Doch das Fleisch ist schwach

8. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Erntedank: Auch für Braten und Wurst lässt sich »Danke« sagen. Und das mit gutem Grund. Doch für den Menschen  müssen Millionen Tiere leiden – hat Gott das gewollt?

Die Wurst wird zum Erntedankfest gewürdigt, und selbst der Schinken. Hat Gott selbst nicht in seinem Bund mit Noah den Menschen gesagt: »Furcht und Schrecken vor euch sei über allen Tieren auf Erden … In eure Hände seien sie gegeben. Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise.« (1. Mose 9,2 f.)?

Auch in den Tagen um das Erntedankfest drängen sich Schweine, Hühner und Kühe in engen Ställen, liegen die Schreie der Ferkel beim Messerschnitt ihrer Kastration in der Luft, werden männliche Küken geschreddert. Hat Gott das so gemeint? Als er nach der Sintflut dem Menschen das Tiere-Essen frei gab, klang es eher wie eine Kapitulation. Eine Kapitulation aus Liebe. »Denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf«, spricht Gott zu Noah. Aber er will nicht mehr gegen die Menschen kämpfen.

Sein Kompromissvorschlag scheint Gott selbst schwer zu fallen: »Allein esst das Fleisch nicht mit seinem Blut, in dem sein Leben ist!« Denn Leben ist Gott heilig. Alles Leben. Danach schließt er einen Bund mit Noah, mit den Menschen und »mit allem lebendigen Getier«.

Foto: Daniel Fleck – fotolia.com

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Menschen haben die Bibel aufgeschrieben. Menschen haben in ihr auch ihre eigenen Interessen hinterlassen, und sie sind die längste Zeit Fleischesser. Um so erstaunlicher, was die beiden Schöpfungserzählungen darüber erzählen, was Gott eigentlich will. Noch vor dem Menschen schuf er die Vögel und Fische, heißt es in der ersten Erzählung – und er segnete sie auch als erste (1. Mose 1,22). In der zweiten Schöpfungserzählung schuf Gott die Tiere, damit der Mensch nicht »allein sei« (1. Mose 2,18). Er sollte den Mitgeschöpfen Namen geben, er sollte über sie herrschen – ernähren aber sollte er sich nur von Pflanzen. Und in der Tat waren die frühesten Vorfahren der Menschen wirklich Vegetarier.

Dass die Menschen sich am Ende von den anderen Tieren entfernten, erzählt die Bibel mit einem Wort: dem Sündenfall. Denn sie aßen, obwohl Gott es ihnen verboten hatte, vom »Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen«. Sie haben nun einen freien Willen, können reflektieren, abwägen, sich entscheiden.

Auch die Tür, bewusst Böses zu tun, war damit geöffnet. Sie trennt die Menschen von Gott. Und von den anderen Tieren. Gott vertrieb die Menschen, die die Schuld auf die Schlange schieben wollten, aus dem Paradies. Die Tiere nicht.

Biologisch lässt sich diese Trennung auch beschreiben. Viele Wissenschaftler erklären die Absonderung der Menschen mit ihrem Umstieg auf Fleisch: Es ließ ihre Gehirne anwachsen – und die Jagd lehrte sie die Grundlagen von Kooperation, Arbeitsteilung und Fortschrittsglauben. Erst am Ende der Tage, heißt es in der Bibel, wird diese Kluft zwischen Gott und den Menschen, zwischen Tieren und Menschen überwunden sein. Wenn der Messias kommt »werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen«, schreibt der Prophet Jesaja, »ein kleiner Junge wird Kälber und junge Löwen und Kühe miteinander treiben. Und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder« (Jesaja 11,6). Selbst fleischfressende Tiere werden in Gottes Reich zu Vegetariern.

Ja, Jesus ließ die Netze auswerfen und hat Fische gebraten, so schreibt es zumindest der Evangelist Johannes. Vielleicht hat er sie auch gegessen, doch das bleibt offen. Er war auch ganz Mensch. Und er spürte sicher auch das, was Paulus so beschrieb: »Wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstigt« (Römer 8,22). Tiere inbegriffen. Jesu Antwort auf das Leiden, wie er sie etwa in der Geschichte vom barmherzigen Samariter gab, ist ganz kurz. Sie lautet: Mitgefühl. Und dann handeln.

