Sehnsucht nach einem heiligen Ort

28. August 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Dein Wort ist wahrhaftig und gewiss; Heiligkeit ist die Zierde deines Hauses, Herr, für alle Zeit.
Psalm 93, Vers 5

Neben Auto- und Haustürschlüssel und einigen, von denen ich nicht mehr weiß, zu welchem Schloss sie gehören, hängt bei uns ein Schlüssel zum Heiligen. Es ist der Schlüssel meiner Kindheitskirche. Er ermöglicht mir den Zugang zu einem seitdem vertrauten heiligen Ort.

Babet Lehmann ist Klinikseelsorgerin in Weimar.

Babet Lehmann ist Klinikseelsorgerin in Weimar.

Damals schienen nur wenige Menschen Sehnsucht nach diesem Gebäude zu verspüren. Zu den regelmäßigen Gottesdienstbesuchern zählten vor allem die im Turm ansässigen Fledermäuse, Vögel, die sich verflogen hatten, manchmal unser Hund – froh seine Familie gefunden zu haben. Auf diese dann doch sehr lebendigen Gottesdienste blickte vom Altarfenster her ein Jesus mit Löchern – Jugendliche aus der Nachbarschaft hatten ihn als Zielscheibe fürs Luftgewehrschießen benutzt.

Inzwischen ist die Kirche saniert und die Gottesdienste werden von wesentlich mehr Zweibeinern besucht. Ein besonderer Ort war sie aber schon immer. Für mich als Kind ein heiliger Ort, an dem ich auch irgendwann unter der Woche sein konnte und Gott das sagen, was mir besonders Kummer machte oder übergroße Freude.

Natürlich können wir Gott an jedem noch so banalen, profanen Ort begegnen, aber wir brauchen dennoch die besonderen Plätze, die geschützten Räume, nicht nur Mehrzweckhallen ohne eigene Atmosphäre. Seit in unserer Dorfkirche gut besuchte Konzerte stattfinden, nennen manche sie Kulturzentrum. Mich stört das, obwohl ich meine, dass Kultur in die Kirche gehört. Aber sie ist zuallererst Gottes Haus.

In Zeiten, in denen Einkaufszentren und Banken sich architektonisch an Kirchen anlehnen, haben selbst Menschen ohne konfessionelle Bindung ein Bedürfnis nach Plätzen, die anders sind als alle anderen. Nicht zuletzt deshalb verzeichnen Offene Kirchen einen großen Zulauf. Manchem Menschen erschließt sich hier eher, was es heißt, dass Gottes Wort wahrhaftig und zuverlässig ist.

Babet Lehmann

Den Nächsten mit im Blick behalten

21. August 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Marin Quellmalz. Pfarrer in Dingelstedt

Marin Quellmalz. Pfarrer in Dingelstedt


Wohl dem, der sich der Schwachen annimmt.
Psalm 41, Vers 2

Mit einer Büchse in der Hand startete ich eine Sammelaktion zur Unterstützung unseres Kindergartens. Ich hatte zwar ein paar Bedenken, einfach mir unbekannte Menschen um eine Spende zu bitten. Aber dann sagte ich mir: »Es ist für einen guten Zweck.« Eine Gruppe Senioren, die ich angesprochen hatte, reagierte ziemlich unfreundlich mit den Worten: »Was soll das? Uns schenkt auch niemand etwas.«

Ihre harsche Reaktion verwunderte mich schon. Aber ein bisschen verstand ich die Senioren, die nur ihre Lebenseinstellung darlegten. »Bekomme ich etwas von dir, dann bekommst du auch etwas von mir.« Diese Einstellung ist heute leider weit verbreitet. Sie zeugt von einem Egoismus, der wenig Platz für andere Menschen kennt. Und er macht krank.

Aus Sorge darüber, im Leben zu kurz zu kommen, konzentriert sich alles darauf, die eigenen Bedürfnisse mit allen gebotenen Mitteln zu befriedigen. Gleichzeitig wächst die Angst, die Anstrengungen könnten für die eigenen Erwartungen nicht ausreichen. Ein Teufelskreis, aus dem man sich kaum befreien kann.

