Christoph Kuhn: Angesagt


Den Schnabel verbogen

Missbrauch!«, tönt es, mal mehr mal weniger laut, aus den Medien. Neue Missbrauchsfälle, Missbrauchsaffären. Missbrauchsskandal im Internat. Und man weiß, was gemeint ist: Kindesmissbrauch, sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen.

Dabei gibt es auch Amtsmissbrauch, Alkoholmissbrauch, Vertrauensmissbrauch. Und Sprachmissbrauch. Hier handelt es sich um einen solchen: Denn kann der Begriff Kindesmissbrauch stimmen? Ist nicht Missbrauch ein Gegenwort von Brauch oder Gebrauch, wie Missgunst von Gunst oder Misserfolg von Erfolg.

Gebraucht und missbraucht werden Einrichtungen, Stoffe, Emotionen, Gegenstände aber Kinder?! Sie sind Personen. Ihr Gebrauch, ihre Verfügbarkeit ist schon ein Vergehen, ein Übergriff. Meines Erachtens ist das Wort Missbrauch nicht nur unstimmig, sondern verharmlosend. Es gehört auf die Liste der Unwörter. Wenigstens sollte von »Kindesmisshandlung« gesprochen werden, weil es, gottlob, auch die dem Kind liebevoll zugewandte Handlung, Behandlung gibt. Des Weiteren heißt es ja auch zu diesem Thema oft: schreckliches, abscheuliches Verbrechen. Wird das altertümliche Wort »Kinderschändung« dem Vergehen gerecht? Wo doch auch Friedhöfe, Gedenkstätten leblose Anlagen und Gebäude geschändet werden. Es ist Gewalt, Vergewaltigung von Kindern!
Nach dem »Missbrauch«, oft Jahrzehnte später, melden sich die »Missbrauchsopfer«. Sie klagen an, bringen ihre »Missbraucher«, »Sex-Täter«, »Sex-Monster« vor Gericht. Wessen Opfer sind die Geschädigten?

Opfer bringen Menschen bei religiösen Kulthandlungen Gottheiten und Geistern dar Gaben zur Sühne oder zum Dank, und die Opferwilligen glauben, dass ihre Opfer gefordert werden. Inwiefern aber fordern ­Katastrophen, Kriege, Unglücke, Unfälle Opfer zeitweilig oder zeitlebens behinderte Menschen oder »Todesopfer«? Ist es zum Beispiel die Gottheit Mobilität, die ihre Opfer fordert? Aber wer oder was bringt bei »Missbräuchen« Opfer dar oder fordert sie?

Angesagt ist, verantwortlich mit der Sprache umzugehen, Wirklichkeit nicht zu verschleiern. Zunehmend beeinflussen die Medien, vor allem das Fernsehen, die Sprachkultur. Alle Personen, die sich öffentlich äußern, sind für sie verantwortlich, weil Medien- und private Umgangssprache sich bedingen und spiegeln. Journalistinnen und Journalisten schauen (nach Luther) Prominenten und »einfachen« Leuten aufs Maul und die wiederum geben oft Mediensprache wieder.

»Wir reden, wie uns der Schnabel verbogen wird«, sagt der Sprachkritiker Wolf Schneider. Politikwissenschaftler Dolf Sternberger: »In der Sprache kommen die sittlichen Kräfte des Menschen zum Ausdruck.« Und der Schriftsteller Georg Christoph Lichtenberg: »Man muss zuweilen wieder die Wörter untersuchen, denn die Welt kann wegrücken, und die Wörter bleiben stehen.«
Christoph Kuhn
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Nach der Schlacht

Fußballdeutsch ist eine Art Fachchinesisch mit teilweise mathematisch geprägtem Jargon, mit Begriffen wie Viertligist, Achtelfinale, Elfmeterkiller oder Sechzehner. Experten kennen Mittelfeldgrätschen, Gelbsperren, Vorrunden- und Traumfinale, Flügelflitzer oder Flankengötter.

