Spielball der Mächtigen

19. Januar 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Das Jahr 1988 ist für Stephan Krawczyk ein denkwürdiges Jahr. Im Januar wurde der Liedermacher verhaftet, im Febuar in die Bundesrepublik abgeschoben.

Heute, mit der zeitlichen Distanz von 30 Jahren, ordnet er das Unrecht und Leid, das ihm in der DDR widerfahren ist, als eine Bereicherung ein. Es seien Erlebnisse, Erfahrungen, sagt er, über die er immer wieder aufgefordert werde zu berichten. Der Liedermacher Stephan Krawczyk, 1955 in Weida (Kirchenkreis Gera) geboren, war in der DDR ein erfolgreicher, beliebter Künstler. Nachdem er 1981 den Hauptpreis beim DDR-Chansonwettbewerb gewonnen hatte, stieg er in eine Künstlerriege auf, die viele Vorteile genoss. Der Künstler nutzte seine privilegierte Position, um auf die Probleme in der DDR aufmerksam zu machen.

Wegen seiner kritischen Texte wurde ihm die Zulassung als Berufsmusiker entzogen. Seine Heimat, die DDR, wo er sein Publikum hatte, wollte er jedoch nicht verlassen. Auftreten konnte der Künstler nur noch in Kirchen. Mit seinen Liedern wurde er Ende der 1980er-Jahre zu einer prominenten Persönlichkeit der DDR-Opposition.

1988 ist für ihn ein denkwürdiges Jahr. Am 17. Januar wurde er verhaftet, am 2. Februar in die Bundesrepublik abgeschoben.

»Vom DDR-Knast auf die Titelseite des Spiegels«, kommentiert er seine unfreiwillige Ankunft in der Bundesrepublik. Es sei für ihn persönlich und künstlerisch nicht leicht gewesen, sich zurechtzufinden. Gestört habe ihn, dass dem Geld eine so große Bedeutung beigemessen wurde, während in der DDR die Frage nach einem sinnerfüllten Leben wichtiger gewesen sei.

Protestveranstaltung in der Ost-Berliner Zionskirche im November 1987. Im Anschluss daran gibt Stephan Krawczyk ein Konzert. Foto: epd-bild

Protestveranstaltung in der Ost-Berliner Zionskirche im November 1987. Im Anschluss daran gibt Stephan Krawczyk ein Konzert. Foto: epd-bild

Die Rolle der Kirche in der DDR sieht der Künstler heute kritisch. Als Symbolfigur des Widerstands gegen die Diktatur sei er damals als Spielball benutzt worden. »Es muss geklärt werden, was damals gewesen ist, welche Absprachen es zwischen Staat und Kirche gegeben hat.« Denn solange die Geschehnisse aus der Vergangenheit »nicht aufgeklärt werden«, kämen sie aller fünf oder zehn Jahre, jedes Mal, wenn ein Jubiläum ansteht, wieder hoch. Er ist mit der Aufarbeitung der kirchlichen Vergangenheit sehr unzufrieden.

Das Verhältnis der Kirche zum Staat in der DDR sei bis heute nicht geklärt worden. Es habe Ungereimtheiten gegeben, die aus seiner Sicht nach der Wende zu schnell bereinigt worden seien. Wie er sagt, gibt es noch vieles, über das bislang nicht gesprochen wurde. »Das ist eine Botschaft an die Oberen.« Krawczyk war froh und dankbar, dass er trotz seines Berufsverbots in Kirchen auftreten durfte und hier ein Forum und dankbares Publikum fand. »Kirche ist für mich ein Ort, an dem über die wesentlichen Dinge im Leben der Menschen gesprochen werden sollte. »Aber es wird heute immer so dargestellt, als hätten uns alle mit offenen Armen empfangen.« Es seien nur wenige gewesen, die ihm die Kirchentüren öffneten. »Die Kirche wird so hingestellt, als hätte sie auf der Seite der Revolution gestanden. Davon war bei vielen nichts zu spüren, die waren angepasst wie alle anderen.«

Krawczyk hat es geschafft, sich nach der Wende als Liedermacher und Schriftsteller zu etablieren. Von ihm sind etliche Bücher und CDs auf dem Markt. Nach wie vor begleitet er die gesellschaftliche Situation kritisch und ärgert sich über manche Entwicklungen wie zum Beispiel die Digitalisierung, die sich negativ auf die Sprache auswirke.

Im März erscheint von ihm eine neue CD. Einen Gedichtband hat er soeben abgeschlossen, für den er noch einen Verlag sucht. Außerdem liegen einige Manuskripte in der Schublade und warten auf ihre Veröffentlichung.

Sabine Kuschel

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Friedensgebete – wir brauchen sie

12. Januar 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Jeden Donnerstag kommen im Magdeburger Dom Menschen zum Friedensgebet zusammen, seit 35 Jahren. Manchmal ist es nur eine Handvoll.

Aber wenn die Welt in Flammen steht, sind es auf einmal Hunderte, Tausende. So war es zur Zeit der Friedensbewegung »Schwerter zu Pflugscharen«, so war es in der friedlichen Revolution des Herbstes 1989, so während der Golf- und Balkankriege, so war es auch am 11. September 2001. Die wenigen Beter zwischen den Schreckensereignissen sind gleichsam die Platzhalter für das Gebet, für einen Ort, der da sein muss, wenn Menschen plötzlich das Gebet suchen.

Die Magdeburger wissen das. Sie wissen, dass das Kerzenkreuz vor dem berühmten Mahnmal des Krieges von Ernst Barlach im Dom auch sonst ihre Gebetsstelle werden kann: Großeltern kommen mit ihren Enkelkindern, um eine Kerze für den Frieden zu entzünden; Liebende stellen für ihre Zukunft ein Herz aus Kerzen; Trauernde entzünden ein Licht für ihre Verstorbenen.

