Christoph Kuhn: Angesagt

Anmerkungen zur Sprache
Symbolische Orte
Anmerkungen zur Sprache
Im Gedenken an zerstörte Städte im Zweiten Weltkrieg ist Dresden zum Symbol für Kriegsleid und Zerstörung geworden. Obwohl es viele zu bejammernde wunderschöne Städte gibt, die zerbombt wurden. Am Jahrestag seiner Zerstörung (oder eine Woche danach) ist Dresden auch ein Mekka: für Neu-Nationalsozialisten, Rechtsextreme von nah und fern, die gegen den »Bombenholocaust« demonstrieren.
Folgerichtig auch für alle, die sich bei Kundgebungen gegen Extremismus, Revanchismus und Rassismus engagieren. Weiterhin, das ganze Jahr über, ist Dresden ein Mekka für Liebhaberinnen und Liebhaber der Kunst.
Frankfurt am Main ist zurzeit der Buchmesse im Oktober das Mekka für Literaturinteressierte, Genf im März das aller Autofans, Leipzig zu Pfingsten ein Mekka für die schwarze Szene, Cannes jedes Jahr das Mekka der Filmschaffenden.
Mekka ist der Lieblingsausdruck mancher Journalistinnen oder Redakteure für eine besondere, ständige oder zeitweilige Anziehungskraft bestimmter Orte.
Stammkunden in Oberstaufen nennen ihre Bar (nach einem ZEIT-Artikel) makaberer Weise Stalingrad, weil man aus dem Lokal nicht mehr herauskomme …
Ein ähnliches Sinnbild für Zerstörung durch Menschenhand ist Hiroshima. Während der Atomrüstung in den 80er Jahren lautete ein Slogan »Europa darf kein Euroshima werden«. In missdeutender Umwandlung des makabren Sprachspiels hatte jemand auf ein Spruchband geschrieben: »Europa darf kein Eurochina werden«.
Waterloo gilt seit 1815 sprichwörtlich für persönliche Niederlagen, Canossa seit fast tausend Jahren als Gang zu persönlicher Demütigung.
Vor 2500 Jahren soll ein Bote die Nachricht des Sieges über die Perser von Marathon nach Athen zu Fuß überbracht haben; dieser Lauf über 42 Kilometer und zwei Stunden wurde 1896 zur olympischen Disziplin. Seitdem ist Marathon ein Synonym für viele Aktionen, die ziemlich lange dauern, vor allem für Beratungen von Experten aus Politik und Wirtschaft. »Marathonsitzungen« allenthalben.
Marathon und Athen könnten das Mekka sein für Interessierte am klassischen Altertum und für die Gegend, wo die Grundlagen der Demokratie geschaffen wurden.
Neben griechischen sind es italienische Städte, die in unserer Sprache zeichenhafte Bedeutung haben: Als Venedig des Nordens gelten Amsterdam, Berlin, Brügge, St. Petersburg und Stockholm. Umgekehrt wird es wohl niemand wagen, Venedig ein Berlin oder ein Stockholm des Südens zu nennen.
Viele Wege führen nach Rom – und natürlich in alle andern Städte der Welt auch. Dresden ist bekanntlich nicht nur Mekka, sondern auch Elbflorenz. Jedoch ist Mekka, wie gesagt, die gebräuchlichste Synonymstadt.
Die heilige Stadt darf jeder Ort sein, solange nicht in Vergessenheit gerät, für wen Mekka das Mekka ist.
Christoph Kuhn
Kultur der Briefe
Ich nehme mir fürs neue Jahr vor, mehr Briefe zu schreiben. Mit der Hand. Ein Brauch, der durch elektronische Kommunikation unmodern geworden ist.
Offensichtlich trägt zunehmender Austausch von Kurznachrichten und E-Mails zum Verlust grammatikalischer, orthografischer und stilistischer Fähigkeiten bei. Die Verkümmerung der Handschrift vieler Menschen ist ein ebenso alarmierendes Signal. Dank Internet gelangen Nachrichten auf Bildschirme ungezählter Empfänger. »Fröhliche Weihnachten und guten Rutsch wünscht Max«, lese ich ohne Gemütsbewegung. Grußkarten sind mir da fast lieber, weil ich dem Absender in den Sinn kam, wenigsten als er die Adresse schrieb.
Es geht nicht nur ums Medium; es gibt auch sorgfältig verfasste, persönliche, herzerwärmende Mails, wie es oberflächliche Papierbriefe gibt. Besonders in der Kategorie Serienbriefe, Jahresrückblicks-Weihnachts-Neujahrs-Rundbriefe, massenhaft ausgedruckt und kopiert. Wer sich jeglicher individueller Zuwendung enthält, tippt auch noch Anrede und Grußfloskel in die Maschine. »Ihr Lieben nah und fern… Liebe Freunde und Verwandte…« Mag der Text einen noch so hohen Informationsgehalt und effizienten Verbreitungsgrad haben – alle interessiert nicht alles, alles geht nicht jeden etwas an.
»Während Bernd mit Kollegen seine jährliche Bergtour im Kaukasus unternahm, absolvierte Conny den Chinesisch-Kurs für Fortgeschrittene.« Die beiden kenne ich und finde es recht interessant, von ihrem Werdegang zu hören und wie sie ihre Freizeit gestalten. Weniger interessieren mich Mitteilungen über unbekannte Familienmitglieder, die das Studium mit Bachelor abschließen oder gerade in Honkong jobben. Irritierend bei manchen dieser Briefe ist auch, dass nicht in der Ich-Form, sondern in der dritten Person über die handelnden Personen berichtet wird, also bis zum Schluss offenbleibt, wer geschrieben hat. »Es grüßen herzlich Bernd und Conny.«
Immerhin sind Rundbriefe, in Sonderheit mit einigen persönlichen handschriftlichen Zeilen, noch Briefe. Sie werden »freigemacht« und »ausgetragen«, oft noch unterwegs vom Hausbriefkasten geöffnet, entfaltet, gelesen, vielleicht mehrfach – unabhängig von Technik und Energie.
Häufig erkenne ich an der Hand-Schrift auf dem Kuvert – ohne den Absendernamen zu lesen – von wem der Brief ist. »…meine suchende feder / hat einer suchenden feder geschrieben«, heißt es in einem Gedicht Reiner Kunzes. »Briefwechsel« kann eine sehr intime Angelegenheit sein.
Ich glaube Zeichen zu sehen, dass die Kultur der Briefe, mit Tinte auf Papier geschrieben, wieder in Mode kommt. Manche Schriften sind noch ungelenk, doch es wird geübt. Solange es noch Briefträger, Briefkästen, -marken (gar Brieftauben!) gibt, ist nichts verloren. Doch Brief und Siegel gebe ich darauf nicht.
