Es ist immer Gott, der segnet

17. Februar 2017 von redaktionguh  
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Wie wir Segen weitergeben, das kann sehr vielfältig sein; immer, wenn wir einen Menschen segnen, stellen wir ihn in eine Beziehung zu Gott.

Unsere Kinder sind längst erwachsen. Und doch gibt es Situationen, bei denen ganz frühe Erfahrungen unserer Familie eine Rolle spielen: Meine Frau und ich haben unsere Kinder gesegnet. Nach dem Abendgebet im Kinderbett ebenso wie auf dem Weg zur Schule; natürlich vor Klassenfahrten und später beim Abschied auf dem Weg in den Studienort. Bisweilen geschieht das noch heute: Wir legen unseren Kindern die Hand auf den Kopf und bitten um Gottes Segen. Leider sehen wir unsere Kinder viel seltener als früher; aber das wird eine Klage aller Eltern sein. Schon im Kindergartenalter waren die Freunde unserer Kinder verblüfft über diese für sie ungewöhnliche Situation. Selbst die Kinder spürten die Intimität des Augenblicks. Ich erinnere mich, wie ein Freund unseres Sohnes ein wenig schüchtern fragte, ob ich auch ihm die Hand auf den Kopf legen könne.

Segnender Auferstehungschristus (um 1480) vom Petersaltar in der evangelischen Kirche St. Sebald in Nürnberg. Foto: Martin Jäger/pixelio.de

Segnender Auferstehungschristus (um 1480) vom Petersaltar in der evangelischen Kirche St. Sebald in Nürnberg. Foto: Martin Jäger/pixelio.de

Segen ist viel mehr als ein guter Wunsch. Als Eltern haben meine Frau und ich das dringende Bedürfnis, Gottes Geleit für unsere Kinder zu erbitten. Sie müssen dann ihren eigenen Weg gehen, aber wir sind gewiss, sie gehen ihn nicht allein. Noch heute segnen wir unsere Kinder am Ende eines der viel zu seltenen Besuche.

Selbstverständlich bitten wir am Anfang jeden Tages im Gebet Gott um seine Begleitung für unsere Kinder und andere Menschen, die uns am Herzen liegen. Für den Segen fehlt allerdings die körperliche Nähe mit der Geste der Hand auf dem Kopf.

Wer Segen lediglich für einen besonders frommen guten Wunsch hält, hat das Wesen des Segens nicht begriffen. Es ist immer Gott, der segnet. Wir Menschen vergewissern uns seines Geleits entweder im freien Segenswort oder in traditionsreichen Sätzen wie dem aaronitischen Segen, der jeden Gottesdienst üblicherweise beschließt.

Die Segensgeste gehört zur Vergewisserung dazu. Als Pfarrer schätze ich es sehr, wenn nach dem Abendmahl die Teilnehmenden individuell die segnende Hand auf dem Kopf auch spüren. Die zum Segen erhobenen Hände für eine Gruppe von Menschen sind für mich stets die nur zweitbeste Segensform.

Segen kann nicht pauschal gespendet werden – das »urbi et orbi« auf dem Petersplatz hat eine lange Tradition, erreicht mich allerdings nicht.

Als Pfarrer habe ich in vielen Dienstjahren Menschen auf ihren letzten Schritten in diesem Leben begleiten können. Ein Segenswort über einem gerade verstorbenen Mitmenschen und ein letztes Segenswort vor dem Weg auf den Friedhof ist für mich ein angemessener Abschied aus der Welt unserer Sinne in das Universum Gottes. Meine eigene Trauer, wie kürzlich am Sterbebett meiner Mutter, findet ihren tröstlichen Ausgang im Segen, den ich sprechen darf und dann alles an Gott übergeben kann.

Im Segen findet eine reale Nähe zwischen Gott, dem Segnenden und dem Gesegneten statt, deren Quelle nicht wir Menschen sind. Als Vater, als Pfarrer, als Ehemann, als Christ suche ich diese Nähe.

Sie tröstet mich; sie stärkt mich; sie lässt mich auch in schwerer Zeit froh meinen Weg gehen. Das ist erheblich mehr, als ein frommer Wunsch je leisten könnte.

Joachim Liebig

Der Autor ist Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts.

Unterwegs nach Wittenberg

10. Februar 2017 von redaktionguh  
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In Mitteldeutschland gibt es zeitgleich mit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag die Kirchentage auf dem Weg.

Die Bläser treffen sich in Leipzig. Wer gerne Schiff fährt, kommt nach Magdeburg. Und für Gospelfans sind Halle und Eisleben eine gute Wahl. Bis zu 100000 Menschen werden erwartet, wenn parallel zum Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin und Wittenberg vom 25. bis 28. Mai in den acht Städten Leipzig, Magdeburg, Erfurt, Jena und Weimar, Dessau-Roßlau sowie Halle und Eisleben insgesamt sechs Kirchentage auf dem Weg stattfinden sollen. In der Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt in Berlin wurde jüngst das rund 2000 Veranstaltungen umfassende Programm dieser Treffen vorgestellt.

Herbergssuche anno 2017. Für die sechs Kirchentage auf dem Weg in Magdeburg, Erfurt, Jena/ Weimar, Dessau-Roßlau, Halle/Eisleben und Leipzig werden noch jede Menge Unterkünfte gesucht. Mehr dazu unter www.r2017.org/betten. Illustration: G+H/Daniel Leyva, r2017/Katharina Gschwendtner, r2017

Herbergssuche anno 2017. Für die sechs Kirchentage auf dem Weg in Magdeburg, Erfurt, Jena/ Weimar, Dessau-Roßlau, Halle/Eisleben und Leipzig werden noch jede Menge Unterkünfte gesucht. Mehr dazu unter www.r2017.org/betten. Illustration: G+H/Daniel Leyva, r2017/Katharina Gschwendtner, r2017

»Kirchentage auf dem Weg gibt es nur im Jahr des Reformationsjubiläums«, sagte der Abteilungsleiter Marketing des Vereins Reformationsjubiläum 2017, Christof Vetter. Im Unterschied zu dem zeitgleich stattfindenden Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin und Potsdam böten sie etwas intimere Veranstaltungen, »wer nicht zum großen Kirchentag nach Berlin fährt, weil ihm das zu groß ist, fährt vielleicht nach Mitteldeutschland«.

Dabei werden die Kirchentage auf dem Weg schon von der Teilnehmerzahl her höchst unterschiedlich aussehen: In Halle und Dessau werden von den Veranstaltern jeweils nur 5000 Menschen erwartet. Leipzig dagegen, wo im vergangenen Jahr der Katholikentag stattfand, wird mit 50000 erwarteten Besuchern in die Nähe eines klassischen Kirchentags kommen. Denn dort treffen sich schwerpunktmäßig die Posaunenchöre, proben für den großen Festgottesdienst in Wittenberg und veranstalten am Tag zuvor ein großes Festkonzert auf dem Marktplatz.

