Was die Jugend will

15. Juni 2018 von redaktionguh  
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Nachwuchs: Um junge Menschen an Kirche zu gewöhnen und bestenfalls zu binden, spielt die Konfirmandenzeit eine wichtige Rolle. Das be­stätigt jetzt eine Studie, die die EKD in Auftrag gegeben hatte.

Da muss Felix Kalbe erst mal überlegen. »Etwa 20 kirchliche Gremien werden es sein«, schätzt der 22-jährige Theologiestudent aus Gotha, in denen er derzeit ehrenamtlich mitarbeitet.

Kalbe ist neben seiner Studienkollegin Julia Braband (25) eine Ausnahme. Das habe sich eben ergeben, meint er. Begonnen hat alles in der Kirchengemeinde mit dem Kindergottesdienst und später natürlich im Konfirman­denunterricht. Anschließend hat er sich in der Jungen Gemeinde (JG) engagiert und sehr bald gemerkt: wenn man etwas erreichen will, dann geht das nicht ohne Gremienarbeit.

Kannste glauben: Der Bund Evangelischer Jugend in Mitteldeutschland lädt vom 22. bis 24. Juni zum zweiten Mal Jugendliche ab 14 Jahren zum Evangelischen Jugendfestival nach Volkenroda ein (mehr darüber lesen Sie auf Seite 5). – www.evangelischesjugendfestival.de – Foto: Matthias Sengewald

Kannste glauben: Der Bund Evangelischer Jugend in Mitteldeutschland lädt vom 22. bis 24. Juni zum zweiten Mal Jugendliche ab 14 Jahren zum Evangelischen Jugendfestival nach Volkenroda ein (mehr darüber lesen Sie auf Seite 5). – www.evangelischesjugendfestival.de – Foto: Matthias Sengewald

Gemeindekirchenrat, Kreissynode, Landesjugendkonvent und Jugendvertretung in der Landessynode. Als Vertreter der Landessynode ist er in den Landeskirchenrat entsandt, das 22-köpfigen Leitungsgremium der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Dort werden konzeptionelle Entscheidungen getroffen, Verordnungen erlassen und für die Umsetzung der Beschlüsse des Kirchenparlaments gesorgt. Eine große Verantwortung, die Kalbe hier mitträgt. Und wenn man mit ihm spricht, spürt man, dass er mehr weiß, als er sagen kann.

Er will nicht nur jugendliches Feigenblatt sein, sondern mitwirken und gestalten, als Lobbyist für die Jugend in der Kirchenleitung. So, wie Julia Braband im Präsidium der Landessynode. Vor zwei Jahren haben beide an einem Schreiben mitgewirkt, das an die Kreissynoden und die Kirchenleitung ging. Darin haben Mitglieder des Landesjugendkonvents eine lange Liste an Forderungen und Wünschen zu Papier gebracht. Vor allem ging es um die Unterstützung der Jungen Gemeinden vor Ort. Aber auch darum, dass die ehrenamtlich tätigen, jungen Menschen in den Kirchengemeinden und -gremien ernst genommen werden. »Ich hoffe, dass Gemeinden mehr mit ihren Jugendlichen ins Gespräch kommen und sie nicht nur zum Gemeindefest an den Bratwurstrost stellen«, sagte Braband damals im Gespräch mit der Kirchenzeitung.

Auf den Brief gab es wenig Resonanz. Damit haben die jungen Erwachsenen fast gerechnet. Trotzdem wollen sie nicht lockerlassen. Es sei an der Zeit, dass nicht über die Jugend, sondern mit ihr geredet werde. Julia Braband hofft, dass der Arbeitstitel der nächsten Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) »Der Glaube junger Menschen, U 27« in Würzburg mehr Verständnis in den Kirchenleitungen weckt.

Die große Organisation Kirche sei für die meisten Jugendlichen unattraktiv, sehen sich die beiden in ihrer Einschätzung durch die neue EKD-Studie zu Konfirmation und ehrenamtlichem Engagement bestätigt. Dabei sei es ja gar nicht so, dass junge Menschen kein Interesse am Glauben und an christlichen Werten hätten. Fast die Hälfte der Konfirmanden gaben bei der Umfrage an, mehr über Gott und den Glauben erfahren zu wollen, um eine persönliche Entscheidung treffen zu können. Julia Braband und Felix Kalbe wünschen sich gerade deshalb eine verständlichere Sprache in der Kirche und klare Antworten auf Glaubensfragen. Sie wissen als angehende Theologen natürlich sehr gut, dass es nicht einfach ist, so vom Glauben zu sprechen, dass Jugendliche etwas damit anfangen können.

Ein grundlegendes Ergebnis der Studie besagt, dass sich die Zufriedenheit mit der Konfirmandenzeit später mitunter in einer deutlich höheren Bindung an die Kirche niederschlage. Das können Braband und Kalbe bestätigen. Gerade deshalb sei es wichtig, meinen sie, dass es zwischen der Konfirmation und der Familiengründung Angebote für Jugendliche und junge Erwachsene gebe.

Für das Frühjahr 2020 ist in Erfurt eine Landessynode gemeinsam mit jungen Gemeindegliedern geplant. Die Jugendvertreter in der Kirchenleitung versprechen sich von der »Jugendsynode« einen Aufbruch und dass sie mit ihren Anliegen Gehör finden sowie Öffentlichkeit bekommen. Denn sie wollen mehr sein als nur ein Thema.

Willi Wild

www.bejm-online.de

Arbeiter, Industrie und Kirche

8. Juni 2018 von redaktionguh  
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Industrielle Revolution: Wer denkt dabei nicht zuerst an die großen Zentren im Ruhrgebiet oder an das sächsische Chemnitz? Doch der Blick täuscht.

Das vom Freistaat Thüringen in diesem Jahr ausgerufene Themenjahr lautet: »Industrialisierung und soziale Bewegungen in Thüringen«. Es will deutlich machen, dass auch Thüringen und Mitteldeutschland ein Zentrum der industriellen Revolution war. Ob die Glas- und Porzellanindustrie im Thüringer Wald, die Textilindustrie in Ostthüringen, die Waffenschmiede Suhl oder die feinmechanisch-optischen Betriebe in Jena: Die Ablösung der handwerklich-manufakturmäßigen Produktion brachte so manche Brüche und Verwerfungen mit sich. Ausdruck dafür sind die sozialen Auseinandersetzungen dieser Zeit und die Geschichte der Arbeiterbewegung.

Auch hier stehen Thüringen und Mitteldeutschland im Zentrum der Entwicklung. War es doch in Luthers »lieber Stadt« Eisenach, wo 1869 von August Bebel und Wilhelm Liebknecht die erste Sozialdemokratische Arbeiterpartei gegründet wurde. 1875 schloss sich diese in Gotha mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands zusammen, dem direkten Vorläufer der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der SPD.