Andreas Roth

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»Sünde« – ein fremder Begriff

9. März 2018 von redaktionguh  
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Verloren: Jesus trägt die Sünde der Welt – darum geht es in der Passionszeit. Doch immer weniger Menschen können sich darunter noch etwas vorstellen.

Verstehen Sie den Begriff Sünde noch? Bei einer gleichlautenden Umfrage im Internet unter Kirchenmitgliedern in Sachsen gab es folgendes Ergebnis: 76 Prozent der Antwortenden meinten: Ja, er ist wichtig für meinen Glauben. Nur 15 Prozent halten ihn für zu negativ und veraltet. »Außerdem ist er missverständlich und muss Außenstehenden immer erst erklärt werden«, begründet etwa eine Befragte ihr Nein. Repräsentativ ist diese Umfrage allerdings nicht.

Denn insgesamt sind es nur noch zehn Prozent, die noch persönlich an so etwas wie Sünde glauben, hat das Meinungsforschungsportal Statista bei einer Umfrage unter 1 020 Deutschen im letzten Jahr herausgefunden. Die Mitgliederumfrage der EKD oder der Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung dagegen haben gar nicht erst nach der Sünde gefragt, erklärt der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel und ergänzt: »Ich vermute, dass der Gedanke der Sünde für die meisten Gläubigen immer mehr aus dem Blick rückt.«

In Medien und in der Alltagssprache ist das Wort längst banal geworden: als Park- oder Steuersünde etwa. Oder gar als etwas Verlockendes. »Nur eine kleinere Zahl eher frommer Menschen dürfte noch ein strengeres Distanzverhältnis zur Sünde haben«, so Pickel. Das bestätigt auch eine repräsentative Umfrage aus Österreich. Bloß acht Prozent der Befragten verbinden mit Sünde, »nicht an Gott zu glauben«. Dieser Wert liegt auf einer Ebene mit dem zu schnellen Fahren des »Tempo­sünders« oder zu ausgiebigem Essen und Trinken.

Foto: Howgill – stock.adobe.com

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Was für die meisten Österreicher aber tatsächlich als Sünde verstanden wird: Stehlen (63 Prozent), falsche Beschuldigungen (59 Prozent) oder den Partner mit jemand anderem betrügen (54 Prozent). »Mit der Religiosität ist auch der Begriff der Sünde auf dem Rückzug«, interpretiert der Chef des Linzer Market-Instituts, Professor Werner Beutelmeyer, diese Ergebnisse seiner Umfrage. Aber haben die Menschen damit auch vergessen, was Sünde meint? Dieser Schluss wäre voreilig.

Eine Befragung von 8 200 Berufsschülern in ganz Deutschland kommt nämlich zu einem anderen Ergebnis. Zwei Drittel von ihnen verbinden mit Sünde den »Missbrauch von Vertrauen«. »Sünde ist für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen allererst eine Beziehungstat im sozialen Nahbereich«, schreibt der Braunschweiger Soziologie-Professor Andreas Feige in seiner Studie. Genau darum ging es übrigens auch in der biblischen Geschichte vom Sündenfall im Paradies: um gebrochenes Vertrauen und um gebrochene Beziehungen.

Und so verbinden die meisten Jugendlichen in dieser großen Umfrage mit Sünde das Fremdgehen in einer Partnerschaft, Gewalt, Lüge und Diebstahl. Traditionell Anrüchiges wie sexuelle Beziehungen vor der Ehe oder Homosexualität dagegen ist für sie am wenigsten Sünde.

Denn sie gehen von Einvernehmen und Liebe aus – also von heilen Beziehungen, dem Gegenteil ihrer Vorstellung von Sünde. Gott kommt in den Antworten der jungen Erwachsenen freilich nicht vor. Also haben auch sie nur einen trivialen Sündenbegriff, weit entfernt von biblischer Tiefe?

In der Bibel jedenfalls ist Gott mitten in den Beziehungen zwischen Menschen. Und Sünde ist das Zerreißen der Beziehungen – also Misstrauen, Verrat, Lüge und Gewalt, so wie in den Antworten der Umfragen. Das war bei Adam und Eva so, bei Kain und Abel, bei Jesus am Kreuz. Gott ist mittendrin und leidet mit. So wie viele Menschen heute, auch wenn ihnen der Begriff »Sünde« längst fremd geworden ist.

