Solidargemeinschaft eigener Art: Das geteilte Leid

23. September 2017 von redaktionguh  
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Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.

1. Petrus 5, Vers 7

Gott hält die Welt in seiner Hand. Er trägt die Menschen und hilft ihnen, auch Zeiten der Anfechtungen zu erdulden. Die hier zum Ausdruck kommende Fürsorge ist durch nichts begrenzt. Gerade diese Universalität kann in Bewährungssituationen Kraft geben, denn Fallstricke lauern überall.

Nicht von ungefähr fügt Petrus dem Verweis auf die behütende Majestät Gottes einen weiteren Aufruf an: »Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder und Schwestern in der Welt kommen.« Das geteilte Leid ist eine Solidargemeinschaft eigener Art.

Wohl kaum jemand hat den permanenten Kampf mit dem Dämonischen so existenziell und literarisch verdichtet präsentiert wie Goethe. Am Ende von Faust II tritt neben Mangel, Schuld und Not die Sorge personifiziert in Erscheinung: »Stets gefunden, nie gesucht, / So geschmeichelt wie verflucht.« Faust will von ihr nichts wissen. Die Sorge demonstriert allerdings umgehend ihre Macht und schlägt ihn mit Blindheit: »Die Menschen sind im ganzen Leben blind, / Nun, Fauste, werde du’s am Ende!«

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg

Hier ist kein Gott präsent, der die Last des Menschen stellvertretend trägt. »Wen ich einmal besitze«, kommentiert die Sorge triumphierend, »dem ist alle Welt nichts nütze.« Eben darin drückt sich die Kraft der Sorge aus, dass sie sich in die Seele des Menschen hineinarbeitet und den Blick auf die Umwelt verdüstert und lähmt. Ihr Erscheinungsbild ist facettenreich und kaum zu fassen. Sorgen um die eigene Existenz, das eigene Ergehen, sind das eine, Sorgen um andere stehen noch einmal auf einem ganz anderen Blatt, sie sind in der Regel viel schwerer zu ertragen.

Der Zuspruch, den Petrus in seinem Brief mitteilt, trifft den Kern der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen und mitten hinein in die Brüchigkeit des Lebens.

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt

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Wenn das Wort Gottes die Realität verändert

16. September 2017 von redaktionguh  
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Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Psalm 103, Vers 2

Viele Verse aus der Bibel führen ein Eigenleben – nicht nur, wenn sie einer Woche zugeordnet werden. Ihrem unmittelbaren Zusammenhang entnommen, dienen sie als Losung oder Spruch zu allerlei Anlässen – ob es etwa um die Taufe, die Konfirmation, Hochzeiten, Einführungen oder Jubiläen geht.

Während die Losung durchaus darauf angelegt ist, zur weiteren Schriftlektüre anzuregen und konsequent auch Bezüge vom Alten auf das Neue Testament hergestellt werden, haben Segenssprüche noch stärker ihren Wert aus sich selbst heraus, fangen den Moment ein und stellen das Leben und Lebensübergänge unter den Zuspruch Gottes. Sie werden zunächst laut zum Ausdruck gebracht, als Sprachereignis, sind dann aber auch präsent in Urkunden oder Karten. Wer sie, womöglich nach Jahrzehnten, wieder in die Hand nimmt, fühlt sich erinnert an den einstigen Platz im Leben, kann erkennen, wie die Verse nicht nur im unmittelbaren Erleben die Kraft hatten, Realität zu bestimmen und zu gestalten, sondern auch zum Motto eigener Biografie werden konnten. Den Kontext gibt das sich wandelnde Leben vor, das so stets in Verbindung mit Gott gehalten wird.

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg

Ganz andere Verweise ergeben sich, wenn der Vers an seinem literarischen Ursprungsort wahrgenommen wird. Wenn im Psalm die Seele aufgerufen ist, Gott zu loben – »meine Seele«, die gleichzeitig für die aller anderen steht –, dann wird sie verbunden mit dem Hinweis, die geschehenen guten Taten Gottes am Menschen nicht zu vergessen. In den folgenden Aussagen werden vergangenes und gegenwärtiges, ewig präsentes Handeln Gottes verknüpft. Seine Barmherzigkeit überwindet die Sünden der Menschen, und es erklingt ein Lob, in das auch die Engel einstimmen können. Die ganze Welt preist ihren Schöpfer. Und obwohl der Mensch in seinem Leben »wie Gras« ist, »wie eine Blume auf dem Felde« blüht und vom Winde verweht wird, weiß er sich doch stets von der Güte Gottes getragen und trotzt den Widerfahrnissen, die ihm begegnen.

