Anhalt: Größe im Kleinen

21. April 2017 von redaktionguh  
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Die Zukunft der kleinsten evangelischen Landeskirche scheint ungewiss. Bis 2025 soll die Evangelische Landeskirche Anhalts verändert werden.

Für Joachim Liebig ist es zum beruflichen Lebensthema geworden. Der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts kommt aus der zweitkleinsten evangelischen Landeskirche, Schaumburg-Lippe. Seit acht Jahren steht er der kleinsten Glied­kirche der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vor. Gemessen an der Mitgliederzahl der Landeskirche Hannover, mit 2,6 Millionen die größte Gliedkirche im EKD-Verbund, nimmt sich die Zahl der Gemeindeglieder von 34 500 in Anhalt bescheiden aus.

Eine Andacht in der Petruskapelle (Foto) bildet den Auftakt der Landessynode der Evangelischen Landeskirche Anhalts am 21. und 22. April in Alexisbad im Harz. Das kleine Holzgebäude wurde 1812 nach einem Entwurf von Karl Friedrich Schinkel als Teehäuschen errichtet. Da Alexisbad über keine Kirche verfügte, gab es dort auf Anordnung von Herzogin Friederike von Anhalt-Bernburg Gottesdienste, bevor es schließlich zur Kapelle umgebaut wurde. Foto: Evangelische Landeskirche Anhalts

Eine Andacht in der Petruskapelle (Foto) bildet den Auftakt der Landessynode der Evangelischen Landeskirche Anhalts am 21. und 22. April in Alexisbad im Harz. Das kleine Holzgebäude wurde 1812 nach einem Entwurf von Karl Friedrich Schinkel als Teehäuschen errichtet. Da Alexisbad über keine Kirche verfügte, gab es dort auf Anordnung von Herzogin Friederike von Anhalt-Bernburg Gottesdienste, bevor es schließlich zur Kapelle umgebaut wurde. Foto: Evangelische Landeskirche Anhalts

In den Nachbarkirchen ist das die Größenordnung für Kirchenkreise. Davon hat man in Anhalt fünf, zu denen rund 150 selbstständige Kirchengemeinden gehören. Neben 54 Pfarrerinnen und Pfarrern sowie 39 hauptamtlich Mitarbeitenden im Verkündigungsdienst müssen die Landeskirche und ihre Gemeinden eine Verwaltung vorhalten.

Vor 15 Jahren gab es Sondierungsgespräche mit der Thüringer Landeskirche und der Kirchenprovinz Sachsen über eine Kooperation. Am 16. November 2002 lehnte die anhaltische Synode allerdings den Beitritt zu einem mitteldeutschen Kirchenverbund ab und sprach sich damit für den Erhalt der »anhaltischen Identiät« aus. Zeitgleich stimmte damals die Synode der Evangelischen Kirche der schlesischen Oberlausitz mit knapper Mehrheit für einen Zusammenschluss mit der Berlin-brandenburgischen Kirche.

Das Ziel, damit den Protestantismus zu stärken, scheint heute obsolet. Die Mitgliederzahl hat sich seit dem Zusammenschluss 2004 nahezu halbiert und in der öffentlichen Wahrnehmung spielt die schlesische Oberlausitz kaum eine Rolle. Das sind die Befürchtungen und das stärkste Argument der Anhalter, an ihrer Eigenständigkeit festzuhalten. Die Landeskirche ist die einzig verbliebene öffentlich-rechtliche Einrichtung in den Grenzen des Herzogtums Anhalt, wird argumentiert. Im »zusammengesetzten« Bundesland Sachsen-Anhalt habe die 400 Jahre alte Landeskirche eine wichtige identitätsstiftende Aufgabe.

Nach außen wird es allerdings immer schwieriger, die Strukturen zu rechtfertigen. Vor allem die Geber-Landeskirchen halten das kleine Gebilde hinter vorgehaltener Hand für nicht überlebensfähig. Ein Viertel des anhaltischen Haushalts kommt aus dem gemeinsamen Topf des Finanzausgleichs der EKD. Die demografische Entwicklung tut ein Übriges. Die Zahl der Kirchensteuerzahler hat sich seit den Föderationsgesprächen vor 15 Jahren – wie auch in der Nachbarkirche EKM – halbiert. Der Pfeil zeigt weiter nach unten.

Ein Anschluss an eine der Nachbarkirchen scheint, zumindest offiziell, derzeit kein Thema. Anhalt will es aus eigener Kraft schaffen. Der Reformstau müsse aufgelöst werden, so Wolfram Hädicke vom Synodenpräsidium. Dass Anhalt leistungsfähig sein kann, zeigt die Spendenbereitschaft. Bei der jährlichen Aktion von »Brot für die Welt« stehen die Kirchenmitglieder, umgerechnet auf die Gemeindegliederzahlen, im bundesweiten Vergleich an erster Stelle. Auch der Gottesdienstbesuch lässt hoffen. Die Landeskirche Anhalts liegt mit 5 Prozent auf Platz 2, hinter Sachsen, vor Württemberg.

Im Reformationsjahr will das kleine Anhalt ein gewichtiges Wörtchen mitreden. Als eine der tratitionsreichsten Kulturregionen Deutschlands und bedeutender Schauplatz der Reformation. Mutig organisiert man in Dessau-Roßlau einen Kirchentag auf dem Weg, in der Hoffnung, dass die Mühen mit Publikum belohnt werden.

Die Eigenständigkeit der Landeskirche steht auf der Synode in Alexisbad nicht zur Debatte. Der Tagesordnungspunkt 14, Gesprächsimpuls »Zukunft der Landeskirche« mit Kaffee, lässt allerdings auf mehr als ein gemütliches Beisammensein hoffen.

Willi Wild

Christus kommt zu uns

14. April 2017 von redaktionguh  
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Das Wunder von Ostern: Eine Geschichte über engagierte Kirchenretter, ein entstaubtes Fundstück und glückliche Fügungen.

Karsamstag im Jahr 1993. Geschafft! Ich atme durch. Dicht gedrängt stehe ich mit unzähligen Menschen in der Jerusalemer Grabeskirche. Die orthodoxe Lichtfeier beginnt jeden Augenblick. In ihr geschieht das »Wunder des heiligen Feuers«. Der Patriarch betritt das Heilige Grab. Überall ein Rumoren, keine wirkliche Stille, aber auch kein Lärm. Vielmehr ein Jubel, der nur noch mühsam zurückgehalten werden kann. Als dann der Patriarch mit dem Licht erscheint, bricht der Jubel los. Und in Windeseile wird das Feuer, die Flamme, das Licht weitergegeben. Alle haben eine Kerze – auch ich. Die Luft wird dünn. Das Atmen fällt schwer. Ein Flammenmeer. Auch das Herz ist entflammt. Glückseligkeit. Auferstehung!

