Ausnahmezustand an der Elbe

26. Mai 2017 von redaktionguh  
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Das Finale der Kirchentage zum 500. Reformationsjubiläum wird in den Elbauen mitten im Grünen gefeiert. Eine logistische Herausforderung.

Die Fläche am Elbufer misst 40 Hektar oder 56 Fußballfelder. Eine Firma aus Leipzig schafft seit Wochen den Rahmen für die XXL-Veranstaltung zum Abschluss des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentages 2017 mit mehr als 100 000 erwarteten Besuchern. Allein die runde Bühne hat einen Durchmesser von 30 Metern und wird von hinten von einer Tribünenanlage umfasst, auf der während des Abschlussgottesdienstes am 28. Mai 6 500 Blechbläser sitzen. Auf der Wiese davor sitzen, stehen oder liegen dann die Besucher. »Die Bühne ist transparent«, sagt Projektleiter Jörg Wagner: »So haben die Gäste je nach Position eine einmalige Sicht auf die Silhouette von Wittenberg.« Wiesen als Kirchentagsareal kennt der Geschäftsführer des Vereins Reformationsjubiläum 2017, Hartwig Bodmann, bereits aus Bremen, Dresden oder Köln. In den vergangenen 24 Jahren hat er zwölf Kirchentage organisiert. »Nirgendwo war die Herausforderung in Sachen Naturschutz so groß wie in Wittenberg«, sagt Bodmann. Die Wiese liegt in einem Biosphärenreservat, ist aber weder Natur- noch Vogelschutzgebiet. Normalerweise wird sie bewirtschaftet. Für eine Großveranstaltung wie den Kirchentag gibt es etliche Vorschriften und Auflagen, um möglichen Schäden an der Natur vorzubeugen.

6500 Bläserinnen und Bläser gestalten den Abschlussgottesdienst in Wittenberg. Unser Foto entstand beim 34. Deutschen Evangelischen Kirchentag im Stadtpark von Hamburg. – Foto: epd-bild/Matthias Rietschel

6500 Bläserinnen und Bläser gestalten den Abschlussgottesdienst in Wittenberg. Unser Foto entstand beim 34. Deutschen Evangelischen Kirchentag im Stadtpark von Hamburg. – Foto: epd-bild/Matthias Rietschel

Bodmann sieht das als selbstverständliche Verantwortung eines Christen, der sich Gedanken um die Bewahrung der Schöpfung macht: »Alles ist grün. So soll es während des Fests bleiben. Und in diesen ursprünglichen Zustand soll es danach bald wieder kommen.« In früheren Zeiten lagerten hier schon Napoleons Truppen, später die Wehrmacht und die Rote Armee. Für die Jubiläumsfeier ist die Wiese ein besonderer Ort, dessen Charme in der Kombination aus dem Blick, der Weite und dem Grün liegt, sagt Bodmann. Weil der Boden wasserdurchlässig ist, ist er nie matschig. Auch aus diesem Grund ist es ein guter Platz für die Großveranstaltung, so Bod­mann. Beschallt wird das Gelände mit 400 Lautsprechern. Dazu gibt es Licht, Mobilfunkantennen, Fernsehkameras und 16 HD-Leinwände. In einem Glockenturm hängen vier frisch gegossene Glocken der Wittenberger Partnerstadt Göttingen mit einem Gesamtgewicht von 7,5 Tonnen. Sie werden von einem Helferteam per Hand geläutet.

Am Ende des Areals reihen sich 2 000 blaue Toiletten-Häuschen. Selbst wenn mehr als 120 000 Besucher kommen und die 320 000 bestellten Flaschen Wasser austrinken, besteht also kein Grund zur Panik, sagt Wagner. Eigens verlegte Bodenplatten garantieren zudem einen barrierefreien Zugang. Neben rollstuhlgerechten Behindertentoiletten gibt es auch Pflege-Container mit Aufzug und Rampe, um Schwerstbehinderte hygienisch zu versorgen. Während der Veranstaltung gilt auf dem Gelände ein absolutes Fahrverbot, deshalb haben die Organisatoren ein eigenes System zur Müllentsorgung entwickelt. Zwölf Container pressen den Müll, den die mehr als 1 500 Helfer des Kirchentags zu Fuß aus den Abfalleimern einsammeln. Für PET-Flaschen und Trinkbecher gibt es ein Pfandsystem. Sie wurden extra schön gestaltet, dass der eine oder andere sie vielleicht als Souvenir mit nach Hause nimmt, berichtet Projektleiter Wagner. Auch so soll Müll gespart werden.

Hinter der Bühne stehen am Festwochenende die Übertragungswagen der Fernsehanstalten neben der Wetterzentrale des Meteorologen und den Einsatzfahrzeugen des Sicherheitskommandos aus Bund, Ländern und Kommune. Wenn nach anderthalb Tagen alles vorbei ist, machen sich die Eventbauer ans Aufräumen. Die Platten sind schnell wieder eingesammelt, der Abtransport des Schotters kann sich etwas hinziehen, sagt Wagner. Spätestens Mitte Juli ist die Wiese aber wieder so, als sei nie etwas gewesen.

Christina Özlem Geisler (epd)

Kleine Stadt ganz groß

19. Mai 2017 von redaktionguh  
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Unglaublich: Die Lutherstadt hat sich verändert. Reges Treiben in den Straßen. Freundliche Fassaden und freundliche Menschen. Das protestantische Rom lebt. Eindrücke kurz vor Beginn des ganz großen Ansturms.

Ankunft am Hauptbahnhof in Lutherstadt Wittenberg. Zwei Wochen vor dem Festwochenende. Am Bahnhof begrüßt der 27 Meter hohe Aussichtsturm mit dem Umschlag der neuen Luther-Bibel auf den Außenseiten die Gäste. Und Lärm, denn vor dem Bahnhof wird gebaut wie überall in der Stadt.

Der Weg bis ins historische Zentrum zieht sich. Wer jedoch dort angekommen ist, staunt. Man fühlt sich in das mittelalterliche Wittenberg versetzt, wie es Yadegar Asisi in seinem Panorama »Luther 1517« darstellt. Bunt und turbulent. Überall gibt es etwas zu schauen und zu entdecken. Die Stadt brummt. Handwerker hämmern, bohren und zimmern. Alle paar Schritte eine Baustelle, Absperrungen hier und dort. Wer Wittenberg vor einem Jahr einen Besuch abstattete, glaubt sich zu irren. Sollte das der Ort sein, wo vor 500 Jahren die Reformation ihre Geburtsstunde erlebte und von hier aus ihren Lauf um die Welt nahm? Am Abend waren die Bürgersteige hochgeklappt. Nichts los, langweilig, kaum Leute. Das ist heute nicht mehr so. Es brodelt.

