»An Bach lernen, was gut ist«

28. August 2016 von redaktionguh  
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Für unser vorletztes Sommer­interview traf Michael von Hintzenstern den führenden Bachkenner unserer Zeit, Professor Helmuth Rilling, am Rande der 3. Weimarer Bachkantaten-Akademie.

Intensivkurs für Musiker und Publikum gleichermaßen: Helmuth Rilling bei einem seiner Gesprächskonzerte in der Weimarer Herderkirche. Fotos: Maik Schuck

Intensivkurs für Musiker und Publikum gleichermaßen: Helmuth Rilling bei einem seiner Gesprächskonzerte in der Weimarer Herderkirche. Fotos: Maik Schuck

Herr Professor Rilling, Sie haben einmal in einem Interview gesagt: »Müssen wir nur über Bach sprechen? Ich habe noch so viel anderes gemacht.« Wir wollen heute beides versuchen, aber dennoch mit dem Thomaskantor beginnen, da Sie gerade zur 3. Bachkantaten-Akademie in Weimar weilen und mit 72 Musikern aus 18 Nationen sieben Gesprächskonzerte an authentischen Bach-Orten durchführen. Es geht also einerseits um die Weiterbildung hochbegabter Interpreten und andererseits um die Vermittlung theologisch-musikalischer Inhalte seines Kantaten-Schaffens. Was bedeutet es, in solcher Mission im Lande Bachs unterwegs zu sein?
Rilling:
In einer Stadt wie Weimar ist man in vielfältiger Weise von Kultur geprägt. Und vielleicht ist Bach derjenige unter den geistigen Häuptern dieses Ortes, der in der Vergangenheit am wenigsten dazu gezählt wurde. Ich finde, es ist schön, bewusst zu machen, dass wir in einer Stadt sind, in der Bach fast zehn Jahre gearbeitet hat und in der er viele seiner schönsten Kantaten geschrieben hat. Insofern ist es mir eine Freude, hier zu sein.

Bei der 1. Bachkantaten-Akademie 2014 standen Werke im Fokus, die in Weimar komponiert worden sind, in diesem Jahr sind es Kantaten zum Michaelisfest, aber auch lutherische Messen. Nach welchen Kriterien erfolgt die Auswahl?
Rilling:
Natürlich braucht man bei Bach nicht nach Qualität zu fragen. Das sind alles wunderbare Stücke. Ich dachte, dass es interessant sein müsste, den Zyklus der Michaeliskantaten ins Zentrum zu rücken. Das sind Kantaten, die man eigentlich normalerweise wenig hört, obwohl es sich um großartige Kompositionen handelt. Dasselbe gilt für die Kurz-Messen. Das sind ja nun auch Werke, in denen Bach nach dem Parodieverfahren gearbeitet hat. Wo er also Stücke, die er früher für Kantaten geschrieben hat, erneut für eine Messe benutzte. Dabei suchte er sicherlich Stücke aus, die ihm besonders gut erschienen.

Sie sagten einmal: »Wer Bachs Musik verstehen will, muss seine Kantaten kennen!« Zwischen 1970 und 1985 haben Sie alle eingespielt. Wollen Sie mit der von Ihnen entwickelten Form der »Gesprächskonzerte« den Hörern einen Schlüssel zu einem tieferen Verständnis seiner Musik in die Hand geben?
Rilling:
Nun, ich finde es sehr wichtig, dass man Bachs Musik genau kennt. Und bei den vielen Kantaten, die wir nun mal haben, ist das gar nicht so einfach. In den Gesprächskonzerten versuche ich darauf hinzuweisen, wo die geistliche Idee Bachs liegt, was er betont, was er wie interpretiert. Und auf der anderen Seite möchte ich die besondere Qualität dieser Stücke bewusst machen. Das kann man in diesen Gesprächskonzerten, die es schon seit langer Zeit gibt, wunderbar tun.

In den 1980er-Jahren waren Sie öfters in Japan unterwegs, zwischen 1986 und 2000 auch in Osteuropa. Wie waren dort Ihre Erfahrungen?
Rilling:
Zum Problem des Verstehens der Partituren kam hier noch das Problem der Verständlichkeit der Sprache hinzu. Natürlich ist das für einen deutschen Zuhörer, auch einen deutschen Interpreten, einfacher. Im Ausland muss man deshalb versuchen, genau darauf hinzuweisen, wie stark Bachs Musik von ihren Texten bestimmt ist.

