Wenn blinder Hass auf Liebe stößt

20. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Römer 12, Vers 21

Dieser Vers war doch eben erst Jahreslosung, schießt es mir durch den Kopf. Schnell google ich danach und merke: mein »eben erst« ist schon wieder sieben Jahre her. Die Zeit vergeht, und in den vergangenen sieben Jahren hat sich einiges in der Welt verändert. Und doch ist gerade diese Zeile des Römerbriefes in ihrer biblischen Zeitlosigkeit noch aktueller und zeitloser geworden, als sie es 2011 war.

Felix Kalbe, Theologiestudent und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Felix Kalbe, Theologiestudent und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Gut und böse – schwarz und weiß – sind oftmals schwer zu trennen. Dennoch nehmen der Hass und die Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft stetig zu. Wir lesen die Zeilen aus Chemnitz, verfolgen die politischen Veränderungen im Land und hören von immer mehr Menschen, bei denen christliche Nächstenliebe an der Grenze endet. Populismus mit scheinbar einfachen Lösungen breitet sich aus. Die Falle der Banalität schnappt zu.

Umso entscheidender ist es doch, dass gerade wir als Christen uns nicht ebenfalls einfangen lassen, sondern das Böse mit Gutem überwinden. Dass wir in Offenheit und Nächstenliebe zeigen, was es heißt, sich eben nicht den platten Parolen hinzugeben. Mit offenem Herzen und der Vernunft des Glaubens durch das Leben zu schreiten, fällt wahrhaftig nicht immer leicht. Aber von der Leichtigkeit des christlichen Glaubens steht in der Mahnung des Paulus an die Gemeinde im 12. Kapitel des Römerbriefes auch nichts geschrieben. Christus nachzufolgen und Gott zu dienen kann, besonders im säkularen Raum, wie wir es alle allzu gut wissen, nicht immer einfach sein. Gerade das Böse mit Gutem zu überwinden scheint häufig, als müsse man gegen einen Orkan anpusten.

Und obgleich viel Ausdauer und ein kräftiges Lungenvolumen von Nöten sind, kann jede und jeder für sich immer wieder aufs Neue dagegen angehen. Denn wenn auf ein Scheltwort ein Wort der Versöhnung folgt, wenn blinder Hass auf Liebe stößt und wenn Gewalt Friedfertigkeit begegnet, so überwinden wir das Böse mit Gutem. Jeden Tag aufs Neue. Heute, morgen und auch noch in sieben Jahren.

Felix Kalbe, Theologiestudent und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

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Wie Demut heute zu verstehen ist

13. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Micha 6, Vers 8

Endlich ein Text, in dem mir der Prophet Micha sagt, was gut ist: Gott verlangt lediglich drei Dinge, die ich zu erfüllen habe, um ihm zu gefallen. So einfach ist es in der Bibel sonst meist nicht. Oder ist es auch hier gar nicht so einfach? Die erste Aufgabe ist klar definiert. Ich soll »Gottes Wort halten«. Doch wo beginnt es und wo hört es auf? Dass Texte wie die Zehn Gebote darunter fallen, erscheint mir logisch. Und das Johannesevangelium beginnt schließlich mit dem Vers: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Folglich fällt natürlich auch Jesus darunter, dem wir in unserem Handeln nachfolgen sollen. Auch was mit »Liebe üben« gemeint ist, lässt sich schnell erschließen: Mit dem Doppelgebot der Liebe kann man schließlich nichts falsch machen. Gott und den Nächsten zu lieben wie sich selbst kann ja nur gut sein. Und Jesus bezeichnete eben dieses Gebot als das höchste, christliche Gebot.

Felix Kalbe, Theologiestudent und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Felix Kalbe, Theologiestudent und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Anders sieht es da mit der Demut aus. Alle sprechen immer davon, keiner ist es so richtig und niemand scheint zu wissen, wie das überhaupt funktioniert. »Demütig sein.« Ein Blick in den Duden sollte doch helfen. Er beschreibt Demut als ein Wort, welches dem Mittelhochdeutschen entspringt und sich von den Worten dienen und Mut ableitet und somit die Gesinnung eines Dienenden beschreibt. Als Synonyme schlägt er Hingabe, Ergebenheit, Opferbereitschaft und Devotion, also Unterwürfigkeit, vor. Aber wie sieht die denn heutzutage aus? Ein wenig Hingabe ist ja mancherorts in den Gottesdiensten noch zu sehen, aber Ergebenheit und Unterwürfigkeit? Opferbereitschaft höchstens noch in Form der einen oder anderen Kollekte oder der ehrenamtlich aufgebrachten Zeit. Unter wahrer Demut stelle ich mir hingegen etwas anderes vor. Ist unsere ehrenamtliche Hingabe, unsere Zeit, die wir opfern und in der entschleunigten Kirche der rasanten Welt entfliehen können, unsere neue Demut? Oder haben wir allesamt die Demut verlernt?

