Friede statt Sicherheit

26. August 2010 von redaktionguh  
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»Christus ist unser Friede«, heißt es in der Bibel.  Doch wo bleibt heute die Deutlichkeit des kirchlichen Friedenszeugnisses?

»Nur das Eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, dass die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muss und dass die Völker froh werden, weil diese Kirche Christi ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet und den Frieden Christi ausruft über die rasende Welt.« (Dietrich Bonhoeffer, 1934) Dieses uneingeschränkte »Wort vom Frieden« als die klare Botschaft der Kirchen steht noch immer aus.

Weltfriedenstag: Die Kirche muss sich wieder stärker friedensethischen Fragen zuwenden.

Foto: epd-bild

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Es ist aufgegriffen worden 1985 im konziliaren Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Die Verpflichtung zu diesem konziliaren Prozess ist in die Verfassung der mitteldeutschen Kirche (EKM) aufgenommen worden. Und das ist gut so! Aber wie kommt der geschriebene Buchstabe in die lebendige Wirkkraft durch die Kirche? Es ist still geworden um diesen Prozess.

Der »Hausener Friedenskreis«, der Friedensgruppen innerhalb und außerhalb der EKM sammelt, ist mehr eine Ausnahme. Auch gibt es einzelne, mutige Stimmen. Aber wir brauchen mehr von ihnen. Wir brauchen den Geist von Wittenberg, in dem das Schwert zum Pflug geschmiedet wurde – in aller Öffentlichkeit. Es steht viel geschrieben zum gerechten Frieden. Es gibt umfassendes Argumentationsmaterial, dass Krieg die ultima ratio ist, um die Sicherheit eines Landes zu gewährleisten. Aber es gibt keine ultima ratio, es wird immer eine ultima irratio sein. Friede wird nicht durch Sicherheit erlangt. »Denn Friede muss gewagt werden. (…) Friede heißt, sich gänzlich ausliefern dem Gebot Gottes. Kämpfe werden nicht mit Waffen gewonnen, sondern mit Gott, sie werden auch da noch gewonnen, wo der Weg zum Kreuz führt.« (D. Bonhoeffer)

Der als Symbol in die Friedensarbeit der Kirche eingegangene Text Micha 4 erzählt davon: Erst Schwerter umschmieden zu Pflugscharen, dann wird Sicherheit unter dem Feigenbaum sein. Was bringt uns als Kirche dazu, militärpolitischen Verlautbarungen mehr zu trauen als der biblischen Friedensvision? Woran soll Kirche erkannt werden, wenn nicht daran, dass sie diese Verheißungen immer wieder neu zu leben versucht? Wir sind vor 20 Jahren Zeugen geworden, dass gerade diese Verheißung politische Dimension angenommen hat und zu gesellschaftlicher Veränderung führte. Was sich einmal ereignete, kann sich immer wiederholen, auch in Afghanistan.

Infolge der biblischen Verheißung,  die ja auch das Verlernen des Kriegshandwerkes einschließt, kann evangelische Friedensethik heute nur Bonhoeffer folgen: im Namen Christi jedem Sohn und jeder Tochter die Waffe aus der Hand zu nehmen. Dabei ist sekundär, ob die Waffen innerhalb einer Berufsarmee oder im Rahmen der Wehrpflicht ausgegeben werden. Friede kann nur durch Friede und Entfeindung vorbereitet werden, niemals um vermeintliche Sicherheiten zu verteidigen. Demzufolge wird Kirche nicht noch einmal Soldaten segnen. Es steht nicht geschrieben: Wenn es dein Land fordert, dann töte und lass’ dich töten. Es steht nur geschrieben: Du sollst nicht töten. Weniger ist mehr, ist alles.

Der größte Einbruch in die friedensethische Position unserer Kirche war die Übernahme des Militärseelsorgevertrages, der Pfarrer zu Militärbeamten macht, die junge Menschen betend in den Krieg begleiten, statt sie zur Umkehr zum Leben, in das Haus ihrer Familie und aus den Stiefeln in die Sandalen zu ermutigen. Ich halte eben dies für den biblisch begründeten Auftrag eines Seelsorgers an Soldaten. »Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.« (Jes 9)

»Als feindliche Schüsse dröhnten, erhielt ich den Befehl, die Abschüsse zu orten. Auf die Kompassangabe hin schlugen wir zu. Doch wir trafen keine Aufständischen, sondern ein kleines Dorf. Es wurde ausgelöscht.« Afghanistan 2008.

Am 21. November 2009 hat die EKM-Synode einen Beschluss gefasst, in dem die Bundesregierung aufgefordert wird, »die deutschen Truppen so bald wie möglich aus Afghanistan zurückzuziehen«. Das ist weit weniger als die meisten Politiker und Experten schon längst fordern. Wo ist die Deutlichkeit des Friedensauftrages in unserer Kirche geblieben, wenn die Formulierung »noch in dieser Legislaturperiode« aus besagtem Beschluss herausgenommen werden musste? Wovor haben wir Angst?

»Christus ist unser Friede.« Wer seinen Bruder, welcher Nation, Religion  auch immer, mit der Waffe bedroht, bedroht Christus. Wer ihn tötet – auch aus »Versehen« oder im »falschen Krieg« –, tötet Christus. Er spricht zu uns: »Selig sind die Friedensstifter.« Das eine Wort, unter dem sich die Welt verändern wird, das sie aufmerken und umkehren lässt, dieses Wort steht immer noch aus. Wir werden als Kirche gut daran tun, uns an dieses Wort »Friede statt Sicherheit« heranzuwagen.

Elfriede Begrich

Die Autorin war Pröpstin in Erfurt.

Ringen um die Schöpfung

20. August 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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schoepfung

Neuanfang: Die mitteldeutsche Kirche entdeckt den Umweltschutz für sich.

Zu DDR-Zeiten war die Bewahrung der Schöpfung ein zentrales Thema der Kirche. Mit der Wende trat anderes in den Vordergrund. Jetzt soll das Augenmerk wieder verstärkt darauf gelenkt werden.

»Eigentlich«, sagt Hans-Joachim Döring, »geht der Umweltschutz uns alle an.« Ökostrom beziehen, Energie sparen oder Bio-Produkte kaufen sind nur einige der Möglichkeiten. Jeder könne seinen Beitrag leisten und etwas für die Bewahrung der Schöpfung tun. Der Leiter des Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrums in Magdeburg muss es wissen. Seit Anfang des Jahres ist er in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) für die Umweltarbeit zuständig.

Aber auch die Kirchengemeinden und die Landeskirche sieht Döring in der Pflicht. So sei die EKM nicht nur ein großer Land- und Waldbesitzer, sie verfüge auch über einen Bestand von 5.600 Gebäuden. »Hier«, ist er überzeugt, »müssen wir eine Strategie zur Reduzierung des Kohlendioxid-Ausstoßes entwickeln.« Als weitere Handlungsfelder nennt er das Projekt »Lebensraum Kirchturm« oder das kirchliche Umweltmanagement »Grüner Hahn«.

