Dann ist Rettung in Sicht

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Wenn wir in höchsten Nöten sein und wissen nicht, wo aus noch ein, und finden weder Hilf noch Rat.
Evangelisches Gesangbuch 366,1

Johann Sebastian Bachs »Orgelbüchlein« war und ist für »anfahende Organisten« (wie Bach selbst schreibt) eine praxisnahe Orgelschule. Auch ich durfte als Jugendlicher im Unterricht in der Zeitzer Michaeliskirche viele dieser kunstvollen ChoralBearbeitungen spielen. Das Vorspiel zu »Wenn wir in höchsten Nöten sein« sprach und spricht mich in ganz besonderer Weise an.

Dichter des Liedes war 1566 der Wittenberger Professor Paul Eber, Stadtpfarrer in der Nachfolge von Johannes Bugenhagen und Generalsuperintendent. Er übersetzte und bearbeitete dazu eine lateinische Vorlage von Joachim Camerarius, der zu seiner Zeit als berühmter Wissenschaftler galt und die Biografie Melanchthons schrieb. Johann Baptista Serranus (Seeger) schuf 1567 die Melodie. Das Lied entstand zur Zeit der Türken- und Pestgefahr sowie des sich anbahnenden Schmalkaldischen Krieges.

Inhaltlich schwingen Zitate aus dem 107. Psalm mit: »Die zum Herren riefen in ihrer Not« oder »und er errettete sie aus ihren Ängsten«. Inhaltliche Verwandtschaften hat das Lied auch mit dem Luther- Choral »Aus tiefer Not schrei ich zu dir«. Diesem liegt der 130. Psalm »Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir« zugrunde.

Matthias Böhlert, Kirchenmusikdirektor in Salzwedel

Matthias Böhlert, Kirchenmusikdirektor in Salzwedel

Bis heute gibt es oft Gelegenheit, an dieses Lied zu denken oder Strophen daraus zu singen. »Wenn uns Leid begegnet, sehnen wir uns nach einem Zeichen Gottes. Dabei wurde es uns gerade zuteil«, schrieb die amerikanische Autorin Mignon McLaughlin. Leid entsteht meistens dann, wenn Menschen Gottes Ordnung stören, Hass säen oder Raubbau an der Natur betreiben.

Gott gibt uns dann Zeichen zur Umkehr, die wir wohl auch in Form von Leid und Not spüren. Wenn wir versuchen, es besser zu machen, (»gehorsam sein nach deinem Wort«, wie es in der 7. Strophe heißt), ist Rettung in Sicht, für uns selbst und für ­unsere Erde.

Matthias Böhlert
Kirchenmusikdirektor in Salzwedel

Von Anfang an Beschenkte

26. Februar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ.
Evangelisches Gesangbuch 347,1

In einer Gesellschaft, die die Ware Arbeit vielerorts zum politischen Druckmittel herabwürdigt, kann ich einem Beruf nachgehen, der mich allwöchentlich musizierend mit zahlreichen Menschen aller Generationen verbindet. Da ist es kein Wunder, dass ich mir unter dem eher altmodischen Wort Gnade etwas vorstellen kann. Und dennoch muss auch ich darauf achten, dass das Bewusstsein für dieses ­Geschenk nicht zu oft durch das Alltagsgeschäft ­verschüttet wird.

Jens Goldhardt, Kirchenmusiker in Gotha

Jens Goldhardt, Kirchenmusiker in Gotha

Vielleicht nimmt sich deshalb die von gleichmäßigen Viertelnoten dominierte Melodie unseres Wochenliedes am Anfang einer jeden Strophe eine ausgedehnte Halbenote Zeit für das Wörtchen »Ach«, nicht um der uns gern nachgesagten Leidenschaft für’s Jammern ein Podium zu geben, sondern um uns darauf aufmerksam zu machen, dass es für uns wichtig ist, regelmäßig achtsam innezuhalten und ganz bei uns zu sein.

Damit wir das, was in uns und um uns passiert, richtig einordnen können. Damit unter den zahllosen Eindrücken immer genug Raum für die Erkenntnis in uns ist, dass wir vom ersten Atemzug an Beschenkte des Lebens sind. Auch wenn wir gerade die wichtigsten Dinge nicht aus eigener Kraft festhalten können.

