»Es gibt keine Kampagne«

14. August 2016 von redaktionguh  
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Offene Kirchen: Workshops geplant

Kirchen öffnen – das ist der Appell von Landesbischöfin Ilse Junkermann. Ihm zu folgen, dazu ermutigt eine eigens gegründete Arbeitsgruppe, die nun auch Workshops anbietet. Was es damit auf sich hat, erklärt Regionalbischof Diethard Kamm (Gera).

Mutmacher, dieses Wort lässt der Propst gelten. Er und die anderen Mitglieder der Arbeitsgruppe »Initiative Offene Kirchen« wollen Mut dafür machen, die Kirchentüren aufzuschließen. Oder zumindest einmal darüber nachzudenken. Mit einer zwölfseitigen Handreichung informieren sie die Kirchengemeinden der EKM. Seit Monaten fahren sie für Gespräche übers Land. Nun bieten sie in den Propsteien auch Workshops zum Thema an. Den Auftakt der Reihe wird es am 16. August, 18 Uhr, im Gemeindehaus in Gera geben.

Propst Diethard Kamm – Foto: EKM

Propst Diethard Kamm – Foto: EKM

»Erste Anmeldungen sind eingegangen«, sagt Diethard Kamm, der die Arbeitsgruppe leitet. Sehr viele Ehrenamtliche seien darunter, wobei sich das Angebot ebenso an Pfarrer und Mitarbeiter richtet. Wer spontan dazukommen möchte, ist eingeladen. Zwei bis drei Stunden wird der Workshop dauern. Zunächst wird die Arbeitsgruppe in einer Präsentation das Anliegen »Offene Kirchen« vorstellen, anschließend sollen gemeisam Chancen und Möglichkeiten sowie Ängste und Sorgen formuliert werden.

»Es ist die Entscheidung jeder Kirchengemeinde, die Kirche zu öffnen oder eben nicht«, erklärt Diethard Kamm. Keine Kampagne also und auch kein Patentrezept für die angemessene Form der Öffnung. »Geöffnet kann heißen: ständig, in den Sommermonaten, an den Wochenenden oder auch nur der Hinweis, wer die Tür öffnen kann.« Solche Varianten sind bereits jetzt vielerorts üblich, wie Kamm bei seinen Besuchen in den Gemeinden erfuhr. Und zwar längst nicht nur bei jenen 140 Kirchen, von denen der EKM in ihrem Gebiet eine verlässliche Öffnung offiziell bekannt ist.

Wie viele Kirchen tatsächlich außerhalb der Gottesdienste zugänglich sind, das ermittelt aktuell eine Umfrage bei den Gemeinden. Diese Angebote sollen sichtbar werden, zum Beispiel auf der Internetseite »Kirchenlandkarte Mitteldeutschland« oder über die Kirchen-App der EKD. »Noch wird die Chance, die landeskirchliche Ebene als Multiplikator einzusetzen, zu wenig genutzt«, sagt Diethard Kamm. Die Landeskirche ist aber auch gefragt, wenn es um den Umgang mit Vandalismus und Diebstahl geht. Wie hier eine Unterstützung für die Gemeinden aussehen könnte, werde derzeit überlegt.

Noch eines ist Kamm wichtig: Natürlich verwies der Appell der Landesbischöfin, die Kirchen zu öffnen, auf das 500. Reformationsjubiläum. Aber die Idee der offenen Kirchen soll über den 31. Oktober 2017 hinaus getragen werden. Mit Mut geht das leichter.

Susann Winkel

Workshop-Termine: 31. August in Weimar; 10. September in Meiningen und 13. September in Halle

www.gemeindedienst-ekm.de

Erst mal Klinken putzen

26. Juni 2016 von redaktionguh  
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Experiment: Gottes Haus soll nicht zugesperrt sein. Dafür wirbt Landesbischöfin Ilse Junkermann nicht nur, nein, sie fordert es ein. Die Umsetzung des Vorhabens gestaltet sich schwierig.

Diesen Satz hat René Thumser in den vergangenen Monaten oft gehört: »Was sich die Bischöfin da wieder ausdenkt!« Er fällt so oder ähnlich fast immer, wenn er und seine Mitstreiter aus der Arbeitsgruppe »Initiative Offene Kirchen« zu Besuch in Kirchengemeinden sind. Ihre Aufgabe ist es dann, zu übersetzen. »Jedes Kirchengebäude in der EKM soll spätestens ab Frühjahr 2017 tagsüber geöffnet sein.« So hat es Ilse Junkermann bei der Herbstsynode im November in Erfurt gesagt. Der Appell der Bischöfin ist unmissverständlich, an der Basis aber gibt es Missverständnisse.

Einfach so die Kirchentüre aufschließen – für viele eine beängstigende Vorstellung. Beispiele zeigen: Es funktioniert, ohne größere Schäden. Foto: ArTo – Fotolia.com

Einfach so die Kirchentüre aufschließen – für viele eine beängstigende Vorstellung. Beispiele zeigen: Es funktioniert, ohne größere Schäden. Foto: ArTo – Fotolia.com

Das war so zu erwarten. Das war der Preis für die Aufmerksamkeit innerhalb und außerhalb der Kirche. Gottes zahlreiche Häuser in Mitteldeutschland sollen den Besuchern offen stehen, wenn ein halbes Jahrtausend Reformation gefeiert wird. Die EKM möchte sich als gute Gastgeberin zeigen, sie will weder sich noch ihre Gebäude vor den Menschen verschließen.

Aufschließen müssen die rund 4 000 Kirchen aber andere, die Gemeindekirchenräte in den Städten und Dörfern. Und die hören nicht zum ersten Mal von so einer Idee. Es gibt bereits Signets für verlässlich geöffnete Kirchen, für Radwegkirchen, für Pilgerkirchen. Der Erfolg ist mager. An jedes Signet an der Pforte sind Auflagen gebunden, die zu erfüllen nicht überall gelingen kann. Deswegen muss René Thumser vorsprechen. Er muss erklären, dass es eben nicht um Signets und Auflagen geht, sondern um kleine und individuelle Lösungen: Öffnungszeiten im Sommerhalbjahr, am Wochenende und an Feiertagen oder ein Hinweis, wer die Tür auf Wunsch öffnen kann.

