Niemals allein, niemals verlassen

Herr, sei nicht ferne von mir!
Psalm 35, Vers 22b

Porträt-G.-QuastDas ist ein Gebet, das mir niemals über die Lippen kommt. Weil ich niemals daran gezweifelt habe, dass Gott bei mir ist. Seit frühester Kindheit haben mir meine Eltern den unerschütterlichen Glauben mitgegeben, dass ich niemals verlassen bin, dass Gott nie gegen mich ist. Dieser Kinderglaube trägt mich bis heute, und ich bin dankbar dafür.

Ging es mir vielleicht nur noch nicht schlecht ­genug, um so zu bitten? Ich weiß, manche ringen da viel mehr mit sich und mit Gott, flehen ihn an, suchen ihn, bestürmen ihn. Ihr Schicksal, ihr Leiden ist ihnen ein Beweis dafür, dass Gott ferne ist. Eli Wiesel beschreibt in seinem Buch »Die Nacht«, wie er als 15-Jähriger in Auschwitz die Hinrichtung eines Kindes erlebt hat. Während der Junge noch am Strick zappelte und qualvoll starb, hörte er einen Mann neben sich fragen: Wo ist Gott? Und Eli Wiesel vernahm in sich die Antwort: Dort hängt er, am Galgen …

Gott ist bei den Leidenden, nicht bei den Leidmachern. Gott ist bei den Opfern, nicht bei den ­Tätern. Gott ist nicht fern, er leidet mit. Das ist die Botschaft, die Eli Wiesel damals in seinem Herzen hörte. Wer Gott in der Not ferne glaubt, wirft den letzten Halt weg, der ihm nahe ist.

Doch, es ging mir oft genug schwer im Leben. Zu DDR-Zeiten als Pfarrerskind und nach der Wende für manches Engagement und manche kritische Haltung. Ich war nie mit dem Leben bedroht. Aber infrage gestellt und entwertet schon. Ich habe Gott nie daran gemessen, wie es mir geht. Ich war ­dankbar, dass ich in jedem Ergehen eine Kraft hatte, die mich nicht verzweifeln ließ, die mir Mut zusprach. Und jemanden, der mich nicht aufgibt, selbst wenn ich nicht das Richtige getan habe.

Als Jesus am Kreuz betete »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen«, hat er einen Psalm gebetet, der voller Vertrauen schließt. Auch Psalm 35 schließt mit den Worten: »Der Herr sei hoch gelobt, der seinem Knecht so wohl will!« Ich kann wohl Gott verlassen – aber er ist nie ferne von mir.

Giselher Quast, Domprediger in Magdeburg

Kein Vergleich(en) mit anderen

26. Februar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Herr, wer ist dir gleich? Der du den Elenden rettest vor dem,  der ihm zu stark ist, und den Elenden und Armen vor seinen Räubern.Psalm 35, Vers 10.

Ach, hätte ich doch so unkomplizierte Kinder wie Frau Meier, oder könnte ich nicht mal in dem schicken Hotel Urlaub machen wie Familie Weber, und der Friseur von meiner besten Freundin ist viel besser als meiner. Vergleichen macht unzufrieden. Ich bin scheinbar so klein und minderwertig. Es gibt immer jemanden, der etwas Besseres besitzt, schicker aussieht und etwas kann, was ich überhaupt nicht hinbekomme.

Foto: Tulay Palaz (Sxc.hu)

Foto: Tulay Palaz (Sxc.hu)

Je mehr ich vergleiche, desto mehr verschwimmt die Realität. Am Ende ist einfach alles schlecht. Vielleicht ist die Fastenzeit eine Möglichkeit, sich das Vergleichen und Nörgeln bewusst zu machen und bewusst auf die guten Dinge zu blicken, die es zweifellos in jedem Leben gibt.

Der Beter des Psalms leidet unter vielen Bedrohungen und Feinden. Er fühlt sich am Ende zurecht ganz klein und verloren und hätte allen Grund zum Jammern. Mit dem Kleinmachen beim Vergleichen ist es etwas anderes. Ich stelle mein Licht unter den Scheffel und mache nicht nur mich, sondern auch Gott klein, der mich so geschaffen hat.