Einige positive Ansätze gibt es bereits. So entsteht in Jena ab September ein neues Gemeindezentrum, das nicht nur über Erdwärme geheizt werden soll, sondern auch eine Photovoltaikanlage erhält. Die Kirchengemeinde ist aus Kostengründen nicht selbst der Betreiber, verpachtet jedoch das Dach. Ein Beweggrund sei die Bewahrung der Schöpfung und die Nutzung alternativer Energien gewesen, erklärt Kirchmeister Friedrich Bürglen.

Auch in Wittenberg bemüht sich die Stadtkirchengemeinde um einen bewussteren Umgang mit Energie. Ein Team aus Ehrenamtlichen hat sich des kirchlichen Umweltmanagements angenommen. Das Gemeindehaus St. Martin in Friedrichstadt solle endlich eine vernünftige Wärmeisolierung erhalten, berichtet Friedemann Ehrig vom Umweltteam. Er findet es wichtig, konkret etwas zu tun. »Die Menschen erwarten zudem, dass sich die Kirche bei solchen Themen zu Wort meldet.«

Doch trotz dieser Beispiele hat die mitteldeutsche Kirche einigen Nachholbedarf in Sachen Umweltschutz. In den letzten sechs Jahren ist hier nur wenig passiert. »Faktisch war die Umweltarbeit auf Landeskirchenebene nicht mehr existent«, räumt Döring ein. Das soll sich nun ändern. Die Synode hat einen ständigen Ausschuss eingesetzt, der sich mit Fragen von Umweltschutz und Landwirtschaft befasst. Zudem gibt es seit Anfang des Jahres ein EKM-Umweltteam. Als erstes gemeinsames Projekt hat das Ökumenezentrum mit dem Baureferat eine Handreichung zur Nutzung regenerativer Energien in kirchlichen Gebäuden herausgebracht. Zwar gebe es bereits Kirchengemeinden, die eine Photovoltaikanlage auf ihrem Gemeindezentrum betreiben. Doch mit insgesamt 15 Anlagen falle die Bilanz eher bescheiden aus, findet der Umweltbeauftragte.

Aber auch inhaltlich gibt es neue Ansätze. Vom 1. September bis zum Erntedanktag sind die Kirchengemeinden eingeladen, die Bewahrung der Schöpfung unter dem Motto »Die Erde ist des Herrn« zum Thema zu machen. Mit dieser »Schöpfungszeit« greift die EKM einen Beschluss der Dritten Ökumenischen Versammlung in Sibiu auf. »Die Feier der Schöpfung und das Ringen um ihren Erhalt gehört in das Herz unseres Auftrages als Kirchen hier vor Ort und weltweit«, schreibt Landesbischöfin Ilse Junkermann im Begleitwort.

Es soll jedoch nicht bei der Theorie bleiben. Derzeit ist die Landeskirche dabei, eine ganze Kampagne vorzubereiten. »Klimawandel – Lebenswandel« heißt das ehrgeizige Vorhaben, das auch vor konkreten Zielen bei der CO2-Reduzierung nicht zurückschreckt. »Der Klimawandel ist eine der drängendsten Überlebensfragen«, sagt EKM-Kampaignerin Annelie Hollmann. Letztlich lasse er sich nur aufhalten, wenn die Verursacher der Krise, die Menschen in den reichen Industriestaaten, bereit seien, ihren Lebensstil zu ändern.

Das sieht auch Hans-Joachim Döring so. Es gehe heute um eine »Ökonomie des Genug«, ist er überzeugt. Der Umgang mit der Umwelt und die Erfahrung der eigenen Geschöpflichkeit biete zugleich die Chance, mit Nichtchristen über solche Fragen und die Ehrfurcht für das Leben ins Gespräch zu kommen. Denn letztlich gehe es in der Umweltarbeit neben dem »wichtigen Dämmen der Häuser« immer auch um das Öffnen von Herzen.

Martin Hanusch

Die Arbeitshilfe zur »Schöpfungszeit« gibt es im
Ökumenezentrum,
Leibnizstraße 4, 39104 Magdeburg,
Telefon (0391) 53 46-492,
E-Mail kerstin.hensch@ekmd.de.

Luther vom Sockel geholt

13. August 2010 von redaktionguh  
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Lutherdekade: An den Wittenberger »Lutherzwergen« scheiden sich die Geister.

Platzhalter: Am vergangenen Montag hat der Aktionskünstler Ottmar Hörl mit der Installation für die umstrittenen »Lutherzwerge« auf dem Wittenberger Marktplatz begonnen.

Platzhalter: Am vergangenen Montag hat der Aktionskünstler Ottmar Hörl mit der Installation für die umstrittenen »Lutherzwerge« auf dem Wittenberger Marktplatz begonnen.

Der Countdown läuft: Bis Sonnabend sollen auf dem Wittenberger Marktplatz 800 ein Meter große Lutherfiguren aufgestellt werden. Bereits im Vorfeld hatte das Vorhaben des Aktionskünstlers Ottmar Hörl für einiges Aufsehen gesorgt.

Luther bunt und im Zwergenformat 800-fach auf dem Wittenberger Marktplatz – das polarisiert. In einem Internetforum der regionalen Tageszeitung sehen die Kommentatoren die Sache zunächst positiv. »Frischer Wind«, urteilt »Lizzy« und hofft auf mehr Touristen in Wittenberg. Was sie und auch »Wolfgang 63«, »K61«, »Sabine« und »Langhaarfan« bisher wohl noch nicht gehört haben: dass die Inszenierung auch von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mitverantwortet wird. Sie will mit den offiziell »Luther-Botschafter« genannten Figuren protestantische Inhalte vermitteln.

Werbeexperten zweifeln aber daran, dass die evangelische Botschaft ankommt. »Luther würde mit dem Tintenfass nach den Initiatoren werfen«, sagt der PR-Berater und frühere VW-Kommunikationschef Klaus Kocks. Die Aktion sei »peinlich und kontraproduktiv«, wettert er wie vor ihm der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer.

Kocks ist überzeugt, dass »Form und Art des Auftritts« im Widerspruch zu Luther und seiner Lehre stehen und dass die Aktion daher keine Werbung für Protestantismus machen kann. Die Kirche sollte sich gerade bei  öffentlichkeitswirksamen Aktionen eher auf das Wort zurückbesinnen und Inhalte vermitteln, sagt der Politik- und Unternehmensberater. »Man muss sich mal vorstellen, der Platz vor dem Petersdom wäre mit Papstfiguren übersät«, sagt Kocks, der selbst der evangelischen Kirche angehört. »Was will man denn damit aussagen?«

Die Hamburgerin Eva Jung, die selbst Werbung für christliche Inhalte unter anderem für die Deutsche Bibelgesellschaft macht, bleibt ebenfalls skeptisch. »Das ist ein komischer Umgang mit Luther.« Die Kirche schaffe es nicht, aus ihren alten Gemäuern herauszukommen. »Zur entscheidenden Zeit war doch Luther ein junger Rebell«, sagt sie. Wenn der Reformator aber wie auf dem Wittenberger Denkmal, das Hörl für seine Aktion ins Miniaturformat kopierte, wieder als alter Mann gezeigt werde, führe dies auf die falsche Fährte.

