Ungeliebtes Sakrament

26. Februar 2017 von redaktionguh  
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Deine Sünden sind dir vergeben, geh hin in Frieden« – diese Worte des Pfarrers am Ende der Beichte hatten für mich stets eine befreiende Wirkung. Im Sakrament der Buße konnte ich Gottes Vergebung unmittelbar erfahren.

Aufgewachsen im katholisch geprägten ländlichen Westfalen, gehörte die Beichte in meiner Kindheit und Jugend in den 1970er-Jahren zum Alltag. Aber trotz des guten Gefühls nachher war sie mir ein Gräuel. Das begann schon damit, dass man bei der »Gewissenserforschung« (anhand des »Gewissensspiegels« im Gesangbuch) nicht recht wusste, welche Sünden denn nun erwähnenswert waren. Als Neunjährige war ich damit einfach überfordert. Theologisch gesehen müssen wir nur schwere Verfehlungen, bei denen wir ganz bewusst gegen Gottes Gebote gehandelt haben, beichten. Doch was hat man als Kind schon an Sünden zu bieten? Deshalb begann ich meistens damit, um Vergebung zu bitten dafür, dass ich länger nicht bei der Beichte war …

Hinzu kam die Beichtstuhl-Situation: Man kniete, und hinter einem vergitterten Fensterchen neigte einem der alte Pfarrer (eine durchaus gefürchtete Respektsperson) sein Ohr, in das man seine Verfehlungen hineinflüsterte. Von einem vertrauensvollen Gespräch konnte da beim besten Willen nicht die Rede sein.

Nebenbei bemerkt: Die Beichte fand immer für den ganzen Schülerjahrgang statt, und so bekam wirklich jeder mit, wie viele »Vaterunser« oder »Ave Marias« einem als
Buße »aufgegeben« wurden und folglich, ob man viel gesündigt hatte.

Viele Katholiken verbinden mit der Beichte schlechte Erinnerungen und es wundert kaum, dass sie dieses Sakrament heute ablehnen und die Einladung Gottes nach Versöhnung, wenn, dann vorzugsweise in einem Bußgottesdienst annehmen.

Adrienne Uebbing

Ein Geben und Nehmen

5. Februar 2017 von redaktionguh  
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Es war eine zufällige Begegnung vor wenigen Tagen; und ich vermute, dass ich sie so bewusst wahrnahm, war der Tatsache geschuldet, dass wir für diese Ausgabe der Kirchenzeitung das Thema Inklusion eingeplant hatten.

Der junge Mann im Rollstuhl hatte die Straße überquert und fuhr unmittelbar vor mir auf den Gehweg, die Kapuze angesichts der Kälte tief ins Gesicht gezogen. Eine Weile bewegten wir uns gleichauf und ich gebe zu: Ich habe meine Schritte ein wenig gebremst, um nicht so offensichtlich vorauszueilen, wie das eine junge Frau tat, die uns mit weit ausladenden Schritten überholt hatte. Ich fand das irgendwie taktlos.

Nach etwa hundert Metern ging es auf dem Gehsteig wegen einer Tagesbaustelle nicht mehr weiter; ein Schild wies darauf hin, dass Fußgänger die Straßenseite wechseln sollten. Ich sah, dass das für den Rollstuhlfahrer nicht einfach werden würde, diverse Stolperfallen wie Baumwurzeln, unbefestigter Boden und ein Bordstein versperrten den Weg.

Beide hatten wir vor dem Hindernis gestoppt. Und nun? Für einen kurzen Moment zögerte ich: Ist es »politisch korrekt«, ihn anzusprechen, oder wird er mein Hilfsangebot womöglich als herablassend empfinden, gar als Mitleidsgeste? Aber auf mein »Brauchen Sie Hilfe?« kam ein freundliches »Ja bitte!«. Und zusammen haben wir die unweg­same Stelle dann geschafft.

»In einer inklusiven Gesellschaft ist es normal, verschieden zu sein. Und davon profitieren wir alle: zum Beispiel durch den Abbau von Hürden, aber auch durch weniger Barrieren in den Köpfen, mehr Offenheit, Toleranz und ein besseres Miteinander«, heißt es auf der Homepage von »Aktion Mensch« zur Definition des Begriffs Inklusion.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Adrienne Uebbing

Hamstern ist angesagt

28. August 2016 von redaktionguh  
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Eine Meldung verbreitete sich dieser Tage wie ein Lauffeuer: »Die Bevölkerung wird angehalten, einen individuellen Vorrat an Lebensmitteln von zehn Tagen vorzuhalten«, heißt es im neuen Konzept der Bundesregierung für die zivile Verteidigung. Ein Aufruf zu Hamsterkäufen? Was wissen »die da oben«, was wir nicht wissen? Kritiker unterstellten bewusste Angstmache, und im Internet ließen die Spötter nicht lange auf sich warten: »Wie viele Hamster muss ich kaufen, und wie bereitet man sie zu?«, fragte ein Witzbold.

Doch Spaß beiseite: Was da gerade diskutiert wird, ist keineswegs neu. Nach dem Ende des Kalten Krieges ist die dringende Empfehlung im Zivilschutzgesetz lediglich in Vergessenheit geraten. Warum also dieser Wirbel um das Thema? Vielleicht, weil wir so daran gewöhnt sind, nahezu rund um die Uhr (und auch am Sonntag!) alles mehr oder weniger Lebensnotwendige erwerben zu können. Einen großen Stromausfall – verursacht beispielsweise durch extreme Wetterlagen – können und wollen wir uns gar nicht vorstellen: Kein Wasser kommt dann aus dem Hahn, Geräte, Internet und Handynetz funktionieren nicht, ebenso wenig Ampeln und Supermarktkassen; die Liste lässt sich endlos fortsetzen. Es ist also nur ein Gebot der Vernunft, in gewissem Maße Vorsorge zu treffen. Diesem Zweck dient das Notfall-Konzept. Und das tat es auch bisher schon, nicht mehr und nicht weniger.

