Kirche macht Schule

10. August 2018 von redaktionguh  
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Finnland liegt in Mitteldeutschland – betrachtet man die pädagogische Arbeit und die Evangelischen Schulen in Mitteldeutschland.

Es gibt die Orte, an denen Kirche wächst. Sichtbar ist das im Besonderen bei der Evangelischen Schulstiftung in Mitteldeutschland und der Evangelischen Johannes-Schulstiftung. Zahlen machen das ganz nüchtern deutlich. 5 300 Schülerinnen und Schüler lernen im neuen Schuljahr an den Einrichtungen der Evangelischen Schulstiftung, 1 250 sind es bei der Evangelischen Johannes Schulstiftung.

»Wir wachsen weiter und das passiert vor allem durch neue Klassen«, erklärt Marco Eberl, Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Schulstiftung. »Wir haben einige Schulen, die noch größer werden, so zum Beispiel die 2014 gegründete Grundschule in Halle oder auch die Gemeinschaftsschule in Erfurt.« Vor dem quantitativen Wachstum ist Eberl aber vor allem die Qualität der evangelischen Schulen wichtig. In den Einrichtungen der Schulstiftungen in Sachsen-Anhalt und Thüringen setzt man auf eine gute Lernatmosphäre, christliche Werteerziehung, gut ausgebildete Lehrer und eine hochwertige Ausstattung. »Wir wollen zuallererst gute Schule machen«, betont Eberl.

In Vergleichsarbeiten mit staatlichen Schulen auch in anderen Bundesländern schneiden die evangelischen Schulen sehr gut ab. Auch die Ergebnisse bei der PISA-Erhebung, die beispielsweise am evangelischen Gymnasium in Jena gemessen wurden, waren überdurchschnittlich. Die Schule erreichte damals ähnliche Werte wie die, die im Bildungsmusterland Finnland erreicht wurden.

Der Lehrer Deutschlands: Philipp Melanchthon (eigentlich Philipp Schwartzerdt) kam vor 500 Jahren, am 25. August 1518, um 10 Uhr in Wittenberg an. Heute verkörpert Michael Schicketanz bei seinen Stadtführungen in der Lutherstadt den leidenschaftlichen Professor. Mehr dazu auf Seite 13. Foto: Thomas Klitzsch

Der Lehrer Deutschlands: Philipp Melanchthon (eigentlich Philipp Schwartzerdt) kam vor 500 Jahren, am 25. August 1518, um 10 Uhr in Wittenberg an. Heute verkörpert Michael Schicketanz bei seinen Stadtführungen in der Lutherstadt den leidenschaftlichen Professor. Mehr dazu auf Seite 13. Foto: Thomas Klitzsch

Möglich wird das aber nur durch gut ausgebildete und motivierte Lehrkräfte. Dafür ist eine ausgeprägte Personalakquise nötig. Die Personalgewinnung sieht Michael Bartsch, Vorstand der Evangelischen Schulstiftung und der Evangelischen Johannes Schulstiftung, darum als die große Herausforderung im neuen Schuljahr und darüber hinaus. »Die Länder Sachsen-Anhalt und Thüringen locken mit Verbeamtung, darum wird die Personalgewinnung für uns nicht einfacher«, erklärt Bartsch. Deshalb müsse man in Sachen Personal am Ball bleiben und Anreize schaffen.

Im vergangenen Schuljahr ging die Evangelische Schulstiftung mit der Kampagne »Mein Montagsgefühl« an die Öffentlichkeit. Darin beschrieben Lehrer ihren Arbeitsalltag, die Lehr- und Lernatmosphäre, um junge Pädagogen für die Arbeit dort zu begeistern. Kampagnen wie diese, aber auch der Kontakt zu Universitäten und damit zu Lehramtsanwärtern soll laut Marco Eberl weiter ausgebaut werden.

Für das neue Schuljahr haben sich in Sachsen-Anhalt durch das geänderte Schulgesetz die finanziellen Rahmenbedingungen für die Sekundarstufen verbessert. »Bei den Grundschulen ist das leider nicht der Fall«, erklärt Bartsch. Dennoch geht er mit Freude und Dankbarkeit in das neue Schuljahr.

»Am 1. August haben wir die Trägerschaft für die Evangelische Grundschule in Wittenberg und die Evangelische Grundschule in Holzdorf übernommen. Das ist eine große Freude. Vor allem auch, weil wir mit Holzdorf gegen den Trend arbeiten und zeigen können, dass auch eine kleine Schule mit nur 52 Schülern Potential hat und erfolgreich arbeiten kann.« An dieser inklusiven Schule lernen nicht nur Kinder mit und ohne Behinderungen gemeinsam. Hier erlernt jeder das Geige- und Cellospielen. Auch die Eltern machen dabei mit.

Bei der Evangelischen Sekundarschule Magdeburg freut sich Bartsch, dass hier die Theaterpädagogik in diesem Schuljahr weiter ausgebaut werden kann und Schauspieler gewonnen werden konnten, die die Schüler unterrichten. In Magdeburg stehen auch bauliche Veränderungen an. So werden Schüler und Lehrer zum Halbjahr ein Übergangsquartier in Magdeburg-Buckau beziehen, während die Bauarbeiten am derzeitigen Gebäude beginnen.

Große Investitionen stehen bei der Evangelischen Schulstiftung ebenfalls an. Sie will mit Fördermitteln von Kirche und Ländern, laut Eberl, an die 20 Millionen Euro investieren und damit beispielsweise den Schulstandort Gotha ausbauen sowie die Grundschule in Hettstedt sanieren. Auch am Gymnasium in Meiningen soll noch einmal gebaut werden. Und natürlich soll es an der Grundschule in Halle weitergehen.

Diana Steinbauer

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Drei leere Worte

3. August 2018 von redaktionguh  
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Entschuldigung: Fast täglich entschuldigen sich Manager, Politiker oder Moderatoren – für einen ethischen Skandal, eine politische Fehlentscheidung, einen Witz unter der Gürtellinie. Aber können wir das überhaupt, uns selbst entschuldigen?

Der Deutschen Bahn tut es leid, dass der ICE Verspätung hat, und im Restaurant fragen Gäste entschuldigend nach der Rechnung. Ständig wird sich um uns herum für dieses oder jenes entschuldigt. VW-Chef Matthias Müller entschuldigt sich für die Abgastests mit Affen, John Cryan für die Finanzskandale der Deutschen Bank und ZDF heute-Show-Moderator Oliver Welke wegen seiner Scherze über AfD-Politiker Dieter Amann.

