Mit dem Herz bei den Menschen

15. Mai 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Tag der Pflege – für Steffi Schmaltz (51) und Hans-Jörg Vollbrecht (47) ist dieser Tag nicht nur einmal im Jahr. Mit der Pflegerin und dem Pfleger sprach Adrienne Uebbing.

Warum haben Sie sich für einen Pflegeberuf entschieden?
Schmaltz:
Ich hab, ganz ehrlich gesagt, keinen anderen gekannt (lacht). In meiner Familie sind sie alle Krankenschwester, und ich hab mit 16 Jahren Krankenschwester gelernt, also nach der 10. Klasse. Wahrscheinlich habe ich mich aus Familientradition dazu berufen gefühlt, zu helfen und in die Pflege zu gehen.
Vollbrecht: Ich hatte mich ursprünglich nicht für den Pflegeberuf entschieden. Das geschah eher aus der Not heraus. Ich bin gelernter Koch und war hier Küchenleiter. Als die Küche geschlossen wurde, ist die Geschäftsführerin auf mich zugekommen und hat gefragt, ob ich mir auch vorstellen könnte, in die Pflege zu gehen. Das habe ich dann getan, mich entsprechend weiterqualifiziert und für mich passt das jetzt sehr gut. Es war rückblickend ein Glücksfall. Wenn man mit Menschen umgehen kann und gerne hilft, dann ist das kein Problem.

Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?
Schmaltz:
Also, ich bin ja noch nie woanders gewesen als berufstätige Frau, ich hab immer diesen Beruf gemacht. Und er macht mir heute noch Spaß, sonst hätte ich das bestimmt schon eher mal aufgegeben. Aber ich bin mit Leib und Seele Krankenschwester. Ich kann nichts anderes und das ist für mich meine Berufung.

Was macht die Diakonie als Arbeitgeber aus?
Schmaltz:
Ich habe 1990 hier angefangen und bin auch in die Brüdergemeine eingetreten. Ich habe mich taufen lassen, zusammen mit meiner Tochter und meiner Mutter. Für mich ist der Glaube sehr wichtig. Und wir sind ja ein christliches Haus: Bei uns finden Gottesdienste statt und auch Andachten. Ganz ehrlich: Das macht für mich sehr, sehr viel aus. Das gibt mir viel Kraft. Meine Mitarbeiter sind nicht alle in der Kirchgemeinschaft, aber viele sind auch christlich, und das gibt mir Kraft.

Eine wichtige Stütze sind (v. li.) Hans-Jörg Vollbrecht und Steffi Schmaltz nicht nur für Walter Pavelec, dem sie hier im Seniorenzentrum Emmaus in Ebersdorf (Kirchenkreis Schleiz) helfen. Pflegekräfte wie sie werden händeringend gesucht.Foto: Sandra Smailes

Eine wichtige Stütze sind (v. li.) Hans-Jörg Vollbrecht und Steffi Schmaltz nicht nur für Walter Pavelec, dem sie hier im Seniorenzentrum Emmaus in Ebersdorf (Kirchenkreis Schleiz) helfen. Pflegekräfte wie sie werden händeringend gesucht. Foto: Sandra Smailes

Vollbrecht: Das macht wirklich einen Unterschied, ja. Ich bin Mitarbeitervertreter und wir haben etliche Kollegen, die wegen zwei-, dreihundert Euro mehr in andere Heime gehen. Von denen kommen ganz viele wieder zurück, weil sie sagen: Hier bei der Diakonie erleben wir Gemeinschaft und Teamgeist. Einer springt für den anderen ein, man lässt sich nicht hängen. Normalerweise, Ausnahmen gibt es immer, ist ja klar (lacht).

Wie empfinden Sie das Image des Pflegeberufes, was halten Ihre Familien und Freunde davon?
Vollbrecht:
Na ja, oft kommt ein ganz großes »Chapeau«, man zieht den Hut vor unserer Arbeit, aber: wirklich machen will sie keiner. Und wenn ich wieder einspringen muss, dann kommt schon von der Partnerin ein kritischer Blick. Aber das ist auch, denke ich, legitim.
Schmaltz: Was meinen Freundes- und Bekanntenkreis anbelangt – die schätzen meine Arbeit schon. Viele sagen aber: »Oh, das könnte ich nicht. Und immer feiertags arbeiten und am Wochenende …« Meine Familie hat Verständnis für die ungewöhnlichen Arbeitszeiten, für die Schichtarbeit. Wir kriegen das gut unter einen Hut. Da gibt es keine Fragen, es ist ganz normal, gehört eben dazu – wir kennen es nicht anders.

Frau Schmaltz, führt Ihre Tochter denn die Familientradition fort?
Schmaltz:
Nein. Stellen Sie sich das vor: Sie ist die Einzige, die das nicht kann. Bei uns sind ja alle in der Pflege gewesen: meine Oma, meine Mutter, meine Tante. Als meine Tochter es mal als Ferienarbeit versuchen sollte, hat sie gesagt: »Ich kann das nicht, Mutti.« Die ist aus der Art geschlagen (lacht).
Vollbrecht: Ja, manch einer kann z. B. mit Ausscheidungen von Menschen nicht so gut umgehen oder hat ein sehr starkes Geruchsempfinden. Damit muss man umgehen können.

