Zumutung und Herausforderung: Gläubige sind Mutbürger

22. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Jesaja 43, Vers 1

Dieses Wort ist zu Israel gesagt, und wir lassen es uns mühelos und ohne jede Auslegungskunst auch als Christinnen und Christen gesagt sein. Dieses Wort ist zu einem Volk gesprochen, und wir hören es wie selbstverständlich auch als Einzelne. Das ist so, weil das biblische Wort bis heute in Israel und in der Kirche Gehör findet, weil es beherzigt wird von Gruppen wie von Einzelnen.

Wir hören und lassen uns gesagt sein, dass wir zu Gott gehören. Gott ist es, der jede und jeden beim Namen ruft und sein Eigen nennt. Wer das hört und bewahrt, braucht nicht zu fürchten, was viele am allermeisten fürchten: nicht dazuzugehören.

Lange bevor die frühen Christen die Erfahrung gemacht haben, von der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen zu sein und bei den Leuten auf Unverständnis und Feindschaft zu stoßen, war dies bereits eine jüdische Grunderfahrung und ist es bis heute geblieben. Im Christentum ist diese Erfahrung in dem Maße in den Hintergrund getreten, wie die Mehrheitsgesellschaften ihrerseits christlich wurden.

Prof. Manuel Vogel, Dekan der Theol. Fakultät, Jena

Prof. Manuel Vogel, Dekan der Theol. Fakultät, Jena

An die Stelle der Zugehörigkeit zu Gott trat allzu oft die Zugehörigkeit zu einem Volk oder zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht. Diese war dann nicht mehr verhandelbar, und jene musste sich anpassen bis zur Unkenntlichkeit. Aber Gottes Eigentum zu sein und nach seinen Geboten zu leben, kann nicht beliebig mit den politischen, gesellschaftlichen oder kulturellen Mehrheitsverhältnissen verrechnet werden. Insofern ist das Wort aus Jesaja 43 nicht ein reines Trostwort, sondern auch eine Zumutung und eine Herausforderung. Es enthält nicht ohne Grund auch die Aufforderung, sich nicht zu fürchten. Wer sich zu Gottes Eigentum zählt, braucht nämlich den Mut, gegebenenfalls auch ganz allein dazustehen, nämlich immer dann, wenn mal wieder der breite Weg in den Untergang führt, wenn mal wieder nur wenige auf schmalen und dornigen Pfaden den Versuch wagen, in der Wahrheit zu leben.

Prof. Manuel Vogel, Dekan der Theol. Fakultät, Jena

Treuepunkte ohne Leistung? Das gibt’s doch gar nicht!

16. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch:
Gottes Gabe ist es.

Epheser 2, Vers 8

Vor dem Einkaufsmarkt ein Schild: Warum nur einkaufen, wenn man auch punkten kann? Gegenfrage: Warum sollte einkaufen nicht reichen? In den Gängen: Regale mit Schnäppchen. Nimm 3 und zahl 2. Sammle Treuepunkte und gewinne ein Schneidebrettchen. Nicht, dass Sie mich falsch verstehen: Ich habe auch schon mal Marken gesammelt und ein kleines Gläschen Senf zugeschickt bekommen. Das war nett und lecker. Doch manchmal frage ich mich: Was ist das für ein Handel? Was habe ich von den Payback-Punkten, wenn ich keinen Müslibecher to go, keinen Fitnesstracker, kein Zeitschriften-Abo »geschenkt« haben möchte? Sicher, ich muss ja nicht mitmachen! Aber: was sind wir für Wesen, die virtuellen Punkten hinterherjagen?

Aus Gnade sind wir selig geworden, und nicht durch uns. Die Gottes-Gabe wird uns zugestellt ganz ohne Adressangabe. Und vor allem: gratis! Gnade ist kostenlos. Wir können sie nicht erkaufen, erjagen, ansammeln, gegen einen Berg Punkte einlösen. »Glaube nur!« statt Payback. Was für eine These 500 Jahre nach Luther.