Friedensgebete sind kein Gebet im stillen Kämmerlein. Sie sind öffentliche Zeitansage, Herausforderung gegen Diktaturen und Gewaltvertreter, Protest gegen eine zu angepasste Kirche. Als solche waren die Friedensgebete im Dom vor der Wende die bestbespitzelte Veranstaltung durch die Staatssicherheit. Aber zuallererst waren sie Zufluchtsort der Menschen, denen Mitwirkung und Veränderungen der Verhältnisse versagt blieben. Ausgegrenzte und Entrechtete kamen zum Friedensgebet, jugendliche Punker und Kriegsgegner, Ökologie- und Menschenrechtsgruppen, Oppositionelle und Ausreiseantragsteller. Unter dem Druck der Verhältnisse und persönlichen Schicksale haben sie oft gesagt: »Das Friedensgebet ist ein Ort, an dem wir durchatmen können, singen, im Gebet alles sagen. Das ist eine Befreiung.«

Die Hände, die zum Beten ruhn, die macht er stark zur Tat. Und was der Beter Hände tun, geschieht nach seinem Rat, dichtete Jochen Klepper (1903–1942). Foto: pingpao – fotolia.com

Die Hände, die zum Beten ruhn, die macht er stark zur Tat. Und was der Beter Hände tun, geschieht nach seinem Rat, dichtete Jochen Klepper (1903–1942). Foto: pingpao – fotolia.com

Im Herbst 1989 sind die Friedensgebete in die Montagsgebete um gesellschaftliche Erneuerung übergegangen. Bis zu 8 000 Menschen waren im Dom, die meisten keine Christen: Und doch gingen sie nicht nur zur politischen Diskussion an die offenen Mikrofone, sondern auch im Gebetsteil. Sie stammelten und stotterten ihre Wünsche und Bitten in der Hoffnung, irgendeiner möge sie hören – weltliches Gebet sozusagen. Niemals waren geistliches und politisches Empfinden so nah zusammen wie in solchen Augenblicken. Über die drohende Staatsmacht, die in den Betern nur »Staatsfeinde« sah und in weit größerer Zahl den Dom umstand, schrieb der damalige Altbischof Werner Krusche: »Der Gebetsteil war von einer starken inneren Sammlung und Konzentration bestimmt. Wer diese gesammelte Stille, diese Intensität des Gebetes miterlebt hat, weiß, dass hier nicht gewissenlose Elemente zusammenwaren. Niemand kann diese Menschen mehr kriminalisieren, ohne sich selbst ins Unrecht zu setzen.«

Als der Golfkrieg auszubrechen drohte, hielten Jugendliche im bitterkalten Winter Tag und Nacht Mahnwachen auf der Hauptstraße vor dem Dom ab. Abends kamen sie zum Friedensgebet in den Dom, auch von ihnen waren die meisten keine Christen. Als der Krieg medial inszeniert vor aller Augen doch ausbrach, fragten die Jugendlichen: »Und was hat unser Gebet nun genützt?«

Verändert das Gebet die Welt? Nein! Es verändert uns. Nur wir können die Welt verändern. Gott tut es nicht für uns und ohne uns.

Braucht Gott unser Gebet? Nein! Wir brauchen es. Gott weiß unsere Bitten schon längst, ehe wir sie ausgesprochen haben. Friedensgebet heißt, die Augen und Herzen offen zu halten, nicht wegzusehen, sich nicht einlullen zu lassen von Medien, Parteien oder Politikern.

Wer um Frieden betet, will nicht nur seine Klagen und Bitten loswerden. Beten ist Sprechen mit Gott. Beim Friedensgebet will auch er zur Sprache kommen. Auf seine Antworten hören wir im Friedensgebet. Wir haben sie schon oft gehört: »die andere Backe auch hinhalten«, »die Feinde lieben und nicht nur zu den Brüdern freundlich sein«, »sich vertragen, solange man noch auf dem Weg ist« (Matthäus 5). Um Frieden beten wir, um uns diese Kraft zu holen. Tun aber wird ihn nicht Gott; tun müssen wir ihn selbst.

Giselher Quast

Der Autor war in Magdeburg Domprediger.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Ein Tag der Gemeinschaft

5. Januar 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Eine Kulturfrage: Was verteidigen wir als Christen eigentlich beim Kampf gegen die allgemeine Sonn- und Feiertagsarbeit?

Es gibt die eine Sonntagsarbeit, die Kaufhäuser und Konzerne einfach weiterlaufen lassen wollen – so, als sei gar kein Sonntag, sondern ein Werktag wie jeder andere. Und es gibt eine Sonn- und Feiertagsarbeit, die den Sonn- und Feiertag als Tag von Ruhe und Erbauung, von Gemeinsamkeit überhaupt erst ermöglicht, indem sie Restaurants offen und Ausflugsziele erreichbar hält.

Es gibt Arbeiten an Sonn- und Feiertagen, die dienen gerade der Möglichkeit, dass ein Tag der Woche zu einem Sonn- oder Feiertag werden kann. Dabei meine ich nicht die immer präsent zu haltenden Dienste einer Gesellschaft zur Gefahrenabwehr oder Rettung – von Polizei über Feuerwehr bis zu Krankenhaus und Notarzt. Sondern gemeint sind hier all die Arbeiten, die einen Sonntag zum Sonntag machen: Auch in unserer säkularen Gesellschaft gehören dazu natürlich die Angebote der Kirchen, aber längst ergänzt um die Arbeit der Kulturinstitutionen.

Ein Sonn- oder Feiertag mit Besuch im Zoo, im Konzerthaus oder Lokal setzt voraus, dass Tierpfleger und Kassenfrau, Opernsänger und Beleuchterin, Koch und Straßenbahnfahrerin bereit sind, anderen einen guten oder feierlichen Tag zu bereiten. Insofern geht es gar nicht um die Frage »Sonntagsarbeit – Ja oder Nein?«, sondern um die Frage »Welche Arbeit am Sonntag will eine Gesellschaft und welche nicht?«.

Auszeit: »Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt« – dieser Satz steht so im Grundgesetz (Art. 140 GG) und war vorher schon Teil der Weimarer Verfassung. Foto: Adrienne Uebbing

Auszeit: »Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt« – dieser Satz steht so im Grundgesetz (Art. 140 GG) und war vorher schon Teil der Weimarer Verfassung. Foto: Adrienne Uebbing

Im Kern dürfte es daher diese Unterscheidungen der Sonntagsarbeit sein, deren Grenzziehung strittig ist: Ist Einkaufen die Basis einer heutigen Sonn- und Feiertagskultur als »seelische Erhebung«? Gehört zu einem Feiertag das gemeinsame Schlendern durch Einkaufzeilen? Und gibt es einen kategorialen Unterschied zwischen Schlendern vor Ort oder im Internet? Man wird dies nicht einfach beantworten können, will man nicht unreflektiert ein bildungsbürgerliches Ideal zur allgemeinen Norm machen. Aber es muss allen klar sein, dass es hier letztlich allein um eine Kulturfrage geht: Denn mehr (Öffnungs-)Zeit zum Einkaufen bedeutet ja nicht mehr Einkaufsgeld. Es gehört meines Erachtens zu den »Fake News« dieser Debatte die oft angeführte These, dass mit einer Öffnung des Sonn- und Feiertagsverbotes die Nachfrage erhöht werde. Es mag kurzfristige Effekte geben, aber die Nachfrage erhöht sich durch eine gute wirtschaftliche Lage, nicht durch Öffnungszeiten.

