Christoph Kuhn: Angesagt


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Anmerkungen zur Sprache

Wettbewerb in Höflichkeit


Ging es zu Anfang dieser Kolumnen ums Grüßen, soll es zum Schluss noch mal um Höflichkeit gehen. Laut Wörterbuch sagt das Wort alles: der Sitte des Hofes gemäß. Bei Hofe spielt sich ja kaum noch etwas ab, was als Maßstab für Verhalten gilt. Nur woher beziehen wir heute Umgangsregeln, Normen für Anstand und Sitte?

Das Wort Sitte hängt wohl mit Ethos, Gesinnung, Haltung, Gewohnheit, Brauch zusammen. Mit Ehrlichkeit und Vertrauen hat Höflichkeit wenig zu tun. Höchstens mit Vertraulichkeit. So brüsk der Ton und die Gesten im direkten Umgang zuweilen sind, so überschwänglich und huldvoll, ja oft geradezu anbiedernd, geht es in der Öffentlichkeit zu. Als Radiohörer oder Fernsehzuschauer wird man von Moderatoren und Moderatorinnen gern angesprochen, als sei man der gute Bekannte. »Es freut uns, dass Sie eingeschaltet haben!« »Ich wünsche Ihnen noch ein wundervolles Wochenende!« Sie begnügen sich nicht mit nüchternem Verlesen der Verkehrsnachrichten, sondern meinen, es gehöre sich, eine gute Fahrt zu wünschen, »Wo auch immer Sie unterwegs sind, kommen Sie gut an Ihr Ziel!« Obwohl sie nicht die geringste Ahnung haben (sie aber haben könnten), zu wem sie sprechen – etwa zu einem, der einen Banküberfall plant, zu einer, die ihren Nebenbuhler beseitigen will. Vielleicht ist gar im Auto ein gekidnapptes Kind. Sollen die gut ans Ziel kommen? Man wünscht sich, die Fahrt möge sofort an einer Polizeisperre enden!

»Wir freuen uns auf Sie!«, schreibt der Hotelchef in seiner Werbebroschüre; er kann nur hoffen, dass niemand bucht, der die Zeche prellt und das Zimmer verwüstet. Die Höflichen scheinen zu wetteifern.

Vertrauliche Floskeln tönen, wenigstens noch nicht immer automatisch, aus Zuglautsprechern: »Wir begrüßen Sie an Bord des ICE!« – »Danke für Ihre Fahrt mit der Deutschen Bahn!« – »Danke, dass Sie mit uns unterwegs waren … und wir hoffen, Sie bald wieder als unseren Fahrgast begrüßen zu dürfen! … Der Ausstieg befindet sich in Fahrtrichtung rechts.« Zwischendurch: »Besuchen Sie unser Bordrestaurant, wo unser Serviceteam Sie gerne erwartet!« Das will man dann eigentlich vermeiden, um die Erwartungsfreude nicht zu zerstören. Hier wird, wenn auch seltsam eingesetzt, das Wort »gern« richtig verwendet. Falsch erscheint es mir an der Verkaufstheke: »Darf es gern noch etwas vom Sonderangebot sein?« Oder als Antwort auf Danke: »Gerne!« An der Kasse ist das schlichte Auf Wiedersehen längst abgelöst worden von einem »Schönen Tag noch!« und noch eindringlicher: »Schönen Tag noch für Sie!« Obwohl in dem Moment keine andere Person gemeint sein kann. Die Ehrlichkeit von Gruß- und Wunschformeln zu prüfen, lohnt sich besonders jetzt, wo auf Superlative kaum verzichtet wird: Beste Grüße, allerherzlichste Grüße zu Weihnachten! – Für 2014 alles erdenklich Gute!

Christoph Kuhn


Im reifen Alter


Alt werden ist nichts für Feiglinge – ein beliebter Spruch auf Geburtstagsglückwunschkarten. Besonders mutig müssen berühmte Dirigenten klassischer Musik, Rock-, Country- oder Bluesmusiker sein. Denn ältere Künstler und Künstlerinnen werden in Presse und Rundfunk gern als »Legende« bezeichnet. »Eine lebende Legende, ein Mysterium wird gewürdigt«, sagt eine Radiosprecherin am 80. Geburtstag Claudio Abbados. Eine Zeitschrift nennt den 62-jährigen Phil Collins Methusalem (doch der wurde, der Genesis zufolge, 969 Jahre alt).

Alter schützt vor Torheit nicht; und Stars, Super- und Megastars sind vor Ausdrücken wie Mythos, Symbol, Ikone ungeschützt. Sie können noch so vital sein – im »vorgerückten« Alter, etwa ab 50, sind sie im besten Fall »Musikveteranen«, im schlimmsten »Dinosaurier«, was schon des kleinen Hirns wegen beleidigt. Mögen diese Ehrentitel auch wertschätzend gemeint sein und Unsterblichkeit suggerieren, der Unterton mahnt: Lass die Hände vom Metier!

Mick Jagger wurde als Mittzwanziger von einem Reporter gefragt, ob er sich mit 60 noch auf der Bühne sähe. Natürlich, antwortete Jagger. Inzwischen tritt er 70-jährig auf.

Markt, Marketing und Kritik bestimmen, ob der künstlerisch tätige Mensch lobende Prädikate verdient – »hochkarätige Vollblutmusikerin«, »absolutes Ausnahmetalent« –, ob ihm das »glänzende Comeback im Rampenlicht«, die Fähigkeit, sich immer wieder »neu zu erfinden« zugebilligt und er für Preise »gehandelt« wird. Wörter hört man, wie sonst nur in der Kirche, zum Beispiel »Gnade«. Die Künstlerin ist eine begnadete Solistin! Ihr göttliches Spiel! Oder ist es »still um sie geworden«, gilt sie als »Auslaufmodell«?

Es hängt am Namen, wem der Titel »Urgestein« gebührt. Joan Baez ist 73; John Mayall wird 80. Charles Aznavour ist 89, Pete Seeger 94. Sie und andere musizieren, sind auf Tournee, im Geschäft – hoffentlich im Rahmen ihrer Kraft und mit altersgemäßer Bühnenshow. Nur warum »Gestein«, das für Härte und Starre steht? Werden nicht viele im Alter duldsamer, weicher, weiser, reife Früchte? Hängt es mit dem Haus zusammen – na, altes Haus? Es gibt ja Holzhäuser. Es geht auch um Metall: Ob als Star oder »Normalsterblicher« – irgendwann zählt man zum alten Eisen. Warum nicht ein anderes (Alt-)Metall? Gold würde passen, es ist elastischer und glänzt.

Oft gilt Alter als minderwertig. Bei Antiquitäten und Weinen steigert es den Wert. Das Adjektiv verstärkt Negatives (alter Faulpelz) und Positives (alte Schule). Klarer Widerspruch: In alter Frische, alter Knabe! Im Gruß unter Jugendlichen: He, Alter. Alter ist relativ. Heute lassen sich Hochbetagte nicht mehr leicht »aufs Abstellgleis schieben«. Vor 50 Jahren lebten in Deutschland kaum 300 Hundertjährige – heute sind es 11 000. Man wird einige auch auf der Bühne erleben.

Christoph Kuhn


»Heilige« Wörter


Die Wahl ist vorbei, doch am Zaun hängt noch das Plakat mit dem Bild eines unbekannten jungen Mannes, der freundlich dreinblickt zum Spruch: »Ich habe immer noch kein Netz.« Wenigstens benutzen die Piraten, die man wählen soll, um überall ins Netz zu kommen, ein deutsches Wort. Dabei handelt es sich nicht um ein Fischernetz oder eines, mit dem man früher Brötchen holte, nicht ums Netz des Akrobaten oder ums Stromnetz.

Man ist ja nicht von gestern. Erfreulich auch der Verzicht auf den Anglizismus »Netzwerk«; doch dieser Begriff mit der Eigenschaft »sozial« (social network) gilt ja schon für die Verbindung von Menschen auf Webseiten, für die Vernetzung im Internet. Gut, wenn die Welt nicht mit der Internetwelt verwechselt wird, wenn man sich noch auf anderer Ebene, offline, vernetzt. Das Plakat zeigt, wie Wortbedeutung, also Verständlichkeit, abhängig von Zeit und Raum ist. Bald wissen nur noch die Zeitzeugen, was es mit Bückware auf sich hatte, mit Mauertoten und Fluchthelfern.

Vergeht Zeit, vergeht Bedeutung. Zurzeit sind Flüchtlinge vorwiegend Menschen aus Afrika. Geraten sie in See- oder andere Nöte, sterben sie auf der Flucht, spricht man leichtfertig von Flüchtlings- oder Todesdramen oder von Tragödien, die sich vor der europäischen Küste »abspielen«. Ältere Wörterbücher erklären die Begriffe Drama und Tragödie ausschließlich als Arten griechischer Theaterkunst, als Darstellung einer Handlung auf der Bühne. Spätere erlauben die Bedeutungserweiterung, beziehungsweise Verallgemeinerung: »Schauspiel oder trauriges Geschehen«; »Trauerspiel oder erschütterndes Ereignis, (großes) Unglück, Verhängnis«.

Verhängnisvoll ist es auch, wenn durch wachsende Verbreitung und Aufnahme unterschiedlicher Nachrichten Not relativiert wird. Zudem begünstigt der Sprachgebrauch die Verwechslung von virtuellen und reellen Ereignissen. Auch, wenn von Albtraum geredet wird: Es ist meistens keiner. Geht es hier unbewusst um Verdrängung und Vermeidung, die Wirklichkeit mit ihren Katastrophen zur Kenntnis zu nehmen? Es heißt oft – wie aktuell beim 200-jährigem »Jubiläum«(!) der Völkerschlacht bei Leipzig – »menschliche Katastrophe«. Doch es ist seit der Existenz des Menschen mit Katastrophen, die nur Pflanzen und Tiere oder unbelebte Materie betreffen, vorbei. Gemeint sind die vom Menschen verursachten Katastrophen, zu denen Naturkatastrophen mehr und mehr gehören.

Unzuverlässig ist die Sprache, unzulänglich sind die Begriffe. »Man muss zuweilen wieder die Wörter untersuchen, denn die Welt kann wegrücken, und die Wörter bleiben stehen«, sagt Georg Christoph Lichtenberg. Und Wolf Schneider: »Nichts zeigt die Macht der Sprache eklatanter: Wie wir etwas nennen ist uns wichtiger, als wie es ist. (…) Wörter sind heilig.«

Christoph Kuhn

Sommer, Ferien, Urlaub


Ferien! Acht lange Wochen! Natürlich ohne schulisch organisierte Ferienspiele oder Aufenthalt im Ferienlager – das wäre das Letzte! Sondern wir verreisten als Familie, mit Freunden. Wir bezogen ein Urlaubsdomizil: mieteten zwei Zimmer einer Bauern- oder Fischerkate, ein Ferienhaus, einen Zeltplatz, hatten Vollpension im Erholungsheim. Wir waren urlaubsreife, erholungsuchende Feriengäste im Seebad, am Urlaubsort im Gebirge.

Urlauben bedeutet auch Nichtstun, einmal richtig die Seele baumeln zu lassen.

Urlaub ist etwas ziemlich Neues in der Menschheitsgeschichte. Arbeitnehmer nehmen sich neben der Arbeit auch die freie Zeit. Ruhetage, sogar ein paar Wochen, mehrmals im Jahr, zur Erholung, zur Regenerierung der Arbeitskraft, stehen ihnen gesetzlich zu; sie haben nicht mehr nur die »Erlaubnis, sich zu entfernen«, wie es im etymologischen Wörterbuch heißt. Und zu Ferien steht da geschrieben: Entlehnt aus feria (feierlich) und fanum (Heiligtum). »Die Ferien waren ursprünglich die Tage religiöser Handlungen, an denen keine Geschäfte betrieben wurden.«

Die Großeltern begaben sich in die Sommerfrische, meistens ganz in der Nähe. Doch nie, während die Familie der Kinder Urlaub machte, denn Haus und Garten sollten in Obhut bleiben. Frische – keine andere Jahreszeit bedarf ihrer; nur im Sommer ist Kühle, frische Luft, nötig; besonders im Hochsommer (der einzigen Jahreszeit mit dieser Steigerung).

Das Urlaubs­ende war immer recht traurig. Obwohl wir Bräune (»Wie die Neger!«) mitbringen und viel zu erzählen haben würden. Ich versuchte mir den Abschied von der Ostsee zu erleichtern durch die Mitnahme von Muscheln, Steinen, sogar Sand und Meerwasser in Marmeladengläsern. Die Mutter zeigte dafür eher Verständnis als der Vater, der über das Gepäckvolumen im Kofferraum wachte.

Wir zählten die verbleibenden Urlaubstage, die Stunden. Wir versuchten uns zu trösten mit Erinnerung an alles Mögliche, auf das man sich zu Hause freuen könnte.

Ein letzter Blick aufs Meer, auf den See, vom Berg herab. Später die lange, langweilige Autobahnfahrt, bis zur Aussicht auf die im dunstigen Tal liegende Stadt. Und das Spiel: Wer sieht bei der Ankunft den ersten bekannten Menschen? Mal war es die Drogistin, mal eine Hausbewohnerin, mal ein Mitschüler; meistens aber doch der Großvater, auf den Rechen gestützt, in Erwartung seiner Familie.

Zum Glück war mit dem Urlaubsende die Ferienzeit noch längst nicht vorbei. Der Vater ging wieder ins Geschäft, die Mutter machte weiter den Haushalt – den eignen; und die Großeltern konnten zur Sommerfrische reisen, weil wir ja inzwischen den Garten sprengten.

Die restliche schulfreie Zeit wäre unbeschwerter gewesen, hätte nicht der obligatorische Aufsatz bevorgestanden: »Mein schönstes Ferienerlebnis«.

Christoph Kuhn


Kultur, Kulturgut


Willkommen, ihr Freunde des Sportes und der Körperkultur!«, grüßt ein Schild am Cunnersdorfer Waldbad. Lange her. Vielleicht verschwand es, weil Verantwortlichen auffiel, dass sich Sport und Körperkultur kaum unterscheiden. Zur Kultur gehören Leibesübungen, Ausdruck des Körperlichen, unbedingt. Das Rathausdezernat vereint ja ohne Weiteres die Bereiche Kultur, Bildung und Sport. Kultur hat mit allem zu tun, ist immer Kultus, Pflege.