Es ist das große Klinkenputzen, bevor sich die Schlüssel in den Schlössern drehen. »In den Gemeinden haben sich Traditionen eingeschliffen: Entweder die Kirche ist zu oder sie ist auf«, sagt René Thumser. Dort, wo sie zu ist – das ist in der Mehrheit der Gemeinden der Fall –, muss es gelingen, diese Tradition zumindest einmal infrage zu stellen. Abzuwägen, was für und was gegen geöffnete Kirchentüren einzuwenden ist. Dagegen spricht die Angst vor Diebstählen und Vandalismus, die Sorgen um zusätzliche Arbeit für die bereits Engagierten und manchmal auch die Meinung, dass ja ohnehin keiner die offene Kirche aufsuchen würde. René Thumser hat Antworten auf all diese Fragen, er kann Ängste und Sorgen relativieren. Einbrüche geschehen aller Erfahrung nach nicht am helllichten Tag, sondern nachts, wenn abgeschlossen ist. Für Schließ- und eventuelle Aufsichtsdienste lassen sich oft auch Partner außerhalb der Kirchengemeinde gewinnen, in den Kirchbauvereinen etwa. Und schließlich: »Offene Kirchen werden sehr wohl aufgesucht.«

Weil die Mitglieder der Arbeitsgruppe nicht für jede der 4 000 Kirchen selber zum Gespräch vorstellig werden können, schon gar nicht bis 2017, haben sie zunächst eine Handreichung für die Gemeindekirchenräte erstellt. Auf zehn Seiten wird mit Argumenten und Erklärungen einer diffusen Furcht Besonnenheit entgegengesetzt. Es gibt technische Sicherungsvorkehrungen, es gibt Versicherungen und vor allem gibt es keine Vorwürfe der Kirchenleitung, wenn trotz allem etwas gestohlen werden sollte.

Erste Kirchengemeinden, etwa jene in Seebach bei Eisenach, sind auf die Handreichung hin schon aktiv geworden. Sie haben René Thumser eingeladen. Im August und September werden in den Propsteien zu diesem Thema auch Workshops für Gemeindekirchenräte geplant. Außerdem soll die digitale Kirchenlandkarte der EKM mit derzeit nur 1 178 Eintragungen vervollständigt werden, damit alle Kirchen und ihre Angebote für Besucher sichtbar werden. Auch das könnte ein Ansporn für Veränderung sein.

Wohl zur Herbstsynode wird es wieder Aufmerksamkeit für dieses Thema geben. Dann sollten erste Zahlen von dort vorliegen, wo der Appell der Bischöfin in die Tat umgesetzt wurde. Und wo es noch Missverständnisse gibt.

Susann Winkel

Die Handreichung und weitere Informationen finden Sie im Internet:

www.ekmd.de/service/offenekirchen

Sprachlos in Römhild

9. Mai 2016 von redaktionguh  
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Ganz im Süden Thüringens traf Landesbischöfin Ilse Junkermann Flüchtlinge und deren Unterstützerkreis

Samstag ist Putztag in der GU. Da halten es die Bewohner des ehemaligen Bürogebäudes am Ortsrand von Römhild wie viele Bürger der Landgemeinde im Kirchenkreis Meiningen. Das routinemäßige Reinemachen trifft sich, weil sich an diesem Samstag Besuch angekündigt hat. Aus Magdeburg. Landesbischöfin Ilse Junkermann will sich die GU ansehen, die alle nur GU nennen, weil Gemeinschaftsunterkunft so umständlich viele Silben hat.

Vorerst aber heißt es warten, denn das Navigationssystem schickt den Besuch zunächst einige Orte weiter nach Jüchsen. Es kennt die neuen Postleitzahlen im Grabfeld noch nicht. Als das irregeführte Auto mit dem Kennzeichen MD dann doch vorfährt, lässt sich Ilse Junkermann ihre Verwunderung anmerken. Die GU teilt sich das Gelände mit einem Schrott- und Edelmetallhandel sowie dem örtlichen Bauhof. Aufgereiht und verschlossen stehen die roten Holzbuden für den nächsten Weihnachtsmarkt bereit, dazwischen Zäune und Absperrungen.

Freundliche Begrüßung für die Landesbischöfin – manchmal sagen Gesten mehr als viele Worte. – Foto: Susann Winkel

Freundliche Begrüßung für die Landesbischöfin – manchmal sagen Gesten mehr als viele Worte. – Foto: Susann Winkel

Zur Verwunderung kommt in der GU Sprachlosigkeit. Selim fehlt. Der siebenjährige Syrer übersetzt sonst für seine Familie und die knapp sechzig Afghanen, die hier leben. Fünf Sprachen beherrsche Selim, erzählt ein Bewohner beeindruckt: Arabisch, Kurdisch, Persisch, Englisch, Deutsch. Aber er ist bereits in Meiningen, wo er und seine Familie an diesem Wochenende eine eigene Wohnung beziehen.

Weil miteinander reden kaum möglich ist, wird über die Besuchten geredet. In der oberen Etage gebe es gar keine Probleme, berichtet der Hausmeister. Ob es in den anderen mehr gibt, lässt er offen. Das Putzen lasse zu wünschen übrig, trotz bildreicher Erklärungen an den Türen von Küche und Duschraum, die mit Schriftzeichen in Paschto und Dari ergänzt sind, jener beiden Sprachen, die in der GU gesprochen werden. Einige Zimmer öffnen sich für den Besuch, Tee und Kaffee werden angeboten. Ilse Junkermann begrüßt freundlich, wird aber auch deutlich zu den Mitarbeitern des Landratsamtes, die zur kleinen Delegation gehören: In der zuvor besuchten GU in Schönbrunn sei es zehnmal schöner.

Vom Bemühen, das Leben in Römhild für die Geflüchteten annehmlicher zu gestalten, erzählt Pfarrer Thomas Perlick. Er zeigt vor dem Haus eine Tischtennisplatte aus Stein, in die die Logos ihrer Geldgeber eingraviert sind – neben einem Unternehmen aus dem Ort auch die Landeskirche. Die massive Ausführung sei eine Vorgabe des Trägers, ebenso wie die Verankerung der neuen Holzbänke.

Bänke, Tischtennisplatte, Deutschunterricht, Spieleabende, Kleiderkammer, Sportkurse – das sind alles Ideen und Initiativen vom Unterstützerkreis WIR. WIR heißt »Willkommen in Römhild!« und jene, die das sagen, warten schon im Pfarrhaus auf Ilse Junkermann, deren Fahrt diesmal von einem Mai-Umzug durch den Ort gebremst wird. Sie haben ein kleines Büfett vorbereitet, ohne Schweinefleisch und Alkohol – so ist es längst selbstverständlich, wenn ihre muslimischen Gäste dabei sind –, und auch eine Präsentation mit Bildern über ihr Engagement der vergangenen Monate. Fußballspielen im Schnee, Zuckertütenfest, Wandern auf den Großen Gleichberg, Familienpatenschaften, ein Fest kurz vor Weihnachten, für das ein Koch aus dem Ort zwei Hammel zubereitet hat.

Es gibt mehr zu zeigen und zu erzählen, als es die Besuchsstunde an diesem Samstag erlaubt. Vom aromatischen afghanischen Reis, der immer extra aus Erfurt beschafft wird. Von Bürokratie. Von der kleinen Mariam, die im Dezember geboren wurde. Damit nicht zu viel vergessen wird, hat der Unterstützerkreis ein Fotobuch für die Landesbischöfin vorbereitet. »Wir wollten damit Danke sagen. Es ist eine Würdigung unserer Arbeit, dass sie uns besucht«, sagt Achmed Berthold, der sich um die Öffentlichkeitsarbeit von WIR kümmert.

