Widerspruch ist (k)eine Lösung

19. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Organspende: Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat sich für die Widerspruchs­lösung bei der Organspende ausgesprochen. Danach solle jeder Deutsche automatisch ein Spender sein, solange nicht dagegen widersprochen wird.

Knapp ein Drittel der Deutschen besitzt einen Organspendeausweis, aber mehr als 10 000 Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan. Sie warten oft jahrelang auf eine Niere, eine Leber, ein Herz – viele vergeblich. 2017 sanken die Organspendezahlen auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren.

Bisher sind in Deutschland Organentnahmen nach dem Tod nur möglich, wenn jemand ausdrücklich zustimmt. Gesundheitsminister Spahn schlug nun kürzlich die so genannte Widerspruchslösung vor. Danach soll jeder, der nicht ausdrücklich widerspricht, automatisch als Spender gelten. Bei der so genannten Widerspruchslösung wird aus meiner aktiven und freien Entscheidung zur Organspende ein Zwang. Das ist ein schwerer Eingriff in die persönliche Integrität und individuelle Gewissensfreiheit. Hinzu kommt, dass ein sterbender Mensch eine eigene Würde besitzt. Er kann sogar die Organspende verfügt haben, aber seine Würde darf nicht dadurch relativiert und verletzt werden, dass er am Ende seines Lebens als Materiallager für andere Menschen angesehen wird. Organspende muss Spende bleiben: eine aktive und freiwillige individuelle Entscheidung.

Das lange Warten: Mit einer Plakataktion warb die Stiftung »Fürs Leben« vor vier Jahren bundesweit für Organspenden. Das Plakatmotiv zeigt Michael Stapf (28), der damals bereits seit acht Jahren auf eine Niere wartete. Er wurde für die Aufnahmen im Krankenbett zum Bahnhof Gesundbrunnen in Berlin gebracht. Foto: epd-bild

Das lange Warten: Mit einer Plakataktion warb die Stiftung »Fürs Leben« vor vier Jahren bundesweit für Organspenden. Das Plakatmotiv zeigt Michael Stapf (28), der damals bereits seit acht Jahren auf eine Niere wartete. Er wurde für die Aufnahmen im Krankenbett zum Bahnhof Gesundbrunnen in Berlin gebracht. Foto: epd-bild

Um die Spendenbereitschaft zu erhöhen, ist es wirkungsvoller, endlich transparent mit dem Thema Organspende umzugehen. Vorbild ist für mich der alternative Organspendeausweis, den die Evangelischen Frauen in Deutschland entwickelt haben (www.organspende-entscheide-ich.de). Er berücksichtigt drei wesentliche Aspekte: Zum Ersten die Verfügung, eine Organentnahme nur unter Vollnarkose vorzunehmen. Denn auch ein so genannter hirntoter Mensch ist ein sterbender Mensch. Niemand kann sagen, ob und was er noch erlebt und fühlt.

Zum Zweiten sieht der alternative Organspendeausweis die Begleitung durch Angehörige oder andere nahestehende Personen vor. Eine solche ist wichtig, denn der Sterbende, auch der Hirntote, wird im Blick auf die mögliche Organentnahme weiter medizinisch behandelt und wirkt darum für Anwesende nicht als sterbend. Das erschwert den Abschied von ihm oder ihr. Zur Würde des Menschen gehört auch eine Würde des Sterbens, eine Würde, die im Abschiednehmen zum Ausdruck kommt.

Und zum Dritten unterscheidet der alternative Organspendeausweis zwischen Organspende und Gewebespende. Die Gewebespende kann auch noch Stunden nach dem Tod erfolgen; ein hirntoter Mensch muss für sie nicht wie bei der Organspende künstlich am Leben gehalten werden. Von dieser Praxis weiß die Öffentlichkeit noch zu wenig.

Organspende? Ja! Als eine Spende im Wortsinne, über die jeder Mensch individuell entscheidet. Dann können Organ- und Gewebespenden sogar einen Aspekt von Nächstenliebe abbilden. Sie zur Pflicht zu machen, verletzt dagegen das Selbstbestimmungsrecht und damit die Würde des Menschen. Und zudem brauchen wir mehr individuelle und soziale Aufmerksamkeit für die Frage: Wie gelingt es uns, angemessen und menschlich mit Leid umzugehen – ohne unnötiges Leiden zu fordern oder zu fördern?

Landesbischöfin Ilse Junkermann

Aus »zeitzeichen – evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft«

www.zeitzeichen.net

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Das letzte Tabu

12. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Auch Sterben ist Lebenszeit. Wie gehen wir um mit Abschied, Tod und Trauer? Von der Notwendigkeit über das Unsagbare zu sprechen.

Es war Februar, als mein Urgroßvater starb. Winterwochen, kalt und dunkel. Warm war nur der Schein der Nachttischlampe in dem sonst sonnenhellen Schlafzimmer. Das kleine Licht brannte bei Tag und in der Nacht. Es brach durch den Türspalt, wenn sie einander abwechselten, die Uroma, meine Großeltern und Eltern. Sie wachten an seinem Bett, hielten seine Hand, bis er die Augen schloss. Ich war neun Jahre alt. Es ist meine erste Erinnerung an den Tod. Und es ist das friedlichste Bild vom Sterben, das ich mir denken kann.

Dennoch: es ist ein idealisiertes, wie Christine Vonderlind weiß. Die Fachärztin für Anästhesie ist Vorsitzende des Thüringer Hospiz- und Palliativverbandes (THPV) und betreut Sterbende auf ihrem letzten Weg. »Die Mehrheit meiner Patienten wünscht sich, zu Hause im Kreise der Angehörigen einzuschlafen. Die Regel ist das aber nicht.« Nach Angaben des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes (DHPV) sind es tatsächlich etwa 25 Prozent. Gut die Hälfte der Menschen in Deutschland stirbt im Krankenhaus, rund 30 Prozent in einer stationären Pflegeeinrichtung.