Warum können Sie jungen Menschen empfehlen, einen Pflegeberuf zu ergreifen?
Vollbrecht:
Erstens, weil Pflegepersonal gebraucht wird. Denn die zu Pflegenden werden nicht weniger. Und außerdem kann man anderen helfen. Man bekommt Dankbarkeit zurück – auf alle Fälle.
Schmaltz: Ich empfehle den Beruf, weil der Dienst an den Menschen in meinen Augen mit das Wichtigste ist, was man machen kann. Und vor allem an den alten Menschen. Es ist nicht immer einfach, das wissen wir selbst. Auch wenn sie sterben – es ist schwierig, damit zurechtzukommen. Manchmal auch für mich, auch noch nach all den Jahren. Aber ich kann den Pflegeberuf nur empfehlen, weil unsere alten Leute bestimmt nicht weniger werden. Und hoffentlich gibt es dann noch Menschen, die das gerne machen.

Wenn Sie einen Wunsch in Bezug auf Ihren Arbeitsplatz frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Vollbrecht:
Mehr Zeit für die Patienten, für die zu Pflegenden, weniger Bürokratie, weniger Dokumentation. Ich glaube, diesen Wunsch haben alle.
Schmaltz: Auf meiner Arbeitsstelle ist es eigentlich wirklich schön und angenehm. Aber ich würde mir wünschen, dass wir vielleicht mehr Zeit hätten für unsere Bewohner. Ein bisschen mehr Zeit, um Gespräche führen zu können – das würde ich mir von von Herzen wünschen. Mal am Bett sitzen zu können, 20 Minuten oder eine halbe Stunde. Und den Menschen, den ich pflege, um den ich mich kümmere, noch besser kennenzulernen und nicht zum nächsten Bewohner zu rennen.

Aus drei wird eins
Die Reform der Pflegeberufe sieht vor, dass ab 2019 die bisher getrennten Bildungswege in der Pflege abgeschafft und in einer gemeinsamen Pflegeausbildung zusammengefasst werden. Wer diese dann drei Jahre lang durchläuft, kann anschließend sowohl als Kranken-, Alten- oder Kinderkrankenpfleger arbeiten. Wer sich aber auf Alten- oder Kinderkrankenpflege festlegen möchte, kann nach zwei Jahren auch in einen spezialisierten Zweig einschwenken. Die neuen Ausbildungsregeln sollen zunächst für sechs Jahre getestet werden.

(G+H)

Jobmotor Pflege stottert

12. Mai 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Die Pflege gilt als Arbeitsmarkt der Zukunft, trotzdem plagen die Branche Nachwuchssorgen.

Wenn Steffi Schmaltz und ihr Kollege Hans-Jörg Vollbrecht nach vielen Berufsjahren »auf Station« im Haus Emmaus in Ebersdorf engagiert von ihrer erfüllenden Tätigkeit erzählen (siehe Seite 3) und ihren Beruf jungen Menschen empfehlen, sollte man meinen: Das ist die beste Werbung für die Pflegebranche. Und doch sieht die Realität anders aus.

Foto: Fotolia

Foto: Fotolia

Bei den meisten Schulabgängern gelten Pflegeberufe als wenig attraktiv. Schichtdienste und sowohl körperlich als auch psychisch belastende Arbeitsbedingungen werden als Gründe genannt, auch schlechte Bezahlung und geringe Karrierechancen. Diejenigen, die in der Pflege arbeiten, bekommen häufig zu hören, dass ihre Arbeit wichtig sei, nicht selten werden sie für ihre Berufswahl von Freunden und Bekannten gelobt – »… aber für mich wäre das nichts!«, heißt es dann zumeist.

Auf der anderen Seite kursieren in den Medien immer wieder Berichte zu Pflegenotständen, zu »schwarzen Schafen« in der Branche. Das führt zu einem seltsam zweigeteilten Berufsbild: Wertschätzung für den wichtigen Beitrag für die Gesellschaft einerseits, auf der anderen Seite ein schlechter Ruf.

Die Pflege gilt gemeinhin als – kostenintensive – Last für die Gesellschaft. Das positive Pflegebild in der christlichen Tradition tritt dahinter zurück – ein strahlendes Image ist nicht gerade das, was Pflegeberufe heute auszeichnet.

Und doch: Der Pflegebedarf steigt. Pflegeberufe werden vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und der steigenden Lebenserwartung noch wichtiger als bisher. Doch Bedarfs- und Angebotsprognosen stellen für 2025 ein Defizit von rund 112 000 Vollzeitkräften in Aussicht, so das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Und weiter: Ein Pflegepersonalmangel werde kaum zu verhindern sein. Zukunftsangst in der Zukunftsbranche?

Derzeit ist die Ausbildung noch in die Bereiche Kranken-, Alten- und Kinderkrankenpflege aufgefächert. Das soll sich ab 2019 mit der Einführung einer neuen gemeinsamen Ausbildung für alle Pflegeberufe ändern, auf die sich die Koalition im April geeinigt hatte. Die Diakonie lobte den erzielten Kompromiss und begrüßt vor allem die Evaluation nach sechs Jahren. Denn damit bestehe nach der praktischen Erprobung die Chance auf Einführung einer echten generalistischen Pflegeausbildung, »für die sich die Diakonie Deutschland einsetzt«, so Diakonie-Präsident Ulrich Lilie. Auch der Deutsche Caritasverband sieht in der Ausbildungsreform einen »Schritt in die richtige Richtung«.

