Das Frustschutzmittel …

15. September 2017 von redaktionguh  
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… denn bei den vielen liegt alles

Mehr Mitbestimmung ist keine Gefährdung der Demokratie – im Gegenteil.

Wenn die Bürgermeinung nicht als störend empfunden wird, sondern willkommen ist

Von Ralf-Uwe Beck

Nationalistische Strömungen erstarken, Großbritannien verlässt die EU, in den USA wird ein Trump Präsident. Die Demokratie ist ins Gerede gekommen. Zeit, sie ins Gespräch zu bringen.

Der Traum, jedem Menschen eine Stimme zu geben, ist alt. Herodot schildert schon vor 2 400 Jahren die Unterhaltung dreier Männer, die überlegen, wie Persien regiert werden soll. Der eine plädiert für die Oligarchie, einer für die Monarchie und einer für die Demokratie: »Wenn die Volksmenge herrscht … tut sie nichts von dem, was ein Alleinherrscher macht: Sie besetzt die Ämter durch Verlosung, über die Amtsführung fordert sie Rechenschaft, alle Beschlüsse werden der Allgemeinheit vorgelegt. Mein Votum also lautet, dass wir die Alleinherrschaft aufgeben und die Volksmenge an die Macht bringen, denn bei den vielen liegt alles.«

Durchsetzen kann sich die Idee nicht. Erst am 10. Dezember 1948 wird mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, wovon hier geträumt wurde, zur Verabredung der Weltfamilie: »Jeder hat das Recht, an der Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten seines Landes unmittelbar oder durch frei gewählte Vertreter teilzunehmen.«

Die Demokratie also hat den Anspruch auf Selbst- und Mitbestimmung einzulösen. Deshalb ist sie, sind wir, darauf angewiesen, dass wir (uns) abstimmen, uns verständigen, wie wir miteinander leben wollen. Möglich ist das nur, indem wir jede und jeden als fähig ansehen, die eigenen Angelegenheiten zu vertreten und gleichzeitig die der Gemeinschaft zu berücksichtigen. Dies ist das Urvertrauen, ohne das eine Demokratie nicht auskommen kann.Joseph Beuys hat es in die Formel gegossen: Jeder Mensch ein Künstler. Damit meint er nicht, dass in jedem von uns ein Maler, Musiker oder Dichter steckt, sondern dass die Gesellschaft als soziale Plastik zu begreifen ist, und es unser Menschsein ausmacht, an ihr mitzuwirken. Für einen Moment erlebbar war das für mich im Herbst ’89: Die Menschen, die durch die Kirchen auf die Straßen und Plätze gezogen sind, waren sich – unabhängig davon, ob sie sich weggeduckt oder ob sie aufgemuckt hatten – einig, sich gegenseitig als willkommen anzusehen. Sie waren weder nachtragend noch auf eigenen Vorteil aus. Bei all den Verletzungen hätten wir uns auch die Köpfe einschlagen können. Haben wir aber nicht. Nie habe ich erlebt, dass jemand bei all den Friedensgebeten, Podien, Gesprächsrunden für seine Meinung angemacht oder ausgelacht wurde. Es ging darum, uns unser Land zu eigen zu machen. Dabei sind wir zunächst nicht in Richtung Westen gelaufen, sondern ins Landesinnere. Es ging um das tägliche Brot der Demokratie, um freie und geheime Wahlen, Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit. Das war nur zu haben, indem wir uns gegenseitig zugetraut haben, als Bürger für die Gesellschaft zu bürgen. Es ist ein zärtlicher, christlicher Blick, zu dem die Demokratie einlädt, den Menschen zuerst mit seinen Möglichkeiten zu sehen. Dies passiert tatsächlich, wenn wir ein Wahllokal betreten: Wir werden zu Gleichen. Jede Stimme zählt gleich viel, die einer 18-Jährigen so viel wie die eines 80-Jährigen, die Stimme eines Hartz-IV-Empfängers so viel wie die einer erfolgreichen Unternehmerin. Für einen winzigen Moment scheint die Vision einer gerechten Gesellschaft auf, in der jede und jeder die gleichen Chancen hat, diese Gesellschaft zu gestalten.

Deshalb ist es unabdingbar für die Demokratie, auf jede Stimme Wert zu legen, bei Wahlen, Abstimmungen und überhaupt. Nüchterner: Die Demokratie lebt davon, dass sich möglichst viele beteiligen. Das tun sie aber nicht. Hält beispielsweise der Trend einer sinkenden Wahlbeteiligung an, stellt sich die Frage, ob die Gewählten überhaupt ausreichend legitimiert sind, Entscheidungen über unser aller Wohl zu treffen, und ob von der Kontrollfunktion, die eine Wahl hat, noch die Rede sein kann. Schon wird von hier aus diskutiert, die Wahl, wie in anderen Ländern, zur Pflicht zu machen.

Warum lassen wir unser Selbst- und Mitbestimmungsrecht verkümmern? Warum bekommt bei mancher Wahl die Hälfte von uns den Arsch nicht vom Sofa? Woher rührt die Politikverdrossenheit, die sich für viele in dem Satz verdichtet: Die da oben machen doch sowieso, was sie wollen? Ein Satz, der für eine Monarchie oder gar Diktatur sehr wahrscheinlich ist, einer Demokratie aber ein Armutszeugnis ausstellt, da sie doch antritt, genau das zu vermeiden.

Jede Stimme zählt gleich viel – egal ob Frau oder Mann, alt oder jung, arm oder reich. Aber reicht es, alle paar Jahre ein Kreuz zu machen? Foto: bizoo_n – stock.adobe.com

Jede Stimme zählt gleich viel – egal ob Frau oder Mann, alt oder jung, arm oder reich. Aber reicht es, alle paar Jahre ein Kreuz zu machen? Foto: bizoo_n – stock.adobe.com

Diese Kluft zwischen Regierten und Regierenden lässt sich nicht mindern, indem Politiker uns versichern, sie wollten uns zukünftig besser »mitnehmen«, Politik müsse eben besser erklärt werden. Denn das heißt auch: Ihr seid verzichtbar, lasst uns nur machen und vor allem – lasst uns in Ruhe.

Demokratie ist auf Resonanz angewiesen, sie lebt vom Gespräch. Uns hier zu unterfordern, heißt, uns zu bevormunden. Wir brauchen Räume und Regeln für die Verständigung zwischen Bürgerinnen und Bürgern und mit der Politik. Diese sollten so gestaltet sein, dass sie uns ermutigen. Das Schlüsselwort, damit Menschen demokratische Prozesse – vom Kindergarten an – schätzen lernen, heißt: Selbstwirksamkeitserfahrung.

Merken wir, was unsere Stimme bewirken kann, bringen wir uns eher ein. Beteiligungskultur ist gefragt. Es genügt schon lange nicht mehr, wenn sich Verwaltungen auf die formal vorgeschriebene Beteiligung zurückziehen. Viel deutlicher muss eingeladen, vor allem aber dafür gesorgt werden, dass Kritik und Anregungen nicht nur zur Kenntnis, sondern ernst genommen werden.

Das setzt eine Haltung voraus: Wie angesehen ist die Bürgermeinung in den Augen von Politik und Verwaltung, ist sie willkommen oder wird sie als störend empfunden? Wer sich je engagiert hat, kann lange Klagelieder von der Mühsal singen, gegen Windmühlenflügel anzurennen.

Es geht auch anders: Bei Bürgerhaushalten, erfunden in Porto Alegre, reden die Menschen mit, wie öffentliche Mittel verwendet werden sollen, und fühlen sich nicht mehr nur als Steuerzahler. In Planungszellen gestalten nach dem Zufallsprinzip ausgeloste Bürger schwierige Vorhaben, im österreichischen Vorarlberg tun das Bürgerräte. In Island entsteht eine neue Verfassung – als Bürgerprojekt. Geht nicht, gibt’s nicht. Keine Ausreden mehr! Bei den vielen ist alles.