Das wiederum findet der Wittenberger Superintendent Christian Beuchel überhaupt nicht. Die Aktion rege vielmehr dazu an, neu über Luther nachzudenken und über die Frage, welche Bedeutung er heute noch habe. »Ihn dazu vom Sockel zu holen, halte ich für eine gut Idee.«

Andere stößt dagegen ab, dass Luther im Anschluss der Aktion wie eine Heiligenfigur verkauft wird. Tatsächlich sollen die Figuren nach dem Abbau Mitte September für 250 Euro pro Stück veräußert und Hörls Kunstaktion dadurch refinanziert werden. PR-Berater Klaus Kocks spricht gar von einer »Kommerzialisierung des Glaubens« und »Tingeltangel mit Ablass«.

Prälat Stephan Dorgerloh, als EKD-Beauftragter in Wittenberg für die Aktionen in der Reformationsdekade bis 2017 verantwortlich, hört all die Kritik nicht zum ersten Mal. Er sagt, dass sich die Kirche, auch wenn sie das Projekt unterstütze und begleite, bei provozierender Kunst auch zurücknehmen müsse. »Und wo findet moderne Kunst schon hundertprozentige Zustimmung?« Schließlich sei die EKD auch finanziell nicht an der Aktion beteiligt. Der Künstler nehme das ganze Risiko auf sich, so Dorgerloh.

Der Beauftragte ist überzeugt, dass die Aktion bereits jetzt einen großen Teil des mit Hörl abgemachten evangelischen Auftrags erfüllt habe. So wird der Kirchenkreis Wittenberg gemeinsam mit dem Predigerseminar täglich viertelstündige Lesungen von Luthertexten auf dem Marktplatz veranstalten. Jeweils werktags von 17.45 Uhr lesen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kirche, aber auch des Predigerseminars und der Evangelischen Akademie unter dem Motto »O-Ton Luther« Texte des Reformators vor. Sonntags beginnt die Lesung bereits um zwölf Uhr, dann kommt zudem Live-Musik dazu. »Das Kunstwerk ist also Anlass, sich inhaltlich mit Luther zu beschäftigen«, freut sich Dorgerloh.

Ob es gelingt, »wenigstens nachträglich dem ganzen Sinn zu verleihen«, sieht hingegen der ehemalige Superintendent Albrecht Steinwachs skeptisch. Auch Werbeexpertin Eva Jung bleibt zurückhaltend. Es gelte abzuwarten, worüber in Wittenberg mehr geredet wird: Über die Figuren oder über Luther. »Wenn die Diskussion sich mehr um die Zwerge dreht, ist sie eigentlich den Atem nicht wert.«

Corinna Buschow (epd/mkz)

Satirische Luftschlachten

6. August 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Jutta Krauß, wissenschaftliche Leiterin der Wartburg-Stiftung und Kuratorin der Sonderausstellung, präsentiert den Druck »Eine Frage an einen Müntzer«. Im Hintergrund das Gemälde von Paul Thumann »Luther verbrennt die Bannandrohungsbulle«. 	Foto: Norman Meißner

Jutta Krauß, wissenschaftliche Leiterin der Wartburg-Stiftung und Kuratorin der Sonderausstellung, präsentiert den Druck »Eine Frage an einen Müntzer«. Im Hintergrund das Gemälde von Paul Thumann »Luther verbrennt die Bannandrohungsbulle«. Foto: Norman Meißner


Lutherdekade: Eine Ausstellung auf der Eisenacher Wartburg zeigt Flugschriften der Reformation.

Je gemeiner und schärfer, desto größer die Aufmerksamkeit. Das war vor 500 Jahren nicht anders als heute. Für Polemik zählt der Erfolg. Bis zu ökumenischer Offenheit und Achtung mussten leider Jahrhunderte ins Land gehen.

Oh nein, Behutsamkeit gehörte nicht zu den Waffen, mit denen man zu reformatorischer Zeit gegeneinander antrat. Es ging um den publizistischen Erfolg, die Meinungsvorherrschaft. Und dazu waren nahezu alle Mittel recht. Wer heute so ungeschützt in die Öffentlichkeit ginge, der wäre ein willkommener Fall für die eifrige Zunft der Verleumdungskläger. Damals ließ sich noch ungestraft öffentlich fechten.

Gutenberg hatte es möglich gemacht: Überzeugung ließ sich plötzlich vervielfältigen, als Text und als Bild. Und damit haben wir die beiden Meinungsmacher einer sich ankündigenden Medienepoche: Die Flugschrift, textorientiert, eher für die Gebildeten, denn es gab ja nur etwa 15 Prozent Alphabeten. Und das Flugblatt, bildorientiert, wirksam unter den kleinen Leuten, die plötzlich groß wurden, weil man gezielt auf ihre Meinung einwirken konnte. Also trat die Karikatur ihren ersten Triumphzug an. Der Papst als Esel, mit Brüsten und blödem Angesicht, und die Gegenseite nahm sich Luther vor, dessen breites Gesicht sich so gut für den Saustall eignete. Was sich heute wie eine wüste Orgie von Beleidigungen liest, war damals wohl kalkuliert. Es ging um Wirkung, um publizistischen Landgewinn in großem Stil. Und die fliegenden Schriften der Reformationszeit haben den Erfolg wesentlich beeinflusst. Luther vermochte auf der Klaviatur beißender Satire trefflich zu spielen. Seine Flugschriften waren publizistische Besteller.

Besonders gern nutzte man damals das Schwarzpulver der Schmähschriften und Satireblätter, hochbeliebt im Volk, mit deftigen Texten und Bildern ausgerüstet. Da sieht man auf dem Flugblatt Luthers »Wider Hans Worst« die Papstkirche als zügellosen Teufel am siedenden Kessel hocken und die armen Gläubigen kochen. Dazu heißt es, die Papstkirche sei eine »abtrünnige und läufige Ehehure, eine Haushure, eine Betthure, eine Schlüsselhure … so böse, dass dagegen die gewöhnlichen freien Huren, Buschhuren, Feldhuren, Landhuren und Heerhuren fast noch heilig sind.« Na, das hat dann ja wohl gesessen! Abgesehen von der kleinen Unterweisung über die Farbpalette damaliger Prostitution, klingt das wie starker Tobak, ist aber keineswegs aus der Norm. So keck wurde gefochten, und wer austeilte, musste auch einstecken können, besonders Luther natürlich.