Countdown: In einer zwei Meter großen Erdkugel auf dem Wittenberger Marktplatz ist ein Zähler eingebaut, auf dem die Tage, Stunden, Minuten und Sekunden bis zur Eröffnung der Weltausstellung Reformation am Sonnabend angezeigt werden. Im Hintergrund die Türme vom Alten Rathaus (links) und der Stadtkirche (rechts). Foto: Adrienne Uebbing

Countdown: In einer zwei Meter großen Erdkugel auf dem Wittenberger Marktplatz ist ein Zähler eingebaut, auf dem die Tage, Stunden, Minuten und Sekunden bis zur Eröffnung der Weltausstellung Reformation am Sonnabend angezeigt werden. Im Hintergrund die Türme vom Alten Rathaus (links) und der Stadtkirche (rechts). Foto: Adrienne Uebbing

Touristen sind zuhauf in der historischen Altstadt unterwegs, die mit Schlosskirche, Stadtkirche St. Marien, Melanchthonhaus und Luthergedenkstätten, um nur einige der Sehenswürdigkeiten zu nennen, viel zu bieten hat. Die Stadtführer haben reichlich zu tun, etliche bieten ihren Rundgang in Englisch an. Offensichtlich sind zahlreiche Gäste von weither angereist. Cafés und Restaurants, die vor Monaten noch nach Gästen Ausschau hielten, sind heute gut besucht – bei schönem Wetter an Tischen draußen.

Vor dem Alten Rathaus wird die Marktbühne aufgebaut, wo am 20. Mai die Weltausstellung Reformation mit einem Gottesdienst eröffnet wird. Der Titel der Ausstellung »Tore der Freiheit« steht sinnbildlich für die Tore, die mit der Reformation aufgestoßen wurden. Noch bedarf es einiger Fantasie, um sich vorzustellen, wie an den Plätzen, wo heute Bauzäune stehen und Kräne agieren, eine große Freilichtbühne mit Pavillons zu Andachten, Podiumsdiskussionen, Konzerten und anderen Veranstaltungen einladen wird.

Um die Innenstadt in den Wallanlagen entstehen sieben »Torräume« für die Themen Globalisierung, Jugend, Spiritualität, Ökumene und Religion, Kunst und Kultur, Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Die Organisation der Weltausstellung im Freien, bei der in den nächsten sechzehn Wochen unterschiedliche Fragen erörtert werden, ist eine logistische Herausforderung. Angelika Beer aus Berlin gehört zum Team der Organisatoren. Sie koordiniert die Themenwochen. Was veranlasste die junge Frau, sich für diese Aufgabe zu bewerben? Wie sie erzählt, sehnte sie sich danach, etwas aufbauen zu wollen. Nach ihrem Studium – Theologie, Religions-und Kulturwissenschaft – arbeitete sie zunächst einige Jahre im Kulturbüro der Evangelischen Kirche in Deutschland und dann in einem Krankenhaus, wo sie Sterbende begleitete. Im Gegensatz dazu leiste sie jetzt in Wittenberg, wo an allen Ecken und Enden etwas Neues entsteht, Aufbauarbeit. Und das ist nicht nur im übertragenen Sinn zu verstehen.

Ökumene und Religion ist der Schwerpunkt im Torraum 6. Von dem zukünftigen Pavillon steht bislang nur das Gerüst aus Balken. Davor beobachtet eine Reisegruppe das Baugeschehen und rätselt, was mit dem Pavillon nach dem Jubiläum geschehen wird. »Bleibt das stehen oder werden Sie das wieder abbauen«, ruft jemand nach oben. Die Antwort des Handwerkers ist schwer zu verstehen.

Angelika Beer erklärt: Fast alles, was für das Reformationsjubiläum aufgebaut wird, verschwinde danach wieder. Schade eigentlich. Aber sich darüber Gedanken zu machen, ist jetzt noch nicht die Zeit. Denn erst einmal heißt es für die Besucher der Kirchentage: Auf geht’s nach Wittenberg.

Sabine Kuschel

Jobmotor Pflege stottert

12. Mai 2017 von redaktionguh  
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Die Pflege gilt als Arbeitsmarkt der Zukunft, trotzdem plagen die Branche Nachwuchssorgen.

Wenn Steffi Schmaltz und ihr Kollege Hans-Jörg Vollbrecht nach vielen Berufsjahren »auf Station« im Haus Emmaus in Ebersdorf engagiert von ihrer erfüllenden Tätigkeit erzählen (siehe Seite 3) und ihren Beruf jungen Menschen empfehlen, sollte man meinen: Das ist die beste Werbung für die Pflegebranche. Und doch sieht die Realität anders aus.

Foto: Fotolia

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Bei den meisten Schulabgängern gelten Pflegeberufe als wenig attraktiv. Schichtdienste und sowohl körperlich als auch psychisch belastende Arbeitsbedingungen werden als Gründe genannt, auch schlechte Bezahlung und geringe Karrierechancen. Diejenigen, die in der Pflege arbeiten, bekommen häufig zu hören, dass ihre Arbeit wichtig sei, nicht selten werden sie für ihre Berufswahl von Freunden und Bekannten gelobt – »… aber für mich wäre das nichts!«, heißt es dann zumeist.

Auf der anderen Seite kursieren in den Medien immer wieder Berichte zu Pflegenotständen, zu »schwarzen Schafen« in der Branche. Das führt zu einem seltsam zweigeteilten Berufsbild: Wertschätzung für den wichtigen Beitrag für die Gesellschaft einerseits, auf der anderen Seite ein schlechter Ruf.

Die Pflege gilt gemeinhin als – kostenintensive – Last für die Gesellschaft. Das positive Pflegebild in der christlichen Tradition tritt dahinter zurück – ein strahlendes Image ist nicht gerade das, was Pflegeberufe heute auszeichnet.

Und doch: Der Pflegebedarf steigt. Pflegeberufe werden vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und der steigenden Lebenserwartung noch wichtiger als bisher. Doch Bedarfs- und Angebotsprognosen stellen für 2025 ein Defizit von rund 112 000 Vollzeitkräften in Aussicht, so das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Und weiter: Ein Pflegepersonalmangel werde kaum zu verhindern sein. Zukunftsangst in der Zukunftsbranche?

Derzeit ist die Ausbildung noch in die Bereiche Kranken-, Alten- und Kinderkrankenpflege aufgefächert. Das soll sich ab 2019 mit der Einführung einer neuen gemeinsamen Ausbildung für alle Pflegeberufe ändern, auf die sich die Koalition im April geeinigt hatte. Die Diakonie lobte den erzielten Kompromiss und begrüßt vor allem die Evaluation nach sechs Jahren. Denn damit bestehe nach der praktischen Erprobung die Chance auf Einführung einer echten generalistischen Pflegeausbildung, »für die sich die Diakonie Deutschland einsetzt«, so Diakonie-Präsident Ulrich Lilie. Auch der Deutsche Caritasverband sieht in der Ausbildungsreform einen »Schritt in die richtige Richtung«.