Aber warum wehren sich dann die Kirchen gegen die Abschaffung der Sonn- und Feiertagsregelungen? Sind sie die (konservativen) Moralisten der Nation, die vorschreiben wollen, was für die anderen gut und richtig sei? Oder wollen sie gar den Kirchgang stabilisieren, indem Konkurrenz durch kommerzielle Möglichkeiten begrenzt wird?

Im Kern geht es – zusammen mit vielen anderen gesellschaftlichen Kräften – darum, den »Wert« der Sonn- und Feiertage aufrecht und sichtbar zu halten, wohl wissend, dass sich keineswegs alle daran halten werden. Denn dies entspricht nicht nur der geltenden Verfassung (der Schutz der Sonn- und Feiertage als Tage der »Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung« ist im Artikel 140 GG definiert), sondern erinnert an eine alternative Tagesgestaltung, für die der Kirchgang symbolisch stehen kann. Diente der Kirchgang früher immer auch der sozialen Gemeinschaftsstärkung in Stadt und Land, so scheint heute die Frage nach der Gemeinschaftsstärkung weitgehend der Arbeits- und Dienstleistungsgesellschaft nachgeordnet.

Wer sich aber den durchschnittlichen Familienrhythmus an einem Sonntag anschaut oder die »Brunch-Kultur«, der kann getrost feststellen: Der Sonntag ist noch immer der Tag der Gemeinschaft – Gott sei Dank, denn der Sonntag ist die Erfindung des Christentums für eine Welt, die Unterbrechung und Arbeitsfreiheit, Muße und Innehalten nur für eine kleine reiche Oberschicht kannte. Wollen wir da wieder hin? Geben wir damit nicht für das Linsengericht eines vermeintlich kommerziellen Wachsens den Segen des Erstgeburtsrechtes auf, einen Tag der Woche langsamer, gemeinschaftlicher und vielleicht sogar nachdenklicher zu gestalten? Ich wüsste keinen Grund, warum uns das schaden könnte.

Thies Gundlach

Der Autor ist Vizepräsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Gib dein Vertrauen auf Gott nicht auf

1. Januar 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Eine Meditation zur Jahreslosung von Kirchenpräsident Joachim Liebig

Die Jahreslosung des Jahres 2018 ist der Offenbarung des Johannes entnommen – dem letzten Buch der Heiligen Schrift. Sehr wahrscheinlich entsteht die Johannes-Offenbarung während der zweiten oder dritten Generation der frühen Christenheit: Erste Gemeinden haben sich – nicht zuletzt dank der Missionstätigkeit des Paulus – verbreitet. Nun stehen sie vor einer ersten echten Bewährungsprobe.

Vermutlich der römische Kaiser Nero entdeckt die Christen als Sündenböcke für das Römische Reich. Christenverfolgung, Anfeindung und Märtyrer um des Glaubens Willen sind für die junge Kirche neue und furchtbare Gefahren.

Die Johannes-Apokalypse – so wird die Offenbarung auch genannt – beschreibt in gewaltigen Bildern die aktuelle Situation und richtet den Blick auf die Zukunft, die ganz anders werden wird. Die Widersacher des Glaubens werden untergehen, Gott selbst wird zurückkehren, Gericht halten und die Weltgeschichte in ein ewiges Reich überführen.

Nur angesichts der Christenverfolgung wie derzeit im Mittleren Osten kann ermessen werden, in welcher schrecklichen Situation die Gemeinden damals stehen. Damit wird deutlich, wie trostreich die Bilder des Textes wirken müssen. Angesichts höchster Lebensgefahr darauf zu vertrauen, es werde am Ende alles gut werden, erfordert einen sehr starken Glauben.

In 2 000 Jahren ihrer Geschichte ist die Vieldeutigkeit der Bilder in der Offenbarung des Johannes für ungezählte Fehldeutungen missbraucht worden. Esoteriker und Verschwörungstheorien bemächtigen sich bis heute der Vorstellung eines tausendjährigen Reiches und eines unbarmherzigen Endgerichtes Gottes. Sie wollen damit Furcht erregen und Gehorsam erzwingen.

Der Zweck der Schrift als ein Trostbuch wird damit auf den Kopf gestellt.

Das Bild von Gerlach Bente stammt aus seinem Entwurf für das Fenster in der Ev. Kirche Nutha bei Zerbst.

Das Bild von Gerlach Bente stammt aus seinem Entwurf für das Fenster in der Ev. Kirche Nutha bei Zerbst.

Die Kernfrage lautet vielmehr: wie weit reicht mein Glaube in Zeiten großer Not? Diese Frage ist zeitlos und unabhängig von der Christenverfolgung im 2. Jahrhundert. Die Jahreslosung fasst die Botschaft des Autors (seine Identität ist nicht letztgültig zu klären) markant zusammen: Der Durstige soll an einer Quelle ohne Vorleistung, eben »umsonst«, seinen brennenden Durst stillen können.

Das Wort der Heiligen Schrift sagt seiner Leserschaft: Ganz gleich, wie schlecht es dir gehen mag, gib dein Vertrauen auf Gott nicht auf.
Ebenso wenig wie damals wird es heute helfen, Menschen in Not und Sorge diesen Satz einfach zuzurufen. Gottvertrauen entsteht nicht durch einen Appell. Tragfähige Zuversicht braucht neben dem Wort Gottes ein verständliches Vorbild.

Als Pfarrer begegnen mir Menschen, die – obwohl ein Leben lang nicht vertraut mit Gottes Wort – in Krankheit und Leiden nach dem Sinn ihres Lebens und Leidens fragen. Selbst wenn ich ihnen diesen Sinn nicht erschließen kann, finden sie Trost in der Zusicherung: es gibt ihn – nur ist er im Augenblick noch nicht erkennbar.

