Die vermeintliche Katastrophe und Gottes Liebe

17. August 2018 von redaktionguh  
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Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

Jesaja 42, Vers 3

Zu gern wäre ich blinder Passagier auf dem Wagen des Kämmerers der Kandake gewesen, als ihm Philippus den Jesajatext (Apg. 8,26 f) erklärte.

Ich sehe die beiden vor mir, den dunkelhäutigen Äthiopier vom anderen Ende der Welt und Philippus, einfühlsamer Jerusalemer Diakon, wie sie sich gemeinsam, eingehüllt im Staub der Straße nach Gaza, in das Prophetenbuch vertiefen. Als die beiden daraus wieder auftauchten, wollte der Äthiopier und königliche Eunuch sofort getauft werden. Was hat ihn so betroffen gemacht?

Gott sieht, hört, leidet mit, gibt nicht preis, – auch keinen Verschnittenen, heilt und rettet seinen Knecht und sein Lamm, sein Volk und auch die Heiden.

Sabine Wegner, Pfarrerin in Hohenstein

Sabine Wegner, Pfarrerin in Hohenstein

Es spricht einiges dagegen, dass ein glimmender Docht nicht erlischt und ein geknicktes Rohr nicht zerbricht. Inmitten der Zerrissenheit der Welt erreicht diesen Wagen und uns der ganze Balsam und Trost Jesajas und ein klarer Maßstab der Bibel, der Maßstab der Misericordias Domini, der Barmherzigkeit des Herrn. Die Worte des Trösters Jesaja lassen mich, kleines Sandkorn, nicht untergehen in der Röhre von Raum und Zeit und bleiben doch Geheimnis des Himmels. Zugleich haben sie eine klare Ansage. Gottes Gerechtigkeit heißt, bei denen zu sitzen, die kurz vor dem Verlöschen und Zerbrechen sind. Was für eine Botschaft! Nach Geknickt- kommt nicht Gebrochensein; nach Glimmen nicht Ausgelöschtsein. Das, was eindeutig nach einer Katastrophe ausgesehen hat, ist in der Liebe Gottes aufgehoben. Das spricht gegen jede Definition unwerten Lebens! Ich würde gern in die Welt rufen: »Steigt auf, in den Wagen, ob ihr nun an den Wassern Babylons weintet, oder über den Jordan gehen werdet, …, lasst uns gemeinsam Gottes Wort studieren und gründlicher in die Texte anderer Religionen schauen, lasst mehrere Deutungen zu und uns mit weitem Horizont fröhlich unsere Straße ziehen. Wir verstehen noch lange nicht, was wir lesen! Wir müssen miteinander reden! Fahren wir ein Stück zusammen!«

Sabine Wegner, Pfarrerin in Hohenstein

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Der Blasierte war hochmütig, die Jungens waren demütig

11. August 2018 von redaktionguh  
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Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.

1. Petrus 5, Vers 5

Der ältere Herr, Blouson in rentnerbeige, gut behütet mit dunkelbraunem Cord, ist sichtlich bewegt. Oder aufgeregt. Schließlich spricht er in die Kamera des Lokalsenders. »Die Jungens gehör’n tüchtig belohnt. Für jeden ein’n Eisbecher. Mindestens. Aber die kennt ja keiner, die Jungens. Verschwunden sind se.« Er unterstreicht seine Verwunderung mit einer ausladenden Geste seiner Hand, in der er seinen Stock trägt.

Stefan Körner, Pfarrer in Gera

Stefan Körner, Pfarrer in Gera

Die Kamera wackelt, der Praktikant hat kurz Sorge, der Stock träfe ihn. Der Interviewer fragt, woher die Spendierlaune käme. Und der ältere Herr erzählt. Wie er am Bahnhof stand und von ferne sah, wie ein noch älterer Herr kollabierte. Herz und Hitze, Hitze und Herz. Er wollte helfen, sei aber nicht mehr so gut zu Fuß. »Sie verstehen?« Aber da standen plötzlich »die Jungens«. Zwischen »elf« und »fuffzehn«, wie er in die Kamera sagt. Und machen alles ganz schnell – Herzdruckmassage, Notarzt rufen, Notarzt lotsen. »Respekt«, sagt der ältere Herr. »Wo man doch immer nur Schlechtes von der Jugend hört.«