Die Formulierung »bleib mit deiner Gnade bei uns« setzt es klar voraus: Die wohlwollende Zuwendung, so wird das Wort im Internet erklärt, ist längst bei uns. Es geht also darum, das Vertrauen in uns zu stärken, dass dieser schwer fassliche Zustand in allen Situationen unseres Lebens tragen kann.

Ich bin sicher, dass die eigene Kraft in manchen Zeiten dafür nicht ausreicht. Manchmal muss dieses Geschenk auch durch die persönliche Zuwendung anderer Menschen erlebbar werden.

Verschiedentlich können auch wir solche Menschen sein und einem wachen Blick dafür sollte unser Innehalten ebenfalls dienen. Und schließlich: Das Lied zeigt, dass singen auch beten ist.

Jens Goldhardt
Kirchenmusiker in Gotha

Hier und heute Verantwortung übernehmen

19. Februar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Lasset uns mit Jesus ziehen, seinem ­Vorbild folgen nach, in der Welt der Welt entfliehen auf der Bahn, die er uns brach.
Evangelisches Gesangbuch 384,1

Nein, ich will nicht der Welt entfliehen; ich will nicht immer schon zum Himmel reisen! Seinem Vorbild nachzufolgen ist ein ganz und gar ­irdisches, alltägliches Geschehen. Dazu gehört die Liebe, mit der ich anderen begegne genauso wie mein Wille, den täglichen Anforderungen gerecht zu werden.

Ich halte das nicht nur für legitim, sondern gottgewollt. Jeden Tag in der Nähe Gottes zu sein, Jesus und mit ihm viele andere Menschen als Gottes-Ebenbilder an meiner Seite zu wissen, das bedeutet für mich, auf Erden schon dem Himmel nahe zu sein. »Treuer Jesu, bleib bei mir, gehe vor, ich folge dir.«

Beate Besser, Propsteikantorin und Kirchenmusikerin in Schönebeck

Beate Besser, Propsteikantorin und Kirchenmusikerin in Schönebeck

»Lasset uns mit Jesus leiden, seinem Vorbild werden gleich« – Nein, ich will nicht unglaubwürdig werden, denn ich leide nicht wirklich und ich werde nicht einfach so leiden; auch bin ich nicht arm und werde meine Habe nicht einfach so aufgeben. Das Bedenken des Passionsgeschehens heißt nicht, Leidenssehnsucht zu entwickeln. Es bedeutet für mich vielmehr, fremdes und eigenes Leid, da wo es auftritt, ernst zu nehmen, Geduld aufzubringen und Geduld zu erfahren, Hoffnung zu wecken und Hoffnung zu spüren, zu trösten und mich trösten zu lassen, damit ich auch stellvertretend beten kann: »Jesus, hier leid ich mit dir, dort teil deine Freud mit mir.«

»Lasset uns mit Jesus sterben« – Nein, ich möchte noch nicht sterben, ich werde auch meinen Leib nicht töten. Im Gegenteil: Ich habe hier Verantwortung für dieses Leben und werde deshalb meinen Leib versuchen gesund zu erhalten, nicht nur medizinisch. Ich will nicht der Gefahr erliegen, auf mein körperliches und seelisches Wohlbefinden keinen Wert zu legen.

Aber ich versuche mein Leben so zu gestalten, dass ich, wenn die Zeit kommt, mit der Hoffnung auf das Leben bei Gott sterben kann: »Jesus, dir ich lebe hier, dorten ewig auch bei dir« (EG 384,4).

Beate Besser
Propsteikantorin und Kirchenmusikerin in Schönebeck

Damit wir auch heute den Boden bereiten

12. Februar 2012 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Dass wir nicht Hörer nur allein des Wortes, sondern Täter sein, Frucht hundertfältig bringen.
Evangelisches Gesangbuch 196,2

Pastorin Gabriele Schmidt, Eisenach

Pastorin Gabriele Schmidt, Eisenach

Das Gleichnis vom Sämann im Lukasevangelium beschreibt David Denicke in seinem Lied.

Ein Mann sät seinen Samen in viererlei Boden.

Einige Samen fallen auf den Weg und werden zertreten, manches fressen die Vögel auf.

Anderes fällt auf Felsen und kann dort nicht wachsen, weil es zu wenig Feuchtigkeit bekommt.

Und einiges fällt mitten unter die Dornen und wird dort erstickt.

Doch mancher Samen fällt auf gutes Land und kann wachsen und Frucht bringen.

»Wer Ohren hat zu hören, der höre!« – Mit diesen Worten endet das Gleichnis.