Die Gemeinde der Johannes-Offenbarung vertraut in ihrer ganzen Not auf die andauernde Bewahrung durch Gott, selbst wenn alle Fakten dagegen zu sprechen scheinen. Glaube ist das tiefe Vertrauen auf Gottes Begleitung, auch wenn alles dagegen spricht. Daher ist die Johannes-Apokalypse bis heute in ihren Bildern und Deutungen ein tragfähiger Gegenentwurf zu Resignation und Fatalismus.

Die Quelle, die allen Durst stillt, ist ein lebendiger Dialog zwischen Gott und den Menschen. Alle Fragen finden jetzt oder später eine Antwort; aber sie werden beantwortet werden. Mit Geduld darauf zu warten und zugleich getröstet zu sein, ist die tiefe Bedeutung der Jahreslosung 2018 und der ganzen biblischen Schrift der Offenbarung.

Zum Auftakt eines neuen Kalenderjahres tut es gut, sich daran erinnern zu lassen und allen Unwägbarkeiten gelassen entgegen zu sehen. Das ist kein billiger Trost, sondern eine glaubensstarke Grundhaltung, die alle Freude dankbar wahrnimmt und im Leid nicht verzweifelt.

Anders als mit den zum Jahreswechsel üblichen Vorsätzen, die in der Regel bis Mitte Januar andauern, lässt sich ein ganzes Jahr damit zuversichtlich durchhalten. Die schon jetzt absehbaren Aufgaben für 2018 erfordern Glaubensstärke und Zuversicht. Nichts weniger sagt uns Gott zu. Lassen Sie uns damit das neue Jahr gestalten. Das wünsche ich uns allen im Geist Gottes.

Joachim Liebig ist Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts und Vorsitzender des Evangelischen Presseverbandes in Mitteldeutschland (EPVM).

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Auf Wiedersehen!

15. Dezember 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Bereitet doch fein tüchtig den Weg dem großen Gast; macht seine Steige richtig, lasst alles, was er hasst …« So haben sie es im Gottesdienst am 3. Advent 1968 im Dom zu Magdeburg gesungen.

Noch eine weitere Strophe und dann verklingen die letzten Töne. Bischof Werner Krusche betritt die Kanzel. Die Geschichte von Johannes dem Täufer legt er aus: »An der Gestalt und der Predigt Johannes des Täufers, des prophetischen Zeugen an der Grenze zu der alten und der neuen Zeit, wird eines mit unerhörter Klarheit deutlich: Einer, den Gott beschlagnahmt hat zu seinem prophetischen Prediger, ruft den Leuten nicht etwas hinterher, sondern er ruft ihnen etwas von vorne zu. Wem dieses Wort gegeben ist, der steht nicht im Dienste des Vergangenen, sondern im Dienste des Kommenden, der läuft seiner Zeit nicht hinterher, sondern der ist ihr mit dem ihm aufgetragenen Worte vorweg und ruft ihr zu, welche Stunde es geschlagen hat.«

Wie mag dies in den Ohren der 15 jungen Menschen geklungen haben, die in diesem Gottesdienst im Jahr 1968 ordiniert werden sollten? Was für eine völlig andere Erwartung an ihren Dienst formulierte Werner Krusche hier – verglichen mit dem, was im staatlichen Bereich das Bild von kirchlichen Menschen war! Der Gemeinde etwas von vorne zurufen. Wissen, dass die Geschichte, die wir erleben, auf ein Ziel zuläuft, welches wir als Menschen auch mit dem wissenschaftlichsten aller Modelle nicht beeinflussen können.

»Der Evangelist Lukas zählt mit größter Exaktheit die Namen derer auf, die damals die politische Macht ausübten. Das ist doch wohl nicht nur aus chronologischen Interessen geschehen. Damit will der Evangelist doch sagen: Als diese Männer Geschichte machten, da hat Gott mitten in der politischen Geschichte seine Geschichte angefangen, so dass in der Tat die Weltgeschichte seitdem Geschichte nach Christus ist. Nein: nicht nach Christus, sondern mit Christus; denn der, dessen Kommen Johannes ankündigte, ist ja nicht – wie die Machthaber – gekommen, um wieder zu gehen, sondern er ist gekommen, um wieder zu kommen.
Titel-Artikel-50-2017Die Weltgeschichte schreitet auf eine Zukunft zu, in der endgültig herauskommt, dass in Jesus Gottes Liebe unterwegs gewesen ist in dieser Welt und dass der das Leben gewonnen hat, der sich von Jesus hat lieben und von ihm zur Weitergabe der Liebe hat bewegen lassen.«

Hier spricht der bischöfliche Prediger seine ganze Gemeinde an. Er nimmt die Bewegung der Predigt des Täufers am Jordan auf. So wenig die einzelnen Menschen dieses große Geschehen Gottes beeinflussen können, so sehr sind sie darin eingebunden. In der Geschichte mit Christus zu leben heißt, diesen in das eigene Leben wirken zu lassen. Von Früchten der Buße sprechen an jenem Sonntag in Magdeburg der Täufer Johannes und der Bischof Werner Krusche: »Wenn Jesus kommt, ist es mit ein bisschen Religion nicht getan. Religiöse Handlungen, die isoliert wären von unseren politischen Handlungen, ein Christentum, das nur in der Kirche und zu Hause, nicht aber in der Schule und im Betrieb praktiziert würde, zählte vor dem kommenden Christus absolut nichts. Er sucht Lebensäußerungen, die sichtbar machen, dass in diesem Leben etwas radikal und total neu geworden ist durch ihn.«

Das radikal Neue leben, in einer Welt, die auch heute, im Advent 2017, noch unter der Last des Alten leidet. Das leben, was wir hoffen: Dass alles Leid, alle Ungerechtigkeit einmal ein Ende haben. Gott hat seine Geschichte mit seinen Menschen nicht abgeschlossen: Er führt sie zum Ziel. So werden wir es auch an diesem dritten Adventssonntag wieder singen: »Ein Herz, das richtig ist und folget Gottes Leiten, das kann sich recht bereiten, zu dem kommt Jesus Christ.« (EG 10,3)

Katja Albrecht

Die Autorin ist Pfarrerin in Merseburg. Sie referierte bei der Gedenkfeier zum 100. Geburtstag von Bischof Krusche über die politische Dimension seines Wirkens.


Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Seufzer im Advent

8. Dezember 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Vorweihnachtszeit: Advent ist im Dezember, darauf weisen ja die Christen immer hin. Also kann es doch jetzt losgehen.

Die Weihnachtsfeier in der Schule machen wir gleich am 1. Dezember, denn die Adventszeit ist kurz dieses Jahr und je mehr es auf Weihnachten zugeht, desto hektischer wird es doch. Ich finde mich wie vereinbart zu zwei vorweihnachtlichen Stunden in der Schule ein. Es gibt Kaffee, Kinderpunsch und Plätzchen. Die Kinder führen ein kleines Theaterstück auf. Dann basteln wir. Aus dem CD-Spieler kommen gemischte weihnachtliche Klänge, die »Weihnachtsbäckerei«, gefolgt von einer mit erheblichem Pathos vorgetragenen Version von »Es ist ein Ros entsprungen«. Der Weihnachtsmann kommt und holt für jedes Kind ein Geschenk aus seinem Sack.

Später gehen wir mit unserer Bastelarbeit nach Hause. Es ist so eine Art Adventskranz aus Buntpapier zum Aufhängen geworden. Die Plätzchen hätten sehr gut geschmeckt, sagt meine Tochter. Der Kranz kommt bei uns ins Fenster. Advent ist im Dezember und heißt Plätzchen, Dekoration, stimmungsvolle Musik, die Freude der Kinder. Das ist bei mir nicht anders als bei allen anderen. Ich höre »von Jesse kam die Art« und weiß sogar, was das bedeutet. Aber das bleibt trotzdem Hintergrundmusik zum Kaffee.

Von der »Wurzel Jesse« hat schon der Prophet Jesaja gesprochen und von Jesaja kommt auch der Predigttext am 2. Advent: »Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde« steht darin (Jes 63,19). Solche sind wir geworden. Und schnell wird das vor allem auf die anderen bezogen, auf die sogenannten »Konfessionslosen« oder »religiös Indifferenten«, mit denen ich bei der Weihnachtsfeier in der Schule am Kaffeetisch gesessen habe.

Foto: ghazii – stock.adobe.com

Foto: ghazii – stock.adobe.com

Aber ich bin doch auch so geworden. Christinnen und Christen und unter ihnen besonders die hauptamtlich Christlichen bereiten das Fest der Geburt Jesu Christi mit großer Routine vor. Unter allerlei Geseufze des vorweihnachtlichen Stresses wegen geht es zielstrebig auf den Heiligen Abend zu und dann wäre das für dieses Jahr auch wieder geschafft. Die Augen geradeaus! Der Blick nach oben lohnt sich nicht. Advent und Weihnachten kann man auch unter einem geschlossenen Himmel feiern.

Aber von Jesaja kommt eine andere Art: »Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab!« Erhebe dein Haupt, richte den Blick nach oben und erwarte von dort her, dass Gott noch einmal zur Welt kommt. Denn das ist am ersten Weihnachten passiert. Gott war da, unter den Menschen, und wären die Engel nicht gewesen, hätte es auch niemand bemerkt. Was wäre, wenn Gott wiederkäme und sich mit an unsere Kaffeetische setzte und in unsere Schulklassen, zu den Weihnachtsfeiern in den Betrieben käme und in die Gottesdienste? Wo wäre überhaupt Platz für Gott zwischen dem Adventskranz, den Plätzchen und den sorgfältig gefalteten Servietten?

Drei Buchstaben halten Gott einen Platz frei: »Ach«. Ein kurzer Laut nur, für Freude und Glück: »Ach, wie schön.« Und ein Seufzer, da wo die Worte fehlen: »Ach, das tut mir leid.« »Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab.« »Ach« sagen die, die sich nicht abfinden mögen mit der Wirklichkeit, die noch staunen oder etwas von Herzen bedauern können. Die sich danach sehnen, dass es einmal anders wird und nicht immer alles beim Alten bleibt, alle Jahre wieder.

Ich sitze mit all den anderen am gleichen Tisch bei der Weihnachtsfeier in der Schule. Und ich weiß, dass sie alle wie ich ihr »Ach« haben, ihr Glück und ihren Schmerz. Nur sagen sie nichts darüber, sondern nehmen lieber noch einen Keks. Vielleicht ist dieses »Ach« tatsächlich »der Seufzer der bedrängten Kreatur«, wie Karl Marx es so klassisch formuliert hat.

Dann darf aber alles, was wir in Weihnachtsfeiern und Gottesdiensten verabreichen, kein Opium für das Christenvolk enthalten. Solcherart Plätzchen schmecken zweifellos gut und sind schnell verdaut. Aber wir Christenmenschen sind doch für andere Nahrung da, für das Seelenbrot statt für Dominosteine. Und dafür, den Hunger darauf zu wecken. Ach, könnten wir so den Advent feiern. Im Dezember und immer.

Kathrin Oxen

Die Autorin ist Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur in Wittenberg.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Worauf wir hoffen können

1. Dezember 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Zugegeben: Wir haben unsere kleinen, alltäglichen Hoffnungen: Es möchte alles gutgehen oder noch besser werden. Aber die Frage, worauf es im Letzten, vor allem im Angesicht des Todes zu hoffen gilt, verdrängen wir gern.

Der Christ bekennt sich zu einer Hoffnung, die nicht nur aus einer Verlängerung der Gegenwart in die Zukunft besteht. Er rechnet mit einer »Überraschung«: der »Parusie«, der Wiederkunft Jesu Christi. Diese Erwartung gehört von Anfang an zum Glaubensgut der Christenheit. Auch als später die Erfahrung einer sich weiter hinziehenden Zeit eine baldige Parusieerwartung »dämpfte« und vor allem exakte Zeitansagen für ein Zeitenende, oft in sektiererischen Zirkeln ausgerufen, sich als Fantastereien erwiesen, verblasste unter Christen diese Erwartung. Unser Lebensgefühl rechnet eher mit einem »immer weiter so«. Es rechnet kaum mit dem Kommen des Herrn, zumal in dem Szenario, wie es uns die Endzeitbilder der Bibel vorstellen.