Auf dem Bahnsteig neben dem Wiederbelebungsknäuel stand noch ein jüngerer Mann. »Sah blasiert aus, der Bursche.« Der Kamerapraktikant weiß nicht recht, was blasiert ist, aber er kennt die Geschichte aus der Zeitung. Da hatte sich der Blasierte als Lebensretter hingestellt. Mit Bild, Pomp und Pomade. Das hatte der ältere Herr gelesen und wollte das nun richtigstellen: Der blasierte Bursche habe denen, die Hilfe leisteten, nur sein Handy geliehen. Mehr nicht. »Ne Sauerei ist das«, sagt er in die Kamera. »Sich mit fremden Lorbeeren schmücken.« Und während der eine sich schmückte, machten sich die Jungs aus dem Staub. Der Kollabierte war auf dem Weg ins Krankenhaus, da verschwanden die Jungs einfach. »Denen gehört das Lob. Und ein Eisbecher.« Das müsse die Stadt wissen, sagt der ältere Herr im Blouson. Er setzt nach: »Der Blasierte, der war hochmütig. Die Jungens aber, die waren richtig demütig.« Und der Kamerapraktikant wundert sich über die alten Worte. Aber was der Herr meint, das weiß er schon.

Stefan Körner, Pfarrer in Gera

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Ich habe es so satt!

4. August 2018 von redaktionguh  
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Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat!

Psalm 33, Vers 12

Ich habe es so satt. Ich habe es satt zu hören, dass Juden verachtet und verprügelt werden, weil sie ihre Kippa tragen. Ich habe es satt, dass in der Öffentlichkeit des Internets totgeglaubte antisemitische Verschwörungstheorien wieder aus ihren Löchern kriechen wie Maden aus verdorbenem Fleisch.

Stefan Körner, Pfarrer in Gera

Stefan Körner, Pfarrer in Gera

Ich habe es satt zu lesen, dass arabischstämmige Jugendliche einem anderen zusetzen, weil dieser einen Davidsstern trägt. Und ich habe es satt, wie die vermeintlichen Verteidiger eines christlichen Abendlandes mit dem Zeigefinger auf ebendiese zeigen, sie zu Sündenböcken machen und vom Antisemitismus in den eigenen Reihen abzulenken versuchen. Ich habe es satt, dass sich die alte Losung »Kauft nicht beim Juden« unter dem Deckmantel einer Boykottbewegung wieder Bahn bricht. Und ich habe es satt, dass »Jude« noch immer ein Schimpfwort ist und dass es mich fast nicht wundert, wenn ich lese, dass gut die Hälfte aller Deutschen unter die Shoah einen »Schlussstrich« ziehen will oder hierzulande
gut 20 Prozent antisemitischen Verschwörungstheo­rien anhängen.

Ich habe es satt, wie sich rechte Extremisten, denen im öffentlichen Diskurs ein kalter Wind ins Gesicht weht, als neue Juden stilisieren, die verfolgt und ausgegrenzt würden. Damit lügen sie nicht nur schamlos, sondern bespucken all die Opfer. Ich habe es satt zu lesen, dass die Anhänger einer Partei, die für sich selbst reklamiert, jüdisches Leben in Deutschland besonders schützen zu wollen, mit 55 Prozent überproportional oft der These zustimmen, Juden hätten zu viel Einfluss. Ich habe es satt, dass sich die Lüge als Wahrheit verkleidet. Immer und immer wieder.

Aber ich habe es nicht satt – und werde es hoffentlich nie satt haben – zu glauben, dass Gottes Wahrheit wahr ist und bleibt. Dass Gott ein besonderes Augenmerk auf sein Volk hat, das er sich erwählte. Ich habe es nicht satt zu glauben, dass Gottes Verheißung und Versprechen zuverlässig sind. So lange, bis all das ein Ende hat und endlich Frieden ist zwischen Völkern, Religionen, Ländern.

Stefan Körner, Pfarrer in Gera

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Mach was draus! Das Leben leben zwischen Wiege und Bahre

28. Juli 2018 von redaktionguh  
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Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.