Entschuldigen heißt, »jemanden wegen eines falschen Verhaltens um Verständnis bitten«. So definiert der Duden das Wort. Aus theologischer Sicht gehe das streng genommen gar nicht, sich zu entschuldigen, erklärt Julia Knop, Professorin für Dogmatik an der Universität Erfurt. Nach christlichem Verständnis sei eine Entschuldigung ein Akt zwischen zwei Menschen und Gott.

»Sorry seems to be the hardest word« (Entschuldigung scheint das schwierigste Wort zu sein), stellte der Sänger Elton John in einem Lied fest. Auf dem Smartphone ist eine Entschuldigung schnell geschrieben. Wenn es mehr als eine Floskel ist, stehen die Chancen gut, dass sie angenommen wird. Foto: epd-bild

»Sorry seems to be the hardest word« (Entschuldigung scheint das schwierigste Wort zu sein), stellte der Sänger Elton John in einem Lied fest. Auf dem Smartphone ist eine Entschuldigung schnell geschrieben. Wenn es mehr als eine Floskel ist, stehen die Chancen gut, dass sie angenommen wird. Foto: epd-bild

Im täglichen Miteinander bedeute das gegenseitige Verzeihen einen Akt zwischenmenschlicher Gnade. »Schuld ist etwas, das niemand selbst wegbekommt«, sagt die katholische Theologin. Es brauche immer ein Gegenüber, das sagt: »Ich vergebe dir.« Deshalb sei die Formulierung »ich entschuldige mich« falsch. Man könne nur um Entschuldigung bitten oder sagen, dass es einem leidtut.

Die Dogmatik-Professorin beobachtet mit Skepsis, wie »inhaltsleer« Entschuldigungen heutzutage vielfach geworden seien. Eine öffentliche Entschuldigung sei immer auch eine »Inszenierung«, sagt Knop. Öffentliche Konflikte seien nicht erwünscht. Während Manager früher davon sprachen, »Verantwortung für etwas zu übernehmen«, würden sie sich heute – stets auf der Suche nach Harmonie – für alles entschuldigen. So stumpfe der Begriff immer mehr ab, erklärt die Erfurter Theologin.

»Sorry« sagen geht auch auf dem Smartphone per WhatsApp oder im Internet per Twitter, Instagram und Facebook. Als der für seine mangelnde Disziplin bekannte Fußballspieler Pierre-Emerick Aubameyang im Januar von Borussia Dortmund zum FC Arsenal wechselte, wandte er sich auf Instagram noch einmal an seine Fans. »Habe Fehler gemacht«, schrieb er dort.

Entschuldigungen über soziale Netzwerke seien keine schlechte Idee, findet Autor und Benimm-Ratgeber Moritz Freiherr Knigge. Auf einen Shitstorm reagiere man am besten über den Kanal, der den Sturm gebracht hat. Wichtig sei, im Gespräch zu bleiben, dem anderen zuzuhören und ihn ernst zu nehmen. Das geht nach Ansicht des Knigge-Profis auch digital.
Im Netz wimmelt es von Tipps und Tricks, wie die richtige Entschuldigung gelingt. »Nicht warten«, »nicht zwischen Tür und Angel« und »keine Ausreden«, empfehlen die selbst ernannten Experten. So einfach sei es jedoch nicht, findet Knop, die sich bereits in ihrer Dissertation mit Schuld und Vergebung beschäftigt hat.

Eine Entschuldigung fiele den Menschen immer schwer, auch mit gut gemeinten Ratschlägen. Schließlich müsse sich mit einer Entschuldigung jeder eingestehen, dass er nicht so souverän und unangreifbar ist, wie er gerne wäre. Außerdem wüsste die schuldig gewordene Person nie, wie das Gegenüber auf die Entschuldigung reagiert.

Gelingen kann eine Entschuldigung nur, »wenn sich zwei nicht darin verbeißen, Recht zu haben«, erklärt der Nachfahre des bekannten Benimm-Papstes Adolph Knigge. »Dann, wenn beide ihren Teil dazu beitragen, dass von Schuld keine Rede mehr ist und eigentlich auch nie war.«

Wenn die Entschuldigung nicht nur eine Floskel ist, sondern ernst gemeint, dann hat sie gute Chancen, angenommen zu werden. Und die Harmonie ist damit auch wiederhergestellt.

Carina Dobra (epd)

www.freiherr-knigge.de

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Was ist der Mensch?

27. Juli 2018 von redaktionguh  
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Der Mensch: Marionette des göttlichen Willens oder freier Herr über Gottes Schöpfung?

Es passierte einer Kollegin: In einem Nachruf schrieb sie, die Person sei an einer schweren Krankheit gestorben. Daraufhin fragte ein erzürnter Leser, wie sie so etwas schreiben könne. Als Christ wisse sie doch, dass der Tod allein Gottes Wille war. Schließlich fiele kein Haar von unserem Kopf, ohne dass dies in Gottes ewigem Ratschluss von Anbeginn der Welt so vorgesehen sei.

Auch wenn das Thema in der Theologie derzeit kaum eine Rolle spielt: In der Volksfrömmigkeit ist die Vorstellung von der Vorherbestimmung allen Geschehens durchaus verbreitet. Prädestination ist das Fachwort dafür. Und in der Tat gibt es Bibelstellen, die diesen Gedanken nahelegen. Etwa, wenn es im Epheserbrief, Kapitel 1, heißt, Gott habe die Gläubigen erwählt, »ehe der Welt Grund gelegt war« (Vers 4) und »dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein« (Vers 5). Der Kirchenvater Augustinus (354–430) war der Erste, der den Gedanken der Vorherbestimmung ausformulierte. Luther griff ihn auf und entwickelte ihn in der Auseinandersetzung mit dem Humanisten Erasmus von Rotterdam weiter: »Denn wenn wir glauben, es sei wahr, dass Gott alles vorherweiß und vorherordnet, dann kann auch nichts geschehen, wenn er es nicht selbst will,« heißt es in seinem Werk »Vom unfreien Willen«. Einen freien Willen gebe es deshalb weder für den Menschen noch für die Engel.

Wenn Gott vorherbestimmt, wer gerettet wird, bestimmt er dann nicht auch voraus, wer verloren geht? Natürlich, sagt der Genfer Reformator Johannes Calvin: »Unter Prädestination verstehen wir Gottes ewige Anordnung, vermöge deren er bei sich beschloss, was nach seinem Willen aus jedem einzelnen Menschen werden sollte. Denn die Menschen werden nicht alle mit der gleichen Bestimmung erschaffen, sondern den einen wird das ewige Leben, den anderen die ewige Verdammnis vorher zugeordnet.« Als »Lehre von der doppelten Prädestination« ging dies in die Theologie ein.