Der Kreis, der in der Mehrheit gar nicht aus Gemeindemitgliedern besteht, hat in der evangelischen Kirche vor Ort einen Partner gefunden. Mit Kontakten und Infrastruktur. Im Gemeinderaum kann Deutsch unterrichtet werden, in der Gemeinde finden sich Mitstreiter, die sich etwas einfallen lassen für Integration und Abwechslung im tristen GU-Alltag. »Wir sind auf Hilfe angewiesen, und von der Kirche erhalten wir wahnsinnig viel Unterstützung«, erklärt Achmed Berthold.

Beeindruckt sei sie, sagt die Landesbischöfin mit dem großen Geschenk in der Hand. Und sie wirkt gar nicht mehr so sprachlos und verwundert wie am Beginn ihres Besuches in Römhild.

Susann Winkel

Neues Zuhause nach der Flucht

3. Mai 2016 von redaktionguh  
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Im evangelischen Freizeitheim Thalwinkel leben Jugendliche aus Afghanistan und Syrien

Das historische Pfarrhaus in Thalwinkel hat seit einiger Zeit neue Bewohner. Als evangelisches Tagungs- und Jugendfreizeitheim bekannt, ist es nun das Zuhause für neun Jugendliche aus Syrien und Afghanistan im Alter zwischen 15 und 17 Jahren.

Ohne Eltern nach Deutschland gekommen, werden sie hier rund um die Uhr von neun Mitarbeitern der Diakonie Naumburg-Zeitz betreut. »Zu Beginn wussten wir nicht, wer und was uns da erwartet, gab es auch Ängste und Sorgen. Doch die Arbeit macht sehr viel Freude«, sagt Kathrin Schumann. Mittlerweile sei aus der Reserviertheit ein Vertrauensverhältnis entstanden. Man unterhält sich in Deutsch und Englisch, und wenn das nicht klappt, mit Händen und Füßen. Die deutsche Sprache lernen die Bewohner in Kursen in der Naumburger Volkshochschule sowie im Alltag mit den Betreuern. Vor allem das gemeinsame Essen bietet die Möglichkeit, vom Tag zu erzählen. Doch nicht jeder will berichten, was ihm auf der Flucht widerfahren ist, wie die aktuelle Lage im Heimatort ist. Oft gehen Bilder auf den Handys rum. Das Heimweh ist groß. »Sie brauchen einfach Zeit, sich gegenüber anderen zu öffnen«, weiß Alltagscoach Lisa Holetzek.

Das gemeinsame Essen ist für die jungen Flüchtlinge mehr als eine Mahlzeit: Es ist Gemeinschaft, Deutschunterricht und ein kleiner Familienersatz. Foto: Nicky Hellfritzsch

Das gemeinsame Essen ist für die jungen Flüchtlinge mehr als eine Mahlzeit: Es ist Gemeinschaft, Deutschunterricht und ein kleiner Familienersatz. Foto: Nicky Hellfritzsch

Aeman Dallol aus Syrien war der Erste, der im Januar einzog. Heute ist der 17-Jährige, der sehr gern kocht, der selbst ernannte Küchenchef des Hauses und zu einer Leitfigur für die anderen Jugendlichen geworden. Seine Familie lebt noch in Syrien. Als Jugendlicher hat er in einer Schuhfabrik gearbeitet. Sein Wunsch ist es, ein Praktikum in einer orthopädischen Schuhwerkstatt zu machen. Allgemein spiele die Zukunft der jungen Bewohner, die teils zuvor im Flüchtlingsheim im Maritim-Hotel in Halle untergebracht waren, eine ganz wesentliche Rolle. »Wir bereiten sie auf ihr späteres Leben vor. Wir erleben sie sehr motiviert. Sie wollen die Sprache und das alltägliche Leben in Deutschland kennenlernen«, erklärt Lisa Holetzek.

Großes Ziel sei es, dass sie eine Ausbildung in der Berufsschule aufnehmen. Doch die Abgeschiedenheit von Thalwinkel, Ortsteil der Stadt Bad Bibra und im Süden Sachsen-Anhalts gelegen, erweist sich als gewisser Nachteil. Die Wege nach Naumburg und Zeitz seien weit, mit dem Bus für Flüchtlinge mit nur ersten Sprachkenntnissen auch recht kompliziert, meinen die Diakonie-Mitarbeiter. Mit einem Kleinbus werden die Jugendlichen zu den Sprachkursen oder zum Sport gefahren. So wird in Freyburg geboxt, in Wetzendorf Volleyball und in Naumburg Fußball gespielt. Auch Ausflüge werden häufig gemacht. Die nähere Umgebung des Heimes erkundet die Gruppe oft selbstständig auf Fahrrädern.

Im Dorf ist das aktuelle Leben in und um das Jugendtagungsheim bekannt. »Vor dem Einzug der Flüchtlinge gab es eine Einwohnerversammlung. Und wie mit dem zuständigen Kreisjugendamt bestehen gute Kontakte zu hiesigen Einwohnern«, unterstreicht Mitarbeiterin Susanne Schultz. Selbst gebackener Kuchen oder Quarkbällchen werden als freundliche Geste aus der Nachbarschaft gereicht. »Die Jugendlichen haben im Gegenzug geholfen, die Friedhofsmauer herzurichten, auch aus Dankbarkeit heraus«, erzählt Lisa Holetzek. Für das Zusammenleben spielen nicht nur Respekt und Vertrauen eine Rolle. Es gibt klare Regeln wie Nachtruhe und Rauchverbot, Küchen- und Putzpläne. Die Jugendlichen pflegen zudem ihre Gebetszeiten. Im Herbst werden sie den kleinen Ort verlassen. Denn dann erfolgt der Umzug nach Bad Bibra, in die als Jugendheim umgebaute Kinderkrippe der Stadt.

Constanze Matthes

Das geistige Erbe der Welt

25. April 2016 von redaktionguh  
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UNESCO-Welterbe: Deutsche Orgeltradition soll in den Kanon des immateriellen Welterbes aufgenommen werden

Das Schönste, was Mensch und Natur uns hinterlassen haben – das möchte die UNESCO in ihren Welterbe-Listen aufführen. Jüngst nominiert: Orgelbau und Orgelmusik.

