Unsichere Zeiten für Eduard

13. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Der Familie Kaliqani in Tabarz droht die Abschiebung – trotz Gefahr für Leib und Leben

Erinnern Sie sich noch an unser »Schwimmkind« Eduard (G+H, Ausgabe 35, Seite 3)? Inzwischen droht dem Achtjährigen und seiner Familie, die vom Arbeitskreis »Asyl in Tabarz« betreut wird, täglich die Abschiebung in den Kosovo, ihr jetzt angeblich sicheres Herkunftsland.

Im Sommer hat der achtjährige Eduard schwimmen gelernt, jetzt droht ihm eine ungewisse Zukunft.

Im Sommer hat der achtjährige Eduard schwimmen gelernt, jetzt droht ihm eine ungewisse Zukunft.

Was mag das für ein Gefühl sein: Er hat fünf wunderbare Kinder und kann ihnen keine Sicherheit bieten. Er hat eine Frau, die – wie auch er – vor lauter Sorge kaum noch Schlaf findet. Er hat liebe Menschen, die ihm ein herzliches Willkommen in Tabarz bereitet haben, aber jetzt auch nicht mehr weiterwissen. Was mag das für ein Gefühl sein? Hilflosigkeit, Ohnmacht, Ausgeliefertsein, tiefe Traurigkeit, Panik, mitunter vielleicht auch Wut?

»Für mich bedeutet das wahrscheinlich den Tod«

Muhamet Kaliqani sieht erschöpft aus. Die Ungewissheit, ob seine siebenköpfige Familie in Deutschland wird bleiben dürfen, oder noch vor dem Weihnachtsfest zurück in den Kosovo muss, macht ihn fertig. Was wird er tun, wenn sie ausgewiesen werden? »Ich habe keinen Plan. Wenn wir gehen müssen, heißt das ›Plan Ende‹.« So einfach ist das. »Für mich bedeutet das wahrscheinlich den Tod«, fügt er leise hinzu.

Alle haben große Angst. Muhamet hat im Kosovokrieg für die Nato gearbeitet, er war als Dolmetscher dabei, als die Nato-geführte KFOR-Truppe nach Kriegsende Verstecke der UÇK-Kämpfer aushob, um deren Entwaffnung und Auflösung voranzutreiben. Das haben seine Landsleute nicht vergessen. Viele ehemalige UÇK-Kämpfer sitzen dort heute in Regierung und Verwaltung, nicht wenigen werden Verstrickungen in Waffen- und Drogenhandel oder Mafia-Kontakte nachgesagt. Korruption und Vetternwirtschaft sind an der Tagesordnung, Auftragsmorde keine Seltenheit.

Für Nationalisten gilt Muhamet als Verräter

Muhamet Kaliqani gilt in seinem Heimatland als Verräter – auch wenn er nur derjenige war, der die Worte der KFOR-Soldaten übersetzt hat. Es ist wie so oft; der Überbringer einer schlechten Nachricht wird stellvertretend für deren Ursache zur Verantwortung gezogen: Erst verlor er seine Besitztümer, dann wurden er und seine Familie massiv bedroht. Als es unerträglich und lebensgefährlich wurde, machte er sich auf den Weg – in der naiven Hoffnung, dass die, denen er seinerzeit geholfen hat, nun ihm und seiner Familie helfen würden.

Die Zeit arbeitete gegen Familie Kaliqani

Als sie im November 2014 nach Tabarz kamen, sah es gar nicht so düster für sie aus. Die Kinder gingen zur Schule, lernten Deutsch, schlossen Freundschaften, kamen zur Ruhe. In vorbildlicher Weise haben sich in Tabarz Bürger zur Hilfe für die Flüchtlinge bereitgefunden, der Arbeitskreis »Asyl in Tabarz« wurde gegründet.

Seither stellen Ehrenamtliche in Absprache und unterstützt von Stadt und Landkreis mit Kreativität und großem Idealismus ein beispielgebendes Hilfsangebot für die Asylbewerber auf die Beine. Das wurde kürzlich im Rahmen des Treffens zum ersten Jahrestag deutlich. Der zweite Beigeordnete des Landkreises Gotha, Thomas Fröhlich (CDU), sprach dabei von »hingebungsvoller Leidenschaft, wie sie ihresgleichen im Landkreis sucht«, und auch Bürgermeister David Ortmann (SPD) lobte vor den mehr als 100 Gästen im Tabarzer Kulturzentrum »Kukuna« den Arbeitskreis, dessen Leistung nicht hoch genug einzuschätzen sei.

Doch nun hat vermutlich die Zeit gegen Familie Kaliqani gespielt. Zu lange musste sie auf ihre Anhörung warten. Erst im Oktober diesen Jahres kam es dazu. Inzwischen wurde der Kosovo als sicheres Herkunftsland eingestuft. Die Quittung folgte auf dem Fuße: Nach der Anhörung kam am 31. Oktober die Ablehnung des Asylantrags, die Familie wurde aufgefordert auszureisen.

Mit keinem Wort wurde auf die Besonderheit von Muhamet Kaliqanis Fall aufgrund seiner Tätigkeit für die KFOR eingegangen, die faktische Gefahr für Leib und Leben im Falle einer Rückkehr. Die Ablehnung war ein 08/15-Schreiben, so Hanfried Victor, Pfarrer im Ruhestand. Es muss schnell gehen jetzt; zu viele Anträge müssen von zu wenigen Sachbearbeitern, sogenannten Entscheidern, abgearbeitet werden. Hätte es diese Schnelligkeit nur damals schon gegeben, vor einem Jahr, als der Kosovo noch nicht als sicher galt. Aber man hat die Familie warten lassen.

Die Abschiebung droht, trotz Berufung vor Gericht

Gegen den Ausreisebescheid haben die Kaliqanis mit großer persönlicher Unterstützung von Hanfried Victor und seinem »Asyl in Tabarz«-Team sowie einem Rechtsanwalt Berufung eingelegt. Termin für die Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht in Gera ist der 9. Dezember (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe). Doch die Gothaer Behörde wollte ungeachtet dieses Termins die Familie schon vorher abschieben.

Noch besteht Hoffnung auf einsichtige Richter

Noch bestehe Hoffnung. Er werde auch die Härtefallkommission anrufen, sagte Victor beim Jahrestagstreffen in Tabarz. Die Schulfreundinnen von Eduards Schwester Makfirete (15), Sophie und Sarah, haben Unterschriften gesammelt, es gibt auch eine Onlinepetition gegen die Abschiebung der Kaliqanis. Was sie noch tun können, fragen die engagierten jungen Mädchen hoffnungsvoll Thomas Fröhlich: »Ihr habt alles getan«, antwortet er. Jetzt könne man nur darauf hoffen, dass die Familie an einen Richter gerate, der Gespür für die besondere Situation der Kaliqanis habe und dafür, was sie »für die Nato und somit für uns auf sich genommen« haben.

Adrienne Uebbing

Onlinepetition:
www.openpetition.de/petition/online/kaliqanis-sollen-bleiben

Die guten Seelen von Gleis 1

7. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Gelebte Hilfsbereitschaft: Das Team der Bahnhofsmission Stendal erleichtert Reisenden das An- und Weiterkommen

Es gibt Menschen, die durch ihre Herzlichkeit berühren. Dazu gehört zweifelsohne Patricia Kalz, Leiterin der evangelischen Bahnhofsmission in Stendal.

Wer am Bahnhof Stendal ankommt und Hilfe braucht, ist bei Patricia Kalz und ihren neun ehrenamtlichen Mitstreitern gut aufgehoben. Ob sie eine Umsteigehilfe benötigen – das sind die meisten, denn es gibt keine Aufzüge – oder von einem Zugbegleiter mit Sack und Pack auf dem Bahnsteig abgesetzt worden sind; ob sie nicht lesen können oder als Flüchtlinge die deutsche Sprache noch nicht beherrschen: Für die guten Seelen der Bahnhofsmission gibt es keine »Mission impossible« (unlösbare Aufgabe), sie finden immer einen Weg.