Christoph Kuhn
Immer im Gespräch
Sein Lächeln gilt mir nicht. Ihrs auch nicht. Die beiden mir gegenüber lächeln sich auch nicht gegenseitig an. Er spricht in sein Handy, dass der Zug hoffentlich pünktlich ankomme. Sie spricht in ihren Mantelkragen, ob die Party stattfinde, ob man Markus einlüde…
In den 150 Jahren seit seiner Erfindung hat sich das Telefon vom Kasten mit Kurbel und schwerem Hörer zum handlichen Smartphone verändert, mit dem man fotografieren, filmen, Filme sehen, fernsehen, radiohören, navigieren kann; es lässt sich als Terminkalender, Lexikon, Wörter-, Koch-, Hör- und Adressbuch verwenden und als Telefon. Sprechen muss man noch selbst, obwohl sich Auskünfte programmieren lassen: die Abwesenheit des Teilnehmers oder die Wahlwiederholung, solange der Anschluss besetzt ist. Anrufbeantworter beantworten zwar keine Anrufe, weil sie (noch) nicht wissen, worum es geht, sagen aber automatisch etwas Vorgegebenes an.
Verändert hat sich auch die Telefonie selbst. Durch ständige Verfügbarkeit der Fernsprecher, wo man geht und steht, sind viele Menschen ständig erreichbar und befriedigen unbegrenzt ihr Mitteilungsbedürfnis.
Die Telefonate nehmen wohl im umgekehrten Verhältnis zu direkten Gesprächen zu. Nur das gegenseitige Verstehen hat sich nicht verbessert. Kaum die akustische Verständlichkeit, die »Verbindung«; Hintergrundgeräusche stören, und man stört sich gegenseitig, wie hier. Funklöcher tun sich auf, Akkus sind leer.
Auch Unbeteiligte, nicht stets akustisch und visuell Vernetzte, sind aufgestört, wenn Mobiltelefone klingeln: auf der Straße, am Strand, im Wald, beim Konzert, unterm Talar. Wobei ja »Klingeltöne« die absonderlichsten Geräusche und Musikfetzen sein können. Und klingelt‘s »normal«, ist das Klingeln synthetisch designet.
Sprache ändert sich langsamer als Technik. Mancher sagt noch: »Ich lege auf«, obwohl er die Aus-Taste drückt; die ein Telefon zeigt, wie es fast nur noch im Museum steht.
Der Mann sagt: »Ich klingle durch, ich rufe Sie zurück«, weil er aussteigen will, beide Hände braucht. Die Frau spricht weiter vor sich hin; in früheren Zeiten hätte man sie für psychisch gestört gehalten.
Der Geist ist aus der Flasche. Mit Computern haben wir ein Medium geschaffen, das unsere Sinne erweitert, unser Gehirn ergänzt. Gleichzeitig formen die Instrumente uns; sie setzen Maßstäbe, machen uns abhängig, wir verlernen elementare technikfreie Fähigkeiten, wie per Hand Briefe zu schreiben oder die Orientierung in der Natur. Verhaltensweisen ändern sich: Man kommuniziert mehr mit Geräten als mit seinesgleichen: auf der Bank, am Fahrkartenautomat, am häuslichen PC.
Das Gespräch der Frau hat eine Wendung genommen, sie redet lauter, zornig, schweigt abrupt, blickt noch eine Weile düster-entnervt vor sich hin. Da bin ich froh, nicht gemeint gewesen zu sein.
Christoph Kuhn
Bedenkliche Ranglisten
Der Mitteldeutsche Rundfunk suchte das schönste deutsche Volkslied. »Die Gedanken sind frei« belegte den ersten Platz, »Der Mond ist aufgegangen« den zweiten, »Im schönsten Wiesengrunde« kam auf Platz drei.
Die Initiative, Volkslieder wieder mehr ins Bewusstsein zu rufen, ist lobenswert. Aber das schönste Lied gibt es nicht. Nur für den einzelnen Menschen. Der urteilt subjektiv, nach persönlichem Geschmack, je nach Alter und Temperament.
Auch nach Jahres- oder Tageszeit: Früh ein Morgen-, zu vorgerückter Stunde eher ein Abendlied.
Und mancher kann sich nicht entscheiden, nicht für ein Lieblingslied, einen Lieblingswein oder -film.
Die blöde Frage nach den drei Büchern für die einsame Insel kann nur spontan beantwortet werden und stellt sich nach jeder Inselwoche neu.
Statistisch gesehen hat der Rundfunk das beliebteste Lied, sicher das bekannteste, gefunden, eins, das den meisten am besten gefällt. Doch was die meisten lieben, muss nicht das schönste oder beste sein. Es gibt Merkmale, schlechte Lieder, Bücher, Stücke von guten zu unterscheiden; aber unter den guten das schönste zu finden, ist illusorisch.
Es gibt den wärmsten Tag des Jahres, aber nicht das schönste Wetter. Es gibt nicht den schönsten Baum oder Wiesengrund (nur im Lied, wo es der schönste Wiesengrund des Sängers ist).
Neulich wurde auch nach der leisesten Stadt und den glücklichsten Deutschen gefragt.
Warum brauchen wir für unser Wertesystem solche Werteskalen und können offenbar Gleichwertigkeit schlecht ertragen? Man möchte schreien: Wir sind nicht beim Sport, wo ein Höher, Weiter, Schneller gilt!
Aber schleichend greifen sportive Maßstäbe auf Lebensbereiche über, wo Messlatten, Stoppuhren und Gewichte unbrauchbar sind.
Anrüchig wird dieses Ranking als Ränkespiel, wenn es sich um Menschen handelt. Der größte, kleinste, älteste, oder reichste Mensch lässt sich ermitteln – nicht der beste und schönste.
Wo der beliebteste Politiker oben auf dem Treppchen steht, steht auch der unbeliebteste unten – und die meisten sind fern jeder Konkurrenz. Miss Germany, Miss World, Miss Universe – die Kampagne ironisiert sich selbst. Der größte Schauspieler, der angesagteste Gitarrist (»angesagt« ist überhaupt ein fragwürdiges Adjektiv, das keine Steigerung zulässt: angesagt oder nicht angesagt) …
Man könnte es schmunzelnd ignorieren, aber dieser Teufelskreis der Aufmerksamkeit hängt mit der Ökonomisierung des Lebens zusammen. Wir sind umgeben von Top Ten- und Hitlisten. Bestsellerlisten geben die höchsten Verkaufszahlen an – was kein direktes Qualitätsmerkmal ist, doch von den allermeisten Konsumentinnen und Konsumenten so verstanden wird. Rangordnung beeinflusst unser Kauf- und Wahlverhalten, unsere Urteilskraft.
Es gibt aber ein Leben ohne Platzierung.
Ist das der wichtigste Satz dieser Kolumne?
Christoph Kuhn
Mauer mit zehn Buchstaben
»Tschuldigung«, sagt der Mann, dem ich in der S-Bahn von Berlin-Lichtenrade nach Berlin-Lichtenberg gegenübersitze. »Haben Sie ’n Tipp …?« Er lässt seine Zeitung sinken. »Mauer mit neun, nein, warte, mit zehn Buchstaben?« Fragend blicken mich seine Augen hinter der Brille mit dicken Plusgläsern über einem dichten grauen Bart an.
»Mauer mit zehn Buchstaben«, wiederhole ich zögernd. »Das war doch gar nicht so weit weg von hier …« – »Und es ist gar nicht so lange her …« Er lacht und zeigt ziemlich zerrüttete gelbe Zähne. »Bollwerk«, sage ich und zähle halblaut vor mich hin. »Nee, zwei zu wenig. Ick bin jeübt beim Kreuzworträtseln. Wie hieß dat denn noch anders …? Ha, ick hab’s! Schutzwall!«
Richtig, das war der Begriff der DDR-Regierung: Antifaschistischer Schutzwall.
