Dem Glück näherkommen

13. April 2018 von redaktionguh  
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Der Weltglücksbericht versuchte kürzlich in Zahlen zu verpacken, wo die Menschen am glücklichsten sind und was dazu beiträgt. Deutschland belegte dabei Platz 15 – so die Wissenschaft.

Neben dem Bruttoinlandsprodukt wurden dem Index auch das Einkommen, der soziale Zusammenhalt, Gesundheit, die Freiheit der eigenen Entscheidungen und Korruption als Faktoren zugrunde gelegt. »In unserer Gesellschaft glauben viele, dass sich das Glück einstellt, sobald ihre Wünsche in Erfüllung gehen«, sagte der Philosoph, Publizist und Theologe Christoph Quarch kürzlich in einem Interview. Doch mache das nur kurzfristig zufrieden, aber nicht glücklich.

Menschliche Wünsche sind so umfangreich wie vielfältig. Es gibt viele Ziele, die auf dem Weg zum Lebensglück verwirklicht werden wollen. Die Kontrolle über die Planung und Verwirklichung des Lebens zu behalten, hat oberste Priorität – dafür wird alles getan und das möglichst effektiv.

Jenseits der erfassten Komponenten des Glücksindex ist das Glück in der Realität von viel mehr, und im schlimmsten Fall unkalkulierbaren, Faktoren abhängig. In Gesprächen und beim genauen Hinsehen scheint das, was wir als Glück bezeichnen, ein sehr instabiles Konstrukt zu sein. Zu viele Unsicherheiten tragen dazu bei: Banalitäten wie das Wetter ebenso wie unser Beruf, Hobbies, Urlaube und Erlebnisse, Beziehungen, die eigene Gesundheit und die unserer Mitmenschen.

»Der Anblick eines wahrhaft Glücklichen macht glücklich« Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832). Foto: Phase4Photography – stock.adobe.com

»Der Anblick eines wahrhaft Glücklichen macht glücklich« Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832). Foto: Phase4Photography – stock.adobe.com

Überhaupt scheint die Gesundheit ein Hauptindikator für unser vermeintliches Glück oder Unglück zu sein – trotz medizinisch nie da gewesener Möglichkeiten zur Heilung und erheblicher Verbesserung der Lebensumstände Erkrankter. Das gilt auch für Menschen mit der Erbgutstörung Trisomie 21. Trotzdem entscheiden sich neun von zehn Schwangeren bei einer möglichen Erkrankung ihres ungeborenen Kindes dafür, die Schwangerschaft aufgrund dieser Indikation zu beenden. Die Möglichkeiten zur Feststellung dieser oder anderer Krankheiten im Mutterleib nehmen immer größere Ausmaße an. Der Grund: Ein krankes Kind könne kein glückliches Leben führen. Oder das eigene Lebensglück erheblich beschränken. Diese Entwicklung nimmt die ökumenische Aktion »Woche für das Leben« in diesen Tagen besonders in den Blick.

Geprägt sind unsere Glückserwartungen zu großen Teilen von den Idealen der Konsumgesellschaft. »Je mehr man ihnen folgt, umso unmöglicher wird es, diesen zu genügen«, formuliert Christoph Quarch weiter. In diesem Sinne definieren wir uns als »rationaler Egoist, der mit seiner Vernunft und Technik die Welt nach seinen Interessen einrichtet.« Treten Umstände auf, die uns nicht dienlich oder kontrollierbar sind, die uns mit Krankheiten und Unvollkommenem konfrontieren, stellt sich das vermeintliche Unglück ein, das es zu beseitigen gilt.

Es scheint ein Hamsterrad zu sein, dem schwer zu entkommen ist. Denn landläufig herrscht die Annahme vor, dass Glück machbar sei. »Jeder ist seines Glückes Schmied.« Die Fähigkeit, in einer gegebenen Situation glücklich zu sein, hängt also, außer von äußeren Umständen, auch von eigenen Einstellungen und Bemühungen ab. Das setzt uns unter Druck.

In der Bibel ist vom Glück keine Rede. Auch wenn Martin Luther einige Worte im Alten Testament mit »Glück« übersetzt hat, heißt keines wirklich das, was wir mit »Glück« meinen. Und doch lautete die Jahreslosung vor vier Jahren sehr einfach und eindringlich: »Gott nahe zu sein, ist mein Glück.« Diese Variante des Psalm 73,28 entsprach der damaligen ökumenischen Einheitsübersetzung.

Gelingt es, dem stetigen Mühen um das Lebensglück für einen Moment zu entkommen und eine Außenperspektive einzunehmen, scheint in der Tat das einzig Sinnvolle zu sein, was wir aus eigener Kraft tun können, um glücklich zu werden: uns Gott zu nähern. Es befreit uns vom Streben nach immer neuen Zielen und Idealen. Wir können unsere Prioritäten anders setzen, entgegen dem Drang zur Selbstoptimierung. Gottes Gegenwart stellt die noch so widrigen Umstände unseres Lebens in ein anderes Licht und gibt ihnen eine neue Wertigkeit. In seiner Gegenwart können wir lernen alles anzunehmen, egal wie fehlerhaft, unübersichtlich, ungeplant – und dennoch unser Glück finden.

Mirjam Petermann

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Geht der Kirche der Glaube aus?

6. April 2018 von redaktionguh  
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Eine Streitschrift: Am 10. April wird ein kirchenkritisches Buch veröffentlicht. Der Autor plädiert darin für eine Rückbesinnung auf den Glauben. Die Kirchenzeitung druckt vorab einen Auszug.

Jesus war kein Theologe. Matthäus, Lukas, Markus und Petrus wohl auch nicht, am ehesten noch Paulus. Man könnte einen großen Streit anzetteln, ab wann die Theologie als Lehre von Gott und den christlichen Glaubensinhalten entstand und wen wir als ersten Theologen anerkennen. Doch ist es für den Glaubenden überhaupt nötig, Theologe zu sein? Niemand, nicht einmal Theologen würden behaupten, dass eine Voraussetzung für den Glauben darin besteht, dass der Glaubende zugleich auch Theologe ist. Dass die »Gotteswissenschaft« eine große, ernste und wichtige Wissenschaft ist, soll mit keiner Silbe in Abrede gestellt werden. Sie ist es aber nur, wenn sie nicht zu einer Art Politikwissenschaft mit eingebautem Heiligenschein verkommt, sondern Rede von Gott und seiner Beziehung zu den Menschen bleibt, wenn sie von den letzten und ersten Dingen menschlicher Existenz spricht und keine Rücksicht auf Applaus, Establishment und Mainstream nimmt.

