Vertrauen in die Menschlichkeit des Anderen

17. Juni 2018 von redaktionguh  
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Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Lukas 19, Vers 10

Vor einiger Zeit sprach ich mit einem Bekannten über die Zunahme des Populismus in Europa, die in Deutschland vor allem als Stärkung des rechten Rands erfahren wird. Bei jenem Gespräch lag die letzte Bundestagswahl, bei der die AfD den Einzug ins Bundesparlament geschafft hatte, kurz hinter uns. Mein Bekannter – ein gelernter Jurist, der Firmen in Unternehmensfragen berät – erzählte mir von zwei Kunden aus Sachsen, die er bis vor kurzem betreut hatte. Zwischen ihnen und ihm habe eigentlich eine ganz gute Atmosphäre geherrscht und die regel­mäßigen Treffen seien eine angenehme Sache gewesen – bis sie eines Tages auf Politik zu sprechen gekommen waren.

Wohl ohne sich viel dabei zu denken, hatten ihm jene beiden mitgeteilt, bei der letzten Wahl für die AfD gestimmt zu haben. Womit sie nicht gerechnet hatten: Mein Bekannter brach von diesem Moment an alle Beziehungen mit ihnen ab. Er verzichtete damit aus moralischen Gründen auf gute Geschäfte. Aber was wäre passiert, wenn er nicht so rigoros gehandelt hätte? Er hätte zum Beispiel fragen können, was sie zu jener Option bewog und welche Erfahrungen und Erwartungen dabei im Hintergrund standen. Vielleicht hätte es sogar die Chance zu einem kritisch-konstruktiven Dialog gegeben?

Der Spruch für diese Woche steht am Ende der Zachäus-Geschichte. Sven Petry schreibt dazu in seinem Buch »Fürchtet euch nicht«: »In der Erzählung vom Zöllner Zachäus empört sich die Menge darüber, dass Jesus … sich einem zuwendet, mit dem sonst niemand etwas zu tun haben möchte. Jesus heißt in der Geschichte von Zachäus nicht gut, was der Zöllner getan hat. Aber er traut ihm zu, dass er sich ändern kann. Es braucht auch heute Menschen, die solches Vertrauen in die Menschlichkeit des Anderen aufbringen. Und die selbst dort die Türen offenhalten, wo die Gespräche als sinnlos gelten.« Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Constantin Plaul, Halle

Wenn die Kirche den Stress unterbricht

10. Juni 2018 von redaktionguh  
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Christus spricht: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid;
ich will euch erquicken.

Matthäus 11, Vers 28

Herr K. hatte einen Tag, den anstrengend zu nennen untertrieben gewesen wäre. Er war unterwegs auf Dienstreise in einer fremden Stadt. Sein Terminkalender war prall gefüllt. Allesamt wichtige Angelegenheiten. Jede mit Bedeutung für seine zukünftige Karriere. In seinem Inneren erzeugte dies ein gewisses Gefühl von Druck, das kurz davor war, in der Herzgegend spürbar zu werden. Er konnte es nicht ganz vertreiben, auch dadurch nicht, dass er seine Aufmerksamkeit auf Punkte lenkte, die bereits erfolgreich absolviert waren.

Constantin Plaul, Dipl.-Theol., Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Constantin Plaul, Dipl.-Theol., Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Um die Mittagszeit, als Herr K. gerade quer über den Marktplatz lief, fiel sein Blick auf eine nahe gelegene Kirche, deren Tür offenstand. Unwillkürlich verlangsamte er seine Schritte. Er hatte leichten Hunger und wollte sich eigentlich gerade etwas zu Essen holen. Stattdessen entschied er sich, in das Gotteshaus hineinzugehen.

Im Inneren empfing ihn eine gewisse Stille. Zunächst wollte sie nicht so recht zu Herrn K.s eigenem Inneren passen. Er setzte sich in eine der hölzernen Bankreihen. Seine Augen schweiften durch den dämmrigen Raum. An einer der hohen Säulen des Mittelschiffs blieben sie hängen und wanderten nach oben, bis an den Deckenrand und von dort in das Kreuzrippengewölbe hinein, ehe sie an einem von dessen Schlusssteinen schließlich zur Ruhe fanden. Herr K. bemerkte eine gewisse Spannung in seinem Nacken und senkte den Kopf wieder. Der Eindruck von Höhe blieb wie ein Nachbild in ihm zurück und schien ihn und die Dinge um ihn herum irgendwie schweben zu lassen.