Lukas 12, Vers 48

Ich bin getauft auf deinen Namen, Gott Vater, Sohn und Heilger Geist …« – wir singen dieses altbekannte Lied, die Gemeinde blickt berührt nach vorne, wo Eltern ihr noch so kleines Kind im Arm halten, gerade ist es getauft worden. »Ich bin in Christus eingesenkt, ich bin mit seinem Geist beschenkt.«

Pfarrerin Sophie Kersten,Langula-Kammerforst

Pfarrerin Sophie Kersten,Langula-Kammerforst

Von diesem großen Versprechen Gottes an das Kind war die Rede, vom Segen, der auf ihm liegen wird. Von Gottes »ich bin bei dir alle Tage«. Eltern und Paten haben Fürbitten gesprochen, tiefste Bitten für das lange Leben ihres Kindes. Wünsche, Hoffnungen, Tränen der Freude stehen am Beginn. »Laß diesen Vorsatz nimmer wanken, Gott Vater, Sohn und Heilger Geist. Halt mich in deines Bundes Schranken, bis mich dein Wille sterben heißt. So leb ich dir, so sterb ich dir, so lob ich dich dort für und für.« Auch jetzt singen viele Menschen, sie sind schwarz gekleidet, ein Sarg steht im Altarraum.

Von einem langen Leben war die Rede, vom Segen, der den Verstorbenen durch die Zeiten getragen hat. Von Gottes Versprechen und von Gottes Ferne. Erinnerung, Rückblick, Tränen der Trauer und Hoffnung stehen am Ende. Geburt und Tod. Was ist dazwischen? Das, was wir gerade tun: leben. Unser Leben. Wimpernschläge, die es einteilen und vorantreiben. Wir schlafen, essen, arbeiten, ärgern, erholen und informieren uns. Meistens schön miteinander verbunden: Frühstück mit Radio und Zeitung, auf dem Schreibtisch das Handy für eine schnelle Nachricht zwischendurch. Dafür dann eine Dienstmail aus dem Urlaub. Ist das gelebtes Leben? Ist es das, wofür wir gebetet haben und auf das wir, wenn Gott uns ruft, beruhigt zurückblicken wollen, um gehen zu können?

Viel ist dir gegeben, viel ist dir anvertraut! Ein ganzer neuer Tag aus Gottes Hand, viele Wimpernschläge voller Hoffnung, Liebe, Sinnhaftigkeit und Mitmenschlichkeit. »Es sei in mir kein Tropfen Blut, der nicht, Herr, deinen Willen tut.« Danke, Herr, für dein Vertrauen! Hilf uns nun, Herr, es in die Tat umzusetzen. Hilf uns, nach deinem Wort zu leben.

Pfarrerin Sophie Kersten, Langula-Kammerforst

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Ein Funkenkind mit Strahlkraft

21. Juli 2018 von redaktionguh  
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Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

Epheser 5, Verse 8 und 9

Ja, was soll das nur werden? Werde ich mich erholen können im Urlaub, oder wird der Stress der Arbeit mich begleiten? Wird die Familie sich vertragen, das Wetter gut sein? Und auch, wenn ich mal ein paar Tage nicht die Nachrichten höre, die Welt wird sich doch nicht ändern mit ihren aktuellen Herausforderungen in Politik und Gesellschaft. Man nimmt sich ja auch immer selbst mit dorthin, wo man ist. Was wird das nur werden? Ach, Niedergeschlagenheit, Skepsis, Unsicherheit, sie sind so ansteckend. Fängt einer damit an, hat es bald alle erreicht.

Mit Neonröhren geschrieben erleuchtet da dieser Imperativ (Befehlsform) das düstere Zimmer der sorgenvollen Seele: Lebt als Kinder des Lichts! Lebt! Es flackert und knistert, ist nervig in seiner Strahlkraft, wo ich mir doch so gern Sorgen mache und im Schatten verharre. Leb als Kind des Lichts!

Pfarrerin Sophie Kersten,Langula-Kammerforst

Pfarrerin Sophie Kersten, Langula-Kammerforst

Auch Zuversicht und Glauben sind ansteckend. Dieses Licht flackert unbeirrt vor dem Fenster. Na gut, dann schau ich mir diesen Imperativ eben genau an. Und lasse mich anstecken. Versuche es mal, all das Positive mitzunehmen und auszustrahlen, was mir das Licht mitgeben will: Güte, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit. Immer dort, wo ich mich mit hinnehme. Denn dort ist ja auch das Licht, das eine, das Jesus ist und dessen kleines Funkenkind ich in seiner Nachfolge hier auf Erden bin. Bei der Arbeit, beim Einkauf, im Urlaub, wenn ich die Kinder ins Bett bringe oder nach langer Zeit mal wieder einen traurigen, einsamen Menschen anrufe und neben sein Klagen meine Hoffnung stelle.