Im Gerichtssaal. Verhandlungssache: Ich gegen mich selbst. Die anklagende Frage: Lebst du noch oder optimierst du endlich? Zeugen werden aufgeführt: Schau doch deinen Nachbarn an – ist der Garten nicht viel besser in Schuss? Und deine Kollegin, ist sie nicht viel erfolgreicher? Könntest du nicht mehr für die Umwelt machen? Öfter Blut spenden? Mehr Sport treiben? Regelmäßiger Bibel lesen? Besser beten? Verteidigung: Der Herr persönlich. Und stellt sich dem Kleinglauben und der Vergleicheritis entgegen: Ich gebe dir von der Quelle des Lebens umsonst. Meine Gnade macht dich selig. Dein Glaube ist mein Geschenk an dich. Ich verlange von dir, dass du so lebst wie ein seliger Mensch, der von Gott geliebt wird. Mehr verlange ich nicht. Denn ich gebe dir alles, was du brauchst. Das letzte Wort hat die Angeklagte: Aus Gnade bin ich selig geworden durch Glauben, und das nicht aus mir: Gottes Gabe ist es.

Felicitas Kühn, Pfarrerin in Kölleda

Mensch, Jesus, wie hast du das gemeint?

9. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Einer trage des andern Last, o werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.

Galater 6, Vers 2

Mensch, Jesus, wie hast du das gemeint? Gott soll ich lieben. Und meinen Nächsten soll ich lieben wie mich selbst. Mich selbst soll ich lieben wie meinen Nächsten. Das ist das höchste Gebot für einen Christenmenschen. So kurz und so gewichtig. Gut, dass du mir deinen Geist gibst, Gott. Wie könnte ich dich sonst angemessen ehren und achten und dich so lieben? Gut, dass du immer wieder deinen Geist sendest, damit ich mich mit deinen Augen sehe: wertvoll und geliebt, mit Stolz in die Welt gesetzt und zum Trösten umarmt. Gut, dass du mich daran erinnerst, dass du uns alle so freundlich ansiehst. Wie Vater und Mutter liebst du alle deine Kinder. Ich bin nicht allein in deiner Umarmung. Und was ich genieße, kann ich nicht anderen vorenthalten. Wenn ich mich in deiner Liebe sonne, strahlt dein Licht auch auf die neben mir und den an meiner Seite. Wie könnte ich sie da nicht lieben? Ja, Jesus, das verstehe ich! Das ist dein Gesetz, Gottes Gebot.

Felicitas Kühn, Pfarrerin in Kölleda

Felicitas Kühn, Pfarrerin in Kölleda

Aber, Jesus, warum muss ich auch die Last der anderen tragen? Ist nicht schon das Lieben manchmal schwer genug? Warum soll ich auch noch die Beschwernisse anderer schleppen? Ich habe doch schon genug mit meiner eigenen Last zu tun! Wer trägt mir die? Ja, Jesus, du hast recht: Da habe ich gerade Mich-selbst-Lieben mit Egoismus verwechselt. Und ja, wenn ich nur auf mich und meine Last schaue, habe ich keine Kraft für andere. Du erinnerst mich an deine schwerwiegende Frage: Was ist schon besonders daran, wenn wir Christenmenschen nur einander lieben? Nur freundlich sind zu unseren Brüdern und Schwestern?

Und ich füge für mich hinzu: Was ist schon erstaunlich daran, jemandem zu helfen, wenn es mir selbst gut geht? Wenn ich Zeit und Lust habe? Wenn es mir gerade in den Kram passt? Wenn meine eigene Last gerade kaum spürbar ist? Jesus, du, ich habe mir überlegt: Ich versuche es! Ich danke dir deine Liebe und lass meine Last kurz links liegen. Ich danke dir für deinen Geist und nehme deine Kraft für meine Nächsten neben mir.

Felicitas Kühn

Einkehren, auskehren, umkehren – Jesus geht an die Ränder

1. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Lukas 19, Vers 10

Jesus geht an die Ränder. Bewusst wählt er Zachäus aus, um bei ihm, in seinem Haus einzukehren. Bei den Menschen im Ort heißt es, er sei ein Sünder. Und so verlebt Zachäus seine Tage als ein Ausgestoßener. Die Menschen meiden den Kontakt, sie hassen ihn. Mit dem Eintreiben von Steuern hatte er sich auf dem Rücken der Leute ein Vermögen aufgebaut. Sein Reichtum gründet in der Armut der anderen.

Als nun Jesus in das Dorf kommt, sind die Menschen sich sicher: Zachäus ist der Letzte, bei dem Jesus einkehren würde. Sie täuschen sich. Jesus geht an die Ränder. Er kehrt bei Zachäus ein, und Zachäus kehrt um. Eine Begegnung, die das Leben verändert. Nicht nur das von Zachäus, sondern sicher auch das der Menschen im Ort. Das Ende einer Täuschung. Es gibt ihn nicht, den Ort der Gottesferne, in den Gott nicht mehr hineinreicht.