Selbst Natur und Kultur müssen keine Gegensätze sein; die Kultivierung im Naturpark zeigt es.

An Kultur lassen sich viele Wörter fügen: Streit-, Leit-, Hoch-, Subkultur. Umgekehrt ist Kultur auch strapazierfähig: Kulturrat, Kulturraum, Kulturlandschaft, Kulturnation, Kulturwelt.

Zum Kulturabbau setzen Kulturpolitiker bei den Kulturausgaben, am ohnehin immer zu kleinen Kulturetat, den Rotstift an. Kulturvergessenheit also? Kultur kann man leicht vergessen, wenn man nicht (mehr) weiß, was sie bedeutet, was sie einem wert ist. Man kann klar sagen, was Unkultur ist, was einen Kulturbanausen ausmacht. Doch was ist Kultur eigentlich? Malerei, Musik, Poesie, Tanz wohl nicht, wo von Kunst und Kultur die Rede ist.

Esskultur und der Inhalt des Kulturbeutels, auch Necessaire (Notwendiges) genannt?

Ist Kultur das Nötige? Können wir ohne sie sein? Unsere Vorfahren in grauer Vorzeit haben es uns vorgemacht.

Das werfen die Kultur- und ­Medienschaffenden den kürzenden Kulturpolitikern auch vor: dass sie Kultur nicht als das Nötige betrachten; womöglich, weil ihnen im Kulturbetrieb die Muße für ­Konzerte und Theaterstücke oder Romane und Gedichte fehlt. Woher kommt der Vergleich mit dem Sahnehäubchen auf dem Dessert? Kultur ist aber tägliches Brot, gesellschaftliches Grundnahrungsmittel. Kunst gehört zur Zivilisation, ist nicht einfach Luxus oder Volksbelustigung. Das Volk will seit eh und je Brot und Spiele, geht aber auch, wie jüngst in Brasilien, gegen die Verschwendung von Milliarden für neue Fußballstadien auf die Straße! Es protestiert gegen unsinnige Großprojekte und immer wieder gegen Einsparungen im Kulturbereich, wie kürzlich in Sachsen-Anhalt. Fast ein Kulturkampf. Wutbürgerkultur.

Da lobt die Regierung dann mal wieder die Kultur, nennt sie Alleinstellungsmerkmal, Bleibefaktor, und harten Standortfaktor, verspricht neue Kulturentwicklungskonzepte.

Ohne anderen intelligenten Lebewesen zu nahe treten zu wollen: Kultur unterscheidet uns von den Tieren (abgesehen von Bakterienkulturen auf Nährböden). Defizite im kulturellen Leben, Flurschäden und Kahlschläge in der Kulturlandschaft führen zur Verödung, zur Verrohung.

Diese Erkenntnis ist quasi ein Kulturgut; kulturelles Erbe, kulturelle Vielfalt und kultureller Reichtum sind immer gefährdet. Deshalb trifft man Kulturpessimisten oft, Kulturoptimisten selten.

Christoph Kuhn


Von Flut zu Flut


Im Internationalen Jahr des Wassers wollte ich über das Glück schreiben, keine bedrohliche Dürre erleben zu müssen; über das Privileg, immer Trinkwasser zu haben – in bester Qualität aus der Leitung – Wasser, das reichlich genug fließt, um sogar das Klo zu spülen.

Blauer Planet – Nomen est omen: Wasser des Lebens ist im Überfluss da; nur, wie vieles, ungerecht verteilt. Die einen gehen baden so oft sie wollen, die andern meilenweit zum nächsten Brunnen. Schreiben wollte ich über ­»virtuelles« (zur Herstellung aller Produkte nötiges) Wasser, über ­»sanitäre Grundversorgung«, über Wasser als Menschenrecht und Handelsware, über Kampagnen gegen die Privatisierung der Wasserwirtschaft, über den Nutzen von Wasserkraft…

Und plötzlich ist zu viel Wasser da. Ich bin sprachlos vor den Bildern. Ein Freund, der sein Haus verlassen muss, sagt: Es ist ein ­Unterschied, ob du das im Fernsehen siehst oder direkt vom Fenster aus. Hochwasser. Flut. »Jahrhundertflut« – die zweite im Abstand eines Zehnteljahrhunderts. Welche Sprachmarken setzen die Medien!? Das Wort Opfer wird strapaziert: Flutopfer – als sei Wasser eine Gottheit, der geopfert werden müsse. Zumindest wird das Element personifiziert: Die Flut wütet, macht hier und da einen Strich durch die Rechnung; das Wasser sei der größte Feind des Buches, sagt ein Reporter in der überschwemmten Bibliothek.

Wer biblische Dimension sieht, sagt »Sintflut«. Das »böse Dichten und Trachten des menschlichen Herzens« besteht heute in Ignoranz, in Versäumnissen beim Natur- und Auen-Landschaftsschutz. Die Flüsse werden wirklich »verdammt«: in engen Dämmen geführt, zu Wasserstraßen ausgebaut. Stattdessen brauchen sie mehr Raum. Ihre alten Auen müssen wiederentdeckt und neu belebt werden. Viele Pläne für Deichrückverlegung und -sanierung wurden nicht realisiert. Mancherorts bestand Hochwasserschutz in der Deicherhöhung, wodurch das Land nur weiter flussabwärts überschwemmt wurde. Überflutungsflächen wurden neu bebaut. Deutschlandweit nehmen Verdichtung und Versiegelung des Bodens zu. Der »Flächenverbrauch« liegt bei ca. 80 Hektar täglich! (laut Umweltbundesamt).

Manche Politiker finden es empörend, gleich über mögliche selbst verschuldete Ursachen zu ­reden. Natürlich erst die Krise beherrschen, Menschen vor Ort helfen, die kein Land sehen, denen das Wasser bis zum Hals steht und die Felle davonschwimmen. Die Welle der Hilfsbereitschaft! Dann dürfen Fehler analysiert werden.

Die Wirtschaft wird wohl, nach aktuellen Verlusten, wieder Oberwasser bekommen, »angekurbelt« werden durch neuen Bedarf an Gütern, die ins Wasser gefallen sind.

Ganz überraschend kam die Überschwemmung nicht. Und grundsätzlich wird sich an falschen Prioritäten, an Fehlentwicklungen in der Gesellschaft nichts ändern. Nach der Flut ist vor der Flut.

Christoph Kuhn


Arbeit über alles?


Schaffen und Streben ist Gottes Gebot. Arbeit ist Leben, Nichtstun der Tod«, steht seit 1909 über der Haustür. In allen Gesellschaftssystemen in Ost und West, genießt Arbeit hohe Wertschätzung. Im Volksmund und in der Propaganda adelt sie, macht sie frei und das ­Leben süß, ist des Bürgers Zierde (Schiller). Die DDR hatte das Recht auf Arbeit und die Pflicht dazu, mit Parolen: »Mein Arbeitsplatz – Kampfplatz für den Frieden!«, »Ich leiste was – ich leiste mir was!«. Sachsen-Anhalt wirbt: »Wir stehen früher auf.« Und dann?

Nicht nur am 1. Mai und im Wahlkampf ist Arbeit ein Hauptthema der Debatten: Es geht um Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Vollbeschäftigung, Mindestlohn; selten um wirkliche Teilung der Mangelware Arbeit. Arbeitskraft in der Produktion wird immer weniger gebraucht wegen der Automatisierung, der Schwarzarbeit, der Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer – aber der Nimbus des Arbeitsplatzes, wächst noch. Dabei haben viele keinen mehr, fahren hin und her, haben mehrere Jobs. Vermutlich gibt es so viele überarbeitete wie arbeitslose Arbeitswillige, Faulpelze und Workaholics.

»Was machst du?«, ist die oft gestellte Frage. Man definiert sich über Arbeit, Leute ohne sind deklassiert. Hausarbeit zählt kaum. Dafür ist alles Mögliche neben dem Beruf Arbeit: Emotionsarbeit, Trauerarbeit, Körperarbeit. Die Vergangenheit aufarbeiten – eine der Baustellen neben Grundstück, Beziehung, Kindererziehung, Ehrenamt.

Es gibt keinen Konsens über Wert und Nutzen von Arbeit. Sie fehlt im doppelten Sinn. Es gibt viel zu tun. Und viel Arbeit, die verrichtet wird, richtet Schaden an, zerstört die Arbeit anderer, tötet. Gemüseanbau, Gemüsevernichtung. Öltanker manövrieren, Ölteppiche absaugen, »Kriegshandwerk«, Friedensarbeit. Wie beim Wachstumsgerede, geht es auch bei Arbeit mehr um Quantität. Leistung, Pflicht, Dienst, Karriere. Welche ­Arbeit entfremdet? Welches Tun unterbliebe besser?

Doch Müßiggang ist aller Laster Anfang. Nichts mit Abschalten, Bummeln, Sabbat­ruhe, mit Freizeit, die mehr ist als Regeneration der Arbeitskraft. Nichts mit Lob des Müßiggangs.

Die Bibel sagt Widersprüchliches zum rechten Maß menschlichen Fleißes. Am Anfang: »Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.« Und: Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen. Aber auch: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Lernt von den Lilien und den Vögeln, sie arbeiten nicht, aber der Himmel ernährt sie doch. Paul Gerhardt orientiert sich an Gott bei der Arbeit und dichtet: »Auf sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll bestehn.« Auch sein Zeitgenosse Martin Behm: »Mein Arbeit hilf vollbringen zu Lob dem Namen dein, und lass mir wohl gelingen, im Geist fruchtbar zu sein.« Im Lied »Wie lieblich ist der Maien«. Wie weit ist diese Geisteshaltung entfernt?

Christoph Kuhn


Postmoderne Entgleisung


Welch ein Fasten! Was für eine freie unbeschwerte Zeit! »Mensch, riskier was!« Ich bin dabei. Sieben Wochen ohne Vorsicht sind ganz nach meinem Geschmack! Ein gefundenes Fressen fürs schwache Fleisch. Ich haue rein beim Fastfood, saufe ohne Rücksicht auf Leberwerte, rauche auf Lunge, pfeife auf jede Vorsorgeuntersuchung, lasse alle Termine platzen, fahre schwarz in Bus und Bahn oder rase unangeschnallt mit Karacho bei Rot über die Kreuzung, setze beim Pferderennen Höchstsummen auf mir unbekannte Gäule, kaufe Aktien bei Facebook, türke meine Steuererklärung, gehe nicht zur Kirche, vielleicht merkt Gott das gar nicht. Alles geschieht ja mit dem höchsten Segen der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ich vertraue und genieße, lasse mich gern zu mehr Nonchalance und Leichtsinn animieren.

Was waren das doch früher für qualvolle Fastenwochen: Verzicht auf dieses, Verzicht auf jenes.

Damit soll Schluss sein. Drakonisch wurde uns Enthaltsamkeit und Selbstüberwindung gepredigt, der moralische Zeigefinger oder gar die Keule gezeigt. Da möchte Kirche verständlicher Weise nicht mehr dem Zeitgeist zu nahe und in der Genussgesellschaft auf die Spaßbremse treten. Entsagen, sich gar auf das Leiden Jesu einstellen, ist voll uncool und nicht riskant genug.

Oder ist das aktuelle Fastenmotto doch religiös? »Vorsicht« kommt in der Bibel (laut meiner Konkordanz) tatsächlich nicht vor; artverwandte Wörter, wie Besonnen- oder Achtsamkeit, nur ganz selten. Von Rücksicht ist eher die Rede, doch warnend: Frau Lot, die hinter sich sah, ward zur Salzsäule, und der zurückblickende Bauer mit der Hand am Pflug taugt nicht fürs Reich Gottes. Seltsam, weder Vorsicht noch Rücksicht sollen sein? Klar ist nur, das Widersprüchliches zusammengehört: Ohne Nach- und Rücksicht keine Voraussicht oder Umsicht.

Der Slogan soll natürlich nicht zu frecher Rücksichtslosigkeit ermutigen, sondern will sich gegen ängstliche argwöhnische Übervorsichtigkeit und falsche Sicherheitsgefühle richten. Und schön wäre es, würde in sieben Wochen mal unverblümt kein Blatt vor den Mund genommen, nichts sorglos unter den Teppich gekehrt und unterm Deckel gehalten! Nur, was kommt danach, was bleibt vom Mut und Übermut?

Traditionell eine Zeit des Verzichts – die sieben Wochen vor Ostern. Von der Zeitangabe abgesehen hat das Motto 2013 mit dem ursprünglichen Sinn des Fastens nichts zu tun. Wer ist für diese postmoderne Entgleisung verantwortlich? Findet ein Outsourcing der Werbung für die frohe Botschaft samt dem Corporate Identity der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland statt? Sind Firmen beauftragt, die Verkündigung dem Mainstream anzupassen – Aufmerksamkeit erheischend, ohne Risiko und ungeachtet theologischer Grundlagen, Fastenmottos zu produzieren und auszustreuen? Da darf man schon auf das nächste sehr gespannt sein!

Christoph Kuhn


Gerechte Sprache


In wiederkehrenden Diskursen geht es beispielsweise um politisch korrekte Sprache, frei von rassistischen Worten.

Pippi Langstrumpfs Vater wird vom Neger- zum Südseekönig, das »Negerlein« in »Die kleine Hexe« soll ausgetauscht werden. Astrid Lindgrens und Otfried Preußlers Bücher sind etwa sechzig Jahre alt. Man kann weiter zurücksehen: »Es ging spazieren vor dem Tor / ein kohlpechrabenschwarzer Mohr.« Böse Buben verspotten das »Mohrchen«. Zeuge wird der große Niklas, »der sprach: Ihr Kinder hört mir zu / Und laßt den Mohren hübsch in Ruh’! Was kann denn dieser Mohr dafür, / daß er so weiß nicht ist wie ihr?« Doch die Diskriminierung geht weiter, da tunkt Niklas sie ins Tintenfaß, und man sieht »wie schwarz sie sind, / viel schwärzer als das Mohrenkind.«

In Heinrich Hoffmanns »Struwwelpeter« von 1858 steht dieser Text gegen Fremdenfeindlichkeit – mit unkorrekten Begriffen! Hier würden Korrekturen nicht nur dem Versmaß schaden, sondern dem historischen Denken – wie in den anderen Fällen.