Sommerlogo GuHIn Ihren Akademien begegnen sich Menschen verschiedener Nationen und Religionen. 1986 haben Sie als erster Deutscher nach dem Holocaust das Israel Philharmonic Orchestra dirigiert. Inzwischen nehmen auch Muslime an Ihren Akademien teil. Glauben Sie, dass der Musik Bachs so etwas wie eine einigende, harmonierende Kraft innewohnt?
Rilling:
Das könnte ich mir schon vorstellen. Das Interesse ganz verschiedener Menschen an der Musik Bachs und ihrem Verstehen ist unglaublich groß. Ich empfinde es als etwas Herrliches, dass hier junge Musiker aus allen Teilen der Welt zusammenkommen und durch die Liebe zur Musik Bachs miteinander verbunden sind. Und über die Probenarbeit hinaus eine großartige Gemeinschaft bilden.

Wie erfolgt denn die Auswahl?
Rilling:
Die Teilnehmer werden aus einer großen Zahl an Bewerbern ausgewählt, die auch Tonaufnahmen eingereicht haben. Von 200 sind am Ende etwa 70 eingeladen worden. Wir erwarten natürlich ein hohes Niveau, denn die Arbeit hier muss sehr schnell gehen. Chor und Orchester müssen die Sachen mühelos in kurzer Zeit einstudieren können. Und ich bin sehr froh, dass das wirklich wieder gelungen ist.

Zurück zu Ihren Anfängen – Sie haben 1954 als junger Chorleiter in Gächingen im Osten von Reutlingen eine Kantorei gegründet, die a cappella Werke von Heinrich Schütz, Dietrich Buxtehude oder Johann Pachelbel, aber auch moderne Kompositionen gesungen hat. Bach spielte da noch keine dominierende Rolle. Wann hat sich das geändert, gab es da vielleicht ein Initial-Erlebnis?
Rilling:
Ach, das kann man eigentlich nicht sagen. Wir haben damals sehr vieles musiziert, vor allem auch zeitgenössische Musik. Das war mir sehr wichtig. Aber Bach ist ja immer ein wunderbares Korrektiv. Man kann an ihm vor allem lernen, was gut ist. Für die Komponisten vergangener Zeiten oder auch heutzutage ist Bach ein ganz wichtiger Lehrer gewesen. Nicht nur in technischer Hinsicht, sondern auch in der Betonung des Wesentlichen, was durch die Musik ausgesagt werden soll.

Sonne-webIhnen ist gelegentlich zum Vorwurf gemacht worden, dass Sie sich nicht der historischen Aufführungspraxis eines Nikolaus Harnoncourt, John Eliot Gardiner oder René Jacobs angeschlossen haben. In welcher Tradition sehen Sie sich und welche Kriterien sind für Sie heute entscheidend?
Rilling:
Man muss natürlich Bescheid wissen – wie die von Ihnen genannten Kollegen – über die Aufführungspraxis zur Zeit der Komposition. Das halte ich für sehr wichtig und unabdingbar. Aber man sollte nicht in die Richtung gehen wollen, dass man denkt: Damit ist eigentlich alles getan. Das Wichtigste scheint mir, dass der Inhalt, der vom Komponisten der Musik gegeben wird, der Ausdruck, dass der nun in einer persönlichen Weise hörbar wird.

Die Musikwelt verdankt Ihnen mehr als nur Bach: Uraufführungen von Krysztof Penderecki, Arvo Pärt und Wolfgang Rihm, um nur einige Namen zu nennen. Zu erwähnen ist ebenso das »Requiem der Versöhnung«, das 50 Jahre nach Kriegsende von 14 zeitgenössischen Komponisten gestaltet wurde. Bedürfen biblische Texte immer wieder einer zeitgenössischen Auslegung bzw. Vertonung?
Rilling:
Ich finde es sehr wichtig, dass Komponisten unserer Zeit sich der Aufgabe stellen, geistliche Texte zu vertonen. Das ist nicht selbstverständlich, aber ich denke, es muss geschehen, sodass wir das Verständnis unserer Zeit in dieser Musik mit ihren alten und wertvollen Texten erkennen.

Wie finden Sie solche Komponisten?
Rilling:
Natürlich kennt man das Musikleben unserer Zeit und weiß, wer heute komponiert und in welcher Weise. Für mich war es wichtig, diese Menschen persönlich kennenzulernen. Ich erinnere mich, dass ich damals in der ganzen Welt herumgereist bin, mit diesen Leuten Gespräche geführt und sie davon überzeugt habe, dass sie diese Texte, die ich brauchte, vertonen sollten. Und die meisten haben mir auch zugesagt.

Das Werk J. S. Bachs nimmt eine zentrale Rolle im Leben von Helmuth Rilling ein. Er hat 1965 das Bach-Collegium Stuttgart gegründet, 1970 das Oregon Bach Festival in Amerika, 1981 die Bach-Akademie Stuttgart und mit der Einspielung von Bachs Gesamtwerk auf 172 CDs Maßstäbe gesetzt.