Das ist meine Hoffnung: Gottes Gnade hat das letzte Wort

18. November 2017 von redaktionguh  
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Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.

2. Korinther 5, Vers 10

Es gibt so Tage, aus denen könnte man bequem zwei machen. Alles rauscht an mir vorbei, und ich habe kaum Gelegenheit innezuhalten und mich zu fragen, ob das, was ich da gerade tue, wirklich gut ist – gut für mich und gut für andere. Manchmal holt mich das ein paar Tage später wieder ein, wenn mich jemand anspricht und fragt, warum ich neulich so schroff war. Dann bin ich oft überrascht und auch ein wenig erschrocken über mich selbst.

Martin Olejnicki, Pfarrer in Bernburg-Preußlitz

Martin Olejnicki, Pfarrer in Bernburg-Preußlitz

Dass das an einem hektischen Tag passieren kann, ist mir schon klar, und es ärgert mich nichts so sehr wie der Umstand, dass ich es offenbar selbst nicht mal gemerkt habe. Und dann frage ich mich, wie viele Menschen ich an diesem hektischen Tag wohl noch vor den Kopf gestoßen oder ihnen nicht die Aufmerksamkeit gewidmet habe, die sie verdienen. Ich nehme mir viel zu oft viel zu wenig Zeit, um zurückzuschauen auf das, was ich so den Tag über getan habe. Abends lege ich dann alles in mein abendliches Vaterunser. Dennoch bleibt das Gefühl, dass da zu viel unter meinen persönlichen Teppich gekehrt wird. Abhaken und weitermachen lautet die Devise.

Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. – Was im ersten Moment wie eine Drohung klingt, birgt für mich auch eine Hoffnung. Die Hoffnung, dass nichts vergessen ist. Dass ich irgendwann vor meinem Herrn stehe und wir gemeinsam auf all das schauen, was in diesen hektischen Zeiten meines Lebens untergegangen und zu kurz gekommen ist. Ich glaube, es gibt dann einiges zu beweinen, sicher etwas zu lachen, viel zu bereuen und manches zu wundern.

Ich habe keine Angst vor diesem jüngsten Tag, weil ich glaube und hoffe, dass das Wort der Gnade das letzte Wort ist, das über mich gesprochen wird. Dieser Glaube gibt mir die Kraft in hektischen Zeiten. Wenigstens die Kraft für ein Stoßgebet und das Vertrauen darauf, dass es gehört wird. Um dann in knappen Worten all meine Schuld aussprechen zu dürfen und darauf zu vertrauen, dass irgendwann Zeit ist, zu trauern und zu bereuen und offenbar zu werden.

Martin Olejnicki, Pfarrer in Bernburg-Preußlitz

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Wann, wenn nicht jetzt? Wer, wenn nicht wir?

11. November 2017 von redaktionguh  
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Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils.

2. Korinther 6, Vers 2

Wann, wenn nicht jetzt? Wer, wenn nicht du? Bei diesen Fragen denkst du wahrscheinlich sofort an Sänger Rio Reiser (»Wann?«), aber ich meine damit die Zeit der Gnade. Schau dich doch mal um. Schau in die Gesichter der Menschen um dich herum. Sieh dir all die lachenden, all die traurigen, all die müden und all die unsicheren Gesichter an.

In jedem entdeckst du etwas dir sehr wohl Bekanntes. Hinter jedem dieser Gesichter steckt eine Geschichte. Du kennst sie vielleicht nicht und weißt nicht, warum sie traurig, fröhlich, müde und unsicher sind. Aber du erinnerst dich sehr gut an Situationen, in denen es dir auch so ging. Du weißt noch genau, wie es war, so zu fühlen, und du weißt vielleicht auch, was du damals gebraucht hättest.

Martin Olejnicki, Pfarrer in Bernburg-Preußlitz

Martin Olejnicki, Pfarrer in Bernburg-Preußlitz

»Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils«, schreibt der Apostel Paulus an die Korinther. Darum ist es Zeit: Schau nicht einfach nur stumm in die Gesichter der Menschen um dich. Sondern lache mit den Lachenden, tröste die Traurigen, setze dich zu den Müden und bestärke die Unsicheren. Du kannst das, weil Gottes Gnade für dich etwas Greifbares ist. Gott greift dir unter die Arme und richtet dich immer wieder auf. Du kannst das, weil der Tag des Heils für dich wirklich ist. Gott macht dich wirklich heil. Sodass du selbst zum Aufrichtenden und zum Heilenden werden kannst.

