfahrt studiere ich weiter meinen Reiseführer „Luther in Rom“. Es gibt wenig Belege für seine Reise und viele Vermutungen über sie. Die Sette chiese, die sieben Pilgerkirchen, wird er abgepilgert haben, die Stufen der Scala santa, der heiligen Treppe, an der Lateranskirche ist er auf den Knien betend hinauf gerutscht, um durch sein Gebet die Seele eines nahen Angehörigen aus dem Fegefeuer zu erlösen. Später erzählt er, er habe sich gefragt: „Wer weiß, ob das wahr ist.“ Die Katakomben des Heiligen Calixstus an der Via Appia hat er auch besucht.

Beeindruckt hat ihn, dass die Toten dort „schrenkicht“ liegen, er gibt sogar eine Zahl an, die offenbar seinerzeit verbreitetes Wissen war: 76 000 Märtyrer und 40 Päpste. Und schließlich sind Luther die protzigen Renaissance-Paläste der Kardinäle und Päpste aufgefallen. Auf dem Höhepunkt seiner Polemik gegen das Papsttum, erinnert er sich empört: „Welche Pracht, welcher Glanz, welche Eleganz kann in der ganzen Welt mit ihnen verglichen werden? Sie bauen nämlich so, als dächten sie, sie könnten sich das ewige Paradies in dieser Welt bereiten. … Man schämt sich selbst königliche Paläste mit ihnen zu vergleichen.“

Selbst für die wenigen mehr oder weniger nachgewiesenen römischen Lutherorte reichen aber drei Besuchstage nicht aus. Und dann gibt es die unübersehbaren, vielen indirekten Lutherspuren. Zunächst, auch die katholische Kirche wäre heute eine andere, wenn sie nicht gezwungen gewesen wäre, sich mit dem reformatorischen Gedankengut auseinanderzusetzen. Doch das ist eine andere lange Geschichte; morgen früh fahren wir Trient vorbei, der Stadt des Reformkonzils.

Ein Tischgespräch im Sinn des Reformators

Wenigstens ein sichtbares Zeugnis, wie Luthers Ideen das heutige Rom geformt haben, will ich doch nennen, es ist zugleich ein Zeugnis der Schönheit und des Ebenmaßes: die Piazza del Popolo und seine Porta, das Stadttor an der Via flaminia, dort wo Luther die Stadt betrat, dort wo der Konvent der Augustiner stand, heute einer schönsten Plätze Roms, ein elegantes Oval, mit symmetrisch angeordneten Kirchen und Gebäuden.

Der barocke Neubau des Stadttores geschah, damit das katholische Rom einen der größten Triumphe über die Luthersche Häresie im 17. Jahrhundert gebührend feiern konnte, den Einzug von Christine von Schweden. Die Ex-Königin und Tochter Gustav Adolfs, der im Dreißigjährigen für die Sache der Protestanten gefallen war, war zum katholischen Glauben konvertiert, ein propagandistischer Erfolg des Vatikans, und ein unerhörtes Ereignis, das in ganz Europa diskutiert wurde.

Bei Abendessen erzählt jemand, im italienischen Fernsehen einen Bericht über einen ökumenischen Gottesdienst am heutigen Bekehrungstag des Apostel Paulus in dessen Titelkirche in Rom gesehen zu haben, in San Paolo furi del Mura, (dort wo vor zwei Tagen der Luther-Olivenbaum gepflanzt worden war.) Der Papst war anwesend, und man sah Pfarrer Kruse einen Text aus dem Evangelium lesend.

Darauf entspinnt sich an unserem Tisch – an ihm sitzen unter anderem zwei Theologen – ein lebhaftes und leidenschaftliches Gespräch über beide Konfessionen, die Eucharistie, die katholische Lehre von der apostolischen Sukzession, die Bedeutung der Taufe usw. Als zum Nachtisch Eis mit Schokoladencreme serviert wird, sind wir allerdings bei Marxens Religionskritik und ein paar Minuten später bei der Vieldeutigkeit der Geschichte vom Sündenfall. Ein Tischgespräch im Geiste Luthers. Es hätte ihm gefallen.