Im selben Jahr an einem ganz anderen Ort feiert ein Dorf – Rösa in der Dübener Heide. Die romanische Kirche war einst dem Verfall preisgegeben, da im Schoß der Erde Braunkohle schlummert. Überbaggerungsgebiet! Eine Baugenehmigung für die marode Kirche wurde nicht erteilt. Doch die Gemeinde reichte Antrag um Antrag ein. Dann endlich die frohe Botschaft: ihr dürft sanieren – aber auf eigene Kosten. 1988 ging es in Feierabendarbeit los. Viele aus dem Dorf halfen mit. Und auch die Wende kam zur rechten Zeit. 1993 ist das Ziel erreicht, die Kirche gerettet. Ein ruinöses Gotteshaus erstrahlt in neuem Glanz und erzählt durch seine bloße Präsenz vom Glauben. Auferstehung!

Er hat keine Arme mehr. Überall Beschädigungen. Und dennoch diese Kraft! Diese emporstrebende Wucht! Lange verborgen im Gestrüpp des Vergessens, unter dem Staub eines Pfarrhausbodens: ein spätgotischer Christus-Torso (um 1510) – lebensgroß.

Weg mit dem Staub! Ihm wurden die Wangen gestreichelt, der Mund getupft, die Augenlider berührt. Konservierung als Akt des Glaubens. Die Restauratorin durfte tun, was den Frauen einst am Morgen des dritten Tages verwehrt worden war. Nicht einbalsamiert, aber gereinigt und berührt kam dieser Christus-Torso 2009 in unsere Kirche, belebt sie und uns. Auferstehung!

»Wenn die Sonne durch das Fenster scheint, sind das die schönsten Farben! Dann kommt Jesus durch das Fenster in unsere Kirche, zu mir«, sagt die Kirchenälteste Renate Eckardt aus Rösa zum Osterfenster des Künstlers Sven Göttsche in der Rösaer Auferstehungskirche. Foto: Thomas Klitzsch

»Wenn die Sonne durch das Fenster scheint, sind das die schönsten Farben! Dann kommt Jesus durch das Fenster in unsere Kirche, zu mir«, sagt die Kirchenälteste Renate Eckardt aus Rösa zum Osterfenster des Künstlers Sven Göttsche in der Rösaer Auferstehungskirche. Foto: Thomas Klitzsch

Gegenüber der Kirche ein Künstler – was für eine Fügung! Den Grafiker und Bildhauer beauftragten wir, für und mit uns zu denken und zu gestalten. Zuerst das Fenster in der Apsis. Gen Osten. Von dort das Licht. Von dort das Leben. Ostern. Ein Geflecht aus dunklen Linien erzählt vom Scheitern im Leben, von der Zerrissenheit der menschlichen Existenz, vom Tod. Das haben wir immer vor Augen, wenn wir zum Altar schauen. In der Mitte des Fensters jedoch ein Lichtspalt. Die Stricke des Todes zerreißend tritt er in unsere Mitte – Christus. Jede Andacht, jeder Gottesdienst, jeder Blick nach vorn lässt uns nicht ohne diese Kraftquelle sein.

Und die Erzählung geht weiter. Denn da steht ja das bronzene Kreuz auf dem Altar. Der Künstler des Fensters ist auch hier am Werk. Wir sehen den Spalt, der das Kreuz bersten lässt. Christus tritt siegreich als Lichtgestalt hindurch. In den beiden Spaltteilen entdecken wir möglicherweise zwei Menschen, die sich begegnen, einander zuwenden und trösten (Christus und Maria?). Und wir sehen die beiden dazugehörigen Leuchter. Stilisierte Hände halten, tragen das Licht. Auferstehung!

An irgendeinem Tag. Unsere Küsterin hat in der Kirche zu tun, macht sauber, steckt eine Blumenpracht zusammen, gönnt sich eine Pause. Sie setzt sich auf eine Bank und schaut nach vorn. Ganz still ist es.

Und sie ist allein hier. Wirklich? Neulich, auf die Frage hin, was für sie Auferstehung bedeutet, überlegt sie eine ganze Weile und erzählt sinngemäß: »Wenn ich dann so sitze und schaue, habe ich das Gefühl, dass Jesus von dort vorn in die Kirche eintritt und da ist. Bei allen Sorgen, die so auf einem lasten, ist das sehr tröstlich. Und es gibt Hoffnung.« Auferstehung!

Am 15. April um 22.30 Uhr beginnt unsere Osternacht. Vor der Kirche das Feuer. Die Kirche im Dunkel. Wir gehen hinein. Später das Licht der Osterkerze – auch bei uns das »Wunder des heiligen Feuers«. Wir hören die Worte der Schrift, taufen zwei kleine Kinder, feiern das Heilige Mahl und empfangen den Segen. Und noch etwas geschieht: wir geben unserer Kirche einen Namen. Mit dieser Nacht heißt sie »Auferstehungskirche«. So wie die Kirche in Jerusalem, die zwar nach westlichem Verständnis »Grabeskirche« heißt, in der östlichen Tradition (orthodoxen Kirche) aber als »Auferstehungskirche« bezeichnet wird. Anastasis! Auferstehung!

Albrecht Henning

Der Autor ist Pfarrer in Krina (Kirchenkreis Wittenberg), zu dem auch die Gemeinde Rösa gehört.

Wege zum Glauben finden

7. April 2017 von redaktionguh  
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Die Konfirmation bedeutet ein bewusstes Ja zum christ­lichen Glauben und zur Kirche. Können junge Menschen im Alter von 14 Jahren eine solche Entscheidung treffen? Wie kann der Konfirmandenunterricht ihnen dabei helfen?

Es ist fraglich, ob 14 das günstigste Alter für die Konfirmation ist«, meint Stefan Brüne, Referent für schulbezogene Arbeit im Kinder- und Jugendpfarramt Magdeburg. Er beruft sich auf Erkenntnisse der Hirnforschung, die besagen, dass das Gehirn in diesem Alter komplett umgebaut werde. Achtklässler könnten Wissen nicht richtig aufnehmen. Ihre Risikobereitschaft sei enorm, während Kontrollmechanismen nicht funktionierten. »Die Jugendlichen laufen heute als Punk herum, treten morgen dem Verein bei, übermorgen einem anderen.« Sie probieren Neues aus, um herauszufinden, was für sie wichtig ist. Mit der Konfirmation erwarte die Kirche: »Jetzt stell dich zu uns.« Welches Alter für einen solchen Schritt das richtige ist, könne und sollte bedacht werden. Der Sozialpädagoge findet die Diskussion darüber zwar wertvoll, hält sie allerdings für rein theoretisch, denn die Konfirmation mit 14 habe eine lange Tradition, an der die Eltern unbedingt festhalten wollten. Sie wünschten so sehr, dass in diesem Lebensabschnitt eine Feier stattfinde, weil sie darin ein Übergangsritual hin zum Erwachsenwerden sehen.