Der Hirte und die Herde: Das Bild der christlichen Gemeinde gerät immer mehr ins Wanken. Hat die Kirche über ihr weltliches Engagement den Glauben verloren? Foto: Bergringfoto – stock.adobe.com

Der Hirte und die Herde: Das Bild der christlichen Gemeinde gerät immer mehr ins Wanken. Hat die Kirche über ihr weltliches Engagement den Glauben verloren? Foto: Bergringfoto – stock.adobe.com

Weder bin ich Theologe noch Pfarrer noch Bischof. Auch hege ich nicht den Wunsch, es zu werden. Ich bin nichts weiter als ein evangelischer Christ, Lutheraner. Aber als Lutheraner trage ich wie jeder andere Christ, wie jedes andere Glied unserer Kirche, für diese Kirche Verantwortung. Es kann mich nicht unberührt lassen, wenn Freunde und Bekannte, Christen, die ich schätze, die Kirche verlassen – oft, nachdem sie jahrelang mit sich gerungen haben.

Es kann mich nicht kaltlassen, wenn andere, wie oft auch ich, sich damit quälen, dieser Kirche anzugehören, sie mitzutragen, weil in Christi Kirche an die Stelle des Glaubens immer stärker bloße Gesinnung – oft umschrieben mit »Werten » oder »Haltung« – tritt.

Ich kann und will und werde nicht dazu schweigen, wenn Exklusionen und Herabsetzungen von Christen erfolgen, weil ihre politischen Überzeugungen nicht in das Schema einer Gesinnung passen, die einem grundlosen Optimismus folgt, der nur aufrechtzuerhalten ist, wenn man die Realität verdrängt. Auf welch schwachen Füßen dieser sich »humanistisch« nennende Optimismus steht und wie realitätsblind er ist, führt die Behauptung vor, dass jeder »halbwegs intelligente Mensch weiß, dass ihre Parolen (die der Populisten) keine Probleme lösen«. Denn jeder »halbwegs intelligente Mensch weiß« auch, dass die »Populisten« diese Probleme nicht geschaffen haben.

In der schönen, hellen Welt des evangelischen Poesiealbums, in dem der Mensch »eigentlich« gut ist, kommt die Realität nur als finsterer Geselle vor. Sein grundloser Optimismus benötigt genau dort, wo er der Wirklichkeit nicht mehr auszuweichen vermag, den Not­ausgang der Verschwörungstheorie, muss die Grenzen seiner braven Vorstellung mit heimtückischen Konspirateuren, mit »Welteneindunklern », die man in den »konservativen Ecken der Kirche« besonders oft anträfe, bevölkern. Diejenigen, die in dieser wenig christlichen Weise Menschen in Ecken stellen, sollten sich an den Psalm 118 erinnern: »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.«

Ich schreibe dieses Buch aus der Vollmacht heraus, die Martin Luther jedem Christen in der Freiheit eines Christenmenschen zuerkannte, aus Verantwortung der Kirche gegenüber und weil ich will, dass unsere Kinder eine Zukunft in diesem guten Land haben, eine Zukunft, in der sie sich frei und ohne Repressalien zu fürchten zum Christentum, zu Christus bekennen können.

Es tut der Kirche nicht gut, wenn Glieder der Kirche, Schwestern und Brüder in Christus, kirchenamtlich heruntermoralisiert werden! Im Gegenteil: Es spaltet die Kirche. Ich wünsche mir, dass all jene, die ähnlich empfinden und denken, nicht die Kirche verlassen oder still weiter an ihrer Kirche leiden. Ich wünsche ihnen, dass sie die Angst verlieren, in Ecken gestellt zu werden, und in den Disput über den Zustand unserer Kirche eintreten. Denn die Kirche wurde nicht für die Frau Bischöfin oder den Herrn Pfarrer gestiftet, sondern für alle Christen gleichermaßen, sie ist »die Gemeinschaft der Heiligen«, die Gesamtheit ihrer Glieder.

Klaus-Rüdiger Mai

Mai, Klaus-Rüdiger: Geht der Kirche der Glaube aus? Eine Streitschrift – Ev. Verlags­anstalt, ISBN 978-3-374-05305-6, 15,00 Euro

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Mitten im Tod, mitten im Leben

30. März 2018 von redaktionguh  
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Karfreitag und Ostern im Angesicht des Todes. Unser Gastautor hat Krebs. Wie er als »berufener Diener des Wortes« damit umgeht und was seine Hoffnung ist, hat er hier aufgeschrieben:

Es gab Zeiten, da galt der Karfreitag als höchster evangelischer Feiertag. Dass Christus für uns gestorben ist, wurde in feierlich-ernsten Abendmahlsgottesdiensten begangen. Diese Zeiten sind lange vorbei.

»doloris mysteria« – schmerzhafte Geheimnisse: Die Collage aus Radiogrammen stellt den nach der Kreuzabnahme aufgebahrten, leblosen Christus dar. Die Gegenwartskunst des Weimarer Künstlers Michael Merkel ist als neue Dauerleihgabe im Altenburger Lindenau Museum zu sehen. Foto: Michael Merkel

»doloris mysteria« – schmerzhafte Geheimnisse: Die Collage aus Radiogrammen stellt den nach der Kreuzabnahme aufgebahrten, leblosen Christus dar. Die Gegenwartskunst des Weimarer Künstlers Michael Merkel ist als neue Dauerleihgabe im Altenburger Lindenau Museum zu sehen. Foto: Michael Merkel

Ich kenne Christen, engagierte Gemeindeglieder, die gehen Karfreitag gerade nicht in die Kirche, sondern erst am Ostersonntag. Mit Tod und Sterben wollen sie nicht noch im Gottesdienst belästigt werden, wo doch in unserer Welt schon genug gelitten und gestorben wird. Sie wollen das Leben feiern und nicht den Tod.

Der höchste Feiertag der ganzen Christenheit ist selbstverständlich Ostern und nicht Karfreitag. Jesus ist gestorben, das müssen alle Menschen einmal. Wenn auch meistens nicht so grausam. Aber Jesus hat den Tod besiegt.

Vor wenigen Monaten ist mir der Tod sehr nahe gekommen. Ich hatte ihm bisher immer gesagt: »Du hast noch Zeit. Komm später wieder.« Als ich ihm mit 20 Jahren knapp von der Schippe gesprungen war, habe ich es erst hinterher erfahren, wie ernst es war. Als ich mit 30 eine bösartige Erkankung des Lymphsystems hatte, habe ich auf die guten Heilungschancen vertraut, und es wurde wieder gut. Als ich mit Mitte 40 einen Herzinfarkt bekam, konnte mir rechtzeitig geholfen werden. Jetzt, bald Mitte 50, fanden sie einen Tumor an meiner Bauchspeicheldrüse mit Metastasen; keine Art von Krebs hat schlechtere Prognosen.