Erst vor wenigen Tagen hat der Vorsitzende des Deutschen Evangelischen Krankenhausverbandes (DEKV), Christoph Radbruch, eine umfassende Reform der Patientenbetreuung angemahnt. Auch in Krankenhäusern müsse die wachsende Zahl an hochbetagten oder dementen Patienten mehr berücksichtigt werden. Laut Radbruch ist eine angemessene Betreuung nicht nur eine Frage des Geldes. Bereits jetzt blieben viele im Kostenplan einkalkulierten Pflegestellen unbesetzt, weil Personal fehle. Deshalb müsse der Pflegeberuf attraktiver werden. Solange allerdings Pflegeberufe bei Schulabsolventen als »out« gelten, ist laut BIBB kaum zu erwarten, dass das Angebot den Bedarf zukünftig decken kann.

Übrigens: 94,4 Prozent der Auszubildenden in einem Pflegeberuf würden diesen wieder wählen. Betont werden Spaß und Freude am Beruf, zu diesem Ergebnis kam die »Imagekampagne für Pflegeberufe« auf der Grundlage empirisch gesicherter Daten.

Adrienne Uebbing

Luther und die Deutschen

5. Mai 2017 von redaktionguh  
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Eine weitere nationale Sonderausstellung anlässlich des Reformationsjubiläums hat seit dieser Woche an einem symbolträchtigen Platz ihre Türen geöffnet.

Die Ausstellung »Luther und die Deutschen« führt an einen authentischen Ort der Reformation, auf die Wartburg in Eisenach, wo Luther nach dem Reichstag in Worms 1521 als Junker Jörg Zuflucht fand. Präsentiert werden dort rund 300 Exponate aus den Beständen der Wartburg-Stiftung sowie von nationalen und internationalen Leihgebern.

»Die Wartburg als Erinnerungsort und Nationaldenkmal ist geeignet, um das Verhältnis von Luther zu den Deutschen der vergangenen 500 Jahre zu beleuchten«, so sieht es der Kurator Dr. Marc Höchner. Bereits seit etwa drei Wochen wird im Burghof ein besonderes Ausstellungsobjekt präsentiert: der originalgetreu nachgebaute Kobelwagen, mit dem Luther damals unterwegs war.

Wie hat die Reformation die Deutschen und die deutsche Geschichte beeinflusst? Wie wandelte sich das Bild Luthers, je nach den gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten? Diesen Fragen nähert sich die Schau in drei großen Abschnitten, wobei die gesamte Burg nicht nur Ausstellungsraum, sondern zugleich auch Exponat sei, so der Kurator.

Die nationale Sonderausstellung »Luther und die Deutschen« auf der Wartburg in Eisenach ist bis 5. November 2017 täglich von 8.30 Uhr bis 17.30 Uhr geöffnet. www.3xhammer.de/eisenach/

Die nationale Sonderausstellung »Luther und die Deutschen« auf der Wartburg in Eisenach ist bis 5. November 2017 täglich von 8.30 Uhr bis 17.30 Uhr geöffnet. www.3xhammer.de/eisenach/

Interviews mit Besuchern der Wartburg und mit Experten vermitteln den Ausstellungsbesuchern zu Beginn Einblicke in das, was Luther den Menschen bis heute zu sagen hat. Das erste Kapitel der Schau beschäftigt sich mit der Wartburg, erläutert die geschichtlichen Ereignisse, die dazu führten, dass Luther hierherkam, und was ihn hier umtrieb: die Übersetzung großer Teile der Bibel. Dieses weltgeschichtliche Ereignis dokumentieren Erstausgaben der Übersetzung des Neuen Testamentes, die 1522 erschienen sind. Wie es mit der Wartburg weiterging, nachdem Luther sie verlassen hatte, und bis zu ihrem Umbau im 19. Jahrhundert, wird ebenfalls thematisiert.

Den Einfluss der Reformation auf theologisch-geistiger Ebene beleuchtet der zweite Abschnitt der Ausstellung. Was war das Neue an Luthers Lehre? Was sind die kultur- und geistesgeschichtlichen Folgen? Die älteste Ausgabe des Liedes »Ein feste Burg ist unser Gott« beispielsweise veranschaulicht die Bedeutung des Kirchengesangs im Luthertum. Der Einfluss der Reformation auf das Bildungswesen wird am Beispiel der Universität Jena gezeigt. Ihre Gründung, so Höchner, sei eine direkte Folge der Reformation. Entwicklungen nach Luthers Zeiten, wie Pietismus, Aufklärung und katholische Reformbewegungen, die bis heute ausstrahlen, werden erklärt.

Die Ausstellung widmet sich im dritten Teil den politischen Folgen der Reformation. Sie zeichnet die politische Dynamik des 16. und 17. Jahrhunderts nach – einer Epoche, geprägt von Auseinandersetzungen und Kriegen; bis schließlich nach dem Dreißigjährigen Krieg im Heiligen Römischen Reich drei anerkannte Konfessionen existierten: Luthertum, reformierte Kirche und katholische Kirche.

Abschließend nimmt die Schau die jüngere Vergangenheit, das Lutherbild des 19. und 20. Jahrhunderts, in den Blick. Wie Höchner erläutert, trat dann der Theologe, Prediger und Kirchenmann in den Hintergrund, und Luther wurde als Gründungsfigur des deutschen Nationalstaates betrachtet und dementsprechend negativ beurteilt. Mit diesem Problem seien die beiden deutschen Staaten nach 1945 unterschiedlich umgegangen, wie die Ausstellung darstellt.

Sabine Kuschel

Wenn die Seelsorger fehlen

28. April 2017 von redaktionguh  
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Frühjahrssynode: Das mitteldeutsche Kirchenparlament tagt vom 27. bis 29. April in der Lutherstadt Wittenberg. Dabei geht es den Vertretern der Kirchenkreise und der Kirchenleitung aber nur am Rande um das Reformationsjubiläum.