Nicht morgen oder irgendwann, sondern jetzt. Du bist berufen, die Frohe Botschaft der Gnade und des Heils weiterzutragen. Das braucht nicht immer große Worte oder Taten. Es braucht auch keine spezielle Ausbildung. Ein aufmunternder Blick, ein kleines Lächeln oder ein angebotener Sitzplatz können für den anderen schon eine ganze Welt verändern.

Die Zeit der Gnade und der Tag des Heils sind schwer erklärbar, aber sie sind spürbar. Du kannst sie spürbar werden lassen. Immer wieder neu und immer wieder anders. »Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier? Wie, wenn ohne Liebe? Wer, wenn nicht wir?«, sang Rio Reiser und ich glaube er hat recht.

Und was glaubst du?

Martin Olejnicki, Pfarrer in Bernburg-Preußlitz


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Ich setze auf die Liebe – Schluss!

4. November 2017 von redaktionguh  
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Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Römer 12, Vers 21

Der Hass ist wieder hoffähig geworden. Ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, dass ich Hass in dieser Weise selbst einmal erleben werde. Ich hätte nicht gedacht, dass Menschen gegen Menschen aufstehen, in offenem Hass entbrannt, in dem sogenannten christlichen Abendland. Ich hätte nicht gedacht, dass ich selbst anfällig bin für einen Hass auf die Menschen, die andere hassen – warum auch immer, nur weil sie anders sind. Das war naiv gedacht!

Juliane Kleemann, Theologische Referentin im EKD-Zentrum für Mission in der Region

Juliane Kleemann, Theologische Referentin im EKD-Zentrum für Mission in der Region

Es ist noch ein weiter Weg bis das Abendland ein christliches ist, nicht nach dem Wort, sondern dem Geiste nach. Paulus, der große Theologe der frühen Christenheit, wird in seinem Brief an die Gemeinde in Rom deutlich, was Nachfolge Christi nicht ist. Und er wird deutlich, was sie ist: sie ist fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Sie ist gastfreundlich, sie segnet die Verfolger, freut sich mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden. Sie vergilt nicht Böses mit Bösem. Nach Möglichkeit hält sie mit allen Menschen Frieden und sie widersteht eigenen Rachegelüsten. Und dann: Überwinde das Böse mit Gutem! – Mächtige Worte ohne machtlüstern zu sein. Starke Worte ohne die Stärke heraushängen zu lassen. Ein Achtungszeichen.

Alltäglich klopft die Versuchung in unterschiedlichstem Gewand auf die eigene Schulter. Und sie ist so süßlich verlockend: die eigene Rechthaberei, die eigene Bedeutung gegenüber anderen, auch die hochgehaltene eigene Demut. Aber was ist nun das Gute, mit dem man selbst dem Bösen und der Versuchung begegnen kann? Diese Frage geht an das eigene Gewissen, an die eigenen Überzeugungen. Es ist letztlich die sehr persönliche Frage: Wie will ich als Christ in der Welt leben?

Hanns Dieter Hüsch hat diese Frage in einem Gedicht für sich selbst so beantwortet: »Ich setze auf die Liebe, wenn Sturm mich in die Knie zwingt … es hat noch niemand den Hass besiegt ohne ihn selbst zu beenden. … Er kann mir sagen was er will. … Ich setzte auf die Liebe! Schluss.«

Juliane Kleemann, Theologische Referentin im EKD-Zentrum für Mission in der Region

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Worauf es ankommt: Gott gibt uns alles, was wir brauchen

28. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Micha 6, Vers 8

Die meisten Menschen wollen ein gutes Leben führen und selbst auch gut sein. Da müht man sich und macht und tut, und hat es doch oft wirklich gut gemeint. Aber leider ist ›gut gemeint‹ noch lange nicht gut gemacht. Dann klopft vielleicht die Resignation an und sagt: Tja, meine Liebe, da bist du mal wieder grandios gescheitert.

