Was würde Jesus tun?

24. März 2017 von redaktionguh  
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Populismus: Den Aussätzigen, Sündern, den Zöllnern und Ehebrecherinnen wandte sich Jesus zu. Dient das auch als Beispiel für den Umgang mit Populisten, Pegida und AfD?

Für Berlins evangelischen Bischof Markus Dröge haben Christen in der AfD nichts verloren, auf dem Katholikentag in Leipzig war die Partei unerwünscht, der Erfurter Dom wird nicht beleuchtet, sobald Björn Höcke und seine Parteifreunde auf dem Domplatz sprechen. Das Licht der Welt wird ausgeknipst, wenn die »Kinder der Finsternis« es bräuchten? Ist das die richtige Haltung, die christliche Haltung gegenüber dem Populismus von rechts? Das fragt Werner Patzelt, Politikwissenschaftler an der TU Dresden. Er gehört zu den ersten Forschern, die die Pegida-Bewegung empirisch untersuchten, er hat mit Wutbürgern und Gutmenschen gesprochen, sich die Seiten von Hell- und Dunkeldeutschland angeschaut. Auf dem ökumenischen Studientag »Christen und Populismus«, zu dem die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt und die Katholische Akademie des Bistums Magdeburg kürzlich nach Wittenberg eingeladen hatten, sagte Patzelt, die Kirchen machten es sich zu einfach, rechtspopulistische Positionen als nicht akzeptierbar und nicht vereinbar mit dem Evangelium zu bezeichnen. Da müssten schon Maßstäbe, Kriterien und Wahlprüfsteine herausgearbeitet und den Menschen dann die Entscheidung selbst überlassen werden.

Gegen Rechtsextremismus: Mitarbeiter des Landeskirchenamtes der EKM mit dem Banner, das im Onlineshop bestellt werden kann. Foto: EKM

Gegen Rechtsextremismus: Mitarbeiter des Landeskirchenamtes der EKM mit dem Banner, das im Onlineshop bestellt werden kann. Foto: EKM

Ja, mit der Gottesbildlichkeit aller Menschen und dem allgemeinen Liebesgebot für Freund und Feind als christliche Grundpfeiler können Rassismus, Hass und Gewalt nicht akzeptiert werden. Aber wir sind alle in die Welt verwickelt, wir können uns nicht aus ihr zurückziehen. So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! (Matthäus 22,21) – Christen müssten diese Bipolarität akzeptieren, auch wenn die Spannung schwer auszuhalten ist. Was also tun? »Es ist keine schlechte Idee, sich ein Vorbild am Stifter dieser Religion zu nehmen«, rät Werner Patzelt. Viele von Jesu Gleichnissen beziehen sich auf das Verhältnis von Gutmenschen zum Pack, von denen da oben zu denen da unten. Zum Beispiel das Gleichnis vom verlorenen Schaf (Lukas 15,3-7): 100 Tiere, eines geht verloren – und diesem geht der Hirte nach, bringt es zurück zur Herde, feiert dann ein Fest. Die Frage, die sich uns heute stellt: Wie bringen wir die Sünder zurück in unsere Mitte, ohne ihnen selbstgerecht und moralisch überlegen zu begegnen?

»Wir müssen im Gespräch bleiben und zwar nicht unter gleichgesinnten Freunden, sondern mit jenen, mit denen wir nicht gerne reden.« Das hat im Übrigen auch die Kirche getan, sagt Professor Patzelt. Wie sonst hätte aus zwölf Aposteln eine weltumspannende Gemeinschaft werden können? Fakten kennen, Behauptungen richtigstellen, dem anderen zuhören, ihn als Menschen und nicht nur AfD-Wähler, Pegida-Demonstrant, Wutbürger wahrnehmen, und konkrete Lösungen für reale Probleme finden, selbst wenn man das Problem zuvor als Phobie abgetan hat. »Wer das Reden abbricht, stellt die Arbeit für den Erhalt unser pluralistischen Demokratie ein«, sagt Werner Patzelt. Es sei politische Feigheit, mit Gegnern unserer Demokratie, wie dem rechten Vordenker Götz Kubitschek, nicht zu reden. Man müsse es tun, gerade vor großem Publikum.

Dass solche Diskurse aber an Grenzen stoßen, berichtet Pascal Begrich, Geschäftsführer des Vereins »Miteinander«, auf dem Studientag. »Miteinander« berät in Sachsen-Anhalt Gemeinden, auch Kirchengemeinden, im Umgang mit Rechtsextremismus und Populismus. Rechtspopulismus sei nie weg gewesen, inzwischen aber in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es gebe keine Woche, in der »Miteinander« nicht irgendwo im Land eingeladen sei, um über diese Phänomene zu reden. »Reden ist nötig, aber manchmal unmöglich«, sagt Pascal Begrich. Es gelte abzuwägen, mit wem man wo spreche, welches Ziel solch ein Dialog hat, welche Motive hinter Gesprächsangeboten stecken. Geht es um den Austausch von Argumenten, um Selbstvergewisserung oder gar Ächtung des anderen?

Kirche, sagt Begrich, könne im Diskurs eine Mittlerin und Impulsgeberin sein, sie ist aber auch eine ethisch-moralische Instanz. Kirche will das verlorene Schaf zurückholen, aber auch dem Wolf klare Kante zeigen. »Toleranz findet ihre Grenze an Intoleranz. Dann ist der Dialog vielleicht nicht mehr der richtige Weg der Auseinandersetzung«, sagt Pascal Begrich. Das sieht auch Politikwissenschaftler Patzelt so: »Im Gespräch lässt sich nicht alles lösen.« Kein einziges Problem hingegen wird gelöst durch Moralisieren, Empören, Abgrenzen. Patzelt: »Nur weil ein Trennstrich gezogen ist, hören die Menschen jenseits dieses Trennstrichs nicht auf, dort zu sein.«

Katja Schmidtke

Reformationsfrühling

17. März 2017 von redaktionguh  
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Reformation und Tourismus:
Reicht die Anziehungskraft des Lutherjahres als Touristen-Magnet, um gezielt Menschen nach Mitteldeutschland zu ziehen? Die Stammländer der Reformation scheinen gut vorbereitet und setzen auf das Prinzip Hoffnung.

Das Reformationsjubiläum 2017 ist »eine große Chance« für den Tourismus in Mitteldeutschland. Das sagte Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin. Zusammen mit seinen Kollegen Wolfgang Tiefensee (SPD) aus Thüringen und Armin Willingmann (SPD) aus Sachsen-Anhalt oder, wie es Tiefensee formulierte, »der Boygroup aus Mitteldeutschland«, blickte er dort auf das anstehende Großereignis und seine Bedeutung für den Tourismus in der Region. Man spüre mittlerweile weltweit ein großes Interesse für die Region, sagte Dulig. Sogar in Südkorea sei er auf das Reformationsjubiläum angesprochen worden. Sachsen wolle 2017 dabei vor allem als Kulturland punkten. »Die große Chance, die wir haben, ist, dass unsere Region auf der Weltkarte sichtbar wird«, sagt Dulig. Denn noch wisse nicht jeder mit den Begriffen »Sachsen«, »Sachsen-Anhalt« und »Thüringen« etwas anzufangen.