In Magdeburg wird das Zentrum Frieden angesiedelt sein, in Jena und Weimar finden sich Samba-, Capoeira- und Folk-Bands aus allen Teilen Deutschlands ein, darunter auch Musiker von Rio Reisers Protestband »Ton, Steine, Scherben«.

Und in Dessau steht wegen des dort ansässigen Umweltbundesamtes die Bewahrung der Schöpfung ganz oben auf dem Kirchentagsprogramm. »Wir streiten und fragen, feiern und singen, beten und schweigen nicht allein in Berlin beim 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag«, sagt Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au.

Man veranstalte Kirchentage auch dort, »wo die reformatorischen Ideen groß wurden, von wo aus sie verbreitet und weitergedacht wurden«. Dabei wolle man auch nicht verkennen, in welchem Umfeld die Veranstaltungen stattfänden: »Nichts, was mit Religion und Glauben zu tun hat, ist in Berlin und Mitteldeutschland selbstverständlich.«

Selbstverständlich bei einem Kirchentag ist dagegen der Auftritt der EKD-Lutherbotschafterin Margot Käßmann. Während sie am Donnerstag auf dem Berliner Kirchentag zu Gast ist, wird sie am Freitag und Samstag der Kirchentagswoche vor allem bei den »Kirchentagen auf dem Weg« präsent sein. »Die Kirchentage auf dem Weg nehmen auf, dass die Region Mitteldeutschland für die Reformationszeit prägend war«, sagt Käßmann. »Sie laden ein, Orte der Reformation kennenzulernen und den Menschen in diesen Orten zu begegnen.« Weil die Veranstaltungen kleiner sind als die des großen Kirchentags in Berlin, sind auch die Eintrittskarten etwas günstiger: Die Dauerkarte in Dessau oder Leipzig kostet 59 Euro, während sie in Berlin mit 99 Euro zu Buche schlägt. Für das gesamte Projekt der Kirchentage auf dem Weg, das wie der Berliner Kirchentag auch in den großen Festgottesdienst in Wittenberg mündet, haben die Veranstalter Kosten von 12,5 Millionen Euro kalkuliert: Zwei Millionen Euro werden dabei von den gastgebenden Kommunen aufgebracht – entweder als Bargeld oder als geldwerter Vorteil. »Die Stadt Dessau hat uns beispielsweise angeboten, dass ihr Bauamt unsere Bühne gleich selbst konstruiert«, sagt der Geschäftsführer des Reformationsjubiläums, Hartwig Bodmann. »So brauchen wir keinen Architekten mehr, und die Bühne ist auch gleich genehmigt.«

Und die Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen unterstützen die Veranstaltungsreihe mit 4,8 Millionen Euro. Den Rest will der Kirchentag über Teilnehmerbeiträge, Spenden, Sponsoring und die Unterstützung der beteiligten Landeskirchen selbst aufbringen.

Benjamin Lassiwe

Inklusion mit Augenmaß

3. Februar 2017 von redaktionguh  
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Kirche, Diakonie und Inklusion sind nahe Geschwister; Maßstab für das Gelingen von Inklusion ist immer der konkrete Mensch.

Wenn Inklusion heißt, Menschen mit Behinderungen zu einer höchstmöglichen Teilhabe mitten im Leben unserer Gesellschaft zu begleiten und die dafür notwendigen Strukturen zu schaffen, Kranken, schuldig Gewordenen, körperlich und seelisch Verletzten beizustehen, dann folgen Kirche und Diakonie den Spuren und dem Auftrag Jesu.

Sein Kompass ist eindeutig: Er hatte einen liebenden Blick für suchende, verletzte Menschen, für Menschen mit zweifelhaftem Ruf, für Marginalisierte und Traumatisierte. Jesu inniges Beten hat ihn nicht von der Nähe zu Menschen weg-, sondern geradewegs zu ihnen hingeführt.

»Mit dem Wort Inklusion wird ein Paradigmenwechsel markiert. Es geht nicht mehr um die Integration einer kleinen abweichenden Minderheitsgruppe in die ›normale‹ Mehrheit. Vielmehr soll die Gemeinschaft so gestaltet werden, dass niemand aufgrund seiner Andersartigkeit herausfällt oder ausgegrenzt wird«, formulierte der Vorsitzende des Rates der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, im Vorwort der Orientierungshilfe zur Inklusion. Illustration: Aktion Mensch

»Mit dem Wort Inklusion wird ein Paradigmenwechsel markiert. Es geht nicht mehr um die Integration einer kleinen abweichenden Minderheitsgruppe in die ›normale‹ Mehrheit. Vielmehr soll die Gemeinschaft so gestaltet werden, dass niemand aufgrund seiner Andersartigkeit herausfällt oder ausgegrenzt wird«, formulierte der Vorsitzende des Rates der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, im Vorwort der Orientierungshilfe zur Inklusion. Illustration: Aktion Mensch

Das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe hat Jesus in seiner jüdischen Glaubensüberlieferung vorgefunden und neu in den Mittelpunkt gerückt. In den Spuren Jesu haben viele eine erstaunliche Erfahrung gemacht: Wer versucht, ganz in Gott einzutauchen, sich ihm und seinem Willen (vgl. die Vaterunser-Bitte) zu überlassen, der taucht neben dem Menschen wieder auf. Und umgekehrt: Wer sich Menschen uneigennützig zuwendet und fremde Nähe zulässt, kann in diesen Begegnungen auch Gott beziehungsweise Jesus Christus finden. Christlicher Glaube öffnet die Sinne für die Gebrochenheit und Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens, für sündhafte Strukturen, die Menschen gefangen nehmen. Christlicher Glaube hat eine eigene Balance von Leidenschaft und Nüchternheit.

In der aktuellen Diskussion haben die Stichworte »inklusive Gesellschaft« und »inklusive Schulen« Konjunktur. Sie stehen für ein gutes Ziel – sie können aber auch zu Schlag-Wörtern werden, mit denen um sich »geschlagen« wird. Manchmal verstecken gut gemeinte Worte genau die Menschen und ihre Lebenssituation, die wir doch verbessern wollen, und die konkreten Strukturen, die dabei helfen oder bremsen.

