»Der Engel schwieg«

17. November 2017 von redaktionguh  
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Volkstrauertag: Über die Gegenwart des Leids in der Sprache wird der Autor am Sonntag bei einer Gedenkveranstaltung in Wittenberg sprechen.

Zwanzig Jahre nach Kriegsende präsentierte Heinrich Böll mit »Heimat und keine« überschriebene Reflexionen zur Präsenz der Zerstörung in einem Land, das sich den Neuaufbau auf die Fahnen geschrieben hatte: »Menschen sind wohl nur da halbwegs zu Hause, wo sie Wohnung und Arbeit finden, Freunde und Nachbarn gewinnen. Die Geschichte des Ortes, an dem einer wohnt, ist gegeben, die Geschichte der Person ergibt sich aus unzähligen Einzelheiten und Erlebnissen, die unbeschreiblich und unwiederbringlich sind.«

Köln war für Böll – im Dezember 2017 wäre er 100 Jahre alt geworden – Heimat in doppeltem Sinn: als Vorkriegs- und Nachkriegsstadt. Beide waren für ihn »Gegenstand der Erinnerung – und der Sentimentalität natürlich«. So hatte sich in sein Gedächtnis auch die Stille eingebrannt, die wie der Staub »unermesslich« über der Zerstörungslandschaft lag. 1950 hätte Böll eigentlich einen Roman veröffentlichen wollen, in dem er sich mit dem Krieg auseinandersetzte. »Der Engel schwieg« erschien dann aber erst 1992 postum. Der Verlag hielt ihn zu Beginn der 1950er-Jahre für nicht (mehr) angemessen. Nicht der Krieg selbst war Gegenstand dieses am 8. Mai 1945 einsetzenden und mit Rückblenden arbeitenden Romans, sondern das Geschehen »zeigt nur«, wie es der Autor selbst beschreibt, »die Menschen dieser Zeit, ihren Hunger«.

Foto: epd-bild

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Berichtet wird »von einer Liebesgeschichte, klar und spröde, die der Phrasenlosigkeit der ›heimkehrenden‹ Generation entspricht, die weiß, daß es keine Heimat auf dieser Welt gibt«. Zu Beginn begegnet der Protagonist einem Engel. Der Ausdruck der Plastik war »milde und schmerzlich lächelnd«. Mit Entfernung des auf ihr liegenden Staubes verschwand die ursprüngliche Aura und damit alle Lebendigkeit. Das Schweigen des Engels, der eine Lilie in der Hand trägt, dominiert die Erzählstränge, ja, es wird am Ende noch dadurch potenziert, dass ein anderer schweigender Engel, machtlos mit dem Gesicht nach unten, während einer Beerdigung in den Friedhofsschlamm gedrückt wird, sein Schwert liegt zerbrochen neben ihm. Böll beschreibt die Unfähigkeit, erlebtes Grauen, aber auch die Einsicht in individuelle und kollektive Schuld zur Sprache zu bringen. Das Leid ist allzu übermächtig. Es gibt keine »Stunde Null«. Stattdessen dominieren eben nicht nur die Brüche, sondern auch die Kontinuitäten.

Aber die Beschwörung der Sprachlosigkeit behielt in der Literatur nach ’45 nicht das letzte Wort. Mit Energie schob sich die Einsicht in den Vordergrund, dass nur die Artikulation und die gemeinsame Kommunikation es möglich machten, sich des Gewesenen zu erinnern, um gerade auch als Gesellschaft wieder handlungsfähig zu werden.

Martin Walser, der den ersten Frankfurter Auschwitzprozess von 1963 bis 1965 beobachtete, formulierte noch 2004 nachdrücklich: »Wenn ich mit Sprache zu tun habe, bin ich beschäftigt mit der Verwaltung des Nichts. Meine Arbeit: Etwas so schön zu sagen, wie es nicht ist.« Wenn Walser Sprache als »Bewegung schlechthin« begreift, nimmt er die zentrale theologisch-philosophische Einsicht auf, dass sich in der Äußerung ein realitätsveränderndes Ereignis vollzieht. Wer also Erinnerung ausdrückt, gestaltet die Gegenwart. Trifft dies zu, wird der Zustand des Schweigens als besonders schmerzhaft und lähmend erfahren.

Gerade Schriftsteller sind es, die es, allein schon aus Gründen ihrer Profession, nicht ertragen, sprachlos bleiben zu müssen. Nicht von ungefähr sind Publikationsverbote ein bewährtes Repressionsmittel. In seltener Intensität hat auch Ingeborg Bachmann mit dem Schweigen gerungen, das in den 1950er-Jahren nicht nur lähmend über den Menschen lag, sondern auch von ihnen ausging. »Schweigt mit mir, wie alle Glocken schweigen!« – mit diesem Aufruf lässt sie in »Die gestundete Zeit« ihr Gedicht »Psalm« beginnen, das dann schließlich auf die verstörende Bitte zuläuft: »In die Mulde meiner Stummheit / leg ein Wort / und zieh Wälder groß zu beiden Seiten, / daß mein Mund / ganz im Schatten liegt.«

Alf Christophersen

Der Autor ist promovierter Theologe und Studienleiter der Ev. Akademie Sachsen-Anhalt.

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Die Zugewinngemeinschaft

10. November 2017 von redaktionguh  
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Positiver Trend: Erstmals seit 15 Jahren wurden im vorvergangenen Jahr in Deutschland wieder mehr als 400000 Ehen geschlossen. Im Gegenzug dazu ließen sich seit 2008 jährlich weniger Paare scheiden.

Die Zahlen und die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare im Juli dieses Jahres durch den Bundestag könnte als Indiz gelten, dass die Ehe gerade eine enorme Aufwertung erfährt. Dass sie eine erstrebenswerte Verbindung sei, die es wert ist, allen ermöglicht zu werden.

Ein Stück vom Kuchen: Das gemeinsame Anschneiden der Torte gehört für viele Paare zur Tradition an ihrem Hochzeitstag – ob sie ihre gemeinsame Zukunft nun mit oder ohne Gottes Segen planen. Foto: Igor Link – stock.adobe.com

Ein Stück vom Kuchen: Das gemeinsame Anschneiden der Torte gehört für viele Paare zur Tradition an ihrem Hochzeitstag – ob sie ihre gemeinsame Zukunft nun mit oder ohne Gottes Segen planen. Foto: Igor Link – stock.adobe.com

Doch schließen Paare mit Anfang 20 den Bund fürs Leben, werden sie nicht selten in ihren Familien oder ihrer Umgebung belächelt und als unwissend und blauäugig bezeichnet. Dies zeigt die fundamentale Veränderung der Ehe als Wert deutlich. War sie einst Grundlage des Zusammenlebens und Ausgangspunkt der Familiengründung, ist sie nun häufig zum Sahnehäubchen geworden, das eventuell dazu kommt, wenn das Haus gebaut ist und die Kinder bereits da sind.

Fast über Nacht wurde der Begriff »Ehe« im deutschen Recht umgedeutet, sodass nicht mehr Mann und Frau der Stand der Ehe vorbehalten ist, sondern ebenso Mann und Mann und Frau und Frau eine Ehe eingehen können. Was im staatlichen Bereich Realität ist, soll es nun auch im kirchlichen werden. In den einzelnen Landeskirchen sehen die Regelungen sehr unterschiedlich aus.

