Schweres Gepäck einfach mal abstellen

18. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.

Hebräer 3, Vers 15

Für gewöhnlich sind Herzen rot. Leuchtende, pulsierende Herzen. Sie zieren die Notizblöcke verliebter Teenager oder schmücken dieser Tage die Schaufenster der Blumengeschäfte zum Valentinstag. In meiner Vorstellung sind Herzen meist rot, und medizinisch betrachtet trägt das Organ ebenso eine rote Farbe. Doch wie sehen sie wirklich aus, unsere Herzen, und was treibt sie um?

Kathrin Hollax, Hochschulseelsorgerin Merseburg

Kathrin Hollax, Hochschulseelsorgerin Merseburg

Manch einer hat ein gutes Gespür dafür, was sein eigenes Herz im übertragenen Sinne so beschäftigt. Es gibt sie, diese Herzensmenschen, die mit Liebe und Leidenschaft durch ihr buntes Leben streifen und sich und anderen Freude bereiten. Das kommt der Vorstellung der rot-pulsierenden Herzen am nächsten.

Doch ich wage zu behaupten, es gibt auch andere Herzen. Die, die kaum beweglich sind. Herzen, die ihre Vergangenheit als Narben mit sich tragen. Herzen, die hart geworden sind, weil Erinnerungen sie erstarrt haben. Menschen mit solchen Herzen gibt es. Oft verschließen sie sich all dem, was das Herz im Innersten angehen könnte. Nur verständlich, denn viel zu schmerzhaft sind die Narben.

Es gibt sie, die Menschen mit starren Herzen. Manchmal kann ich ihre Lebensweise verstehen, und doch drängt es mich oft, sie wachzurütteln. Ich wünschte, ich könnte sie trösten, ihnen etwas Angemessenes sagen. Ich wünschte, sie würden wach werden. Ich wünschte, sie würden hören, damit sich ihre Erstarrung löst. Damit sie das Leben, was vor ihnen liegt, wahrnehmen können, ohne Wenn und Aber. Einmal unbeschwert nach vorn schauen können, ohne Last.

Sicher, es gibt immer ein Aber, und was morgen kommt, das liegt nun mal viel zu oft eben nicht in unseren Händen oder Worten. Und ja, viele Erinnerungen tragen wir als schweres Gepäck mit uns. Doch wie wäre es, den Rucksack einmal abzustellen? Vielleicht nicht gleich für den ganzen Weg, vielleicht erstmal nur für ein paar Schritte. Erst einen, dann zwei. Wer weiß, was wir dann sehen – wenn wir nach vorn schauen.

Kathrin Hollax, Hochschulseelsorgerin, Merseburg

Selbstvertrauen ist gut – Gottvertrauen ist besser

11. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.

Daniel 9, Vers 18

Der Weihnachtsfestkreis mit der Epiphaniaszeit liegt hinter uns. Was bleibt? »Alles hat seine Zeit« (Prediger 3,1), auch die Feste und das Feiern. Der Alltag des Kirchenjahres hat uns wieder. Und Alltag heißt Arbeit, Engagement, Tätigsein. So sehr wir die Feierzeit und freie Zeit auch genießen, gibt uns der Alltag doch unsere eigentliche Bestätigung: das Gebrauchtsein, die Anerkennung, die Selbstverwirklichung, den Erfolg. Aber das Weihnachtsfest wie das ganze Kirchenjahr erinnert uns daran, dass unser Leben, unser Erlöstsein, unsere Zukunft nicht in unseren eigenen Kräften liegt, nicht alltäglich, nicht Ergebnis unserer Bemühungen ist, sondern reines Geschenk, Gnade, Barmherzigkeit! Unsere Weihnachtsgeschenke waren ein kleiner Widerschein dieser großen Gnade: alles umsonst, aus lauter Liebe, unverdient!

Wohin wir mit unseren eigenen Kräften kommen, zeigt die gesellschaftliche, politische und globale Gegenwart deutlich genug. Und im Privaten sieht es oft nicht viel verheißungsvoller aus. Deswegen liegen wir »vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit«. Selbstvertrauen ist gut – Gottvertrauen ist besser.

