Schorlemmers Blick



Der Wittenberger Theologe und Publizist Friedrich Schorlemmer schreibt regelmäßig für unsere Kirchenzeitung – hier eine Auswahl seiner Beiträge, die auf dieser Seite regelmäßig »aufgefrischt« werden.

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schorlemmerStille Nacht und Zweiglein der Hoffnung

Das unvorteilhafte Konterfei der heute Mächtigen auf der Titelseite des »Spiegel« aus der vorigen Woche ansehend, sodann deren ­diplomatisch unfrisierte Charakterurteile lesend, lassen mich schon nach anderen Figuren – nein: nach Führungspersönlichkeiten! – suchen. Was da steht, ist nicht schmeichelhaft, aber doch nicht unwahr, wenngleich das nicht alles über diese Staatenlenker sagt.

In eine Sensationen haschende, alles entblößende Wikileak-Welt platzt weihnachtlich – alle Jahre wieder – die große prophetische Vision von der Herrschaft eines (unschuldigen) Kindes, einem Wunder-Rat-Gott-Held-Friede-Fürst. Denen, die im Finstern wohnen, scheint ein großes Licht. Herrschaft drückt nicht auf unsern Schultern, sondern ruht auf Seinen. Große messianische Herrschaftserwartung – eine Herrschaft der ganz anderen Art. Lasst sie nie weg, lest sie gut vor in der Heiligen Nacht und zu Weihnachten! Dahin sind wir unterwegs, wenn wir mit unserem Erlöser unterwegs bleiben zu einem Land, »da Fried und Freude lacht«. Jedenfalls sind wir gut beraten, wenn wir dies Fest nicht ­individualisieren, es nicht zeit-geist-wellnesshaft oder event-­besessen verkommen lassen, wohl aber eine erwärmende, ermutigende, ermunternde Botschaft zu Worte, in rührende und berührende Töne kommen zu lassen.

Keineswegs den sogenannten Weihnachtschristen eine deftige Gesellschaftskritik überhelfen, son­dern ein Licht der Hoffnung aufstecken. Der Seelenfrieden und der Weltfrieden stimmen im Geburtsfest zusammen, wo es stille Nacht mitten im kalten Winter wird, wo ein Zweiglein der Hoffnung aus der Wurzel eines abgehauenen Baumes springt.

Also nicht in den »spiegel«, sondern in die Krippe schauen … und im Innersten etwas erfahren von ­jener Verzückung der Hirten, denen der Himmel aufgegangen und der Friede auf Erden verheißen worden ist.
Der verhüllte Himmel enthüllt etwas, wovor niemand Angst zu haben braucht. Fürchtet Euch nicht; nicht einmal vor der Wahrheit.

Friedrich Schorlemmer

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schorlemmerPflichtjahr für alle!

Wenn die Wehrpflicht wegfällt, fällt doch nicht die Aufgabe weg, dass junge Menschen ein Jahr lang an den Brennpunkten des Lebens tätig werden. In einem sozialen oder ökologischen Pflichtjahr, wo eben 18-jährige Jungen und Mädchen aus allen gesellschaftlichen Schichten tätig sind und täglich eingreifend erfahren, wie schwer Leben sein kann, wie hilfsbedürftig andere sind, wie gut es tut, helfen zu können. Lebens- und Sinnerfahrung werden dabei unter einfachen und durchaus schweren Bedingungen gemacht. Aber das kann befriedigen, den Blick weiten für das, was Leben ist.

Viele junge Leute machen das (auch auf dem Wege zur ihrer Selbstfindung) schon heute so erfreulich-freiwillig. Wir werden an den nationalen und weltweiten Brennpunkten junge Leute brauchen, die selber erfahren, wie es denen geht, die unten sind und sich einsetzen. Die Welt muss nicht bleiben, wie sie ist. Sie kann verändert werden – durch Einzelne!

Schließlich wurde im Zusammenhang mit der Friedensdekade und dem Symbol »Schwerter zu Pflugscharen« der Gedanke zum sozialen Friedensdienst (SoFD) in der DDR entwickelt. Sollten nicht unsere Kirchengemeinden, die ihre Gemeindediakonie überhaupt wieder neu aufbauen sollten, nicht gute Gastgeber und Probierorte für gelingendes Zusammenleben sein können?