In der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz oder der badischen Landeskirche beispielsweise ist die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare der traditionellen gleichgestellt. In den Landeskirchen in Bayern, Braunschweig und Oldenburg sind lediglich Segnungen möglich, die teilweise nicht öffentlich sein sollen und in jedem Fall von einer Trauung zu unterscheiden sein müssen.

In der Landeskirche Anhalts entscheiden Gemeinde und Pfarrer gemeinsam über eine Segnung homosexueller Paare. Auch in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) ist es seit 2012 möglich, dass Paare, die in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft leben, in einem Gottesdienst gesegnet werden können. Bereits im Frühjahr forderte jedoch die Evangelische Jugend der EKM die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare der Trauung von Mann und Frau gleichzustellen. Für sie ist die Unterscheidung diskriminierend und die Aufrechterhaltung eines Zwei-Klassen-Segens. Aktuell liegt die Thematik dem Ausschuss für Theologie und Gemeindeaufbau zur Beratung vor.

Langes Ringen um eine Erklärung zum Umgang mit gleichgeschlechtlichen Paaren gab es auch innerhalb der Deutschen Evangelischen Allianz. Sie veröffentlichte dazu Ende September ein Positionspapier. Das Fazit: Nach Ansicht der Evangelischen Allianz können »homosexuelle Partnerschaften der Ehe nicht gleichgestellt werden«.

Von der Bibel, als »verbindlicher Maßstab in allen Fragen des christlichen Glaubens und der Lebensführung« ausgehend, werde die Ehe »als eine gute Stiftung Gottes« betrachtet, »in der Mann und Frau einander ganzheitlich – inklusive der geschlechtlichen Gemeinschaft – zugeordnet sind«. Weiter heißt es: »Die in der Bibel beschriebene homosexuelle Praxis ist mit dem Willen Gottes und damit dem biblischen Ethos unvereinbar.« Abschließend wird aber auf die »vorbehaltlose Annahme aller Menschen« im Evangelium verwiesen und darauf, dass jeder genauso anzunehmen ist, »wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre«. (Römer 15,7)

Den Status der »Ehe« in unseren Gemeinden und der Gesellschaft zu erfassen, ist eine Herausforderung. Dabei ist die Problematik der Begrifflichkeit genauso schwierig, wie die Frage nach der Relevanz und dem gesellschaftlichen Ansehen dieser verbindlichen Art des Zusammenlebens. »Warum Ehen mit Gott länger halten« betitelte »Die Zeit« in diesem Sommer einen Artikel, der verschiedene Studien vorstellte, die nachwiesen, dass »religiöse Paare ein deutlich geringeres Scheidungsrisiko als Verheiratete ohne Bezug zur Kirche haben«.

Eine Ehe mit Gott zu führen, ist kein Garant für lebenslanges Zusammensein. Aber Gott gibt der Ehe mit seinem Segen einen anderen Stellenwert, der über das bloße Gestalten des gemeinsamen Lebens hinausgeht.

Mirjam Petermann

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Eine Frage der Definition

3. November 2017 von redaktionguh  
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Zwischen Form und Inhalt: Formale Kriterien entscheiden, wann eine Klinik, eine Sozialstation oder ein Pflegedienst sich diakonisch nennen dürfen. Das Beispiel der Lungenklinik Ballenstedt fordert zum Umdenken auf.

Die Diakonie Mitteldeutschland prüft den Ausschluss einer Einrichtung. Der Wohlfahrtsverband der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands (EKM) und der Landeskirche Anhalts beschäftigt sich mit der Lungenklinik Ballenstedt. Der Grund: Das Krankenhaus, das bis zum vergangenen Jahr alleinig zur Evangelischen Stiftung Neinstedt gehörte, hat seit Februar 2017 einen weiteren Gesellschafter. Das kommunale Harzklinikum »Dorothea Christiane Erxleben« hält inzwischen 51 Prozent der Geschäftsanteile der Lungenklinik.

Das hat Folgen. »Eine Einrichtung ist dann der Diakonie zuzuordnen, wenn die Kirche den entscheidenden Anteil hat, wenn sie das Sagen hat«, erklärt Wolfgang Teske, kaufmännischer Vorstand der Diakonie Mitteldeutschlands. Das ist die derzeitige Rechtslage.

Doch ein Ausschluss scheint von keinem Beteiligten gewollt und so laufen seit Monaten viele Gespräche. Das Kirchenrechtliche Institut wurde um ein Gutachten gebeten. Über einen möglichen Ausschluss oder eine weitere Zuordnung entscheidet der Diakonische Rat, dem hochrangige Vertreter der beiden Landeskirchen angehören.

»Wir stehen hier vor dem echten Problem zu definieren, was Diakonie eigentlich ist«, sagt Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig auf Nachfrage von »Glaube+Heimat«; die Lungenklinik Ballenstedt befindet sich auf dem Gebiet der anhaltischen Landeskirche.

Praktizierte Nächstenliebe auf Grundlage des christlichen Menschenbildes – so kann man die vielen diakonischen Angebote zusammenfassen. Foto: Andrey Popov

Praktizierte Nächstenliebe auf Grundlage des christlichen Menschenbildes – so kann man die vielen diakonischen Angebote zusammenfassen. Foto: Andrey Popov - stock.adobe.com

Wer sich Diakonie nennen und das Kronenkreuz im Logo tragen darf, muss bestimmte Kriterien erfüllen. Dazu zählen etwa das Arbeitsrecht und die Gesellschafterstruktur. Was aber, wenn wie im Falle Ballenstedts das Unternehmen eigenständig im Status einer Tochtergesellschaft des kommunalen Trägers bleibt, wenn Arbeitsverträge nicht angetastet werden, es weiterhin eine Klinikseelsorge, einen Besuchsdienst und eine Hospizgruppe gibt?

Zudem hat die Evangelische Stiftung ein Vetorecht. Befürworter werten dies als eine Reihe von Argumenten, die dafür sprechen, dass die Ballenstedter Klinik Mitglied der Diakonie bleibt.

Dass die Lungenklinik überhaupt gemeinsam mit dem Krankenhaus des Landkreises Harz geführt wird, hat auch wirtschaftliche Gründe. Die Verwaltung wird gebündelt, das führt zu Einsparungen und durch den Verbund eröffneten sich neue Leistungsfelder, berichtete die »Volksstimme« bereits vor einem Jahr. Harzklinikum und Stiftung wollen mit der gemeinsamen GmbH die Lungenklinik als Krankenhaus der Region stärken. Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig betonte, Kirche, Klinik und Diakonie bleiben im Gespräch. Die Frage, welche Rolle ein diakonisches Selbstverständnis und ein geistliches Profil in der Zuordnung spielen und wie belastbar inhaltliche Kriterien sein müssen und überhaupt sein können, stelle sich indes nicht nur für das Diakonische Werk und die beiden Landeskirchen in Mitteldeutschland. Es sei ein bundesweites Thema.