Der Liederdichter, studierter Rechtswissenschaftler und Philosoph, lebt im Zeitalter des Barock. Der christliche Glaube wird in dieser Zeit sehr ernst genommen. Die Geschichte ist bekannt.

Der Glaube spiegelt sich in allen Lebensbereichen wider. Auf der einen Seite die Lebenshaltung des »Carpe diem«, »Nutze den Tag«, auf der anderen das »Memento Mori« – »Denke daran, dass du sterben musst«.

Bedrückende gesellschaftliche Verhältnisse sind an der Tagesordnung. Prunk, Lebensgenuss und Völlerei werden vom mächtigen Adel negativ vorgelebt. Der 30-jährige Krieg hat viele Tausend Menschenleben gekostet und das Land war vielerorts verwüstet.

Einzig Glaubensbilder und Geschichten der Bibel sollen den Menschen nahe sein. Sie können Trost geben und Hoffnung machen, dass die Lebensumstände, in welchen sie jetzt leben, nicht das Letzte sein werden. Gottes Worte wirken weiter. Das war dem Liederdichter wichtig.

Vielleicht sind uns heute die beiden Grundstimmungen aus der damaligen Zeit gar nicht so fremd. Als Christen können wir in den alten Geschichten der Bibel immer wieder ein kritisches und Mut machendes Korrektiv finden für unsere Zeit.

»Wer Ohren hat zu hören, der höre!«, damit wir einen Boden bereiten, auf dem Glaube und Gerechtigkeit für die uns anvertraute Welt gedeihen kann.

Pastorin Gabriele Schmidt, Eisenach

Worauf es im Glauben ankommt

5. Februar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Daran ich keinen Zweifel trag, dein Wort kann nicht betrügen.
Evangelisches Gesangbuch 342,5

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Martin Luther hat mit seinen Liedern mehr Seelen ermordet als mit seinen Schriften und Predigten.« – Das behauptete ein Jesuitenpater im 17. Jahrhundert, und von ihm aus gesehen hat er Recht gehabt! Die Reformation hat sich vor allem durch den Gemeindegesang verbreitet.

Reformation: das war Glauben zum Lesen, zum Hören und zum Singen. So auch das Lied von Paulus Speratus (1484–1551) »Es ist das Heil uns kommen her …« – Mit diesem Lied kann sich jeder und jede leicht merken, worauf es im christlichen Glauben ankommt: Auf Christus kommt es an – nicht auf mich: »Mein guten Werk, die galten nicht … zur Hölle musst ich sinken.«

Der Glaube ist dadurch bei sich selbst, dass er sich ganz auf Christus verlässt. Und weil Gott alles für mich getan hat, darum brauche ich nichts mehr für ihn zu tun. Und alles, was mir an Kraft, an Fantasie, an Möglichkeiten bleibt, das kann und darf ich meinem Nächsten zugutekommen lassen, dem Menschen, der mich hier und jetzt braucht. Und es gibt nahe Menschen, die mich brauchen, und es gibt ferne Menschen, die mein Gebet brauchen, mein Interesse, mein Geld!

Martin Filitz, Senior des Reformierten Kirchenkreises

Martin Filitz, Senior des Reformierten Kirchenkreises


Geistliche Lieder, das ist Glauben, den man singen kann. Liedstrophen kann man sich gewöhnlich leichter merken als Bibelverse. Und weil sich die Texte mit Melodien verbinden, darum nehmen die Melodien sie mit in das Herz.

Eine Kirche, die das Singen aufgibt, gibt sich selber auf. Eine Kirche, die sich ihre Musik nur noch vom mp3-player holt, hat sich abgewickelt. Nicht die Musik als solche ist es, die die evangelische Kirche kennzeichnet, es ist der Gemeindegesang, durch den der Herr den Glauben weckt, stärkt und erneuert:

»Daran ich keinen Zweifel trag, / dein Wort kann nicht betrügen. / Nun sagst du, dass kein Mensch verzag / – das wirst du nimmer lügen –: / Wer glaubt an mich und wird getauft, / demselben ist der Himmel erkauft, / dass er nicht werd verloren« (EG 342,5).

