Die fröhliche Dienstgemeinschaft

8. Juli 2017 von redaktionguh  
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Neustart: Pfarrer Christoph Stolte hat am 1. Juli sein Amt als Vorsitzender von Ostdeutschlands größtem Wohlfahrtsverband, der Diakonie Mitteldeutschland, angetreten. Katja Schmidtke sprach mit dem 51-Jährigen über einen außergewöhnlichen Sommer, reizvolle Perspektivwechsel und eine »fröhliche Dienstgemeinschaft«.

Reisen, Ruhe, Müßiggang: Sommerzeit ist Urlaubszeit. Bei Ihnen sieht das in diesem Jahr etwas anders aus. Ein außergewöhnlicher Sommer?
Stolte: Das ist er, zweifelsohne. Der Abschied von der Diakonie-Stadtmission Dresden, dazwischen eine Pause und dann der Start in der Diakonie Mitteldeutschland. Ich freue mich, bin neugierig, und natürlich ist da auch eine gesunde Anspannung bezüglich dessen, was auf mich zukommt.

Worauf freuen Sie sich besonders?
Stolte: Der Reiz ist es, Diakonie aus der Verbandsperspektive wahrzunehmen und diese selbst einzunehmen, aufbauend auf den Erfahrungen, die ich aus der Vorstandsarbeit der Stadtmission Dresden mitbringe. Ich wechsele die Perspektive und bleibe dennoch in der Diakonie, wo ich mich mit Leidenschaft zu Hause fühle.

Fotos: Willi Wild, Katja Schmidtke

Fotos: Willi Wild, Katja Schmidtke

Was werden die großen Themen Ihrer Arbeit sein?
Stolte: Armut. Wo sind Menschen in Not, wo ist Teilhabe eingeschränkt, wo entwickelt sich Armut neu – all das werden wir beobachten und darauf nicht nur hinweisen, sondern an Lösungen mitarbeiten. Das Thema Altersarmut wird uns beschäftigen, weil immer mehr Menschen aufgrund gebrochener Berufsbiografien in den letzten 25 Jahren ihr Alter mit sehr kleinen Renten oder Grundsicherung bestreiten werden müssen.

Sie sprachen die gesellschaftliche Teilhabe an. Inklusion wird gerade heftig diskutiert, selbst diakonische Werke haben sich kritisch über die praktische Umsetzung geäußert. Ist das Bundesteilhabegesetz ein Spargesetz?
Stolte: Inklusion ist die große Vision von gleichberechtigter Teilhabe jedes Menschen. Diese Vision ist auch biblisch gut fundiert, aber sie konkret zu leben, ist die Herausforderung. Das neue Bundesteilhabegesetz richtet sich an Menschen mit Behinderungen und rückt den Einzelnen ins Zentrum. Jeder Mensch mit Behinderung soll sein Leben so gestalten, wie er möchte. Und wir müssen schauen, wie es in den Ländern, Landkreisen und Kommunen gelingt, dass der Einzelne an Gemeinschaft und Arbeit teilhaben kann. Das ist ein Entwicklungsprozess mit vielen kleinen Schritten. Die Gefahr ist, dass wir uns damit abfinden, dass ein Mensch mit Behinderung grundsätzlich am Rande des Existenzminimums lebt – und das reduziert gesellschaftliche Teilhabe um ein ganzes Stück.

Heute leben viele Menschen mit Behinderungen in Wohnheimen, arbeiten in Werkstätten. Das wird sich ändern.Wir werden eine größere Vielfalt an Betreuung haben, vom Wohnheim bis zu individuellen Formen. Keine ist grundsätzlich besser oder schlechter. Maßstab ist der einzelne Mensch und was er möchte. Das erfordert ein großes Umdenken, auch in der Gestaltung von Arbeit, Arbeitszeiten und Dienstplänen. In der Diakonie wird es zu geteilten Diensten führen, zu einer höheren Flexibilität von täglicher Dienstzeit, wir werden keine Dienstpläne mehr über acht Wochen hinweg festlegen können. Natürlich ist es ein Spannungsfeld, Unterstützung auf der einen Seite so zu gestalten, wie es der einzelne Mensch braucht, und auf der anderen Seite Arbeitszeiten festzulegen, die dem Lebens- und Familien­rhythmus von Mitarbeitern entsprechen.