So ähnlich stelle ich mir das Gespräch vor, das Micha, der Prophet, mit Gott führt, stellvertretend für das Volk. Ein Klage-Anklagegespräch. Am Ende antwortet Gott von seiner Angeklagtenbank: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. Nach der Verteidigungsrede Gottes vor dem gegen ihn klagenden Volk endet er mit diesem Satz. Auf den ersten Blick ist das nicht viel. Auf den zweiten und dritten ist es alles: das Gesetz und die Propheten und das Evangelium gleich noch mit.

Wenn es eine Handlungsanweisung für Christen gibt, dann ist es dieser Vers aus dem ersten Testament unserer Bibel. Mehr braucht es nicht. Warum aber um alles in der Welt ist es dann trotzdem so schwer, wenn es doch gar nicht so viel ist?

Juliane Kleemann, Theologische Referentin im EKD-Zentrum für Mission in der Region

Juliane Kleemann, Theologische Referentin im EKD-Zentrum für Mission in der Region

Vielleicht weil wir Menschen es uns häufig selbst schwer machen. Es darf uns entlasten, dass auch der Prophet Micha etwas vom Scheitern menschlicher Vorsätze zu wissen scheint. Er predigt Gott als menschen- und damit fehlerfreundlichen Herrn: »Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld …; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er ist barmherzig!« (Micha 7,18)

Christen sind nicht automatisch die besseren Menschen, aber sie sollten wissen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Zwischen Gottes Anspruch und Zuspruch. Da dürfen wir uns fröhlich mühen, das Gute zu tun und dürfen wissen, dass Gott uns alles gegeben hat und gibt, was wir dazu brauchen.

Juliane Kleemann, Theologische Referentin im EKD-Zen­trum für Mission in der Region

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Hilfe im Zeichen des Kreuzes – die Vision des Henri Dunant

22. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.

Jeremia 17, Vers 14

Am 26. Oktober jährt sich die Gründung des Roten Kreuzes zum 154. Mal. Henri Dunant erlebte bereits im Jahr 1859 die Schlacht von Solferino und San Martino, die den Sardinischen Krieg zwischen Österreich und Sardinien entscheiden sollte. Die Österreicher verloren den Krieg, 6 000 Soldaten wurden getötet, etwa 25 000 waren verletzt worden. Unter dem Eindruck dieser grausamen Geschehnisse und im Wissen darum, dass es zu dieser Zeit noch keinerlei institutionelle Versorgung für die Kriegsversehrten gab, entschloss sich Dunant, die Gründung einer solchen Organisation gemeinsam mit Unterstützern voranzutreiben. Ihr Erkennungs- und Schutzzeichen sollte eine weiße Armbinde mit rotem Kreuz werden – das Rote Kreuz war geboren. Henri Dunant engagierte sich in der Folge in einem bis dahin unbekannten Maß um die Versorgung von Soldaten, die aufgrund von Kriegsfolgen erkrankt oder verletzt waren. Er kümmerte sich um die Opfer eines Denkens, das davon ausgeht, dass Krieg etwas zum Besseren bewegen kann.

Helfried Maas, Vikar in der Marktkirchengemeinde, Halle

Helfried Maas, Vikar in der Marktkirchengemeinde, Halle

Die Welt ist erkrankt. Die Menschheit leidet unter der ernstzunehmenden Gesundheitsbeeinträchtigung, zu glauben, dass Krieg etwas Gutes bewirken kann. Heile du die Welt, Herr, damit sie heil wird; damit wehrlose Menschen nicht mehr unter Kriegen leiden müssen; damit Folter ein Ende hat; damit Unterdrückte wieder eine Stimme bekommen. Hilf du der Welt, dass sie erkennt, dass nur friedliche Wege zu einem versöhnlichen Ende führen können; dass Waffen keine Stimme der Vernunft haben; dass Diplomatie die wahre Stimme des Geistes ist.

Henri Dunant hat sich um die am Körper Erkrankten und Verletzten gesorgt. Ich glaube, dass Gott die Kraft hat, sich auch um den Geist zu kümmern. Unser Geist kann durch seinen Geist verändert werden. Wenn wir diesen Gedanken zulassen, wenn wir den Wochenspruch in uns wirken lassen, dann haben Krieg und Zerstörung, Folter und Terror keine Chance. Eine schöne Vision …

Helfried Maas, Vikar in der Marktkirchengemeinde, Halle

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Ein roter Faden, der Menschen verbindet

14. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.