»Wurde ick vor Ihnen jeschützt oder Sie vor mir?«, fragt der Mann.
Es gibt nicht nur Kreuzwörter, sondern es ist auch ein Kreuz mit den Wörtern. Seit dem Mauerbau, seit dem 13. August (ein fester Begriff wie der 17. Juni, 21. August, neunte November, dritte Oktober oder elfte September) bin ich politisiert.
Ich war zehn Jahre alt und hörte zum ersten Mal die Namen Chruschtschow, Eisenhower, Kennedy, Ulbricht und Adenauer – in dieser unheilvollen Kombination. Ich hörte die Wörter Brandenburger Tor, Demarkationslinie, Eiserner Vorhang, Stacheldraht, Spanische Reiter, Sowjetische Panzer, Kalter Krieg. Es drohte wieder die akute Gefahr eines Kriegs, ja eines Atomkriegs – und das wäre dann wohl überhaupt der letzte, hieß es.
Im Sprachgebrauch der SED hieß die Mauer »Garant zur Sicherung des Weltfriedens«, de facto war ihr Schutz nach innen gerichtet. Die Nahtstelle zwischen Ost und West, zwischen den Machtblöcken war nun fast hundertprozentig dicht, »Republikflucht« an der innerdeutschen Grenze fast unmöglich. Das Land würde nicht länger »ausbluten«.
Die DDR-Medien sprachen von einem historischen Tag.
Fürwahr: Diese Mauer (samt flutbelichteter Sperrzonen), wie auch die Chinesische, könnten vom Mond aus zu sehen gewesen sein. Und das Wort warf Schatten, stellte andere Wörter in ein neues grelles Licht: Niemandsland, Dreimeilenzone, Seegrenze, Grenzübertritt, Grenzverletzung, Grenztruppe, Schlagbaum, Postenturm, Kolonnenweg, Hundelaufstreifen, Minenfeld, Selbstschussanlage …
Der Mauerbau liegt 50 Jahre zurück – der Mauerfall 22 Jahre.
28 Jahre stand die Mauer, obwohl von 100 Jahren die Rede war; es gab Mauerlöcher, Maueropfer, Mauerschützen. Dann Mauerschützenprozesse, Mauerspechte.
Die Wörter verblassen, drohen in Vergessenheit zu geraten. Viele, vor allem jüngere Menschen wissen nicht mehr, wer die Mauer baute und wann und wodurch sie schließlich verschwand. Und es gibt neue Mauern. Die Mauerzeit ist nur bei uns vorbei.
Christoph Kuhn
Die weibliche Form
Liebe Leserin, die weibliche Form ist bewusst gewählt; nicht nur, weil laut Statistik mehr Frauen lesen als Männer (die hier natürlich mitgemeint sind). Denn meistens sind Frauen nur mitgemeint.
Gegner und Gegnerinnen geschlechtergerechter Sprache meinen, die dominierende männliche Form behindere nicht die soziale Gleichheit. Doch warum sollte jahrhundertelange Unterdrückung der Frauen – Benachteiligungen bis heute – sprachlich nicht erkennbar sein? Sprache offenbart Machtstrukturen. Man bedenke, dass bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts in Westdeutschland Frauen nur mit Erlaubnis der Gatten arbeiten durften und bis in die 70er in manchen Kantonen der Schweiz kein Wahlrecht hatten.
Bis heute sind sie in vielen Berufen unterrepräsentiert und werden schlechter bezahlt. Verkäuferin und Kindergärtnerin sind (noch) die Ausnahme. Umgangssprachlich geht man zum Arzt, zum Bäcker oder hört, was die Minister und Pfarrer zu sagen haben.
Gegnerinnen gerechter Sprache sind Frauen, die sich selbst Lehrer oder Arzt nennen, die eigene Emanzipation behindern; es gibt sie noch. »Lieber Leser«, wird auch manche Schriftstellerin geschrieben haben – die liebe Leserin wohlwollend mitmeinend.
Keine Chance hat offenbar eine Sprachregelung, die die Männer nur mitmeint: 1990 stimmte die Rostocker Bürgerschaft (und Bürgerinnenschaft) einer Hauptsatzung zu, die alle Funktionen ausdrücklich in weiblicher Form benannte (Bürgermeisterin, Dezernentin etc.) – mit den Stimmen aller Fraktionen, auch der männlichen Mitglieder! Das Experiment, ob Sprachgerechtigkeit ertragen wird, scheiterte: Die Satzung galt nur eine Legislaturperiode.
Aktuell macht Frauenfußball das Dilemma (un)gerechter Sprache deutlich. Schon der Begriff ist diskriminierend, weil nicht auch von Männerfußball gesprochen wird. Fußballweltmeisterinnenschaft muss es heißen, wenn Stürmerinnen, Torfrauen und Kapitäninnen auf dem Spielfeld sind.
(Im alten Wanderlied war mehr Gleichheit: »Herr Meister und Frau Meisterin …«). Frauen stehen hier nicht einfach ihren Mann, sondern spielen so selbstverständlich, wie sie sprinten oder boxen. Absurd ist auch »Mädchen- oder Frauenmannschaft« statt Fußball- und Nationalfrauschaft. Weibliche Hooligans, also Randaliererinnen, treten kaum auf; dafür stand irgendwo das Wort »Flankengöttin«.
Manch einen stört die Bibel in gerechter Sprache, wo das Wort »Herr« fehlt und Jüngerinnen und Apostelinnen vorkommen und Gott ausnahmsweise weiblich ist – getreu dem feministischen Spontispruch: Als Gott den Mann schuf, übte sie nur. Andere übertreiben nun wirklich: wenn sie in vermeintlicher Korrektheit an »liebe Mitglieder und Mitgliederinnen« schreiben. Doch sind solche Auswüchse nur die Reaktion auf das, was war: eine Sprache der männerdominierten Welt, in der Frauen (fast) unsichtbar blieben.
Christoph Kuhn
Herbei, o ihr UnGläubigen
»Die Anreise der Gläubigen führte zum Verkehrschaos«, sagte der Nachrichtensprecher des MDR. Das »Fest des Glaubens«, die »Tankstelle für die Seele« (Margot Käßmann) oder die »Zeitansage« (Katrin Göring-Eckardt) besuchten auch Ungläubige, Nichtgläubige oder »Kirchenferne«.
Für sie sollten Sprachhürden möglichst niedrig sein. Das Motto verstand jeder: Dein Herz – wo es ist, wo es sein wird, an welchen Gütern es hängt.
Geld mache nicht glücklich, Schätze sollten nicht auf Erden, sondern im Himmel gesammelt werden, sagte der sächsische Landesbischof. Er hätte noch präzisieren sollen, was das heißt. Vielleicht wollte er es, aber der Wind verblätterte ihm ständig die Manuskriptseiten, sobald er gestikulierte. Auch der Bundespräsident kam mit seinem Konzept durcheinander, sprach frei, verwechselte »ökumenisch« mit »ökonomisch«, parierte aber die Publikumsheiterkeit schlagfertig mit dem Hinweis aufs Thema der bischöflichen Predigt.
