Prost, Martin!

21. Mai 2017 von redaktionguh  
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Längst ist Martin Luther zur Marke geworden. Nicht nur als »markiger Typ mit markigen Sprüchen«, sondern auch als farbiger Lutherzwerg beziehungsweise als der Renner: Luther-Playmobil – mit Ersatzteiloption.

Was ist das Verramschen dessen, was uns wichtig, vielleicht gar noch heilig ist? Ein Christusfest soll gefeiert werden? Dies feiern wir doch ohnehin zu Weihnachten und zu Ostern. Ein zündender oder das Volk bewegender Gedanke ist wahrlich bisher nicht zu erkennen, so gut gemeint das alles sein mag.

Mag sein, dass nun unsere Urenkel lernen, dass das Jubiläum von 2017 die Selbstabschaffung des Protestantismus beschleunigt hätte. So schwarz zu sehen, besteht jedoch kein Anlass, schaut man sich die redliche Bemühung an, das Jubiläum zur Selbstbesinnung zu nutzen, den Finger auf die Wunden unserer Welt zu legen und zugleich auch unser Halleluja zu singen. Das Trutzige »ein gute Wehr und Waffen« ist uns sicher nicht erst seit Aleppo vergangen. Und der ökumenische Impuls ist bei allen Vorbereitungen erkennbar.
Luther war ein begeisterter Biertrinker und davon überzeugt: wenn er mit seinem Freunde Philippus in Wittenberg abends sein Wittenbergisch Bier getrunken habe, dann sei doch das Evangelium von allein in die ganze Welt gelaufen. Also: Prost, du wunderbarer Tischgeselle Martin Luther. Doch ein Bibelwort auf einem Bierdeckel ist wohl nicht der richtige Umgang mit dem, was uns im Innersten berührt und zum Äußersten befähigt.

Wenn wir das Evangelium hören und an uns heran- und in uns hineinlassen, dann ist das Wort von Martin Niemöller noch nicht ganz vergessen: »Was würde Jesus dazu sagen?«

Friedrich Schorlemmer

Könnt ihr für uns beten?

23. September 2016 von redaktionguh  
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Syrien: Der Krieg wird immer schlimmer. Von Demokratie redet kaum noch jemand. Der evangelische Pfarrer von Aleppo hat nur noch eine Hoffnung. Und eine Bitte.

Am letzten Donnerstag im August gegen 11.45 Uhr erlebte Pfarrer Haroutune Selimian ein Wunder. Wieder eines. Mit Gas­flaschen gefüllte Raketen schlugen in der Nähe seiner armenisch-evangelischen Bethel-Kirche und ihrer Schule ein. Sechs Einwohner in der Nachbarschaft töteten sie. Aber in der evangelischen Kirche gingen nur farbige Fenster zu Bruch und die Schulbüros wurden verwüstet.

Unsagbares Leid. Nach einem Bombenangriff wird ein verletzter Junge aus einem eingestürzten Gebäude in Aleppo geborgen (Foto). In Aleppo sind 275 000 Menschen von der Versorgung abgeschnitten. Hilfslieferungen hängen an der türkisch-syrischen Grenze fest. Foto: picture alliance/abaca

Unsagbares Leid. Nach einem Bombenangriff wird ein verletzter Junge aus einem eingestürzten Gebäude in Aleppo geborgen (Foto). In Aleppo sind 275 000 Menschen von der Versorgung abgeschnitten. Hilfslieferungen hängen an der türkisch-syrischen Grenze fest. Foto: picture alliance/abaca

»Gott beschützte sein Haus«, schreibt Pfarrer Selimian danach. »Aber Sie können sich vorstellen, wie sich die Lehrer, Mitarbeiter und Schüler gefühlt haben, als sie die Raketen in ihre Richtung fliegen sahen und nicht wussten, wohin sie rennen sollten.« Es war das sechste Mal in diesem syrischen Bürgerkrieg, dass die in einem von Assad-Truppen gehaltenen Stadtviertel liegende evangelische Schule von Aleppo beschädigt wurde.

Fast jeden Tag Beschuss, viele Monate ohne Strom, Wasser, Telefon, Internet, und dazu ein schier unglaublicher Mangel an Öl, Benzin und Essen – so beschreibt Pfarrer Haroutune Selimian die Situation seiner Gemeinde im umkämpften Aleppo. Er kann jeden verstehen, der flieht. Trotzdem sagt er unablässig: »Die Kirche ist hier, um zu bleiben. Das ist der Ort, wo Gott uns haben will genau in dieser Zeit.«

Der Pfarrer ruft alle syrischen Autoritäten auf, endlich für Sicherheit zu sorgen. Doch es scheint ihm, als würde die schreckliche Lage nur noch immer schlimmer. Syrische Regierungstruppen schließen mit Unterstützung russischer Bomben den Belagerungsring um den Ostteil Aleppos, die zu großen Teilen islamistischen Rebellen schießen von dort zurück. Und die Christen fürchten die Islamisten. Der letzte Rest der demokratischen Bewegung, die am Anfang der syrischen Revolution gestanden hatte, wird zwischen diesen Fronten zermalmt.

Aber es gibt sie noch. Abdallah al-Khateeb (27) zum Beispiel, ein demokratischer Aktivist aus Yarmouk, einem Vorort von Damaskus. Der wird seit dem Frühjahr vom IS besetzt – und seit drei Jahren von Regierungstruppen belagert. »Sowohl das Regime als auch die Islamisten zielen ständig auf uns«, sagt Abdallah al-Khateeb gegenüber der Leipziger Organisation »Adopt a Revolution«, die Demokraten in Syrien unterstützt. Ende Juni traf ihn nachts auf offener Straße eine Kugel von IS-Terroristen. Ein gezielter Mordanschlag, sagt er. Der Grund: Al-Khateeb betreibt mit anderen Aktivisten freie Schulen, sie organisieren zivilen Widerstand und dokumentieren in Medien die Verbrechen beider Seiten.