Giselher Quast, Pfarrer i. R., Magdeburg

Giselher Quast, Pfarrer i. R., Magdeburg

Die gegenwärtige Entwicklung hin zum Selbstvertrauen der Protestbürger, die zwar wenig politische Kultur und Einsicht haben, dafür aber die Macht der Masse erkennen, das Selbstbewusstsein von Politikern, die jetzt Drohung, Egoismus und Geschäft an die Stelle des Wohles aller setzen, spricht Bände über den Verfall des Gottvertrauens. »Wir aber vertrauen auf deine große Barmherzigkeit.«

Wir, das sind Menschen, die keineswegs sich selber nichts zutrauen, aber deren Motivation nicht aus der Machbarkeit der Dinge kommt, sondern aus der Kraft, die Gott gibt – unverdient, umsonst, aus lauter Liebe. An der Gerechtigkeit scheitern wir mit schöner Regelmäßigkeit. An der Barmherzigkeit können wir nur wachsen – hin zu Kräften, die nicht resignieren, und zu einer Dankbarkeit, die alles gibt.

Giselher Quast Pfarrer i.R., Magdeburg

Ein kleines Licht überstrahlt die Mächtigen

4. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.

Jesaja 60,2

Geht es nicht auch ein bisschen niedriger? Oben das Licht, fern in Himmelshöhen, und hier unten das Chaos, das uns in den letzten Jahren mehr und mehr umtreibt? Wo ist das Licht unter uns, die Herrlichkeit Gottes erlebbar auf Erden?

Giselher Quast, Pfarrer i. R., Magdeburg

Giselher Quast, Pfarrer i. R., Magdeburg

Über uns sind schon so viele Sonnen aufgegangen – sie haben immer mehr versprochen, als sie gehalten haben: der Strahlenkranz der FDJ zu DDR-Zeiten, Hammer und Sichel auf der Sowjetflagge im Licht der aufgehenden Sonne, die Sonnen-Rune des Dritten Reiches und der Neonazis; selbst im letzten Actionfilm Hollywoods triumphiert der einsame Held noch im Licht eines neuen Morgens. Und doch scheint es immer dunkler zu werden, treiben uns die politischen Ereignisse immer mehr um, hat sich der ersehnte Frieden nach dem Ende der Weltenteilung, nach dem Ende des Eisernen Vorhangs niemals eingestellt.

Hat auch der dritte Jesaja, der Heilsprophet, am Ende so eine Siegergeste verkündet? Er hat das Ende des großen babylonischen Exils erlebt, den Wiederaufbau Jerusalems und die Tempelweihe – große Hoffnungen, eine leuchtende Zukunft. Aber den Mühen der Berge folgten die Mühen der Ebenen, den politischen Höhenflügen immer die Ernüchterung!

Die Epiphaniaszeit mit ihrer Lichtthematik geht jetzt zu Ende. Noch drei Wochen Übergang, dann beginnt die Passionszeit, die Zeit des Gottes, der nicht als Siegergestalt gekommen ist. Vom Kind in der Krippe, verfolgt von den Mächtigen, über den einfachen Handwerker in Nazareth bis zum Märtyrer am Kreuz zeigt er uns ein anderes Gottesbild: ein Gottesbild, das Donald Trump ebenso wenig gefallen kann wie Wladimir Putin oder den Deutschen, die ihren Wohlstand abschotten wollen und nach einem starken Staat rufen.

Das Licht ist anders über uns aufgegangen, als viele es erhofft haben. Und es gibt nur eine Möglichkeit, die Herrlichkeit aus der Höhe auf das Dunkel Erde zu holen: indem wir Spiegel sind und das Licht einfangen, das Licht des anderen Gottes, in unzähligen kleinen Lichtern der Welt.

Giselher Quast, Pfarrer i. R., Magdeburg

Mit Gottes Gaben für gute Nachrichten sorgen

28. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Kommt her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.

Psalm 66,5

Meine Damen und Herren – die Nachrichten!« Der Fernseher läuft und ich schaue die Nachrichten an, aber kann nicht alles erfassen. Zu viele Neuigkeiten aus aller Welt. Nach 15 Minuten sind sie vorbei. Ich mache den Fernseher aus und denke über das Gehörte und Gesehene nach. Wieder nur negative Schlagzeilen. Kriege, Anschläge, Tote, Verfolgte, Aufstände, Fake news, Social Bots, Rassismus, Hass und Hetze. Das Wetter lässt auch zu wünschen übrig. Wieder eine Sturmflut. Die einzige positive Meldung: Die Queen hat sich von einer schweren Grippe erholt.