Erst vor wenigen Tagen hat der Vorsitzende des Deutschen Evangelischen Krankenhausverbandes (DEKV), Christoph Radbruch, eine umfassende Reform der Patientenbetreuung angemahnt. Auch in Krankenhäusern müsse die wachsende Zahl an hochbetagten oder dementen Patienten mehr berücksichtigt werden. Laut Radbruch ist eine angemessene Betreuung nicht nur eine Frage des Geldes. Bereits jetzt blieben viele im Kostenplan einkalkulierten Pflegestellen unbesetzt, weil Personal fehle. Deshalb müsse der Pflegeberuf attraktiver werden. Solange allerdings Pflegeberufe bei Schulabsolventen als »out« gelten, ist laut BIBB kaum zu erwarten, dass das Angebot den Bedarf zukünftig decken kann.

Übrigens: 94,4 Prozent der Auszubildenden in einem Pflegeberuf würden diesen wieder wählen. Betont werden Spaß und Freude am Beruf, zu diesem Ergebnis kam die »Imagekampagne für Pflegeberufe« auf der Grundlage empirisch gesicherter Daten.

Adrienne Uebbing

Ungeliebtes Sakrament

26. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Comments Off

Deine Sünden sind dir vergeben, geh hin in Frieden« – diese Worte des Pfarrers am Ende der Beichte hatten für mich stets eine befreiende Wirkung. Im Sakrament der Buße konnte ich Gottes Vergebung unmittelbar erfahren.

Aufgewachsen im katholisch geprägten ländlichen Westfalen, gehörte die Beichte in meiner Kindheit und Jugend in den 1970er-Jahren zum Alltag. Aber trotz des guten Gefühls nachher war sie mir ein Gräuel. Das begann schon damit, dass man bei der »Gewissenserforschung« (anhand des »Gewissensspiegels« im Gesangbuch) nicht recht wusste, welche Sünden denn nun erwähnenswert waren. Als Neunjährige war ich damit einfach überfordert. Theologisch gesehen müssen wir nur schwere Verfehlungen, bei denen wir ganz bewusst gegen Gottes Gebote gehandelt haben, beichten. Doch was hat man als Kind schon an Sünden zu bieten? Deshalb begann ich meistens damit, um Vergebung zu bitten dafür, dass ich länger nicht bei der Beichte war …

Hinzu kam die Beichtstuhl-Situation: Man kniete, und hinter einem vergitterten Fensterchen neigte einem der alte Pfarrer (eine durchaus gefürchtete Respektsperson) sein Ohr, in das man seine Verfehlungen hineinflüsterte. Von einem vertrauensvollen Gespräch konnte da beim besten Willen nicht die Rede sein.

Nebenbei bemerkt: Die Beichte fand immer für den ganzen Schülerjahrgang statt, und so bekam wirklich jeder mit, wie viele »Vaterunser« oder »Ave Marias« einem als
Buße »aufgegeben« wurden und folglich, ob man viel gesündigt hatte.

Viele Katholiken verbinden mit der Beichte schlechte Erinnerungen und es wundert kaum, dass sie dieses Sakrament heute ablehnen und die Einladung Gottes nach Versöhnung, wenn, dann vorzugsweise in einem Bußgottesdienst annehmen.

Adrienne Uebbing

Ein Geben und Nehmen

5. Februar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Comments Off

Es war eine zufällige Begegnung vor wenigen Tagen; und ich vermute, dass ich sie so bewusst wahrnahm, war der Tatsache geschuldet, dass wir für diese Ausgabe der Kirchenzeitung das Thema Inklusion eingeplant hatten.

Der junge Mann im Rollstuhl hatte die Straße überquert und fuhr unmittelbar vor mir auf den Gehweg, die Kapuze angesichts der Kälte tief ins Gesicht gezogen. Eine Weile bewegten wir uns gleichauf und ich gebe zu: Ich habe meine Schritte ein wenig gebremst, um nicht so offensichtlich vorauszueilen, wie das eine junge Frau tat, die uns mit weit ausladenden Schritten überholt hatte. Ich fand das irgendwie taktlos.

Nach etwa hundert Metern ging es auf dem Gehsteig wegen einer Tagesbaustelle nicht mehr weiter; ein Schild wies darauf hin, dass Fußgänger die Straßenseite wechseln sollten. Ich sah, dass das für den Rollstuhlfahrer nicht einfach werden würde, diverse Stolperfallen wie Baumwurzeln, unbefestigter Boden und ein Bordstein versperrten den Weg.

Beide hatten wir vor dem Hindernis gestoppt. Und nun? Für einen kurzen Moment zögerte ich: Ist es »politisch korrekt«, ihn anzusprechen, oder wird er mein Hilfsangebot womöglich als herablassend empfinden, gar als Mitleidsgeste? Aber auf mein »Brauchen Sie Hilfe?« kam ein freundliches »Ja bitte!«. Und zusammen haben wir die unweg­same Stelle dann geschafft.