Mit der Diakonie kamen Sie während Ihres Zivildienstes erstmals in Berührung und haben Ihre Berufslaufbahn nach Vikariat und Pfarrdienst bei der Diakonie in Dresden fortgesetzt. Haben Sie kulturelle Unterschiede bemerkt zwischen Ost und West?
Stolte: Kulturunterschiede, das ist mir ein zu starkes Wort. Natürlich gibt es unterschiedliche Lebenssituationen, denken Sie an das Thema Armut. Wir sind auf dem Weg in eine deutlich vielfältigere Gesellschaft, in diesen Lernprozessen sind westdeutsche Gesellschaften weiter. Ich bin am Rand des Ruhrgebiets aufgewachsen, bin mit den Kindern der ersten Gastarbeitergeneration zur Schule gegangen, das war für mich alles ganz normal. Die Entwicklung zu einer bunten Gesellschaft wird uns hier im Osten beschäftigen. Ich sehe darin viele Chancen. Wir werden uns alle verändern und voneinander lernen. Die Diakonie in den neuen Ländern ist flexibel und hat einen großen Erfahrungsschatz, wie mit gesellschaftspolitischen Veränderungen umzugehen ist.

Sie haben in Marburg, Göttingen und São Paulo studiert. Danach sind Sie nach Sachsen gegangen. Warum?
Stolte: Meine Frau und ich haben Freunde in Sachsen und waren schon als Schüler dort, der Osten war uns nicht unbekannt. Nach Ende des Studiums entschieden wir uns aus einem einfachen Grund dafür, nach Sachsen zu gehen: Neugier. Wir stellten uns damals die Frage, wo wir leben wollen, wo viel passiert und vieles möglich ist. Zu Beginn meines Vikariats im Sommer 1994 sind wir fröhlich nach Leipzig gezogen. Das war und ist gut und richtig. Wir sind gerne in diesem Teil Deutschlands, wir wollen bleiben. Hier ist Heimat, wir sind angekommen.

Sachsen-Anhalt und Thüringen kennen Sie bislang nicht so gut wie Sachsen. Worauf freuen Sie sich besonders?
Stolte: Darauf, die vielen kleinen, aber geschichtlich und kulturell prägenden Städte kennenzulernen. Da kommt mir zugute, dass ich diesen Sommer einige der insgesamt 1700 Einrichtungen der Diakonie Mitteldeutschlands besuchen werde.

Sommerlogo GuHIch war am 28. Mai bereits in Wittenberg, da ich leidenschaftlicher Posaunenspieler bin. Als einer der 6?000 Bläser habe ich mit meinem ältesten Sohn unter der sengenden Sonne schöne Musik gemacht. Das war eine wunderbare Erfahrung. Da sind wir angedockt an diese Region. Mit der Familie wollen wir uns im Sommer die Weltausstellung Reformation ansehen.

Wird Ihre Familie nach Halle ziehen?
Stolte: Ja, aber erst nächsten Sommer, damit unser Sohn noch in Sachsen Abitur machen kann und nicht kurz vorm Abschluss die Schule wechseln muss.

Wie verbringen Sie den Sommer?
Stolte: Ich genieße es, im Sommer nach der Arbeit viel draußen zu sein. Ich bin leidenschaftlicher Läufer. Sommerkonzerte, Open-Air-Kino, das finde ich reizvoll. Wir verreisen jedes Jahr an einen anderen Ort. Wohin, das wird im Herbst gemeinsam ausgehandelt. Dieses Jahr an die Nordsee. Wir fahren Rad und werden zusammen kochen – Dinge, für die wir im Alltag nicht so viel gemeinsame Zeit haben. Ferienbedingt ist mein erster Arbeitstag am 17. Juli.