Der Psalmist steht jedoch mitten in allem Leid staunend vor Gott, der sich jeglichem Vergleich entzieht. Er ist ihm dankbar, weil bei ihm Hilfe zu finden ist. Denn obwohl Gott so unvergleichlich und unfassbar ist, ist er gerade für die Armen und Elenden da, die seine Größe und Nähe erkennen.

Beim Vergleichen mit scheinbar Bessergestellten hingegen gerät Gott ganz aus dem Blick. Ich bin nicht so toll und ich kann das nicht. Um den Teufelskreis des Vergleichens zu durchbrechen, hilft nur ein Blickwechsel, weg vom Ich hin zu Gott. Ihm darf ich vertrauen, weil er ein Retter und ein Starker ist. Bei ihm darf ich geborgen sein und kann ihm ­anvertrauen, was ich bin und was ich brauche, was gelingt und wo es mangelt. Mit dem Unvergleichbaren zu leben macht alles Vergleichen doch hinfällig.

Sandra Reinhardt, Pfarrerin in Crawinkel

Nur so öffnet sich der Himmel!

18. Februar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln.
Psalm 91, Vers 4a

Albrecht Henning

Albrecht Henning

Ich kann mich ganz schnell mit diesem Gottesbild anfreunden. Gott als der große Beschützer – wie ein Adler, der seine Jungen unter seine mächtigen Schwingen nimmt – wie die Henne, die ihre Küken unter ihre Fittiche sammelt. Ja, unter seinen Flügeln ist alles in Ordnung! Die Frage ist aber, wann dieses Psalmwort wirklich zu sprechen beginnt.
Dann, wenn es mir gut geht und ich dieses Bild als schönen i-Tupfer dankbar annehme? Spricht es dann? Ja, gewiss – aber auch in seiner ganzen Tiefe? Daher noch einmal anders gefragt: Wer spricht hier?

Jedes sechste Kind in Deutschland lebt in Armut. Mein Nachbar ist im Afghanistan-Einsatz. Mehr als 200.000 tote Erdbebenopfer in Haiti. Mittvierziger im Dorf, die schon viele Jahre keine Arbeit haben. Einsame Rentner in viel zu groß gewordenen Häusern. Die Not schreit zum Himmel. Menschen schreien zum Himmel, dem blauen, dem kalten – und sehnen sich danach, dass er sich öffnet, dass ihnen geholfen wird, dass das Leben sie wieder umarmt.

Sie und viele andere sind es, die hier sprechen. Der Psalm 91 leiht Menschen eine Stimme, die Schutz suchen, weil sie diesen Schutz als Lebensrettung brauchen. Im dramatischen Satz zuvor heißt es: »Denn ER errettet dich vom Strick des Jägers und von der verderblichen Pest.«

Zum einen geht es um von Menschen gemachtes Leid – zum anderen um Leid aufgrund von Natur­katastrophen. Das alles macht Angst und lässt verstummen, lässt sehnsüchtig Ausschau halten nach Rettung und Heilung.

Diese wird ihnen und uns verheißen mit den Worten: »ER wird dich mit seinen Fittichen decken, und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln.« Nur so ist das Leben auszuhalten. Nur so öffnet sich der Himmel! Durch IHN! So beginnt das Psalmwort wirklich zu sprechen. Die geschundene Seele erfährt die Zuflucht zu Gott als Lebensrettung. Dort, bei ihm, ist gut sein!

Albrecht Henning,  Pfarrer in Krina

Wenn die Masken fallen

Foto: Sorina Bindea, sxc.hu

Foto: Sorina Bindea, sxc.hu

Denn du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen. Psalm 31, Vers 4

Wikinger sind in diesem Jahr stark im Kurs. ­Piraten immer noch. Auch Rotkäppchen und Löwenkönige … An diesem Wochenende ist Karneval, Fasching oder Fastnacht – je nach Tradition. Gehen Sie hin? Oder lässt sie dieses Thema kalt? In ­unserem 600-Einwohner-Dorf wird die fünfte Jahreszeit ganz groß geschrieben. An zwei Sitzungsabenden treten unter der Aufsicht des Elferrates mehrere Büttenredner auf. Kinder und Mädchen tanzen, und selbst die Männer machen Ballett. Immer eingeführt von der Prinzengarde und begleitet von Live-Musik. Schätzungsweise 30 Prozent aller Dorfbewohner sind für diese Tage aktiv. Mit viel Enthusiasmus und Aufwand an Zeit, Geld und Disziplin wird der Karneval geplant und gefeiert. Und »am Aschermittwoch …« – Sie kennen den Spruch.