»In einer inklusiven Gesellschaft ist es normal, verschieden zu sein. Und davon profitieren wir alle: zum Beispiel durch den Abbau von Hürden, aber auch durch weniger Barrieren in den Köpfen, mehr Offenheit, Toleranz und ein besseres Miteinander«, heißt es auf der Homepage von »Aktion Mensch« zur Definition des Begriffs Inklusion.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Adrienne Uebbing

Hamstern ist angesagt

28. August 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Eine Meldung verbreitete sich dieser Tage wie ein Lauffeuer: »Die Bevölkerung wird angehalten, einen individuellen Vorrat an Lebensmitteln von zehn Tagen vorzuhalten«, heißt es im neuen Konzept der Bundesregierung für die zivile Verteidigung. Ein Aufruf zu Hamsterkäufen? Was wissen »die da oben«, was wir nicht wissen? Kritiker unterstellten bewusste Angstmache, und im Internet ließen die Spötter nicht lange auf sich warten: »Wie viele Hamster muss ich kaufen, und wie bereitet man sie zu?«, fragte ein Witzbold.

Doch Spaß beiseite: Was da gerade diskutiert wird, ist keineswegs neu. Nach dem Ende des Kalten Krieges ist die dringende Empfehlung im Zivilschutzgesetz lediglich in Vergessenheit geraten. Warum also dieser Wirbel um das Thema? Vielleicht, weil wir so daran gewöhnt sind, nahezu rund um die Uhr (und auch am Sonntag!) alles mehr oder weniger Lebensnotwendige erwerben zu können. Einen großen Stromausfall – verursacht beispielsweise durch extreme Wetterlagen – können und wollen wir uns gar nicht vorstellen: Kein Wasser kommt dann aus dem Hahn, Geräte, Internet und Handynetz funktionieren nicht, ebenso wenig Ampeln und Supermarktkassen; die Liste lässt sich endlos fortsetzen. Es ist also nur ein Gebot der Vernunft, in gewissem Maße Vorsorge zu treffen. Diesem Zweck dient das Notfall-Konzept. Und das tat es auch bisher schon, nicht mehr und nicht weniger.

Lassen wir uns nicht verunsichern, folgen wir einfach unserem gesunden Menschenverstand. Und vielleicht kommt ja der eine oder andere auch auf die Idee, das in den letzten Jahren so oft an den Bäumen verrottende Obst mal wieder einzukochen – nicht nur der vermeintlich bevorstehenden schlechten Zeiten wegen …

Adrienne Uebbing

Aufeinander zugehen

10. April 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Comments Off

Die zumeist älteren Anwohner waren darüber informiert, dass bald junge, unbegleitet nach Deutschland geflüchtete Afghanen in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft einziehen würden. Bei einigen hatte diese Nachricht Skepsis, Unbehagen und mitunter sogar Ablehnung ausgelöst. Wie soll das gehen? Auf der einen Seite Senioren, die ein idyllisches Zuhause für den dritten Lebensabschnitt für sich in Anspruch nehmen – auf der anderen Seite junge Menschen aus einem fremden Kulturkreis, geprägt durch oftmals tragische Fluchtgeschichten.

Nun war er also da, der Tag des Einzugs. Die Nachbarn waren eingeladen, es gab Kaffee und Kuchen, einige wagen die Kontaktaufnahme, kommen mit den Jugendlichen ins Gespräch. Alles in allem eine gelungene Willkommensveranstaltung, die ersten Hürden genommen.

Wenige Tage später trifft eine der Seniorinnen am Busbahnhof eine kleine Gruppe der Flüchtlinge. Sie grüßen freundlich – vielleicht froh darüber, ein halbwegs bekanntes Gesicht in der fremden Umgebung zu entdecken. Die Frau grüßt ihrerseits und gemeinsam geht es mit dem Bus nach Hause, erzählt die Frau wenig später ihrer Tochter. Und nach dem Aussteigen habe dann einer der jungen Leute ihre schwere Einkaufstasche genommen und sie bis zur Wohnungstür getragen: »Ist das nicht nett?«, fragt sie. Allerdings, denkt die Tochter.

Und dann hat sich die alte Dame daran gemacht, mehr über das Heimatland ihrer neuen Nachbarn zu erfahren. Im Internet recherchiert. Im Atlas nachgeschlagen, die Herkunftsorte der Geflüchteten herausgefunden. »Wusstest du eigentlich, was in Afghanistan los ist?«, fragt sie ihre Tochter. Und die hört zu, freut sich über den Wissensdurst ihrer betagten Mutter. Das Miteinander kann so einfach sein.

Adrienne Uebbing

Für Wolfgang war die Sache klar

22. Februar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Comments Off

Anhaltgeschichte(n): Vor 450 Jahren starb in Zerbst ein Protestant der ersten Stunde

Anhalt brachte einen frühen Vorreiter für die Reformation im Reich hervor: Fürst Wolfgang (1492–1566). Eine Erinnerung.

Darf man dem Herzenswunsche Tausender sein Ohr verschließen? Darf ein Landesherr sein Volk um seiner Seele Heil betrügen? – Doch ist der Kaiser nicht des Landes Vater?«

1892, aus Anlass des 400. Geburtstags des Titelhelden, veröffentlichte der Bernburger Oberpfarrer Karl Windschild ein »geschichtliches Volksschauspiel« unter dem Titel »Fürst Wolfgang von Anhalt«. Die Worte, die Windschild seinem Helden hier in den Mund legte, spiegeln die Situation gut wider, in der dieser sich 1524 befand: Luthers Lehre hatte überall im Reich, vor allem in den Städten, Anhänger gefunden. In Anhalt hatten die Bürger von Zerbst 1522 begonnen, sich eine evangelische Kirche aufzubauen.