Zimperlich war man auf beiden Seiten nicht und Mimosen völlig ungeeignet für die satirischen Luftschlachten der Zeit, wenn da zu lesen ist: »… das wilde Eberschwein (Luther) hat den Weingarten (Kirche) verdorben und die (sture) eigenhirnige Bestie ihn abgeweidet und verwüstet.«

Von solcherlei Schlägen musste man sich schnell erholen, wollte man das Feld gewinnen. Luther konnte man mit Schmähungen nicht beeindrucken. Seine Gegenangriffe waren wohl überlegt und genau platziert: So schreibt er genüsslich: »… wie der Papst ein so meisterlicher Gaukler ist, der den albernen Leuten Goldstücke ins Maul gaukelt, aber wenn sie es auftun, so haben sie Pferdedreck drin.« Daneben sieht man eine Karikatur des Papstes, auf einer Sau reitend. »Dem Volk aufs Maul schauen und es fleißig füttern«, so hieß die Formel zum öffentlichen Erfolg. Die Satire der Reformationszeit hatte durchaus großen Geist. Nur war sie eben auf breite Öffentlichkeit hin berechnet und damit dicht an den Quotenschlachten unserer Tage.

Dankenswerter Weise nimmt sich in diesem Jahr die Wartburg in Eise­nach des brisanten Themas in einer Sonderausstellung an. Den Großteil des Materials schöpft sie aus dem eigenen Fundus. Die Ausstellung bietet einen vielfältigen Einblick in die Streitkultur der Reformationszeit. Sie dürfte nicht nur für Theologen, sondern auch für Journalisten von großem Interesse sein. Und alle, die an scharfer Zunge und geistreichem Humor ihre helle Freude haben, kommen ohnehin auf ihre Kosten.

Thomas Perlick

Die Ausstellung »Beißig sein ist nutz und not« ist vom 6. August bis zum 31. Oktober jeweils von 8.30 Uhr bis 17.30 Uhr geöffnet.

Glockenton in Schullandschaft

30. Juli 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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So wie für Pia beginnt für viele Kinder nun die Schule. Einige werden sogar die ersten Lernenden in einer neu ­gegründeten Einrichtung sein. Foto: BilderBox.com

So wie für Pia beginnt für viele Kinder nun die Schule. Einige werden sogar die ersten Lernenden in einer neu ­gegründeten Einrichtung sein. Foto: BilderBox.com


Bildung: Im neuen Schuljahr gehen in Thüringen drei weitere evangelische Schulen an den Start

Die Schule direkt neben der Kirche und der Kantor zugleich Lehrer – so eng, wie sich historische Bildungspolitik hier dokumentiert, wird die Verbindung nie mehr werden. Doch schaut man auf die Schulneugründungen, hat christliche Werteerziehung wieder Konjunktur.

Das hätte ich mir nie träumen lassen«, gesteht die Apoldaer Superintendentin Bärbel Hertel, »dass ich mal eine Schule gründe!« Wahrhaftig: Am ersten Sonnabend im August werden die Glocken in Apolda ein neues Stück Schulgeschichte einläuten. Dann feiern Bärbel Hertel, die 29-jährige Schulleiterin Heike Pilz, immens viele engagierte Eltern und natürlich die Kinder in der Lutherkirche Gottesdienst, weil die erste evangelische Grundschule in ihrem Kirchenkreis den Betrieb aufnimmt.

»Vor etwa zwei Jahren gab es erste Überlegungen«, erinnert sich Superintendentin Hertel, in deren Büro viele ­Fäden zusammenliefen. »Bei der Veranstaltung im Stadthaus dann im Frühjahr 2009 herrschte regelrechter Trubel.« Flugs gründete sich ein Förderverein, Konzepte wurden geschrieben. »Die Eltern waren hoch motiviert und dabei keineswegs unbedingt Mitglieder der Kirchengemeinde. Aber plötzlich stand die Internetseite, jemand entwarf ein Logo, dieser kannte noch jenen …«

Und so beziehen Lisann, Clara, Bernhard und die anderen 16 Kinder aus der 1. Klasse am 7. August ihren Klassenraum in der Apoldaer Bergschu­le, in der sie Tür an Tür mit den Apoldaer Gymnasiasten lernen werden. Freilich ein wenig anders: »Gebundene Ganztagsschule« nennt das kleine Team sein Konzept. Drei Mal in der Woche erstrecken sich Schulangebote über den ganzen Tag, der übliche 45-Minuten-Takt des Unterrichts wird aufgehoben zugunsten sogenannter Blöcke, in denen die Kinder später auch altersgemischt in Lerngruppen und an Projekten arbeiten, Exkursionen unternehmen, ihrem eigenen Rhythmus und Tempo folgen dürfen und ihre Schule nicht nur als Lern-, sondern als Lebensort wahrnehmen.

Ein Konzept, wie es sich ganz ähnlich in Sömmerda liest. Auch hier ergriffen Eltern im Gemeindezentrum die Initiative, aus der heraus die Evangelische Grundschule Sömmerda gegründet wurde. 14 kleine Sömmerdaer und Kinder aus der Umgebung sind mit dem Schuljahresstart Schulleiterin Cornelia Schäfer und ihrem Team anvertraut, das neben dem reformpädagogischen auch seinen integrativen Ansatz hervorhebt – fünf der Kinder werden voraussichtlich einer besonderen Förderung bedürfen. Was beide Schulen mit »christlicher Verantwortung und Erziehung« meinen, erfahren die Schulanfänger gleich am ersten Schultag: Nicht mit dem Klingelzeichen und vielleicht Stramm-in-der-Bank-Stehen beginnt er, sondern mit dem täglichen Morgensingen.

»Viele Eltern wollen vorrangig eine christliche Werteerziehung«, beobachtet Marco Eberl, Vorsitzender der Evangelischen Schulstiftung in Mitteldeutschland, die die beiden neuen Grundschulen trägt. Umso bemerkenswerter sei das, da in Thüringen etwa die Hälfte der Kinder an evangelischen Schulen aus atheistischen Elternhäusern stamme. Dass gerade die Grundschulen so im Kommen sind, hat für Marco Eberl mit einem enormen Nachholebedarf zu tun: »Im Bereich der Freien Schulen ist Deutschland ein Entwicklungsland.« Knapp 9,5 Prozent der Schüler lernen in Thüringen an Freien Schulen, bundesweit sind es sogar nur 7,8 Prozent.

Zum Vergleich: In den Niederlanden gehen 76 Prozent und selbst in Großbritannien 40 Prozent der Schüler an nichtstaatliche Schulen. Umso erfreulicher ist für den  Stiftungsvorsitzenden, dass sich zu den beiden Thüringer Neugründungen mit diesem Schuljahr noch eine dritte gesellt: das Evangelische Gymnasium in Meiningen.

Zehn Grund-, zwei Regelschulen und fünf Gymnasien trägt damit allein in Thüringen die Schulstiftung. Grenzen einer solchen Entwicklung allerdings setzt der Freistaat per Finanzierung. »Und da gibt es teils immer noch die typisch deutsche Perspektive: Schule muss der Staat machen.« Schwierig sei es oft, geeignete Gebäude zu finden.