So viele Helfer auf einmal – das ist auch für Sigrid Hain (2. v. re) außergewöhnlich. Sie fährt regelmäßig über Stendal und nimmt dort die Umsteigehilfe des Teams der Bahnhofsmission in Anspruch: Manfred und Patricia sowie Sabine Kalz, dahinter Eddi Perez (Mitarbeiter der Bundesbahn) und »Bufdi« Vanessa Dieme (v. li. n. re.). Foto: Adrienne Uebbing

So viele Helfer auf einmal – das ist auch für Sigrid Hain (2. v. re) außergewöhnlich. Sie fährt regelmäßig über Stendal und nimmt dort die Umsteigehilfe des Teams der Bahnhofsmission in Anspruch: Manfred und Patricia sowie Sabine Kalz, dahinter Eddi Perez (Mitarbeiter der Bundesbahn) und »Bufdi« Vanessa Dieme (v. li. n. re.). Foto: Adrienne Uebbing

Das Ehepaar Kalz könnte eigentlich den Ruhestand genießen. Acht Kinder haben die beiden gemeinsam großgezogen; mit 49 Jahren machte Patricia Kalz – »mal eben« – noch den LKW-Führerschein und fuhr mit einem 40-Tonner im Dienst einer Spedition kreuz und quer durch Europa. Ihr Mann war da schon einige Jahre als Kraftfahrer unterwegs. Kurze Zeit saßen sie auch Seite an Seite im Fahrerhaus.

Für den ruhigen Lebensabend war schon ein Wohnwagen angeschafft, um ohne Zeitdruck auf große Tour zu gehen. »Den haben wir aber schnell wieder verkauft«, erzählt Manfred Kalz. Die Eheleute sind eine Frau und ein Mann der Tat; das merkt man, wenn man mit ihnen spricht. Sie seien ein Leben lang arbeiten gewöhnt, da kam Müßiggang irgendwie nicht infrage. Und es gibt auch einen spirituellen Hintergrund für ihr Engagement in der Bahnhofsmission: »Im Gebet höre ich Gott, wie er mir sagt: Da will ich dich jetzt haben, da brauche ich dich.« Dieses Gottvertrauen trage sie, trotz einiger Schicksalsschläge, da sind sich beide einig.

Als Gemeindeleiterin Dorothee Oesemann von der Evangelisch-freikirchlichen Gemeinde Stendal, der das Ehepaar angehört, sie 2011 für die Bahnhofsmission angeworben hat, konnten sie sich »ehrlich gesagt, gar nichts darunter vorstellen«. Zwischenzeitlich hatte Patricia Kalz Praktika bei verschiedenen diakonischen Einrichtungen absolviert, rückblickend eine gute Vorbereitung für ihre Arbeit. Denn oft haben sie es an Gleis 1 mit Menschen am Rande der Gesellschaft zu tun, mit Gestrandeten. Als nach einem Jahr Mitarbeit die Bitte an sie herangetragen wurde, die Leitung der Stendaler Bahnhofsmission zu übernehmen, habe sie zunächst abgewinkt. Und doch stellte sie sich schließlich der Herausforderung.

»Mein Leben ist ein Roman«, sagt Patricia Kalz lachend – und dank ihres Engagements bei der Bahnhofsmission kann sie dem noch so manches Kapitel hinzufügen. Sie erzählt von einem Niederländer, der mit Koffer und Klapprad aus dem IC aus Berlin »flog«. Sein Fehler: Er hatte das Rad vorher nicht angemeldet. Ganz verzweifelt sei der gewesen, weil er doch ein Vorstellungsgespräch in Arnheim hatte, so Patricia Kalz. Glücklicherweise hatte der junge Mann eine großräumige Tasche dabei, in die das Rad passte. Derart verpackt, durfte er es im nächsten Zug als Handgepäck mitführen. Vorher hatte ihm Patricia Kalz allerdings noch mit viel Überzeugungskraft die Weiterfahrt erstritten. »Seine Zukunft hängt doch davon ab«, habe sie dem Zugbegleiter zugerufen, und der hatte ein Einsehen und nahm den Holländer mit.

Diese Momente, in denen sie ganz konkret helfen können, bestärken sie in ihrem Tun: »Ich stehe morgens mit einem guten Gefühl auf und schlafe abends mit einem guten Gefühl ein«, bringt es die 18-jährige Vanessa Dieme, die derzeit hier ihren Bundesfreiwilligendienst ableistet, auf den Punkt. Die junge Frau in der blauen Weste, die sie als Teil des Teams ausweist, strahlt: »Ich bin stolz darauf, in der Bahnhofsmission zu arbeiten!« Manchmal hat es auch etwas von Abenteuer, dieses Ehrenamt. Einmal habe sie einen Mann mit gesundheitlichen Problemen entgegen der Regel kurzerhand selbst ins Abteil gebracht, weil der Zugbegleiter nicht greifbar war, so Patricia Kalz. Zu dumm nur, dass sie dann nicht mehr rechtzeitig aus dem Zug kam und bis Wolfsburg mitfahren musste …

Ihre Wege und die der Hilfesuchenden kreuzen sich nur; es sind also Geschichten ohne Anfang und Ende, die die Mitarbeiter der Bahnhofsmission erleben. So erfuhren sie nie, ob der junge Holländer bei seiner Bewerbung erfolgreich war oder der kranke Fahrgast sein Ziel erreicht hat. Das sei eigentlich schade. Manchmal komme aber doch im Anschluss ein Anruf, ein Dankeschön. Und das freut die Frauen und Männer in den blauen Westen jedes Mal.

Adrienne Uebbing

Geöffnet montags bis freitags, von 9 bis 17 Uhr. Umsteigehilfen können vorab vereinbart werden, Telefon (0 39 31) 4 10 82 89

www.kirchenkreis-stendal.de/bahnhofsmission

Die Spaltung in der Gesellschaft

30. November 2015 von redaktionguh  
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Streitgespräch: Vom Umgang mit Ängsten und ungelösten politischen Fragen und wie wir uns kritisch damit auseinandersetzen lernen

Zwischen besorgten Bürgern und gefährlichen   Mitte-Extremisten. Wie gehen wir um mit den Ängsten, ob begründet oder unbegründet, und wo ist die Grenze zwischen berechtigter Sorge, Zukunftsangst und rechtem Populismus? Dr. Hans-Joachim Maaz, Psychiater und Psychoanalytiker aus Halle, spricht sich gegen eine Pauschalisierung von Pegida aus. Der streitbare Jenaer Jugendpfarrer Lothar König hält Populisten und Mitläufer in der aktuellen Flüchtlingsdebatte für gefährlicher als Rechtsextremisten. Maaz und König diskutierten miteinander, moderiert von Willi Wild.

Dr. Maaz, Sie fordern einen ernsthaften Umgang mit dem Unmut auf der Straße. Ihrer Meinung nach sind nur wenige, die bei Pegida mitlaufen, Rechtsextremisten. Geht Ihr Verständnis für die besorgten Wutbürger nicht etwas zu weit?
Maaz:
Im Gegenteil. Ich bin am meisten besorgt über die Spaltung in unserer Gesellschaft: also Pegida oder No-Pegida. Ich halte die Pauschalablehnung von Pegida für ziemlich starke Hetze. Die ist von den Politikern angezettelt worden. Sicher gibt es bei Pegida Personen, die nicht akzeptabel sind. Die Themen, die auf die Straße getragen werden, die sollten verstanden, analysiert und diskutiert werden. Außerdem sind einzelne Kritikpunkte, die Pegida vor einem halben Jahr genannt hat, mittlerweile ziemlich aktuell.

Herr König, Sie bezeichnen die Mitläufer als Mitte-Extremisten. Damit treffen Sie aber inzwischen eine große gesellschaftliche Gruppe?
König:
Mitte-Extremisten deshalb, weil wir in der Vergangenheit immer nur nach links und rechts geschaut haben. Mitte-Extremisten halte ich für am gefährlichsten, weil sie sich zurücklehnen und zu wenig reflektieren. Da haben wir dann die Gesellschaft, vor der Herr Maaz hier warnt.
Maaz: Wenn wir solche Worte wie Extremisten oder auch Nazis benutzen, besteht immer die Gefahr, dass man glaubt, mit so einer abwertenden Bezeichnung habe man das Problem erfasst. Wir müssten uns vielmehr mit den Gründen befassen, warum sich Menschen zu Extremisten entwickeln oderextremistische Positionen vertreten?