Wolfgang erkannte früh, dass er sich dem »Herzenswunsch« der Zerbster nicht verschließen könne. Seine Schwester hatte 1513 Herzog Johann von Sachsen geheiratet. Er selbst stand als Geheimer Rat in kursächsischen Diensten. Diese Beziehung nach Wittenberg war grundlegend für seinen Zugang zu Luthers Lehre. Doch welche Konsequenzen waren daraus zu ziehen? Es mangelte erheblich an Glaubensgenossen unter seinesgleichen, die bereit waren, das Risiko Reformation einzugehen. Das galt auch für seine Dessauer Verwandtschaft: Luthers Lehre war auch ihr bedenkenswert – aber der Kaiser hatte sie doch strengstens verboten! Und zeigte nicht der Bauernkrieg, wohin es führte, die Ordnung infrage zu stellen?

Blick auf die über 800-jährige Hof- und Stiftskirche St. Bartholomäi und den freistehenden Kirchturm, auch »Dicker Turm« genannt. In der Gruft der wurde Fürst Wolfgang beigesetzt. Foto: Adrienne Uebbing

Blick auf die über 800-jährige Hof- und Stiftskirche St. Bartholomäi und den freistehenden Kirchturm, auch »Dicker Turm« genannt. In der Gruft der wurde Fürst Wolfgang beigesetzt. Foto: Adrienne Uebbing

Für Wolfgang war die Sache bald klar: Den Aufrührern war Einhalt zu gebieten, die evangelischen Bewegungen hingegen brauchten Unterstützung. Während Fürstin Margarethe 1525 mit dem Dessauer Bund ein Verteidigungsbündnis der Altgläubigen gründete, schloss er sich dem Torgauer Bund der Unterstützer Luthers an. Im Alleingang begann er, Kirchen zu visitieren; der Zweifel, ob nicht der Kaiser »des Landes Vater sei«, hielt ihn davon nicht ab. 1527 verlieh Wolfgang der Stadt Köthen die erste evangelische Kirchenordnung Anhalts. Im Gefolge seines Schwagers nahm er am Reichstag 1529 teil. Hier gehörte er zu den Unterzeichnern der Protestation von Speyer. Zwei Jahre später setzte er seine Unterschrift unter die Confessio Augustana, die bis heute Gültigkeit besitzt. Wolfgang hatte damit Teil an wahrhaft historischen Ereignissen. Gegen die Übermacht des Kaisers und der Mehrzahl der Reichsstände wurden damals Grundlagen dafür gelegt, dass die Predigt des reinen Evangeliums keine Episode blieb. Seitdem ging es auch in Anhalt verstärkt um den Aufbau einer evangelischen Kirche. Seit etwa 1534 waren auch Wolfgangs Vettern in Dessau daran beteiligt.

Die Aufmerksamkeit, die Autoren wie Windschild dem Fürsten Wolfgang im 19. Jahrhundert entgegenbrachten, war groß: Staat, Kirche und Gesellschaft betonten ihre evangelischen wie dynastischen Wurzeln. Während man in seinem Vetter Georg (1507–1553) den fürstlichen Theologen verehrte, habe Wolfgang, so Wilhelm Große 1855, als ein »Glaubens=Heldenstreiter« großes geleistet. Heute an ihn zu erinnern, darf nicht bedeuten, dieses Pathos wiederaufleben zu lassen. Das Interesse der Fürsten, mit den damals freigesetzten Ressourcen – etwa aus Klostergut oder bischöflichen Rechten – ihre Macht zu stärken, ist klar zu benennen. Wolfgangs Bemühungen, sich in Bernburg und Zerbst der Nachwelt in Erinnerung zu halten, sind Zeugnisse protestantischen Geistes, aber auch herrschaftlichen Selbstbewusstseins. Wolfgang fiel 1547 der Reichsacht anheim. Er verlor seine Herrschaft und ging ins Exil. Mit hundert Reitern war er dem Kurfürsten von Sachsen in den Schmalkaldischen Krieg gefolgt. Dass er in diesem Kampf für die evangelische Sache auch versucht hatte, sich die alte Grafschaft Aschersleben einzuverleiben – ja, auch dies sollte nicht unterschlagen werden.

Doch zu der möglichst differenzierten Sicht auf die Geschichte gehört stets die Frage, was sie uns heute sagen kann. Trotz erheblicher struktureller Defizite und gewaltiger mentaler Hindernisse stand Wolfgang für seine Überzeugung ein. Persönliche Bindungen waren hierfür zweifellos zentral. Kein geringerer als Martin Luther schrieb 1528 an Wolfgang: »Daß aber im Volke möchte ein Gemurmel werden auß solcher Neuerung, muß man wagen und Gott befehlen.« Zum Glauben gehört Mut – auch heute. Und sein eigentlicher Quell liegt außerhalb menschlichen Willens und Tuns.

Jan Brademann

Türen auf, nur Mut!