Dazu gehört auch eine intensive, fächerübergreifende Friedenskunde und Friedenserziehung in unseren Schulen. Die nächste Generation muss darauf vorbereitet sein, dass nur gerechter Friede, soziale Gerechtigkeit und nachhaltige Nutzung der Natur eine lebenswerte Zukunft ermöglichen. Dazu gehört sicher auch das Einüben eines selbstkontrollierten, also freien Umgangs mit Medien, deren Chancen und Gefahren.

Die Aufgabe unserer Kirchen, im Sinne Jesu Christi für den Frieden der Welt einzutreten kommt flankierend hinzu, wo sie darauf besteht, dass wir Kriterien für einen gerechten Frieden nicht nur entwickeln, sondern auch im Rahmen der UN-Charta praktizieren. Kein Militäreinsatz, nirgends auf der Welt, zur Sicherung »unserer Ressourcen«, sondern geregelte und sparsame Nutzung der Ressourcen überall auf der Welt und für ­jeden auf der Welt! Sollte das eine Utopie bleiben, so wird Leben zur Utopie werden.

Friedrich Schorlemmer

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schorlemmerPreis zur richtigen Zeit

Die Wahl des Journalisten Dimitrij Muratows stellvertretend für die gesamte Redaktion der »Nowaja Gazeta« als Preisträger des »Unerschrockenen Wortes« der ­Lutherstädte ist eine treffliche Wiedergutmachung für die sogenannte Luther-Botschafter-Aktion »Hier stehe ich!« mit der Parade von 800 geklonten, verzwergten Kunststofffiguren. Denn beim unerschrockenen Wort ging es bei Luther ums Leben, ums aufrechte Leben oder nicht Leben. Die »Nowaja Gaseta« und ihr Chefredakteur erfüllen mutig das Erbe, das Vermächtnis der ermordeten Anna Politkowskaja: Nichts als die ungeschminkte Wahrheit, gegen offizielle Lügen und die legitimierten Verbrechen in Jelzins und Putins Krieg in Tschetschenien ohne je die grausige Vergeltung von tschetschenischen Terroristen kleinzureden.

Aber sowohl der ermordete Achmat Abdulchamidowitsch Kadyrow als auch sein Sohn Ramsan sind als Moskaus Statthalter in Tschetschenien strukturell vergleichbar mit Diktatoren wie Kim Jong Il und seinem Sohn Kim Jong Un in Nordkorea oder Joseph Kabila und seinem Vater Laurent-Désiré im Kongo.

In Russland riskieren kritische Journalisten täglich nicht nur Leib und Leben, sondern auch die Verschleierung, die Unauffindbarkeit der Täter wie im Falle der beiden ermordeten Journalisten der »Nowaja Gaseta«, Anna Politkowskaja und Juri Schtschekotschichin.

Es ehrt die Lutherstädte, dass sie aktuell Bedrohte ehren, die nichts weiter wollen, als die Wahrheit zu sagen. Hoffen wir nur, dass es den Betroffenen nutzt. Für uns hier ist die Wahl kein Mut, aber eine sehr gute Wahl. Und sie kann und soll Mut machen. Wie der Nobelpreis einst für Sacharow und Pasternak oder für die burmesische Menschenrechtlerin San Sun Kyi, die in Not waren.

In actu also, nicht nachträglich, weder postum noch nach dem Erfolg wird dieser Preis der Lutherstädte verliehen, sondern mitten im Leben. Ein Preis bei vollem Risiko! Ganz in Luthers frühem kämpferischen Geiste: Man solle die Wahrheit der Obrigkeit nicht schuldig bleiben aber ohne Gewalt, ohne Angst, der Leib könnte Schaden nehmen oder der Brotkorb könnte höher gehängt werden.

Muratow möge der Preis nutzen, so fröhlich wie unerschrocken weiterzumachen.

Friedrich Schorlemmer

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schorlemmerVon Freiheit und Mut

Das richtige Wort zur richtigen Zeit

Seid klug wie die Schlangen, ohne Falsch wie die Tauben« hatte Jesus damit schon Politik und Politiker im Blick? Wohl kaum.