Wohl gemerkt, es ist nicht die Umkehr oder die Buße des Zachäus, die hier am Anfang steht. Am Anfang steht die Zuwendung Gottes, die bei Zachäus die Umkehr bewirkt. Weil Jesus auf ihn, den Verlorenen, zugeht, kann Zachäus sein Leben verändern. Eine wundersame, eine wunderbare Umkehr. Es ist nicht überliefert, wie die Menschen im Ort auf den Wandel des Zachäus reagiert haben. Ob sie das Geld, das er ihnen zunächst abgepresst hatte und nun zurückgibt, ob sie es annehmen können. Ob sie Zachäus annehmen können oder seinen plötzlichen Wandel als Wendehals stilisieren, auch um sich selbst zu schützen. Wie würden wir entscheiden? Und wo begegnet uns Zachäus heute? Vielleicht in den Gefängnissen, wo die Ausgestoßenen heute leben. Vielleicht in einem Politiker der AfD, dessen politische Meinung ihn stigmatisiert und jedes Gespräch unmöglich zu machen scheint. Vielleicht in dem Nachbarn von nebenan, der auch als Konfessionsloser eines sicher nicht ist: gottlos. Jesus geht an die Ränder. Er durchbricht unsere Vorstellungen von rein und unrein, von dem, wo wir ihn gerne sehen und wo wir ihn niemals vermuten würden. Wohin würde Jesus heute gehen?

Ramón Seliger, Pfarrer in Weimar

Von Trostpflastern und offenen Armen gegen Verletzungen

25. Juni 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Christus spricht: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid;
ich will euch erquicken.

Matthäus 11, Vers 28

Wer kommt in meine Arme? Wer kennt es nicht, das Spiel aus Kindertagen? Meine Tochter steht einen Steinwurf von mir entfernt. Ein Kinderlächeln zieht sich über ihr Gesicht. Frech grinst sie mich mit ihrer Zahnlücke an. Ein Bein hat sie nach vorn gestellt. Sie wippt vor und zurück. Jetzt rennt sie los. Mit lautem Kichern kommt sie auf mich zu und wirft sich in meine offenen Arme. Volles Vertrauen. Ganzes Risiko. Ohne zu zögern. Nicht einen Moment denkt sie darüber nach, was alles passieren könnte. Die offenen Arme sind ihr Verheißung genug.

Pfarrer Ramón Seliger, Weimar

Pfarrer Ramón Seliger, Weimar

Dabei zeugen die Pflaster an ihren Knien wie Trophäen von ihrer Tapferkeit. Die grellen Farben können die blauen Flecken und Wunden kaum verbergen. Täglich kommen neue hinzu. Sie kennt den Schmerz nur zu gut. Aber auch das Gefühl, wieder aufgehoben und getröstet zu werden. Geborgen zu sein. Eben noch geweint und schon wieder mit einem Lächeln auf den Lippen. Ich lasse mich anstecken von ihrer Freude und bewundere, wie schnell die Tränen einem Lachen weichen können.

Obwohl ich längst keine bunten Pflaster mehr auf den aufgeschlagenen Knien trage, ist mir der Schmerz noch immer wohl vertraut. Der Schmerz zu scheitern, allein zu sein oder Schuld zu tragen. Der Schmerz, einen lieben Menschen zu verlieren oder einen anderen zu verletzen. Der Schmerz, der manchmal gar keinen Grund mehr kennt und die Tage dunkel machen kann. Mühselig und beladen. Auch die Angst vor dem Sturz ist ein Teil meines Lebens geworden. Darin bin ich Mensch und wünsche mir, dass mir einer mit offenen Armen begegnet. Einer, der mir die Tränen trocknet und bei dem ich Ruhe finden kann und angenommen werde, so wie ich bin.

Um ehrlich zu sein, fällt es mir inzwischen schwer, einfach loszurennen. Meist stolpere ich im Leben eher vorwärts. Und doch wünsche ich mir manchmal das Vertrauen, mir die offenen Arme Verheißung genug sein zu lassen. Ohne zu zögern und mit einem Lachen auf den Lippen.

Ramón Seliger

Mach dir nicht so viele Gedanken – tu es einfach!

17. Juni 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Christus spricht zu seinen Jüngern: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich.