Immer wieder geht mir ein Vers aus dem »Osterpsalm« 118 durch den Kopf: »Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen« (Ps 118,17). Das ist ein gutes Motto für mein Leben mit und meinen Kampf gegen den Krebs. Es stimmt Tag für Tag. Jeden Morgen, wenn ich aufstehe, ist das ein Stück Auferstehung: Ich lebe! Und ich lebe als Glaubender, als Hoffender, als Liebender. Die meisten wissen das. Und viele, die von mir hören, lesen, mit mir reden, mich besuchen, sind erstaunt darüber, wie ich mit meiner Krankheit umgehen kann. Das bin nicht ich; das ist Gottes Werk an mir.

Und dann ist da noch ein Wunder: Dass entgegen der schlechten Prognosen die Chemotherapie sehr gut angeschlagen, die Metastasen abgetötet und den Tumor wieder ganz klein gemacht hat. Ich hoffe, er lässt sich bald wegoperieren. – Ob daraus das ganz große Wunder der Heilung wird, weiß ich nicht. Aber ich habe Hoffnung – jedenfalls noch für etliche Monate, vielleicht Jahre: »Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen.« Vielleicht sogar wieder auf der Kanzel und im seelsorgerlichen Gespräch – »als ein berufener Diener des Wortes«.

Karfreitag: Jesus ist gestorben. Ich werde sterben, ob schon bald oder erst in etlichen Jahren. Alle Menschen müssen sterben. Der Tod definiert uns. Er zwingt uns zum Leben, weil wir nur begrenzte Zeit haben. Ohne Tod gibt es kein Leben.

Trotzdem nennt die Bibel den Tod einen Feind. Es ist richtig, für das Leben zu kämpfen – für das eigene und das der anderen. So wie Ärzte gegen den Tod kämpfen oder Friedensaktivisten oder Lebensschützer, die das Töten verhindern wollen, oder auch Soldaten oder Polizisten, die im Ernstfall gerade um des Lebens willen töten müssen … Oder wie Jesus, der Kranke heilt, Tote erweckt und sich doch selber in den Tod opfert, um vielen – der Glaube sagt: uns allen – das Leben zu bewahren.

Gerade im Tod hat er den Tod besiegt. Ohne Karfreitag gibt es kein Ostern. Aber der Auferstandene hat den Tod hinter sich gelassen: »Ich werde nicht sterben, sondern leben« – Wir Christen legen diesen Satz Christus in den Mund. Und wir sprechen ihn selber mit, weil wir darauf vertrauen, dass wir dorthin kommen werden, wo der Tod tot sein wird. Ohne Ostern hätte auch Karfreitag keinen Sinn.

Roland Herrig

Der Autor ist Pfarrer in der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Sebnitz/Sachsen.

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Mission in der Region

23. März 2018 von redaktionguh  
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»Gehet hin und lehret alle Völker«, so lautet der sogenannte Missionsbefehl Jesu in der neuen Lutherbibel. Früher: »macht zu Jüngern alle Völker«. Mission ist möglich, nicht überall, aber immer, meint unsere Gastautorin.

Pep Guardiola hat eine, Daimler-Benz, die Sparkasse und einige andere auch: eine Mission. Bei den einen heißt das »Mission Meisterschaft«, bei den anderen »Mission Marktführerschaft« oder »Mission Finanzcheck«. Sie haben es nicht schwer mit dem Wort »Mission« und bringen damit ein Ziel, ihre Motivation, eine Zukunftshoffnung, ihren Auftrag zum Ausdruck.

In der Kirche fremdeln jedoch viele mit diesem Begriff und mit dem, was sich dahinter verbirgt. Oder was unterstellt wird, dass es sich dahinter verbirgt: zum Glauben gezwungen, bestimmte moralische oder ethische Verhaltensnormen, sonntags immer in den Gottesdienst gehen. Die Palette ist lang, auf der aufgelistet wird, warum Mission heute in der Kirche nicht mehr geht oder gehen kann.

Wir tragen ganz offenbar schwer an den Missionsstrategien unserer Vorfahren und den ganz unterschiedlichen Spielarten von eher gewaltsamen Wegen, andere zum Glauben zu bringen oder gar zu zwingen. Darf die Kirche heute noch missionieren?

Mittendrin: Im Wohngebiet am Erfurter Herrenberg steht die evangelische Gustav-Adolf-Kirche. Die Kirche wurde 1900 auf freier Flur errichtet. 1980 entstand der Plattenbau-Stadtteil, der die Kirche heute umgibt. Foto: Willi Wild

Mittendrin: Im Wohngebiet am Erfurter Herrenberg steht die evangelische Gustav-Adolf-Kirche. Die Kirche wurde 1900 auf freier Flur errichtet. 1980 entstand der Plattenbau-Stadtteil, der die Kirche heute umgibt. Foto: Willi Wild

Ja, wenn sie darunter versteht, dass das Evangelium von Jesus Christus immer eine Einladung ist, Gott kennenzulernen. Wenn klar ist, dass diese Einladung nie eine Vorladung ist und nie sein kann. Wenn jede Einladung immer auch berücksichtigt, dass glauben zu können nicht in unserer Macht steht, sondern Geschenk Gottes bleibt. Wenn ich als Einladende weiß, dass ich selbst im Dienst Gottes stehe.

Dem Gegenüber steht ein klares »Nein«, wenn missionieren bedeutet, unter Zwang gesetzt zu werden. Wenn es meint, dass als Christ zu leben die einzige Form ist, wie man – vermeintlich – richtig lebt. Wenn die Freiheit des anderen durch missionierendes Tun missachtet wird. Gott sendet Menschen aus, in der Nachfolge Jesu zu leben und in seine Nachfolge einzuladen. Als Christen sind wir in Dienst genommene Jünger. Mit Petrus und Johannes gesprochen: »Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.«
(Apostelgeschichte 4,20).

Mission »ja« oder »nein« ist also gar nicht die Frage. Mission ist kein Arbeitsfeld der Kirche, das man lassen kann oder nicht. Sie ist ein Wesenszug einer lebendigen Kirche. Eine Kirche, die nicht will, dass Menschen von Gott erfahren, Gott erleben können, eigene Wege als Nachfolger Jesu auszuprobieren – wird irgendwann aufhören Kirche zu sein. Denn sie hat sich dann von ihrer Quelle wie von ihrem Sinn entfernt. Eine »missionale« Kirche lässt sich erleben durch diejenigen, die als Jüngerinnen und Nachfolger Jesu mitten in dieser Welt unterwegs sind.