Dabei weiß doch selbst die moderne Psychologie: »Wer anderen hilft, findet seine Ruhe, seine Ausgeglichenheit, sein Stimmungshoch wieder, indem er seine Glückshormone freisetzt.« Und bereits vor mehr als 3000 Jahren riet König David, wie es im Wochenpsalm (Psalm 41) nachzulesen ist: »Wohl dem, der sich der Schwachen annimmt. Den wird der Herr erretten zur bösen Zeit.«

Gottes Segen liegt auf dem Blickwechsel von uns weg auf andere hin. Jede gute Tat, die darin besteht, Zeit und Geld zu opfern, sich für andere einzusetzen, bringt immer auch Gewinn. Heißt es doch im Volksmund: Liebe ist das Einzige, was wächst, wenn man sie verschenkt. Schon Jesus kannte das Problem der Ich-Bezogenheit und gab uns vor: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.«

Damit retten wir die Welt sicher nicht, aber wir verändern uns selbst. Und das ist schon viel.

Martin Quellmalz

Loben zieht nach oben

14. August 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Die sollen loben den Namen des Herrn, denn sein Name allein ist hoch, seine Herrlichkeit reicht so weit Himmel und Erde ist.
Psalm 148, Vers 13

Christian Dietrich, Pfarrer in Nohra

Christian Dietrich, Pfarrer in Nohra

Am Rande eines Dorffestes sprachen Männer über den Abschied aus dem Berufsleben. Fast 50 Jahre ist es her, als sie sich für eine Lehre entscheiden mussten. Sie planen, die ehemaligen Mitschüler einzuladen, sich zu erinnern und zu feiern. Sie fragen mich: »Können wir ›Großer Gott, wir loben dich‹ singen?« Und ich denke: Wo dieser Choral angestimmt wird, da ist ein Fest in großer Tradition.

Wie ist das, Gott über alles loben – mitten im Chor der Schöpfung – und wer darf das? Am Ende des Psalmbuches im Psalm 148 finden sich zehn Hallelujas als Pendant zu den Zehn Geboten. Da heißt es zu allem, was es in dieser Welt gibt: »Die sollen loben den Namen des Herren; denn er gebot, da wurden sie geschaffen.« Loben sollen die Mineralien und das Erdöl, die Eisbären und der »Große Fuchs«, das Korallenriff und der Eichenwald, der Sternenhimmel und die, die dies alles entdecken und erforschen.

Doch diese Einladungen zum Lobpreis sind nicht als ökologische Gebote zu verkürzen. Nicht wir bewahren die Schöpfung, sondern sie bewahrt uns vor der Selbstüberschätzung. Wer im Staunen über die Wunder Gottes den Mund zum Halleluja formt, wird Teilhaber (Hebräer 12,10), Teil der Schöpfung der Zukunft. Wer das Morgenlied der Amsel vergisst, das Summen der Bienen am Lavendel, das Rauschen des Bächleins, wer das nicht hört, der soll sich nicht wundern, wenn sein Herz das Singen verlernt. Und ein alter Spruch sagt: »Loben zieht nach oben.«

Gott loben begeistert und die Gemeinde gründet in diesem Lobpreis. Als naiv und weltfremd, introvertiert oder reaktionär wurde und wird diese Geborgenheit bespöttelt und gar bekämpft. Doch solange der Schöpfer seine Schöpfung am Leben hält, wird auch sein Oratorium erklingen: Des Herrn Name allein ist hoch, sein Lob geht, soweit Himmel und Erde ist und wer sein Lob singt, der hat Teil an seinem ewigen Reich.

Christian Dietrich, Pfarrer in Nohra

Ein Lied gegen meine Angst

6. August 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Lass sie innewerden, dass Gott Herrscher ist in Jakob, bis an die Enden der Erde.
Psalm 59, Vers 14b

Was für einen Anfang hat dieser Psalm: Ein güldenes Kleinod Davids, vorzusingen, nach der Weise »Vertilge nicht«, als Saul hinsandte und sein Haus bewachen ließ, um ihn zu töten! Eine ganze Lebensgeschichte liegt hier verborgen und wird ­offenbar. Ein Lied, das ich nicht im Herzen eingrabe, sondern heraussinge, um es zu teilen mit Menschen, mit Gott.