Lebenslauf: Wenn alles vorherbestimmt ist, was ist dann mit unserem freien Willen? Ist es egal, welche Entscheidung wir im Leben für uns und andere treffen? Foto: Pixabay/Creative-Commons CC0

Lebenslauf: Wenn alles vorherbestimmt ist, was ist dann mit unserem freien Willen? Ist es egal, welche Entscheidung wir im Leben für uns und andere treffen? Foto: Pixabay/Creative-Commons CC0

Auch dafür kann man eine Reihe Bibelstellen anführen. Etwa Sprüche 16, Vers 4 in dem es heißt: »Der Herr macht alles zu seinem Zweck, auch den Frevler für den bösen Tag.« Oder etwa 2. Mose, Kapitel 10, wo Gott zu Mose sagt, er selbst habe dem Pharao und seinen Beratern das Herz »verhärtet«, so dass er das Volk Israel nicht in die Freiheit ziehen lassen werde.

Gott also der, der das Böse nicht nur zulässt, sondern es aktiv für und durch Menschen anstrebt? Pharao wie Hitler also Marionetten Gottes, ohne eigene Verantwortlichkeit für ihr Tun? Eine schreckliche Vorstellung, die Menschen schon immer zum Widerspruch herausforderte.

Und auch der Widerspruch kann sich auf Gottes Wort berufen. So schreibt Paulus im 1. Timotheusbrief, Gott wolle, »dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen«. Und wie könnte der Psalmist davon sprechen, dass der Mensch nur »wenig niedriger« gemacht sei als Gott selbst? (Psalm 8)

Die reformierten und lutherischen Kirchen formulierten deshalb 1973 in der Leuenberger Konkordie ein neues gemeinsames Verständnis der Prädestination: »Im Evangelium wird die bedingungslose Annahme des sündigen Menschen durch Gott verheißen. Wer darauf vertraut, darf des Heils gewiss sein und Gottes Erwählung preisen. Über die Erwählung kann deshalb nur im Blick auf die Berufung zum Heil in Christus gesprochen werden. Der Glaube macht zwar die Erfahrung, dass die Heilsbotschaft nicht von allen angenommen wird, er achtet jedoch das Geheimnis von Gottes Wirken. Er bezeugt zugleich den Ernst menschlicher Entscheidung wie die Realität des universalen Heilswillens Gottes. Das Christuszeugnis der Schrift verwehrt uns, einen ewigen Ratschluss Gottes zur definitiven Verwerfung gewisser Personen oder eines Volkes anzunehmen.«

Unseren »älteren Geschwistern«, den Juden, ist der Gedanke einer Prädestination übrigens völlig fremd. Dies verbietet sich für sie schon im Blick auf die Paradiesgeschichte: Adam und Eva aßen vom Baum der Erkenntnis – und Gott sagt: »Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist.«

Harald Krille

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Kirche unter Strom

20. Juli 2018 von redaktionguh  
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Ökostrom: Windräder der mitteldeutschen Landeskirche sollen Gemeinden und Diakonie mit Energie versorgen.

Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) hat ein ehrgeiziges Ziel: Sie will den Strom, den sie in ihren Gemeinden und diakonischen Einrichtungen verbraucht, selbst erzeugen und dabei das Klima schützen. Ein eigenes Stromlabel ist in Planung. Kann das ein Vorbild auch für andere Landeskirchen sein?

Thomas Wicks Finger kreist suchend über der Landkarte, dann findet er sein Ziel, zwischen dem thüringischen Sömmerda und der Grenze zu Sachsen-Anhalt. Wick, Sachbereichsleiter Landwirtschaft bei der EKM, zeigt auf das Städtchen Olbersleben: »Hier wird es stehen.« Das siebte Windrad der Landeskirche soll in diesen Tagen in Betrieb gehen.

Knapp 5,5 Millionen Euro dürfte es am Ende gekostet haben, 80 Prozent davon kommen als Kredit von einer der evangelischen Banken, der Rest von der Landeskirche. Doch nach zehn bis fünfzehn Jahren werden diese Kosten eingespielt sein. Und auch über diesen Zeitraum hinaus, nämlich zwanzig Jahre lang, garantiert das Erneuerbare Energiengesetz (EEG) feste Vergütungen, zu denen der Strom aus diesem Windrad in das Netz gespeist wird. »Das Geld aus den kirchlichen Eigenmitteln wird mit jährlichen Ausschüttungen von mindestens vier Prozent gut verzinst und wird bis zum Ende der Laufzeit vollständig zurückerstattet sein«, sagt Wick.

Windenergie: »Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes« (Apg 2,2). Blick auf den Kirchturm von St. Mauritius und die Windkraftanlage von Arnstedt (Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda). Foto: epd-bild

Windenergie: »Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes« (Apg 2,2). Blick auf den Kirchturm von St. Mauritius und die Windkraftanlage von Arnstedt (Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda). Foto: epd-bild

Doch es geht der Landeskirche nicht vorrangig um Renditen, sondern um ein klimapolitisches Ziel: Der jährliche Energieverbrauch der Kirchengemeinden und kirchlichen Verwaltungen soll durch selbst produzierten Windstrom gedeckt, also ins Netz eingespeist werden. 33 Millionen Kilowattstunden sind das im Jahr, dazu braucht man sieben Windräder.

Dieses Ziel wäre also erreicht. Denn es stehen ja bereits sechs evangelische Strommühlen im EKM-Gebiet auf kirchlichen oder gepachteten Flächen in Windparks in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Nimmt man aber die diakonischen Einrichtungen im Bereich der Landeskirche noch hinzu, wächst der Strombedarf auf 57 Millionen Kilowattstunden. Das entspricht dem jährlichen Stromverbrauch von rund 14 000 Vier-Personenhaushalten hierzulande. Um den zu decken, müssen noch weitere Räder gebaut oder erworben werden, 13 bis 16 Windkraftanlagen sollen es am Ende sein.

Die Landeskirche geht davon aus, dass dieses Ziel bis Ende 2018 erreicht ist. Insgesamt investiert der für das gesamte Projekt gegründete EKM-Stromverbund, eine Tochter der Landeskirche mit drei Mitarbeitern, etwa 55 Millionen Euro. Technisch gewartet und betrieben werden die Windräder allerdings nicht aus dem Landeskirchenamt, sondern von externen Dienstleistern in den Windparks vor Ort.