Warum nicht ökumenisch!
Das war der Wunsch des katholischen Bundespräsidenten und des katholischen Priesters. Zu spät, es wurde ein evangelischer Kirchentag: Zeitgemäß zukunftsorientiert in politischen und kulturellen Foren, auf dem Markt der Möglichkeiten, bei Bibelarbeiten – weniger beim Eröffnungs- und Abschlussgottesdienst: Beschwingte Musik und Stimmung einerseits, andererseits die Ansicht, dass das apostolische Credo dazugehört.
In seinem zweiten Artikel geht es symbolträchtig um Jesu Geburt, sein Leiden, Sterben und Auferstehen. Viele Christen würden im Glaubensbekenntnis gern etwas von Jesu Leben, Wirken und Predigen bekennen. Denkbar ist, dass verinnerlichtes Sprechen Bewusstsein verändert und über Jahrhunderte, womöglich Gesellschaften.
Enthielte der Text Gedanken der Bergpredigt, den Sinn von Sanftmut, Gewaltlosigkeit, Nächsten- und Feindesliebe – also Pazifismus und Schöpfungsbewahrung – wir lebten vermutlich verträglicher mit allen Kreaturen, es wären weniger Gläubige so blindwütig jubelnd in Kriege gezogen. Eine Hoffnung – der Beweis steht noch aus.
Argumentiert wird für das über tausend Jahre alte Apostolikum: Es eine, auswendig gesprochen, weltweit die Christen. Doch gilt beides ja ebenso fürs biblische Vaterunser, für Psalmverse und Lieder.
Auswendiglernen lässt sich auch ein neues Bekenntnis. Es gibt welche! Noch gelten sie als alternativ. Oder das alte könnte durch wichtige Inhalte ergänzt werden, befreit von weniger wichtigen.
Schließlich liegt die letzte Textänderung erst etwa 40 Jahre zurück: »niedergefahren zur Hölle« zu »hinabgestiegen in das Reich des Todes« oder die »Auferstehung des Fleisches« wurde mit »Auferstehung der Toten« aufgeklärtem Denken angepasst. Warum geht dieser Prozess nicht weiter? Ist er nicht ein Teil der Reformation, die nach Luthers Willen nicht stillstehen soll?
Christoph Kuhn
Kontaminierte Worte und Reden
Was hat die Mediengemeinde jetzt nicht alles gelernt über Kernspaltung, Kernschmelze, Brenn- und Steuerstäbe, Spaltprodukte, Kettenreaktion, Nachzerfallswärme, Abklingbecken, Millisievert, Stresstest, Restlaufzeit, Restrisiko …
Manche fühlen sich informiert, andere gezielt desinformiert in den widersprüchlichen Meldungen, im Argumentationswirrwarr der Talkrunden.
Der Moderator fragt die Nachrichtensprecherin: »Wie ist es, täglich neue Worte zu finden?« Sie findet das Unglück unheimlich, schrecklich, unbeschreiblich, unsagbar. Man verstummt, ist sprachlos und trotzdem wird auf allen Kanälen drauflos fabuliert. Mit zur Realität unpassenden Wörtern. Sie verschleiern Zusammenhänge, verkleistern Probleme, sind aber auch verräterisch und entlarvend – etwa, wenn der verzweifelte Regierungssprecher die Reaktoren als Ungeheuer bezeichnet und sogar Experten vom Super-GAU reden, gar vom großen Super-GAU (wo doch Gau schon größter anzunehmender Unfall bedeutet).
Superlative verharmlosen eher. Mit Begriffen und Namen wird Schindluder getrieben. »Der Gau hat ein Gesicht: Fukushima«, sagt der Moderator. »Abschalten! Fukushima ist überall«, steht auf einem T-Shirt. Vor genau 25 Jahren tönte es ähnlich: Nach Tschernobyl würde nichts mehr so sein wie es war, ebenso nach dem elften September und nach Bewusstwerden der Klimakatastrophe. Aktuelle zynische Ansage: Nach Japan ist die Welt eine andere! Wieder liegt das schöne Wort Wandel in der Luft. Doch ist wenig davon zu merken. Es bringt noch kein Lassen, keine Umkehr in den Alltag unseres mörderischen Energie- und Naturverbrauchs.
Die Sprache über Katastrophen ist oft eine katastrophale Sprache, auch wenn sie sich mythologischen, religiösen Vokabulars bedient.
Im Reaktor lodert »Höllenfeuer« bzw. die »Strahlenhölle«, drum herum ist »Geisterwelt«. »Apokalypse« hat Konjunktur. Das Wort steht für Untergang, Unheil, Grauen, bedeutet aber Enthüllung, Offenbarung. Inzwischen wurde vieles offenbar: Schwere Unfälle in europäischen Atomkraftwerken wurden vertuscht, als absolut sicher geltende Werke sind plötzlich Schrottmeiler. Und das von Anbeginn wichtigste Argument der Kernkraftgegner: dass es weltweit kein Endlager für den zigtausend Jahre strahlenden radioaktiven Müll gibt. Diese moralische Frage wird wie ein Tabu umgangen – obwohl »tabulose Diskussion« immer wieder versprochen wird.
Die Kanzlerin hat eigne Wurzeln entdeckt, wenn sie zum Gebet aufruft und mahnt, »ein Stück Demut vor der Natur« wiederzuerlangen. Der EU-Kommissar sieht das Geschehen »in Gottes Hand«. Wo sonst? möchte man fragen – aber bitte nicht wieder und wieder: Warum lässt er das zu?
Wie »Apokalypse« ist auch »Kontamination« ein Wort mit Doppelcharakter: Es bedeutet Verunreinigung, Verseuchung; aber auch Vermengung von Wörtern oder Fügungen. Quod erat demonstrandum.
Christoph Kuhn
Suche nach Fehlern
Lässt sich ein prominenter Politiker etwas zu Schulden kommen, heißt es, er habe Fehler begangen. Von der Opposition und aus dem Volk kommen zwar deutlichere Worte, aber seine eigne Partei und das Regierungsoberhaupt reden von Fehlern: Alle begehen Fehler, kein Mensch ist ohne, jeder hat schon Fehler gemacht.
Da zeigt man sich tolerant, denkt nachsichtig an Diktate und Mathearbeiten in der Schule, wo es schon bei anderthalb Fehlern keine Eins mehr gab und bei sieben keine Vier mehr. Es fällt einem der Fehlstart beim Hundertmeterlauf ein und die fehlerhafte technische Zeichnung.
Die Fehler schlichen sich ein, unterliefen einem, man machte sie ohne Absicht, hatte es nicht besser gewusst, sich geirrt, nicht aufgepasst, man war schusslig, vergesslich gewesen unaufmerksam, wie neulich im Straßenverkehr, als man die rote Ampel überfahren hatte. Ein Fehler, wie er oft vorkommt, ein schlimmer sogar, wenn dabei etwas passiert. Als Ordnungswidrigkeit kann er eine Strafe nach sich ziehen. Doch auch solche gröberen Fehler passieren meistens unabsichtlich. Und für die Ahndung ist es gleichgültig, ob man versehentlich bei Rot gefahren ist oder übermütig willentlich. Moralisch kann der Unterschied aber schwerwiegend sein.