Zahlen und Fakten, die den Tod schnell zum statistischen Detail werden lassen. Vom Sterben ganz zu schweigen. Über die letzte Phase, die ein Mensch durchlebt, wenn die Tage zu Ende gehen, wird kaum gesprochen. Woran liegt das? »Nicht nur die Auseinandersetzung mit dem Gedanken an die eigene Endlichkeit, auch das Sterben selbst braucht Zeit«, erklärt Christine Vonderlind. Und Zeit sei nicht nur im Gesundheitswesen, sondern allgemein eine knappe Ressource.

Wie also Anspruch und Wirklichkeit in Einklang bringen? Und was bedeutet »gutes Sterben« überhaupt? Die Schweizer Theologin und Psychologin Monika Renz ist eine willkommene Fachreferentin, wenn es um die Beantwortung dieser Fragen geht. Erst kürzlich sprach die Leiterin der Psychoonkologie am Schweizer Kantonsspital St. Gallen auf einer Tagung des THPV. Renz geht davon aus, dass Sterbende eine Bewusstseinsveränderung durchlaufen – ein Prozess, der im Sinne eines »guten Sterbens« möglichst ganzheitlich erlebbar werden soll. Als therapeutische Hilfen dienen Renz dabei Traumdeutungen nach C. G. Jung oder sogenannte »Klangreisen«.

»Weil du wichtig bist!«: Das Motto des Welthospiztags am 13. Oktober ist eine Reminiszenz an das Credo der Begründerin der Hospizbewegung, Cicely Saunders, die in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Foto: pexels.com/tookapic

»Weil du wichtig bist!«: Das Motto des Welthospiztags am 13. Oktober ist eine Reminiszenz an das Credo der Begründerin der Hospizbewegung, Cicely Saunders, die in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Foto: pexels.com/tookapic

Christine Vonderlind sieht eine konzeptorientierte Sterbebegleitung, die dem Prozess eine werthaltige Prägung aufdrückt, kritisch. »Mit Absolutismen, die den Sterbeprozess in »gut« und »schlecht« unterteilen, wird man dem Einzelnen nicht gerecht. Für mich ist ein friedliches Sterben eines, das Beziehung zu- und vielleicht sogar wachsen lässt.« Die grundsätzliche Frage sei, so die Medizinerin, wie man menschliche Zuwendung organisieren kann. »Sterbende brauchen Menschen an ihrer Seite, die sie berühren, die greifbar sind. Was zählt, ist echtes Interesse. Zum Ende hin entwickelt der Mensch ein starkes Bewusstsein für Authentizität.«

Das Interesse an ehrenamtlichem Engagement in diesem Bereich ist groß: Laut Anagaben des DHPV unterstützen mehr als 100 000 Menschen deutschlandweit die Arbeit für Schwerstkranke und Sterbende. »Das zeigt doch, dass die Hoffnung besteht, dass Sterben ein Tabu ist, das aufgeweicht werden kann«, so die Ärztin.

2015 trat das Hospiz- und Palliativgesetz für eine verbesserte Versorgung von Menschen in der letzten Lebensphase in Kraft. Heute gibt es in Deutschland rund 1 500 ambulante Hospizdienste, etwa 240 stationäre Hospize sowie mehr als 300 Palliativstationen in Krankenhäusern. Vielerorts bieten Hospizvereine Kurse für ehrenamtliche Sterbebegleitung an. Seit 2014 müssen Medizinstudenten, die ihr Zweites Staatsexamen ablegen, Leistungsnachweise im Fach Schmerz- und Palliativmedizin erbringen.

Gerade aber in der Sterbebegleitung gäbe es immer wieder Situationen, die im besten Wissen nicht so verliefen, wie gewünscht, erzählt Vonderlind. Wie gehen Ärzte, die per Eid geschworen haben, Leben zu retten und Leid zu lindern, damit um, wenn Krankheitsverläufe komplexer werden und die Belastung steigt? »Für mich ist es wichtig zu wissen, dass ich nicht den Part der letzten Instanz annehmen muss«, sagt Christine Vonderlind. »Mein Glaube gibt mir die Gewissheit dazu.«

Beatrix Heinrichs

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Unser tägliches Brot

5. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Erntedank: Eine Reaktion auf das uns widerfahrene Gute?

In jedem Gottesdienst wiederholen wir einen an Gott gerichteten Wunsch: »unser tägliches Brot gib uns heute«. Doch meinen wir diese Bitte des Vaterunsers wirklich ernst?

Sehen wir uns tatsächlich in einer Abhängigkeit von göttlichem Segen und seiner Fürsorge im Sinne existenzieller Bedürfnisvorsorge? Welche Rolle spielt die häufig ohne große Betonung dahergesagte Gebetsformel heute in unserem Bewusstsein, das geprägt ist von einem reichhaltigen Angebot an Brot, ja Nahrungsmitteln insgesamt im Überfluss?

Wenn wir nicht hochmütig und ichbezogen sind und diesen Überfluss als wirkliches Echo auf unsere Bitte verstehen, sollten wir angemessen reflektieren, dass das uns widerfahrene Gute unser Gefühl der Anerkennung verdient. Mit der Erkenntnis, dass wir es mit Geschenken Gottes zu tun haben, überwinden wir die Selbstverständlichkeit.

Foto: epd-bild

Foto: epd-bild

Eine gute Gelegenheit, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, bietet alljährlich Erntedank. Seit etwa 200 Jahren hat das Erntedankfest Anfang Oktober seinen bestimmten Platz im kirchlichen Festkalender. Dabei charakterisieren Experten die wirtschaftliche Situation vieler Agrarunternehmen und der sie tragenden Familien derzeit als angespannt. Steht den betroffenen Landwirten wohl der Sinn nach Erntedank und milder Gabe?