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg


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Von Mehrbettzimmern und der Frage: Wer ist hier gering?

10. September 2017 von redaktionguh  
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Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Matthäus 25, Vers 40

Olaf hat es erwischt. Gerade noch saß er in einer Vorstandssitzung und präsentierte die Geschäftszahlen des letzten Jahres. Nun liegt er in einem noblen Einzelzimmer und wird mit Monitoren überwacht. Wie gerne hätte er jetzt Besuch. Aber wer sollte schon kommen? Seine Kollegen stehen eher distanziert zu ihm. Freundschaften hat er in letzter Zeit kaum noch gepflegt. Die Schwester wohnt weit weg.

Im Zimmer gegenüber liegt Johannes – zusammen mit drei anderen Patienten. Der Raum ist nicht groß und jetzt zur Besuchszeit passen die Angehörigen und Freunde kaum hinein. Stühle müssen aus dem Flur hereingebracht werden.

Wer ist hier der Geringste unter den Brüdern? Gebe ich das Wort »gering« in eine Suchmaschine im Internet ein, werden mir zuerst die Begriffe »geringfügige Beschäftigung« und »Geringverdiener« angezeigt. Es scheint also ums Geld zu gehen. Demnach würde Johannes im Mehrbettzimmer meinen Besuch eher verdienen als Olaf im luxuriösen Einzelzimmer.

Katharina Freudenberg, Vikarin in Holzthaleben

Katharina Freudenberg, Vikarin in Holzthaleben

Und was ist mit Uli Hoeneß, als er im Gefängnis saß? Ist er einer, den man als »geringsten unter den Brüdern« bezeichnen würde und der eines Besuches bedurft hätte? Hier hakt die Logik, dass mit »gering« lediglich materielle Armut gemeint sein könnte.

Wenn Jesus vom »geringsten Bruder« spricht, benennt er konkrete Bedürfnisse – nach Nahrung, Kleidung und Obdach. Aber die Bilder, die wir uns oft von den sogenannten »Geringsten« machen, die Gäste der Tafel oder der Obdachlosenunterkunft, sind mitunter verengt. Natürlich sind diese Menschen auch mit gemeint, aber nicht als Hilfsobjekte. Sie sind in mancher Hinsicht sogar reicher als ein einsamer Manager.

Neben materieller Not hat Jesus auch das Bedürfnis nach menschlicher Nähe und Anteilnahme vor Augen. Demnach wäre es dann doch Olaf, dem ein Besuch besonders gut tun würde – oder auch uns selbst? Machen wir also die Augen und Herzen auf für die ganz unterschiedlich »geringen« Brüder und Schwestern.

Katharina Freudenberg, Vikarin in Holzthaleben

Trost für die Geknickten: Ein Licht gegen die Resignation

2. September 2017 von redaktionguh  
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Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

Jesaja 42, Vers 3

Wenn ich am Abend an ihrem kleinen Haus vorbeigehe, dann leuchtet immer ein Licht. Zwischen den Blumen, die sich hinter der Scheibe abzeichnen, steht eine große Kerze in einem Glas. Im Sommer, wenn die Dämmerung erst spät einsetzt, sehe ich es nur schwach. Aber im Winter, wenn es am frühen Abend schon stockduster ist, dann hebt sich das Licht deutlicher von der Dunkelheit ab. Egal wie mein Arbeitstag gewesen ist, auf dem Heimweg habe ich die Gewissheit, dieses Kerzenlicht zu sehen oder wenigstens zu erahnen.

Katharina Freudenberg, Vikarin in Holzthaleben

Katharina Freudenberg, Vikarin in Holzthaleben

Meist bleibe ich kurz stehen und halte inne. Ich weiß nicht viel über das Leben dieser Frau. Manchmal sehe ich sie in ihrem Garten. Sie ist noch gar nicht so alt, aber sie läuft mit gebücktem Rücken. Jemand hat mir erzählt, dass sie ihren Mann verloren hat und kurz darauf auch ihren Arbeitsplatz. Der Kummer hat sie geknickt. Und doch hat sie nicht aufgegeben. Da ist eine Hoffnung, die sie auch durch diese dunklen Zeiten trägt. Das spüre ich, wenn ich allabendlich diese Kerze in ihrem Fenster sehe.