Ihm kam sein nächstes Treffen in den Sinn. Er sprang aber nicht sogleich auf, sondern blieb kurz weiter sitzen. Jenes eigentümliche Gefühl von Höhe wirkte immer noch in ihm nach. Ihm wurde auf einmal bewusst, wie lange es her gewesen war, dass er so etwas das letzte Mal empfunden hatte. Dann stand Herr K. auf und ging zu seinem Termin.

Constantin Plaul

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Achtung! Mehr brauchts nicht

2. Juni 2018 von redaktionguh  
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Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich; wer aber mich verachtet, der verachtet den, der mich gesandt hat.

Lukas 10, Vers 16

Manchmal lese ich die Kommentare unter Online-Artikeln. Erschreckend, wie viel Verachtung in manchen von ihnen steckt. Schnell werden solche Kommentare gelöscht, wenn sie allzu bösartig sind, aber manche schaffen es dennoch, ihren Hass zu verbreiten. Solche Verachtung trifft immer wieder die christliche Kirche oder den Islam, leider oft auch die Geflüchteten in unserem Land. Die Bundeskanzlerin ist das beliebteste Ziel dieser Geringschätzung. Vor einiger Zeit habe ich beschlossen, diese Kommentare zu ignorieren. Es tut gut, sich mehr auf die positiven Dinge zu konzentrieren.

Pfarrerin Dorothea Knetsch, Klinikseelsorgerin in Weimar

Pfarrerin Dorothea Knetsch, Klinikseelsorgerin in Weimar

Lese ich den Wochenspruch aus dem Lukasevangelium hauptsächlich unter dem Gesichtspunkt der Verachtung, dann könnte ich mich auf all den Hass in diesem Land konzentrieren, dann wäre meine Stimmung im Keller. Ich kann aber auch überlegen, wo ich Menschen begegne, die einander achten. Denn man kann den Spruch auch anders lesen: Wenn ich einem Menschen Achtung entgegenbringe, dann bringe ich Gott Achtung entgegen.

So hat zum Beispiel die Journalistin Dunja Hayali das Bundesverdienstkreuz bekommen, weil sie sich nicht von Hasskommentaren daran hindern lässt, sich für Gerechtigkeit einzusetzen. Dadurch wird ihr Achtung entgegengebracht. Oder da ist die Lehrerin, die schon über 90 Jahre alt ist, und mir erzählt, dass sie immer noch von ehemaligen Schülern besucht wird – was für eine Würdigung ihrer Arbeit. Wenn ich Menschen sehe, die im Pflegebereich liebevoll demjenigen helfen, der auf Hilfe angewiesen ist, dann spüre ich Achtung zwischen diesen Menschen. Auch durch die »MeToo«-Debatte wird die Aufmerksamkeit dafür geschärft, dass die Würde eines anderen geachtet werden muss.

Was hat den Menschen Jesus ausgemacht? In den Evangelien begegnet er mir als ein Mensch, der andere in ihrem Anderssein achtet. Wie könnte ich ihm besser nachfolgen, als indem ich das Gleiche tue?

Pfarrerin Dorothea Knetsch, Klinikseelsorgerin in Weimar

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Kirche gehört zum Leben und wächst durch Gottes Geist

26. Mai 2018 von redaktionguh  
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Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll.

Jesaja 6, Vers 3

Die ältere Frau im Krankenbett freut sich, dass »die Kirche« vorbeikommt. Sie erzählt davon, wie wichtig es ihr war und ist, dass Kirche zu ihrem Leben dazugehört. Aber sie erzählt auch, dass es sie traurig macht, wie wenige noch in den Gottesdienst kommen. Ein bisschen Vorwurf klingt vielleicht auch mit. Warum kommt von denen keiner?

In den Zeitungen lese ich von verschiedenen Gottesdienstprojekten. Neue Formate werden gesucht und erprobt, damit mehr (junge) Menschen den Weg in den Gottesdienst finden. Warum erreichen wir sie nicht? So fragen viele. Gottesdienstformate zu hinterfragen, ist notwendig. Manches Traditionelle kann man aufgeben, Neues kann erprobt werden. Oft macht es auch mich traurig, dass so vielen evangelischen Christen ihr Glaube nicht wichtig scheint und viele andere gar nichts mehr von Gott wissen. Und da ist es fraglos wichtig, nach anderen Wegen zu suchen. Manchmal habe ich den Eindruck, als würden wir uns immer weiter verbiegen, damit die Gemeindegliederzahlen wieder stimmen. Als könnten kirchliche Mitarbeiter, wenn sie sich nur genug anstrengen, aus eigener Kraft allein erreichen, dass die Kirche wächst. Das macht, mir zumindest, Druck.