Auch das Wahlrecht hat Mose nicht vom Berg getragen, es ist reformierbar. Für große Teile der Bevölkerung sind Wahlen gar nicht zugänglich, ausländische Mitbürger zahlen zwar Steuern, bleiben aber außen vor. Und mit der Absenkung des Wahlalters können und könnten mehr junge Menschen wählen gehen.

Entscheidend ist, wie viel wir zu entscheiden haben. Uns am Wahltag nach dem Motto »friss oder stirb« die von Parteien aufgestellten Listen vorzulegen, ist zu billig. Wir sollten mehr Einfluss darauf haben, wer uns vertritt, beispielsweise mehrere Stimmen haben und diese, ganz unabhängig von der Parteiliste, einzelnen Kandidaten geben können, so wie heute schon bei den meisten Gemeinderats- und einigen Landtagswahlen.

Und schließlich ist – soll die repräsentative Demokratie halten, was sie verspricht – die direkte Demokratie auszubauen. Geht alle Staatsgewalt vom Volk aus, müssen die Bürgerinnen und Bürger verbindlich beanspruchen können, das erste und letzte Wort zu haben. Sie müssen Themen auf die politische Tagesordnung und notfalls zur Abstimmung bringen können, wenn die Politik sich drückt, und sie müssen jederzeit politische Entscheidungen korrigieren können. Dafür müssen Bürger- und Volksbegehren gar nicht genutzt werden, allein die Möglichkeit wirkt wie ein Damoklesschwert über der politischen Bühne. Es wird dann mehr miteinander geredet und die Menschen haben weniger das Gefühl, es würde über ihre Köpfe hinweg entschieden. Das Schwarzer-Peter-Spiel, auf die da oben zu zeigen, wäre erschwert, weil es dann auch an uns läge, die Sachen in die Hand zu nehmen. So gesehen, ist die direkte Demokratie auch ein Frustschutzmittel, das helfen kann, Vertrauen in die Demokratie wieder wachsen zu lassen.

Dieses Demokratieprinzip, die parlamentarische Demokratie als das Stand-, die direkte als das Spielbein zu begreifen, hat sich in allen Bundesländern durchgesetzt, allerdings noch lange nicht überall mit fairen Regeln. Auf Bundesebene wird uns dieses Bürgerrecht allerdings (noch) vorenthalten. Das sollte sich ändern. Der nächste Koalitionsvertrag wird zeigen, ob die, die gewählt sind, ihren Wählern auch zutrauen, über Sachfragen zu entscheiden.

Die Einwände, auf die vielen zu setzen, sind bekannt: Der Pöbel denkt nur an sich, Jugendliche sind zu doof, die Bürger nicht interessiert genug und sowieso sind die Probleme viel zu komplex. Aber verweigert die Politik das Gespräch, nährt sie erst die Pöbelei. Wer Jugendliche noch während der Schulzeit wählen lässt, muss Demokratie nicht einpauken, sondern hilft, sie einzuüben. Interesse weckt, wer die Menschen fragt und sie nicht nur zutextet. Komplexe Probleme allein den Berufspolitikern zu überlassen, könnte auch bedeuten, sie auf die lange Bank zu schieben.

Was der Demokratie aufhilft, ist eine Vorwärtsverteidigung. Denn hören wir auf, die Demokratie zu entwickeln, fängt die Demokratie an, aufzuhören.

Mit freundlicher Genehmigung von publik-forum.de


Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Wenn die Großnichte mit dem Onkel die Orgel schlägt

8. September 2017 von redaktionguh  
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Liszt-Orgel: Seit fast 40 Jahren engagiert sich G+H-Redakteur Michael von Hintzenstern in Denstedt im Weimarer Land für den Erhalt der Orgel in der Dorfkirche. Willi Wild sprach mit ihm über sein Engagement.

Wie sind Sie auf die Orgel gestoßen?
von Hintzenstern:
Ich bekam 1980 den Auftrag, zu den Thüringer Orgeltagen einen Vortrag über den Weimarer Stadtorganisten, Komponisten und Orgelbautheoretiker Johann Gottlob Töpfer (1791–1870) zu halten, der aus Niederroßla bei Apolda stammt und als wichtigster Orgelbautheoretiker des 19. Jahrhunderts gilt. Er hat ein Lehrbuch der Orgelbaukunst veröffentlicht, das eine Art Bibel für Orgelbauer war. Ein Standardwerk.

Lisztorgel in Denstedt. Foto: Maik Schuck

Lisztorgel in Denstedt. Foto: Maik Schuck

Bei der Recherche im Goethe-Schiller-Archiv und in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek bin ich auf einen Brief von 1860 gestoßen, den Franz Liszt an seinen »legendarischen Kantor« Alexander Wilhelm Gottschalg schrieb. Darin ist »von ländlichen Orgelexperimenten« in der Kirche in Denstedt die Rede. Ich bin daraufhin mit meinem Trabbi rausgetuckert. Und fand eine Orgel vor, für die sich niemand interessiert hat. Es gab kein Firmenschild. Wir wussten also gar nicht, wer die Orgel erbaut hat. Mein Vater fand dann in einer alten Tageszeitung eine Dankanzeige der Gemeinde Denstedt an die »edlen Stifter«. Ihr war zu entnehmen, dass die Orgel von den Gebrüdern Peternell aus Seligenthal (Schmalkalden) nach einer Disposition von Prof. Töpfer erbaut wurde. Geadelt ist das Instrument dadurch, dass sich Franz Liszt mehrfach dort aufgehalten hat, um »Orgelconferenzen« mit Gottschalg und sogenannte »Privatkonzerte« für das »sehr gewählte Publikum aus der nahen Residenzstadt« (Gottschalg) durchzuführen. Also, wir haben da einen hundertprozentig originalen Liszt-Klang, deswegen ist Denstedt ein ganz besonderes Orgeldenkmal.

Aber warum ausgerechnet Denstedt?
von Hintzenstern:
Die Denstedter Kirche war das ideale Quartier. Liszt kam von der Altenburg in Weimar, hielt in Tiefurt, lud Gottschalg ein, dann haben die sich mit der Kutsche nach Denstedt fahren lassen. Dort waren sie ungestört. Die Dorfjugend freute sich, denn Liszt gab dem Bälgetreter einen Taler. Das war also ein gutes Geschäft. Liszt und Gottschalg haben sich mit Orgelwerken verschiedener Epochen beschäftigt. Liszt hat für die Denstedter Orgel beispielsweise zwei Bach-Bearbeitungen geschaffen und Töpfer gewidmet.

Wie fanden Sie 1980 das vergessene Instrument vor?
von Hintzenstern:
Der Zustand der Kirche war schlecht. Vor allem der Turm war baufällig. Damit wurde dann auch bei der Instandsetzung begonnen, denn die Orgel steht direkt am damals einsturzgefährdeten Turm. Zwölf Jahre später, 1992, war die Kirche vollständig restauriert.

Welche Hindernisse hatten Sie da zu überwinden?
von Hintzenstern:
Eine Schwierigkeit war, dass Baubilanzen fehlten. Ich habe versucht, für Öffentlichkeit zu sorgen, um auf die offiziellen Stellen etwas Druck ausüben zu können. So habe ich Stargeiger Yehudi Menuhin angeschrieben, der Ehrenpatron der englischen »Liszt Society« war. Er hat gleich 5 000 Mark für Denstedt gestiftet. Dadurch konnte ich sagen: Lord Yehudi Menuhin wird bald nach Thüringen kommen, um zu sehen, was mit seinem Geld passiert ist. Eine Enkeltochter Gottschalgs hat eine Eingabe an Erich Honecker geschickt. Am Ende hat es nicht sehr viel gebracht.

Kam der angekündigte Besuch Yehudi Menuhins zustande?
von Hintzenstern:
Leider nicht. Es war mehrfach geplant. Kurz vor seinem Tod dirigierte er noch in Leipzig und sollte anschließend nach Denstedt kommen. Der Besuch wurde aber kurzfristig abgesagt. Er war ein wichtiger Impulsgeber und fand es auch sehr schön, dass wir uns um die Liszt-Orgel kümmern.