Lassen wir uns nicht verunsichern, folgen wir einfach unserem gesunden Menschenverstand. Und vielleicht kommt ja der eine oder andere auch auf die Idee, das in den letzten Jahren so oft an den Bäumen verrottende Obst mal wieder einzukochen – nicht nur der vermeintlich bevorstehenden schlechten Zeiten wegen …

Adrienne Uebbing

Aufeinander zugehen

10. April 2016 von redaktionguh  
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Die zumeist älteren Anwohner waren darüber informiert, dass bald junge, unbegleitet nach Deutschland geflüchtete Afghanen in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft einziehen würden. Bei einigen hatte diese Nachricht Skepsis, Unbehagen und mitunter sogar Ablehnung ausgelöst. Wie soll das gehen? Auf der einen Seite Senioren, die ein idyllisches Zuhause für den dritten Lebensabschnitt für sich in Anspruch nehmen – auf der anderen Seite junge Menschen aus einem fremden Kulturkreis, geprägt durch oftmals tragische Fluchtgeschichten.

Nun war er also da, der Tag des Einzugs. Die Nachbarn waren eingeladen, es gab Kaffee und Kuchen, einige wagen die Kontaktaufnahme, kommen mit den Jugendlichen ins Gespräch. Alles in allem eine gelungene Willkommensveranstaltung, die ersten Hürden genommen.

Wenige Tage später trifft eine der Seniorinnen am Busbahnhof eine kleine Gruppe der Flüchtlinge. Sie grüßen freundlich – vielleicht froh darüber, ein halbwegs bekanntes Gesicht in der fremden Umgebung zu entdecken. Die Frau grüßt ihrerseits und gemeinsam geht es mit dem Bus nach Hause, erzählt die Frau wenig später ihrer Tochter. Und nach dem Aussteigen habe dann einer der jungen Leute ihre schwere Einkaufstasche genommen und sie bis zur Wohnungstür getragen: »Ist das nicht nett?«, fragt sie. Allerdings, denkt die Tochter.

Und dann hat sich die alte Dame daran gemacht, mehr über das Heimatland ihrer neuen Nachbarn zu erfahren. Im Internet recherchiert. Im Atlas nachgeschlagen, die Herkunftsorte der Geflüchteten herausgefunden. »Wusstest du eigentlich, was in Afghanistan los ist?«, fragt sie ihre Tochter. Und die hört zu, freut sich über den Wissensdurst ihrer betagten Mutter. Das Miteinander kann so einfach sein.

Adrienne Uebbing

Für Wolfgang war die Sache klar

22. Februar 2016 von redaktionguh  
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Anhaltgeschichte(n): Vor 450 Jahren starb in Zerbst ein Protestant der ersten Stunde

Anhalt brachte einen frühen Vorreiter für die Reformation im Reich hervor: Fürst Wolfgang (1492–1566). Eine Erinnerung.

Darf man dem Herzenswunsche Tausender sein Ohr verschließen? Darf ein Landesherr sein Volk um seiner Seele Heil betrügen? – Doch ist der Kaiser nicht des Landes Vater?«

1892, aus Anlass des 400. Geburtstags des Titelhelden, veröffentlichte der Bernburger Oberpfarrer Karl Windschild ein »geschichtliches Volksschauspiel« unter dem Titel »Fürst Wolfgang von Anhalt«. Die Worte, die Windschild seinem Helden hier in den Mund legte, spiegeln die Situation gut wider, in der dieser sich 1524 befand: Luthers Lehre hatte überall im Reich, vor allem in den Städten, Anhänger gefunden. In Anhalt hatten die Bürger von Zerbst 1522 begonnen, sich eine evangelische Kirche aufzubauen.

Wolfgang erkannte früh, dass er sich dem »Herzenswunsch« der Zerbster nicht verschließen könne. Seine Schwester hatte 1513 Herzog Johann von Sachsen geheiratet. Er selbst stand als Geheimer Rat in kursächsischen Diensten. Diese Beziehung nach Wittenberg war grundlegend für seinen Zugang zu Luthers Lehre. Doch welche Konsequenzen waren daraus zu ziehen? Es mangelte erheblich an Glaubensgenossen unter seinesgleichen, die bereit waren, das Risiko Reformation einzugehen. Das galt auch für seine Dessauer Verwandtschaft: Luthers Lehre war auch ihr bedenkenswert – aber der Kaiser hatte sie doch strengstens verboten! Und zeigte nicht der Bauernkrieg, wohin es führte, die Ordnung infrage zu stellen?

Blick auf die über 800-jährige Hof- und Stiftskirche St. Bartholomäi und den freistehenden Kirchturm, auch »Dicker Turm« genannt. In der Gruft der wurde Fürst Wolfgang beigesetzt. Foto: Adrienne Uebbing

Blick auf die über 800-jährige Hof- und Stiftskirche St. Bartholomäi und den freistehenden Kirchturm, auch »Dicker Turm« genannt. In der Gruft der wurde Fürst Wolfgang beigesetzt. Foto: Adrienne Uebbing

Für Wolfgang war die Sache bald klar: Den Aufrührern war Einhalt zu gebieten, die evangelischen Bewegungen hingegen brauchten Unterstützung. Während Fürstin Margarethe 1525 mit dem Dessauer Bund ein Verteidigungsbündnis der Altgläubigen gründete, schloss er sich dem Torgauer Bund der Unterstützer Luthers an. Im Alleingang begann er, Kirchen zu visitieren; der Zweifel, ob nicht der Kaiser »des Landes Vater sei«, hielt ihn davon nicht ab. 1527 verlieh Wolfgang der Stadt Köthen die erste evangelische Kirchenordnung Anhalts. Im Gefolge seines Schwagers nahm er am Reichstag 1529 teil. Hier gehörte er zu den Unterzeichnern der Protestation von Speyer. Zwei Jahre später setzte er seine Unterschrift unter die Confessio Augustana, die bis heute Gültigkeit besitzt. Wolfgang hatte damit Teil an wahrhaft historischen Ereignissen. Gegen die Übermacht des Kaisers und der Mehrzahl der Reichsstände wurden damals Grundlagen dafür gelegt, dass die Predigt des reinen Evangeliums keine Episode blieb. Seitdem ging es auch in Anhalt verstärkt um den Aufbau einer evangelischen Kirche. Seit etwa 1534 waren auch Wolfgangs Vettern in Dessau daran beteiligt.