Martin Filitz
Senior des Reformierten Kirchenkreises

Ein frühes Liebesbekenntnis

29. Januar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Lass uns in deiner Liebe und Kenntnis nehmen zu, dass wir am Glauben bleiben.
Evangelisches Gesangbuch 67,3

Manche Dinge ändern sich wohl nie. Der Ruf nach der Bestärkung im Glauben zählt ganz sicher dazu. Die junge Elisabeth Cruciger, Verfasserin unseres Wochenliedes, war die erste evangelische Lieddichterin.

Geboren um 1500 als Elisabeth von Meseritz, wuchs sie in einer pommerschen Adelsfamilie auf; wie damals nicht unüblich, kam sie schon als Kind in das Prämonstratenserinnenkloster Marienbusch bei Treptow an der Rega. Dort lernt sie Johannes Bugenhagen kennen, der, begeistert von der neuen Lehre Luthers, im nahegelegenen Männerkloster unterrichtet.

Viele Menschen zieht er in seinen Bann, so auch Elisabeth von Meseritz. Als er Pommern verlässt, folgt ihm Elisabeth nach Wittenberg. Dort wird sie von der Familie Bugenhagens aufgenommen. Sie findet in ihrem Glauben an Jesus Halt in dieser schweren Zeit, die sie als entlaufene Nonne durchmacht. Sie sucht gemäß der neuen Lehre einen direkten Zugang zu Gott – ohne Umweg über Priester und Heilige.

Laura Schildmann, Kirchenmusikerin in Bad Frankenhausen

Laura Schildmann, Kirchenmusikerin in Bad Frankenhausen


In dieser Zeit entsteht der Text des Liedes. Gott hat Jesus aus Liebe zu uns Menschen gesandt, und in dieser Liebe sollen die Menschen Jesus erkennen und ihn lieben, seine »Süßigkeit im Herzen« schmecken. Er soll ihr Liebster sein, nach dem sie sich stets verzehren sollen. Mit diesem Liebesbekenntnis schrieb Elisabeth das erste Jesuslied der evangelischen Kirche.

Martin Luther ist von dem Lied so angetan, dass er es 1524 im Wittenberger Chorgesangbüchlein, einem der ersten evangelischen Liederbücher, veröffentlicht – anonym, denn es ist noch nicht üblich, dass sich Frauen zu religiösen Themen äußern. Elisabeth verlässt 1524 die Familie Bugenhagen und heiratet den Theologen und Lutherschüler Caspar Cruciger, mit dem sie zwei Kinder haben wird. Als sie 1535 stirbt, ist sie eine der Mütter der Reformation.

Laura Schildmann
Kirchenmusikerin in Bad Frankenhausen

Was lässt den Funken überspringen?

22. Januar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Lobt Gott, den Herrn, ihr Heiden all, lobt Gott von Herzensgrunde.
Evangelisches Gesangbuch 293,1

Auch die Heiden? Das Lied für diese Woche gehört mit seinen zwei Strophen nicht gerade zu den Zeitblockern im Gottesdienst. Das ist kein Wunder: Der Psalm 117 ist der kürzeste des Psalters, von Joachim Sartorius 1591 meisterhaft nachgedichtet. Ich habe das Lied schon als junger Mensch gern gesungen. Das macht die schwungvolle Melodie von Melchior Vulpius, dem wir auch den Satz »Hinunter ist der Sonnen Schein« zu verdanken haben.

Bei den oben erwähnten Heiden muss ich an die Christenlehrezeit zurückdenken, an jenen demütigen Afrikaner auf der Spendendose, den ein Vers darauf als »armen Heidensohn« bezeichnete und der nickte, wenn ein Geldstück eingeworfen wurde. Der Psalmbeter meinte wohl mit Heiden alle Nichtjuden, unser Textautor alle Ungetauften – also die »noch nicht dazugehören«. Das sind in meiner Stadt über 90 Prozent der Menschen. Aber warum sollen die Gott aus Herzensgrunde loben?

Christoph Noetzel ist Kreiskantor im Kirchenkreis Merseburg.

Christoph Noetzel ist Kreiskantor im Kirchenkreis Merseburg.


Davon singt die zweite Strophe: Barmherzigkeit, Wahrheit, Gnade und Gütigkeit sind Dinge, die Gott allen, nicht nur uns Insidern, bis in alle Ewigkeit überreichlich erweist – damals wie heute. Begreifen wir das? Da fällt mir jenes Video auf Youtube ein, wo eine Frau in einem amerikanischen Konsumtempel laut Händels »Halleluja« ins Handy singt und viele mit einstimmen. Warum tun die das? Weil Händels Musik so cool ist? Was lässt hier den Funken überspringen? Ich kann mir so eine Situation bei uns kaum vorstellen. Trotzdem wäre es genau das, wovon wir im Wochenlied singen.