Gute Nachrichten gibt es kaum noch. Und wenn doch, dann werden sie nur sehr kurz angerissen. Ich habe das Gefühl, dass es nur noch Negatives in der Welt gibt. Aber jetzt fehlt mir die Zeit, um weiter darüber nachzudenken. Ich habe noch eine Andacht vorzubereiten. Ich schlage den Wochenspruch auf –Psalm 66. Sofort schießt mir die Melodie eines Liedes aus dem Gesangbuch in den Kopf. »Jauchzt, alle Lande, Gott zu Ehren« – so häufig singen wir es im Gottesdienst. Es beinhaltet den Text des Psalms. Dazu könnte ich wunderbar eine Andacht gestalten.

Und dann kommen mir doch wieder die Nachrichten von eben in den Sinn. Denn der Blick für die schönen, wertvollen, aber auch kleinen Dinge geht immer mehr verloren. Vielleicht sollte ich über mein Nachrichtenerlebnis erzählen, um dann über Gottes Werk zu sprechen? Denn seine Werke bestehen nicht aus negativen Nachrichten. Er tut so viel Gutes an uns. An jedem von uns. Und das begann schon mit der Schöpfung. Zu so vielem sind wir befähigt und so viele Gaben hat er uns geschenkt. Den Verstand, die Liebe, die Hoffnung, die Sprache und den Glauben. Durch all diese Zuschreibungen können wir uns für die Armen, Kranken, Diskriminierten und Verfolgten einsetzen. Wir können unsere Stimme für Frieden und Gerechtigkeit erheben. Und wenn wir die guten Werke Gottes nutzen, hören wir wieder öfter: »Und nun kommen wir zu den positiven Nachrichten des Tages.«

Julia Braband, Theologiestudentin in Jena und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Wir können miteinander und tun es auch

22. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.

Lukas 13,29

In weniger als vier Monaten ist es so weit: Der Lutherische Weltbund lädt Mitte Mai zu seiner 12. Vollversammlung nach Namibia ein. Ich kann es kaum erwarten, denn eine solche Vollversammlung findet nur alle sieben Jahre statt. Delegierte aus Japan, Chile und Kanada, ebenso wie Delegierte aus Island, Lettland und Madagaskar werden kommen. Wir machen uns auf aus 145 Mitgliedskirchen und über 90 verschiedenen Ländern. Von Osten und von Westen, von Norden und von Süden kommen wir, um uns in Namibia zu treffen. Einige werden einen längeren Weg vor sich haben, andere einen kürzeren. Aber alle verbindet die gleiche Absicht – ein Treffen, um miteinander zu reden, zu debattieren, sich auszutauschen und gemeinsam zu beten.

Julia Braband, Theologiestudentin und Mitglied der EKM-Kirchenleitung – Foto: Adrienne Uebbing

Es wird strittige Themen, aber auch viele gemeinsame Punkte geben. Und doch werden wir alle gemeinsam Gottesdienst und Abendmahl feiern. Wir sind eingeladen, gemeinsam am Tisch Platz zu nehmen, gemeinsam auf Gottes Wort zu hören. Die Gemeinschaft leben und die frohe Botschaft verstehen, trotz unterschiedlicher Sprachen und Kulturen – denn wir alle glauben an den einen Gott und sind uns gewiss, dass wir nicht nur in Namibia gemeinsam am Tisch sitzen werden, sondern auch im Reich Gottes.

Wir werden uns über all die Erlebnisse und Geschichten austauschen, die die Vollversammlung mit sich gebracht hat. Und wir werden nicht allein, als Protestanten, am Tisch sitzen, sondern auch unsere katholischen und orthodoxen Geschwister werden Platz nehmen.

Aber müssen wir wirklich auf ein zukünftiges Zusammentreffen im Reich Gottes warten, um wieder gemeinsam am Tisch zu sitzen? Bricht das Reich Gottes nicht schon in Namibia an? Begegnet es uns nicht schon lange in gemeinsamen Gottesdiensten und im Abendmahl? Vielleicht erahnen wir es noch nicht, doch überall sind kleine Hinweise versteckt. Wir sollten die Augen offen halten für Gottes Reich.

Julia Braband

Dem kindlichen Impuls nicht gedankenlos nachgeben

14. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.