Lebe als Kind des Lichts! Du bist sein Zeuge – und dich hat er doch auch schon angesteckt mit seiner guten Nachricht. Lass die Schönheit der Güte aus deinen Augen blitzen, lass Gerechtigkeit aus deinen Händen fließen, lass Wahrhaftigkeit aus deinen Worten sprechen. Die Früchte des Lichts – sie sind so ansteckend! Da brennt es in dir! Grab es aus, trag es hinaus in diese Welt, wohin auch immer dich dein Weg in dieser Woche führt. Lebe! Lebe als Kind des Lichts!

Pfarrerin Sophie Kersten, Langula-Kammerforst

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Wenn Gäste länger bleiben

14. Juli 2018 von redaktionguh  
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So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.

Epheser 2, Vers 19

Gäste zu haben ist etwas Schönes, wie ich finde. Aber das sieht sicher jeder anders. Ich jedenfalls freue mich, wenn das Haus voll ist und ich den Leuten etwas anbieten kann. Aber ich freue mich dann auch, wenn der Trubel wieder vorbei ist, der Alltag einkehrt.

Martin Olejnicki, Pfarrer in Bernburg OT Preußlitz

Martin Olejnicki, Pfarrer in Bernburg OT Preußlitz

Gäste dürfen sich gerne wie zu Hause fühlen, denn sie sind ja bald wieder weg. Wenn sie dann aber länger bleiben wollen oder müssen, dann beginnt eine spannende Phase. Hier ist viel Gespräch nötig, um miteinander auszuhandeln, was geht und was nicht. Jeder bringt etwas von sich ein und jeder muss viellicht etwas aufgeben, damit das Zusammenleben gelingen kann.

Ich stelle mir gerade vor, wie schwierig dieses Aushandeln mit den Heiligen als Hausgenossen sein muss. Die wohnen ja schon so lange da und beanspruchen sicher besondere Rechte für sich. Und wie empfänglich sie für Argumentationen mit dem Weinberggleichnis ihres Herrn sind, kann ich nicht beurteilen. Klar ist aber: Wenn jemand neu dazukommt, dann stört er das eingespielte System. Er zwingt alle, ihre Rolle und ihren angestammten Platz zu verlassen oder wenigstens zu überdenken.

Der Konflikt ist quasi unvermeidlich und wir bemerken ihn auch in unserem Land. Im Großen mit den Eingewanderten, aber auch im Kleinen, wenn ein Kind in einer Familie geboren wird. Immer kommt jemand Neues hinzu und das bedeutet Veränderung. Das kann man gut finden, wenn man Lust am Neugestalten hat, und man kann es hassen, wenn man eine eher auf Beständigkeit angelegte Persönlichkeitsstruktur hat. Aber verhindern kann man es nicht. Es wird eine interessante Diskussion geben mit den Heiligen, die neue Mitbürger bekommen haben.

Den Unterschied in diesem Konflikt macht der Hausgenosse, der dabei ist: Gott. Er ist ein Gott, der Veränderung möglich macht, der begleitet, tröstet und liebt. Mit ihm ist Streiten in Liebe möglich. Darum sollten wir auch im Streit in unserem Land viel mehr auf ihn schauen und vertrauen.

Martin Olejnicki, Pfarrer in Bernburg OT Preußlitz

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Gott sei Dank nicht der Mathelehrer

7. Juli 2018 von redaktionguh  
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So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Jesaja, 43, Vers 1

Martin, bitte!« Ich zuckte sofort und heftig zusammen, wenn ich meinen Namen hörte. In der Schule war das nämlich so eine Sache, wenn man da mit Namen gerufen wurde – die besondere Steigerungsform war dann noch der volle Name inklusive Nachname – dann hieß das nichts Gutes. Schlimmer in Bezug auf meinen eigenen Angstpegel war es dann nur noch, wenn es der Mathelehrer war, der meinen Namen rief. Starr vor Schreck und häufig von Angstschweiß gezeichnet, brachte ich dann oft nur ein leises: »Ja?!« hervor. In diesen Augenblicken war man plötzlich aus der schützenden Menge der anderen Schüler herausgelöst. Man fühlte sich unsicher bis hilflos wie so ein Schaf, das von der Herde getrennt wurde.