Symbol der Industrialisierung: Die Dampfmaschine (Modell aus dem Stadtmuseum Gera) veränderte die Arbeitswelt, wie einst die Druckerpressen und heute die Digitalisierung. Die Kirche hatte damals den Anschluss an die Arbeiterbewegung verpasst. Das soll bei der Digitalisierung nicht passieren. – Foto: MVT

Symbol der Industrialisierung: Die Dampfmaschine (Modell aus dem Stadtmuseum Gera) veränderte die Arbeitswelt, wie einst die Druckerpressen und heute die Digitalisierung. Die Kirche hatte damals den Anschluss an die Arbeiterbewegung verpasst. Das soll bei der Digitalisierung nicht passieren. – Foto: MVT

Und wiederum in Mitteldeutschland, dem damals zu Preußen gehörendem Erfurt, beschloss die gestärkt aus den Auseinandersetzungen um Bismarcks Sozialistengesetze hervorgegangene SPD ihr neues Grundsatzprogramm. Ein Jahr später tagte in der thüringischen Kleinstadt Pößneck der erste Kongress der deutschen Textilarbeiter und -arbeiterinnen. Man kann Mitteldeutschland mit Fug und Recht als das Kernland der Arbeiterbewegung bezeichnen.

Zu den großen Brüchen jener Zeit gehört denn auch die Entfremdung der Arbeiterschaft von den Kirchen. Das hatte mit Entwicklungen auf beiden Seiten zu tun. Zum einen: »Die frühe Arbeiterbewegung und die junge SPD erfuhren ihre denkerischen, philosophischen Prägungen ganz wesentlich durch die Religionskritik der materialistischen französischen Aufklärungsphilosophien, durch Feuerbach und Marx, durch den Zeitgeist des 19. Jahrhunderts, der geprägt war durch Darwinismus und den Positivismus und Optimismus der Wissenschaften«, so der SPD-Politiker Wolfgang Thierse bei einer ökumenischen Akademietagung. Und auf der anderen Seite machte, so Thierse weiter, »die Emanzipationsbewegung der Arbeiterschaft (…) die einfache und brutale Erfahrung, dass sich zu ihrer Abwehr die politischen Gegner mit Kirche und Religion wappneten, um die bestehenden Herrschaftsverhältnisse zu verteidigen, die die Arbeiterbewegung zu überwinden trachtete.

Die unselige Verbindung von Thron und Altar verhinderte – von wenigen Ausnahmen abgesehen – die Wahrnehmung der sozialen Nöte des Industrieproletariats. Der Hallenser Kirchenhistoriker Axel Noack spricht auch von einer »Versagensgeschichte der Kirche« (siehe Seite 3). Kaum bekannt dürfte sein, dass die Jugendweihe als Gegenstück zur kirchlichen Konfirmation in Nordhausen von dem evangelischen Theologen Eduard Baltzer 1852 erstmals in Szene gesetzt wurde. Nachdem Baltzer wegen seiner Ablehnung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses aus dem Pfarrdienst vertrieben wurde, gründete er 1847 die »Freie Protestantische Gemeinde Nordhausen«. Sie wurde zu einem Zentrum der »freireligiösen Bewegung« und letztlich der atheistischen Freidenker, die 1881 wiederum im thüringischen Gotha das erste Krematorium Deutschlands als Symbol gegen den Auferstehungsglauben bauen ließen.

Bleibt am Schluss noch der Hinweis: Wer mehr über die Thüringer Industriegeschichte wissen will, sollte nach Pößneck fahren. Vom 6. Juni bis 9. September ist in der dortigen Shedhalle die Ausstellung »Erlebnis Industriekultur – Innovatives Thüringen seit 1800« zu sehen.

Harald Krille

www.industriekultur-thueringen.de

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Selfie mit Muschel

1. Juni 2018 von redaktionguh  
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Jakobsweg: Seit 2003 gibt es den Ökumenischen Pilgerweg. Er führt auf etwa 470 Kilometern von Görlitz in Sachsen bis nach Vacha in Thüringen.

Jakobswege gibt es in Europa schon mehr als tausend Jahre. Ein Pilgerweg, der gerade fünfzehn Jahre alt ist, erscheint dagegen jung. Und doch ist es eine lange Zeit für eine Tradition, die in Ostdeutschland fast ausgestorben war und erst mühevoll wiederbelebt werden musste.

Seit dem Jahr 2003 gibt es hier erstmals wieder einen beschilderten Jakobsweg – den Ökumenischen Pilgerweg, der auf etwa 470 Kilometern von Görlitz in Sachsen bis Vacha in Thüringen führt. Am 6. Juli feiert er sein 15-jähriges Bestehen. Initiiert wurde er von Esther Zeiher, die damals angehende Religionspädagogin war.

Die Idee, wieder einen Pilgerweg einzurichten, sei ihr während des Studiums gekommen, berichtet sie. Das sei zunächst auf viel Unverständnis gestoßen. In ihrer Diplomarbeit, die sich mit religionspädagogischen Aspekten des Pilgerns beschäftigte, habe sie die wissenschaftliche Grundlage für den Ökumenischen Pilgerweg gelegt. In einem von verschiedenen Institutionen geförderten Projektjahr habe sie dann bis 2003 den Plan umgesetzt.

Per pedes: Pilgern auf Schusters Rappen kann man nicht erklären, das muss man im wahrsten Sinne des Wortes erleben. Blasen an den Füßen gehören dabei auf jeden Fall dazu. Da kann die Romantik auch schnell mal auf der Strecke bleiben. Foto: Markus Jöhring – Fotolia.com

Per pedes: Pilgern auf Schusters Rappen kann man nicht erklären, das muss man im wahrsten Sinne des Wortes erleben. Blasen an den Füßen gehören dabei auf jeden Fall dazu. Da kann die Romantik auch schnell mal auf der Strecke bleiben. Foto: Markus Jöhring – Fotolia.com

Zusammen mit Historikern und Altstraßenforschern seien so Teile der alten Handelsstraße Via Regia als Pilgerweg wiederbelebt worden. »Wir mussten unter heutigen Gegebenheiten Wege suchen, die gangbar sind. Manchmal war es ein Glücksfall, dass wir tatsächlich auf der historischen Strecke gehen konnten«, blickt sie zurück. Kommunen und Ämter mussten überzeugt, die Strecke festgelegt und Herbergseltern gefunden werden. Wegzeichen wurden angebracht und ein Pilgerführer geschrieben. Dabei hat Esther Zeiher viel Unterstützung von Menschen erfahren, die sich auch heute noch um den Weg kümmern.