Die Aufmerksamkeit, die Autoren wie Windschild dem Fürsten Wolfgang im 19. Jahrhundert entgegenbrachten, war groß: Staat, Kirche und Gesellschaft betonten ihre evangelischen wie dynastischen Wurzeln. Während man in seinem Vetter Georg (1507–1553) den fürstlichen Theologen verehrte, habe Wolfgang, so Wilhelm Große 1855, als ein »Glaubens=Heldenstreiter« großes geleistet. Heute an ihn zu erinnern, darf nicht bedeuten, dieses Pathos wiederaufleben zu lassen. Das Interesse der Fürsten, mit den damals freigesetzten Ressourcen – etwa aus Klostergut oder bischöflichen Rechten – ihre Macht zu stärken, ist klar zu benennen. Wolfgangs Bemühungen, sich in Bernburg und Zerbst der Nachwelt in Erinnerung zu halten, sind Zeugnisse protestantischen Geistes, aber auch herrschaftlichen Selbstbewusstseins. Wolfgang fiel 1547 der Reichsacht anheim. Er verlor seine Herrschaft und ging ins Exil. Mit hundert Reitern war er dem Kurfürsten von Sachsen in den Schmalkaldischen Krieg gefolgt. Dass er in diesem Kampf für die evangelische Sache auch versucht hatte, sich die alte Grafschaft Aschersleben einzuverleiben – ja, auch dies sollte nicht unterschlagen werden.

Doch zu der möglichst differenzierten Sicht auf die Geschichte gehört stets die Frage, was sie uns heute sagen kann. Trotz erheblicher struktureller Defizite und gewaltiger mentaler Hindernisse stand Wolfgang für seine Überzeugung ein. Persönliche Bindungen waren hierfür zweifellos zentral. Kein geringerer als Martin Luther schrieb 1528 an Wolfgang: »Daß aber im Volke möchte ein Gemurmel werden auß solcher Neuerung, muß man wagen und Gott befehlen.« Zum Glauben gehört Mut – auch heute. Und sein eigentlicher Quell liegt außerhalb menschlichen Willens und Tuns.

Jan Brademann

Türen auf, nur Mut!

14. Februar 2016 von redaktionguh  
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Es ist mittlerweile fast eineinhalb Jahrzehnte her, und jeder von uns hat sicher seine ganz eigene Erinnerung an den 11. September 2001. Mir hat sich dieser Tag fest ins Gedächtnis eingebrannt: Es war der erste Schultag unserer Tochter, ein Tag, auf den wir uns alle gefreut hatten. Dann verbreitete sich die Nachricht vom Terroranschlag in New York wie ein Lauffeuer. Einer der ersten Gedanken in meiner Fassungslosigkeit und verzweifelten Suche nach Beistand war, die Kinder zu nehmen und gemeinsam zum Gebet in die Kirche zu gehen. Es war ein ganz tiefes Bedürfnis, eine Sehnsucht.

Die Kirche war zu, alle Türen verschlossen. Auch ein Amerikaner mit seinen Söhnen stand davor. Sein Bruder war fast wöchentlich auf den entführten Flug gebucht, wie er aufgewühlt erzählte. Wir liefen zum Pfarrer, der ahnungslos die Türe öffnete. Ohne viele Worte gab er uns den Schlüssel zur Kirche; kurze Zeit später kam er nach und mit ihm auch andere auf ihrer Suche nach der tröstlichen Gemeinschaft mit Gott.

An eben diese Situation musste ich angesichts des auf der Synode gefassten Beschlusses zur Öffnung der Kirchen denken. Sicher, der 11. September 2001 war ein globaler Ausnahmezustand, aber jeder kennt doch Momente, in denen er Gott in seinem Haus nahe sein möchte. Und nicht vor verschlossenen Türen stehen.

Vor diesem Hintergrund müssten offene Kirchen eigentlich selbstverständlich sein. Gotteshäuser laden Menschen zum Glauben ein. Und zum Staunen. Aber sie sind keine Museen mit festgelegten Öffnungszeiten.

Wagen wir als Christen die Öffnung – einen Versuch ist es allemal wert.

Adrienne Uebbing

Unsichere Zeiten für Eduard

13. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Der Familie Kaliqani in Tabarz droht die Abschiebung – trotz Gefahr für Leib und Leben

Erinnern Sie sich noch an unser »Schwimmkind« Eduard (G+H, Ausgabe 35, Seite 3)? Inzwischen droht dem Achtjährigen und seiner Familie, die vom Arbeitskreis »Asyl in Tabarz« betreut wird, täglich die Abschiebung in den Kosovo, ihr jetzt angeblich sicheres Herkunftsland.

Im Sommer hat der achtjährige Eduard schwimmen gelernt, jetzt droht ihm eine ungewisse Zukunft.

Im Sommer hat der achtjährige Eduard schwimmen gelernt, jetzt droht ihm eine ungewisse Zukunft.

Was mag das für ein Gefühl sein: Er hat fünf wunderbare Kinder und kann ihnen keine Sicherheit bieten. Er hat eine Frau, die – wie auch er – vor lauter Sorge kaum noch Schlaf findet. Er hat liebe Menschen, die ihm ein herzliches Willkommen in Tabarz bereitet haben, aber jetzt auch nicht mehr weiterwissen. Was mag das für ein Gefühl sein? Hilflosigkeit, Ohnmacht, Ausgeliefertsein, tiefe Traurigkeit, Panik, mitunter vielleicht auch Wut?