Sie strahlt die Gewissheit aus, dass nicht alles umsonst ist. Dieses Licht im Fenster ist wie ein beständiger heller Kontrapunkt gegen die düstere Resignation. Es ist kein Leuchtfeuer und kein grelles Scheinwerferlicht, das die Augen blendet. Eher ein stilles Hoffnungslicht oder eine wohltuende Trostflamme. Als ich gestern Abend am Haus der Frau vorbeiging, konnte ich das Leuchten der Kerze kaum sehen, es war ein schwacher Schein, ein Glimmen. Aber ich war mir sicher, das Licht ist da. Mittlerweile habe ich mir angewöhnt, beim Vorbeigehen ein kurzes Gebet zu sprechen für all die geknickten Menschen, von denen ich höre. Gott hat uns zugesagt, dass er gerade auch in die Niederungen des Lebens kommt. Zu all jenen, die im Krankenbett liegen, die zu Unrecht gestraft oder einsam in ihren Wohnungen sitzen. Auch wenn sich widrige Umstände nicht im Handumdrehen ändern, Gott hat zugesagt, die Genickten und Gebeugten nicht allein zu lassen, bei Tag und Nacht, ob wir es sehen oder nur erahnen.

Katharina Freudenberg, Vikarin in Holzthaleben

Sei mutig und kleide dich mit Demut

26. August 2017 von redaktionguh  
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Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.

1. Petrus, Vers 5,5 b

Woran erkennt man Christen? An der Kleidung! Kleider machen Leute. Das ist etwas Wunderbares. Von gut angezogenen Menschen sind wir hingerissen. Einen Mann im hübschen Hemd schauen wir gerne an. Eine Frau im perfekten Kleid – wie anmutig. Alles nur Äußerlichkeiten? Nein. Auch Gott ist ein Ästhet! Und er schenkt uns Christen ganz besondere Kleidung. Doch der Reihe nach.

Der Wochenspruch stammt aus dem 1. Petrusbrief. Übersetzt man den ganzen Zusammenhang aus dem Griechischen, so steht dort: Umkleidet euch mit Demut im Umgang miteinander! Denn Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber schenkt er Anmut. Um Demut geht es also. Wie lernt man Demut? Möglichkeit eins: Indem man Grenzen setzt, schon den Kindern. »Sei nicht so übermütig!«, schallt es durch manches Elternhaus. Die Kindsohren schlackern. Und das Kind zuweilen gleich mit. Anderntags kommt das Kind stolz und freudestrahlend über eine erfolgreiche Leistung nach Haus. Doch irgendwer findet sich immer, der ruft: »Nun lass dir den Erfolg aber nicht zu Kopfe steigen!«

Friedemann Sommer, Vikar in Bad Liebenstein und Gumpelstadt

Friedemann Sommer, Vikar in Bad Liebenstein und Gumpelstadt

Das ist eine Möglichkeit, die Demut zu lehren. Demut als Kritik an (vermeintlichem) Hochmut. In einer Welt voll hochmütiger Kindsköpfe und übermütiger Egoisten will man doch wenigstens die eigenen Kinder … Schade ist: Das Dazwischen, die Sache zwischen Demut und Hochmut, der Mut des Kindes selbst, der kommt so zu kurz.

Wie lernt man also Demut? Aus dem 1. Petrusbrief lese ich: Sei selbst mutig und kleide dich mit ihr! Lege dir die Demut morgens bereit wie die Kleider für die Kinder. Sei Vorbild und zieh die Bescheidenheit an wie das hübsche Hemd. Umhülle dich mit der Selbstzurücknahme wie mit dem perfekten Kleid. Den Rest kannst du Gott überlassen.

Vor allem das mit den Hochmütigen – denen wird ER wiederstehen. Dann wird ER dich und deine Lieben und alle, die diese Kleidung tragen, mit lieblicher Anmut beschenken.

Friedemann Sommer, Vikar in Bad Liebenstein und Gumpelstadt

Bescheidenheit statt Triumphgeschrei

19. August 2017 von redaktionguh  
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Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erben erwählt hat!