Johannes 1, Vers 17

Es ist schwer, bei diesem Satz sein »Kind-Ich« zu unterdrücken: »Ätsch, ihr habt das Gesetz, aber wir haben die Gnade und die Wahrheit.« In der 2000-jährigen Geschichte der »Vergegnungen« (Martin Buber) zwischen Juden und Christen haben Christen viel zu oft diesem kindischen Impuls nachgegeben.

Pfarrerin Kathrin Oxen, Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur, Lutherstadt Wittenberg

Pfarrerin Kathrin Oxen, Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur, Lutherstadt Wittenberg

Ja, hier klingt ein Streit an. Dem »denn« zu Beginn des Satzes möchte man unwillkürlich ein »aber« vor dem zweiten Satz hinzufügen. Abgesehen davon, dass die beiden Sätze grammatikalisch parallel formuliert sind – dieser Streit ist nicht der Streit zwischen Juden und Christen. Es ist ein innerjüdischer Konflikt. Die einen halten Jesus für den Messias, der das Gesetz des Mose erfüllt, die anderen für einen gefährlichen Reformer, dessen Erneuerungsbestrebungen das Fundament des jüdischen Glaubens gefährden.

Ein Streit, der Nichtjuden zunächst nichts angeht. Und ein Streit, in den wir uns nicht einzumischen haben. In der Geschichte des christlich begründeten Antisemitismus dienten Worte wie diese, aus ihrem geschichtlichen Zusammenhang gerissen, als Waffen im Kampf gegen Gottes auserwähltes Volk. Noch heute wird auf einer antisemitischen Website mit diesen Worten aus dem Johannesevangelium judenfeindliche Propaganda gemacht.

Auch die angedeutete Gegenüberstellung von Gesetz und Evangelium ist vor diesem Hintergrund nicht unproblematisch. Die Unterscheidung zwischen dem Anspruch des Gesetzes und dem Zuspruch des Evangeliums ist nicht mit einer schlichten Zuordnung zu Judentum und Christentum oder Altem und Neuem Testament aufzulösen. Gerade in einer Zeit, in der einfache Zuordnungen wieder im Kommen sind, ist es wichtig, den einfachen Lösungen zu widersprechen.

Als Nichtjuden, als Gottes Volk aus den Völkern, leben wir von einer anderen Gnade und Wahrheit: Davon, dass der Gott Israels der Vater Jesu Christi ist und wir durch Jesus Christus einen Zugang zu ihm haben.

Pfarrerin Kathrin Oxen, Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur, Lutherstadt Wittenberg

Von Bauern, Säuen, Eltern und Kindern: Die Familie Gottes

7. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.

Römer 8, Vers 14

Kindheit weckt Bilder: In der Sandkiste spielen, natürlich im Sonnenschein, und im Planschbecken verwöhnt werden. Keine Fragen zu haben, die unbeantwortet blieben. Kann sein, dass Bilder einer unbeschwerten Kindheit als Erinnerung ein wenig schön eingefärbt sind. Ein wenig mehr Wunsch als Wirklichkeit.

Kindheit: Da ist immer jemand da für mich, ob einer mir das Eimerchen samt Schippchen wegnimmt, oder mir die Suppe mal wieder aus der Nase läuft. Ungefragt und ohne, dass ich was dazukann. Mir wird geholfen. Immer.

In seinem Brief an die Gemeinde in Rom nennt Paulus die Christen Kinder, Gottes Kinder. Es ist die Beschreibung eines ganz besonderen Verwandtschaftsverhältnisses. Kinder haben im ganzen Leben nur einen Menschen, den sie Papa nennen. Einen. Kinder haben im ganzen Leben nur einen Menschen, den sie Mama nennen. Eine. Aus dieser Nummer kommt keiner der Beteiligten mehr raus. Nie. Väter können sich davonstehlen und bleiben doch Väter. Kinder können sich lossagen von den Eltern und bleiben doch ihre Kinder. Exklusiv und auf Dauer. Solch ein Gedanke gibt Sicherheit. Solch ein Gedanke kann auch Angst machen, denn nicht immer geht es nur um Eimerchen und nicht immer ist Sonnenschein.