Konnte die Orgel bei der Kirchensanierung mit berücksichtigt werden?
von Hintzenstern:
Anfang der 1990er-Jahre gab es eine erste Teilrestaurierung, die aber eher eine Generalreparatur war. Zum Liszt-Jahr 2011 konnten wir die Orgel vollständig restaurieren lassen. Dabei hatten wir die Unterstützung vieler weltberühmter Organisten.

Was fasziniert Sie an dem Instrument?
von Hintzenstern:
Ich finde es spannend, dass der Zukunftsmusiker Franz Liszt in dieser Dorfkirche Klangexperimente durchgeführt hat. Als ich die Orgel das erste Mal gesehen habe, stellte ich fest, dass es an den mechanischen Registerzügen Bleistiftstriche gab, wie ich sie aus der experimentellen Spielpraxis in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kannte. Dass man die Register nicht vollständig herauszieht, sondern nur zu 25 oder 50 Prozent, um Zwischenklänge zu erzeugen. Ich dachte mir, dass das vermutlich nicht der Dorforganist gemacht hat. Aller Wahrscheinlichkeit nach war das Franz Liszt. In der alten Orgelmusik, z.B. bei Frescobaldi in Rom, gab es schon den Versuch, mit einem nicht vollständig gezogenen Register solche Schwebeklänge zu erzeugen.

Denstedt war für mich in der DDR auch eine Art Spielwiese, da ich in dieser Kirche frei schalten und walten konnte, was in Weimar nicht so einfach war. Da gab es immer gewisse Animositäten gegenüber der Neuen Musik, bis hin zu Spielverboten. Deswegen wurden die Tage Neuer Musik auch 1988 in Denstedt begründet. Inzwischen freuen wir uns auf das 30. Festival! Damals haben wir für Furore gesorgt mit einem Programm zum 60. Geburtstag des BRD-Komponisten Karlheinz Stockhausen: 22 Kompositionen, darunter sechs DDR-Erstaufführungen, alles an drei Tagen.

War Stockhausen selber auch mal da?
von Hintzenstern:
Zunächst kam sein Sohn Markus, ein genialer Trompeter. 1992 betrat der Meister anlässlich einer Aufführung seiner Komposition »Unbegrenzt« höchstselbst die Kirche. Es hat ihn sichtlich bewegt, den Ort zu besuchen, wo seine in der DDR tabuisierte Musik gespielt wurde.

Gibt es neben dem künstlerischen auch einen geistlichen Aspekt?
von Hintzenstern:
Ja, einen sehr starken sogar. Liszt, der in erster Linie als Klaviervirtuose wahrgenommen wurde, war ein tief religiöser Mensch. Sein erstes Werk in Weimar war eine Messe für Männerchor und Orgel. Sein Orgelschaffen umfasst zehn Bände! Liszt überlegte sogar, ein Luther-Oratorium zu schreiben. Ein ganz ökumenischer Aspekt. Auch bei Stockhausen findet sich ein ausgeprägtes religiöses Denken. Er betonte, dass alle seine Werke geistliche Musik seien.

Neue Musik ist mitunter schwere Kost. Wie ist es Ihnen gelungen, Kinder einzubeziehen und zu begeistern?
von Hintzenstern:
Ein wunderbarer Zufall. Ich bin bei meinen Recherchen auf Liszts einziges Kinderlied gestoßen, ein Text Hoffmann von Fallerslebens. Nach einem erfolgreichen Kinderkonzert habe ich ein Veranstaltungsformat entwickelt, mit dem Titel: »Orgelkonzert für Kinder, Puppen und Teddybären«. Da konnten Kinder ihre Spielgefährten mitbringen.

Ich habe auf der Orgel Tänze gespielt, zu denen die Kinder ihre Puppen tanzen ließen. Dabei konnte ich unmittelbar erklären, wie die Orgel funktioniert. Ich habe das Bild von der »Königin der Instrumente« gebraucht, die Kinder durften selber in die Tasten greifen. Das ist jetzt auch bei meiner Großnichte ein ganz großer Wunsch. Der Impuls geht weiter. Und das finde ich toll.

30. Tage Neuer Musik in Weimar, 20. bis 28. Oktober unter dem Motto: »Konzert-Installa­tionen – Installations-Konzerte«

www.lisztorgel.de

Offenheit braucht Zeit

1. September 2017 von redaktionguh  
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Das große Ziel: 95 Prozent der Kirchen der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland sollen im Reformationsjahr offen sein, so der Wunsch der Kirchenleitung. Was ist daraus geworden?

Mehr als 4 000 Kirchen gibt es in der EKM. Und all diese Gotteshäuser sollten innerhalb des Reformationsjubiläumsjahres zu offenen Kirchen werden. So die Idee der Landeskirche. »Das Ziel, was ich angegeben habe – 95 Prozent geöffnete Kirchen Ende 2017 –, werden wir bestimmt nicht erreichen«, stellt Landesbischöfin Ilse Junkermann heute fest. Ein Fazit, das für viele Begleiter der Ini­tiative »Offene Kirchen« ernüchternd ist. Dennoch glaubt Junkermann, dass in den vergangenen Monaten ein Stein ins Rollen gekommen ist, der – auch wenn es längere Zeit brauchen wird – doch ins Ziel treffen werde. Die Zahl 95 ist für Junkermann vor allem eine symbolische: »Sie steht dafür zu sagen, dass die Mehrheit geöffnet ist«, erklärt Junkermann. Nach der neuesten Erhebung sind derzeit 1 000 Gottes­häuser in der EKM »offene Kirchen«. »Laut der Umfrage, die wir vor einem Jahr gemacht haben, waren zwölf Prozent der Kirchen geöffnet. Heute sind es mit 1 000 ein Viertel. Das bedeutet eine Verdopplung«, so Junkermann. Bis heute, so glaubt die Landesbischöfin, habe sich in den Gemeinden viel verändert, denn das Herumdrehen des Schlüssels und das Öffnen der Türen sei nicht nur ein äußerer Vorgang. Ihm entspreche eine innere Haltung, betont die Landesbischöfin.

Kapellendorf: Die Türen der Kirche von Kapellendorf (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) stehen schon lange offen. Besucher der historischen Wasserburg Kapellendorf können auch die Kirche besichtigen.  Ein Angebot, das gern und viel genutzt wird – auch Landesbischöfin  Ilse Junkermann machte davon Gebrauch. Foto: Willi Wild

Kapellendorf: Die Türen der Kirche von Kapellendorf (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) stehen schon lange offen. Besucher der historischen Wasserburg Kapellendorf können auch die Kirche besichtigen. Ein Angebot, das gern und viel genutzt wird – auch Landesbischöfin Ilse Junkermann machte davon Gebrauch. Foto: Willi Wild

Das Thema »Offene Kirchen«, so der Wunsch der Kirchenleitung, solle alle haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter in der EKM beschäftigen. Was heißt überhaupt »offene Kirche«? Dafür haben die Kirchengemeinden unterschiedliche Antworten gefunden. Die einen öffnen 24 Stunden, andere nur im Sommer, wieder andere nur von Donnerstag bis Sonntag. Die gängige Praxis ist mit zahlreichen Kirchenältesten diskutiert worden. Denn die Kirche öffnen zu wollen, wirft praktische Fragen auf: Wer soll öffnen und wie oft? Was geschieht mit der kostbaren Ausstattung? Was passiert im Schadensfall?