Hier zeigt sich die Janushaftigkeit des Wortes: Fehlen kann heißen, nicht da zu sein, durchaus entschuldigt, gar unwissentlich. Oder unentschuldigt, ganz bewusst sich fernzuhalten, den Termin, den wichtigen Auftrag, die Verantwortung nicht wahrzunehmen.
»Fehlen« hat auch die Bedeutung von Täuschen und Betrügen, obwohl viele Fehler (Hör-, Seh-, Schönheitsfehler) geerbt sind, mit Verantwortlichkeit nichts zu tun haben, auch in der Tier- und Pflanzenwelt und bei toten Dingen wie elektrischen Leitungen auftreten. Eine Fehlzündung ist weit entfernt von einem Fehltritt, und der wiederum kann darin bestehen, dass man unterwegs aus Versehen fehl tritt oder sich geplant auf Abwege begibt.
Auch die »Verfehlung« schillert. Gehe ich fehl in der Annahme, dass man den Weg, die Tür verfehlen kann oder einen Menschen (im Sinne von nicht antreffen), aber auch den Beruf, ein ganzes Leben?
Staatsoberhaupt und Parteispitze wollten den fehlenden Kollegen halten, weil er als charismatisch gilt, als Lichtgestalt deutscher Politik und wichtige Säule im Wahlkampf. Sie hielten ihn so lange, bis der Druck der wachen Öffentlichkeit, mit dem sie nicht gerechnet hatten, ihn zum Rücktritt zwang.
Es mag nur der erste Eindruck sein, dass mit dem Begriff »Fehler« Verfehlung heruntergespielt werden soll. Denn Fehler sind eben sehr verschiedener Art. Mancher ist wieder gutzumachen, andere sind unverzeihlich. Die Verbrechen Stalins oder Maos galten nach deren Tod jahrzehntelang offiziell nur als Fehler, und für manche Unverbesserliche gilt das bis heute.
Christoph Kuhn
Vergeben und vergessen
Die Abfahrt des Zuges verzögert sich um wenige Minuten, wir bitten um Ihr Verständnis.« Wer könnte verstehen, ohne genaue Kenntnis der Ursache? Um Verständnis, nicht um Entschuldigung wird gebeten, obwohl der Fahrgast vielleicht entscheidende Minuten seines Lebens verpasst. Verständnis oder Entschuldigung – der Zugführer erfährt nicht, ob jemand der Bitte entspricht.
Der Sprachverkehr verändert sich: Rempelt einer einen anderen an und sagt: »Entschuldigung« oder »Verzeihung«, hört er: »Nichts passiert!« oder: »Macht nichts. Keine Ursache.« Zwar ist nur wenig passiert, aber nicht nichts; und denkbar, dass trotz kaum verspürtem Schmerz sich später eine Verletzung herausstellt. Schon diese Vorstellung könnte den zartfühlenden Verursacher belasten – und er blieb unentschuldigt!
Zur immerwährenden Debatte um Unrecht in der DDR wird Bischöfin Junkermann zitiert: »Vergebung ist nur möglich, wenn die, die Unrecht begangen haben und an anderen schuldig geworden sind, dieses einsehen, dazu stehen und selbst um Vergebung bitten.« (Ausgabe Nr. 5, Seite 3) Nun wird der einzelne, im Machtnetz verstrickte, Täter – etwa ein damaliger Stasi-Mitarbeiter – selten noch herausfinden können, wem alles und in welchem Umfang er geschadet hat. Abgesehen davon streiten die meisten ihre Verantwortung ab, reden sie schön, ja versuchen sie nachträglich zu rechtfertigen. Insofern wäre die von Frau Junkermann gespürte »Wand des Schweigens« zwischen »Opfern« und »Tätern« für die »Opfer« vergleichsweise erträglich.
Für Versöhnung geeignete Foren werden eher von den Tätern gescheut als von den Opfern (die sich im Übrigen selten selbst so bezeichnen, sondern als Verfolgte). Versöhnung bezieht sich etymologisch auf Sühne. Ist sie wie Reue einzufordern?
Kaum in diesem Kontext, sondern allgemein ist zu fragen, wie Vergebung auch ohne ausdrückliche Bitte um Verzeihung möglich ist? Hängt sie von Nähe, Vertrautheit und Liebe, von Großmut ab und vom Gewicht des Vergehens?
Ich habe nach spätem Eingeständnis schuldigen Verhaltens einige Male die Antwort gehört: »Reden wir nicht mehr davon, längst verziehen.« Sogar: »Schon vergessen.« Ob es stimmt, sei dahingestellt, jedenfalls ist es eine edle Geste der Absolution, der Nachsicht.
Wer nicht verzeiht – allerdings gibt es Fälle, wo das wirklich nicht möglich sein mag –, leidet über das Maß der erlittenen Kränkung hinaus. Mitmenschen etwas nachtragen (welch ein Bild!) bedeutet Energieverbrauch. Vergeben, aber nicht vergessen!, heißt es. Doch die Forschung zeigt: Vergessen ist eine wertvolle nötige Leistung des Gehirns im Unbewussten, das auswählt – vielleicht nach Erich Kästners Prinzip: »Die Erinnerung ist eine mysteriöse / Macht und bildet die Menschen um. / Wer das, was schön war, vergisst, wird böse. / Wer das, was schlimm war, vergisst, wird dumm.«
Christoph Kuhn
Schießen Sie los!
Man mag von einem Herrn Sarrazin halten, was man will, ihn seiner fremdenfeindlichen, populistischen Äußerungen wegen schmähen, ausgrenzen, mit Missachtung strafen, ihm am besten gar kein Podium geben aber auf ihn zu schießen ist wohl doch nicht angebracht!
»Sarrazin unter Dauerbeschuss« titelte die Mitteldeutsche Zeitung schon vor Wochen, aber die Zielperson lebt und erfreut sich höchster Aufmerksamkeit. Oft wird über Streitfälle in einem Ton berichtet, als hätte es Handgreiflichkeiten gegeben: schallende Ohrfeigen, Watschen werden ausgeteilt, Köpfe rollen. Schlag-Zeilen (und die Alltagssprache) strotzen von kriegerischem Vokabular der Feldherrensprache: Politik hat etwas im Visier, jemand macht Kampfansagen, bläst zum Sturm, zum Sturmlauf, weil etwas auf dem Vormarsch, im Anmarsch ist.
Wer nicht Attacken reitet, steht Gewehr bei Fuß. Alles Mögliche und jedermann kann ins Fadenkreuz, Sperr- und Kreuzfeuer der Kritik geraten. (Doch wo gefeuert wird, wird eben nicht mehr kritisiert; höchstens mit Fragen bombardiert ) Schießen ist besonders beliebt: Warn-, Quer-, Schnellschüsse und Schüsse vor den Bug. Wer ohne Schützenhilfe und Wachablösung auf verlorenem Posten steht, sollte aus der Schusslinie genommen werden oder gerät ins Hintertreffen. Nebelkerzen, Lunten, Sprengsätze, Tretminen, Zeitbomben sind auf dem sprachlichen Schlachtfeld verstreut.