In höchster Not, den Tod schon greifbar, mit Angst im Herzen und Hass in der Seele findet jemand Worte und Töne und macht sich Luft. Und mir fällt ein, wie schwer es oft ist, bei Beerdigungen zu singen. Weil die Tradition abreißt, weil die Kinder die Lieder nicht mehr kennen, den Weg zur Kirche schon gar nicht. Und dann beginnen die Klänge spärlich und werden lauter und stärker und umgreifen den Raum der Trauer. Da war schon mal einer, der hat dasselbe erlebt. Dessen Worte darf ich leihen. In dessen Klage darf ich einfallen und hoffen, dass auch seine Zuversicht von mir Besitz ergreift. Im finsteren Keller pfeife ich ein Lied gegen meine Angst. Und ich höre meine Stimme und bin nicht mehr allein.

Stephan Pecusa, Pfarrer in Delitzsch

Stephan Pecusa, Pfarrer in Delitzsch

Mein Lied kann gehört werden, kann aufsteigen zu Mensch und Gott. Und wir lesen im Psalm, dass Angst und Hass und Verletzungen mit aufsteigen, herausgeschrieen werden und sich verwandeln. Wo ich nichts mehr tun kann, darf ich bitten und hoffen, dass Er handeln wird. An mir, für mich. Und es gelingt! Die Angst nimmt ab, die Verletzungen heilen, der Hass ist entschwunden. Ein anderer, Er, wird es tun für mich.

Ich spüre die Entlastung, ich kann aus der Ecke, in die ich gedrängt war, herauskommen, Schritt für Schritt, immer schneller, immer mutiger. Im Keller, in der Not darf ich mehr glauben, mehr singen, als ich verstehe. Ich darf singen, dass Er Herrscher ist auf Erden, auch wenn ich davon schmerzlich wenig oft erlebe. Manche Worte, manche Klänge erfüllen sich, wenn sie ans Licht kommen. Ein güldenes Kleinod, im Keller geboren, erstrahlt am Himmel der Welt.

Stephan Pecusa, Pfarrer in Delitzsch

Glaube – Durst nach dem lebendigen Quell

Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.
Psalm 42, Vers 2

Der Urlaub führte mich im vergangenen Monat nach Südtirol. Bei herrlichem Sonnenschein und sommerlicher Hitze bin ich in den Bergen ­gewandert. Zum Wandergepäck gehörten einige Flaschen Wasser. Bei den hohen Temperaturen schmeckte es selbst lauwarm noch. Doch richtig erfrischend war das Wasser, das aus einer Bergquelle heraussprudelte.

Wasser ist ein lebenswichtiges Element für unseren Körper. Es soll sauber, frisch und wohlschmeckend sein. Unser Durst ist ein wichtiges Zeichen, dass wir Flüssigkeit benötigen. Ob wir nun Cola, Bier, Tee, Kaffee oder Saft genießen, am Ende ist doch immer Wasser Hauptbestandteil des Getränks, genauso wie auch unser Körper vorrangig aus Wasser besteht. Wenn wir nicht genügend zu trinken hätten, würden wir sterben.

Doch Durst hat man nicht nur körperlich. Nein, es gibt auch einen seelischen und geistlichen Durst. Dann ergreift uns eine tiefe Sehnsucht nach Liebe beispielsweise, nach Reichtum, nach Anerkennung, nach Ruhm oder nach beruflichem Erfolg.

Jörg Bachmann ist Pfarrer in Fraureuth

Jörg Bachmann ist Pfarrer in Fraureuth

Und unsere Seele kann Durst haben nach einem sinnerfüllten Leben, nach etwas, was unsere körperliche und materielle Welt nicht bieten kann. Ein geistiger Durst nach Frieden, Freude und Erfüllung.

Wir hören den Beter des 42. Psalms rufen, wie er sich mit seinem Durst an Gott wendet. Er fleht mit seiner ganzen Sehnsucht zu Gott. In diesen wenigen Worten drückt sich bildhaft sein großer Lebensdurst aus.

Wie ist es aber mit unserem Durst nach Gott? Brauchen wir Gott in unserem Leben, oder suchen wir nach ihm bestenfalls in Krisenzeiten, dann, wenn wir nicht mehr weiterwissen? Sind wir zufrieden mit religiöser Pflicht? Leben wir unser Leben jeden Tag in der Sehnsucht nach ­Gottes Führung und Begleitung, nach Gottes Hilfe und Beistand? Lassen wir unseren Glauben an Gott doch frisch und lebendig sein wie das Bergquellwasser!