Ist es nicht Zeichen einer Demokratie, Unmut und Angst in Demonstrationen zu äußern, ohne dass man gleich in eine Extremistenecke gestellt wird?
Maaz:
Ja selbstverständlich. Pegida ist allerdings von Anfang an überhaupt nicht ernst genommen worden. Es gehört zu unseren demokratischen Grundregeln, dass man protestieren kann, dass man eine Meinung hat und dass man über Meinungen streiten kann und muss. Aber genau das hat die Politik kritisiert.
König: Wir demonstrieren und sagen die Meinung, streiten miteinander und versuchen auf einen Nenner zu kommen. Das ist das eine. Aber wir leben hier in einer Welt, die ist von Gewalt geprägt ist. Auch wenn Politiker uns etwas anderes erzählen wollen, kein Mensch ist gewaltfrei. Ich bin noch dabei zu lernen, wie es dem Herrn Jesus gelungen ist, gewaltfrei und friedlich mit der Peitsche die Leute aus dem Tempel zu prügeln. Ja, da findet Gewalt statt. Und wir brauchten eine Gewaltdebatte, vor allen Dingen von den Theologen. Wir leben halt nicht im Himmelreich. Das ist eine Zielvorstellung.
Maaz: Ich möchte dem sehr zustimmen, Herr König. Ich spreche von einer strukturellen Gewalt in der Gesellschaft. Wir brauchen eine Gewaltdebatte, wo wir uns fragen: Wie entsteht Gewalt, woher kommt das, was sind soziale und auch seelische Probleme, die zu Gewalt führen und wie kann man damit umgehen? Was kann man tun, damit Gewalt nicht ständig wächst und ausufert?
König: Eine der Grundlagen unseres jüdisch-christlichen Glaubens ist der Psalm 23, der fängt an: »Der Herr ist mein Hirte.« Pegida und andere Unzufriedene, die sich zu kurz gekommen fühlen, sagen: Niemand behütet mich! Wenn ich Menschen treffe, die Angst haben, dann sage ich, das brauchst du nicht. Komm, wir gehen ein Stück zusammen.

Mal im Dunkeln, mal hell erleuchtet. Der Erfurter Domplatz wird häufig für Demonstrationen genutzt, wie hier durch das neugegründete Bündnis für Mitmenschlichkeit für ein weltoffenes, tolerantes Thüringen. In dem Bündnis soll das zivilgesellschaftliche Engagement von 175 Gruppen gebündelt werden. Foto: Adrienne Uebbing

Mal im Dunkeln, mal hell erleuchtet. Der Erfurter Domplatz wird häufig für Demonstrationen genutzt, wie hier durch das neugegründete Bündnis für Mitmenschlichkeit für ein weltoffenes, tolerantes Thüringen. In dem Bündnis soll das zivilgesellschaftliche Engagement von 175 Gruppen gebündelt werden. Foto: Adrienne Uebbing

Wenn Sie zu diesen Menschen sagen, dass sie Mitte-Extremisten sind, wirkt das vertrauensbildend?
König:
Das eine ist die seelsorgerliche und das andere die politische Seite. Die Pegida-Demonstrationen in Dresden haben klein angefangen. Man hat sie laufen lassen. Kein Schwein hat das interessiert. Wenn ich sehe, was sich für Neonazis in Dresden unter die Demonstranten mischen, da haben wir als laue Christen – wie es Luther ausdrückt – versagt. Ich habe mitbekommen, wie dann am Rande Menschen gejagt worden sind, die irgendwie anders aussahen. Da ist für mich eine Grenze überschritten, das geht gar nicht. Wenn es den kritischen Dialog gäbe, dann würde ich sofort einsteigen. Aber es geht nicht, dass hier Stimmung auf Kosten anderer gemacht wird. Ein Mensch ist immer erst mal eine Chance, eine Hoffnung.

Wie können wir denn zu einem gesunden Umgang miteinander kommen?
Maaz:
Man hat ja immer wieder versucht, das Gespräch zu führen. Das ist natürlich kaum möglich bei solchen Demonstrationen. Was wir machen können ist, dass wir anfangen, die Themen aufzugreifen, die ernsthaften Positionen und sie in einer größeren Öffentlichkeit diskutieren.
König: Was in Paris passiert ist und vielleicht demnächst in Deutschland passiert, das ist eine Rechnung, die wir geliefert bekommen, nicht für zehn Jahre falscher Politik, nicht für 50 Jahre, für mindestens 500 Jahre. Unser Abendland ist so reich geworden und wir haben jedes Maß verloren. Heute kriegen wir eine Rechnung präsentiert und niemand weiß, wie diese Rechnung zu bezahlen ist.

Auch in kirchlichen Kreisen gehen die Meinungen weit auseinander. Die Verantwortlichen in den Kirchenleitungen sagen – wie die Kanzlerin – wir schaffen das und alle sind willkommen. In den Gemeinden scheint es zunehmend zu rumoren, weil sich die Menschen alleingelassen fühlen.
König:
In der Kirche wird die Welt ständig schöngeredet. Die Verwerfungen in unserer Gesellschaft und in unserer Welt haben wir fast völlig aus dem Blick verloren. Wir sind kaum mehr konfliktbereit und schon gar nicht in der Lage zu streiten. Wir müssen auch thematisieren, wie viele menschenfeindliche Gedanken unter uns Christen vorhanden sind.
Maaz: Die Verantwortlichen vertreten eine Willkommenskultur und die Bevölkerung, die das entgegenzunehmen hat, spürt zunehmend die Überforderung und die eigentlich notwendige Begrenzung. Etwa 60 Millionen Menschen sind derzeit weltweit auf der Flucht. Die Gründe für Flüchtlinge zur Wahrnehmung des Asylrechtes werden wachsen. Wenn wir nicht die Aufnahme von Flüchtlingen begrenzen, ersticken wir irgendwann. Wir erkennen natürlich, dass wir wesentlichen Anteil haben mit unserer westlichen Lebensart, an der gewachsenen sozialen ungleichen Verteilung des Reichtums. Wir sollten vielmehr unseren Reichtum verwenden, um Armut vor Ort zu bekämpfen. Die Milliarden und vor allem unser technisches Know-how müssen aufgewendet werden, um wirksam die Armut zu bekämpfen und um Kriege zu verhindern.
König: Wir haben uns lange Zeit da wenig eingemischt. Das einzige was wir gemacht haben ist, unsere Waffen dorthin zu verkaufen. Jetzt wundern wir uns, dass mit den Waffen nicht Kartoffelanbau betrieben, sondern geschossen wird.
Maaz: Wir dürfen aber auch nicht verschweigen, dass in unserer Gesellschaft eine wachsende soziale Ungerechtigkeit existiert, die man nicht pauschal mit unserem Reichtum beruhigen kann. Wir müssen auch in unseren Gesellschaften um eine größere soziale Gerechtigkeit kämpfen.

Sie empfehlen den kritischen Dialog als Lernprozess. Was könnte das für Kirchen und Kirchengemeinden bedeuten?
Maaz:
Uns droht eine Spaltung zwischen den Obrigkeiten und der Gemeinde. In den Gemeinden müssen alle Probleme, alle Sorgen, alle Ängste tatsächlich angesprochen werden, ohne dass man gleich in eine Ecke von Fremdenfeindlichkeit oder Extremismus gestellt wird. Wenigstens in den Kirchen sollte Offenheit und Ehrlichkeit herrschen, damit konstruktive Kritik geübt werden kann.
König: Wir sollten wieder anfangen, das Evangelium zu predigen: Das Himmelreich ist nahegekommen. Sorgt euch nicht, werft alle Sorgen auf ihn. Und wir fangen an, hier zu leben und zu streiten, zu suchen und zu finden und Fehler zuzugestehen, Fehler zu korrigieren. Das ist, was uns stark macht.