»Bisher gibt es da keine Einheitlichkeit, das ist außerordentlich bedauerlich«, so Liebig weiter. Nicht nur Änderungen der Gesellschafterstruktur, auch neue arbeitsrechtliche Wege fordern zum Nachdenken auf, wann ein Sozialunternehmen sich Diakonie nennen darf und wann nicht. Dies sei eine berechtige Frage der diakonischen Dachverbände an die verfasste Kirche. Aufs Tableau kommen all diese Themen, weil die Wirtschaft das Soziale längst durchdringt. Das Umfeld hat sich verschärft, die Konkurrenz durch nichtkirchliche Träger ist groß geworden.

Indes hat die Mitgliederversammlung der Diakonie Mitteldeutschland einen Sanktionskatalog verabschiedet, um künftig differenzierter auf Verstöße gegen das Satzungsrecht reagieren zu können. »Bislang hatten wir außer dem Vereinsausschluss keine anderen Möglichkeiten«, schildert Vorstand Wolfgang Teske und zählt als neue, weitere Möglichkeiten Ermahnungen oder die Einschränkung von Rechten auf. Der Ausschluss aus dem Dachverband gilt als ultimo ratio.

Katja Schmidtke

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Rückblick und Ausblick

30. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Vorbei: Ein Jahr lang hat die evangelische Kirche an ihre Wurzeln erinnert. Der Reformationstag soll kein Schluss-, sondern ein Doppelpunkt sein. Was bleibt? Was kommt?

Die Aktion »Offene Kirchen« soll weitergehen. Auch wenn das ambitionierte Ziel, alle 4 000 evangelischen Kirchen in Mitteldeutschland im Reformationsjahr zu öffnen, deutlich verfehlt wurde, hält Landesbischöfin Ilse Junkermann daran fest. Gutes brauche Zeit, meint sie.

Ein Anfang ist immerhin gemacht. Im Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen freut man sich über unerwartet positive Erfahrungen. In der hochfrequentierten Eisenacher Georgenkirche finden sich seit Mai Hinweise und Informationen zu 70 Kirchen im Wartburgland.

Auf zehn Themenwegen können die Besucher von Eisenach aus die Kirchen erkunden. Die Resonanz sei überraschend gut, so Ralf-Peter Fuchs, der Superintendent des Kirchenkreises.

Lichtgestalten: Zum Abschluss des Reformationsjahres wird die Wartburg in Eisenach vom 30. Oktober bis 1. November (ab 18 Uhr) noch einmal spektakulär in Szene gesetzt – mit Soundinstallation und beeindruckenden Projektionen auf die Außenmauern, die Luthers Leben und Wirken Revue passieren lassen. Foto: epd-bild

Lichtgestalten: Zum Abschluss des Reformationsjahres wird die Wartburg in Eisenach vom 30. Oktober bis 1. November (ab 18 Uhr) noch einmal spektakulär in Szene gesetzt – mit Soundinstallation und beeindruckenden Projektionen auf die Außenmauern, die Luthers Leben und Wirken Revue passieren lassen. Foto: epd-bild

Das Wittenberger Konfi-Camp war ein Erfolgsschlager. Es gab mehr Interessenten als Plätze. Die Idee, dass junge Christen mit den Konfirmanden geistliche Gemeinschaft einüben, hat auf den Elbauen vor den Toren der Lutherstadt bestens funktioniert. Dieses Modell soll in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) fortgesetzt werden.

Das hätte so niemand erwartet: Viele Menschen sind der Einladung zum Anhaltmahl in Dessau gefolgt. Die lange Tafel mitten durch die Stadt war voll besetzt. Für manche war es die erste Berührung mit Kirche und Gemeinde. Schon häufig wurde seitdem Kirchenpräsident Joachim Liebig angesprochen: »Wann macht ihr das wieder?« In der anhaltischen Landeskirche überlegt man deshalb, in welcher Form dieses Format der Begegnung fortgesetzt werden kann.

Drei Beispiele, die – allen Unkenrufen zum Trotz – zeigen: Ecclesia semper reformanda – Reformation geht weiter – der Slogan ist mehr als eine Durchhalteparole. Die Feierlichkeiten zur Erinnerung an den Beginn der Reformation vor 500 Jahren gelten bereits jetzt als historischer Schritt auf dem Weg der Kirchen zu größerer Einheit.

Das Reformationsjubiläum ist das erste im Zeitalter der Ökumene. In den Bilanzen herrscht große Einigkeit: Das 500. Reformationsjubiläum war international von konfessioneller Offenheit, Freiheit und Ökumene geprägt – vor allem in Deutschland, wo es fast gleichviele katholische wie evangelische Christen gibt. Laut dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, ist es gelungen, das Jubiläum ohne nationalistische und anti-katholische Stoßrichtung zu feiern. Das Vertrauen zwischen Protestanten und Katholiken sei gewachsen.

Auf der Haben-Seite stehen für den Repräsentanten von rund 21,9 Millionen Protestanten in Deutschland unter anderem prall gefüllte Massenveranstaltungen wie auf der Tour des Pop-Oratoriums »Luther«; der schnelle Ausverkauf der ersten Auflage der revidierten Luther-Bibel, der Erfolg der Luther-Figur von Playmobil, der Kirchentag in Berlin mit Stargast Barack Obama und viele Kontakte zu Menschen, die bis zu diesem Jahr wenig bis keine Kontakte zur Kirche hatten.

Nicht zufrieden ist man auch an der Spitze dagegen mit den Besuchszahlen der Weltausstellung Reformation in Wittenberg sowie den parallel zum zentralen Christentreffen in Berlin abgehaltenen Kirchentagen auf dem Weg, parallel zum zentralen Christentreffen. Einiges habe nicht funktioniert, sagte Irmgard Schwaetzer, die Präses der EKD-Synode, kürzlich im MDR-Fernsehen.

Das EKD-Kirchenparlament kommt Mitte November zusammen. Dort werde dann Bilanz gezogen, kündigte Bedford-Strohm an. Die Mitglieder der Synode erhoffen sich auch Erkenntnisse von den von ihnen ernannten Scouts. 32 Experten aus Kirche und Gesellschaft, darunter eine Vertreterin der EKM, haben im vergangenen Jahr auch medial weniger beachtete Veranstaltungen besucht.

Auch wenn in diesem Jahr viel von Versöhnung und Einheit im Bezug auf die vor 500 Jahren begründete Kirchenspaltung die Rede war. Konkrete Schritte etwa hin zu einem gemeinsamen Abendmahl gab es nicht. Hoffnung darauf, wenn auch nicht allzu große, hatte es durchaus gegeben. Dafür brauche es Geduld, einen »langen Atem«, appellierte Bedford-Strohm.

(Willi Wild/epd)

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Wege aus der Sucht

20. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Hilfe: Den Weg gemeinsam mit einem Süchtigen zu gehen ist hart. Suchtberater geben Tipps, woran Angehörige eine Abhängigkeit erkennen, welche Fehler sie vermeiden sollten und wie sie helfen können.