Das Etymologie-Wörterbuch von 1995 schreibt: »Mohr« kommt von Maure, und »Neger« von lateinisch niger, schwarz. Der Duden (1924) verzeichnet »Neger« und »Nigger« ohne Anmerkung; auch der Leipziger (1957) lässt »Mohr«, »umgangssprachlich für Neger« gelten, nur nicht »Nigger« als »in kapitalistischen Ländern verächtlich für Neger«. Im DDR-Lexikon (1982) ist »Neger« eine »von Kolonialherren geprägte Bezeichnung für Angehörige der negriden Rasse … heute durch Afrikaner, Afroamerikaner bzw. die Staatsangehörigkeit zu ersetzen.« Für den Duden (1996) ist »Neger« »auch abwertend« und »Mohr« »veraltet für dunkelhäutiger Afrikaner«; er führt noch »Mohrenkopf«, »ein Gebäck«, an und »Mohrenwäsche«, als »Versuch, einen offensichtlich Schuldigen durch Scheinbeweise reinzuwaschen«. Im Fremdwörterbuch 2007 fehlt »Neger«.

Sollte man den Film »Neger, Neger, Schornsteinfeger!« umtiteln? Im »Lincoln«-Film wird natürlich von Negern gesprochen. Begriffsbedeutungen ändern sich mit dem Zeitgeist, den die Literatur dokumentiert. Als diskriminierend empfundene oder unmodische Worte zu entfernen, ist ein Affront gegenüber den Textautoren. Der Böhmischen Brüder Lied, in dem drei Frauen Spezerei nahmen und ohn’ Scheu zum Grab gingen, dichtete die Choralbuchredaktion einfach um! Hingegen Fußnoten sind erlaubt für schwer Verständliches.

In Luthers Lied »Komm, Heiliger Geist, Herre Gott«, erklären sie »heilige Brunst« mit »Glut« und »des Fleisches Blödigkeit« mit »Verzagtheit«.

Änderungen in Übersetzungen sind akzeptabler als in Ursprungstexten. Luthers Bibel wurde ja mehrfach revidiert – wegen Bedeutungsänderungen und zugunsten der Verständlichkeit – zum Nachteil seiner originären Sprache. Übrigens lassen viele Bibelpassagen hinsichtlich Political Correctness einiges zu wünschen übrig.

Christoph Kuhn

Seltsame Vorsätze


Pentti, ein befreundeter Finne stellte mir die Frage, ob ich Vorwände fürs neue Jahr gefasst hätte. Ich weiß nicht, ob meine Erklärung, warum das Wort Vorwand hier nicht passt, ihn überzeugte.

Jedenfalls erschien mir »Vorsatz« auch nicht zwingend. Denn das seiner Vorsilbe entledigte Wort bedeutet ja alles Mögliche (Vor-) Gesetzte: den Satz Briefmarken, den eines Musikstücks… Dazu kommen diverse Um- und Zusätze, Absätze an Schuhen, in Texten oder der Boden-, Druck- und Kaffeesatz. Daran wird bei Vorsätzen weniger gedacht sein – eher an Grundsätze, an Dinge, die grundsätzlich nicht schlecht sein sollten, weil es ja am Jahresanfang um gute geht. Sonst ist ein Vorsatz (im Sinne des Plans, der Absicht) ein neutrales Vorhaben jeglicher Art: etwa umzuziehen, den Stromanbieter zu wechseln, wieder an den gleichen Urlaubsort zu reisen und dergleichen. Trotzdem hat »vorsätzlich« einen negativen Beigeschmack in der Bedeutung von »willentlich«, »mutwillig«. Und selbst von guten Vorsätzen heißt es, der Weg zur Hölle sei damit gepflastert.

Vorsätze sind also etwas: Man kann ihnen treu bleiben, sie über den Haufen werfen und fallen lassen – und sie fassen: Da hatte Pentti zwar das passende Wort benutzt, doch jetzt kam er ins Grübeln: Ob mit fassen eigentlich fangen, greifen, packen gemeint sei? Dann wären einem die Vorsätze ja sicher – kein Problem, sich zu disziplinieren. Oder ginge es vielleicht ums Formulieren, Festhalten, Verfassen von Vorsätzen?

Es macht Spaß, mit Pentti und anderen Deutsch Lernenden über die Sprache zu reden; sie staunen noch über Wörter, die unsereins (oder unsereinem?) vertraut sind. Man merkt ja in erster Linie bei der Grammatik, wie schwer Deutsch ist.

Sprechen wir lieber davon, sagte Pentti, was 2013 anders werden müsse. Oder darüber, antwortete ich, was man sich selbst vornehmen sollte? Das ist ja wieder so eine seltsame Vokabel. Pentti kannte »vornehm«. Abgesehen davon, dass es damit wohl nichts zu tun hat: Vornehmen kann man sich eine Handarbeit, ein Buch, einen zu rügenden Menschen – aber etwas abstrakt in der Ferne Liegendes, eine Idee, eine Intention? Gemeint ist: etwas erstreben, zu tun gedenken, ins Auge fassen. »Fassen« begegnet uns wieder; aber was, welche konkreten Vorsätze, und warum ausgerechnet zum Jahreswechsel?

Die Hoffnung »Ab morgen wird alles anders!« ist illusionär. Änderungen müssen bei ­einem selbst beginnen. Voraussetzung ist, zu sich zu kommen, bei sich selbst anzukommen, zu sich zu finden. Der Anspruch ist geringer, als sich selbst »neu erfinden« zu wollen, gar täglich. Wer werden will, was er sein sollte, der muss lassen, was er jetzt ist, sagt Meister Eckart.

Und Albert Einstein: Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.

Christoph Kuhn

»Lies, um zu leben«


Neben dem Rad ist die Schrift die genialste Erfindung der Menschheit. Das Feuer war schon da, wir mussten nur lernen, es zu erzeugen. Höhlenzeichnungen und Fotos sind naturalistische Abbilder. Aber die Schrift! Mit abstrakten Zeichen, mit Buchstaben, erhabenen Punkten für Blinde und mit Notensymbolen Sinneseindrücke aufzurufen – das ist einmalig im Sonnensystem.

Es gibt kommerziell lukrativere Erfindungen – die der Informationsvermittlung, der Fortbewegung, der Ernte oder Nahrungskonservierung. Lesen wie Schreiben aber – gleich in welchem Medium – sind dafür wesentliche Grundlagen.

»Lesen« hat ähnliche Präfixe wie »Hören«: anlesen, ablesen, erlesen… Verschieden in der Bedeutung sind »aufhören« und »auflesen«. Lesen ist Sammeln, innere Sammlung. Als »belesen« gilt allgemein schon, wer sich zum Informationsgewinn durch viele Bücher frisst. (Etwa fünf Prozent der Deutschen versenken sich täglich in ein Buch; da sind »Ratgeber« eingerechnet.)

Auf höhere Art ist Lesen Aneignung von Ideen, ist Begegnung. »Nicht Worte sollen wir lesen, sondern den Menschen, den wir hinter den Worten fühlen«, sagt Samuel Butler. Marcel Proust spitzt zu: »Jeder Leser ist, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst.« Und Hugh Auden: »Ein richtiges Buch wird nicht von uns gelesen, sondern es liest uns.« »Nichts sonst spricht so eindringlich mit uns selbst wie ein Buch«, sagt auch Herta Müller. Für Alexander Kluge sind Bücher Gottesgaben. Martin Walser meint: Die für den literarischen Ausdruck ursächliche Erfahrung sei die gleiche wie für den religiösen. Und: »Lesen ist nicht etwas wie Musikhören, sondern wie Musizieren.« Es sei ähnlich schwer wie Schreiben, meint Christa Wolf. »Lesen ist Arbeit, aber eine der köstlichsten«, Reiner Kunze.

Durch Auswechseln eines Zeichens wird aus LESEN LEBEN. »Das Lesen ist wie das Atmen eine essenzielle Lebensfunktion«, sagt Alberto Manguel, und Inge Feltrinelli: »Ein Buch ist ein Lebenselixier. Die Vervielfachung des eigenen Lebens.« »Lies, um zu leben«, mahnt Gustave Flaubert. Wir brauchen die durchs Lesen geübte Fantasie als eine Voraussetzung für Empathie; diese wiederum ist für Solidarität unerlässlich. Eine aliterarische Gesellschaft würde Werte wie Solidarität und Zivilcourage vermissen lassen, Interesse und Kritik am Gemeinwesen entbehren.

Die Geister stimmen überein: »Poesie ist Dynamit für alle Ordnungen der Welt.« (Heinrich Böll). »Lesen gefährdet die Dummheit.« (Erich Kästner). »Hast du drei Tage kein Buch gelesen, werden deine Worte seicht.« (Chinesisches Sprichwort). »Wer Bücher liest, kennt die Welt – und nicht nur bis zum Zaune.« (Johann W. Goethe). »Ein Buch lesen – für mich ist es das Erforschen des Universums.« (Marguerite Duras).

»Wer nicht liest, kennt die Welt nicht.« (Arno Schmidt).

Christoph Kuhn

Schöne Onlinewelt


Lady Gaga knackt, laut Presse, als erste Twitter-Nutzerin die Marke von 30 Millionen Anhängern. Angela Merkel hat 200000 Fans oder Freunde bei Facebook. Ich habe keine – nicht bei Online-Communitys. Doch sie werden mir angeboten: X und Y möchten auf Facebook mit mir befreundet sein. Ich kenne beide, mir reicht der bestehende Kontakt. Und von ihnen kommt die Mail gar nicht – sie wird automatisch versandt.

Freund, Freundeskreis – welcher Wortklang, welcher Sinn!

In 20 Internet- und sieben Geschichtsbuch-Jahren wandelten sich Begriffe, verloren an Bedeutung, neue entstanden, vor allem englische: App, Blog, Chat usw. In alten und neuen Medien, die so neu nicht sind, wird meist unkritisch mit der Sprache jongliert, Schindluder getrieben.

Vor Jahrzehnten bezeichnete man den »Fernseher« gern als Wohnungsaltar – mit Ironie, die dem Internet gegenüber erst langsam aufkommt.

In einer Karikatur ruft der Vater seinem Sohn zu: Wenn du nicht folgst, stell ich dich ins Netz! – Der globale Pranger. Neutral ausgedrückt: die Vernetzung virtueller Orte. Doch man sagt: Ich geh ins Internet, bin dort »unterwegs«. »Besuch mich auf der Website«, die Besucher werden gezählt. Wem fiele ein, Striche an der Haustür zu machen? Höchstens gibt’s Gästebücher, wie oft auf Homepages.

Das Internet – Instrument zur Kommunikation – wird aber gerühmt wie der Inbegriff des Fortschritts, wie eine Erlösungslehre. Verheißen wird jedwede Auskunft, Teilhabe an der globalen Netzgemeinde, das Tor zur digitalen Welt, ins digitale Zeitalter, in die digitale Zukunft. Digitales Leben – ein Widerspruch in sich. Digitalisierung fördert indifferentes Denken. Daumen nach oben, nach unten; »Like«-Button: gefällt mir, gefällt mir nicht – gut, böse. Für Produkte, Personen, Anschauungen, Verhaltensweisen. Digitaler Schatten meint: Jeder Klick speichert Daten. Wir hinterlassen digitale Fußabdrücke – Fundgruben für die Wirtschaft.

Ein Hohn ist der Ausdruck Soziales Netzwerk für ein Forum wie Facebook. Was ist da sozial im Sinn von gesellig, gemeinnützig? Bei fehlendem Schutz vor Shitstorm, Cyper-Mobbing und -Stalking ist viel Asoziales im Netz. Geschätzte 500 Millionen Nutzer sind von Internetkriminalität betroffen, mit Milliardenschäden. Getarnt lässt sich zu Flashmobs, Riesenpartys, spontanen innerstädtischen Saufgelagen aufrufen, zum Lynchmord. Auch zur Rebellion gegen wachsende Ungerechtigkeit.

Sozial ist das Netz, etwa wenn Twitter verbotene, z. B. rechtsradikale, Accounts blockiert. (Die es ohne Netz nicht gäbe.) Sozial ist es, wo in ihm kollektive Intelligenz der Demokratiegefährdung entgegentritt. Asozial ist es, weil sich immer mehr Menschen abgeschirmt von der wirklichen Welt vereinsamt fühlen, internetabhängig werden. Klaus Klages sagt: »Nichts verbindet so unverbindlich wie das Internet.«

Christoph Kuhn

Zugerechnet, eingeteilt


Wer sich ständig verspätet, Verabredungen vergisst, Abmachungen ignoriert, impulsiv tätlich wird – der gilt als unzuverlässig und unberechenbar. Aber durchaus noch als zurechnungsfähig.

Auch der Attentäter Anders Breivik gilt als zurechnungsfähig. Den rechtspsychiatrischen Befund, der ihn als paranoid schizophren einschätzt, heben spätere Gutachten auf. Die attestierten Affektstörungen und krankhaften Wahnideen bedingen Unzurechnungs­fähigkeit noch nicht. So wird er als geistig gesund (doch gewiss nicht seelisch gesund), also nicht unzurechnungsfähig, somit schuldfähig und strafrechtlich verantwortlich, zur Gefängnisstrafe verurteilt.

Breivik selber bezeichnet sich auch nicht als unzurechnungsfähig, und er äußert, diese Wertung wäre für ihn schlimmer als der Tod; und er werde ein Urteil, dass ihn als zurechnungsfähig einstuft, auch nicht anfechten.

Schon wegen der unsäglichen Anmaßung hätte sein verstiegener Stolz gebrochen werden sollen. Denn ist einer zurechnungsfähig, der vorsätzlich mordet, siebenundsiebzigfach, und danach keine Reue, kein Unrechtsbewusstsein zeigt und an seiner fremdenfeindlichen Gesinnung, seiner rassistischen Ideologie festhält? Breivik hält sich für einen politischen Aktivisten, der präventiv zur Rettung Europas und in Notwehr für sein Volk, seine Kultur und Religion tötete. Ist das ein Zurechnungsfähiger? Und was bedeutet das für alle diejenigen, denen er zugerechnet wird, die nicht derart aus der Norm fallen?

Ist der Gedanke logisch? Zwar ist es üblich, Menschen zuzuordnen, einzuteilen, in Gruppen und Randgruppen, in Schichten (bildungsferne und -nahe), in Behinderte, Nichtbehinderte, Gesunde, Kranke.