Sie haben sich den Kollegen in der Geschäftsstelle in Halle bereits vorgestellt, eine Andacht gehalten. Was erwartet die rund 100 Mitarbeiter? Was sind Sie für ein Chef?
Stolte: Ich habe den Kollegen Mut gemacht: Gute Lösungen finden wir nur gemeinsam. Der große Reichtum liegt in uns: der Bandbreite der Männer und Frauen hier, der Bandbreite ihrer Berufe – Theologen, Pädagogen, Juristen, Betriebswirte. Jeder soll seine Fachlichkeit und Persönlichkeit einbringen, und meine Hoffnung ist, dass wir Lösungen erarbeiten, die mehr sind als die addierte Summe der Einzelgedanken. Als ich das bei der Andacht am 19. Juni sagte, habe ich in sehr offene, freundliche Gesichter geschaut.

Im Leitbild der Geschäftsstelle steht übrigens die wunderbare Kombination von »fröhlicher Dienstgemeinschaft«. Das drückt Leichtigkeit aus, Humor, gemeinsam auf dem Weg sein. Fröhlich unterwegs sein, auch bei schwierigen Themen, heißt beweglich genug zu sein, noch einmal anders zu denken.

Die Flüchtlingskrise hat in den Kirchen zu einem großen Aufschwung geführt. Sie hat gezeigt, was an ehrenamtlichem Potenzial vorhanden ist. Wie lässt sich das erhalten und fortsetzen?
Stolte: Die Kirchen waren sehr offen, mit anderen gesellschaftlichen Akteuren zusammenzukommen. Sie waren der Partner, der alle versammelt. Ich hätte noch vor drei Jahren gedacht, Kirche hätte da viel weniger Energie – und das in einer Gesellschaft, von der wir oft behaupten, jeder denke nur an sich. Das stimmt nicht. Gerade bei jungen Menschen war die Bereitschaft groß. Wir haben noch viel Potenzial, müssen uns aber umstellen. Vieles wird spontaner, flexibler, weniger strukturiert-organisiert. Die Diakonie kann dabei helfen, ich denke da an die Qualifizierung von Ehrenamtlichen und eine gute Vernetzung mit Hauptamtlichen.

Ihr Vorgänger, Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg, hat für einen Schulterschluss von Kirchengemeinden und Diakonie geworben. Wie sehen Sie das?
Stolte: Wir müssen davon wegkommen, in Strukturen zu denken. Da eine GmbH, ein Verein, eine Stiftung – das sind alles Hilfsformen, um unseren Auftrag gut zu verrichten. Theologisch ist Diakonie ein Teil der Kirche. Viele Mitarbeiter verstehen sich als Teil der Kirche, auch nichtkonfessionell Gebundene. Das Verständnis von Kirche und ihrer Diakonie zeigt sich bis in die EKM-Verfassung: Der Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werkes ist Mitglied des Landeskirchenrats; auch, dass die Landessynode die letzte Entscheidung bei der Personalbesetzung hat, ist Ausdruck eines Gesamtverständnisses.

Und wie kommt dieses Verständnis an die Basis, an die Kirchengemeinden und diakonischen Werke?
Stolte: In Dresden habe ich dafür geworben, dass der Gottesdienst im Seniorenheim auch im Gemeindeblatt angekündigt wird, denn auch die diakonische Einrichtung ist ein Ort der Kirche. In vielen Gemeinden ist uns das gelungen und es kamen Menschen aus dem Stadtteil ins Pflegeheim, weil es näher ist oder die Zeit passender, weil das Heim barrierefrei ist oder man sowieso eine Nachbarin besuchen wollte. Und plötzlich wächst es ineinander.