Ständig hängt der Sohn am Smartphone, verdächtig oft kommt der Ehemann mit einer Fahne vom »Sport«. Die Tochter braucht ihre Jeans schon wieder eine Nummer kleiner, und Mama frühstückt seit einigen Tagen nur Zigaretten. Vier Beobachtungen über das Verhalten von Familienmitgliedern, die Grund zur Sorge sein können – aber nicht müssen. Denn längst nicht alles außerhalb der Norm ist eine Sucht oder führt dorthin. Dennoch kann gerade für Gefährdete das wachsame Auge besorgter Menschen wichtig sein. Denn ihre eigene Selbsteinschätzung trügt häufig.

»Sucht zu verdrängen und nicht wahrhaben zu wollen gehört zum Krankheitsbild«, erklärt Knut Kiepe, Sozialarbeiter vom Gesamtverband für Suchthilfe, einem Verband der Diakonie.

Zwei Fragen können Angehörigen helfen herauszufinden, womit sie es zu tun haben. Erstens: Was passiert, wenn das Suchtmittel nicht vorhanden ist? Wird der potenziell Abhängige unruhig und versucht vieles, um es sich wieder zu beschaffen? Das kann ein Hinweis darauf sein, dass jemand süchtig ist, beschreibt Andreas Bosch, Vorsitzender der Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe.

Die zweite Frage bezieht sich auf den Kontrollverlust: Ist derjenige noch in der Lage, sein Leben zu meistern? Zur Schule oder Arbeit zu gehen, Freunde zu treffen, Hobbys zu pflegen? »Menschen mit Suchtproblem richten ihr Leben nach der Droge. Zuerst kommt sie, dann alles andere«, sagt Kiepe. Diese Nachrangigkeit lasse sich bemerken. Lässt sich ein Verdacht nicht ausräumen, rät Bosch, die Beobachtungen offen anzusprechen. »Es kann sein, dass die Süchtigen alles abstreiten, es kann aber auch sein, dass sie ins Nachdenken kommen und einer Behandlung zustimmen«, sagt er. Keinesfalls sollten Angehörige zögern, sich an eine Beratungsstelle oder Sucht-Selbsthilfegruppe zu wenden.

Jens Reinländer ist seit sechs Jahren trocken. Es wird leichter, man darf nur nicht den Mut verlieren, sagt er. Foto: Dana Toschner

Jens Reinländer ist seit sechs Jahren trocken. Es wird leichter, man darf nur nicht den Mut verlieren, sagt er. Foto: Dana Toschner

Der schlimmste Fehler ist, wenn sich Angehörige gar nicht für den übermäßigen Konsum interessieren oder ihn als willkommenen »Ruhigsteller« von Partner oder Kind betrachten, sagt Kiepe. Auch das andere Extrem sei falsch: Wenn etwa Eltern Jugendlichen die Smartphone-Nutzung komplett verbieten. »Oft machen Angehörige aus Sorge vor den Konsequenzen genau das Falsche«, sagt Bosch.

So bringt die Ehefrau dem Alkoholiker den Schnaps vom Einkaufen mit und verhindert so, dass er selbst raus muss und sich seiner Sucht stellt. Eltern liefern dem jugendlichen PC-Zocker das Essen an den Schreibtisch, sodass er seine Spielhölle gar nicht mehr verlässt. Kontraproduktiv ist auch, wenn Angehörige Alkohol- oder Tablettenvorräte einfach wegkippen. Das schüre nur Wut und zerstöre Vertrauen. Außerdem hört damit die Sucht nicht auf, und die Folgen der Entzugserscheinungen sind nicht ohne Weiteres abzuschätzen, sagt Bosch.

Tatsächlich sind die Möglichkeiten von Angehörigen, einem uneinsichtigen Kranken zu helfen, begrenzt. Herbert Weinmann, Suchttherapeut beim Blauen Kreuz, rät, das Thema vorsichtig anzusprechen oder das Infoblatt einer Beratungsstelle »wie zufällig« liegen zu lassen. Doch ohne die Einsicht, abhängig zu sein und Hilfe zu brauchen, habe man wenig Chancen. Der Suchttherapeut gesteht: »Das ist schwer auszuhalten.«

Wenn ein Nahestehender leidet, will man helfen. Doch oft nehmen Angehörige dafür zu viel auf sich. »Sie ertragen Situationen länger als ihnen guttut«, sagt Bosch. Manchmal kommt es sogar zur Ko-Abhängigkeit. »Wenn Angehörige anfangen, sich nach demselben Muster wie der Suchtkranke von der Sucht ihr Leben strukturieren zu lassen, ist eine Grenze erreicht«, erklärt Kiepe. Damit es nicht so weit kommt, ermutigen die Experten Angehörige, sich früh an eine Beratungsstelle zu wenden. Sie hilft, das Verhalten des Betroffenen zu verstehen, richtig zu reagieren und idealerweise eine Lösung zu finden.

Brigitte Vordermayer

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Alles dreht sich ums Leben

13. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Welthospiztag: Am 14. Oktober rückt das Thema Sterben in den Fokus der Öffentlichkeit. Wie steht es aktuell um die Hospiz- und Palliativversorgung in Mitteldeutschland?

Dinge müssen geregelt werden – auch wenn es ums Sterben geht: Vor zwei Jahren wurde das Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland beschlossen. Es findet nüchterne Worte für das, was sich für die meisten von uns nur schwer in Worte fassen lässt.

Durch dieses Gesetz hat sich einiges verändert: So gehört die Sterbebegleitung jetzt ganz konkret zum Versorgungsauftrag der sozialen Pflegeversicherung; die Palliativversorgung wurde mit dem Gesetz zudem ausdrücklicher Bestandteil der Regelversorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung. Versicherte haben Anspruch auf individuelle Beratung durch die gesetzlichen Krankenkassen. Die finanzielle Ausstattung stationärer Kinder- und Erwachsenen-Hospize ist besser geworden. Zum einen durch die Erhöhung des Mindestzuschusses der Krankenkassen: Der Tagessatz liegt in stationären Hospizen je betreutem Versicherten, also pro belegtem Bett, bei rund 260 Euro (in 2017). Zum anderen hat sich durch das neue Gesetz der Krankenkassen-Anteil erhöht. Die Krankenkassen tragen fortan 95 Prozent der zuschussfähigen Kosten. Die restlichen 5 Prozent sind durch das jeweilige Hospiz, zum Beispiel in Form von Spenden oder ehrenamtlicher Mitarbeit, aufzubringen.

Wichtig, und vielen nicht bekannt: Der in den Hospizen »Gast« genannte Patient muss für den Aufenthalt nicht zahlen: Eigenanteile dürfen dem Versicherten weder ganz noch teilweise in Rechnung gestellt werden.

Treuer Begleiter: In manchen Hospizen sind Therapiehunde für die Gäste da und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Wohlbefinden. Foto: Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu – fotolia.com

Treuer Begleiter: In manchen Hospizen sind Therapiehunde für die Gäste da und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Wohlbefinden. Foto: Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu – fotolia.com

In Thüringen gibt es aktuell sechs stationäre Hospize – in Bad Berka, Eisenach, Erfurt, Meiningen, Neustadt/Harz und Weimar – sowie das Kinder- und Jugendhospiz in Tambach-Dietharz. Insgesamt bieten diese Einrichtungen Platz für 78 Gäste. Hinzu kommen 13 Palliativstationen mit insgesamt 133 Plätzen sowie 10 sogenannte »Spezialisierte Ambulante Palliative Versorgungsteams« (SAPV), davon eines für Kinder. Diese ermöglichen es Sterbenden, zu Hause bleiben zu können. Einen wichtigen Beitrag im Netzwerk leisten die 31 ambulanten Hospizdienste (26 für Erwachsene, 5 für Kinder), 1 100 Ehrenamtliche engagieren sich hier thüringenweit.