Gibt es ein Rezept für gute beziehungsweise gelingende Mission? Diese Frage höre ich gelegentlich. Und ich antworte: Erzählt einfach von eurem Leben als Christen, von Erfahrungen, von Begegnungen, von euren Fragen und Zweifeln. Lasst andere, die danach fragen, einen Blick bekommen auf die Wege, die Gott mit Menschen geht. »Lasst euch selbst als lebendige Steine zur Gemeinde aufbauen«, wie Petrus schreibt (1. Petrus 2,5).

Lebendige Steine, an denen sich andere orientieren können oder neugierig werden, sich nähern oder in Distanz bleiben. Mission umfasst die gesamte Breite kirchlicher Existenz in der Welt: einladende Verkündigung, diakonisches und soziales Engagement, Verantwortung für die Schöpfung wie für Gerechtigkeit. Mission, verstanden als Teilnahme an der »missio dei«, an Gottes Mission, ist sowohl Ausgangspunkt der Kirche als auch ihre erfrischende und neu belebende Quelle.

Gerade in der Kirche in Mitteldeutschland, die sich in einer der am stärksten entkirchlichten Gegenden der Welt behaupten muss, kann das Mut machen. Ihre Mitglieder dürfen sich als Teil des wandernden Gottesvolkes wissen und dabei lebendig, neugierig, offen, klar im Bekenntnis und einladend sein dürfen, ohne Angst vor neuen Wegen und mit der Kraft von Bewährtem Nachfolge gestalten.

Juliane Kleemann

Die Autorin ist theol. Referentin im EKD-Zen­trum für Mission in der Region.

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Dienen und verdienen

16. März 2018 von redaktionguh  
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Spannungsfeld: 30 000 Mitarbeiter sind in diakonischen Einrichtungen der Diakonie Mitteldeutschland beschäftigt. Für den Dachverband ist der soziale Dienst Ausdruck christlichen Glaubens. Die 1 700 Einrichtungen sind aber auch Teil der Sozialwirtschaft.

Er gilt als der Urvater der Inneren Mission: Johann Daniel Falk (»O du fröhliche«), an dessen 250. Geburtstag in diesem Jahr erinnert wird. Falk wendete sich der Pflege und Erziehung verwaister und verwahrloster Jugendlicher zu. 1813 gründete er dazu die »Gesellschaft der Freunde in der Not«. Im Weimarer »Lutherhof« richtete er ein Waisenhaus und eine Sonntagsschule ein. Er, der sieben seiner insgesamt zehn Kinder begraben musste, sah es als göttlichen Auftrag an, sich den Schwächsten zuzuwenden. Er nannte es das »praktische Christentum«: »Eine Predigt ist keine Tat, aber eine Tat ist eine Predigt«, so Falk. Dabei war ihm das Leben Jesu Vorbild: »Christus hat gar nicht geschrieben, aber viel gehandelt. Wir müssen suchen, dass wir ihm in diesem Stück ähnlich werden.«

Die Falksche Rettungshaus-Idee inspirierte Johann Hinrich Wichern zum Rauhen Haus in Hamburg. Vor 170 Jahren rief er auf dem Kirchentag in Wittenberg zur Gründung der »Inneren Mission« auf. Auch für den Begründer der modernen Diakonie waren, wie für Falk, der Glaube an Gott und die christliche Nächstenliebe Motivation ihres diakonischen Handelns.

Und heute? Welche Rolle spielt der gelebte christliche Glaube als einstiges Alleinstellungsmerkmal? Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, appelliert an die kirchlichen Krankenhäuser, dem Glauben im Klinikalltag mehr Platz einzuräumen. Neben professioneller Sozialarbeit solle auch Zeit und Raum für ein Gebet sein, so Brysch in der katholischen Wochenzeitung »Kirche+Leben«. Wenn es in kirchlichen Krankenhäusern allein ums Geld gehe, »bietet das christliche Türschild keinen Mehrwert«.

Diakonie im Ehrenamt: Die »Grünen Damen« Sabine Werner (links) und Birgit Schäfer besuchen Patienten der Fachklinik für Orthopädie im Marienstift Arnstadt. Foto: Daniela Klose/Marienstift

Diakonie im Ehrenamt: Die »Grünen Damen« Sabine Werner (links) und Birgit Schäfer besuchen Patienten der Fachklinik für Orthopädie im Marienstift Arnstadt. Foto: Daniela Klose/Marienstift

Ein Drittel, rund 600 aller Kliniken in Deutschland, sind in kirchlicher Trägerschaft. Die Diakonie ist nach dem Staat und der Caritas der größte Arbeitgeber. »Es spielt sicher eine Rolle, dass die Kirchen alte Institutionen sind, die sich bis in die Neuzeit hinein behaupten konnten und rechtliche Sonderregelungen haben«, erklärte der Volkswirtschaftler Dominik Enste im Deutschlandfunk. »Basierend auf dieser starken Stellung haben sich die Kirchen durchsetzen können, zumal der Wettbewerb in der Pflege erst langsam Einzug gehalten hat.«

Die Diakonie arbeitet heute in einem stark gewandelten Umfeld, so Harald Christa. Der Professor für Sozialmanagement an der Evangelischen Hochschule Dresden stellt fest, dass die diakonischen Anbieter auf dem »Sozialmarkt« gezwungen sind, die Aufwands- und Ertragsseite ihrer Arbeit im Blick zu haben, um konkurrenzfähig zu sein.

Eine deutliche Unterscheidung zu privaten Trägern gibt es für die Mitarbeiter. Bei der Diakonie gilt ein besonderes Arbeitsrecht. Angestellte akzeptieren beispielsweise mit ihrem Arbeitsvertrag, dass die Einrichtung, in der sie arbeiten, Teil der Kirche ist. Für Pfarrer Andreas Müller, den Direktor des Arnstädter Marienstifts, ist die Praxis christlichen Lebens einer der wichtigen »weichen Faktoren« diakonischen Wirtschaftens.

In der evangelischen Klink erwarteten die Patienten, egal ob konfessionell gebunden oder nicht, den Geist christlicher Nächstenliebe. Angebote wie Andachten und Gottesdienste seien Ausdruck der christlich-diakonischen Prägung der Stiftung. In Seminaren für die Mitarbeiter werde zudem regelmäßig das evangelische Leitbild der Einrichtung erläutert.