Dass die Landeskirche überhaupt in die Produktion von Strom einsteigt, ist eine Folge der Kampagne »Klimawandel – Lebenswandel«, mit der die EKM 2011 in vielen Veranstaltungen Fragen des Klimaschutzes nachging. »Auch die Landessynode hat sich mit dem Thema beschäftigt und gefragt, was wir als Kirche im größeren Stil für den Klimaschutz tun könnten«, sagt EKM-Sprecher Friedemann Kahl.
In der Synode sei dann die Idee entstanden, den selbstverbrauchten Strom durch Windräder zu produzieren. Denn die Kirche in Mitteldeutschland besitzt viele Flächen, die sie auch schon vor 2011 an Betreiber von Windparks verpachtet hatte. Rund 130 Mühlen von anderen Investoren drehen sich auf kirchlichen Feldern der EKM.

Da lag es nahe, selber als Betreiber in das Geschäft einzusteigen, auch wenn Windparks schon lange nicht mehr unumstritten sind. Während die einen vor allem ästhetische Argumente gegen die »Verspargelung der Landschaft« ins Feld führen, verweisen die anderen auf mögliche Gefahren für Mensch und Tier: Vögel sterben durch den Rotorenschlag, Menschen fühlen sich durch Schall- und Lichtemissionen sowie Verschattungen beeinträchtigt. Deshalb sei es wichtig, dass die Standorte genau geprüft werden, so Wick.

Stephan Kosch

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Unvollkommen vollkommen

13. Juli 2018 von redaktionguh  
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Heilig: Martin Luther hat die Heiligen vom Himmel auf die Erde heruntergeholt. Wie für das Neue Testament sind auch für ihn alle Christen heilig.

Es gibt deshalb nicht mehr Christen erster – eben die Heiligen – und solche zweiter Klasse. Nicht mehr die vollendeten, sondern die lebenden Heiligen stehen für ihn im Zielpunkt des Interesses.

An die Stelle der Heiligenverehrung ist im Protestantismus die Nächstenliebe getreten – mit einschneidenden Folgen für Glauben und Leben. Denn das Heiligsein jedes Christen muss sich im Alltag bewähren. Evangelischsein heißt: Den Glauben ins Leben ziehen. Diese Aufgabe kann fortan auch nicht länger an eine religiöse Elite wie eben die Heiligen delegiert werden.

Pantomime unter dem Heiligenschein. Die Installation vor dem Brandenburger Tor war einer der Heiligenscheine, die vor 15 Jahren über den Besuchern des ersten Ökumenischen Kirchentages in Berlin, unter dem Motto »Ihr sollt ein Segen sein«, schwebten. Foto: epd-bild

Pantomime unter dem Heiligenschein. Die Installation vor dem Brandenburger Tor war einer der Heiligenscheine, die vor 15 Jahren über den Besuchern des ersten Ökumenischen Kirchentages in Berlin, unter dem Motto »Ihr sollt ein Segen sein«, schwebten. Foto: epd-bild

Dabei war sich Luther bewusst, dass jeder Heilige trotzdem bis an sein Lebensende versagt und an seinem Nächsten schuldig wird. Drastisch schrieb er im Kleinen Katechismus, dass der alte Adam täglich durch Reue und Umkehr ersäuft werden muss – denn das Biest kann schwimmen. Diese Einsicht in das menschliche Herz wäre zum Verzweifeln, wenn der Reformator nicht gleichzeitig erkannt hätte, dass Gott bereit ist, dem Menschen immer wieder zu vergeben und ihm einen Neuanfang zu schenken. Christen sind also nicht besser als andere Menschen – aber sie sind besser dran, weil sie im Antlitz Jesu Christi die Liebe Gottes erblickt haben.

Mit zunehmender Säkularisierung ist das Angebot des Evangeliums, dass Gott bereit ist, Menschen Schuld und Versagen zu vergeben, entweder für unzeitgemäß erklärt worden oder schlicht mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Nach Überzeugung des Philosophen Odo Marquard hat das den neuzeitlichen Menschen – und das gilt meiner Beobachtung nach längst für Nichtchristen und Christen gleichermaßen – in eine prekäre Lage gebracht.

Er muss mit seiner Schuld und Schuldverflochtenheit selber fertig werden und findet sich als Konsequenz in einer »Übertribunalisierung« seiner Lebenswirklichkeit vor. Weil er die Entlastung durch die göttliche Vergebung nicht mehr kennt, ist er selbstverantwortlich für alles, was im persönlichen und gesellschaftlichen Leben misslingt.

In der Konsequenz kommt es zu einer Tyrannei des gelingenden Lebens mit einer häufig zu beobachtenden Überanstrengung des Subjekts, geprägt von Leistungszwang von außen und dem Drang zur Selbstoptimierung von innen. Unsere Gesellschaft produziert das Gefühl, nie am Ende sein zu dürfen.

Angesichts dieser Situation lohnt es sich, den christlichen Glauben neu ins Spiel zu bringen. Er hat das Potenzial, Menschen zur Selbstvergewisserung durch Selbstbegrenzung und Selbstverendlichung zu verhelfen: »Du darfst am Ende sein! Du musst dir deine Lebensberechtigung nicht selbst verdienen. Gott sieht dich in Jesus Christus ohne Vorleistungen gnädig an.« Dass mir meine Lebensberechtigung von außen, als Geschenk, zugesprochen wird, ist nicht Ausdruck einer entmündigenden, kleinmachenden Erfahrung, sondern einer heilsam rettenden Erfahrung. Ich muss nicht mehr sein als ein vor Gott und Menschen heilsam begrenzter Mensch. In einem Brief hielt Martin Luther fest: »Wir sollen Mensch und nicht Gott sein. Das ist die Summa.«

Genau an dieser Stelle könnte die Wiedergewinnung einer evangelischen Heiligenverehrung hilfreich sein. Die lutherische Reformation hat diese ja nicht an sich abgelehnt. Sie wollte sie nur nach reformatorischen Grundsätzen umgestalten. Nach Artikel 21 des Bekenntnisses von Augsburg ist der Christ ein besonders zu ehrender Heiliger, wenn dessen Vorbild hilft, das eigene Vertrauen auf die Rechtfertigung allein aus Gnaden zu stärken und zur Nachfolge Jesu Christi im Beruf entsprechend der eigenen Begabung zu ermuntern.

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig.

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Gott im Spiel

6. Juli 2018 von redaktionguh  
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Der heilige Fanblock: 13 christliche Fanclubs gibt es in der Bundesliga. Sie stehen für fairen und friedlichen Umgang miteinander, Menschlichkeit und Versöhnung.

Die Fan-Gemeinde, der Fußball-Gott und der Heilige Rasen. Es waren nicht nur die sprachlichen Gemeinsamkeiten, die ein Team um die Magdeburger Vikarin Malu Dieter im Frühjahr dazu bewogen haben, einen ökumenischen Fußballgottesdienst auf dem Sportplatz des VfB Ottersleben zu feiern. Es gibt noch viel mehr Parallelen zwischen dem Glauben, der Religion und dem Ballsport.