Gefragt nach der Besonderheit des Ökumenischen Pilgerwegs, zitiert Esther Zeiher einen Herbergsvater aus Thüringen: »Die Menschen sagen, dass der Weg sie verändert hat. Er hat eine heilende Wirkung«. Es sei unglaublich, mit welcher Herzlichkeit man in den Herbergen empfangen werde, so Esther Zeiher. »Es wird dir geholfen, wenn du darauf angewiesen bist. Das ist christliche Gastfreundschaft«. Grundlage dafür seien die offenen Pfarrhäuser am Weg. Damit habe sich auch ein Stück kirchliche Willkommenskultur aus DDR-Zeiten erhalten, schätzt Esther Zeiher ein.

Der Weg knüpft bewusst an eine christliche Tradition an und führt Menschen zusammen, die auf der Suche sind, aber auch jene, die schon etwas gefunden haben. »Natürlich verbindet er die Menschen auch im Glauben, aber heute stellt sich eher die Frage nach dem Miteinander von Gläubigen und Nichtgläubigen. Es sind ja auch viele Atheisten oder Menschen mit einem völlig unterschiedlichen Glaubensbegriff unterwegs, zum Beispiel auch Buddhisten.«

Die Zahl der Pilger sei bis heute relativ konstant, so Esther Zeiher. Kritisch sieht sie die Wegbeschaffenheit an manchen Stellen: »Wo früher noch herrliche Feldwege waren, findet man heute oft Asphalt. Das ist nicht nur wegen der Bodenversiegelung eine Katastrophe, sondern es verursacht auch körperliche Schmerzen für all jene, die mit schwerem Rucksack den ganzen Tag auf hartem Untergrund unterwegs sein müssen.«

Der Ökumenische Pilgerweg wird ehrenamtlich durch einen Verein mit Sitz in Weimar betreut. Es gibt mehr als 100 Herbergen, die gegen Spende oder geringe Beträge Pilger aufnehmen. Der Weg ist mit der blau-gelben Jakobsmuschel ausgeschildert, und die Herbergen sind speziell gekennzeichnet. Im Pilgerführer, der aller zwei Jahre neu aufgelegt wird, findet man Adressen und Telefonnummern von Herbergen, dazu Karten, Informationen zu den Orten und geistliche Anregungen.

Im Jubiläumsjahr gibt es ein paar besondere Aktionen auf dem Ökumenischen Pilgerweg. Jugendliche, die 2018 fünfzehn Jahre alt sind oder werden, haben freie Übernachtung in allen nichtkommerziellen Herbergen. Aller 15 Kilometer sind Holzstäbe mit einer Muschel aufgestellt, die man fotografieren und die Bilder an den Trägerverein senden kann. Am 6. Juli finden an einigen der Stäbe gleichzeitig um 18 Uhr eine Andacht statt.

Thomas Barth

www.oekumenischer-pilgerweg.de

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Christusfest mit Auftrag

25. Mai 2018 von redaktionguh  
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Was bleibt vom Reformationsjubiläum? An erster Stelle ein Satz der Bibel. Einer, der schon vor 2017 da war und der auch zukünftig bleiben und gelten wird: »Jesus Christus, gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit.«

Was bleibt noch? Es bleibt eine revidierte Übersetzung der Lutherbibel. In unserer säkular geprägten Gesellschaft haben Menschen sie gekauft und so die Heilige Schrift zu sich nach Hause geholt. Sollte es Wichtigeres geben als das? Und weil wir gerade bei Büchern sind: Neue historische Bücher machten deutlich, dass wir es im Blick auf die Reformation mit einer vielfältigen reformatorischen Bewegung zu tun haben. Dass Martin Luthers Welt eine uns heute fremde Welt ist. Dass wir Erkenntnisse der Reformation deshalb für heute neu verstehen müssen. Und dass wir manches, was Martin Luther vertreten hat, heute klar zurückweisen müssen. Wie seinen Antijudaismus. Der historische Blick auf die Reformation hat heilsamen Abstand hergestellt, neues Verstehen und neue Fragen geweckt, das eigene Denken herausgefordert. Und das schadet ja nie.

Vor einem Jahr: Die Kirchentage auf dem Weg und die Abschlussveranstaltung auf den Elbwiesen bei Wittenberg. Der begehbare Bibelturm (Foto) am Bahnhof der Lutherstadt war weithin sichtbar. Wie so vieles andere ist er längst wieder abgebaut. Foto: epd-bild

Vor einem Jahr: Die Kirchentage auf dem Weg und die Abschlussveranstaltung auf den Elbwiesen bei Wittenberg. Der begehbare Bibelturm (Foto) am Bahnhof der Lutherstadt war weithin sichtbar. Wie so vieles andere ist er längst wieder abgebaut. Foto: epd-bild

Als ökumenisches Christusfest hat das Reformationsgedenken zu einem vertieften Verständnis der Konfessionen beigetragen. Es tat gut, in ökumenischer Verbundenheit Gottesdienste zu feiern. Es war wichtig, Verletzungen und Fragen auszusprechen, die das Miteinander belasten. Und es war wohltuend, gegenseitig Wertschätzung und Respekt zu erfahren. Manches, was dabei ausgesprochen und gefeiert wurde, hat öffentlich nachvollzogen, was im alltäglichen ökumenischen Miteinander schon länger gewachsen ist. Aus dem gemeinsamen Christusfest folgt der Auftrag, jetzt nicht genügsam stehenzubleiben, sondern weiter miteinander unterwegs und dabei über Trennendes wie Gemeinsames im Gespräch zu sein. Zwischen katholischer und evangelischer Kirche sind das vor allem Fragen des Kirchen- und des Amtsverständnisses und daraus resultierend des Abendmahles.

Zum Reformationsjubiläum kamen viele Touristen in unsere Region. Was die Reformation hier jeweils vor Ort historisch, gegenwärtig und zukünftig bedeutet, hat Interesse gefunden. Das hat die Kirchengemeinden gestärkt. Es hat Gemeindeglieder ermutigt. Hat Kontakte zu anderen Akteuren der Zivilgesellschaft gefestigt und neue finden lassen. Hat Gemeinschaft neu entdecken lassen – besonders eindrücklich in vielfältigen Formen der Mahlgemeinschaft und Gastfreundschaft. Hier werden wir zukünftig anknüpfen können. Dazu gehören auch die Gespräche und Begegnungen mit Menschen anderer religiöser Überzeugungen. Die Fortsetzung eines vertieften interreligiösen Austausches und die Diskussion über das Zusammenleben in einer pluralen und multireligiösen Gesellschaft gehören für mich ganz unbedingt zur Bilanz des Reformationsjubiläums. Wie Einheit in Vielfalt entsteht und gelebt wird, hat in der reformatorischen Bewegung durch die Jahrhunderte hindurch zu unterschiedlichen Antworten geführt. Das war ein Lernprozess, der auch zu der Einsicht führte, dass Menschen unterschiedlicher religiöser, kultureller und politischer Prägung nur in »versöhnter Verschiedenheit« friedlich miteinander leben können. Erfahrungen und Erkenntnisse aus diesem Lernprozess können wir einbringen in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs.

