Jeden Tag wartet sie, denn er versprach: »Ick komm torügg«

27. Mai 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.

Johannes 12, Vers 32

Salz und Algen. Wie das Meer halt so riecht. Der Geruch legt sich auf die Stadt wie eine Decke. Für die, die als Gäste hierher kommen, ist es der Duft der Weite. Der Duft des Unendlichen, das hinter der Linie aus Meer und Himmel immer weitergeht und nur erfühlt werden kann.

Stefan Körner, Vikar in Gera

Stefan Körner, Vikar in Gera

Für sie riechen Algen und Salz nach Abschied, nach ihrem Mann, dem alten Matrosen mit der Anker- und Meerjungfrauentätowierung auf dem Unterarm. »Tschüss, min Herzing«, hat er gesagt, als er ging.

Und, als er ihre Tränen sah, da schob er hinterher: »Ick komm torügg.« Gegen seine Gewohnheit gab er ihr einen Kuss. Aber er kommt doch zurück? Er hat es versprochen. Jeden Tag geht sie runter zum Pier. Sieht, wie die Schiffe anlanden, ihre Ladung löschen, wieder ablegen. Sieht, wie die Männer müde von Bord gehen und weiterlaufen. Zu ihren Frauen. Nach Hause. Seit Jahren geht sie runter zum Pier. Nur einmal war sie nicht im Hafen in all der Zeit. Da lag sie krank daheim. Aber schon nach einem Tag ging sie wieder ans Wasser, trotz ihres Fiebers.

Die anderen Frauen haben aufgegeben, auf sie einzureden: Der Sturm, das kalte Meer, die unendliche blauschwarze Tiefe. Kein Schiff mehr auf keinem Radar. Die Seenotrettung, die nach Tagen hingeschmissen hat. »Find dich damit ab«, haben sie gesagt. »Die See hat ihn geholt«, haben sie gesagt. Salz und Algen. Wie sie liebt und wie sie wartet. Von seinem Kuss und seinem Versprechen lebt. Die anderen Frauen staunen, wie sie dieses Versprechen, wie sie die Hoffnung trägt. Er ist doch weg, was soll das alles noch? Wie verrückt das doch ist, auf ein uraltes Versprechen hin zu glauben, zu hoffen. Auf etwas zu bauen, was niemand sieht und so gegen jeden Augenschein spricht.

Seit Jahren geht sie wieder nach Hause ohne ihn. Macht immer zur selben Zeit für sie beide eine frische Thermoskanne Kaffee. Schön stark, wie er ihn mag. Und schön heiß. Im Fenster schaltet sie, wenn es dunkelt, den kleinen Leuchtturm an. Er leuchtet die ganze Nacht. »Damit er heimfindet, wenn er kommt.«

Stefan Körner

Wenn aus einer Telefonzelle ein Andachtsraum wird

20. Mai 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.

Psalm 66, Vers 20

Wo das Dorf steil in die Höhe wächst und auch die Kirche ihren Platz hat, wird ein Quadratmeter großes Rasenstück entfernt. Die schöne Idee, in Sichtnähe eine ehemalige Telefonzelle als »Offenen Bücherschrank« zu etablieren, steht vor der Vollendung. An der Straße soll die hübsche »Gelbe« mit den geschwollenen Ecken ihren Platz finden und die Einwohner einladen, ihre Bücher und vielleicht mit ihnen auch ihre Herzensangelegenheiten auszutauschen. Ein Umschlaghafen der individuellen Lesefracht, wie man sie besonders in größeren Städten wahrnehmen kann.