Felix Kalbe, Theologiestudent und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

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Dank für Braten und Kloß an Koch und Schöpfer

6. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Aller Augen warten auf dich, Herr, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.

Psalm 145, Vers 15

Als vierstimmiger Gesang erklingt »Aller Augen warten auf dich, Herr« in der Vertonung von Heinrich Schütz. Als Tischgebet wird es gesungen oder gesprochen. »Aller Augen« ist in aller Munde, wo es Sitte ist, dass zum Essen gebetet wird.

Sabine Kramer, Direktorin des Predigerseminars in Wittenberg

Sabine Kramer, Direktorin des Predigerseminars in Wittenberg

Doch wo ist das so? In meiner Kindheit und Jugend kannte ich kein Tischgebet. In meinem Elternhaus wurde gutbürgerlich gekocht und sonntags festlich gedeckt. Die Mutter wurde für den schmackhaften Braten gelobt, der Großvater für die handgemachten Klöße aus Zweidrittel rohen und einem Drittel gekochten Kartoffeln. Doch zum Essen gebetet oder »Aller Augen« gesungen wurde nicht. Das Beten zu Tisch und das Beten als Gesang habe ich erst spät in meinem Leben durch die Familie meines Mannes kennen gelernt. In der Ausbildung angehender Pfarrerinnen, Pfarrer und Gemeindepädagogen im Predigerseminar gehört das Mittagssingen eine halbe Stunde vor dem Essen zum festen Bestand des Tages und für mich zu den unverzichtbaren Momenten.

Das Tischgebet hebt das Essen auf eine andere Ebene: vor den gefüllten Tellern sitzend, für einen Moment Gott zu erwarten, sich die Augen nicht allein an den Köstlichkeiten in den Schüsseln übergehen zu lassen, sondern aufzuschauen, sich von Gott die Speise geben, sich sättigen zu lassen. Zu spüren: Gott schenkt mir das zum Leben Notwendige zur rechten Zeit. Indem ich »Aller Augen warten auf dich, Herr« singe, werde ich zurückgebunden an Gott und die Welt, die Gott geschaffen hat. Von Gott kommt alles Leben, mein Leben eingenommen. Mir ist aufgegeben, das von Gott Geschaffene zu verwalten. Wie sorgsam oder wie achtlos gehe ich damit um? Das Tischgebet macht mich nachdenklich.

Zu Erntedank liebe ich den Duft, die Farben der Blumen und Früchte in der Kirche. Die Natur zeigt sich mit ihrem ganzen Reichtum. Ihn zu schmecken, sich daran zu erfreuen und neu oder wieder einzustimmen in das Tischgebet »Aller Augen warten auf dich, Herr«, dafür ist zu Erntedank die beste Gelegenheit.

Sabine Kramer, Direktorin des Predigerseminars in Wittenberg

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Einen schöneren Beruf kann es nicht geben: Liebesprediger

29. September 2018 von redaktionguh  
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Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.

1. Johannes 4, Vers 21

Untrennbar gehören sie zusammen. Wie eine Münze, die zwei Seiten hat, ist die Liebe zu Gott auf der einen und die Liebe zum Bruder auf der anderen Seite. Die Liebenden sind wir, auf beiden Seiten. Von Gott wird gesagt: Gott ist die Liebe. Wir leben aus Gottes Liebe. Und wir erwidern diese Liebe, weil die Liebe das Gegenüber sucht. Wir lieben Gott, indem wir die Liebe weitergeben an Menschen neben uns.