Gruppenspiele sind keine Kriege, Teams oder Mannschaften keine Armeen und Kapitäne keine Generäle. Doch das Berichterstattungsvokabular mutet mitunter martialisch an: Nationalspieler sind Helden und Gladiatoren, sie kämpfen ruhmreich und heroisch als Stürmer, Angreifer oder Torjäger in Offensiv- und Defensivtaktik, es gibt Treffer, Attacken, Beinschüsse, Schützenhilfe, Zweikampfführung, Deckung und die Frage nach dem »Sieg über Serbien« und »Schlägt Deutschland Ghana?«; sogar von Rache, Stahlbad und Abwehrschlacht ist die Rede, von Schlachtenbummlern sowieso. »England wird abgeklatscht!«, sagt ein Fan in die Kamera.

Meistens bleibt es bei Verbalinjurien im Umfeld recht friedlicher Spiele. Nach dem 1 : 2 Nigerias gegen Griechenland aber soll der Spieler Sani Kaita per E-Mail Tausende Morddrohungen bekommen haben, weil er vom Platz gestellt worden war und seine Mannschaft danach verlor.

Kaum jemand kann sich den Informationen über Spielstände entziehen: Sogar in Zügen werden sie durchgesagt. Nichts hat mehr Nachrichtenwert! Andernorts, in Somalia, ist das Fernsehen der Spiele verboten, Fans sollen deshalb von militanten Islamisten erschossen, weitere verhaftet worden sein. Obdachlose rings um die südafrikanischen Arenen wurden umgesiedelt, weil ihr Anblick die Stimmung des Milliardengeschäfts trüben könnte.

Auf den »Fanmeilen«-Hauptstraßen rollen die fahnengeschmückten Autokorsos wie römische Streitwagenflotten am Spalier stehenden Volk vorbei. Die Insassen hängen indianerähnlich kriegsbemalt aus den Fenstern, hupen, blasen in Vuvuzelas. »So sehn Sieger aus schala, la, la, la!«, bejubeln sie sich selbst als »zwölften Mann«, stolz, Deutsche(r) zu sein ein völlig normaler Patriotismus: Nationalismus – ein Spiel. Man zeigt Flagge, sogar im Gesicht. »Rechnet nicht mit mir, beim Fahnenschwenken, ganz gleich, welcher Farbe sie auch sei « Reinhard Meys Lied stört den Ausnahmezustand. »Finale, Ooo-oh! Finale, Ooo-oh!« Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, heißt es galt das nicht schon für Wahlen und Kriege? Fußball gehört zur Kultur mit den Aggressionen, die er freisetzt oder als »Ventil« ablässt. Ein Glatzkopf schlägt die Trommel zum Rhythmus der »Deutschland!«-Rufe. Klingt da etwa etwas über »Deutschland!« und »Sieg!« hinaus an?

»Public Viewing« ist vorbei. Ein aus dem Englischen entlehntes Neuwort für eine öffentliche Präsentation, ursprünglich für die öffentliche Leichen-Aufbahrung. Trotz der Schlachten mussten zum Glück noch keine Toten vom Feld getragen werden.

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Unwort Umwelt

Am 5. Juni 1972, beim ersten »Weltumweltgipfel« in Stockholm, wurde der »Weltumwelttag« von den Vereinten Nationen ausgerufen. Der Club of Rome erstattete Bericht »Zur Lage der Menschheit und zu den Grenzen des Wachstums«. Apollo 17 nahm das wohl bekannteste Bild der Menschheitsgeschichte auf: Die Erde als Ganzes. Der Künstler Klaus Staeck versah es mit dem Text: »Die Mietsache ist schonend zu behandeln und in gutem Zustand zurückzugeben.« Auf einem anderen Plakat wird der Globus mit der Zitronenpresse zerquetscht nach dem Motto: »Das Letzte herausholen«. In den fast vier Jahrzehnten seitdem hat sich der Lebensstil in den reichen Industrienationen nicht zum Besseren geändert.