Die Kirche kann traurig darüber sein, dass immer mehr Menschen ihre Worte nicht verstehen. Sie kann aber auch nach dem lebendigen Kern in ihnen suchen. Sie wird bei vielen Menschen auf eine Sehnsucht nach heilen Beziehungen treffen, das zeigen die Umfragen. Das Thema der Sünde hat sich nicht erledigt.

Andreas Roth

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Zutaten für das Wachsen

6. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Mission: Was machen wachsende Kirchengemeinden anders? Englische Wissenschaftler suchten nach Antworten. Und fanden auch Gründe fürs Schrumpfen.

Je mehr die Kirche über das Schrumpfen spricht, desto lauter wird die Frage nach dem Wachsen. Doch ist das mehr als ein frommer Wunsch? Viele verweisen da gern auf England: Seit Jahren schon experimentiert die anglikanische Kirche mit ganz neuen Formen von Kirche, »Fresh Expressions of Church« (deutsch: frische, neue Ausdrucksformen von Kirche), kurz: Fresh X.

Das sind neue Gemeinden, die ganz anders sind: in Läden etwa, in Cafés oder sozialen Brennpunkten und mit ganz anderen Gottesdiensten. In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) gibt es mit den Erprobungsräumen etwas Ähnliches.

Foto: Roman Bodnarchuk – stock.adobe.com

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Dabei ist auch das Konzept von Fresh X vertreten. Die Kirchengemeinde Gotha-Siebleben probiert mit »STADTteil-LEBEN« einen solchen Weg. Das Leben im Plattenbaugebiet Clara-Zetkin-Straße soll mitgestaltet und positiv geprägt werden. Aber sind solche Experimente wirklich ein Weg für Wachstum in der Kirche? Und kann es auch in traditionellen Gemeinden gelingen? Das hat nun eine groß angelegte Studie der anglikanischen Kirche erstmals untersucht. Von den Ergebnissen lässt sich auch in Mitteldeutschland lernen.

Die Daten von 1 700 englischen Kirchengemeinden haben Wissenschaftler der Universität Essex dafür ausgewertet. Hinzu kamen Tiefeninterviews sowie weitere Studien von Theologen. Auch wenn unter Forschern die Verlässlichkeit der Daten und Folgerungen nicht unumstritten ist: Für den Greifswalder Professor Michael Herbst vom Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung liefern sie wichtige Hinweise.

»Es gibt kein bestimmtes Rezept für Wachstum und es gibt keine einfachen Lösungen angesichts des Rückgangs«, fasst Professor David Voas von der Universität Essex die Ergebnisse vorsichtig zusammen. Aber es gebe »Zutaten«, die mit einem Gemeindewachstum zusammenhingen. Zuallererst sei dies eine Leitung aus Haupt- und Ehrenamtlichen, die motivieren kann und Neues wage. Und ein klares Ziel der Gemeinde, auch wirklich andere Menschen erreichen zu wollen. Der jeweilige Stil der Gottesdienste und Traditionen sei »weniger wichtig als die Tatsache, dass er durchdacht und angenommen wurde, statt es dem Zufall zu überlassen«, so Professor Voas.

Weitere Faktoren, die die Wissenschaftler bei wachsenden Gemeinden entdeckt haben: eine herzliche Willkommens-Atmosphäre für Besucher, Glaubenskurse zur Befähigung von Mitgliedern als »christliche Zeugen im täglichen Leben« und soziales Engagement. Auch in traditionellen Stadtkirchen fanden die Forscher Wachstum. Und zwar dort, wo viel Wert auf die Qualität der Gottesdienste gelegt wurde ebenso wie auf eine Willkommens-Atmosphäre und wo man viel­fältige neue Formen ausprobiert.

Auch für das Schrumpfen fanden die Forscher Gründe. Das Fehlen von Kindern und Angeboten für junge Menschen ist der erste. Der zweite: »Die Zusammenlegung von Gemeinden führt eher zu Schrumpfungen. Mehr noch, je größer die Zahl der zusammengelegten Gemeinden ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit des Rückgangs.« Für den Greifswalder Professor Michael Herbst ist das »Zündstoff« in den Debatten um Strukturreformen auch der deutschen Landeskirchen. »Die englischen Zahlen mahnen zur Vorsicht bei Prozessen der Regionalisierung.«

Sie ermutigen zugleich, neue Wege zu gehen, wie etwa bei den Erprobungsräumen in der EKM. Es ist der Versuch, sich auf Menschen und ihre Lebenswirklichkeit einzulassen, um ihnen das Evangelium von Gottes Liebe nahezubringen, die Christus allen zugänglich machen will, heißt es auf der Internetseite der Erprobungsräume.