In Thüringen wird ein neues »inklusives Schulgesetz« vorbereitet, das Förderschulen in sogenannte Kompetenzzentren umwandeln möchte. Bisher sind Eckpunkte des Gesetzes bekannt. Die Diskussion hierzu schlägt zu Recht hohe Wellen: Werden Förderschulen kurzerhand abgeschafft? Werden Regelschulen mit den notwendigen sachlichen und personellen Ressourcen für eine überzeugende inklusive Pädagogik ausgestattet? Kommen Kinder mit hohen Förderbedarfen unter die Räder? Soll die Diagnostik und damit auch Frühförderung und Prävention erst auf die Zeit nach dem Schuleintritt verschoben werden?

Inklusion mit Augenmaß heißt für mich: Einfache Lösungen gibt es nicht, dafür sind Menschen zu unterschiedlich. Es gibt nicht »die Behinderten«! Die Unterscheidung von körperlichen, seelischen, geistigen und Sinnesbehinderungen ist bestenfalls eine allererste Annäherung.

Ich erlebe in Diskussionen oft, dass schwer-, schwerst- und schwerstmehrfachbehinderte Kinder und Jugendliche überhaupt nicht vorkommen. Die Hilfe- und Förderbedarfe sind komplex und anspruchsvoll. Also braucht es eine Vielzahl von fachlich kompetenten und evaluierten Angeboten. Für viele Kinder mit erhöhten Förderbedarfen braucht es auch in Zukunft geschützte Räume in bewährten Förderschulen. Genau hier wird für diese Kinder und Jugendliche passgenaue Inklusion verwirklicht.

Inklusion mit Augenmaß für mich: Maßstab für das Gelingen von Inklusion ist immer der konkrete Mensch, seine Bedarfe und die für ihn spürbaren Fortschritte. Von oben verordnete, pauschalisierte und vom Reißbrett administrierte Inklusionsmaßnahmen können das Gegenteil bewirken: Sie führen zu Inklusionsopfern. Eltern und Pädagogen haben mir von konkreten Leid- und Ohnmachtserfahrungen erzählt.

Schritte zu einer inklusiven Gesellschaft, Arbeitswelt und Bildung brauchen alle Akteure an Bord, insbesondere und zuerst die Betroffenen selbst, ihre Interessenvertretungen, ihre Verwandten und Freunde, die Fachkräfte vor Ort in den Förderschulen, die Lehrer- und Fachverbände, die freien Träger, Elternvertretungen, Verwaltungen und Parteienvertreter.

Klaus Scholtissek

Der Autor ist promovierter Theologe und Vorsitzender der Geschäftsführung der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein.

Endlich im Rampenlicht

27. Januar 2017 von redaktionguh  
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Frauen haben die Reformation mitgestaltet. Das war lange vergessen. Auch an sie soll über 2017 hinaus erinnert werden.

Die Reformation hat auch Frauen angesprochen und aktiviert. Dass in der Taufe alle zu Priestern berufen sind und alle Menschen einen unmittelbaren Zugang zu Gott haben, haben auch die Frauen gehört, ernst genommen und mit ihrem Leben und Handeln bezeugt. Leider schätzten die Männer ihrer Zeit und nachfolgender Jahrhunderte dies als zweitrangig oder noch weniger ein. Leider ist unser Wissen über diese Frauen verkümmert. Erst allmählich werden sie wiederentdeckt.

Dabei handelten Frauen so mutig, beharrlich und durchsetzungsstark wie Männer, in mancher Hinsicht mit mehr Klugheit und Besonnenheit als viele Reformatoren oder gar Martin Luther selbst. Mir ist das sehr deutlich geworden, als ich mich mit Anna II. zu Stolberg (1504–1574) beschäftigte – eine in vielerlei Hinsicht beeindruckende und überaus kluge Frau, die mit nicht einmal 13 Jahren Äbtissin im Stift zu Quedlinburg wurde. Als Reichsfürstin hatte sie die Kurwürde und war einzig Papst und Kaiser zu Gehorsam verpflichtet.

Frauen der Reformation: Unser Titelbild greift zurück auf das Tafelgemälde, das die Malerin Mariana Lepadus im Rahmen des Projektes »Frauen der Reformation in der Region« geschaffen hat, und das 12 Frauen der Reformationszeit an einem Abendmahlstisch versammelt darstellt. Illustration: Mariana Lepadus/www.frauenarbeit-ekm.de

Frauen der Reformation: Unser Titelbild greift zurück auf das Tafelgemälde, das die Malerin Mariana Lepadus im Rahmen des Projektes »Frauen der Reformation in der Region« geschaffen hat, und das 12 Frauen der Reformationszeit an einem Abendmahlstisch versammelt darstellt. Illustration: Mariana Lepadus/www.frauenarbeit-ekm.de

Sehr wahrscheinlich sympathisierte sie schon lange mit dem neuen Glauben, wartete aber bis 1539 mit der Einführung der Reformation in Quedlinburg. Sie wollte ihrem katholisch gesinnten Schutzherrn Georg von Sachsen keinen Vorwand geben, sie zu entmachten.

Ihr musste klar gewesen sein, dass er nur darauf wartete. Und auch sein Nachfolger hoffte, Macht und Reichtum des Stifts an sich zu ziehen. So schritt Anna erst nach dem Tod des katholischen Schutzherrn zur Tat, und damit zugleich seinem nachfolgenden evangelischen zuvorkommend.

Die Stadt Quedlinburg verdankt ihr eine neue Kirchenordnung sowie ein völlig neu geordnetes Schul- und Finanzwesen. Sie berief den ersten Superintendenten und führte die Visitation ein. Das Besondere an ihr: Sie wartete den richtigen Zeitpunkt ab. So bewahrte sie – denn Äbtissin blieb sie weiterhin – eine erstaunliche Kontinuität trotz radikaler Umbrüche.

Anna II. zu Stolberg erreichte mit Mut und Klugheit sehr viel.

Für mich ist sie ein ermutigendes Beispiel dafür, auch heute mit Entschiedenheit und Geduld wichtige Veränderungen anzugehen und dabei den langen Atem nicht zu verlieren, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten. Und dabei im Blick zu haben: Es gibt auch heute so manche wohlmeinende »Schutzherren«, die hinter ihrem Beschützen-Wollen manche Machtbedürfnisse, wenn nicht gar -gelüste, ausleben wollen.

Am Beispiel Annas und der Biografien anderer Frauen habe ich die Reformationszeit besser kennengelernt: Wie komplex dieser Transformationsprozess war, der Kirche und Gesellschaft quer durch alle Schichten erfasste. Wie viele Menschen daran mitwirkten unter ihren jeweiligen, ganz speziellen Bedingungen.

Und ich habe gelernt, was der besondere Beitrag von Frauen war – ob als Fürstin mit großen Entscheidungsbefugnissen, als Verfasserin geistlicher Lieder, als Äbtissin mit geistlichen und weltlichen Leitungsaufgaben oder als Frau eines Reformators, die das Anliegen ihres Mannes nach Kräften unterstützte.