Was heißt Welt, was Umwelt? Fragwürdige Begriffe für das Pflanzen- und Tierreich, uns und das Klima. »Umwelt« soll im 19. Jahrhundert aus dem Dänischen abgeleitet worden sein für »Umgebung« und »Lebenskreis«. Im Duden 1924 steht es noch ohne Zusammensetzungen; 1957 kommen »Umweltbedingung« und »-einfluß« hinzu; neuerdings schießen die Wörter ins Kraut: von »Umweltauto« bis »-verschmutzung«. »Umweltzone«, »Um weltbank« und »-datenbank«, natürlich »Umweltfreundlichkeit«. Flugzeugen und Autos diese Eigenschaft zuzusprechen, ist reinster Hohn. »Umweltfreundlich« kann man nicht einmal wandern. Auch »-verträglichkeit« ist zweifelhaft es kann nur um Schadensbegrenzung gehen.

»Umwelt« suggeriert, es gäbe einen vom Individuum streng abgeschiedenen Bereich. »Umweltzerstörung« kommt uns leicht über die Lippen, hält uns die ganze Wahrheit vom Leibe. Der Selbsterhaltungstrieb regt sich bei Schreckensmeldungen aus der Stratosphäre oder fremden (Bundes-)Ländern kaum. Vor der Tür des Nachbarn mag ins Erdreich sickern, was will, es ist Um-Welt, ich bin´s nicht. Und das Unwort »Weltumwelttag« reduziert nicht nur den katastrophalen Zustand unserer einen Welt auf ein Tagesthema, sondern verharmlost die Beschädigungen.

Welches Wort sonst? »Natur« klingt nach Botanisiertrommel. »Schöpfung« grenzt Ungläubige aus. Dabei geht es um alles: Offenbart sich Gott in seiner Schöpfung, dann ist Schöpfungsschutz auch Gottesschutz. Naturzerstörung ist gegen das Göttliche. »Lebenszerstörung«, »Selbstzerstörung« stimmte auch. An einem Welttag der Weltzerstörung zu gedenken und sich besonders weltfreundlich zu verhalten, hat nur Alibifunktion. Mit »Weltumwelt« kann nur das All gemeint sein, interessant für umweltfremde Astronauten oder Astrologen. Weltumweltkatastrophen finden auf anderen Gestirnen statt, eine Ölpest auf dem Mars, ein Vogelsterben im Sternbild des Schwans.

Trifft uns selbst unerwartet eine Weltkatastrophe, sind jene mitverantwortlich, die mittels Sprache Wirklichkeit und Bewusstsein (»Umweltanschauung«!) in Übereinstimmung zu bringen haben: die Verhältniswortgewaltigen.

Christoph Kuhn
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Schichten abtragen – Anmerkungen zur Sprache

Als die Erde noch eine Scheibe war, stimmten Wissensstand und Sprachgebrauch überein: Die Sonne geht auf, beschreibt einen Bogen am Himmel und geht wieder unter. Gott ist oben, hinterm Sternenzelt, auf dem heiligen Berg. Unten ist die Hölle. Seitdem sich alles dreht und die Mitte gesucht wird, verändert sich auch die Sprache weiter, bleibt aber in bildhaften Ausdrücken eigentümlich »bodenständig« oder »nachhaltig«. Viele Redensarten entstammen Mythen, uralten religiösen Ritualen und längst ungebräuchlichen alltäglichen Gepflogenheiten, oft aus anderen Kulturen. Auch wenn ihre Herkunft kaum bekannt ist, weiß man im gemeinsamen Sprachraum (noch immer) um ihre Bedeutung. So spricht man vom Sündenbock, ohne zu wissen, dass Aaron einst einen mit Israels Sünden beladenen Bock in die Wüste jagte; von der Sintflut, ohne Noahs Geschichte zu kennen. Wer eine Hiobsbotschaft überbringt, muss von Hiob nichts wissen und wer den Ariadne-Faden sucht, nicht, wohin er führt oder wer Ariadne war.

Manche Namen und Begriffe existieren nur noch metaphorisch, andere sind, verwandelt, ihrer Urform näher. Der Pranger ist nicht mehr der Pfahl, an den Schuldige gekettet, öffentlich ausgestellt werden, sondern jetzt werden Menschen medial angeprangert: mit Bild in der Presse oder in TV-Talkshows. Beim Spießrutenlauf wird in der zivilisierten Welt auch niemand körperlich verletzt, sondern durch stechende Blicke und scharfe Objektive. Gebrandmarkt und gegeißelt wird nicht mit heißen Eisen und Peitschen, sondern mit Worten.