Die Chancen diakonischer Träger, das eigene Profil gerade im Wettbewerb mit anderen zu entwickeln, sieht der Vorstandsvorsitzende der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein, Klaus Scholtissek. Das Beispiel Jesu gehe über die tätige Nächstenliebe hinaus. Vielmehr solle man Menschen mit ihren existenziellen Fragen nicht alleine lassen und ihnen Zeugnis geben »über die Hoffnung, die in euch ist«. Da könnten sich Kirche und Diakonie noch mehr als gegenseitige Ressourcen verstehen und bereichern, so Scholtissek.

Willi Wild

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»Sünde« – ein fremder Begriff

9. März 2018 von redaktionguh  
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Verloren: Jesus trägt die Sünde der Welt – darum geht es in der Passionszeit. Doch immer weniger Menschen können sich darunter noch etwas vorstellen.

Verstehen Sie den Begriff Sünde noch? Bei einer gleichlautenden Umfrage im Internet unter Kirchenmitgliedern in Sachsen gab es folgendes Ergebnis: 76 Prozent der Antwortenden meinten: Ja, er ist wichtig für meinen Glauben. Nur 15 Prozent halten ihn für zu negativ und veraltet. »Außerdem ist er missverständlich und muss Außenstehenden immer erst erklärt werden«, begründet etwa eine Befragte ihr Nein. Repräsentativ ist diese Umfrage allerdings nicht.

Denn insgesamt sind es nur noch zehn Prozent, die noch persönlich an so etwas wie Sünde glauben, hat das Meinungsforschungsportal Statista bei einer Umfrage unter 1 020 Deutschen im letzten Jahr herausgefunden. Die Mitgliederumfrage der EKD oder der Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung dagegen haben gar nicht erst nach der Sünde gefragt, erklärt der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel und ergänzt: »Ich vermute, dass der Gedanke der Sünde für die meisten Gläubigen immer mehr aus dem Blick rückt.«

In Medien und in der Alltagssprache ist das Wort längst banal geworden: als Park- oder Steuersünde etwa. Oder gar als etwas Verlockendes. »Nur eine kleinere Zahl eher frommer Menschen dürfte noch ein strengeres Distanzverhältnis zur Sünde haben«, so Pickel. Das bestätigt auch eine repräsentative Umfrage aus Österreich. Bloß acht Prozent der Befragten verbinden mit Sünde, »nicht an Gott zu glauben«. Dieser Wert liegt auf einer Ebene mit dem zu schnellen Fahren des »Tempo­sünders« oder zu ausgiebigem Essen und Trinken.

Foto: Howgill – stock.adobe.com

Foto: Howgill – stock.adobe.com

Was für die meisten Österreicher aber tatsächlich als Sünde verstanden wird: Stehlen (63 Prozent), falsche Beschuldigungen (59 Prozent) oder den Partner mit jemand anderem betrügen (54 Prozent). »Mit der Religiosität ist auch der Begriff der Sünde auf dem Rückzug«, interpretiert der Chef des Linzer Market-Instituts, Professor Werner Beutelmeyer, diese Ergebnisse seiner Umfrage. Aber haben die Menschen damit auch vergessen, was Sünde meint? Dieser Schluss wäre voreilig.

Eine Befragung von 8 200 Berufsschülern in ganz Deutschland kommt nämlich zu einem anderen Ergebnis. Zwei Drittel von ihnen verbinden mit Sünde den »Missbrauch von Vertrauen«. »Sünde ist für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen allererst eine Beziehungstat im sozialen Nahbereich«, schreibt der Braunschweiger Soziologie-Professor Andreas Feige in seiner Studie. Genau darum ging es übrigens auch in der biblischen Geschichte vom Sündenfall im Paradies: um gebrochenes Vertrauen und um gebrochene Beziehungen.

Und so verbinden die meisten Jugendlichen in dieser großen Umfrage mit Sünde das Fremdgehen in einer Partnerschaft, Gewalt, Lüge und Diebstahl. Traditionell Anrüchiges wie sexuelle Beziehungen vor der Ehe oder Homosexualität dagegen ist für sie am wenigsten Sünde.

Denn sie gehen von Einvernehmen und Liebe aus – also von heilen Beziehungen, dem Gegenteil ihrer Vorstellung von Sünde. Gott kommt in den Antworten der jungen Erwachsenen freilich nicht vor. Also haben auch sie nur einen trivialen Sündenbegriff, weit entfernt von biblischer Tiefe?

In der Bibel jedenfalls ist Gott mitten in den Beziehungen zwischen Menschen. Und Sünde ist das Zerreißen der Beziehungen – also Misstrauen, Verrat, Lüge und Gewalt, so wie in den Antworten der Umfragen. Das war bei Adam und Eva so, bei Kain und Abel, bei Jesus am Kreuz. Gott ist mittendrin und leidet mit. So wie viele Menschen heute, auch wenn ihnen der Begriff »Sünde« längst fremd geworden ist.

Die Kirche kann traurig darüber sein, dass immer mehr Menschen ihre Worte nicht verstehen. Sie kann aber auch nach dem lebendigen Kern in ihnen suchen. Sie wird bei vielen Menschen auf eine Sehnsucht nach heilen Beziehungen treffen, das zeigen die Umfragen. Das Thema der Sünde hat sich nicht erledigt.

Andreas Roth

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Die Frauen von Surinam

2. März 2018 von redaktionguh  
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Weltgebetstag: Ein selbst­bestimmtes Leben zu führen, ist für viele Frauen in Surinam ein ferner Traum. Mädchen werden schon als Teenager schwanger, und die Väter entziehen sich der Verantwortung. Die Kirchen werben für ein neues Rollenverständnis.

Im tropischen Naturparadies Surinam bewegt sich etwas. Kirchen, Ministerien und Unternehmen ergreifen Partei in dem südamerikanischen Land. Zu lange sei man nachsichtig mit Männern gewesen, die ihre Frauen und Kinder schlagen, erklärt Margo Bean, Direktorin der Stiftung »Stop Geweld Tegen Vrouwen« (Stoppt Gewalt gegen Frauen). Doch nun gehe die Gesellschaft dagegen vor. Die Kooperation überspringt religiöse und ethnische Grenzen in Surinam, aus dem die Lieder und Texte für den diesjährigen christlichen Weltgebetstag der Frauen am 2. März kommen.

»Wir sind Anlaufpunkt für Frauen und Mütter, die aus dem Teufelskreis von Schlagen-Vergeben-Wieder-Schlagen herauswollen«, sagt Bean. »Und für Männer, die so erschrocken sind über die eigene Brutalität, dass sie lernen wollen, ihre Aggressionen anders auszuleben.« Mittlerweile schule die Organisation Lehrer und Polizisten, damit sie den richtigen Umgang mit Opfern und Tätern finden.