Die Kooperationen und Kontakte vor Ort haben auch Mitgliedschaftsfragen neu in den Blick gerückt. Wer gehört zu uns? Was ist mit denen, die dabei sind, aber nicht dazugehören? Die sich mit uns für andere engagieren, aber nicht Kirchenmitglieder sind? Und dennoch bei uns sind. An unserer Seite. Mit uns befreundet. Was bedeutet das für unser Verständnis von Taufe, Kirchenmitgliedschaft und Kirchensteuer? Vielleicht geht es um weniger starre Grenzen. Und darum, öffentlicher zu werden. So, wie es die Reformation einmal gedacht hat: An alle weitersagen und für alle erfahrbar machen, was es heißt, aus der Gnade und Liebe dessen zu leben, von dem Christenmenschen bekennen: »Jesus Christus, gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit.«

Kristina Kühnbaum-Schmidt

Die Autorin ist Regionalbischöfin für den Propstsprengel Meiningen-Suhl und war Reformations-Scout für die EKD-Synode.

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Gottes Geist sprudelt

18. Mai 2018 von redaktionguh  
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Warum feiern wir Pfingsten? Eine zunächst einleuchtende Antwort ist: »Wir feiern den Geburtstag der Kirche.« Ich war zufrieden, wenn Konfirmanden wenigstens diese Antwort parat hatten und dann noch vermuteten, dass da etwas durch den Heiligen Geist passierte.

Pfingsten ist die Geburtsstunde der nachösterlichen Jesusbewegung. Das Stichwort »Geburtstag« ist eine Erklärungshilfe, auch wenn sie zu kurz greift. Denn nach dem Geburtstag folgt wieder der Alltag. Aber was folgt auf Pfingsten? Nach Pfingsten kommt die Trinitatiszeit. Zwar wirkt im Gedanken der Dreieinigkeit Gottes das Thema des Heiligen Geistes weiter. Aber wir beschäftigen uns in der Verkündigung nur am ersten und zweiten Pfingsttag damit.

Pfingsten als Gedenktag des Heiligen Geistes ist mir zu wenig. Ich wünschte, man könnte die Sonntage nach Pfingsten zählen. Viele Themen und Texte würden in einem anderen Licht erscheinen, wenn sie an einem Sonntag nach Pfingsten bedacht würden. Es ist gut für unsere Kirche, mehr nach dem Heiligen Geist zu fragen und um ihn zu bitten.

Die Bibel bezeugt von Anfang bis Ende, wie Gott durch seinen Geist wirkt. Er ist derselbe Geist im Alten wie im Neuen Testament. Der Heilige Geist sprengt menschliche Gottesbilder auch im Blick auf das Geschlecht. Das hebräische Wort Ruach bedeutet zunächst Wind und ist weiblich. Die »Geistkraft« übersetzt man das angemessen. Gottes Geist wird als Energie erfahren. Aber die Bibel unterstreicht den personalen Charakter des Geistes. Vor allem ist er der Geist Jesu Christi. Er lehrt Jesus Christus erkennen, anbeten und nachfolgen.

Ausgießen, auffangen, weitergeben: Der Kaskadenbrunnen im baden- württembergischen Kloster Maulbronn. Die ehemalige Zisterzienserabtei ist seit 1993 Weltkulturerbe der UNESCO. Foto: epd-bild

Ausgießen, auffangen, weitergeben: Der Kaskadenbrunnen im baden-württembergischen Kloster Maulbronn. Die ehemalige Zisterzienserabtei ist seit 1993 Weltkulturerbe der UNESCO. Foto: epd-bild

Die Pfingstgeschichte erklärt aber nicht, wer der Heilige Geist ist. Sie ist davon gepackt, wie er wirkt. Es geschah zum jüdischen Wochenfest, 50 Tage nach Ostern (Pfingsten heißt zunächst nicht mehr als »Fünfzig«). Da erfüllte Gottes Geistkraft Frauen und Männer, die einmütig beieinander waren. Begeisterung ergriff sie. Es war »wie Feuerflammen« oder »wie ein gewaltiger Sturm«. Diese äußeren Bilder einer intensiven Gottesnähe drückten aus, was sie innerlich erlebten. Gottes Geist rüttelte an ihnen. Ihr Denken und Fühlen wurde geöffnet für Gott.

In der Apostelgeschichte Kap. 2 durchläuft die Ausgießung des Geistes bildlich gesprochen drei Kaskadenstufen. In einem kunstvollen Brunnen sprudelt das Wasser aus einer Fontäne oben hervor, wird dann in einer Schale aufgefangen und läuft in ein Becken herab. So fließt Gottes Geist hinein in die Lebendigkeit der Anhänger Jesu. Zuerst ist der Geist göttliche Energie, die an ihnen geschieht. Er kommt überraschend und übersteigt alles Verstehen. Was hier geschildert wird, trägt die Züge einer Offenbarung Gottes.

Dann gibt derselbe Geist klare Worte. Das Wort fängt bildlich das Wasser der Fontäne auf. Sie predigen die weltverändernde Botschaft Jesu. Menschen aus aller Herren Länder verstehen sie in ihren Sprachen. Und Petrus deutet, was der Prophet Joel über den Geist angekündigt hatte.

Schließlich verleiht dieselbe Geistkraft über die Worte hinaus das klare missionarische Zeugnis der gelebten Gemeinschaft. Die Gruppe der Jüngerinnen und Jünger gewinnt Ausstrahlungskraft durch ihr gemeinsames Leben. Das ist die Schale, die das Wasser des Geistes auffängt. Sie leisten Umkehr und lassen sich taufen. Sie leben einmütig zusammen. Sie beten Gott im Tempel an. Sie halten Tischgemeinschaft in den Häusern. Sie brechen das Brot, wie Jesus es tat, und teilen alles miteinander. Ihr freudebetonter Lebensstil führt ihnen neue Anhänger zu.

Sie werden Jesu neuer Leib. Er ist das Haupt und erschafft sie durch den Geist als seine Glieder und schenkt ihnen vielfältige Gaben. So versteht es Paulus später. Menschwerdung 2.0 möchte ich das bezeichnen, was aus Pfingsten hervorging. Gott gibt sich aus Liebe weiter hinein in das Menschengeschick. Wie in Jesu Leben und Hingabe am Kreuz, so hat auch der Pfingstgeist ein deutliches Gefälle hinein in eine neue Gemeinschaft befreiter Menschen.

Nicht auf die pfingstliche Ekstase läuft alles hinaus, sondern auf das einfache Leben in der Gewissheit der Liebe Gottes.

Zeichen dafür ist das pfingstliche Brotbrechen, in dem sich die Mahlgemeinschaft Jesu fortsetzt.