Mutter Sprache hinkt der Wirklichkeit nach. Sie zeigt uns bringen wir ihr Aufmerksamkeit entgegen wo wir herkommen. Mit ihr umzugehen heißt, in die Vergangenheit zu blicken, in die Kulturgeschichte Schichten abtragen wie in der Archäologie.

Vor allem durch technische Veränderungen werden Metaphern ausgetauscht. »Nachricht bitte auf Band«, spricht es vom Anrufbeantworter. Ist er alt, läuft noch ein Tonband; neue funktionieren anders, der sprachliche Ausdruck bleibt länger. Auch im Zeitalter digitaler Fotografie heißt es noch eine Weile: Man bannt etwas auf Zelluloid. Man glotzt in die Röhre, auch wenn sie schon ein Flachbildschirm ist.

Neue Begriffe stehen neben alten: das Licht unterm Scheffel und die Tretmühle neben der Schaltstelle und Datenautobahn. Mobilitätsvokabeln, speziell Autometaphorik, haben Konjunktur: Die Branche gibt Gas, ist auf Überholspur oder tritt auf die Bremse.
Selbst wo es nicht um Technik geht, wird solches Vokabular gebraucht: Partner finden keinen Draht zueinander, zwischen ihnen herrscht Funkstille; jemand hat Filmriss, wird gestoppt, seine Batterie ist runter, er muss auftanken, seine Erwartungen zurückschrauben. Das verleiht der Sprache etwas Unmenschliches, »Entseelendes«.

Christoph Kuhn
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Hallo und tschüssi

Ich bin so erzogen, Freunde der Eltern, Bekannte, mit Nennung ihres Namens und je nach Tageszeit zu grüßen: Guten Morgen, ­guten Abend; auf Wiedersehen, Herr oder Frau XY. Diese verkürzten Höflichkeitsformeln von: »Ich wünsche einen guten Morgen, Tag, Abend!«, wurden ­damals bereits oft zu »Morgen!«, »Moin!«, »Tag!«, »Tachchen!«, »n’­Abend!« und »Wiedersehn!« weiter reduziert.

In der Schule übt man noch die längeren Formeln. (Und wenn mich vor Lesungen Grundschüler im Chor begrüßen: »Guten Morgen, Herr Kuhn!«, muss ich an meine Schulzeit denken, wo es nur »Seid bereit!« »Immer bereit!« und »Freundschaft« hieß.) Sonst scheinen sie nur noch bei würdigen, offiziellen Anlässen üblich zu sein, denn immer öfter ertönt das zwar freundliche, aber als Gruß ­eigentlich sinnfreie »Hallo!«.

Was drückt es aus? Ursprünglich der Zuruf an den Fährmann »hol über!« oder der Anruf, wenn die Verbindung schlecht ist ein Ruf, auf sich aufmerksam zu machen. Auch bei Empörung: »Aber hallo, was ist das denn!« oder bei Erstaunen: »War das ein Hallo!«, ein Auftritt mit großem, lautem Hallo. Soll die Beschränkung auf zwei Silben (oder gar auf nur eine: »Hi!«) Zeit sparen? Dann verwundert andererseits das ebenso übliche viersilbige pathetische »Ich grüße Sie!«, worin sich nur der Vorgang ausdrückt, kein Inhalt, kein Wunsch. Das gilt auch für »Sei mir gegrüßt!« Aber ist Kritik angebracht? Womöglich ist »Grüß dich!« die Kurzform von »Es grüß dich Gott!«, also »Grüß Gott!«. Damit könnten wenigstens gläubige Menschen etwas anfangen, und der Gruß beschränkte sich nicht nur auf den deutschsprachigen ­Süden.