Aber weise und politisch relevant, zugleich gefährlich in Richtung naiver Radikalität beziehungsweise feigem Opportunismus ist das schon. In einem freien Lande zu leben, ist ein Glück. Da muss im Prinzip alles sagbar bleiben, aber man muss nicht immer alles sagen. Es ist gut und richtig, die Presse- und Meinungsfreiheit zu verteidigen und sich hinter alle zu stellen, die ihretwegen in (Lebens-)Gefahr kommen.

Kurt Westergaard, der dänische Karikaturenzeichner, bekam zu Recht einen Medienpreis. Joachim Gauck hielt dem an Leib und Leben seit 2005 gefährdeten Künstler eine beeindruckende Rede. (Allerdings wäre es gut gewesen, im Blick zu behalten, wes Geistes Jyllands-Posten ist.) Musste aber die Kanzlerin dort von »der Kraft der Freiheit« sprechen, die wir selbstbewusst zu verteidigen hätten? Ich meine, ihre Anwesenheit hätte symbolisch gereicht. Jeder Politiker muss zwischen Absicht und Wirkung also konkret zwischen demonstrativem Zeichen und deren möglicher Auslösekraft für gewalttätige Demonstrationen entscheiden.

Abwägungen sind nicht Ausdruck von Feigheit, sondern von Klugheit, zumal so nahe am 11. September, der sowieso wieder diverse Emotionen aufriss und wo noch zeitgleich eine öffentliche Koranverbrennung mit gigantischem Medienecho geplant war. Durch einen Pfarrer.

In der freien Welt kann man solches Zündeln nicht verbieten. Unter Bedingungen der Unfreiheit gehört persönlicher Mut dazu, sich die Freiheit des Wortes zu nehmen aber auch persönliche Abwägung, was man wann, wie, wem, warum sagt. Denn da muss jeder alle Risiken seines Tuns selber zu tragen bereit sein. In der Freiheit sein Wort zu erheben, ist kein Mut, eher eine Pflicht, sie beständig wahrzunehmen, wachsam zu verteidigen und sich die Freiheit des Wortes zu nehmen, wo sie vorenthalten wird.

Angela Merkel war mit freien Meinungsäußerungen zu DDR-Zeiten eher sehr zurückhaltend. Das verstehe ich. Mut wäre es allerdings gewesen, vor dem 9. November 1989 auf einer Akademie-Versammlung etwas zu politischer Strafjustiz oder Zensur zu sagen. Jetzt von der »Kraft der geschenkten Freiheit« zu sprechen, ist gut und richtig, aber nicht mutig.

Schließlich wurde sie nicht einfach geschenkt, sondern erkämpft auch durch geduldig abwägende Politik. Es ist müßig, die Welt zwischen Mutigen und Klugen zu scheiden beziehungsweise zwischen unbestechlichen Mutigen und diplomatischen Leisetretern zu unterscheiden. Unser Weg zur Einheit in Freiheit wurde von vielen auf vielen Wegen in vielen Schritten dramatischen und sehr abgewogenen! gepflastert.

Friedrich Schorlemmer
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schorlemmerRegen bringt Segen


Reden über das Wetter

Sonne, Sonne. Immerfort »schönes Wetter«. Wirklich? Es bleibt hochsommerlich warm, vermelden die Wettervorhersagen. 37 Grad. »Keine Angst, es bleibt schön sommerlich.« Keine Angst? Das ist ganz vom sonnensüchtigen Menschen her gedacht, nicht von den Bäumen und Sträuchern, den Tieren und den Nutzpflanzen her. Die Maisblätter rollen sich ein, die ­Rüben verdorren. Freilich, es gibt Mistwetter: kalt, regnerisch, windig – und das im Juni, ausgerechnet in »meinem Urlaub«. Doch Regen ist goldwert – zuzeiten immer geringer werdender Niederschläge hierzulande. Immer mehr Extreme: zwischen alles verdörrender Hitze und nassen Unwettern. Über das lang anhaltende Hoch freuen sich Urlauber. Fröhlich reden davon die Wetterfrosch-Firmen im Fernsehen, als ob nicht Regen auch nötig sei, die nicht die Ernte verdürbe, Bäume und Sträucher erstürben.