1. Johannes 4, Vers 21

Er ist zwar nicht mein Bruder, eher so etwas wie ein guter Freund. Wenn wir uns sehen, dann stellt sich sofort dieses Gefühl ein: ein Gefühl von Heimat, von Angenommensein, von Verständnis. Das spüre ich bei Weitem nicht gegenüber jedem Menschen. Ehrlich gesagt: nur bei ihm. Es ist, als würden wir uns schon ewig kennen – so wie Brüder sich kennen: ein Leben lang.

Helfried Maas, Vikar in der Marktkirchengemeinde Halle (Saale)

Helfried Maas, Vikar in der Marktkirchengemeinde Halle (Saale)

Da ist ein innerer Faden, der uns miteinander verbindet. Dieser Faden reißt nie, egal wie weit wir voneinander entfernt sind, egal welche Lebensumstände uns gerade begleiten. Wenn wir uns dann wiedersehen, spüren wir diesen Faden in ganz besonderer Weise – im Reden, im Zuhören, im Miteinander-Fühlen. Wir merken es in unseren Herzen, die in brüderlicher Liebe verbunden sind. Da muss einer den anderen nicht belügen, um ihm zu gefallen. Der eine muss den anderen nicht übertrumpfen, um besser dazustehen.

So stelle ich es mir bei Gott vor: Gott liebt mich, so wie ich bin. Mit ihm kann ich über alles sprechen. Wenn ich ihm begegne, dann fühle ich es ganz tief in meinem Herzen. Egal, was gerade gut oder schlecht in meinem Leben läuft: Es findet seinen Platz bei Gott. Ich kann es ihm erzählen, er hört mir zu, er fühlt mit mir.

Mit Gott habe ich einen inneren Faden, so wie mit einem guten Freund. Dieser Faden mit Gott kann nicht reißen – mit der Taufe ist er unzerstörbar geworden. Ich merke täglich, wie durch diesen Faden die Liebe Gottes in mein Innerstes, in mein Herz strömt. Von meinem Herzen aus kann diese Liebe zu den Menschen, die um mich herum sind, weiterfließen. So breitet sich die Liebe Gottes in der Welt aus.

Welch schöne Vorstellung, dass alle Menschen mit einem solchen roten Faden verbunden sind. Dann sprechen sie ehrlich miteinander; dann hören sie einander zu; dann zeigen sie sich gegenseitig ein Gefühl des Angenommenseins.

Helfried Maas, Vikar in der Marktkirchengemeinde Halle (Saale)

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Von dieser Welt: Mit der Frisörin über den Glauben reden

7. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

1. Johannes 5, Vers 4

Nach dem Gottesdienst kommt der pensionierte Superintendent auf mich zu. Heute sieht es nicht so aus, als ob er sich mit mir zum nächsten Spiel der Nationalelf vor seinem Fernseher verabreden möchte. Ich überlege kurz, was ihn gestört haben könnte: Ein Sündenbekenntnis war nicht dabei; das Lied vor der Predigt ohne trinitarischen Schluss; der Predigttext aus der Bibel in gerechter Sprache: »Dies ist schon der Sieg über die Welt: unser Vertrauen.«

Stephan Hoenen, Superintendent in Magdeburg

Stephan Hoenen, Superintendent in Magdeburg

Doch er spricht etwas anderes an: »Lieber Bruder, Sie predigen ja, als ob die Kirche nicht von dieser Welt sei. Das passt doch gar nicht zu Ihnen.« Mit theologischen Worten versuche ich mich zu rechtfertigen: »Geht hinaus! Sagt der Welt! – das sind biblische Worte. Unterscheiden wir nicht zudem gut lutherisch zwei Bereiche – Glaubenshoffnung und Weltverantwortung?« Er setzt fort: »Als Glaubende leben wir mit dieser Welt und nicht besser als andere. Werten wir die Welt nicht ab, nur weil sie endlich ist und somit nicht perfekt. – Ach, übrigens, die Einladung zum nächsten Spiel steht.«