»Rechnen« kommt von »gerichtet machen«. Berechenbarkeit strukturiert, gibt Orientierung, verschafft Übersicht. Alle sind wir ­irgendwohin zuzurechnen. Zurechenbar. Doch es heißt ja »zurechnungsfähig«; einem Menschen werden bestimmte Eigenschaften zugerechnet, zugesprochen: Klarsicht, Vollsinnigkeit, Verständigkeit, Wirklichkeitsnähe und was der sinnverwandten Ausdrücke für Zurechnungsfähigkeit mehr sind. Ein anderer Mensch wird solcher Zurechnung für nicht fähig erachtet. Aus- und Eingrenzungen gehören zu dem Rechenexempel. Polarisierendes Denken wird aber der Wirklichkeit nicht gerecht. Zurechnungsfähigkeit ist so definitiv wie Unzurechnungsfähigkeit. Entweder-oder, Plus-Minus. Mathematik versagt. Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung liegen knapp neben der Wahrheit. Der Mensch, die Person, klarer Typ oder rätselhafter Charakter, ist nie berechenbar, etwa mit Zahlen und Formeln. Der Mensch als Individuum und in seinen Beziehungen im Gemeinwesen – mit Gesetzen, Regeln und Normen geradeso in Schach gehalten – ist und bleibt unberechenbar zurechnungsfähig, beziehungswei­se berechenbar unzurechnungsfähig.

Christoph Kuhn

Geld, Geld!


Mein Großvater benutzte keine Börse. Um es immer passend zu haben, trug er Hartgeld in der Hosentasche. Es war aber nicht sein Taschengeld, dieses Kleingeld. Das größere lag auf der Bank. Über Geld spricht man nicht, sagte er manchmal, Geld hat man. Es wird nie berauschend viel gewesen sein.

Über nichts wird so viel geredet wie über Knete, Kies, Kohle, Moneten, Mäuse, Moos, Zaster. Über Preise, Rabatte, Tarife, Abzocke, Billiglöhne und exorbitante Ruhegehälter und Ehrensolde, darüber, wer die Zeche zahlt.

Nach Erich Fromms Unterscheidung »Haben oder Sein« gehört Geld auf die Haben-Seite. Gleichzeitig prägt es das Sein: gut betucht, vermögend sein. Wer etwas vermag, ist und hat etwas: Talent – kostenlose Gabe und altes Geldmaß. Der Reiche ist flüssig wie das Geld selbst: Es fließt aus der Geldquelle oder dem -hahn als warmer Regen, bis man drin schwimmt; es lässt sich in die Finanzspritze füllen, Kapitalflüsse ergießen sich in »Defizitländer«, (dabei versickern Milliarden), Schuldenfluten in der Gegenrichtung.

Dann wieder ist Geld wie Heu trocken; und fest: Es lässt sich auf Eis legen, auf die hohe Kante, in den Sand setzen, aus dem Fenster werfen, verpulvern, aufhäufen. Geldberge sind vorstellbar, aber Schuldenberge? Egal, es sind Zahlen, rote und schwarze. Und auch Schwarzgeld stinkt nicht (im Gegensatz zu stinkend reichen Geldsäcken), trotzdem wird es gewaschen, wird dauernd frisches Geld in die Hand genommen.

Das liebe schöne Geld ist der Zeit und den guten Worten gleichgesetzt und den höchsten Idealen (Geldsegen). Bargeld lacht menschlich, doch hört die Freundschaft beim Geld auf oder fängt erst an. Es regiert jedenfalls die Welt.

Die Propheten kritisieren den verführerischen Mammon. Aktuelle Alternativen zum Währungs- und Zinssystem – Tauschringe und Zeitbanken – gründen auch auf Jesajas Ideen vom geldlosen Kaufen. Paulus schreibt: Geiz, Geldgier, Habsucht (je nach Übersetzung) sei eine oder die Wurzel alles Übels. Sirach sagt: Wer Geld liebt, bleibt nicht ohne Sünde.

Es gibt, neben Verkehrssündern, nur noch Steuersünder, die ihr Geld am Fiskus vorbei anlegen in Schweizer Steueroasen (als sei ringsum Wüste!) Droht Verrat des Bankgeheimnisses, führt ihre Spur ins fernöstliche Steuerparadies, aus dem sie noch schwerer zu vertreiben sind.

Das Kapitalmarktunwesen der spekulierenden Finanzmakler, Fondsmanager und Global Player privatisiert die Gewinne und sozialisiert die Verluste. Und die Krise wird in »Brandreden« meist in unverständlicher Sprache vermittelt, was die Demokratie einschränkt und den Verdruss verstärkt gegenüber der Politik, die sich mehr und mehr der Ökonomie unterwirft. Mein Großvater würde fragen: Cui bono? Wem nützt es?

Geld sollte, wie Brot inzwischen, mit »t« geschrieben werden, weil es von Entgelt, Vergeltung kommt, von Geltung schlechthin.

Christoph Kuhn

Die Dinge und Sachen


Guter Dinge packen wir unsere sieben Sachen und reisen zum Urlaubsort mit hundert Sachen auf dem Landweg oder gar mit tausend Sachen durch die Luft. Doch gut Ding will Weile haben. Also Entschleunigung: Mein Duden aus den 50er Jahren kennt sie noch nicht, auch nicht das Gegenwort Schnelllebigkeit.

Doch zum Sachverhalt: Warum heißt es nicht »sieben Dinge« oder »gut Sache«? Ding ist abgeleitet von Thing – die Versammlung, wo man Sachen verhandelte. Inzwischen gelten beide Begriffe sowohl für etwas von materieller als auch ideeller, abstrakter Art. Der Sprache gebricht es eben zuweilen an Logik. Nicht nur, wenn so oft von Vortäuschung falscher Tatsachen geredet wird.

Man harrt der Dinge, nicht der Sachen, die da kommen. Es gibt das Unding, aber keine Unsache, kein Urding neben der Ursache, keine Dinglage oder Dingbeschädigung und nur das Unbedingte.

Wie unterscheiden sich Dinge von Sachen? Sind die Dinge höher als die Sachen? Die großen Dinge, die Gott tut, bei dem kein Ding unmöglich ist; die köstlichen und schlimmen und unverrichteten Dinge des Lebens, über denen man steht oder nicht steht; die letzten Dinge, die Glaubensdinge, die sich der Vorstellung entziehen.

Dass in allen Dingen ein Lied schläft (Eichendorff) und alles Ding seine Zeit währt (Gerhardt), deutet auf die Dingwelt hin: lauter kleine und größere dingliche Dinge. Manche untrennbar mit uns verbunden, uns eingepflanzte Augenlinsen, Bypässe, Schrittmacher, Hüftteile; andere Dinge umgeben uns bedingungslos unentbehrliche, nutzlose, luxuriöse, gefährliche Dinge, Dinge, die uns beherrschen. Sie gelten als tot und werden doch in kurz- und langlebig eingeteilt, führen oft ein Eigenleben – Güter, Schätze, zu denen wir im Verhältnis stehen, die sich uns anzupassen scheinen, Erinnerungen wecken, Geschichten erzählen, denen wir Gefühle entgegenbringen: Wut auf ’s Auto, das stehen bleibt oder auf den Computer, der abgestürzt ist; daneben die alte Jacke, Tabakspfeife oder Geige, die wir lieb gewonnen haben.

Das Ding an sich (Kant) und die vielen Dinge zwischen Himmel und Erde – erhabene und profane – versammeln sich unter demselben Wort. So auch die Sachen. – Führe meine Sache und erlöse mich (Psalm); Ich hab mein Sach’ Gott heimgestellt (Leon); ein Herz, das seiner Sache gewiss ist (Sirach); die runde, die gemeinsame gute Sache, um die es geht; unglaubliche Sachen, geheime Verschlusssachen, Postsachen, Anziehsachen.

Was machst du für Sachen? Ich bin nicht bei der Sache, aber das ist meine Sache!

Statt »Die Sache ist die …«, hört man neuerdings öfter: »Das Ding ist …« und »Mach dein Ding.« Und Schiller schrieb, nicht nur in eigener Sache: So richtig gibt es die Dinge erst, wenn sie in Worte gefasst worden sind. – Das gilt auch für die Sachen.

Christoph Kuhn

In Zeiten des Wachstums


Wenn wir auftanken, unsre Batterie aufladen, unsre Festplatte aufräumen; wenn wir zu anderen Kontakt haben (oder Wackelkontakt), auf einer Wellenlänge mit ihnen sind, dann wenden wir Wörter aus der Technik auf uns an, beschreiben unser Verhältnis zu anderen Menschen – »beziehungstechnisch«. Wörter wandern aus verschiedenen Bereichen aus, in andere hinein und ändern damit ihre Bedeutung.

Ostern fällt in unsren Breiten in die Zeit des verlässlichen Wachstums der Pflanzen. Doch denkt man bei dem Begriff nicht eher an Wirtschaftswachstum als an die Auferstehung der Natur?

Findigen Verbaldesignern ist es gelungen, das Wort zu okkupieren, zu beschlagnahmen, es umzudeuten für jegliche Vermehrung von Gewinnen oder Vergrößerung von Branchen, Unternehmen, Wirtschaftszweigen oder eben der Wirtschaft schlechthin – ein goldenes Kalb, das umtanzt wird, ohne Verantwortung dafür, welche Produkte und Nebenprodukte in welchen Billiglohnländern mit welchen Risiken erzeugt werden.

Industrielles Wachstum ist schließlich auch Wachstum von Schädlichem, von Unbrauchbarem, von überschüssigen Nahrungsmitteln und Medikamenten, die weggeworfen werden. Wachstum ist auch Wachstum von Müll auf Bergen, in Fässern unter Tage, von Öl in Gewässern, Staub in den Lüften, ist zunehmender Lärm, zunehmendes künstliches Licht …

»Wachstum« ist nicht das einzige fremdbestimmte, ins Gegenteil verkehrte Wort. Bis es »Kathedralen der Industrialisierung« oder »Tanztempel« und »Einkaufstempel« gab, wusste eigentlich jeder, was Kathedralen sind und Tempel. Kontemplation bezieht sich auf Tempel und hat mit Konzentration zu tun, mit Sammlung statt Zerstreuung.

Auch der Park, die einzige öffentliche Oase einer Stadt, ist begrifflich zum Industrie- oder Fahrzeugpark und Parkplatz verkommen. Das Wort geht auf das mittellateinische »parricus« (Gehege) zurück – wo also Pflanzen wachsen, Mutterboden ist statt Beton.

Das sogenannte Nullwachstum – naturell undenkbar – wird in der Wirtschaft gerade noch so hingenommen. Fällt das Stimmungsbarometer, ist die Kauflaune eingetrübt, das Verbraucherklima beeinträchtigt, dann »schwächelt« die Wirtschaft eben; dann hat sich ihr Wachstumstempo bloß verringert. Doch nur keine »Talfahrt« der Kurse, kein »Anschwellen« der Schulden! Immer soll das Wachstum im Aufschwung sein, ungebremst und unbegrenzt.

Die Wachstumsideologie ist eine Suchtkrankheit, sagt der Kabarettist Werner Schneyder. Und Sokrates: Über den Markt gehen und sehen, was man alles nicht braucht! – Andere sehen im Fortschrittsglauben – Schneller, Höher, Weiter! – einen Fetisch: Wir haben die Geschwindigkeit verdoppelt, aber das Ziel aus dem Auge verloren, ist von Mark Twain überliefert und von Matthias Claudius, dass Wachstum und Gedeihen in des Himmels Hand steht.

Christoph Kuhn

Den alten Zopf abschneiden


Große Erwartungen sind an Joachim Gauck gerichtet. Der elfte Bundespräsident ist der erste Ostdeutsche, der als Schlossherr in Berlin einzieht und der erste Parteilose. Von fast allen Parteien unterstützt, gilt er seit seiner Nominierung als »Präsident der Herzen« – von der Partei der Linken allerdings schon als kaltherzig bezeichnet, weil seinem Freiheitsbegriff der Solidaritätsgedanke fehle. Auch anderen, die ihn für den falschen Präsidenten halten, ist er nicht »breit genug aufgestellt«. So jedenfalls drücken sich einige Medien aus.

Die Grünen hätten ihn einst als Alternative zu Christian Wulff »erfunden«, heißt es. Erleichterung, Genugtuung, Freude und gespannte Erwartung überwiegen. Claudia Roth sagte: Gauck ließe sich nicht »labeln« – eine Vokabel, die im Fremdwörterbuch noch fehlt und wohl bedeuten soll, dass der Amtsinhaber sich kein Etikett aufkleben, sich nicht kennzeichnen lassen wird. Angela Merkel sprach von einem »Stück Stolz«, das wir auf ihn sein können. Ob sich Stolz stückeln lässt, ist eine Überlegung wert – ob nicht Stolz unteilbar ist wie die Freiheit, die für Gauck ein Hauptthema ist.

Er wird uns die Leviten lesen, lautet eine der Erwartungen. Damit sind im Sprachgebrauch Strafpredigten gemeint, die heutigen Geistlichen nicht zu empfehlen sind, weil sie kaum taube Ohren öffnen. Ein (frommer) Wunsch wäre, Joachim Gauck lehnte als erster Bundespräsident – nach Gustav Heinemann, der das 1974 fertigbrachte und stattdessen zu ­einer Bootsfahrt einlud – den Großen Zapfenstreich zur ehrenvollen Verabschiedung ab. Im Mittelalter war es das abendliche Zeichen für die Landsknechte vorm Einrücken in die Kaserne, dass kein Bier mehr ausgeschenkt wird; sinnfällig führte der Offizier mit dem Säbel oder einem Stock den Streich auf die Zapfen der ­Fässer aus.

Die heutige Form der Zeremonie entstand im 19. Jahrhundert. Zum militärischen Abschied für Wulff fand ein Protest statt. Man verstärkte die Kapelle mit Vuvuzelas und zeigte nach nordafrikanischem Brauch alte Schuhe. Die Demonstration richtete sich gegen die Ehre, die dieser Altbundespräsident nach Ansicht der Wutbürger nicht verdiente. Aber gegen das anachronistische christlich verbrämte Ritual Großer Zapfenstreich werden kaum Stimmen laut. Natürlich ist Musizieren besser als Schießen, aber wozu sind die Soldaten dazu uniformiert?