Wir wissen heute klarer zu trennen zwischen der Glaubensbotschaft von der Wiederkunft Christi und dem Bildrahmen, der ihr damals in der Umwelt der biblischen Zeit gegeben wurde. Das ist vergleichbar mit den unterschiedlichen künstlerischen Darstellungen der Geburt Christi aus Maria in der Frömmigkeitsgeschichte. So unterschiedlich diese Bilder auch waren und bis heute noch sind – es geht dabei zentral um die eine Aussage: In dieser Geburt berührt »der Himmel Gottes« unsere Welt.

Uns Christen heute kann das Bekenntnis zu diesem traditionellen Glaubenssatz von der Wiederkunft Christi das Wissen erleichtern, dass wir nur in den Anschauungskategorien von Raum und Zeit denken können. Die heutige Astrophysik etwa zeigt uns eindringlich die Grenzen dieser »Denkkategorien«, mit denen die Wirklichkeit nur unzulänglich erfasst und wiedergegeben wird.

Foto: Vadimsadovski – stock.adobe.com

Foto: Vadimsadovski – stock.adobe.com

Die Wissenschaftler greifen dann zu abstrakter Mathematik, um sich untereinander über ihre Forschungen zu verständigen. Aber wem hilft Mathematik, wenn er sich das Ende von Raum und Zeit oder gar das Ende des eigenen Lebens vorstellen soll? Zwar lehrt uns schon das thermodynamische Grundgesetz, dass alles einmal zu einem letzten Stillstand kommen wird. Aber sucht man darüber hinaus zu denken, auch im Blick auf das, was vor dem »Urknall« war, bleibt dies für unser raum- und zeitgebundenes Denken unvorstellbar.
Titel-Advent-SerieUm keine Missverständnisse zu produzieren: Das Bekenntnis zur Wiederkunft Christi hat nichts mit den Einsichten unseres kosmologischen Wissens zu tun. Aber dieses Wissen illustriert für mich sehr überzeugend, welch begrenzten Verstehenshorizont wir haben, sobald wir unsere Raum- und Zeitvorstellungen überschreiten wollen.

Mein Bekenntnis zum Kommen Christi, das unserem Dasein eine neue Qualität geben wird, kann ich also durchaus mit meinem naturwissenschaftlichen Weltbild zusammenhalten. Zudem weiß ich, dass ich in absehbarer Zeit sterben werde. Was dabei geschieht, entzieht sich meiner Vorstellungskraft. Für mich ist mein Sterben der anbrechende »Tag des Herrn«, der mir den »Quantensprung« in die neue Welt Gottes eröffnet. Das ist für mich keine »Drohbotschaft«, sondern eine »Frohbotschaft«. Es ist gut, aus diesem begrenzten, endlichen Leben »auszuziehen« in ein Leben in »Fülle« beim Herrn. Der Adventsglaube tröstet mich in der Gewissheit, dass Unrecht und Bosheit nicht das letzte Wort über unsere und meine Geschichte haben wird. Der, der mich einmal »richten«, also mit der ganzen Wahrheit meines Lebens konfrontiert wird, ist derjenige, der sich für mich und uns alle hingegeben hat – bis zur Preisgabe seines eigenen Lebens. Man betrachte dazu nur einmal, was Paulus in Römer 8,31-39 schreibt.

Daher ist uns Christen, und zwar in ökumenischer Gemeinsamkeit, der Advent wichtiger als eine ins Unendliche verlängerte, von Menschen gemachte Zukunft. Diese ist ein herausforderndes (oft mühsames) Arbeitsfeld. Der Advent aber ist ein »Horizont« für mein Leben, der mich über alle irdische Erfolge und Misserfolge hinaus wirklich hoffen lässt.

Joachim Wanke

Der Autor ist emeritierter Bischof des Bistums Erfurt.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Wohin die Kirchensteuer geht

24. November 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Unerwartet: Die Einnahmen sprudeln, dank der guten Konjunktur. Und das, obwohl die Mitgliederzahlen sinken. Was haben die Kirchengemeinden vom Geldsegen?

Bei der Herbsttagung der Landessynode geht es immer auch um die Finanzen. Oberkirchenrat Stefan Große, der Finanzdezernent der EKM, hat schon andere Zeiten erlebt. Derzeit kann er seinen Bericht gelassen angehen. Die Kasse stimmt. Wie schon im vergangenen Jahr wird auch diesmal wieder ein Überschuss ausgewiesen. Die Einnahmen durch die Kirchensteuer, 54 Prozent der sogenannten Plansumme, sind in Folge höher als prognostiziert.

Die Kirchensteuer allein mache es aber nicht, so Große. »Die EKM hängt am Tropf der Westkirchen.« Ohne den Finanzausgleich, das Solidarsystem der EKD – 26 Prozent des kirchlichen Haushalts –, sähe es schlecht aus. Hinzu kommen noch die Staatsleistungen, eine Art Pachtzins für einst vom Staat enteignetes Kirchenland. Dabei handelt es sich im Übrigen nicht um staatliche Almosen. Sie sind Verpflichtungen nach den Verträgen mit den Bundesländern, die zu Beginn der 90er-Jahre geschlossen wurden, und werden für die Besoldung und Versorgung von Pfarrern und Kirchenbeamten eingesetzt.

Ohne Umwege: In der Friedenskirche in Kittelsthal im Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen können Spender direkt entscheiden, wo ihr Geld ankommt. Foto: Mirjam Petermann

Ohne Umwege: In der Friedenskirche in Kittelsthal im Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen können Spender direkt entscheiden, wo ihr Geld ankommt. Foto: Mirjam Petermann

In Summe stehen der Landeskirche 200 Millionen Euro jährlich zur Verfügung. Auf die 733 000 Mitglieder umgerechnet sind das 275 Euro Plansumme pro Gemeindeglied. Die Zahlen stammen aus dem Entwurf des Haushaltsplans, über den das Kirchenparlament auf der Herbsttagung berät und entscheidet.