Sabine Kramer, Direktorin des Predigerseminars in Wittenberg

Sabine Kramer, Direktorin des Predigerseminars in Wittenberg

Doch wer sind unsere Mitmenschen? Und vor allem, wo ist die Grenze der Liebe? Wir erleben harte Auseinandersetzungen in Kirche und Gesellschaft, wem die Liebe eigentlich gilt. Da sehen die einen die eigenen Volksgenossen. Oder sind die Geschwister die Gläubigen der drei Religionen, die sich auf Abraham zurückführen: das Judentum, das Christentum und der Islam? Andere sagen: Es sind die Glaubensgeschwister in der eigenen Gemeinde. So sieht es der Johannesbrief. Er lebt das Modell der kleinen Gruppe. Jesus jedoch geht mit seiner Liebe weiter, wenn er auffordert: »Liebt eure Feinde!« Kein Gebot fordert mich mehr heraus als dieses.

In unseren Gemeinden streiten wir, wie weit die Liebe gehen kann. Dahinter steht die Frage, wer ist mein Nächster, mein Bruder, meine Schwester? Schon Adams und Evas Sohn Kain muss sich diese Frage von Gott gefallen lassen: »Kain, wo ist dein Bruder Abel?« Kain hat Abel aus Neid getötet. Trotzig erwidert er: »Soll ich meines Bruders, meines Mitmenschen, Hüter sein?« Klar gestellt wird: Lieblosigkeit, Gewalt, brutale Sprache, Hasspredigt können sich nicht auf Gott berufen. Das Bibelwort sagt nicht pauschal: Die Liebe gilt allen. Sondern: Die Liebe gilt den Menschen, die hier sind. An sie bist du gewiesen, zu lieben.

Im Predigerseminar bilden wir angehende Predigerinnen und Prediger aus. Wunderbar daran ist: Sie werden ausgebildet zu Liebespredigern! Als künftige Pfarrerinnen und Pfarrer sollen sie den Menschen Liebe ins Herz legen, Liebe zu Gott und Liebe zu den Menschen. Einen schöneren Beruf kann es nicht geben.

Sabine Kramer, Direktorin des Predigerseminars in Wittenberg

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Nachdenken über Gott und die Welt

22. September 2018 von redaktionguh  
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Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

Johannes 5, Vers 4

Die Welt hat keinen guten Ruf. Sie liegt im Argen, das bestätigt sich immer wieder: Sie wird vom Geld regiert. Man kann hinschauen, wo man will – wer zahlen kann, ist im Vorteil, kann Meinungen manipulieren, den Krieg gewinnen, Arme erpressen, Andersdenkende kaufen. Besitzgier und Machthunger lassen Anstand und Würde vergessen, die Korruption blüht allerorten. Denn: Dem Stärkeren gehört die Welt. Ich zuerst. Er nimmt sich, was er will, ohne auf die Bedürfnisse der anderen zu achten, die Natur zu schonen, den Frieden zu wahren, Gerechtigkeit walten zu lassen. Soll ich meines Bruders Hüter sein? Das Klagelied über den Zustand unserer Erde hat noch viele Strophen. Die Welt ist des Teufels Braut, bringt es ein Sprichwort auf den Punkt.

Christine Lässig

Christine Lässig

Diese Weltsicht ist etwas einseitig. Allerdings gilt auch in biblischen Zeiten die Welt als etwas, das man überwinden muss. Gottes Menschenliebe und seine Gebote markieren die Alternative. Sie sind der Gegenentwurf zu den Erfahrungen, dass das Böse oft die Oberhand gewinnt und jeder sich selbst der Nächste ist. Das ist nicht im Sinne Gottes. Das muss anders gehen – nicht erst am Ende aller Tage, sondern hier und heute.

Überall da, wo Nächstenliebe kein Fremdwort ist, Menschenwürde geachtet und der Schwache geschont wird, wo geschmähte Gutmenschen eben Gutes tun, bekommt die Welt ein anderes, ein freundliches Gesicht. Da ist sie nicht mehr des Teufels Braut, sondern ein Stück vom Reich Gottes. Kein Paradies, aber ein Ort, an dem es sich leben lässt.

Resignation wäre schlimm. Wir brauchen Zuspruch und Hoffnung, um uns selbst und was auf der Welt im Argen liegt, zu überwinden. Das macht sich als Einzelgänger nicht so gut wie im Verein mit anderen. Johannes schreibt nicht von ungefähr von unserem Glauben. Zusammen sind wir stärker, als Gemeinde können wir mehr Einfluss nehmen auf den Gang der Dinge. Wir können Mut machen, damit wir nicht aufgeben, die Welt im Kleinen und Großen ein bisschen besser machen zu wollen. Das wäre ganz im Sinne Gottes.