Kurz nach Ostern war es geschafft. Die fünfte Stufe in einem sechsstufigen und vieljährigen Verfahren. Jetzt fehlen nur noch ein Schritt und wieder zwei Jahre Geduld, dann könnten Orgelbau und Orgelmusik als immaterielles Kulturerbe der UNESCO anerkannt werden. Es wäre der zweite deutsche Eintrag in das internationale Verzeichnis. Oder sogar der erste, falls die »Idee und Praxis der Organisation gemeinsamer Interessen in Genossenschaften« nicht überzeugen sollte. Über diesen ersten deutschen Vorschlag entscheidet der Zwischenstaatliche Ausschuss zum Immateriellen Kulturerbe Ende November bei seiner Beratung in Äthiopiens Hauptstadt Addis-Abeba.

Orgelbau und Orgelmusik stehen ein Jahr später zur Debatte. 2014 waren sie in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden. Dieses zählt derzeit 34 Einträge, darunter auch das Choralsingen, das Sternsingen und die Passionsspiele Oberammergau. Das Choralsingen als eine spezifische Form des Chormusizierens ist seit 2015 Teil des bundesweiten Verzeichnisses. Seit den 1520er Jahren hat es in den protestantischen Kirchengemeinden weite Verbreitung gefunden: Das Singen war nicht länger nur den Priestern vorbehalten, sondern wurde von den Gemeindemitgliedern in der für jeden verständlichen deutschen Muttersprache praktiziert. Die alten musikalischen Formen des Chorals sind dank einer umfangreichen schriftlichen, vor allem aber einer lebendigen mündlichen Tradierung bis heute bekannt und werden weiterhin ausgeübt.

Adäquate Listen führen auch andere Mitgliedsstaaten der UNESCO. So weist beispielsweise Österreich das 1818 komponierte »Stille Nacht, heilige Nacht« als immaterielles Kulturerbe aus. Bei diesen nationalen Listen – die ausdrücklich keine UNESCO-Verzeichnisse sind – handelt es sich um Bestandsaufnahmen der kulturellen Traditionen der Länder. In Deutschland wächst das Verzeichnis seit Dezember 2014, unabhängig davon pflegen Bayern und Nordrhein-Westfalen zusätzliche eigene Verzeichnisse.

»O du fröhliche« wäre ein Aspirant. Foto: Maik Schuck

»O du fröhliche«. Foto: Maik Schuck

Mit der Aufnahme einer Tradition in ein Verzeichnis ist weder eine finanzielle noch eine sonstige Unterstützung verbunden. Gewährt wird lediglich die Verwendung eines einheitlichen Logos für nicht kommerzielle Zwecke. Der Vorteil liegt, wie es die UNESCO treffend formuliert, in der »Ökonomie der Aufmerksamkeit«. Was damit gemeint ist, lässt sich gut am Beispiel von Friedrich Fröbels Kindergarten-Idee zeigen. Dieser Thüringer Vorschlag für die nationale Liste war im Dezember 2014 von der Kultusministerkonferenz in Berlin abgelehnt worden. Dennoch war Fröbel wie lange nicht Thema der Berichterstattung, mögliche touristische Effekte nicht ausgeschlossen.

Der Antrag der »Vereinigung der Orgelsachverständigen Deutschlands« (VOD) zu Orgelbau und Orgelmusik war 2014 erfolgreich. Seine überzeugende Argumentation: »Deutschland hat mit etwa 50 000 Orgeln, 400 Orgelbaubetrieben mit 1 800 Mitarbeitern und 180 Lehrlingen sowie 3 500 hauptamtlichen und Zehntausenden ehrenamtlichen Organisten eine auch im europa- und weltweiten Vergleich herausragende Orgelkultur, die sich in der Vielzahl der Ausbildungsmöglichkeiten an Hochschulen und kirchlichen Einrichtungen ebenso widerspiegelt wie im großen Reichtum an Kompositionen und Aufführungspraktiken.«

Susann Winkel

Das sechsstufige Verfahren in Deutschland
1. Ausschreibung auf Bundesländerebene; die Bewerbungsunterlagen müssen nach einem Kriterienkatalog eingereicht werden. Nach einer Sichtung leitet jedes Bundesland vier Vorschläge an die Kultusministerkonferenz weiter.
2. Der Kulturausschuss der Kultusministerkonferenz berät über die Vorschläge der Bundesländer (maximal 64). Die ausgewählten Vorschläge werden an das Expertenkomitee der Deutschen UNSECO-Kommission weitergeleitet.
3. Das Expertenkomitee bewertet die Vorschläge nach festgelegten Kriterien und schlägt Aufnahmen in das bundesweite Verzeichnis vor.
4. Diese Vorschläge werden wieder an die Kultusministerkonferenz überwiesen; ebenso an die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien zur staatlichen Bestätigung.
5. Die deutschen Vorschläge zur Einschreibung in eine der drei Listen des immateriellen Kulturerbes der UNESCO (»Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit«, die »Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes« und das »Register guter Praxis-Beispiele«) werden immer im März an die UNESCO weitergeleitet.
6. Der Zwischenstaatliche Ausschuss für die Erhaltung des immateriellen Kulturerbes der UNESCO entscheidet immer Ende November über Aufnahmen in die internationalen Listen beziehungsweise das Register.

Luther gab die Erlaubnis

4. April 2016 von redaktionguh  
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Sonderausstellung in Schmalkalden: Philipp von Hessen und seine Doppelehe

Einem wenig bekannten Kapitel der Reformation widmet sich aktuell eine Sonderausstellung im Museum Schloss Wilhelmsburg in Schmalkalden: der Doppelehe des Philipp von Hessen.

Margarethe von der Saale. Diesen Namen sollten Sie sich merken, so kurz vor dem runden Jubiläum der Reformation. Als Martin Luther 1517 seine Thesen anschlägt, ist das Fräulein aus Sachsen noch gar nicht geboren. 22 Jahre später aber wird sie ihm und allen Mitstreitern des neuen Glaubens Kopfzerbrechen bereiten. Warum, das erklärt aktuell eine große Sonderausstellung im Museum Schloss Wilhelmsburg in Schmalkalden. Wobei Margarethe darin nur eine Nebenrolle zukommt. Im Mittelpunkt steht der Mann, der für sie alles aufs Spiel setzte: Landgraf Philipp von Hessen (1504–1567).

Im August 1539 lernt Philipp Margarethe kennen, ein Hoffräulein im Gefolge seiner Schwester Elisabeth von Rochlitz. Sie ist schön, liebreizend, 17-jährig. Er ist doppelt so alt, hochstrebend, vor allem aber ist er verheiratet. Seit 1524 schon mit Christine von Sachsen. Das ausgehende Mittelalter kennt für solche Fälle eine akzeptierte Lösung: das Konkubinat (eheähnliche Gemeinschaft ohne Eheschließung).