Sollten wir nicht unsere Schlechtwetter-Redensarten grundlegend verändern und uns vielmehr freu­en, wo das Auf und Ab von Hoch und Tief, warmen und kälteren, trockenen und regnerischen, windstillen und stürmischen Zeiten einander lebensdienlich abwechseln?

Das Hoch im Leben wird doch dadurch schön, dass es auch ein Tief gibt. Das Hoch kann flach und langweilig werden, das Tief düster und dramatisch. Wer im Hoch nicht das Vorübergehende des Glücks mitdenkt und mitfühlt, fällt alsbald tief.

Regen bringt Segen, Sonne lässt erblühen, Wolken machen den auf Dauer langweiligen blauen Himmel einfach schön. Ja, die liebe Sonne kann so unbarmherzig brennen, alles Leben ausbrennen und doch ist es die liebe Sonne, die es jeden Tag wieder hell werden und das Leben gedeihen lässt.

Die Lebenskreisläufe müssen stimmen. Lies, lies Psalm 104!

Friedrich Schorlemmer
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schorlemmerDer Tag, an dem die D-Mark kam

Am 1. Juli vor 20 Jahren trat die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der »noch«-DDR in Kraft. Die harte D-Mark löste die Mark der DDR ab.

Ein zuerst in Leipzig gezeigtes Demo-Plakat hat via West-Fernsehen Geschichte geschrieben: »Kommt die D-Mark bleiben wir, kommt sie nicht geh’n wir zu ihr!« War dies nun eine Einzelmeinung oder spiegelte das eine millionenfache Sehnsucht, verbunden mit der Drohung, den Westen mit Massenübersiedlung zu überfluten? DDR-Bürger waren ja Deutsche, konnten nicht abgewiesen werden und die Aufnahmelager waren bereits überfüllt.

Wie dem auch sei, damit wurde Politik gemacht. Ihr kriegt das Geld und das sehr bald, wenn ihr nur die wählt, die den Schlüssel zur Kasse haben. Deutsche Einheit durch Deutsche Mark unter Führung von Helmut Kohl. Für viele Ostbürger war die DM geradezu die Währung der Freiheit, ehe sie begriffen, dass das auch eine harte Währung war.

Ein Schock für die meisten DDR-Betriebe war aufgrund des technischen Rückstandes mit 50 Prozent geringerer Arbeitsproduktivität und der Attraktion von Westwaren unvermeidlich. Und den Ostdeutschen war es kaum zu verdenken, dass sie nunmehr fürs gute Geld gute (West-)Produkte kaufen wollten, ohne sich klar zu machen, dass sie damit den Ast absägten, auf dem sie selber saßen.

Westdeutsche Politiker wussten kaum, dass die DM längst keine Währung, sondern ein Fetisch geworden war. Wie privilegiert war gewesen, wer vorher schon über »richtiges Geld« verfügen konnte! Die Frage »Forum geht es?« erledigte sich, sowie die Alu-Chips geschreddert und Marx-, Engels- und Müntzerkopf gegen die stolzeste Währung der Welt ausgetauscht worden waren. War es nicht auch demütigend gewesen, dass die »Mark der Deutschen Notenbank« (MDN) und später die »Mark der Deutschen Demokratischen Republik« nicht frei konvertierbar war und mancher im Urlaub in Bulgarien oder Ungarn zu spüren bekam, welche Deutschen dort willkommen geheißen wurden, wer wo Zuritt hatte?

Andererseits hatte man mit den verächtlich gemachten »Aluchips« im Subventionsstaat ohne Arbeitsproduktivität doch ganz gut leben können. Es sollte für viele hart werden. Viele andere machten ihren Schnitt. Bis heute ist nicht klar, wie viele äußerst günstig spekuliert hatten. Erst ein zu vier West gegen Ost umgetauscht und nach dem 1. Juli 1990 dann zwei zu eins zurückgetauscht. Schnäppchenjägerkolonnen ritten als Einheitshelfer ein.