Am Sonntag Trinitatis geht es darum, dass Gott sich den Menschen auf verschiedene Weise zeigt. Er ist der Schöpfergott, der sich mir zum Beispiel in der Natur offenbart. In Jesus Christus begegnet mir Gott als Mensch. Durch das Pfingstfest weiß ich, er stärkt mich durch seinen Geist. Und dieser Geist ist es, der, auch durch mich, bewirkt, dass die Kirche wachsen kann. Sein Geist vermag viel mehr als wir ihm zutrauen.

Pfarrerin Dorothea Knetsch, Klinikseelsorgerin in Weimar

Pfarrerin Dorothea Knetsch, Klinikseelsorgerin in Weimar

Der Wochenspruch ist kein Plan, kein Soll, das es zu erfüllen gilt, sondern das ist eine Zusage! Gott ist heilig, und alle Lande sind und waren seiner Ehre voll, und sie werden es auch zukünftig sein.

Darauf kann ich mich in Weimar in einem Krankenzimmer, beim Besuch eines Patienten, genauso verlassen wie ein Christ in einem gut besuchten Gottesdienst. Gott
ist heilig!

Pfarrerin Dorothea Knetsch, Klinikseelsorgerin in Weimar

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Still und kontinuierlich statt »auf Biegen und Brechen«

19. Mai 2018 von redaktionguh  
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Es soll nicht durch Heer oder Kraft sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth.

Sacharja 4, Vers 6

Als »Mund Gottes« verspricht der Prophet Sacharja seinen verunsicherten jüdischen Zeitgenossen, die so gerne den Tempel wieder aufbauen wollen, nicht das Blaue vom Himmel. Er weiß: aus Gewalt oder Kraftprotzerei wird nichts Gutes geschehen. Schon diese erste Aussage des Wochenspruches sei uns heute gesagt!

Auf Biegen und Brechen lösen auch wir keines unserer aktuellen Probleme. Wenn überhaupt etwas anders und besser wird, so Sacharja, dann nur durch Gottes Geist. In den Pfingsttagen glauben wir als Bibelleser zu wissen, wie Gottes Geist in der Welt funktioniert. Wir sehen Flammen über den Häuptern der Apostel, meinen das Brausen und Sausen des Windes zu hören, erfahren von mutigen Menschen, die aus ihren Verstecken heraus auf die Straße drängen, um den Auferstandenen zu bekennen. Nach meiner Erfahrung wirkt Gottes Geist auf Dauer so freilich nicht.

Pfarrer Andreas Müller, Direktor Marienstift Arnstadt

Pfarrer Andreas Müller, Direktor Marienstift Arnstadt

Dass wir trotz aller Frustration auch im Jahr 2018 als Gemeinde der Heiligen beieinander sind, Kirche leben und ertragen und Gott bekennen, danken wir dem stillen, kontinuierlichen Wirken des Heiligen Geistes unter uns.

Gottes Geist wirkt in der alten Frau, die als einzige aus ihrer Straße alle paar Wochen in die Kirche geht, damit die Glocken im Dorf nicht umsonst geläutet haben. Er wirkt in der Krankenschwester, die sich im Stress der Arbeit die Liebe zum Beruf bewahrte. Er wirkt in jungen Leuten, die ernsthaft nach Gott suchen und nicht nur nach euphorisch guter Stimmung. Und Gottes Geist wirkt auch seit den Tagen der alttestamentlichen Propheten durch Frauen und Männer, die Gott »ins Amt« gesetzt hat, damit sie über sich und ihre eigene Begrenztheit hinaus wachsen, um Gott zu bekennen.

Pfingsten ist keine Verheißung auf irgendeine ferne oder nahe Zukunft, sondern Gegenwart. Nicht strahlend, nicht triumphierend, aber real. Gott überlässt die Welt nicht sich selber. Auch durch uns bleibt er in ihr am Wirken.

Pfarrer Andreas Müller, Direktor Marienstift Arnstadt

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Kirche ist kein Verein, sondern ein Stück Himmel auf Erden

12. Mai 2018 von redaktionguh  
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Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.