Sehen sie sich angesichts signifikanter Ertragseinbußen nicht selber als unbedingte Adressaten gesellschaftlicher Solidarität und politisch organisierter finanzieller Unterstützung?

Ernteschwankungen und dadurch induzierte fehlende Preisstabilität gehören seit jeher zu den grundlegenden Seins-Faktoren der bäuerlichen Existenz. Doch während noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts der Anteil der in der Land- und Forstwirtschaft Erwerbstätigen bei 38 Prozent lag, beträgt er heute unter zwei Prozent. Ein wenig so, als wollten sie diesen realen Bedeutungsverlust nicht wahrhaben wollen, schwingt in Diskussionen, in denen Landwirte das Wort ergreifen, regelmäßig ihr Unverständnis mit für die gesellschaftlichen Ansprüche, denen sich der Berufsstand heute ausgesetzt sieht.

Oft reichen schon wenige Schlagworte, um ein mit Landwirtschaft und ihren Prozessen nicht mehr vertrautes Publikum dazu zu bringen, populistischen, aber nicht immer sachgerechten Argumentationen wohlwollend zu folgen. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit den – zugegebenermaßen komplexen – Fakten wird so umgangen. Und das, obwohl gut die Hälfte der Menschen in Deutschland noch immer in Dörfern, Gemeinden und Städten auf dem Land wohnt. Heute werden ganze 145 von ihnen von nur noch einem Landwirt ernährt.

Vielleicht lässt sich das diesjährige Erntedankfest vor diesem Hintergrund dazu nutzen, den Versuch gegenseitigen Verstehens zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft in den Vordergrund zu rücken. Kirche kann dazu Raum geben. Treten wir in einen Dialog! Nutzen wir Erntedank 2018, um sachlich miteinander zu reden! Schließlich ist es an uns allen, gemeinsam deutlich zu machen, dass es ohne Gottes Segen nicht geht. Es steht uns daher gut zu Gesicht, in Demut die Erkenntnis zu bekräftigen, dass wir das Leben nicht uns selber verdanken, sondern Gott, der alles in seinen Händen hält. Auf besonders schöne Weise nimmt auch der deutsche Dichter Matthias Claudius (1740–1815) in einem Text aus dem Jahr 1783, der heute unter der Nummer 508 Teil des Evangelischen Gesangbuchs ist, Bezug auf Gottes lenkenden Hand. So heißt es in der ersten Strophe: »Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand: der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf und träuft, wenn heim wir gehen, Wuchs und Gedeihen drauf«.

Claudius zeigt uns in bildhafter Sprache, dass es für eine auskömmliche Ernte mithin viel mehr bedarf als nur menschlichen Zutuns. Der Refrain des Liedes bringt es auf den Punkt: Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn!

Bernhard Voget

Der Autor ist promovierter Agrarökonom und bewirtschaftet Gut Bergmühle im Unstrut-Hainich-Kreis.

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Hoffnungslos religiös

28. September 2018 von redaktionguh  
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Mut zur Religion: Die meisten Menschen in Ostdeutschland gehören heute keiner Religion an. Die Entwicklung von der selbstverständlichen Kirchenzugehörigkeit zur Religionslosigkeit beleuchtete eine Tagung.

Bedarf es heutzutage und hierzulande des Mutes zur Religion? Zunächst lässt sich diese Frage getrost mit Nein beantworten, denn in unserem Land ist die Religionsfreiheit vom Staat garantiert und geschützt. Auf den zweiten Blick indes ist nicht zu übersehen, dass es das Christentum hier in unseren Breiten äußerst schwer hat. Warum das so ist, darauf suchte ein Kongress in Dresden mit dem Thema »Gott? – Mut zur Religion in der modernen Gesellschaft« eine Antwort.

Religion auf der Bühne: Am 14. Oktober um 10 Uhr gibt es wieder einen Zwiebelmarkt-Gottesdienst auf dem Weimarer Herderplatz. Kirchengemeinde und Falk-Verein feiern den Schöpfer der Zwiebel, so wie auf dem Foto von 2016. Superintendent Henrich Herbst (Mitte) segnet die Besucher, dahinter »The Jakob Singers«. Foto: Archiv/John Böhme

Religion auf der Bühne: Am 14. Oktober um 10 Uhr gibt es wieder einen Zwiebelmarkt-Gottesdienst auf dem Weimarer Herderplatz. Kirchengemeinde und Falk-Verein feiern den Schöpfer der Zwiebel, so wie auf dem Foto von 2016. Superintendent Henrich Herbst (Mitte) segnet die Besucher, dahinter »The Jakob Singers«. Foto: Archiv/John Böhme

Lange Zeit sei die Kirche davon ausgegangen, dass der Mensch von Natur aus religiös gebunden sei. Michael Seewald, Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, spricht vom hoffnungslos religiösen Menschen. Ihm wird ein natürliches Verlangen nach Gott, ein Hang zur Religion zugeschrieben. Diese Vorstellung, so Seewald, sei nicht mehr haltbar. Die Idee des Menschen, dem ein natürlicher Hang zur Religion eigen ist, werde der gesellschaftlichen Situation, etwa in Ostdeutschland, wo areligiös die Normalität sei, nicht gerecht. Seewald bezeichnet den hoffnungslos der Religion sich hingebenden Menschen als das Wunschprodukt einer geschichtsvergessenen Theologie und konstatiert: »Er ist eine vom Aussterben bedrohte Spezies.« Der katholische Theologe ist einer der jüngsten Professoren Deutschlands in einer geisteswissenschaftlichen Disziplin – Seewald wurde 2016 mit 29 Jahren Lehrstuhlinhaber.