»Dennoch ist diese Bewegung für mich eine Art kulturelle Rekonstruktion«, erklärt Marco Eberl, »ein Stück Wiederbelebung von Christentum im Alltag, von dem wir einen Teil hier verloren hatten.«

Eine wunderbare Bestätigung seiner Worte nennt Superintendentin Bärbel Hertel: »Schon drei Kinder aus unserer neuen ersten Klasse in Apolda sind jetzt zur Taufe angemeldet!«

Kathrin Schanze

Vom Zins, der Zukunft schafft

23. Juli 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Foto: Burkhard Dube

Foto: Burkhard Dube


Sachstand: Auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung bleibt der Finanzausgleich West-Ost aktuell
West-Geld bedeutet für die Ost-Kirche noch immer Überlebenshilfe. Doch was im Osten viel ist, ist für den Westen wenig. Das könnte schon morgen ganz anders sein.

Wenn Sie Menschen in einem Saal mit 52 Betten am Morgen gemeinsam aufstehen lassen, dann kann es eng werden«, sagt Werner Braune. »Zumal dann, wenn sie mehrfach behindert sind und es für alle nur vier Waschbecken und fünf Toiletten gibt.« Woran sich der langjährige Diakoniechef erinnert, gehörte zum Alltag der Diakonie in der DDR. Zumindest bis Anfang der 1970er Jahre. Dass damals Abhilfe geschaffen werden konnte, lag vor allem an einem Sonderbauprogramm, mit dem zahlreiche diakonische Einrichtungen von Arnstadt bis Schwerin durch westliche Finanzhilfen saniert oder erneuert werden konnten.

Vier Milliarden Deutsche Mark sind in den 40 Jahren DDR für Kirche und Diakonie in der DDR von den westdeutschen Partnerkirchen zur Verfügung gestellt worden – rund 100 Millionen DM im Jahr. In welchem Maße damit die kirchlichen Haushalte im Osten unterstützt wurden, war sicherlich zwischen den damals acht evangelischen Landeskirchen unterschiedlich. Genaue Zahlen kennt ohnehin keiner, denn ein Teil dieser Finanzhilfe erfolgte über die Partnerbeziehungen zwischen Ost und West.

Alles in allem haben sie Leben und Überleben ermöglicht. Sei es durch die Einfuhr von Autos über GENEX oder die Bruderhilfe, die für kirchliche Mitarbeiter das schmale Gehalt aufbesserte. »Ohne die West-Hilfe hätten wir keinen einzigen Röntgenapparat gehabt«, sagt der heutige EKD-Finanzchef Thomas Begrich, der zehn Jahre Verwaltungsleiter am evangelischen Johanniter-Krankenhaus in Genthin und von 1990 bis 2003 Finanzdezernent im damaligen Magdeburger Konsistorium war. In dieser Zeit hat er nicht nur maßgeblich an den kirchlichen Strukturreformen, sondern auch am Plan für den Finanzausgleich zwischen den Kirchen in Ost und West mitgearbeitet.

Natürlich hat sich nach der Wiedervereinigung die Situation grundlegend geändert – nicht dagegen die Finanzhilfe. 143 Millionen Euro beträgt der kirchliche Finanztransfer von West nach Ost. Das sind nach Angaben von Finanzchef Begrich rund zehn Prozent der Mittel, die den ­ostdeutschen Kirchen alljährlich insgesamt zur Verfügung stehen – durch Kirchensteuer, Staatsleistungen, Kollekten, Spenden oder Mieteinnahmen.

Gemessen an den gesamten Haushaltsmitteln der EKD und ihrer Gliedkirchen, die Begrich auf zehn Milliarden Euro veranschlagt, sind das nicht einmal 1,5 Prozent. Aber schon ein Vergleich der Kirchensteuereinnahmen macht deutlich, dass sich die ­Finanzsituation der Kirchen in Ost und West auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer erheblich unterscheidet. So stammen zwar 43 Prozent aller kirchlichen Einnahmen aus der Kirchensteuer, also 4,3 Milliarden Euro. Davon nehmen allerdings die ostdeutschen Kirchen gerade mal sieben Prozent, also rund 300 Millionen Euro ein. Die verbleibenden vier Milliarden Euro erhalten die westdeutschen Kirchen.

»Die 143 Millionen, die die West-Kirchen für den Osten bereitstellen, bringen die nicht um, retten aber die Kirchen im Osten für die Gesellschaft«, sagt Thomas Begrich. Für ihn ist es müßig zu fragen, warum es den Ausgleich noch geben muss, ob das durch die DDR bedingt ist oder nicht. Wichtig sei vielmehr »so zu leben, dass wir vom Finanzausgleich unabhängig« werden. Nicht wenige wünschen sich das, könnte doch manche Entscheidung im Osten unabhängiger vom Westen getroffen werden.

Auch darum wäre es für Finanzchef Begrich »richtig unvernünftig«, den ostdeutschen Kirchen mehr Geld zu geben, weil es der Entwicklung eigener Ideen im Wege stünde. Daran hat es aber in den vergangenen 20 Jahren in den Kirchen im Osten mit der inzwischen von acht auf sechs reduzierten Zahl an Landeskirchen nicht gefehlt. Es gibt einfachere Strukturen oder die Verlagerung der Verantwortung von Pfarrern auf Laien. Und ­dieser Prozess muss sicherlich weitergehen. Denn noch ist die Pfarrerdichte, gemessen an den Kirchenmitgliedern, im Osten doppelt so hoch wie im Westen.

Als Beispiel nennt Begrich den Kirchenkreis Egeln, den er jüngst besuchte. Und dabei nicht schlecht staunte. Gut 150 Laien gibt es dort, die den Gottesdienst gestalten nach einer Agenda, die sie selbst entworfen ­haben. So hat sich hier wie auch ­anderswo wahrgemacht, was der Finanzer gern den Kirchen Ost ins Stammbuch schreibt: Ihr müsst den Finanzausgleich den West-Kirchen verzinsen, indem ihr ihnen zeigt, wie man unter den veränderten Bedingungen einer kleiner werdenden Kirche gute Arbeit macht. Denn eines Tages werden auch sie solche Konzepte brauchen, die ihr schon heute entwickelt habt.

Bettina Röder

Weltumspannende Gemeinschaft

20. Juli 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Vom 20. bis 27. Juli wird in Stuttagart die Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes sein

Unterschiedliche Erwartungen haben die Delegierten im Reisegepäck. Das ist bei den sechs Christen aus Mitteldeutschland so und erst recht bei den internationalen Gästen, die nach Stuttgart fahren.

Dass der Lutherische Weltbund (LWB) eine weltumspannende Organisation darstellt, ist Steffen Binder aus Naumburg erst so richtig bei der Vorbereitung auf die vom 20. bis 27. Juli stattfindende Vollversammlung des LWB in Stuttgart klar geworden. »Bis dahin hatte ich den Namen vielleicht einmal gehört«, sagt Binder. Aber nun habe er die Existenz der weltweiten Gemeinschaft lutherischer Christen als eine Bereicherung wahrgenommen. Der Synodale ist einer der sechs Delegierten der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), der in Stuttgart dabei ist. Binder kommt aus der ehemaligen Kirchenprovinz Sachsen, die vor ihrer Vereinigung mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen eine unierte Kirche war. Im Gegensatz zur thüringischen Landeskirche gehörte sie nicht zum LWB. Mit der Vereinigung beider Kirchen am 1. Januar 2009 wurde die EKM Mitglied des LWB.