In der Magdeburger MDCC-Arena erklingt vor Heimspielen des 1. FC Magdeburg neuerdings das Original-Geläut des Magdeburger Domes. Der Zug der blau-weiß gekleideten FCM-Anhänger zum Stadion gleicht einer Wallfahrt, das Vorlesen der Mannschaftsaufstellung einem Wechselgesang, und die Liturgie während des Spiels obliegt dem Capo. Der Vorsänger auf dem Podest vor dem Fanblock sorgt mit der Auswahl und dem Anstimmen der Fangesänge nach mehr oder weniger festgelegten Ritualen für die einzigartige Stimmung im Magdeburger Stadion. »Man versammelt sich für etwas, an dem das Herz hängt«, sagt Vikarin Dieter aus dem Magdeburger Kirchspiel Altstadt-Martin. »Ob im Stadion oder in der Kirche, Menschen erleben Gemeinschaft.«

Das Motto des ökumenischen Magdeburger Fußballgottesdienstes lautete »Unser Glaube kennt keine Liga.« Ganz unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Spielklasse oder einer Konfession ist auch die Unterstützung des Leipziger Fußball-Fanclubs »Holy Bulls« für Bundesligist RB Leipzig. »Holy Bulls« – Heilige Bullen – in Anlehnung an das Vereinsemblem, in dem zwei rote Stiere einen Fußball auf ihre Hörner nehmen. Dass die Bullen auch als Logo eines Energy-Drinks dienen, dürfte auch Nicht-Fußball-Fans bekannt sein und soll natürlich nicht verschwiegen werden.

Fankurve: Die Holy Bulls (Heilige Bullen, nach dem Maskottchen von RB Leipzig) haben sich die lateinischen Begriffe Gloria (Ehre), Fidelitas (Treue) und  Gratia (Freundschaft) auf  die Fahnen geschrieben.  In der Red Bull Arena im B-Block stehen sie für die Ehre Gottes, die Treue zum Verein und die Freundschaft untereinander.  Foto: www.holybulls.de

Fankurve: Die Holy Bulls (Heilige Bullen, nach dem Maskottchen von RB Leipzig) haben sich die lateinischen Begriffe Gloria (Ehre), Fidelitas (Treue) und Gratia (Freundschaft) auf die Fahnen geschrieben. In der Red Bull Arena im B-Block stehen sie für die Ehre Gottes, die Treue zum Verein und die Freundschaft untereinander. Foto: www.holybulls.de

Ein christlicher Fußball-Fanclub ausgerechnet in einer der entchristlichsten Regionen des Landes? Olaf Olschewski hat den Fanclub 2012 mitbegründet und gehört bis heute dem Vorstand an. »Kulturell spielen wir in Leipzig mit dem Gewandhaus oder den Thomanern Champions League, nur im Fußball hatte es bisher nicht funktioniert«, erzählt der Musikalienhändler. »Mit dem Erscheinen von RB auf der Bildfläche war uns relativ schnell klar: Das ist etwas Seriöses mit Potenzial.« Der Bibelvers »Suchet der Stadt Bestes« sei deshalb wie eine Art Auftrag zur Gründung der »Holy Bulls« gewesen.

Die rund 240 Mitglieder des Fanclubs sind keineswegs alle getauft. Das Verbindende sind aber christliche Werte. Auch Olaf Olschewski sieht die emotionalen Parallelen zwischen Glauben und Sport. Der christliche Ansatz sei wichtig und sichtbar, »aber wir tragen den Glauben nicht wie eine Monstranz vor uns her«. Trotzdem hängt die Zaunfahne mit dem Templerkreuz direkt hinter dem Tor im Block 28, wo die größte Fraktion des Fanclubs steht.

Die »Holy Bulls« sind einerseits Familien-Fanclub für Mitglieder jeglichen Alters vom Kleinkind bis zum Greis. Andererseits ist der Fanclub aber tief verwurzelt in der Fanarbeit. »Wir gehören zur Gründungs-DNA der organisierten Fanszene«, sagt Olschewski nicht ohne Stolz. »Wir haben den Aufbau von Strukturen begleitet und mitgetragen. Sowohl nach innen dem Verein gegenüber als auch nach außen gegenüber den Fans anderer Vereine.«

Innerhalb des Vereins genießen die christlichen Fans hohes Ansehen und Vertrauen. Deutliches Zeichen dafür: Die Stadionkapelle Gloria, die es seit Anfang des Jahres im Nordbereich der Red Bull Arena gibt. Ausgerechnet auch noch direkt neben dem Gästefanblock. Ein ehemaliger Funktionsraum, den zwar die Fanclub-Mitglieder in Eigenarbeit renoviert haben und auch betreiben, der aber nicht nur Anlaufstelle für Fanclub-Mitglieder ist. Anders als in den Stadien von Schalke 04, bei Hertha BSC Berlin oder Eintracht Frankfurt gibt es in Leipzig keinen Stadionpastor.

Die Einweihnung der Stadionkapelle Gloria ist zum Saison-Start am 10. August um 16 Uhr geplant. Mit dem großen städtischen Posaunenchor, so Olschewski. Er glaubt, dass großes Interesse und Neugierde innerhalb der Stadt bestehen. »Das muss man sich mal vorstellen. Ausgerechnet im ehemaligen Zentralstadion gibt es jetzt eine christliche Kapelle!«

Thorsten Keßler

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Kirche am Strand

29. Juni 2018 von redaktionguh  
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Die Küstenorte in Mecklenburg-Vorpommern sind im Sommer von Touristen bevölkert, viele bringen Gesprächsbedarf mit. Für die Pastoren vor Ort eine Herausforderung.

Mit Urlaubern hatte er als Pastor in Kühlungsborn schon immer zu tun, sagt Matthias Borchert. Klar, pro Jahr werden in diesem Küstenort 2,5 Millionen Gästeübernachtungen gezählt. Aber etwas ist seit dem Sommer vor zwei Jahren anders: »Ich kann mir jetzt ganz bewusst Zeit nehmen für Gespräche mit ihnen.«

Denn seit August 2016 hat Matthias Borchert neben einer halben Stelle als Gemeindepastor noch eine halbe als Seelsorger für Touristen. Einer von zwei Urlauberseelsorgern im Mecklenburgischen Kirchenkreis ist er damit – während es im Pommerschen Kirchenkreis solche Stellen bisher gar nicht gibt.