Pastorin Sabine Wegner, Liebenrode

Pastorin Sabine Wegner, Liebenrode

Aber erst muss noch das alte Münztelefon herausgenommen werden. Am Klappbügel stört das abgegriffene Telefonbuch. Eine lesbare Bibelausgabe wäre eine Alternative. Hochgeklappt und aufgeschlagen – eine gute Erfindung. Bliebe der Telefonhörer hängen, würde er womöglich zu einem Gespräch mit »ihm« einladen, in dem Sinne: »Wir müssen miteinander reden. Gott.«
In der kleinen Stadt Otsuchi im Nordosten Japans steht eine »Telefonzelle des Windes«. In einem Garten am Meer können die Hinterbliebenen der Tsunamiopfer mit ihren vermissten Angehörigen telefonieren. Ich bin mir sicher, dass die Worte nicht ungehört bleiben. Faszinosum »Telefonzelle«. Mitten auf öffentlichem Gelände, auf dem Weg vom Schulbus oder auf dem Spaziergang, kann ich eine Tür hinter mir zuziehen. »… schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.« (Matthäus 6,6) Wer in eine Telefonzelle geht, verwandelt sie von einem öffentlichen in einen privaten Raum. Man ist unter sich. Vielleicht ist diese Art, dringlich aufgesuchte und beseelte, Telefonzelle eine fixe Idee, wer weiß? Vielleicht aber auch eine Möglichkeit oder auch nur ein Fingerzeig, einmal wieder anzurufen und das Gebet zu suchen. Wenn ich in der modernen Mönchszelle sagen kann: »Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet«, hat sich die »Gelbe« auf jeden Fall gelohnt.

Pastorin Sabine Wegner, Liebenrode

Gotteslob wirkt Wunder – probieren wir es einfach aus

13. Mai 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.

Psalm 98, Vers 1

Im fröhlich auffordernden Imperativ kommen sie immer wieder neu daher, die Sonntage der Osterzeit. Nach »Jubilate!« jetzt »Kantate!« Wie schwierig, wenn man gerade im finsteren Tal oder ganz unten im Topf sitzt.

Pastorin Sabine Wegner, Liebenrode

Pastorin Sabine Wegner, Liebenrode

Vor meinem Fenster Farbenexplosionen der Natur als Ausrufezeichen gegen die Hoffnungslosigkeit. Am Infostand die aktuellen Faltblättchen mit vielfältigen Gesangseinladungen anlässlich des Reformationsjubiläums! Ein Raum der Freude und des Gesanges, ein »Te Deum« soll die einstigen Hochburgen der Reformation beleben und in Schwingung bringen.

Und, wenn mir so gar nicht nach fröhlichem Singen ist, angesichts der Gottvergessenheit in Luthers Landen und der Leidensmiene mancher Kirchengemeinde? Der Imperativ bleibt. Die Sonntage leben von der Wiederholung, wie der Psalter, der ihnen ihre Namen bescherte. Vertraut einladende Trittsteine in der Zitterpartie des Lebens. Aber warum fröhlich singen, wenn mir nicht danach ist?

Die Begründung folgt auf dem Fuß: »Denn er tut Wunder.« Es ist das Lob dessen, der das Ganze ist, der Himmel und Erde zusammenhält, der das riskante Manöver Mensch selbst trägt und über uns wacht. Manchmal brauchen wir Menschen, die uns an die Hand nehmen und uns das zeigen. Ob beim abendlichen Chor, beim sonntäglichen Gottesdienst oder auch auf dem Kirchentag. Während wir sein Lob singen, werden wir geheiligt.

Der große David hat sich bei diesem Lied so sehr mitreißen lassen, dass er, selbstvergessend tanzend, sich die vorwurfsvollen Worte seiner Gemahlin einhandelte. Nicht nur David wurde erwählt und königlich gesalbt. Auch ich bin getauft und erwählt und darf auch erlöst aussehen. Manchmal habe ich dieses Lied nötig, um mir die Nähe Gottes durch den Gehörgang dringen und das Bauchfell vibrieren zu lassen! Der Psalmist wusste, dass der Glaube auf das Singen angewiesen ist. So lass ich mich mitreißen und singe dem Herrn das alte und neue Lied, denn er tut noch immer Wunder!

Pastorin Sabine Wegner, Liebenrode

Altes Leben in neuer Freiheit als Christenmenschen

6. Mai 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

2. Korinther 5, Vers 17

Dieser Spitzensatz paulinischer Theologie blickt von der Ostererfahrung her auf zwei Momente jüdischer Schöpfungstheologie. Diese ergeben sich aus dem Glauben an das Geschaffen-Sein des Menschen, das Kreatur-Sein, und erhalten von Paulus ihre christliche Deutung.