Seitdem achte ich darauf. Denn wo sich Welt und Glauben scheiden, da werden wir als Kirche wohl auch nicht mehr gehört. Weltliche Leute haben dann keine geistlichen Fragen mehr. Unser Glaube sei, wenn schon ein Sieg, dann ohne Niederlage anderer. Besser aber noch ein Gewinn für die Welt – ohne von ihr abhängig zu sein. Wir gewinnen ein Miteinander, wo wir uns nicht über andere erheben. Wie schwer das auch immer sein mag, wenn man sich über 13 Prozent ärgert. Wir gewinnen Erkennbarkeit, auch ohne Collarhemd, im alltäglichen Gespräch. Als Christ mit der Welt zu leben, ist eine Aufgabe, die gelernt sein will. Meine Frisörin bedauerte beim letzten Haarschnitt, dass sie in ihrer Familie nicht zum Glauben geführt wurde. Der 1. Johannesbrief ermutigt uns: Jesus Christus begleitet den Weg, anderen Liebe und Vertrauen in Gott zu schenken.

Gern denke ich an den Superintendenten zurück – inzwischen hat er die Welt überwunden zum ewigen Leben. Darauf vertraue ich.

Stephan Hoenen, Superintendent in Magdeburg

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Speise zur rechten Zeit, die nicht abspeist

30. September 2017 von redaktionguh  
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Aller Augen warten auf dich, Herr, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.

Psalm 145, Vers 15

Viele Leser hören bei diesem Wochenspruch gleich eine Melodie mit erklingen, wenn sie ihn lesen. Heinrich Schütz: Aller Augen warten auf dich, Herre (Evangelisches Gesangbuch Nr. 461). Zäsur ist angesagt, wenn angestimmt wird. Konvente, Seminare, Klausuren, wenn es Mittag wird – kommt die heilsame Unterbrechung des Alltags. Und etwas zum Essen. Speise. Wenn der Magen knurrt – machen Diskus­sionen auch keinen Spaß.

Der Psalm ist von aktueller Realistik. Nach dem Scheitern politischer Weltreiche und sogenannter neuer Weltordnungen breitet sich der Hunger immer mehr aus. Hungergeschichten durchziehen die gesamte Bibel. Im Erntedankkontext will ich hier die drei Worte »zur rechten Zeit« betonen.

Pfarrer Jörg Uhle-Wettler, Domprediger in Magdeburg

Pfarrer Jörg Uhle-Wettler, Domprediger in Magdeburg

Ein Geschäftsmann, der über siebzig Angestellte verfügte und sich nach einer Herzoperation erholen musste, erzählte mir, er habe Hunderte von Geschäftsessen erlebt. Wunderbare Speisen und edelste Tropfen. In der Rehaklinik erschien eines Tages sein – ihm fremd gewordener – Bruder. »Hier«, sagte er, »ich habe dir zwei Äpfel aus dem Garten mitgebracht und für dich geschnitten. Was soll man denn sonst mitbringen?« Diese beiden Äpfel, Speise zur rechten Zeit, haben ein Umdenken in ihm bewirkt. Er schämte sich seiner Tränen nicht. Seine Augen sahen durch den Schleier klarer. Zwei Äpfel, vom Bruder gesammelt und geschnitten, Speise – Geste – Worte. Mehr bedarf es nicht – im Überfluss, der oft Überdruss erzeugt.

Der Herr sendet auch Boten aus, Speise zu bringen. Menschen und Raben. Und an diesem Wochenende werden es viele Abendmahlshelfer in den Kirchen unseres Landes sein. Dieses Mahl stärkt und macht nicht satt. Der Satte wird faul, der Gestärkte kann den weiten Weg weiter ziehen. Ein Stück Brot, ein Glas Wein, eine liebende Hand werden reichen. Dann könnten auch wir anderen Menschen Äpfel schneiden, Nüsse knacken oder Apfelsinen schälen – und zu Boten werden. Viele Augen warten dankbar auf ihre Speise, die nicht abspeist. Das ist etwas anderes als: Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb.

Pfarrer Jörg Uhle-Wettler, Domprediger in Magdeburg

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Solidargemeinschaft eigener Art: Das geteilte Leid

23. September 2017 von redaktionguh  
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Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.

1. Petrus 5, Vers 7

Gott hält die Welt in seiner Hand. Er trägt die Menschen und hilft ihnen, auch Zeiten der Anfechtungen zu erdulden. Die hier zum Ausdruck kommende Fürsorge ist durch nichts begrenzt. Gerade diese Universalität kann in Bewährungssituationen Kraft geben, denn Fallstricke lauern überall.