Jörg Sobiella

Mein römischer Besucherfehler

25. Januar 2011 von redaktionguh  
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Seit 19. Januar sind 45 Leser und Leserinnen von Glaube+Heimat für eine Woche unterwegs aufs Luthers Spuren nach Rom.

Rom, 24.1.2011

Die Weihnachtskrippe vor dem Petersdom steht noch bis Mariä Lichtmess.

Die Weihnachtskrippe vor dem Petersdom steht noch bis Mariä Lichtmess.

Mit der Metro zurück ins Hotel: Ich sehne mich nach einem heißen Bad. In der U-Bahn bin ich ein Müder unter Müden. Rom fährt mit gesenktem Kopf nach Hause, es riecht nach Arbeit und Erschöpfung. Touristen mit Reiseführern oder Stadtplänen haben sich nicht in diese Vorortbahn verirrt.

Nach drei Tagen Pflastertreten in Rom schleppe ich Blei in meinen Waden mit. Ich hatte es geahnt und mich wohlweislich gegen das Abendessen mit geschmettertem Belcanto zwischen den Gängen entschieden, zu dem sich alle anderen Mitreisenden entschlossen haben. Während ich hier schreibe, frage ich mich, was sie zwischen „Primi piatti“ und „Secondo piatti“ zu hören bekommen, ich tippe auf Rossini, die Figaro-Arie aus dem „Barbier von Sevilla“; Verdi, „Rigoletto“, die Stretta des Herzogs und Puccini, „La Boheme“, „Wie eiskalt ist Dein Händchen…“.

Ich habe mir eine Flasche Rotwein gekauft, Wasser, etwas Käse, Salami, Oliven und Äpfel; damit bin ich allemal zufriedener als mit den lieblosen Gerichten und pappigen Pizzen, mit der der massentouristische Durchschnitt in der Ewigen Stadt abgespeist wird. Die Herablassung der Kellner (übrigens auch die in unseren Hotel, das ansonsten gute Mittelklassezimmer in ruhiger Lage bietet), die barsche Art, wie sie uns bedienen, die Rechnungszettel auf die Tische knallen und das Wechselgeld hinschmeißen, spricht Bände. Und das alles bei sehr gehobenen Preisen.

Im Café am Nachmittag an den Bernini-Kollonaden des Petersplatzes zahle ich für ein Americano (ein Kaffee von der Größe unserer Normaltassen) und ein Stück Torta (Kuchen) zehn Euro. Fürs gleiche Geld bekommt man an der nächsten Ecke zwei Krawatten, die in Deutschland zusammen mindestens 60 Euro kosten würden. Nur Schlipse kann man nicht essen. Die römische Innenstadt lebt vom Tourismus, auch jetzt schon im Januar, doch den Römern scheint der Massentourist im Allwetter-Anorak, in Jeans, Goretex-Wanderschuhen, mit Wasserflaschen bestückten Rucksack und Digitalkamera ausgesprochen lästig zu sein.

Ich sehe auch so aus, und ich habe den Eindruck, in ihren Augen sind wir Barbaren, die zwar Umsatz bringen, aber eigentlich stören. In einem kleinen Geschäft – Roms Handel lebt von kleinen, bisweilen winzigen Geschäften, Kaufhäuser sind nicht beliebt – lasse ich mir einige Pullover zeigen, entschließe mich dann aber doch, nichts zu kaufen, die Verkäuferin wendet sich wortlos mit einer hochgezogenen Augenbraue ab. Schade, dass meine paar Brocken  Italienisch nicht ausreichen, sie zu bitten, dieses Mienenspiel zu wiederholen; ich hätte es gern fotografiert, es war der mit minimalster Bewegung perfekt erreichte Ausdruck vollständiger Verachtung.