Johannes 12, Vers 32

Wozu ist die Kirche da? Wozu weht der Heilige Geist durch unsere Institutionen und durch unsere Köpfe und lässt sich trotz aller Gottlosigkeit der Welt nicht zum Schweigen bringen? »Wir sind Kirche für Andere«, so heißt eine beliebte zeitgemäße und allgemein verständlich scheinende Antwort der Christen, die wir sehr rasch in den Mund nehmen, vielleicht auch um uns vor der Welt zu rechtfertigen.

Pfarrer Andreas Müller, Direktor Marienstift Arnstadt

Pfarrer Andreas Müller, Direktor Marienstift Arnstadt

Im Wochenspruch aus dem Johannes-Evangelium höre ich etwas anderes. Da geht es zunächst nicht um die Anderen, sondern um uns selbst. Wir Christen haben es mit unserem Glauben und Hoffen alltäglich schwer genug. Damit wir uns Glauben und Hoffnung bewahren, brauchen wir Abstand, brauchen wir immer wieder den Blick des auferstandenen Herrn von oben herab auf unser Leben, auf unsere Erde. Denn die letzten Rätsel unseres Daseins lösen sich nicht im erfolgreichen oder erfolglosen Engagement in unserer weltlichen politischen Gesellschaft. Die Fragen nach dem Woher und Wohin, nach Schuld und Vergebung, beantwortet mir das Glaubensbekenntnis. Es sagt mir, dass ich Gottes geliebtes Kind bin und bleibe.

Ohne diese Zusage, ohne den Trost des Heiligen Geistes, bin auch ich als Christ und Kirchenmitglied in der Welt so umhergetrieben, orientierungslos und um mich selber kreisend wie jeder andere. Nur, wer seinen Kopf wieder und wieder nach dem Himmel streckt, kann hier auf Erden engagiert und voller Nächstenliebe politisch handeln. Unsere Kirche ist darum kein »Verein«, sondern eine durch Wort und Sakrament getragene Gemeinschaft, in der wir, weil Gott gegenwärtig ist, Halt und Trost finden dürfen.

So erstaunlich das klingt, unsere Kirche ist schon ein kleines Stückchen des Himmels auf Erden. Wenn Christen in ihr Trost und Halt finden, können sie gar nicht anders, als sich für Bedrohte, Ausgegrenzte und Fremde einzusetzen. Sie können auch gegen den Strom schwimmen, weil Gott ihnen hilft, den Kopf über Wasser zu halten.

Pfarrer Andreas Müller, Direktor Marienstift Arnstadt

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Kein »Bitte warten!«, sondern »Du bist verbunden!«

5. Mai 2018 von redaktionguh  
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Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.

Psalm 66, Vers 20

Anruf bei einer sogenannten Hotline, einem heißen Draht: »Bitte warten, Sie werden verbunden«. Musik wird eingespielt, ab und zu unterbrochen durch eine warme, sonore Stimme »Bitte warten, der nächste freie Mitarbeiter ist gleich für Sie da« – und wieder Musik. So geht das über mehrere Minuten.

Viel Geduld ist gefragt und hoffentlich ein Telefon mit Lautsprecher. Dann kann man das wenigstens auf dem Tisch ablegen und muss nicht die ganze Zeit wie ein Standbild den Hörer am Ohr behalten und warten, bis dann doch mal eine echte Stimme mit einem redet.

Juliane Kleemann, Pfarrerin, EKD Zentrum Mission in der Region

Juliane Kleemann, Pfarrerin, EKD Zentrum Mission in der Region

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet – der heiße Draht zu ihm ist mein Gebet. Keine Servicenummer, keine Tonbandaufnahme, die mich in der Warteschleife vertröstet. Gott hört mir zu, wenn ich mit ihm rede. Er ist neugierig, offen, hat sein Ohr bereit, ohne Vertröstung. So nicht!

Mein Anliegen kommt bei Gott an. Erfahrungsgemäß nicht immer so wie ich es möchte. Gott ist keine Wunscherfüllungsmaschine. Er ist mein Gegenüber. Er lehrt mich im Gebet, seine Wege in meinen Wegen zu erkennen. Das ist seine Güte, die er nicht von mir wendet. Er korrigiert mich. Vielleicht ist es dazu nötig, auch mal in die Geduldsschleife zu gehen. Manches wird erst mit der Zeit erfahrbar und als mein Weg zum Leben erkennbar. Aber auch da redet er mit mir und lässt mich nicht warten.