Psalm 33, Vers 12

In der Bibel ist beschrieben, was es bedeutet, auserwählt zu sein. Das Volk Gottes Israel, die Juden also, sind ein auserwähltes Volk. Der Herrgott hat sich für sie entschieden, sie zu begleiten, zu beschützen und zu prüfen. Das Alte Testament lehrt uns, was das bedeutet. Aus der Nähe zu Gott folgt der Anspruch an ein Leben in Ungebundenheit an die Dinge der Welt, die Hoffnung auf Gottes Hilfe, aber auch die Feindschaft dieser Welt, die Andersartigkeit nicht auszuhalten vermag.

Andreas Müller, Pfarrer, Direktor Marienstift Arnstadt

Andreas Müller, Pfarrer, Direktor Marienstift Arnstadt

Es scheint, dass das Auserwähltsein den Juden nichts als Leiden bringt. Alle Anfechtungen und Grausamkeiten vermochten aber nicht das Verhältnis zwischen Juden und Gott zu trennen. Auserwählt sein bedeutet geprüft zu werden.

Auch wir Christen sind auserwählt. Gottes Sohn, der Jude Jesus, entscheidet sich in der Taufe für uns. Damit gehören wir zu ihm, und damit gilt all das, was dem jüdischen Volk gilt, prinzipiell auch uns. Freilich scheint in der christlichen Geschichte solches Auserwähltsein damit verbunden zu sein, dass wir Christen den Anspruch erheben, triumphieren zu dürfen, viel gelten zu wollen in dieser Welt und irgendwie an der Macht Gottes beteiligt zu sein.

Die Realität spricht dagegen. Wir erleben es auch in diesem Jahr des Reformationsjubiläums. Da richten sich viele Blicke auf uns und unsere Kirchen. Wir wollen gute Figur machen und gehört werden.Auch wir evangelisch-lutherischen Christen Mitteldeutschlands sind auserwählt, weil Gott sich für uns entschied, auserwählt aber zu Bescheidenheit, zum Bekenntnis der Wahrheiten der Bibel, zum Durchhalten und zum Hoffen. Die Bibel lehrt uns, welche Prüfung es bedeuten kann, Gottes Volk zu sein. Unsere Prüfungen als evangelische Christen sind da sehr leicht. Wir müssen hier und heute bescheiden sein, wertschätzen, was wir an unserem Glauben haben und dankbar bleiben.

Immer, wenn uns das gelingt, wird uns die Welt beachten und ernst nehmen. Im Konzert der »Triumphierer« dagegen fallen wir sowieso nicht auf.

Andreas Müller, Pfarrer, Direktor Marienstift Arnstadt

Kostenlos, aber nicht umsonst – Gaben zum Einsatz bringen

12. August 2017 von redaktionguh  
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Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.

Lukas 12, Vers 48

Viel mehr als ich brauche. Mehr als genug. Deutlich mehr als zu wenig. Eben reichlich. Gegeben, nicht gekauft oder erworben. Nicht durch Feilschen oder Handeln geschickt beschafft, sondern einfach gegeben. Für nix. Geschenkt oder zumindest geliehen.
Viel, etliches mehr als nur etwas. Eben allerhand, was da ist. Suchen, nicht zufällig entdecken, sondern bewusst danach gucken.

Judith Kölling, Gemeindepädagogin in Pratau

Judith Kölling, Gemeindepädagogin in Pratau

Forschen. Anvertrauen, etwas Wertvolles übergeben. Vertrauen schenken. Es in die Hände des anderen legen. Fordern, auffordern, anfordern. Fordernd sein, einfordern, verlangen. Wer bin ich und was ist mir gegeben? Wer wird was von mir fordern?

In der Bibelgeschichte, die dem Bibelvers vorangeht, ist es eindeutig: Ein Diener soll sich so verhalten, dass sein Herr jeden Augenblick wiederkommen kann. Egal zu welcher Stunde, der Diener tut seinen Dienst und verhält sich vorbildlich. Dann wird er reich belohnt werden. Missbraucht er jedoch die Abwesenheit seines Herrn, so droht harte Strafe.

Egal in welcher Situation, egal in welcher Position: Uns ist so viel gegeben. Ich möchte mein Tun und Wirken nicht schleifen lassen, sondern motiviert und engagiert voranbringen. Der Chef könnte jeden Augenblick dazukommen. Doch möchte ich nicht aus Angst so agieren, sondern weil mir die Sache am Herzen liegt. Der Menschensohn wird kommen – dann, wenn wir es nicht erwarten.