Martin Olejnicki, Pfarrer in Bernburg OT Preußlitz

Martin Olejnicki, Pfarrer in Bernburg OT Preußlitz

So ganz anders ist es, wenn das bei Gott geschieht. Die Vorstellung, von ihm bei meinem Namen gerufen zu werden, ist eher beruhigend. Auch mit seinem Ruf werde ich zwar aus der Masse der Menschen herausgelöst und zu etwas Besonderem, aber ich empfinde das nicht beängstigend, sondern freue mich sogar darüber. Er nimmt mich wahr und er weiß nicht nur, dass es mich gibt, sondern er kennt mich sogar beim Namen.

Und auch wenn es so gar nicht in unsere freiheitlich geprägte Welt passen mag, ist mir das »Du bist mein!« sehr wichtig geworden. Denn Dinge, die einem gehören, liegen einem auch wirklich am Herzen. Man passt auf sie auf und sorgt sich um sie. Das ist der Grund, warum Furcht eigentlich nicht nötig, ja sogar überflüssig ist: Der Allerhöchste, der Schöpfer des Himmels und der Erde – mein Gott – hat ein besonderes Auge auf mich, weil er mich genau kennt.

Auch oder vielleicht gerade besonders in Momenten wie damals im Matheunterricht, in denen ich mich schutzlos und ausgeliefert fühlte, weiß ich, dass ich nicht alleine da stehe. Nicht vor der Tafel mit der komplizierten Ableitung und auch sonst nirgendwo in meinem Leben.

Martin Olejnicki, Pfarrer in Bernburg OT Preußlitz

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Ein außergewöhnliches Geschenk – nehmen wir es an!

30. Juni 2018 von redaktionguh  
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Aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.

Epheser 2, Vers 8 a

Wir lassen uns doch alle gern beschenken. Und wenn wir nicht beschenkt werden, so schenken wir anderen etwas. Dazu nutzen wir jede Gelegenheit: Geburtstag, Weihnachten, Ostern, Taufe oder das neue Auto. Und dabei haben wir den Anspruch, mindestens soviel zu schenken, wie wir vorher selbst empfangen haben. Möglichst originell und hochwertig sollte es sein, auf jeden Fall nichts Alltägliches – außer es gab einen bestimmten Wunsch.

Julia Braband, Theologiestudentin in Jena und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Julia Braband, Theologiestudentin in Jena und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Und so nimmt die Kreativität kein Ende. Es gibt nichts, was man nicht schenken kann. Sogar Sterne finden sich heute nicht selten auf den Gabentischen. In vielen Familien und Freundeskreisen gibt es Verabredungen, nichts mehr zu schenken, da man doch schon alles habe. Aber wie oft wird sich eigentlich daran gehalten? Und wenn es nicht gefällt, dann legen wir alles daran, die Haltung zu bewahren und bedanken uns höflich.

Es gibt aber auch Geschenke, mit denen wir nicht rechnen oder die wir uns niemals gewünscht hätten. Geschenke, die nicht gegenständlich sind und dadurch nur schwer annehmbar. Bei denen wir lernen müssen, sie zu schätzen und einen Sinn dahinter zu finden. Gott hat uns ein solch außergewöhnliches Geschenk gemacht. Er hat uns unseren Glauben geschenkt und so unser Leben verändert.

Aber nicht nur unser Glaube ist uns von ihm gegeben. Er hat uns auch das ewige Leben geschenkt. Durch seine Gnade sind wir selig geworden. Und diese Gnade ist in Jesus Christus wahrhaftig.

Durch sein Sterben und seine Auferstehung müssen wir uns nicht mehr beweisen und die größten und teuersten Geschenke kaufen. Wir sind durch ihn von allen Abhängigkeiten befreit.

Es spielt keine Rolle, wie viele Geschenke wir im Leben verschenkt oder erhalten haben. Nur dieses eine Geschenk von Gott sollten wir annehmen. Durch die uns geschenkte Gnade können wir Frieden finden und unsere Selbstgenügsamkeit ablegen.

Julia Braband, Theologiestudentin in Jena und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

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Geteilte Last ist halb so schwer

24. Juni 2018 von redaktionguh  
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Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.

Galater 6, Vers 2

Erstmal eine Pause machen, einen Kaffee trinken und die Schultern, die mächtig schmerzen, entspannen. Und von meinem Rücken fange ich lieber erst gar nicht an zu reden. Gefühlt sind es Tonnen, die ich mit mir herumtrage und täglich werden es mehr. Der Rucksack platzt bald aus allen Nähten. Und der Reißverschluss lässt sich auch schon nicht mehr richtig schließen.