Die Kirchenälteste ist aufgebracht. E-Mobilität im Verkündigungsdienst sei ja schön und gut. Aber in ihrer Kirchengemeinde hätten sie schon seit Monaten keinen Pfarrer und müssten die Gottesdienste selbst gestalten. Dazu fehle aber die Anleitung oder Unterstützung. Auch im Kirchenkreis von Bernhard Voget sieht man sich aktuell mit einem hohen Krankenstand konfrontiert. Der Agrarökonom aus Körner, der bei der Landessynode den Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen vertritt, beschreibt eine Sehnsucht in den Gemeinden nach geistlicher Leitung. »Wir brauchen mehr Pfarrer« sei eine oft gehörte Forderung. Vertretungsregelungen sind wegen der Arbeitsbelastung der Hauptamtlichen und der fehlenden Ehrenamtlichen oft schwierig. Das Problem der Vakanzen kennt auch Angelika Greim-Harland. Die Superintendentin des Kirchenkreises Arnstadt-Ilmenau hat derzeit vier verwaiste Pfarrstellen zu besetzen. »Wir suchen nach Möglichkeiten, den Verkündigungsdienst von Verwaltungsaufgaben zu entlasten«, beschreibt sie den Versuch, das Gemeindeleben vor Ort zu organisieren.

Synodenpräses Dieter Lomberg sieht vor allem in der Stärkung der Lektorendienste und der Fortbildung der ehrenamtlichen Prediger eine Möglichkeit, das gottesdienstliche Leben in ländlichen Gebieten abzusichern. In seinem Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt würde die Schulung für Lektoren gut angenommen, so Lomberg. Aber er stelle immer wieder fest, dass die Angebote in vielen Kirchengemeinden oft nicht bekannt seien.

In Wartestellung: Noch ist der Tagungsraum im Wittenberger Luther-Hotel leer, vom 27. bis 29. April beraten hier die EKM-Synodalen. Foto: Luther-Hotel Wittenberg

In Wartestellung: Noch ist der Tagungsraum im Wittenberger Luther-Hotel leer, vom 27. bis 29. April beraten hier die EKM-Synodalen. Foto: Luther-Hotel Wittenberg

Ähnlich sei es bei der Wahrnehmung der Synodenbeschlüsse, so Lomberg. Sie kämen zum Teil nicht in den Gemeindekirchenräten an oder würden nicht verstanden. Die Kommunikationswege müssten hier noch mal überdacht und verbessert werden. Bernhard Voget hält es für entscheidend, dass sich die Gemeindeglieder in den Anträgen und Beschlüssen zur Synode wiederfinden und diese nachvollziehen können.

Als Beispiel nannte er das Thema Kindergottesdienst, das über den Evaluationsbericht Teil der Tagesordnung bei der Synodentagung in Wittenberg sein wird. »Als Familienvater bin ich glücklich, wenn es unseren Gemeinden möglich ist, entsprechende Angebote zu schaffen.« Allerdings könne er in einigen der Anträge nicht erkennen, dass sie der Lebenswirklichkeit der Gemeindeglieder entsprächen. Das hänge natürlich auch immer von den Anträgen und Eingaben ab.

Die Themen Ehrenamt und die Organisation des Gemeindelebens ohne hauptamtlichen Verkündiger seien diesmal nicht auf der Tagesordnung der Landessynode, so Präses Lomberg. Er kündigte aber im Gespräch mit der Kirchenzeitung an, dass sich demnächst die Jugendsynode damit befassen wolle. Die Tagesordnung der Frühjahrstagung der mitteldeutschen Landessynode ist wieder sehr vielfältig und breit gefächert. Neben Änderungen zum Gemeindekirchenratsgesetz oder dem Kirchengemeindestrukturgesetz liegen Anträge zur Ächtung von Kriegswaffen, zur Gleichstellung von Lebenspartnerschaften mit der Ehe oder für die fleischfreie Verpflegung zu den Synodentagungen vor.

Superintendentin Greim-Harland will sich in Wittenberg für eine Flexibilisierung des Mitteleinsatzes in den Kirchengemeinden verwenden. Kirchenkreise sollen dadurch die Möglichkeit bekommen, Einnahmen, zusätzlich zum bestehenden Stellenplan, für Personalkosten im Verkündigungsdienst einzusetzen. Eine Änderung des Finanzgesetzes hat hierzu der Kirchenkreis Stendal beantragt.

Dass bei all den organisatorischen und strukturellen Fragen sowie den inhaltlichen Debatten die Kernthemen Glaube und Spiritualität nicht zu kurz kommen, ist den Synodalen Greim-Harland und Voget wichtig zu betonen. Wittenberg sei im Reformationsjahr ein guter Ort für eine Synodentagung, um darüber nachzudenken, »wie wir Gemeinde sein wollen und was uns der Glaube bedeutet«, so Greim-Harland.

Willi Wild

Anhalt: Größe im Kleinen

21. April 2017 von redaktionguh  
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Die Zukunft der kleinsten evangelischen Landeskirche scheint ungewiss. Bis 2025 soll die Evangelische Landeskirche Anhalts verändert werden.

Für Joachim Liebig ist es zum beruflichen Lebensthema geworden. Der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts kommt aus der zweitkleinsten evangelischen Landeskirche, Schaumburg-Lippe. Seit acht Jahren steht er der kleinsten Glied­kirche der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vor. Gemessen an der Mitgliederzahl der Landeskirche Hannover, mit 2,6 Millionen die größte Gliedkirche im EKD-Verbund, nimmt sich die Zahl der Gemeindeglieder von 34 500 in Anhalt bescheiden aus.

Eine Andacht in der Petruskapelle (Foto) bildet den Auftakt der Landessynode der Evangelischen Landeskirche Anhalts am 21. und 22. April in Alexisbad im Harz. Das kleine Holzgebäude wurde 1812 nach einem Entwurf von Karl Friedrich Schinkel als Teehäuschen errichtet. Da Alexisbad über keine Kirche verfügte, gab es dort auf Anordnung von Herzogin Friederike von Anhalt-Bernburg Gottesdienste, bevor es schließlich zur Kapelle umgebaut wurde. Foto: Evangelische Landeskirche Anhalts

Eine Andacht in der Petruskapelle (Foto) bildet den Auftakt der Landessynode der Evangelischen Landeskirche Anhalts am 21. und 22. April in Alexisbad im Harz. Das kleine Holzgebäude wurde 1812 nach einem Entwurf von Karl Friedrich Schinkel als Teehäuschen errichtet. Da Alexisbad über keine Kirche verfügte, gab es dort auf Anordnung von Herzogin Friederike von Anhalt-Bernburg Gottesdienste, bevor es schließlich zur Kapelle umgebaut wurde. Foto: Evangelische Landeskirche Anhalts

In den Nachbarkirchen ist das die Größenordnung für Kirchenkreise. Davon hat man in Anhalt fünf, zu denen rund 150 selbstständige Kirchengemeinden gehören. Neben 54 Pfarrerinnen und Pfarrern sowie 39 hauptamtlich Mitarbeitenden im Verkündigungsdienst müssen die Landeskirche und ihre Gemeinden eine Verwaltung vorhalten.