Auf der ITB in Berlin: Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Armin Willingmann (v. li.) mit r2017-Geschäftsführer Ulrich Schneider und dem Wittenberger Kirchmeister Bernhard Naumann als Luther. Foto: IMG Sachsen-Anhalt

Auf der ITB in Berlin: Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Armin Willingmann (v. li.) mit r2017-Geschäftsführer Ulrich Schneider und dem Wittenberger Kirchmeister Bernhard Naumann als Luther. Foto: IMG Sachsen-Anhalt

Ähnlich äußerten sich auch seine Kollegen aus den beiden anderen Ländern: »Erste Anmeldezahlen verraten, dass in Wittenberg in diesem Jahr einiges los sein wird«, sagte Willingmann. In Wittenberg seien schon heute so viele Vorbuchungen für Stadtführungen eingegangen, wie es sie im ganzen Jahr 2016 gegeben habe. Und auch Tiefensee berichtete, dass man deutlich spüre, dass das Interesse der Gäste an der Region wachse und die Übernachtungszahlen ansteigen. In Wittenberg werde im Reformationsjahr zudem »öffentliches WLAN im großen Stil« eingerichtet. Was die Besucher erlebten, sollten sie über Twitter, Instagram und Facebook direkt in die Welt hinaus transportieren können. »Solche WLAN-Netze gibt es im Ausland schon überall – jetzt zeigen wir, dass wir das auch in Wittenberg hinkriegen.« So sieht das auch Tiefensee: Seiner Ansicht nach wäre Luther heute der Erste, der die modernen Medien genutzt hätte. »Er wäre schon längst bei Instagram«, sagte Tiefensee. Seine Thesen hätte er in einer modernen Weise publiziert und seine Verbindung mit Katharina von Bora in die Genderdebatte eingebracht. »Wenn ich den Lutherweg gehe, sehe ich zwangsläufig mehr als Luther«, sagte Tiefensee. Er hoffe deswegen, dass durch das Jubiläum auch das Interesse an den übrigen Sehenswürdigkeiten angekurbelt werde. »Wir in Thüringen haben es dringend nötig, bekannter zu werden.«

Was der Reformator heute den Wirtschaftspolitikern bedeutet? »Ich schaue auf die Person Luther mit ganz großer Bewunderung«, sagte Tiefensee. Er fände es »sehr gut, dass Luther nicht nur für Dialog innerhalb der Kirchen steht, sondern dass das Thema Luther weit über die Kirche hinausstrahlt.« Luther stehe nicht nur für eine Reformation innerhalb der Kirche, sondern letztlich am Anfang der Moderne. »Luther hat versucht, dem einfachen Volk mit einfacher Sprache etwas nahezubringen, was lebenswichtig ist«, sagte Tiefensee. »Das hat ganz direkt mit Mitbestimmung und Teilhabe auch in der heutigen Zeit zu tun.« Vom Thesenanschlag gehe das Signal aus, dass ein Einzelner »mit einer wohldurchdachten und gut überlegten Kampagne auch etwas erreichen kann«, ergänzte Willingmann. Die Reformation sei auch ein Auftrag: »Es geht darum, zu zeigen, dass wir uns einem ständigen Veränderungsprozess unterwerfen.«

Benjamin Lassiwe

Allrounder im Auftrag des Herrn

10. März 2017 von redaktionguh  
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Diakone: Berufsbild und Ausbildung haben sich verändert. Geblieben ist die doppelte Qualifikation für das geistliche und das diakonische Amt.

Oben auf dem Gerüst werkelte Diakon Georg Harpain ganz allein. Mit einer Malerbürste strich der Chef des Altenburger Magdalenenstifts dessen Außenfassade. Damals absolvierte ich als junger Diakonenschüler ein Sommerpraktikum im Kinderhospital und besuchte nach Dienstschluss meinen Vorbild-Diakon. Denn bereits als achtjähriger Schüler fuhr ich zu einer Kinderrüstzeit, die er mit zwei anderen Jugendwarten leitete. Und seitdem wollte ich Diakon werden.

Später wechselte Harpain von Altenburg als Ältester an das Johannes-Falk-Haus nach Eisenach. Dort lebt er heute im aktiven Ruhestand. Fassaden malert er nicht mehr, engagiert sich aber weiter für diakonisch-soziale Projekte. Eine ganze Generation Diakone war wie Harpain geprägt vom Allround-Einsatz in Gemeindedienst, Krankenpflege, Verwaltung, Behindertenarbeit oder Heimleitung. Je nach Eignung gestalteten sich die Einsatzgebiete durchlässiger als heute. So übernahmen Jugend- oder Gemeindediakone in späteren Berufsphasen häufig Referenten- oder Verwaltungsstellen, gingen in missionarische Dienste oder übernahmen Pfarrstellen.

Packen gemeinsam an: Diakoninnen und Diakone beim Hauptkonvent der Schwestern- und Bruderschaft Johannes Falk 2016 im Schwarzenshof bei Rudolstadt. Der Autor des Beitrags, Eckart Behr, ist der fünfte von rechts. Foto: Willi Wild

Packen gemeinsam an: Diakoninnen und Diakone beim Hauptkonvent der Schwestern- und Bruderschaft Johannes Falk 2016 im Schwarzenshof bei Rudolstadt. Der Autor des Beitrags, Eckart Behr, ist der fünfte von rechts. Foto: Willi Wild

Heute werden in Neinstedt und Eisenach berufsbegleitende Diakonenkurse angeboten, die auf bereits vorhandenen Ausbildungen und Berufsbiografien aufbauen. Eine solche doppelte Qualifikation eröffnet vielfältige berufliche Perspektiven in den Arbeitsfeldern von Kirche, Diakonie und freien Trägern. Oder genau andersrum: Aus prosperierenden diakonischen Arbeitsfeldern wird zunehmend Interesse an den Wurzeln der Diakonie signalisiert. Da werden nicht selten Bereichsleiterinnen, Sozialarbeiter, Geschäftsführer oder Erzieherinnen durch ihre Träger ermutigt, einen »D-Kurs« zu belegen. Denn eine kirchliche Sozialisation, gelebte Kirchenmitgliedschaft oder überzeugtes Glaubensleben ist bei Bewerbungen auf kirchlich-dia­konische Stellen längst nicht mehr selbstverständlich. Hier eröffnet die »Diakonenausbildung im Beruf« eine völlig neue Perspektive.