»Dass wir als Kirche so aufgestellt sind, finde ich ganz wichtig«, sagt Borchert. Denn viele Menschen hätten im Urlaub die Ruhe und das Bedürfnis, über sich und ihr Leben nachzudenken. »Da gibt es wirklich Bedarf.«

Bei seinen angebotenen Radtouren merkt der Pastor das etwa. Oder auf Campingplätzen mit dem Team »Kirche unterwegs«. Oder auch bei den »Gute-Nacht-Geschichten«, zu denen Borchert im letzten Sommer zum »Kirchen-Strandkorb« am Strandzugang 4 einlud.

Traumsand: Der Sandmann am Strand von Kühlungsborn ist weiblich. Aryan-Sophy Rehländer und Johanna Winkler haben einen Geschichten-Koffer dabei. Mit bunten kirchlichen Angeboten für die ganze Familie stellen sich Kirchengemeinden auf die Urlauber an der Ostsee ein. Foto: Matthias Borchert

Traumsand: Der Sandmann am Strand von Kühlungsborn ist weiblich. Aryan-Sophy Rehländer und Johanna Winkler haben einen Geschichten-Koffer dabei. Mit bunten kirchlichen Angeboten für die ganze Familie stellen sich Kirchengemeinden auf die Urlauber an der Ostsee ein. Foto: Matthias Borchert

Bis zu 30 Kinder sitzen dann da, erzählt er. »Und oft komme ich am Rande mit den Eltern ins Gespräch.« Darunter mit Christen aus den alten Bundesländern, die zu Hause beunruhigt zusähen, wie die Bedeutung der Kirche schwinde. »Die wollen oft mit mir darüber reden: Wie erzählt man anderen von seinem Glauben?« Auch ganz individuelle Sorgen kämen zur Sprache. Nur eins findet Borchert schade: dass die eigene Gemeinde seine Urlauber-Angebote kaum nutzt. »Ich hoffe, das sich das bald mehr mischt.« In diesem Jahr lädt der Pfarrer immer mittwochs um 9 Uhr zu einer »Atempause am Bootshafen«.

In der Propstei Neustrelitz arbeitet Pastorin Melanie Ludwig ebenfalls als Urlauberseelsorgerin – vor allem mit Wanderern, die auf dem Pilgerweg zwischen Friedland und Mirow unterwegs sind. »Viele wollen organisatorische Tipps«, erzählt sie. »Manchmal wird daraus ein Seelsorgegespräch.« Hin und wieder fragten Gemeindegruppen, ob sie für einen Tag mitwandern und ihnen ein Thema mit auf den Weg geben könne – was sie gern tue.

Wie Borchert macht Melanie Ludwig die Erfahrung: »Im Urlaub fragen Menschen eher nach Seelsorge als zu Hause.« Nicht nur wegen der Ruhe, auch wegen der Anonymität. »Mir laufen diese Menschen im Alltag nicht mehr über den Weg, das ermöglicht eine größere Offenheit.«

In Heringsdorf auf Usedom kann das Gemeindepastorenpaar Beate Kempf-Beyrich und Tilman Beyrich von einer Extrastelle für Urlauberseelsorge nur träumen. Fünfmal so viele Menschen wie sonst bewegen sich im Sommer durch die Kaiserbäder, sagen sie. »Dann ist die Insel vollgestopft.« Gezielte Angebote für die Urlauber zu machen, sei aber nicht in dem Umfang möglich, wie es wünschenswert wäre.

»Ich hätte viele Ideen, was ich gern machen würde«, sagt Beate Kempf-Beyrich: Andachten, Bibelgespräche und Kinderangebote am Strand etwa. Aber die Gemeinde lädt schon zur traditionellen Sommerreihe mit 60 Konzerten in Heringsdorf, Bansin und Ahlbeck ein, organisiert und geistlich begleitet vom Pastorenpaar. Wein, Saft und Gespräche gibt es an jedem dieser Abende. »Das wird von den Urlaubern sehr gut angenommen«, sagt Beate Kempf-Beyrich. Ebenso wie der normale Sonntagsgottesdienst und die extra Taizé-Andachten, die bis zu 80 Besucher anlockten.

»Unsere Gemeinde schätzt die Urlauber auch, weil sie belebend wirken«, sagt sie. Doch für einen anderen Bereich fehle wirklich eine Extra-Stelle: »Es gibt sieben Kurkliniken auf der Insel, und ich fände es hyperwichtig, dass wir dort Seelsorge anbieten«, sagt sie. »Das fällt bisher hinten runter.«

Sybille Marx


www.kirche-kuehlungsborn.de/urlauberseelsorge


www.pilgerweg-mecklenburgische-seenplatte.de

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Die Kirche der Zukunft

22. Juni 2018 von redaktionguh  
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Patentrezept gesucht: Sinkende Mitgliederzahlen, immer größere Pfarrbereiche und knapper werdende personelle Ressourcen. Haupt- und Ehrenamtliche stehen vor der Herausforderung, diese Veränderungen zu managen.

Die Kirchenkreise entwickeln sich längst nicht mehr parallel«, sagt Claudia Neumann vom Gemeindedienst in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Sie begleitet und berät Kirchenkreise bei Veränderungsprozessen. Einen Überblick über die einzelnen Aktivitäten oder Ergebnisse kann sie nicht geben. Die Veränderung werde individuell gesteuert. Seit einigen Jahren geschieht das in sogenannten Zukunftswerkstätten.

Foto: Schlierner – stock.adobe.com

Foto: Schlierner – stock.adobe.com

»Mit der Stellenplanung 2016 ist uns klar geworden, dass wir umdenken müssen«, erklärt Andreas Schwarze, Superintendent im Kirchenkreis Südharz, wo derzeit die ersten Zukunftswerkstätten laufen. »Unser Ziel ist es, die regionale Zusammenarbeit zu stärken«, so Schwarze. »Im Südharz gibt es Pfarrbereiche mit bis zu zwölf Gemeinden. Es kann nicht jeder alles leisten. Wir wollen Synergieeffekte finden.« Alte Traditionen, wie die Kirmes, will man neu beleben, die Jugend stärker einbinden. »Es wird darauf hinauslaufen, dass es mehr wechselnde Angebote gibt, die örtlich und zeitlich begrenzt sind. Dabei müssen wir unterscheiden lernen, wo sind wir Event, wo nicht. Und: Wie können wir als Kirche erkennbar bleiben«, so Schwarze.

Wichtiger noch als neue Formate, meint der Jenaer Superintendent Sebastian Neuß, sei eine generelle Änderung der Haltung: »Man muss sich von der Idee lösen, das Rad neu erfinden zu wollen.« Der Kirchenkreis Jena befindet sich seit 2002 in einem Umstrukturierungsprozess, bei dem 65 Kirchengemeinden in sieben Regionen aufgeteilt wurden. Im Herbst 2017 startete die erste Zukunftswerkstatt. Man versuche die Weichen zu stellen, so Neuß, für die Entwicklung »einer Kultur, in der persönliche Begegnung zu einer Bindung führt und so Gemeinde entstehen lässt.«

Das klingt gut, zeigt aber auch, dass es auf die Frage »Wie weiter?« keine einfachen Antworten gibt. Im Gegenteil, die Frage zieht weitere nach sich: Wofür setzt man die Ressource ein? Wie soll sich die Aufgabenteilung von Haupt- und Ehrenamtlichen gestalten? Und worauf kommt es wirklich an?