Es gebe Gründe für und gegen die Konfirmation mit 14. Dafür spreche, so Brüne, dass Jugendliche in diesem Alter Orientierung brauchen. In der Vorbereitung auf die Konfirmation könnten sich die Konifs an Erwachsenen orientieren, die nicht ihre Eltern sind. Das Vertrauen zu einer anderen erwachsenen Person, die Werte vermitteln und religiöses Verständnis wecken wolle, könne in dieser Zeit ein Regulativ sein.

Konfirmation mit 14 – aber zum Christsein bewusst bekannt hat sich »The Voice of Germany«-Finalteilnehmer Jonny vom Dahl (das Foto zeigt ihn beim Auftritt mit Yvonne Catterfeld bei der Präsentation ihres neuen Albums) nach eigenem Bekunden erst Jahre später. Foto: Maik Schuck

Konfirmation mit 14 – aber zum Christsein bewusst bekannt hat sich »The Voice of Germany«-Finalteilnehmer Jonny vom Dahl (das Foto zeigt ihn beim Auftritt mit Yvonne Catterfeld bei der Präsentation ihres neuen Albums) nach eigenem Bekunden erst Jahre später. Foto: Maik Schuck

Ob die Teenagerzeit das richtige Alter für die Konfirmation ist – dieser Streit sei alt, sagt Steffen Weusten, Dozent für die Arbeit mit Konfirmanden am Pädagogisch-Theologischen Institut in Drübeck. »Mit 13- oder 14-Jährigen hat niemand gern zu tun – in der Schule nicht und auch sonst nicht.« Es sei jedoch als positives Zeichen zu werten, dass die Kirche gerade in dieser schwierigen Lebensphase die Beziehung zu den Jugendlichen nicht abbrechen lässt. »Sie bauen die Erlebnisse und Erfahrungen ihrer Kindheit um; das macht den Umgang mit ihnen schwierig, aber auch wichtig.« Die jungen Menschen würden entscheiden, ob Religion etwas für sie ist. »Wenn sie älter sind, kann man leichter mit ihnen arbeiten, aber dann sind alle wichtigen Entscheidungen gefallen«, argumentiert Weusten

Nach Stefan Brünes Erfahrung interessieren sich 14-Jährige mehr für die Veränderungen in ihrem Körper; Freunde und Freundinnen sind wichtiger als Mathematik und alles andere. Wenn dies auch auf den Konfirmanden­unterricht zutrifft – wie soll er gestaltet werden, damit Konfirmanden ein bewusstes Ja zu ihrem christlichen Glauben finden können? Sollen die Verantwortlichen sich an den Bedürfnissen und Interessen der Konfis orientieren? Geht es um Wissensvermittlung? Oder sollte das Gemeinschaftserlebnis im Vordergrund stehen?

Eine gute Gemeinschaft sei auf dem Weg zum Glauben die wichtigste Brücke, betont Weusten. Das bedeute nicht, dass die Vermittlung von Inhalten zu vernachlässigen sei. Die Psalmen, die Zehn Gebote und andere klassische Bibeltexte seien Mittel, um den jungen Leuten die Bedeutung des christlichen Glaubens zu erschließen. Ob Konfirmanden den Psalm 23 lernen, sei zweitrangig, wichtig sei vielmehr, wie sie ihn aufnehmen. Ob der Psalm oder andere Bibelabschnitte für die jungen Leute zu einem relevanten Text werden.

In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland gebe es eine große Bandbreite an Formen der Konfirmandenarbeit. Kirchengemeinden, Pfarrer und Kirchenvorstände bestimmen selbstständig, worauf sie den Schwerpunkt legen. Die meisten entscheiden sich für kognitive Methoden, vermitteln also Inhalte. »Das kann man machen«, räumt Weusten ein. Ein Kriterium für einen guten Unterricht sei diese Praxis nicht. Entscheidend sei, ob die Konfirmanden ihren Weg im Glauben finden. Grundlage dafür sieht Weusten im Erleben einer guten Gemeinschaft untereinander sowie zwischen Konfirmanden und Verantwortlichen.

Sabine Kuschel

Reformation ging nicht alleine

31. März 2017 von redaktionguh  
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Luthers ungeliebte Brüder: Mitteldeutschland hat mehr zu bieten als Martin Luther. Zahlreiche Theologen mit ihren alternativen Reformationsideen will eine Ausstellung in Mühlhausen ins rechte Licht setzen.

Die Reformation – das ist Martin Luther, aber eben nicht nur. »Wir feiern kein Lutherjubiläum, wir feiern ein Reformationsjubiläum«, betont deshalb der Direktor der Mühlhäuser Museen, der Historiker Thomas T. Müller. »Man muss schauen, wer war damals noch unterwegs? Was haben die anderen frühen Reformatoren gedacht und geschrieben? Was hatten sie für Ideen?«

In der Mühlhäuser Kornmarktkirche werden Leben und Glauben um 1517 lebendig. Neben einer Druckerpresse sind Gebrauchsgegenstände, Ordenstrachten, Heiligenstatuen und religiöse Schriften ausgestellt, die die Reformatoren inspirierten und beeinflussten. Foto: Tino Sieland/Mühlhäuser Museen

In der Mühlhäuser Kornmarktkirche werden Leben und Glauben um 1517 lebendig. Neben einer Druckerpresse sind Gebrauchsgegenstände, Ordenstrachten, Heiligenstatuen und religiöse Schriften ausgestellt, die die Reformatoren inspirierten und beeinflussten. Foto: Tino Sieland/Mühlhäuser Museen

Müller hat darum mit seinen Mitstreitern die Ausstellung »Ungeliebte Brüder« in der Kornmarktkirche in Mühlhausen konzipiert. Sie lenkt den Blick auf jene Theologen, die von der reinen lutherischen Lehre abwichen und eigene, teilweise radikale reformatorische Ideen verfolgten. »Ungeliebte Brüder«, so hat Luther die anderen Reformatoren nie bezeichnet. »Der Titel drückt aus, dass diese Menschen damals auf dem gleichen Weg waren, wobei der eine oder andere einen anderen Abzweig nahm«, so Müller. Wie in so mancher Familie, wo man nicht immer der gleichen Ansicht, aber dennoch miteinander verbunden ist.