Julia Braband, Theologiestudentin in Jena und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Julia Braband, Theologiestudentin in Jena und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Während meiner wohlverdienten Pause ruft wieder ein Freund an. Er erzählt mir von einem traurigen Erlebnis und wie sehr ihn die Situation belastet. Und schon befindet sich wieder eine Tonne mehr auf meinem Rücken. Aber eigentlich habe ich doch selbst genug kleine und große Päckchen, die ich mit mir herumtragen muss. Warum soll ich auch noch die Sorgen, Nöte und Ängste der Anderen tragen? Außerdem fühlt es sich oft nicht so an, als ob die Anderen meinen Kummer und meine Mühsal mittragen würden.

Aber, wenn man Paulus Glauben schenken darf, dann erfüllen wir das Gesetz Christi, wenn wir uns gegenseitig die Lasten abnehmen und sie füreinander tragen. Dabei nehmen wir nicht nur die Last anderer auf unsere Schultern, sondern wir dürfen auch abgeben, unseren eigenen Ballast teilen. So lässt sich ganz praktisch das Gesetz Christi, das Doppelgebot der Liebe – den Nächsten lieben wie sich selbst – erfüllen. Wir tauschen einfach die Rucksäcke mit den vielen Kümmernissen, die sich im Laufe unseres Lebens ansammeln, oder wir verteilen das Gewicht eines schweren Rucksacks auf die vielen anderen.

Denn wenn wir die Lasten gemeinsam tragen, werden unsere Rückenschmerzen nicht stärker. Im Gegenteil: Wer anderen Menschen mit Liebe begegnet, Sorgen und Kummer auf sich nimmt und gleichzeitig auch eigene Belastungen abgeben kann, der wird nicht endgültig zerbrechen, sondern einen ganz neuen Weg im Lichte des Gesetzes Christi gehen. Und dann könnte der Satz des Paulus heißen: Einer trage des anderen Last, so lebt ihr echte Nächstenliebe!

Julia Braband

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Vertrauen in die Menschlichkeit des Anderen

17. Juni 2018 von redaktionguh  
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Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Lukas 19, Vers 10

Vor einiger Zeit sprach ich mit einem Bekannten über die Zunahme des Populismus in Europa, die in Deutschland vor allem als Stärkung des rechten Rands erfahren wird. Bei jenem Gespräch lag die letzte Bundestagswahl, bei der die AfD den Einzug ins Bundesparlament geschafft hatte, kurz hinter uns. Mein Bekannter – ein gelernter Jurist, der Firmen in Unternehmensfragen berät – erzählte mir von zwei Kunden aus Sachsen, die er bis vor kurzem betreut hatte. Zwischen ihnen und ihm habe eigentlich eine ganz gute Atmosphäre geherrscht und die regel­mäßigen Treffen seien eine angenehme Sache gewesen – bis sie eines Tages auf Politik zu sprechen gekommen waren.

Wohl ohne sich viel dabei zu denken, hatten ihm jene beiden mitgeteilt, bei der letzten Wahl für die AfD gestimmt zu haben. Womit sie nicht gerechnet hatten: Mein Bekannter brach von diesem Moment an alle Beziehungen mit ihnen ab. Er verzichtete damit aus moralischen Gründen auf gute Geschäfte. Aber was wäre passiert, wenn er nicht so rigoros gehandelt hätte? Er hätte zum Beispiel fragen können, was sie zu jener Option bewog und welche Erfahrungen und Erwartungen dabei im Hintergrund standen. Vielleicht hätte es sogar die Chance zu einem kritisch-konstruktiven Dialog gegeben?

Der Spruch für diese Woche steht am Ende der Zachäus-Geschichte. Sven Petry schreibt dazu in seinem Buch »Fürchtet euch nicht«: »In der Erzählung vom Zöllner Zachäus empört sich die Menge darüber, dass Jesus … sich einem zuwendet, mit dem sonst niemand etwas zu tun haben möchte. Jesus heißt in der Geschichte von Zachäus nicht gut, was der Zöllner getan hat. Aber er traut ihm zu, dass er sich ändern kann. Es braucht auch heute Menschen, die solches Vertrauen in die Menschlichkeit des Anderen aufbringen. Und die selbst dort die Türen offenhalten, wo die Gespräche als sinnlos gelten.« Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Constantin Plaul, Halle

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