Laut Ilka Jope von der Geschäftsführung des Thüringer Hospiz- und Palliativverbands in Erfurt ist Thüringen im Bereich der Palliativ- und Hospizversorgung im Vergleich zu anderen Bundesländern sehr gut ausgestattet – allerdings werden die Plätze auch benötigt.

Die Situation in Sachsen-Anhalt: Hier gibt es laut Ulrich Paulsen, Vorsitzender des Vereins Hospiz Sachsen-Anhalt, aktuell sechs stationäre Hospize – in Dessau-Roßlau, Halle, Magdeburg, Quedlinburg, Stendal und Zerbst – mit insgesamt 60 Plätzen, hinzu kommen ein stationäres Kinderhospiz in Magdeburg und rund 12 Palliativstationen sowie 13 professionell und 10 ehrenamtlich koordinierte ambulante Hospizdienste, 5 davon für Kinder. Insgesamt sind rund 680 ausgebildete Ehrenamtliche im Einsatz. In Sachsen-Anhalt gibt es zehn SAPVs (plus zwei für Kinder).

Die Erkenntnis, dass Schwerstkranke und sterbende Menschen und die ihnen Nahestehenden am Ende des Lebens Zuwendung und Unterstützung bedürfen, hat sich gesamtgesellschaftlich immer mehr etabliert, die Hospizbewegung insgesamt eine starke Entwicklung genommen. Trauerbegleitung und Bildungsveranstaltungen werden vielerorts angeboten. 2017 feiert der Deutsche Hospiz- und Palliativverband (DHPV) sein 25-jähriges Bestehen. Er ist der Dachverband für über 1 100 Hospizvereine und Pal­liativeinrichtungen.

In Deutschland gibt es seit 2008 die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen. Seit ihrer Veröffentlichung haben sich viele Unterzeichner gefunden, darunter die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und auch zahlreiche Institutionen in Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Adrienne Uebbing

www.hospiz-thueringen.de


www.hospize-sachsen-anhalt.de


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Zutaten für das Wachsen

6. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Mission: Was machen wachsende Kirchengemeinden anders? Englische Wissenschaftler suchten nach Antworten. Und fanden auch Gründe fürs Schrumpfen.

Je mehr die Kirche über das Schrumpfen spricht, desto lauter wird die Frage nach dem Wachsen. Doch ist das mehr als ein frommer Wunsch? Viele verweisen da gern auf England: Seit Jahren schon experimentiert die anglikanische Kirche mit ganz neuen Formen von Kirche, »Fresh Expressions of Church« (deutsch: frische, neue Ausdrucksformen von Kirche), kurz: Fresh X.

Das sind neue Gemeinden, die ganz anders sind: in Läden etwa, in Cafés oder sozialen Brennpunkten und mit ganz anderen Gottesdiensten. In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) gibt es mit den Erprobungsräumen etwas Ähnliches.

Foto: Roman Bodnarchuk – stock.adobe.com

Foto: Roman Bodnarchuk – stock.adobe.com

Dabei ist auch das Konzept von Fresh X vertreten. Die Kirchengemeinde Gotha-Siebleben probiert mit »STADTteil-LEBEN« einen solchen Weg. Das Leben im Plattenbaugebiet Clara-Zetkin-Straße soll mitgestaltet und positiv geprägt werden. Aber sind solche Experimente wirklich ein Weg für Wachstum in der Kirche? Und kann es auch in traditionellen Gemeinden gelingen? Das hat nun eine groß angelegte Studie der anglikanischen Kirche erstmals untersucht. Von den Ergebnissen lässt sich auch in Mitteldeutschland lernen.

Die Daten von 1 700 englischen Kirchengemeinden haben Wissenschaftler der Universität Essex dafür ausgewertet. Hinzu kamen Tiefeninterviews sowie weitere Studien von Theologen. Auch wenn unter Forschern die Verlässlichkeit der Daten und Folgerungen nicht unumstritten ist: Für den Greifswalder Professor Michael Herbst vom Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung liefern sie wichtige Hinweise.

»Es gibt kein bestimmtes Rezept für Wachstum und es gibt keine einfachen Lösungen angesichts des Rückgangs«, fasst Professor David Voas von der Universität Essex die Ergebnisse vorsichtig zusammen. Aber es gebe »Zutaten«, die mit einem Gemeindewachstum zusammenhingen. Zuallererst sei dies eine Leitung aus Haupt- und Ehrenamtlichen, die motivieren kann und Neues wage. Und ein klares Ziel der Gemeinde, auch wirklich andere Menschen erreichen zu wollen. Der jeweilige Stil der Gottesdienste und Traditionen sei »weniger wichtig als die Tatsache, dass er durchdacht und angenommen wurde, statt es dem Zufall zu überlassen«, so Professor Voas.

Weitere Faktoren, die die Wissenschaftler bei wachsenden Gemeinden entdeckt haben: eine herzliche Willkommens-Atmosphäre für Besucher, Glaubenskurse zur Befähigung von Mitgliedern als »christliche Zeugen im täglichen Leben« und soziales Engagement. Auch in traditionellen Stadtkirchen fanden die Forscher Wachstum. Und zwar dort, wo viel Wert auf die Qualität der Gottesdienste gelegt wurde ebenso wie auf eine Willkommens-Atmosphäre und wo man viel­fältige neue Formen ausprobiert.

Auch für das Schrumpfen fanden die Forscher Gründe. Das Fehlen von Kindern und Angeboten für junge Menschen ist der erste. Der zweite: »Die Zusammenlegung von Gemeinden führt eher zu Schrumpfungen. Mehr noch, je größer die Zahl der zusammengelegten Gemeinden ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit des Rückgangs.« Für den Greifswalder Professor Michael Herbst ist das »Zündstoff« in den Debatten um Strukturreformen auch der deutschen Landeskirchen. »Die englischen Zahlen mahnen zur Vorsicht bei Prozessen der Regionalisierung.«

Sie ermutigen zugleich, neue Wege zu gehen, wie etwa bei den Erprobungsräumen in der EKM. Es ist der Versuch, sich auf Menschen und ihre Lebenswirklichkeit einzulassen, um ihnen das Evangelium von Gottes Liebe nahezubringen, die Christus allen zugänglich machen will, heißt es auf der Internetseite der Erprobungsräume.

Gemeint sind Beispiele wie die Evangelische Schulgemeinde Hettstedt oder Herzschlag – Junge Kirche in Nordhausen, die offene Industriestadtgemeinde Haldensleben oder Wir sind Nachbarn – Kirchengemeinde Nöbdenitz. Ob damit gemeindliches Wachstum verbunden ist und die Projekte aus der Erprobungsphase kommen, wird sich zeigen. Und in fast allen anderen Kirchengemeinden fragt man sich weiter: Wachsen klingt gut – aber wie?