Theologen, wie Luthers Doktorvater Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt, der einer der produktivsten Flugschriftenautoren der frühen Reformation war, werden in der Ausstellung ebenso gewürdigt wie der ehemalige Benediktiner Matthäus Hisolidus, der in Mühlhausen und Creuzburg wirkte. Karlstadt verließ Wittenberg nach den Unruhen von 1521 und 1522 und nachdem er sich öffentlich für die Entfernung aller Heiligenbilder aus den Kirchen eingesetzt hatte. Dadurch war es bereits zum Bruch mit Luther gekommen. In Orlamünde, wo er ab 1523 als Pfarrer wirkte, setzte er seine reformatorischen Ideen um. Den Gottesdienst hielt er in deutscher Sprache. Altäre, Bildnisse und Heiligenfiguren verschwanden aus der Kirche. Auf Betreiben Luthers erhielt Karlstadt in Kursachsen ein Predigt- und Schreibverbot, 1529 ging er nach Zürich und Basel, wo er 1541 starb.

Über das Schicksal von Hisolidus ist gar nichts bekannt. Der unbequeme Reformator, der 1525 aus Creuburg ausgewiesen wurde, verschwindet spurlos. Auch andere bedeutende Reformatoren dieser Zeit verlieren sich im Nebel der Zeit: von Heinrich Pfeiffer, dem Reformator in Mühlhausen, ist ebenso wenig die Rede wie von Jakob Strauß. Letzterer gilt als Reformator Eisenachs. Denn auch, wenn Luther auf der Wartburg war und einige Predigten in der Stadt hielt, die protestantische Bewegung hatte in der Wartburgstadt der ehemalige Dominikaner Strauß umgesetzt.

Strauß, der aus Basel stammte, erlangte überregionale Bedeutung. Seine Schriften wurden zahlreich nachgedruckt. Seine Schrift wider die Wucherzinsen, in der er nicht nur die verurteilt, die Wucherzinsen erheben, sondern auch jene, die diese zahlen, wurde zum Politikum. Die Herrschenden waren rasend, und auch Luther sah sich in der Pflicht zu handeln und ging gegen den »Irrlehrer« vor.

Thomas Müntzer ist wohl der berühmteste der »anderen« Reformatoren und als Widersacher Luthers bekannt. Darum fehlt auch er nicht in der Reihe der »ungeliebten Brüder«. Der Historiker Müller betrachtet Müntzer als das erste innerprotestantische Opfer der Reformation. »Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, Müntzer wird zum Synonym für die Aufständischen des Bauernkrieges und wird damit zum ersten innerprotestantischen Ketzer gemacht. Strauss ergeht es ähnlich.«

Wer damals nicht der reinen lutherischen Lehre folgte, verschwand, wie etwa Fritz Erbe im Turm der Wartburg oder Hisolidus im Nebel der Zeit. Die grausame Polemik, mit der Luther und seine Anhänger zum Beispiel Thomas Müntzer straften, hält bis heute an. Ein Umstand, den die Ausstellung in der Kornmarktkirche in Mühlhausen zu ändern versucht.

Diana Steinbauer

Die Ausstellung »Luthers ungeliebte Brüder« ist noch bis zum 31. Oktober im Bauern­kriegsmuseum Kornmarktkirche in Mühlhausen zu sehen. Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr.

www.mhl-museen.de

Was würde Jesus tun?

24. März 2017 von redaktionguh  
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Populismus: Den Aussätzigen, Sündern, den Zöllnern und Ehebrecherinnen wandte sich Jesus zu. Dient das auch als Beispiel für den Umgang mit Populisten, Pegida und AfD?

Für Berlins evangelischen Bischof Markus Dröge haben Christen in der AfD nichts verloren, auf dem Katholikentag in Leipzig war die Partei unerwünscht, der Erfurter Dom wird nicht beleuchtet, sobald Björn Höcke und seine Parteifreunde auf dem Domplatz sprechen. Das Licht der Welt wird ausgeknipst, wenn die »Kinder der Finsternis« es bräuchten? Ist das die richtige Haltung, die christliche Haltung gegenüber dem Populismus von rechts? Das fragt Werner Patzelt, Politikwissenschaftler an der TU Dresden. Er gehört zu den ersten Forschern, die die Pegida-Bewegung empirisch untersuchten, er hat mit Wutbürgern und Gutmenschen gesprochen, sich die Seiten von Hell- und Dunkeldeutschland angeschaut. Auf dem ökumenischen Studientag »Christen und Populismus«, zu dem die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt und die Katholische Akademie des Bistums Magdeburg kürzlich nach Wittenberg eingeladen hatten, sagte Patzelt, die Kirchen machten es sich zu einfach, rechtspopulistische Positionen als nicht akzeptierbar und nicht vereinbar mit dem Evangelium zu bezeichnen. Da müssten schon Maßstäbe, Kriterien und Wahlprüfsteine herausgearbeitet und den Menschen dann die Entscheidung selbst überlassen werden.

Gegen Rechtsextremismus: Mitarbeiter des Landeskirchenamtes der EKM mit dem Banner, das im Onlineshop bestellt werden kann. Foto: EKM

Gegen Rechtsextremismus: Mitarbeiter des Landeskirchenamtes der EKM mit dem Banner, das im Onlineshop bestellt werden kann. Foto: EKM

Ja, mit der Gottesbildlichkeit aller Menschen und dem allgemeinen Liebesgebot für Freund und Feind als christliche Grundpfeiler können Rassismus, Hass und Gewalt nicht akzeptiert werden. Aber wir sind alle in die Welt verwickelt, wir können uns nicht aus ihr zurückziehen. So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! (Matthäus 22,21) – Christen müssten diese Bipolarität akzeptieren, auch wenn die Spannung schwer auszuhalten ist. Was also tun? »Es ist keine schlechte Idee, sich ein Vorbild am Stifter dieser Religion zu nehmen«, rät Werner Patzelt. Viele von Jesu Gleichnissen beziehen sich auf das Verhältnis von Gutmenschen zum Pack, von denen da oben zu denen da unten. Zum Beispiel das Gleichnis vom verlorenen Schaf (Lukas 15,3-7): 100 Tiere, eines geht verloren – und diesem geht der Hirte nach, bringt es zurück zur Herde, feiert dann ein Fest. Die Frage, die sich uns heute stellt: Wie bringen wir die Sünder zurück in unsere Mitte, ohne ihnen selbstgerecht und moralisch überlegen zu begegnen?

»Wir müssen im Gespräch bleiben und zwar nicht unter gleichgesinnten Freunden, sondern mit jenen, mit denen wir nicht gerne reden.« Das hat im Übrigen auch die Kirche getan, sagt Professor Patzelt. Wie sonst hätte aus zwölf Aposteln eine weltumspannende Gemeinschaft werden können? Fakten kennen, Behauptungen richtigstellen, dem anderen zuhören, ihn als Menschen und nicht nur AfD-Wähler, Pegida-Demonstrant, Wutbürger wahrnehmen, und konkrete Lösungen für reale Probleme finden, selbst wenn man das Problem zuvor als Phobie abgetan hat. »Wer das Reden abbricht, stellt die Arbeit für den Erhalt unser pluralistischen Demokratie ein«, sagt Werner Patzelt. Es sei politische Feigheit, mit Gegnern unserer Demokratie, wie dem rechten Vordenker Götz Kubitschek, nicht zu reden. Man müsse es tun, gerade vor großem Publikum.