Vor 15 Jahren gab es Sondierungsgespräche mit der Thüringer Landeskirche und der Kirchenprovinz Sachsen über eine Kooperation. Am 16. November 2002 lehnte die anhaltische Synode allerdings den Beitritt zu einem mitteldeutschen Kirchenverbund ab und sprach sich damit für den Erhalt der »anhaltischen Identiät« aus. Zeitgleich stimmte damals die Synode der Evangelischen Kirche der schlesischen Oberlausitz mit knapper Mehrheit für einen Zusammenschluss mit der Berlin-brandenburgischen Kirche.

Das Ziel, damit den Protestantismus zu stärken, scheint heute obsolet. Die Mitgliederzahl hat sich seit dem Zusammenschluss 2004 nahezu halbiert und in der öffentlichen Wahrnehmung spielt die schlesische Oberlausitz kaum eine Rolle. Das sind die Befürchtungen und das stärkste Argument der Anhalter, an ihrer Eigenständigkeit festzuhalten. Die Landeskirche ist die einzig verbliebene öffentlich-rechtliche Einrichtung in den Grenzen des Herzogtums Anhalt, wird argumentiert. Im »zusammengesetzten« Bundesland Sachsen-Anhalt habe die 400 Jahre alte Landeskirche eine wichtige identitätsstiftende Aufgabe.

Nach außen wird es allerdings immer schwieriger, die Strukturen zu rechtfertigen. Vor allem die Geber-Landeskirchen halten das kleine Gebilde hinter vorgehaltener Hand für nicht überlebensfähig. Ein Viertel des anhaltischen Haushalts kommt aus dem gemeinsamen Topf des Finanzausgleichs der EKD. Die demografische Entwicklung tut ein Übriges. Die Zahl der Kirchensteuerzahler hat sich seit den Föderationsgesprächen vor 15 Jahren – wie auch in der Nachbarkirche EKM – halbiert. Der Pfeil zeigt weiter nach unten.

Ein Anschluss an eine der Nachbarkirchen scheint, zumindest offiziell, derzeit kein Thema. Anhalt will es aus eigener Kraft schaffen. Der Reformstau müsse aufgelöst werden, so Wolfram Hädicke vom Synodenpräsidium. Dass Anhalt leistungsfähig sein kann, zeigt die Spendenbereitschaft. Bei der jährlichen Aktion von »Brot für die Welt« stehen die Kirchenmitglieder, umgerechnet auf die Gemeindegliederzahlen, im bundesweiten Vergleich an erster Stelle. Auch der Gottesdienstbesuch lässt hoffen. Die Landeskirche Anhalts liegt mit 5 Prozent auf Platz 2, hinter Sachsen, vor Württemberg.

Im Reformationsjahr will das kleine Anhalt ein gewichtiges Wörtchen mitreden. Als eine der tratitionsreichsten Kulturregionen Deutschlands und bedeutender Schauplatz der Reformation. Mutig organisiert man in Dessau-Roßlau einen Kirchentag auf dem Weg, in der Hoffnung, dass die Mühen mit Publikum belohnt werden.

Die Eigenständigkeit der Landeskirche steht auf der Synode in Alexisbad nicht zur Debatte. Der Tagesordnungspunkt 14, Gesprächsimpuls »Zukunft der Landeskirche« mit Kaffee, lässt allerdings auf mehr als ein gemütliches Beisammensein hoffen.

Willi Wild

Christus kommt zu uns

14. April 2017 von redaktionguh  
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Das Wunder von Ostern: Eine Geschichte über engagierte Kirchenretter, ein entstaubtes Fundstück und glückliche Fügungen.

Karsamstag im Jahr 1993. Geschafft! Ich atme durch. Dicht gedrängt stehe ich mit unzähligen Menschen in der Jerusalemer Grabeskirche. Die orthodoxe Lichtfeier beginnt jeden Augenblick. In ihr geschieht das »Wunder des heiligen Feuers«. Der Patriarch betritt das Heilige Grab. Überall ein Rumoren, keine wirkliche Stille, aber auch kein Lärm. Vielmehr ein Jubel, der nur noch mühsam zurückgehalten werden kann. Als dann der Patriarch mit dem Licht erscheint, bricht der Jubel los. Und in Windeseile wird das Feuer, die Flamme, das Licht weitergegeben. Alle haben eine Kerze – auch ich. Die Luft wird dünn. Das Atmen fällt schwer. Ein Flammenmeer. Auch das Herz ist entflammt. Glückseligkeit. Auferstehung!

Im selben Jahr an einem ganz anderen Ort feiert ein Dorf – Rösa in der Dübener Heide. Die romanische Kirche war einst dem Verfall preisgegeben, da im Schoß der Erde Braunkohle schlummert. Überbaggerungsgebiet! Eine Baugenehmigung für die marode Kirche wurde nicht erteilt. Doch die Gemeinde reichte Antrag um Antrag ein. Dann endlich die frohe Botschaft: ihr dürft sanieren – aber auf eigene Kosten. 1988 ging es in Feierabendarbeit los. Viele aus dem Dorf halfen mit. Und auch die Wende kam zur rechten Zeit. 1993 ist das Ziel erreicht, die Kirche gerettet. Ein ruinöses Gotteshaus erstrahlt in neuem Glanz und erzählt durch seine bloße Präsenz vom Glauben. Auferstehung!

Er hat keine Arme mehr. Überall Beschädigungen. Und dennoch diese Kraft! Diese emporstrebende Wucht! Lange verborgen im Gestrüpp des Vergessens, unter dem Staub eines Pfarrhausbodens: ein spätgotischer Christus-Torso (um 1510) – lebensgroß.

Weg mit dem Staub! Ihm wurden die Wangen gestreichelt, der Mund getupft, die Augenlider berührt. Konservierung als Akt des Glaubens. Die Restauratorin durfte tun, was den Frauen einst am Morgen des dritten Tages verwehrt worden war. Nicht einbalsamiert, aber gereinigt und berührt kam dieser Christus-Torso 2009 in unsere Kirche, belebt sie und uns. Auferstehung!