Jörg Bachmann, Pfarrer in Fraureuth

Und großes Staunen erfüllt die Seele

Gott, wie dein Name, so ist auch dein Ruhm bis an der Welt Enden. Deine Rechte ist voll Gerechtigkeit.
Psalm 48,11

Zum Gotteslob in seiner ganzen Größe sind wir gerufen. Einzustimmen in den Lobpreis bis an der Welt Enden. Haben Sie das in diesem Sommer vielleicht auch schon an einem besonderen Ort ­getan? Auf dem Gipfel eines Berges, wo man sich dem Himmel ein Stück näher fühlt, die Wolken zu fassen sind und die sonst so großen Dinge klein ­erscheinen.

Oder standen Sie am Meeresufer mit dem Blick über die Weiten des Wassers und am Horizont das scheinbare Ende, Weitblick ohne Ablenkung, und der Wind bläst einem ins Gesicht. Die Gedanken werden frei. Unser menschliches Auge scheint die Grenzen der Erde zu erfassen und großes Staunen erfüllt die Seele.
Gott, du erfüllst das All. Wo ich sitze oder stehe, wo ich liege oder gehe, bist du, Gott, bei mir, wo auch immer ich bin. Auf dem Gipfel der Berge oder am Rand des großen Meeres. Ich brauche solche Momente in den Engen des Alltags, in den Engen meiner Gedanken.

Claudia Kuhn

Claudia Kuhn

Und dann trete ich ein in einen großen Dom, ­einen Ort, an dem meine Gebete zu dir aufsteigen können. Einen Ort, an dem schon Menschen über Generationen deine Nähe gesucht haben und ­suchen und wo Himmel und Erde sich berühren. ­Einen Ort, wo dein Wort erklingt und mir deine Größe und Gerechtigkeit immer wieder aufs Neue vor Augen führt und eine große Sehnsucht wach wird nach deiner Gerechtigkeit in einer Welt voller Grenzen, voller Enge, voller Kleinheiten.
Die Sehnsucht, einen Weg mit Ihm zu gehen,  sich von Ihm begeistern zu lassen oder wie es der Psalm 48 am Ende ausdrückt: Ziehet um Zion herum und umschreitet es, zählt seine Türme; habt gut acht auf seine Mauern, durchwandert seine Paläste, dass ihr den Nachkommen davon erzählt: Wahrlich, das ist Gott, unser Gott für immer und ewig. Er ist’s, der uns führet.

Claudia Kuhn, Pfarrerin in Osterburg

Wie die Sonne nach dem Regen

Foto: Eryk Klucinski, sxc.hu

Foto: Eryk Klucinski, sxc.hu

Es segne uns Gott, und alle Welt  fürchte ihn!
Psalm 67, Vers 8

»Du bist genau, was ich brauch, du bist wie ein Segen. Du bist genau, was ich brauch, wie Sonne nach dem Regen.« So singt es Xavier Naidoo auf seiner CD »Telegramm für X«. Ein Sänger, der sich nicht scheut, Lebenserfahrungen in Bezug zu seinem Glauben zu setzen. Und der Erfolg damit hat.

Gerade bei jungen Leuten gibt es offensichtlich ein Gespür, dass Leben mehr braucht als Selbstgenügsamkeit und Spaß. Ein Gefühl dafür, dass Leben Gründung braucht. Orientierung und Bewahrung. Segen.

Nicht von ungefähr bitten wir in besonderen Lebenssituationen auch in besonderer Weise um den Segen Gottes. Am Beginn des Lebens, an der Schwelle zum Erwachsenwerden, bei der Gründung einer Familie, bei Krankheit, am Ende des Lebens. Segen gibt uns die Gewissheit, nicht alleingelassen zu sein. Gott will uns tragen. Gerade da, wo wir seiner Nähe bedürfen. Darauf dürfen wir bauen. Gesegnetes Leben ist erfülltes Leben. Nicht ziellos und immer nur suchend. Gesegnetes Leben kann finden. In Dankbarkeit und Zuversicht.