Häusliche Gewalt ist unter den 550 000 Einwohnern Surinams kein Arme-Leute-Problem und auch nicht auf bestimmte Glaubensgemeinschaften beschränkt. Obwohl langsam ein Umdenken einsetzt, ist die Realität oft schwierig. »Wenn junge Frauen vom Lande, egal welcher ethnischen Herkunft, in der Schule oder bei der Ausbildung in der Stadt lernen, dass sie die Gewalt ihrer männlichen Verwandten oder Bekannten nicht erdulden müssen, gibt es in den Dörfern Ärger«, sagt Bean. »Viele bleiben dann in der Stadt, weil sie gleichberechtigt leben wollen.«

Titelbild des Weltgebetstages, in dessen Mittelpunkt das südamerikanische Land Surinam steht.

Titelbild des Weltgebetstages, in dessen Mittelpunkt das südamerikanische Land Surinam steht.

Ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ist für Frauen in Surinam oft schwer. Jedes fünfte Mädchen wird schwanger, bevor es 17 Jahre alt ist, und die Zahl der Teenagermütter steigt. Den Mädchen mangelt es an Aufklärung und Selbstbewusstsein, wenn die Jungs allzu drängend werden. Der katholische Bischof Marinus Choennie beklagt, dass verantwortungsvolle männliche Rollenbilder fehlten: »Wir müssen die Familien unterstützen, vor allem die ›vaterlosen‹ Kinder, die hier geboren werden.« Das fängt bei den Schulen an. Die Kirchen versuchen, die großen Lücken im staatlichen Bildungssystem zu füllen.

In der Herrnhuter Brüdergemeine, der größten evangelischen Kirche in Surinam, engagieren sich Christinnen für die Gleichberechtigung. Viele Frauen hätten beruflich Erfolg, fänden nun aber keinen Partner, weil die Männer den Anschluss verpasst hätten, berichtet Muriel Held, Biologin und Koordinatorin eines kirchlichen Bildungsprojekts, das sich an beide Geschlechter wendet: »Wir müssen auch die Jungs mitnehmen.«

Junge Männer und Frauen finden oft trotz guter Ausbildung keine Arbeit und ziehen in die frühere Kolonialmacht Niederlande oder in die USA, wo jetzt schon 350 000 Surinamer leben. Von dort schicken sie Geld nach Hause – ohne die Überweisungen aus dem Ausland käme manche Familie kaum über die Runden.

Surinam ist hoch verschuldet. Der Abbau und Export des Aluminium­erzes Bauxit, lange eine der wichtigsten Einnahmequellen, geriet ins Stocken. 2016 schrumpfte die Wirtschaft um zehn Prozent. Neue Investoren fehlen. Der Staat zahlt seinen Bediensteten oft monatelang keine Löhne, während die Teuerungsrate immer noch etwa neun Prozent beträgt. Trotz der Wirtschaftsprobleme leben in Surinam Menschen mit amerikanischen, europäischen, afrikanischen und asiatischen Wurzeln im Frieden miteinander.

Große Hoffnungen setzt Surinam auf den Naturtourismus. Die Vielfalt der Flora und Fauna faszinierte vor 300 Jahren schon die Frankfurter Forscherin und Künstlerin Maria Sibylla Merian, die 1699 nach Surinam reiste, damals Niederländisch-Guyana. Die Ananas schmecke wie eine Mischung aus Aprikosen, Trauben, Äpfeln und Beeren, schrieb Merian. Auch heute wissen die Christinnen des Landes um die Bedeutung der Natur. »Gottes Schöpfung ist sehr gut!« setzten sie als Titel über die Liturgie für den Weltgebetstag.

Freddy Dutz  (epd)

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Wegbereiter der Revolution

23. Februar 2018 von redaktionguh  
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Das Jahr 1988: Das Reformprogramm von Gorbatschow stieß in der DDR auf Widerstände. Die greisenhaft versteinerte SED-Führung witterte Gefahr, ihr Machtanspruch könnte infrage gestellt werden.

Chefideologe Kurt Hager beantwortete eine Reporterfrage nach dem Reformvorbild Sowjetunion mit der Gegenfrage: »Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?«

Collage: Adrienne Uebbing

Collage: Adrienne Uebbing

Die einige Monate später im Oktober 1987 in Görlitz tagende Synode des DDR-Kirchenbundes glaubte allerdings, Hager sei inzwischen überholt und der Reformzug habe auch in der DDR an Fahrt gewonnen. Man dachte vor allem an zwei Ereignisse, die im September stattgefunden hatten: die Reise Erich Honeckers nach Westdeutschland und die Veröffentlichung eines Dokumentes unter dem Titel »Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit« im SED-Zentralorgan »Neues Deutschland«. Der Text war aus einem Dialog zwischen Vertretern der SED und der SPD hervorgegangen und enthielt Aussagen wie: »Die offene Diskussion über den Wettbewerb der Systeme, ihre Erfolge und Misserfolge, Vorzüge und Nachteile, muss innerhalb jeden Systems möglich sein.«

Als die Synode, dadurch ermutigt, eine couragierte Entschließung zur Friedensfrage verabschiedete, sah die SED jedoch eine rote Linie überschritten und Hager durfte die Reformbremse wieder anziehen. Die Hoffnungen des Herbstes erwiesen sich als Illusionen. Den Kirchen und dem ganzen Land stand mit dem Übergang in das Jahr 1988 ein Winter des Missvergnügens bevor.

Alle Befürchtungen wurden Realität in den sogenannten Berliner Ereignissen. Dazu gehörte eine Stasiaktion gegen die Umweltbibliothek der Zionsgemeinde und im Januar 1988 der Einsatz von Gewalt, als Regimekritiker sich am offiziellen Luxemburg-Liebknecht-Gedenkmarsch beteiligen wollten mit Plakaten, die das Luxemburgzitat variierten: »Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden!« In beiden Fällen kam es zu Mahnwachen und Solidaritätsaktionen mit den Gefangenen und Ausgewiesenen.

Jetzt zeigte sich, dass im Umfeld der Kirchen zwei schon länger bestehende Bewegungen immer mehr in die Öffentlichkeit drängten: einerseits Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen, andererseits die Antragsteller auf ständige Ausreise aus der DDR. Für die Kirchenorganisationen, ihre Gemeinden und Leitungen bedeutete das, für alle da sein zu müssen, die ihrer Hilfe bedurften. Allerdings verstand nicht jeder das Bestreben, als Helfer das kirchliche Profil wahren zu wollen.