Die Heterogenität der Großregionen ist nur eine Herausforderung. »Als Kirche sollten wir den ländlichen Raum nicht noch weiter abkoppeln«, betont Claudia Neumann. Gerade hier gebe es vielfältige Gestaltungsräume. »Die Menschen auf dem Land sind öfter bereit, sich zusammenzutun. Wenn sie nicht aktiv würden, wäre manches nicht möglich.«

Das weiß man auch in Bad Salzungen-Dermbach. Mit 61 Kirchengemeinden ist der Kirchenkreis einer der größten in der EKM. Im August 2017 und im April 2018 fanden dort Zukunftswerkstätten statt. Eines der zentralen Ergebnisse: Die Verkündungsarbeit muss Vorrang haben. »Wir wollen einen speziellen Fonds schaffen, der gezielt Projekte in diesem Bereich fördert«, sagt Superintendent Ulrich Lieberknecht.

Aber wie funktioniert Verkündigung dort, wo Stellen gestrichen, Vakanzen überbrückt werden müssen? »Verkündigung braucht Beziehung. Dabei ist es nicht entscheidend, wer diese Beziehungsarbeit macht«, meint Claudia Neumann. Wohl seien Pfarrer wichtige Identifikationspersonen. Vieles aber hänge nicht an Personen, sondern an persönlichen Gaben, die es einzubeziehen gelte. Auch dafür bieten die Zukunftswerkstätten eine Möglichkeit.

»Man muss die Dynamik solcher Treffen nutzen«, weiß Superintendent Matthias Heinrich. Im Kirchenkreis Salzwedel trafen sich ab Herbst 2014 Haupt- und Ehrenamtliche zur Zukunftskonferenz. Sieben Arbeitsgruppen entstanden aus den drei Treffen, die sich über ein Jahr hinzogen – das würde er beim nächsten Mal anders machen, sagt der Superintendent. Die Arbeitsgruppen beschäftigten sich mit Strukturen oder dem geistlichen Leben.

Außerdem begleitete die Zukunftskonferenz die Stellenplanung. »Das hat uns gutgetan. Keiner entwickelte ein depressives Bild von der Kirche der Zukunft.« Hier hat die Konferenz das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt. Vielleicht eines der wichtigsten Ergebnisse dieser Veranstaltungen.

Beatrix Heinrichs

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Was die Jugend will

15. Juni 2018 von redaktionguh  
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Nachwuchs: Um junge Menschen an Kirche zu gewöhnen und bestenfalls zu binden, spielt die Konfirmandenzeit eine wichtige Rolle. Das be­stätigt jetzt eine Studie, die die EKD in Auftrag gegeben hatte.

Da muss Felix Kalbe erst mal überlegen. »Etwa 20 kirchliche Gremien werden es sein«, schätzt der 22-jährige Theologiestudent aus Gotha, in denen er derzeit ehrenamtlich mitarbeitet.

Kalbe ist neben seiner Studienkollegin Julia Braband (25) eine Ausnahme. Das habe sich eben ergeben, meint er. Begonnen hat alles in der Kirchengemeinde mit dem Kindergottesdienst und später natürlich im Konfirman­denunterricht. Anschließend hat er sich in der Jungen Gemeinde (JG) engagiert und sehr bald gemerkt: wenn man etwas erreichen will, dann geht das nicht ohne Gremienarbeit.

Kannste glauben: Der Bund Evangelischer Jugend in Mitteldeutschland lädt vom 22. bis 24. Juni zum zweiten Mal Jugendliche ab 14 Jahren zum Evangelischen Jugendfestival nach Volkenroda ein (mehr darüber lesen Sie auf Seite 5). – www.evangelischesjugendfestival.de – Foto: Matthias Sengewald

Kannste glauben: Der Bund Evangelischer Jugend in Mitteldeutschland lädt vom 22. bis 24. Juni zum zweiten Mal Jugendliche ab 14 Jahren zum Evangelischen Jugendfestival nach Volkenroda ein (mehr darüber lesen Sie auf Seite 5). – www.evangelischesjugendfestival.de – Foto: Matthias Sengewald

Gemeindekirchenrat, Kreissynode, Landesjugendkonvent und Jugendvertretung in der Landessynode. Als Vertreter der Landessynode ist er in den Landeskirchenrat entsandt, das 22-köpfigen Leitungsgremium der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Dort werden konzeptionelle Entscheidungen getroffen, Verordnungen erlassen und für die Umsetzung der Beschlüsse des Kirchenparlaments gesorgt. Eine große Verantwortung, die Kalbe hier mitträgt. Und wenn man mit ihm spricht, spürt man, dass er mehr weiß, als er sagen kann.

Er will nicht nur jugendliches Feigenblatt sein, sondern mitwirken und gestalten, als Lobbyist für die Jugend in der Kirchenleitung. So, wie Julia Braband im Präsidium der Landessynode. Vor zwei Jahren haben beide an einem Schreiben mitgewirkt, das an die Kreissynoden und die Kirchenleitung ging. Darin haben Mitglieder des Landesjugendkonvents eine lange Liste an Forderungen und Wünschen zu Papier gebracht. Vor allem ging es um die Unterstützung der Jungen Gemeinden vor Ort. Aber auch darum, dass die ehrenamtlich tätigen, jungen Menschen in den Kirchengemeinden und -gremien ernst genommen werden. »Ich hoffe, dass Gemeinden mehr mit ihren Jugendlichen ins Gespräch kommen und sie nicht nur zum Gemeindefest an den Bratwurstrost stellen«, sagte Braband damals im Gespräch mit der Kirchenzeitung.

Auf den Brief gab es wenig Resonanz. Damit haben die jungen Erwachsenen fast gerechnet. Trotzdem wollen sie nicht lockerlassen. Es sei an der Zeit, dass nicht über die Jugend, sondern mit ihr geredet werde. Julia Braband hofft, dass der Arbeitstitel der nächsten Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) »Der Glaube junger Menschen, U 27« in Würzburg mehr Verständnis in den Kirchenleitungen weckt.