»Helm ab zum Gebet!«, wird tatsächlich befohlen. Der Gipfel der ­Geschmacklosigkeit ist jedoch erreicht, wenn die Streitkräfte geistliche Lieder darbieten. Oder drückt sich darin die ­akzeptierte Unvereinbarkeit aus – besonders als auf Wulffs Wunsch erklang: Da berühren sich Himmel und Erde … Wo Menschen sich vergessen, die Wege verlassen … Tun Sie das Herr Bundespräsident, schneiden Sie den uralten Zopf ab! Nur früher wurde bestraft, wer sich dem Zapfenstreich widersetzte.

Christoph Kuhn

Symbolische Orte


Im Gedenken an zerstörte Städte im Zweiten Weltkrieg ist Dresden zum Symbol für Kriegsleid und Zerstörung geworden. Obwohl es viele zu bejammernde wunderschöne Städte gibt, die zerbombt wurden. Am Jahrestag seiner Zerstörung (oder eine Woche danach) ist Dresden auch ein Mekka: für Neu-Nationalsozialisten, Rechtsextreme von nah und fern, die gegen den »Bombenholocaust« demonstrieren.

Folgerichtig auch für alle, die sich bei Kundgebungen gegen Extremismus, Revanchismus und Rassismus engagieren. Weiterhin, das ganze Jahr über, ist Dresden ein Mekka für Liebhaberinnen und Liebhaber der Kunst.

Frankfurt am Main ist zurzeit der Buchmesse im Oktober das Mekka für Literaturinteressierte, Genf im März das aller Autofans, Leipzig zu Pfingsten ein Mekka für die schwarze Szene, Cannes jedes Jahr das Mekka der Filmschaffenden.

Mekka ist der Lieblingsausdruck mancher Journalistinnen oder Redakteure für eine besondere, ständige oder zeitweilige Anziehungskraft bestimmter Orte.

Stammkunden in Oberstaufen nennen ihre Bar (nach einem ZEIT-Artikel) makaberer Weise Stalingrad, weil man aus dem Lokal nicht mehr herauskomme …

Ein ähnliches Sinnbild für Zerstörung durch Menschenhand ist Hiroshima. Während der Atomrüstung in den 80er Jahren lautete ein Slogan »Europa darf kein Euroshima werden«. In missdeutender Umwandlung des makabren Sprachspiels hatte jemand auf ein Spruchband geschrieben: »Europa darf kein Eurochina werden«.

Waterloo gilt seit 1815 sprichwörtlich für persönliche Niederlagen, Canossa seit fast tausend Jahren als Gang zu persönlicher Demütigung.
Vor 2500 Jahren soll ein Bote die Nachricht des Sieges über die Perser von Marathon nach Athen zu Fuß überbracht haben; dieser Lauf über 42 Kilometer und zwei Stunden wurde 1896 zur olympischen Disziplin. Seitdem ist Marathon ein Synonym für viele Aktionen, die ziemlich lange dauern, vor allem für Beratungen von Experten aus Politik und Wirtschaft. »Marathonsitzungen« allenthalben.

Marathon und Athen könnten das Mekka sein für Interessierte am klassischen Altertum und für die Gegend, wo die Grundlagen der Demokratie geschaffen wurden.

Neben griechischen sind es italienische Städte, die in unserer Sprache zeichenhafte Bedeutung haben: Als Venedig des Nordens gelten Amsterdam, Berlin, Brügge, St. Petersburg und Stockholm. Umgekehrt wird es wohl niemand wagen, Venedig ein Berlin oder ein Stockholm des Südens zu nennen.

Viele Wege führen nach Rom – und natürlich in alle andern Städte der Welt auch. Dresden ist bekanntlich nicht nur Mekka, sondern auch Elbflorenz. Jedoch ist Mekka, wie gesagt, die gebräuchlichste Synonymstadt.

Die heilige Stadt darf jeder Ort sein, solange nicht in Vergessenheit gerät, für wen Mekka das Mekka ist.

Christoph Kuhn

Kultur der Briefe


Ich nehme mir fürs neue Jahr vor, mehr Briefe zu schreiben. Mit der Hand. Ein Brauch, der durch elektronische Kommunikation unmodern geworden ist.

Offensichtlich trägt zunehmender Austausch von Kurznachrichten und E-Mails zum Verlust grammatikalischer, orthografischer und stilistischer Fähigkeiten bei. Die Verkümmerung der Handschrift vieler Menschen ist ein ebenso alarmierendes Signal. Dank Internet gelangen Nachrichten auf Bildschirme ungezählter Empfänger. »Fröhliche Weihnachten und guten Rutsch wünscht Max«, lese ich ohne Gemütsbewegung. Grußkarten sind mir da fast lieber, weil ich dem Absender in den Sinn kam, wenigsten als er die Adresse schrieb.

Es geht nicht nur ums Medium; es gibt auch sorgfältig verfasste, persönliche, herzerwärmende Mails, wie es oberflächliche Papierbriefe gibt. Besonders in der Kategorie Serienbriefe, Jahresrückblicks-Weih­nachts-Neujahrs-Rundbriefe, massenhaft ausgedruckt und kopiert. Wer sich jeglicher individueller Zuwendung enthält, tippt auch noch Anrede und Grußfloskel in die Maschine. »Ihr Lieben nah und fern… Liebe Freunde und Verwandte…« Mag der Text einen noch so hohen Informationsgehalt und effizienten Verbreitungsgrad haben – alle interessiert nicht alles, alles geht nicht jeden etwas an.

»Während Bernd mit Kollegen seine jährliche Bergtour im Kaukasus unternahm, absolvierte Conny den Chinesisch-Kurs für Fortgeschrittene.« Die beiden kenne ich und finde es recht interessant, von ihrem Werdegang zu hören und wie sie ihre Freizeit gestalten. Weniger interessieren mich Mitteilungen über unbekannte Familienmitglieder, die das Studium mit Bachelor abschließen oder gerade in Honkong jobben. Irritierend bei manchen dieser Briefe ist auch, dass nicht in der Ich-Form, sondern in der dritten Person über die handelnden Personen berichtet wird, also bis zum Schluss offenbleibt, wer geschrieben hat. »Es grüßen herzlich Bernd und Conny.«

Immerhin sind Rundbriefe, in Sonderheit mit einigen persönlichen handschriftlichen Zeilen, noch Briefe. Sie werden »freigemacht« und »ausgetragen«, oft noch unterwegs vom Hausbriefkasten geöffnet, entfaltet, gelesen, vielleicht mehrfach – unabhängig von Technik und Energie.

Häufig erkenne ich an der Hand-Schrift auf dem Kuvert – ohne den Absendernamen zu lesen – von wem der Brief ist. »…meine suchende feder / hat einer suchenden feder geschrieben«, heißt es in einem Gedicht Reiner Kunzes. »Briefwechsel« kann eine sehr intime Angelegenheit sein.

Ich glaube Zeichen zu sehen, dass die Kultur der Briefe, mit Tinte auf Papier geschrieben, wieder in Mode kommt. Manche Schriften sind noch ungelenk, doch es wird geübt. Solange es noch Briefträger, Briefkästen, -marken (gar Brieftauben!) gibt, ist nichts verloren. Doch Brief und Siegel gebe ich darauf nicht.

Christoph Kuhn

Immer im Gespräch


Sein Lächeln gilt mir nicht. Ihrs auch nicht. Die beiden mir gegenüber lächeln sich auch nicht gegenseitig an. Er spricht in sein Handy, dass der Zug hoffentlich pünktlich ankomme. Sie spricht in ihren Mantelkragen, ob die Party stattfinde, ob man Markus einlüde…

In den 150 Jahren seit seiner Erfindung hat sich das Telefon vom Kasten mit Kurbel und schwerem Hörer zum handlichen Smartphone verändert, mit dem man fotografieren, filmen, Filme ­sehen, fernsehen, radiohören, navigieren kann; es lässt sich als ­Terminkalender, Lexikon, Wörter-, Koch-, Hör- und Adressbuch verwenden und als Telefon. Sprechen muss man noch selbst, obwohl sich Auskünfte programmieren lassen: die Abwesenheit des Teilnehmers oder die Wahlwiederholung, solange der Anschluss besetzt ist. Anrufbeantworter beantworten zwar keine Anrufe, weil sie (noch) nicht wissen, worum es geht, sagen aber automatisch etwas Vorgegebenes an.

Verändert hat sich auch die Telefonie selbst. Durch ständige Verfügbarkeit der Fernsprecher, wo man geht und steht, sind viele Menschen ständig erreichbar und befriedigen unbegrenzt ihr ­Mit­teilungsbedürfnis.

Die Telefonate nehmen wohl im umgekehrten Verhältnis zu direkten Gesprächen zu. Nur das gegenseitige Verstehen hat sich nicht verbessert. Kaum die akustische Verständlichkeit, die »Verbindung«; Hintergrundgeräusche stören, und man stört sich gegenseitig, wie hier. Funklöcher tun sich auf, Akkus sind leer.

Auch Unbeteiligte, nicht stets akustisch und visuell Vernetzte, sind aufgestört, wenn Mobiltelefone klingeln: auf der Straße, am Strand, im Wald, beim Konzert, unterm Talar. Wobei ja »Klingeltöne« die absonderlichsten Geräusche und Musikfetzen sein können. Und klingelt‘s »normal«, ist das Klingeln synthetisch designet.

Sprache ändert sich langsamer als Technik. Mancher sagt noch: »Ich lege auf«, obwohl er die Aus-Taste drückt; die ein Telefon zeigt, wie es fast nur noch im Museum steht.

Der Mann sagt: »Ich klingle durch, ich rufe Sie zurück«, weil er aussteigen will, beide Hände braucht. Die Frau spricht weiter vor sich hin; in früheren Zeiten hätte man sie für psychisch gestört gehalten.

Der Geist ist aus der Flasche. Mit Computern haben wir ein Medium geschaffen, das unsere Sinne erweitert, unser Gehirn ergänzt. Gleichzeitig formen die Instrumente uns; sie setzen Maß­stäbe, machen uns abhängig, wir verlernen elementare technikfreie Fähigkeiten, wie per Hand Briefe zu schreiben oder die Orientierung in der Natur. Verhaltensweisen ändern sich: Man kommuniziert mehr mit Geräten als mit seinesgleichen: auf der Bank, am Fahr­kartenautomat, am häuslichen PC.

Das Gespräch der Frau hat eine Wendung genommen, sie redet lauter, zornig, schweigt abrupt, blickt noch eine Weile düster-entnervt vor sich hin. Da bin ich froh, nicht gemeint gewesen zu sein.

Christoph Kuhn

Bedenkliche Ranglisten


Der Mitteldeutsche Rundfunk suchte das schönste deutsche Volkslied. »Die Gedanken sind frei« belegte den ersten Platz, »Der Mond ist aufgegangen« den zweiten, »Im schönsten Wiesengrunde« kam auf Platz drei.

Die Initiative, Volkslieder wieder mehr ins Bewusstsein zu rufen, ist lobenswert. Aber das schönste Lied gibt es nicht. Nur für den einzelnen Menschen. Der urteilt subjektiv, nach persönlichem Geschmack, je nach Alter und Temperament.

Auch nach Jahres- oder Tageszeit: Früh ein Morgen-, zu vorgerückter Stunde eher ein Abendlied.

Und mancher kann sich nicht entscheiden, nicht für ein Lieblingslied, einen Lieblingswein oder -film.

Die blöde Frage nach den drei Büchern für die einsame Insel kann nur spontan beantwortet werden und stellt sich nach jeder Inselwoche neu.

Statistisch gesehen hat der Rundfunk das beliebteste Lied, sicher das bekannteste, gefunden, eins, das den meisten am besten gefällt. Doch was die meisten lieben, muss nicht das schönste oder beste sein. Es gibt Merkmale, schlechte Lieder, Bücher, Stücke von guten zu unterscheiden; aber unter den guten das schönste zu finden, ist illusorisch.

Es gibt den wärmsten Tag des Jahres, aber nicht das schönste Wetter. Es gibt nicht den schönsten Baum oder Wiesengrund (nur im Lied, wo es der schönste Wiesengrund des Sängers ist).

Neulich wurde auch nach der leisesten Stadt und den glücklichsten Deutschen gefragt.

Warum brauchen wir für unser Wertesystem solche Werteskalen und können offenbar Gleichwertigkeit schlecht ertragen? Man möchte schreien: Wir sind nicht beim Sport, wo ein Höher, Weiter, Schneller gilt!

Aber schleichend greifen sportive Maßstäbe auf Lebensbereiche über, wo Messlatten, Stoppuhren und Gewichte unbrauchbar sind.

Anrüchig wird dieses Ranking als Ränkespiel, wenn es sich um Menschen handelt. Der größte, kleinste, älteste, oder reichste Mensch lässt sich ermitteln – nicht der beste und schönste.

Wo der beliebteste Politiker oben auf dem Treppchen steht, steht auch der unbeliebteste unten – und die meisten sind fern jeder Konkurrenz. Miss Germany, Miss World, Miss Universe – die Kampagne ironisiert sich selbst. Der größte Schauspieler, der angesagteste Gitarrist (»angesagt« ist überhaupt ein fragwürdiges Adjektiv, das keine Steigerung zulässt: angesagt oder nicht angesagt) …

Man könnte es schmunzelnd ignorieren, aber dieser Teufelskreis der Aufmerksamkeit hängt mit der Ökonomisierung des Lebens zusammen. Wir sind umgeben von Top Ten- und Hitlisten. Bestsellerlisten geben die höchsten Verkaufszahlen an – was kein direktes Qualitätsmerkmal ist, doch von den allermeisten Konsumentinnen und Konsumenten so verstanden wird. Rangordnung beeinflusst unser Kauf- und Wahlverhalten, unsere Urteilskraft.

Es gibt aber ein Leben ohne Platzierung.

Ist das der wichtigste Satz dieser Kolumne?

Christoph Kuhn

Mauer mit zehn Buchstaben


»Tschuldigung«, sagt der Mann, dem ich in der S-Bahn von Berlin-Lichtenrade nach Berlin-Lichtenberg gegenübersitze. »Haben Sie ’n Tipp …?« Er lässt seine Zeitung sinken. »Mauer mit neun, nein, warte, mit zehn Buchstaben?« Fragend blicken mich seine Augen hinter der Brille mit dicken Plusgläsern über einem dichten grauen Bart an.