An diesem Wochenende wird unser Posaunenchor nicht proben und im Gottesdienst … nun gut, die da kommen, sind am Sonntagmorgen wieder fit. Prinz Karneval hat offenbar eine wesentlich größere Gemeinde als unsere schöne Dorfkirche. Aber er hat ja auch ganz andere Grundsätze! Positiv gesehen: ein Hoch für Freude und Frohsinn. Kritisch betrachtet: eine Parade der unterdrückten Lebenswünsche. Der Aschermittwoch aber holt die ganze Gesandtschaft wieder in den Alltag zurück. Der Rausch ist verflogen. Mancher streut sich Asche aufs Haupt. Der Alltag hat uns wieder mit den gleichen Perspektiven und Stolpersteinen wie eine Woche zuvor.

Weder die Kraft der Wikinger noch die Verschlagenheit eines Piraten, auch nicht die Fürsorge eines Rotkäppchens stehen uns mehr zur Verfügung. Alles wieder auf Null. Da bin ich doch froh, dass ich mich nicht bloßgestellt fühlen muss, wenn die Masken fallen und der Alltag ruft. Denn mein Lebensanker ist mein Gott, der mein Fels und meine Burg ist, der mich leitet und führt – auch im Karneval und vor ­allem nach der Maskerade.

Gerhard Richter, Pfarrer in Bibra

Rettungsboot für die Gebeutelten

4. Februar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Meine Seele verlangt nach deinem Heil; ich hoffe auf dein Wort.
Psalm 119, Vers 81

Peter Herrfurth,  Pfarrer in Niederndodeleben

Peter Herrfurth, Pfarrer in Niederndodeleben

Lieber Gott, mein Herz versteht nicht, was meine Augen sehen. Erschüttert ist es über deine Schöpfung, die wieder mal in heftige Bewegung ­geraten ist. Mein Gott, du erinnerst dich doch an deinen Feierabend des sechsten Tages: »Und siehe, es war sehr gut.« – Und was ist mit Haiti? Ein ­schönes Land mit Palmen, Sonne und leider auch einer Menge Sorgen.

Vor drei Wochen trieb das Beben Haitis Überlebende betend durch die Straßen. Journalisten berichteten von den Jesus-Rufen, die über die Verwüstungen hallten. Andere sind irre geworden durch die Haltlosigkeit der Lebensfesten. Die Folgen werden etliche nie verwinden, manche sind körperlich schwer gezeichnet.

Und meine Seele rumort, besteht auf einer Antwort. Du weißt, ich komme nicht ständig mit Forderungen. Das wäre ja furchtbar. Ein stetiges Verlangen, Bestehen, Fordern kann kein Dauerzustand sein, sonst würde irgendetwas nicht stimmen zwischen uns. Aber gerade weil ich dir vertraue, muss ich auch kritisch fordernd mein Verlangen vorbringen. Ich muss das nicht mit meinen Worten machen – das ist sehr hilfreich. Zum Glück kann ich einen für mich sprechen lassen, der das Leben erfahren hat, einen Psalmbeter: Meine Seele verlangt nach deinem Heil; ich hoffe auf dein Wort. (Psalm 119,81)

Ja, ich weiß, immer wieder werden dir diese Warum-Fragen gestellt. Nach dem Tsunami, nach Nine-eleven, nach Auschwitz – immer wenn deine Schöpfung so heftig erschüttert wird durch Naturgewalten oder böse Mächte. Aber auch, wenn im persönlichen Alltag die Katastrophe schmerzlich Einzug hält.

Lieber Gott, meine Seele verlangt nach deinem Heil – dass der Staub sich legt, Kinder ein Zuhause finden, Gärten blühen und Menschen wieder lachen können – weil du da bist. Denn das ist das Rettungsboot der Gebeutelten dieser Welt, die dir vertrauen und auf dein Wort hoffen, was auch geschieht. Dein Wort: »Ich werde mit dir sein« gilt uns allen. Das hoffe ich.