Viele Gemeindeglieder hatten und haben Bedenken. Das weiß auch die Landesbischöfin. Vor allem die Befürchtung, in der Kirche könnte etwas gestohlen oder beschädigt werden, kennt sie. »Man muss Ängste ernst nehmen, man kann sie nicht zerstreuen. Es gibt die Möglichkeit einer Versicherung, auch wenn eine Entschädigung wertvolles Kunstgut nicht ersetzen kann.« Laut Junkermann wurden in der EKM in den vergangenen acht Monaten 160 Versicherungen für offene Kirchen abgeschlossen. Vandalismus und Zerstörung seien sicher schlimm, dennoch solle man sich in den Kirchengemeinden mit der Frage auseinandersetzen, was wichtiger sei: »die Botschaft und die Offenheit für andere oder unser Besitz, unser Haben?«

Mit der Botschaft Jesu Christi und geöffneten Kirchen ein Willkommensangebot auch an die senden, die bisher nicht den Weg in eine Kirche gefunden haben, das war und ist die Idee hinter den »offenen Kirchen«. Ausgangspunkt dabei sei das starke Bedürfnis vieler, in einem Kirchenraum still zu werden, innezuhalten und in dieser besonderen Atmosphäre den Weg zu sich und zu Gott zu suchen. Dieses Bedürfnis hätten Gläubige wie Nichtgläubige, ist sich die Landesbischöfin sicher. Und während Kirchenmitglieder in der Regel wüssten, wo und wie sie mit Gott in Verbindung treten könnten, kann der freie Zutritt zu einer Kirche eine Brücke für Kirchenferne sein.

Die Landesbischöfin bekräftigt: »Die Botschaft einer verschlossenen Tür kommt an. Ich denke, dass sich viele Kirchenälteste dessen gar nicht bewusst sind, dass es sich hier um eine negative Botschaft handelt.« Die Kirchen öffnen und mit niederschwelligen Angeboten die Menschen einladen, das müsse das Ziel für die Zukunft sein. In diesem Jahr sei aber auch die Erkenntnis gewachsen, dass dieses Ziel nicht in kurzer Zeit erreichbar sein wird.

Diana Steinbauer

www.ekmd.de/service/offenekirchen

Die Taufe – kostbares Geschenk

25. August 2017 von redaktionguh  
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Warum lassen Eltern ihr Kind taufen, warum begehren Erwachsene die Taufe? Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Taufe ist kein Talisman und viel mehr als ein schönes Familienfest.

Die Taufe begründet die Gemeinschaft zwischen dem Täufling und Jesus Christus und sie stellt den Täufling damit zugleich in die Gemeinschaft der Getauften, der christlichen Gemeinde. Aber die Gemeinde lebt in einer säkularen Gesellschaft, in der die meisten Menschen nicht getauft sind. Selbst in Familien, in denen zumindest ein Ehepartner der Kirche angehört, ist es nicht mehr selbstverständlich, dass die Kinder getauft werden. Nicht die alten Menschen, die sterben, seien der hauptsächliche Grund für den Mitgliederschwund der Kirche. Viel mehr ins Gewicht falle, dass Kinder aus Familien mit mindestens einem konfessionell gebundenen Elternteil nicht getauft würden. Diese Erkenntnis habe ihn aufgerüttelt, sagt der Weimarer Pfarrer Sebastian Kircheis. Und – zum Nachdenken und Handeln inspiriert.

Mit Elbewasser getauft: Im Fluss bei Dessau-Roßlau taufte Pfarrer Stephan Grötzsch von der Christusgemeinde Großkühnau-Ziebigk am Sonntag den kleinen Leonard Lanfer – sicher gehalten von seinem Onkel und Paten Andreas Lanfer – gemeinsam mit drei weiteren Kindern und einem Jugendlichen. Foto: Lutz Sebastian

Mit Elbewasser getauft: Im Fluss bei Dessau-Roßlau taufte Pfarrer Stephan Grötzsch von der Christusgemeinde Großkühnau-Ziebigk am Sonntag den kleinen Leonard Lanfer – sicher gehalten von seinem Onkel und Paten Andreas Lanfer – gemeinsam mit drei weiteren Kindern und einem Jugendlichen. Foto: Lutz Sebastian

Um der Traditionsvergessenheit etwas entgegenzusetzen und um Kontakt herzustellen zu Menschen, die nur eine lose oder gar keine Verbindung zur Kirchengemeinde halten, ist in Weimar ein Programm entwickelt worden: Wenn ein Kind geboren wird, erhalten die Eltern einen Brief, der ihnen signalisiert: Kirche ist für Sie da, wenn Sie es wünschen. Im nächsten Jahr werden die Eltern der nun ein- bis zweijährigen Kinder erneut angeschrieben und zu einem Vormittag in der Kirchengemeinde eingeladen, an dem über ein Thema, etwa über frühkindliche Erziehung, gesprochen wird. Im dritten Jahr folgt die Einladung zu einem Tauf- oder Tauf­erinnerungsfest. Ein solches wurde in Weimar vergangenen Sonntag gefeiert.

Christen sind in der säkularen Gesellschaft eine Minderheit. Wenn Eltern ihr Kind taufen lassen wollen, stehen sie häufig vor einer Schwierigkeit. Wer soll Pate sein? Im Freundes- und Bekanntenkreis findet sich niemand, der Mitglied einer christlichen Kirche ist. Wenn niemand für das Patenamt infrage kommt, kann dies ein Kirchenältester, ein Gemeindemitglied übernehmen. »Theoretisch, vom Neuen Testament her die beste Lösung«, meint Pfarrer Matthias Ansorg vom Amt für Gemeindedienst der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Aber doch nicht so praktikabel, da meistens die persönliche Beziehung fehle.

In Weimar hat sich eine andere Variante etabliert: das Taufzeugenamt. Für Menschen, die nicht christlich getauft sind, aber die für das Kind Verantwortung übernehmen wollen. »Es geht dabei auch um das Wohl des Kindes«, betont Pfarrer Hardy Rylke. Es fehle zwar das Element der christlichen Unterweisung. »Aber ich vertraue dem Heiligen Geist«, sagt der Pfarrer. »Wir taufen in die Gemeinde. Eltern, die ihr Kind taufen lassen, tun dies nicht ohne Grund. Ich vertraue darauf, dass die Gemeinschaft der Getauften trägt.«

Warum lassen Eltern ihr Kind taufen, warum begehren Erwachsene die Taufe? Die Spannbreite, warum Menschen ihre Kinder oder sich selbst taufen lassen, ist groß. Manche sehen darin so etwas wie einen Talisman, der vor Gefahren schützt. Von dieser Erfahrung berichtet beispielsweise Barbara Reichert, Militärpfarrerin in Sondershausen. Wie sie sagt, lassen sich bei fast jedem Auslandseinsatz Soldaten taufen. Die Soldaten seien bei Einsätzen in Krisengebieten auf der Suche, sie treffen wichtige Entscheidungen im Angesicht lebensbedrohlicher Gefahren, sie fragen nach Schutz, Begleitung und Segen. In der Taufe sehen sie dies.

»Die Gründe für das Taufbegehren sind so vielfältig wie die Welt«, so die Beobachtung von Pfarrer Rylke. Er kennt Eltern, die selbst nicht konfessionell gebunden sind und dennoch für ihr Kind die Taufe wollen. »In dem Falle ist ein christlicher Pate wichtig«, bemerkt Rylke. Mitunter steht einfach der Wunsch nach einem schönen Familienfest im Vordergrund. Oder die existenziellen Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach Schuld und Tod brechen sich Bahn, wie es die Militärseelsorgerin des Öfteren erlebt.

Die Taufe ist kein Talisman und sie ist viel mehr als ein schönes Familienfest. »Ich sage immer, sie ist das kostbarste Geschenk«, so Rylke. Das Sakrament der Taufe begründet die Gemeinschaft mit Jesus Christus und eröffnet im Angesicht von Schuld und Tod eine neue Lebensperspektive im Glauben.

Sabine Kuschel

Damenprogramm

11. August 2017 von redaktionguh  
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Grande Dame der Diakonie: Brigitte Schröder, Gründerin und langjähriger Motor der Grünen Damen und Herren, eine der größten Organisa­tionen für Ehrenamtliche, der Kranken- und Alten-Hilfe.

Alles fing damit an, dass sich in den 60er-Jahren eine deutsche Außenministergattin auf Reisen im üblichen Damenprogramm langweilte: Brigitte Schröder (1917–2000) schlug vor, in Washington Krankenhäuser zu besichtigen. Sie war die Frau des damaligen Chefdiplomaten Gerhard Schröder (CDU) – nicht zu verwechseln mit dem späteren SPD-Bundeskanzler – und hatte bereits als engagierte Lokalpolitikerin in Düsseldorf ein Herz für soziale Themen gezeigt.