Alles in allem: Der eigentliche Einheitstag ist der 1. Juli 1990. Wir bekamen endlich die harte Währung, konnten uns Ersehntes selber kaufen, in die ganze Welt reisen

Zugleich wurde es für manchen sehr hart, weil nun jeder zusehen musste, wie er durchkommt. Die allgegenwärtige Amme DDR-Staat war verschwunden. Freiheit hatte ihren Preis, nachdem ihr Gewinn so gefeiert werden konnte. Wir hatten nicht nur anderes Geld, sondern mussten es von heute auf morgen verdienen unter erbarmungslos wirkenden Bedingungen des freien Wettbewerbs.
Manche meinten, sie könnten weiter so arbeiten wie in der DDR und so verdienen wie in der Bundesrepublik. Die DDR war auch daran gescheitert, dass sie mehr ausgab als sie hatte. (GDR = Griechische Deutsche Republik?)

Die Mark bedurfte des Marktes, während die Ost-Mark eine politische Währung gewesen war. Alle fanden in der DDR einen Arbeitsplatz wenngleich auch oft nur Beschäftigung-, alleinerziehende Mütter mit Kindern behielten einen sicheren Arbeitsplatz, Mieten waren für jedermann bezahlbar, niemand musste wirklich hungern. Aber: Das billige Brot wurde verfüttert, die Häuser verfielen, Energie wurde in einem energiearmen Land verschleudert. So ging es nicht weiter. Wir produzierten und lebten auf Kosten der Zukunft. Letzteres machen wir seit 20 Jahren weiter, nur viel effizienter.

Mit dem Geldwechsel haben wir vor 20 Jahren einen mit Hoffnungen verknüpften Systemwechsel vollzogen. In die DDR will kaum einer zurück, trotz mancher Verklärung. Doch dieses neue System ist jetzt in einer tiefen Krise. So findige wie gewissenlos-gierige Spekulanten können ganze Volkswirtschaften ruinieren und die Weltwirtschaft in eine bedrohliche Krise führen. Die öffentliche Hand zahlt für horrende Verluste, weil das System selbst zur Debatte steht. Das Kartenhaus der virtuellen Finanzwelt würde bei einem Crash auf die reale Welt zurückschlagen und alles zusammenbrechen lassen. Der damalige Sozialstaat war nicht mehr bezahlbar, der heutige gibt sich schrittweise neoliberal auf und verschärft die Umverteilung. Die Angst sitzt jeden Tag mit am Tisch, inzwischen bereits in der Mittelschicht.

In der demokratischen Freiheitsbewegung der DDR haben wir eine indianische Weisheit verbreitet: »Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, dann werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann.«
Geld muss ein Mittel bleiben und darf kein Selbstzweck werden. Wenn wir Christen für diese Welt noch zu irgendetwas taugen sollten, mögen wir zu denen gehören, die die Konsequenz aus der Erkenntnis ziehen, dass ein Mittel nicht zu einem Ziel werden darf und also Verfügung über Zahlungsmittel noch keine Sinnstiftung ist.

Martin Luther schrieb im großen Katechismus: »Es mag sein, dass man gleich jetzt stolze, gewaltige und reiche Wänste findet, die auf ihren Mammon trotzen, ohne darnach zu fragen, ob Gott zürne oder lache, als könnten sie sich wohl trauen, seinen Zorn auszuhalten
Es ist mancher der meint, er habe Gott und alles zur Genüge, wenn er Geld und Gut hat; er verlässt sich darauf und brüstet sich damit so steif und sicher, dass er auf niemand etwas gibt. Sieh, ein solcher hat auch einen Gott: der heißt Mammon; darauf setzt er sein ganzes Herz. Das ist ja auch der allgemeinste Abgott auf Erden.«

Wir können wissen, wohin der alles bestimmende Gott Mammon führt, aber wissen kaum noch, wie wir der Verselbstständigung der regellos global agierenden Finanzwelt so widerstehen können, dass die Welt nicht in den Orkus fährt, wenn die Spekulanten in ihn fahren.

Friedrich Schorlemmer

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schorlemmerTod dem Handyismus!

Ein Gespenst klingelt um die Welt, das Gespenst des Handyismus. Allüberall dingelt er, der Wichtigtuter. Das Handy ist das Schreiprodukt der Einsamkeit in einer Welt virtueller Kommunikation. Am Nachbartisch im Restaurant, im Wald, vor allem aber im Zug. Wenn sie dort die Zeit zum Lesen nutzen oder still die Landschaft genießen wollen, werden sie vielleicht verstehen, dass ich aus einem friedlichen Leser zu einem unberechenbaren, mit Wutstau aufgeladenem Gewalttäter werden könnte angesichts der endlosen unfreiwilligen Teilhabe an der durchdringenden Banalität oder Intimität der nicht abstellbaren Auslassungen von Mitreisenden am Handy. In den nächsten Waggon flüchten? Sinnlos. Den Lautquatscher ansprechen? Meist sinnlos; du bist zu aufgeladen und der Angesprochene wird frech. Die Ohren mit Musik zustöpseln? Sinnlos; das dringt durch und durch.