Christine Lässig, Pfarrerin i. R., Weimar

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Leben in Zeit und Ewigkeit

15. September 2018 von redaktionguh  
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Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.

2. Timotheus 1, Vers 10

Mit dem Tod habe ich nichts zu schaffen. Bin ich, ist er nicht. Ist er, bin ich nicht«, versuchte einst der griechische Philosoph Epikur von Samos das Tabuthema Tod vom Tisch zu wischen. Ganz so simpel, und das wird ihm wohl bewusst gewesen sein, ist die Sache freilich nicht. Denn da gibt es ja noch den Tod der anderen, die man geliebt und verloren hat.

Und es gibt die Macht des Todes, die schon lange vor dem Sterben an die Endlichkeit des eigenen Lebens erinnert, wenn die Leistungsfähigkeit abnimmt, Krankheiten den Körper schwächen, das Alter fortschreitet. Da wird der Tod zum Thema, selbst wenn man ihn am liebsten ignorieren würde. Die Macht des Todes mitten im Leben.

Wir haben immer mit dem Tod zu schaffen, Herr Philosoph! Paulus hat das sehr intensiv zu spüren bekommen in der Zeit von Neros Christenverfolgung. Von schwacher Gesundheit, auf seinen Missionsreisen ständigen Strapazen ausgesetzt, wiederholt hinter Kerkermauern gefangen und den Märtyrertod vor Augen, hat er in seinem letzten Brief an seinen Mitarbeiter Timotheus wie in einem Testament zusammengefasst, was für ihn wichtig war: das unvergängliche Leben in Zeit und Ewigkeit.

Christine Lässig

Christine Lässig, Pfarrerin i. R., Weimar

Das Evangelium, das er predigt, ist ein Gegenentwurf zur Macht des Todes. »Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit«, schreibt er. Dass wir sterben müssen, lebenssatt oder viel zu früh, gewaltsam oder ersehnt, bleibt wahr. Aber wenn wir unsere begrenzte Zeit auf Erden getrost und unverzagt verbringen im Vertrauen auf Gottes Beistand und mit der Bitte »Jesu geh voran!«, macht das den Unterschied. Da kann ein gutes Leben daraus werden und ein Segen für andere. Und wenn der Glaube an ein Leben nach dem Tod am Grab tröstet, wenn wir der Überzeugung sind, dass Gottes Ewigkeit unsere Erdentage ablöst – dann ist die Macht des Todes endgültig gebrochen und ein unvergängliches Wesen ans Licht
gebracht.

Christine Lässig, Pfarrerin i. R., Weimar

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Schlüsselversicherung: Loslassen, abgeben, leben

8. September 2018 von redaktionguh  
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Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.

1. Petrus 5, Vers 7

Wenn das mal so einfach wäre. Es klingt verlockend: Alle Sorgen einfach abwerfen. Einfach von sich schütteln. Frei werden von all den kleinen und großen Sorgen des Alltags. Die Sorge um die Gesundheit. Die Sorge um das Wohl der Kinder. Die Sorge um den Frieden in unserer Welt. Und ja, leider manchmal auch die Sorge um das bisschen Brot für den morgigen Tag.
Es klingt verlockend: Einfach alle Sorgen abwerfen. Was habe ich nicht alles versucht? Allerhand Versicherungen habe ich abgeschlossen: Lebensversicherung, Unfallversicherung, Arbeitsunfähigkeitsversicherung, sogar eine Schlüsselversicherung habe ich inzwischen. Wirklich sicher fühle ich mich damit aber nicht. Es bleibt die Frage: Kann ich mich wirklich gegen jeden und alles versichern, das mir in meinem Leben zustößt? Leben bleibt lebensgefährlich.

Ramón Seliger, Pfarrer in Weimar und der EKM-Onlinekirche

Ramón Seliger, Pfarrer in Weimar und der EKM-Onlinekirche

Vieles sehe ich nicht auf mich zukommen, und gegen den Verlust von dem, was mir im Leben wichtig ist, kann ich mich nicht versichern. Den Verlust von Freunden. Das Ende einer Liebe. Die Sorge um das Wohl der Kinder. Und auch die beste Lebensversicherung hilft dem nicht mehr, der sein Leben verloren hat. Auch meine Krankenversicherung schützt nicht meine Gesundheit, sie hilft mir nur die Not der Kosten meiner Krankheit zu lindern. Gegen die Krankheit selbst ist auch die beste Versicherung machtlos. Ich ahne: Mein Leben habe ich letztlich nicht in meiner Hand, allen Versicherungen zum Trotz.

