Sieben Wochen umsteigen
11. März 2011 von redaktionguh
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Verkehrsbetriebe und Landeskirche starteten die Aktion »Autofasten – Sinn erfahren«.

Sieben Wochen ohne Auto: Mit Bus, Bahn und Fahrrad von Aschermittwoch bis Karsamstag. Wer es probiert, hilft nicht nur der Umwelt, sondern wird Neues erleben. (Foto: Phototom/Fotolia.com)
Von diesen subversiven Sonntagen erzählten Oberkirchenrat Christhard Wagner, heute Beauftragter der evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung in Thüringen und damals Pfarrer in Großenlupnitz, und Ralf-Uwe Beck, Pressesprecher der mitteldeutschen Kirche und damals wie heute Umweltaktivist.
Anlass war die Präsentation der Fastenaktion »Autofasten – Sinn erfahren« am 2. März Erfurt. Thüringer Verkehrsunternehmen und die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) sowie weitere Partner aus Umwelt und Politik wollen dazu animieren, während der Fastenzeit, die am Aschermittwoch begonnen hat und am Karsamstag endet, das Auto möglichst stehen zu lassen.
Der Impuls zur Aktion kam von Thüringer Unternehmen, sagte Tilman Wagenknecht von der Marketinggruppe »Bus Thüringen«. Das Konzept trifft sich mit der EKM-Kampagne 2011 »Klimawandel – Lebenswandel«. Von daher bedurfte die Kooperation keiner Überredungskunst. »Da haben sich die richtigen Partner gefunden«, konstatierte denn auch Christhard Wagner. Man wolle den Autoverkehr nicht verteufeln, so der Theologe weiter, aber bewusster damit umgehen.
Auf der Internetplattform Umwelt-Wiki ist zu lesen, dass 50 Prozent aller Strecken, die mit dem Auto gefahren werden, unter fünf Kilometer betragen. Das verbraucht besonders viel Kraftstoff und produziert demzufolge viel Kohlendioxid. Wer stattdessen mit dem Fahrrad fährt oder zu Fuß geht, so der Thüringer Verkehrsminister Christian Carius, würde bei sieben Kilometern schon ein Kilogramm CO2 einsparen. Umdenken lohnt sich also. Zum Bäcker oder Briefkasten, sagte Christhard Wagner, müsse man nicht mit dem Auto fahren.
Um das Umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel zu unterstützen, bieten die Verkehrsbetriebe in den Landkreisen Sömmerda, Saalfeld-Rudolstadt und im Saale-Orla-Kreis für die 40 Fastentage spezielle Fastentickets an. Die gibt es an den Servicestellen der Verkehrsbetriebe zum Preis einer Monatskarte und einer Wochenkarte zu kaufen, was eine zusätzliche Ersparnis bedeutet. Zudem können alle, die sich zu »Autofasten – Sinn erfahren« auf der Homepage der Aktion anmelden, attraktive Preise gewinnen. Dort können sich Interessierte weiter informieren.
»Das Autofasten ist ein Höhepunkt in unserer Kampagne«, sagte Ralf-Uwe Beck. Deshalb hält die Pressestelle der EKM hierfür Werbebanner bereit, mit denen an Kirchtürmen für die Aktion geworben werden soll. Es ist erklärtes Ziel, durch eine Verhaltensänderung eine neue Lebensqualität zu erreichen. Dass hier viele Partner beteiligt sind, könnte der Sache Erfolg bescheren. Die Überlegungen gehen soweit, »Autofasten« jährlich auszurufen.
Dietlind Steinhöfel
Sag die Wahrheit
11. März 2011 von redaktionguh
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Kirchenjahr: Am Mittwoch hat die Fastenzeit begonnen und damit auch die Fastenaktion der evangelischen Kirche. In diesem Jahr steht sie unter dem Motto »7 Wochen ohne Ausreden«.
Wir leben komfortabel, ja luxuriös – in dieser Weltgegend. Auch Arme haben ihr Auskommen, kriegen Wohngeld, Zugang zu »Tafeln« – profitieren von der Solidargemeinschaft. Was würden sie zum Aufruf einer Bischöfin sagen, wöchentlich einmal auf Fleisch zu verzichten? Und erst die Ärmsten der Welt! »Mitmach-Kampagnen« wie »Klimawandel – Lebenswandel« oder »7 Wochen Ohne« offenbaren eine Wohlfahrt, die jedes Maß verliert. Eine Zeit ohne Auto, Ananas und Alkohol …
Erst planmäßiger Mangel macht vielen Begüterten ihren Standard klar. Oder sie spüren, besonders bei nichtmateriellen Süchten und Gewohnheiten, eine Leere im Leben: Sieben Wochen ohne Radio, Fernsehen, Internet. Ausgeschlossen, ich bin beruflich davon abhängig! Und privat? Was geschieht in Zeiten ohne? Gibt’s da Gespräche, Spiele, werden Fotografien angeschaut, Gedichte gelernt, Romane gelesen, Konzerte gehört?
Die Aktionen führen bei wenigen zu wirklichem Wandel. Meistens reicht der Impuls bis zum nächsten Trott, und neben zeitweiliger CO2-Einsparung bleibt das Mitmach-Gemeinschaftsgefühl. Und vielleicht wird dabei noch geflunkert: Ich verzichte – wer weiß, ob’s stimmt.