Die theologische Profilierung und berufliche Weiterentwicklung der Diakone wird durch ihre jeweilige Gemeinschaft getragen. Das Diakonengesetz der EKM fixierte unlängst ein altes Prinzip neu: Diakone müssen einer Gemeinschaft angehören und an ihrem Leben teilnehmen. Dazu gehören Konvente, fachliche Weiterbildungen, geistliche Impulse oder gemeinsame soziale Projekte. Diese positiv gemeinte »Zwangsmitgliedschaft« in einer frei gewählten Diakoniegemeinschaft unterstreicht deren Rolle fürs Tragen und Getragenwerden. Übrigens ließen diese früheren »Brüderschaften« ihre männlich geprägte Geschichte, in der die Ehefrauen einfach mitgesendet wurden, längst hinter sich und öffneten sich auch für Diakoninnen.

Nicht mehr der Allrounder mit Malerbürste, Kochkittel, Rechenmaschine und Andachtsbuch ist heute in Stellenbeschreibungen gefragt. Nötig sind Diakoninnen und Diakone, die in ihren speziellen Berufsfeldern mit doppelter Qualifikation für geistlich-diakonische Profilierung sorgen. So lässt sich Diakon nicht einfach als ein Beruf beschreiben. Sondern als eine Berufung im Beruf, gesendet und eingesegnet durch Kirche und Gemeinschaft.

Eckart Behr

Der Autor ist Krankenpfleger, Sozialarbeiter und Diakon. Er leitet seit 1982 die evang. Rehabilitationsklinik in Bad Sulza. Außerdem ist er einer der beiden Ältesten (geistliche Leiter) der J.-Falk-Gemeinschaft Eisenach.

Zu früh für einen Schlussstrich

3. März 2017 von redaktionguh  
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Aufarbeitung der Geschichte von Christen in der DDR: Endlich Schlussstrich, fordern die einen, endlich intensive Beschäftigung mit diesem Kapitel die anderen.

Bis Ende der 1980er-Jahre hatte es mehrere Phasen im Umgang der SED-Führung mit den Kirchen gegeben; harter Kirchenkampf in den 1950er-Jahren und später zeitweise Annäherung und relative Ruhe. Dennoch waren die Christen bis zuletzt die größte Gruppe Verfolgter in der DDR. Ein Umstand, der bis heute nachwirkt.

Wie konnte es passieren, dass zu Beginn der DDR 95 Prozent der Menschen einer der beiden Kirchen angehörten und es 1989 kaum mehr 30 Prozent waren? Diese Frage erforscht unter anderen Christopher Spehr, Kirchenhistoriker an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er fordert, ein universitäres Zentrum zur kirchlichen Zeitgeschichte einzurichten. Nachdem es Kritik am ersten Bericht der Thüringer Landesregierung gegeben hatte und diese Versäumnisse in der Aufarbeitung der Geschichte von Christen in der DDR einräumen musste, geht die Aufarbeitung nun in eine neue Phase. »Es tut sich vieles«, meint der Kirchenhistoriker. Und das nicht nur im Leserforum der Kirchenzeitung.

Das war einmal: »Umkehr führt weiter« lautete das Motto des Kirchentags 1988 in Erfurt. Das Foto zeigt einen Wartburg mit dem Leitthema der Veranstaltung auf der Kofferraumtür. Kirchentage gab es im selben Jahr auch in Halle, Görlitz und Rostock. – Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Das war einmal: »Umkehr führt weiter« lautete das Motto des Kirchentags 1988 in Erfurt. Das Foto zeigt einen Wartburg mit dem Leitthema der Veranstaltung auf der Kofferraumtür. Kirchentage gab es im selben Jahr auch in Halle, Görlitz und Rostock. – Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Auch die Landesregierung will den Ankündigungen Taten folgen lassen. Ihr zweiter Bericht zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Thüringen hat gerade das Kabinett passiert. Offenbar soll die Rolle der Kirchen und Christen erstmals Erwähnung finden. Ein Signal, dass die Aufarbeitung der Geschichte von Christen in der DDR keineswegs am Ende ist, sondern eher noch an ihrem Anfang steht. Das beurteilt auch Spehr so. Für ihn kann es, mehr als 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, keinen Schlussstrich geben. Ganz im Gegenteil: »Die Generation der Zeitzeugen wird älter und eine neue Generation fragt kritisch nach: Wie war das damals?« Der Abstand zum Geschehen sei eine Chance, dieses Kapitel der DDR-Geschichte objektiv und interdisziplinär aufzuarbeiten, vor allem, da es emotional bisher hoch aufgeladen war.

Die EKM widmet sich ebenfalls der Aufarbeitung dieses Teils ihrer Geschichte. »25 Jahre nach der friedlichen Revolution hat sich der Landeskirchenrat 2014 mit der Frage nach der Rolle der Christen in der DDR beschäftigt«, erklärt Oberkirchenrat Christian Fuhrmann. Daraus sei der »Beirat für Versöhnung und Aufarbeitung« entstanden. Bestehend aus Mitgliedern der Kirche, Theologen, Historikern und Juristen, ermittelt er Themen, spricht mit Institutionen und bündelt Ergebnisse.

»Drei Themengebiete haben wir vor Augen. Da sind zum einen die Menschen, die als Mitarbeiter der Vorgängerkirchen der EKM in der DDR-Zeit als Christen verfolgt wurden. Wir wollen sie zu Wort kommen lassen und schauen, wie sich die Landeskirchen zu diesen Menschen verhalten haben. Wo sind Fälle auszumachen, wo Kirchenleitungen ihrer Schutzfunktion nicht entsprochen haben?«, so Fuhrmann.

Zum anderen will man der Frage nachgehen, wie theologisch und kirchenrechtlich mit Pfarrerinnen und Pfarrern umgegangen wurde, die nach ihrer Ausreise ihre Ordinationsrechte verloren hatten. Auch die Gruppe der »verfolgten Schüler« nimmt der Beirat in den Blick. Entscheidend sei, so Fuhrmann, der selbstkritische Blick der Institution Kirche. Dass Landesregierung und Kirchen Ende 2016 eine Arbeitsgruppe gebildet haben und gemeinsam an diesem Themenkomplex arbeiten wollen, begrüßt er, macht aber klar, dass dies unabhängig vom »Beirat für Versöhnung und Aufarbeitung« geschieht, der sei ausschließlich in der Kirche beheimatet.