Ich hoffe und glaube, dass Gottes Geistkraft unserer Kirche jeweils neu die Kraft gibt, erstarrte Formen aufzubrechen und frei, klar, lebendig und kreativ zu sein. Sie soll jederzeit mit dem Heiligen Geist rechnen, der auch außerhalb ihrer Strukturen Menschen erreicht. Er leitet sie zu den geringsten Schwestern und Brüdern Jesu.

Christoph Hackbeil

Der Autor ist Regionalbischof des Propstsprengels Stendal-Magdeburg.

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Gott, Vater – mein Fels, meine Zuflucht

11. Mai 2018 von redaktionguh  
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Gottesbild: Die Bibel verbietet, uns Bilder von Gott zu machen. Und hält sich selbst nicht daran.

Manchmal versuche ich, mich in Nichtchristen hineinzuversetzen. Was mag in ihnen vorgehen, wenn sie ihre gläubigen Mitmenschen betend erleben? Zu einem Gott beten, der für Atheisten nicht sichtbar, nicht erklärbar, nicht vorstellbar, nicht existent ist? Ob ihnen die sprachlichen Versuche von Christen, Gott zu definieren, absurd, verrückt vorkommen?

Gott, der Herr, ein Vater, mein Fels, meine Zuflucht. Gott ist Liebe, Güte, Barmherzigkeit. Obwohl die Bibel mehrfach ermahnt, sich kein Bild von Gott zu machen, tun wir dies unentwegt. Wir können nicht anders. Wenn wir Gott suchen, danach fragen, wie er ist, entstehen in unserem Kopf Bilder. Nicht immer geeignete, wofür die antiquarische Vorstellung von Gott als altem Mann mit langem weißen Bart ein banales Beispiel ist. Dieses Bild mag festhalten, dass Gott schon vor aller Zeit war und über unser aller Tod hinaus in Ewigkeit sein wird. Zum Glauben ermutigt es nicht unbedingt. Um diese Gefahr scheint die Bibel zu wissen, wenn sie uns ermahnt: »Dass ihr euch nicht … irgendein Bildnis macht, das gleich sei einem Mann oder einer Frau.« (5. Mose, 4,16)

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Psalm 139, Vers 5. Foto: rupbilder – stock.adobe.com

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Psalm 139, Vers 5. Foto: rupbilder – stock.adobe.com

Erstaunlicherweise ist die Vorstellung von Gott als dem uralten Großvater nicht aus den Köpfen zu verbannen. Selbst im aufgeklärten 21. Jahrhundert erleben Gemeindepädagogen, dass Kinder – aufgefordert, Gott zu malen – diesen besagten Mann mit Rauschebart zu Papier bringen.

Die Heilige Schrift, die uns auffordert, nur ja keine Bilder von Gott zu machen, hält sich selbst nicht an diese Maßgabe. In vielerlei Gestalt betritt Gott die Bühne. Er pflanzt den Garten Eden, wirkt also als Gärtner. Als »meinen Hirten« beschreibt ihn Psalm 23. Gott hat Augen, Ohren, Hände, Füße, ein Herz. Er kann Mitleid fühlen und zornig werden. Alles Vergleiche, die Gott menschlich erscheinen lassen. Und es gibt andere: Gott ist ein Berg, ein Fels, Quelle. Oder abstrakte: Gott ist Liebe, Licht, Güte. Und doch kann jede dieser Metaphern nur ein menschlicher Versuch sein, zu beschreiben, wer Gott ist, wie er wirkt. Es sind Hilfskonstruktionen für den Glauben.

Die biblischen Bilder von Gott drücken die religiösen Erfahrungen der Menschen mit Gott aus. Wer sich in seinem Leben getragen fühlt, gewiss ist, nicht ins Bodenlose zu fallen, dem geht die Anrede Gottes als Vater mühelos über die Lippen. Gott ist wie der Vater, der sein Kind in die Luft wirft und sicher mit beiden Armen auffängt.

Umgekehrt: Manche Menschen haben mit dem eigenen Vater schlechte Erfahrungen gemacht und projizieren ihre Wünsche von einem guten Vater auf Gott. Den sie sich anders als den eigenen Vater nur als einen liebenden vorstellen wollen.

Von schwerer Krankheit geheilt werden, nach monatelanger Verzweiflung neue Hoffnung schöpfen, aus einer Sackgasse herausfinden – in solchen Situationen spüren Menschen, dass Gott wirkt und sprechen dann von ihrem Helfer in der Not.

Wenn ich mich an einem sonnigen Maitag auf die Parkbank setze und sehe, wie die Natur in voller Pracht erblüht ist, welch ein Wunder! Jeder Gärtner weiß, dass er Hand anlegen muss, aber das Wachsen und Gedeihen liegt nicht in seiner Macht. Gott, der Vater, der für seine Familie sorgt. Gott, der verspricht, »ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet« (Jesaja 66,13), um ein biblisches Beispiel anzubringen, in dem Gott mütterliche Züge zugedacht werden.

Die Bibel bietet uns zahlreiche Bilder an, die unsere Fantasie beflügeln und uns eine Glaubenshilfe sein können. Manche verlieren mit dem Zeitgeist und der Mode ihre Aussagekraft, um diese vielleicht irgendwann wieder zurückzugewinnen. Zugleich dürfen wir nicht vergessen, unsere Metaphern von Gott, so vielgestaltig sie sein mögen, bleiben nur der menschliche Versuch, Gott zu fassen. Kein Vergleich, kein Bild, kein Begriff reicht aus, um ihn zu beschreiben.

Denn: »Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen!« (1. Könige 8,27 b)

Sabine Kuschel

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Die Zeit ist reif

4. Mai 2018 von redaktionguh  
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Ein Zwischenruf vom katholischen Magdeburger Bischof zum Streit um die vorsichtige Öffnung der Eucharistie für Protestanten.

Nachdem sieben deutsche Bischöfe sich nach der Verabschiedung einer Handreichung über die Möglichkeit einer vollen Teilnahme evangelischer Christen in einer konfessionsverbindenden Ehe an der katholischen Eucharistiefeier durch die Deutsche Bischofskonferenz an Rom mit der Bitte um Klärung gewandt haben, wird über manches spekuliert. Eine öffentliche Auseinandersetzung ist entbrannt, obwohl der Text noch gar nicht erschienen ist.