»Ich war’s! Sieben Wochen ohne Ausreden.« Der neue Fasten-Aufruf soll ein »Befreiungsschrei« zum »Ausstieg aus dem Schwarzen-Peter-Spiel« sein. Denn im Gemeinwesen wird gelogen landauf landab, von früh bis spät, von Jung und Alt, seitens der Regierung und volksmündlich, wie gedruckt in Zeitungen und Büchern. Wir schwindeln, dass sich die Balken biegen, in Freundschaften, Liebesbeziehungen, Ehen.
Mit Stories werden Verspätungen kaschiert, mit Spickern Klausuren geschrieben, mit codierten Standardphrasen Zeugnisse formuliert, Spielkarten gezinkt, Kreditkarten abgekupfert, Geld und Unterschriften gefälscht, Lebensläufe frisiert, Steuern hinterzogen. Man zeigt sich vermummt, schönheitsoperiert oder mit Pokerface, spielt Orgasmen vor, heuchelt Interesse, Begeisterung, Verständnis.
Eine der feinsten Formen der Unaufrichtigkeit ist die konforme Sprache. Man will zu einer Gruppe, zur Allgemeinheit gehören. Mark Twain soll gesagt haben: Wenn du merkst, dass du zur Mehrheit gehörst, wird es Zeit, deine Einstellung zu ändern. Bekenntnisse, Gelöbnisse, Eide und Schwüre stellen Ehrlichkeit auf die Probe. Wie viel Prozent christlicher Gottesdienstbesucher beispielsweise werden die Inhalte des Apostolischen Bekenntnisses glauben oder verstehen?
»Schon schweigen ist Betrug«, singt Konstantin Wecker. Doch wann und wo? Man muss ja nicht immer allen alles auf die Nase binden. Und werden wir nicht gern auch mal belogen, wo Wahrheit wehtäte? Von den Politikern, dass uns Frieden, Wohlstand und Demokratie erhalten bleiben und es den Wäldern gut geht. Von den Ärzten, dass der Body-Mass-Index stimmt, die Krankheit bekämpft oder aufgehalten wird. Hören wir nicht genüsslich Schmeicheleien über unser Aussehen, unsere Figur und Fitness? Süßholz und Honig ums Maul. »Alles ist eitel, eine Krankheit der Seele, vergänglich wie der Tag, der gestern vergangen ist«, sagt der Dichter Johannes von Tepl.
Beim jüngsten Fall eines ministerialen Lügenbarons erschreckte am meisten, wie lange die Regierung den Rechtsbruch tolerierte. Und wie lange die Mehrheit, glaubt man den Umfragen, ihrer »Lichtgestalt« und Projektionsfigur nicht die Sympathie entzog. Man sprach von (irrtümlichen) Fehlern, lässlichen Sünden und hielt Anstand und Ehre wohl überhaupt für überflüssig – in einer Gesellschaft, die dauernd von »Werten« redet. Das verstärkt den Kultur- und Sinnverlust und die Politikverdrossenheit und höhlt die Demokratie weiter aus.
In diesem Fall währte unehrlich wirklich mal nicht am längsten, die Lügen hatten keine langen Beine, und unrecht Gut gedieh am Ende doch nicht. Tepl sagt: »Mehr als alle irdischen Dinge liebe ein reines und lauteres Gewissen.« Jedenfalls in den nächsten sieben Wochen.
Christoph Kuhn
Die Aldi-DDR
11. Februar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Foto: Jelle Weidema, sxc.hu
Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Seit der Mensch über sich nachdenkt, seit er Religionen hat, zieht sich die Phase des bewussten Verzichts durch nahezu alle Kulturen. Warum eigentlich, wo doch alles zur Verfügung steht? Gerade deswegen!
Eines Tages hatte Homo sapiens es mit Ackerbau und Viehzucht geschafft, seine Ernährung auf eine planbare Grundlage zu stellen. Jetzt war er nicht länger nur ein zotteliger Primat, der Beeren, Nüsse und Früchte klaubend durch die Wälder zog, Tag für Tag auf die Gnade der Natur angewiesen. Doch auf Wohlstand und Überfluss ist sein biologisches Programm nicht eingestellt, sondern auf den Wechsel von guten und schlechten Zeiten. Gibt es reichlich zu essen, langt der Mensch zu und legt sich Polster an für Hunger und Not. Dieses Muster hat alles Verhalten des Menschen geprägt: Zugreifen, wenn die Gelegenheit günstig ist, morgen könnte sie vorüber sein. Die Mangelwirtschaft der DDR wurde auch dadurch in den Ruin getrieben. Lag eine begehrte Ware endlich in den Regalen, war sie sofort ausverkauft.
Der Handel macht sich das seit jeher zunutze. Täglich wird eine neue günstige Gelegenheit hinausposaunt. Niemand spielt auf dieser Klaviatur des Unbewussten so virtuos wie der Discounter Aldi. Dort wird jede Woche aufs Neue die DDR inszeniert. Konsumartikel werden künstlich verknappt. Nur ein- oder zweimal im Jahr gibt es dort, was andere Märkte ständig bereithalten. Aldi ist indes nur ein Beispiel. Oft hält jedoch der niedrige Preis näherer Überprüfung nicht stand. Und andere kommt er teuer zu stehen. Wenn ein Kilo Apfelsinen bei Aldi nur 70 Cent kostet, kann für den marokkanischen Orangenpflücker nur ein Hungerlohn herausspringen.
Ohne Scheu – so lautet in diesem Jahr das Motto der Fastenaktion »7 Wochen ohne«. Vielleicht sollte man das mal versuchen: Ohne Scheu ein Geschäft voller Schnäppchen betreten – und mit leeren Händen wieder rausgehen.
Wolfgang Weissgerber