Zum einen die Kreatur des Menschen als Ebenbild Gottes. Anders als in jüdischer Theologie wird diese Ebenbildlichkeit nicht primär in der Leiblichkeit des Menschen sichtbar. Die Leiblichkeit des Menschen erhält zwar durch Jesus eine neue, ethische Bedeutung und ist zentraler Aspekt in der Theologie des Paulus, wurde aber im Zuge neuzeitlicher Philosophie zurückgedrängt. Vernunft, Freiheit und Autonomie sind die neuen Stichworte, die mit ihrem Einfluss heute noch ein christliches Menschenbild ermöglichen, ohne die Körperlichkeit zu betonen.

Dipl.-Theol. Samuel Hüfken, Halle

Dipl.-Theol. Samuel Hüfken, Halle

Zum anderen nimmt das Christentum das Scheitern der Beziehung zwischen Mensch und Gott in den Blick, wie es mit dem Ausschluss aus dem Paradies erzählt wird. Die Distanzierung zwischen Gott und Mensch erhält als »Sündenfall« eine herausgehobene Rolle. Der Mensch als endliches Wesen tritt zu Gott als dem Ewigen in eine Opposition.

Diese Spannung zwischen Ebenbild-Sein und Sünder-Sein wird für Paulus durch den Glauben an Christus aufgehoben. Die christliche Lehrtradition bekräftigt im Konzil in Chalcedon (451 n. Chr.) dieses neue Menschenbild. Das, was der Mensch wahrhaft ist, entscheidet sich nicht empirisch, sondern theologisch an dem, was Christus ist – wahrer Mensch und wahrer Gott.

Die »Erlösung« oder »Versöhnung«, von der das Christentum redet, besteht darin, dass die ursprüngliche Freiheit des Menschen mit Christus wiederhergestellt ist. »Zur Freiheit hat uns Christus befreit!« (Galater 5), die Opposition zu Gott wird überwunden und der Mensch in nächste Nähe zu Gott gerückt, sodass es heißen kann: »Ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!« (Römer 8,15 b).

Dipl.-Theol. Samuel Hüfken, Halle

Macht es wie die Schafe – Vertrauen braucht kein Verständnis

29. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.
Johannes 10, Verse 11.27.28

Es ist schon mal gut zu wissen, dass Jesus kein Präsident ist, kein Bundeskanzler oder Minister für Soziales. Aber es wird nicht verständlicher, wenn er sich als Hirte vorstellt. Es ist schon mal gut zu wissen, dass diejenigen, die zu ihm gehören, nicht wegen ihrer besonderen Gelehrsamkeit bekannt sind. Aber es macht es nicht einfacher, wenn er die Seinen als Schafe vorstellt. Denn nun bleibt, was er sagt, unverstanden, eine gebrabbelte Melodie. Und die, die die Stimme hören, bleiben im Unwissen darüber, was er sagt. Das Eigentümliche des Verhältnisses zwischen Hirten und Schafen ist, dass er spricht und sie nur hören. Die Worte entfalten für die Schafe keinen Sinn. »Sag es doch, wenn du der Messias bist.« »Ich bin der Hirte«, sagt Jesus, »ihr seid die Schafe.« Er kennt sie, sie aber kennen ihn nicht. Sie hören ein Rauschen von Stimme. Der Hirte ruft die Schafe mit Namen. Sie hören, aber verstehen nicht und folgen doch. Vertrauen braucht kein Verständnis.

Dipl.-Theol. Samuel Hüfken, Halle

Dipl.-Theol. Samuel Hüfken, Halle

Es ist nicht viel. Es ist keine Wortgewalt, keine Predigt, keine gelehrte Tiefsinnigkeit, keine theologische Extravaganz. Ich weiß nicht, was es ist, was die Schafe in der Stimme wiedererkennen. Vielleicht die Erinnerung an eine Melodie. Vielleicht bloß ein Rauschen, ein Säuseln, ein Klang, ein Pfeifen. Die Schafe erinnern sich jedenfalls und gewinnen die Ewigkeit. Die Schafe verstehen die Stimme des Hirten nicht. Was er ruft, bleibt unverstanden. Die Schafe folgen aber, wenn seine Stimme erklingt. Vertrauen braucht kein Verstehen. Die Schafe haben Erinnerung genug, einer Stimme zu folgen. Was Jesus dem Einzelnen zuruft, bleibt ein Geheimnis. Es verstehen zu wollen, bleibt aussichtslos. Dass er uns ruft, bedeutet alles. Es bedeutet ewiges Leben. Wer will da nicht gemacht sein zu Schafen seiner Herde und unverständig aus der Wolle schauen. Der Hirte ist ihr Herr, wovor sollten sie sich fürchten und wozu sollten sie die Stimme verstehen? Sein Stab führt sie zum frischen Wasser und zu saftigen Auen. Mehr braucht es nicht.