Es gibt keinen Plan fürs Sterben

24. November 2015 von redaktionguh  
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Besuch im Hospiz Stendal zeigt: Vielfalt auch am Lebensende

Sie können anrührende und lebensbejahende Geschichten erzählen: Schwester Ramona Höppner-Nitsche, Pflegedienstleiterin im Evangelischen Hospiz Stendal, und Pfarrer Ulrich Paulsen, der die Bewohner – und bisweilen auch das Team – seelsorgerisch betreut. Schon viele Menschen haben die zwei auf ihrem letzten Weg, an ihren letzten Tagen, Wochen und Monaten begleitet und stellen fest: Es gibt keinen Plan für das Sterben. Da sind diejenigen, die »leicht sterben«, und die, die am Leben hängen – unabhängig davon, ob alt oder jung, vom Glauben getragen oder nicht. Das Sterben ist so groß in seiner Vielfalt wie das Leben in seiner Buntheit.

Im Hospiz Stendal werden die Menschen vorbehaltlos so angenommen, wie sie sind. Hier können sie ihren Rhythmus leben, die ihnen verbleibende Zeit bewusst erleben und gestalten. Sie erfahren Zuwendung, Verständnis, Geborgenheit und Respekt, äußern Wünsche, knüpfen Freundschaften und behalten ihre kostbare Selbstbestimmtheit. Die Themen Sterben und Tod stehen in dieser Gemeinschaft keineswegs im Mittelpunkt. Wichtiger sind vielen Bewohnern stattdessen beispielsweise gemeinsame Mahlzeiten, bei denen durch das Miteinander das Essen plötzlich wieder schmeckt.

Margaretha Spinder (Mitte) ist seit einigen Wochen Gast im Stendaler Hospiz. Ramona Höppner-Nitsche (re.) und Pfarrer Paulsen haben stets ein offenes Ohr für sie, bei ihnen findet sie Verständnis, Beistand, Fürsorge. Fotos: Adrienne Uebbing

Margaretha Spinder (Mitte) ist seit einigen Wochen Gast im Stendaler Hospiz. Ramona Höppner-Nitsche (re.) und Pfarrer Paulsen haben stets ein offenes Ohr für sie, bei ihnen findet sie Verständnis, Beistand, Fürsorge. Foto: Adrienne Uebbing

Entscheidend für die Lebensqualität ist in den meisten Fällen zudem die professionelle Behandlung von Schmerzen, Atemnot oder Angstzuständen.

Die pro Jahr etwa 100 Gäste im Hospiz kommen aus einem Umkreis von circa 60 Kilometern und werden von 13 Pflegekräften rund um die Uhr verlässlich, professionell und »mit großer Liebe und Fürsorge«, wie Pfarrer Paul­sen betont, versorgt. Ergänzt wird das stationäre Angebot durch ein Netzwerk von 60 ehrenamtlichen ambulanten Hospizhelfern (Paulsen: »ein Geschenk des Himmels«) sowie drei Mitarbeiter für die spezialisierte ambulante palliative Versorgung (SAPV).

Die Gründe für den Einzug ins sta­tionäre Hospiz sind vielfältig: Eine junge Mutter wünschte sich zum Beispiel, dass ihre Kinder sie in der häuslichen Umgebung in »gesunder« Erinnerung behalten, weil sie ja nach ihrem Tod dort weiter wohnen werden. Ein Vater, dessen längst erwachsene Kinder weit entfernt leben und beruflich stark eingespannt sind, wollte Entlastung für sie und für sich. Manchmal sind auch die Symptome einer Krankheit so stark, dass der Patient nicht zu Hause bleiben kann, weil niemand in seinem Umfeld mehr zur Ruhe kommt und die letzte gemeinsame Zeit eine nicht zu schulternde Belastung für alle zu werden droht. Überhaupt spiele die seelische Unterstützung der Angehörigen eine wichtige Rolle in der Hospizarbeit, so Schwester Ramona.

Fotos: Adrienne Uebbing

Foto: Adrienne Uebbing

Er fällt schwer, der Schritt über die Schwelle des Hospizes, doch: »Welch ein Segen, dass es dieses Haus gibt«, bringt es ein Eintrag im Buch der Erinnerung auf der Homepage auf den Punkt. Und eine Familie schreibt darin: »Durch die große Entfernung zwischen Stendal und unserem Wohnort (…) konnten wir nicht immer bei ihm sein und trotzdem wussten wir, dass er bei euch liebevoll umsorgt wird und nicht alleine ist.«
Eine große Rolle am Lebensende spielen Träume, so Pfarrer Paulsen. Doch mitunter seien es auch nur Kleinigkeiten, die einem Schwerstkranken wichtig sind. Da gab es zum Beispiel den älteren Herrn, der zum Sterben ins Hospiz kam und dessen Herzensanliegen es war, sein Auto vor dem Haus geparkt zu wissen. Angesichts der Irrationalität dieses Wunsches stieß er bei seinen Angehörigen auf Unverständnis, aber Pfarrer Paulsen fand eine Parklücke vor dem Hospiz und der Mann starb wenige Stunden später, ruhig und mit dem Autoschlüssel in seiner Hand.

Da war das Paar, das nach vielen Jahrzehnten ohne Trauschein nun heiraten wollte. Möglichst unbemerkt sollte das geschehen, so dass Schwester Ramona den Brautstrauß in einer Tüte ins Hospiz schmuggeln musste. Und auch wenn es zunächst den Anschein hatte, als verschlafe der Bräutigam die Zeremonie, belehrte er alle durch sein kraftvolles »Ja« eines Besseren.

Nicht selten sei auch detektivisches Gespür gefragt, zum Beispiel, wenn ein Gast den Wunsch äußert, ein klärendes Gespräch, eine Versöhnung mit jemandem herbeizuführen, mit dem er sich vor Jahren heillos zerstritten hat und dessen Verbleib er nicht kennt. Da hängt sich Schwester Ramona auch schon mal stundenlang ans Telefon, macht sich auf Spurensuche und lässt nicht locker, bis sie den für den Bewohner so wichtigen Kontakt hergestellt hat und dieser Frieden schließen kann. Sie sieht glücklich aus, als sie das erzählt.

Adrienne Uebbing

www.hospiz-stendal.de

Halloween und »HalloLuther«

31. Oktober 2015 von redaktionguh  
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Reformationstag: Wie Gottesdienste attraktiver werden und was Kirchengemeinden von Halloween lernen können

Belebt die Konkurrenz das Geschäft? Gleich zwei Ereignisse stehen am 31. Oktober im Wettbewerb um Aufmerksamkeit.

Kaum sind die Sommerartikel aus den Schaufenstern verschwunden, ziehen dort die orangefarbenen Kürbisse und Schauerkostüme ein. Seit den 1990er Jahren wird der Brauch aus den USA hierzulande immer beliebter. Der Reformationstag scheint dagegen zu verblassen.

»Die zunehmende Konkurrenz durch Halloween ist natürlich für die Kirche eine Herausforderung, die ich aber nicht negativ bewerte. Sie hat uns wachgerüttelt und bringt die Gemeinden dazu, eigene Ideen zu finden, um diesen wichtigen Feiertag zu begehen«, erklärt Matthias Ansorg, Leiter des Gemeindedienstes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Er plädiert dafür, Halloween und seine Erscheinungsformen nicht zu bekämpfen, sondern die Bedürfnisse, die dahinter stecken, wahrzunehmen und darauf einzugehen.

Am 31. Oktober haben wir die Wahl: Süßes oder Saures! Grusel oder Gottesdienst! Wer hat das anziehendere Programm? Fotos: yellowj; Vladimir Jovanovic – fotolia.com; Montage: Adrienne Uebbing

Am 31. Oktober haben wir die Wahl: Süßes oder Saures! Grusel oder Gottesdienst! Wer hat das anziehendere Programm? Fotos: yellowj; Vladimir Jovanovic – fotolia.com; Montage: Adrienne Uebbing

»Wir leben in einer entzauberten Welt«, erklärt Matthias Ansorg das Sehnen der Menschen nach dem Geisterhaften wie bei »Harry Potter« oder »Herr der Ringe«. Auch der Glaube sei ein Geheimnis, das zu erforschen sich lohne. Oft komme Kirche zu nüchtern daher. Das müsse sich ändern, meint Ansorg. »Wir müssen wissen, was die Menschen attraktiv finden. Und eine gute Inszenierung ist einfach wichtig«, so der Theologe. Das sei bei den weihnachtlichen Krippenspielen ebenso wichtig wie beim Reformationsgottesdienst.