Peter Herrfurth, Pfarrer in Niederndodeleben

Damit wir nicht zuschanden werden

28. Januar 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Foto: Alexander Kalina, sxc.hu

Foto: Alexander Kalina, sxc.hu

Mein Herz bleibe rechtschaffen  in deinen Geboten,  damit ich nicht zuschanden werde.
Psalm 119, Vers 80

Ein Friedhof der toten Wörter. Gäbe es ihn, wir könnten aus unserem Psalmvers im Lutherdeutsch gleich zwei Wörter zur Bestattung freigeben: rechtschaffen und zuschanden. Oder benutzen wir diese Wörter noch? Wenn Wörter außer Mode kommen, besagt das noch nicht, dass auch ihr Inhalt nicht mehr zutrifft. Zuschanden werden, darin steckt das Wort Schande. Schande bedeutet in seinem Ursprung »Beschädigung«, später dann Minderung oder gar Verlust der Ehre.

Der hier den Psalm betet, scheint vor dieser Beschädigung, vor diesem Verlust der Ehre Angst zu haben. Auch unter uns Heutigen ist diese Angst verbreitet. Statt Ehre sagen wir vielleicht eher Ansehen. Wer fürchtet sich nicht davor, sein Ansehen zu verlieren? Zum Gespött der Leute zu werden? Ausgegrenzt zu sein in Schule, Beruf, Bekanntenkreis?

Um es mit einem Beispiel zuzuspitzen: Vor kurzem ist in einem Thüringer Dorf aufgeflogen, dass der ehrenamtliche Bürgermeister spielsüchtig ist und Gemeindegelder veruntreut hat. Viel schlimmer für ihn als die zu erwartende Bestrafung auf dem Gerichtsweg ist der Verlust von Ansehen. Er kann sich kaum noch in seinem Dorf blicken lassen. Er hat Angst, »zuschanden« zu werden.

Was hilft gegen diese Angst? Der Psalmbeter möchte rechtschaffen bleiben, sein Ansehen behalten. Für ihn ist das unauflöslich mit Gottes Geboten verbunden. Sie sind ihm Halt, Orientierung. Wie ein Geländer auf dem Dach eines Aussichtsturmes. Ich kann den Rundblick genießen, aber ich stürze nicht in die Tiefe.

Die Gebote Gottes sind Angebote für uns, unserem Leben ein Geländer zu geben. Damit wir nicht zuschanden werden. Nur eine Generation nach Luther hat das ein Dichter so ausgedrückt: »Lass mich dein sein und bleiben, du treuer Gott und Herr, von dir lass mich nichts treiben, halt mich bei deiner Lehr.«

Felix Leibrock,  Pfarrer in Apolda

Kraft zum Leben und Wachsen

23. Januar 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen,  der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht.
Psalm 1, Vers 3

Ursula Meckel ist Pastorin in Thale

Ursula Meckel ist Pastorin in Thale

Wenn von jemandem gesagt wird, er sei »ein Kerl wie ein Baum« spricht das von Größe und Stärke und Standhaftigkeit, irgendwie vertrauenerweckend. An solchen Menschen kann man sich ­anlehnen, sich geborgen und beschützt fühlen.

Bäume haben weitere gute Eigenschaften: Sie sorgen für ein gutes Klima, viele tragen Früchte und außerdem sind sie einfach schön. In Schlagern ­werden Bäume als beschützenswert beschrieben, ihr erreichbares hohes Alter gilt als Traumziel.

Auch in der Bibel werden Bäume immer wieder erwähnt. Das Alte wie das Neue Testament nennen unterschiedliche Baumarten wie den Olivenbaum oder den Feigenbaum, mit dessen relativ großen Blättern das erste Menschenpaar Adam und Eva nach dem Sündenfall ihre Blöße bedeckten. Dem Baum als Symbol des Sündenfalls, um dessen Stamm sich eine Schlange windet, steht häufig das hölzerne Kreuz als Symbol der Erlösung gegenüber.