Wer meint, nur mit geharnischter, martialischer Ausdrucksweise Aufmerksamkeit zu gewinnen, vergisst, dass Sprache der Spiegel der Gedanken ist (Mark Hopkins) und was in der Sprache geschieht, jederzeit Wirklichkeit werden kann (Alfred Andersch). Außerdem nutzen sich solche Wörter ab, es sind immer »schärfere Geschütze aufzufahren«, und im Ernstfall, bei tatsächlicher Gewalt, taugen sie nichts mehr. Dann genügen mokante oder makabre Formulierungen, die Gewalt eher verharmlosen als nahebringen etwa wenn jemand Tritte »kassiert« und »krankenhausreif geschlagen« wird.
Auch im Krieg ist das Pulver verschossen, weil im Frieden das Arsenal der Kriegswörter ausgeschöpft wurde. Die Rede ist dann von Auslandsabenteuern, Mission, Intervention, Operation, chirurgischem Eingriff, humanitärem Einsatz mit Kollateralschäden. Sonst gelten immer noch Begriffe wie »Speerspitze«, »Säbelrasseln« und »Gefecht«, als wäre noch Mittelalter. Der Kernwaffengefechtskopf ist solch eine fatale Bagatellisierung für die damit mögliche Menschenmassenvernichtung.
Vom jährlich im September stattfindenden Weltfriedenstag und dem Tag der deutschen Sprache könnten Impulse ausgehen, auch verbal abzurüsten. Es wird Zeit für eine Entmilitarisierung der Sprache, die schreckliche Denkmuster bewahrt. »Wörter, wenn sie nicht gehütet werden, verrichten mitunter tödliche Arbeit«, sagte John Ruskin. Er würfe die Flinte noch nicht ins Korn.
Christoph Kuhn
Den Schnabel verbogen
Missbrauch!«, tönt es, mal mehr mal weniger laut, aus den Medien. Neue Missbrauchsfälle, Missbrauchsaffären. Missbrauchsskandal im Internat. Und man weiß, was gemeint ist: Kindesmissbrauch, sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen.
Dabei gibt es auch Amtsmissbrauch, Alkoholmissbrauch, Vertrauensmissbrauch. Und Sprachmissbrauch. Hier handelt es sich um einen solchen: Denn kann der Begriff Kindesmissbrauch stimmen? Ist nicht Missbrauch ein Gegenwort von Brauch oder Gebrauch, wie Missgunst von Gunst oder Misserfolg von Erfolg.
Gebraucht und missbraucht werden Einrichtungen, Stoffe, Emotionen, Gegenstände aber Kinder?! Sie sind Personen. Ihr Gebrauch, ihre Verfügbarkeit ist schon ein Vergehen, ein Übergriff. Meines Erachtens ist das Wort Missbrauch nicht nur unstimmig, sondern verharmlosend. Es gehört auf die Liste der Unwörter. Wenigstens sollte von »Kindesmisshandlung« gesprochen werden, weil es, gottlob, auch die dem Kind liebevoll zugewandte Handlung, Behandlung gibt. Des Weiteren heißt es ja auch zu diesem Thema oft: schreckliches, abscheuliches Verbrechen. Wird das altertümliche Wort »Kinderschändung« dem Vergehen gerecht? Wo doch auch Friedhöfe, Gedenkstätten leblose Anlagen und Gebäude geschändet werden. Es ist Gewalt, Vergewaltigung von Kindern!
Nach dem »Missbrauch«, oft Jahrzehnte später, melden sich die »Missbrauchsopfer«. Sie klagen an, bringen ihre »Missbraucher«, »Sex-Täter«, »Sex-Monster« vor Gericht. Wessen Opfer sind die Geschädigten?
Opfer bringen Menschen bei religiösen Kulthandlungen Gottheiten und Geistern dar Gaben zur Sühne oder zum Dank, und die Opferwilligen glauben, dass ihre Opfer gefordert werden. Inwiefern aber fordern Katastrophen, Kriege, Unglücke, Unfälle Opfer zeitweilig oder zeitlebens behinderte Menschen oder »Todesopfer«? Ist es zum Beispiel die Gottheit Mobilität, die ihre Opfer fordert? Aber wer oder was bringt bei »Missbräuchen« Opfer dar oder fordert sie?
Angesagt ist, verantwortlich mit der Sprache umzugehen, Wirklichkeit nicht zu verschleiern. Zunehmend beeinflussen die Medien, vor allem das Fernsehen, die Sprachkultur. Alle Personen, die sich öffentlich äußern, sind für sie verantwortlich, weil Medien- und private Umgangssprache sich bedingen und spiegeln. Journalistinnen und Journalisten schauen (nach Luther) Prominenten und »einfachen« Leuten aufs Maul und die wiederum geben oft Mediensprache wieder.
»Wir reden, wie uns der Schnabel verbogen wird«, sagt der Sprachkritiker Wolf Schneider. Politikwissenschaftler Dolf Sternberger: »In der Sprache kommen die sittlichen Kräfte des Menschen zum Ausdruck.« Und der Schriftsteller Georg Christoph Lichtenberg: »Man muss zuweilen wieder die Wörter untersuchen, denn die Welt kann wegrücken, und die Wörter bleiben stehen.«
Christoph Kuhn
Nach der Schlacht
Fußballdeutsch ist eine Art Fachchinesisch mit teilweise mathematisch geprägtem Jargon, mit Begriffen wie Viertligist, Achtelfinale, Elfmeterkiller oder Sechzehner. Experten kennen Mittelfeldgrätschen, Gelbsperren, Vorrunden- und Traumfinale, Flügelflitzer oder Flankengötter.
Gruppenspiele sind keine Kriege, Teams oder Mannschaften keine Armeen und Kapitäne keine Generäle. Doch das Berichterstattungsvokabular mutet mitunter martialisch an: Nationalspieler sind Helden und Gladiatoren, sie kämpfen ruhmreich und heroisch als Stürmer, Angreifer oder Torjäger in Offensiv- und Defensivtaktik, es gibt Treffer, Attacken, Beinschüsse, Schützenhilfe, Zweikampfführung, Deckung und die Frage nach dem »Sieg über Serbien« und »Schlägt Deutschland Ghana?«; sogar von Rache, Stahlbad und Abwehrschlacht ist die Rede, von Schlachtenbummlern sowieso. »England wird abgeklatscht!«, sagt ein Fan in die Kamera.
Meistens bleibt es bei Verbalinjurien im Umfeld recht friedlicher Spiele. Nach dem 1 : 2 Nigerias gegen Griechenland aber soll der Spieler Sani Kaita per E-Mail Tausende Morddrohungen bekommen haben, weil er vom Platz gestellt worden war und seine Mannschaft danach verlor.
Kaum jemand kann sich den Informationen über Spielstände entziehen: Sogar in Zügen werden sie durchgesagt. Nichts hat mehr Nachrichtenwert! Andernorts, in Somalia, ist das Fernsehen der Spiele verboten, Fans sollen deshalb von militanten Islamisten erschossen, weitere verhaftet worden sein. Obdachlose rings um die südafrikanischen Arenen wurden umgesiedelt, weil ihr Anblick die Stimmung des Milliardengeschäfts trüben könnte.