Woher soll in all dem Grauen des syrischen Krieges noch Hoffnung kommen? »Ja, wir haben oft die Hoffnung auf den Menschen verloren«, gibt Pfarrer Selimian aus Aleppo zu. »Aber unsere Hoffnung auf Gott ist größer denn je. Wir haben gesehen, dass wir niemanden anderes haben.«

Hoffnung macht Haroutune Selimian, dass die Leiden der Syrer nicht vergessen sind. Gerade hat das evangelische Gustav-Adolf-Werk von Leipzig aus Spenden nach Aleppo überwiesen, Schule und Kirche sind wieder repariert. Hoffnung gibt ihm auch ein Blick zurück zu seinen armenischen Vorfahren. Nur wenige Alte und Waisen fanden nach dem Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren Zuflucht in Aleppo – und bauten doch in der Stadt etwas Großes auf. Auch die heutige Tragödie werde eines Tages überwunden sein, hofft der Pfarrer.

»Ich schreibe dies mit Tränen in meinen Augen«, so schickt Haroutune Selimian seine Nachricht von Aleppo auch nach Mitteldeutschland. »Könnt ihr für uns beten? Ohne euch und die Kirche in aller Welt sind wir verloren wie die Armenier, die durch den Völkermord gingen und von denen nur sehr wenige überlebten.«

Andreas Roth

Der Autor ist Redaktionsleiter der Kirchenzeitung »Der Sonntag« in Sachsen.

»Wir kommen mit Musik«

15. März 2016 von redaktionguh  
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Initiativen in Kamsdorf und Saalfeld bieten neue Integrationsmöglichkeiten für Flüchtlinge

Orientalische Klänge auf der Oud verweben sich mit europäischer Musik. Junge Leute der Saalfelder Musikschule spielen gemeinsam mit Abdallah Ghbash das von ihm komponierte Lied »For Syrian Children« für Oud und Zupfinstrumente. Astrid Pautzke vom Kunstraum Kamsdorf nennt dies: »Eine Brücke zwischen Orient und Okzident.« Grit und Sven Einsiedel, Astrid Pautzke sowie Jana und Fritz Bauer, die das Zupfinstrumenten-Ensemble »Querdas Saltandas« der Musikschule Saalfeld leiten, organisierten dieses gemeinsame Konzert mit Abdallah Ghbash.

Abdallah Ghbash will zwischen Deutschen und Flüchtlingen musikalische Brücken bauen. Foto: Wolfgang Hesse

Abdallah Ghbash will zwischen Deutschen und Flüchtlingen musikalische Brücken bauen. Foto: Wolfgang Hesse

Dem grausamen Spruch der IS-Terrormiliz »We’re coming to slaughter you (Wir kommen, um euch zu schlachten)« möchte Abdallah Ghbash sein Motto gegenüberstellen: »We’re coming with the music (Wir kommen mit der Musik)«. Mit Musik und Kunst möchte der begabte Musiker für Menschlichkeit und Völkerverständigung werben. Seine Lieder erzählen vom Streben der syrischen Menschen nach Freiheit, von der Situation der Flüchtlinge in türkischen Auffanglagern und vom Leid auf dem Weg über das Meer nach Griechenland.

Sechs Jahre studierte Abdallah Ghbash in Syrien Musik und die Oud, eine orientalische Kurzhalslaute. Wegen massiven politischen Drucks auf seine musikalische Arbeit durch den syrischen Sicherheitsapparat musste der Musiker 2011 Aleppo, seine Heimatstadt, verlassen. Während seines Exils entstanden zwei Alben, eingespielt in Jordanien und in Istanbul. Im Herbst letzten Jahres wurde seine Aufenthaltserlaubnis für die Türkei nicht verlängert. Deshalb nahm der 28-Jährige die beschwerliche Flucht über den Balkan bis nach Deutschland in Kauf und kam schließlich nach Saalfeld. Der eher unpolitische syrische Musiker wünscht sich für die Menschen in seiner Heimat und für den gesamten arabischen Raum ein Ende der Kriegshandlungen und einen friedlichen Wiederaufbau. Persönlich erhofft sich der Musiker, weiter studieren und endlich seine Ideen umsetzen zu können, was ihm in Syrien verwehrt blieb. »Mir liegt es sehr am Herzen, mit der Musik deutsche und geflohene Musiker, Deutsche und Flüchtlinge auf der Ebene von Mensch zu Mensch zusammenzubringen.« Den Menschen, die gegen die Kriegsflüchtlinge in Deutschland demonstrieren, möchte er die Botschaft mitgeben: »Demonstriert nicht gegen die Flüchtlinge, demonstriert gegen den Krieg, vor dem die Menschen fliehen müssen.«

»Musik und Kunst bilden bei der Integration eine Einheit«, meint Astrid Pautzke. »Viele Flüchtlinge bringen allein nur ihr künstlerisches Können mit nach Deutschland.« Seit Sommer 2015 bietet sie mit ihrem kreativen Projekt OASE im Kunstraum Kamsdorf eine Kunstwerkstatt an. »Es ist bereichernd, wenn man diese Menschen kennenlernen kann. Es ergeben sich beim gemeinsamen Arbeiten und Erzählen viele persönliche Kontakte.« Erste Arbeiten dieses Kunstprojektes von Flüchtlingen und Deutschen wurden in einer Ausstellung Ende November letzten Jahres gezeigt.

Wolfgang Hesse

www.kunstraum-kamsdorf.de