14. Februar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Comments Off

Es ist mittlerweile fast eineinhalb Jahrzehnte her, und jeder von uns hat sicher seine ganz eigene Erinnerung an den 11. September 2001. Mir hat sich dieser Tag fest ins Gedächtnis eingebrannt: Es war der erste Schultag unserer Tochter, ein Tag, auf den wir uns alle gefreut hatten. Dann verbreitete sich die Nachricht vom Terroranschlag in New York wie ein Lauffeuer. Einer der ersten Gedanken in meiner Fassungslosigkeit und verzweifelten Suche nach Beistand war, die Kinder zu nehmen und gemeinsam zum Gebet in die Kirche zu gehen. Es war ein ganz tiefes Bedürfnis, eine Sehnsucht.

Die Kirche war zu, alle Türen verschlossen. Auch ein Amerikaner mit seinen Söhnen stand davor. Sein Bruder war fast wöchentlich auf den entführten Flug gebucht, wie er aufgewühlt erzählte. Wir liefen zum Pfarrer, der ahnungslos die Türe öffnete. Ohne viele Worte gab er uns den Schlüssel zur Kirche; kurze Zeit später kam er nach und mit ihm auch andere auf ihrer Suche nach der tröstlichen Gemeinschaft mit Gott.

An eben diese Situation musste ich angesichts des auf der Synode gefassten Beschlusses zur Öffnung der Kirchen denken. Sicher, der 11. September 2001 war ein globaler Ausnahmezustand, aber jeder kennt doch Momente, in denen er Gott in seinem Haus nahe sein möchte. Und nicht vor verschlossenen Türen stehen.

Vor diesem Hintergrund müssten offene Kirchen eigentlich selbstverständlich sein. Gotteshäuser laden Menschen zum Glauben ein. Und zum Staunen. Aber sie sind keine Museen mit festgelegten Öffnungszeiten.

Wagen wir als Christen die Öffnung – einen Versuch ist es allemal wert.

Adrienne Uebbing

Unsichere Zeiten für Eduard

13. Dezember 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Comments Off

Der Familie Kaliqani in Tabarz droht die Abschiebung – trotz Gefahr für Leib und Leben

Erinnern Sie sich noch an unser »Schwimmkind« Eduard (G+H, Ausgabe 35, Seite 3)? Inzwischen droht dem Achtjährigen und seiner Familie, die vom Arbeitskreis »Asyl in Tabarz« betreut wird, täglich die Abschiebung in den Kosovo, ihr jetzt angeblich sicheres Herkunftsland.

Im Sommer hat der achtjährige Eduard schwimmen gelernt, jetzt droht ihm eine ungewisse Zukunft.

Im Sommer hat der achtjährige Eduard schwimmen gelernt, jetzt droht ihm eine ungewisse Zukunft.

Was mag das für ein Gefühl sein: Er hat fünf wunderbare Kinder und kann ihnen keine Sicherheit bieten. Er hat eine Frau, die – wie auch er – vor lauter Sorge kaum noch Schlaf findet. Er hat liebe Menschen, die ihm ein herzliches Willkommen in Tabarz bereitet haben, aber jetzt auch nicht mehr weiterwissen. Was mag das für ein Gefühl sein? Hilflosigkeit, Ohnmacht, Ausgeliefertsein, tiefe Traurigkeit, Panik, mitunter vielleicht auch Wut?

»Für mich bedeutet das wahrscheinlich den Tod«

Muhamet Kaliqani sieht erschöpft aus. Die Ungewissheit, ob seine siebenköpfige Familie in Deutschland wird bleiben dürfen, oder noch vor dem Weihnachtsfest zurück in den Kosovo muss, macht ihn fertig. Was wird er tun, wenn sie ausgewiesen werden? »Ich habe keinen Plan. Wenn wir gehen müssen, heißt das ›Plan Ende‹.« So einfach ist das. »Für mich bedeutet das wahrscheinlich den Tod«, fügt er leise hinzu.

Alle haben große Angst. Muhamet hat im Kosovokrieg für die Nato gearbeitet, er war als Dolmetscher dabei, als die Nato-geführte KFOR-Truppe nach Kriegsende Verstecke der UÇK-Kämpfer aushob, um deren Entwaffnung und Auflösung voranzutreiben. Das haben seine Landsleute nicht vergessen. Viele ehemalige UÇK-Kämpfer sitzen dort heute in Regierung und Verwaltung, nicht wenigen werden Verstrickungen in Waffen- und Drogenhandel oder Mafia-Kontakte nachgesagt. Korruption und Vetternwirtschaft sind an der Tagesordnung, Auftragsmorde keine Seltenheit.

Für Nationalisten gilt Muhamet als Verräter

Muhamet Kaliqani gilt in seinem Heimatland als Verräter – auch wenn er nur derjenige war, der die Worte der KFOR-Soldaten übersetzt hat. Es ist wie so oft; der Überbringer einer schlechten Nachricht wird stellvertretend für deren Ursache zur Verantwortung gezogen: Erst verlor er seine Besitztümer, dann wurden er und seine Familie massiv bedroht. Als es unerträglich und lebensgefährlich wurde, machte er sich auf den Weg – in der naiven Hoffnung, dass die, denen er seinerzeit geholfen hat, nun ihm und seiner Familie helfen würden.