Einen überaus wichtigen Beitrag für das Gelingen der am Horizont heraufziehenden Revolution haben 19 Kirchen und kirchliche Gemeinschaften in Gestalt der »Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung« geleistet, deren erster Abschnitt im Februar 1988 in Dresden begann.

In den Beratungsergebnissen, in denen sich das Versammlungsmotto spiegelte, erblickten die Aufpasser von SED und Stasi jedoch den Versuch »bestimmter Kräfte«, die »Kirche im Sozialismus« zu einer Opposition gegen den Sozialismus umzugestalten. Für den Gegenschlag wurde das staatliche Presseamt in Stellung gebracht. Das hatte der Kirchenpresse verboten, über die Ökumenische Versammlung zu berichten. Dieses Verbot war gegen den Widerstand auf Seiten der Kirchen nicht vollständig durchsetzbar.

Umso stärker wütete die Zensur in den folgenden Monaten, als in der DDR mehrere Kirchentage stattfanden, darunter ein Treffen in Erfurt. »Glaube und Heimat« erlitt sieben Eingriffe, zweimal durfte sie nicht erscheinen. Auf den Kirchentagen selbst konnte jedoch frei über die immer notwendiger werdende Umgestaltung der DDR gesprochen werden. »Umkehr führt weiter« hieß es in Erfurt.

Die SED-Oberen blieben auch in der zweiten Hälfte des Jahres 1988 bei ihrer Politik der Verweigerung. In ihrer Ablehnung jeglicher Veränderungen riskierten sie sogar den Konflikt mit dem Reformer Gorbatschow. Sowjetische Filme und Publikationen wie das beliebte Magazin »Sputnik« wurden aus dem Vertrieb in der DDR herausgenommen. Die Revolution näherte sich mit großen Schritten.

Gottfried Müller

Der Autor war von 1981 bis 1990 Chefredakteur von »Glaube und Heimat«.

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Evangelische Marktwirtschaft

16. Februar 2018 von redaktionguh  
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Arbeit als Gottesdienst: Das Verhältnis der Protestanten zur Wirtschaft war immer vielfältig. Da ist zum einen der Stolz darauf, dass sie es waren, die ein modernes, produktives Wirtschaften überhaupt erst in Gang setzten.

Ohne Luthers und Calvins Berufsethik und ihr Dienstethos, ohne Sparsamkeit und Hingabe an die Arbeit keine protestantische Arbeitsethik, kein ehrbares Handwerk und auch kein Unternehmertum. Die Reformatoren erklärten die Arbeit zum Gottesdienst, weswegen sie viele Feiertage abschafften und religiöse Energien in den Alltag umleiteten. Seitdem, so wird immer wieder gerne erzählt, waren die evangelischen Gegenden, besonders die reformierten, wirtschaftlich ganz vorne. Genau deswegen – nicht aus Nächstenliebe – holte seinerzeit der Große Kurfürst die strebsamen Hugenotten nach Brandenburg und Berlin.

Und so blieb das auch bis ins 19. Jahrhundert hinein. Die großen Unternehmergestalten der Gründerjahre: mit großer Mehrheit Protestanten. Lange blieben die katholischen Gegenden im Rückstand. Protestantismus und Wirtschaft legitimierten sich so gegenseitig: Wer modern sein wollte, der gehörte zu beidem dazu, war liberal – und mit Verachtung schaute man auf die anderen, die anscheinend in jeder Hinsicht rückwärtsgewandten Katholiken.

Aber da gab es durchaus auch Bedenken. Die neue Wirtschaft, bald als Kapitalismus bezeichnet, sprengte in ihrer Aggressivität alles, was die Gesellschaft bis dahin zusammengehalten hatte: moralische Maßstäbe, Gemeinschaften, Schutz der Schwachen, Ordnungen aller Art, die Orientierung und Halt vermittelten. Je länger desto deutlicher schien nun nur noch das Geld, der Profit, die Konkurrenz zu regieren. Der Mensch – nur noch Mittel zum Zweck? Was hatte man da bloß losgetreten? Die Protestanten begannen sich zu besinnen und verpflichteten nun den Staat, um auch in der Wirtschaft mit Gesetzeskraft »von oben« für menschliche Maßstäbe zu sorgen. Dafür wurde ein »soziales Königtum« gefordert und einer der ganz großen evangelischen Reformer, Bismarck, bekannte sich gar – mit vielen anderen – als »Staatssozialist« – was allerdings mit dem Sozialismus der Arbeiterbewegung nichts zu tun hatte. Den lebendigen Kontakt zu ihr verlor die obrigkeitstreue Kirche. Und als dann 1919 die Könige und der Kaiser über Nacht verschwanden, wurden die Protestanten reaktionär – mit fürchterlichen Folgen. Zur Wirtschaft verloren die meisten den Bezug; man zog sich in den sozialen Bereich zurück. Innere Mission und Diakonie wurden zu Bewährungsfeldern der evangelischen Christen, während die Katholiken sehr erfolgreich die deutsche Wirtschafts- und Sozialordnung prägten.

Kirchturm – Geldtürme: Die Skyline des Bankenviertels in Frankfurt am Main. Mittendrin der Kirchturm der evangelischen Hauptkirche St. Katharinen. Seit 1802 ist sie Eigentum der Stadt Frankfurt, die seitdem für den Unterhalt verantwortlich ist. Foto: Jörg Hackemann / travelview – stock.adobe.com

Kirchturm – Geldtürme: Die Skyline des Bankenviertels in Frankfurt am Main. Mittendrin der Kirchturm der evangelischen Hauptkirche St. Katharinen. Seit 1802 ist sie Eigentum der Stadt Frankfurt, die seitdem für den Unterhalt verantwortlich ist. Foto: Jörg Hackemann / travelview – stock.adobe.com

Aber dann waren es 1945 im Westen wiederum hauptsächlich Protestanten, die nun etwas völlig Neues konzipierten: die Soziale Marktwirtschaft als Dritten Weg zwischen angelsächsischem liberalen Marktkapitalismus und dem realen Sozialismus in der DDR und anderswo. Im Osten blieben Christen von politischer Mitgestaltung ausgeschlossen. Die Idee war: Man braucht eine starke unternehmerisch angetriebene Marktwirtschaft, um eine flexible Versorgung der Menschen sicherzustellen – und man braucht sozialen Ausgleich. Konkurrenz in der Wirtschaft ist nötig, um Machtballungen zu verhindern. Leistung muss gerecht belohnt werden; etwas, was den Deutschen bis heute ganz wichtig ist. Und natürlich braucht es soziale Sicherungen gegen Armut, Alter, Krankheiten, Arbeitslosigkeit: einen Sozialstaat.