»Es ist eine große Freude, dass wir aufgenommen sind«, sagt Oberkirchenrätin Marita Krüger, Pröpstin in Meiningen. Sie arbeitet seit vielen ­Jahren für Thüringen im Deutschen Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes (DNK/LWB) und ist vertraut mit der Arbeit der internatio­nalen Organisation.

Im LWB sind 140 Kirchen mit rund 70 Millionen Mitgliedern zusammengeschlossen, die in der Tradition Martin Luthers stehen. Die Vollversammlung, die in der Regel alle sechs Jahre stattfindet, ist das oberste Entscheidungsgremium des LWB. Sie ist gesetzgebendes Organ, beschließt die Verfassung des LWB, bestimmt die Strategie der Arbeit und wählt den Präsidenten bzw. die Präsidentin sowie die Mitglieder des Rates.

Das Motto in Stuttgart lautet »Unser täglich Brot gib uns heute«. Der Anstoß, sich mit diesem Thema zu ­beschäftigen, sei von den Kirchen in Nordamerika gekommen, erklärt ­Krüger. Mit der Finanzkrise hätten die amerikanischen Kirchen plötzlich feststellen müssen, dass sie kein Geld mehr haben. »Für uns als einladende Kirche ist das Thema auch eine Herausforderung«, gibt die Pröpstin zu bedenken.

»Das Thema wird in verschiedenen Konkretionen behandelt.« Die Eisenacher Superintendentin Martina Berlich, ebenfalls Delegierte für die Vollversammlung, sieht thematische Parallelen zu Thüringen, wo die heilige Elisabeth vor den Mahlzeiten immer gefragt habe, woher das Essen kommt. War es erpresst, hat sie gefastet. »Diese Frage müssten wir eigentlich weltweit stellen«, mahnt Berlich. So dürfte es Christen in Deutschland ­beispielsweise nicht gleichgültig sein, unter welchen Bedingungen Kleidung und andere Güter entstanden sind, die sie konsumieren.

Die Delegierten fahren mit unterschiedlichen Erwartungen nach Stuttgart. Die Eisenacher Superintendentin wünscht sich eine starke Verbindung zu den lutherischen Christen in aller Welt. Im Blick auf Resolutionen, die bei der Versammlung verfasst werden, sagt sie: »Es kommt darauf an, dass die Texte kurz, griffig und aussagefähig sind und in den Gemeinden eine Umsetzung finden.«
Neben den spannenden Themen gebe es auch viel Geschäftliches zu verhandeln, sagt Marita Krüger. Die Wahlen, so ihre Erfahrung, seien zeitaufwändig. Da heiße es Quoten einzuhalten, also auf das richtige Verhältnis von ordinierten Amtsträgern und Laien, Männern und Frauen zu achten sowie die verschiedenen Regionen zu berücksichtigen.

Auf der Vollversammlung soll auch ein Dokument verabschiedet werden, das die Mennoniten für die Verfolgung im 16. Jahrhundert um Vergebung bittet. Die evangelische Glaubensgemeinschaft ist aus den Täuferbewegungen der Reformationszeit hervorgegangen. Die Gemeinden praktizieren die Taufe von mündigen Christen, also statt der Kinder- die Erwachsenentaufe. Sie hoffe, so Krüger, dass das Papier, welches den Dialog und die Versöhnung mit den Mennoniten anstrebt, angenommen wird.

Das Treffen in Stuttgart dürfe nicht ohne greifbare Ergebnisse ablaufen und es müsse etwas Handfestes entstehen, mahnt Steffen Binder. Für ihn als Architekten sei das in seinem Beruf selbstverständlich. »Bei der Kirche ist das ja nicht immer so«, weiß er aus Erfahrung. Nachdrücklich betont er: »Es muss etwas dabei herauskommen.«

Sabine Kuschel

Der etwas andere Rastplatz

9. Juli 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Die typischen blauen Schilder weisen den Autofahrern den Weg – auch zur Autobahnkirche nach Rothenschirmbach an der A38. Foto: Maik Schumann

Die typischen blauen Schilder weisen den Autofahrern den Weg – auch zur Autobahnkirche nach Rothenschirmbach an der A38. Foto: Maik Schumann


Seelsorge: Am 11. Juli wird der Tag der Autobahnkirchen mit einem Reisesegen begangen

37 Autobahnkirchen gibt es in Deutschland, sechs davon in der EKM – in Brehna, Brumby, Gelmeroda, Hohenwarsleben, Rothenschirmbach, St. Kilian sowie eine Autohofkapelle in Schwabhausen. Die Zahl ihrer ­Besucher steigt permanent.

Hoch ragt der imposante Kirchturm in den Himmel. Draußen ist das Rauschen der Autobahn zu hören und das Kommen und Wegfahren der Autos von der ­nahen Tankstelle. Im Inneren des schlicht gestalteten Kirchenraumes findet der Besucher eine Oase. Die nahe Weimar gelegene Kirche von Gelmeroda, berühmt durch den Maler Lyonel Feininger, wurde schon 1994 Autobahnkirche und war die erste im Osten Deutschlands.

Manche wundern sich, wie Autobahn und Kirche zusammenpassen, hat Pfarrer Joachim Neubert erfahren. Die Leute meinen, dass die Autobahn als technisches Mittel und die Bewahrung der Schöpfung sich ausschließen. Doch Autobahnkirchen gehören für Neubert genauso zum Seelsorgeauftrag wie Gefängnisseelsorge, Militär- oder Schulseelsorge. »Wenn Menschen mit 160 bis 210 Kilometern pro Stunde durchs Leben rasen, müssen sie auch mal zur Ruhe kommen. Das kann man auf den normalen Rastplätzen so nicht », sagt der Pfarrer und ist sich da mit seinen Kollegen einig.

Die traf er am vergangenen Wochenende im Allgäu zur Jahreskonferenz, die von der Bruderhilfe-Pax-Familienfürsorge organisiert wird. Die kirchliche Versicherung unterstützt auch sonst die Initiative kräftig: mit dem Betreiben einer Internetseite und Anliegenbüchern, die die Autobahnkirchen kostenlos erhalten. Hier-ein schreiben Reisende Gebete und Sorgen. Wolfgang Stengel, Pfarrer an der Autobahnkirche St. Pancratius im Eislebener Ortsteil Rothenschirmbach, nimmt wie der Gelmerodaer Pfarrer diese Anliegen im Gottesdienst auf. »Es ist überraschend, wie offen Probleme angesprochen werden: Ängste im Berufsleben, Einsamkeit«, sagt der Pfarrer.