Mehr Sinn liegt in Abschiedsgrüßen: »Auf Wiedersehen« wünsche ich manchmal auch, wenn es unwahrscheinlich, sogar unangebracht ist sich wiederzusehen. Oft wird mir mit »tschüss« geantwortet, »tschüssi« oder »tschüssing«. In der Gesellschaft nimmt eine kaum einlösbare Vertraulichkeit zu, eine Innigkeit, die sich auch in den Begrüßungs- und ­Ab­schieds­um­armungen einander relativ fremder Menschen zeigt.

»Schön Tag noch!« ist inflationär, doch immerhin ein Wunsch. Er erinnert mich an meine Großmutter, die beim Verlassen eines Ladens »Guten Tag« sagte, was heute befremdlich klänge. Dafür heißt es »schönen Feierabend«, »schönes Wochenende«.

Sag zum Abschied leise »servus«, oder »ciao«, »ahoi«, »behüt’ dich Gott!«, »mach’s gut«, »gehab dich wohl«; nicht »Ich wünsch dir was!« Was denn? wäre die passende Antwort. »Tschüss« steht noch nicht in meinem Duden von 1957. Es kommt von adieu! (zu Gott, Gott befohlen) und passt hierher. »Hallo« kommt mir selbst oft genug über die Lippen; »hallöchen« ­versuche ich zu vermeiden wie »tschüssi«.

Ihr Christoph Kuhn

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Achte auf deine Worte

Leserinnen und Leser dieser ­Zeitung werden sich womöglich fragen, warum auch noch an dieser Stelle Betrachtungen zur Sprache stehen sollen, gibt es doch über ­unser Deutsch schon so viele kluge und witzige Kolumnen und Bücher eins zum Tod des Genitivs stand sogar lange auf der Bestseller-Liste.

Auch an Mahnungen fehlt es nicht: Der Wortschatz von Kindern würde immer kleiner, weil die Gesprächszeit in den Familien sich immer mehr verringere, wie auch die (Vor-)Lesezeit kürzer werde gegenüber der Verweildauer an Fernsehgeräten und Computern. Diese zunehmende äußere Bilderwelt ließe die innere verarmen, verhindere die Entwicklung der Fantasie. Fantasie jedoch sei die Voraussetzung für Empathie und Empathie wiederum unerlässlich für Solidarität, Zivilcourage. So droht Isolation im Gemeinwesen. Gefahr ist im Verzug!

Der Wert der Muttersprache ist wohl unbestritten, nicht oft genug kann über sie nachgedacht und ­gesprochen werden. Allerdings wandelt sie sich ständig; man hört es, schaut man wie Luther, dem Volk aufs Maul oder sieht es an ­ihrem schriftlichen Gebrauch (am Stil und an der Rechtschreibung von Briefen, Büchern, Printmedien). Und die Blickwinkel auf diesen Wandel sind unterschiedlich.

Zeitlos aber sind die von Konfuzius überlieferten Sätze: »Stimmen die Namen und Begriffe nicht, so ist die Sprache konfus. Ist die Sprache konfus, so entstehen Unordnung und Misserfolg. Gibt es Unordnung und Misserfolg, so geraten Anstand und gute Sitten in Verfall. Sind ­Anstand und gute Sitten infrage ­gestellt, so gibt es keine gerechten Strafen mehr. Gibt es keine gerechten Strafen mehr, so weiß das Volk nicht, was es tun und was es lassen soll. Darum muss der Edle die Begriffe und Namen korrekt benutzen und auch richtig danach handeln können. Er geht mit seinen Worten niemals leichtfertig um.«

Der Talmud sieht eine ähnlich zwingende Logik: »Achte auf deine Gefühle, denn sie werden Gedanken. Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf deine Worte, denn sie werden ­Taten. Achte auf deine Taten, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter. Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.« Und laut Matthäus-Evangelium sagt Jesus in der Bergpredigt: »Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.« Vorher heißt es, man solle nicht schwören. Eine klare Frage verlangt eine klare ­Antwort, ein »Ja« oder »Nein«; eine wortreiche Begründung macht eine Aussage meistens nicht einleuchtender; Beschwörungen verstärken die Wahrheit nicht und ­entlarven eher eine Lüge.

Christoph Kuhn
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