Unentwegt brüllt es vor dir, hinter dir, neben dir, am Gang gegenüber. Chefs geben Weisungen. Muttis erkundigen sich nach dem Schnupfen. Und immer wieder die wichtige Mitteilung: »Ich sitze im Zuge. Bald fährt er in Leipzig ein. Hier regnet es nicht. Wie ist es bei Euch?« Unendlich lang erscheint dir das Gerede. Ungerührt und schamlos macht der Handyist dich zum Zeugen seines geistlos-endlosen Gequatsches. Du willst kein Voyeur sein, wirst es aber. Sollst du es dir verbitten, Aufsehen erregen, eine patzige Antwort riskieren? »Wie bitte? Ich verstehe Sie nicht!« Also frisst du lieber deinen Ärger in dich hinein und erduldest alles, fühlst Wut in dir aufsteigen. Wir brauchen extra ausgewiesene Handy-Waggons.

Denke ja nicht, dass du dich im Konzertsaal ganz der Musik hingeben könntest: Mitten im Adagio du wagest dich kaum zu rühren oder gar zu hüsteln da ruft dich ein »Klingeling« aus der ersten Reihe in die Wirklichkeit zurück. Hastig tätschelt der elegante Herr an seinem Nadelstreifenanzug, findet das Knöpfchen nicht, stürzt aus dem Saal, als ob er ein heißes Eisen in Händen hielte. Mit dem Adagio ist es endgültig zu Ende. Du sitzt auf dem Flughafen, du gehst im Park spazieren oder liegst am Strand: Dein Über-Nächster lässt dich nicht in Ruhe, weil ihm sein Handy das Nächste ist. Es verleiht gar die Illusion von Gottgleichheit Omnipräsenz und Ubiquität.

Selbst Kirchtürme dienen als Sendemasten. Der Kommunismus ist tot. Nun wird es Zeit für einen neuen weltumspannenden Schlachtruf: »Tod dem Handyismus! Ein Gespenst ruft um die Welt! Mithörer aller Länder! Vereinigt Euch!«. Eine Initiative von UN, Bundestag und Telekom, im Bündnis mit BND, FSB, CIA und MOSSAD, von BDI, DGB, EKD und ADAC, ARD und ZDF mit Heiligem Stuhl können weltweit den überfälligen innovativen Ruck geben, der Ruhe schafft. Es lebe die handy-freie Welt!
(Im Ernst: Schreiben Sie an die Deutsche Bahn: »Zwei Drittel handyfreie Waggons!«)

Friedrich Schorlemmer
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schorlemmerVerständlich, aber nicht verzeihlich?

Nicht bloß Margot Käßmann, sondern auch die Ratsvorsitzende der EKD ist angetrunken Auto gefahren. So sind die Regeln für Leute ihres Amtes. Ihr zügiger Schritt, nun alle Ämter niederzulegen, war richtig. Es war ein Akt der Freiheit und der Geradheit. Ihre Verfehlung ist nicht relativierbar, selbst wenn ihr Verhalten in jenem Moment jenes Abends erklärbar ist. Der Alkohol, den Luther den »Saufteufel« nennt, kommt zunächst entspannend daher, bis er selbstüberschätzend ein wenig übermütig macht. Da braucht’s resolute Freunde, die sagen: Komm, jetzt fährst du nicht mehr Auto. Wenn du erwischt wirst, wird nicht ein normaler Mensch erwischt. Du kannst dir nicht das leisten, was ­andere sich vielleicht leisten können und dafür nur eine »normale« Strafe bekommen.«

Diese Bischöfin hatte sich selbst gerade nicht als Untadelige stilisiert, sondern als Mensch »Mitten im Leben.« Aber viel, zu viel wurde auf sie projiziert. Der Verlust dieser Ratsvorsitzenden nach nur vier Monaten ist herb. Es stimmt nicht, dass jeder ersetzbar ist. Jeder ist einmalig. Mancher ist noch einmaliger als andere. Margot Käßmann gehört zu diesen. Sie ist ramponiert, sie hat sich ramponiert. Ihre Autorität ist durch eine Beschädigung ihrer Integrität nur noch eingeschränkt vorhanden. Aber sie auf diesen Punkt zu reduzieren oder alles fernerhin darauf zu fokussieren wäre gänzlich maßlos.