Wenn der Mensch seinem Wesen nach nicht mehr als zwingend religiös gedacht werden könne, schlussfolgert er, gehe der kirchlichen Verkündigung ein im wörtlichen Sinn natürlicher Haltepunkt verloren. In dieser Lage befinde sich die Kirche. Eine durchaus dramatische Veränderung, um deren Anerkennung die Kirche nicht herumkomme. »In einer Welt, in der der Mensch von Natur aus als religiös galt, war Religion hoch relevant.« Daher schenkten die Menschen in großer Zahl dem Aufmerksamkeit, was kirchliche Institutionen zu vermitteln hatten. »Heute ist das nicht mehr der Fall«, so Seewald. Nach seinem Eindruck registriert die Kirche zwar diesen Verlust, hat ihn aber bisher kaum verarbeitet. Stattdessen werde versucht, sich gegen diesen Verlust mit allen Kräften zu stemmen.

Einen Rückblick auf frühere Gesellschaften, in denen Religion selbstverständlich ihren Platz hatte, unternimmt auch die Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig. »Das damalige Leben war nicht nur durch gesellschaftliche Strukturen stark vorgeprägt. Seit das Christentum unter Kaiser Konstantin als Religion akzeptiert war, schuf auch der christliche Glaube, der sich nach und nach in Europa und dann auch in anderen Teilen der Welt durchsetzte, eine Bindung, die den Einzelnen in einen größeren Zusammenhang einordnete.« Es könne zwar kaum festgestellt werden, inwieweit die Menschen früher tatsächlich gläubig waren oder sich äußerlich nur angepasst hatten, weil man sich als Christ zu bekennen hatte. Aber die Kirchenzugehörigkeit war identitätsstiftend, und wer den Glauben ernst nahm, hatte zusätzlich eine innere Leitlinie, der er folgen konnte.

Diese trifft heute auf viele Menschen nicht mehr zu. Die Säkularisierung hat die Bedeutung der Religion in Europa zurückgedrängt. Zehnpfennig würdigt die moderne liberale Demokratie, »das freiheitlichste System, das man sich denken kann«, mit einer unübersehbaren Fülle an Möglichkeiten. Zugleich aber stelle uns die Freiheit vor die Qual der Wahl. Die bunte Vielfalt bietet zwar Raum für freie Entfaltung der Persönlichkeit, aber es sei schwer, sich in der Vielfalt nicht zu verirren und selbstständig Orientierung zu gewinnen, wenn so wenig Verbindliches vorhanden ist. Ein Grund für die Politikwissenschaftlerin, darüber nachzudenken, ob es nicht die Religion sein könnte, die dem Menschen Orientierung gibt.

Sabine Kuschel

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Was uns im Leben trägt

21. September 2018 von redaktionguh  
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Das Selbst stärken: Es gibt Menschen, bei denen wird aus einer Krise eine Depression, während andere wie Phoenix aus der Asche aufsteigen. Was stärkt die menschliche Seele?

Im Leben mehr zu sehen als das, was die Augen wahrnehmen, Sinn und Bedeutung zu erfahren, an Gott zu glauben, das hat Einfluss auf unsere Widerstandsfähigkeit.
Resilienz nennen Wissenschaftler die Aufrechterhaltung oder rasche Wiederherstellung der psychischen Gesundheit nach leidvollen Umständen. Wie Menschen Krisen bewältigen, hängt von komplexen neurobiologischen, psychologischen und sozialen Lernprozessen ab, ebenso wie von strukturellen Faktoren wie unserer Erziehung sowie von gesellschaftlichen Bedingungen, schildert die promovierte Psychologin Donya A. Gilan vom Deutschen Resilienzzentrum der Universitätsmedizin in Mainz. Der Glaube ist ein Resilienzfaktor unter vielen.

Das Leben so zu gestalten, dass es unsere Resilienz fördert, ist eine gesamtgesellschaftliche, ja sogar politische Aufgabe, so Dr. Gilan. Andererseits ist es höchst persönlich. »Resilienz ist trainierbar«, sagt die Psychologin. Das gilt für unser Verhalten, also ob wir Emotionen wie Zorn regulieren können, ebenso wie für unsere Grundhaltungen, also ob wir realistisch-optimistisch und überzeugt davon sind, Anforderungen aus eigener Kraft zu bewältigen. Beides muss immer wieder geübt werden. »Bei Resilienz geht es um einen lebenslangen Lernprozess«, sagt Dr. Gilan.

Foto: Pixabay/Creative-Commons CC0

Foto: Pixabay/Creative-Commons CC0

Dabei kann der Glaube sowohl eine Ressource zur Heilung sein als auch ihr entgegenstehen, sagt der Psychotherapeut Stefan Hilffert. Wer sich Glaubenslehren unterworfen sieht, die den eigenen Empfindungen widersprechen, kann Religion als einengend und gefangennehmend empfinden.

In seiner Praxis in Laucha bei Naumburg arbeitet er mit einem psychotherapeutischen Ansatz, im Privatleben ist Stefan Hilffert engagierter Christ. Er selbst empfindet die lutherische Botschaft als befreiend, dass nicht die Werke, sondern allein Gottes Gnade einen Menschen gerecht machen. »Ich fühle mich geborgen. Es ist gut zu wissen, nicht funktionieren zu müssen, sondern sein zu dürfen«, sagt er.