Folglich müsste es doch bald so weit sein, oder? Wer rechnet denn überhaupt mit seiner baldigen Wiederkunft?

Dann bleibt nur noch zu klären: Was wird denn von mir verlangt? Diese Frage wird in der Bibelstelle nicht beantwortet. Stattdessen muss wohl jeder für sich in seiner aktuellen Lebenswirklichkeit nach einer Antwort auf diese Frage suchen. Was steht mir zur Verfügung? Wo kann ich mich und meine Gaben einbringen? Wo bin ich Diener und wer ist mein Herr? Mir ist viel gegeben. Dafür kann ich dankbar sein. Doch es geht auch eine Verantwortung damit einher, der ich hoffentlich gerecht werde.

Judith Kölling, Gemeindepädagogin in Pratau

Was würde Jesus tun? – Der Anstoß, sich zusammenzuraufen

5. August 2017 von redaktionguh  
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Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

Epheser 5, Verse 8 b und 9

Als Jugendliche hatte ich ein Armband, auf dem stand in weißen Buchstaben auf schwarzem Untergrund »W W J D«, die Abkürzung für: What would Jesus do (Was würde Jesus tun?)

Ich bin dadurch sicher nicht zu einem besseren Menschen geworden. Doch gab es tatsächlich eine konkrete Situation, in der es »geholfen« hat. Während einer Jugendfreizeit waren wir zu dritt auf dem Zimmer: Ich und Anni und eben die Dritte. Leider ließen wir sie immer mal spüren, dass sie eben mit in unserem Zimmer untergebracht werden musste. In einem recht hitzigen Hin und Her am Abend wurde mir beim zufälligen Blick auf dieses Armband bewusst, dass das ganz und gar nicht WWJD war – das, was Jesus tun würde.

Judith Kölling, Gemeindepädagogin in Pratau

Judith Kölling, Gemeindepädagogin in Pratau

Im Vers 8 heißt es: Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Die Bibelverse machen einen Unterschied deutlich: Früher dunkel, jetzt hell. Und dieses hell soll deutlich werden. Wir sind Licht in Gott. Wenn wir nicht Licht in die Welt tragen, bleibt es dunkel. Die Lichtmetaphern der Bibel sind eindeutig: Wir sollen es eben nicht unter den Scheffel stellen, sondern es hinaus in die Welt tragen.

Papst Franziskus ruft seine Ordensbrüder auf, »Anders-Orte« zu schaffen. Wäre es nicht toll, wenn es gelingt, dass Menschen den Unterschied spüren? Dass tatsächlich etwas anders ist als im normalen alltäglichen Umgang. Da, wo Christen zusammentreffen, soll Gottes Gegenwart spürbar werden! Ich denke nicht, dass es darum geht, unbedingt ein besserer Mensch zu sein. Stattdessen dürfen wir wahrhaftig erkennen, dass wir Kinder des Lichts sind, und dieses Geschenk in Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit an unsere Mitmenschen weitergeben.

Schließlich haben wir drei uns auf der Jugendfreizeit doch noch zusammengerauft. Wir wurden vielleicht nicht beste Freunde, doch ein bisschen »Frucht des Lichts« wurde in unserem Zimmer in den letzten Tagen der Freizeit hoffentlich erlebbar.

Judith Kölling, Gemeindepädagogin in Pratau

Von Heiligen, Heiden und anderen Sündern

29. Juli 2017 von redaktionguh  
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So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.

Epheser 2, Vers 19

Wer sind hier eigentlich die »Heiligen«? Sind das solche Christen, die schon vor denjenigen, die im Epheserbrief angesprochen werden, Christen waren? Oder sind es, wie findige Ausleger sich ausgedacht haben, die Engel? Jedenfalls: Es geht um eine doppelte Zugehörigkeit. Die Angesprochenen sind einerseits »Mitbürger der Heiligen« und andererseits auch »Gottes Hausgenossen«. Es geht um die Gemeinschaft mit Gott und um die Gemeinschaft mit einer bestimmten Gruppe, eben den »Heiligen«, zu denen sich die Briefadressaten hinzugesellen dürfen.