Jan von Campenhausen, Theologischer Direktor EKD

Jan von Campenhausen, Theologischer Direktor EKD

Luther sagt zum Wochenspruch: »Ich wäre es zufrieden, wenn Gott mich einen Bauern sein ließe und mir einen Garten gäbe, Zwetsch­gen zu essen und sagte ›Sei mir eine Sau‹. Aber hier nennt er uns nicht eine Sau, sondern seine Kinder.«

Luther sagt, Sau zu sein reiche ihm. Sau ist weniger als Kind. Er ist aber viel mehr: Kind. Kinder gehören zum Haus, sind mehr als eines der Tiere, die Gott auch gemacht hat und die auch durch die Welt laufen. Kinder sind mehr als ein Besitz. Sie haben die besondere Ehre, sein Gegenüber zu sein, Gottes Abbild. Gottes Kinder haben die besondere Ehre, Gott selbst als Vater zu haben.
So darf ich kommen wie ein kleines Kind und mit den anderen sprechen: »Vater unser im Himmel«.

Jan von Campenhausen, Theologischer Direktor EKD

Warum der Zeh des Engels in Marias Ohr steckt

24. Dezember 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.

Johannes 1, Vers 14

Die Christenlehrekinder hatten Bilder gemalt. Nun hingen die Bilder schön geordnet an der Wand im Pfarrhaus, und ich konnte sie jedes Mal sehen, wenn ich durchs Treppenhaus lief.

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Eines spricht mich besonders an: Zunächst ist alles drauf, was zu einem ordentlichen Weihnachtsbild gehört. Maria und Josef stehen links und rechts neben der Krippe. Ein Engel ist dabei und über allem leuchtet der Stern und zeigt: Hier wird Gott Mensch, Christus ist geboren. Der Engel schwebt majestätisch über dem Paar, auf dem Kopf einen Heiligenschein – ein besonders heiliger Engel für einen besonders Heiligen Abend. Und … der Engel steht auf Marias Ohr. Ja! Wenn Sie das Bild sehen könnten, ach was, natürlich sehen Sie das Bild bereits vor Ihrem inneren Auge: Der Engel steht mit seinem linken Fuß direkt auf Marias rechtem Ohr. Maria hält den Kopf ein wenig schief – dem himmlischen Boten entgegen. Warum aber steckt der Engel seinen großen Zeh direkt in Marias Ohr? Sehr einfach: Er hält Maria die Ohren zu!

Wer Gottes Stimme, wer die Botschaft hören will, braucht Stille. Wer offen sein will für Gottes Willen, für sein Wort, der muss das menschliche Gelärm auch mal außen vor lassen können. Wenn Gott spricht, ist das nicht ein alles niederstreckendes Brüllen, sondern ein alles aufrichtendes Flüstern.

Gott wird Fleisch im Leisen, im Schwachen – im Kind in der Krippe. Wer ihn hören will, suche die Stille und erwarte sein Wort. Das Herz hört mitunter genauer als das Ohr. Unsere Ohren sind lärmstrapaziert – deshalb spricht Gottes Geist das Herz an. Gott kommt leise. Der Engel hält Maria das Ohr zu, damit das Herz hören kann. Be-Geistert, beseelt wird sie durch sein Wort.

Das »äußere Wort« von der Menschenfreundlichkeit Gottes wird zum »inneren Wort« der Gewissheit: »Das Wort ward Fleisch!«

Der Engel sagt es aller Welt: Solche Freude verkündige ich euch. Das Wort ist euch geschenkt. Das kann nur der hören, dem ich die Ohren zuhalten darf. Macht eure Herzen auf! Es ist Weihnachten.

Friederike F. Spengler, Pfarrerin am Landeskirchenamt der EKM in Erfurt

Im wahrsten Sinne des Wortes: ein Ausrufezeichen!

17. Dezember 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!

Philipper 4, Verse 4–5

Wenn es Allergien gegen grammatikalische Formen gäbe – ich hätte eine: gegen Imperative! Sobald solch eine Form auftritt, gehe ich auf Distanz. Sätze, die mich meinen und mit einem Ausrufezeichen enden, sind mir suspekt. Übertreibt es der Wochenspruch nicht gerade darin gewaltig? Vielleicht rettet mich ja das Wochenlied. Ich schlage auf, Evangelisches Gesangbuch (EG) 9, und beginne summend »Nun jauchzet all ihr Frommen!« Darf das wahr sein? Gibt es denn keine Botschaft für den 4. Advent, die mir das Wort anders öffnet als durch Ausrufezeichen?