Der Blick zurück schärft den Blick für die Gegenwart, auf die »Frauenfrage« in der Kirche: Wie wirken Frauen heute in den Kirchen? Welche Veränderungen bewirken sie? Wo gehen ihre Worte ins Leere? Wo begegnen sie männlichem Reviergehabe? Was machen sie anders als Männer? Was können gerade sie besonders gut? Inwiefern leiten und führen Frauen anders? Wie veränderten und verändern sich Pfarramt und Gemeindeleben durch Pfarrerinnen, Kantorinnen und Gemeindepädagoginnen?

Mit der 2012 eröffneten Wanderausstellung »Frauen der Reformation in der Region« hat die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland die Beschäftigung mit Zeuginnen der Reformation angestoßen – weg von Idealgeschichten und nur einer Heldenfigur. Sie hat die bisherige Schattengeschichte der Frauen der Reformationszeit ins Licht der Aufmerksamkeit geholt. Dieser Prozess, hoffe ich, ist mit dem 500. Jubiläumsjahr der Reformation noch lange nicht beendet.

Landesbischöfin Ilse Junkermann

Zwischen Betreuen und Behüten

20. Januar 2017 von redaktionguh  
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Gibt es ein Rezept für ein zufriedenes Leben mit Kindern? Welche Zutaten machen das Gelingen aus?

Erziehung, sagt Julia Dibbern, ist ein Wort und eine Idee wie aus der Zeit gefallen. Ein Konzept des vergangenen Jahrhunderts, um Kinder zurechtzubiegen, auf dass sie einem bestimmten, vermeintlich sozial erwünschten Bild entsprechen, meint die Fachjournalistin für Familie und Nachhaltigkeit. Heutigen Eltern gehe es vielmehr darum, ihre Kinder zu unterstützen, so wie sie sind und mit dem, was sie brauchen (nicht zu verwechseln mit dem, was sie wollen). Beziehung statt Erziehung.

Seit mehreren Jahren recherchiert und schreibt Julia Dibbern zum Thema, ebenso ihre Kollegin Nicola Schmidt. Gemeinsam haben die beiden Frauen im vergangenen Herbst das Buch »Slow Family – sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern« veröffentlicht. Eine Rezeptsammlung ist das 240 starke Buch gewiss, aber keine Kochanleitung mit Gelinggarantie. Liebe und Achtsamkeit, Natur, Ressourcen und Wissen, Gemeinschaft und Zauber haben die Autorinnen als Zutaten für eine gelungene Eltern-Kind-Beziehung ausgemacht.

Spielen im Stroh – Naturerfahrungen sind wichtig für die Entwicklung der Kinder. Der Entdeckerdrang ist angeboren. Die Kleinen sind oft verplant, werden vielfach gefördert oder in Watte gepackt. Doch auch Freiräume sind notwendig. Mehr dazu »Im Blickpunkt«. – Foto: Regina Kaut/pixelio.de

Spielen im Stroh – Naturerfahrungen sind wichtig für die Entwicklung der Kinder. Der Entdeckerdrang ist angeboren. Die Kleinen sind oft verplant, werden vielfach gefördert oder in Watte gepackt. Doch auch Freiräume sind notwendig. Mehr dazu »Im Blickpunkt«. – Foto: Regina Kaut/pixelio.de

An Anfang und Ende dieses einfachen, entschleunigten Zusammenlebens von Mutter, Vater, Kindern steht jedoch die Zeit. »Bei unseren Recherchen über die Faktoren, die Eltern stressen, kamen wir immer wieder auf die Zeit – beziehungsweise den Zeitmangel – durch Arbeit, Termine, ganz oft auch selbstgemacht durch Freizeitstress«, bilanziert Nicola Schmidt. Und das, was Familien brauchen? »Zeit. Da beißt sich die Katze also in den Schwanz.«

»Slow Family« ist kein Manifest wider die Tigermutter, die ihr Kind vollumfänglich fördert und in der Schule und darüber hinaus zu Höchstleistungen treibt. Kinder und ihre Talente zu fördern, ist richtig. »Wenn in der Familie alle gesund und vergnügt sind und mit drei Terminen pro Woche zufrieden, dann ist das doch fein«, sagt Nicola Schmidt. Ihr geht es um jene, die ihr Kind zum Ballett, Klavierunterricht und Frühenglisch schicken aus Angst, etwas zu verpassen, aus Angst, das Kind könnte in der globalisierten Welt nicht mithalten. »Der Druck, perfekte Kinder zu haben, war noch nie so groß wie heute«, sagt Julia Dibbern.

»Slow Family« will Eltern den Druck nehmen, ist ein Plädoyer für die Achtsamkeit im Umgang mit kleinen Geschöpfen. Wer seinem Kind zugesteht, zum Beispiel morgens vor der Kita zehn Minuten lang den Käfer am Wegesrand zu beobachten, ermöglicht Naturerfahrung, auch ohne am Nachmittag zur Raubtierfütterung in den Zoo zu hetzen.

Sich Zeit zu nehmen für seine Kinder erweitert für Julia Dibbern und Nicola Schmidt die Perspektive auf das Thema Erziehung. Unterm Brennglas steht nicht allein die Kleinfamilie aus Mutter, Vater, Kind – und das unterscheidet »Slow Family« von anderen, typischen Erziehungsbüchern und Ratgebern. Die Autoren wechseln in eine globale Perspektive, thematisieren Umweltschutz, Konsumkritik und Nachhaltigkeitstheorien. Ihre Vision: zufriedene Familien, zufriedener Planet. Wer gesund ist an Körper, Geist und Seele, wer sich wertvoll fühlt, kümmert sich um andere. Wo sich Eltern und Kinder wahrnehmen, wo gesprochen wird, wo man Zeit füreinander hat, kann man sich auch auf ein gebrauchtes Handy einigen, kann man Kleidungsstücke für Babys mieten statt neu zu kaufen, bringt man das Altglas zum Container, statt es im Hausmüll zu verstecken.

»Mein neunjähriger Sohn liebt Wale, nun hat er ziemlich schnell mitbekommen, wie wir durch Plastikmüll den Lebensraum der Tiere, das Meer, verschmutzen. Was können wir schon dagegen tun?« Nicola Schmidt überlegt nicht lange. »Wir kaufen im verpackungsfreien Laden ein.« Es ist eine Ermutigung, dass jede Entscheidung im Leben zählt und dass selbst ein Weg der kleinen Schritte ein Weg zum Ziel bleibt. »Stellen Sie sich vor, wie unsere Wälder aussehen würden, wenn 80 Millionen Menschen jeweils eine Tüte Müll heraustragen würden!«

Dies ist ein Rezept von Nicola Schmidt und Julia Dibbern. Auch wenn ihr Buch voll solcher Ideen ist, Anleitungen wollen sie ihren Lesern eigentlich nicht geben, eher Anregungen. Nur eines empfehlen sie von Herzen für die To-do-Liste: »Schauen Sie den Menschen, die Sie lieben, mindestens einmal am Tag ins Gesicht und sagen ihnen: Schön, dass du da bist.«

Katja Schmidtke

Gesungene Reformation

13. Januar 2017 von redaktionguh  
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Die Palette der kirchen-musikalischen Höhepunkte im Reformationsjahr 2017 reicht von Luthers eigenem Liedschaffen über große Oratorien bis hin zu Musicals.