Andererseits: Haben wir als Insider das Gotteslob gepachtet oder was tut der Männerchor (deren Sänger ich vor 25 Jahren als erklärte Atheisten kennenlernte), wenn er in der Adventszeit »Kommet ihr Hirten« singt? Es ist wohl so, dass die Mission weniger im Gottesdienst oder in den innerkirchlichen, oft mit Aufwand und Liebe vorbereiteten Veranstaltungen passiert, sondern da, wo wir es kaum erwarten. Sollen wir dann auch noch »Halleluja« singen? Gerade dann!

Christoph Noetzel
Kreiskantor im Kirchenkreis Merseburg

Den Glauben hinausposaunen in die Welt

15. Januar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Gottes Sohn ist kommen uns allen zu Frommen hier auf diese Erden.
Evangelisches Gesangbuch 5,1

Gottes Sohn ist kommen; ja, er kam, wie alle Menschen: Nackt, unschuldig, wehrlos lag er da in der Krippe, uns allen zu Frommen. Nein, er kam nicht nur für die Frommen; nicht nur für die Juden; er kam für alle Menschen. Sowohl Hirten als auch Weise aus dem Morgenland kamen zu dem neugeborenen Kind. Die, die sich aufmachten, um dem predigenden Jesus nachzufolgen, waren Fischer, Zöllner, einfaches Fußvolk, keine studierten Theologen.

Wer das Kind in der Krippe recht erfassen will, muss zuvor arm werden. In unserem Leben gibt es viel zu viel unnützes, profanes, Zeug, das wir für das eigentliche Leben gar nicht brauchen und was uns abhält, unsere Beziehung zu Gott noch inniger werden zu lassen.

Gott hat uns durch Jesus von der Sünde entbunden. »Heut schließt er wieder auf das Tor zum schönen Paradeis«, singen wir zu Weihnachten. Wir sind erlöst, frei. Leben wir es? Können wir, kann das unser Verstand fassen? Welche (Berge versetzende) Kraft müsste durch solchen Glauben entstehen. Wir müssten viel mehr jubelnd durch diese Welt laufen, um andere Menschen anzustecken von dem neuen Leben, das Jesus uns schenkt.

Hartmut Meinhardt, Stadtkantor in Bad Salzungen

Hartmut Meinhardt, Stadtkantor in Bad Salzungen

Ich habe den Eindruck, dass Gottes Geist in der Kirche in Europa gar nicht recht zur Entfaltung kommen kann, weil wir es verhindern. Wir nehmen uns zu wenig Zeit für (gemeinsame) Gebete, das Bibellesen, den Gottesdienst. Von 168 Stunden in der Woche bleibt nur eine Stunde für den Gottesdienst. Aber die Klöße müssen um 12 Uhr auf dem Tisch stehen! Wann erzählen Christen untereinander von den Erlebnissen mit Gott?

Wie das Lied der vorigen Woche, so ist auch dieses Lied der Böhmischen Brüder ein Glaubensbekenntnis. Sie sangen ihre Lieder einstimmig a-capella im Stehen. Wir müssen wieder lernen, beim Singen in unseren Gottesdiensten aufzustehen, damit die Stimme ordentlich klingen kann und wir unseren Glauben hinausposaunen in diese Welt!

Hartmut Meinhardt
Stadtkantor in Bad Salzungen

Wie ein Gruß aus ferner Zeit

8. Januar 2012 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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O süßer Herre Jesu Christ, der du unser Erlöser bist, nimm heut an unsre Danksagung – aus Genaden!
Evangelisches Gesangbuch Nr. 68

Ein wirklich uraltes Lied … und dann noch »süßer« Jesus – wo wir doch gerade erst die zuckerigen Lieder »Stille Nacht« oder »Süßer die Glocken nie klingen« hinter uns gelassen haben! Und doch: Ich liebe dieses Lied mit seiner schwebenden Melodie, seiner unbeholfenen Silbenzählung und dem ausdrucksstarken Text: »süßer«, nicht »lieber« muss es heißen!

In acht kurzen Strophen dichtete der Böhmische Bruder Michael Weiße (1488–1534) ein nachweihnachtliches Lied, welches den Dank für die Menschwerdung Christi mit dem Ausblick auf seinen Leidensweg und die Existenz der Kirche auf Erden und im Himmel verbindet – und das alles echt reformatorisch: »aus Genaden«.