Dipl.-Theol. Samuel Hüfken, Halle

Immer wieder alles auf Anfang

22. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

1. Petrus 1, Vers 3

Vom Weiß des Stoffes war beinahe nichts mehr zu erkennen. Sie hatten sie eingelebt, ihre Taufkleider. Die Täuflinge, die in der Alten Kirche in der Osternacht getauft wurden, trugen die ganze Woche das Gewand der wiedergeborenen Hoffnung. Am Sonntag »Quasimodogeniti« gingen sie nun wieder darin zum Gottesdienst: vorbereitet mit der Taufe, verbunden mit dem Leben. Die erste Woche danach. Was mag alles in den Fasern des Stoffes hängengeblieben sein? Der Staub der Straße? Sicher. Der Schweiß der Arbeit? Sehr wahrscheinlich. Die Abdrücke liebevoller Umarmungen und stürmischer Begrüßungen? Hoffentlich. Der Tropfen Wehmut über das erste Scheitern nach dem Erlöstsein? Auch der gehört dazu … Eingelebt eben.

Quasimodogeniti: Wie die neugeborenen Kinder. Der Gottesdienst am Sonntag nach der Taufe weist auf den Anfang. Immer wieder alles auf Anfang. Seid wie die Kinder: wieder und wieder Anfänger. Lasst den Glauben in euch wachsen, nehmt zu in der Hoffnung, lasst euch seine Barmherzigkeit einfach gefallen. Fragt nicht nach dem Tod, lebt vielmehr mit IHM!

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Nein, keine Romantisierung des Kindlichen, keine Überhöhung, keine Niedlichkeiten lese ich hier. Vorbild sind sie, die Kinder, in ihrem Anfangen, ihrem Neubeginn. Der Petrusbrief malt dieses Bild förmlich vor unsere Augen: »Die Milch des Anfangs, zu der kehrt immer wieder zurück. Stärkt damit euern Glauben.« Das Neugeborene als Vorbild für das gierige Trinken der guten Anfangsspeise – wer in das Gesicht eines gerade sattgetrunkenen Säuglings blickt, der selig einschläft, weiß, was der Briefschreiber meint. Ostern erinnert uns daran: Kein Kleid ist zu eingelebt, zu verschmutzt, zu zerrissen, zu verbraucht – die Taufe setzt alles auf Anfang. Jeder Sonntag trägt die Chance eines solchen Taufgedächtnisses wie ein Taufkleid in sich: Wiedergeborensein zu einer lebendigen Hoffnung. Heute. Gott sei Dank!

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt

Die Schlüsselfrage ist geklärt: Der Himmel steht offen

16. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Christus spricht: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Offenbarung 1, Vers 18

Der Schlüssel ist übergroß, sein geschmiedeter Bart wird durch ein Kreuz geziert. Wer den Schlüssel in die Hand bekommt, weiß sofort: Hiermit kann nur eine Kirchentür geöffnet werden. Die mächtige Holztür knarzt beim Schließen. Ich lausche auf das Geräusch des Schlüssels im altertümlichen Schloss. »Ach, wie schön«, sage ich zum neben mir stehenden Küster, »noch keine Schließanlage, deren Schlüssel sich an meinem Bund von keinem einer Bürotür unterscheidet!« Der Mann schmunzelt »Braucht es auch nicht, Frau Pfarrer, solch ein Schloss ist schwerer zu knacken als ein Sicherheitsschloss. Die Alten haben gewusst, was sie taten!« Er hält mir die Tür auf und vergräbt den Schlüssel wieder tief in seiner Manteltasche. Sicher ist sicher.

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Die Schlüsselfrage ist eine Machtfrage. Wer den Schlüssel hat, erhält ungehindert Eintritt, muss nicht andere um Erlaubnis fragen. Wer den Schlüssel hat, bestimmt, wer drin ist und wer draußen bleiben muss. Wer den Schlüssel hat, kann einsperren und befreien.