Die Ausstellung auf Schloss Wilhelmsburg arbeitet Historie mit modernen Mitteln auf. Foto: Susann Winkel

Die Ausstellung auf Schloss Wilhelmsburg arbeitet Historie mit modernen Mitteln auf. Foto: Susann Winkel

Der Landgraf wählt eine andere Lösung: Er heiratet Margarethe. Mit der erbetenen Erlaubnis von Martin Luther und Philipp Melanchthon. Warum er das tut, liegt im Halbschatten der Geschichte. Es mag wahre Liebe gewesen sein, es mag eine Gewissensfrage gewesen sein, es mag eine Reaktion auf die Forderungen von Margarethes Mutter gewesen sein, die ihre Tochter nicht in Sünde geben wollte.

Auf jeden Fall war es eine riskante Entscheidung: Mit dieser Doppelehe verstößt Landgraf Philipp gegen das Recht der Kirche wie gegen das Gesetz des Reiches – auf Bigamie steht Todesstrafe. Zu dieser wird es zwar nicht kommen, aber er ist fortan angreifbar, angewiesen auf die Gunst und Gnade des katholischen Kaisers Karl V.

Ausgerechnet er, Philippus Magnanimus – Philipp der Großmütige. Ein mutiger Politiker, mutiger Kriegsherr, mutig gegen Kaiser und Papst, mutig für die Sache der Reformation. Während die Reformatoren den neuen Glauben noch von der Kanzel verkünden, macht er bereits damit Staat. Mit gerade 23 Jahren gründet er die Marburger Universität, die älteste protestantische Hochschule. Er begründet die Diakonie und löst mit der Einführung der Konfirmation den Streit um Kinder- und Erwachsenentaufe. Als Moderator vermittelt er zwischen den Anhängern der beiden reformatorischen Lager um Martin Luther und Huldrych Zwingli. Mit Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen führt er als Hauptmann den erstarkenden Schmalkaldischen Bund an.

Was wohl möglich gewesen wäre für die Reformation ohne das Kapitel Doppelehe – diese Frage steht am Anfang der Ausstellung. Sie setzt den Schwerpunkt auf das Jahr 1540, in dem sich Philipp vom großmütigen Gegner des Kaisers zum kleinmütigen Bittsteller wandelt. Ein Jahr, in dem die außen- wie innenpolitische Lage für die Protestanten eine selten günstige war. Stattdessen kommt es wenig später zum Schmalkaldischen Krieg, zur Niederlage, Jahren der demütigenden Haft.

Kurator Dr. Kai Lehmann erzählt dieses Kapitel der Reformation vor allem mit ihren handelnden Personen, sie begleiten den Besucher als lebensgroße Figuren. Weil es an Exponaten mangelt – das Museum verfügt über keine entsprechende Sammlung –, darf das Geschehen spielerisch erkundet werden. So zeigen etwa Dominosteine, welche Person in dieser Geschichte eine andere zum Sturz bringen könnte. Am Ende stürzt vor allem Landgraf Philipp. Politisch. Seine beiden Frauen halten ihm die Treue. Bis dass der Tod sie scheidet.

Susann Winkel

Bis zum 8. Januar 2017 im Museum Schloss Wilhelmsburg in Schmalkalden zu sehen; geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr.

Die Konfizeit hat richtig was gebracht

20. März 2016 von redaktionguh  
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Reportage: Wie Jugendliche heute mit Glaubensgrundsätzen und kirchlichen Traditionen konfrontiert werden und was sie davon halten

Immer am ersten Sonntag im Mai ist in der Kirchengemeinde Wasungen (Kirchenkreis Meiningen) Konfirmation. Derzeit bereiten sich sieben Jugendliche auf die Einsegnung im Gottesdienst vor.

Die Namen purzeln durcheinander an diesem Donnerstagnachmittag im Pfarrhaus von Wasungen. Vanessa, Jasmin, Elisa, Anna-Lena – ständig liegt Pfarrer Stefan Kunze daneben. Dabei kennt er die vier schon, seit sie den Kindergarten besucht haben. Er war ihr Religionslehrer in der Schule, nun bereitet er sie auf die Konfirmation vor, die vier Mädchen und mit ihnen Francesco, Jesse-Pascal und Luca.

In dieser Stunde geht es um die Liturgie des Abendmahls. Am Sonntag zuvor waren einige der Konfirmanden im Gottesdienst, sie haben genau aufgepasst, als Pfarrer Kunze mit seinen Gemeindemitgliedern das Abendmahl gefeiert hat. Nun sollen sie ihre Fragen aufschreiben, dumme Fragen gibt es nicht.

Wie groß ist der Schluck Wein aus dem Abendmahlskelch und wie schmeckt eine Hostie? Antworten auf die Fragen der Jugendlichen und praktische Erfahrungen, wie hier beim Gebet, gehören zum Konfi-Unterricht. Foto: Susann Winkel

Wie groß ist der Schluck Wein aus dem Abendmahlskelch und wie schmeckt eine Hostie? Antworten auf die Fragen der Jugendlichen und praktische Erfahrungen, wie hier beim Gebet, gehören zum Konfi-Unterricht. Foto: Susann Winkel

Wie groß ist der Schluck Wein, den der Gläubige nimmt? – Groß genug für den Geist, aber zu klein für den Bauch. Wein muss aber niemand trinken, in Wasungen wird der Kelch auch mit Traubensaft gereicht. Wie schmecken Hostien? – Das unterscheidet sich je nach Rezept. Neuerdings bestellt Pfarrer Kunze die Hostien in der Hostienbäckerei im Karmelitinnenkloster »Regina Pacis« im unterfränkischen Rödelmaier. Demnächst wird die Gemeinde einen Ausflug dorthin unternehmen.

Vorerst gilt seine Aufmerksamkeit aber vor allem den sieben Konfirmanden. Viel Zeit bleibt nicht mehr, bis sie im Gottesdienst am ersten Sonntag im Mai eingesegnet werden. Zwei der Jugendlichen, Elisa und Jesse-Pascal, werden in der Osternacht von Stefan Kunze noch getauft. Jesse-Pascal saß in der Grundschule im Ethikunterricht, mit dem Übergang zur Regelschule wechselte er zum Religionsunterricht. Jugendweihe war nie eine Alternative für ihn, sagt er. Anders ist es bei Elisa, sie ist Ende Mai auch zur Jugendweihe angemeldet. »Die Hälfte meiner Familie ist kirchlich«, erzählt die 14-Jährige, »die andere Hälfte ist es nicht.« Also beides.

Zwei Wochen nach Ostern wird Pfarrer Kunze mit seinen sieben einen Tag wegfahren, auch wenn er das Ziel erst am Ende der Stunde verraten will. Dann ist es auch schon an der Zeit für den Vorstellungsgottesdienst, in Wasungen ein besonders wichtiger Termin. Die Taufpaten werden da sein, die Hochsteckfrisur muss sitzen. Anna-Lenas Probetermin beim Friseur fällt auf den Tag des Ausflugs. Hilft nichts, da muss ein neuer Termin gefunden werden, sagt der Pfarrer.