»Für mich bedeutet das wahrscheinlich den Tod«

Muhamet Kaliqani sieht erschöpft aus. Die Ungewissheit, ob seine siebenköpfige Familie in Deutschland wird bleiben dürfen, oder noch vor dem Weihnachtsfest zurück in den Kosovo muss, macht ihn fertig. Was wird er tun, wenn sie ausgewiesen werden? »Ich habe keinen Plan. Wenn wir gehen müssen, heißt das ›Plan Ende‹.« So einfach ist das. »Für mich bedeutet das wahrscheinlich den Tod«, fügt er leise hinzu.

Alle haben große Angst. Muhamet hat im Kosovokrieg für die Nato gearbeitet, er war als Dolmetscher dabei, als die Nato-geführte KFOR-Truppe nach Kriegsende Verstecke der UÇK-Kämpfer aushob, um deren Entwaffnung und Auflösung voranzutreiben. Das haben seine Landsleute nicht vergessen. Viele ehemalige UÇK-Kämpfer sitzen dort heute in Regierung und Verwaltung, nicht wenigen werden Verstrickungen in Waffen- und Drogenhandel oder Mafia-Kontakte nachgesagt. Korruption und Vetternwirtschaft sind an der Tagesordnung, Auftragsmorde keine Seltenheit.

Für Nationalisten gilt Muhamet als Verräter

Muhamet Kaliqani gilt in seinem Heimatland als Verräter – auch wenn er nur derjenige war, der die Worte der KFOR-Soldaten übersetzt hat. Es ist wie so oft; der Überbringer einer schlechten Nachricht wird stellvertretend für deren Ursache zur Verantwortung gezogen: Erst verlor er seine Besitztümer, dann wurden er und seine Familie massiv bedroht. Als es unerträglich und lebensgefährlich wurde, machte er sich auf den Weg – in der naiven Hoffnung, dass die, denen er seinerzeit geholfen hat, nun ihm und seiner Familie helfen würden.

Die Zeit arbeitete gegen Familie Kaliqani

Als sie im November 2014 nach Tabarz kamen, sah es gar nicht so düster für sie aus. Die Kinder gingen zur Schule, lernten Deutsch, schlossen Freundschaften, kamen zur Ruhe. In vorbildlicher Weise haben sich in Tabarz Bürger zur Hilfe für die Flüchtlinge bereitgefunden, der Arbeitskreis »Asyl in Tabarz« wurde gegründet.

Seither stellen Ehrenamtliche in Absprache und unterstützt von Stadt und Landkreis mit Kreativität und großem Idealismus ein beispielgebendes Hilfsangebot für die Asylbewerber auf die Beine. Das wurde kürzlich im Rahmen des Treffens zum ersten Jahrestag deutlich. Der zweite Beigeordnete des Landkreises Gotha, Thomas Fröhlich (CDU), sprach dabei von »hingebungsvoller Leidenschaft, wie sie ihresgleichen im Landkreis sucht«, und auch Bürgermeister David Ortmann (SPD) lobte vor den mehr als 100 Gästen im Tabarzer Kulturzentrum »Kukuna« den Arbeitskreis, dessen Leistung nicht hoch genug einzuschätzen sei.

Doch nun hat vermutlich die Zeit gegen Familie Kaliqani gespielt. Zu lange musste sie auf ihre Anhörung warten. Erst im Oktober diesen Jahres kam es dazu. Inzwischen wurde der Kosovo als sicheres Herkunftsland eingestuft. Die Quittung folgte auf dem Fuße: Nach der Anhörung kam am 31. Oktober die Ablehnung des Asylantrags, die Familie wurde aufgefordert auszureisen.

Mit keinem Wort wurde auf die Besonderheit von Muhamet Kaliqanis Fall aufgrund seiner Tätigkeit für die KFOR eingegangen, die faktische Gefahr für Leib und Leben im Falle einer Rückkehr. Die Ablehnung war ein 08/15-Schreiben, so Hanfried Victor, Pfarrer im Ruhestand. Es muss schnell gehen jetzt; zu viele Anträge müssen von zu wenigen Sachbearbeitern, sogenannten Entscheidern, abgearbeitet werden. Hätte es diese Schnelligkeit nur damals schon gegeben, vor einem Jahr, als der Kosovo noch nicht als sicher galt. Aber man hat die Familie warten lassen.

Die Abschiebung droht, trotz Berufung vor Gericht

Gegen den Ausreisebescheid haben die Kaliqanis mit großer persönlicher Unterstützung von Hanfried Victor und seinem »Asyl in Tabarz«-Team sowie einem Rechtsanwalt Berufung eingelegt. Termin für die Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht in Gera ist der 9. Dezember (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe). Doch die Gothaer Behörde wollte ungeachtet dieses Termins die Familie schon vorher abschieben.

Noch besteht Hoffnung auf einsichtige Richter

Noch bestehe Hoffnung. Er werde auch die Härtefallkommission anrufen, sagte Victor beim Jahrestagstreffen in Tabarz. Die Schulfreundinnen von Eduards Schwester Makfirete (15), Sophie und Sarah, haben Unterschriften gesammelt, es gibt auch eine Onlinepetition gegen die Abschiebung der Kaliqanis. Was sie noch tun können, fragen die engagierten jungen Mädchen hoffnungsvoll Thomas Fröhlich: »Ihr habt alles getan«, antwortet er. Jetzt könne man nur darauf hoffen, dass die Familie an einen Richter gerate, der Gespür für die besondere Situation der Kaliqanis habe und dafür, was sie »für die Nato und somit für uns auf sich genommen« haben.