Das kirchliche Leben in Rothenschirmbach habe außerdem sehr gewonnen, seitdem St. Pancratius Autobahnkirche ist. Es gibt einen ökumenischen Förderkreis, in dem auch viele Konfessionlose mitarbeiten. »Der Förderkreis kümmert sich um die Öffnungszeiten, hilft bei Konzerten und stellt einen regionalen Kalender zusammen, dessen Erlös der Kirche zugute kommt. Aus dem Förderkreis kommen viele Ideen«, ist Stengel begeistert.

Im vergangenen Jahr gab es acht Taufen zum Tag der Autobahnkirchen. Eltern dieser Familien haben mit Kindergartenkindern Bilder zur Arche Noah gemalt, die nun schon seit einem Jahr in der Kirche ausgestellt werden und Gemeinde wie Besucher erfreuten. Auch ein Gebetskreis habe sich gegründet und zwei Christenlehregruppen treffen sich nun. Autobahnkirchen, ist sich Stengel sicher, wirkten offener auf Menschen. Das sei »keine Gemeindekirche, wo ich nicht dazugehöre«.

Ein Problem für die Autobahnkirchenpfarrer ist die Finanzierung. Die meisten Kirchen leben vom großen ehrenamtlichen Engagement. Immerhin müssen sie von 8 bis 20 Uhr geöffnet sein und die Kosten für Reinigung und Energie aufgebracht werden. Parkplätze und sanitäre Anlagen gehören ebenso dazu. In Gelmeroda decken Spenden und Kollekten gerade mal die Heizkosten. Auch Konzepte wollen entwickelt sein. So war ein Thema zur Jahresversammlung: Was sind die Zielgruppen? Und wie können diese auch den Weg finden? Blaulichtfahrer zum Beispiel, Motorrad- und LKW-Fahrer. Letztere sind oft längere Zeit von ihrer Familie getrennt. Es gibt Autobahnkirchen, die für Blaulichtfahrer – also Krankenwagen, Polizei, Feuerwehr – extra Gottesdienste anbieten. Das will auch Joachim Neubert aufgreifen und engeren Kontakt zur Notfallseelsorge suchen.

Zudem können die »Rastplätze für die Seele« ein Beitrag für die Verkehrssicherheit leisten, wenn die Fahrer hier zur Ruhe kommen. Auch als Mahnort zum vernünftigen Autofahren seien sie zu verstehen und als Erinnerungsort an die Toten auf den Autobahnen.

Dietlind Steinhöfel

www.autobahnkirche.info

Eine besondere Verbindung

1. Juli 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Titelseite

Wenn der Vater mit dem Sohne … dann können beide was erleben.	Foto: Bilderbox.com

Wenn der Vater mit dem Sohne … dann können beide was erleben. Foto: Bilderbox.com


Ferien: Vater-Sohn-Wochenenden und andere Angebote für Väter und Kinder sind gefragt wie nie.

Im Leben vieler Jungen sind ihre Väter kaum präsent. Auch in Kindergärten und Grundschulen gibt es nur wenige Männer. Die CVJM-Landesverbände in Sachsen-Anhalt und ­Thüringen bieten deshalb besondere Freizeitprojekte für Väter und Söhne an.

»Theodor hat besonders das Hüttenbauen im Wald gefallen«, erzählt Martin Herold von seinem Vater-Sohn-Wochenende, das er im vergangenen Jahr beim CVJM Thüringen buchte. »Ein Pfadfinder hat uns begleitet und dabei geholfen, wie mit natürlichen Hilfsmitteln eine Hütte gebaut oder ein Feuer entfacht werden kann.« Dabei sei es nicht wichtig gewesen, ob das Feuer wirklich zu lodern begann. »Allein an den Versuch und an die Freude am gemeinsamen Tun wird sich mein heute siebenjähriger Sohn sicher auch später erinnern.« Vor allem das ist dem Vater von drei Söhnen und zwei Töchtern wichtig. Schon mehrfach hat er derartige Angebote wahrgenommen. Ganz bewusst will er mit einem seiner Kinder Zeit verbringen und dabei die Beziehung vertiefen.

So ein Väter-Kinder-Wochenende, wie es der CVJM sowohl in Thüringen als auch in Sachsen-Anhalt anbietet, ist dieser Tage schnell ausgebucht. Väter nutzen zunehmend Chancen, um jenseits von ausgefülltem Arbeitsalltag und althergebrachter Klischees gemeinsam mit ihrem Nachwuchs Zeit zu verbringen. »Ein neues Bewusstsein der Väter ist am Heranreifen«, schätzt Friedbert Reinert, Referent der Männerarbeit in der EKM und beim CVJM Thüringen, ein. »Das Bild vom Mann und Vater verändert sich.«

Immer häufiger scheint es Vätern wichtig, über einen hingehauchten Gute-Nacht-Kuss hinaus eine Rolle im Leben ihrer Kinder zu spielen und durch gemeinsames Erleben Spuren zu hinterlassen. »Außerdem gibt es eine große Anzahl alleinerziehender Väter, über die kaum einer spricht, und die Kontakt zu Gleichgesinnten suchen.« Der stellt sich ein bei einer Segeltour in Holland wie zu Himmelfahrt mit Vätern, Großvätern, Kindern und Enkeln oder einer fünftägigen Floßtour in Schweden, die außerdem in diesem Jahr geplant ist. »Unsere Wochenendangebote wie die Kanutour auf der Saale sind jedoch kürzer und preisgünstiger und vor allem deshalb der Renner.«

Auf der Internetseite des CVJM Sachsen-Anhalt ist das Vater-Sohn-Wochenende nach Wernigerode schon lange ausgebucht. »Warteliste möglich!«, heißt es hoffnungsvoll, falls Teilnehmer vielleicht krankheitshalber zurücktreten. Doch die Chance ist gering. »Die Nachfrage ist groß und freut uns«, sagt Reinhard Grohmann, Leiter des CVJM-Familienzentrums »faz« in Halle. »Sicher, wir würden gern mehr dieser Wochenenden anbieten, aber dafür reichen unsere Ressourcen nicht aus. Dafür gehen wir verstärkt in die Gemeinden und organisieren Kreativtage für Väter und Kinder, die ebenso wirkungsvoll sein können. Man kann uns dafür buchen.«

Schon seit Jahren ist die Männerarbeit in den Fokus der besonderen Aufmerksamkeit des Familienzentrums in Halle gerückt. »Es geht darum, die Väter mehr in die Erziehungsverantwortung hineinzunehmen. Wir versuchen das über die Erlebnispädagogik.« Sie sei ein wichtiges Element, wenn man sich die Frage stellt: »Was bleibt vom Elternsein übrig? Die Kinder stets dazu angehalten zu haben, das Zimmer aufzuräumen, die Krümel vom Tisch zu wischen oder die Spülmaschine auszuräumen?«, gibt Grohmann zu bedenken und wünscht, dass sich durch gemeinsam Erlebtes ein neuer Beziehungsfaden spannt, der Väter und Kinder auf besondere Weise miteinander verbindet. Ein gemeinsam verbrachtes Wochenende gibt da beste Anknüpfungspunkte und lässt neue Antworten auf alte Fragen finden wie: Was hält mich, was trägt uns, und kann ich mich wirklich auf dich verlassen?