Die Zeit arbeitete gegen Familie Kaliqani

Als sie im November 2014 nach Tabarz kamen, sah es gar nicht so düster für sie aus. Die Kinder gingen zur Schule, lernten Deutsch, schlossen Freundschaften, kamen zur Ruhe. In vorbildlicher Weise haben sich in Tabarz Bürger zur Hilfe für die Flüchtlinge bereitgefunden, der Arbeitskreis »Asyl in Tabarz« wurde gegründet.

Seither stellen Ehrenamtliche in Absprache und unterstützt von Stadt und Landkreis mit Kreativität und großem Idealismus ein beispielgebendes Hilfsangebot für die Asylbewerber auf die Beine. Das wurde kürzlich im Rahmen des Treffens zum ersten Jahrestag deutlich. Der zweite Beigeordnete des Landkreises Gotha, Thomas Fröhlich (CDU), sprach dabei von »hingebungsvoller Leidenschaft, wie sie ihresgleichen im Landkreis sucht«, und auch Bürgermeister David Ortmann (SPD) lobte vor den mehr als 100 Gästen im Tabarzer Kulturzentrum »Kukuna« den Arbeitskreis, dessen Leistung nicht hoch genug einzuschätzen sei.

Doch nun hat vermutlich die Zeit gegen Familie Kaliqani gespielt. Zu lange musste sie auf ihre Anhörung warten. Erst im Oktober diesen Jahres kam es dazu. Inzwischen wurde der Kosovo als sicheres Herkunftsland eingestuft. Die Quittung folgte auf dem Fuße: Nach der Anhörung kam am 31. Oktober die Ablehnung des Asylantrags, die Familie wurde aufgefordert auszureisen.

Mit keinem Wort wurde auf die Besonderheit von Muhamet Kaliqanis Fall aufgrund seiner Tätigkeit für die KFOR eingegangen, die faktische Gefahr für Leib und Leben im Falle einer Rückkehr. Die Ablehnung war ein 08/15-Schreiben, so Hanfried Victor, Pfarrer im Ruhestand. Es muss schnell gehen jetzt; zu viele Anträge müssen von zu wenigen Sachbearbeitern, sogenannten Entscheidern, abgearbeitet werden. Hätte es diese Schnelligkeit nur damals schon gegeben, vor einem Jahr, als der Kosovo noch nicht als sicher galt. Aber man hat die Familie warten lassen.

Die Abschiebung droht, trotz Berufung vor Gericht

Gegen den Ausreisebescheid haben die Kaliqanis mit großer persönlicher Unterstützung von Hanfried Victor und seinem »Asyl in Tabarz«-Team sowie einem Rechtsanwalt Berufung eingelegt. Termin für die Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht in Gera ist der 9. Dezember (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe). Doch die Gothaer Behörde wollte ungeachtet dieses Termins die Familie schon vorher abschieben.

Noch besteht Hoffnung auf einsichtige Richter

Noch bestehe Hoffnung. Er werde auch die Härtefallkommission anrufen, sagte Victor beim Jahrestagstreffen in Tabarz. Die Schulfreundinnen von Eduards Schwester Makfirete (15), Sophie und Sarah, haben Unterschriften gesammelt, es gibt auch eine Onlinepetition gegen die Abschiebung der Kaliqanis. Was sie noch tun können, fragen die engagierten jungen Mädchen hoffnungsvoll Thomas Fröhlich: »Ihr habt alles getan«, antwortet er. Jetzt könne man nur darauf hoffen, dass die Familie an einen Richter gerate, der Gespür für die besondere Situation der Kaliqanis habe und dafür, was sie »für die Nato und somit für uns auf sich genommen« haben.

Adrienne Uebbing

Onlinepetition:
www.openpetition.de/petition/online/kaliqanis-sollen-bleiben

Die guten Seelen von Gleis 1

7. Dezember 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Comments Off

Gelebte Hilfsbereitschaft: Das Team der Bahnhofsmission Stendal erleichtert Reisenden das An- und Weiterkommen

Es gibt Menschen, die durch ihre Herzlichkeit berühren. Dazu gehört zweifelsohne Patricia Kalz, Leiterin der evangelischen Bahnhofsmission in Stendal.

Wer am Bahnhof Stendal ankommt und Hilfe braucht, ist bei Patricia Kalz und ihren neun ehrenamtlichen Mitstreitern gut aufgehoben. Ob sie eine Umsteigehilfe benötigen – das sind die meisten, denn es gibt keine Aufzüge – oder von einem Zugbegleiter mit Sack und Pack auf dem Bahnsteig abgesetzt worden sind; ob sie nicht lesen können oder als Flüchtlinge die deutsche Sprache noch nicht beherrschen: Für die guten Seelen der Bahnhofsmission gibt es keine »Mission impossible« (unlösbare Aufgabe), sie finden immer einen Weg.