»Sorge, nun so mach mich klug« heißt es bei Goethe. Schöner noch steht es in der Bergpredigt: »Sorgt euch nicht um das Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib.« Das heißt für mich: Frei werden von der falschen Sorge, die mein Leben hemmt. Loslassen, was ohnehin nicht in meinen Händen liegt. Sehen, dass mein Leben in Gottes Hand geborgen ist und immer schon war. Dann muss ich auch nichts überwerfen, was ich gar nicht greifen kann. Und dann kann ich klug werden, weil Gott immer schon für mich sorgt und mir sagt: Sorge dich nicht, lebe!

Ramón Seliger, Pfarrer in Weimar und bei der Online-Kirche

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Ein dankbarer Blick auf das Leben mit all seinen Facetten

1. September 2018 von redaktionguh  
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Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Psalm 103,2

Auf den ersten Blick hatte er nicht viel Gutes erlebt. Der alte Mann am Ende seiner Tage. Noch in die Kindheit fiel der Verlust der Mutter. Der Vater war im Ersten Weltkrieg gefallen. Den Zweiten Weltkrieg erlebte er selbst an der Ostfront. Als Jugendlicher in den letzten Kriegstagen. Nach dem Krieg die Vertreibung und der Verlust der Heimat. Gerade als er und seine Frau sich ein bescheidenes Glück aufgebaut hatten, starb die einzige Tochter. Seine Frau war über dem Schmerz verzweifelt. Inzwischen ist sie dement. Viel Gutes hat er auf den ersten Blick nicht erlebt.

Ramón Seliger, Pfarrer in Weimar und der EKM-Onlinekirche

Ramón Seliger, Pfarrer in Weimar und der EKM-Onlinekirche

Und doch sagt er: »Ich habe allen Grund dankbar zu sein. Ich kann mit meinem Leben hadern und mich beschweren, dass mein Körper dieses oder jenes nicht mehr schafft. Dass ich all die Verluste verkraften musste. Oder ich kann aufstehen und dankbar sein für alles, was ich noch kann. Ich nehme jeden Tag als ein Geschenk, gerade weil ich erfahren habe, dass das Leben schnell zu Ende sein kann. Ich freue mich jeden Morgen über das neue Licht des Tages und die Kraft, die ich noch habe. Ich bin dankbar für das Gute, das ich erleben durfte.«

Ich staune über eine solch warmherzige Lebensbilanz. Sie irritiert mich auch. Wohl dem Menschen, dem ein solcher Blick auf sein Leben geschenkt ist. Und doch ist er nicht nur geschenkt. Der alte Mann sagt: »Ich habe nicht immer in der Hand, was ich im Leben erfahre. Aber ich habe in der Hand, was ich daraus mache, wie ich auf mein Leben blicke.« Weiß Gott hat er in seinem Leben nicht nur Gutes aus der Hand seines Gottes empfangen. Und doch hat sich manches in der Rückschau auch verändert. Manche schmerzhafte Erfahrung erscheint im Laufe der Jahre in einem anderen Licht. Er ist an ihnen gewachsen. Nein, er sei nicht dankbar für den Schmerz und die Verluste. Aber das sei ein Teil seines Lebens. Ein anderer ist die Kraft, die ihm immer wieder zugewachsen ist. Über all die Jahre. Bis heute. Die Kraft, das Gute zu sehen und dankbar zu sein.

Ramón Seliger, Pfarrer in Weimar und der EKM-Onlinekirche


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Der wahre Schatz der Kirche

25. August 2018 von redaktionguh  
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Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Matthäus 25, Vers 40

Meinen geringsten Brüdern und Schwestern« – sind hier alle Armen und Elenden dieser Welt gemeint? Oder hat Christus bei seiner Rede zum Weltgericht die Gläubigen in Not und Trübsal, seine jüdischen Brüder und Schwestern im Blick? Durch sie kann man, wenn man ihnen Gutes tut, Anteil am Heil erlangen. Welches besondere Licht würde Letzteres auf die Judenverfolgung werfen? Wie auch immer die Antwort auf diese Frage lautet, die enge Beziehung zwischen Gott und den Armen (»Es verleiht an den Ewigen, wer sich des Elenden erbarmt.« Spr 19,17) war stets gegeben und wird in Jesus Christus Fleisch und Blut.