Heute standen die Vatikanischen Museen auf dem Tagesprogramm. Ich bin erleichtert, sie an diesem Januartag bloß voll zu finden. Bei meinen zwei vorherigen Besuchen, jeweils in der Hauptsaison, schob sich jeder gegen jeden durch die stickigen Räume, vor lauter Köpfen und Körpern war mitunter nichts zu sehen. Ich nehme mir vor, falls noch einmal Rom, dann nur noch im Januar. Und wieder mache ich in den Vatikanischen Museen den Fehler, den ich meinen römischen Besucherfehler nenne möchte.

Rom nimmt einen auf jeden Schritt gefangen. Die Stadt ist an jeder Ecke, mit beinahe jedem Haus und jeder Kirche, Säule, Treppe, Brücke, Mauer, Inschrift, mit jedem Tor, Bogen, Park, Ruinenstumpf, Turm, Brunnen, mit jedem Denkmal und seinen sieben Hügeln eine geschichtliche und kunstgeschichtliche Versuchung zum Verweilen und Betrachten. Die Stadt fordert eine Selbstprüfung in Zielstrebigkeit und Konzentration. Wer nicht genau weiß, was er sich in der zur Verfügung stehenden Zeit anschauen will, hat schon gegen die ablenkende Überfülle der Zeugnisse, den einladenden Fassadenterror des Barocks verloren. Vom verführerischen Liebesblick der Waren, die aus den kleinen Lädchen hinaus auf die Gasse drängen, gar nicht zu reden.

Der frechste Witz der Malerei

In den Vatikanischen Museen will ich mir wieder alles (gleich ALLES, ich muss doch wahnsinnig sein!) ganz genau anschauen, nichts auslassen, statt mich auf einige ausgewählte Abteilungen zu konzentrieren, wie zum Beispiel die große, abgelegene und deshalb stille etruskische Sammlung. Ich wäre vermutlich noch jetzt zwölf Stunden später mit den Hunderten antiken Büsten im Museo Chiaramonti beschäftigt, wenn ich mich selbst beim Wort genommen hätte. Und so kommt wie es so oft beim Besuch großer Museen kommt, irgendwann laufe ich wie ein Fliehender vor den Kunstwerken durch die endlosen Galerien, weil ja trotz alledem einige bestimmte Sehenswürdigkeiten unverzichtbar sind: die Stanzen des Raffael, die Räume des Borgia-Papstes Alexander VI. und natürlich die Sixtinische Kapelle mit der anrührendsten Geste der Malerei, der Erschaffung des Menschen vermittels einer leichten Berührung – nein, stimmt nicht, es ist nicht einmal eine Berührung, es bleibt bei einem schwebenden Fingerzeig, einer grazilen Geste, deren Gott in all seiner massigen Körperlichkeit fähig ist. Der Mensch ein Fingerzeig des Schöpfers, ein unerwartet schöner Gedanke. Und im Fresko der Scheidung von Tag und Nacht hat Michelangelo den frechsten Witz der Malerei gleich mitgeliefert, dort zeigt uns Gott seinen nackten Hintern.

Während mir der Hals vom Hinaufschauen zu schmerzen beginnt, höre ich neben mir zwei deutsche Stimmen: „Guck mal, das ist auch schön.“- „Super.“- „Und das, wie findste das?“ –“Nö, da find ich das andere besser.“ Ich blinzele zur Seite, die beiden stehen unter Michelangelos Himmel mitten in der „Sistina“ und betrachten sich Fotos auf einem iPhone.

Jörg Sobiella

Die erste Luther-Olive der Welt

24. Januar 2011 von redaktionguh  
Abgelegt unter Reisetagebuch

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Seit 19. Januar sind 45 Leser und Leserinnen von Glaube+Heimat für eine Woche unterwegs aufs Luthers Spuren nach Rom.