Der Wochenpsalm macht uns darauf aufmerksam, dass Gottes Segen für unser Leben aber auch weiterwirkt. Über uns hinaus. Als Gesegnete können wir Menschen anders begegnen. Mit großer innerer Freiheit und einer zuversichtlichen Gelassenheit gegenüber dem, was kommt. Als Gesegnete können wir Zeugnis geben von dem Grund, der unser Leben trägt. Und wenn es gut geht, dann kommen da vielleicht auch Menschen ins Fragen. Ob nicht der Segen, der uns trägt, ob der nicht auch ihr Leben meint. Ob nicht auch ihr Leben dieses Grundes, dieser Orientierung und Zuversicht bedarf.

Weil wir um Gottes Segen wissen und aus ihm ­leben, können wir selbst auch anderen zum Segen werden. Und vielleicht können die ja dann auch sagen: »Du bist genau, was ich brauch, du bist  wie ein Segen. Du bist genau, was ich brauch, wie Sonne nach dem Regen.«

Albrecht Steinhäuser,  Beauftragter bei Landtag  und Landesregierung  Sachsen-Anhalt

Wenn die Fragen aufhören

Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.
Psalm 73, Vers 25

Es gibt Fragen, die eine klare, einfache Antwort brauchen, und solche, mit denen wir niemals ans Ende kommen. Unter den letzteren sind die Fragen nach Himmel und Erde noch die leichteren, etwa die: Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?

Schwieriger sind die Fragen, die der Seele keine Ruhe lassen, zum Beispiel: Wie bin ich geworden, der ich jetzt bin? Oder: Wozu soll das gut sein, dass ich mich ein Leben lang mit dieser Last abschleppen muss? Nicht weniger schwierig sind die Fragen, mit denen ich geradewegs bei Gott lande: Wieso geht es denen, die nicht nach Ihm fragen, so gut? Warum lässt Gott das zu? Mit solchen Fragen quält sich der Beter des 73. Psalms. Sie gehen ihm schwer an die Nieren. Solche Fragen drängen sich auf, wenn einer mit wachen Augen durch die Welt geht.

Pfarrer Matthias Rost

Pfarrer Matthias Rost

Es gibt aber auch die Augenblicke, in denen alle Fragen aufhören, Zeiten, in denen das Kreisen der Gedanken unterbrochen ist, Momente, in denen ich weiß: Alles wird gut. Und solche Augenblicke kennt der Psalmbeter offensichtlich auch.

Manchmal mitten im Alltag gibt es sie, manchmal im Gebet. Ein fragloses Einverständnis, ein Aufleuchten. Wie der Blick zweier Liebender. Ein Schweigen, das von einem großen Ja erfüllt ist. Ein Moment, in dem alles Grübeln und Gründeln ­Ferien hat. Ein Einssein mit Gott, mit der Welt, mit sich selbst – nur für den Augenblick, nur für jetzt. »Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts …« Wir brauchen solche mystischen Momente des Einverständnisses und der fraglosen Gegenwart in Gott. Wie ­anders könnten wir die Fragen aushalten? Wie ­anders könnten wir dem Zweifel widerstehen, ob
Er überhaupt noch da ist?

Von Theresa von Avila stammt das Wort: »Nichts soll dich verwirren, nichts dich erschrecken. Alles geht vorüber; Gott allein bleibt derselbe. Die Geduld erreicht alles. Wer Gott hat, dem fehlt nichts: Gott allein genügt.« Im spanischen Original heißt der letzte Satz: »Solo Dios, basta!«

Pfarrer Matthias Rost, Rektor des Pastoralkollegs

Ein gerechter Schiedsrichter des Lebens

Ja, Gott ist noch Richter auf Erden.
Psalm 58, Vers 12b

Folker-BlischkeBall und Fuß scheinen eins. Mühelos umdribbelt der Spieler mit der Nummer 10 zwei Abwehrspieler und setzt zum Torschuss an. Da rauscht von hinten mit ausgestrecktem Bein ein Verteidiger heran und tritt den Schützen um. Kein Pfiff ertönt. Während sich der Stürmer vor Schmerzen auf dem Boden wälzt, folgt der Gegenangriff. Nicht nur mit Fußballkunst, sondern mit harten Ellbogenschlägen. Zwischen einzelnen Spielern entsteht ein Ringkampf, in den nach und nach auch Trainer und Zuschauer eingreifen. Chaos pur – doch der Mann in Schwarz bleibt unsichtbar.