Martina Apitz, Kirchenmusikdirektorin in Köthen

Martina Apitz, Kirchenmusikdirektorin in Köthen


Die Melodie ist ein altkirchlicher Hymnus. Würde man sich dazu bewegen, käme ein Schreiten und Hüpfen heraus, eine Wendung und Verbeugung vor dem Licht, das in die Welt gekommen ist. Als ­Organistin mag ich die Bearbeitung dieses Liedes von Volker Bräutigam in seinen »Präludien über Weihnachtslieder«, die dieses schwebende Metrum aufnimmt, Motive des Chorals spielerisch verändert und schließlich die Bodenhaftung herstellt.

Eines von 157 Liedern des »Böhmischen Gesangbuches«, des umfangreichsten reformatorischen Liederbuches, grüßt uns da aus fernen Zeiten, die uns durch die Besinnung auf das anstehende Reformationsjubiläum wieder nähergebracht werden. Weiße hat Kontakt zu Martin Luther gepflegt. Nachweislich kannte Luther seine Lieder und übernahm einige in sein Wittenbergisches Gesangbuch.

Ich möchte mir vorstellen, dass er unser Lied zur Lautenbegleitung im Kreise seiner Familie und Schüler in der weihnachtlichen Stube sang – mit dankbarem Herzen für die Geburt Jesu, des süßen (nicht süßlichen) Christkindes. Lassen wir uns vom Danken für unsere Erlösung anstecken und das neue Jahr mit Freude und in Freiheit beginnen!

Martina Apitz
Kirchenmusikdirektorin in Köthen

Damit wir sicher schreiten

30. Dezember 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Der du die Zeit in Händen hast,  Herr, nimm auch dieses Jahres Last  und wandle sie in Segen.
Evangelisches Gesangbuch 64,1

Eigentlich kann man hier nicht Schluss machen mit dem Text von Jochen Klepper, der uns zum Jahreswechsel entgegenkommt, denn Gedichte sind keine Steinbrüche, sie müssen bis zum Ende gelesen, Lieder erst recht zu Ende gesungen werden. Welche Melodie klingt in Ihnen beim Lesen dieses Textes? Die aus dem alten EKG aus reformatorischer Zeit, die noch immer viel gesungen wird, oder die 1960 von Siegfried Reda eigens zum Text komponierte aus dem aktuellen Gesangbuch?

Dietrich Ehrenwerth, Landeskirchenmusikdirektor, Erfurt

Dietrich Ehrenwerth, Landeskirchenmusikdirektor, Erfurt

Beide passen hervorragend zu Kleppers Gedicht, nachdenklich, ein bisschen schwermütig, beides keine »Eintagsfliegen-Melodien«. Und doch empfinde ich: Die neue Melodie ist näher dran an dem, was der Dichter zu sagen hat!

Obwohl Klepper eigentlich schon verboten war, konnte sein 1937 entstandenes Gedicht am Neujahrstag 1938 in der »Deutschen Allgemeinen Zeitung« abgedruckt werden. Unendlich weit entfernt scheinen wir und unsere »Lasten« von denen der ausgehenden 1930er Jahre. Oder kann man Lasten nicht gegeneinander aufwiegen? Was drückt uns?

Die persönlichen Sorgen um die Liebe(n) im Familien- oder Bekanntenkreis, das  Unerledigte des vergangenen Jahres, Bruchstückgebliebenes, alles, was so anders werden sollte, aber da standen die Zwänge dagegen – von den Lasten unserer Welt, Gewalt, Katastrophen, Klimawandel, Wohlstandssucht, Gier gar nicht erst anzufangen …

Die Zeile »und wandle sie in Segen« ist bei Reda ein Melodoiezitat: »Ich bitt, erhör mein Klagen« singen wir genauso in EG 343. Sicher kein Zufall. Unsere Lasten dürfen Gott geklagt, bei ihm abgeladen werden.

»Du« ist das am häufigsten verwendete Wort im Klepper-Text, du, der Ewige, du, der Schöpfer unseres Lebens, du, der Gnade verleiht, du, der Vollender.

Unsere Zwiesprache mit Gott, unser Gebet, unsere Bitte für 2012 »und führe uns an deiner Hand, damit wir sicher schreiten«.

Dietrich Ehrenwerth

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