Doch Hämekübel standen bereit. Genüsslich schmiss »Dirty Harry« sich im Talar auf sie, als ob es da noch etwas zu lachen gäbe. Andere Medien selbst BILD und SPIEGEL blieben fair. Aber dicke Finger des empörten Klein-Manns sind längst ausgestreckt, spitze Federn moralloser Zyniker im Namen der Moral waren gezückt. Sie hätte das nicht ausgehalten. Sie ist so stark wie sie sensibel ist. Sie war der Freiheit ­ihres Redens beraubt. Sie wäre auf eine gespaltene Kirche und Öffentlichkeit gestoßen, selbst wenn viele zu ihr gestanden hätten. Ihre Reue hätte nicht gereicht; die Richtwelt ist gnadenlos.

Margot Käßmann hat souverän entschieden nach einem kurzen nächtlichen Moment, in dem sie über sonstige Souveränität nicht verfügt hatte. Ihr Fehlverhalten passte nicht zu ihr. Ihr Rücktritt passt zu ihr. Die Form ihrer Erklärung auch.

Als Pfarrerin bleibt sie uns er­halten, wiewohl der Radius für ihr Charisma erheblich eingeschränkt ist. »Höheres« als Pfarrer zu sein, gibt es in unserer Kirche nicht, wiewohl es gut tut, solche ­öffentlichen Repräsentanten mit soviel Wärme, Offenheit, Mut, ­Klarheit, Bodenständigkeit, Profil mit Vermittlungsfähigkeit, theologischer Einfachheit ohne Verflachung zu haben. Diese Lücke ist schwer zu schließen. Ihr Abgang schmerzt. Dan­ke für diese 120 Tage! »Fall hin und her, verzweifle nur nicht und steh wieder auf!« (Luther)

Friedrich Schorlemmer

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schorlemmerDie Zwerge kommen!

Seit Silvester gibt es in Wittenberg Streit um Zwerge, um nicht zu sagen zwischen Zwergen. Wie es heißt, soll aus hochwertigem Kunststoff eine noch nicht genau festgelegte Anzahl von ein Meter hohen Lutherfiguren in den Farben schwarz, fürstenrot, dunkelblau und dunkelgrün zur Erlebnisnacht aufgestellt und möglichst aufgekauft werden, weil die Denkmale abgebaut und restauriert werden. Luther- und Melanchthon-Zwerge sollen bei Abwesenheit der Denkmale die Stadt beleben. Initiator Prölat Dorgerloh betont, die Luther-Zwerge sollen in alle Welt gehen und an ihren Bestimmungsorten an Wittenberg erinnern. Für 250 Euro. Parallel zur Installation auf dem Markt würden abendliche Stadtgespräche über Luther, Lutherverehrung und Wittenbergs Weg in Richtung 2017 geführt werden. Was zunächst als Silvesterscherz klang, ist ernst gemeint. Der konsequente Weg vom Kick zum Kicki!

Um nicht als jemand zu gelten, der “immer gleich eine Idee zerredet”, aber aussprechen will, was sprachlos macht, sage ich: “Wenn schon, denn schon.” Die Idee vervollkommnen und Luther selbst zum Sprechen bringen. Da dieser Gummi-Luther nichts im Kopf hat, aber “eine Botschaft in die Welt tragen soll”, bekommen alle einen Schädelschlitz: “Wenn das Geld im Köpfchen klingt, Luther aus dem Zwerglein springt.” Wenn man 50 Cent reintut, predigt er gegen die Vogelfänger. Wirft man einen Euro hinein, so liest er einen Liebesbrief an Herrn Käthe. Für zwei Euro wütet er gegen Papst, Juden und Türken. Für zehn Euro hört man ein Gleichnis, in dem es am Schluss heißt: “Wer hat, dem wird gegeben. Und wer nicht hat, dem wird auch noch genommen, was er hat.” Wer 50 Euro zu berappen bereit ist, für den singt Luther Ein feste Burg ist unser Schrott. Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren. Die Zwerg sie sollen lassen stahn und kein Dank dazu haben. Die Plaste steht mit auf dem Plan “Kehrt um, kehrt um”, der Bimbam geht rum! (Als Stimmimitator Gerhard Polt.)