Lukas 10, Vers 16

Wer euch hört, der hört mich … Da denke ich an sie. Wie sie auf dem Flugblatt zu sehen ist, in leicht gebeugter Haltung, doch mit festem Stand, Argula von Grumbach. Mit Sicherheit war ihr auch dieses Jesuswort vertraut, als sie anfing zu schreiben. Die Bibel hatte sie immer wieder studiert. Bereits mit zehn Jahren bekam sie vom Vater eine der deutschen Bibelübersetzungen vor Luther geschenkt. Nun greift sie, von Luthers Erkenntnissen bewegt, als erste Schriftstellerin der Reformation ins Geschehen ein. 1523 schreibt Argula an die Professoren der Ingolstädter Universität, will dafür sorgen, dass das Unrecht, das einem jungen Studenten und Anhänger der Wittenberger Lehre widerfahren war, rückgängig gemacht wird. Enttäuscht ist sie, dass keiner der Männer Partei ergreift. Also tut sie es selbst: »Ach Gott, wie werdet ihr bestehen mit eurer Hochschule, dass ihr so töricht und gewaltig handelt gegen das Wort Gottes und das Evangelium mit Gewalt in der Hand halten wollt?« Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich. Von der Universität bekam sie nie eine Antwort, auch nicht von Herzog Wilhelm von Bayern, den sie in einem Brief um Unterstützung gebeten hatte. Aber ihre Schrift erreichte in kürzester Zeit 13 Auflagen. Ihr Name wurde bekannt. Sie machte anderen Mut.

Dr. Hanna Kasparick, Direktorin des Ev. Predigerseminars in Wittenberg

Dr. Hanna Kasparick, Direktorin des Ev. Predigerseminars in Wittenberg

Wer euch hört, der hört mich … Geht es nicht in kleinerer Münze? So frage ich mich. Ich schrecke zurück vor dem Anspruch, den ich in diesen Worten höre. Dieser Prophetenmantel ist mir doch zu weit. Fehlen mir nicht so oft die richtigen Worte, wenn ich vom Glauben sprechen will? Wie sollen da andere die Stimme Jesu hören? »Mach dir nicht so viele Gedanken«, höre ich Argula über die Jahrhunderte hinweg sagen. »Tu es einfach. Sieh doch: Jesus schickte seine 72 Jünger mit diesen Worten in die Welt. Und die 72 kamen zurück – voll Freude.« Der Gedenktag der Argula von Grumbach im evangelischen Namenkalender ist ihr vermutlicher Todestag, der 23. Juni.

Dr. Hanna Kasparick, Direktorin des Ev. Predigerseminars in Wittenberg

Geschenk jüdischer Tradition an den christlichen Gottesdienst

10. Juni 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!

Jesaja 6, Vers 3

Manchmal beginnt es fulminant, das Dreimalheilig, mit Pauken und Trompeten, strahlender Höhepunkt eines großen Werkes der Kirchenmusik. Manchmal baut es sich zart auf. Da ist dann nur die einfache Melodie, die ich sonntags beim Abendmahl mitsinge, begleitet oder unbegleitet: Heilig, heilig, heilig ist Gott … Mich berühren diese Klänge jedes Mal tief, ob sie nun kunstvoll oder schlicht ausgeführt werden. Es ist, als öffneten sich verborgene Tore, als würden Erde und Himmel durchlässig füreinander: Sie sind seiner Ehre voll. Das höre ich, das fühle ich, in und mit der Musik. Und ich staune. Nicht nur Himmel und Erde verbinden sich, sondern geheimnisvoll mischen sich die Stimmen der Toten in die der Lebenden: »Wir preisen dich mit allen, die uns vorausgegangen sind, und singen das Lob deiner Herrlichkeit.« Was für ein Trost. Es ist nicht nur wie im Himmel. Ich bin im Himmel – für dieses eine Lied. Frieden breitet sich aus. Denn wer staunt, kann nicht zerstören.