Gemeinsam unterwegs: Evangelische und katholische Pilger aus Mitteldeutschland haben sich am 22. April zur Ökumenischen Christus-Wallfahrt aus allen Himmels- richtungen auf den Weg zum Kloster Volkenroda im Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen gemacht. Foto: Harald Krille

Gemeinsam unterwegs: Evangelische und katholische Pilger aus Mitteldeutschland haben sich am 22. April zur Ökumenischen Christus-Wallfahrt aus allen Himmelsrichtungen auf den Weg zum Kloster Volkenroda im Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen gemacht. Foto: Harald Krille

Unsere Handreichung bewegt sich im Rahmen der theologischen und kirchenrechtlichen Möglichkeiten und geht vom Ökumenismusdekret des II. Vatikanischen Konzils (1964) und vom Kodex des Kanonischen Rechts (1983) aus. Vor diesem Hintergrund kann eine Bischofskonferenz oder sogar ein einzelner Bischof verantwortlich darüber urteilen, was außer Todesgefahr eine »andere schwere Notlage« ist, und welche Wege und Bedingungen für möglich gehalten werden, um im Einzelfall eine volle Mitfeier der Eucharistie zu eröffnen. Nichts anderes ist nun endlich geschehen. Da nicht überall auf der Welt die Bevölkerung konfessionell so gemischt ist wie in Deutschland und nur in wenigen Gegenden auf der Erde sich ein solches Gespür für die Herausforderungen der davon betroffenen Ehen entwickelt hat wie bei uns, erscheint es als sinnvoll und erlaubt, ja sogar als dringlich, nicht erst auf eine gesamtkirchliche Entscheidung zu warten, sondern die Initiative zu ergreifen, eine verantwortungsbewusste und angemessene Lösung vor Ort zu finden.

Bereits vor 20 Jahren beschäftigten sich verschiedene Bischofskonferenzen damit. Dabei ging es um kasuistische Reglungen: Zu Anlässen wie der eigenen Trauung oder der Erstkommunion der eigenen Kinder sah man den Kommunionempfang des evangelischen Ehepartners für erlaubt an, ansonsten nicht. Dies hielten die deutschen Bischöfe bereits damals nicht für überzeugend.

Neue Anregung brachten manche Äußerungen von Papst Johannes Paul II., die Bischofssynoden von 2014 und 2015 und die wiederholten Ermunterungen von Papst Franziskus. Hinzu kam, dass bei den ökumenischen Versöhnungsgottesdiensten anlässlich des 500. Reformationsgedenkens die Kommunionfrage in konfessionsverbindenden Ehen als ein brennendes Problem angesprochen wurde. So hat die Ökumenekommission eine Lösungsmöglichkeit erarbeitet, die der Deutschen Bischofskonferenz im Frühjahr 2017 vorlag.

Die Ökumenekommission wurde beauftragt, unter Einbeziehung der Glaubenskommission daran weiterzuarbeiten. Um dem gerecht zu werden und andere Theologen mitdenken zu lassen, war es erst jetzt möglich, eine Überarbeitung einzubringen. Wieder kam es zu einer engagierten Diskussion, bei der die Kritiker nichts Neues vorbrachten. Dabei hatte man den Eindruck, dass nicht die mühevolle Suche nach einer verantwortbaren seelsorgerlichen Lösung für Einzelne ihr Interesse bestimmte, sondern die grundsätzliche Befürchtung, damit nicht mehr wahrhaft katholisch zu sein.

Manche scheinen immer noch einem vorkonziliaren Kirchenbild verhaftet zu sein und die katholischen Prinzipien des Ökumenismus wenig verinnerlicht zu haben. Bei dem Text handelt es sich um eine »Pastorale Handreichung« und um keinen Lehrtext. Damit wird keine generelle Zulassung oder offene Einladung zum Kommunionempfang ausgesprochen. Geboten wird vielmehr eine Hilfestellung für Seelsorger, konfessionsverbindende Eheleute bei der persönlichen Gewissensentscheidung zu begleiten, nicht aber, ihnen diese abzunehmen.

Manchmal ist das Maß voll und die Zeit reif, darf man eine Lösung nicht weiter hinauszögern, muss – selbst wenn einige im Widerspruch verharren – eine gut begründete Entscheidung fallen. Dies ist jetzt geschehen. Eine einfache Lösung bietet die erarbeitete Handreichung nicht, aber eine, die im Einklang mit der Lehre der katholischen Kirche steht und Menschen helfen kann, die Freude am Glauben und an der Feier der Eucharistie zu vertiefen, die ökumenischen Beziehungen zu fördern und das Band der Ehe zu stärken. Eine solche Chance zu vertun, wäre makaber und beschämend.

Bischof Gerhard Feige

Der Gastautor ist Vorsitzender der Ökumenekommission der Katholischen Bischofskonferenz.

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Es grünt und blüht in Burg

30. April 2018 von redaktionguh  
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»Geh aus, mein Herz«: Sonntag, Sonnenschein, Gottesdienst und Garten. Einen Tag nach der offiziellen Eröffnung der Landesgartenschau (Laga) in Burg haben die Kirchen ihr Programm gestartet.

Der Tag hätte schöner nicht sein können. Die Sonne strahlte vom fast wolkenlosen Himmel und in den Beeten blühten die schon von Paul Gerhardt besungenen Tulipane in großer Farbenvielfalt. Die Band »Patchwork« aus Berlin-Brandenburg spielte auf und zog mit ihren fröhlichen Melodien die Aufmerksamkeit auf sich. Hunderte Besucher versammelten sich, der Musik und der Einladung folgend, am 22. April im Burger Goethepark vor der Hauptbühne, um den ökumenischen Eröffnungsgottesdienst der Landesgartenschau (Laga) mitzufeiern.

Bereits am Sonnabend hatte Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) die Schau unter dem Motto »… von Gärten umarmt« in Anwesenheit vieler Vertreter aus Politik und Gesellschaft eröffnet. Haseloff würdigte dabei die Entwicklung Burgs. Es sei beeindruckend zu sehen, wie sich die Stadt verändert habe. So wurden in die vier Kernflächen der Laga 17 Millionen Euro investiert, in Plätze, Straßen und Wege noch einmal 23 Millionen. Erwartet werden bis zum 7. Oktober rund 450 000 Besucher. Neben vier großen Parks und Ausstellungsflächen können sie 21 Themen- und 12 Stadtgärten und wechselnde Blumenschauen besichtigen sowie unter rund 800 Veranstaltungen wählen.

Stadt der Türme: In der Bildmitte der Wasserturm, im Hintergrund die spitzen Türme der Kirche Unser Lieben Frauen. Am Weinberg auf dem Laga-Gelände ist dem Modell der Quedlinburger Stiftskirche (links) noch ein Turmpaar hinzugekommen. Den alten Fabrikschornstein (rechts) krönt ein Storchennest. Foto: Angela Stoye

Stadt der Türme: In der Bildmitte der Wasserturm, im Hintergrund die spitzen Türme der Kirche Unser Lieben Frauen. Am Weinberg auf dem Laga-Gelände ist dem Modell der Quedlinburger Stiftskirche (links) noch ein Turmpaar hinzugekommen. Den alten Fabrikschornstein (rechts) krönt ein Storchennest. Foto: Angela Stoye

Inmitten des Blütenmeeres eröffneten die Kirchen in Sachsen-Anhalt am Sonntag nun ihr Programm, das unter dem Motto »aus der Quelle erfrischt« steht. Den Gottesdienst gestalteten der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige, Propst Christoph Hackbeil, Regionalbischof des Propstsprengels Stendal-Magdeburg, die Superintendentin des Kirchenkreises Elbe-Fläming, Ute Mertens, der Pastor der Adventgemeinde, Wolfgang Stammler, Ursula Patté von der reformierten Gemeinde Burg und Apostel Jens Korbien von der Neuapostolischen Kirche (NAK). Das erste Mal nach der Aufnahme der NAK am 12. Februar 2018 in die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen Sachsen-Anhalts beteiligte sich einer ihrer Vertreter an einem ökumenischen Gottesdienst. Bischof Feige verwies in seinem Grußwort auf den Wert von Gottes Schöpfung, die sich auch in der Laga widerspiegelt. »Wer sich darauf einlässt, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus.« Der Bischof forderte eine grundsätzliche ökologische Umkehr, »weil die Erde unser gemeinsames Haus ist«.