»Mauer mit zehn Buchstaben«, wiederhole ich zögernd. »Das war doch gar nicht so weit weg von hier …« – »Und es ist gar nicht so lange her …« Er lacht und zeigt ziemlich zerrüttete gelbe Zähne. »Bollwerk«, sage ich und zähle halblaut vor mich hin. »Nee, zwei zu wenig. Ick bin jeübt beim Kreuzworträtseln. Wie hieß dat denn noch anders …? Ha, ick hab’s! Schutzwall!«

Richtig, das war der Begriff der DDR-Regierung: Antifaschistischer Schutzwall.

»Wurde ick vor Ihnen jeschützt oder Sie vor mir?«, fragt der Mann.

Es gibt nicht nur Kreuzwörter, sondern es ist auch ein Kreuz mit den Wörtern. Seit dem Mauerbau, seit dem 13. August (ein fester Begriff wie der 17. Juni, 21. August, neunte November, dritte Oktober oder elfte September) bin ich politisiert.

Ich war zehn Jahre alt und hörte zum ersten Mal die Namen Chruschtschow, Eisenhower, Kennedy, Ulbricht und Adenauer – in dieser unheilvollen Kombination. Ich hörte die Wörter Brandenburger Tor, Demarkationslinie, Eiserner Vorhang, Stacheldraht, Spanische Reiter, Sowjetische Panzer, Kalter Krieg. Es drohte wieder die akute Gefahr eines Kriegs, ja eines Atomkriegs – und das wäre dann wohl überhaupt der letzte, hieß es.

Im Sprachgebrauch der SED hieß die Mauer »Garant zur Sicherung des Weltfriedens«, de facto war ihr Schutz nach innen gerichtet. Die Nahtstelle zwischen Ost und West, zwischen den Machtblöcken war nun fast hundertprozentig dicht, »Republikflucht« an der innerdeutschen Grenze fast unmöglich. Das Land würde nicht länger »ausbluten«.

Die DDR-Medien sprachen von einem historischen Tag.

Fürwahr: Diese Mauer (samt flutbelichteter Sperrzonen), wie auch die Chinesische, könnten vom Mond aus zu sehen gewesen sein. Und das Wort warf Schatten, stellte andere Wörter in ein neues grelles Licht: Niemandsland, Dreimeilenzone, Seegrenze, Grenzübertritt, Grenzverletzung, Grenztruppe, Schlagbaum, Postenturm, Kolonnenweg, Hundelaufstreifen, Minenfeld, Selbstschussanlage …

Der Mauerbau liegt 50 Jahre zurück – der Mauerfall 22 Jahre.

28 Jahre stand die Mauer, obwohl von 100 Jahren die Rede war; es gab Mauerlöcher, Maueropfer, Mauerschützen. Dann Mauerschützenprozesse, Mauerspechte.

Die Wörter verblassen, drohen in Vergessenheit zu geraten. Viele, vor allem jüngere Menschen wissen nicht mehr, wer die Mauer baute und wann und wodurch sie schließlich verschwand. Und es gibt neue Mauern. Die Mauerzeit ist nur bei uns vorbei.

Christoph Kuhn

Die weibliche Form


Liebe Leserin, die weibliche Form ist bewusst gewählt; nicht nur, weil laut Statistik mehr Frauen lesen als Männer (die hier natürlich mitgemeint sind). Denn meistens sind Frauen nur mitgemeint.

Gegner und Gegnerinnen geschlechtergerechter Sprache meinen, die dominierende männliche Form behindere nicht die soziale Gleichheit. Doch warum sollte jahrhundertelange Unterdrückung der Frauen – Benachteiligungen bis heute – sprachlich nicht erkennbar sein? Sprache offenbart Machtstrukturen. Man bedenke, dass bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts in Westdeutschland Frauen nur mit Erlaubnis der Gatten arbeiten durften und bis in die 70er in manchen Kantonen der Schweiz kein Wahlrecht hatten.

Bis heute sind sie in vielen Berufen unterrepräsentiert und werden schlechter bezahlt. Verkäuferin und Kindergärtnerin sind (noch) die Ausnahme. Umgangssprachlich geht man zum Arzt, zum Bäcker oder hört, was die Minister und Pfarrer zu sagen haben.

Gegnerinnen gerechter Sprache sind Frauen, die sich selbst Lehrer oder Arzt nennen, die eigene Emanzipation behindern; es gibt sie noch. »Lieber Leser«, wird auch manche Schriftstellerin geschrieben haben – die liebe Leserin wohlwollend mitmeinend.

Keine Chance hat offenbar eine Sprachregelung, die die Männer nur mitmeint: 1990 stimmte die Rostocker Bürgerschaft (und Bürgerinnenschaft) einer Hauptsatzung zu, die alle Funktionen ausdrücklich in weiblicher Form benannte (Bürgermeisterin, Dezernentin etc.) – mit den Stimmen aller Fraktionen, auch der männlichen Mitglieder! Das Experiment, ob Sprachgerechtigkeit ertragen wird, scheiter­te: Die Satzung galt nur eine Legislaturperiode.
Aktuell macht Frauenfußball das Dilemma (un)gerechter Sprache deutlich. Schon der Begriff ist diskriminierend, weil nicht auch von Männerfußball gesprochen wird. Fußballweltmeisterinnenschaft muss es heißen, wenn Stürmerinnen, Torfrauen und Kapitäninnen auf dem Spielfeld sind.

(Im alten Wanderlied war mehr Gleichheit: »Herr Meister und Frau Meisterin …«). Frauen stehen hier nicht einfach ihren Mann, sondern spielen so selbstverständlich, wie sie sprinten oder boxen. Absurd ist auch »Mädchen- oder Frauenmannschaft« statt Fußball- und Nationalfrauschaft. Weibliche Hooligans, also Randaliererinnen, treten kaum auf; dafür stand irgendwo das Wort »Flankengöttin«.

Manch einen stört die Bibel in gerechter Sprache, wo das Wort »Herr« fehlt und Jüngerinnen und Apostelinnen vorkommen und Gott ausnahmsweise weiblich ist – getreu dem feministischen Spontispruch: Als Gott den Mann schuf, übte sie nur. Andere übertreiben nun wirklich: wenn sie in vermeintlicher Korrektheit an »liebe Mitglieder und Mitgliederinnen« schreiben. Doch sind solche Auswüchse nur die Reaktion auf das, was war: eine Sprache der männerdominierten Welt, in der Frauen (fast) unsichtbar blieben.

Christoph Kuhn

Herbei, o ihr UnGläubigen


»Die Anreise der Gläubigen führte zum Verkehrschaos«, sagte der Nachrichtensprecher des MDR. Das »Fest des Glaubens«, die »Tankstelle für die Seele« (Margot Käßmann) oder die »Zeitansage« (Katrin Göring-Eckardt) besuchten auch Ungläubige, Nichtgläubige oder »Kirchenferne«.

Für sie sollten Sprachhürden möglichst niedrig sein. Das Motto verstand jeder: Dein Herz – wo es ist, wo es sein wird, an welchen ­Gütern es hängt.

Geld mache nicht glücklich, Schätze sollten nicht auf Erden, sondern im Himmel gesammelt werden, sagte der sächsische Landesbischof. Er hätte noch präzi­sieren sollen, was das heißt. Vielleicht wollte er es, aber der Wind verblätterte ihm ständig die Manuskriptseiten, sobald er gestikulierte. Auch der Bundespräsident kam mit seinem Konzept durcheinander, sprach frei, verwechselte »ökumenisch« mit »ökonomisch«, parierte aber die Publikumsheiterkeit schlagfertig mit dem Hinweis aufs Thema der bischöflichen Predigt.

Warum nicht ökumenisch!

Das war der Wunsch des katholischen Bundespräsidenten und des katholischen Priesters. Zu spät, es wurde ein evangelischer Kirchentag: Zeitgemäß zukunftsorientiert in poli­tischen und kulturellen Foren, auf dem Markt der Möglichkeiten, bei Bibelarbeiten – weniger beim Eröffnungs- und Abschlussgottesdienst: Beschwingte Musik und Stimmung einerseits, andererseits die Ansicht, dass das apostolische Credo dazugehört.

In seinem zweiten Artikel geht es symbolträchtig um Jesu Geburt, sein Leiden, Sterben und Auferstehen. Viele Christen würden im Glaubensbekenntnis gern etwas von Jesu Leben, ­Wirken und Predigen bekennen. Denkbar ist, dass verinnerlichtes Sprechen Bewusstsein verändert und über Jahrhunderte, womöglich Gesellschaften.

Enthielte der Text Gedanken der Bergpredigt, den Sinn von Sanftmut, Gewaltlosigkeit, Nächsten- und Feindesliebe – also Pazifismus und Schöpfungsbewahrung – wir lebten vermutlich verträglicher mit allen Kreaturen, es wären weniger Gläubige so blindwütig jubelnd in Kriege gezogen. Eine Hoffnung – der Beweis steht noch aus.

Argumentiert wird für das über tausend Jahre alte Apostolikum: Es eine, auswendig gesprochen, weltweit die Christen. Doch gilt beides ja ebenso fürs biblische Vaterunser, für Psalmverse und Lieder.

Auswendiglernen lässt sich auch ein neues Bekenntnis. Es gibt welche! Noch gelten sie als alternativ. Oder das alte könnte durch wichtige Inhalte ergänzt werden, befreit von weniger wichtigen.

Schließlich liegt die letzte Textänderung erst etwa 40 Jahre zurück: »niedergefahren zur Hölle« zu »hinabgestiegen in das Reich des Todes« oder die »Auferstehung des Fleisches« wurde mit »Auferstehung der Toten« aufgeklärtem Denken angepasst. Warum geht dieser Prozess nicht weiter? Ist er nicht ein Teil der Reformation, die nach Luthers Willen nicht stillstehen soll?

Christoph Kuhn

Kontaminierte Worte und Reden


Was hat die Mediengemeinde jetzt nicht alles gelernt über Kernspaltung, Kernschmelze, Brenn- und Steuer­stäbe, Spaltprodukte, Kettenreaktion, Nachzerfallswärme, Abklingbecken, Millisievert, Stresstest, Restlaufzeit, Restrisiko …

Manche fühlen sich informiert, andere gezielt desinformiert in den widersprüchlichen Meldungen, im Argumentationswirrwarr der Talkrunden.

Der Moderator fragt die Nachrichtensprecherin: »Wie ist es, täglich neue Worte zu finden?« Sie findet das Unglück unheimlich, schrecklich, unbeschreiblich, unsagbar. Man verstummt, ist sprachlos und trotzdem wird auf allen Kanälen drauflos fabuliert. Mit zur Realität unpassenden Wörtern. Sie verschleiern Zusammenhänge, verkleistern Probleme, sind aber auch verräterisch und entlarvend – etwa, wenn der verzweifelte Regierungssprecher die Reaktoren als Ungeheuer bezeichnet und sogar Experten vom Super-GAU reden, gar vom großen Super-GAU (wo doch Gau schon größter anzunehmender Unfall bedeutet).

Superlative verharmlosen eher. Mit Begriffen und Namen wird Schindluder getrieben. »Der Gau hat ein Gesicht: Fukushima«, sagt der Moderator. »Abschalten! Fukushima ist überall«, steht auf einem T-Shirt. Vor genau 25 Jahren tönte es ähnlich: Nach Tschernobyl würde nichts mehr so sein wie es war, ebenso nach dem elften September und nach Bewusstwerden der Klimakatastrophe. Aktuelle zynische Ansage: Nach ­Japan ist die Welt eine andere! Wieder liegt das schöne Wort Wandel in der Luft. Doch ist wenig davon zu merken. Es bringt noch kein Lassen, keine Umkehr in den Alltag unseres mörderischen Energie- und Naturverbrauchs.

Die Sprache über Katastrophen ist oft eine katastrophale Sprache, auch wenn sie sich mythologischen, religiösen Vokabulars bedient.
Im Reaktor lodert »Höllenfeuer« bzw. die »Strahlenhölle«, drum herum ist »Geisterwelt«. »Apokalypse« hat Konjunktur. Das Wort steht für Untergang, Unheil, Grauen, bedeutet aber Enthüllung, Offenbarung. Inzwischen wurde vieles offenbar: Schwere Unfälle in europäischen Atomkraftwerken wurden vertuscht, als absolut sicher geltende Werke sind plötzlich Schrottmeiler. Und das von Anbeginn wichtigste Argument der Kernkraftgegner: dass es weltweit kein Endlager für den zigtausend Jahre strahlenden radioaktiven Müll gibt. Diese moralische Frage wird wie ein Tabu umgangen – obwohl »tabulose Diskussion« immer wieder versprochen wird.
Die Kanzlerin hat eigne Wurzeln entdeckt, wenn sie zum Gebet aufruft und mahnt, »ein Stück Demut vor der Natur« wiederzuerlangen. Der EU-Kommissar sieht das Geschehen »in Gottes Hand«. Wo sonst? möchte man fragen – aber bitte nicht wieder und wieder: Warum lässt er das zu?

Wie »Apokalypse« ist auch »Kontamination« ein Wort mit Doppelcharakter: Es bedeutet Verunreinigung, Verseuchung; aber auch Vermengung von Wörtern oder Fügungen. Quod erat demonstrandum.

Christoph Kuhn

Suche nach Fehlern


Lässt sich ein prominenter Politiker etwas zu Schulden kommen, heißt es, er habe Fehler begangen. Von der Opposition und aus dem Volk kommen zwar deutlichere Worte, aber seine eigne Partei und das Regierungsoberhaupt reden von Fehlern: Alle begehen Fehler, kein Mensch ist ohne, jeder hat schon Fehler gemacht.

Da zeigt man sich tolerant, denkt nachsichtig an Diktate und Mathearbeiten in der Schule, wo es schon bei anderthalb Fehlern keine Eins mehr gab und bei sieben keine Vier mehr. Es fällt einem der Fehlstart beim Hundertmeterlauf ein und die fehlerhafte technische Zeichnung.

Die Fehler schlichen sich ein, unterliefen einem, man machte sie ohne Absicht, hatte es nicht besser gewusst, sich geirrt, nicht aufgepasst, man war schusslig, vergesslich gewesen unaufmerksam, wie neulich im Straßenverkehr, als man die rote Ampel überfahren hatte. Ein Fehler, wie er oft vorkommt, ein schlimmer sogar, wenn dabei etwas passiert. Als Ordnungswidrigkeit kann er eine Strafe nach sich ziehen. Doch auch solche gröberen Fehler passieren meistens unabsichtlich. Und für die Ahndung ist es gleichgültig, ob man versehentlich bei Rot gefahren ist oder übermütig willentlich. Moralisch kann der Unterschied aber schwerwiegend sein.