Rom, 23.1.11

Rom hat zwei Metrolinien, 21 Brücken über den Tiber, 44 Museen, 63 Katakomben und 400 Kirchen. In einer von diesen 400 Kirchen, der Evangelisch-lutherischen Christuskirche, feiern wir am Sonntagmorgen den Gottesdienst und das Abendmahl, gemeinsam mit der Gemeinde und der Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), der wir schon in Mailand begegnet waren.

Als besonderes Zeichen pflanzte Kardinal Kurt Koch im Rahmen des Projektes "Luthergarten" an der Kirche San Paolo furi del Mura eine Olive.

Als besonderes Zeichen pflanzte Kardinal Kurt Koch im Rahmen des Projektes "Luthergarten" an der Kirche San Paolo furi del Mura eine Olive.

Pfarrer Jens-Martin Kruse freut sich, in der Gebetswoche für die Einheit der Christen uns und die Delegation der VELKD begrüßen zu dürfen. Die Fürbitte im Gottesdienst betont den Gedanken der Ökumene und die Hoffnungen, die die evangelischen Christen mit der Gebetswoche verbinden. Nicht zuletzt deshalb ist die Leitung der VELKD gerade in dieser Woche nach Rom gekommen; am Montag wird sie vom Papst empfangen. Was wird sie mit dem Papst besprechen, worum wird ihn Bischof Johannes Friedrich bitten? Vielleicht um dies: „Heiliger Vater, heben Sie den Bann gegen Martin Luther auf!“ Immerhin, das wäre ein sichtbares – ach, was sage ich! – ein sensationelles Zeichen für die Ökumene. Doch bevor es so weit ist, müssen wohl noch einige Reformationsdekaden vergehen. Vorerst bereitet sich die Stadt auf den Pilger- und Touristenansturm zur Seligsprechung von Johannes Paul II. am 1. Mai vor.

Nach dem sonntäglichen Kirchgang will ich wenigstens einige der Orte aufsuchen, die noch von Luthers Aufenthalt zeugen könnten, es sind beklagenswert wenige. In einem indirekten Sinn trägt Luther dafür selbst eine Verantwortung. Die Kirchen und öffentlichen Räume Roms sind größtenteils barock überformt. Das Barock, ursprünglich auch als Jesuitenstil bezeichnet, ist die Ästhetik der Gegenreformation, heiliges Theater mit allen Mitteln und Tricks der Künste.

Um mit Luthers Augen Rom zu sehen zu können, habe ich Jürgen Krügers und Martin Wallraffs Buch „Luthers Rom. Die ewige Stadt in der Renaissance“ mitgenommen, ein lesenswerter Kunst- und Geschichtsführer zu Kirchen, Gebäuden und Plätzen, die Luther so, wie wir sie erleben, dann doch nicht gesehen hat. Denn fast alles, was wir wissen von dieser für Luther und sein reformatorisches Denken später nicht unwichtigen Visite muss man seiner eignen Rückschau entnehmen.

Er hat gewissermaßen zwei Rom-Reisen unternommen, die tatsächliche 1510 oder 1511 und später in einer Art Selbstinterpretation eine zweite Reise, die auch dem Zweck diente, seinen Gegner sagen zu können: Wenn ich, Luther, das römische Papsttum als Antichristen geißle, dann weiß ich, worüber ich rede. So schreiben es die Buchautoren (und so wird es am Abend im Hotel auch Andreas Lindner uns allen noch einmal erklären). Luther reiste mit zweierlei Absicht, als Pilger und in Ordensangelegenheiten, ein Dienstreisender war er also. Heutige Bildungsreisen, die auf dem Prinzip beruhen, etwas mit eigenen Augen gesehen zu haben, kannte man nicht; touristische Neugier war dem frühen 16. Jahrhundert fremd. Der Mönch Martinus war noch ganz in der Frömmigkeit seiner Zeit verhaftet und am weltlich-unchristlichen Treiben des Vatikans während seines Besuches wenig Anstoß genommen haben.