Die Reformation war von Anfang an eine Singbewegung, vor allem Luthers Lieder wurden zum Markenzeichen der evangelischen Kirche. Für ihn war die Musik »eine der schönsten und herrlichsten Gaben Gottes«. 1524 schuf er zusammen mit dem »Ur-Kantor« der evangelischen Kirchenmusik, dem in Kahla geborenen und in Torgau wirkenden Johann Walter, ein vierstimmiges Chorgesangbuch, dem bald eine Ausgabe für die Gemeinden folgte. Von den 40 Liedern, die Luther verfasste, stehen heute noch 31 im Evangelischen Gesangbuch. Sie sind von zahlreichen Komponisten immer wieder neu bearbeitet worden. Dies nahmen die Kantoren des Kirchenkreises Eisenberg zum Anlass, eine Konzertreihe zu konzipieren, in der – passend zum kirchlichen Festkalender – »sein gesamtes Liedschaffen an zwölf Konzertorten gewürdigt wird«, ist von Kantor Philipp Popp zu erfahren. Luthers nachweihnachtliche Lieder eröffnen den Reigen in Hermsdorf (22. Januar).

Posaunenklänge, das Pop-Oratorium »Luther« oder Chormusik: Kirchenmusikalische Höhepunkte im Reformationsjahr in Mitteldeutschland. Grafik: G+H; Fotos: Harald Krille, Creative Kirche Witten, Ute Nicklisch

Posaunenklänge, das Pop-Oratorium »Luther« oder Chormusik: Kirchenmusikalische Höhepunkte im Reformationsjahr in Mitteldeutschland. Grafik: G+H; Fotos: Harald Krille, Creative Kirche Witten, Ute Nicklisch

In der Georgenkirche in Eisenach kreuzten sich die Lebenswege von Martin Luther und Johann Sebastian Bach, die hier im Abstand von 200 Jahren in der Kurrende gesungen haben. In der Taufkirche des Komponisten wird es über einhundert musikalische Angebote geben. Zu den Höhepunkten gehören die Auftritte von drei bedeutenden Knabenchören: der Tölzer Knabenchor gastiert mit Bachs »Matthäus-Passion« (14. April, 15 Uhr), die Kruzianer aus Dresden auf einem »Musikfest für Martin Luther« (28. April, 19.30 Uhr) und die Thomaner aus Leipzig zu den »Telemann-Tagen« (20. Juni, 19.30 Uhr).

In Magdeburg wird dazu eingeladen, innerhalb des »Kirchentages auf dem Weg« am 26. Mai an den Proben in der Johanniskirche teilzunehmen (ab 9.30 Uhr) und bei der Aufführung von Joseph Haydns »Schöpfung« bei der Aufführung des Oratoriums (16 Uhr) mitzusingen. Das gleiche Werk studiert ein Projektchor zur Thüringer Landesgartenschau in Apolda ein (24. Juni, 17 Uhr, Lutherkirche).

Auffallend ist, dass neben den alljährlichen »Highlights« gleich mehrere der großen Oratorien von Felix Mendelssohn Bartholdy aufgeführt werden: »Lobgesang« in Aschersleben (24. September, 17 Uhr, St.-Stephani-Kirche) und Saalfeld (1. Oktober, 17 Uhr, Johanneskirche), »Elias« in Rudolstadt (13. Mai, 19 Uhr, Stadtkirche) sowie »Paulus« in Merseburg (17. September, 18 Uhr, Dom) und Dessau (31. Oktober, 17 Uhr, Johanniskirche).

Groß ist die Zahl an Wiederentdeckungen. Dazu gehört das Oratorium »Abbadona« von August Mühling (1786 bis 1847), der ab 1843 Domorganist in Magdeburg war, das die Hochschule für Kirchenmusik in Halle präsentiert (29. Mai, 19.30 Uhr, Pauluskirche). Das Oratorium »König David« von Carl Gottlieb Reißiger (1798–1859), der als Nachfolger Carl Maria von Webers als Hofkapellmeister in Dresden wirkte, wird in der St. Jacobikirche Köthen vom dortigen Bachchor dargeboten (5. Juni, 17 Uhr). Das Oratorium »Luther in Worms« von Ludwig Meinardus (1827–1896), für dessen Aufführung sich Franz Liszt einsetzte und das 1883 dem Komponisten zu internationaler Berühmtheit verhalf, wird in Weimar der Vergessenheit entrissen (11. November, 19.30 Uhr, Stadtkirche).

Die Gattung »Musical« erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Dabei gibt es für die eigenen Bedürfnisse selbst geschaffene Stücke ebenso wie überregional vertriebene Kompositionen. Zu einem Zentrum entwickelt sich dabei Rudolstadt, wo gerade das Musical »Fröbel und Luther« von Katja Bettenhausen erarbeitet wird (18. Juni, 14 Uhr, Stadtkirche). »Jona – erst verschluckt, dann ausgespuckt« von Michael Pen­kuhn-Wasserthal wird von der Paulus-Singschule Magdeburg einstudiert (8. Mai, 17 Uhr, Pauluskirche). Das Leben des Reformators steht im Mittelpunkt eines Musicals von Gerd-Peter Münden, das in Weimar (27. Mai, 16.30 Uhr, Stadtkirche), Apolda (9. September, 16 Uhr, Lutherkirche) und Meiningen (17. September, 17 Uhr, Stadtkirche) zu erleben ist.

Michael von Hintzenstern

Das Christusbild in der Kunst

6. Januar 2017 von redaktionguh  
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»Diese Ausstellung hätten viele gerne zum Reformationsjubiläum gehabt«, freut sich Hans Jürgen Giese.

Der umtriebige Geschäftsführer vom Kunsthaus Apolda Avantgarde ist stolz, dass es ihm gelungen ist, die begehrten druckgrafischen Arbeiten aus der Sammlung der Stiftung Christliche Kunst der Lutherstadt Wittenberg gleich zu Beginn des Reformationsjahres zeigen zu können.