Nicht von ungefähr fügt Petrus dem Verweis auf die behütende Majestät Gottes einen weiteren Aufruf an: »Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder und Schwestern in der Welt kommen.« Das geteilte Leid ist eine Solidargemeinschaft eigener Art.

Wohl kaum jemand hat den permanenten Kampf mit dem Dämonischen so existenziell und literarisch verdichtet präsentiert wie Goethe. Am Ende von Faust II tritt neben Mangel, Schuld und Not die Sorge personifiziert in Erscheinung: »Stets gefunden, nie gesucht, / So geschmeichelt wie verflucht.« Faust will von ihr nichts wissen. Die Sorge demonstriert allerdings umgehend ihre Macht und schlägt ihn mit Blindheit: »Die Menschen sind im ganzen Leben blind, / Nun, Fauste, werde du’s am Ende!«

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg

Hier ist kein Gott präsent, der die Last des Menschen stellvertretend trägt. »Wen ich einmal besitze«, kommentiert die Sorge triumphierend, »dem ist alle Welt nichts nütze.« Eben darin drückt sich die Kraft der Sorge aus, dass sie sich in die Seele des Menschen hineinarbeitet und den Blick auf die Umwelt verdüstert und lähmt. Ihr Erscheinungsbild ist facettenreich und kaum zu fassen. Sorgen um die eigene Existenz, das eigene Ergehen, sind das eine, Sorgen um andere stehen noch einmal auf einem ganz anderen Blatt, sie sind in der Regel viel schwerer zu ertragen.

Der Zuspruch, den Petrus in seinem Brief mitteilt, trifft den Kern der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen und mitten hinein in die Brüchigkeit des Lebens.

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt

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Wenn das Wort Gottes die Realität verändert

16. September 2017 von redaktionguh  
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Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Psalm 103, Vers 2

Viele Verse aus der Bibel führen ein Eigenleben – nicht nur, wenn sie einer Woche zugeordnet werden. Ihrem unmittelbaren Zusammenhang entnommen, dienen sie als Losung oder Spruch zu allerlei Anlässen – ob es etwa um die Taufe, die Konfirmation, Hochzeiten, Einführungen oder Jubiläen geht.

Während die Losung durchaus darauf angelegt ist, zur weiteren Schriftlektüre anzuregen und konsequent auch Bezüge vom Alten auf das Neue Testament hergestellt werden, haben Segenssprüche noch stärker ihren Wert aus sich selbst heraus, fangen den Moment ein und stellen das Leben und Lebensübergänge unter den Zuspruch Gottes. Sie werden zunächst laut zum Ausdruck gebracht, als Sprachereignis, sind dann aber auch präsent in Urkunden oder Karten. Wer sie, womöglich nach Jahrzehnten, wieder in die Hand nimmt, fühlt sich erinnert an den einstigen Platz im Leben, kann erkennen, wie die Verse nicht nur im unmittelbaren Erleben die Kraft hatten, Realität zu bestimmen und zu gestalten, sondern auch zum Motto eigener Biografie werden konnten. Den Kontext gibt das sich wandelnde Leben vor, das so stets in Verbindung mit Gott gehalten wird.

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg

Ganz andere Verweise ergeben sich, wenn der Vers an seinem literarischen Ursprungsort wahrgenommen wird. Wenn im Psalm die Seele aufgerufen ist, Gott zu loben – »meine Seele«, die gleichzeitig für die aller anderen steht –, dann wird sie verbunden mit dem Hinweis, die geschehenen guten Taten Gottes am Menschen nicht zu vergessen. In den folgenden Aussagen werden vergangenes und gegenwärtiges, ewig präsentes Handeln Gottes verknüpft. Seine Barmherzigkeit überwindet die Sünden der Menschen, und es erklingt ein Lob, in das auch die Engel einstimmen können. Die ganze Welt preist ihren Schöpfer. Und obwohl der Mensch in seinem Leben »wie Gras« ist, »wie eine Blume auf dem Felde« blüht und vom Winde verweht wird, weiß er sich doch stets von der Güte Gottes getragen und trotzt den Widerfahrnissen, die ihm begegnen.

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg


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