Er hat eine Aufgabe für seine Konfirmanden vorbereitet: Sie sollen den Text, der hier im Ort zur Abendmahlsfeier gesprochen wird, in der richtigen Reihenfolge auf dem Boden zusammenlegen. Ein ganzer Stapel weißer Blätter im A 4-Format liegt bereit, auf jeder Seite stehen nur ein paar Wörter. Die sieben kommen schnell voran, fehlerfrei, da staunt sogar Pfarrer Kunze. Seit zehn Jahren hat er die Pfarrstelle in Wasungen – »so gut hat das bisher noch nie geklappt«.

Schwieriger als die richtigen Worte ist die Sache mit der Hostie. Warum kann eine Oblate der Leib Christi sein? Stefan Kunze holt einen 50-Euro-Schein aus dem Portemonnaie. Eigentlich auch nur ein Stück bedrucktes Papier, aber es lässt sich bezahlen damit. Dann streift er seinen Ehering vom Finger. Gar kein so teurer, aber er steht für die Liebe. Symbole. Etwas skeptisch schauen die sieben noch drein. Wieder zurück an den Tisch. Jetzt wird gebetet.

Der Unterricht ist kurzweilig. Singen. Spielen. Neues lernen. Pfarrer Kunze achtet auf Abwechslung. Diese Gruppe brauche sehr viel davon. Wie eine Gruppe funktioniert, findet er meist in den ersten drei Monaten des Vorkonfirmandenunterrichts heraus. Bis zum Martinstag kennt er sie gut genug, um ein passendes Martinsspiel für sie schreiben zu können. »Diese Gruppe ist sehr homogen«, beschreibt er. Vanessa, Jasmin, Elisa, Anna-Lena, Francesco, Jesse-Pascal und Luca kommen alle aus Wasungen, sie kennen sich von Kindestagen an, alle gehen an die Regelschule des Ortes. Und die Gruppe ist klein. Im kommenden Jahr werden zwölf Jugendliche konfirmiert. Auch die früheren Jahrgänge, deren Bilder an der Wand des Gemeinderaums hängen, waren größer.

»Nach wie vor machen hier relativ viele Konfirmation«, sagt Stefan Kunze. Nicht nur die Schüler aus Wasungen, auch ihre Mitschüler aus den umliegenden Dörfern. Dass auch sie einmal zur Kirchengemeinde gehören würden, stand für die Achtklässler außer Frage. Nur bei Elisa ist die Entscheidung erst später gefallen, im Religionsunterricht bei Pfarrer Kunze. »Schon meine Ururururgroßmutter ist konfirmiert worden«, sagt Luca. Und danach alle Generationen immer so fort. Auch ihre Kinder würden die Wasunger Konfirmanden später einmal taufen lassen. Warum auch nicht?

Achtet auf Abwechslung: Stefan Kunze (rechts). Das gemeinsame Singen moderner Kirchenlieder gehört zu jeder Konfirmandenstunde. Der Pfarrer begleitet den Gesang am E-Piano. Foto: Susann Winkel

Achtet auf Abwechslung: Stefan Kunze (rechts). Das gemeinsame Singen moderner Kirchenlieder gehört zu jeder Konfirmandenstunde. Der Pfarrer begleitet den Gesang am E-Piano. Foto: Susann Winkel

Langsam werden Anna-Lena und die anderen ungeduldig. Sie wissen immer noch nicht, wohin der Ausflug nach Ostern geht. Gut: Kloster Veßra. Ein Freitag im Hennebergischen Museum. Morgens Hinfahrt mit dem Zug, abends Rückfahrt mit dem Zug. Filmnacht im Pfarrhaus, dort wird die Gruppe auch übernachten und am folgenden Tag den Vorstellungsgottesdienst vorbereiten. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass die sieben Zeit miteinander verbringen, mit dem Ende des Unterrichts soll nicht alles vorbei sein.

»Wir haben hier ein Ritual: Nach der Konfirmation schlafen die Jugendlichen eine Nacht in der Türmerwohnung«, erzählt Pfarrer Kunze. Nächstes Jahr organisiert er wieder eine Fahrt nach Taizé. Dann werden die Schüler alt genug sein, um mitzukommen. Auch wenn es keine feste Junge Gemeinde in Wasungen gibt, sollen sich die Konfirmanden in ihrer Kirche weiterhin zu Hause fühlen.

Zeit für das Spiel. Alle sitzen wieder um den langen Tisch mit den Lernheften und der Schale voll mit Stiften. »A« – Elisa beginnt stumm das Alphabet aufzusagen. Vanessa ruft »Stopp!«. Elisa ist bis »G« gekommen. Stefan Kunze überlegt kurz, dann fragt er: »Wo werden Glocken hergestellt?« – »Gießerei!« Punkt für Francesco. Aber um Punkte, Sieger oder Preise gehe es gar nicht, sagt Jesse-Pascal. Die sieben sind im Ratefieber. Noch so ein Ritual in den Donnerstagsstunden, die fest hinein in die Woche der Schüler gehören. »Die beiden Jahre haben richtig was gebracht«, sagt Anna-Lena. An Gott hat sie schon davor geglaubt, wie die anderen auch, aber jetzt verstehe sie vieles besser.

Sie sind schon aufgeregt. In sechs Wochen ist bereits 1. Mai. Aber jetzt muss Pfarrer Kunze noch allen eine Unterschrift ins Heft geben, die am Sonntag in seinem Gottesdienst saßen.

Susann Winkel

Frauen, die sich nicht verstecken

29. Februar 2016 von redaktionguh  
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Persönlichkeiten: Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt und Superintendentin Beate Marwede machen Mut, beherzt Möglichkeiten auszuloten

Als Kristina Kühnbaum-Schmidt 2013 das Amt der Regionalbischöfin des Propstsprengels Meiningen-Suhl übernimmt, unterschreiben drei Frauen die Einladung zu ihrer Einführung: die Landesbischöfin, die amtierende Präses der Landessynode und die Präsidentin des Landeskirchenamtes. Ihr neuer Arbeitsbereich, der Süden Thüringens, hat aber selbst in der frauenfreundlichen EKM eine Sonderrolle: Kristina Kühnbaum-Schmidt ist die einzige Regionalbischöfin der Landeskirche, zwei von insgesamt nur acht Superintendentinnen der EKM sind in ihrem Propstsprengel tätig. Beate Marwede, die seit 2011 den Kirchenkreis Meiningen leitet, ist eine von ihnen. Warum sie sich trauten in das Amt, erzählen die beiden im Interview.