Der Schlüssel zur Heilung seelischer Wunden liegt in den Menschen selbst, sagt der Psychotherapeut. Den einen trägt Gott, der andere erfährt Trost in einer intakten Beziehung oder, ganz profan, im Sportverein. Hilfferts Aufgabe ist es, seinen Patienten zu helfen, diese Ressourcen zu entdecken, den Schlüssel zu finden und Türen zu öffnen. Heilung ist ein Prozess, aber er endet nicht damit, dass am Ende alles heil ist, sondern dass Wunden versorgt sind, dass Narben sich nicht entzünden, dass der Schmerz nachlässt.

Ob sich der Glaube positiv oder negativ auswirkt, hängt laut Donya Gilan vom Resilienzzentrum weniger mit der Stärke religiöser Überzeugungen zusammen, sondern mehr mit dem Einfluss des Glaubens auf Krisenstrategien. Wer in stressvollen Lebensphasen mit Gott hadert, kann Religion als belastend empfinden. Immerhin konnte die Wissenschaft in den vergangenen Jahren die Freudsche Annahme widerlegen, dass Religiosität an sich der seelischen Gesundheit schadet. In einer Reihe von Studien wurde gezeigt, dass Religiosität nicht vorrangig mit Passivität, Abwehr oder Verdrängung einhergeht. Vielmehr konnte bei Gläubigen ein aktives Bewältigungsverhalten und ein eher ausgeprägtes Selbstwertgefühl beobachtet werden. Durch den sinnstiftenden Charakter, ritualisierte Handlungen und die Verbundenheit mit anderen Gläubigen kann der Glaube positive Effekte auf die psychische Gesundheit haben, so Dr. Gilan.

Der religiösen Bildung schreibt sie gerade in Zeiten zunehmend multireligiöser Gesellschaften eine Bedeutung zu: Im Sinne einer Schule der Toleranz kann Religion eine Quelle sein, um die psychische Entwicklung von Kindern zu fördern. Damit hat sich auch Sabine Müller-Langsdorf vom Zentrum Ökumene der hessischen Kirchen beschäftigt. Besonders Kinder erfahren ihre eigene Stärke durch stabile Beziehungen. »Glaube ist eine Ressource, um zu Kräften zu kommen«, sagt sie. Dies zu erkennen und zu fördern, darin bestärkt die Bibel: Die Kindersegnung, das Gleichnis vom verlorenen Schaf, aber auch die Schöpfungsgeschichte oder die Psalmen 23 und 139 erzählen davon, dass der Mensch nicht tiefer fallen kann als in Gottes Hand.

Katja Schmidtke

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Er ist wieder da

14. September 2018 von redaktionguh  
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Antisemitismus: Oder war er vielleicht nie wirklich weg? Seit etwa 2 500 Jahren gibt es Judenfeindlichkeit. Schon fast überwunden geglaubt, tritt der Judenhass heute wieder offen zutage.

Vor wenigen Wochen sorgte eine Veranstaltungsrezension in den Thüringer Tageszeitungen für große Aufregung. Offensichtlich ohne Prüfung und Korrektur konnte ein Text erscheinen, in dem die Autorin behauptete, das Festival »Yiddish Summer Weimar« könne froh sein, von Stadt, Land und privaten Förderern am Leben erhalten zu werden. Der künstlerische Leiter würde nur noch in Deutschland, und nicht seiner Heimat USA, tätig sein, weil »alle Welt glaubt, dass wir Deutschen immer noch humanitäre Schulden aus dem Zweiten Weltkrieg zu begleichen hätten« und »hier das Geld für allseits begründbare Projekte noch sehr locker fließt.« Kunstkritik hin oder her, die Wortwahl der Autorin entspricht eindeutig Formulierungen und Vorstellungen nationalistischer Gruppierungen. Die uralte Annahme, Juden besäßen unverdient mehr als ihnen zustünde, wird hier ganz selbstverständlich in die moderne Zeit, in den kulturellen Kontext übertragen.

Jüdisches Leben: In Magdeburg soll wieder eine Synagoge entstehen. Ein Förderverein engagiert sich für den Neubau. Das Banner steht am zukünftigen Bauplatz. Es wurde mehrfach mutwillig beschädigt. Foto: Angela Stoye

Jüdisches Leben: In Magdeburg soll wieder eine Synagoge entstehen. Ein Förderverein engagiert sich für den Neubau. Das Banner steht am zukünftigen Bauplatz. Es wurde mehrfach mutwillig beschädigt. Foto: Angela Stoye

Antisemitismus ist in Deutschland auch 85 Jahre nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wieder ein Thema. Oder immer noch. Wer nicht unmittelbar betroffen ist, nimmt ihn jedoch als gegenwärtiges Problem im Alltag kaum wahr. Ereignisse der jüngeren Vergangenheit wie die Echo-Preisverleihung oder der Angriff auf einen Kippa-Träger in Berlin zeugen jedoch von der Aktualität.

Für den israelischen Schriftsteller Amos Oz ist »die Geschichte von Judas in den Evangelien gleichsam das Tschernobyl des christlichen Antisemitismus.« Juden stünden seitdem synonym für Judas: »Verräter, Gottesmörder, habgierige Betrüger«. Die Ablehnung gegenüber Juden hat in der Vergangenheit immer wieder neue Formen angenommen. Seit dem 18. Jahrhundert entwickelte sich in Deutschland und in Europa der Antisemitismus, der während der Zeit des Nationalsozialismus und dem damit verbundenen Genozid an den europäischen Juden seinen Höhepunkt erreichte.

Trotz aller Aufklärungsarbeit nach dem Holocaust werden heute immer noch antijüdische Sprach- und Argumentationsmuster reproduziert – und zwar gesamtgesellschaftlich in allen sozialen Schichten und politischen Gruppierungen der Bevölkerung. Eine aktuelle Studie des Londoner Pears Institute for the Study of Antisemitism vom Juli dieses Jahres untersuchte den Zusammenhang zwischen der Entwicklung aller erfassten antisemitischen Vorfälle und der verstärkten Zuwanderung von Migranten aus Nordafrika und Nahost. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass in keinem der untersuchten Länder, zu denen Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Belgien und die Niederlande gehörten, ein direkter Zusammenhang besteht. Antisemitismus sei ein Problem, das der Mehrheitsbevölkerung entspringe und nicht ausschließlich oder sogar überwiegend von Minderheiten herrühre.