Mit dieser Zuversicht, diesem Wissen, dass Gott mein Gebet nicht verwirft geht er ja weiter mit mir, Schritt für Schritt, Moment für Moment. So erweist er sich als der, der mich hört, wenn ich rufe, des Nachts wie am Tag.

So kann ich ihn erfahren als den, der sich für mich interessiert und dem es nicht egal ist, wie es mir ergeht. Mein Teil ist, mit ihm ins Gespräch, ins Gebet zu gehen, sein Teil ist, mir in seiner Güte und Barmherzigkeit zu begegnen. Kein »Bitte warten«, sondern ein festes »Du bist verbunden!«.

Juliane Kleemann, Pfarrerin, EKD Zentrum Mission in der Region

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In Moll und Dur: Das wunderbare Lebenslied

28. April 2018 von redaktionguh  
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Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.

Psalm 98, Vers 1

Oh ja, gern. Neue Lieder singen und nicht immer das alte Zeugs mit einer Sprache, die heute keiner mehr spricht. Neue Lieder, zeitgemäß, in unserer Sprache. Stattdessen singe auch ich oft die alten Lieder im Gottesdienst und merke, wie ich zwar die Glaubensaussagen darin nachvollziehen kann. Aber die Worte, die Bilder – sie sind mir so weit weg.

Was hat das alles mit mir heute hier zu tun? Geht Kirche nur so, muss sie einen leicht muffigen Charakter haben, oder geht das nicht auch anders? Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder! Genau. Er tut sie. Gegenwart, nicht Vergangenheit. Und Zukunft! Ich will meine Lieder finden und singen oder mitsummen. Lieder in meiner Sprache. Das kann gerappt sein oder gerockt, kann balladenhaft sein und leise, kann 12-tonal sein oder …

Juliane Kleemann, Pfarrerin, EKD Zentrum Mission in der Region

Juliane Kleemann, Pfarrerin, EKD Zentrum Mission in der Region

Aus Begeisterung heraus Lieder singen oder summen. Das ist die Frage an mein ganz eigenes Gemüt. Welche Töne schlagen die Wunder Gottes in mir an? Das kann Johann Sebastian Bach sein oder Lothar Kosse, Paul Gerhardt oder Fritz Baltruweit, Choräle oder moderne Lobpreislieder. Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder – das geht nur im Hören auf die Töne, die Gott in mir anschlägt.

Was sind die Wunder Ihres Lebens? Was sind die Überraschungen, die Sie nicht zu erhoffen wagten? Menschen, die als eigene Freunde lange nicht denkbar waren? Errettung aus einer Not, die so unendlich und unabwendbar schien? Eine Aussicht auf eine glückende Zukunft, obwohl bisher mehr für Finsternis sprach als für Licht?

Sing dem Herrn dein Lied für die Wunder, die er an dir tut. So will ich dieses Wort für mich nehmen, und dann werde ich ja sehen, nein hören, welches Lied es wird. Vermutlich werden sich darin alte Töne mit neuen mischen und ich erkenne, dass Gott gestern, heute und morgen ist und mit ihm dann auch die Lieder und Töne. Und es eben kein Alt gegen Neu gibt, sondern vielmehr ein Neues aus dem Alten und dann eben »Ich sing Dir mein Lied, in ihm klingt mein Leben«.

Juliane Kleemann, Pfarrerin, EKD Zentrum Mission in der Region

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Klasse statt Masse: Christus zielt immer auf den Einzelnen

21. April 2018 von redaktionguh  
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Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

2. Korinther 5, Vers 17

Nein, nicht alles ist neu geworden. Dieses Versprechen steht noch aus: »Siehe, ich mache alles neu!«, sagt erst der, der in der Offenbarung auf dem Thron sitzt (Offb. 21,5). Die Welt ist noch die alte, und wir merken es mit zunehmendem Erschrecken. Auch 2 000 Jahre Christentum haben daran nichts geändert: Was Christen Positives in dieser Zeit geleistet haben, wurde durch Unglaubwürdigkeit, Machtmissbrauch und Verbrechen wieder negiert. Die Kirche Jesu Christi hat einen skandalösen Anteil daran. Wen wundert es, wenn immer wieder alles beim Alten bleibt?