Hauptsache ins Gespräch kommen und sei’s ins Gerede. Witzig. Aktionskünstler Härl hat einschlägige Erfahrung: Gartenzwerge mit Hitler-Gruß. Nur so, als Provokation, höre ich. Da böte sich ein Lutherunikat mit Gesichtszügen des Reichsbischofs von 1933 vor der Rathaustür an, mit in’ Himmel gerecktem Arm. Das löst sicher Gespräche über Luthertum und düstere Herrschaftsnähe aus.
Heut nur Marketing-Nähe! Nicht so schlimm, aber so peinlich. O du armer Luther! Zerrieben zwischen heroisierendem Kult, generalisierender Schmähung und verrummelter Vermarktung! Ich red als einer, der Luther (trotz allem) hoch schätzt und hochschätzt. Ihm gerecht werden! Weder hochschießen, noch runterstoßen. Du “alter stinkender Madensack”, du frommer, mutiger, begnadeter Sprachkünstler, du anrührender Beter, du maßlos Schimpfender, du aufrüttelnder Prediger und getrösteter Bettler.

Friedrich Schorlemmer
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schorlemmerDer Rede wert

Ganz schön heftig begann das neue Jahrzehnt (nach zehn verlorenen Jahren, wie selbst der “Spiegel” nun einräumte). Mit einer Predigt in der aus den Trümmern des grausigen Zweiten Weltkrieges wiedererstandenen Frauenkirche, die der Rede wert war und die zugleich so in Häppchen zerhackt wurde, dass der Gedankenzusammenhang zerstört war. Die Ratsvorsitzende sprach Klartext gegen alle politpublizistischen Beschönigungen, gegen Schönredner auf Weißwäscherkongressen, gegen falsche Propheten (sie rufen Friede! Friede!, und ist doch nicht Friede. Jeremia 6,14), die stets die amtliche Tünche vergießen. Es wird Krieg geführt. In uneingeschränkter Solidarität. Er dauert bereits neun Jahre. Sein Ziel ist so unklar wie irreal und wird gänzlich verfehlt, solange man das Land nicht versteht und vorrangig auf militärische Mittel setzt, solange man zivile Opfer als leider unvermeidliche “Kollateralschäden” abtut, was den bekämpften Terror aus Verzweiflung, Hass und Verblendung nur weiter anfeuert.

Gegen eine Probleme wegschiebende, so banale wie geläufige Redensart in der Gut-drauf-Gesellschaft hatte die Bischöfin gesagt “nichts ist gut”: in Bezug auf Weltklima, auf Afghanistan, (Welt-)Armut, zerstörerischen Leistungsdruck. Auf empörte Arroganz der Verwalter des Faktischen ist sie getroffen. Bei den Experten hätte sie sich kundig machen sollen. Wer ist das außer denen, die sich dafür halten und abweichende Stimmen gar verhöhnen zu dürfen meinen?

Dabei hat sie nur den Nerv getroffen und eine längst fällige öffentliche Debatte angestoßen. Auch über verantwortliche militärische Abzugstrategien und über neue Wege zu einem gerechten Frieden. Menschliche und geistliche Fürsorge für die dorthin entsandten deutschen Soldaten steht gewiss außer Frage. Doch wer glaubhaft trösten will, darf nicht über Bedrängendes hinweggehen oder hinwegsehen, sondern stellt sich dem: widersprechend und widerstehend, hoffend und weiterführend. Im Geiste des Bergpredigers. Im Sinne der Jahreslosung. Das hat sie getan, diese “Naive”. Die Einladung, sich nun im Felde das richtige Bild machen zu sollen, sollte sie freilich nicht annehmen; sie ist vergiftet. Was sie danach auch sagen würde: Man wird sie schelten.

Friedrich Schorlemmer

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