Das Thema sollte aber nicht nur innerhalb der Kirchen diskutiert werden. Denn die Christenfeindlichkeit der DDR beschäftige auch Menschen, die keiner Konfession angehörten, meint Christian Dietrich, Landesbeauftragter für die Aufarbeitung des SED-Unrechts. Er sieht die Religionsfreiheit als Herausforderung für die Verantwortlichen in der Politik. »Ein Weg dazu ist die Aufklärung und Verurteilung der Verletzung der Glaubens- und Gewissensfreiheit in der SED-Diktatur.«

Ein anderer Aspekt sei die individuelle Rehabilitierung der Opfer. Hier gebe es eine evidente Gerechtigkeitslücke. Die Kirchen stünden vor einer ganz eigenen Herausforderung. Und, so Dietrich weiter: »Sie sollten den Menschen, die Gottvertrauen über Menschenfurcht gestellt haben und dabei oft auch in Konflikt mit ihrer Kirche kamen, wenigstens Anerkennung zollen.«

Diana Steinbauer

Beichte auf evangelisch

24. Februar 2017 von redaktionguh  
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Buße ist das erste Wort der Reformation. »Als unser Herr Jesus Christus sagte: ›Tut Buße‹, da meinte er, dass unser ganzes Leben eine Buße sein solle«, lautet die erste von Luthers 95 Thesen. Dabei sollte es ausweislich der Bekenntnisschriften der lutherischen wie der reformierten Kirche auch bleiben.

Hat jemand, der sich mit der evangelischen Kirche in Deutschland in »Reformationsdekaden« auf den Weg zum Reformationsjubiläum gemacht hat, schon einmal etwas von »Buße« oder von »Beichte« gehört? Das Wort »Buße« taugt heute offenkundig nicht dazu, für das Anliegen der Reformation zu werben. Es klingt so negativ. Wir denken da an »Bußgeldbescheide«. Uns fallen Strafen ein, die Menschen »abbüßen« müssen. »Buße« klingt erniedrigend und demütigend. Den Eindruck, dass die christliche Botschaft Menschen kleinmachen möchte, möchte unsere Kirche darum auf keinen Fall erwecken. Die persönliche Beichte der eigenen Sünden, in der die Buße konkrete Gestalt gewinnt, zählt darum nicht zu den Anliegen, die mit dem Reformationsjubiläum befördert werden sollen.

Einladung zur Beichte fehlt

Für Luther und die anderen Reformatoren aber gehörte die Beichte, in der ein Mensch seine Sünde bekennt und den Zuspruch der Vergebung der Sünde empfängt, zu einem wahrhaftigen christlichen Leben. Ohne die konkret ausgedrückte Reue über die Verfehlungen gegenüber Gott und den Menschen war für sie der Zuspruch der Vergebung, der die »Freiheit eines Christenmenschen« begründet, nur Schall und Rauch. Ist er heute auch nur noch Schall und Rauch, wo die Einladung zur Beichte in fast keinem Gemeindebrief zu finden ist?

Beichtszene vom rechten Flügel des von Lucas Cranach d. Ä. und seinem Sohn gemalten Reformationsaltars (1547/1548). Im Mittelpunkt steht der erste Pfarrer der Wittenberger Stadtkirche, Luthers Freund und Beichtvater Johannes Bugen- hagen, der zwei Männern die Beichte abnimmt. Fotos Adrienne Uebbing

Beichtszene vom rechten Flügel des von Lucas Cranach d. Ä. und seinem Sohn gemalten Reformationsaltars (1547/1548). Im Mittelpunkt steht der erste Pfarrer der Wittenberger Stadtkirche, Luthers Freund und Beichtvater Johannes Bugen- hagen, der zwei Männern die Beichte abnimmt. Fotos Adrienne Uebbing

Natürlich ist dieser Zustand dadurch befördert worden, dass »Beichten« als etwas »Katholisches« gilt. Doch die Reformatoren haben nicht die Beichte als solche, sondern den Beichtzwang, die Nötigung der Aufzählung von Einzelsünden und die Verordnung aller möglichen Bußleistungen kritisiert. Ihnen blieb die Beichte wichtig, weil sie einprägte, dass die Rechtfertigung sündiger Menschen durch Gott konkret im Leben von Christinnen und Christen ankert. Es ist für uns als leib-seelische Wesen auch wichtig, dass die Rechtfertigung ausweisbar in unserer geschichtlichen Existenz Fuß fasst. So, wie die Sünde der Gottesferne im Äußerlichen ihr Werk tut, soll ihr auch ein Damm im Äußerlichen, im lauten Bekenntnis der Sünde und im lauten Freispruch entgegengesetzt werden.

Rechtfertigung wird bei der Beichte darum zu einem Datum in der Biografie, die so zum Leben eines Menschen gehört, wie die Hochzeit oder der Berufsanfang. Es vergisst sich nicht mehr, wenn ein Mensch zu dir in der Vollmacht Jesu Christi gesagt hat: »Ich spreche dich im Namen Gottes frei von dem, was du im Vergessen Gottes mit deinen Gedanken, Worten und Werken angerichtet hast. Dich braucht das Vergangene nicht mehr quälen. Vor dir liegen offene Horizonte, in die du aufbrechen kannst.«

Beichte – Akt der Freiheit

Wem sich das Erlebnis der Beichte so in sein Leben eingekerbt hat, für den verliert sie das Düstere, das mit dem lutherischen Buß- und Beichtverständnis zweifellos auch verbunden ist. Man kann verstehen, warum viele Gemeinden Luthers angebliches Beichtbekenntnis (das gar nicht von ihm stammt) vor dem Abendmahl nicht mehr sprechen möchten. Denn nicht ein »armer, elender, sündiger Mensch«, der Gottes Strafen »zeitlich und ewiglich verdient hat«, steht da vor Gott, sondern ein freier Mensch, der sich ohne alle Angst aufrichtet. Er ist im Vertrauen auf Gottes Güte fähig, auszusprechen, wie es in Wahrheit um ihn steht. Beichte, in welcher die Buße konkret wird, ist ein Akt der Freiheit.

Denn die Sünde, hat Dietrich Bonhoeffer gesagt, »will unerkannt bleiben. Sie scheut das Licht. Im Dunkel des Unausgesprochenen vergiftet sie das ganze Wesen des Menschen. […] Die ausgesprochene bekannte Sünde (aber) hat alle Macht verloren.« Wer seine Sünde bekennt, duckt sich also nicht nieder, er richtet sich auf. Er freut sich, wahrhaftig sein zu können. »Nun darf er Sünder sein«, hat Bonhoeffer etwas zugespitzt gesagt.

Wolf Krötke

Der Autor ist Professor für systematische Theologie an der Humboldt Universität in Berlin.

Es ist immer Gott, der segnet

17. Februar 2017 von redaktionguh  
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Wie wir Segen weitergeben, das kann sehr vielfältig sein; immer, wenn wir einen Menschen segnen, stellen wir ihn in eine Beziehung zu Gott.