In der Pflanzensymbolik haben verschiedene Baumarten und ihre Blätter, Zweige und Früchte eine besondere Bedeutung. So weist die Akazie auf die Unsterblichkeit der Seele hin, der Ölbaum auf den Frieden; der Zapfen der Pinie auf die Leben spendende Gnade und Kraft Gottes; die Stechpalme, aus deren Zweigen der Legende nach die Dornenkrone gefertigt war, auf die Passion Christi.

Mit so einem bedeutsamen und symbolträchtigen Gewächs vergleicht der Psalmist den Menschen, der sich auf Gott einlässt und ihm voll und ganz vertraut. Dieser Mensch weiß, woher er kommt und wohin er geht, er ist fest verwurzelt in der Erde und weiß, woher er die benötigten Kräfte zum Leben und Wachsen bekommt.

Der sich auf Gott einlassende Mensch findet in dem Vergleich sowohl Anspruch als mutmachenden Zuspruch: Die kräftespendenden Quellen werden nicht versiegen!

Ursula Meckel

Das ganze Leben im Blick

16. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Das ist ein köstlich Ding, dem Herrn danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster, des Morgens deine Gnade und des Nachts deine Wahrheit verkündigen.
Psalm 92,2

Gabriele Schmidt ist Pfarrerin in Eisenach

Gabriele Schmidt ist Pfarrerin in Eisenach (Foto: privat)

Von Herzen kommende Gebete und große Dichtung zugleich. Die Psalmen sind ein großer Schatz Erfahrungen von Männern und Frauen, die ihr Leben in Beziehungen miteinander und zu Gott gelebt und gedeutet haben. Ihr Glaube ist eng mit der eigenen Lebensgeschichte verbunden.

Die alten Gebete laden auch mich ein, glaubend und suchend Gott nahezukommen. Gelingt es, sehe ich viel Schönheit um mich herum, sehe das Wachstum der Natur, die Freundlichkeit der Menschen, die mir begegnen. Ich freue mich dann an guter ­Musik und Kunstwerken, die noch nach hunderten von Jahren auch heute zu mir sprechen.

Die Schönheit unserer Kirchen, die Schnitzereien an alten Kanzeln, in Stein gehauene Reliefs an Säulen, biblische Figuren auf Altären und Gemälde alter Meister, die den Glauben ihrer Zeit spiegeln, berühren mich. Sie nehmen mich mit hinein in ihre Welt. Glaube überschreitet Zeit und Raum.  Die Worte der Psalmen verbinden mich mit vielen Generationen.

Wenn der Psalmbeter von Gnade am Morgen und Wahrheit in der Nacht spricht, ist mein ganzes Leben im Blick. Licht und Schatten, Krankheit und Gesundheit, die Jugend und das Alter. Es gibt keine Zeit und keinen Ort, an dem ich nicht glauben und hoffen dürfte, loben und danken kann.

Mit solchem Glauben will Gott mich behüten zu verzweifeln, wenn Hindernisse und Steine auf meinem Weg liegen. Wenn Eltern ihren Kindern, Großeltern ihren Enkeln, Kindergärtnerinnen ihren Schützlingen oder Freunde sich gegenseitig diese Hoffnung glaubwürdig mit eigenen Erlebnissen weitersagen, geht die Hoffnungsgeschichte des christlichen Glaubens immer weiter. Die Schönheit alter Glaubenstexte wird lebendig durch uns. Wir sind ein Teil davon. Das ist ein köstlich Ding, dem Herrn danken und lobsingen deinen Namen.

Gabriele Schmidt

Eine Botschaft für die ganze Welt

7. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Sagt unter den Heiden: Der Herr ist König.  Er hat den Erdkreis gegründet,  dass er nicht wankt.
Psalm 96, Vers 10

 Waltraut Zachhuber, Super- intendentin i. R., Magdeburg

Waltraut Zachhuber, Super- intendentin i. R., Magdeburg

Unter den Heiden sag man’s frei, dass Gott eins Reiches König sei!« – Worte, vertont von Heinrich Schütz, mit denen christliche Chöre einstimmen in dies alte Lied des Volkes Israel. Sie klingen auch in biblischen Texten nach, die um Epiphanias in den Gottesdiensten zu hören sind: Im Kind in der Krippe, in Jesus, dem Rabbi aus Nazareth, wendet sich der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs allen Völkern zu, Juden und »Heiden«.