Christoph Stolte stammt aus Unna (NRW). Er leistete seinen Zivildienst bei der Diakonie Bayern, studierte in Marburg und Göttingen evangelische Theologie und war Stipendiat des Lutherischen Weltbunds in São Paulo (Brasilien), wo er katholische Theologie studierte. 1994 begann er sein Vikariat in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Er war Gemeindepfarrer in der Region um Bautzen und acht Jahre Stadtjugendpfarrer von Dresden. Stolte leitete anschließend fast zehn Jahre lang die Diakonie-Stadtmission Dresden mit 1?400 Mitarbeitern. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Diakoniechef geht in Rente

16. Juni 2017 von redaktionguh  
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Bilanz: Im Juli geht der Gründungsvorsitzende der Diakonie Mitteldeutschland, Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg, in den Ruhestand. Mirjam Petermann hat mit ihm gesprochen.

Herr Grüneberg, wissen Sie schon, wie Ihr Ruhestand aussehen wird?
Grüneberg:
Ich will den Übergang nicht leichtnehmen. Demzufolge werde ich eine längere Wanderung machen. Auf der einen Seite, um Abstand zu gewinnen, und auf der anderen Seite, um den nächsten Lebensabschnitt ein bisschen klarer zu sehen.

Wohin geht es?
Grüneberg:
Von der Wartburg nach Assisi. Dieser Gedanke ist mir zum 800-jährigen Jubiläum der heiligen Elisabeth gekommen, die sehr durch das Armutsideal der Franziskaner am Fuße der Wartburg beeinflusst war.

Seltener Moment: Bald hat Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg mehr Zeit, seinen Garten, »den schönsten Ort in Eisenach«, zu genießen. Am 16. Juni wird der Diakoniechef in den Ruhestand verabschiedet. Foto: Mirjam Petermann

Seltener Moment: Bald hat Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg mehr Zeit, seinen Garten, »den schönsten Ort in Eisenach«, zu genießen. Am 16. Juni wird der Diakoniechef in den Ruhestand verabschiedet. Foto: Mirjam Petermann

Haben Sie auch schon Pläne für die Zeit nach Ihrer Rückkehr?
Grüneberg:
Ich bin im Jazzclub Eisenach momentan eher ein passives Mitglied. Das kann ich jetzt ändern.Dann werde ich mich stärker um meine Enkelkinder und meine beiden Söhne kümmern. Außerdem habe ich in den letzten Jahren Haus, Garten und Wald ein bisschen vernachlässigt. Und mich haben zwei Einrichtungen gefragt, ob ich in Zukunft in ihren Gremien mitarbeiten könnte. Das werde ich gerne machen. Dann ist es aber erstmal genug.

Hatten Sie Zweifel, als Sie 1999 gefragt wurden, das Amt zu übernehmen?
Grüneberg:
Ich bin da nicht einer, der in sich geht und dann überlegt, ob er das kann oder nicht. Ich habe eher gedacht: Wenn die denken, ich kann das, dann sage ich: Okay, ich probiere es.

Gab es Momente, in denen Sie die Entscheidung bereut haben?
Grüneberg:
Nein. Es ist ja nicht nur eine anstrengende, sondern auch eine interessante Arbeit. Praktisch ist kein Arbeitstag wie der andere. Man muss nur ruhig bleiben und darf sich nicht verrückt machen lassen. Ich habe eher ein ruhigeres Gemüt, das hat mir sehr geholfen.

Wie lautet Ihre persönliche Bilanz Ihrer Arbeit als Diakoniechef?
Grüneberg:
Diese 17 Jahre waren wie ein Lernprogramm für mich. Es gab jeden Tag etwas Neues zu verstehen. Die wichtigste und zugleich anstrengendste Phase war die Fusion der drei diakonischen Werke zur Diakonie Mitteldeutschland. Darüber stand immer die Frage: Wird es sich lohnen?

Heute kann ich mit Abstand sagen, die Entscheidung war richtig. Das Ziel, die Diakonie Mitteldeutschland strategisch für die Zukunft gut aufzustellen und als sozialpolitischer Akteur stärker wahrnehmbar zu machen, wurde erreicht.