Adrienne Uebbing

Onlinepetition:
www.openpetition.de/petition/online/kaliqanis-sollen-bleiben

Die guten Seelen von Gleis 1

7. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Gelebte Hilfsbereitschaft: Das Team der Bahnhofsmission Stendal erleichtert Reisenden das An- und Weiterkommen

Es gibt Menschen, die durch ihre Herzlichkeit berühren. Dazu gehört zweifelsohne Patricia Kalz, Leiterin der evangelischen Bahnhofsmission in Stendal.

Wer am Bahnhof Stendal ankommt und Hilfe braucht, ist bei Patricia Kalz und ihren neun ehrenamtlichen Mitstreitern gut aufgehoben. Ob sie eine Umsteigehilfe benötigen – das sind die meisten, denn es gibt keine Aufzüge – oder von einem Zugbegleiter mit Sack und Pack auf dem Bahnsteig abgesetzt worden sind; ob sie nicht lesen können oder als Flüchtlinge die deutsche Sprache noch nicht beherrschen: Für die guten Seelen der Bahnhofsmission gibt es keine »Mission impossible« (unlösbare Aufgabe), sie finden immer einen Weg.

So viele Helfer auf einmal – das ist auch für Sigrid Hain (2. v. re) außergewöhnlich. Sie fährt regelmäßig über Stendal und nimmt dort die Umsteigehilfe des Teams der Bahnhofsmission in Anspruch: Manfred und Patricia sowie Sabine Kalz, dahinter Eddi Perez (Mitarbeiter der Bundesbahn) und »Bufdi« Vanessa Dieme (v. li. n. re.). Foto: Adrienne Uebbing

So viele Helfer auf einmal – das ist auch für Sigrid Hain (2. v. re) außergewöhnlich. Sie fährt regelmäßig über Stendal und nimmt dort die Umsteigehilfe des Teams der Bahnhofsmission in Anspruch: Manfred und Patricia sowie Sabine Kalz, dahinter Eddi Perez (Mitarbeiter der Bundesbahn) und »Bufdi« Vanessa Dieme (v. li. n. re.). Foto: Adrienne Uebbing

Das Ehepaar Kalz könnte eigentlich den Ruhestand genießen. Acht Kinder haben die beiden gemeinsam großgezogen; mit 49 Jahren machte Patricia Kalz – »mal eben« – noch den LKW-Führerschein und fuhr mit einem 40-Tonner im Dienst einer Spedition kreuz und quer durch Europa. Ihr Mann war da schon einige Jahre als Kraftfahrer unterwegs. Kurze Zeit saßen sie auch Seite an Seite im Fahrerhaus.

Für den ruhigen Lebensabend war schon ein Wohnwagen angeschafft, um ohne Zeitdruck auf große Tour zu gehen. »Den haben wir aber schnell wieder verkauft«, erzählt Manfred Kalz. Die Eheleute sind eine Frau und ein Mann der Tat; das merkt man, wenn man mit ihnen spricht. Sie seien ein Leben lang arbeiten gewöhnt, da kam Müßiggang irgendwie nicht infrage. Und es gibt auch einen spirituellen Hintergrund für ihr Engagement in der Bahnhofsmission: »Im Gebet höre ich Gott, wie er mir sagt: Da will ich dich jetzt haben, da brauche ich dich.« Dieses Gottvertrauen trage sie, trotz einiger Schicksalsschläge, da sind sich beide einig.

Als Gemeindeleiterin Dorothee Oesemann von der Evangelisch-freikirchlichen Gemeinde Stendal, der das Ehepaar angehört, sie 2011 für die Bahnhofsmission angeworben hat, konnten sie sich »ehrlich gesagt, gar nichts darunter vorstellen«. Zwischenzeitlich hatte Patricia Kalz Praktika bei verschiedenen diakonischen Einrichtungen absolviert, rückblickend eine gute Vorbereitung für ihre Arbeit. Denn oft haben sie es an Gleis 1 mit Menschen am Rande der Gesellschaft zu tun, mit Gestrandeten. Als nach einem Jahr Mitarbeit die Bitte an sie herangetragen wurde, die Leitung der Stendaler Bahnhofsmission zu übernehmen, habe sie zunächst abgewinkt. Und doch stellte sie sich schließlich der Herausforderung.

»Mein Leben ist ein Roman«, sagt Patricia Kalz lachend – und dank ihres Engagements bei der Bahnhofsmission kann sie dem noch so manches Kapitel hinzufügen. Sie erzählt von einem Niederländer, der mit Koffer und Klapprad aus dem IC aus Berlin »flog«. Sein Fehler: Er hatte das Rad vorher nicht angemeldet. Ganz verzweifelt sei der gewesen, weil er doch ein Vorstellungsgespräch in Arnheim hatte, so Patricia Kalz. Glücklicherweise hatte der junge Mann eine großräumige Tasche dabei, in die das Rad passte. Derart verpackt, durfte er es im nächsten Zug als Handgepäck mitführen. Vorher hatte ihm Patricia Kalz allerdings noch mit viel Überzeugungskraft die Weiterfahrt erstritten. »Seine Zukunft hängt doch davon ab«, habe sie dem Zugbegleiter zugerufen, und der hatte ein Einsehen und nahm den Holländer mit.

Diese Momente, in denen sie ganz konkret helfen können, bestärken sie in ihrem Tun: »Ich stehe morgens mit einem guten Gefühl auf und schlafe abends mit einem guten Gefühl ein«, bringt es die 18-jährige Vanessa Dieme, die derzeit hier ihren Bundesfreiwilligendienst ableistet, auf den Punkt. Die junge Frau in der blauen Weste, die sie als Teil des Teams ausweist, strahlt: »Ich bin stolz darauf, in der Bahnhofsmission zu arbeiten!« Manchmal hat es auch etwas von Abenteuer, dieses Ehrenamt. Einmal habe sie einen Mann mit gesundheitlichen Problemen entgegen der Regel kurzerhand selbst ins Abteil gebracht, weil der Zugbegleiter nicht greifbar war, so Patricia Kalz. Zu dumm nur, dass sie dann nicht mehr rechtzeitig aus dem Zug kam und bis Wolfsburg mitfahren musste …

Ihre Wege und die der Hilfesuchenden kreuzen sich nur; es sind also Geschichten ohne Anfang und Ende, die die Mitarbeiter der Bahnhofsmission erleben. So erfuhren sie nie, ob der junge Holländer bei seiner Bewerbung erfolgreich war oder der kranke Fahrgast sein Ziel erreicht hat. Das sei eigentlich schade. Manchmal komme aber doch im Anschluss ein Anruf, ein Dankeschön. Und das freut die Frauen und Männer in den blauen Westen jedes Mal.