Zu Ostern wird die Schlüsselfrage ein für alle Mal geklärt: Er, der Christus Gottes, überlebt den Tod und geht durch die Hölle. Den Schlüssel hält er fest in seiner Hand. »Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?« singt uns das Brahms’sche Requiem aus der vagen Hoffnung der Totenmesse in die feste Gewissheit der Osternacht hinüber.

Im Buch der Heilpflanzen von Hildegard von Bingen wird die Schlüsselblume beschrieben. Sie blüht als eine der ersten Frühlingsblumen und ergießt ihr Sonnengelb zu Ostern in Wälder und über Wiesen. Hildegard beschreibt die wohltuende Wirkung der Pflanze, von der man alle Teile nutzen kann. Sie preist die Blume als Wunder der guten Schöpfung Gottes und tauft sie »Himmelschlüssel«. Mit ihren Blüten, in deren Anordnung man einen Schlüsselbund erkennen kann, erinnert sie uns daran:

Seit Ostern steht uns der Himmel offen. Die Schlüsselfrage ist geklärt!

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Ein Frühlingstraum: Mit Jesus einen Drachen steigen lassen

8. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.

Johannes 3, Verse 14 und 15

Mit Jesus ist das so, wie wenn man einen Drachen steigen lässt. Man liegt an einem sonnigen Frühlingstag am Strand, den Drachen an der Leine. Er kreist über meinem Kopf. Bunt bemalt am blauen Himmel. Die Sonne blendet ein wenig. Man erkennt ihn kaum. Die Sonnenstrahlen kitzeln auf der Haut. Meine Lippen schmecken nach Salz. Ich schließe die Augen. Ich brauche sie nicht, um zu wissen, dass der Drachen seine Runden über mir kreist. Ich bin frei. Erlöst. Befreit von allen Gedanken des Alltags. Denn hier kann ich ich selbst sein.

Ich lasse meinen Drachen seinen eigenen Weg fliegen. Sanft lenkt der Wind seinen Flug. Über die Schnüre lenkt er meine Hände. Es ist gar nicht so einfach, sich einmal lenken zu lassen. Zu vertrauen, dass der Drachen am Himmel schon einen Weg findet. Ich habe Angst, dass er herunterfällt. Dabei habe ich vergessen, dass es nicht der Drachen ist, der mich braucht, sondern ich brauche ihn. Denn er lässt sich auch ohne mein Zutun vom Wind tragen. Doch meine Last vergesse ich nur, wenn ich mich durch ihn führen lasse.

Felix Kalbe, Theologiestudent und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Felix Kalbe, Theologiestudent und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Leichtigkeit durchströmt mich. Wie von allein heben sich meine Arme empor. Ich erhöhe ihn, indem ich Gottes unfassbare Größe auf mich wirken lasse und mich selber dabei klein mache. Gelenkt durch ihn zieht mein Leben ungeahnte Kreise. Und dann kann ich glauben. Und hoffen. Gerade in dieser vorösterlichen Zeit hoffe ich auf Gottes allumfassende Liebe, die er uns Menschen entgegenbringt. Mit der er uns verzeiht, dass wir es doch waren, die seinen eingeborenen Sohn ans Kreuz schlugen. Und nun blicken wir zu ihm empor. Demütig und voller Ehrfurcht.

In der Sonne dreht der Drachen seine Kreise. Ungelenkt. Befreit. Lebendig. Der Blick verliert sich im strahlend blauen Himmel. Plötzlich höre ich eine Stimme: »Nächster Halt: Gotha Hauptbahnhof. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts.« Ich öffne meine Augen und steige aus. Hinein in den Alltag. Dankbar für meinen Traum.

Felix Kalbe, Theologiestudent und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Der selbstlose Helfer aus dem Internet

1. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

So wie der Menschensohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.

Matthäus 20, Vers 28

Ein kalter, verregneter Frühlingstag. Ich klicke mich durch den Videokanal »Youtube« im Internet. Es sind witzige Videoclips dabei, traurige, nachdenkliche. An einem Film bleibe ich hängen: Ein junger Mann geht durch die Straßen seiner Stadt. Plötzlich fließt Wasser auf ihn herab. Er nimmt eine kleine, vertrocknete Blume, stellt sie darunter und geht weiter. Eine ältere Frau versucht ihren Verkaufswagen auf einen Gehweg zu schieben und scheitert.