Der überwiegende Teil des Plansummenanteils (210 Euro) steht den Kirchengemeinden und -kreisen zur Verfügung. Große betont, dass aber auch aus dem allgemeinen landeskirchlichen Anteil Aufgaben finanziert werden, die die Arbeit in den Gemeinden ergänzen und stärken. Der überwiegende Teil der Plansumme müsse sogar den Kirchenkreisen direkt oder indirekt zur Verfügung gestellt werden. Das sei im EKM-Finanzgesetz zwingend geregelt. Der Anteil für die allgemeinen Aufgaben der Landeskirche beinhalte beispielsweise Aufwendungen für die Ausbildung von Pfarrern, Gemeindepädagogen und Lektoren, für die Notfallseelsorge oder die Kinder- und Jugendarbeit sowie die Öffentlichkeitsarbeit. »Von jedem eingenommenen Euro gehen etwa 76 Cent in die Kirchenkreise und Gemeinden«, so der Finanzdezernent.

Eine Regelung, die die EKM von anderen Landeskirchen unterscheidet, ist die Tatsache, dass der landeskirchliche Anteil, also die Mittel, die dem Landeskirchenamt zur Erfüllung der Aufgaben zur Verfügung stehen, an die Entwicklung der Kosten im Verkündigungsdienst gekoppelt sind. Das heißt, wenn 2019 durch Einsparungen weniger Geld in die Kirchenkreise überwiesen wird, muss auch das Landeskirchenamt im gleichen prozentualen Verhältnis sparen. Das sorge dafür, erklärt Große, dass der allgemeine landeskirchliche Anteil nicht zu Lasten der Kirchengemeinden aufgebläht werde. Diese Koppelung gelte
»in guten, wie in schlechten Zeiten«.

Insgesamt werden ab Januar 2019, wenn das geänderte Finanzgesetz in Kraft tritt, 80 bis 90 Stellen in den 38 Kirchenkreisen wegfallen. Schon jetzt sind die Kreissynoden damit beschäftigt, darüber zu beraten und Stellenpläne zu entwerfen.

Die gute Konjunktur dürfe nach Großes Worten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die sinkenden Mitgliederzahlen und der Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge in den nächsten Jahren voll durchschlagen werden. Die Landeskirche und die Kirchenkreise seien jedoch vorbereitet. Große sieht eine gute Basis, »nüchtern, aber angstfrei weiterzumachen« und die Einsparziele zu erreichen.

Bei immer weniger hauptamtlichen Mitarbeitern in den Gemeinden müsse sich die inhaltliche Ausrichtung verändern, so wie das bei den »Erprobungsräumen« versucht werde. »Wir wollen Räume eröffnen, Neues denken und dabei optimistisch und fröhlich Gottes Wort verkündigen.«

Willi Wild

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

»Der Engel schwieg«

17. November 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Volkstrauertag: Über die Gegenwart des Leids in der Sprache wird der Autor am Sonntag bei einer Gedenkveranstaltung in Wittenberg sprechen.

Zwanzig Jahre nach Kriegsende präsentierte Heinrich Böll mit »Heimat und keine« überschriebene Reflexionen zur Präsenz der Zerstörung in einem Land, das sich den Neuaufbau auf die Fahnen geschrieben hatte: »Menschen sind wohl nur da halbwegs zu Hause, wo sie Wohnung und Arbeit finden, Freunde und Nachbarn gewinnen. Die Geschichte des Ortes, an dem einer wohnt, ist gegeben, die Geschichte der Person ergibt sich aus unzähligen Einzelheiten und Erlebnissen, die unbeschreiblich und unwiederbringlich sind.«

Köln war für Böll – im Dezember 2017 wäre er 100 Jahre alt geworden – Heimat in doppeltem Sinn: als Vorkriegs- und Nachkriegsstadt. Beide waren für ihn »Gegenstand der Erinnerung – und der Sentimentalität natürlich«. So hatte sich in sein Gedächtnis auch die Stille eingebrannt, die wie der Staub »unermesslich« über der Zerstörungslandschaft lag. 1950 hätte Böll eigentlich einen Roman veröffentlichen wollen, in dem er sich mit dem Krieg auseinandersetzte. »Der Engel schwieg« erschien dann aber erst 1992 postum. Der Verlag hielt ihn zu Beginn der 1950er-Jahre für nicht (mehr) angemessen. Nicht der Krieg selbst war Gegenstand dieses am 8. Mai 1945 einsetzenden und mit Rückblenden arbeitenden Romans, sondern das Geschehen »zeigt nur«, wie es der Autor selbst beschreibt, »die Menschen dieser Zeit, ihren Hunger«.

Foto: epd-bild

Foto: epd-bild

Berichtet wird »von einer Liebesgeschichte, klar und spröde, die der Phrasenlosigkeit der ›heimkehrenden‹ Generation entspricht, die weiß, daß es keine Heimat auf dieser Welt gibt«. Zu Beginn begegnet der Protagonist einem Engel. Der Ausdruck der Plastik war »milde und schmerzlich lächelnd«. Mit Entfernung des auf ihr liegenden Staubes verschwand die ursprüngliche Aura und damit alle Lebendigkeit. Das Schweigen des Engels, der eine Lilie in der Hand trägt, dominiert die Erzählstränge, ja, es wird am Ende noch dadurch potenziert, dass ein anderer schweigender Engel, machtlos mit dem Gesicht nach unten, während einer Beerdigung in den Friedhofsschlamm gedrückt wird, sein Schwert liegt zerbrochen neben ihm. Böll beschreibt die Unfähigkeit, erlebtes Grauen, aber auch die Einsicht in individuelle und kollektive Schuld zur Sprache zu bringen. Das Leid ist allzu übermächtig. Es gibt keine »Stunde Null«. Stattdessen dominieren eben nicht nur die Brüche, sondern auch die Kontinuitäten.

Aber die Beschwörung der Sprachlosigkeit behielt in der Literatur nach ’45 nicht das letzte Wort. Mit Energie schob sich die Einsicht in den Vordergrund, dass nur die Artikulation und die gemeinsame Kommunikation es möglich machten, sich des Gewesenen zu erinnern, um gerade auch als Gesellschaft wieder handlungsfähig zu werden.

Martin Walser, der den ersten Frankfurter Auschwitzprozess von 1963 bis 1965 beobachtete, formulierte noch 2004 nachdrücklich: »Wenn ich mit Sprache zu tun habe, bin ich beschäftigt mit der Verwaltung des Nichts. Meine Arbeit: Etwas so schön zu sagen, wie es nicht ist.« Wenn Walser Sprache als »Bewegung schlechthin« begreift, nimmt er die zentrale theologisch-philosophische Einsicht auf, dass sich in der Äußerung ein realitätsveränderndes Ereignis vollzieht. Wer also Erinnerung ausdrückt, gestaltet die Gegenwart. Trifft dies zu, wird der Zustand des Schweigens als besonders schmerzhaft und lähmend erfahren.