Dr. Hanna Kasparick, Direktorin des Ev. Predigerseminars in Wittenberg

Dr. Hanna Kasparick, Direktorin des Ev. Predigerseminars in Wittenberg

Dieses Lied mit seiner Melodie und seinem Text ist ein großes Geschenk der jüdischen Tradition an den christlichen Gottesdienst. Oder genauer: Mit diesem Lied werden wir eingepfropft in die Gotteserfahrung Israels. Die meist in unserem Gottesdienst gesungene Melodie geht über verschiedene Formen auf einen jüdischen Ursprung zurück. Und mit dem Text werden wir hineingenommen in die Berufungsvision des Propheten Jesaja: »Jesaja, dem Propheten das geschah, dass er im Geist den Herren sitzen sah, auf einem hohen Thron …« Und der ganze Thronsaal ist erfüllt vom Gesang der Himmlischen: Heilig, heilig, heilig …

Staunen will ich auch weiter. Und dabei ehrlich bleiben. Am Sonntag Trinitatis wird mir dieser Wochenspruch zu einer Anregung, dem Geheimnis Gottes nachzuspüren. Der dreimal heilige Gott kommt mir dreifach nah, als Vater, Sohn und Geist. Aber ich will nicht vergessen, wo dieser Satz seinen Ursprung hat, und dafür deutlich »Danke!« sagen. Für dieses Lied aus jüdischer Tradition, mit dem auch ich leben und sterben kann.

Dr. Hanna Kasparick, Direktorin des Ev. Predigerseminars in Wittenberg

Leise Hoffnungsklänge gegen die Schwarzmalerei

3. Juni 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth.

Sacharja 4, Vers 6

Manchmal muss man einfach glauben wollen. Ein bisschen naiv und blauäugig sein, vielleicht auch ein wenig verrückt. Denn wer klagt und jammert, wer sich beschwert und schwarzmalt, der hat, so scheint es, die Realität auf seiner Seite. Und es ist ein Kinderspiel, dem eigenen Pessimismus Nahrung zu geben. Dazu reichen offene Ohren und offene Augen: um zu sehen und zu hören, dass es bergab geht. Und das immer schneller und unaufhaltsam. Überall. Wie ein mächtiges Tosen übertönt die Schwarzmalerei alle leisen Hoffnungsklänge. Wer sich dagegenstellt, der habe nur noch nicht die Zeichen der Zeit erkannt, heißt es. Alles wird den Bach runtergehen: Unsere Gesellschaft, unsere Gemeinde, wir selbst.

Stefan Körner, Vikar in Gera

Stefan Körner, Vikar in Gera

Die Hoffnungsklänge sind wie ein leises Flüstern gegen die Schwarzmaler und Pessimisten, gegen die vermeintlichen Realisten und selbsternannten Aufgeklärten. Vielleicht liegt auch ein wenig Trotz darin, wenn jemand von Hoffnung spricht. Ein Trotz, der ahnt und hofft, der ersehnt und erspürt, dass unsere Welt nicht verloren ist. Ein Trotz, der glaubt, dass Zahlen und Statistiken, Daten und Analysen keine Naturgesetze sind, denen wir uns zu fügen haben.

Trotzdem glauben. Ich glaube an Frieden und Gerechtigkeit. Ich glaube an das Gute auf dem Seelengrund eines jeden Menschen. Ich glaube, dass wir auch jetzt, in dieser irren Zeit, Gottes Zärtlichkeit nahe sind. Ich glaube, dass wir nicht verloren sind. Ich glaube, dass ich glauben kann, auch wenn um mich herum die Schwarzmalerei mächtig tost. Ich glaube, dass da unsichtbar in dieser Welt etwas wirkt – zärtlich, zerbrechlich und sanft. Dass sich da heilig und geistvoll die Welt verwandeln lässt. Manchmal muss man einfach glauben wollen. Trotzig vielleicht. Oder naiv und blauäugig. Gegen die Stimme der vermeintlich Vernünftigen, gegen die vermeintlichen Realisten. Gegen die Heere und Kräfte.

Und manchmal muss man ein wenig verrückt sein, um gegen die lärmenden Klänge der Schwarzmaler anzuflüstern und gegen den Augenschein zu glauben: Gott ist da!

Stefan Körner, Vikar in Gera

Jeden Tag wartet sie, denn er versprach: »Ick komm torügg«

27. Mai 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.

Johannes 12, Vers 32

Salz und Algen. Wie das Meer halt so riecht. Der Geruch legt sich auf die Stadt wie eine Decke. Für die, die als Gäste hierher kommen, ist es der Duft der Weite. Der Duft des Unendlichen, das hinter der Linie aus Meer und Himmel immer weitergeht und nur erfühlt werden kann.

Stefan Körner, Vikar in Gera

Stefan Körner, Vikar in Gera

Für sie riechen Algen und Salz nach Abschied, nach ihrem Mann, dem alten Matrosen mit der Anker- und Meerjungfrauentätowierung auf dem Unterarm. »Tschüss, min Herzing«, hat er gesagt, als er ging.