Er wird die Tour zu den sieben Pilgerkirchen in und um Rom absolviert haben, aber keine zeigt sich uns heute so, wie er sie sah, die Peterskirche war eine Riesenbaustelle. Vermutlich hat er im Konvent seines Ordens gewohnt, der heute noch an der Piazza del Popolo liegt. Vermutlich kam er auch dort am Stadttor an (wie mehr als 250 Jahre später noch ein berühmter deutscher Romreisender – Johann Wolfgang Goethe) und sah als erstes die monumentale, antike Stadtmauer. Und vermutlich hat er im hinter der Kirche befindlichen Konvent gewohnt.

Das Krizifix in der Kirche Santa Maria del Popolo, unter dem schon Luther gebete haben soll.

Das Krizifix in der Kirche Santa Maria del Popolo, unter dem schon Luther gebete haben soll.

Luthers Rom, das war keine Ewige Stadt, sondern ein Städtchen in den Resten einer verewigten Kapitale. Schätzungsweise 40 000 Menschen hatten sich im Trümmerfeld der antiken Millionenmetropole eingerichtet. Allerdings wurde heftig gebaut, das Machtbewusstsein der Renaissancepäpste feierte sich, nach dem Ende der Kirchenspaltung und der Rückkehr der Kurie aus Avignon, in prachtvollen sakralen und weltlichen Neubauten.

Verpasste Gelegenheiten

Über Luthers Aufenthalt in Rom ließe sich eine ganzes Buch verpasster Gelegenheiten schreiben: Er, der noch ungekannte Mönch aus dem rauen Norden, besucht die Stadt, als Michelangelo gerade die Decke der Sixtinischen Kappelle ausmalt, als Raffael in Rom wirkt, drei junge Genie hätten sich begegnen können.

Wie jedem Rom-Besucher wird Luther die Ruine des Colosseum ins Auge gestochen sein, das als idealer Steinbruch ausweidet wurde. Bezeugt ist zudem, dass ihn das Pantheon beeindruckt hat. Auch das Äußere von Santa Maria del Popolo, der Kirche des Augustinerkonvents, und von Santa Maria dell` Anima, der Nationalkirche der Deutschen, könnte Luther so gesehen haben, wie sie sich heute noch präsentieren. Beide Kirchen waren um 1510 im Wesentlichen fertiggestellt und standen kurz vor ihrer Vollendung. Santa Maria del Popolo gilt heute mit seiner (vergleichsweise kleinen) Kuppel über der Vierung als kühner Entwurf und als Vorgriff auf die kommenden Kirchenbauten. Luther wird das vermutlich nicht beeindruckt haben. Ohnehin wird die Kirche heute nicht wegen des Reformators oder aus architekturgeschichtlichem Interesse besucht. Es sind zwei dramatisch ausgeleuchtete Caravaggio-Gemälde, die sie für die Touristen attraktiv macht. Ich muss mir ihre Betrachtung mit einer Gruppe amerikanischer Jugendlicher teilen, die sich mit ihren prallen Rucksäcken in die schmale Seitenkapelle drängen. In einer anderen Kapelle hängt ein schlichtes Holzkruzifix, es nimmt sich unter all dem barocken Überschwang nordisch streng aus. Womöglich deshalb erzählt man sich, dass Luther unter diesem Holzkreuz gebetet haben soll.

Auch Bischof Johannes Friedrich legte beim Baumpflanzen mit Hand an.

Auch Bischof Johannes Friedrich legte beim Baumpflanzen mit Hand an.

Am Nachmittag mache ich mich auf zur Kirche San Paolo furi del Mura, der Basilika mit dem Paulusgrab, die vor 500 Jahren – wie ihr Name sagt – vor den Mauern der Stadt lag. Heute fährt man ein paar Stationen mit der Metro. Es heißt, sie war damals die größte Kirche der Welt. Sie gehört zu den jenen sieben Kirchen, die jeder fromme Pilger in Gebet und Andacht besucht haben soll. Auch hier wird Luther ein anderes Gotteshaus erblickt haben als wir. Die alte Basilika wurde 1823 durch einen Brand zerstört. Ich will einer ökumenisch-ökologischen Geste zuschauen, der „Baumpflanzung im Rahmen des Projektes Luthergarten“ an der Kirche.