Also, wer sind diese »Heiligen«? Schauen wir auf die vorangehenden Aussagen, aus denen unser Vers ja einen Schluss zieht: Angesprochen sind in Vers 11 »Heiden«, die früher einmal abschätzig »Unbeschnittene« genannt wurden, und zwar den Juden.

Prof. Manuel Vogel, Dekan der Theol. Fakultät, Jena

Prof. Manuel Vogel, Dekan der Theol. Fakultät, Jena

Der Apostel, selber Jude, legt in Vers 12 seinen Finger in diese alte Wunde: Ja, für den Glauben an Gott bedeutet es nichts Gutes, wenn man nicht zu Israel gehört. Und: Zwischen Israel und den Heiden gab es tatsächlich eine feindselige Trennung (Vers 14).

Aber der Apostel kann das alles in der Vergangenheitsform ansprechen, denn Gott hat in Christus zwischen Israel und den Heiden Frieden gemacht, und nicht nur das, er hat beide zu »einem Leib« verbunden (Vers 12). Die »Heiligen« in Vers 19, deren »Mitbürger« die angesprochenen »Heiden« nun sein dürfen, sind also Juden, die an Jesus glauben, und die im Gottesdienst mit den Nichtjuden, die auch an Jesus glauben, eine enge Gemeinschaft bilden.

Die gute Nachricht unseres Verses ist also zweiteilig: Die Gläubigen gehören zu Gott, und sie gehören zu Israel. Nach zwei Jahrtausenden Christentum ist uns der zweite Teil dieser Nachricht fremd geworden, so fremd, dass einige christliche Ausleger sagen, die »Heiligen« seien die Engel.

Das damalige Unterlegenheitsgefühl der Nichtjuden ist längst einem Überlegenheitsgefühl gewichen. Wo aber Christus Frieden gemacht hat, hat beides keinen Platz.

Prof. Manuel Vogel, Dekan der Theol. Fakultät, Jena

Zumutung und Herausforderung: Gläubige sind Mutbürger

22. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Jesaja 43, Vers 1

Dieses Wort ist zu Israel gesagt, und wir lassen es uns mühelos und ohne jede Auslegungskunst auch als Christinnen und Christen gesagt sein. Dieses Wort ist zu einem Volk gesprochen, und wir hören es wie selbstverständlich auch als Einzelne. Das ist so, weil das biblische Wort bis heute in Israel und in der Kirche Gehör findet, weil es beherzigt wird von Gruppen wie von Einzelnen.

Wir hören und lassen uns gesagt sein, dass wir zu Gott gehören. Gott ist es, der jede und jeden beim Namen ruft und sein Eigen nennt. Wer das hört und bewahrt, braucht nicht zu fürchten, was viele am allermeisten fürchten: nicht dazuzugehören.

Lange bevor die frühen Christen die Erfahrung gemacht haben, von der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen zu sein und bei den Leuten auf Unverständnis und Feindschaft zu stoßen, war dies bereits eine jüdische Grunderfahrung und ist es bis heute geblieben. Im Christentum ist diese Erfahrung in dem Maße in den Hintergrund getreten, wie die Mehrheitsgesellschaften ihrerseits christlich wurden.

Prof. Manuel Vogel, Dekan der Theol. Fakultät, Jena

Prof. Manuel Vogel, Dekan der Theol. Fakultät, Jena

An die Stelle der Zugehörigkeit zu Gott trat allzu oft die Zugehörigkeit zu einem Volk oder zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht. Diese war dann nicht mehr verhandelbar, und jene musste sich anpassen bis zur Unkenntlichkeit. Aber Gottes Eigentum zu sein und nach seinen Geboten zu leben, kann nicht beliebig mit den politischen, gesellschaftlichen oder kulturellen Mehrheitsverhältnissen verrechnet werden. Insofern ist das Wort aus Jesaja 43 nicht ein reines Trostwort, sondern auch eine Zumutung und eine Herausforderung. Es enthält nicht ohne Grund auch die Aufforderung, sich nicht zu fürchten. Wer sich zu Gottes Eigentum zählt, braucht nämlich den Mut, gegebenenfalls auch ganz allein dazustehen, nämlich immer dann, wenn mal wieder der breite Weg in den Untergang führt, wenn mal wieder nur wenige auf schmalen und dornigen Pfaden den Versuch wagen, in der Wahrheit zu leben.

Prof. Manuel Vogel, Dekan der Theol. Fakultät, Jena

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