130 der mehr als 400 Werke umfassenden Sammlung des Stifterehepaars Gisela Meister-Scheufelen und Ulrich Scheufelen sind vom 15. Januar bis 26. März in Apolda zu sehen, darunter Arbeiten von Gauguin, Corinth, Beckmann, Rouault, Dix, Beuys, Rauschenberg oder Haring.

Die Ausstellung biete damit einen umfassenden und variationsreichen Überblick über das Christusbild in der Kunst der letzten 140 Jahre, so Tom Beege, der zusammen mit Andrea Fromm die Ausstellung kuratiert. Die Grafiksammlung zu religiösen Themen mit Arbeiten international bedeutender Künstler des späten 19. Jahrhunderts bis in das 21. Jahrhundert hinein scheint ein Herzensanliegen des baden-württembergischen Stifters und Papierfabrikanten Scheufelen zu sein. »Jesus ist in all seinen Facetten Vorbild für mich«, erklärt er in der Zeitung »Die Welt«. Luther ist eine seiner Lieblingsfiguren.

Keith Haring, Untitled, 1982. Foto: Keith Haring Foundation

Keith Haring, Untitled, 1982. Foto: Keith Haring Foundation

Das würde Hans Jürgen Giese so nicht behaupten. Doch seit der Ausstellung »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen« mit Exponaten der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin ist er begeistert von der Vielfalt religiöser Motive im Expressionismus. Auch wenn die meisten Künstler, deren Werke bei »Jesus Reloaded« ausgestellt sind, nicht zu Gläubigen im traditionellen Sinne zählen, regen sie Christen wie Nichtchristen gleichermaßen an, sich mit der Figur des Jesus von Nazareth zu beschäftigen.

Der Kirchenkreis Apolda-Buttstädt und die Kirchengemeinde in Apolda bringen sich in Begleitveranstaltungen ein. Dabei soll eine Verbindung zwischen der künstlerischen und der christlichen Botschaft hergestellt werden. Landesbischöfin Ilse Junkermann ist nicht nur Schirmherrin der Ausstellung, sondern wird über den Impressionisten Lovis Corinth und sein Werk »Kreuztragung« sprechen. Als Kirchenzeitung präsentieren wir drei Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung. »Wort zur Woche«-Autor Alf Christophersen, der stellvertretende Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt und Studienleiter für Theologie, Politik und Kultur, widmet sich den Inkarnationsprozessen – Mensch und Gott bei Beckmann und Beuys.

Der Kulturbeauftragte des Rates der EKD, Johann Hinrich Claussen, beleuchtet das Verhältnis der modernen Kunst zum Protestantismus. Mit dem Künstler Johannes Stüttgen kommt sogar ein Meisterschüler Joseph Beuys’ nach Apolda. Stüttgen, der bei Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt, katholische Theologie studierte, hat seinen Vortrag »Joseph Beuys und Jesus Christus« betitelt.

»Jesus Reloaded«, also Jesus und seine Botschaft zu aktualisieren, die Bibel in verständlichem Deutsch zu übersetzen, darum ging es vor 500 Jahren, und das ist eine Chance im Reformationsjahr 2017. Auch die Jahreslosung könnte man dahingehend auslegen. Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Die Erneuerung von Herz und Sinn ist sowohl Wesen der Kunst als auch des Glaubens.

An öffentlicher Akzeptanz fehlt es mitunter beiden Seiten. In dem Gemälde »Der gelbe Christus« von 1889 malt sich Paul Gauguin selbst als Gekreuzigten. Er hatte das Gefühl, dass die Menschen seine Kunst, ebenso wie die Heilsbotschaft des gekreuzigten Christus, ablehnten.

Apolda steht in diesem Jahr mit einem weiteren Ereignis im Blickpunkt. Die Glockenstadt richtet die vierte Landesgartenschau in Thüringen aus. Neben dem Thüringentag und dem Weltglockengeläut wird »Gottes Gartenhaus« auf dem Landesgartenschaugelände in der Herressener Promenade ein Anziehungspunkt sein.

Vom 29. April bis 24. September präsentieren sich am Ufer des Friedensteichs die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und andere kirchliche Gruppen mit einem überkonfessionellen Angebot.

Willi Wild

www.kunsthausapolda.de

Gott, der Menschenfreund

23. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Eine Weihnachtsbetrachtung von Kirchenpräsident Joachim Liebig

Das Kind in der Krippe, Maria und Josef, die drei Weisen aus dem Morgenland und über allem schwebt ein leuchtender Stern – Weihnachten. Alle Requisiten sind bekannt; selbst kirchenferne Menschen können die Figuren dem Fest zuordnen. Alles scheint eindeutig zu sein. Überraschende Deutungen werden am Heiligabend immer wieder versucht – selten gewollt.

Eine Überraschung bildeten die Gottesdienste am vergangenen Weihnachtsfest. Für viele wurde erstmals deutlich, es handelt sich um eine Fluchtgeschichte: Der Kind gewordene Gott wird nicht auf Wunsch seiner Eltern unterwegs geboren. Eine von den Machthabern verfügte Volkszählung setzt die Menschen in Bewegung. Direkt nach der Geburt muss die junge Familie in ein Nachbarland flüchten, weil sie in Lebensgefahr ist. Diese Themenstellung in Verbindung mit dem Bild vom »Herze Jesulein« – wie es im Weihnachtslied »Lobt Gott, ihr Christen alle gleich« heißt – wirkte durchaus verstörend.

»Des Herren Engel trat zu ihnen«: Diese Abbildung der Hirten auf dem Feld stammt aus der zweisprachigen Kinderbibel »Seht und hört!« in Deutsch und der äthiopischen Sprache Oromisch. Illustriert wurden die Geschichten aus dem Neuen Testament von Kindern aus Anhalt und Dembi Dollo, einer Stadt im Bereich der äthiopischen Partnerkirche der Landeskirche Anhalts. An der Darstellung der Hirten ist deutlich zu sehen, dass ihr jugendlicher Zeichner Fayisa Adamus den Hirtenalltag offenbar aus eigenem Erleben kennt: Die Hirten wärmen sich gemeinsam unter einer Decke, einer hat zur Entlastung der Arme einen Stock über die Schultern gelegt. – Foto: Evangelische Landeskirche Anhalts

»Des Herren Engel trat zu ihnen«: Diese Abbildung der Hirten auf dem Feld stammt aus der zweisprachigen Kinderbibel »Seht und hört!« in Deutsch und der äthiopischen Sprache Oromisch. Illustriert wurden die Geschichten aus dem Neuen Testament von Kindern aus Anhalt und Dembi Dollo, einer Stadt im Bereich der äthiopischen Partnerkirche der Landeskirche Anhalts. An der Darstellung der Hirten ist deutlich zu sehen, dass ihr jugendlicher Zeichner Fayisa Adamus den Hirtenalltag offenbar aus eigenem Erleben kennt: Die Hirten wärmen sich gemeinsam unter einer Decke, einer hat zur Entlastung der Arme einen Stock über die Schultern gelegt. – Foto: Evangelische Landeskirche Anhalts

Der berechtigte Wunsch, in der alltäglichen Furcht und Sorge wenigstens am Heiligabend innehalten zu können, ist mehr als verständlich. Der fast biedermeierlich anmutende Wunsch nach Harmonie und Frieden hat seine Ursache aber nicht nur im Gesang der Engel, sondern in einem zutiefst verbindenden globalen Bedürfnis. Vordergründige Romantik hilft dabei freilich nicht weiter.