So viele Helfer auf einmal – das ist auch für Sigrid Hain (2. v. re) außergewöhnlich. Sie fährt regelmäßig über Stendal und nimmt dort die Umsteigehilfe des Teams der Bahnhofsmission in Anspruch: Manfred und Patricia sowie Sabine Kalz, dahinter Eddi Perez (Mitarbeiter der Bundesbahn) und »Bufdi« Vanessa Dieme (v. li. n. re.). Foto: Adrienne Uebbing

So viele Helfer auf einmal – das ist auch für Sigrid Hain (2. v. re) außergewöhnlich. Sie fährt regelmäßig über Stendal und nimmt dort die Umsteigehilfe des Teams der Bahnhofsmission in Anspruch: Manfred und Patricia sowie Sabine Kalz, dahinter Eddi Perez (Mitarbeiter der Bundesbahn) und »Bufdi« Vanessa Dieme (v. li. n. re.). Foto: Adrienne Uebbing

Das Ehepaar Kalz könnte eigentlich den Ruhestand genießen. Acht Kinder haben die beiden gemeinsam großgezogen; mit 49 Jahren machte Patricia Kalz – »mal eben« – noch den LKW-Führerschein und fuhr mit einem 40-Tonner im Dienst einer Spedition kreuz und quer durch Europa. Ihr Mann war da schon einige Jahre als Kraftfahrer unterwegs. Kurze Zeit saßen sie auch Seite an Seite im Fahrerhaus.

Für den ruhigen Lebensabend war schon ein Wohnwagen angeschafft, um ohne Zeitdruck auf große Tour zu gehen. »Den haben wir aber schnell wieder verkauft«, erzählt Manfred Kalz. Die Eheleute sind eine Frau und ein Mann der Tat; das merkt man, wenn man mit ihnen spricht. Sie seien ein Leben lang arbeiten gewöhnt, da kam Müßiggang irgendwie nicht infrage. Und es gibt auch einen spirituellen Hintergrund für ihr Engagement in der Bahnhofsmission: »Im Gebet höre ich Gott, wie er mir sagt: Da will ich dich jetzt haben, da brauche ich dich.« Dieses Gottvertrauen trage sie, trotz einiger Schicksalsschläge, da sind sich beide einig.

Als Gemeindeleiterin Dorothee Oesemann von der Evangelisch-freikirchlichen Gemeinde Stendal, der das Ehepaar angehört, sie 2011 für die Bahnhofsmission angeworben hat, konnten sie sich »ehrlich gesagt, gar nichts darunter vorstellen«. Zwischenzeitlich hatte Patricia Kalz Praktika bei verschiedenen diakonischen Einrichtungen absolviert, rückblickend eine gute Vorbereitung für ihre Arbeit. Denn oft haben sie es an Gleis 1 mit Menschen am Rande der Gesellschaft zu tun, mit Gestrandeten. Als nach einem Jahr Mitarbeit die Bitte an sie herangetragen wurde, die Leitung der Stendaler Bahnhofsmission zu übernehmen, habe sie zunächst abgewinkt. Und doch stellte sie sich schließlich der Herausforderung.

»Mein Leben ist ein Roman«, sagt Patricia Kalz lachend – und dank ihres Engagements bei der Bahnhofsmission kann sie dem noch so manches Kapitel hinzufügen. Sie erzählt von einem Niederländer, der mit Koffer und Klapprad aus dem IC aus Berlin »flog«. Sein Fehler: Er hatte das Rad vorher nicht angemeldet. Ganz verzweifelt sei der gewesen, weil er doch ein Vorstellungsgespräch in Arnheim hatte, so Patricia Kalz. Glücklicherweise hatte der junge Mann eine großräumige Tasche dabei, in die das Rad passte. Derart verpackt, durfte er es im nächsten Zug als Handgepäck mitführen. Vorher hatte ihm Patricia Kalz allerdings noch mit viel Überzeugungskraft die Weiterfahrt erstritten. »Seine Zukunft hängt doch davon ab«, habe sie dem Zugbegleiter zugerufen, und der hatte ein Einsehen und nahm den Holländer mit.

Diese Momente, in denen sie ganz konkret helfen können, bestärken sie in ihrem Tun: »Ich stehe morgens mit einem guten Gefühl auf und schlafe abends mit einem guten Gefühl ein«, bringt es die 18-jährige Vanessa Dieme, die derzeit hier ihren Bundesfreiwilligendienst ableistet, auf den Punkt. Die junge Frau in der blauen Weste, die sie als Teil des Teams ausweist, strahlt: »Ich bin stolz darauf, in der Bahnhofsmission zu arbeiten!« Manchmal hat es auch etwas von Abenteuer, dieses Ehrenamt. Einmal habe sie einen Mann mit gesundheitlichen Problemen entgegen der Regel kurzerhand selbst ins Abteil gebracht, weil der Zugbegleiter nicht greifbar war, so Patricia Kalz. Zu dumm nur, dass sie dann nicht mehr rechtzeitig aus dem Zug kam und bis Wolfsburg mitfahren musste …

Ihre Wege und die der Hilfesuchenden kreuzen sich nur; es sind also Geschichten ohne Anfang und Ende, die die Mitarbeiter der Bahnhofsmission erleben. So erfuhren sie nie, ob der junge Holländer bei seiner Bewerbung erfolgreich war oder der kranke Fahrgast sein Ziel erreicht hat. Das sei eigentlich schade. Manchmal komme aber doch im Anschluss ein Anruf, ein Dankeschön. Und das freut die Frauen und Männer in den blauen Westen jedes Mal.

Adrienne Uebbing

Geöffnet montags bis freitags, von 9 bis 17 Uhr. Umsteigehilfen können vorab vereinbart werden, Telefon (0 39 31) 4 10 82 89

www.kirchenkreis-stendal.de/bahnhofsmission

nächste Seite »