War Ihre Amtszeit erfolgreich?
Grüneberg:
Zu sagen, wie erfolgreich oder wie erfolglos so eine Tätigkeit ist, ist schwierig. Wir haben bestimmte Themen in die Öffentlichkeit gebracht, zum Beispiel das Thema Armut. Das wurde auch von politischer Seite eher distanziert aufgenommen. Aber im Laufe der Jahre ist das in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Was hat Sie noch beschäftigt?
Grüneberg:
Das Thema Pflege. Dabei hat sich der Fokus verändert. Am Anfang stand die Anerkennung unserer diakonischen Tarife. Werden die Menschen gut bezahlt? Stimmt die Qualität? Heute fragen wir uns, ob wir in der Pflege überhaupt noch gute Arbeitskräfte finden werden. Es sind immer dieselben Themen, aber im Grunde genommen verändern sich die Akzente. Das heißt, man ist mit bestimmten Dingen eigentlich nie fertig.

Ist dieser Zustand nicht unbefriedigend?
Grüneberg:
Nein, man muss sich den Aufgaben stellen, die jetzt aktuell sind. Aber in dem Bewusstsein, dass man nicht zu einer endgültigen Lösung kommen wird. Mit einer sich verändernden Gesellschaft verändern sich in bestimmten Bereichen auch immer die Fragestellungen.

Kann die Diakonie mit dem christlichen Ansatz andere Antworten geben?
Grüneberg:
Ich glaube schon. Es ist einfach etwas anderes, wenn man bestimmte Handlungsweisen von seinem Glauben her ableitet. Wenn es in der Gesellschaft aber nur noch Stimmen gibt, die Themen ökonomisch, rational oder angstbesetzt betrachten, dann gibt es ganz andere Antworten. Hier merkt man, dass die Stimmen der Kirchen unentbehrlich sind, um ethische und christliche Werte in der Gesellschaft lebendig zu halten.

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger Christoph Stolte?
Grüneberg:
Die Erfahrung lehrt, dass die Kulturen in den unterschiedlichen Bundesländern sehr verschieden sind und man sich darauf einstellen muss. Ich wünsche ihm, dass ihm das gelingt. Und dass er in seiner Arbeit Erfüllung findet und seine eigenen Impulse setzen kann.

www.diakonie-mitteldeutschland.de

Im Geiste Martin Luther Kings

13. November 2009 von redaktionguh  
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Die Gruppe »Gewaltlos leben« feierte ihr 25-jähriges Bestehen

Nach einer Demonstration auf der Bonner Hardthöhe überreichten Mitglieder von »Gewaltlos leben« 1992 dem damaligen Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg einen zweieinhalb Meter langen Rotstift. 	Foto: privat

Nach einer Demonstration auf der Bonner Hardthöhe überreichten Mitglieder von »Gewaltlos leben« 1992 dem damaligen Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg einen zweieinhalb Meter langen Rotstift. Foto: privat

»Gewaltlos leben« ist eine christliche Friedensgruppe in Thüringen, die sich aktiv für Gerechtigkeit, Versöhnung und die Bewahrung des Friedens einsetzt. Vom 6. bis 8. November wurde beim jährlichen Treffen in Schönburg das 25-jährige Jubiläum begangen. Die Gruppe entstand 1984 auf Initiative von Pfarrer Jo Winter aus Langenschade (Kirchenkreis Rudolstadt-Saalfeld), der sie bis zu seinem Tod 2006 leitete. Damals setzten sich ca. 160 Jugendliche der Jungen Gemeinden im Raum Saalfeld mit der Erklärung der gewaltlosen Bürgerrechts­bewegung von Martin Luther King auseinander und bearbeiteten die ­darin enthaltenen 10 Gebote für die aktuelle Situation.

Der so entstandene Text »Gewaltlos leben« wird von jedem neuen Gruppenglied als Selbstverpflichtung persönlich unterschrieben. Damit demonstriert jeder Einzelne die Ernsthaftigkeit seiner Bemühungen und seine Zugehörigkeit zur Gruppe. Auch deshalb wurden alle Aktivitäten bis 1990 von der Staatssicherheit der DDR intensiv überwacht. Heute gehören über 200 Freunde in ganz Deutschland zu »Gewaltlos leben«, das Zentrum ist weiterhin Langenschade.