Andreas Roth

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Mehr als Feld- und Gartenfrucht

29. September 2017 von redaktionguh  
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Erntedank: Wie die Saat, so die Ernte. In der Landwirtschaft, in der Wirtschaft, in Behörden, Schulen, in der Kirche. Erntedank ist ein fröhliches Fest. Manchmal kommt dabei das Danken etwas kurz.

Wer feiert eigentlich Erntedank wie wir? Die klimatische Lagegunst in Mitteleuropa lässt recht zuverlässig die Ernte gedeihen. Andernorts ist das anders, da geht öfter eine Ernte verloren, da hat Dankbarkeit für den Feldertrag ein anderes Gewicht. Andernorts gibt es andere Traditionen. In den USA beispielsweise wird mit Thanksgiving im November ein umfassendes Dankfest gefeiert.

An Gottes Segen ist alles gelegen. Davon ist Enno von Katte (Foto) aus Wilhelmsthal im Kirchenkreis Elbe-Fläming überzeugt. Müh und Arbeit allein reichen seiner Meinung nach nicht aus. Foto: privat

An Gottes Segen ist alles gelegen. Davon ist Enno von Katte (Foto) aus Wilhelmsthal im Kirchenkreis Elbe-Fläming überzeugt. Müh und Arbeit allein reichen seiner Meinung nach nicht aus. Foto: privat

Erntedank ohne Festgottesdienst ist für Enno von Katte kaum denkbar. Dabei liegt dem Nebenerwerbslandwirt in Wilhelmsthal im nordöstlichen Winkel des Kirchenkreises Elbe-Fläming der umfassende Dank von Thanksgiving näher als der Fokus auf die Feld- und Gartenfrüchte. Nicht nur, weil er neben dem Acker und der Aberdeen-Angus-Rinderzuchtherde auch Wald bewirtschaftet, wo erst im Winter »geerntet« wird. Sondern weil für ihn ein Leitgedanke die Verantwortung ist, die Menschen tragen – und Christen besonders. Verantwortung für die uns von Gott anvertraute Schöpfung, für die Gesellschaft, für die Mitmenschen. Dieser Verantwortung versucht er gerecht zu werden: Im Beruf, im Nebenerwerb, im Ehrenamt als Kuratoriumsmitglied der Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg. Dort mahnt er bei allen wirtschaftlichen Notwendigkeiten immer wieder an, dass die Besonderheit eines christlichen Hauses in Klinik und Behinderteneinrichtungen deutlich spürbar sein muss.

Der studierte Landwirt arbeitet seit 30 Jahren mit wechselnden Aufgaben als Führungskraft in einer Bank, betreut derzeit Unternehmen der Agrar-, Forst- und Ernährungswirtschaft. »In jedem Betrieb legt man eine Saat und zieht sie groß. Wird mit Sorgfalt und Liebe gesät, ergibt sich die Ernte fast von selbst: ein guter Abschluss, ein gutes Betriebsklima, langjährige Kundenbeziehungen«, meint er.

Mit Saat und Pflege allein ist es freilich nicht getan. »Wer sagt, er habe das wunderschöne Blumenbeet mit seiner Hände Arbeit geschaffen, vergisst leicht, dass dies allein nicht reicht«, klingt der erfahrene Bauer fast demütig. »Über aller Arbeit muss auch ein Segen liegen. Und natürlich hängt der Ertrag auch vom Wetter ab.«

In diesem Jahr war es zu nass, sodass der Weizen unter dem Durchschnitt, der Raps deutlich unter dem Durchschnitt lag. Dafür gedieh der Silomais überdurchschnittlich, auch, »weil wir es richtig machen«. Damit meint Enno von Katte unter anderem moderne Düngemethoden, durch die Nährstoffe nicht weggeschwemmt werden, sondern komplett der Pflanze zum jeweils richtigen Zeitpunkt zur Verfügung stehen. »Solches Wirtschaften verstehe ich als verantwortungsvoll und nachhaltig.« Zwei Mitarbeiter bewirtschaften gemeinsam mit der Familie den Betrieb, der auch die überörtliche Zusammenarbeit mit Nachbarn nutzt.

1992 hat Enno von Katte den ehemaligen Familienbesitz in Wilhelms­thal gekauft. »Jeder andere hätte das Gutshaus auch kaufen können«, betont er. Doch er ist glücklich, die jahrhundertelange Familientradition fortsetzen zu können. Stück für Stück baute er den Betrieb auf und hofft, dass eins seiner Kinder ihn übernimmt. »Es ist eine Leihgabe, die der nächsten Generation übergeben werden muss. Wenn das gelingt, ist auch das ein Grund zur Dankbarkeit.«

Dabei strahlt Enno von Katte Zufriedenheit aus, ohne die Notwendigkeit für Veränderungen zu leugnen. »Vielleicht ist es den Deutschen eigen, selten wirklich zufrieden zu sein, sondern immer neu tüfteln zu müssen. Dabei habe ich großen Respekt vor Menschen, die einen hohen Standard einfach zu erhalten wissen, egal ob in der großen Politik oder in der Familie.« Denn zur Dankbarkeit gehöre auch die Zufriedenheit mit dem Erreichten beim Rückblick am Erntedanktag oder zum Jahreswechsel.

Renate Wähnelt

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Jesus im Hinterhof

22. September 2017 von redaktionguh  
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Offene Arbeit: Ein Synonym für Freiheit, politische Diskussionen, unangepassten Lebensstil inmitten der DDR und im Schoß der evangelischen Kirche. Hat die kirchliche Jugendarbeit den Herbst 1989 erst möglich gemacht?

Es gibt keine direkte Linie von der Offenen Arbeit zur friedlichen Revolution. Aber es gibt Protagonisten der Friedensbewegung und Opposition, die in der Offenen Arbeit lernten, Themen zu diskutieren und sich auf Augenhöhe mit anderen und ihren Meinungen auseinanderzusetzen. Junge Menschen, die nicht ins DDR-Raster passen wollten.

Die Jugendpolitik im DDR-Sozialismus zielte seit den 1960er-Jahren sehr stark auf Formierung und Homogenisierung. »Jugendlichen, die lange Haare hatten, in Jeans rumliefen und andere Musik hören wollten, wurden zunehmend die Räume verschlossen«, erklärt die Historikerin Katharina Lenski. Sie kennt die Zeit aus eigenem Erleben. Lenski hatte Medizin studiert, wurde aus politischen Gründen exmatrikuliert. Anschließend war sie in der Berliner Opposition aktiv.