Auf den »Fanmeilen«-Hauptstraßen rollen die fahnengeschmückten Autokorsos wie römische Streitwagenflotten am Spalier stehenden Volk vorbei. Die Insassen hängen indianerähnlich kriegsbemalt aus den Fenstern, hupen, blasen in Vuvuzelas. »So sehn Sieger aus schala, la, la, la!«, bejubeln sie sich selbst als »zwölften Mann«, stolz, Deutsche(r) zu sein ein völlig normaler Patriotismus: Nationalismus – ein Spiel. Man zeigt Flagge, sogar im Gesicht. »Rechnet nicht mit mir, beim Fahnenschwenken, ganz gleich, welcher Farbe sie auch sei « Reinhard Meys Lied stört den Ausnahmezustand. »Finale, Ooo-oh! Finale, Ooo-oh!« Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, heißt es galt das nicht schon für Wahlen und Kriege? Fußball gehört zur Kultur mit den Aggressionen, die er freisetzt oder als »Ventil« ablässt. Ein Glatzkopf schlägt die Trommel zum Rhythmus der »Deutschland!«-Rufe. Klingt da etwa etwas über »Deutschland!« und »Sieg!« hinaus an?
»Public Viewing« ist vorbei. Ein aus dem Englischen entlehntes Neuwort für eine öffentliche Präsentation, ursprünglich für die öffentliche Leichen-Aufbahrung. Trotz der Schlachten mussten zum Glück noch keine Toten vom Feld getragen werden.
Christoph Kuhn
Unwort Umwelt
Am 5. Juni 1972, beim ersten »Weltumweltgipfel« in Stockholm, wurde der »Weltumwelttag« von den Vereinten Nationen ausgerufen. Der Club of Rome erstattete Bericht »Zur Lage der Menschheit und zu den Grenzen des Wachstums«. Apollo 17 nahm das wohl bekannteste Bild der Menschheitsgeschichte auf: Die Erde als Ganzes. Der Künstler Klaus Staeck versah es mit dem Text: »Die Mietsache ist schonend zu behandeln und in gutem Zustand zurückzugeben.« Auf einem anderen Plakat wird der Globus mit der Zitronenpresse zerquetscht nach dem Motto: »Das Letzte herausholen«. In den fast vier Jahrzehnten seitdem hat sich der Lebensstil in den reichen Industrienationen nicht zum Besseren geändert.
Was heißt Welt, was Umwelt? Fragwürdige Begriffe für das Pflanzen- und Tierreich, uns und das Klima. »Umwelt« soll im 19. Jahrhundert aus dem Dänischen abgeleitet worden sein für »Umgebung« und »Lebenskreis«. Im Duden 1924 steht es noch ohne Zusammensetzungen; 1957 kommen »Umweltbedingung« und »-einfluß« hinzu; neuerdings schießen die Wörter ins Kraut: von »Umweltauto« bis »-verschmutzung«. »Umweltzone«, »Um weltbank« und »-datenbank«, natürlich »Umweltfreundlichkeit«. Flugzeugen und Autos diese Eigenschaft zuzusprechen, ist reinster Hohn. »Umweltfreundlich« kann man nicht einmal wandern. Auch »-verträglichkeit« ist zweifelhaft es kann nur um Schadensbegrenzung gehen.
»Umwelt« suggeriert, es gäbe einen vom Individuum streng abgeschiedenen Bereich. »Umweltzerstörung« kommt uns leicht über die Lippen, hält uns die ganze Wahrheit vom Leibe. Der Selbsterhaltungstrieb regt sich bei Schreckensmeldungen aus der Stratosphäre oder fremden (Bundes-)Ländern kaum. Vor der Tür des Nachbarn mag ins Erdreich sickern, was will, es ist Um-Welt, ich bin´s nicht. Und das Unwort »Weltumwelttag« reduziert nicht nur den katastrophalen Zustand unserer einen Welt auf ein Tagesthema, sondern verharmlost die Beschädigungen.
Welches Wort sonst? »Natur« klingt nach Botanisiertrommel. »Schöpfung« grenzt Ungläubige aus. Dabei geht es um alles: Offenbart sich Gott in seiner Schöpfung, dann ist Schöpfungsschutz auch Gottesschutz. Naturzerstörung ist gegen das Göttliche. »Lebenszerstörung«, »Selbstzerstörung« stimmte auch. An einem Welttag der Weltzerstörung zu gedenken und sich besonders weltfreundlich zu verhalten, hat nur Alibifunktion. Mit »Weltumwelt« kann nur das All gemeint sein, interessant für umweltfremde Astronauten oder Astrologen. Weltumweltkatastrophen finden auf anderen Gestirnen statt, eine Ölpest auf dem Mars, ein Vogelsterben im Sternbild des Schwans.
Trifft uns selbst unerwartet eine Weltkatastrophe, sind jene mitverantwortlich, die mittels Sprache Wirklichkeit und Bewusstsein (»Umweltanschauung«!) in Übereinstimmung zu bringen haben: die Verhältniswortgewaltigen.
Christoph Kuhn
Schichten abtragen
Als die Erde noch eine Scheibe war, stimmten Wissensstand und Sprachgebrauch überein: Die Sonne geht auf, beschreibt einen Bogen am Himmel und geht wieder unter. Gott ist oben, hinterm Sternenzelt, auf dem heiligen Berg. Unten ist die Hölle. Seitdem sich alles dreht und die Mitte gesucht wird, verändert sich auch die Sprache weiter, bleibt aber in bildhaften Ausdrücken eigentümlich »bodenständig« oder »nachhaltig«. Viele Redensarten entstammen Mythen, uralten religiösen Ritualen und längst ungebräuchlichen alltäglichen Gepflogenheiten, oft aus anderen Kulturen. Auch wenn ihre Herkunft kaum bekannt ist, weiß man im gemeinsamen Sprachraum (noch immer) um ihre Bedeutung. So spricht man vom Sündenbock, ohne zu wissen, dass Aaron einst einen mit Israels Sünden beladenen Bock in die Wüste jagte; von der Sintflut, ohne Noahs Geschichte zu kennen. Wer eine Hiobsbotschaft überbringt, muss von Hiob nichts wissen und wer den Ariadne-Faden sucht, nicht, wohin er führt oder wer Ariadne war.
Manche Namen und Begriffe existieren nur noch metaphorisch, andere sind, verwandelt, ihrer Urform näher. Der Pranger ist nicht mehr der Pfahl, an den Schuldige gekettet, öffentlich ausgestellt werden, sondern jetzt werden Menschen medial angeprangert: mit Bild in der Presse oder in TV-Talkshows. Beim Spießrutenlauf wird in der zivilisierten Welt auch niemand körperlich verletzt, sondern durch stechende Blicke und scharfe Objektive. Gebrandmarkt und gegeißelt wird nicht mit heißen Eisen und Peitschen, sondern mit Worten.
Mutter Sprache hinkt der Wirklichkeit nach. Sie zeigt uns bringen wir ihr Aufmerksamkeit entgegen wo wir herkommen. Mit ihr umzugehen heißt, in die Vergangenheit zu blicken, in die Kulturgeschichte Schichten abtragen wie in der Archäologie.