Nicht alle in Grün: Das Geraer Team des Besuchsdienstes (v. l.): Juliane Rösner (sitzend), Linda Vernickel, Elke Päßler, Barbara Müller, Margot Hertel, Ilona Klimke, Birgit Kluck, Erika Hummel, Anita Herzog, Heike Kaselowsky, Kinda Al Baghdadi, Hubert Kreußler, Monika Kümritz, Helga Haase. Foto: Wolfgang Hesse

Nicht alle in Grün: Das Geraer Team des Besuchsdienstes (v. l.): Juliane Rösner (sitzend), Linda Vernickel, Elke Päßler, Barbara Müller, Margot Hertel, Ilona Klimke, Birgit Kluck, Erika Hummel, Anita Herzog, Heike Kaselowsky, Kinda Al Baghdadi, Hubert Kreußler, Monika Kümritz, Helga Haase. Foto: Wolfgang Hesse

Nun also inspizierte sie US-Kliniken und lernte die »Pink Ladies« kennen. Die Ehrenamtlichen in rosa Kitteln besuchten die Patienten. »Und da sah ich die Lücke in Deutschland«, erinnerte sich Schröder später. »So kam es zu den Grünen Damen bei uns.«

Seit 1969 besuchen auch in Deutschland Ehrenamtliche Menschen in Altenheimen und Krankenhäusern, machen kleine Besorgungen, haben Zeit für ein Gespräch, trösten und hören zu. Ihr Erkennungszeichen sind Kittel in Lindgrün – denn das Rosa der Washingtoner Ideengeberinnen missfiel Schröder, nüchtern, wie sie war. Derzeit sind mehr als 8 000 Grüne Damen und rund 700 Grüne Herren für die Evangelische Kranken- und Alten-Hilfe (eKH) im Einsatz.

Schröder wurde vor 100 Jahren, am 28. Juli 1917, in Breslau als Tochter eines Bankiers geboren. Die Ehe mit Gerhard Schröder im Jahr 1941 konnte nur mit einer Sondergenehmigung geschlossen werden, da sie zwei jüdische Großelternteile hatte. Die Mutter von drei Kindern galt als energisch und organisationsbegabt und knüpfte auch bei der Gründung der Grünen Damen und Herren schnell die entscheidenden Fäden. Alles begann im Evangelischen Krankenhaus Düsseldorf, in dessen Kuratorium sie saß und wo sie eine Gruppe Einsatzbereiter um sich versammelt hatte. »Am Anfang bin ich schon von Krankenhaus zu Krankenhaus gefahren, habe Klinken geputzt«, erinnerte sie sich später. Jede Stationsschwester musste überzeugt, jedes Haus musste Stück für Stück erobert werden, bis das »Lieblingskind« der zupackenden Frau zum unverzichtbaren Dienst an heute mehr als 750 Krankenhäusern und Altenheimen im gesamten Bundesgebiet werden konnte. Fast im Alleingang organisierte Schröder von Bonn aus, dass Ehrenamtliche auf Station vorlasen, zu Spaziergängen luden und kleinere Dienste erledigten. Erst 1992 kam in der Zentrale ein Geschäftsführer hinzu. Die eKH wuchs. Die Mitarbeiterschaft ist keineswegs nur evangelisch, die Arbeit ökumenisch.

Der gemeinsame Nenner heißt: christliche Nächstenliebe. 1979 fand sich der erste Grüne Herr. Heute sind rund zehn Prozent Männer. Krankenhäuser und Altenheime beteiligten sich an der Finanzierung der Nebenkosten.

Schröders Nachfolgerinnen im Vorstand, Gabriele Trull und inzwischen Käte Roos, haben die eKH in einen eingetragenen, gemeinnützig anerkannten Verein überführt und nach dem Tod der Gründerin die Brigitte-Schröder-Stiftung gegründet. Die Geschäftsstelle ist in Berlin. Immer noch finanziert sich die eKH hauptsächlich durch Spenden. Man steht nach eigenen Angaben in freundschaftlichem Austausch mit der 1971 gegründeten Katholischen Krankenhaus-Hilfe. Und immer stehen neue Aufgaben an: etwa die Begleitung von Menschen mit Demenz oder mit Migrationshintergrund.

Brigitte Schröder starb im Jahr 2000 in Bonn. »Meine schönsten Momente sind natürlich immer die, wenn neue eKH-Gruppen zu uns stoßen«, sagte sie 1996. »Ich habe ja schon immer auf der positiven Seite gelebt. Das ist mein Lebensprinzip.« (epd)

Ebba Hagenberg-Miliu

ekh-deutschland.de

Welthauptstadt der Glocken

4. August 2017 von redaktionguh  
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Globaler Klang: Aus den vier Himmelsrichtungen wird am 5. August in Apolda ein Gesamtkunstwerk in Bild und Ton zusammengefügt: das 5. Weltglockengeläut unter dem Motto »Glocken sind Musik, Glocken verbinden, Glocken lassen aufhorchen«.

Das 1999 erstmals durchgeführte Multimediaprojekt erinnert an die über 250-jährige Tradition Apoldas als Glockengießerstadt, in der zwischen 1722 und 1988 mindestens 20 000 Glocken für Kirchen und andere Gebäude im In- und Ausland gegossen wurden. Die Initiative hierfür ist dem Medienkünstler Micky Remann aus Auerstedt im Weimarer Land zu verdanken, bei dem auch in diesem Jahr die internationalen Fäden zusammenlaufen.

Schauguss: »Freude dieser Stadt bedeute, Friede sei ihr erst Geläute!« (Friedrich Schiller, »Das Lied von der Glocke«) Beim Thüringentag in Apolda wurde eine neue Glocke für die Kirche von Cospeda (Kirchenkreis Jena) gegossen. Am 31. Oktober soll sie zum ersten Mal zum Gottesdienst läuten. Foto: Roberto Bergmann

Schauguss: »Freude dieser Stadt bedeute, Friede sei ihr erst Geläute!« (Friedrich Schiller, »Das Lied von der Glocke«) Beim Thüringentag in Apolda wurde eine neue Glocke für die Kirche von Cospeda (Kirchenkreis Jena) gegossen. Am 31. Oktober soll sie zum ersten Mal zum Gottesdienst läuten. Foto: Roberto Bergmann

Seit Jahrzehnten auf der Suche nach grenzüberschreitenden Herausforderungen, sorgte er bereits 1986 mit dem 1. Frankfurter Unterwasserkonzert für Furore, reiste als Simultandolmetscher des Zauberers David Copperfield durch die Welt und entwickelte mit Liquid Sound ein Verfahren zur Unterwasserbeschallung, das seit 2000 in den Toskana Thermen in Bad Sulza, Bad Schandau und Bad Orb neue Erlebnishorizonte eröffnet. Für den seit 2004 an der Weimarer Bauhaus-Universität wirkenden Medienprofessor ist »Apolda die Welthauptstadt der Glockenkultur«.

Den Lesern von »Glaube + Heimat« rät er »unbedingt zum Besuch der Veranstaltung vor Ort in Apolda. Die wird mit Sicherheit unterhaltsam, nicht zuletzt dank der sechsköpfigen ›Apolda Bell All Stars‹ auf der Bühne unter der Leitung des Komponisten und Theatermusikers Ludger Nowak«, ist Remann überzeugt. Allen, »die weiter als 100 km von Apolda entfernt wohnen«, legt er den Live-Stream im Internet ans Herz. Es gibt also viele Möglichkeiten der Teilnahme! »Die ganze Welt ist das Ohr, das den Apoldaer Glocken lauscht«, zeigt er sich überaus euphorisch.

Auf allen Kontinenten existieren Glocken als symbolträchtige, klingende und langlebige Kulturgüter. Sie rufen zum Gebet und sie geben Alarm, sie setzen Zeichen an der Börse, in Tempeln, Kirchen und Rathäusern. Aus Apolda seien von den Gießereien Schilling und Ulrich über zwei Jahrhunderte prominente Glocken und Glockenspiele in alle Welt geliefert worden, betont Micky Remann.