Protest im Rahmen der Kirche: Jugendliche beim Kirchentag 1983 in Erfurt. Foto: Archiv

Protest im Rahmen der Kirche: Jugendliche beim Kirchentag 1983 in Erfurt. Foto: Archiv

Diesen Jugendlichen öffneten Seelsorger der evangelischen Kirche Räume. »Hier konnten die Konflikte zur Sprache kommen und wurden zu faszinierenden Bildungsprozessen. Politische Gestaltungsräume gab es ja kaum«, sagt Christian Dietrich, Thüringer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung des SED-Unrechts. Karl-Marx-Stadt, Saalfeld, Jena, Bad Blankenburg, Halle-Neustadt und Erfurt waren einige der Standorte für Offene Arbeit. Pfarrer Walter Schilling war eine wichtige Symbolfigur der Offenen Arbeit in der DDR. Ein charismatischer Seelsorger, der das Rüstzeitheim in Braunsdorf bei Rudolstadt aufbaute, das von vielen jungen Menschen besucht wurde. Schilling praktizierte mit seiner Offenen Arbeit die »Konzeption der Konzeptlosigkeit«, ein Gegenmodell zur sozialistischen Erziehung. Er öffnete im Sommer 1978 die Rudolstädter Stadtkirche für Jugendliche und gab ihnen mit »June 78« ein Gefühl von Freiheit. In gewisser Weise entstand mit der Offenen Arbeit eine Insel im DDR-Alltag, meint Katharina Lenski. »Man hat versucht, sich dort mit konkreten Problemen auseinanderzusetzen.« Das bedeutete auch, dass man in diesem Rahmen Kritik äußern konnte. »Da war die Offene Arbeit doch förderlich, um doch einfach mal auch zu experimentieren, so unbeholfen das gewesen ist.«

Dass Offene Arbeit gelang, hing vor allem von den handelnden Personen ab. Walter Schilling oder Lothar Rochau riskierten mit ihrem Engagement viel – staatlich wie kirchlich. Rochau, Jugendwart der Offenen Arbeit in Halle-Neustadt wurde entlassen und sogar inhaftiert. »Im kirchlichen Selbstverständnis war diese Arbeit immer grenzwertig. Der Thüringer Bischof Werner Leich brachte dies auf die Formel, Kirche sei offen für alle, aber nicht für alles, so Dietrich. Im Fall von Rudolstadt hatte der dortige Superintendent die Veranstaltungen für Jugendliche und damit den Jugendpfarrer und seine Aktivitäten unterstützt. »Aber die höheren Hierarchien, die Oberkirchenräte, die haben das alle bekämpft. Und gleichzeitig mit der Staatssicherheit kooperiert«, weiß Historikerin Lenksi. Unangepasste Themen, Lebensweise, Äußeres – das beunruhigte Staat und Kirchenleitung.

Verantwortliche unterbanden mitunter die Arbeit der Jugendpfarrer. Somit brachen die Gruppen der Offenen Arbeit vielerorts immer wieder auseinander. Eine große Enttäuschung für die nach Vertrauen und Halt suchenden Jugendlichen. »Der Druck auf die jungen Menschen wurde stärker und ebenso die verdeckten Zersetzungsmechanismen, die dann auch soziale Erosionen hervorgerufen haben. Da haben sich Partnerschaften getrennt, Freundschaften sind zerbrochen«, so Lenski. Dass die Offene Arbeit nicht nur ein Jugendmodell war, betont Christhard Wagner vom Evangelischen Büro Thüringen. Alle Menschen seien willkommen gewesen, egal woher und in welchem Alter. Gelebtes Evangelium, unter sozialistischen Außenbedingungen. Der frühere Jugendpfarrer ist sich sicher: »Wenn Jesus wiederkommt, dann sitzt er zuerst im Hinterhof der Offenen Arbeit.«

Diana Steinbauer

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Das Frustschutzmittel …

15. September 2017 von redaktionguh  
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… denn bei den vielen liegt alles

Mehr Mitbestimmung ist keine Gefährdung der Demokratie – im Gegenteil.

Wenn die Bürgermeinung nicht als störend empfunden wird, sondern willkommen ist

Von Ralf-Uwe Beck

Nationalistische Strömungen erstarken, Großbritannien verlässt die EU, in den USA wird ein Trump Präsident. Die Demokratie ist ins Gerede gekommen. Zeit, sie ins Gespräch zu bringen.

Der Traum, jedem Menschen eine Stimme zu geben, ist alt. Herodot schildert schon vor 2 400 Jahren die Unterhaltung dreier Männer, die überlegen, wie Persien regiert werden soll. Der eine plädiert für die Oligarchie, einer für die Monarchie und einer für die Demokratie: »Wenn die Volksmenge herrscht … tut sie nichts von dem, was ein Alleinherrscher macht: Sie besetzt die Ämter durch Verlosung, über die Amtsführung fordert sie Rechenschaft, alle Beschlüsse werden der Allgemeinheit vorgelegt. Mein Votum also lautet, dass wir die Alleinherrschaft aufgeben und die Volksmenge an die Macht bringen, denn bei den vielen liegt alles.«

Durchsetzen kann sich die Idee nicht. Erst am 10. Dezember 1948 wird mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, wovon hier geträumt wurde, zur Verabredung der Weltfamilie: »Jeder hat das Recht, an der Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten seines Landes unmittelbar oder durch frei gewählte Vertreter teilzunehmen.«

Die Demokratie also hat den Anspruch auf Selbst- und Mitbestimmung einzulösen. Deshalb ist sie, sind wir, darauf angewiesen, dass wir (uns) abstimmen, uns verständigen, wie wir miteinander leben wollen. Möglich ist das nur, indem wir jede und jeden als fähig ansehen, die eigenen Angelegenheiten zu vertreten und gleichzeitig die der Gemeinschaft zu berücksichtigen. Dies ist das Urvertrauen, ohne das eine Demokratie nicht auskommen kann.Joseph Beuys hat es in die Formel gegossen: Jeder Mensch ein Künstler. Damit meint er nicht, dass in jedem von uns ein Maler, Musiker oder Dichter steckt, sondern dass die Gesellschaft als soziale Plastik zu begreifen ist, und es unser Menschsein ausmacht, an ihr mitzuwirken. Für einen Moment erlebbar war das für mich im Herbst ’89: Die Menschen, die durch die Kirchen auf die Straßen und Plätze gezogen sind, waren sich – unabhängig davon, ob sie sich weggeduckt oder ob sie aufgemuckt hatten – einig, sich gegenseitig als willkommen anzusehen. Sie waren weder nachtragend noch auf eigenen Vorteil aus. Bei all den Verletzungen hätten wir uns auch die Köpfe einschlagen können. Haben wir aber nicht. Nie habe ich erlebt, dass jemand bei all den Friedensgebeten, Podien, Gesprächsrunden für seine Meinung angemacht oder ausgelacht wurde. Es ging darum, uns unser Land zu eigen zu machen. Dabei sind wir zunächst nicht in Richtung Westen gelaufen, sondern ins Landesinnere. Es ging um das tägliche Brot der Demokratie, um freie und geheime Wahlen, Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit. Das war nur zu haben, indem wir uns gegenseitig zugetraut haben, als Bürger für die Gesellschaft zu bürgen. Es ist ein zärtlicher, christlicher Blick, zu dem die Demokratie einlädt, den Menschen zuerst mit seinen Möglichkeiten zu sehen. Dies passiert tatsächlich, wenn wir ein Wahllokal betreten: Wir werden zu Gleichen. Jede Stimme zählt gleich viel, die einer 18-Jährigen so viel wie die eines 80-Jährigen, die Stimme eines Hartz-IV-Empfängers so viel wie die einer erfolgreichen Unternehmerin. Für einen winzigen Moment scheint die Vision einer gerechten Gesellschaft auf, in der jede und jeder die gleichen Chancen hat, diese Gesellschaft zu gestalten.