Er ist ein Licht für die gesamte Menschheit. An ihn kann sich »alle Welt« halten. Wer mit Jesus verbunden ist, betet mit ihm auch diesen Psalm 96, der den Jubel der ganzen Schöpfung über die weltweite Herrschaft Gottes besingt. Gott ist der »König« des Erdkreises, der »alles so herrlich regieret« – das ist die weltweite Botschaft der Epiphaniaszeit.
Regiert er alles so herrlich? Viele bezeugen das. Aber dagegen gibt es die Erfahrung, dass der Erdkreis nicht so fest gegründet ist, wie es der Psalm beschreibt. Dass er zuweilen kräftig ins Wanken kommt und Mensch und Natur mit sich reißt wie bei dem Tsunami zu Weihnachten 2004. Immer wieder gab und gibt es solche »Tsunamis«, die uns klagen und fragen lassen, die das Vertrauen zu Gott ins Wanken und den Gesang des Psalms 96 zum Schweigen bringen können.

Doch wo dieser Psalm schweigt, reden andere Psalmen: »Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir!« oder »Mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Beides steht nebeneinander. Und beides begleitet uns unser Leben lang: die jubelnde Freude, der Lobgesang, und die Klage, das Warum. Nichts wird durch das andere ungültig. Aus Lob kann Klage werden, ein Warum kann sich in Dankbarkeit verwandeln.

Diese Erfahrung kann zu einem Gespräch führen zwischen Lob und Klage, Fragen und Bejahen, Lachen und Weinen. Gott schenke uns solches Gespräch auch 2010. Es hilft uns durch die Zeiten, bis aller »Mund voll Lachens« sein wird (Psalm 126).

Waltraut Zachhuber, Superintendentin i. R., Magdeburg

Ist diese Fülle nicht wunderbar?

23. Dezember 2009 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.
Johannes 1, Vers 14a

Stepan Pecusa, Pfarrer in Delitzsch

Stephan Pecusa, Pfarrer in Delitzsch

Worte und Fleisch wohnen reichlich unter uns in dieser Weihnachtszeit. Es biegen sich die Tische unter Gänsen und Klößen, und es klingen die Ohren von Evangelien und Prophetenkunde, von Sprüchen der Kinder und Eltern. Heilige Zeit, gesegnete Zeit. Ist diese Fülle nicht wunderbar?

Vier Tage hintereinander in der Kirche, danach prächtiges Essen, dann übervolle Gespräche und abends den besten Wein. So soll es doch sein, das Leben in Fülle, das uns beschert ist unterm Lichterbaum. Der Glaube, der vor Tiefe und Weite Purzelbäume schlägt. Wir kennen dieses Fleisch auch von der Trauung her, wenn nämlich zwei eins werden, wenn Mann und Frau oder Frau und Frau oder Mann und Mann sich erkennen und die Liebe sie ergreift und umschließt und die Engel tanzen in den Wolken, weil es so schön ist.

So also ist es, wenn Gottes Wort uns erreicht. Plötzlich liegt ein Kind in der Krippe, Geigen und Schlagzeug spielen in höchsten Tönen, das Herz geht uns über. Die Fülle, das Fleisch, das ganze Menschsein, all das kommt zu uns, damit wir es genießen, damit wir uns freuen und glücklich sind.

Nicht nur magere Knochen, nicht nur dogmatische Fetzen, nicht nur frommes Gerede, die Fülle bricht an, wenn Gottes Wort uns trifft, wenn ER zu uns kommt. Dann gibt es kein Halten mehr, kein Fragen mehr, ob die Ordnung das auch erlaubt. Dann geht es los mit uns und um uns und in uns.

So kann es sein, so wird es sein, so ist es. Gesunden an dem, was kommt, indem wir einfach schon mal anfangen: mit der Freude, mit dem Überschwang. Lachen, auch wenn der Witz erst morgen erzählt wird. Wir haben lange genug gespart. Gehen wir in den Keller und tafeln auf. Und denken daran, es warten Milliarden darauf, dass die Tische endlich gefüllt werden.

Das Wort ward Fleisch, Himmel und Erde küssen sich, daraus lässt sich leben, zur Weihnacht und alle Tage.

Stephan Pecusa, Pfarrer in Delitzsch

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