»Väter sind stark im Kommen, haben aber auch viel nachzuholen«, bringt es Reinhard Grohmann auf den Punkt und erzählt, dass mit der Männerarbeit im Zentrum nun wiederum verstärkt nach Angeboten für die Mütter gefragt wurde. So hat man in diesem Jahr zum ersten Mal auch ein Wochenende für Mütter und Töchter konzipiert, das ebenso schnell vergriffen war. Und so gilt für alle Gleiches: Die gemeinsam, bewusst verbrachte Zeit und die Einmaligkeit der Erlebnisse und Erfahrungen werden bleiben, lebenslang. »Daran werden sich die Kinder erinnern. Das ist ein ernstzunehmendes Tau«, wie es Grohmann nennt, »das über die Zeit des Kindseins hält.«

Cornelia Heller

Vor dem Abflug zum Gebet

24. Juni 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Auf dem Flughafen Leipzig/Halle kümmern sich der evangelische Seelsorger Matthias Richter (Mi.) und seine katholischen Kollegen Nikolaus Timpe (li.) und Paul Christian (re.) um Fluggäste und Mitarbeiter. Foto: Uwe Winkler

Auf dem Flughafen Leipzig/Halle kümmern sich der evangelische Seelsorger Matthias Richter (Mi.) und seine katholischen Kollegen Nikolaus Timpe (li.) und Paul Christian (re.) um Fluggäste und Mitarbeiter. Foto: Uwe Winkler

Urlaub: Auf dem Flughafen Leipzig/Halle können Reisende in der Kapelle Ruhe und seelischen Beistand finden.

Mit den Ferien beginnt die große Reisezeit – auch am Flughafen Leipzig/Halle. Pfarrer Matthias Richter ist evangelischer Flughafenseelsorger in Schkeuditz und muss dabei auf fast alles gefasst sein.

An der Tafel im Terminal B blinken die Ankünfte: Wien, Brüssel, München. Für Antalya, Paris und Palma de Mallorca sind die »Check-in«-Zeiten angezeigt. Nahe der Anzeigentafel, in einer Männerrunde im Restaurant, geht es um Verkäufe, »Deals«, wie sie es nennen: Einer der drei blickt kurz auf sein Ticket und schnappt seine Tasche: »It’s time. Alles klar soweit, oder?« An der Kasse zieht eine Frau mühsam an einer dicken Reisetasche und kauft ihrem Kind, dem Badeflossen und Schnorchel aus dem Rucksack gucken, einen kleinen Salatteller. Am Fahrstuhl wartet ein Bote mit seinem Paketwagen und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Es ist Montag, 10 Uhr. Am Flughafen Leipzig/Halle ist die Woche mustergültig gestartet. Geschäftig und schnell. Vor allem aber pünktlich.

Pfarrer Matthias Richter geht an dem Paketboten vorbei, ein Manager schüttelt den Kopf über Richters langsamen Schritt und drängt zur Rolltreppe. Der Seelsorger verschwindet in Zimmer B 1164, dem Doppelbüro neben der Flughafenkapelle. »Zehn bis eins, das ist meine Kernzeit hier. Zwei Mal die Woche, montags und dienstags, an den anderen Tagen bin ich in meiner Gemeinde in Wiederitzsch. Vieles läuft per Telefon, das ist unkompliziert. Gespräche, Verabredungen, Treffen mit Fluggästen und Mitarbeitern. Und drei Gottesdienste oder Andachten«, sagt Richter.

Der Pfarrer ist im achten Jahr Flughafenseelsorger, einer von weltweit mehr als 100. In Deutschland hat er unter anderem Kollegen in Berlin, Frankfurt, Düsseldorf und Dresden. Und er hat Büronachbarn, seine katholischen Kollegen Paul Christian und Nikolaus Timpe: »Wir sprechen uns ab, machen auch ökumenische Gottesdienste.« In der schlichten Kapelle neben den beiden Büros steht eine nüchterne kleine Kanzel, eher ein rundes Pult. Darauf steht ein Kreuz, dahinter hängt eine Ikone. Ein ruhiger Ort zum Innehalten, in dem die Flughafenansagen nur ein dumpfes Geräusch in der Ferne sind.

Oft trifft Pfarrer Richter amerikanische Soldaten. Fast täglich fliegen die Einheiten von hier in die Konfliktgebiete in Afghanistan oder im Irak. »Die haben ein ganz anderes Verhältnis zum Glauben. Die Hälfte der Soldaten sitzt vor ihrem Abflug mit einer Bibel in der Hand da.« Dann winkt Richter ab. Der Flughafen als Drehkreuz für die amerikanischen Einheiten ist ein heikles Thema.

Richters Tätigkeit ist ein Spagat. Er bewegt sich zwischen dem Beistand für die Mitarbeiter des Airports und dem Gebet der Soldaten vor dem Kampfeinsatz. Auf einen Notfall, die Versorgung von Menschen in Notlagen, kann man nicht so richtig vorbereitet sein, wie Richter sagt. Man kann nur lernen, nicht vor schwierigen Situationen zu flüchten. Dafür gibt es den Austausch der Flughafenseelsorger und internationale Konferenzen, den Konvent der Sonderseelsorger und das Airport-Assistant-Team.

Doch all das ist theoretisch. Richters tägliche Arbeit ist weit entfernt von Katastrophen. Gläubige empfangen hier den Reisesegen, es gibt Andachten, die Pfarrer führen Gespräche, geben Trost und Beistand. Die kleinen Sorgen und der Alltag, das findet eben auch am Flughafen statt, neben dem Reisetrubel. »Ein weiteres  Hauptanliegen ist die Arbeit mit den Mitarbeitern, die mit ihren Sorgen kommen, familiären Problemen, Stress bei Arbeit,« sagt Richter.

Der evangelische Pfarrer und seine katholischen Kollegen versuchen darum, es bei der Gestaltung der Kapelle nicht nur den Weltreisenden recht zu machen, sondern auch einen Ort der Ruhe für die Angestellten des Flughafens aus Leipzig und Umgebung zu schaffen. So hängen in der Kapelle derzeit Bilder von Kirchen der Stadt. An diesem Montag kommt kein Fluggast zum Gottesdienst.

Dafür will Richter zu den Mitarbeitern. Am Wochenende hatte der Pfarrer einen Trauergottesdienst für einen jung verstorbenen Angestellten des Flughafens gestaltet. Heute will er noch einmal zu den Mitarbeitern, um mit ihnen zu sprechen und ihnen beim Trauern zu helfen – trotz der Arbeit und des Zeitdrucks. Richter geht vorbei an den Leuten, die aus Düsseldorf kommen, vorbei an den Braungebrannten aus Djerba und an den Angehörigen der Urlauber aus Heraklion. 12.25 Uhr ist die Maschine angekündigt. Sie wird pünktlich landen. Heute ist so ein Tag. Flugpläne nehmen keine Rücksicht.

Stefan Ruwoldt

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