Propst Hackbeil stellte in den Mittelpunkt seiner Predigt die Geschichte von Jesus und der Samariterin am Brunnen (Johannes 4). Darin stelle die Frau die Zugehörigkeit über die Barmherzigkeit, so der Propst. Jesus aber nehme das Gespräch mit ihr auf. Zwar erfahre man am Ende nicht, ob die Frau Jesus Wasser aus dem Brunnen gibt. Aber man erfahre: »Von Jesus geht aus, wonach sich alle sehnen: geliebt zu sein und sich lebendig zu fühlen.« Christoph Hackbeil verwies darauf, dass die Angebote der Kirchen an ihrem Pavillon in den Ihlegärten für alle da seien – zum Gespräch, zum Innehalten, Entspannen und Entschleunigen. Jeden Tag wird dort um 12 Uhr die Glocke läuten, so wie am Sonntag die Burger Kirchenglocken den Gottesdienst und das Gesamtprogramm einläuteten: in der Woche zu Andachten, sonntags zu Gottesdiensten. Über 80 ehrenamtliche Helfer arbeiten in der Zeit der Laga im Kirchengarten mit.

Die Superintendentin des Kirchenkreises Elbe-Fläming, Ute Mertens, dankte allen, die sich seit 2013 in der ökumenischen Vorbereitungsgruppe und jetzt während der Laga an der Planung und Umsetzung des Programmes beteiligt hatten und haben. Davon, wie schön es im und am (jederzeit eintrittsfreien) Kirchen-Pavillon am Flüsschen Ihle ist, konnten sich die Besucher gleich am Sonntag überzeugen: bei guten Gesprächen und eingehüllt in die Musik des Posaunenchores »einfachso«.

Angela Stoye

www.laga-burg-2018.de
www.kirchen-landesgartenschau-burg.de

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Wo finde ich Gott?

20. April 2018 von redaktionguh  
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Im Konfirmationsalter beginnt oft die Suche nach dem Lebenssinn. Wo suchen Jugendliche heutzutage? Im Internet. Ein Selbstversuch.

Kennen Sie wikiHow? Unter dem Motto »Hier lernst du alles« findet man auf dieser Internetseite Anleitungen zu fast allen Themen des Lebens. Von der Frage »Wie ziehe ich nach Australien um?« oder »Wie berechne ich das Kubikmaß einer Kiste?« bis zu »Wie wende ich eine Haarspülung richtig an?«. Aber auch auf die existenzielle Frage, wo Gott zu finden ist, kennt wikiHow Antworten.

Wer diese Seite besucht, wird gleich mit »du« angeredet, was deutlich machen soll, dass sich das Angebot an junge Menschen richtet. »Wenn du ein Verlangen verspürst, einen Kontakt mit Gott herzustellen oder deine Verbindung zu Gott zu verbessern, gibt dir dieser Artikel einige Tipps, welche ersten Schritte du machen kannst, um herauszufinden, wer er wirklich ist.« Gleich in der ersten von zwölf Empfehlungen wird darauf hingewiesen, dass man nicht unbedingt eine Kirche braucht, um Gott zu finden. Versuchen könne man es aber trotzdem zunächst dort: »Wenn du Glück hast, findest du eine geistliche Kirche, die glaubt, dass sich Gott frei ohne Grenzen bewegt, und mit Menschen, die liebenswürdig und entgegenkommend sind. Wenn du so einen Platz findest, wäre es eine gute Idee in Erfahrung zu bringen, woran diese Menschen glauben.« Es geht dann weiter mit dem Vorschlag, einen Gottesdienst zu besuchen, religiöse Literatur zu lesen, den Verstand zu gebrauchen, offen zu sein und wachsam, vor allem gegenüber Menschen, die behaupten, im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein. »Die meisten Kirchen haben nur einen Teil der Wahrheit«, heißt es weiter.

Fragen stellen, mit anderen sprechen und das Gespräch mit Gott suchen, die Anleitung klingt fast, als wäre sie aus dem Lehrbuch für den Konfirmandenunterricht. Allein schon, dass man der Frage nach Gott bei wikiHow einen ausführlichen Artikel widmet, zeigt, dass die Sinnsuche und Wertorientierung vor allem unter Jugendlichen wieder an Bedeutung gewinnt. Es wird aber auch deutlich, dass diese Frage scheinbar eher in der Anonymität des Internets gestellt wird.

Landesgartenschau Sachsen-Anhalt in Burg: Nicht nur in der Natur, auch bei den Angeboten der Kirchen auf der Landesgartenschau kann man sich auf die Suche nach Gott begeben. Die Glasarche (Foto) steht als Symbol für die Bewahrung und Erhaltung von Gottes Schöpfung. Foto: Reiner Eckel

Landesgartenschau Sachsen-Anhalt in Burg: Nicht nur in der Natur, auch bei den Angeboten der Kirchen auf der Landesgartenschau kann man sich auf die Suche nach Gott begeben. Die Glasarche (Foto) steht als Symbol für die Bewahrung und Erhaltung von Gottes Schöpfung. Foto: Reiner Eckel

Was heißt das nun für die Kirche und Kirchengemeinden? Auf der Frühjahrssynode wurde eingehend über die Thesen von Professor Michael Domsgen zur Gemeindesituation beraten (siehe auch Seite 5). Dabei scheint vor allem die Antwort auf die Frage, »wie Evangelium so kommuniziert werden kann, dass es Menschen erreicht«, zentral. Die Akzeptanz von Kirche in der Öffentlichkeit ist relativ hoch. Allerdings wissen immer weniger Menschen etwas mit christlichen Inhalten anzufangen.