Adrienne Uebbing

Geöffnet montags bis freitags, von 9 bis 17 Uhr. Umsteigehilfen können vorab vereinbart werden, Telefon (0 39 31) 4 10 82 89

www.kirchenkreis-stendal.de/bahnhofsmission

Die Spaltung in der Gesellschaft

30. November 2015 von redaktionguh  
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Streitgespräch: Vom Umgang mit Ängsten und ungelösten politischen Fragen und wie wir uns kritisch damit auseinandersetzen lernen

Zwischen besorgten Bürgern und gefährlichen   Mitte-Extremisten. Wie gehen wir um mit den Ängsten, ob begründet oder unbegründet, und wo ist die Grenze zwischen berechtigter Sorge, Zukunftsangst und rechtem Populismus? Dr. Hans-Joachim Maaz, Psychiater und Psychoanalytiker aus Halle, spricht sich gegen eine Pauschalisierung von Pegida aus. Der streitbare Jenaer Jugendpfarrer Lothar König hält Populisten und Mitläufer in der aktuellen Flüchtlingsdebatte für gefährlicher als Rechtsextremisten. Maaz und König diskutierten miteinander, moderiert von Willi Wild.

Dr. Maaz, Sie fordern einen ernsthaften Umgang mit dem Unmut auf der Straße. Ihrer Meinung nach sind nur wenige, die bei Pegida mitlaufen, Rechtsextremisten. Geht Ihr Verständnis für die besorgten Wutbürger nicht etwas zu weit?
Maaz:
Im Gegenteil. Ich bin am meisten besorgt über die Spaltung in unserer Gesellschaft: also Pegida oder No-Pegida. Ich halte die Pauschalablehnung von Pegida für ziemlich starke Hetze. Die ist von den Politikern angezettelt worden. Sicher gibt es bei Pegida Personen, die nicht akzeptabel sind. Die Themen, die auf die Straße getragen werden, die sollten verstanden, analysiert und diskutiert werden. Außerdem sind einzelne Kritikpunkte, die Pegida vor einem halben Jahr genannt hat, mittlerweile ziemlich aktuell.

Herr König, Sie bezeichnen die Mitläufer als Mitte-Extremisten. Damit treffen Sie aber inzwischen eine große gesellschaftliche Gruppe?
König:
Mitte-Extremisten deshalb, weil wir in der Vergangenheit immer nur nach links und rechts geschaut haben. Mitte-Extremisten halte ich für am gefährlichsten, weil sie sich zurücklehnen und zu wenig reflektieren. Da haben wir dann die Gesellschaft, vor der Herr Maaz hier warnt.
Maaz: Wenn wir solche Worte wie Extremisten oder auch Nazis benutzen, besteht immer die Gefahr, dass man glaubt, mit so einer abwertenden Bezeichnung habe man das Problem erfasst. Wir müssten uns vielmehr mit den Gründen befassen, warum sich Menschen zu Extremisten entwickeln oderextremistische Positionen vertreten?

Ist es nicht Zeichen einer Demokratie, Unmut und Angst in Demonstrationen zu äußern, ohne dass man gleich in eine Extremistenecke gestellt wird?
Maaz:
Ja selbstverständlich. Pegida ist allerdings von Anfang an überhaupt nicht ernst genommen worden. Es gehört zu unseren demokratischen Grundregeln, dass man protestieren kann, dass man eine Meinung hat und dass man über Meinungen streiten kann und muss. Aber genau das hat die Politik kritisiert.
König: Wir demonstrieren und sagen die Meinung, streiten miteinander und versuchen auf einen Nenner zu kommen. Das ist das eine. Aber wir leben hier in einer Welt, die ist von Gewalt geprägt ist. Auch wenn Politiker uns etwas anderes erzählen wollen, kein Mensch ist gewaltfrei. Ich bin noch dabei zu lernen, wie es dem Herrn Jesus gelungen ist, gewaltfrei und friedlich mit der Peitsche die Leute aus dem Tempel zu prügeln. Ja, da findet Gewalt statt. Und wir brauchten eine Gewaltdebatte, vor allen Dingen von den Theologen. Wir leben halt nicht im Himmelreich. Das ist eine Zielvorstellung.
Maaz: Ich möchte dem sehr zustimmen, Herr König. Ich spreche von einer strukturellen Gewalt in der Gesellschaft. Wir brauchen eine Gewaltdebatte, wo wir uns fragen: Wie entsteht Gewalt, woher kommt das, was sind soziale und auch seelische Probleme, die zu Gewalt führen und wie kann man damit umgehen? Was kann man tun, damit Gewalt nicht ständig wächst und ausufert?
König: Eine der Grundlagen unseres jüdisch-christlichen Glaubens ist der Psalm 23, der fängt an: »Der Herr ist mein Hirte.« Pegida und andere Unzufriedene, die sich zu kurz gekommen fühlen, sagen: Niemand behütet mich! Wenn ich Menschen treffe, die Angst haben, dann sage ich, das brauchst du nicht. Komm, wir gehen ein Stück zusammen.