Eine gute Inszenierung erwartet vor allem die Besucher des Angebots »HalloLuther« im Erfurter Augustinerkloster. Seit mehr als fünf Jahren stellt Gemeindepädagogin Karin Eisbrenner mit ihren Mitstreitern ein Angebot für Familien auf die Beine, als Kontrastprogramm zum Halloween-Spektakel. »Unsere Veranstaltung hat zwei Aspekte. Zum einen wollen wir uns gemeinsam mit inhaltlichen Schwerpunkten von Luthers Lehre auseinandersetzen. Zum anderen soll es aber Spaß machen und vor allem die jüngeren Gäste begeistern«, erläutert Karin Eisbrenner.

Während sich im vergangenen Jahr alles um die Lutherrose drehte, steht an diesem Vorabend des Reformationstages Luthers Abendsegen im Zentrum. Was meinte Luther mit dem Abendsegen? Was sind heilige Engel und wovor beschützen sie uns? Bei der ersten Station im Augustinerkloster fertigen die Kinder mit Hilfe der Erwachsenen kleine Lichtengel, welche sie bei ihrem Zug durch die Stadt, vorbei an so vielen Lutherstätten, den Menschen schenken, denen sie begegnen. »Das bringt immer eine große Resonanz. Wenn die Kinder auf die Leute zugehen, ihnen ein Geschenk überreichen und ihnen freudig verkünden: morgen ist Reformationstag. Dann sind viele verblüfft, aber auch neugierig und wissbegierig«, berichtet Eisbrenner.

»Hallo Luther« hat in jedem Jahr etwa 150 Teilnehmer. »Es kommen viele Familien zu uns, die sich bewusst für dieses Angebot entscheiden und sagen, wir als Christen wollen den Reformationstag angemessen feiern und unseren Kindern etwas davon mitgeben, was das Ereignis bis heute für uns bedeutet«, erklärt die Gemeindepädagogin. Dabei gehe es nicht darum, Halloween zu verteufeln. »Halloween spielt mit Angst und Furcht. Aber gerade bei unserem diesjährigen Thema »Abendsegen« wird deutlich, Luther war gegen Angstmache. Er rechnet mit dem Bösen, aber er vertraut auf Gottes Zuspruch und Hilfe«, so Eisbrenner.

Die Botschaft des Reformationstages, die Gewissheit, von Gott geliebt und angenommen zu sein und zwar ohne jede Vorleistung, und die Veröffentlichung von Luthers Thesen vor fast 500 Jahren, solche Inhalte sind es, die die Kirche Halloween entgegenzusetzen vermag. »Wichtig ist es, diese Botschaft in Szene zu setzen. Da ist jede Gemeinde für sich gefordert. Der Gottesdienst ist ein Format, das dramaturgische Mittel bietet, um den Reformationstag angemessen und attraktiv zu gestalten«, so Matthias Ansorg.

Diana Steinbauer

Kommt Jubiläum von Jubeln?

31. Oktober 2015 von redaktionguh  
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Reformationstag: Trotz aller konfessionellen Unterschiede verbindet uns mehr, als uns trennt

Worum geht es am Reformationstag? Es gibt wahrlich keinen Grund, die Kirchenspaltung zu feiern. Wir können uns aber unserer Gemeinsamkeiten besinnen.

Im Jahre 1717, zum 200. Reformationsjubiläum, hat der Prorektor der damals jungen Universität Halle, der Jurist und Historiker Johann Peter Ludewig, in einer berühmten »Dica Jubileorum«, also einer »Anklagerede gegen die Jubiläen« darauf hingewiesen, dass Jubiläen zu feiern keine evangelische Eigenart sei. Luther selbst habe sie verworfen. Wollte man hingegen die Einrichtung eines Jubiläums mit dem Hinweis auf das sogenannte Jobeljahr, also das biblische Erlassjahr rechtfertigen, wie es bei Mose (3. Mose 25,8 ff.) beschrieben wird, dann hätte die Christenheit in eine kritische Prüfung der Situation einzutreten und Korrekturen vorzunehmen. Für das Jahr 1717 schreibt Ludewig: »Die gegenwärtige Lage des Protestantismus ist auch wahrlich nicht danach angetan, Jubelfeste zu feiern.«

Hat er oder hat er nicht? Martin Luther – auch als Playmobil-Figur der Renner – mit Hammer und den 95 Thesen vielleicht vor der Schlosskirche in Wittenberg? Foto: Adrienne Uebbing

Hat er oder hat er nicht? Martin Luther – auch als Playmobil-Figur der Renner – mit Hammer und den 95 Thesen vielleicht vor der Schlosskirche in Wittenberg? Foto: Adrienne Uebbing

Und heute? Sicher, es geht uns – auch als Kirche – viel besser als damals. Ja, wir danken Gott für die in der Reformation erfolgte Erneuerung unserer Kirche, die »Kirchenreinigung«, wie die Alten vor uns sagten.

Aber wir haben allen Grund, kritische Rückschau zu halten. Eine Folge der Reformation war eben die große Spaltung der Christenheit. Sie zog viel Unglück, Verfolgung und Vertreibung in ganz Europa nach sich. Tausende wurden zu Glaubensflüchtlingen. Der so schlimme Dreißigjährige Krieg hat damit unmittelbar zu tun. Hier haben Christen auf Christen eingeschlagen. Und danach hatten es Christen anderer Konfession dort besonders schwer, wo eine der Konfessionen die Mehrheit hatte. Das gilt für Katholiken, Lutheraner und Reformierte in nahezu gleicher Weise. Dass die evangelische Christenheit untereinander in eine schlimme Spaltung, ja Feindschaft zwischen »Lutheraner« und »Reformierte« zerfallen ist, hat das Ganze noch wesentlich erschwert.

Wir könnten – neben aller Freude über die reformatorische Erneuerung – auch heute kritische Rückschau halten und mit den Geschwistern der anderen christlichen Konfessionen unsere gemeinsame Schuldgeschichte aufzuarbeiten versuchen. Sollen wir also statt eines Jubiläums ein »Jobeljahr« begehen? Vermutlich ist das etwas viel verlangt, aber dass wir allen Grund haben, genau zu sehen, wie die kirchlichen Spaltungen unsere Verkündigung erschweren und behindern, ist wohl jedem deutlich.

Wie viele Menschen meinen heute, dass Religionen nur Stress und Krieg befördern? Viele denken sogar, dass die Welt friedlicher wäre wenn es überhaupt keine Religion gäbe. »Hört mir bloß auf mit Religion!«, sagen sie und stellen fest: »Die schlagen sich doch nur gegenseitig die Köpfe ein. Schaut nach Nordirland, nach Syrien und so weiter.« Hier im Osten Deutschlands können dann noch viele ergänzen: »Gott sei Dank, das mit der Religion haben wir in unserer Familie hinter uns.« Dass von Glauben und Religion Friedfertigkeit ausgeht, ist heute sehr schwer zu vermitteln und wohl eine der größten Herausforderung für unser Reden und Handeln.

Es ist also besonders wichtig, dass wir zeigen können: Trotz aller konfessionellen Unterschiede sind wir gemeinsam Christen. In den wesentlichen Punkten unseres Glaubens, wie sie unser Apostolisches Glaubensbekenntnis aufzählt, mit dem wir jeden Sonntag Gott loben, stimmen wir vollkommen überein. Wer so glaubt, kann mir kein Fremder sein, auch wenn es dann noch zu vielen eigenartigen Zusätzen gekommen ist. Wie nötig wir die gute Verständigung der Christen brauchen, zeigt die nächste große Herausforderung: Das Zusammenleben der Religionen, die »Ökumene der zweiten Art«.

Es gibt also viel zu tun im Blick auf unser Jubiläum 2017.

Axel Noack

Der Autor ist Professor für Kirchengeschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und war von 1997 bis 2008 Bischof der Kirchenprovinz Sachsen.

Ich bin für Sie da!

12. Oktober 2015 von redaktionguh  
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Glaube und Gesundheit: Wie kirchliche Mitarbeiter in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen Menschen begleiten

Klinikseelsorger begegnen Menschen meist in Krisen­situationen und begleiten sie aus ihrem Glauben und dem damit verbundenen Menschenbild heraus.