Deshalb ist es unabdingbar für die Demokratie, auf jede Stimme Wert zu legen, bei Wahlen, Abstimmungen und überhaupt. Nüchterner: Die Demokratie lebt davon, dass sich möglichst viele beteiligen. Das tun sie aber nicht. Hält beispielsweise der Trend einer sinkenden Wahlbeteiligung an, stellt sich die Frage, ob die Gewählten überhaupt ausreichend legitimiert sind, Entscheidungen über unser aller Wohl zu treffen, und ob von der Kontrollfunktion, die eine Wahl hat, noch die Rede sein kann. Schon wird von hier aus diskutiert, die Wahl, wie in anderen Ländern, zur Pflicht zu machen.

Warum lassen wir unser Selbst- und Mitbestimmungsrecht verkümmern? Warum bekommt bei mancher Wahl die Hälfte von uns den Arsch nicht vom Sofa? Woher rührt die Politikverdrossenheit, die sich für viele in dem Satz verdichtet: Die da oben machen doch sowieso, was sie wollen? Ein Satz, der für eine Monarchie oder gar Diktatur sehr wahrscheinlich ist, einer Demokratie aber ein Armutszeugnis ausstellt, da sie doch antritt, genau das zu vermeiden.

Jede Stimme zählt gleich viel – egal ob Frau oder Mann, alt oder jung, arm oder reich. Aber reicht es, alle paar Jahre ein Kreuz zu machen? Foto: bizoo_n – stock.adobe.com

Jede Stimme zählt gleich viel – egal ob Frau oder Mann, alt oder jung, arm oder reich. Aber reicht es, alle paar Jahre ein Kreuz zu machen? Foto: bizoo_n – stock.adobe.com

Diese Kluft zwischen Regierten und Regierenden lässt sich nicht mindern, indem Politiker uns versichern, sie wollten uns zukünftig besser »mitnehmen«, Politik müsse eben besser erklärt werden. Denn das heißt auch: Ihr seid verzichtbar, lasst uns nur machen und vor allem – lasst uns in Ruhe.

Demokratie ist auf Resonanz angewiesen, sie lebt vom Gespräch. Uns hier zu unterfordern, heißt, uns zu bevormunden. Wir brauchen Räume und Regeln für die Verständigung zwischen Bürgerinnen und Bürgern und mit der Politik. Diese sollten so gestaltet sein, dass sie uns ermutigen. Das Schlüsselwort, damit Menschen demokratische Prozesse – vom Kindergarten an – schätzen lernen, heißt: Selbstwirksamkeitserfahrung.

Merken wir, was unsere Stimme bewirken kann, bringen wir uns eher ein. Beteiligungskultur ist gefragt. Es genügt schon lange nicht mehr, wenn sich Verwaltungen auf die formal vorgeschriebene Beteiligung zurückziehen. Viel deutlicher muss eingeladen, vor allem aber dafür gesorgt werden, dass Kritik und Anregungen nicht nur zur Kenntnis, sondern ernst genommen werden.

Das setzt eine Haltung voraus: Wie angesehen ist die Bürgermeinung in den Augen von Politik und Verwaltung, ist sie willkommen oder wird sie als störend empfunden? Wer sich je engagiert hat, kann lange Klagelieder von der Mühsal singen, gegen Windmühlenflügel anzurennen.

Es geht auch anders: Bei Bürgerhaushalten, erfunden in Porto Alegre, reden die Menschen mit, wie öffentliche Mittel verwendet werden sollen, und fühlen sich nicht mehr nur als Steuerzahler. In Planungszellen gestalten nach dem Zufallsprinzip ausgeloste Bürger schwierige Vorhaben, im österreichischen Vorarlberg tun das Bürgerräte. In Island entsteht eine neue Verfassung – als Bürgerprojekt. Geht nicht, gibt’s nicht. Keine Ausreden mehr! Bei den vielen ist alles.

Auch das Wahlrecht hat Mose nicht vom Berg getragen, es ist reformierbar. Für große Teile der Bevölkerung sind Wahlen gar nicht zugänglich, ausländische Mitbürger zahlen zwar Steuern, bleiben aber außen vor. Und mit der Absenkung des Wahlalters können und könnten mehr junge Menschen wählen gehen.

Entscheidend ist, wie viel wir zu entscheiden haben. Uns am Wahltag nach dem Motto »friss oder stirb« die von Parteien aufgestellten Listen vorzulegen, ist zu billig. Wir sollten mehr Einfluss darauf haben, wer uns vertritt, beispielsweise mehrere Stimmen haben und diese, ganz unabhängig von der Parteiliste, einzelnen Kandidaten geben können, so wie heute schon bei den meisten Gemeinderats- und einigen Landtagswahlen.

Und schließlich ist – soll die repräsentative Demokratie halten, was sie verspricht – die direkte Demokratie auszubauen. Geht alle Staatsgewalt vom Volk aus, müssen die Bürgerinnen und Bürger verbindlich beanspruchen können, das erste und letzte Wort zu haben. Sie müssen Themen auf die politische Tagesordnung und notfalls zur Abstimmung bringen können, wenn die Politik sich drückt, und sie müssen jederzeit politische Entscheidungen korrigieren können. Dafür müssen Bürger- und Volksbegehren gar nicht genutzt werden, allein die Möglichkeit wirkt wie ein Damoklesschwert über der politischen Bühne. Es wird dann mehr miteinander geredet und die Menschen haben weniger das Gefühl, es würde über ihre Köpfe hinweg entschieden. Das Schwarzer-Peter-Spiel, auf die da oben zu zeigen, wäre erschwert, weil es dann auch an uns läge, die Sachen in die Hand zu nehmen. So gesehen, ist die direkte Demokratie auch ein Frustschutzmittel, das helfen kann, Vertrauen in die Demokratie wieder wachsen zu lassen.

Dieses Demokratieprinzip, die parlamentarische Demokratie als das Stand-, die direkte als das Spielbein zu begreifen, hat sich in allen Bundesländern durchgesetzt, allerdings noch lange nicht überall mit fairen Regeln. Auf Bundesebene wird uns dieses Bürgerrecht allerdings (noch) vorenthalten. Das sollte sich ändern. Der nächste Koalitionsvertrag wird zeigen, ob die, die gewählt sind, ihren Wählern auch zutrauen, über Sachfragen zu entscheiden.

Die Einwände, auf die vielen zu setzen, sind bekannt: Der Pöbel denkt nur an sich, Jugendliche sind zu doof, die Bürger nicht interessiert genug und sowieso sind die Probleme viel zu komplex. Aber verweigert die Politik das Gespräch, nährt sie erst die Pöbelei. Wer Jugendliche noch während der Schulzeit wählen lässt, muss Demokratie nicht einpauken, sondern hilft, sie einzuüben. Interesse weckt, wer die Menschen fragt und sie nicht nur zutextet. Komplexe Probleme allein den Berufspolitikern zu überlassen, könnte auch bedeuten, sie auf die lange Bank zu schieben.

Was der Demokratie aufhilft, ist eine Vorwärtsverteidigung. Denn hören wir auf, die Demokratie zu entwickeln, fängt die Demokratie an, aufzuhören.

Mit freundlicher Genehmigung von publik-forum.de


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