Mal im Dunkeln, mal hell erleuchtet. Der Erfurter Domplatz wird häufig für Demonstrationen genutzt, wie hier durch das neugegründete Bündnis für Mitmenschlichkeit für ein weltoffenes, tolerantes Thüringen. In dem Bündnis soll das zivilgesellschaftliche Engagement von 175 Gruppen gebündelt werden. Foto: Adrienne Uebbing

Mal im Dunkeln, mal hell erleuchtet. Der Erfurter Domplatz wird häufig für Demonstrationen genutzt, wie hier durch das neugegründete Bündnis für Mitmenschlichkeit für ein weltoffenes, tolerantes Thüringen. In dem Bündnis soll das zivilgesellschaftliche Engagement von 175 Gruppen gebündelt werden. Foto: Adrienne Uebbing

Wenn Sie zu diesen Menschen sagen, dass sie Mitte-Extremisten sind, wirkt das vertrauensbildend?
König:
Das eine ist die seelsorgerliche und das andere die politische Seite. Die Pegida-Demonstrationen in Dresden haben klein angefangen. Man hat sie laufen lassen. Kein Schwein hat das interessiert. Wenn ich sehe, was sich für Neonazis in Dresden unter die Demonstranten mischen, da haben wir als laue Christen – wie es Luther ausdrückt – versagt. Ich habe mitbekommen, wie dann am Rande Menschen gejagt worden sind, die irgendwie anders aussahen. Da ist für mich eine Grenze überschritten, das geht gar nicht. Wenn es den kritischen Dialog gäbe, dann würde ich sofort einsteigen. Aber es geht nicht, dass hier Stimmung auf Kosten anderer gemacht wird. Ein Mensch ist immer erst mal eine Chance, eine Hoffnung.

Wie können wir denn zu einem gesunden Umgang miteinander kommen?
Maaz:
Man hat ja immer wieder versucht, das Gespräch zu führen. Das ist natürlich kaum möglich bei solchen Demonstrationen. Was wir machen können ist, dass wir anfangen, die Themen aufzugreifen, die ernsthaften Positionen und sie in einer größeren Öffentlichkeit diskutieren.
König: Was in Paris passiert ist und vielleicht demnächst in Deutschland passiert, das ist eine Rechnung, die wir geliefert bekommen, nicht für zehn Jahre falscher Politik, nicht für 50 Jahre, für mindestens 500 Jahre. Unser Abendland ist so reich geworden und wir haben jedes Maß verloren. Heute kriegen wir eine Rechnung präsentiert und niemand weiß, wie diese Rechnung zu bezahlen ist.

Auch in kirchlichen Kreisen gehen die Meinungen weit auseinander. Die Verantwortlichen in den Kirchenleitungen sagen – wie die Kanzlerin – wir schaffen das und alle sind willkommen. In den Gemeinden scheint es zunehmend zu rumoren, weil sich die Menschen alleingelassen fühlen.
König:
In der Kirche wird die Welt ständig schöngeredet. Die Verwerfungen in unserer Gesellschaft und in unserer Welt haben wir fast völlig aus dem Blick verloren. Wir sind kaum mehr konfliktbereit und schon gar nicht in der Lage zu streiten. Wir müssen auch thematisieren, wie viele menschenfeindliche Gedanken unter uns Christen vorhanden sind.
Maaz: Die Verantwortlichen vertreten eine Willkommenskultur und die Bevölkerung, die das entgegenzunehmen hat, spürt zunehmend die Überforderung und die eigentlich notwendige Begrenzung. Etwa 60 Millionen Menschen sind derzeit weltweit auf der Flucht. Die Gründe für Flüchtlinge zur Wahrnehmung des Asylrechtes werden wachsen. Wenn wir nicht die Aufnahme von Flüchtlingen begrenzen, ersticken wir irgendwann. Wir erkennen natürlich, dass wir wesentlichen Anteil haben mit unserer westlichen Lebensart, an der gewachsenen sozialen ungleichen Verteilung des Reichtums. Wir sollten vielmehr unseren Reichtum verwenden, um Armut vor Ort zu bekämpfen. Die Milliarden und vor allem unser technisches Know-how müssen aufgewendet werden, um wirksam die Armut zu bekämpfen und um Kriege zu verhindern.
König: Wir haben uns lange Zeit da wenig eingemischt. Das einzige was wir gemacht haben ist, unsere Waffen dorthin zu verkaufen. Jetzt wundern wir uns, dass mit den Waffen nicht Kartoffelanbau betrieben, sondern geschossen wird.
Maaz: Wir dürfen aber auch nicht verschweigen, dass in unserer Gesellschaft eine wachsende soziale Ungerechtigkeit existiert, die man nicht pauschal mit unserem Reichtum beruhigen kann. Wir müssen auch in unseren Gesellschaften um eine größere soziale Gerechtigkeit kämpfen.

Sie empfehlen den kritischen Dialog als Lernprozess. Was könnte das für Kirchen und Kirchengemeinden bedeuten?
Maaz:
Uns droht eine Spaltung zwischen den Obrigkeiten und der Gemeinde. In den Gemeinden müssen alle Probleme, alle Sorgen, alle Ängste tatsächlich angesprochen werden, ohne dass man gleich in eine Ecke von Fremdenfeindlichkeit oder Extremismus gestellt wird. Wenigstens in den Kirchen sollte Offenheit und Ehrlichkeit herrschen, damit konstruktive Kritik geübt werden kann.
König: Wir sollten wieder anfangen, das Evangelium zu predigen: Das Himmelreich ist nahegekommen. Sorgt euch nicht, werft alle Sorgen auf ihn. Und wir fangen an, hier zu leben und zu streiten, zu suchen und zu finden und Fehler zuzugestehen, Fehler zu korrigieren. Das ist, was uns stark macht.