Felix Kalbe, Theologiestudent und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Felix Kalbe, Theologiestudent und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Der Mann geht hin und hilft. Er füttert einen Hund mit seinem Essen, gibt einem Mädchen, das auf der Straße sitzt, Geld für die Schulausbildung und hängt einer alten Dame einen Bund Bananen an die Tür. Er wiederholt es. Tag für Tag. Woche für Woche. Stets dasselbe Bild. Doch an diesem einen Tag fehlt das Mädchen. Es ist verschwunden. Ihre Mutter sitzt an ihrer Stelle allein. Sie sieht traurig aus. Und auch der freundliche Helfer wird traurig. Dort, wo sie saß, liegt nur noch eine alte Pappe auf der Erde. Was ist bloß mit dem Kind geschehen?

Doch plötzlich springt das Mädchen in Schulkleidung mit Ranzen auf dem Rücken um die Ecke. Und die Welt blüht auf. Die vertrocknete Blume erstrahlt, die alten Frauen nehmen den Mann in den Arm und auch der Hund wird zu seinem besten Freund. Fantastisch. Wir können Jesus nachfolgen, indem wir dienen.

Wenn wir dadurch leben können, dass wir für andere leben. Denn wie können wir Gott sonst diese Liebe zurückgeben, die er uns entgegenbrachte, als er seinen eigenen Sohn auf die Erde schickte, der Menschheit zu dienen? Der sein Leben gab, um für unser Leben zu zahlen?

Sollte dieses aufopfernde, diakonische Handeln nicht Kern unseres alltäglichen Lebens sein? Dass wir erlöst und befreit durch die Straßen gehen. Ein jeder in seiner Stadt. Voller Liebe und Aufmerksamkeit. Dem Kopfschütteln und dem Unverständnis der anderen zum Trotz.

Felix Kalbe, Theologiestudent und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Glauben ganz praktisch: Wir sind Teil in Gottes Handeln

25. März 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Johannes 12, Vers 24

Was es mit dem Weizenkorn auf sich hat, erklärt Jesus selbst seinen Jüngern und damit uns: »Der Same ist das Wort Gottes.« (Lukas 8,11) Welchen wunderbaren Weg dieses Wort geht, können wir bei Jesaja nachlesen: Gleichwie der Regen vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein. »Es wird nicht leer zu mir zurückkehren, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.« (Jesaja 55,10.11) Was für ein Wort! Gott spricht und so geschieht es. Wie bei der Schöpfung. Von unserem Mitwirken ist überhaupt nicht die Rede. Es geschieht einfach, weil Gott es so will! Dieses Wort kann aber auch ganz anders: »Es ist wie ein Feuer, wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt.« (Jeremia 23,29) Es ist schärfer als jedes zweischneidige Schwert, das scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein. (Hebräer 4,12) Warum zähle ich das auf? Diese Beispiele aus der Bibel zeigen, wie gefährlich Gottes Wort sein kann und welche Macht es hat. Zurück zum Weizenkorn und dem zarten Wachstum.

Martin Lieberknecht, Pfarrer i. R., Ramsla

Martin Lieberknecht, Pfarrer i. R., Ramsla

Das Weizenkorn ist schließlich Jesus selbst, weil es das fleischgewordene Wort ist. Zu unserem Glück begegnet er uns nicht mit seiner Macht, sondern mit seiner Liebe. Das Korn stirbt nicht einfach, es »erstirbt«. Malcolm, ein gebürtiger Brite, hat mir erklärt, dass dieses deutsche Wort eher einen Vorgang beschreibt als einen Zustand. Deswegen ist dieses eher ungebräuchliche Wort auch in der neuen Lutherübersetzung stehen geblieben. Das gefällt mir. Denn dadurch kommen wir doch noch ins Spiel. In diesen Vorgang sind wir nämlich selber mit hineingebunden. Denn dieser Wochenspruch begleitet uns nicht zufällig ausgerechnet in der Passionszeit:

Jesus stirbt, damit wir leben können. Indem wir unseren Glauben leben, sind wir die Frucht, die Gott sehen will. Sonst wäre das Weizenkorn ja umsonst gestorben. Wäre doch schade um die Saat!

Martin Lieberknecht, Pfarrer i. R., Ramsla

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