Und heute? Der Wohlstand wächst immer weiter – die durchschnittliche Lebenserwartung steigt alle vier Jahre um ein Jahr. Angst vor Arbeitslosigkeit haben zur Zeit nur wenige Menschen. Und doch gibt es viel Kritik. Die soziale Ungleichheit ist gestiegen.

Deutschland gehört tatsächlich nur wenigen Reichen. Und der Unterschied zwischen Ost und West verschwindet nicht aus der Welt. Neue Trends – Digitalisierung – machen Angst: Wer kann da auf die Dauer noch mithalten? Armut ist gerade im reichen Deutschland ganz bitter, und Hartz IV ist sicherlich kein Ermutigungsprogramm. Ist das wirtschaftliche Leben von christlichen Werten bestimmt? Zweifel bleiben.

Gerhard Wegner

Der Autor ist Direktor des Sozialwissenschaftlichen Institutes der EKD.

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Helau! Und: Amen

9. Februar 2018 von redaktionguh  
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Vor Aschermittwoch kommt der Karneval. Karneval polarisiert. Wo er gefeiert wird, gibt es in der Regel nur: Mitfeiern oder Rückzug. Gebt dem Karneval eine Chance, meint unser närrisch-frommer Gastautor.

Der Bürgermeister von Rio, eines der beiden Weltzentren dieser tollen Tage, weigert sich, den Karneval mitzufeiern oder ihn auch nur zu unterstützen. Er selbst nennt sich evangelikal. So steht er in einer Traditionslinie, die man salopp so formulieren kann: Evangelische sind Karnevalsmuffel.

Da wären wir beim anderen Weltzentrum des Karnevals, in Wasungen, wo noch kein Bürgermeister so eine Distanz wagte. Selbstverständlich hat sich die lutherische Geistlichkeit der kleinen, evangelisch geprägten Stadt von Anfang an gegen die Fastnacht (so der ursprüngliche Name) als katholisches Relikt gestellt, nicht nur wegen der befürchteten Exzesse, sondern wegen der Passionszeit, die, als Fastenzeit verstanden, lediglich ein Ausdruck papistischer Werkgerechtigkeit sein konnte. Der große Wasunger Dichter und Komponist Johann Steurlein, ein treuer und frommer Lutheraner, schrieb hingegen Fastnachtsstücke und schaffte es dennoch in das Evangelische Gesangbuch.

Karneval in Wasungen erfasst und verbindet, über die Generationen, ja, über die Zeiten hinweg, auch die Reformation konnte dem nichts anhaben. Aschermittwoch war damit aber Schluss. Konsequent, aber auch schmerzhaft. Das zeigt den Geist wahrer Tradition – in den umliegenden Dörfern werden dagegen die einstigen LPG-Narreteien, die in der DDR ins Leben gerufen wurden, oft bis kurz vor der Karwoche veranstaltet. Das schmerzt nicht nur den Christen, sondern auch den Karnevalisten.

Seit elf Jahren feiern die Wasunger wieder Aschermittwoch in der Kirche. Jeder Karneval steht unter einem Motto in fränkischer Mundart. So auch der Aschermittwoch. Heißt das Karnevalsmotto in diesem 483. Jahr (so die Geschichtsschreibung): »Ganz Woasinge stätt Koopf«, so lautet das Motto für den Aschermittwochsgottesdienst: »Fass dir ein Herz on komm uff die Föss!« Am Sonntag Sexagesimä sind nach dem Gottesdienst die Palmzweige verbrannt worden, die am letzten Palmsonntag feierlich in die Kirche getragen worden waren; so wird die Asche gewonnen, mit denen die Stirn der Gottesdienstbesucher gezeichnet wird, verbunden mit Jesu Ruf: Kehr um und glaube an das Evangelium!

Im Gottesdienst können die Feiernden in einer Zeit der Besinnung auf Zettel schreiben (oder auch nur auf ihr Herz): Wie kann ich die Tage bis zum Osterfest nutzen? Man mag das als Abkopieren katholischer Bräuche abtun, das wegen des Eventcharakters an der Oberfläche bleibt. Man mag das als ein Mitschwimmen auf der Modewelle »Fasten« misstrauisch beäugen.

Prinz Karneval: Gregor I. Heidbrink aus Finsterbergen (Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf) ist vermutlich der erste Pfarrer, der zum Faschingsprinzen gekrönt wurde (auf dem Foto in der Mitte, links daneben Prinzessin Jeannette I.). Foto: Lutz Ebhardt

Prinz Karneval: Gregor I. Heidbrink aus Finsterbergen (Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf) ist vermutlich der erste Pfarrer, der zum Faschingsprinzen gekrönt wurde (auf dem Foto in der Mitte, links daneben Prinzessin Jeannette I.). Foto: Lutz Ebhardt

Die Wasunger Kirche hat sich aber nicht in eine Eventkirche verwandelt. Der Gottesdienst ist stets getragen von großer Andacht und Ernsthaftigkeit derjenigen, die noch vor kurzem ganz im Ruf »Ahoi« aufgegangen sind. Merkwürdigerweise hat das von Anfang an funktioniert, ohne den Anschluss an Fastenkampagnen aus Hannover. Ganz leicht verstehen die Menschen, gerade auch die jungen unter ihnen, welche Chance diese Zeit der Umkehr bietet. Ihnen fällt meist spontan ein, worum es ihnen gehen könnte: den Verzicht auf den Abgott elektronische Verfügbarkeit.

Allen Skeptikern sei recht gegeben: Das Ziel echten Fastens ist nicht Selbstoptimierung, ob nun gesellschaftlicher, leiblicher oder intellektueller Art; es ist die Chance, sich selbst auf den Grund zu gehen und dabei zu erfahren, dass dieser Grund nicht in uns liegt: Christus trägt uns. Im Verzicht auf das, was uns unnötigerweise bindet – was das ist, kann nur jeder selbst wissen –, stoßen wir auf manchmal sogar schmerzhafte Art an unsere Grenzen und gewinnen doch neue Möglichkeiten, uns für den zu öffnen, in dessen Opfer am Kreuz unsere Freiheit liegt.

Wird die bunte Gesellschaft, die zu Aschermittwoch in die Kirche kommt, werden alle Fastenden hinter der Fastenzeit auch die Passionszeit für sich wahrnehmen? Legen wir diesen Maßstab an, dürften wir wohl auch nicht Weihnachten oder Ostern feiern. Und nun: Ahoi! Und: Amen.

Stefan Kunze

Der Autor ist Pfarrer in Wasungen und steigt dort regelmäßig in die Bütt.

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