Ein genauerer Blick auf die bekannten Personen führt zum Kern der Geschichte. Der Betrachter muss dabei verschiedene Zumutungen ertragen. Die erste lautet: Es gibt Gott und er wird Mensch wie wir. In der überwiegend profanen Umgebung unserer Region ist damit die zentrale Hürde benannt. Für atheistisch geprägte Menschen könnte die Lösung in einem Gedanken­experiment bestehen: »Wie wäre es, wenn ich diese Tatsache als gegeben annehmen würde?« Unter dieser Hypothese erschlösse sich dann die nächste Zumutung: Warum sollte Gott Mensch werden? Das allerdings ist eine Frage, die sich auch Christenmenschen seit der Geburt in Bethlehem immer wieder stellen. Die großen Denkerinnen und Denker der Kirche haben sich damit befasst. Gott wurde Mensch, weil wir Menschen sind. Es ist Ausdruck höchster Wertschätzung des Schöpfers an seine Geschöpfe, sich mit ihnen gleichzumachen. Weil sich Gott mit uns gleichmacht, erträgt er nicht nur alle Aspekte unseres menschlichen Lebens. Weil Gott Mensch wird, wird unser Leben anders enden, als es der reine Augenschein nahelegt. Der Bogen, der Weihnachten beginnt, endet am Ostersonntag. Gott selbst überwindet für uns alle Not und beendet den Tod. Das ist die dritte Zumutung der Weihnachtsgeschichte, die Glaubenden wie Nichtglaubenden als die größte erscheint.

Christenmenschen unterscheiden sich von anderen dadurch, dass der Mensch gewordene Gott ihnen in der Heiligen Schrift, in Taufe und Abendmahl und im Gebet ein tragfähiges Gegenüber ist. Alle menschlich verständliche Furchtsamkeit und Not lassen sich damit anders ertragen; nicht als frommes Selbstgespräch oder selbstgeschaffener Notausgang aus eigener Unzulässigkeit. Lebendiger Glaube ist in gleicher Weise real wie der Verstand, der die Welt erschließt. Für glaubenserfahrene Menschen ist Weihnachten eine emotionale Erinnerung an diese Tatsache. Für glaubensferne Menschen ist Weihnachten – und sei es zunächst nur als Gedankenexperiment – eine gute Möglichkeit, der Menschenfreundlichkeit Gottes nahezukommen. Auch wenn die Bilder und Figuren alle bekannt zu sein scheinen, laden sie alle Jahre wieder zu einem ganz neuen Blick ein. Gottes Segen dazu wünsche ich uns allen.

Der Autor ist Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts.

Wachsam, empfindsam, behutsam

16. Dezember 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Achtsamkeit ist Wachsamkeit. Keine Gefühlsduselei, sondern eine hellwache Aufmerksamkeit für die Dinge um uns herum.

Egal, ob es eine politische Wachsamkeit ist oder eine gesellschaftliche, eine berufliche oder eine familiäre Wachsamkeit – entscheidend ist es, die kleinen Dinge nicht zu übersehen. Wir sind es gewohnt, die Wirklichkeit nach den großen Dingen zu bewerten, nach Erfolg, Effektivität, Gewinn.

Wachsamkeit nimmt auch das Übersehene, Unscheinbare, scheinbar Wertlose wahr. Wenn es im Buch der Sprüche heißt: »Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind« (Sprüche 31,8), dann ist Wachsamkeit ebenso ein Plädoyer für die Gestrandeten in Europa wie für die Schüchternen in der Klasse, für die unauffällig Funktionierenden am Arbeitsplatz, für die Namen, die »nur« in der Gemeindekartei stehen, für die missbrauchten Kinder, die immer stiller werden, und für die Arbeitslosen in unserer Gesellschaft. Wachsamkeit hält das Gleichgewicht des Lebens und Zusammenlebens aufrecht.

Achtsamkeit ist Empfindsamkeit. Ernst Barlach hat in seinem berühmten »Fries der Lauschenden« den Empfindsamen dargestellt, den mit der dünnen Haut, der wie ein Seismograf alles spürt. Der an den Dingen leidet und dem sie nicht egal sind. Kein durchgedrücktes Kreuz, keine Muskeln, die spielen, kein zu allem entschlossener Blick. Wir brauchen in einer Gesellschaft der starken Ellenbogen und der »dicken Felle« das Bewusstsein dafür, dass Abschottung, Verrohung und Gewalt den Einzelnen wie die Gesellschaft isolieren.

Ernst Barlachs »Fries der Lauschenden« (1930–1935): die Träumende, der Gläubige, die Tänzerin, der Blinde, der Wanderer, die Pilgerin, der Empfindsame, der Begnadete, die Erwartende (von links). Foto: Ernst Barlach Haus, Hamburg/H.-P. Cordes

Ernst Barlachs »Fries der Lauschenden« (1930–1935): die Träumende, der Gläubige, die Tänzerin, der Blinde, der Wanderer, die Pilgerin, der Empfindsame, der Begnadete, die Erwartende (von links). Foto: Ernst Barlach Haus, Hamburg/H.-P. Cordes

Wir brauchen den Mut, uns durch Sensibilität angreifbar zu machen, statt dem Gewissen auszuweichen. »Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist«, sagt der Prophet (Micha 6,8) – wissen tun wir es ganz genau! Nur zu tun wagen wir es nicht. Zu groß scheint uns die Gefahr der Lächerlichkeit, der Beschimpfung als »Gutmensch«, des Schwimmens gegen den Strom der Egoisten und Machtbefürworter. Barlach hat diesen Mut gehabt: Sein Mahnmal des Krieges im Magdeburger Dom spricht das Empfinden der Opfer an, nicht das Heldentum der Verführten. Und er wurde verfemt für seine empfindsamen Gestalten in einer Zeit der Unempfindlichkeit und Unmenschlichkeit.