Hier zeigt sich die Janushaftigkeit des Wortes: Fehlen kann heißen, nicht da zu sein, durchaus entschuldigt, gar unwissentlich. Oder unentschuldigt, ganz bewusst sich fernzuhalten, den Termin, den wichtigen Auftrag, die Verantwortung nicht wahrzunehmen.

»Fehlen« hat auch die Bedeutung von Täuschen und Betrügen, obwohl viele Fehler (Hör-, Seh-, Schönheitsfehler) geerbt sind, mit Verantwortlichkeit nichts zu tun haben, auch in der Tier- und Pflanzenwelt und bei toten Dingen wie elektrischen Leitungen auftreten. Eine Fehlzündung ist weit entfernt von einem Fehltritt, und der wiederum kann darin bestehen, dass man unterwegs aus Versehen fehl tritt oder sich geplant auf Abwege begibt.

Auch die »Verfehlung« schillert. Gehe ich fehl in der Annahme, dass man den Weg, die Tür verfehlen kann oder einen Menschen (im Sinne von nicht antreffen), aber auch den Beruf, ein ganzes Leben?
Staatsoberhaupt und Parteispitze wollten den fehlenden Kollegen halten, weil er als charismatisch gilt, als Lichtgestalt deutscher Politik und wichtige Säule im Wahlkampf. Sie hielten ihn so lange, bis der Druck der wachen Öffentlichkeit, mit dem sie nicht gerechnet hatten, ihn zum Rücktritt zwang.

Es mag nur der erste Eindruck sein, dass mit dem Begriff »Fehler« Verfehlung heruntergespielt werden soll. Denn Fehler sind eben sehr verschiedener Art. Mancher ist wieder gutzumachen, andere sind unverzeihlich. Die Verbrechen Stalins oder Maos galten nach deren Tod jahrzehntelang offiziell nur als Fehler, und für manche Unverbesserliche gilt das bis heute.

Christoph Kuhn

Vergeben und vergessen


Die Abfahrt des Zuges verzögert sich um wenige Minuten, wir bitten um Ihr Verständnis.« Wer könnte verstehen, ohne genaue Kenntnis der Ursache? Um Verständnis, nicht um Entschuldigung wird gebeten, obwohl der Fahrgast vielleicht entscheidende Minuten seines Lebens verpasst. Verständnis oder Entschuldigung – der Zugführer erfährt nicht, ob jemand der Bitte entspricht.

Der Sprachverkehr verändert sich: Rempelt einer einen anderen an und sagt: »Entschuldigung« oder »Verzeihung«, hört er: »Nichts passiert!« oder: »Macht nichts. Keine Ursache.« Zwar ist nur wenig passiert, aber nicht nichts; und denkbar, dass trotz kaum verspürtem Schmerz sich später eine Verletzung herausstellt. Schon diese Vorstellung könnte den zartfühlenden Verursacher belasten – und er blieb unentschuldigt!

Zur immerwährenden Debatte um Unrecht in der DDR wird Bischöfin Junkermann zitiert: »Vergebung ist nur möglich, wenn die, die Unrecht begangen haben und an anderen schuldig geworden sind, dieses einsehen, dazu stehen und selbst um Vergebung bitten.« (Ausgabe Nr. 5, Seite 3) Nun wird der einzelne, im Machtnetz verstrickte, Täter – etwa ein damaliger Stasi-Mitarbeiter – selten noch herausfinden können, wem alles und in welchem Umfang er geschadet hat. Abgesehen davon streiten die meisten ihre Verantwortung ab, ­reden sie schön, ja versuchen sie nachträglich zu rechtfertigen. Insofern wäre die von Frau Junkermann gespürte »Wand des Schweigens« zwischen »Opfern« und »Tätern« für die »Opfer« vergleichsweise erträglich.

Für Versöhnung geeignete Foren werden eher von den Tätern gescheut als von den Opfern (die sich im Übrigen selten selbst so bezeichnen, sondern als Verfolgte). Versöhnung bezieht sich etymologisch auf Sühne. Ist sie wie Reue einzufordern?

Kaum in diesem Kontext, sondern allgemein ist zu fragen, wie Vergebung auch ohne ausdrückliche Bitte um Verzeihung möglich ist? Hängt sie von Nähe, Vertrautheit und Liebe, von Großmut ab und vom Gewicht des Vergehens?

Ich habe nach spätem Eingeständnis schuldigen Verhaltens einige Male die Antwort gehört: »Reden wir nicht mehr davon, längst verziehen.« Sogar: »Schon vergessen.« Ob es stimmt, sei dahingestellt, jedenfalls ist es eine edle Geste der Absolution, der Nachsicht.

Wer nicht verzeiht – allerdings gibt es Fälle, wo das wirklich nicht möglich sein mag –, leidet über das Maß der erlittenen Kränkung hinaus. Mitmenschen etwas nachtragen (welch ein Bild!) bedeutet Energieverbrauch. Vergeben, aber nicht vergessen!, heißt es. Doch die Forschung zeigt: Vergessen ist eine wertvolle nötige Leistung des Gehirns im Unbewussten, das auswählt – vielleicht nach Erich Kästners Prinzip: »Die Erinnerung ist eine mysteriöse / Macht und bildet die Menschen um. / Wer das, was schön war, vergisst, wird böse. / Wer das, was schlimm war, vergisst, wird dumm.«

Christoph Kuhn

Schießen Sie los!


Man mag von einem Herrn Sarrazin halten, was man will, ihn seiner fremdenfeindlichen, populistischen Äußerungen wegen schmähen, ausgrenzen, mit Missachtung strafen, ihm am besten gar kein Podium geben aber auf ihn zu schießen ist wohl doch nicht angebracht!

»Sarrazin unter Dauerbeschuss« titelte die Mitteldeutsche Zeitung schon vor Wochen, aber die Zielperson lebt und erfreut sich höchster Aufmerksamkeit. Oft wird über Streitfälle in einem Ton berichtet, als hätte es Handgreiflichkeiten gegeben: schallende Ohrfeigen, Watschen werden ausgeteilt, Köpfe rollen. Schlag-Zeilen (und die Alltagssprache) strotzen von kriegerischem Vokabular der Feldherrensprache: Politik hat etwas im Visier, jemand macht Kampfansagen, bläst zum Sturm, zum Sturmlauf, weil etwas auf dem Vormarsch, im Anmarsch ist.

Wer nicht Attacken reitet, steht Gewehr bei Fuß. Alles Mögliche und jedermann kann ins Fadenkreuz, Sperr- und Kreuzfeuer der Kritik geraten. (Doch wo gefeuert wird, wird eben nicht mehr kritisiert; höchstens mit Fragen bombardiert …) Schießen ist besonders beliebt: Warn-, Quer-, Schnellschüsse und Schüsse vor den Bug. Wer ohne Schützenhilfe und Wachablösung auf verlorenem Posten steht, sollte aus der Schusslinie ­genommen werden oder gerät ins Hintertreffen. Nebelkerzen, Lunten, Sprengsätze, Tretminen, Zeitbomben sind auf dem sprachlichen Schlachtfeld verstreut.

Wer meint, nur mit geharnischter, martialischer Ausdrucksweise Aufmerksamkeit zu gewinnen, vergisst, dass Sprache der Spiegel der Gedanken ist (Mark Hopkins) und was in der Sprache geschieht, jederzeit Wirklichkeit werden kann (Alfred Andersch). Außerdem nutzen sich solche Wörter ab, es sind immer »schärfere Geschütze aufzufahren«, und im Ernstfall, bei ­tatsächlicher Gewalt, taugen sie nichts mehr. Dann genügen mokante oder makabre Formulierungen, die Gewalt eher verharmlosen als nahebringen etwa wenn jemand Tritte »kassiert« und »krankenhausreif geschlagen« wird.

Auch im Krieg ist das Pulver ­verschossen, weil im Frieden das Arsenal der Kriegswörter ausgeschöpft wurde. Die Rede ist dann von Auslandsabenteuern, Mission, Intervention, Operation, chirurgischem Eingriff, humanitärem Einsatz mit Kollateralschäden. Sonst gelten immer noch Begriffe wie »Speerspitze«, »Säbelrasseln« und »Gefecht«, als wäre noch Mittelalter. Der Kernwaffengefechtskopf ist solch eine fatale Bagatellisierung für die damit mögliche Menschenmassenvernichtung.

Vom jährlich im September stattfindenden Weltfriedenstag und dem Tag der deutschen Sprache könnten Impulse ausgehen, auch verbal abzurüsten. Es wird Zeit für eine Entmilitarisierung der Sprache, die schreckliche Denkmuster bewahrt. »Wörter, wenn sie nicht gehütet werden, verrichten mitunter tödliche Arbeit«, sagte John Ruskin. Er würfe die Flinte noch nicht ins Korn.

Christoph Kuhn

Den Schnabel verbogen


Missbrauch!«, tönt es, mal mehr mal weniger laut, aus den Medien. Neue Missbrauchsfälle, Missbrauchsaffären. Missbrauchsskandal im Internat. Und man weiß, was gemeint ist: Kindesmissbrauch, sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen.

Dabei gibt es auch Amtsmissbrauch, Alkoholmissbrauch, Vertrauensmissbrauch. Und Sprachmissbrauch. Hier handelt es sich um einen solchen: Denn kann der Begriff Kindesmissbrauch stimmen? Ist nicht Missbrauch ein Gegenwort von Brauch oder Gebrauch, wie Missgunst von Gunst oder Misserfolg von Erfolg.

Gebraucht und missbraucht werden Einrichtungen, Stoffe, Emotionen, Gegenstände aber Kinder?! Sie sind Personen. Ihr Gebrauch, ihre Verfügbarkeit ist schon ein Vergehen, ein Übergriff. Meines Erachtens ist das Wort Missbrauch nicht nur unstimmig, sondern verharmlosend. Es gehört auf die Liste der Unwörter. Wenigstens sollte von »Kindesmisshandlung« gesprochen werden, weil es, gottlob, auch die dem Kind liebevoll zugewandte Handlung, Behandlung gibt. Des Weiteren heißt es ja auch zu diesem Thema oft: schreckliches, abscheuliches Verbrechen. Wird das altertümliche Wort »Kinderschändung« dem Vergehen gerecht? Wo doch auch Friedhöfe, Gedenkstätten leblose Anlagen und Gebäude geschändet werden. Es ist Gewalt, Vergewaltigung von Kindern!
Nach dem »Missbrauch«, oft Jahrzehnte später, melden sich die »Missbrauchsopfer«. Sie klagen an, bringen ihre »Missbraucher«, »Sex-Täter«, »Sex-Monster« vor Gericht. Wessen Opfer sind die Geschädigten?

Opfer bringen Menschen bei religiösen Kulthandlungen Gottheiten und Geistern dar Gaben zur Sühne oder zum Dank, und die Opferwilligen glauben, dass ihre Opfer gefordert werden. Inwiefern aber fordern ­Katastrophen, Kriege, Unglücke, Unfälle Opfer zeitweilig oder zeitlebens behinderte Menschen oder »Todesopfer«? Ist es zum Beispiel die Gottheit Mobilität, die ihre Opfer fordert? Aber wer oder was bringt bei »Missbräuchen« Opfer dar oder fordert sie?

Angesagt ist, verantwortlich mit der Sprache umzugehen, Wirklichkeit nicht zu verschleiern. Zunehmend beeinflussen die Medien, vor allem das Fernsehen, die Sprachkultur. Alle Personen, die sich öffentlich äußern, sind für sie verantwortlich, weil Medien- und private Umgangssprache sich bedingen und spiegeln. Journalistinnen und Journalisten schauen (nach Luther) Prominenten und »einfachen« Leuten aufs Maul und die wiederum geben oft Mediensprache wieder.

»Wir reden, wie uns der Schnabel verbogen wird«, sagt der Sprachkritiker Wolf Schneider. Politikwissenschaftler Dolf Sternberger: »In der Sprache kommen die sittlichen Kräfte des Menschen zum Ausdruck.« Und der Schriftsteller Georg Christoph Lichtenberg: »Man muss zuweilen wieder die Wörter untersuchen, denn die Welt kann wegrücken, und die Wörter bleiben stehen.«

Christoph Kuhn

Nach der Schlacht


Fußballdeutsch ist eine Art Fachchinesisch mit teilweise mathematisch geprägtem Jargon, mit Begriffen wie Viertligist, Achtelfinale, Elfmeterkiller oder Sechzehner. Experten kennen Mittelfeldgrätschen, Gelbsperren, Vorrunden- und Traumfinale, Flügelflitzer oder Flankengötter.

Gruppenspiele sind keine Kriege, Teams oder Mannschaften keine Armeen und Kapitäne keine Generäle. Doch das Berichterstattungsvokabular mutet mitunter martialisch an: Nationalspieler sind Helden und Gladiatoren, sie kämpfen ruhmreich und heroisch als Stürmer, Angreifer oder Torjäger in Offensiv- und Defensivtaktik, es gibt Treffer, Attacken, Beinschüsse, Schützenhilfe, Zweikampfführung, Deckung und die Frage nach dem »Sieg über Serbien« und »Schlägt Deutschland Ghana?«; sogar von Rache, Stahlbad und Abwehrschlacht ist die Rede, von Schlachtenbummlern sowieso. »England wird abgeklatscht!«, sagt ein Fan in die Kamera.

Meistens bleibt es bei Verbalinjurien im Umfeld recht friedlicher Spiele. Nach dem 1 : 2 Nigerias gegen Griechenland aber soll der Spieler Sani Kaita per E-Mail Tausende Morddrohungen bekommen haben, weil er vom Platz gestellt worden war und seine Mannschaft danach verlor.

Kaum jemand kann sich den Informationen über Spielstände entziehen: Sogar in Zügen werden sie durchgesagt. Nichts hat mehr Nachrichtenwert! Andernorts, in Somalia, ist das Fernsehen der Spiele verboten, Fans sollen deshalb von militanten Islamisten erschossen, weitere verhaftet worden sein. Obdachlose rings um die südafrikanischen Arenen wurden umgesiedelt, weil ihr Anblick die Stimmung des Milliardengeschäfts trüben könnte.