Sabine Wegner, Pfarrerin in Hohenstein

Sabine Wegner, Pfarrerin in Hohenstein

Als Charakteristikum dieser Erzählung vom Weltgericht fällt wiederholt auf, dass die Angeredeten nicht wissen, dass sie, was sie den Geringsten getan oder nicht getan haben, Jesus getan oder nicht getan haben. Das absichtslose Tun ist denen auf der »rechten Seite« sogar anzuerkennen.

Doch nun ist die Geschichte erzählt. Dem Nichtwissen ist der Raum genommen. Wir dürfen zwar absichtslos Gutes tun, haben aber unsere Ahnungslosigkeit verloren. Es gilt zu schauen, wer neben uns im Staub sitzt und die Brotstücke, die von unseren Tafeln fallen, begehrt, hier oder im fernen Afrika, in dem unser Müll landet. Zum Reformationsjubiläum haben wir aus allen Ecken unsere Schmuckstücke und Persönlichkeiten geholt, entstaubt und poliert. Wo waren die Ideen für die Armen und die Menschen vor unseren Kaufhallen, oder für die in den
Hamsterrädern des Lebens, die Frustrierten und Entwürdigten, die Unwillkommenen, die Geringsten unter uns? Da wäre sicher mehr möglich gewesen. Der heilige Laurentius hätte uns ein gutes Beispiel sein können. Gefoltert, sollte er dem römischen Kaiser Valerian innerhalb von drei Tagen den Schatz der Kirche rausrücken. Doch Laurentius verteilte das Vermögen unter den Armen, sammelte die Elenden ein und präsentierte sie dem Kaiser als »den wahren Schatz der Kirche«.

Sabine Wegner, Pfarrerin in Hohenstein

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Die vermeintliche Katastrophe und Gottes Liebe

17. August 2018 von redaktionguh  
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Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

Jesaja 42, Vers 3

Zu gern wäre ich blinder Passagier auf dem Wagen des Kämmerers der Kandake gewesen, als ihm Philippus den Jesajatext (Apg. 8,26 f) erklärte.

Ich sehe die beiden vor mir, den dunkelhäutigen Äthiopier vom anderen Ende der Welt und Philippus, einfühlsamer Jerusalemer Diakon, wie sie sich gemeinsam, eingehüllt im Staub der Straße nach Gaza, in das Prophetenbuch vertiefen. Als die beiden daraus wieder auftauchten, wollte der Äthiopier und königliche Eunuch sofort getauft werden. Was hat ihn so betroffen gemacht?

Gott sieht, hört, leidet mit, gibt nicht preis, – auch keinen Verschnittenen, heilt und rettet seinen Knecht und sein Lamm, sein Volk und auch die Heiden.

Sabine Wegner, Pfarrerin in Hohenstein

Sabine Wegner, Pfarrerin in Hohenstein

Es spricht einiges dagegen, dass ein glimmender Docht nicht erlischt und ein geknicktes Rohr nicht zerbricht. Inmitten der Zerrissenheit der Welt erreicht diesen Wagen und uns der ganze Balsam und Trost Jesajas und ein klarer Maßstab der Bibel, der Maßstab der Misericordias Domini, der Barmherzigkeit des Herrn. Die Worte des Trösters Jesaja lassen mich, kleines Sandkorn, nicht untergehen in der Röhre von Raum und Zeit und bleiben doch Geheimnis des Himmels. Zugleich haben sie eine klare Ansage. Gottes Gerechtigkeit heißt, bei denen zu sitzen, die kurz vor dem Verlöschen und Zerbrechen sind. Was für eine Botschaft! Nach Geknickt- kommt nicht Gebrochensein; nach Glimmen nicht Ausgelöschtsein. Das, was eindeutig nach einer Katastrophe ausgesehen hat, ist in der Liebe Gottes aufgehoben. Das spricht gegen jede Definition unwerten Lebens! Ich würde gern in die Welt rufen: »Steigt auf, in den Wagen, ob ihr nun an den Wassern Babylons weintet, oder über den Jordan gehen werdet, …, lasst uns gemeinsam Gottes Wort studieren und gründlicher in die Texte anderer Religionen schauen, lasst mehrere Deutungen zu und uns mit weitem Horizont fröhlich unsere Straße ziehen. Wir verstehen noch lange nicht, was wir lesen! Wir müssen miteinander reden! Fahren wir ein Stück zusammen!«

Sabine Wegner, Pfarrerin in Hohenstein

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