»Nach den ersten Umweltaktionen im Raum Saalfeld wurde ein antimilitaristisches Kabarett in verschiedenen Orten im Süden der DDR aufgeführt«, weiß Georg Möller zu berichten, der zu den Akteuren der Gruppe gehört. Diese forderte nach der friedlichen Revolution 1989 von den Siegermächten die Auflösung beider deutschen Armeen. »Dazu hissten wir regelmäßig weiße Fahnen vor dem Militärgebäude in Saalfeld und demonstrierten vor dem Verteidigungsministerium in Bonn.«

Mit dem Bürgerkrieg in Jugoslawien erweiterte sich der Aktionsradius. Zuerst wurde ein illegales Flüchtlingslager in Zagreb regelmäßig mit Milch und Obst versorgt. Ein weiteres Projekt war der Aufbau und die Unterstützung von drei Nähstuben für im Krieg traumatisierte Frauen in Bosnien.

Seit dem Jahr 2000 gibt es das Bildungsprojekt »Za djaka« (Für Schüler) für 30 bosnische Kriegswaisen, die von »Gewaltlos leben« bis zum Ende ihrer Ausbildung monatlich 25 Euro Schulgeld bekommen. »Wir halten
zu ihnen Kontakt, besuchen sie zu Hause und helfen bei der Lösung verschiedener Probleme. Diese Freundschaft bedeutet ihnen unabhängig vom Geld sehr viel. Einige bosnische Jugendliche konnten wir zu vierwöchigen Bildungsaufenthalten nach Deutschland einladen und ihnen ­unser Land zeigen«, erzählt Georg Möller weiter.
Seit 2002 gibt es alle zwei Jahre eine Rüstzeit mit den bosnischen Jugendlichen und den deutschen Gliedern von »Gewaltlos leben« (ca. 80 Personen). Diese fanden zweimal in Bosnien, in Slowenien und 2008 in Kroatien statt. In diesen intensiven Wochen machen alle Beteiligten gute Erfahrungen miteinander, bekommen neue Denkanstöße und erleben Gemeinschaft.

»Gewaltlos leben« trifft sich regelmäßig und arbeitet zu tagespolitischen Ereignissen, gesellschaftlichen Problemen und setzt sich mit der Kirche kritisch auseinander. Anfang 2008 entstand ein Arbeitspapier zu Afghanistan. »Aufbauend auf unseren Erfahrungen in Bosnien«, so Möller, »haben wir von der Bundesregierung eine zivile und koordinierte Aufbauhilfe in Afghanistan gefordert.«

Auf dem Jahrestreffen in Schönburg hielt der Friedensbeauftragte der EKD, Pastor Renke Brahms (Bremen), ein Referat zur Friedensarbeit der Kirche. Dabei wurden Strukturen erklärt, Möglichkeiten aufgezeigt, Versäumnisse und Hindernisse benannt. Am Nachmittag wurden diese Themen in Gruppenarbeiten aufgenommen und nach Möglichkeiten gesucht, die Friedensarbeit stärker in Kirche und Gesellschaft hineinzutragen. Der Tag klang mit einer Lesung von Marina Achenbach aus Berlin aus. Am Sonntagmorgen feierten die Akteure mit Pfarrer Christoph Victor aus Hildburghausen einen Dankgottesdienst.

»Für 2010 ist wieder eine gemeinsame Rüstzeit mit den bosnischen Jugendlichen geplant. Wir werden uns in Ungarn, in der Nähe von Budapest, treffen. Die Unterkunft ist bereits gebucht, es gibt erste Ideen für die thematische Arbeit«, blickt Georg Möller in die nahe Zukunft. Die Gruppe arbeitet ehrenamtlich und kommt für alle Kosten selbst auf. Die Projekte und Aktionen werden ausschließlich durch Spenden finanziert.  

(mkz)