Dass das so ist und warum, darüber muss man reden: sich mit der Problematik beschäftigen und miteinander ins Gespräch kommen. Dabei ist es wichtig zu wissen, worüber gesprochen und auch gestritten wird. Entrüstet in einen Kanon der Mehrheit einzustimmen ist einfach. Der Grundstein für eine differenzierte Betrachtung, für das Wissen um die Juden, das Judentum und ihre Geschichte muss indes frühzeit gelegt werden: in Kindergärten und Schulen. Nur so können Vorurteile gar nicht erst an kommende Generationen ungehindert weitergegeben werden.

Das ist wichtiger denn je, auch angesichts der zunehmenden Zahl von Migrantenkindern. Denn die Londoner Studie zeigte auch, dass die antisemitische Einstellung in allen fünf Ländern bei den Angehörigen muslimischer Minderheiten weiter verbreitet ist als in der Allgemeinbevölkerung. Auch in der Haltung zum Staat Israel würden Jugendliche mit muslimischem Hintergrund ein höheres Maß an israelbezogenem Antisemitismus aufweisen als die deutsche Bevölkerung, hieß es.

Mirjam Petermann

Die Co-Autoren, Axel Große und Jan Grooten, bieten vom 9. bis 11. November den Workshop »Antisemitismus heute« in Eisenach an.

www.ev-akademie-thueringen.de

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Warum ich noch dabei bin

7. September 2018 von redaktionguh  
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Spannungsfeld Kirche: Jahr für Jahr treten Tausende aus der Kirche aus. In einer Studie wurden jüngst die Motive untersucht. Dabei lohnt es vielmehr die zu fragen, die noch dabei sind.

In der Osternacht vor drei Jahren hat Göran Westphal den Entschluss gefasst, aus der Kirche auszutreten. Er hat lange mit sich gerungen. Am Ende kommt er zu dem Schluss, dass ihn mit der Institution nichts mehr verbindet. Die Verlautbarungen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zu politischen Themen stören ihn. Er vermisst Mut machende Hirtenworte des EKD-Ratsvorsitzenden, Bischof Heinrich Bedford-Strohm. Die Verkündigung des Evangeliums kommt ihm zu kurz.

Auf der anderen Seite engagiert er sich ehrenamtlich in seiner Kirchengemeinde. Das tut er gerne und auch nach seinem Austritt weiter. Egal ob beim Kindersamstag oder bei der Vorbereitung des Kirchenkonzerts. Wenn Mitarbeiter gesucht werden, Westphal ist dabei und hilft, wo er gebraucht wird. Es sind die persönlichen Kontakte, die Vertrautheit, die er an seiner Kirchengemeinde schätzt. Mitarbeit und ehrenamtliches Engagement sind für ihn nicht an eine Kirchenmitgliedschaft gebunden.

Die steht für Uta Mittelbach außer Frage. Auch sie sieht die Institution Kirche kritisch. Im Gegensatz dazu gehöre die »lebendige Kirche Gottes, die das Wort verkündet«, zu ihrem Leben. Sie kommt aus einem kirchlichen Elternhaus und engagiert sich, wie Westphal, ehrenamtlich in der Kirchengemeinde. Den Gemeindenachmittag zu organisieren oder im Projektchor mitzusingen, möchte sie nicht missen. »Ich lebe beim Singen geradezu auf«, erklärt sie begeistert. Die Gemeinschaft bedeutet ihr sehr viel. Sie möchte gern ein Feuer des Glaubens in den Herzen der Menschen entfachen und ihre Leidenschaft mit anderen teilen.

Foto: ©stokkete – stock.adobe.com

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Kirche ist für Gerhard Jahreis nicht allein die Kirchenleitung, sondern die Gemeinschaft aller Gläubigen, unabhängig von der Konfession: »Einander lieben können wir nur, wenn wir uns treffen und gemeinsam Gottesdienst feiern.« Er habe vor dem Mauerfall keinen Ausreiseantrag gestellt, so Jahreis, weil er glaubte, »wer ausreist, verlässt nur, aber verändert nicht; außerdem schwächt er die Zurückgebliebenen.« Ähnlich argumentiert er im Zusammenhang mit der Kirchenmitgliedschaft. Der engagierte Kirchenälteste ist sich sicher: »Wer bleibt und sich einbringt, kann verändern.« Gute Anzeichen sieht er etwa bei den Erprobungsräumen der mitteldeutschen Landeskirche, »Zeit zum Aufstehen« (einem Impuls für die Zukunft der Kirche, Anm. d. Red.) oder »Church@Night«, einem Modellprojekt der EKD.

Alle drei Gemeindeglieder betonen unabhängig voneinander die Ortsgemeinde als Keimzelle und Basis der Kirche. Der Schriftsteller und Kirchenkritiker Klaus-Rüdiger Mai (»Geht der Kirche der Glaube aus«) empfiehlt der Kirchenleitung deshalb, alles zu tun, um die Gemeinden zu stärken. Das wünscht sich auch Gerhard Jahreis: »Ich hoffe, dass geisterfüllte Visionäre wirken, die den selbstzerstörerischen Stellenabbau an der Basis stoppen.« Jahreis wirbt für die einladende Gemeinde: »Dort, wo ein lebendiger Leib Christi wabert, fühlen sich Jung und Alt wohl.«

Eine Studie, die das Bistum Essen in Auftrag gegeben hat, fragt erstmals ausführlich nach den Motiven für den Kirchenaustritt. Die Ergebnisse sind vermutlich auch mit anderen Regionen kompatibel. 60 Prozent der Befragten bezweifeln, dass die Kirche Antworten auf ihre Fragen hat. Neben der Kirchensteuer ist die fehlende Bindung der meistgenannte Austrittsgrund. Die Autoren der Studie haben ferner festgestellt, dass Tradition und Spiritualität für viele eine wichtige Rolle spielen. Vielleicht müssten die bestehenden Angebote nur ansprechender an die Zielgruppe gebracht werden.