»Wenn die Sonne durch das Fenster scheint, sind das die schönsten Farben! Dann kommt Jesus durch das Fenster in unsere Kirche, zu mir«, sagt die Kirchenälteste Renate Eckardt aus Rösa zum Osterfenster des Künstlers Sven Göttsche in der Rösaer Auferstehungskirche. Foto: Thomas Klitzsch

»Wenn die Sonne durch das Fenster scheint, sind das die schönsten Farben! Dann kommt Jesus durch das Fenster in unsere Kirche, zu mir«, sagt die Kirchenälteste Renate Eckardt aus Rösa zum Osterfenster des Künstlers Sven Göttsche in der Rösaer Auferstehungskirche. Foto: Thomas Klitzsch

Gegenüber der Kirche ein Künstler – was für eine Fügung! Den Grafiker und Bildhauer beauftragten wir, für und mit uns zu denken und zu gestalten. Zuerst das Fenster in der Apsis. Gen Osten. Von dort das Licht. Von dort das Leben. Ostern. Ein Geflecht aus dunklen Linien erzählt vom Scheitern im Leben, von der Zerrissenheit der menschlichen Existenz, vom Tod. Das haben wir immer vor Augen, wenn wir zum Altar schauen. In der Mitte des Fensters jedoch ein Lichtspalt. Die Stricke des Todes zerreißend tritt er in unsere Mitte – Christus. Jede Andacht, jeder Gottesdienst, jeder Blick nach vorn lässt uns nicht ohne diese Kraftquelle sein.

Und die Erzählung geht weiter. Denn da steht ja das bronzene Kreuz auf dem Altar. Der Künstler des Fensters ist auch hier am Werk. Wir sehen den Spalt, der das Kreuz bersten lässt. Christus tritt siegreich als Lichtgestalt hindurch. In den beiden Spaltteilen entdecken wir möglicherweise zwei Menschen, die sich begegnen, einander zuwenden und trösten (Christus und Maria?). Und wir sehen die beiden dazugehörigen Leuchter. Stilisierte Hände halten, tragen das Licht. Auferstehung!

An irgendeinem Tag. Unsere Küsterin hat in der Kirche zu tun, macht sauber, steckt eine Blumenpracht zusammen, gönnt sich eine Pause. Sie setzt sich auf eine Bank und schaut nach vorn. Ganz still ist es.

Und sie ist allein hier. Wirklich? Neulich, auf die Frage hin, was für sie Auferstehung bedeutet, überlegt sie eine ganze Weile und erzählt sinngemäß: »Wenn ich dann so sitze und schaue, habe ich das Gefühl, dass Jesus von dort vorn in die Kirche eintritt und da ist. Bei allen Sorgen, die so auf einem lasten, ist das sehr tröstlich. Und es gibt Hoffnung.« Auferstehung!

Am 15. April um 22.30 Uhr beginnt unsere Osternacht. Vor der Kirche das Feuer. Die Kirche im Dunkel. Wir gehen hinein. Später das Licht der Osterkerze – auch bei uns das »Wunder des heiligen Feuers«. Wir hören die Worte der Schrift, taufen zwei kleine Kinder, feiern das Heilige Mahl und empfangen den Segen. Und noch etwas geschieht: wir geben unserer Kirche einen Namen. Mit dieser Nacht heißt sie »Auferstehungskirche«. So wie die Kirche in Jerusalem, die zwar nach westlichem Verständnis »Grabeskirche« heißt, in der östlichen Tradition (orthodoxen Kirche) aber als »Auferstehungskirche« bezeichnet wird. Anastasis! Auferstehung!

Albrecht Henning

Der Autor ist Pfarrer in Krina (Kirchenkreis Wittenberg), zu dem auch die Gemeinde Rösa gehört.

Wege zum Glauben finden

7. April 2017 von redaktionguh  
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Die Konfirmation bedeutet ein bewusstes Ja zum christ­lichen Glauben und zur Kirche. Können junge Menschen im Alter von 14 Jahren eine solche Entscheidung treffen? Wie kann der Konfirmandenunterricht ihnen dabei helfen?

Es ist fraglich, ob 14 das günstigste Alter für die Konfirmation ist«, meint Stefan Brüne, Referent für schulbezogene Arbeit im Kinder- und Jugendpfarramt Magdeburg. Er beruft sich auf Erkenntnisse der Hirnforschung, die besagen, dass das Gehirn in diesem Alter komplett umgebaut werde. Achtklässler könnten Wissen nicht richtig aufnehmen. Ihre Risikobereitschaft sei enorm, während Kontrollmechanismen nicht funktionierten. »Die Jugendlichen laufen heute als Punk herum, treten morgen dem Verein bei, übermorgen einem anderen.« Sie probieren Neues aus, um herauszufinden, was für sie wichtig ist. Mit der Konfirmation erwarte die Kirche: »Jetzt stell dich zu uns.« Welches Alter für einen solchen Schritt das richtige ist, könne und sollte bedacht werden. Der Sozialpädagoge findet die Diskussion darüber zwar wertvoll, hält sie allerdings für rein theoretisch, denn die Konfirmation mit 14 habe eine lange Tradition, an der die Eltern unbedingt festhalten wollten. Sie wünschten so sehr, dass in diesem Lebensabschnitt eine Feier stattfinde, weil sie darin ein Übergangsritual hin zum Erwachsenwerden sehen.

Es gebe Gründe für und gegen die Konfirmation mit 14. Dafür spreche, so Brüne, dass Jugendliche in diesem Alter Orientierung brauchen. In der Vorbereitung auf die Konfirmation könnten sich die Konifs an Erwachsenen orientieren, die nicht ihre Eltern sind. Das Vertrauen zu einer anderen erwachsenen Person, die Werte vermitteln und religiöses Verständnis wecken wolle, könne in dieser Zeit ein Regulativ sein.

Konfirmation mit 14 – aber zum Christsein bewusst bekannt hat sich »The Voice of Germany«-Finalteilnehmer Jonny vom Dahl (das Foto zeigt ihn beim Auftritt mit Yvonne Catterfeld bei der Präsentation ihres neuen Albums) nach eigenem Bekunden erst Jahre später. Foto: Maik Schuck

Konfirmation mit 14 – aber zum Christsein bewusst bekannt hat sich »The Voice of Germany«-Finalteilnehmer Jonny vom Dahl (das Foto zeigt ihn beim Auftritt mit Yvonne Catterfeld bei der Präsentation ihres neuen Albums) nach eigenem Bekunden erst Jahre später. Foto: Maik Schuck

Ob die Teenagerzeit das richtige Alter für die Konfirmation ist – dieser Streit sei alt, sagt Steffen Weusten, Dozent für die Arbeit mit Konfirmanden am Pädagogisch-Theologischen Institut in Drübeck. »Mit 13- oder 14-Jährigen hat niemand gern zu tun – in der Schule nicht und auch sonst nicht.« Es sei jedoch als positives Zeichen zu werten, dass die Kirche gerade in dieser schwierigen Lebensphase die Beziehung zu den Jugendlichen nicht abbrechen lässt. »Sie bauen die Erlebnisse und Erfahrungen ihrer Kindheit um; das macht den Umgang mit ihnen schwierig, aber auch wichtig.« Die jungen Menschen würden entscheiden, ob Religion etwas für sie ist. »Wenn sie älter sind, kann man leichter mit ihnen arbeiten, aber dann sind alle wichtigen Entscheidungen gefallen«, argumentiert Weusten

Nach Stefan Brünes Erfahrung interessieren sich 14-Jährige mehr für die Veränderungen in ihrem Körper; Freunde und Freundinnen sind wichtiger als Mathematik und alles andere. Wenn dies auch auf den Konfirmanden­unterricht zutrifft – wie soll er gestaltet werden, damit Konfirmanden ein bewusstes Ja zu ihrem christlichen Glauben finden können? Sollen die Verantwortlichen sich an den Bedürfnissen und Interessen der Konfis orientieren? Geht es um Wissensvermittlung? Oder sollte das Gemeinschaftserlebnis im Vordergrund stehen?