Superintendentin Beate Marwede und Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt. Foto: Susann Winkel

Superintendentin Beate Marwede und Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt. Foto: Susann Winkel

Ist es in Ihrem Berufsalltag noch ein Thema, dass Sie Frauen sind?
Kristina Kühnbaum-Schmidt (KKS):
Mit Marita Krüger hatte ich eine Vorgängerin, die eine sehr präsente Pröpstin war. Daher habe ich es von Anfang an als völlig unstrittig erlebt, dass eine Frau dieses Amt wahrnimmt.
Beate Marwede (BM): Im Konvent, im Kirchenkreis und in der Öffentlichkeit wird das als etwas völlig Normales verstanden. Mir begegnet auch nicht, dass ich als Frau in dieser Position infrage gestellt bin. Nur manchmal, wenn ich außerhalb der EKM bin, sind die Menschen dann doch erstaunt.

Sind Frauen in Leitungspositionen auch in der übrigen EKM selbstverständlich?
KKS:
Zu Beginn war ich im Bischofskonvent neben der Landesbischöfin die einzige Frau. Mittlerweile ist durch die Senior des Reformierten Kirchenkreises, Dr. Jutta Noetzel, noch eine Frau hinzugekommen. Das macht schon etwas aus, ohne dass ich genau beschreiben könnte, was das ist. Wir sind eine Kirche, die zeigt, dass sie ein Interesse daran hat, dass Frauen in Leitungspositionen und Repräsentationsämtern sind. Und sie tut auch viel dafür.
BM: Dieser ausdrückliche Wunsch nach Frauen in Leitungsämtern war ein Motiv, warum ich mich in der EKM beworben habe. Für das Superintendentenamt im Kirchenkreis Meiningen standen der Kreissynode drei Frauen und ein Mann zur Wahl.

Warum trauen sich dennoch so wenige Frauen, sich zur Wahl zu stellen? Derzeit gibt es 37 Kirchenkreise in der EKM. Nur acht von ihnen werden von Frauen geleitet.
BM:
Wer sich zur Wahl stellt, trägt auch immer das Risiko zu scheitern. Ich habe diese Enttäuschung erlebt, das ist nicht ganz einfach. Außerdem ist die Aufgabe von Superintendenten sehr fordernd. Frauen achten genau auf die Rahmenbedingungen für eine Aufgabe. Möglicherweise betrachten viele diese Aufgabe als sehr stressbelastet, mit Konfliktmanagement und auch der Einsamkeit dieses Amtes verbunden.
KKS: Frauen schauen manchmal zu sehr darauf, was von ihnen wohl erwartet wird und weniger darauf, in welcher Eigenständigkeit und Freiheit sie es gestalten könnten. Dabei macht Gestaltung den Reiz dieser Ämter aus. Ich würde mir wünschen, dass Frauen noch beherzter auf die Möglichkeiten zugehen, Kirche in einer nicht unwichtigen Rolle mitzugestalten.

Warum haben Sie sich getraut, den Schritt auf der Karriereleiter zu gehen?
BM:
Mich hat dieses Leitungsamt auf der mittleren Ebene mit all seinen Möglichkeiten herausgefordert – die Gestaltung der Arbeit auf Kirchenkreisebene, die Zusammenarbeit mit anderen. Eine ausgesprochen spannende und he­rausfordernde Tätigkeit.
KKS: Mich hat das Arbeiten in der EKM gereizt, die ich in der Außenwahrnehmung als große, lebendige und vielfältige Kirche erlebt habe. Zum anderen wollte ich meine Kompetenzen in eine Leitungsverantwortung einbringen, die einen seelsorgerlichen und geistlichen Schwerpunkt hat. Und ich fand die Zwischenposition zwischen Propstsprengel
und Landeskirche ungemein reizvoll.

Muss die EKM etwas ändern, damit sich noch mehr Frauen trauen?
KKS:
Wir sollten uns selbstkritisch fragen, wie attraktiv Leitungsämter sind. Regionalbischöfe sind wirklich viel unterwegs, sowohl im Propstsprengel als auch auf der landeskirchlichen Ebene. Das ist auch gut, das macht das Amt aus. Mit kleinen Kindern würde das schwer fallen.
BM: Superintendenten sind sehr viel im Kirchenkreis unterwegs und das oft auch abends, da wir viel mit Ehrenamtlichen arbeiten. Ich bin froh, dass meine Kinder erwachsen sind und dass allein mein Mann auf meine Anwesenheit oftmals verzichten muss.

Braucht es einen starken Mann hinter der erfolgreichen Frau?
BM:
Ich schätze es sehr, dass ich einen Ehemann habe, der sich vor allem ehrenamtlich engagiert und für ganz vieles im Hintergrund sorgt.
KKS: Es braucht einen starken Mann, der mit einer selbstbewussten, kompetenten Frau zusammenlebt. Eine Frau im Leitungsamt ist sicher keine, die sich versteckt, sondern eine Frau, die ein klares Gegenüber ist – auch in der Ehe.

Interview: Susann Winkel

Quadratisch, praktisch, modern

6. Oktober 2015 von redaktionguh  
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Meiningen: Neubau am Evangelischen Gymnasium ermöglicht Lernen im digitalen Zeitalter

Die Zahl der Schüler am Evangelischen Gymnasium Meiningen wächst mit jedem Schuljahr. Nun musste auch die Schule selbst wachsen – um einen fünf Millionen Euro teuren Erweiterungsbau.

Bäume pflanzen, Rasen säen, Beete anlegen, Bilder aufhängen – es sind die schönen Arbeiten, die in den kommenden Monaten noch im und um das Gebäude warten. Die eigentlichen Bauarbeiten waren nach 16 Monaten pünktlich zum Start des neuen Schuljahrs beendet. Zwölf Klassen müssen seit dem 24. August untergebracht werden. Im alten Backsteinbau gegenüber wäre für sie nicht mehr genügend Platz gewesen. Auch nicht für die Fachkabinette, die für den Naturwissenschafts-Unterricht der oberen Klassenstufen gebraucht werden.

Schulleiter Wolfram Pfeiffer freut sich über den gewonnenen Platz. Foto Susann Winkel

Schulleiter Wolfram Pfeiffer freut sich über den gewonnenen Platz. Foto Susann Winkel

Denn die Schule, die 2010 ihren Betrieb mit zwei fünften Klassen aufgenommen hat, wächst nicht nur in der Anzahl ihrer Schüler – derzeit 280. Sie wird auch erwachsen. Mittlerweile lernen hier bereits Zehntklässler, in zwei Jahren werden die ersten Abiturienten ihren Abschluss ablegen. Bis sich die Schülerzahl endgültig bei etwa 400 in 16 Klassen eingependelt hat, soll der derzeit nicht genutzte Altbau modernisiert und eine neue Mensa errichtet werden. Die Bauarbeiten gehen weiter.