Dass solche Diskurse aber an Grenzen stoßen, berichtet Pascal Begrich, Geschäftsführer des Vereins »Miteinander«, auf dem Studientag. »Miteinander« berät in Sachsen-Anhalt Gemeinden, auch Kirchengemeinden, im Umgang mit Rechtsextremismus und Populismus. Rechtspopulismus sei nie weg gewesen, inzwischen aber in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es gebe keine Woche, in der »Miteinander« nicht irgendwo im Land eingeladen sei, um über diese Phänomene zu reden. »Reden ist nötig, aber manchmal unmöglich«, sagt Pascal Begrich. Es gelte abzuwägen, mit wem man wo spreche, welches Ziel solch ein Dialog hat, welche Motive hinter Gesprächsangeboten stecken. Geht es um den Austausch von Argumenten, um Selbstvergewisserung oder gar Ächtung des anderen?

Kirche, sagt Begrich, könne im Diskurs eine Mittlerin und Impulsgeberin sein, sie ist aber auch eine ethisch-moralische Instanz. Kirche will das verlorene Schaf zurückholen, aber auch dem Wolf klare Kante zeigen. »Toleranz findet ihre Grenze an Intoleranz. Dann ist der Dialog vielleicht nicht mehr der richtige Weg der Auseinandersetzung«, sagt Pascal Begrich. Das sieht auch Politikwissenschaftler Patzelt so: »Im Gespräch lässt sich nicht alles lösen.« Kein einziges Problem hingegen wird gelöst durch Moralisieren, Empören, Abgrenzen. Patzelt: »Nur weil ein Trennstrich gezogen ist, hören die Menschen jenseits dieses Trennstrichs nicht auf, dort zu sein.«

Katja Schmidtke

Reformationsfrühling

17. März 2017 von redaktionguh  
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Reformation und Tourismus:
Reicht die Anziehungskraft des Lutherjahres als Touristen-Magnet, um gezielt Menschen nach Mitteldeutschland zu ziehen? Die Stammländer der Reformation scheinen gut vorbereitet und setzen auf das Prinzip Hoffnung.

Das Reformationsjubiläum 2017 ist »eine große Chance« für den Tourismus in Mitteldeutschland. Das sagte Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin. Zusammen mit seinen Kollegen Wolfgang Tiefensee (SPD) aus Thüringen und Armin Willingmann (SPD) aus Sachsen-Anhalt oder, wie es Tiefensee formulierte, »der Boygroup aus Mitteldeutschland«, blickte er dort auf das anstehende Großereignis und seine Bedeutung für den Tourismus in der Region. Man spüre mittlerweile weltweit ein großes Interesse für die Region, sagte Dulig. Sogar in Südkorea sei er auf das Reformationsjubiläum angesprochen worden. Sachsen wolle 2017 dabei vor allem als Kulturland punkten. »Die große Chance, die wir haben, ist, dass unsere Region auf der Weltkarte sichtbar wird«, sagt Dulig. Denn noch wisse nicht jeder mit den Begriffen »Sachsen«, »Sachsen-Anhalt« und »Thüringen« etwas anzufangen.

Auf der ITB in Berlin: Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Armin Willingmann (v. li.) mit r2017-Geschäftsführer Ulrich Schneider und dem Wittenberger Kirchmeister Bernhard Naumann als Luther. Foto: IMG Sachsen-Anhalt

Auf der ITB in Berlin: Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Armin Willingmann (v. li.) mit r2017-Geschäftsführer Ulrich Schneider und dem Wittenberger Kirchmeister Bernhard Naumann als Luther. Foto: IMG Sachsen-Anhalt

Ähnlich äußerten sich auch seine Kollegen aus den beiden anderen Ländern: »Erste Anmeldezahlen verraten, dass in Wittenberg in diesem Jahr einiges los sein wird«, sagte Willingmann. In Wittenberg seien schon heute so viele Vorbuchungen für Stadtführungen eingegangen, wie es sie im ganzen Jahr 2016 gegeben habe. Und auch Tiefensee berichtete, dass man deutlich spüre, dass das Interesse der Gäste an der Region wachse und die Übernachtungszahlen ansteigen. In Wittenberg werde im Reformationsjahr zudem »öffentliches WLAN im großen Stil« eingerichtet. Was die Besucher erlebten, sollten sie über Twitter, Instagram und Facebook direkt in die Welt hinaus transportieren können. »Solche WLAN-Netze gibt es im Ausland schon überall – jetzt zeigen wir, dass wir das auch in Wittenberg hinkriegen.« So sieht das auch Tiefensee: Seiner Ansicht nach wäre Luther heute der Erste, der die modernen Medien genutzt hätte. »Er wäre schon längst bei Instagram«, sagte Tiefensee. Seine Thesen hätte er in einer modernen Weise publiziert und seine Verbindung mit Katharina von Bora in die Genderdebatte eingebracht. »Wenn ich den Lutherweg gehe, sehe ich zwangsläufig mehr als Luther«, sagte Tiefensee. Er hoffe deswegen, dass durch das Jubiläum auch das Interesse an den übrigen Sehenswürdigkeiten angekurbelt werde. »Wir in Thüringen haben es dringend nötig, bekannter zu werden.«

Was der Reformator heute den Wirtschaftspolitikern bedeutet? »Ich schaue auf die Person Luther mit ganz großer Bewunderung«, sagte Tiefensee. Er fände es »sehr gut, dass Luther nicht nur für Dialog innerhalb der Kirchen steht, sondern dass das Thema Luther weit über die Kirche hinausstrahlt.« Luther stehe nicht nur für eine Reformation innerhalb der Kirche, sondern letztlich am Anfang der Moderne. »Luther hat versucht, dem einfachen Volk mit einfacher Sprache etwas nahezubringen, was lebenswichtig ist«, sagte Tiefensee. »Das hat ganz direkt mit Mitbestimmung und Teilhabe auch in der heutigen Zeit zu tun.« Vom Thesenanschlag gehe das Signal aus, dass ein Einzelner »mit einer wohldurchdachten und gut überlegten Kampagne auch etwas erreichen kann«, ergänzte Willingmann. Die Reformation sei auch ein Auftrag: »Es geht darum, zu zeigen, dass wir uns einem ständigen Veränderungsprozess unterwerfen.«

Benjamin Lassiwe

Allrounder im Auftrag des Herrn

10. März 2017 von redaktionguh  
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Diakone: Berufsbild und Ausbildung haben sich verändert. Geblieben ist die doppelte Qualifikation für das geistliche und das diakonische Amt.