Unsere Kinder sind längst erwachsen. Und doch gibt es Situationen, bei denen ganz frühe Erfahrungen unserer Familie eine Rolle spielen: Meine Frau und ich haben unsere Kinder gesegnet. Nach dem Abendgebet im Kinderbett ebenso wie auf dem Weg zur Schule; natürlich vor Klassenfahrten und später beim Abschied auf dem Weg in den Studienort. Bisweilen geschieht das noch heute: Wir legen unseren Kindern die Hand auf den Kopf und bitten um Gottes Segen. Leider sehen wir unsere Kinder viel seltener als früher; aber das wird eine Klage aller Eltern sein. Schon im Kindergartenalter waren die Freunde unserer Kinder verblüfft über diese für sie ungewöhnliche Situation. Selbst die Kinder spürten die Intimität des Augenblicks. Ich erinnere mich, wie ein Freund unseres Sohnes ein wenig schüchtern fragte, ob ich auch ihm die Hand auf den Kopf legen könne.

Segnender Auferstehungschristus (um 1480) vom Petersaltar in der evangelischen Kirche St. Sebald in Nürnberg. Foto: Martin Jäger/pixelio.de

Segnender Auferstehungschristus (um 1480) vom Petersaltar in der evangelischen Kirche St. Sebald in Nürnberg. Foto: Martin Jäger/pixelio.de

Segen ist viel mehr als ein guter Wunsch. Als Eltern haben meine Frau und ich das dringende Bedürfnis, Gottes Geleit für unsere Kinder zu erbitten. Sie müssen dann ihren eigenen Weg gehen, aber wir sind gewiss, sie gehen ihn nicht allein. Noch heute segnen wir unsere Kinder am Ende eines der viel zu seltenen Besuche.

Selbstverständlich bitten wir am Anfang jeden Tages im Gebet Gott um seine Begleitung für unsere Kinder und andere Menschen, die uns am Herzen liegen. Für den Segen fehlt allerdings die körperliche Nähe mit der Geste der Hand auf dem Kopf.

Wer Segen lediglich für einen besonders frommen guten Wunsch hält, hat das Wesen des Segens nicht begriffen. Es ist immer Gott, der segnet. Wir Menschen vergewissern uns seines Geleits entweder im freien Segenswort oder in traditionsreichen Sätzen wie dem aaronitischen Segen, der jeden Gottesdienst üblicherweise beschließt.

Die Segensgeste gehört zur Vergewisserung dazu. Als Pfarrer schätze ich es sehr, wenn nach dem Abendmahl die Teilnehmenden individuell die segnende Hand auf dem Kopf auch spüren. Die zum Segen erhobenen Hände für eine Gruppe von Menschen sind für mich stets die nur zweitbeste Segensform.

Segen kann nicht pauschal gespendet werden – das »urbi et orbi« auf dem Petersplatz hat eine lange Tradition, erreicht mich allerdings nicht.

Als Pfarrer habe ich in vielen Dienstjahren Menschen auf ihren letzten Schritten in diesem Leben begleiten können. Ein Segenswort über einem gerade verstorbenen Mitmenschen und ein letztes Segenswort vor dem Weg auf den Friedhof ist für mich ein angemessener Abschied aus der Welt unserer Sinne in das Universum Gottes. Meine eigene Trauer, wie kürzlich am Sterbebett meiner Mutter, findet ihren tröstlichen Ausgang im Segen, den ich sprechen darf und dann alles an Gott übergeben kann.

Im Segen findet eine reale Nähe zwischen Gott, dem Segnenden und dem Gesegneten statt, deren Quelle nicht wir Menschen sind. Als Vater, als Pfarrer, als Ehemann, als Christ suche ich diese Nähe.

Sie tröstet mich; sie stärkt mich; sie lässt mich auch in schwerer Zeit froh meinen Weg gehen. Das ist erheblich mehr, als ein frommer Wunsch je leisten könnte.

Joachim Liebig

Der Autor ist Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts.

Unterwegs nach Wittenberg

10. Februar 2017 von redaktionguh  
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In Mitteldeutschland gibt es zeitgleich mit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag die Kirchentage auf dem Weg.

Die Bläser treffen sich in Leipzig. Wer gerne Schiff fährt, kommt nach Magdeburg. Und für Gospelfans sind Halle und Eisleben eine gute Wahl. Bis zu 100000 Menschen werden erwartet, wenn parallel zum Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin und Wittenberg vom 25. bis 28. Mai in den acht Städten Leipzig, Magdeburg, Erfurt, Jena und Weimar, Dessau-Roßlau sowie Halle und Eisleben insgesamt sechs Kirchentage auf dem Weg stattfinden sollen. In der Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt in Berlin wurde jüngst das rund 2000 Veranstaltungen umfassende Programm dieser Treffen vorgestellt.

Herbergssuche anno 2017. Für die sechs Kirchentage auf dem Weg in Magdeburg, Erfurt, Jena/ Weimar, Dessau-Roßlau, Halle/Eisleben und Leipzig werden noch jede Menge Unterkünfte gesucht. Mehr dazu unter www.r2017.org/betten. Illustration: G+H/Daniel Leyva, r2017/Katharina Gschwendtner, r2017

Herbergssuche anno 2017. Für die sechs Kirchentage auf dem Weg in Magdeburg, Erfurt, Jena/ Weimar, Dessau-Roßlau, Halle/Eisleben und Leipzig werden noch jede Menge Unterkünfte gesucht. Mehr dazu unter www.r2017.org/betten. Illustration: G+H/Daniel Leyva, r2017/Katharina Gschwendtner, r2017

»Kirchentage auf dem Weg gibt es nur im Jahr des Reformationsjubiläums«, sagte der Abteilungsleiter Marketing des Vereins Reformationsjubiläum 2017, Christof Vetter. Im Unterschied zu dem zeitgleich stattfindenden Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin und Potsdam böten sie etwas intimere Veranstaltungen, »wer nicht zum großen Kirchentag nach Berlin fährt, weil ihm das zu groß ist, fährt vielleicht nach Mitteldeutschland«.

Dabei werden die Kirchentage auf dem Weg schon von der Teilnehmerzahl her höchst unterschiedlich aussehen: In Halle und Dessau werden von den Veranstaltern jeweils nur 5000 Menschen erwartet. Leipzig dagegen, wo im vergangenen Jahr der Katholikentag stattfand, wird mit 50000 erwarteten Besuchern in die Nähe eines klassischen Kirchentags kommen. Denn dort treffen sich schwerpunktmäßig die Posaunenchöre, proben für den großen Festgottesdienst in Wittenberg und veranstalten am Tag zuvor ein großes Festkonzert auf dem Marktplatz.

In Magdeburg wird das Zentrum Frieden angesiedelt sein, in Jena und Weimar finden sich Samba-, Capoeira- und Folk-Bands aus allen Teilen Deutschlands ein, darunter auch Musiker von Rio Reisers Protestband »Ton, Steine, Scherben«.

Und in Dessau steht wegen des dort ansässigen Umweltbundesamtes die Bewahrung der Schöpfung ganz oben auf dem Kirchentagsprogramm. »Wir streiten und fragen, feiern und singen, beten und schweigen nicht allein in Berlin beim 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag«, sagt Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au.

Man veranstalte Kirchentage auch dort, »wo die reformatorischen Ideen groß wurden, von wo aus sie verbreitet und weitergedacht wurden«. Dabei wolle man auch nicht verkennen, in welchem Umfeld die Veranstaltungen stattfänden: »Nichts, was mit Religion und Glauben zu tun hat, ist in Berlin und Mitteldeutschland selbstverständlich.«

Selbstverständlich bei einem Kirchentag ist dagegen der Auftritt der EKD-Lutherbotschafterin Margot Käßmann. Während sie am Donnerstag auf dem Berliner Kirchentag zu Gast ist, wird sie am Freitag und Samstag der Kirchentagswoche vor allem bei den »Kirchentagen auf dem Weg« präsent sein. »Die Kirchentage auf dem Weg nehmen auf, dass die Region Mitteldeutschland für die Reformationszeit prägend war«, sagt Käßmann. »Sie laden ein, Orte der Reformation kennenzulernen und den Menschen in diesen Orten zu begegnen.« Weil die Veranstaltungen kleiner sind als die des großen Kirchentags in Berlin, sind auch die Eintrittskarten etwas günstiger: Die Dauerkarte in Dessau oder Leipzig kostet 59 Euro, während sie in Berlin mit 99 Euro zu Buche schlägt. Für das gesamte Projekt der Kirchentage auf dem Weg, das wie der Berliner Kirchentag auch in den großen Festgottesdienst in Wittenberg mündet, haben die Veranstalter Kosten von 12,5 Millionen Euro kalkuliert: Zwei Millionen Euro werden dabei von den gastgebenden Kommunen aufgebracht – entweder als Bargeld oder als geldwerter Vorteil. »Die Stadt Dessau hat uns beispielsweise angeboten, dass ihr Bauamt unsere Bühne gleich selbst konstruiert«, sagt der Geschäftsführer des Reformationsjubiläums, Hartwig Bodmann. »So brauchen wir keinen Architekten mehr, und die Bühne ist auch gleich genehmigt.«

Und die Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen unterstützen die Veranstaltungsreihe mit 4,8 Millionen Euro. Den Rest will der Kirchentag über Teilnehmerbeiträge, Spenden, Sponsoring und die Unterstützung der beteiligten Landeskirchen selbst aufbringen.

Benjamin Lassiwe

Inklusion mit Augenmaß

3. Februar 2017 von redaktionguh  
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Kirche, Diakonie und Inklusion sind nahe Geschwister; Maßstab für das Gelingen von Inklusion ist immer der konkrete Mensch.

Wenn Inklusion heißt, Menschen mit Behinderungen zu einer höchstmöglichen Teilhabe mitten im Leben unserer Gesellschaft zu begleiten und die dafür notwendigen Strukturen zu schaffen, Kranken, schuldig Gewordenen, körperlich und seelisch Verletzten beizustehen, dann folgen Kirche und Diakonie den Spuren und dem Auftrag Jesu.

Sein Kompass ist eindeutig: Er hatte einen liebenden Blick für suchende, verletzte Menschen, für Menschen mit zweifelhaftem Ruf, für Marginalisierte und Traumatisierte. Jesu inniges Beten hat ihn nicht von der Nähe zu Menschen weg-, sondern geradewegs zu ihnen hingeführt.

»Mit dem Wort Inklusion wird ein Paradigmenwechsel markiert. Es geht nicht mehr um die Integration einer kleinen abweichenden Minderheitsgruppe in die ›normale‹ Mehrheit. Vielmehr soll die Gemeinschaft so gestaltet werden, dass niemand aufgrund seiner Andersartigkeit herausfällt oder ausgegrenzt wird«, formulierte der Vorsitzende des Rates der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, im Vorwort der Orientierungshilfe zur Inklusion. Illustration: Aktion Mensch

»Mit dem Wort Inklusion wird ein Paradigmenwechsel markiert. Es geht nicht mehr um die Integration einer kleinen abweichenden Minderheitsgruppe in die ›normale‹ Mehrheit. Vielmehr soll die Gemeinschaft so gestaltet werden, dass niemand aufgrund seiner Andersartigkeit herausfällt oder ausgegrenzt wird«, formulierte der Vorsitzende des Rates der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, im Vorwort der Orientierungshilfe zur Inklusion. Illustration: Aktion Mensch

Das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe hat Jesus in seiner jüdischen Glaubensüberlieferung vorgefunden und neu in den Mittelpunkt gerückt. In den Spuren Jesu haben viele eine erstaunliche Erfahrung gemacht: Wer versucht, ganz in Gott einzutauchen, sich ihm und seinem Willen (vgl. die Vaterunser-Bitte) zu überlassen, der taucht neben dem Menschen wieder auf. Und umgekehrt: Wer sich Menschen uneigennützig zuwendet und fremde Nähe zulässt, kann in diesen Begegnungen auch Gott beziehungsweise Jesus Christus finden. Christlicher Glaube öffnet die Sinne für die Gebrochenheit und Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens, für sündhafte Strukturen, die Menschen gefangen nehmen. Christlicher Glaube hat eine eigene Balance von Leidenschaft und Nüchternheit.

In der aktuellen Diskussion haben die Stichworte »inklusive Gesellschaft« und »inklusive Schulen« Konjunktur. Sie stehen für ein gutes Ziel – sie können aber auch zu Schlag-Wörtern werden, mit denen um sich »geschlagen« wird. Manchmal verstecken gut gemeinte Worte genau die Menschen und ihre Lebenssituation, die wir doch verbessern wollen, und die konkreten Strukturen, die dabei helfen oder bremsen.

In Thüringen wird ein neues »inklusives Schulgesetz« vorbereitet, das Förderschulen in sogenannte Kompetenzzentren umwandeln möchte. Bisher sind Eckpunkte des Gesetzes bekannt. Die Diskussion hierzu schlägt zu Recht hohe Wellen: Werden Förderschulen kurzerhand abgeschafft? Werden Regelschulen mit den notwendigen sachlichen und personellen Ressourcen für eine überzeugende inklusive Pädagogik ausgestattet? Kommen Kinder mit hohen Förderbedarfen unter die Räder? Soll die Diagnostik und damit auch Frühförderung und Prävention erst auf die Zeit nach dem Schuleintritt verschoben werden?

Inklusion mit Augenmaß heißt für mich: Einfache Lösungen gibt es nicht, dafür sind Menschen zu unterschiedlich. Es gibt nicht »die Behinderten«! Die Unterscheidung von körperlichen, seelischen, geistigen und Sinnesbehinderungen ist bestenfalls eine allererste Annäherung.

Ich erlebe in Diskussionen oft, dass schwer-, schwerst- und schwerstmehrfachbehinderte Kinder und Jugendliche überhaupt nicht vorkommen. Die Hilfe- und Förderbedarfe sind komplex und anspruchsvoll. Also braucht es eine Vielzahl von fachlich kompetenten und evaluierten Angeboten. Für viele Kinder mit erhöhten Förderbedarfen braucht es auch in Zukunft geschützte Räume in bewährten Förderschulen. Genau hier wird für diese Kinder und Jugendliche passgenaue Inklusion verwirklicht.

Inklusion mit Augenmaß für mich: Maßstab für das Gelingen von Inklusion ist immer der konkrete Mensch, seine Bedarfe und die für ihn spürbaren Fortschritte. Von oben verordnete, pauschalisierte und vom Reißbrett administrierte Inklusionsmaßnahmen können das Gegenteil bewirken: Sie führen zu Inklusionsopfern. Eltern und Pädagogen haben mir von konkreten Leid- und Ohnmachtserfahrungen erzählt.

Schritte zu einer inklusiven Gesellschaft, Arbeitswelt und Bildung brauchen alle Akteure an Bord, insbesondere und zuerst die Betroffenen selbst, ihre Interessenvertretungen, ihre Verwandten und Freunde, die Fachkräfte vor Ort in den Förderschulen, die Lehrer- und Fachverbände, die freien Träger, Elternvertretungen, Verwaltungen und Parteienvertreter.

Klaus Scholtissek

Der Autor ist promovierter Theologe und Vorsitzender der Geschäftsführung der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein.

Endlich im Rampenlicht

27. Januar 2017 von redaktionguh  
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Frauen haben die Reformation mitgestaltet. Das war lange vergessen. Auch an sie soll über 2017 hinaus erinnert werden.

Die Reformation hat auch Frauen angesprochen und aktiviert. Dass in der Taufe alle zu Priestern berufen sind und alle Menschen einen unmittelbaren Zugang zu Gott haben, haben auch die Frauen gehört, ernst genommen und mit ihrem Leben und Handeln bezeugt. Leider schätzten die Männer ihrer Zeit und nachfolgender Jahrhunderte dies als zweitrangig oder noch weniger ein. Leider ist unser Wissen über diese Frauen verkümmert. Erst allmählich werden sie wiederentdeckt.

Dabei handelten Frauen so mutig, beharrlich und durchsetzungsstark wie Männer, in mancher Hinsicht mit mehr Klugheit und Besonnenheit als viele Reformatoren oder gar Martin Luther selbst. Mir ist das sehr deutlich geworden, als ich mich mit Anna II. zu Stolberg (1504–1574) beschäftigte – eine in vielerlei Hinsicht beeindruckende und überaus kluge Frau, die mit nicht einmal 13 Jahren Äbtissin im Stift zu Quedlinburg wurde. Als Reichsfürstin hatte sie die Kurwürde und war einzig Papst und Kaiser zu Gehorsam verpflichtet.

Frauen der Reformation: Unser Titelbild greift zurück auf das Tafelgemälde, das die Malerin Mariana Lepadus im Rahmen des Projektes »Frauen der Reformation in der Region« geschaffen hat, und das 12 Frauen der Reformationszeit an einem Abendmahlstisch versammelt darstellt. Illustration: Mariana Lepadus/www.frauenarbeit-ekm.de

Frauen der Reformation: Unser Titelbild greift zurück auf das Tafelgemälde, das die Malerin Mariana Lepadus im Rahmen des Projektes »Frauen der Reformation in der Region« geschaffen hat, und das 12 Frauen der Reformationszeit an einem Abendmahlstisch versammelt darstellt. Illustration: Mariana Lepadus/www.frauenarbeit-ekm.de

Sehr wahrscheinlich sympathisierte sie schon lange mit dem neuen Glauben, wartete aber bis 1539 mit der Einführung der Reformation in Quedlinburg. Sie wollte ihrem katholisch gesinnten Schutzherrn Georg von Sachsen keinen Vorwand geben, sie zu entmachten.

Ihr musste klar gewesen sein, dass er nur darauf wartete. Und auch sein Nachfolger hoffte, Macht und Reichtum des Stifts an sich zu ziehen. So schritt Anna erst nach dem Tod des katholischen Schutzherrn zur Tat, und damit zugleich seinem nachfolgenden evangelischen zuvorkommend.

Die Stadt Quedlinburg verdankt ihr eine neue Kirchenordnung sowie ein völlig neu geordnetes Schul- und Finanzwesen. Sie berief den ersten Superintendenten und führte die Visitation ein. Das Besondere an ihr: Sie wartete den richtigen Zeitpunkt ab. So bewahrte sie – denn Äbtissin blieb sie weiterhin – eine erstaunliche Kontinuität trotz radikaler Umbrüche.

Anna II. zu Stolberg erreichte mit Mut und Klugheit sehr viel.

Für mich ist sie ein ermutigendes Beispiel dafür, auch heute mit Entschiedenheit und Geduld wichtige Veränderungen anzugehen und dabei den langen Atem nicht zu verlieren, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten. Und dabei im Blick zu haben: Es gibt auch heute so manche wohlmeinende »Schutzherren«, die hinter ihrem Beschützen-Wollen manche Machtbedürfnisse, wenn nicht gar -gelüste, ausleben wollen.

Am Beispiel Annas und der Biografien anderer Frauen habe ich die Reformationszeit besser kennengelernt: Wie komplex dieser Transformationsprozess war, der Kirche und Gesellschaft quer durch alle Schichten erfasste. Wie viele Menschen daran mitwirkten unter ihren jeweiligen, ganz speziellen Bedingungen.

Und ich habe gelernt, was der besondere Beitrag von Frauen war – ob als Fürstin mit großen Entscheidungsbefugnissen, als Verfasserin geistlicher Lieder, als Äbtissin mit geistlichen und weltlichen Leitungsaufgaben oder als Frau eines Reformators, die das Anliegen ihres Mannes nach Kräften unterstützte.

Der Blick zurück schärft den Blick für die Gegenwart, auf die »Frauenfrage« in der Kirche: Wie wirken Frauen heute in den Kirchen? Welche Veränderungen bewirken sie? Wo gehen ihre Worte ins Leere? Wo begegnen sie männlichem Reviergehabe? Was machen sie anders als Männer? Was können gerade sie besonders gut? Inwiefern leiten und führen Frauen anders? Wie veränderten und verändern sich Pfarramt und Gemeindeleben durch Pfarrerinnen, Kantorinnen und Gemeindepädagoginnen?

Mit der 2012 eröffneten Wanderausstellung »Frauen der Reformation in der Region« hat die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland die Beschäftigung mit Zeuginnen der Reformation angestoßen – weg von Idealgeschichten und nur einer Heldenfigur. Sie hat die bisherige Schattengeschichte der Frauen der Reformationszeit ins Licht der Aufmerksamkeit geholt. Dieser Prozess, hoffe ich, ist mit dem 500. Jubiläumsjahr der Reformation noch lange nicht beendet.

Landesbischöfin Ilse Junkermann

Zwischen Betreuen und Behüten

20. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Gibt es ein Rezept für ein zufriedenes Leben mit Kindern? Welche Zutaten machen das Gelingen aus?

Erziehung, sagt Julia Dibbern, ist ein Wort und eine Idee wie aus der Zeit gefallen. Ein Konzept des vergangenen Jahrhunderts, um Kinder zurechtzubiegen, auf dass sie einem bestimmten, vermeintlich sozial erwünschten Bild entsprechen, meint die Fachjournalistin für Familie und Nachhaltigkeit. Heutigen Eltern gehe es vielmehr darum, ihre Kinder zu unterstützen, so wie sie sind und mit dem, was sie brauchen (nicht zu verwechseln mit dem, was sie wollen). Beziehung statt Erziehung.

Seit mehreren Jahren recherchiert und schreibt Julia Dibbern zum Thema, ebenso ihre Kollegin Nicola Schmidt. Gemeinsam haben die beiden Frauen im vergangenen Herbst das Buch »Slow Family – sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern« veröffentlicht. Eine Rezeptsammlung ist das 240 starke Buch gewiss, aber keine Kochanleitung mit Gelinggarantie. Liebe und Achtsamkeit, Natur, Ressourcen und Wissen, Gemeinschaft und Zauber haben die Autorinnen als Zutaten für eine gelungene Eltern-Kind-Beziehung ausgemacht.

Spielen im Stroh – Naturerfahrungen sind wichtig für die Entwicklung der Kinder. Der Entdeckerdrang ist angeboren. Die Kleinen sind oft verplant, werden vielfach gefördert oder in Watte gepackt. Doch auch Freiräume sind notwendig. Mehr dazu »Im Blickpunkt«. – Foto: Regina Kaut/pixelio.de

Spielen im Stroh – Naturerfahrungen sind wichtig für die Entwicklung der Kinder. Der Entdeckerdrang ist angeboren. Die Kleinen sind oft verplant, werden vielfach gefördert oder in Watte gepackt. Doch auch Freiräume sind notwendig. Mehr dazu »Im Blickpunkt«. – Foto: Regina Kaut/pixelio.de

An Anfang und Ende dieses einfachen, entschleunigten Zusammenlebens von Mutter, Vater, Kindern steht jedoch die Zeit. »Bei unseren Recherchen über die Faktoren, die Eltern stressen, kamen wir immer wieder auf die Zeit – beziehungsweise den Zeitmangel – durch Arbeit, Termine, ganz oft auch selbstgemacht durch Freizeitstress«, bilanziert Nicola Schmidt. Und das, was Familien brauchen? »Zeit. Da beißt sich die Katze also in den Schwanz.«

»Slow Family« ist kein Manifest wider die Tigermutter, die ihr Kind vollumfänglich fördert und in der Schule und darüber hinaus zu Höchstleistungen treibt. Kinder und ihre Talente zu fördern, ist richtig. »Wenn in der Familie alle gesund und vergnügt sind und mit drei Terminen pro Woche zufrieden, dann ist das doch fein«, sagt Nicola Schmidt. Ihr geht es um jene, die ihr Kind zum Ballett, Klavierunterricht und Frühenglisch schicken aus Angst, etwas zu verpassen, aus Angst, das Kind könnte in der globalisierten Welt nicht mithalten. »Der Druck, perfekte Kinder zu haben, war noch nie so groß wie heute«, sagt Julia Dibbern.

»Slow Family« will Eltern den Druck nehmen, ist ein Plädoyer für die Achtsamkeit im Umgang mit kleinen Geschöpfen. Wer seinem Kind zugesteht, zum Beispiel morgens vor der Kita zehn Minuten lang den Käfer am Wegesrand zu beobachten, ermöglicht Naturerfahrung, auch ohne am Nachmittag zur Raubtierfütterung in den Zoo zu hetzen.

Sich Zeit zu nehmen für seine Kinder erweitert für Julia Dibbern und Nicola Schmidt die Perspektive auf das Thema Erziehung. Unterm Brennglas steht nicht allein die Kleinfamilie aus Mutter, Vater, Kind – und das unterscheidet »Slow Family« von anderen, typischen Erziehungsbüchern und Ratgebern. Die Autoren wechseln in eine globale Perspektive, thematisieren Umweltschutz, Konsumkritik und Nachhaltigkeitstheorien. Ihre Vision: zufriedene Familien, zufriedener Planet. Wer gesund ist an Körper, Geist und Seele, wer sich wertvoll fühlt, kümmert sich um andere. Wo sich Eltern und Kinder wahrnehmen, wo gesprochen wird, wo man Zeit füreinander hat, kann man sich auch auf ein gebrauchtes Handy einigen, kann man Kleidungsstücke für Babys mieten statt neu zu kaufen, bringt man das Altglas zum Container, statt es im Hausmüll zu verstecken.

»Mein neunjähriger Sohn liebt Wale, nun hat er ziemlich schnell mitbekommen, wie wir durch Plastikmüll den Lebensraum der Tiere, das Meer, verschmutzen. Was können wir schon dagegen tun?« Nicola Schmidt überlegt nicht lange. »Wir kaufen im verpackungsfreien Laden ein.« Es ist eine Ermutigung, dass jede Entscheidung im Leben zählt und dass selbst ein Weg der kleinen Schritte ein Weg zum Ziel bleibt. »Stellen Sie sich vor, wie unsere Wälder aussehen würden, wenn 80 Millionen Menschen jeweils eine Tüte Müll heraustragen würden!«

Dies ist ein Rezept von Nicola Schmidt und Julia Dibbern. Auch wenn ihr Buch voll solcher Ideen ist, Anleitungen wollen sie ihren Lesern eigentlich nicht geben, eher Anregungen. Nur eines empfehlen sie von Herzen für die To-do-Liste: »Schauen Sie den Menschen, die Sie lieben, mindestens einmal am Tag ins Gesicht und sagen ihnen: Schön, dass du da bist.«

Katja Schmidtke

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