Trotz aller Kritik an der Amtskirche will Klaus-Rüdiger Mai der Institution nicht den Rücken kehren. »Nicht Funktionäre, sondern Jesus Christus ist das Haupt der Kirche.« In Anfechtung lese er Giovanni Boccaccios zweite Geschichte aus dem Decameron, das helfe. Der in Staßfurt geborene Mai, atheistisch erzogen, fand erst spät zum Glauben und hat prägend erfahren, dass der Glaube eine Gnade ist: »Paulus ist mir sehr nahe – das sagt alles.«

Willi Wild

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Aufatmen beim Gottesdienst in Mattstedt

31. August 2018 von redaktionguh  
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Foto: Maik Schuck

Foto: Maik Schuck

Auch nach dem Verbot des Neonazi-Treffens haben sich am Wochenende rund 500 Menschen an Aktionen gegen Rechtsextremismus in Mattstedt (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) beteiligt. Rund 150 Menschen versammelten sich in der Marien­kirche zu einem Friedensgottesdienst mit Gemeindepädagogin Diana Schuchert, Vikarin Christin Bärwald und Pfarrer Thomas-Michael Robscheit.

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Das Kreuz mit dem Geld

24. August 2018 von redaktionguh  
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Reden wir über Geld: Denn ohne kann weder die Kirche als Institution noch der einzelne Christenmensch in unserer Gesellschaft überleben. Wie aber geht man christlich mit Geld um?

Widersprüchlich kommt die Bibel daher, wenn es um Geld geht. Aus dem 5. Buch Mose – kein Zins vom Freund, vom Angehörigen des eigenen Volkes nehmen – folgte das Zinsverbot. Zins von Fremden zu nehmen, war jedoch erlaubt. Und selbst Jesus verlangt, Geld zu den Wechslern zu geben, damit es Zins bringt (Lukas 19,23). Andererseits heißt es ganz klar bei Matthäus: »Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.« Also Geld oder Gott. Oder ist Geld als Werkzeug anzusehen, mit dessen Hilfe christliche Verantwortung praktisch umgesetzt wird?

Geht das überhaupt? Ist Christsein in der Finanzwelt überhaupt hilfreich? Wo geraten Akteure in Widerspruch zu christlichen Werten?

Der Vorstandsvorsitzende der Bank für Kirche und Diakonie, Ekkehard Thiesler, sagt: »Ziel unserer Kreditgenossenschaft war und ist es bis heute, die Rücklagen der evangelischen Kirche als Kredite an diakonische Unternehmen weiterzugeben. Darüber hinaus investieren wir am Geld- und Kapitalmarkt, auch hier spielen ethisch-nachhaltige Kriterien eine entscheidende Rolle.« Solche Kriterien sind beispielsweise nachzulesen im »Leitfaden für ethisch-nachhaltige Geldanlagen« der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Zu den am meisten nachvollziehbaren konkreten Empfehlungen der gut 50 Seiten umfassenden Publikation gehören Ausschlusskriterien wie Rüstungsgeschäfte oder die Gewinnung von Rohstoffen aus Ölsand.

Illustration  jro-grafik – stock.adobe.com

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Doch können sich Menschen in der Finanzwelt danach richten? »Ich muss mein Gewissen nicht an der Garderobe abgeben«, sagt Ekkehard Thiesler. Und Ulrich Schmidt, Vorstand der Volksbank Magdeburg, meint, dass das Agieren in der Rechtsform der Genossenschaft die Orientierung an Werten wie Demokratie, Fairness, Hilfe zur Selbsthilfe und Solidarität ermöglicht. »Und damit sind wir den christlichen Grundwerten Glaube, Liebe im Sinn von Nächstenliebe und Hoffnung doch recht nahe.«

Schmidt, ebenso Christ wie Sachsen-Anhalts Finanzminister André Schröder, wird mit diesem das nächste Spiegelsaalgespräch unter dem Titel »Finanzpolitik in christlicher Verantwortung – Frommer Wunsch oder echte Option?« bestreiten.

Im Unterschied zu den Bankern gibt der Politiker zu, dass die Regeln der Finanzen nicht immer mit christlichen Werten harmonieren. »Rendite und Sicherheit spielen in der Finanzwelt eine große Rolle. Ein natürliches Spannungsverhältnis, das in unserer täglichen Arbeit zu berücksichtigen ist.

Zudem sehe ich als meine Aufgabe, gleichzeitig auch die Balance zwischen ethischen, sozialen und Grundsätzen der Nachhaltigkeit zu schaffen. Ich sehe die Fehlbarkeit des menschlichen Tuns.«

Politik sei immer dem Allgemeinwohl verpflichtet, so Schröder. »Die unveräußerliche Würde des Menschen steht ebenso im Vordergrund meines Handelns wie das Gebot der Nächstenliebe mit dem Grundgedanken der Solidarität in der Gesellschaft.«

Ausdrücklich ohne religiöse Einflüsse agiert die Ethikbank im thüringischen Eisenberg. Die Motive der Gründer Klaus Euler und Sylke Schröder waren mehr humanistischer Natur. Die Zweigniederlassung der Volksbank – und damit ebenfalls genossenschaftlich organisiert – stelle den Menschen in den Mittelpunkt und biete Bankdienstleistungen für Menschen an, die selbstbestimmt und verantwortungsbewusst leben und die kritisch hinterfragen, was mit dem eigenen Geld passiert, teilt Vorstand Katrin Spindler mit. Die Anlagekriterien ähneln bemerkenswert denen der EKD.