Die Live-Schaltung zur ersten Weltglockenstation, stellvertretend für den Osten, geht nach Kotagiri, Tamil Nadu, Indien. In der dortigen Missionskirche hängt eine Apoldaer Schilling-Glocke aus dem Jahr 1908. Den Live-Beitrag zum Weltglockengeläut moderiert Daniel Schad, zugleich Vorsitzender des Vereins »Straße der Musik«. Nach Kotagiri hat er familiäre und musikalische Verbindungen: seine Urgroßmutter hat in der Missionsstation gelebt und gearbeitet. In ihren Erinnerungen beschreibt sie anschaulich die Ankunft der Apoldaer Glocke auf Ochsenkarren. Mit indischen Partnern und Freunden bereitet Daniel Schad Glocken- und Musikgrüße nach Apolda vor (siehe auch Seite 14).

Die Live-Schaltung zur zweiten Glockenstation, stellvertretend für den Norden, führt nach Sandefjord in Norwegen. Das Glockenspiel aus dem Jahr 1930 mit 25 Schilling-Glocken wurde unlängst saniert und auf 49 Glocken erweitert. Aus der Hauptkirche wird ein Beitrag des norwegischen Carilloneurs (Glockenspieler) Arnfinn Nedland und Partnern erwartet.
Die Live-Schaltung zur dritten Glockenstation führt tief in den Süden, nach Bangkok, in die Hauptstadt Thailands. Dort entsteht gerade ein Musikinstrumentenmuseum, kuratiert von Tiago Oliveira Pinto (Hochschule für Musik »Franz Liszt«, Weimar), der Inhaber des ersten UNESCO-Lehrstuhls für transkulturelle Musikstudien ist. Aus dem nächtlichen Bangkok präsentiert er die Vielfalt der asiatischen Glockenkultur in einer konzertanten Einlage.

Selbstverständlich wird es auch eine Live-Schaltung in den Westen geben. Welche Glocke dabei in Bild und Ton nach Apolda übertragen wird, sei zwar schon klar, so Micky Remann. Der Ort solle aber bis zum Veranstaltungsabend ein Geheimnis bleiben. Da kann man also auf eine echte Überraschung gespannt sein!

Michael von Hintzenstern

Apoldaer Weltglockengeläut, 5. August,
19.15 Uhr, auf dem Gelände der Landesgartenschau in der Herressener Promenade

www.livestream.com/salveworld

Es war nicht alles schlecht

28. Juli 2017 von redaktionguh  
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Streit um Zahlen: Gefühle oder Fakten? Wovon sollte man sich bei der Bewertung der Ereignisse in diesem Jahr leiten lassen? Warum die Evaluierung, also eine fachgerechte Untersuchung, notwendig ist.

Das Nacharbeiten ist gut so. Allerdings scheint der aus der Erinnerungsarbeit bekannte Relativierungs-Effekt einzusetzen. Die Erfolge sollen gewürdigt werden, das Kritische nicht unter den Teppich gekehrt, doch auch nicht allzu deutlich benannt werden. »Es war nicht alles schlecht.« Nein. Aber Differenzierungen sind angesagt.

Dafür eignet sich der Streit um die Zahlen zu den Kirchentagen auf dem Weg gut. Wie viele Teilnehmende für wie viele Veranstaltungen waren es nun genau? Wie viel Geld ist dafür ausgegeben worden? Das sind wichtige Fragen. Natürlich sagen Zahlen nichts über die Qualität der Angebote aus. Unser Erfurter Kirchentag war eine insgesamt wunderbare Erfahrung mit vielen gelungenen, intensiven und öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen, von denen wir noch lange profitieren werden. Trotzdem: Dass die Medienberichte so auf Zahlen fixiert waren, ist Folge des planerischen Selbstverständnisses der Veranstalter. Wenn wir vorher von so und so vielen zahlenden Gästen reden, müssen wir uns fragen lassen, wo sie waren.

Zu viel gewollt? Im Reformationsjahr gibt es im ganzen Land unzählige Veranstaltungen und Projekte. Nicht alles läuft rund und ist so erfolgreich wie der Bibelturm (Foto) am Wittenberger Hauptbahnhof. 27 Meter ragt er in den Himmel und bietet einen Blick über die Lutherstadt. Verkleidet ist er mit der revidierten Lutherbibel. Foto: epd-bild

Zu viel gewollt? Im Reformationsjahr gibt es im ganzen Land unzählige Veranstaltungen und Projekte. Nicht alles läuft rund und ist so erfolgreich wie der Bibelturm (Foto) am Wittenberger Hauptbahnhof. 27 Meter ragt er in den Himmel und bietet einen Blick über die Lutherstadt. Verkleidet ist er mit der revidierten Lutherbibel. Foto: epd-bild

Der Veranstalter-Verein r2017 hat zu groß geplant und vorbei an den (ostdeutschen) Realitäten. Erfahrungen und Vorannahmen wurden oft nicht gründlich diskutiert. An den Zahlen als Orientierungsrahmen entlang wurde der Einsatz von Personal, Finanzmitteln und Material kalkuliert. Damit stehen wir den Geldgebern (Steuerzahlern) gegenüber in der Pflicht und all denen, die jahrelang ihre Arbeitsleistung und auch ihr Herzblut in diese Veranstaltung gesteckt haben.

Erfolg und Misserfolg müssen benannt, verstanden und vor allem: es muss daraus gelernt werden. Wir können uns nicht leisten, nach einem Großprojekt, das planerisch derart gefloppt ist, eine »Wir-hatten-doch-unseren-Spaß«-Stimmung als rückblickendes Narrativ stehen zu lassen. Es geht nicht um kleinliche Veranstalter-Schelte.

Es geht um das, was jedem Großprojekt ordentlich nachfolgt: die Evaluierung. Welche Ziele wollten wir erreichen? Welche haben wir erreicht? Wie stand der Aufwand im Verhältnis zur Wirkung? Wie haben die beteiligten Akteure zusammengearbeitet? Wie sind die anvertrauten Mittel eingesetzt worden? Dies muss diskutiert werden. In Erfurt waren schätzungsweise über 700 Haupt- und vor allem Ehrenamtliche an den Vorbereitungen beteiligt. Sie haben ein Recht auf Auswertung.

Das Projekt Kirchentage auf dem Weg beruhte im Grunde auf einer einfachen organisatorischen Idee: Alle sollten am Ende vielfältiger Kirchentagserlebnisse nach Wittenberg auf die Elbwiesen zum großen Gottesdienst kommen. Diese Idee ist nicht aufgegangen. Warum ließen sich nur wenige aus den Kirchentagsstädten dazu motivieren? Welche inhaltliche Idee oder Vision hätte sie dazu verlocken können? Gab es denn eine inhaltlich verbindende und aktivierende Idee? Oder nur eine organisatorische: eben viele Menschen zusammenzubringen? Es gab viele schöne Einzelideen, und viele wertvolle Ziele wurden benannt. Aber bitte: Welches Leitwort stand über den Kirchentagen auf dem Weg, das alle mitentwickelt und mitgetragen hätten?

Und was war, in einem Satz zusammengefasst, die gebündelte Botschaft unserer Kirchentage? Evangelisch heute ist Vielfalt – das scheint mir zu wenig. Wir müssen aus den Antworten auf diese Fragen lernen. Sonst bleibt das Reformationsjubiläum eine Sache, die schnell vergessen wird: Ja, da war mal was. Wir bleiben als Kirche stecken und geben den Unkenden Recht, die sagten: Es geht nicht mehr um Inhalte, sondern nur noch um Strukturen und Events.

Jürgen Reifarth

Der Autor ist Beauftragter für das Reformationsjubiläum des Evangelischen Kirchenkreises Erfurt.

Luther geht immer

21. Juli 2017 von redaktionguh  
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Wandern auf Luthers Spuren: Unter diesem Motto treffen sich vom 26. bis 31. Juli in der Wartburgregion mehr als 30 000 Wanderer aus ganz Deutschland. Mit dem Reformator hat der 117. Deutsche Wandertag aber wenig am Hut.