Gerade Schriftsteller sind es, die es, allein schon aus Gründen ihrer Profession, nicht ertragen, sprachlos bleiben zu müssen. Nicht von ungefähr sind Publikationsverbote ein bewährtes Repressionsmittel. In seltener Intensität hat auch Ingeborg Bachmann mit dem Schweigen gerungen, das in den 1950er-Jahren nicht nur lähmend über den Menschen lag, sondern auch von ihnen ausging. »Schweigt mit mir, wie alle Glocken schweigen!« – mit diesem Aufruf lässt sie in »Die gestundete Zeit« ihr Gedicht »Psalm« beginnen, das dann schließlich auf die verstörende Bitte zuläuft: »In die Mulde meiner Stummheit / leg ein Wort / und zieh Wälder groß zu beiden Seiten, / daß mein Mund / ganz im Schatten liegt.«

Alf Christophersen

Der Autor ist promovierter Theologe und Studienleiter der Ev. Akademie Sachsen-Anhalt.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Die Zugewinngemeinschaft

10. November 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Positiver Trend: Erstmals seit 15 Jahren wurden im vorvergangenen Jahr in Deutschland wieder mehr als 400000 Ehen geschlossen. Im Gegenzug dazu ließen sich seit 2008 jährlich weniger Paare scheiden.

Die Zahlen und die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare im Juli dieses Jahres durch den Bundestag könnte als Indiz gelten, dass die Ehe gerade eine enorme Aufwertung erfährt. Dass sie eine erstrebenswerte Verbindung sei, die es wert ist, allen ermöglicht zu werden.

Ein Stück vom Kuchen: Das gemeinsame Anschneiden der Torte gehört für viele Paare zur Tradition an ihrem Hochzeitstag – ob sie ihre gemeinsame Zukunft nun mit oder ohne Gottes Segen planen. Foto: Igor Link – stock.adobe.com

Ein Stück vom Kuchen: Das gemeinsame Anschneiden der Torte gehört für viele Paare zur Tradition an ihrem Hochzeitstag – ob sie ihre gemeinsame Zukunft nun mit oder ohne Gottes Segen planen. Foto: Igor Link – stock.adobe.com

Doch schließen Paare mit Anfang 20 den Bund fürs Leben, werden sie nicht selten in ihren Familien oder ihrer Umgebung belächelt und als unwissend und blauäugig bezeichnet. Dies zeigt die fundamentale Veränderung der Ehe als Wert deutlich. War sie einst Grundlage des Zusammenlebens und Ausgangspunkt der Familiengründung, ist sie nun häufig zum Sahnehäubchen geworden, das eventuell dazu kommt, wenn das Haus gebaut ist und die Kinder bereits da sind.

Fast über Nacht wurde der Begriff »Ehe« im deutschen Recht umgedeutet, sodass nicht mehr Mann und Frau der Stand der Ehe vorbehalten ist, sondern ebenso Mann und Mann und Frau und Frau eine Ehe eingehen können. Was im staatlichen Bereich Realität ist, soll es nun auch im kirchlichen werden. In den einzelnen Landeskirchen sehen die Regelungen sehr unterschiedlich aus.

In der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz oder der badischen Landeskirche beispielsweise ist die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare der traditionellen gleichgestellt. In den Landeskirchen in Bayern, Braunschweig und Oldenburg sind lediglich Segnungen möglich, die teilweise nicht öffentlich sein sollen und in jedem Fall von einer Trauung zu unterscheiden sein müssen.

In der Landeskirche Anhalts entscheiden Gemeinde und Pfarrer gemeinsam über eine Segnung homosexueller Paare. Auch in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) ist es seit 2012 möglich, dass Paare, die in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft leben, in einem Gottesdienst gesegnet werden können. Bereits im Frühjahr forderte jedoch die Evangelische Jugend der EKM die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare der Trauung von Mann und Frau gleichzustellen. Für sie ist die Unterscheidung diskriminierend und die Aufrechterhaltung eines Zwei-Klassen-Segens. Aktuell liegt die Thematik dem Ausschuss für Theologie und Gemeindeaufbau zur Beratung vor.

Langes Ringen um eine Erklärung zum Umgang mit gleichgeschlechtlichen Paaren gab es auch innerhalb der Deutschen Evangelischen Allianz. Sie veröffentlichte dazu Ende September ein Positionspapier. Das Fazit: Nach Ansicht der Evangelischen Allianz können »homosexuelle Partnerschaften der Ehe nicht gleichgestellt werden«.

Von der Bibel, als »verbindlicher Maßstab in allen Fragen des christlichen Glaubens und der Lebensführung« ausgehend, werde die Ehe »als eine gute Stiftung Gottes« betrachtet, »in der Mann und Frau einander ganzheitlich – inklusive der geschlechtlichen Gemeinschaft – zugeordnet sind«. Weiter heißt es: »Die in der Bibel beschriebene homosexuelle Praxis ist mit dem Willen Gottes und damit dem biblischen Ethos unvereinbar.« Abschließend wird aber auf die »vorbehaltlose Annahme aller Menschen« im Evangelium verwiesen und darauf, dass jeder genauso anzunehmen ist, »wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre«. (Römer 15,7)

Den Status der »Ehe« in unseren Gemeinden und der Gesellschaft zu erfassen, ist eine Herausforderung. Dabei ist die Problematik der Begrifflichkeit genauso schwierig, wie die Frage nach der Relevanz und dem gesellschaftlichen Ansehen dieser verbindlichen Art des Zusammenlebens. »Warum Ehen mit Gott länger halten« betitelte »Die Zeit« in diesem Sommer einen Artikel, der verschiedene Studien vorstellte, die nachwiesen, dass »religiöse Paare ein deutlich geringeres Scheidungsrisiko als Verheiratete ohne Bezug zur Kirche haben«.

Eine Ehe mit Gott zu führen, ist kein Garant für lebenslanges Zusammensein. Aber Gott gibt der Ehe mit seinem Segen einen anderen Stellenwert, der über das bloße Gestalten des gemeinsamen Lebens hinausgeht.

Mirjam Petermann

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

nächste Seite »