Pfarrer i. R. Giselher Quast, Magdeburg

Pfarrer i. R. Giselher Quast, Magdeburg

Neu werden kann nur der Einzelne: »Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur.« Mehr sagt der Wochenspruch gar nicht. Christus zielt immer auf den Einzelnen, auf das Herz, nicht auf die Masse. Mit zunehmender Zeit habe ich gelernt: Ich kann nicht für alle sprechen, nicht für die Kirche, nicht für die Deutschen oder für meine Generation. Ich kann nicht einmal immer gutheißen, was ›die Kirche‹, ›die Deutschen‹ ›die Christen‹ tun. Ich kann nur für mich selbst Verantwortung übernehmen, für mein eigenes Versagen und für mein Neuwerden, für mein Zeugnis, für meine Art Christ zu sein.

»In Christus sein« ist das Kriterium des Neuwerdens, das österliche, das lebendige Kriterium. In Christus sein heißt für mich, in seinen Worten sein, mit ihnen identisch sein: den Worten der Bergpredigt, die die Maßstäbe der Welt auf den Kopf stellen, die die Gebote radikalisieren und der kleinen Kraft eine ungeheure Wirkung zutrauen. In Christus sein heißt für mich, in seinen Taten sein: in seiner bedingungslosen Liebe zu den Ungeliebten, in seiner streitbaren Auseinandersetzung mit der Unglaubwürdigkeit, in seinem Urvertrauen auf Gottes Führung. In Christus sein heißt für mich, in seinem Leiden sein: in der Gewaltlosigkeit, mit der er sich ausliefert, in der Opferbereitschaft, die allein die Welt verändern kann.

Nur wenn ich in dem allen bin, werde ich neu werden und mit ihm auferstehen. Ach, wenn ich es doch nur wäre!

Giselher Quast, Domprediger em., Magdeburg

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Einsamer Wolf oder folgsames Schaf

14. April 2018 von redaktionguh  
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Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.

Johannes 10, Verse 11, 27, 28

Schutzbedürfnis oder Autonomie – welches ist der wichtigere Wert in unserem Leben? Uns anvertrauen oder frei sein, ein einsamer Wolf sein oder ein folgsames Schaf? Unser Schutzbedürfnis ist nicht zu verleugnen: Wir fürchten uns vor Ungerechtigkeit, Gewalt und Verletzungen. Seit wir als schutzlose Menschenkinder auf die Welt gekommen sind, haben wir ein Gespür dafür, wie verletzlich das Leben ist, welch hohe Verantwortung wir für die Unversehrtheit des Lebens haben: »Bleib behütet!«, ist nicht nur ein frommer Wunsch beim Verabschieden. Nach einer starken Ordnungsmacht rufen wir angesichts von Kriminalität und Terrorismus. In unserem Eintreten für Gerechtigkeit kämpfen wir für den Schutz der Ohnmächtigen und Leidenden.

Pfarrer i. R. Giselher Quast, Magdeburg

Pfarrer i. R. Giselher Quast, Magdeburg

Andererseits aber wird der Ruf nach Freiheit und Unabhängigkeit immer lauter. Autoritäten und Führungsgestalten werden mehr und mehr hinterfragt. Man konsumiert wohl noch Kirche, aber man tritt eher aus. Man lebt in einer Partnerschaft, aber heiratet nicht. Bindungen werden gescheut, Abhängigkeiten vermieden. Und wer aus der »Diktatur des Proletariats« kommt, weiß um die Gefahren von Gängelung und Überwachung. Wer gar noch den »Führer« erlebt hat, dem ein ganzes Volk von Schafen willig gefolgt ist, kann nicht mehr ohne Scham an diese Zeit unserer Geschichte zurückdenken.

Auf Jesu Stimme hören und ihr folgen – ist das Gehorsam oder Freiheit, Abgabe von Autonomie oder eine neue Qualität von Sicherheit? Ich habe durch die Bindung an Jesus beides gewonnen: eine ungeheure Freiheit der Entscheidung, eine Unabhängigkeit von Systemen und Ideologien, Autoritäten und Bevormundungen – und gleichzeitig eine Preisgabe an die Folgen dieser Entscheidungen, die mein Leben nicht immer leicht gemacht hat; nur – dass mir das keine Angst mehr macht! Ich habe einen Hirten und bin doch mehr als ein Schaf. Ich habe nur ein Leben, und ich werde es nicht verlieren.

Pfarrer i. R. Giselher Quast, Magdeburg

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