Es gebe mitunter die Situation, dass ein Patient erschrecke, wenn er zu ihm ins Zimmer kommt, erzählt Pfarrer Ulrich Paulsen, Krankenhausseelsorger am Johanniter-Krankenhaus Stendal: »Der Pfarrer kommt zu mir, steht es etwa so schlecht um mich?« Dann rücke er das zurecht und erkläre, dass er von einem Krankenzimmer zum nächsten gehe und zu Patienten komme – unabhängig davon, ob es einen konkreten Anlass gibt.

Bei seinem Gang über die Stationen bleibt er spätestens im dritten oder vierten Zimmer »hängen«, weil sein seelsorgerisches Angebot dort gern angenommen wird. Zum einen gibt es die Menschen, die sich durch seinen Besuch in ihrem Glauben und in ihrer Kirchenmitgliedschaft bestärkt sehen: »Gut, dass mich die Kirche auch hier begleitet«, hört er dann. Aber bei ungefähr 80 Prozent seiner Besuche erreicht er Menschen, die mit Kirche oder Glaube nicht vertraut sind: »Ihnen erkläre ich dann, dass ich in einem kirchlichen Krankenhaus ein Ohr für sie habe und für sie da bin.« Dadurch begegnet Ulrich Paulsen Menschen, die außerhalb der Klinik vielleicht nie Kontakt zur Kirche suchen würden, aber dankbar für dieses Angebot sind.

Auch konfessionell nicht gebundene Patienten schätzen die Krankenhausseelsorge. Foto: epd-bild/Werner Krüper

Auch konfessionell nicht gebundene Patienten schätzen die Krankenhausseelsorge. Foto: epd-bild/Werner Krüper

Krankenhausseelsorger tragen in ihrer Haltung etwas weiter von dem Gott, der mitgeht, mitleidet, der liebt und lebendig macht. Wer sich auf ein Gespräch mit einem Seelsorger einlasse, werde »bewusst oder unbewusst etwas von diesem mitgehenden Gott erahnen, vielleicht auch erhoffen und erwarten« – so fasst Kirchenrätin Ulrike Spengler, Referentin Seelsorge im Landeskirchenamt der EKM, die Chancen der Krankenhausseelsorge zusammen. Krankenhausseelsorge gehöre deshalb auch mit zum Kernauftrag der Kirche.

Das Angebot wird geschätzt: So hat die ablehnende Haltung von kirchenfernen Menschen auf das Seelsorgeangebot, laut Pfarrer Paulsen, deutlich abgenommen. Noch vor 15 Jahren habe er teilweise heftige Reaktionen zu spüren bekommen (»Kirche ist sowieso überholt, da will ich nichts von wissen, brauche ich nicht«). Das hat sich gewandelt. Kirche an sich werde in der Klinik von den Patienten mehr akzeptiert. Er führt das darauf zurück, dass es eine Reihe diakonischer Tätigkeiten gibt, die in der Bevölkerung wahrgenommen und gutgeheißen werden. Auch der Faktor Zeit spielt eine Rolle, denn immer seltener gibt es im Krankenhausalltag Zeit für Gespräche mit Patienten.

Kein Tag ist planbar. Zum einen gibt es für die Klinikseelsorger die »ad hoc«-Situationen, in denen sie sich zum Beispiel nach einem schweren Unfall in der Notfallaufnahme seelsorgerisch um den Verunglückten und die Angehörigen kümmern. Zum anderen sind sie echte Seelentröster, wenn als Kehrseite des »mündigen Patienten« dieser schonungslos mit einer schlimmen Diagnose konfrontiert wird; oft ohne Zeit, diese mit dem Arzt eingehend zu besprechen. In solchen Situationen, in denen einem Menschen der Boden unter den Füßen weggezogen wird, ist Ulrich Paulsen da: »Das ist auch die Chance der Klinikseelsorge, weil wir die Abläufe im Krankenhaus einschätzen und Brücken zwischen Ärzten, Pflegepersonal und Patienten bauen und ein weiteres Gespräch vermitteln können.«

Der Glaube stehe nicht immer im Vordergrund. »Da, wo ich es mit Menschen zu tun habe, die mir signalisieren, dass sie es nicht so mit Kirche und Glaube haben, da bin ich einfach der, der mit aushält, was im Moment gerade schwer ist. Ich biete aber auch an, dass wir am Ende des Gesprächs zusammen beten oder ich sie in meine Fürbitte aufnehme – das ist eine Variante, die auch Menschen dankbar annehmen, die es nicht gewohnt sind
zu beten.«

Adrienne Uebbing

Krankenhausseelsorge
In der EKM gibt es derzeit etwa 70 Pfarrerinnen und Pfarrer und ordinierte Gemeindepädagoginnen, die in der Krankenhausseelsorge tätig sind. Ein Drittel von ihnen sind Männer und zwei Drittel Frauen. Die meisten arbeiten in Teilzeitanstellungen, einige kombiniert mit ihrem Dienst im Gemeindepfarramt.


Augen hören, Hände sprechen

21. September 2015 von redaktionguh  
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Tag der Gehörlosen: Gehörlosen-Seelsorger sind Mittler zwischen den Welten

Den Internationalen Tag der Gehörlosen gibt es seit 1958 immer am letzten Sonntag im September. In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) will die Gehörlosen- und Schwerhörigenseelsorge zwischen Hörenden und Gehörlosen vermitteln.

Katharina Nitschke aus Schönebeck (Kirchenkreis Stendal) ist von Geburt an schwerhörig. Deshalb braucht sie zwei Hörgeräte. In der Schwerhörigenschule in Halle hat sie vor Jahren das sogenannte Absehen erlernt. Im begrenzten Umfang können sich Gehörlose oder Gehörgeschädigte gesprochene Sprache durch Absehen vom Mund erschließen. Das ist neben der Gebärdensprache eine Möglichkeit zu kommunizieren.

Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) war in früheren Jahren regelrecht verpönt. Erst 2002 gab es die politische Anerkennung. Dadurch wurde es möglich, mit Behörden in Gebärdensprache zu kommunizieren. Der Sprachausbau befindet sich im vollen Gange. Zu den rund 5 000 allgemeinen Gebärden kommen fast täglich neue Fachgebärden hinzu. Sie müssen, wie beispielsweise der Begriff »UN-Konvention«, neu erfunden werden. Große Konzerne lassen bereits ihre Internet-Seiten in DGS übersetzen. Selbst Banken nutzen sie für Kundengespräche. Laut einem Gerichtsurteil haben jetzt auch gehörlose Kinder in der Schule das Recht auf das Dolmetschen im Unterricht bekommen. 80 000 Menschen in Deutschland sind gehörlos, 16 Millionen sind den Angaben zufolge schwerhörig.

»Glaube und Heimat« in Gebärdensprache: Dolmetscherin Birthe Seyfarth aus Weimar übersetzt unseren Zeitungstitel. Naturgemäß kann ein Foto nur den Augenblick abbilden, obwohl es sich bei den Worten eigentlich jeweils um Bewegungsgebärden handelt. Zudem gibt es in der Gebärdensprache oft mehrere Gebärden für dieselben Worte. Fotos: Adrienne Uebbing

»Glaube und Heimat« in Gebärdensprache: Dolmetscherin Birthe Seyfarth aus Weimar übersetzt unseren Zeitungstitel. Naturgemäß kann ein Foto nur den Augenblick abbilden, obwohl es sich bei den Worten eigentlich jeweils um Bewegungsgebärden handelt. Zudem gibt es in der Gebärdensprache oft mehrere Gebärden für dieselben Worte. Fotos: Adrienne Uebbing

Elisabeth Strube, Landespfarrerin für Gehörlosen- und Hörgeschädigtenseelsorge im Norden der EKM, weiß um die Probleme. »Die Landeskirche kümmert sich seit Jahrzehnten um Gehörlose und Hörgeschädigte. Kirchliche Mitarbeiter haben Gebärden gelernt, um in der Sprache der Gehörlosen zu verkündigen.« Mit ihrem Konzept »Gottesdienst für die Augen« baut sie auf visuelle Elemente wie Pantomime und Bildershows. Die Liturgie ist verkürzt, der Musikanteil im Gottesdienst geringer. »Das ist ein zweisprachiger Gottesdienst, weil ich es wichtig finde, dass sich Hörende und Gehörlose in einer hörenden Welt wahrnehmen und nicht gegeneinander abgeschottet werden.«