Achtsamkeit ist Behutsamkeit. Im Umgang mit den Menschen, im Umgang mit den Tieren, im Umgang mit der Natur. Das Gegenteil von Behutsamkeit ist brachiale Gewalt, angetan den Bäumen, die zu Tausenden gefällt werden für Straßentrassen, Telefonleitungen, Hochhäuser und Parkplätze; angetan der Elbe, die für ein unsinniges Verkehrskonzept geschottert und gesteinigt wird; angetan den Tieren, die maschinell aufgezogen und vollautomatisch getötet werden oder zigtausendfach gekeult, weil wir der Folgen der industriellen Haltung nicht mehr Herr werden. In zahllosen Tiergottesdiensten, Elbeandachten und Baumschutzaktionen haben wir in Magdeburg den Mund aufgetan für die Stummen. Wer die Behutsamkeit mit der uns anvertrauten und unser Leben erhaltenden Schöpfung nicht mehr wahrt, der wird auch kein Verständnis haben für den behutsamen Umgang mit Kindern und Alten, Kranken und Behinderten. Und mit uns selbst, wenn wir einmal nicht mehr können.

Die Adventszeit hat eine merkwürdige Ambivalenz: gleichzeitig Vorfreude und Vorbereitung, gleichzeitig Hochgefühl und Mühe, gleichzeitig Dankbarkeit und Buße: Von »Macht hoch die Tür« bis zu »Mit Ernst, o Menschenkinder« reicht die Palette. Die Achtsamkeit führt uns auf die dunkle Seite des Advent, auf die Seite derer, in deren Dunkel Gott kommen will, auf die Seite derer, die Jesus seliggepriesen hat, auf die Seite der Ohnmächtigen und Schwachen.

Es ist keine Gefühlsduselei, keine Schwäche, achtsam zu sein. Es ist das notwendige Gegengewicht zur Brutalität des Lebens und des menschlichen Wesens. Ein achtloser Gott hätte die Welt ihrem Schicksal überlassen. Ein achtsamer Gott macht sich auf und kommt in unsere Not.

Giselher Quast

Der Autor ist Magdeburger Domprediger i. R.

Passen Sie auf sich auf!

9. Dezember 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Es ist früh am Tag. Müde stehe ich auf dem Bahnsteig. Die Zugfahrt wird ein paar Stunden dauern. Dann kommt eine lange Sitzung. Jetzt aber erst einmal einsteigen.

Mein Wagen ist relativ leer. Auf den Platz neben mir lege ich die Zeitung, mein Becher mit Tee kommt auf den Klapptisch. Der Zug gleitet durch die Landschaft. Alles funktioniert reibungslos. Wie viele Menschen wohl jetzt darauf achten, dass alles gut geht?

Pünktlich kommen wir in Leipzig an. Der Zugbegleiter macht seine Durchsage in deutscher und englischer Sprache. Zum Schluss sagt er: »Take care and good bye.« Während Reisende aus- und einsteigen, geht mir das »take care« im Kopf herum. Als Redewendung kommt es so leichtfüßig daher: »Tschüss, machen Sie es gut.« Wenn man die Worte aber wörtlich nimmt, meinen sie irgendetwas zwischen »Passen Sie auf sich auf – achten Sie auf sich – kümmern Sie sich um sich.« Wie also achte ich heute auf mich? Wie kann ich mich gut um mich selbst kümmern? Vielleicht nicht so sehr dahineilen von Ort zu Ort, von Termin zu Termin, mir Zeit nehmen für Pausen.

Foto: Rainer Sturm_– pixelio.de

Foto: Rainer Sturm – pixelio.de

Oder dafür, bei einem wichtigen Gedanken zu verweilen. Dafür, bei der Sitzung heute ganz und gar anwesend zu sein und nicht nebenbei noch schnell die neuesten E-Mails zu lesen. Mir die Zeit nehmen, um nach Ende der Sitzung mit dem langjährigen Kollegen noch ein paar persönliche Worte zu wechseln. In der Mittagspause spazieren gehen. Lauter Möglichkeiten, heute auf mich und andere zu achten. Aufmerksam zu sein. Achtsam und aufmerksam auch auf das, was durch Gottes Wort auf mich zukommt: »Halte dich an die Unterweisung, lass nicht von ihr ab, bewahre sie, denn sie ist dein Leben«, lese ich in der Tageslosung. Achtsam für das eigene Leben zu sein heißt also auch, auf etwas zu achten, was nicht in mir selbst zu suchen und zu finden ist. Indem ich auf Gottes Unterweisung achte, achte ich auf mich und mein Leben. Ja, auch das ist eine Form von Achtsamkeit – »take care«. Meine Güte, wenn die Deutsche Bahn wüsste, auf welche Gedanken mich ihre Zugdurchsage bringt.

Ein paar Reihen vor mir ist ein älterer Mann zugestiegen. »Ich verreise nicht mehr so oft«, sagt er zu seinem Sitznachbarn. Er spricht sehr laut und ist aufgeregt. Unser Zug hat mittlerweile Verspätung – jetzt sorgt er sich, ob er in Wittenberg seinen Anschlusszug bekommen wird. Ob die Zeit zum Umsteigen reicht. Und das mit dem schweren Koffer. Gewollt oder ungewollt, wir Mitreisenden sind bald gut über seine Reise informiert. Sein Sitznachbar aber hört ihm geduldig zu. Fragt freundlich nach. Und sagt schließlich beruhigend: »Ihr Anschlusszug wartet bestimmt. Und keine Sorge, ich steige auch in Wittenberg aus. Wir machen das einfach zusammen.« Als der Zug in Wittenberg einfährt, heißt es wieder: »Take care and good bye.« Der Anschlusszug des älteren Mannes steht auf dem Gleis gegenüber. Ich sehe noch, wie sein Sitznachbar ihn bis zum Einstieg begleitet und ihm den Koffer hinaufreicht. Eine kleine Geste der Sorge für einen anderen. Hilfe und Mitverantwortung für einen Menschen, der uns auf einer Reise begegnet. Wie es wohl wäre, wenn wir so gemeinsam auf unserer Lebensreise unterwegs wären? Mit einem wachen Blick für die Bedürfnisse der anderen. Vielleicht sogar so, dass die Sorge für den anderen ab und an wichtiger ist als die Sorge um uns selbst. Weil, wie es der Philosoph Emmanuel Lévinas sagt, unsere Menschlichkeit genau darin besteht, dass wir den Vorrang des anderen anerkennen können. Das Kind, dessen Ankunft wir im Advent erwarten, hat genau diese Menschlichkeit gelebt.

Für mich ist es jetzt nicht mehr weit. In Berlin werde ich aussteigen. Es regnet. Zum letzten Mal höre ich die Durchsage: »Take care.«

Kristina Kühnbaum-Schmidt

Die Autorin ist Regionalbischöfin des Propstsprengels Meiningen-Suhl.

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