Über 20 Kilometer lang ist die Strecke, die Luther bei seiner Entführung auf die Wartburg gegangen sein soll. »Ob es genau auf diesem Weg war, sei mal dahingestellt«, sagt Wanderführer Andreas Matz. Aber denkbar wäre es in jedem Fall. Die Strecke ist die längste der 95 Wanderrouten, die zum Deutschen Wandertag zur Auswahl stehen – die Zahl erinnert nicht zufällig an die 95 Thesen.

Titel-Schuhe-29-2017Von Schweina führt sie über Steinbach zum Luthergrund, dem vermeintlichen Ausgangspunkt der Entführung. Durch den Nordwesten des Thüringer Waldes geht es weiter zur Wartburg. Andreas Matz ist einer von 270 Wanderführern, die das Großevent Wandertag ermöglichen. Er führt sechs der insgesamt 292 Touren, darunter zwei Mal die Strecke von Luthers Entführung. »Man wird nicht umhinkommen, Luther zu erwähnen«, sagt er. Aber: »Es geht vor allem um das Wandern.«

Dem stimmt auch der Superintendent des Kirchenkreises Eisenach-Gerstungen, Ralf-Peter Fuchs, zu. Das Motto bot sich an, »weil in diesem Jahr alles mit Luther sein muss«, meint er. Viele der Touren folgen tatsächlich den Spuren des Reformators, beispielsweise auf verschiedenen Etappen entlang des Lutherwegs. Von Eisenach nach Möhra, dem Heimatort von Luthers Vater etwa, oder eine kulturgeschichtliche Wanderung von Hörschel zum Eisenacher Lutherhaus. Doch die Mehrzahl der Wanderungen verbindet nicht viel mit dem Reformator.

Eisenach ist nach 1888 und 1936 zum dritten Mal Gastgeber des Deutschen Wandertages. Für die Veranstaltung übernahm die ehemalige Thüringer Ministerpräsidentin und Präsidentin des Thüringer Verbandes der Gebirgs- und Wandervereine, Christine Lieberknecht, die Schirmherrschaft. Obwohl der Titel der Veranstaltung durchaus einen christlichen Bezug vermuten lässt, fehlt der im Grußwort der Theologin im Programmheft. Nicht einmal um »Gottes Segen« für diese sechs Tage wird gebeten.

Exklusive Postkarten Am Stand von »Glaube + Heimat« vor dem Eisenacher Lutherhaus erhalten Sie frankierte Postkarten Ihrer Kirchenzeitung zugunsten der Stiftung »Humor hilft heilen« (eine Aktion zusammen mit der Deutschen Post und der Thüringer Tourismus GmbH). Die Auflage ist auf 2017 limitiert. Da heißt es, schnell die Wanderschuhe schnüren und nichts wie hin! Gestaltung: Adrienne Uebbing

Exklusive Postkarten Am Stand von »Glaube + Heimat« vor dem Eisenacher Lutherhaus erhalten Sie frankierte Postkarten Ihrer Kirchenzeitung zugunsten der Stiftung »Humor hilft heilen« (eine Aktion zusammen mit der Deutschen Post und der Thüringer Tourismus GmbH). Die Auflage ist auf 2017 limitiert. Da heißt es, schnell die Wanderschuhe schnüren und nichts wie hin! Gestaltung: Adrienne Uebbing

Apropos Segen: Den haben die Kirchen vor Ort angeboten. Doch ein solcher Wandersegen zu Beginn der Touren wurde abgelehnt. »Damit konnten sie nichts anfangen«, sagt Superintendent Ralf-Peter Fuchs. Im über 200-seitigen Veranstaltungsheft fällt der Abschnitt der Kirchenveranstaltungen mit knapp drei Seiten recht dünn aus. Umso überraschender ist der Verweis auf das Buddhistische Dharmazentrum Möhra an dieser Stelle. Einige, seitens der Gemeinden rechtzeitig gemeldete Veranstaltungen fehlen dagegen. Darunter auch der speziell angebotene Abendsegen für Wanderer, Mittwoch bis Freitag um 19 Uhr in der Annenkirche.

Inhaltliche Akzente will Fuchs vor allem in den zwei ökumenischen Gottesdiensten, am Samstag im Kurpark in Bad Liebenstein und am Sonntag in Eisenach auf dem Elisabethplan, setzen. »Wenn die Wanderer einen inhaltlichen Bezug wollen, werden sie diese Veranstaltungen aufsuchen«, sagt Fuchs. »Und die werden gut«, ist er sich sicher.

Der Superintendent räumt ein, dass im Vorfeld nicht alles ideal lief. Er selbst kam erst nach Eisenach, als fast alle Planungen abgeschlossen waren. Auch für die Kirchengemeinden sei es schwer, über ein Jahr im Voraus zu planen – zudem noch für einen Termin in den Ferien. Deshalb war es Stephan Köhler, Pfarrer der Eisenacher Georgenkirche, wichtig, während der Wandertage auf die Angebote hinzuweisen, die sowieso schon bestehen. Die täglichen Marktkonzerte um 11 Uhr in der Georgenkirche und das anschließende Mittagsgebet um 12 Uhr beispielsweise.

Doch daraus folgt, dass deutliche Spuren lutherischer Theologie und Luthers Wirken für die Wanderer allenfalls in den Museen oder dem Musical »Luther! Rebell wider Willen« des Eisenacher Landestheaters zu finden sein werden.

Mirjam Petermann

Einfach vom Glauben sprechen

14. Juli 2017 von redaktionguh  
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Sprachfähig: Wer sich in der DDR als Christ zu erkennen gab, musste damit rechnen, verspottet, schlimmstenfalls diskriminiert zu werden. Obwohl das hier und heute niemand mehr befürchten muss, fällt es vielen Christen schwer, über ihren Glauben zu reden.

Warum Christen so oft stumm in Glaubensdingen sind, hat viele Ursachen: vermutetes Desinteresse, der Wille, unbedingt Mission vermeiden zu wollen und last, but not least, Gott in Worte zu fassen ist nicht leicht. Wie soll ich in einer säkularen Umgebung einem Menschen, der selbstverständlich von der Nichtexistenz Gottes ausgeht, klarmachen, dass ich einen Draht zum Himmel habe?

»Es fällt uns schwer, über den Glauben zu reden«, unterstreicht Propst Christian Stawenow, Regionalbischof des Propstsprengels Eisenach-Erfurt. Christen glauben an das ewige Leben – dass Christus auferstanden ist von den Toten. Aber »man redet nicht mehr darüber, dass dieses schöne Leben, wenn man es denn schön getroffen hat, irgendwann einmal zu Ende geht«, so der Theologe. Darüber müsse die Kirche mehr reden, schlussfolgernd ebenso darüber, wie die Menschen zur Auferstehung der Toten kommen. Eschatologie, die Lehre von den letzten Dingen Tod, Gericht, Himmel und Hölle, ist in der Theologie heute kaum Thema. Selbst Pfarrerinnen und Pfarrern, den Profis in Sachen Glauben, fällt es nicht leicht, über diese Fragen zu sprechen.