Auf den »Fanmeilen«-Hauptstraßen rollen die fahnengeschmückten Autokorsos wie römische Streitwagenflotten am Spalier stehenden Volk vorbei. Die Insassen hängen indianerähnlich kriegsbemalt aus den Fenstern, hupen, blasen in Vuvuzelas. »So sehn Sieger aus schala, la, la, la!«, bejubeln sie sich selbst als »zwölften Mann«, stolz, Deutsche(r) zu sein ein völlig normaler Patriotismus: Nationalismus – ein Spiel. Man zeigt Flagge, sogar im Gesicht. »Rechnet nicht mit mir, beim Fahnenschwenken, ganz gleich, welcher Farbe sie auch sei « Reinhard Meys Lied stört den Ausnahmezustand. »Finale, Ooo-oh! Finale, Ooo-oh!« Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, heißt es galt das nicht schon für Wahlen und Kriege? Fußball gehört zur Kultur mit den Aggressionen, die er freisetzt oder als »Ventil« ablässt. Ein Glatzkopf schlägt die Trommel zum Rhythmus der »Deutschland!«-Rufe. Klingt da etwa etwas über »Deutschland!« und »Sieg!« hinaus an?

»Public Viewing« ist vorbei. Ein aus dem Englischen entlehntes Neuwort für eine öffentliche Präsentation, ursprünglich für die öffentliche Leichen-Aufbahrung. Trotz der Schlachten mussten zum Glück noch keine Toten vom Feld getragen werden.

Christoph Kuhn

Unwort Umwelt


Am 5. Juni 1972, beim ersten »Weltumweltgipfel« in Stockholm, wurde der »Weltumwelttag« von den Vereinten Nationen ausgerufen. Der Club of Rome erstattete Bericht »Zur Lage der Menschheit und zu den Grenzen des Wachstums«. Apollo 17 nahm das wohl bekannteste Bild der Menschheitsgeschichte auf: Die Erde als Ganzes. Der Künstler Klaus Staeck versah es mit dem Text: »Die Mietsache ist schonend zu behandeln und in gutem Zustand zurückzugeben.« Auf einem anderen Plakat wird der Globus mit der Zitronenpresse zerquetscht nach dem Motto: »Das Letzte herausholen«. In den fast vier Jahrzehnten seitdem hat sich der Lebensstil in den reichen Industrienationen nicht zum Besseren geändert.

Was heißt Welt, was Umwelt? Fragwürdige Begriffe für das Pflanzen- und Tierreich, uns und das Klima. »Umwelt« soll im 19. Jahrhundert aus dem Dänischen abgeleitet worden sein für »Umgebung« und »Lebenskreis«. Im Duden 1924 steht es noch ohne Zusammensetzungen; 1957 kommen »Umweltbedingung« und »-einfluß« hinzu; neuerdings schießen die Wörter ins Kraut: von »Umweltauto« bis »-verschmutzung«. »Umweltzone«, »Um weltbank« und »-datenbank«, natürlich »Umweltfreundlichkeit«. Flugzeugen und Autos diese Eigenschaft zuzusprechen, ist reinster Hohn. »Umweltfreundlich« kann man nicht einmal wandern. Auch »-verträglichkeit« ist zweifelhaft es kann nur um Schadensbegrenzung gehen.

»Umwelt« suggeriert, es gäbe einen vom Individuum streng abgeschiedenen Bereich. »Umweltzerstörung« kommt uns leicht über die Lippen, hält uns die ganze Wahrheit vom Leibe. Der Selbsterhaltungstrieb regt sich bei Schreckensmeldungen aus der Stratosphäre oder fremden (Bundes-)Ländern kaum. Vor der Tür des Nachbarn mag ins Erdreich sickern, was will, es ist Um-Welt, ich bin´s nicht. Und das Unwort »Weltumwelttag« reduziert nicht nur den katastrophalen Zustand unserer einen Welt auf ein Tagesthema, sondern verharmlost die Beschädigungen.

Welches Wort sonst? »Natur« klingt nach Botanisiertrommel. »Schöpfung« grenzt Ungläubige aus. Dabei geht es um alles: Offenbart sich Gott in seiner Schöpfung, dann ist Schöpfungsschutz auch Gottesschutz. Naturzerstörung ist gegen das Göttliche. »Lebenszerstörung«, »Selbstzerstörung« stimmte auch. An einem Welttag der Weltzerstörung zu gedenken und sich besonders weltfreundlich zu verhalten, hat nur Alibifunktion. Mit »Weltumwelt« kann nur das All gemeint sein, interessant für umweltfremde Astronauten oder Astrologen. Weltumweltkatastrophen finden auf anderen Gestirnen statt, eine Ölpest auf dem Mars, ein Vogelsterben im Sternbild des Schwans.

Trifft uns selbst unerwartet eine Weltkatastrophe, sind jene mitverantwortlich, die mittels Sprache Wirklichkeit und Bewusstsein (»Umweltanschauung«!) in Übereinstimmung zu bringen haben: die Verhältniswortgewaltigen.

Christoph Kuhn

Schichten abtragen


Als die Erde noch eine Scheibe war, stimmten Wissensstand und Sprachgebrauch überein: Die Sonne geht auf, beschreibt einen Bogen am Himmel und geht wieder unter. Gott ist oben, hinterm Sternenzelt, auf dem heiligen Berg. Unten ist die Hölle. Seitdem sich alles dreht und die Mitte gesucht wird, verändert sich auch die Sprache weiter, bleibt aber in bildhaften Ausdrücken eigentümlich »bodenständig« oder »nachhaltig«. Viele Redensarten entstammen Mythen, uralten religiösen Ritualen und längst ungebräuchlichen alltäglichen Gepflogenheiten, oft aus anderen Kulturen. Auch wenn ihre Herkunft kaum bekannt ist, weiß man im gemeinsamen Sprachraum (noch immer) um ihre Bedeutung. So spricht man vom Sündenbock, ohne zu wissen, dass Aaron einst einen mit Israels Sünden beladenen Bock in die Wüste jagte; von der Sintflut, ohne Noahs Geschichte zu kennen. Wer eine Hiobsbotschaft überbringt, muss von Hiob nichts wissen und wer den Ariadne-Faden sucht, nicht, wohin er führt oder wer Ariadne war.

Manche Namen und Begriffe existieren nur noch metaphorisch, andere sind, verwandelt, ihrer Urform näher. Der Pranger ist nicht mehr der Pfahl, an den Schuldige gekettet, öffentlich ausgestellt werden, sondern jetzt werden Menschen medial angeprangert: mit Bild in der Presse oder in TV-Talkshows. Beim Spießrutenlauf wird in der zivilisierten Welt auch niemand körperlich verletzt, sondern durch stechende Blicke und scharfe Objektive. Gebrandmarkt und gegeißelt wird nicht mit heißen Eisen und Peitschen, sondern mit Worten.

Mutter Sprache hinkt der Wirklichkeit nach. Sie zeigt uns bringen wir ihr Aufmerksamkeit entgegen wo wir herkommen. Mit ihr umzugehen heißt, in die Vergangenheit zu blicken, in die Kulturgeschichte Schichten abtragen wie in der Archäologie.

Vor allem durch technische Veränderungen werden Metaphern ausgetauscht. »Nachricht bitte auf Band«, spricht es vom Anrufbeantworter. Ist er alt, läuft noch ein Tonband; neue funktionieren anders, der sprachliche Ausdruck bleibt länger. Auch im Zeitalter digitaler Fotografie heißt es noch eine Weile: Man bannt etwas auf Zelluloid. Man glotzt in die Röhre, auch wenn sie schon ein Flachbildschirm ist.

Neue Begriffe stehen neben alten: das Licht unterm Scheffel und die Tretmühle neben der Schaltstelle und Datenautobahn. Mobilitätsvokabeln, speziell Autometaphorik, haben Konjunktur: Die Branche gibt Gas, ist auf Überholspur oder tritt auf die Bremse.
Selbst wo es nicht um Technik geht, wird solches Vokabular gebraucht: Partner finden keinen Draht zueinander, zwischen ihnen herrscht Funkstille; jemand hat Filmriss, wird gestoppt, seine Batterie ist runter, er muss auftanken, seine Erwartungen zurückschrauben. Das verleiht der Sprache etwas Unmenschliches, »Entseelendes«.

Christoph Kuhn

Hallo und tschüssi


Ich bin so erzogen, Freunde der Eltern, Bekannte, mit Nennung ihres Namens und je nach Tageszeit zu grüßen: Guten Morgen, ­guten Abend; auf Wiedersehen, Herr oder Frau XY. Diese verkürzten Höflichkeitsformeln von: »Ich wünsche einen guten Morgen, Tag, Abend!«, wurden ­damals bereits oft zu »Morgen!«, »Moin!«, »Tag!«, »Tachchen!«, »n’­Abend!« und »Wiedersehn!« weiter reduziert.

In der Schule übt man noch die längeren Formeln. (Und wenn mich vor Lesungen Grundschüler im Chor begrüßen: »Guten Morgen, Herr Kuhn!«, muss ich an meine Schulzeit denken, wo es nur »Seid bereit!« »Immer bereit!« und »Freundschaft« hieß.) Sonst scheinen sie nur noch bei würdigen, offiziellen Anlässen üblich zu sein, denn immer öfter ertönt das zwar freundliche, aber als Gruß ­eigentlich sinnfreie »Hallo!«.

Was drückt es aus? Ursprünglich der Zuruf an den Fährmann »hol über!« oder der Anruf, wenn die Verbindung schlecht ist ein Ruf, auf sich aufmerksam zu machen. Auch bei Empörung: »Aber hallo, was ist das denn!« oder bei Erstaunen: »War das ein Hallo!«, ein Auftritt mit großem, lautem Hallo. Soll die Beschränkung auf zwei Silben (oder gar auf nur eine: »Hi!«) Zeit sparen? Dann verwundert andererseits das ebenso übliche viersilbige pathetische »Ich grüße Sie!«, worin sich nur der Vorgang ausdrückt, kein Inhalt, kein Wunsch. Das gilt auch für »Sei mir gegrüßt!« Aber ist Kritik angebracht? Womöglich ist »Grüß dich!« die Kurzform von »Es grüß dich Gott!«, also »Grüß Gott!«. Damit könnten wenigstens gläubige Menschen etwas anfangen, und der Gruß beschränkte sich nicht nur auf den deutschsprachigen ­Süden.

Mehr Sinn liegt in Abschiedsgrüßen: »Auf Wiedersehen« wünsche ich manchmal auch, wenn es unwahrscheinlich, sogar unangebracht ist sich wiederzusehen. Oft wird mir mit »tschüss« geantwortet, »tschüssi« oder »tschüssing«. In der Gesellschaft nimmt eine kaum einlösbare Vertraulichkeit zu, eine Innigkeit, die sich auch in den Begrüßungs- und ­Ab­schieds­um­armungen einander relativ fremder Menschen zeigt.

»Schön Tag noch!« ist inflationär, doch immerhin ein Wunsch. Er erinnert mich an meine Großmutter, die beim Verlassen eines Ladens »Guten Tag« sagte, was heute befremdlich klänge. Dafür heißt es »schönen Feierabend«, »schönes Wochenende«.

Sag zum Abschied leise »servus«, oder »ciao«, »ahoi«, »behüt’ dich Gott!«, »mach’s gut«, »gehab dich wohl«; nicht »Ich wünsch dir was!« Was denn? wäre die passende Antwort. »Tschüss« steht noch nicht in meinem Duden von 1957. Es kommt von adieu! (zu Gott, Gott befohlen) und passt hierher. »Hallo« kommt mir selbst oft genug über die Lippen; »hallöchen« ­versuche ich zu vermeiden wie »tschüssi«.

Ihr Christoph Kuhn

Achte auf deine Worte


Leserinnen und Leser dieser ­Zeitung werden sich womöglich fragen, warum auch noch an dieser Stelle Betrachtungen zur Sprache stehen sollen, gibt es doch über ­unser Deutsch schon so viele kluge und witzige Kolumnen und Bücher eins zum Tod des Genitivs stand sogar lange auf der Bestseller-Liste.

Auch an Mahnungen fehlt es nicht: Der Wortschatz von Kindern würde immer kleiner, weil die Gesprächszeit in den Familien sich immer mehr verringere, wie auch die (Vor-)Lesezeit kürzer werde gegenüber der Verweildauer an Fernsehgeräten und Computern. Diese zunehmende äußere Bilderwelt ließe die innere verarmen, verhindere die Entwicklung der Fantasie. Fantasie jedoch sei die Voraussetzung für Empathie und Empathie wiederum unerlässlich für Solidarität, Zivilcourage. So droht Isolation im Gemeinwesen. Gefahr ist im Verzug!

Der Wert der Muttersprache ist wohl unbestritten, nicht oft genug kann über sie nachgedacht und ­gesprochen werden. Allerdings wandelt sie sich ständig; man hört es, schaut man wie Luther, dem Volk aufs Maul oder sieht es an ­ihrem schriftlichen Gebrauch (am Stil und an der Rechtschreibung von Briefen, Büchern, Printmedien). Und die Blickwinkel auf diesen Wandel sind unterschiedlich.

Zeitlos aber sind die von Konfuzius überlieferten Sätze: »Stimmen die Namen und Begriffe nicht, so ist die Sprache konfus. Ist die Sprache konfus, so entstehen Unordnung und Misserfolg. Gibt es Unordnung und Misserfolg, so geraten Anstand und gute Sitten in Verfall. Sind ­Anstand und gute Sitten infrage ­gestellt, so gibt es keine gerechten Strafen mehr. Gibt es keine gerechten Strafen mehr, so weiß das Volk nicht, was es tun und was es lassen soll. Darum muss der Edle die Begriffe und Namen korrekt benutzen und auch richtig danach handeln können. Er geht mit seinen Worten niemals leichtfertig um.«

Der Talmud sieht eine ähnlich zwingende Logik: »Achte auf deine Gefühle, denn sie werden Gedanken. Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf deine Worte, denn sie werden ­Taten. Achte auf deine Taten, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter. Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.« Und laut Matthäus-Evangelium sagt Jesus in der Bergpredigt: »Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.« Vorher heißt es, man solle nicht schwören. Eine klare Frage verlangt eine klare ­Antwort, ein »Ja« oder »Nein«; eine wortreiche Begründung macht eine Aussage meistens nicht einleuchtender; Beschwörungen verstärken die Wahrheit nicht und ­entlarven eher eine Lüge.

Christoph Kuhn