Gemeint sind Beispiele wie die Evangelische Schulgemeinde Hettstedt oder Herzschlag – Junge Kirche in Nordhausen, die offene Industriestadtgemeinde Haldensleben oder Wir sind Nachbarn – Kirchengemeinde Nöbdenitz. Ob damit gemeindliches Wachstum verbunden ist und die Projekte aus der Erprobungsphase kommen, wird sich zeigen. Und in fast allen anderen Kirchengemeinden fragt man sich weiter: Wachsen klingt gut – aber wie?

Andreas Roth

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Sie kann sich nicht verzeihen

27. Februar 2017 von redaktionguh  
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Vergebung ist ein großes Geschenk – Heike Liebsch kann es für sich nicht an-nehmen. Als SED-Funktionärin wollte sie Brücken zur Kirche bauen. Dass dabei ihr Gewissen vor der Partei kapitulierte, verzeiht sie sich nie.

Ob die Kirchenzeitung wirklich über sie schreiben wolle? Sie fragt das zweifelnd am Telefon, ernst, ohne alle Koketterie. »Ich gehöre doch zu den Bösen.«

Es gab da ein Gespräch, im Winter der abebbenden Revolution von 1989. Da hat Heike Liebsch, die Mitarbeiterin für Staatspolitik in Kirchenfragen beim Rat des Stadtbezirks Dresden-Mitte, dem Superintendenten Christof Ziemer ihre Stasi-Gespräche offenbart. »Jetzt ist Heilung möglich«, sagte der Theologe. Vergebung. Heike Liebsch dachte nur: »Als könnte man einen Genickschuss heilen!« Von der Schuld, dem Verrat, auch dem Verrat an sich selbst.

Die Kugel für den Schuss flog bereits, als sie jung war. Der Sozialismus musste ja verteidigt werden. Ihre Mutter Oberleutnant bei der Volkspolizei, ihr Vater auch Genosse, ihr Großvater hatte in einem der ersten KZs gelitten. Gott und Glaube? Alles von der Wissenschaft widerlegt, dachte sie damals. »Das ist Opium des Volkes, das war für mich ein Glaubenssatz.« Ein anderer Glaubenssatz betraf die Menschenfreundlichkeit des Sozialismus. Sie glaubte mit heißem Herzen.

Die Kugel flog, da war sie Lehrling in der Druckerei und FDJ-Sekretärin. Schießlehrerin war sie auch. Einen Christen erkannte sie daran, dass er mit dem Luftgewehr neben die Zielscheibe schoss. Es war die Zeit der Atomraketenangst, es war 1982. Sie schmuggelte zwischen den Druck von Korrekturfahnen ein paar Flugblätter, in denen sie zu einem Friedensmarsch aufrief. Freunde von ihr waren Christen und trugen später die »Schwerter zu Pflugscharen«-Aufnäher, es kam ihr nur absurd vor, ideologische Gräben zu ziehen beim Kampf für den Frieden. Micha, Jesaja? Die Kommunistin Heike Liebsch begann, die Bibel zu lesen. Sie wollte es wissen.

Dann flog die Kugel über linoleumbelegtes Büroland. Mit 22 bezog die junge Genossin Heike 1986 ihren Schreibtisch im Stadtbezirk Dresden-Mitte. Sie hängte ein Bild von Gorbatschow neben dem des Papstes an die Wand.

Die Aufgaben einer Mitarbeiterin für Kirchenfragen im SED-System waren so: Kontrollgänge zu kirchlichen Schaukästen, um bei politischen Äußerungen auf Mäßigung zu dringen; Konfirmanden zum Abitur zuzulassen oder abzulehnen; bei Bau- und sonstigen Fragen zwischen Staat und Kirche zu vermitteln – und mindestens vier Gespräche im Jahr mit jedem Pfarrer in ihrem Gebiet.