Die große Organisation Kirche sei für die meisten Jugendlichen unattraktiv, sehen sich die beiden in ihrer Einschätzung durch die neue EKD-Studie zu Konfirmation und ehrenamtlichem Engagement bestätigt. Dabei sei es ja gar nicht so, dass junge Menschen kein Interesse am Glauben und an christlichen Werten hätten. Fast die Hälfte der Konfirmanden gaben bei der Umfrage an, mehr über Gott und den Glauben erfahren zu wollen, um eine persönliche Entscheidung treffen zu können. Julia Braband und Felix Kalbe wünschen sich gerade deshalb eine verständlichere Sprache in der Kirche und klare Antworten auf Glaubensfragen. Sie wissen als angehende Theologen natürlich sehr gut, dass es nicht einfach ist, so vom Glauben zu sprechen, dass Jugendliche etwas damit anfangen können.

Ein grundlegendes Ergebnis der Studie besagt, dass sich die Zufriedenheit mit der Konfirmandenzeit später mitunter in einer deutlich höheren Bindung an die Kirche niederschlage. Das können Braband und Kalbe bestätigen. Gerade deshalb sei es wichtig, meinen sie, dass es zwischen der Konfirmation und der Familiengründung Angebote für Jugendliche und junge Erwachsene gebe.

Für das Frühjahr 2020 ist in Erfurt eine Landessynode gemeinsam mit jungen Gemeindegliedern geplant. Die Jugendvertreter in der Kirchenleitung versprechen sich von der »Jugendsynode« einen Aufbruch und dass sie mit ihren Anliegen Gehör finden sowie Öffentlichkeit bekommen. Denn sie wollen mehr sein als nur ein Thema.

Willi Wild

www.bejm-online.de

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Arbeiter, Industrie und Kirche

8. Juni 2018 von redaktionguh  
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Industrielle Revolution: Wer denkt dabei nicht zuerst an die großen Zentren im Ruhrgebiet oder an das sächsische Chemnitz? Doch der Blick täuscht.

Das vom Freistaat Thüringen in diesem Jahr ausgerufene Themenjahr lautet: »Industrialisierung und soziale Bewegungen in Thüringen«. Es will deutlich machen, dass auch Thüringen und Mitteldeutschland ein Zentrum der industriellen Revolution war. Ob die Glas- und Porzellanindustrie im Thüringer Wald, die Textilindustrie in Ostthüringen, die Waffenschmiede Suhl oder die feinmechanisch-optischen Betriebe in Jena: Die Ablösung der handwerklich-manufakturmäßigen Produktion brachte so manche Brüche und Verwerfungen mit sich. Ausdruck dafür sind die sozialen Auseinandersetzungen dieser Zeit und die Geschichte der Arbeiterbewegung.

Auch hier stehen Thüringen und Mitteldeutschland im Zentrum der Entwicklung. War es doch in Luthers »lieber Stadt« Eisenach, wo 1869 von August Bebel und Wilhelm Liebknecht die erste Sozialdemokratische Arbeiterpartei gegründet wurde. 1875 schloss sich diese in Gotha mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands zusammen, dem direkten Vorläufer der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der SPD.

Symbol der Industrialisierung: Die Dampfmaschine (Modell aus dem Stadtmuseum Gera) veränderte die Arbeitswelt, wie einst die Druckerpressen und heute die Digitalisierung. Die Kirche hatte damals den Anschluss an die Arbeiterbewegung verpasst. Das soll bei der Digitalisierung nicht passieren. – Foto: MVT

Symbol der Industrialisierung: Die Dampfmaschine (Modell aus dem Stadtmuseum Gera) veränderte die Arbeitswelt, wie einst die Druckerpressen und heute die Digitalisierung. Die Kirche hatte damals den Anschluss an die Arbeiterbewegung verpasst. Das soll bei der Digitalisierung nicht passieren. – Foto: MVT

Und wiederum in Mitteldeutschland, dem damals zu Preußen gehörendem Erfurt, beschloss die gestärkt aus den Auseinandersetzungen um Bismarcks Sozialistengesetze hervorgegangene SPD ihr neues Grundsatzprogramm. Ein Jahr später tagte in der thüringischen Kleinstadt Pößneck der erste Kongress der deutschen Textilarbeiter und -arbeiterinnen. Man kann Mitteldeutschland mit Fug und Recht als das Kernland der Arbeiterbewegung bezeichnen.

Zu den großen Brüchen jener Zeit gehört denn auch die Entfremdung der Arbeiterschaft von den Kirchen. Das hatte mit Entwicklungen auf beiden Seiten zu tun. Zum einen: »Die frühe Arbeiterbewegung und die junge SPD erfuhren ihre denkerischen, philosophischen Prägungen ganz wesentlich durch die Religionskritik der materialistischen französischen Aufklärungsphilosophien, durch Feuerbach und Marx, durch den Zeitgeist des 19. Jahrhunderts, der geprägt war durch Darwinismus und den Positivismus und Optimismus der Wissenschaften«, so der SPD-Politiker Wolfgang Thierse bei einer ökumenischen Akademietagung. Und auf der anderen Seite machte, so Thierse weiter, »die Emanzipationsbewegung der Arbeiterschaft (…) die einfache und brutale Erfahrung, dass sich zu ihrer Abwehr die politischen Gegner mit Kirche und Religion wappneten, um die bestehenden Herrschaftsverhältnisse zu verteidigen, die die Arbeiterbewegung zu überwinden trachtete.

Die unselige Verbindung von Thron und Altar verhinderte – von wenigen Ausnahmen abgesehen – die Wahrnehmung der sozialen Nöte des Industrieproletariats. Der Hallenser Kirchenhistoriker Axel Noack spricht auch von einer »Versagensgeschichte der Kirche« (siehe Seite 3). Kaum bekannt dürfte sein, dass die Jugendweihe als Gegenstück zur kirchlichen Konfirmation in Nordhausen von dem evangelischen Theologen Eduard Baltzer 1852 erstmals in Szene gesetzt wurde. Nachdem Baltzer wegen seiner Ablehnung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses aus dem Pfarrdienst vertrieben wurde, gründete er 1847 die »Freie Protestantische Gemeinde Nordhausen«. Sie wurde zu einem Zentrum der »freireligiösen Bewegung« und letztlich der atheistischen Freidenker, die 1881 wiederum im thüringischen Gotha das erste Krematorium Deutschlands als Symbol gegen den Auferstehungsglauben bauen ließen.

Bleibt am Schluss noch der Hinweis: Wer mehr über die Thüringer Industriegeschichte wissen will, sollte nach Pößneck fahren. Vom 6. Juni bis 9. September ist in der dortigen Shedhalle die Ausstellung »Erlebnis Industriekultur – Innovatives Thüringen seit 1800« zu sehen.

Harald Krille

www.industriekultur-thueringen.de

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