Eine gute Gemeinschaft sei auf dem Weg zum Glauben die wichtigste Brücke, betont Weusten. Das bedeute nicht, dass die Vermittlung von Inhalten zu vernachlässigen sei. Die Psalmen, die Zehn Gebote und andere klassische Bibeltexte seien Mittel, um den jungen Leuten die Bedeutung des christlichen Glaubens zu erschließen. Ob Konfirmanden den Psalm 23 lernen, sei zweitrangig, wichtig sei vielmehr, wie sie ihn aufnehmen. Ob der Psalm oder andere Bibelabschnitte für die jungen Leute zu einem relevanten Text werden.

In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland gebe es eine große Bandbreite an Formen der Konfirmandenarbeit. Kirchengemeinden, Pfarrer und Kirchenvorstände bestimmen selbstständig, worauf sie den Schwerpunkt legen. Die meisten entscheiden sich für kognitive Methoden, vermitteln also Inhalte. »Das kann man machen«, räumt Weusten ein. Ein Kriterium für einen guten Unterricht sei diese Praxis nicht. Entscheidend sei, ob die Konfirmanden ihren Weg im Glauben finden. Grundlage dafür sieht Weusten im Erleben einer guten Gemeinschaft untereinander sowie zwischen Konfirmanden und Verantwortlichen.

Sabine Kuschel

Reformation ging nicht alleine

31. März 2017 von redaktionguh  
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Luthers ungeliebte Brüder: Mitteldeutschland hat mehr zu bieten als Martin Luther. Zahlreiche Theologen mit ihren alternativen Reformationsideen will eine Ausstellung in Mühlhausen ins rechte Licht setzen.

Die Reformation – das ist Martin Luther, aber eben nicht nur. »Wir feiern kein Lutherjubiläum, wir feiern ein Reformationsjubiläum«, betont deshalb der Direktor der Mühlhäuser Museen, der Historiker Thomas T. Müller. »Man muss schauen, wer war damals noch unterwegs? Was haben die anderen frühen Reformatoren gedacht und geschrieben? Was hatten sie für Ideen?«

In der Mühlhäuser Kornmarktkirche werden Leben und Glauben um 1517 lebendig. Neben einer Druckerpresse sind Gebrauchsgegenstände, Ordenstrachten, Heiligenstatuen und religiöse Schriften ausgestellt, die die Reformatoren inspirierten und beeinflussten. Foto: Tino Sieland/Mühlhäuser Museen

In der Mühlhäuser Kornmarktkirche werden Leben und Glauben um 1517 lebendig. Neben einer Druckerpresse sind Gebrauchsgegenstände, Ordenstrachten, Heiligenstatuen und religiöse Schriften ausgestellt, die die Reformatoren inspirierten und beeinflussten. Foto: Tino Sieland/Mühlhäuser Museen

Müller hat darum mit seinen Mitstreitern die Ausstellung »Ungeliebte Brüder« in der Kornmarktkirche in Mühlhausen konzipiert. Sie lenkt den Blick auf jene Theologen, die von der reinen lutherischen Lehre abwichen und eigene, teilweise radikale reformatorische Ideen verfolgten. »Ungeliebte Brüder«, so hat Luther die anderen Reformatoren nie bezeichnet. »Der Titel drückt aus, dass diese Menschen damals auf dem gleichen Weg waren, wobei der eine oder andere einen anderen Abzweig nahm«, so Müller. Wie in so mancher Familie, wo man nicht immer der gleichen Ansicht, aber dennoch miteinander verbunden ist.

Theologen, wie Luthers Doktorvater Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt, der einer der produktivsten Flugschriftenautoren der frühen Reformation war, werden in der Ausstellung ebenso gewürdigt wie der ehemalige Benediktiner Matthäus Hisolidus, der in Mühlhausen und Creuzburg wirkte. Karlstadt verließ Wittenberg nach den Unruhen von 1521 und 1522 und nachdem er sich öffentlich für die Entfernung aller Heiligenbilder aus den Kirchen eingesetzt hatte. Dadurch war es bereits zum Bruch mit Luther gekommen. In Orlamünde, wo er ab 1523 als Pfarrer wirkte, setzte er seine reformatorischen Ideen um. Den Gottesdienst hielt er in deutscher Sprache. Altäre, Bildnisse und Heiligenfiguren verschwanden aus der Kirche. Auf Betreiben Luthers erhielt Karlstadt in Kursachsen ein Predigt- und Schreibverbot, 1529 ging er nach Zürich und Basel, wo er 1541 starb.

Über das Schicksal von Hisolidus ist gar nichts bekannt. Der unbequeme Reformator, der 1525 aus Creuburg ausgewiesen wurde, verschwindet spurlos. Auch andere bedeutende Reformatoren dieser Zeit verlieren sich im Nebel der Zeit: von Heinrich Pfeiffer, dem Reformator in Mühlhausen, ist ebenso wenig die Rede wie von Jakob Strauß. Letzterer gilt als Reformator Eisenachs. Denn auch, wenn Luther auf der Wartburg war und einige Predigten in der Stadt hielt, die protestantische Bewegung hatte in der Wartburgstadt der ehemalige Dominikaner Strauß umgesetzt.

Strauß, der aus Basel stammte, erlangte überregionale Bedeutung. Seine Schriften wurden zahlreich nachgedruckt. Seine Schrift wider die Wucherzinsen, in der er nicht nur die verurteilt, die Wucherzinsen erheben, sondern auch jene, die diese zahlen, wurde zum Politikum. Die Herrschenden waren rasend, und auch Luther sah sich in der Pflicht zu handeln und ging gegen den »Irrlehrer« vor.