Ob im Zweifel die Rendite oder das christliche Gewissen bei einer Entscheidung gewinnt, hängt vermutlich vom Einzelfall ab. Das Leben ist da mindestens so widersprüchlich wie die Bibel.

Renate Wähnelt

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Prosit Deutschland!

17. August 2018 von redaktionguh  
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Drogen: Deutschland, das Land der Säufer und Kiffer? Fast scheint es so.

Die Statistiken sprechen eine deutliche Sprache: Im Jahr 2016 konsumierte im Durchschnitt jeder Bürger, also vom Säugling bis zum Greis, knapp 105 Liter Bier, 20,6 Liter Wein, 3,7 Liter Schaumwein und 5,4 Liter Spirituosen. Und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung schlug erst kürzlich Alarm: Nach ihren Umfragen gaben 2016 16,8 Prozent der jungen Menschen zwischen 18 und 25 Jahren an, in den letzten zwölf Monaten mindestens einmal Cannabis konsumiert zu haben. 2008 waren es noch 11,6 Prozent. Besonders bedenklich: Bei den 12- bis 17-jährigen männlichen Jugendlichen stieg die Zahl zwischen 2011 und 2016 von 6,2 auf 9,5 Prozent.

Der Grundtenor sei seit Jahren gleich: »Es gibt in Deutschland eine große Zahl an Menschen mit Suchtproblematik«, bilanziert Jürgen Naundorff, Bundessekretär des Blauen Kreuzes. Und auch wenn die illegalen Drogen oft im Fokus der Wahrnehmung stehen: (Volks)Droge Nummer eins ist und bleibt der Alkohol. Etwa 3,38 Millionen Erwachsene sind jährlich von einer »alkoholbezogenen Störung« betroffen.

Zu den Forderungen des Blauen Kreuzes, einem Fachverband im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirchen in Deutschland, gehört deshalb, neben der persönlichen Verhaltensprävention, eine stärkere Verhältnisprävention. Gemeint ist, dass der Staat in Sachen Verfügbarkeit und Preis regulierend in den Alkoholmarkt eingreift. Naundorff verweist auf eine Studie der Weltgesundheitsorganisation, nach der in Norwegen auf Grund der stärkeren Verhältnisprävention die suchtbedingten Krankheitstage um ein Drittel geringer als in Deutschland seien.

Foto: Pixabay/Creative-Commons CC0

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Doch der Staat zeigt sich in der Suchtprävention ausgesprochen zwiespältig: Während die sogenannten weichen Drogen, wie Hasch und Cannabis, verboten und nur auf dem bis in die Gefängnisse hinein blühenden Schwarzmarkt erhältlich sind, stehen Wodka und Co. in jedem Supermarktregal. Und der Staat verdient – wie ein Drogendealer – an jeder Flasche kräftig mit. Auf 3,165 Milliarden Euro beziffert die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen die Einnahmen aus der Alkoholsteuer allein für das Jahr 2016.

Ein lohnendes Geschäft also? »Eine Milchmädchenrechnung!«, sagt Naundorff und hält entgegen, dass sich nach aktuellen Untersuchungen die direkten und indirekten Kosten des Alkoholkonsums auf rund 40 Milliarden Euro pro Jahr summieren.

Auch Katharina Schoett, Chefärztin der Suchtklinik im Ökumenischen Hainich Klinikum, spricht davon, dass in Deutschland alle sieben Minuten ein Mensch an den Folgen von Alkoholmissbrauch stirbt (siehe das Sommerinterview auf Seite 3). Das passe dann »nicht mehr zur fröhlichen Bierwerbung«. Und sie konstatiert, dass in der gesellschaftlich-politischen Debatte medizinischer Sachverstand nicht immer gefragt sei. Dafür sorgen nicht zuletzt Lobbyisten aus dem Bereich der Wirtschaft, die nicht müde werden, Bier und Wein als »deutsches Kulturgut« zu preisen. 557 Millionen Euro wurde 2016 allein für Alkoholwerbung in TV und Rundfunk, auf Plakaten und in der Presse ausgegeben.

Warum also nicht auch weitere weiche Drogen wie Cannabis freigeben? Für »kontraproduktiv« hält diese Diskussion die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler. Denn sie suggeriere gerade Jüngeren, Cannabis sei eine ungefährliche Substanz. »Das ist schlicht falsch«, so die CDU-Politikerin.

Auf der anderen Seite fragen auch die Suchtexperten des Blauen Kreuzes, ob es richtig ist, die Konsumenten von Cannabis zu kriminalisieren. Immerhin steigt trotz Repression die Zahl der Erstkonsumenten ständig. Gemeinsam mit anderen Akteuren fordert man deshalb schon länger die Einsetzung einer Enquete-Kommission in Sachen Cannabis.

Zudem scheuten sich mitunter Lehrkräfte und Präventionsmitarbeiter, mit Jugendlichen offen über das Konsumverhalten zu sprechen: Aus Furcht, selbst als potentielle Mitwisser in Konflikt mit den Gesetzen zu kommen. Doch Verhaltensprävention ist wichtig: Für Schulen und Jugendeinrichtungen hat das Blaue Kreuz deshalb die »blu:app for school« entwickelt. Sie steht gemeinsam mit einem Handbuch für Lehrer im Internet zur Verfügung.

Harald Krille

https://school.bluprevent.de/

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