Es gibt keinen Plan fürs Sterben

24. November 2015 von redaktionguh  
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Besuch im Hospiz Stendal zeigt: Vielfalt auch am Lebensende

Sie können anrührende und lebensbejahende Geschichten erzählen: Schwester Ramona Höppner-Nitsche, Pflegedienstleiterin im Evangelischen Hospiz Stendal, und Pfarrer Ulrich Paulsen, der die Bewohner – und bisweilen auch das Team – seelsorgerisch betreut. Schon viele Menschen haben die zwei auf ihrem letzten Weg, an ihren letzten Tagen, Wochen und Monaten begleitet und stellen fest: Es gibt keinen Plan für das Sterben. Da sind diejenigen, die »leicht sterben«, und die, die am Leben hängen – unabhängig davon, ob alt oder jung, vom Glauben getragen oder nicht. Das Sterben ist so groß in seiner Vielfalt wie das Leben in seiner Buntheit.

Im Hospiz Stendal werden die Menschen vorbehaltlos so angenommen, wie sie sind. Hier können sie ihren Rhythmus leben, die ihnen verbleibende Zeit bewusst erleben und gestalten. Sie erfahren Zuwendung, Verständnis, Geborgenheit und Respekt, äußern Wünsche, knüpfen Freundschaften und behalten ihre kostbare Selbstbestimmtheit. Die Themen Sterben und Tod stehen in dieser Gemeinschaft keineswegs im Mittelpunkt. Wichtiger sind vielen Bewohnern stattdessen beispielsweise gemeinsame Mahlzeiten, bei denen durch das Miteinander das Essen plötzlich wieder schmeckt.

Margaretha Spinder (Mitte) ist seit einigen Wochen Gast im Stendaler Hospiz. Ramona Höppner-Nitsche (re.) und Pfarrer Paulsen haben stets ein offenes Ohr für sie, bei ihnen findet sie Verständnis, Beistand, Fürsorge. Fotos: Adrienne Uebbing

Margaretha Spinder (Mitte) ist seit einigen Wochen Gast im Stendaler Hospiz. Ramona Höppner-Nitsche (re.) und Pfarrer Paulsen haben stets ein offenes Ohr für sie, bei ihnen findet sie Verständnis, Beistand, Fürsorge. Foto: Adrienne Uebbing

Entscheidend für die Lebensqualität ist in den meisten Fällen zudem die professionelle Behandlung von Schmerzen, Atemnot oder Angstzuständen.

Die pro Jahr etwa 100 Gäste im Hospiz kommen aus einem Umkreis von circa 60 Kilometern und werden von 13 Pflegekräften rund um die Uhr verlässlich, professionell und »mit großer Liebe und Fürsorge«, wie Pfarrer Paul­sen betont, versorgt. Ergänzt wird das stationäre Angebot durch ein Netzwerk von 60 ehrenamtlichen ambulanten Hospizhelfern (Paulsen: »ein Geschenk des Himmels«) sowie drei Mitarbeiter für die spezialisierte ambulante palliative Versorgung (SAPV).

Die Gründe für den Einzug ins sta­tionäre Hospiz sind vielfältig: Eine junge Mutter wünschte sich zum Beispiel, dass ihre Kinder sie in der häuslichen Umgebung in »gesunder« Erinnerung behalten, weil sie ja nach ihrem Tod dort weiter wohnen werden. Ein Vater, dessen längst erwachsene Kinder weit entfernt leben und beruflich stark eingespannt sind, wollte Entlastung für sie und für sich. Manchmal sind auch die Symptome einer Krankheit so stark, dass der Patient nicht zu Hause bleiben kann, weil niemand in seinem Umfeld mehr zur Ruhe kommt und die letzte gemeinsame Zeit eine nicht zu schulternde Belastung für alle zu werden droht. Überhaupt spiele die seelische Unterstützung der Angehörigen eine wichtige Rolle in der Hospizarbeit, so Schwester Ramona.

Fotos: Adrienne Uebbing

Foto: Adrienne Uebbing

Er fällt schwer, der Schritt über die Schwelle des Hospizes, doch: »Welch ein Segen, dass es dieses Haus gibt«, bringt es ein Eintrag im Buch der Erinnerung auf der Homepage auf den Punkt. Und eine Familie schreibt darin: »Durch die große Entfernung zwischen Stendal und unserem Wohnort (…) konnten wir nicht immer bei ihm sein und trotzdem wussten wir, dass er bei euch liebevoll umsorgt wird und nicht alleine ist.«
Eine große Rolle am Lebensende spielen Träume, so Pfarrer Paulsen. Doch mitunter seien es auch nur Kleinigkeiten, die einem Schwerstkranken wichtig sind. Da gab es zum Beispiel den älteren Herrn, der zum Sterben ins Hospiz kam und dessen Herzensanliegen es war, sein Auto vor dem Haus geparkt zu wissen. Angesichts der Irrationalität dieses Wunsches stieß er bei seinen Angehörigen auf Unverständnis, aber Pfarrer Paulsen fand eine Parklücke vor dem Hospiz und der Mann starb wenige Stunden später, ruhig und mit dem Autoschlüssel in seiner Hand.

Da war das Paar, das nach vielen Jahrzehnten ohne Trauschein nun heiraten wollte. Möglichst unbemerkt sollte das geschehen, so dass Schwester Ramona den Brautstrauß in einer Tüte ins Hospiz schmuggeln musste. Und auch wenn es zunächst den Anschein hatte, als verschlafe der Bräutigam die Zeremonie, belehrte er alle durch sein kraftvolles »Ja« eines Besseren.

Nicht selten sei auch detektivisches Gespür gefragt, zum Beispiel, wenn ein Gast den Wunsch äußert, ein klärendes Gespräch, eine Versöhnung mit jemandem herbeizuführen, mit dem er sich vor Jahren heillos zerstritten hat und dessen Verbleib er nicht kennt. Da hängt sich Schwester Ramona auch schon mal stundenlang ans Telefon, macht sich auf Spurensuche und lässt nicht locker, bis sie den für den Bewohner so wichtigen Kontakt hergestellt hat und dieser Frieden schließen kann. Sie sieht glücklich aus, als sie das erzählt.

Adrienne Uebbing

www.hospiz-stendal.de

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