Der Garten besteht zwar augenblicklich bloß aus einer quadratischen Fläche frisch umbrochener und sorgfältig geharkter Erde, aber einen echten Kurienkardinal Erde schippen zu sehen, und das in Lutherschem Gottvertrauen – wenn morgen die Welt unterginge, dann solle man heute ein Bäumchen pflanzen – das sieht man auch in Rom nicht alle Tage. Statt eines Apfelbäumchens pflanzt Kardinal Kurt Koch, der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen, zusammen mit der Delegation der VELKD eine Olive und zitiert tatsächlich das Lutherwort vom zu pflanzenden Baum. Vermutlich ist es die erste Luther-Olive der Welt. Wenn demnächst die Welt untergehen sollte, würde ich gerne vorher noch von diesem Olivenbaum ein Schlückchen kaltgepressten Öls kosten.

Jörg Sobiella

Aha-Erlebnisse in der Ewigen Stadt

23. Januar 2011 von redaktionguh  
Abgelegt unter Reisetagebuch

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Rom, 20. und 21.1.11

Von Mailand nach Rom – noch einmal knapp über 600 Kilometer Autobahn, die uns – auf den Höhen des Apennin – die Toskana im Schnee beschert. Zeit genug ein paar Zeilen über unseren Fahrer Reiner Beutler zu schreiben. Gefreut hat er sich und war gerührt, als wir ihm den Hut mit den eingesammelten 50 Euro überreichen. So etwas sei ihm auch noch nicht passiert, sagt der 42-Jährige. Seit 20 Jahren ist er als Fernreisebusfahrer unterwegs. Als ich ihn frage, ob er wisse, wie oft er schon nach Italien gefahren ist, winkt er ab. Er weiß es nicht.

Reiner Beutler besitzt Entertainerqualitäten, immer wieder auf den langen Strecken muntert er uns mit Anekdoten auf, und immer wieder gibt es etwas, das auch er noch nicht gesehen hat, zum Beispiel die Toskana im Schnee. Da er fast schon jeden touristischen Menschenschlag zu allen möglichen touristischen Zielen in Europa gefahren hat, ist sein Reservoir an Geschichten, beherzigenswerten Reiseempfehlungen, Menschenerfahrung, bürokratischen und EU-geregelten Paradoxien fast unerschöpflich.

So bittet er uns, auf den Rastplätzen unsere Apfelgriebsche, Bananenschalen und Butterbrotpapiere selbst zu entsorgen. Wenn wir sie in eine Mülltonne werfen, sei das in Ordnung, würden wir jedoch unsere harmlosen Rückstände in einen Bus-Mülleimer werfen und er, der Busfahrer, das Zeug an irgendeiner Raststätte in eine Mülltonne kippen, gelte das als gewerbliche Müllentsorgung, und er würde sich damit strafbar machen. Oder er lässt uns schätzen, wie viele Alpentunnel wir durchquert haben, und erzählt von der Dame, die auf dem Anreiseweg zu ihrem Kreuzfahrtschiff die ganze Nachtfahrt hindurch kein Auge zugetan und statt dessen die Tunnel gezählt habe. Oder er verrät uns seine italienische Lieblingsstadt – Orvieto, an der wir am Nachmittag vorbeifahren. Der Born seiner Fernfahrerweisheit sprudelt unerschöpflich.