Und, als er ihre Tränen sah, da schob er hinterher: »Ick komm torügg.« Gegen seine Gewohnheit gab er ihr einen Kuss. Aber er kommt doch zurück? Er hat es versprochen. Jeden Tag geht sie runter zum Pier. Sieht, wie die Schiffe anlanden, ihre Ladung löschen, wieder ablegen. Sieht, wie die Männer müde von Bord gehen und weiterlaufen. Zu ihren Frauen. Nach Hause. Seit Jahren geht sie runter zum Pier. Nur einmal war sie nicht im Hafen in all der Zeit. Da lag sie krank daheim. Aber schon nach einem Tag ging sie wieder ans Wasser, trotz ihres Fiebers.

Die anderen Frauen haben aufgegeben, auf sie einzureden: Der Sturm, das kalte Meer, die unendliche blauschwarze Tiefe. Kein Schiff mehr auf keinem Radar. Die Seenotrettung, die nach Tagen hingeschmissen hat. »Find dich damit ab«, haben sie gesagt. »Die See hat ihn geholt«, haben sie gesagt. Salz und Algen. Wie sie liebt und wie sie wartet. Von seinem Kuss und seinem Versprechen lebt. Die anderen Frauen staunen, wie sie dieses Versprechen, wie sie die Hoffnung trägt. Er ist doch weg, was soll das alles noch? Wie verrückt das doch ist, auf ein uraltes Versprechen hin zu glauben, zu hoffen. Auf etwas zu bauen, was niemand sieht und so gegen jeden Augenschein spricht.

Seit Jahren geht sie wieder nach Hause ohne ihn. Macht immer zur selben Zeit für sie beide eine frische Thermoskanne Kaffee. Schön stark, wie er ihn mag. Und schön heiß. Im Fenster schaltet sie, wenn es dunkelt, den kleinen Leuchtturm an. Er leuchtet die ganze Nacht. »Damit er heimfindet, wenn er kommt.«

Stefan Körner

Wenn aus einer Telefonzelle ein Andachtsraum wird

20. Mai 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.

Psalm 66, Vers 20

Wo das Dorf steil in die Höhe wächst und auch die Kirche ihren Platz hat, wird ein Quadratmeter großes Rasenstück entfernt. Die schöne Idee, in Sichtnähe eine ehemalige Telefonzelle als »Offenen Bücherschrank« zu etablieren, steht vor der Vollendung. An der Straße soll die hübsche »Gelbe« mit den geschwollenen Ecken ihren Platz finden und die Einwohner einladen, ihre Bücher und vielleicht mit ihnen auch ihre Herzensangelegenheiten auszutauschen. Ein Umschlaghafen der individuellen Lesefracht, wie man sie besonders in größeren Städten wahrnehmen kann.

Pastorin Sabine Wegner, Liebenrode

Pastorin Sabine Wegner, Liebenrode

Aber erst muss noch das alte Münztelefon herausgenommen werden. Am Klappbügel stört das abgegriffene Telefonbuch. Eine lesbare Bibelausgabe wäre eine Alternative. Hochgeklappt und aufgeschlagen – eine gute Erfindung. Bliebe der Telefonhörer hängen, würde er womöglich zu einem Gespräch mit »ihm« einladen, in dem Sinne: »Wir müssen miteinander reden. Gott.«
In der kleinen Stadt Otsuchi im Nordosten Japans steht eine »Telefonzelle des Windes«. In einem Garten am Meer können die Hinterbliebenen der Tsunamiopfer mit ihren vermissten Angehörigen telefonieren. Ich bin mir sicher, dass die Worte nicht ungehört bleiben. Faszinosum »Telefonzelle«. Mitten auf öffentlichem Gelände, auf dem Weg vom Schulbus oder auf dem Spaziergang, kann ich eine Tür hinter mir zuziehen. »… schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.« (Matthäus 6,6) Wer in eine Telefonzelle geht, verwandelt sie von einem öffentlichen in einen privaten Raum. Man ist unter sich. Vielleicht ist diese Art, dringlich aufgesuchte und beseelte, Telefonzelle eine fixe Idee, wer weiß? Vielleicht aber auch eine Möglichkeit oder auch nur ein Fingerzeig, einmal wieder anzurufen und das Gebet zu suchen. Wenn ich in der modernen Mönchszelle sagen kann: »Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet«, hat sich die »Gelbe« auf jeden Fall gelohnt.

Pastorin Sabine Wegner, Liebenrode

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