Landespfarrer Andreas Konradt ist für den Süden der EKM zuständig. An 17 Orten werden regelmäßig Gottesdienste in Gebärdensprache gefeiert. Das sei zwar für die etwa 3 000 betroffenen Gemeindemitglieder ausreichend, aber Konradt wünscht sich dennoch: »Dass noch mehr Gottesdienst- und Seelsorgeorte folgen werden, um unserem Auftrag gerecht zu werden.« Pfarrerin Strube hat ein ähnliches Ziel: »In jedem Kirchenkreis soll es jährlich einen Gottesdienst für die Augen geben!«

In Halberstadt, seit mehr als einem Jahrhundert das Zentrum der Betreuung von Gehörlosen und Hörgeschädigten in Sachsen-Anhalt, kein Problem. Im Cochlear-Implant-Rehabilitationszentrum des dortigen Cecilienstiftes schätzt man die seelsorgerischen Angebote von Elisabeth Strube.  Ein Cochlea-Implantat ist eine elektronische Innenohrprothese für gehörlose oder hochgradig schwerhörige Patienten mit intaktem Hörnerv.

Die Gottesdienste in Laut- und Gebärdensprache beinhalten auch die Chance, Hörenden die Welt der Gehörlosen zu öffnen. »Taube Menschen können in diesem Gottesdienst die Gleichberechtigung ihrer Sprache erleben und gleichzeitig etwas von deren Schönheit und Vielschichtigkeit transportieren«, erläutert Elisabeth Strube. Das ist auch das Anliegen von Katharina Nitschke, die als Betroffene ehrenamtlich in der Schwerhörigenseelsorge tätig ist.

Mit einem ökumenischen Gottesdienst beginnt in Thüringen am Sonnabend, 26. September, 10.30 Uhr, eine zentrale Veranstaltung zum Gehörslosentag auf dem Gelände der Landesgartenschau in Schmalkalden.

Uwe Kraus

Der Honig der Kirchenbienen

7. September 2015 von redaktionguh  
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Schöpfungszeit: In den Wochen vor dem Erntedankfest feiern Kirchengemeinden Gottes Schöpfung

Die Schöpfungszeit vom 1. September bis Erntedank ist eine Initiative der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen. In Ballhausen steht das Schöpfungsfest im Zeichen ihrer Kirchenbienen.

Ballhausen im Kirchenkreis Mühlhausen hat eigenen Honig von Kirchenbienen. Und es ist beileibe keine Ausnahme. Bei der Recherche finden sich zahlreiche Beispiele für Kirchenbienen. Hintergrund ist unter anderem die aktuelle Entwicklung hin zum Stadtimker, so Christoph Victor, Pfarrer im Ruhestand und begeisterter Imker aus Weimar. »Eigentlich eine paradoxe Entwicklung«, so Victor. Aber angesichts der Monokulturen durch die großen landwirtschaftlichen Anbauflächen in den meisten ländlichen Gebieten fänden die Bienen, die über einen Flugradius von etwa vier Kilometer verfügen, in den von Mischkulturen geprägten stadtnahen Gebieten mehr Tracht, also Pflanzen, die besonders reichhaltig Nektar und Pollen erzeugen. Auch junge Menschen entdecken die Imkerei. So beobachte er, dass es wieder mehr Imker gibt, hingegen die Zahl der Bienenvölker sinkt.

Pfarrgärten sind oft eine perfekte Speisekammer für Bienen. Es ist wichtig, dass sie Pflanzen vorfinden, die reich an Nektar und Pollen sind. Foto: Adrienne Uebbing

Pfarrgärten sind oft eine perfekte Speisekammer für Bienen. Es ist wichtig, dass sie Pflanzen vorfinden, die reich an Nektar und Pollen sind. Foto: Adrienne Uebbing

Bilder aus China, wo aus Ermangelung der fleißigen Helfer Menschen die Bestäubung in den Obstplantagen und auf den Feldern mehr schlecht als recht übernehmen, sind eine Mahnung. Viele kennen das fälschlicherweise Albert Einstein zugeschriebene Zitat: »Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.« Denn Bienen spielen eine entscheidende Rolle in unserem Ökosystem und faszinieren mit ihren bis heute noch nicht abschließend erforschten Leistungen. Bienen und Kirche, die Verbindung ist nicht neu: Bereits in der Bibel wird oft auf Honig und auf die Bienen Bezug genommen. Imker haben zudem einen eigenen Schutzpatron, den heiligen Ambrosius. Um das Jahr 900 herum erlebten die Waldbienenhaltung (Zeidlerei) und die Bienenhaltung in den Klöstern eine Blütezeit. Für Altarkerzen und Votivgaben verwendet, bestand ein hoher Bedarf an Wachs. Honig und Wachs waren damals Zins- und Zahlungsmittel. In der vorreformatorischen Zeit durften in Kirchen und Klöstern ausschließlich Bienenwachskerzen abgebrannt werden, weil die Biene als Symbol für Jungfräulichkeit verehrt wurde. So benötigte allein die Wittenberger Schlosskirche jährlich rund 35 570 Pfund Bienenwachs. Christoph Victor hat dafür einen treffenden Begriff parat: »Die Bienen waren die Elektrizitätswerke des Mittelalters.«

Mit der Reformation wurde die Nachfrage nach Wachs spürbar geringer. Außerdem kamen durch die Handelsbeziehungen nach Übersee jährlich wachsende Mengen von Zucker nach Europa. Diese Einflüsse führten zu einem Niedergang der Zeidlerei, verstärkt durch die kriegerischen Ereignisse des 16. bis 18. Jahrhunderts.

Erst im 18. Jahrhundert kam es zu einer Neubewertung von Imkerei, zum einen als Unterstützung des verarmten Bauernstandes, zum anderen als Objekt wissenschaftlicher Betrachtungen. Es entstand eine Vielzahl bienenkundlicher Veröffentlichungen. Gerade die Landpfarrer hatten, nicht zuletzt aufgrund ihrer spärlichen Besoldung, großes Interesse an der Modernisierung der bäuerlichen Bienenhaltung.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben zwei Imker als Thüringer Bienenpfarrer Geschichte geschrieben: Ferdinand Gerstung (1860–1925) und August Ludwig (1867–1951). Es ist lohnenswert, sich über diese beiden Väter der modernen Imkerei im Deutschen Bienenmuseum in Weimar zu informieren. Von Ferdinand Gerstung ist folgendes Zitat überliefert: »Was nun aber die Bienenzucht besonders wertvoll macht und ihr das Gepräge einer edlen Naturliebhaberei gibt, das ist der Umstand, dass sie sich wie keine andere auch an das Gemüt des Menschen wendet.«

Adrienne Uebbing

Eduard lernt schwimmen

1. September 2015 von redaktionguh  
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Reportage: Im thüringischen Tabarz zeigt sich, wie eine lebendige Willkommenskultur für Asylbewerber aussehen kann

Neun Familien aus dem Balkanraum leben derzeit als Asylbewerber in Tabarz. Ein ehrenamtlicher Arbeitskreis kümmert sich um die Belange der häufig als »Wirtschaftsflüchtlinge« diskriminierten Menschen. Und macht die Erfahrung, dass der Einzelfall dann oft gar nicht so eindeutig ist.

Eduard lernt schwimmen. Er kommt aus dem Kosovo, ist acht Jahre alt und lebt mit seiner Familie seit November letzten Jahres in Tabarz. Unter seinen langen Wimpern schaut er ein wenig schüchtern, als er um acht Uhr morgens im Schwimmbad Friedrichroda ankommt. Er wirkt zaghaft, ganz anders als sein großer Bruder Shemai (11), der ihn an diesem Tag zum Schwimmkurs begleitet und mutig einen Kopfsprung wie aus dem Lehrbuch vom 3-Meter-Brett zum Besten gibt.