Unterwegs in Rom: hier an den Resten des Trajantempels

Unterwegs in Rom: hier an den Resten des Trajantempels

Allmählich kommt man mit den anderen Reisenden ins Gespräch. Da ist die Lateinlehrerin aus Erfurt, die schon etliche Male mit Schulklassen Rom besucht hat, nun aber tatsächlich einmal Luthers Spuren suchen will, oder das Ehepaar, das bereits nach Santiago de Compostella gepilgert ist und die Reise als Schnupperkurs nutzt, weil es auch noch nach Rom pilgern möchte. Da ist der pensionierte Oberkirchenrat aus Sachsen-Anhalt, der mir beim Gang durch Mailand von seiner Zeit als Auslandsseelsorger auf Mallorca erzählt oder der Denkmalpfleger aus Weimar, der sich detailliert in der antiken römischen Architekturgeschichte auszukennen scheint, aber noch niemals an den Ort seiner elaborierten Kenntnisse gelangt ist. Und da ist das lebensfrohe Häuflein Eisfelder, das nicht ohne eine ordentliche Stracke aufgebrochen ist – es geht eben nichts über die Wurst der Heimat, selbst im Land berühmter Schinken und Salami – und das ihre Lebensmaxime den katholischen Glaubensbrüdern im Eichsfeld abgeguckt hat: glaubensstark und trinkfest.

Rom verweigert uns am Sonnabend das vorfrühlingshafte Wetter, der letzten Tage. Schon bis zu 18 Grad hätten die Römer in den ersten Tagen des neuen Jahres gehabt, berichtet unsere Stadtführerin Irmgard Paresi. Wir haben einen Regentag als erste Begegnung mit der Ewigen Stadt erwischt. Aber auch die Nässe schmälert nicht die hier unbedingt schon vorweg für alle künftigen Rom-Touristen abzugebende Empfehlung: Fahren Sie unbedingt im Januar! Da quillt die Stadt nicht vor Touristen nicht über.

Wer Rom in der Hochsaison besucht – und die währt fast das ganze Jahr – braucht für seine Stadtgänge starke Nerven, eine belastbare Physis (zum Beispiel bei der Benutzung der zwei Metrolinien) und eine Schafsgeduld (zum Beispiel beim Schlangenstehen vor dem Einlass in die Vatikanischen Museen). Der Januar erspart einem solche touristischen Ochsentouren. Irmgard Paresi, die Deutsche, die seit 40 Jahren in Rom lebt, bestätigt das.

Die Reisegruppe wird in Rom zwar von Regen empfangen, trotzdem hat die Stadt auch im Januar ihren Reiz.

Die Reisegruppe wird in Rom zwar von Regen empfangen, trotzdem hat die Stadt auch im Januar ihren Reiz.

Zunächst im Bus, dann zu Fuß durch die Altstadt absolvieren wir mit Irmgard Paresi das Pflichtprogramm der unverzichtbaren Highlights: das Colosseum, die Lateranbasilika, das bombastische Einheitsdenkmal, das Forum Romanum, der Circus Maximus und entlang des Tibers mit Blick auf den Stadtteil Trastevere zur Engelsburg. Von dort geht’s zu Fuß durch die Altstadt, durch den Regen und auf verschlungenen Umwegen zur Piazza Navona, zum Pantheon, zum Trevibrunnen und zur Spanischen Treppe.

Für die überwiegende Mehrzahl unserer Reisegruppe ist dieser regengraue Sonnabend die erste Begegnung mit der Ewigen Stadt. Und das Staunen, das Aha-Erleben hält den Tag über an, obwohl praktisch jeder die berühmten Bilder und Ansichten Roms durchs Fernsehen, durch Filme etc. im Hinterkopf längst abgespeichert hat.

Wie muss das für Luther gewesen sein, dem so gut wie keine Bildmedien zur Verfügung standen? Mit welchen Erwartungen, Vorstellungen und Bildern im Kopf über das Aussehen der Heiligen Stadt ist er hier eingetroffen, noch nicht ahnend, dass er die Stadt samt dem Papst dereinst als „Hure Babylon“ anprangern wird.

Jörg Sobiella

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