Zunächst war es aber an der Zeit zu feiern – für Lehrer, Schüler, Eltern, Gäste. Am 25. September wurde der Erweiterungsbau mit einer liturgischen Feier eingeweiht. Entspannter gehe es zu, jetzt wo mehr Platz da sei, sagt Schulleiter Wolfram Pfeiffer. Und sorgsamer würden die Schüler mit der neuen Umgebung sein, mehr auf die Sauberkeit achten. Funktional-modern zeigt sich das lichte, barrierefreie Schulhaus, das sich mit seinen beiden in ihrer Höhe abgesetzten Gebäudeteilen an das terrassenförmige Terrain des Schulgeländes anpasst. In den Klassenzimmern gibt es elektronische Tafeln, die mit einem Beamer und einem Computer verbunden sind. Unterricht 2.0 in digitalen Zeiten. Beim übrigen Mobiliar geht es dafür ganz klassisch zu. Und ziemlich bunt. Stühle und Tische in Rot, Blau, Grün und Gelb, dazu Sonnenschutz und Linoleumböden in aufeinander abgestimmten Farben.

Fünf Millionen Euro hat der neue, zeitgemäße Lernort für Schüler aus Meiningen und einem Umkreis von etwa 25 Kilometern gekostet. Die Evangelische Schulstiftung in Mitteldeutschland als Schulträger hat dafür Förderzuschüsse vom Land Thüringen und von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland erhalten. Weitere Millionen-Investitionen sind für die beiden folgenden Bauabschnitte geplant. Bestätigt werden sie durch die Nachfrage aus der Region für das noch junge Gymnasium. Längst nicht alle Kinder, die sich für einen Platz in Meiningen beworben haben, konnten in diesem Schuljahr aufgenommen werden.

Susann Winkel

Respekt und eine Blume

8. März 2015 von redaktionguh  
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Frauentag: Ein Relikt aus vergangenen Zeiten oder aktueller denn je?


Der Frauentag wird seit 1911 begangen. Wie wichtig ist ein Tag für die Rechte der Frau heute? Ein Meinungsbild.

Er hat Staub angesetzt, dieser 8. März. Ehren- und Kampftag für die Frauen und ihre Rechte. Heute ist er vielen Frauen in den neuen Bundesländern vor allem Erinnerung. An Frauentagsfeiern in Betrieben und Kombinaten. An Nelken und Konfekt. Ein Relikt. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

»Vor etlichen Jahren dachte ich: Braucht es diesen Tag wirklich noch? Wo doch so viele Frauen studieren, arbeiten, Familie und Beruf ganz gut unter einen Hut bekommen – trotz permanenter kleiner Gewissensbisse.« Frauen, die ihre Frau im Alltag stehen, Frauen wie Bärbel Escher, 59, aus der Gemeinde Frankenblick bei Sonneberg. Doch da gibt es ein Aber, auch für die in Vollzeit tätige promovierte Journalistin: »Heute haben es junge Frauen in mancher Hinsicht schwerer als meine Generation, da sich die gesellschaftlichen Bedingungen insgesamt verschlechtert haben. Entsetzt bin ich über die Rechtlosigkeit von Frauen in anderen Ländern, wo die Entwicklung rückwärts statt vorwärts geht – Türkei, Indien, Arabien. Ob man unbedingt einen 20. März als Weltschlaftag braucht, weiß ich nicht. Aber der 8. März hat noch lange seine Berechtigung.«

Ganz ähnlich sieht es Ute Ramb, Gymnasiallehrerin aus dem südthüringischen Henfstädt: »Um auf die noch immer furchtbar benachteiligte Situation von Frauen weltweit aufmerksam zu machen, finde ich so einen Tag, der einen besonderen Fokus setzt, durchaus sinnvoll.« Dass ihr der Tag ganz persönlich so gar nichts bedeutet, das mag auch an ihrer West-Sozialisation liegen, vermutet sie: »Bei uns wurde der Frauentag nicht gefeiert.«

Foto: Karin und Uwe Annas – Fotolia.com

Foto: Karin und Uwe Annas – Fotolia.com

An die Frauentagsfeiern kann sich Liane Weingarten noch gut erinnern. Sehr lustig seien sie gewesen, erinnert sich die 50-Jährige, die in Brandenburg aufgewachsen ist und in Römhild im Landkreis Hildburghausen lebt. »Damals fühlte man sich dann doch auch geehrt.« Blumen schenkt Ehemann Markus ihr am 8. März immer noch. Und doch ist im Jahr 25 nach der Wiedervereinigung alles ein wenig komplizierter: »Heute sehe ich das etwas globaler. Man vergleicht sich mit Frauen auf der Welt, die täglich enorme Anstrengungen leisten, sei es in Kriegs- oder Krisengebieten. Da reicht ein Frauentag nicht aus.«

Dass es mit einem Tag nicht getan sein kann, sagt auch Livia Schilling, 35, aus Gotha: »Gesten der Wertschätzung braucht es nicht an Feiertagen, sondern im Alltag. Denn diese sind ehrlich und ernst gemeint. Nicht, weil es der Kalender vorgibt. Eine wunderschöne Rose, einfach so, völlig unerwartet, würde mich mehr freuen als ein großer Blumenstrauß zu jedem 8. März.« Nicht von Belang – das ist das Datum auch für Felicitas Josephine Maria Zoppeck, Puppenspielerin und derzeit als Gast am Meininger Theater engagiert. Sie kann dem Frauentag so wenig wie dem Männer- oder dem Valentinstag abgewinnen: »Ich finde es mehr als dämlich, einen Tag im Jahr explizit etwas zu feiern, was das ganze Jahr selbstverständlich sein sollte: Respekt dem anderen gegenüber.«

Auf den Symbolgehalt des 8. März verweist Carola Hoffmann: »Es ist gut, dass es den Frauentag gibt, gerade im Sinne der Gleichberechtigung, denn schließlich wird ja auch der Männertag/Vatertag gefeiert. Es ist ein sehr schöner Tag, um allen Frauen eine Ehre zu erweisen«, sagt die 22-jährige Studentin aus Erfurt. Gleichberechtigung lebt die Bildhauerin und Grafikerin Claudia Katrin Leyh aus Meiningen lieber täglich aus. Bei ihr und ihrem Mann verteilen sich die anfallenden Dinge im Alltag gleichmäßig auf vier Schultern. »Wenn man einen so wundervollen Partner hat wie ich, ist jeder Tag Frauentag.«

Eine ganz eigentümliche Erfahrung hat Andrea Voigt in diesem Jahr mit dem 8. März gemacht. Eigentlich bedeute ihr der Frauentag gar nichts, sagt die 35-Jährige aus Zella-Mehlis. »Er ist für mich ein DDR-Relikt. Alle schwärmen von den schönen Frauentagsfeiern. Ich denke, dass das nur Unterhaltung war, mit Gleichberechtigung und dergleichen hatte das nichts zu tun.« Dann aber erhielt die Feuerwehrfrau von der Kreisfeuerwehr selbst eine Einladung zu einer Frauentagsfeier. »Ich war überrascht, wie gern ich hingehen würde. Warum weiß ich nicht genau. Vielleicht, weil einer ein Fest für uns Frauen macht!«

Susann Winkel

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