Vor allem durch technische Veränderungen werden Metaphern ausgetauscht. »Nachricht bitte auf Band«, spricht es vom Anrufbeantworter. Ist er alt, läuft noch ein Tonband; neue funktionieren anders, der sprachliche Ausdruck bleibt länger. Auch im Zeitalter digitaler Fotografie heißt es noch eine Weile: Man bannt etwas auf Zelluloid. Man glotzt in die Röhre, auch wenn sie schon ein Flachbildschirm ist.
Neue Begriffe stehen neben alten: das Licht unterm Scheffel und die Tretmühle neben der Schaltstelle und Datenautobahn. Mobilitätsvokabeln, speziell Autometaphorik, haben Konjunktur: Die Branche gibt Gas, ist auf Überholspur oder tritt auf die Bremse.
Selbst wo es nicht um Technik geht, wird solches Vokabular gebraucht: Partner finden keinen Draht zueinander, zwischen ihnen herrscht Funkstille; jemand hat Filmriss, wird gestoppt, seine Batterie ist runter, er muss auftanken, seine Erwartungen zurückschrauben. Das verleiht der Sprache etwas Unmenschliches, »Entseelendes«.
Christoph Kuhn
Hallo und tschüssi
Ich bin so erzogen, Freunde der Eltern, Bekannte, mit Nennung ihres Namens und je nach Tageszeit zu grüßen: Guten Morgen, guten Abend; auf Wiedersehen, Herr oder Frau XY. Diese verkürzten Höflichkeitsformeln von: »Ich wünsche einen guten Morgen, Tag, Abend!«, wurden damals bereits oft zu »Morgen!«, »Moin!«, »Tag!«, »Tachchen!«, »n’Abend!« und »Wiedersehn!« weiter reduziert.
In der Schule übt man noch die längeren Formeln. (Und wenn mich vor Lesungen Grundschüler im Chor begrüßen: »Guten Morgen, Herr Kuhn!«, muss ich an meine Schulzeit denken, wo es nur »Seid bereit!« »Immer bereit!« und »Freundschaft« hieß.) Sonst scheinen sie nur noch bei würdigen, offiziellen Anlässen üblich zu sein, denn immer öfter ertönt das zwar freundliche, aber als Gruß eigentlich sinnfreie »Hallo!«.
Was drückt es aus? Ursprünglich der Zuruf an den Fährmann »hol über!« oder der Anruf, wenn die Verbindung schlecht ist ein Ruf, auf sich aufmerksam zu machen. Auch bei Empörung: »Aber hallo, was ist das denn!« oder bei Erstaunen: »War das ein Hallo!«, ein Auftritt mit großem, lautem Hallo. Soll die Beschränkung auf zwei Silben (oder gar auf nur eine: »Hi!«) Zeit sparen? Dann verwundert andererseits das ebenso übliche viersilbige pathetische »Ich grüße Sie!«, worin sich nur der Vorgang ausdrückt, kein Inhalt, kein Wunsch. Das gilt auch für »Sei mir gegrüßt!« Aber ist Kritik angebracht? Womöglich ist »Grüß dich!« die Kurzform von »Es grüß dich Gott!«, also »Grüß Gott!«. Damit könnten wenigstens gläubige Menschen etwas anfangen, und der Gruß beschränkte sich nicht nur auf den deutschsprachigen Süden.
Mehr Sinn liegt in Abschiedsgrüßen: »Auf Wiedersehen« wünsche ich manchmal auch, wenn es unwahrscheinlich, sogar unangebracht ist sich wiederzusehen. Oft wird mir mit »tschüss« geantwortet, »tschüssi« oder »tschüssing«. In der Gesellschaft nimmt eine kaum einlösbare Vertraulichkeit zu, eine Innigkeit, die sich auch in den Begrüßungs- und Abschiedsumarmungen einander relativ fremder Menschen zeigt.
»Schön Tag noch!« ist inflationär, doch immerhin ein Wunsch. Er erinnert mich an meine Großmutter, die beim Verlassen eines Ladens »Guten Tag« sagte, was heute befremdlich klänge. Dafür heißt es »schönen Feierabend«, »schönes Wochenende«.
Sag zum Abschied leise »servus«, oder »ciao«, »ahoi«, »behüt’ dich Gott!«, »mach’s gut«, »gehab dich wohl«; nicht »Ich wünsch dir was!« Was denn? wäre die passende Antwort. »Tschüss« steht noch nicht in meinem Duden von 1957. Es kommt von adieu! (zu Gott, Gott befohlen) und passt hierher. »Hallo« kommt mir selbst oft genug über die Lippen; »hallöchen« versuche ich zu vermeiden wie »tschüssi«.
Ihr Christoph Kuhn
Achte auf deine Worte
Leserinnen und Leser dieser Zeitung werden sich womöglich fragen, warum auch noch an dieser Stelle Betrachtungen zur Sprache stehen sollen, gibt es doch über unser Deutsch schon so viele kluge und witzige Kolumnen und Bücher eins zum Tod des Genitivs stand sogar lange auf der Bestseller-Liste.
Auch an Mahnungen fehlt es nicht: Der Wortschatz von Kindern würde immer kleiner, weil die Gesprächszeit in den Familien sich immer mehr verringere, wie auch die (Vor-)Lesezeit kürzer werde gegenüber der Verweildauer an Fernsehgeräten und Computern. Diese zunehmende äußere Bilderwelt ließe die innere verarmen, verhindere die Entwicklung der Fantasie. Fantasie jedoch sei die Voraussetzung für Empathie und Empathie wiederum unerlässlich für Solidarität, Zivilcourage. So droht Isolation im Gemeinwesen. Gefahr ist im Verzug!
Der Wert der Muttersprache ist wohl unbestritten, nicht oft genug kann über sie nachgedacht und gesprochen werden. Allerdings wandelt sie sich ständig; man hört es, schaut man wie Luther, dem Volk aufs Maul oder sieht es an ihrem schriftlichen Gebrauch (am Stil und an der Rechtschreibung von Briefen, Büchern, Printmedien). Und die Blickwinkel auf diesen Wandel sind unterschiedlich.
Zeitlos aber sind die von Konfuzius überlieferten Sätze: »Stimmen die Namen und Begriffe nicht, so ist die Sprache konfus. Ist die Sprache konfus, so entstehen Unordnung und Misserfolg. Gibt es Unordnung und Misserfolg, so geraten Anstand und gute Sitten in Verfall. Sind Anstand und gute Sitten infrage gestellt, so gibt es keine gerechten Strafen mehr. Gibt es keine gerechten Strafen mehr, so weiß das Volk nicht, was es tun und was es lassen soll. Darum muss der Edle die Begriffe und Namen korrekt benutzen und auch richtig danach handeln können. Er geht mit seinen Worten niemals leichtfertig um.«
Der Talmud sieht eine ähnlich zwingende Logik: »Achte auf deine Gefühle, denn sie werden Gedanken. Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf deine Worte, denn sie werden Taten. Achte auf deine Taten, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter. Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.« Und laut Matthäus-Evangelium sagt Jesus in der Bergpredigt: »Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.« Vorher heißt es, man solle nicht schwören. Eine klare Frage verlangt eine klare Antwort, ein »Ja« oder »Nein«; eine wortreiche Begründung macht eine Aussage meistens nicht einleuchtender; Beschwörungen verstärken die Wahrheit nicht und entlarven eher eine Lüge.
Christoph Kuhn