Privatsache? Über den Glauben reden fällt vielen nicht leicht. Oft fehlt der Anstoß. Mit der Plakatkampagne des überkonfessionellen Vereins gott.net soll Gott wieder ins Gespräch gebracht werden. Der Fachverband Außenwerbung hat die christliche Plakat-Kampagne 2004 ausgezeichnet. – Foto: gott.net

Privatsache? Über den Glauben reden fällt vielen nicht leicht. Oft fehlt der Anstoß. Mit der Plakatkampagne des überkonfessionellen Vereins gott.net soll Gott wieder ins Gespräch gebracht werden. Der Fachverband Außenwerbung hat die christliche Plakat-Kampagne 2004 ausgezeichnet. – Foto: gott.net

Was trägt das Studium an der Universität zur Sprachfähigkeit des Theologennachwuchses bei? »Der akademische Diskurs hat alle Chancen, sprachfähig zu machen. Er trägt dazu bei, dass ich den Glauben verständlich machen kann«, erklärt Manuel Vogel, Dekan der theologischen Fakultät an der Universität Jena. Doch so hoch der Professor für Neues Testament den Stellenwert theologisch-wissenschaftlicher Arbeit ansetzt, weiß er auch um die Gefahr, sprachlich zu verarmen. Neben der Bibel sieht er deshalb in der Literatur eine große Fundgrube für Bilder, Geschichten, für Sprache. Sie sei ein Raum großartiger Sprache, in dem sich Theologen bedienen könnten. Wie Pfarrerinnen und Pfarrer mit ihren Predigten die Menschen erreichen, berühren können, »daran arbeiten wir«, sagt Kathrin Oxen, Leiterin des Wittenberger Zen­trums für Predigtkultur. Gefragt seien nicht die großen Worte und Gedanken, sondern es sei wichtig, über Erfahrungen mit Gott zu sprechen. Über die eigene Glaubensgewissheit, aber nicht nur das. »Wir müssen uns trauen, mehr zu sagen, als wir glauben.« Wie ist das möglich? Wir sind nicht allein. Die Bibeltexte helfen uns mit ihren Bildern, Geschichten, Verheißungen.

»Ich weiß nicht, wie Schwerter zu Pflugscharen werden«, sagt Oxen. Aber sie lese beim Propheten Micha, dass dies geschehen kann. So spreche die Bibel von einer Hoffnung, die noch nicht die ihre sei, jedoch zu dieser werden könne. Die Bibel ist reich an Bildern und Geschichten. Sie überliefert vielfältige Gotteserfahrungen. Kein Mensch kann Gott in seiner ganzen Größe begreifen. Wie jeder Bibeltext eine andere Facette des Glaubens zum Ausdruck bringt, so vermag jeder Christ nur die eine oder andere Seite von Gott zu entdecken. Bekommt sozusagen jeweils nur einen winzigen Zipfel zu fassen. Aber sich mit diesem zu zeigen, ist spannend für andere.

Was glauben Christen? Welche Gewissheiten haben sie? In Gesprächen höre sie oft, dass Menschen sich von Gott getragen fühlen, erzählt Beate Marwede, Superintendentin im Kirchenkreis Meiningen. Sie denke an ein Ehepaar, das voller Dankbarkeit auf das lange gemeinsame Leben zurückblicke. Manche berichteten, wie ihnen das Gebet helfe. Und sie sprechen von ihrer Hoffnung – über den Tod hinaus.

»Ich glaube an Gott, den Schöpfer«, sagt Manuel Vogel. Wenn er diesen Satz des Glaubensbekenntnisses spreche, bezeuge er sein Einverständnis mit der Welt, wie sie ist, also fehlbar. Das Leben verwundbar und anfällig für Schuld und Versagen. Er bringe damit zugleich seine Gewissheit zum Ausdruck, so der Professor, dass Gott dieser Welt trotz all ihres Versagens und ihrer Schuld seinen guten Willen nicht aufkündigt.

Sabine Kuschel

Heiliger Zeitgeist

7. Juli 2017 von redaktionguh  
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Gender als Schimpfwort – Zeitgeist als Synonym für den Selbstbetrug der Kirche. Die Debatte um Geschlechterrollen ist erhitzt. Abkühlung versprach eine Tagung in Magdeburg.

Die Spannung war nahezu mit Händen zu greifen, als Margit Eckholt, Professorin für Katholische Theologie in Osnabrück, ihren Vortrag über die Ämterfrage der katholischen Kirche anlässlich der internationalen und interdisziplinären Tagung »Glaube und Geschlecht – Gender Reformation« an der Universität Magdeburg beendet hatte. Fragen aus dem Publikum ließen nicht lange auf sich warten. »Wann ist denn nun endlich die Zeit gekommen?«, wollte eine Zuhörerin von der Wissenschaftlerin ungeduldig wissen, um dann doch selbst zu schlussfolgern, die Zeit komme nicht aus der Kirche, sie komme von außen in die Kirche. Gleichberechtigung, Geschlechterfragen, Gender – freilich nicht nur in der katholischen, auch in der evangelischen Kirche entzünden sich hitzige Debatten um diese Themen. Und das nicht erst heute. Vor rund 100 Jahren wurden Frauen zwar zum Theologiestudium, aber nicht automatisch zum Examen zugelassen, geschweige denn in den Dienst ihrer Landeskirche übernommen. Später durften sie zwar als Pfarrgehilfin tätig sein, hatten aber nach einer Hochzeit aus dem Dienst auszuscheiden.

Männlein oder Weiblein: Gender steht für das soziale Geschlecht. Im Gegensatz zum biologischen Geschlecht meint Gender die gesellschaftliche Geschlechterrolle, die häufig auch typisches Verhalten oder Kleidung bestimmt. – Foto: Adrienne Uebbing

Männlein oder Weiblein: Gender steht für das soziale Geschlecht. Im Gegensatz zum biologischen Geschlecht meint Gender die gesellschaftliche Geschlechterrolle, die häufig auch typisches Verhalten oder Kleidung bestimmt. – Foto: Adrienne Uebbing

Es war in den letzten Kriegsjahren und den ersten Jahren des geteilten Deutschlands keine Kirchenrevolution, sondern schiere Notwendigkeit, dass Frauen predigten, trauten, beerdigten oder das Abendmahl austeilten. Erst 1958 unternahmen einzelne Landeskirchen, darunter auch Anhalt, kirchenrechtliche Schritte zur – zunächst noch eingeschränkten – Gleichberechtigung der Frauen. Es war ein langer Weg von Carola Barth, der ersten Frau, die in Theologie promovierte, bis zu Maria Jepsen, der weltweit ersten lutherischen Bischöfin, oder Margot Käßmann, erste Frau an der Spitze der EKD. Die Bibel, so sagt es Kirchenhistorikerin Cornelia Schlarb, sei jahrhundertelang patriarchisch ausgelegt worden. Der Prozess der Gleichberechtigung sei auch nach 100 Jahren nicht abgeschlossen. Die Rücknahme der Frauenordination in Lettland ist dafür beredtes Zeugnis.

Über neue Lebensformen und den Wandel der Geschlechteridentitäten forscht die praktische Theologin Professor Andrea Bieler. Sie bezeichnet die Bundestagsentscheidung zur »Ehe für alle« als Überwindung einer signifikanten symbolischen Schwelle und erinnert an die Erkenntnisse von Biologen, Sozialwissenschaftlern und auch Theologen, wonach die binären Kategorien zu simpel und nicht mehr haltbar seien. »Die Lebensformen haben sich pluralisiert«, sagte sie. Zwar sei die traditionelle, heterosexuelle Kleinfamilie in der Mehrheit, aber auch hier müsse immer mehr ausgehandelt werden, was das Zusammenleben eigentlich bedeutet: Pendeln zur Arbeit, Pflege der Eltern, Patchwork.

Die Ehe ist ein weltlich Ding, erinnerte Andrea Bieler an Martin Luther. Heute mehr als zur Reformationszeit: Einzig der Staat kann rechtsgültige Ehen schließen. Die Ehe ist ein Rechts­institut, schnöde gesagt. Und sie ist göttliche Stiftung. Aber, so Bieler weiter, die Geschlechterrollen der Schöpfungsgeschichte entsprächen nicht den Prioritäten der Bibel. Wie die Heilige Schrift ausgelegt werden könne, auf dass sie in der Gegenwart handlungsweisend und orientierend ist, sei der Streitpunkt. Dabei steht die Kirche immer wieder auch aus der Kirche heraus in der Kritik, sich dem Zeitgeist hinzugeben. Professorin Bieler: »Gibt es kein Vertrauen darauf, dass sich auch im Zeitgeist der Heilige Geist zeigen könnte?« Bieler bemängelte, dass Sexualität entweder dämonisiert oder religiös verklärt werde. Der Fetisch des Sexuellen überlagere dabei die eigentliche Frage, wer der Einzelne als Christ und wie seine Beziehung zu Gott sei.

Katja Schmidtke

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