»Sie hat nie verheimlicht, auf welcher Seite sie stand – aber ich habe sie immer als einen um die Wahrheit ringenden, suchenden Menschen erlebt«, erinnert sich Pfarrer Matthias Weismann, heute Superintendent im Leipziger Land. Auch der reformierte Pfarrer Klaus Vesting saß einer nachdenklichen Frau gegenüber. »Bei ihr konnte man kritische Dinge anbringen, ohne dass gleich die Keule der Staatsmacht kam.«

Die Staatsmacht war trotzdem im Boot. Die Kugel flog schneller. Nach jedem Pfarrergespräch schrieb Heike Liebsch einen Bericht an das Ministerium für Staatssicherheit. Und einmal im Vierteljahr betrat sie eine ohne Geschmack eingerichtete Wohnung in einer Gasse, in der sie ein Offizier zum Gespräch empfing. »Er hat mir immer recht gegeben, wenn ich am Verzweifeln war über die SED – das waren die Einzigen, mit denen ich über alles reden konnte. Und ich war süchtig nach Anerkennung.«

Der Offizier hatte sie, es war gut kalkuliert. Einmal im Jahr gab es eine Vase oder einen Kerzenständer oder 200 Mark.

Die Kugel trat in dem Moment ein, als sie spürte: »Ich verrate die Wärme an die Kälte.« Die Pfarrer, die sie sehr schätzte und von denen sie manches lernte. Ihre Hoffnung, Verständnis zwischen SED und Kirche zu wecken, auch manchem Kirchenmitarbeiter zu helfen.

Sie sah beides als Gnade an. Selbstbetrug nennt sie es heute. Sie tippte weiter Berichte, sie sicherten ihr Anerkennung, Aussicht auf eine Karriere und nebenbei ein Philosophiestudium. »Ich war ein Feigling und habe geholfen, das System am Laufen zu halten«, sagt sie heute. Da entstand der Bruch in ihr.

In der DDR war Heike Liebsch die Kontaktperson des Staates zu den Kirchen in Dresdens Zentrum – heute führt sie Besucher der Stadt gern zu dem letzten Fragment der 1953 gesprengten Jakobikirche am Wettiner Platz. Foto: Steffen Giersch

In der DDR war Heike Liebsch die Kontaktperson des Staates zu den Kirchen in Dresdens Zentrum – heute führt sie Besucher der Stadt gern zu dem letzten Fragment der 1953 gesprengten Jakobikirche am Wettiner Platz. Foto: Steffen Giersch

Als im Herbst 1989 die Demonstranten Kerzen auf Dresdens Straßen trugen, lief sie wie ein gefangenes Tier in der Bürokratenburg der Macht umher, inspizierte Schaukästen an den Kirchen, Friedensgebete. Schlaflose Nächte. »Die Wut muss raus aus mir, diese Verzweiflung. Niemand kann etwas dafür – außer ich selbst«, notierte sie in ihr Tagebuch. »Und ob ich schuldig geworden bin!«

Wenige Wochen später ging sie zu den Pfarrern und bekannte ihnen ihre Berichte. »Dass diese Leute damals Protokolle für die Stasi geschrieben haben, war uns doch klar«, sagt Pfarrer Klaus Vesting. In seinen Akten hat er keinen Bericht von Heike Liebsch gefunden. Einige Pfarrer waren ebenso wenig überrascht, manche Verbindung blieb bis heute.
Zu einem anderen Theologen zerbrach das Verhältnis. Sie verstand, aber es schmerzte.

Die Kugel steckte jetzt in ihr. Man fragte sie in den Wirren des Umbruchs, den sie selbst als Befreiung empfand, ob sie nicht Pressesprecherin der Stadt werden wolle. Sie wurde lieber Pförtnerin. Zwei Jahre lang.

»Ich habe gelernt, dass ich anfällig bin für Macht – also halte ich mich davon fern. Ich will nicht wieder in Versuchung kommen«, das ist ihre Lehre. Sie nimmt sie sehr ernst. Baute den jüdischen Kulturverein »Hatikva« in Dresden mit auf, erforschte die jüdischen Friedhöfe. Zwei Jahre lang fuhr sie nachts Taxi. Manchmal geht sie am Sabbat in die Synagoge.

Sie betet dort nicht. Aber dass es keinen Gott gibt, würde sie heute auch nicht mehr sagen. Sie sagt: Wer weiß? Nur scheut sie eine neue Wahrheit, nachdem ihr alter Glaube sie in den Verrat geführt hat. Als Stadtführerin zeigt sie ihren Gästen heute die Synagoge und auch Kirchen.

Nein, Buße sei all das nicht. »Seine Schuld kriegt man nicht los«, sagt sie. »Ich konnte nichts ungeschehen machen, nichts wiedergutmachen. