Luther geht immer

21. Juli 2017 von redaktionguh  
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Wandern auf Luthers Spuren: Unter diesem Motto treffen sich vom 26. bis 31. Juli in der Wartburgregion mehr als 30 000 Wanderer aus ganz Deutschland. Mit dem Reformator hat der 117. Deutsche Wandertag aber wenig am Hut.

Über 20 Kilometer lang ist die Strecke, die Luther bei seiner Entführung auf die Wartburg gegangen sein soll. »Ob es genau auf diesem Weg war, sei mal dahingestellt«, sagt Wanderführer Andreas Matz. Aber denkbar wäre es in jedem Fall. Die Strecke ist die längste der 95 Wanderrouten, die zum Deutschen Wandertag zur Auswahl stehen – die Zahl erinnert nicht zufällig an die 95 Thesen.

Titel-Schuhe-29-2017Von Schweina führt sie über Steinbach zum Luthergrund, dem vermeintlichen Ausgangspunkt der Entführung. Durch den Nordwesten des Thüringer Waldes geht es weiter zur Wartburg. Andreas Matz ist einer von 270 Wanderführern, die das Großevent Wandertag ermöglichen. Er führt sechs der insgesamt 292 Touren, darunter zwei Mal die Strecke von Luthers Entführung. »Man wird nicht umhinkommen, Luther zu erwähnen«, sagt er. Aber: »Es geht vor allem um das Wandern.«

Dem stimmt auch der Superintendent des Kirchenkreises Eisenach-Gerstungen, Ralf-Peter Fuchs, zu. Das Motto bot sich an, »weil in diesem Jahr alles mit Luther sein muss«, meint er. Viele der Touren folgen tatsächlich den Spuren des Reformators, beispielsweise auf verschiedenen Etappen entlang des Lutherwegs. Von Eisenach nach Möhra, dem Heimatort von Luthers Vater etwa, oder eine kulturgeschichtliche Wanderung von Hörschel zum Eisenacher Lutherhaus. Doch die Mehrzahl der Wanderungen verbindet nicht viel mit dem Reformator.

Eisenach ist nach 1888 und 1936 zum dritten Mal Gastgeber des Deutschen Wandertages. Für die Veranstaltung übernahm die ehemalige Thüringer Ministerpräsidentin und Präsidentin des Thüringer Verbandes der Gebirgs- und Wandervereine, Christine Lieberknecht, die Schirmherrschaft. Obwohl der Titel der Veranstaltung durchaus einen christlichen Bezug vermuten lässt, fehlt der im Grußwort der Theologin im Programmheft. Nicht einmal um »Gottes Segen« für diese sechs Tage wird gebeten.

Exklusive Postkarten Am Stand von »Glaube + Heimat« vor dem Eisenacher Lutherhaus erhalten Sie frankierte Postkarten Ihrer Kirchenzeitung zugunsten der Stiftung »Humor hilft heilen« (eine Aktion zusammen mit der Deutschen Post und der Thüringer Tourismus GmbH). Die Auflage ist auf 2017 limitiert. Da heißt es, schnell die Wanderschuhe schnüren und nichts wie hin! Gestaltung: Adrienne Uebbing

Exklusive Postkarten Am Stand von »Glaube + Heimat« vor dem Eisenacher Lutherhaus erhalten Sie frankierte Postkarten Ihrer Kirchenzeitung zugunsten der Stiftung »Humor hilft heilen« (eine Aktion zusammen mit der Deutschen Post und der Thüringer Tourismus GmbH). Die Auflage ist auf 2017 limitiert. Da heißt es, schnell die Wanderschuhe schnüren und nichts wie hin! Gestaltung: Adrienne Uebbing

Apropos Segen: Den haben die Kirchen vor Ort angeboten. Doch ein solcher Wandersegen zu Beginn der Touren wurde abgelehnt. »Damit konnten sie nichts anfangen«, sagt Superintendent Ralf-Peter Fuchs. Im über 200-seitigen Veranstaltungsheft fällt der Abschnitt der Kirchenveranstaltungen mit knapp drei Seiten recht dünn aus. Umso überraschender ist der Verweis auf das Buddhistische Dharmazentrum Möhra an dieser Stelle. Einige, seitens der Gemeinden rechtzeitig gemeldete Veranstaltungen fehlen dagegen. Darunter auch der speziell angebotene Abendsegen für Wanderer, Mittwoch bis Freitag um 19 Uhr in der Annenkirche.

Inhaltliche Akzente will Fuchs vor allem in den zwei ökumenischen Gottesdiensten, am Samstag im Kurpark in Bad Liebenstein und am Sonntag in Eisenach auf dem Elisabethplan, setzen. »Wenn die Wanderer einen inhaltlichen Bezug wollen, werden sie diese Veranstaltungen aufsuchen«, sagt Fuchs. »Und die werden gut«, ist er sich sicher.

Der Superintendent räumt ein, dass im Vorfeld nicht alles ideal lief. Er selbst kam erst nach Eisenach, als fast alle Planungen abgeschlossen waren. Auch für die Kirchengemeinden sei es schwer, über ein Jahr im Voraus zu planen – zudem noch für einen Termin in den Ferien. Deshalb war es Stephan Köhler, Pfarrer der Eisenacher Georgenkirche, wichtig, während der Wandertage auf die Angebote hinzuweisen, die sowieso schon bestehen. Die täglichen Marktkonzerte um 11 Uhr in der Georgenkirche und das anschließende Mittagsgebet um 12 Uhr beispielsweise.

Doch daraus folgt, dass deutliche Spuren lutherischer Theologie und Luthers Wirken für die Wanderer allenfalls in den Museen oder dem Musical »Luther! Rebell wider Willen« des Eisenacher Landestheaters zu finden sein werden.

Mirjam Petermann

Einfach vom Glauben sprechen

14. Juli 2017 von redaktionguh  
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Sprachfähig: Wer sich in der DDR als Christ zu erkennen gab, musste damit rechnen, verspottet, schlimmstenfalls diskriminiert zu werden. Obwohl das hier und heute niemand mehr befürchten muss, fällt es vielen Christen schwer, über ihren Glauben zu reden.

Warum Christen so oft stumm in Glaubensdingen sind, hat viele Ursachen: vermutetes Desinteresse, der Wille, unbedingt Mission vermeiden zu wollen und last, but not least, Gott in Worte zu fassen ist nicht leicht. Wie soll ich in einer säkularen Umgebung einem Menschen, der selbstverständlich von der Nichtexistenz Gottes ausgeht, klarmachen, dass ich einen Draht zum Himmel habe?

»Es fällt uns schwer, über den Glauben zu reden«, unterstreicht Propst Christian Stawenow, Regionalbischof des Propstsprengels Eisenach-Erfurt. Christen glauben an das ewige Leben – dass Christus auferstanden ist von den Toten. Aber »man redet nicht mehr darüber, dass dieses schöne Leben, wenn man es denn schön getroffen hat, irgendwann einmal zu Ende geht«, so der Theologe. Darüber müsse die Kirche mehr reden, schlussfolgernd ebenso darüber, wie die Menschen zur Auferstehung der Toten kommen. Eschatologie, die Lehre von den letzten Dingen Tod, Gericht, Himmel und Hölle, ist in der Theologie heute kaum Thema. Selbst Pfarrerinnen und Pfarrern, den Profis in Sachen Glauben, fällt es nicht leicht, über diese Fragen zu sprechen.

Privatsache? Über den Glauben reden fällt vielen nicht leicht. Oft fehlt der Anstoß. Mit der Plakatkampagne des überkonfessionellen Vereins gott.net soll Gott wieder ins Gespräch gebracht werden. Der Fachverband Außenwerbung hat die christliche Plakat-Kampagne 2004 ausgezeichnet. – Foto: gott.net

Privatsache? Über den Glauben reden fällt vielen nicht leicht. Oft fehlt der Anstoß. Mit der Plakatkampagne des überkonfessionellen Vereins gott.net soll Gott wieder ins Gespräch gebracht werden. Der Fachverband Außenwerbung hat die christliche Plakat-Kampagne 2004 ausgezeichnet. – Foto: gott.net

Was trägt das Studium an der Universität zur Sprachfähigkeit des Theologennachwuchses bei? »Der akademische Diskurs hat alle Chancen, sprachfähig zu machen. Er trägt dazu bei, dass ich den Glauben verständlich machen kann«, erklärt Manuel Vogel, Dekan der theologischen Fakultät an der Universität Jena. Doch so hoch der Professor für Neues Testament den Stellenwert theologisch-wissenschaftlicher Arbeit ansetzt, weiß er auch um die Gefahr, sprachlich zu verarmen. Neben der Bibel sieht er deshalb in der Literatur eine große Fundgrube für Bilder, Geschichten, für Sprache. Sie sei ein Raum großartiger Sprache, in dem sich Theologen bedienen könnten. Wie Pfarrerinnen und Pfarrer mit ihren Predigten die Menschen erreichen, berühren können, »daran arbeiten wir«, sagt Kathrin Oxen, Leiterin des Wittenberger Zen­trums für Predigtkultur. Gefragt seien nicht die großen Worte und Gedanken, sondern es sei wichtig, über Erfahrungen mit Gott zu sprechen. Über die eigene Glaubensgewissheit, aber nicht nur das. »Wir müssen uns trauen, mehr zu sagen, als wir glauben.« Wie ist das möglich? Wir sind nicht allein. Die Bibeltexte helfen uns mit ihren Bildern, Geschichten, Verheißungen.

»Ich weiß nicht, wie Schwerter zu Pflugscharen werden«, sagt Oxen. Aber sie lese beim Propheten Micha, dass dies geschehen kann. So spreche die Bibel von einer Hoffnung, die noch nicht die ihre sei, jedoch zu dieser werden könne. Die Bibel ist reich an Bildern und Geschichten. Sie überliefert vielfältige Gotteserfahrungen. Kein Mensch kann Gott in seiner ganzen Größe begreifen. Wie jeder Bibeltext eine andere Facette des Glaubens zum Ausdruck bringt, so vermag jeder Christ nur die eine oder andere Seite von Gott zu entdecken. Bekommt sozusagen jeweils nur einen winzigen Zipfel zu fassen. Aber sich mit diesem zu zeigen, ist spannend für andere.

Was glauben Christen? Welche Gewissheiten haben sie? In Gesprächen höre sie oft, dass Menschen sich von Gott getragen fühlen, erzählt Beate Marwede, Superintendentin im Kirchenkreis Meiningen. Sie denke an ein Ehepaar, das voller Dankbarkeit auf das lange gemeinsame Leben zurückblicke. Manche berichteten, wie ihnen das Gebet helfe. Und sie sprechen von ihrer Hoffnung – über den Tod hinaus.

»Ich glaube an Gott, den Schöpfer«, sagt Manuel Vogel. Wenn er diesen Satz des Glaubensbekenntnisses spreche, bezeuge er sein Einverständnis mit der Welt, wie sie ist, also fehlbar. Das Leben verwundbar und anfällig für Schuld und Versagen. Er bringe damit zugleich seine Gewissheit zum Ausdruck, so der Professor, dass Gott dieser Welt trotz all ihres Versagens und ihrer Schuld seinen guten Willen nicht aufkündigt.

Sabine Kuschel

Heiliger Zeitgeist

7. Juli 2017 von redaktionguh  
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Gender als Schimpfwort – Zeitgeist als Synonym für den Selbstbetrug der Kirche. Die Debatte um Geschlechterrollen ist erhitzt. Abkühlung versprach eine Tagung in Magdeburg.

Die Spannung war nahezu mit Händen zu greifen, als Margit Eckholt, Professorin für Katholische Theologie in Osnabrück, ihren Vortrag über die Ämterfrage der katholischen Kirche anlässlich der internationalen und interdisziplinären Tagung »Glaube und Geschlecht – Gender Reformation« an der Universität Magdeburg beendet hatte. Fragen aus dem Publikum ließen nicht lange auf sich warten. »Wann ist denn nun endlich die Zeit gekommen?«, wollte eine Zuhörerin von der Wissenschaftlerin ungeduldig wissen, um dann doch selbst zu schlussfolgern, die Zeit komme nicht aus der Kirche, sie komme von außen in die Kirche. Gleichberechtigung, Geschlechterfragen, Gender – freilich nicht nur in der katholischen, auch in der evangelischen Kirche entzünden sich hitzige Debatten um diese Themen. Und das nicht erst heute. Vor rund 100 Jahren wurden Frauen zwar zum Theologiestudium, aber nicht automatisch zum Examen zugelassen, geschweige denn in den Dienst ihrer Landeskirche übernommen. Später durften sie zwar als Pfarrgehilfin tätig sein, hatten aber nach einer Hochzeit aus dem Dienst auszuscheiden.

Männlein oder Weiblein: Gender steht für das soziale Geschlecht. Im Gegensatz zum biologischen Geschlecht meint Gender die gesellschaftliche Geschlechterrolle, die häufig auch typisches Verhalten oder Kleidung bestimmt. – Foto: Adrienne Uebbing

Männlein oder Weiblein: Gender steht für das soziale Geschlecht. Im Gegensatz zum biologischen Geschlecht meint Gender die gesellschaftliche Geschlechterrolle, die häufig auch typisches Verhalten oder Kleidung bestimmt. – Foto: Adrienne Uebbing

Es war in den letzten Kriegsjahren und den ersten Jahren des geteilten Deutschlands keine Kirchenrevolution, sondern schiere Notwendigkeit, dass Frauen predigten, trauten, beerdigten oder das Abendmahl austeilten. Erst 1958 unternahmen einzelne Landeskirchen, darunter auch Anhalt, kirchenrechtliche Schritte zur – zunächst noch eingeschränkten – Gleichberechtigung der Frauen. Es war ein langer Weg von Carola Barth, der ersten Frau, die in Theologie promovierte, bis zu Maria Jepsen, der weltweit ersten lutherischen Bischöfin, oder Margot Käßmann, erste Frau an der Spitze der EKD. Die Bibel, so sagt es Kirchenhistorikerin Cornelia Schlarb, sei jahrhundertelang patriarchisch ausgelegt worden. Der Prozess der Gleichberechtigung sei auch nach 100 Jahren nicht abgeschlossen. Die Rücknahme der Frauenordination in Lettland ist dafür beredtes Zeugnis.

Über neue Lebensformen und den Wandel der Geschlechteridentitäten forscht die praktische Theologin Professor Andrea Bieler. Sie bezeichnet die Bundestagsentscheidung zur »Ehe für alle« als Überwindung einer signifikanten symbolischen Schwelle und erinnert an die Erkenntnisse von Biologen, Sozialwissenschaftlern und auch Theologen, wonach die binären Kategorien zu simpel und nicht mehr haltbar seien. »Die Lebensformen haben sich pluralisiert«, sagte sie. Zwar sei die traditionelle, heterosexuelle Kleinfamilie in der Mehrheit, aber auch hier müsse immer mehr ausgehandelt werden, was das Zusammenleben eigentlich bedeutet: Pendeln zur Arbeit, Pflege der Eltern, Patchwork.

Die Ehe ist ein weltlich Ding, erinnerte Andrea Bieler an Martin Luther. Heute mehr als zur Reformationszeit: Einzig der Staat kann rechtsgültige Ehen schließen. Die Ehe ist ein Rechts­institut, schnöde gesagt. Und sie ist göttliche Stiftung. Aber, so Bieler weiter, die Geschlechterrollen der Schöpfungsgeschichte entsprächen nicht den Prioritäten der Bibel. Wie die Heilige Schrift ausgelegt werden könne, auf dass sie in der Gegenwart handlungsweisend und orientierend ist, sei der Streitpunkt. Dabei steht die Kirche immer wieder auch aus der Kirche heraus in der Kritik, sich dem Zeitgeist hinzugeben. Professorin Bieler: »Gibt es kein Vertrauen darauf, dass sich auch im Zeitgeist der Heilige Geist zeigen könnte?« Bieler bemängelte, dass Sexualität entweder dämonisiert oder religiös verklärt werde. Der Fetisch des Sexuellen überlagere dabei die eigentliche Frage, wer der Einzelne als Christ und wie seine Beziehung zu Gott sei.

Katja Schmidtke

Glaube ohne Heimat

30. Juni 2017 von redaktionguh  
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Kirche in der Region – ihre Situation ist unterschiedlich, je nachdem, ob die Kirche auf dem Land oder in der Stadt ihre Heimat hat. Zwei Beispiele aus der mitteldeutschen Landeskirche.

Wenn Michael Kleemann, Superintendent im Kirchenkreis Stendal, einer ländlichen Region, die Lage beschreibt, klingt das dramatisch. »In den vergangenen zehn Jahren haben wir im Landkreis Stendal etwa ein Fünftel der Einwohner verloren.« Die Landflucht und der demografische Wandel machen der Region und der Kirche zu schaffen. Was bindet Menschen an einen Ort und was veranlasst sie, wegzugehen?

Mit dieser Frage habe sich auch der Kirchentag auf dem Weg in Weimar und Jena beschäftigt, erzählt Kleemann. »Für Beheimatung ist wichtig, ob es eine lebendige Gemeinschaft gibt.« Das heißt, ob junge Familien an einem Ort auf ebensolche treffen. Wenn es in den Dörfern keine Arbeit gibt, Kindertagesstätten fehlen und Schulen schließen, zieht es die Menschen in die Stadt. »In den nächsten zehn bis zwanzig Jahren werden hier weniger Menschen leben, und es fehlt ein probates Mittel, um diesen Wandel aufzuhalten«, so die Prognose des Theologen.

Stendal – Foto: Adrienne Uebbing

Stendal – Foto: Adrienne Uebbing

Von dieser schmerzhaften Entwicklung ist in einer Stadt wie Magdeburg nicht so viel zu spüren. Während die Mitgliederzahlen auf dem Land sinken, halten sie sich im Kirchenkreis Magdeburg konstant. »Wir profitieren von dem rückläufigen Trend in ländlichen Regionen«, sagt Pfarrer Ronny Hillebrand, stellvertretender Superintendent im Kirchenkreis Magdeburg.

Denn die Menschen, die aus den Dörfern fliehen, zieht es in die Stadt. Für die stabilen Zahlen in den Kirchengemeinden sorgen zum einen junge Leute, die zum Studium nach Magdeburg kommen. Zum anderen seien es die alten Menschen in den Alten- und Pflegeheimen, die ursprünglich in ländlichen Regionen lebten.

Wenn die Kirchenzugehörigkeit abnimmt, hat das Einfluss auf die Stellenpläne. In der Region zwischen Havelberg und Genthin habe es bis Ende der 1960er-Jahre noch 22 Pfarrstellen gegeben, erklärt Kleemann. Heute seien es nur noch drei. Und deren Bestand sei stark gefährdet.

Das sei für die Kirche eine große Herausforderung. 2019 rechne man mit deutlich weniger Geld. Also sieht der Stellenplan einen weiteren Abbau von Pfarrstellen vor. Kleemann fragt: Was aber heißt das für die Gemeinden? Für die Kirchenmusik? Für die missionarische Ausstrahlung? Für die Kinder- und Jugendarbeit? Wie er sagt, bereiten ihm diese Fragen nachhaltig Sorgen. »Das macht einen atemlos«, so sein Kommentar. Kleemann ist seit 1995 Super­intendent im Kirchenkreis Stendal, der Dienstälteste, wie er sagt. Seit er das Amt innehat, habe ihn vorrangig die Arbeit an Strukturen beschäftigt. Mehr als 20 Jahre struktureller Um- und Rückbau! Ermüdung mache sich bemerkbar.

»Die im Stellenplan 2019 vorgesehene Reduzierung betrifft uns nicht«, sagt hingegen Ronny Hillebrand. Dank der stabilen Zahlen im Kirchenkreis und einer vorausschauenden Planung. Die meisten Pfarrer arbeiten Teilzeit. Vollzeitstellen gäbe es nur wenige. Der Stellenplan schreibe 23 Pfarrstellen vor, von den derzeit etwa 25 besetzten Stellen müssten also zwei gestrichen werden. Doch mit der Teilzeitregelung seien die bereits jetzt schon eingespart, erklärt der Pfarrer.

Auf dem Land sind freilich auch positive Signale zu erkennen: Engagierte Menschen und viele Ideen, berichtet Kleemann. Eine Idee heißt: Baufasten im Kirchenkreis. »In den vergangenen 25 Jahren sind Millionen und Abermillionen ins Bauen investiert worden«, erläutert der Superintendent. »Wir sind flächenmäßig gut bestellt. Wir haben gute Einnahmen aus den Ländereien.«

Allerdings ist er unzufrieden, weil diese Einnahmen in den Baulastfonds fließen. Stattdessen wünscht sich Kleemann, dass die Kirche mit den finanziellen Mitteln kreativ umgeht und nach anderen Regelungen sucht. Dass etwa die Einnahmen aus den Ländereien nicht nur in den Baulastfonds fließen, sondern auch für Personalkosten verwendet werden können. Einen entsprechenden Antrag werde der Kirchenkreis an die Landessynode richten.

Sabine Kuschel

Kollekte und Klingelbeutel

23. Juni 2017 von redaktionguh  
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Viel Kleingeld: Die Evange­lische Kirche in Deutschland (EKD) sammelt jedes Jahr über 300 Millionen Euro an Kollekten und Spenden ein. Die Kollekte am Sonntag im Gottesdienst hat eine lange Tradition. Und es geht dabei nicht nur ums Geld.

Spenden für Hospizarbeit und Jugend-Projekte, für Kirchenmusik und Krankenhaus-Seelsorge – Kollekten gehören zu den diakonischen Aufgaben der Kirche. Und sie sind ein Zeichen für Solidarität innerhalb der Kirche, wie Kirchenrat Thomas Schlegel erläutert. Schlegel ist bei der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zuständig für die Bereiche Gemeinde und Seelsorge. »Ein prominenter Kollektenzweck ist zum Beispiel an Heilig Abend Brot für die Welt«, so Schlegel. »Das soll zeigen, dass wir als Christen gerade an so einem Fest die Weltgemeinschaft und deren Sorgen nicht aus den Augen verlieren.« Dieser Gedanke hinter den Kollekten ist zweitausend Jahre alt und damit so alt wie die Christenheit. Schon der Apostel Paulus rief damals zu Spenden für die Gemeinde in Jerusalem auf. »Man weiß sich verbunden mit den anderen Christen in der Welt oder in der Region oder in der Landeskirche. Man steht nicht alleine da«, erklärt Schlegel. »Eigentlich sind Kollekten eine geistliche Sache. Da geht’s nicht nur ums Geld, sondern wir leben, weil andere für uns da sind und wir für andere.«

Kollektenbon: In der thüringischen Landeskirche wurde 2004 wahlweise die bargeldlose Kollekte mit Plastikbons eingeführt (Foto). Für den EKM-Finanzdezernenten Stefan Große ist auch die Online-Kollekte via Handy zukünftig eine Alternative zum Bargeld. – Foto: epd-bild

Kollektenbon: In der thüringischen Landeskirche wurde 2004 wahlweise die bargeldlose Kollekte mit Plastikbons eingeführt (Foto). Für den EKM-Finanzdezernenten Stefan Große ist auch die Online-Kollekte via Handy zukünftig eine Alternative zum Bargeld. – Foto: epd-bild

65 Mal wird an den Sonn- und Feiertagen jedes Jahr in den Gemeinden gesammelt. Zwölf dieser Kollekten sind für die Kirchengemeinden, sechs für die Kirchenkreise. Dazu kommen die überregionalen Zwecke wie eben Brot für die Welt oder EKD. Für die übrigen Sonntage gingen bei der EKM im vergangenen Jahr 56 Kollekten-Anträge verschiedener Gruppen, Organisationen und Projektträger ein.

Für wen wann gesammelt wird, schlägt ein Ausschuss mit Vertretern aus Landeskirchenamt und Synode vor. Die Frühjahrssynode beschließt den Kollekten-Plan. Damit möglichst viele Antragsteller zum Zug kommen, werden manchmal ähnliche Zwecke auf einen Sonntag zusammengelegt, zum Beispiel für Frauenarbeit und die Beratungsstellen der Diakonie. Der Ausschuss achtet auch darauf, dass es im Lauf der Jahre einen Ausgleich gibt zwischen starken und schwachen Kollekten-Sonntagen. So kommen am Feiertag Buß- und Bettag nur rund 5 000 Euro zusammen. An manchen Sonntagen können es 20 000 Euro oder noch mehr sein.

Dabei stellt Thomas Schlegel auch klar: Am Kollektenzweck kann nicht gerüttelt werden. »Wenn an Kantate für die Kirchenmusik gesammelt wird, dann kommt dieses Geld auch komplett der Kirchenmusik zugute.« Verwaltungskosten werden von der Landeskirche getragen: »Was gesammelt wird, geht eins zu eins an den Zweck.« An diesem Sonntag geht die Kollekte in der EKM an die Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler (KiBa) für die Erhaltung gefährdeter Dorfkirchen und Kirchengebäude.

Allerdings sorgen sich die Landeskirchen um die Annahme von Geld aus dem Klingelbeutel bei Banken und Sparkassen. Im Einzelfall müssten die Pfarrer vor Ort eine Regelung mit den jeweiligen Kreditinstituten aushandeln, heißt die Empfehlung. Kirchengemeinden sind verpflichtet, Kollektengelder umgehend zur Bank oder Sparkasse zu bringen und dem vorgesehenen Spendenzweck zuzuführen. Hintergrund ist die »Bargeldprüfungsverordnung der Europäischen Union«. Danach müssen Banken seit Anfang 2015 prüfen, ob Hartgeld echt und unbeschädigt ist. Dafür müssen sie besondere Geräte anschaffen. Die Sparda-Bank Hannover war die erste deutsche Bank, die in 23 von 25 Filialen überhaupt kein Münzgeld mehr angenommen oder ausgegeben hat. Mittlerweile haben andere nachgezogen.

In der EKM sieht man die Zukunft in Spenden per Bank-Karte oder über Handy. Sogenannte Kollektomaten sind bereits in Schweden im Einsatz. Am Automat müssen die Gottesdienstbesucher den Betrag und den Zweck angeben, dann wird die Kollekte vom Konto abgebucht. Die Spenden-Quittung gibt’s auch gleich noch mit dazu.

Markus Wetterauer

Mehr dazu ab 25. 6. unter der Rubrik „Blickpunkt“.

Gott im Gehirn

16. Juni 2017 von redaktionguh  
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Glaube, Kunst und Wissenschaft: In Michelangelos Fresken erkannten Forscher Details des Stamm-, Groß- und Kleinhirnes. Wohnt der Herr tatsächlich in unserem Hirn? Ist unser Gehirn ein Meisterwerk Gottes oder Gott ein Meisterwerk des Gehirns?

Jahre – gar jahrhundertlang galten Glauben und Wissenschaft als Antipoden, mussten Wissenschaftler widerrufen oder sterben, wenn sie Naturgesetze entdeckten, die nicht ins kirchliche Weltbild passten, wenn die Wissenschaft sich gegen die göttliche Schöpfung wandte. Inzwischen fragen Mediziner, Neurobiologen und Physiker unbefangen, ob es so etwas wie ein Gottes-Gen in unserer DNA gibt oder ein Gott-Modul in unseren grauen Zellen.

Auch den Magdeburger Hirnforscher Gerald Wolf treiben diese Fragen um. Der emeritierte Professor leitete jahrelang das Institut für medizinische Neurobiologie an der Otto-von-Guericke-Universität. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung hat den Atheisten zum Skeptiker werden lassen. »Ich bin nicht glücklich mit meinem Atheismus«, sagte Wolf am Rande eines Vortrags in Halle. Er wäre lieber einer jener Menschen, die glauben können.

Religiosität hat wissenschaftlich messbare Vorteile. Glauben spendet Schutz und Trost, gibt dem Leben Sinn, macht die Welt plausibel, stärkt die seelische wie die körperliche Gesundheit und ist der Kitt, der Menschen verbindet.

Trotz all dieser Vorteile ist nicht bei allen Menschen die Glaubensbereitschaft gleich ausgeprägt. Wie die Befähigung zum Glauben in uns kommt oder eben nicht, ist eine Frage, die sich die Wissenschaft stellt, die sie aber nicht beantworten kann.

Eine perfekte Darstellung des menschlichen Gehirns hatte schon 1990 ein amerikanischer Mediziner in Michelangelos bekanntem Fresko »Die Erschaffung Adams« in der Sixtinischen Kapelle gesehen. Mehr zum Thema auf Seite 3. Fotomontage: Adrienne Uebbing

Eine perfekte Darstellung des menschlichen Gehirns hatte schon 1990 ein amerikanischer Mediziner in Michelangelos bekanntem Fresko »Die Erschaffung Adams« in der Sixtinischen Kapelle gesehen. Mehr zum Thema auf Seite 3. Fotomontage: Adrienne Uebbing

Die rund anderthalb Kilo schwere Gehirnmasse eines erwachsenen Menschen besteht aus 100 Milliarden Nervenzellen, sie alle sind tausendfach durch Synapsen verbunden und kommunizieren miteinander. So weit die Hirnforschung auch fortgeschritten ist, so weit sind wir davon entfernt, das Gehirn zu verstehen, sagt Professor Wolf. Warum fühlen Amputierte Schmerzen in den abgenommenen Gliedmaßen? Warum wissen blinde Neugeborene, wie man lächelt? Wenn wir sterben, was passiert dann mit dem Geist, den unser Hirn eigentlich unablässig »produziert«? Woher kommt der Glauben?

Ein sogenanntes Gottes-Gen beschrieb 2004 der US-amerikanische Biochemiker und Verhaltensgenetiker Dean Hamer. Hamer ist nicht unumstritten, er hatte in den 1990er-Jahren eine Kontroverse angestoßen mit seiner Theorie von der Existenz eines Genes, das bei Männern Homosexualität vorbestimme.

Beim Gottes-Gen handelt es sich seinen Forschungen zufolge um ein Molekül in den Nervenzellen, das den Transport glücklich machender Hormone wie Dopamin erleichtert. Für Hamer ist das Molekül auch für religiöse Empfindungen verantwortlich, und es kommt bei gläubigen Menschen in anderer Ausprägung vor als bei Atheisten.

Doch die Debatte um dieses Gottes-Gen ist laut Gerald Wolf ebenso verstummt wie jene um das Gott-Modul, das der Neurologe Vilayanur S. Ramachandran im Zuge von Forschungen zur Schläfenlappen-Epilepsie gefunden haben will. Eine ganz andere Stelle als Ramachandran fand hingegen der Hirnforscher Andrew Newberg, als er Versuche mit betenden Nonnen und meditierenden Mönchen unternahm. Bei der »unio mystica«, dem Verschmelzen in Gott und mit der Welt, wird eine Hirnregion hinter den Ohren auffällig inaktiv. Geht es also um Religiosität, sind viele Bereiche im Gehirn aktiv, laufen unzählbare biochemische Prozesse ab.
Hat nun Gott unser Gehirn so geschaffen, dass er für uns erfahrbar ist? Oder ist die Befähigung unseres Hirns zum Glauben ein Teil unserer Natur und schnöder Vorteil im Evolutionsprozess? Gerald Wolf beantwortet diese Frage nicht. Seine Zuhörer schickt er mit Verunsicherung, Zweifeln, Fragen nach Hause. Und er sagt noch: »Glauben ist nicht Wissen.«

Katja Schmidtke

Land ohne Glauben?

9. Juni 2017 von redaktionguh  
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Die ARD-Themenwoche widmet sich dem Glauben und Nichtglauben. Fernseh- und Hörfunkprogramme begeben sich auf Spurensuche nach der religiösen Vielfalt in Deutschland und nach dem, was den Menschen Halt gibt.

Mit einer Themenwoche »Woran glaubst du?« will die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD) zwischen dem 11. und 17. Juni in ihren Fernseh- und Hörfunkprogrammen »der Frage nach dem Sinn des Lebens« nachgehen. Religion und Weltanschauungen und die Frage nach Halt und Orientierung seien in Zeiten der Verunsicherung hochaktuelle gesellschaftlich relevante Themen, sagte MDR-Intendantin und ARD-Vorsitzende Karola Wille.

Die ARD-Themenwoche unter Federführung des MDR werde viele Gesichter haben und »nicht nur in religiösen Dingen unterwegs sein«, sagte Wille. Gezeigt würden Vielfalt und Facetten des Glaubens. Dabei reicht das Spektrum vom besonders in Ostdeutschland verbreiteten Atheismus bis zum religiösen Fundamentalismus.

Ausgerechnet in einer der »gottlosesten Regionen der Welt« fragt der Mitteldeutsche Rundfunk nach dem Glauben. Foto: Ingo Wagner/picture alliance

Ausgerechnet in einer der »gottlosesten Regionen der Welt« fragt der Mitteldeutsche Rundfunk nach dem Glauben. Foto: Ingo Wagner/picture alliance

Ein breit gefächertes Programm­angebot will den Blick auf die vielen Spielarten des Glaubens öffnen. So soll im Ersten das Thema in Dokumentationen, Reportagen und Fernsehfilmen behandelt werden. Geplant sind unter anderem die Fernsehfilme »Atempause« (MDR/SWR) über den plötzlichen Hirntod eines Neunjährigen oder »Die Konfirmation« (siehe Seite 12) über einen Jugendlichen, der seine nicht gläubigen Eltern mit dem Wunsch nach einer Taufe überrumpelt.

Dazu kommen Serien, Dokumentationen und Talkrunden, die sich schwerpunktmäßig mit dem Thema beschäftigen. So wird sich das MDR-Magazin »Fakt« mit Verschwörungstheorien auseinandersetzen, das Wirtschaftsmagazin »Plusminus« mit dem Esoterik-Markt und die »Sendung mit der Maus« mit Religion. »Auf dieses Spektrum sind wir sehr stolz«, sagte der Programmdirektor des Ersten, Volker Herres. Die Dritten Programme steuern nach Angaben von MDR-Programmdirektor Wolf-Dieter Jacobi weitere mehr als 100 Sendestunden bei. Zum Beispiel fragt der RBB nach »Yoga als Religionsersatz« und der SWR zeigt eine Dokumentation über einen früheren Priester, der heute verheiratet ist und acht Kinder hat.

Der MDR wird sich am 12. Juni um 22.45 Uhr im Ersten mit »Land ohne Glauben« auf Spurensuche nach dem Leben ohne Religion im eigenen Sendegebiet begeben. Darin wird auch die engagierte EKM-Pfarrerin Esther Maria Fauß aus Greußen (Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen) porträtiert.

Religionssoziologen sprechen von Ostdeutschland als einer der »gottlosesten Regionen der Welt«. So gehören in Sachsen-Anhalt 83 Prozent der Einwohner keiner christlichen Kirche mehr an. Das sind im Schnitt acht von zehn Menschen, die nicht an eine der großen Kirchen gebunden sind. In Bayern, Rheinland-Pfalz und dem Saarland sind es nur zwei bis drei von zehn.

Ergänzt wird der MDR-Beitrag durch ein Datendossier. Dafür wurden den Angaben zufolge alle großen Sozialstudien und insgesamt 1 250 Datensätze ausgewertet, die regionale Vergleiche auch auf kleinräumlicher Ebene erlauben. Herausgekommen seien interessante Ergebnisse wie jenes, dass die Lebenserwartung in Deutschland dort am höchsten ist, wo es die meisten Kirchenmitglieder gibt, sagte Jacobi.

Die Themenwoche wird inhaltlich im Internet begleitet. Dort werden alle Aktionen und Schwerpunkte vor und während der Woche gebündelt. Für das ARD-weite Multimedia-Projekt »Woran glaubt Deutschland?« erklären Menschen aus ganz Deutschland ihre persönliche Einstellung zu Glaubensfragen (siehe Seite 2 »Namen«). Daraus entsteht eine Deutschland-Karte, die mit Videos, Fotos sowie Audios ergänzt wird und einen emotionalen Zugang zum Thema schaffen soll. Darüber hinaus können sich die Nutzer über die Sozialen Netzwerke an der Diskussion beteiligen.

Ziel der seit 2006 jährlich stattfindenden Themenwochen ist, gesellschaftlich relevante Sachverhalte zu behandeln und eine öffentliche Diskussion anzustoßen.

Markus Geiler  (epd/G+H)

www.themenwoche.ard.de

Das große Christusfest

2. Juni 2017 von redaktionguh  
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Gutes Wetter, gute Atmosphäre, gutes Programm. Leider entsprach die Resonanz nicht den Erwartungen. Das trübt den ansonsten strahlenden Erfolg des Himmelfahrtswochenendes etwas ein. Der Versuch einer Bilanz:

Von unseren Korrespondenten

Weit weniger verkaufte Karten als erhofft, dennoch zufriedene Veranstalter: Der Verein Reformationsjubiläum hat zum Abschluss der sechs Kirchentage auf dem Weg in acht mitteldeutschen Städten eine insgesamt positive Bilanz gezogen. Atmosphärisch seien die Veranstaltungen in Leipzig, Magdeburg, Erfurt, Halle/Eisleben, Jena/Weimar und Dessau-Roßlau ein voller Erfolg gewesen. Allerdings seien deutlich weniger Karten verkauft worden als erhofft, erklärte der Verein in Wittenberg.

In Leipzig zählte der Verein 15 000 Kartenverkäufe. »Wir haben auf das Dreifache der Zahlen hingearbeitet«, räumte Geschäftsführer Hartwig Bodmann ein. Bei den anderen Kirchentagen auf dem Weg sähen die Zahlen ähnlich aus. Die größte Einzelveranstaltung war mit 6 000 Besuchern die Flussinszenierung »Unseres Herrgotts Kanzlei« mit Schiffsprozession in Magdeburg.

Höhepunkt: 6 500 Bläser begleiteten den Gesang der 120 000 Teilnehmer beim Abschluss der Kirchentage in den Elbauen vor den Toren Wittenbergs. Foto: Carsten Stolze, r2017

Höhepunkt: 6 500 Bläser begleiteten den Gesang der 120 000 Teilnehmer beim Abschluss der Kirchentage in den Elbauen vor den Toren Wittenbergs. Foto: Carsten Stolze, r2017

Als sommerliches Open-Air-Vergnügen in historischer Kulisse erlebten viele Erfurter und Kirchentagsgäste den Kirchentag. Vor allem die Großveranstaltungen auf dem Domplatz zogen die Menschen an. Was bei den kostenfreien Veranstaltungen im Freien funktionierte, ging bei anderen Veranstaltungen nicht auf. Die Bilanz des Kartenverkaufs sähe schlecht aus, hieß es seitens des Veranstalters. Aus Sicht des Kirchenkreises Erfurt haben sich die langjährigen Vorbereitungen auf den Kirchentag trotzdem gelohnt. Man habe als Kirche selbstbewusst und fröhlich unter den Augen der Öffentlichkeit gefeiert, sagte Erfurts Senior Matthias Rein. Das könne als klares Angebot in die Gesellschaft hinein verstanden werden. Zudem blieben auch einige konkrete Projekte erhalten. Dazu zählte für Rein neben der vom Kirchentag in Auftrag gegebenen Komposition »Enchiridion-Echo« die Glocke für den Ortsteil Salomonsborn.

Auch in Magdeburg blieben im Gegensatz zu Dessau die Besucherzahlen hinter den Erwartungen zurück. Trotz interessanter Themen bei Podien und Gesprächsrunden fanden sich manchmal nur eine Handvoll Besucherinnen und Besucher ein. Als Magneten erwiesen sich vor allem die Angebote am Abend, wie die Eröffnungsgottesdienste und -abende, Konzerte oder gemeinsame Mahlzeiten. Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig sieht durch die Kirchentage das Selbstbewusstsein der evangelischen Gemeinden in Ostdeutschland gestärkt. Er dankte allen Helfern und Unterstützern des Kirchentages. »Es war eine wunderbare Atmosphäre und Leichtigkeit. Die sollten wir für die kommende Zeit in unseren Alltag mitnehmen.«

»Der riesige Aufwand hat sich gelohnt«, bilanziert Simone Carstens-Kant, Pfarrerin im Zentrum Taufe Eisleben. Mit Halle und Eisleben fand ein Kirchentag in einer der am stärksten entkirchlichten Regionen Deutschlands statt. Gerade einmal jeder zehnte Einwohner von Halle gehört der evangelischen Kirche an. In Eisleben sind es noch weniger. Eine besondere Gemeinschaft erlebten kirchliche wie nichtkirchliche Teilnehmer beim Willkommensfest »Kultur in den Höfen«. Resonanz erfuhren Konzerte, wie das Kantatenprojekt »Luther«. Weitaus weniger Zuspruch auch hier bei den vielfältigen Angeboten – wie Bibelarbeiten, Vorträgen oder Workshops. Mitwirkende, Helfer und Teilnehmer zeigten sich dennoch zufrieden, lobten das intensive Miteinander und die fami­liäre Atmosphäre. Überhaupt, die Begegnungen unter freiem Himmel waren, dank des sommerlichen Wetters, das Markenzeichen der Kirchentage. Nicht nur bei den »Anna-Amalia-Tischgesellschaften« in der Weimarer Innenstadt wurde dabei die »Gretchenfrage« gestellt. Mit 2 000 Einzelveranstaltungen konnten es die Kirchentage auf dem Weg mit dem Berliner Kirchentag durchaus aufnehmen. Leider nicht mit der Besucherzahl.

(epd, G+H)

Ausnahmezustand an der Elbe

26. Mai 2017 von redaktionguh  
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Das Finale der Kirchentage zum 500. Reformationsjubiläum wird in den Elbauen mitten im Grünen gefeiert. Eine logistische Herausforderung.

Die Fläche am Elbufer misst 40 Hektar oder 56 Fußballfelder. Eine Firma aus Leipzig schafft seit Wochen den Rahmen für die XXL-Veranstaltung zum Abschluss des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentages 2017 mit mehr als 100 000 erwarteten Besuchern. Allein die runde Bühne hat einen Durchmesser von 30 Metern und wird von hinten von einer Tribünenanlage umfasst, auf der während des Abschlussgottesdienstes am 28. Mai 6 500 Blechbläser sitzen. Auf der Wiese davor sitzen, stehen oder liegen dann die Besucher. »Die Bühne ist transparent«, sagt Projektleiter Jörg Wagner: »So haben die Gäste je nach Position eine einmalige Sicht auf die Silhouette von Wittenberg.« Wiesen als Kirchentagsareal kennt der Geschäftsführer des Vereins Reformationsjubiläum 2017, Hartwig Bodmann, bereits aus Bremen, Dresden oder Köln. In den vergangenen 24 Jahren hat er zwölf Kirchentage organisiert. »Nirgendwo war die Herausforderung in Sachen Naturschutz so groß wie in Wittenberg«, sagt Bodmann. Die Wiese liegt in einem Biosphärenreservat, ist aber weder Natur- noch Vogelschutzgebiet. Normalerweise wird sie bewirtschaftet. Für eine Großveranstaltung wie den Kirchentag gibt es etliche Vorschriften und Auflagen, um möglichen Schäden an der Natur vorzubeugen.

6500 Bläserinnen und Bläser gestalten den Abschlussgottesdienst in Wittenberg. Unser Foto entstand beim 34. Deutschen Evangelischen Kirchentag im Stadtpark von Hamburg. – Foto: epd-bild/Matthias Rietschel

6500 Bläserinnen und Bläser gestalten den Abschlussgottesdienst in Wittenberg. Unser Foto entstand beim 34. Deutschen Evangelischen Kirchentag im Stadtpark von Hamburg. – Foto: epd-bild/Matthias Rietschel

Bodmann sieht das als selbstverständliche Verantwortung eines Christen, der sich Gedanken um die Bewahrung der Schöpfung macht: »Alles ist grün. So soll es während des Fests bleiben. Und in diesen ursprünglichen Zustand soll es danach bald wieder kommen.« In früheren Zeiten lagerten hier schon Napoleons Truppen, später die Wehrmacht und die Rote Armee. Für die Jubiläumsfeier ist die Wiese ein besonderer Ort, dessen Charme in der Kombination aus dem Blick, der Weite und dem Grün liegt, sagt Bodmann. Weil der Boden wasserdurchlässig ist, ist er nie matschig. Auch aus diesem Grund ist es ein guter Platz für die Großveranstaltung, so Bod­mann. Beschallt wird das Gelände mit 400 Lautsprechern. Dazu gibt es Licht, Mobilfunkantennen, Fernsehkameras und 16 HD-Leinwände. In einem Glockenturm hängen vier frisch gegossene Glocken der Wittenberger Partnerstadt Göttingen mit einem Gesamtgewicht von 7,5 Tonnen. Sie werden von einem Helferteam per Hand geläutet.

Am Ende des Areals reihen sich 2 000 blaue Toiletten-Häuschen. Selbst wenn mehr als 120 000 Besucher kommen und die 320 000 bestellten Flaschen Wasser austrinken, besteht also kein Grund zur Panik, sagt Wagner. Eigens verlegte Bodenplatten garantieren zudem einen barrierefreien Zugang. Neben rollstuhlgerechten Behindertentoiletten gibt es auch Pflege-Container mit Aufzug und Rampe, um Schwerstbehinderte hygienisch zu versorgen. Während der Veranstaltung gilt auf dem Gelände ein absolutes Fahrverbot, deshalb haben die Organisatoren ein eigenes System zur Müllentsorgung entwickelt. Zwölf Container pressen den Müll, den die mehr als 1 500 Helfer des Kirchentags zu Fuß aus den Abfalleimern einsammeln. Für PET-Flaschen und Trinkbecher gibt es ein Pfandsystem. Sie wurden extra schön gestaltet, dass der eine oder andere sie vielleicht als Souvenir mit nach Hause nimmt, berichtet Projektleiter Wagner. Auch so soll Müll gespart werden.

Hinter der Bühne stehen am Festwochenende die Übertragungswagen der Fernsehanstalten neben der Wetterzentrale des Meteorologen und den Einsatzfahrzeugen des Sicherheitskommandos aus Bund, Ländern und Kommune. Wenn nach anderthalb Tagen alles vorbei ist, machen sich die Eventbauer ans Aufräumen. Die Platten sind schnell wieder eingesammelt, der Abtransport des Schotters kann sich etwas hinziehen, sagt Wagner. Spätestens Mitte Juli ist die Wiese aber wieder so, als sei nie etwas gewesen.

Christina Özlem Geisler (epd)

Kleine Stadt ganz groß

19. Mai 2017 von redaktionguh  
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Unglaublich: Die Lutherstadt hat sich verändert. Reges Treiben in den Straßen. Freundliche Fassaden und freundliche Menschen. Das protestantische Rom lebt. Eindrücke kurz vor Beginn des ganz großen Ansturms.

Ankunft am Hauptbahnhof in Lutherstadt Wittenberg. Zwei Wochen vor dem Festwochenende. Am Bahnhof begrüßt der 27 Meter hohe Aussichtsturm mit dem Umschlag der neuen Luther-Bibel auf den Außenseiten die Gäste. Und Lärm, denn vor dem Bahnhof wird gebaut wie überall in der Stadt.

Der Weg bis ins historische Zentrum zieht sich. Wer jedoch dort angekommen ist, staunt. Man fühlt sich in das mittelalterliche Wittenberg versetzt, wie es Yadegar Asisi in seinem Panorama »Luther 1517« darstellt. Bunt und turbulent. Überall gibt es etwas zu schauen und zu entdecken. Die Stadt brummt. Handwerker hämmern, bohren und zimmern. Alle paar Schritte eine Baustelle, Absperrungen hier und dort. Wer Wittenberg vor einem Jahr einen Besuch abstattete, glaubt sich zu irren. Sollte das der Ort sein, wo vor 500 Jahren die Reformation ihre Geburtsstunde erlebte und von hier aus ihren Lauf um die Welt nahm? Am Abend waren die Bürgersteige hochgeklappt. Nichts los, langweilig, kaum Leute. Das ist heute nicht mehr so. Es brodelt.

Countdown: In einer zwei Meter großen Erdkugel auf dem Wittenberger Marktplatz ist ein Zähler eingebaut, auf dem die Tage, Stunden, Minuten und Sekunden bis zur Eröffnung der Weltausstellung Reformation am Sonnabend angezeigt werden. Im Hintergrund die Türme vom Alten Rathaus (links) und der Stadtkirche (rechts). Foto: Adrienne Uebbing

Countdown: In einer zwei Meter großen Erdkugel auf dem Wittenberger Marktplatz ist ein Zähler eingebaut, auf dem die Tage, Stunden, Minuten und Sekunden bis zur Eröffnung der Weltausstellung Reformation am Sonnabend angezeigt werden. Im Hintergrund die Türme vom Alten Rathaus (links) und der Stadtkirche (rechts). Foto: Adrienne Uebbing

Touristen sind zuhauf in der historischen Altstadt unterwegs, die mit Schlosskirche, Stadtkirche St. Marien, Melanchthonhaus und Luthergedenkstätten, um nur einige der Sehenswürdigkeiten zu nennen, viel zu bieten hat. Die Stadtführer haben reichlich zu tun, etliche bieten ihren Rundgang in Englisch an. Offensichtlich sind zahlreiche Gäste von weither angereist. Cafés und Restaurants, die vor Monaten noch nach Gästen Ausschau hielten, sind heute gut besucht – bei schönem Wetter an Tischen draußen.

Vor dem Alten Rathaus wird die Marktbühne aufgebaut, wo am 20. Mai die Weltausstellung Reformation mit einem Gottesdienst eröffnet wird. Der Titel der Ausstellung »Tore der Freiheit« steht sinnbildlich für die Tore, die mit der Reformation aufgestoßen wurden. Noch bedarf es einiger Fantasie, um sich vorzustellen, wie an den Plätzen, wo heute Bauzäune stehen und Kräne agieren, eine große Freilichtbühne mit Pavillons zu Andachten, Podiumsdiskussionen, Konzerten und anderen Veranstaltungen einladen wird.

Um die Innenstadt in den Wallanlagen entstehen sieben »Torräume« für die Themen Globalisierung, Jugend, Spiritualität, Ökumene und Religion, Kunst und Kultur, Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Die Organisation der Weltausstellung im Freien, bei der in den nächsten sechzehn Wochen unterschiedliche Fragen erörtert werden, ist eine logistische Herausforderung. Angelika Beer aus Berlin gehört zum Team der Organisatoren. Sie koordiniert die Themenwochen. Was veranlasste die junge Frau, sich für diese Aufgabe zu bewerben? Wie sie erzählt, sehnte sie sich danach, etwas aufbauen zu wollen. Nach ihrem Studium – Theologie, Religions-und Kulturwissenschaft – arbeitete sie zunächst einige Jahre im Kulturbüro der Evangelischen Kirche in Deutschland und dann in einem Krankenhaus, wo sie Sterbende begleitete. Im Gegensatz dazu leiste sie jetzt in Wittenberg, wo an allen Ecken und Enden etwas Neues entsteht, Aufbauarbeit. Und das ist nicht nur im übertragenen Sinn zu verstehen.

Ökumene und Religion ist der Schwerpunkt im Torraum 6. Von dem zukünftigen Pavillon steht bislang nur das Gerüst aus Balken. Davor beobachtet eine Reisegruppe das Baugeschehen und rätselt, was mit dem Pavillon nach dem Jubiläum geschehen wird. »Bleibt das stehen oder werden Sie das wieder abbauen«, ruft jemand nach oben. Die Antwort des Handwerkers ist schwer zu verstehen.

Angelika Beer erklärt: Fast alles, was für das Reformationsjubiläum aufgebaut wird, verschwinde danach wieder. Schade eigentlich. Aber sich darüber Gedanken zu machen, ist jetzt noch nicht die Zeit. Denn erst einmal heißt es für die Besucher der Kirchentage: Auf geht’s nach Wittenberg.

Sabine Kuschel

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