Oben auf dem Gerüst werkelte Diakon Georg Harpain ganz allein. Mit einer Malerbürste strich der Chef des Altenburger Magdalenenstifts dessen Außenfassade. Damals absolvierte ich als junger Diakonenschüler ein Sommerpraktikum im Kinderhospital und besuchte nach Dienstschluss meinen Vorbild-Diakon. Denn bereits als achtjähriger Schüler fuhr ich zu einer Kinderrüstzeit, die er mit zwei anderen Jugendwarten leitete. Und seitdem wollte ich Diakon werden.

Später wechselte Harpain von Altenburg als Ältester an das Johannes-Falk-Haus nach Eisenach. Dort lebt er heute im aktiven Ruhestand. Fassaden malert er nicht mehr, engagiert sich aber weiter für diakonisch-soziale Projekte. Eine ganze Generation Diakone war wie Harpain geprägt vom Allround-Einsatz in Gemeindedienst, Krankenpflege, Verwaltung, Behindertenarbeit oder Heimleitung. Je nach Eignung gestalteten sich die Einsatzgebiete durchlässiger als heute. So übernahmen Jugend- oder Gemeindediakone in späteren Berufsphasen häufig Referenten- oder Verwaltungsstellen, gingen in missionarische Dienste oder übernahmen Pfarrstellen.

Packen gemeinsam an: Diakoninnen und Diakone beim Hauptkonvent der Schwestern- und Bruderschaft Johannes Falk 2016 im Schwarzenshof bei Rudolstadt. Der Autor des Beitrags, Eckart Behr, ist der fünfte von rechts. Foto: Willi Wild

Packen gemeinsam an: Diakoninnen und Diakone beim Hauptkonvent der Schwestern- und Bruderschaft Johannes Falk 2016 im Schwarzenshof bei Rudolstadt. Der Autor des Beitrags, Eckart Behr, ist der fünfte von rechts. Foto: Willi Wild

Heute werden in Neinstedt und Eisenach berufsbegleitende Diakonenkurse angeboten, die auf bereits vorhandenen Ausbildungen und Berufsbiografien aufbauen. Eine solche doppelte Qualifikation eröffnet vielfältige berufliche Perspektiven in den Arbeitsfeldern von Kirche, Diakonie und freien Trägern. Oder genau andersrum: Aus prosperierenden diakonischen Arbeitsfeldern wird zunehmend Interesse an den Wurzeln der Diakonie signalisiert. Da werden nicht selten Bereichsleiterinnen, Sozialarbeiter, Geschäftsführer oder Erzieherinnen durch ihre Träger ermutigt, einen »D-Kurs« zu belegen. Denn eine kirchliche Sozialisation, gelebte Kirchenmitgliedschaft oder überzeugtes Glaubensleben ist bei Bewerbungen auf kirchlich-dia­konische Stellen längst nicht mehr selbstverständlich. Hier eröffnet die »Diakonenausbildung im Beruf« eine völlig neue Perspektive.

Die theologische Profilierung und berufliche Weiterentwicklung der Diakone wird durch ihre jeweilige Gemeinschaft getragen. Das Diakonengesetz der EKM fixierte unlängst ein altes Prinzip neu: Diakone müssen einer Gemeinschaft angehören und an ihrem Leben teilnehmen. Dazu gehören Konvente, fachliche Weiterbildungen, geistliche Impulse oder gemeinsame soziale Projekte. Diese positiv gemeinte »Zwangsmitgliedschaft« in einer frei gewählten Diakoniegemeinschaft unterstreicht deren Rolle fürs Tragen und Getragenwerden. Übrigens ließen diese früheren »Brüderschaften« ihre männlich geprägte Geschichte, in der die Ehefrauen einfach mitgesendet wurden, längst hinter sich und öffneten sich auch für Diakoninnen.

Nicht mehr der Allrounder mit Malerbürste, Kochkittel, Rechenmaschine und Andachtsbuch ist heute in Stellenbeschreibungen gefragt. Nötig sind Diakoninnen und Diakone, die in ihren speziellen Berufsfeldern mit doppelter Qualifikation für geistlich-diakonische Profilierung sorgen. So lässt sich Diakon nicht einfach als ein Beruf beschreiben. Sondern als eine Berufung im Beruf, gesendet und eingesegnet durch Kirche und Gemeinschaft.

Eckart Behr

Der Autor ist Krankenpfleger, Sozialarbeiter und Diakon. Er leitet seit 1982 die evang. Rehabilitationsklinik in Bad Sulza. Außerdem ist er einer der beiden Ältesten (geistliche Leiter) der J.-Falk-Gemeinschaft Eisenach.

Zu früh für einen Schlussstrich

3. März 2017 von redaktionguh  
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Aufarbeitung der Geschichte von Christen in der DDR: Endlich Schlussstrich, fordern die einen, endlich intensive Beschäftigung mit diesem Kapitel die anderen.

Bis Ende der 1980er-Jahre hatte es mehrere Phasen im Umgang der SED-Führung mit den Kirchen gegeben; harter Kirchenkampf in den 1950er-Jahren und später zeitweise Annäherung und relative Ruhe. Dennoch waren die Christen bis zuletzt die größte Gruppe Verfolgter in der DDR. Ein Umstand, der bis heute nachwirkt.

Wie konnte es passieren, dass zu Beginn der DDR 95 Prozent der Menschen einer der beiden Kirchen angehörten und es 1989 kaum mehr 30 Prozent waren? Diese Frage erforscht unter anderen Christopher Spehr, Kirchenhistoriker an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er fordert, ein universitäres Zentrum zur kirchlichen Zeitgeschichte einzurichten. Nachdem es Kritik am ersten Bericht der Thüringer Landesregierung gegeben hatte und diese Versäumnisse in der Aufarbeitung der Geschichte von Christen in der DDR einräumen musste, geht die Aufarbeitung nun in eine neue Phase. »Es tut sich vieles«, meint der Kirchenhistoriker. Und das nicht nur im Leserforum der Kirchenzeitung.