Die Offenheit für religiöses Denken wird hauptsächlich in der Kindheit und Jugend geweckt. Religiöse Erziehung spielt einer Studie der EKD zurfolge, die bereits 2004 veröffentlicht wurde, selbst unter kirchenaffinen Familien immer weniger eine Rolle. Da sind neue Impulse für die Gemeindearbeit gefragt, so wie sie bei der Frühjahrstagung im Kloster Drübeck formuliert wurden. Unter dem Motto »Evangelisch – Ein Kreuz für die Welt« erarbeiteten die Synodalen Anregungen und Empfehlungen für die Kirchengemeinden. Eine Gemeindesynode scheint dafür aber längst nicht ausreichend. In den Beratungen war deshalb die Rede von einem Aufbruchsignal und dem Anfang eines weitergehenden Prozesses. Für eine Bilanz der Gruppengespräche ist es noch zu früh. Die Beratungen nahmen so viel Zeit in Anspruch, dass ein Fazit und eine Zusammenfassung keinen Platz mehr fanden. Das Gemeindedezernat der EKM hat deshalb angekündigt, die Ergebnisse der sieben Arbeitsgruppen in den kommenden Wochen auswerten und aufbereiten zu wollen. Wir werden zu einem späteren Zeitpunkt darüber in der Kirchenzeitung berichten.

Der Internetkurs für Gottsucher bei wikiHow endet mit den Hinweisen, dass Gott einem näher sein kann als vermutet und dass man bereit sein sollte, das Bild, das man über das Wesen Gottes habe, zu verwerfen: »Deinen begrenzten Verstand zu verwenden, um Unendlichkeit zu begreifen, ist wie einen Fisch darum zu bitten, die Ozeane der Welt herunterzuschlucken.« Nichts anderes verstehen Christen darunter, wenn sie sich unter die Führung und den Segen Gottes stellen, der höher ist als Erfahrung, Verstand und Sinne.

Willi Wild

www.ekmd.de/kirche/landessynode

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Dem Glück näherkommen

13. April 2018 von redaktionguh  
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Der Weltglücksbericht versuchte kürzlich in Zahlen zu verpacken, wo die Menschen am glücklichsten sind und was dazu beiträgt. Deutschland belegte dabei Platz 15 – so die Wissenschaft.

Neben dem Bruttoinlandsprodukt wurden dem Index auch das Einkommen, der soziale Zusammenhalt, Gesundheit, die Freiheit der eigenen Entscheidungen und Korruption als Faktoren zugrunde gelegt. »In unserer Gesellschaft glauben viele, dass sich das Glück einstellt, sobald ihre Wünsche in Erfüllung gehen«, sagte der Philosoph, Publizist und Theologe Christoph Quarch kürzlich in einem Interview. Doch mache das nur kurzfristig zufrieden, aber nicht glücklich.

Menschliche Wünsche sind so umfangreich wie vielfältig. Es gibt viele Ziele, die auf dem Weg zum Lebensglück verwirklicht werden wollen. Die Kontrolle über die Planung und Verwirklichung des Lebens zu behalten, hat oberste Priorität – dafür wird alles getan und das möglichst effektiv.

Jenseits der erfassten Komponenten des Glücksindex ist das Glück in der Realität von viel mehr, und im schlimmsten Fall unkalkulierbaren, Faktoren abhängig. In Gesprächen und beim genauen Hinsehen scheint das, was wir als Glück bezeichnen, ein sehr instabiles Konstrukt zu sein. Zu viele Unsicherheiten tragen dazu bei: Banalitäten wie das Wetter ebenso wie unser Beruf, Hobbies, Urlaube und Erlebnisse, Beziehungen, die eigene Gesundheit und die unserer Mitmenschen.

»Der Anblick eines wahrhaft Glücklichen macht glücklich« Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832). Foto: Phase4Photography – stock.adobe.com

»Der Anblick eines wahrhaft Glücklichen macht glücklich« Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832). Foto: Phase4Photography – stock.adobe.com

Überhaupt scheint die Gesundheit ein Hauptindikator für unser vermeintliches Glück oder Unglück zu sein – trotz medizinisch nie da gewesener Möglichkeiten zur Heilung und erheblicher Verbesserung der Lebensumstände Erkrankter. Das gilt auch für Menschen mit der Erbgutstörung Trisomie 21. Trotzdem entscheiden sich neun von zehn Schwangeren bei einer möglichen Erkrankung ihres ungeborenen Kindes dafür, die Schwangerschaft aufgrund dieser Indikation zu beenden. Die Möglichkeiten zur Feststellung dieser oder anderer Krankheiten im Mutterleib nehmen immer größere Ausmaße an. Der Grund: Ein krankes Kind könne kein glückliches Leben führen. Oder das eigene Lebensglück erheblich beschränken. Diese Entwicklung nimmt die ökumenische Aktion »Woche für das Leben« in diesen Tagen besonders in den Blick.

Geprägt sind unsere Glückserwartungen zu großen Teilen von den Idealen der Konsumgesellschaft. »Je mehr man ihnen folgt, umso unmöglicher wird es, diesen zu genügen«, formuliert Christoph Quarch weiter. In diesem Sinne definieren wir uns als »rationaler Egoist, der mit seiner Vernunft und Technik die Welt nach seinen Interessen einrichtet.« Treten Umstände auf, die uns nicht dienlich oder kontrollierbar sind, die uns mit Krankheiten und Unvollkommenem konfrontieren, stellt sich das vermeintliche Unglück ein, das es zu beseitigen gilt.

Es scheint ein Hamsterrad zu sein, dem schwer zu entkommen ist. Denn landläufig herrscht die Annahme vor, dass Glück machbar sei. »Jeder ist seines Glückes Schmied.« Die Fähigkeit, in einer gegebenen Situation glücklich zu sein, hängt also, außer von äußeren Umständen, auch von eigenen Einstellungen und Bemühungen ab. Das setzt uns unter Druck.

In der Bibel ist vom Glück keine Rede. Auch wenn Martin Luther einige Worte im Alten Testament mit »Glück« übersetzt hat, heißt keines wirklich das, was wir mit »Glück« meinen. Und doch lautete die Jahreslosung vor vier Jahren sehr einfach und eindringlich: »Gott nahe zu sein, ist mein Glück.« Diese Variante des Psalm 73,28 entsprach der damaligen ökumenischen Einheitsübersetzung.

Gelingt es, dem stetigen Mühen um das Lebensglück für einen Moment zu entkommen und eine Außenperspektive einzunehmen, scheint in der Tat das einzig Sinnvolle zu sein, was wir aus eigener Kraft tun können, um glücklich zu werden: uns Gott zu nähern. Es befreit uns vom Streben nach immer neuen Zielen und Idealen. Wir können unsere Prioritäten anders setzen, entgegen dem Drang zur Selbstoptimierung. Gottes Gegenwart stellt die noch so widrigen Umstände unseres Lebens in ein anderes Licht und gibt ihnen eine neue Wertigkeit. In seiner Gegenwart können wir lernen alles anzunehmen, egal wie fehlerhaft, unübersichtlich, ungeplant – und dennoch unser Glück finden.

Mirjam Petermann

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