Doch heute traut sich auch Eduard: Nach einer Woche Schwimmkurs hüpft er erstmals beherzt vom Rand ins Becken, wo ihn Schwimmmeister Peter Liebau mit offenen Armen erwartet und für seinen Mut lobt: »Toll, Eduard!« Auch sein Bruder und Hanfried Victor vom Arbeitskreis »Asyl in Tabarz«, der ihn jeden Morgen zum Kurs bringt, jubeln. Dann geht es auf die Bahn. Geduldig korrigiert Peter Liebau die Beinarbeit seines Schützlings und ist zuversichtlich, dass Eduard schon bald ohne Hilfsmittel schwimmen wird.

Ein Arbeitskreis koordiniert die Hilfe für Flüchtlinge

Dass Eduard schwimmen lernen kann, noch dazu an diesem geschichtsträchtigen Ort – 1936 und 1940 trainierte in der heute denkmalgeschützten Anlage die deutsche Olympiamannschaft – hat er vielen Menschen zu verdanken: Dem Arbeitskreis »Asyl in Tabarz« mit Pfarrer i.R. Hanfried Victor und der engagierten Schulleiterin Sabine Geißler an der Spitze, der Gemeindeverwaltung und natürlich Schwimmmeister Liebau, der in seinen 37 Berufsjahren schon etlichen Menschen das nasse Element vertraut gemacht hat und der sich mit Eduard trotz sprachlicher Verständigungsschwierigkeiten bestens zu verstehen scheint.

Freunde geworden: Schwimmmeister Peter Liebau und der kleine Eduard aus dem Kosovo. Der Arbeitskreis Asyl in Tabarz zeigt, dass unvoreingenommenes Aufeinanderzugehen Vorurteile abbaut und Verständnis über Sprach- und Kulturbarrieren hinweg wachsen lässt. Fotos: Adrienne Uebbing

Freunde geworden: Schwimmmeister Peter Liebau und der kleine Eduard aus dem Kosovo. Der Arbeitskreis Asyl in Tabarz zeigt, dass unvoreingenommenes Aufeinanderzugehen Vorurteile abbaut und Verständnis über Sprach- und Kulturbarrieren hinweg wachsen lässt. Foto: Adrienne Uebbing

Im November 2014 kamen die ersten Familien aus den Balkanstaaten nach Tabarz. »Im Ort wusste keiner Bescheid und es existierte Hilflosigkeit auf allen Seiten«, so Hanfried Victor. Es gab spontane, oft noch unkoordinierte Hilfsaktionen, aber auch kritische Stimmen im Ort: Sowohl zu den Flüchtlingen als auch zur Situation und durchaus auch »über manchen, der sich engagiert«. Vor diesem Hintergrund kam es zur Gründung des Arbeitskreises »Asyl in Tabarz« mit dem erklärten Ziel, die diversen Hilfsaktionen zu bündeln, den Asylbewerbern bei der Bewältigung und Gestaltung des Alltags, bei der Beschaffung beispielsweise von Möbeln oder Kleidung zu helfen sowie Patenschaften für die Familien zu übernehmen, kurzum: Willkommenskultur zu üben und zu pflegen.

Eine Kleiderkammer, die allen Bürgern offensteht

Zurzeit leben neun Familien – 18 Erwachsene und 21 Kinder, bzw. Jugendliche – aus Serbien, Albanien und dem Kosovo in Tabarz. Je nach Familiengröße belegen sie eine Wohnung allein oder zwei Kleinfamilien teilen sich eine Bleibe. Die Tabarzer Wohnungsgesellschaft stellte dem Arbeitskreis im Wohnblock der Asylbewerber zwei Wohnungen kostenlos zur Verfügung, in denen unter anderen eine Kleiderkammer eingerichtet wurde, die übrigens allen bedürftigen Tabarzern offensteht.

Inzwischen gehören rund 25 Tabarzer Bürgerinnen und Bürger zum Arbeitskreis – die Kirchengemeinde ist durch den Pfarrer, einen Kirchenältesten und Gemeindeglieder vertreten, die Kommune durch den Bürgermeister und eine Mitarbeiterin des Rathauses. Auch der Sozialausschuss ist involviert. Die monatlichen Treffen dienen dem Erfahrungsaustausch, der Fortbildung und der Vorbereitung von Aktivitäten. Man stimmt sich mit vergleichbaren Arbeitskreisen der benachbarten Orte Friedrichroda und Waltershausen, mit dem Ausländerbeauftragten des Freistaates Thüringen sowie dem für alle Asylfragen zuständigen Zweiten Beigeordneten des Landkreises ab.

Zusätzlich gibt es noch einen Freundeskreis, der im Bedarfsfall für Einzelaktionen ansprechbar ist. In den monatlich erscheinenden Rathausinformationen und der Informationsbroschüre der Gemeinde berichtet der Arbeitskreis regelmäßig über aktuelle Entwicklungen.

Mit Transparenz gegen Gerüchte und Vorurteile

Solche Transparenz wirkt dem Entstehen von Gerüchten entgegen und baut Vorurteile ab. Das gemeinsame Engagement zeigt Wirkung und hat ganz wesentlich zum gegenseitigen Verständnis beigetragen. »Es gibt im Ort kaum mehr laute Stimmen gegen die Asylbewerber«, konstatiert Victor.

Auch zwischen den meisten Flüchtlingsfamilien hat sich ein gutes Miteinander etabliert: Ob beim Aufräumen rings um den Wohnblock, bei der – von drei Rentnern aus Tabarz unterstützten – Anlage eines »interkulturellen Blumenbeets« oder beim Straßenfest zum Ende des Ramadan.

Dank langfristiger ehrenamtlicher Unterstützung kann regelmäßiger Deutschunterricht für die Erwachsenen angeboten werden. Leider, so bemängelt Schulleiterin Sabine Geißler, gibt es derzeit und laut zuständigem Schulamt auch auf absehbare Zeit trotz der wachsenden Anzahl von ausländischen Kindern und Jugendlichen keine DaZ- (Deutsch als Zweitsprache) Lehrkraft für ihre Schule. Die Pädagogin hat kurzerhand die Unterrichtung der ausländischen Schüler selbst übernommen: »Man muss doch etwas tun!«

Über Eduard und seiner Familie hängt das Damoklesschwert der Abschiebung. Immer nur für einen Monat wird ihr Bleiberecht verlängert. Weil Vater Muhamet (42) im Kosovokrieg für die NATO als Dolmetscher für Englisch, Spanisch und Serbisch gearbeitet hat, galt er danach in seinem Heimatland als »Verräter«, wurde seines Hauses beraubt und bekam seit 1999 keine Arbeit. Die Familie fand seither nur Unterschlupf auf Zeit bei diversen Verwandten. 2014 kamen sie nach Deutschland und haben Asylantrag gestellt. Auch wenn Muhamet bisher nur wenig Deutsch spricht, ist er aufgrund seines sozialen Engagements und seiner Englisch-, Albanisch- und Serbischkenntnisse ein ganz wichtiger Ansprechpartner für die Belange der Flüchtlinge, und – unterstützt durch seinen schon fließend Deutsch sprechenden Sohn Shemai – für den Arbeitskreis eine enorme Hilfe.

»Sichere Herkunftsländer« sind nicht für jeden sicher

Die Chance, in Deutschland bleiben zu können, ist für Flüchtlinge vom Balkan sehr gering. In der aktuellen Diskussion werden sie zumeist als Wirtschaftsflüchtlinge abgestempelt. Solche pauschalen Urteile, die – so gestehen Hanfried Victor und Sabine Geißler freimütig ein, im ein oder anderen Fall tatsächlich zutreffen mögen – laufen an der Realität vorbei. Immer gibt es das Einzelschicksal, das es zu berücksichtigen gilt. Trotzdem, darin sind sich die beiden einig, müssen die Asylanträge deutlich schneller als bisher bearbeitet und die Entscheidung dann auch konsequent umgesetzt werden. Die Ungewissheit jedenfalls sei weder für die Betroffenen selbst noch für die Gesellschaft förderlich.

Wann endgültig über den Antrag von Eduards Familie entschieden wird, ist nicht absehbar. Der Kleine jedenfalls freut sich schon auf das neue Schuljahr. Mathe und Werken mag er besonders.

Adrienne Uebbing


Die Kindernachrichtensendung »logo!« des ZDF plant für diesen Sonnabend, 29. August, um 11 Uhr einen Beitrag zur Flüchtlingsarbeit in Tabarz.

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