Das war einmal: »Umkehr führt weiter« lautete das Motto des Kirchentags 1988 in Erfurt. Das Foto zeigt einen Wartburg mit dem Leitthema der Veranstaltung auf der Kofferraumtür. Kirchentage gab es im selben Jahr auch in Halle, Görlitz und Rostock. – Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Das war einmal: »Umkehr führt weiter« lautete das Motto des Kirchentags 1988 in Erfurt. Das Foto zeigt einen Wartburg mit dem Leitthema der Veranstaltung auf der Kofferraumtür. Kirchentage gab es im selben Jahr auch in Halle, Görlitz und Rostock. – Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Auch die Landesregierung will den Ankündigungen Taten folgen lassen. Ihr zweiter Bericht zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Thüringen hat gerade das Kabinett passiert. Offenbar soll die Rolle der Kirchen und Christen erstmals Erwähnung finden. Ein Signal, dass die Aufarbeitung der Geschichte von Christen in der DDR keineswegs am Ende ist, sondern eher noch an ihrem Anfang steht. Das beurteilt auch Spehr so. Für ihn kann es, mehr als 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, keinen Schlussstrich geben. Ganz im Gegenteil: »Die Generation der Zeitzeugen wird älter und eine neue Generation fragt kritisch nach: Wie war das damals?« Der Abstand zum Geschehen sei eine Chance, dieses Kapitel der DDR-Geschichte objektiv und interdisziplinär aufzuarbeiten, vor allem, da es emotional bisher hoch aufgeladen war.

Die EKM widmet sich ebenfalls der Aufarbeitung dieses Teils ihrer Geschichte. »25 Jahre nach der friedlichen Revolution hat sich der Landeskirchenrat 2014 mit der Frage nach der Rolle der Christen in der DDR beschäftigt«, erklärt Oberkirchenrat Christian Fuhrmann. Daraus sei der »Beirat für Versöhnung und Aufarbeitung« entstanden. Bestehend aus Mitgliedern der Kirche, Theologen, Historikern und Juristen, ermittelt er Themen, spricht mit Institutionen und bündelt Ergebnisse.

»Drei Themengebiete haben wir vor Augen. Da sind zum einen die Menschen, die als Mitarbeiter der Vorgängerkirchen der EKM in der DDR-Zeit als Christen verfolgt wurden. Wir wollen sie zu Wort kommen lassen und schauen, wie sich die Landeskirchen zu diesen Menschen verhalten haben. Wo sind Fälle auszumachen, wo Kirchenleitungen ihrer Schutzfunktion nicht entsprochen haben?«, so Fuhrmann.

Zum anderen will man der Frage nachgehen, wie theologisch und kirchenrechtlich mit Pfarrerinnen und Pfarrern umgegangen wurde, die nach ihrer Ausreise ihre Ordinationsrechte verloren hatten. Auch die Gruppe der »verfolgten Schüler« nimmt der Beirat in den Blick. Entscheidend sei, so Fuhrmann, der selbstkritische Blick der Institution Kirche. Dass Landesregierung und Kirchen Ende 2016 eine Arbeitsgruppe gebildet haben und gemeinsam an diesem Themenkomplex arbeiten wollen, begrüßt er, macht aber klar, dass dies unabhängig vom »Beirat für Versöhnung und Aufarbeitung« geschieht, der sei ausschließlich in der Kirche beheimatet.

Das Thema sollte aber nicht nur innerhalb der Kirchen diskutiert werden. Denn die Christenfeindlichkeit der DDR beschäftige auch Menschen, die keiner Konfession angehörten, meint Christian Dietrich, Landesbeauftragter für die Aufarbeitung des SED-Unrechts. Er sieht die Religionsfreiheit als Herausforderung für die Verantwortlichen in der Politik. »Ein Weg dazu ist die Aufklärung und Verurteilung der Verletzung der Glaubens- und Gewissensfreiheit in der SED-Diktatur.«

Ein anderer Aspekt sei die individuelle Rehabilitierung der Opfer. Hier gebe es eine evidente Gerechtigkeitslücke. Die Kirchen stünden vor einer ganz eigenen Herausforderung. Und, so Dietrich weiter: »Sie sollten den Menschen, die Gottvertrauen über Menschenfurcht gestellt haben und dabei oft auch in Konflikt mit ihrer Kirche kamen, wenigstens Anerkennung zollen.«

Diana Steinbauer

Beichte auf evangelisch

24. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Buße ist das erste Wort der Reformation. »Als unser Herr Jesus Christus sagte: ›Tut Buße‹, da meinte er, dass unser ganzes Leben eine Buße sein solle«, lautet die erste von Luthers 95 Thesen. Dabei sollte es ausweislich der Bekenntnisschriften der lutherischen wie der reformierten Kirche auch bleiben.

Hat jemand, der sich mit der evangelischen Kirche in Deutschland in »Reformationsdekaden« auf den Weg zum Reformationsjubiläum gemacht hat, schon einmal etwas von »Buße« oder von »Beichte« gehört? Das Wort »Buße« taugt heute offenkundig nicht dazu, für das Anliegen der Reformation zu werben. Es klingt so negativ. Wir denken da an »Bußgeldbescheide«. Uns fallen Strafen ein, die Menschen »abbüßen« müssen. »Buße« klingt erniedrigend und demütigend. Den Eindruck, dass die christliche Botschaft Menschen kleinmachen möchte, möchte unsere Kirche darum auf keinen Fall erwecken. Die persönliche Beichte der eigenen Sünden, in der die Buße konkrete Gestalt gewinnt, zählt darum nicht zu den Anliegen, die mit dem Reformationsjubiläum befördert werden sollen.

Einladung zur Beichte fehlt

Für Luther und die anderen Reformatoren aber gehörte die Beichte, in der ein Mensch seine Sünde bekennt und den Zuspruch der Vergebung der Sünde empfängt, zu einem wahrhaftigen christlichen Leben. Ohne die konkret ausgedrückte Reue über die Verfehlungen gegenüber Gott und den Menschen war für sie der Zuspruch der Vergebung, der die »Freiheit eines Christenmenschen« begründet, nur Schall und Rauch. Ist er heute auch nur noch Schall und Rauch, wo die Einladung zur Beichte in fast keinem Gemeindebrief zu finden ist?

Beichtszene vom rechten Flügel des von Lucas Cranach d. Ä. und seinem Sohn gemalten Reformationsaltars (1547/1548). Im Mittelpunkt steht der erste Pfarrer der Wittenberger Stadtkirche, Luthers Freund und Beichtvater Johannes Bugen- hagen, der zwei Männern die Beichte abnimmt. Fotos Adrienne Uebbing

Beichtszene vom rechten Flügel des von Lucas Cranach d. Ä. und seinem Sohn gemalten Reformationsaltars (1547/1548). Im Mittelpunkt steht der erste Pfarrer der Wittenberger Stadtkirche, Luthers Freund und Beichtvater Johannes Bugen- hagen, der zwei Männern die Beichte abnimmt. Fotos Adrienne Uebbing

Natürlich ist dieser Zustand dadurch befördert worden, dass »Beichten« als etwas »Katholisches« gilt. Doch die Reformatoren haben nicht die Beichte als solche, sondern den Beichtzwang, die Nötigung der Aufzählung von Einzelsünden und die Verordnung aller möglichen Bußleistungen kritisiert. Ihnen blieb die Beichte wichtig, weil sie einprägte, dass die Rechtfertigung sündiger Menschen durch Gott konkret im Leben von Christinnen und Christen ankert. Es ist für uns als leib-seelische Wesen auch wichtig, dass die Rechtfertigung ausweisbar in unserer geschichtlichen Existenz Fuß fasst. So, wie die Sünde der Gottesferne im Äußerlichen ihr Werk tut, soll ihr auch ein Damm im Äußerlichen, im lauten Bekenntnis der Sünde und im lauten Freispruch entgegengesetzt werden.