Thomas Müntzer ist wohl der berühmteste der »anderen« Reformatoren und als Widersacher Luthers bekannt. Darum fehlt auch er nicht in der Reihe der »ungeliebten Brüder«. Der Historiker Müller betrachtet Müntzer als das erste innerprotestantische Opfer der Reformation. »Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, Müntzer wird zum Synonym für die Aufständischen des Bauernkrieges und wird damit zum ersten innerprotestantischen Ketzer gemacht. Strauss ergeht es ähnlich.«

Wer damals nicht der reinen lutherischen Lehre folgte, verschwand, wie etwa Fritz Erbe im Turm der Wartburg oder Hisolidus im Nebel der Zeit. Die grausame Polemik, mit der Luther und seine Anhänger zum Beispiel Thomas Müntzer straften, hält bis heute an. Ein Umstand, den die Ausstellung in der Kornmarktkirche in Mühlhausen zu ändern versucht.

Diana Steinbauer

Die Ausstellung »Luthers ungeliebte Brüder« ist noch bis zum 31. Oktober im Bauern­kriegsmuseum Kornmarktkirche in Mühlhausen zu sehen. Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr.

www.mhl-museen.de

Was würde Jesus tun?

24. März 2017 von redaktionguh  
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Populismus: Den Aussätzigen, Sündern, den Zöllnern und Ehebrecherinnen wandte sich Jesus zu. Dient das auch als Beispiel für den Umgang mit Populisten, Pegida und AfD?

Für Berlins evangelischen Bischof Markus Dröge haben Christen in der AfD nichts verloren, auf dem Katholikentag in Leipzig war die Partei unerwünscht, der Erfurter Dom wird nicht beleuchtet, sobald Björn Höcke und seine Parteifreunde auf dem Domplatz sprechen. Das Licht der Welt wird ausgeknipst, wenn die »Kinder der Finsternis« es bräuchten? Ist das die richtige Haltung, die christliche Haltung gegenüber dem Populismus von rechts? Das fragt Werner Patzelt, Politikwissenschaftler an der TU Dresden. Er gehört zu den ersten Forschern, die die Pegida-Bewegung empirisch untersuchten, er hat mit Wutbürgern und Gutmenschen gesprochen, sich die Seiten von Hell- und Dunkeldeutschland angeschaut. Auf dem ökumenischen Studientag »Christen und Populismus«, zu dem die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt und die Katholische Akademie des Bistums Magdeburg kürzlich nach Wittenberg eingeladen hatten, sagte Patzelt, die Kirchen machten es sich zu einfach, rechtspopulistische Positionen als nicht akzeptierbar und nicht vereinbar mit dem Evangelium zu bezeichnen. Da müssten schon Maßstäbe, Kriterien und Wahlprüfsteine herausgearbeitet und den Menschen dann die Entscheidung selbst überlassen werden.

Gegen Rechtsextremismus: Mitarbeiter des Landeskirchenamtes der EKM mit dem Banner, das im Onlineshop bestellt werden kann. Foto: EKM

Gegen Rechtsextremismus: Mitarbeiter des Landeskirchenamtes der EKM mit dem Banner, das im Onlineshop bestellt werden kann. Foto: EKM

Ja, mit der Gottesbildlichkeit aller Menschen und dem allgemeinen Liebesgebot für Freund und Feind als christliche Grundpfeiler können Rassismus, Hass und Gewalt nicht akzeptiert werden. Aber wir sind alle in die Welt verwickelt, wir können uns nicht aus ihr zurückziehen. So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! (Matthäus 22,21) – Christen müssten diese Bipolarität akzeptieren, auch wenn die Spannung schwer auszuhalten ist. Was also tun? »Es ist keine schlechte Idee, sich ein Vorbild am Stifter dieser Religion zu nehmen«, rät Werner Patzelt. Viele von Jesu Gleichnissen beziehen sich auf das Verhältnis von Gutmenschen zum Pack, von denen da oben zu denen da unten. Zum Beispiel das Gleichnis vom verlorenen Schaf (Lukas 15,3-7): 100 Tiere, eines geht verloren – und diesem geht der Hirte nach, bringt es zurück zur Herde, feiert dann ein Fest. Die Frage, die sich uns heute stellt: Wie bringen wir die Sünder zurück in unsere Mitte, ohne ihnen selbstgerecht und moralisch überlegen zu begegnen?

»Wir müssen im Gespräch bleiben und zwar nicht unter gleichgesinnten Freunden, sondern mit jenen, mit denen wir nicht gerne reden.« Das hat im Übrigen auch die Kirche getan, sagt Professor Patzelt. Wie sonst hätte aus zwölf Aposteln eine weltumspannende Gemeinschaft werden können? Fakten kennen, Behauptungen richtigstellen, dem anderen zuhören, ihn als Menschen und nicht nur AfD-Wähler, Pegida-Demonstrant, Wutbürger wahrnehmen, und konkrete Lösungen für reale Probleme finden, selbst wenn man das Problem zuvor als Phobie abgetan hat. »Wer das Reden abbricht, stellt die Arbeit für den Erhalt unser pluralistischen Demokratie ein«, sagt Werner Patzelt. Es sei politische Feigheit, mit Gegnern unserer Demokratie, wie dem rechten Vordenker Götz Kubitschek, nicht zu reden. Man müsse es tun, gerade vor großem Publikum.

Dass solche Diskurse aber an Grenzen stoßen, berichtet Pascal Begrich, Geschäftsführer des Vereins »Miteinander«, auf dem Studientag. »Miteinander« berät in Sachsen-Anhalt Gemeinden, auch Kirchengemeinden, im Umgang mit Rechtsextremismus und Populismus. Rechtspopulismus sei nie weg gewesen, inzwischen aber in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es gebe keine Woche, in der »Miteinander« nicht irgendwo im Land eingeladen sei, um über diese Phänomene zu reden. »Reden ist nötig, aber manchmal unmöglich«, sagt Pascal Begrich. Es gelte abzuwägen, mit wem man wo spreche, welches Ziel solch ein Dialog hat, welche Motive hinter Gesprächsangeboten stecken. Geht es um den Austausch von Argumenten, um Selbstvergewisserung oder gar Ächtung des anderen?

Kirche, sagt Begrich, könne im Diskurs eine Mittlerin und Impulsgeberin sein, sie ist aber auch eine ethisch-moralische Instanz. Kirche will das verlorene Schaf zurückholen, aber auch dem Wolf klare Kante zeigen. »Toleranz findet ihre Grenze an Intoleranz. Dann ist der Dialog vielleicht nicht mehr der richtige Weg der Auseinandersetzung«, sagt Pascal Begrich. Das sieht auch Politikwissenschaftler Patzelt so: »Im Gespräch lässt sich nicht alles lösen.« Kein einziges Problem hingegen wird gelöst durch Moralisieren, Empören, Abgrenzen. Patzelt: »Nur weil ein Trennstrich gezogen ist, hören die Menschen jenseits dieses Trennstrichs nicht auf, dort zu sein.«

Katja Schmidtke

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