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Nein, ich werde mich dem nicht entziehen. Also – alles auf Anfang. Mühevoll überwinde ich die erste Befehlsform wie ein Hindernis. Doch als ich mich darüber hinweggequält habe, geht der Weg weiter. Wohin führt er? Über garstige Felsen doppelter Verstärkung (»und abermals«) und undurchdringliches Gestrüpp dringender Unterstreichung (»sage ich: freuet euch!«) direkt zu …

Direkt zu einer Oase! Wie ein Garten tut sich das Ziel grünend und blühend vor mir auf: »Der Herr ist nahe!« Langsam hebt sich der Schleier: Die Aufforderung »Freuet euch!« des Wochenspruchs ist nicht um ihrer selbst willen verstärkt. Sie ist ein Deuter, eine Botschaft in der Botschaft, ein Hinweis auf das Ziel. Wie oft verstelle ich mir den Blick, wie oft stehe ich anderen im Sichtfeld – wie häufig gerät mir das Wesentliche aus dem Fokus. Das Vorletzte schiebt sich vor das Letzte. Und eben darum, weil mein Sichtfeld so eingeschränkt, so begrenzt, so ausschnitthaft ist, meint dieser (!) Imperativ mich: Freue dich! Du bist gemeint: Der Herr ist nahe! Welch eine Aussicht! Stück für Stück wird aus dem Ahnen ein Schauen.

»Er wird nun bald erscheinen in seiner Herrlichkeit und alles Klag und Weinen verwandeln ganz in Freud. Er ist’s, der helfen kann; halt eure Lampen fertig und seid stets sein gewärtig, er ist schon auf der Bahn.« (EG 9, Vers 5) Summend lasse ich den Imperativ passieren: »Freuet euch!« Ja, ich freue mich auf ihn!

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Großes Hallo für das Jesuskind in der Krippe

11. Dezember 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Bereitet dem Herrn den Weg; denn siehe, der Herr kommt gewaltig.

Jesaja 40, Vers 3.10

Jahr um Jahr bereiten wir uns auf Weihnachten vor. Advent kommt und Advent vergeht. »Alle Jahre wieder kommt das Christuskind«, so heißt es in einem Lied. Manch einer mag es vielleicht schon gar nicht mehr hören. Für mich zeigt sich jedoch in dieser Wiederholung die liebende Zuwendung Gottes zu uns Menschen. Für alle, die es beim ersten oder zweiten Mal nicht gehört haben, spricht er es wieder und wieder aus: »Ich komme zu dir. Bist du bereit, mich zu empfangen?!« Immer wieder möchte Gott bei uns »ankommen«, doch er möchte sich nicht mit Gewalt den Weg zu uns freiräumen. Nein, es ist mehr eine dieser stillen wertschätzenden Ansprachen, die er in unser Leben hineinspricht. Freundlich, aber bestimmt: »Ich komme zu dir. Bist du bereit, mich zu empfangen?!«

Es stellt sich nun die Frage: Was kann ich tun? In meiner Stadt gibt es einen Faschingsumzug, bei dem mit großem Hallo viele Themenwagen, Musik und Tanz dabei sind. Ich weiß schon im Voraus, dass Fasching stattfindet und dass es diesen Faschingszug geben wird. Von meiner Wohnung aus kann ich den Umzug zwar hören, aber nicht sehen und miterleben.

Um ihn wirklich erleben zu können, muss ich mich auf den Weg machen und mich auf das Geschehen einlassen. Nur dann kann ich die Freude der Menschen beim Faschingsumzug erleben. Nur dann kann ich Süßigkeiten bekommen (mein Sohn freut sich), die dort verteilt werden. So ähnlich ist es auch mit dem Advent. Nur wenn ich mich auf das Kommen Gottes einlasse, werde ich die Fülle und die Freude in der Begegnung mit ihm erfahren. Wenn nicht, dann bleibt Advent etwas, das in der Ferne an mir vorüberzieht. Deshalb spricht unser Wochenspruch davon, dass wir den Weg für Gott bereiten sollen. Das heißt: Alles, was mich davon abhält, mich auf die Begegnung mit dem Jesuskind in der Krippe einzulassen, hindert mich daran, dass Gott bei mir ankommt. Lassen Sie den Freudenzug des Advents nicht vorüberziehen, sondern machen Sie sich auf, mitten in den Advent hinein! Denn Gott kommt gewaltig.

Thomas Riedel, Vikar in Erfurt

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