Rechtfertigung wird bei der Beichte darum zu einem Datum in der Biografie, die so zum Leben eines Menschen gehört, wie die Hochzeit oder der Berufsanfang. Es vergisst sich nicht mehr, wenn ein Mensch zu dir in der Vollmacht Jesu Christi gesagt hat: »Ich spreche dich im Namen Gottes frei von dem, was du im Vergessen Gottes mit deinen Gedanken, Worten und Werken angerichtet hast. Dich braucht das Vergangene nicht mehr quälen. Vor dir liegen offene Horizonte, in die du aufbrechen kannst.«

Beichte – Akt der Freiheit

Wem sich das Erlebnis der Beichte so in sein Leben eingekerbt hat, für den verliert sie das Düstere, das mit dem lutherischen Buß- und Beichtverständnis zweifellos auch verbunden ist. Man kann verstehen, warum viele Gemeinden Luthers angebliches Beichtbekenntnis (das gar nicht von ihm stammt) vor dem Abendmahl nicht mehr sprechen möchten. Denn nicht ein »armer, elender, sündiger Mensch«, der Gottes Strafen »zeitlich und ewiglich verdient hat«, steht da vor Gott, sondern ein freier Mensch, der sich ohne alle Angst aufrichtet. Er ist im Vertrauen auf Gottes Güte fähig, auszusprechen, wie es in Wahrheit um ihn steht. Beichte, in welcher die Buße konkret wird, ist ein Akt der Freiheit.

Denn die Sünde, hat Dietrich Bonhoeffer gesagt, »will unerkannt bleiben. Sie scheut das Licht. Im Dunkel des Unausgesprochenen vergiftet sie das ganze Wesen des Menschen. […] Die ausgesprochene bekannte Sünde (aber) hat alle Macht verloren.« Wer seine Sünde bekennt, duckt sich also nicht nieder, er richtet sich auf. Er freut sich, wahrhaftig sein zu können. »Nun darf er Sünder sein«, hat Bonhoeffer etwas zugespitzt gesagt.

Wolf Krötke

Der Autor ist Professor für systematische Theologie an der Humboldt Universität in Berlin.

Es ist immer Gott, der segnet

17. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Wie wir Segen weitergeben, das kann sehr vielfältig sein; immer, wenn wir einen Menschen segnen, stellen wir ihn in eine Beziehung zu Gott.

Unsere Kinder sind längst erwachsen. Und doch gibt es Situationen, bei denen ganz frühe Erfahrungen unserer Familie eine Rolle spielen: Meine Frau und ich haben unsere Kinder gesegnet. Nach dem Abendgebet im Kinderbett ebenso wie auf dem Weg zur Schule; natürlich vor Klassenfahrten und später beim Abschied auf dem Weg in den Studienort. Bisweilen geschieht das noch heute: Wir legen unseren Kindern die Hand auf den Kopf und bitten um Gottes Segen. Leider sehen wir unsere Kinder viel seltener als früher; aber das wird eine Klage aller Eltern sein. Schon im Kindergartenalter waren die Freunde unserer Kinder verblüfft über diese für sie ungewöhnliche Situation. Selbst die Kinder spürten die Intimität des Augenblicks. Ich erinnere mich, wie ein Freund unseres Sohnes ein wenig schüchtern fragte, ob ich auch ihm die Hand auf den Kopf legen könne.

Segnender Auferstehungschristus (um 1480) vom Petersaltar in der evangelischen Kirche St. Sebald in Nürnberg. Foto: Martin Jäger/pixelio.de

Segnender Auferstehungschristus (um 1480) vom Petersaltar in der evangelischen Kirche St. Sebald in Nürnberg. Foto: Martin Jäger/pixelio.de

Segen ist viel mehr als ein guter Wunsch. Als Eltern haben meine Frau und ich das dringende Bedürfnis, Gottes Geleit für unsere Kinder zu erbitten. Sie müssen dann ihren eigenen Weg gehen, aber wir sind gewiss, sie gehen ihn nicht allein. Noch heute segnen wir unsere Kinder am Ende eines der viel zu seltenen Besuche.

Selbstverständlich bitten wir am Anfang jeden Tages im Gebet Gott um seine Begleitung für unsere Kinder und andere Menschen, die uns am Herzen liegen. Für den Segen fehlt allerdings die körperliche Nähe mit der Geste der Hand auf dem Kopf.

Wer Segen lediglich für einen besonders frommen guten Wunsch hält, hat das Wesen des Segens nicht begriffen. Es ist immer Gott, der segnet. Wir Menschen vergewissern uns seines Geleits entweder im freien Segenswort oder in traditionsreichen Sätzen wie dem aaronitischen Segen, der jeden Gottesdienst üblicherweise beschließt.

Die Segensgeste gehört zur Vergewisserung dazu. Als Pfarrer schätze ich es sehr, wenn nach dem Abendmahl die Teilnehmenden individuell die segnende Hand auf dem Kopf auch spüren. Die zum Segen erhobenen Hände für eine Gruppe von Menschen sind für mich stets die nur zweitbeste Segensform.

Segen kann nicht pauschal gespendet werden – das »urbi et orbi« auf dem Petersplatz hat eine lange Tradition, erreicht mich allerdings nicht.

Als Pfarrer habe ich in vielen Dienstjahren Menschen auf ihren letzten Schritten in diesem Leben begleiten können. Ein Segenswort über einem gerade verstorbenen Mitmenschen und ein letztes Segenswort vor dem Weg auf den Friedhof ist für mich ein angemessener Abschied aus der Welt unserer Sinne in das Universum Gottes. Meine eigene Trauer, wie kürzlich am Sterbebett meiner Mutter, findet ihren tröstlichen Ausgang im Segen, den ich sprechen darf und dann alles an Gott übergeben kann.

Im Segen findet eine reale Nähe zwischen Gott, dem Segnenden und dem Gesegneten statt, deren Quelle nicht wir Menschen sind. Als Vater, als Pfarrer, als Ehemann, als Christ suche ich diese Nähe.

Sie tröstet mich; sie stärkt mich; sie lässt mich auch in schwerer Zeit froh meinen Weg gehen. Das ist erheblich mehr, als ein frommer Wunsch je leisten könnte.

Joachim Liebig

Der Autor ist Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts.

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