Fußball ohne Schiedsrichter. Gott sei Dank wird uns das bei der WM erspart, auch wenn die eine oder andere Entscheidung höchst umstritten ist. Die deutsche Nationalmannschaft musste das zuletzt im Spiel gegen Serbien bitter erfahren. Doch immer ist ein Schiedsrichtergespann beauftragt, Regeln und Fairness durchzusetzen.

Außerhalb des Platzes scheint es anders auszusehen. Da setzen sich die stärksten Ellbogen durch. Da wird eigene Lebensfreude hinterrücks von einer Krankheit umgerissen. Da machen verbale Angriffe das Leben schwer.
Der Wochenpsalm setzt diesem verbreiteten Gefühl von Ungerechtigkeit auf Erden eine erstaunliche Feststellung entgegen: »Ja, Gott ist noch Richter.« Ein Richter, der besser als der beste Schiedsrichter jedes Foul registriert, das uns zugefügt wird. Der auch die Unfairness wahrnimmt, die wir selbst täglich zu verantworten haben oder die wir erleiden müssen.

Gerade für die Zeiten, in denen ich mich anderen Menschen oder einem gesichtslosen Schicksal ausgeliefert fühle, ruft mir der Psalm ins Gedächtnis: Gott ist nicht egal, was hier und in meinem Leben geschieht. Er sieht es, und er wird Gerechtigkeit schaffen. Hier auf Erden und am Ende der Zeiten. Als ein gerechter Schiedsrichter des Lebens, der seine Regeln und Fairness durchsetzt – damit das Spiel des Lebens gelingt.

Folker Blischke, Pfarrer in Roßla

Ein guter Kompass für die Seele

Foto: Pawel Kryj, sxc.hu

Foto: Pawel Kryj, sxc.hu

Herr, du erforschst mich und kennst mich.
Psalm 139, Vers 1

Sigmund Freud erforschte im letzten Jahrhundert mit großer Ernsthaftigkeit die Untiefen der menschlichen Seele. Des Menschen Lebensschnittmuster müsste doch in ihm selbst zu finden sein. Das Rätsel seiner Existenz muss sich aus den Landschaften seiner Psyche erklären. Und so wird die Hoffnung groß, endlich Licht in das Tiefendunkel der Seele bringen zu können. Aber das Jahrhundert Freuds ist eines der finstersten und seelenlosesten in der Geschichte der Menschheit geworden.

Die Dichter der Psalmen benutzen einen anderen Kompass für ihre ausgedehnten Wanderungen durch die Landschaft der Psyche. In Psalm 42 begegnet uns eine Seele, die nach Gott dürstet und schließlich fragt: »Was betrübst du dich, meine Seele?«

Die große Poesie der Psalmen nimmt das schwere Dunkel in den Blick. Allerdings fehlt ihr die permanente Selbstbezogenheit. Die Sehnsucht der Seele richtet sich nach Gott aus. Und so kann der Beter des 139. Psalms unbeschwert sagen: »Herr, du erforschst mich und kennst mich.« Dieses Wissen steht am Anfang eines grandiosen Gebetes. Es ist der Text einer nach Gott hin weit geöffneten Seele. Nur Gott kennt mich wirklich, ganz und tief. Nur der mich geschaffen hat, kann erforschen, was in mir wohnt.

Reichtum und Gelassenheit dieses wunderbaren Psalms verdanken sich einer unerschütterlichen Gottbezogenheit der Seele. In großen Bildern öffnet sie sich auf die Nähe Gottes hin und lernt ein Staunen, aus dem die Seele ohne die gefährliche Verkrümmung in sich selbst leben kann. Und immer hört man den ersten Vers wie eine Grundmelodie heraus: »Herr, du erforschst mich und kennst mich.«

In einem weiten Bogen wandert der Beter durch diesen wunderbaren Text. Und mittendrin, in Vers 14, stimmt er den Lobruf seines gottbegeisterten Lebens an: »Wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.«

Thomas Perlick, Pfarrer in Römhild

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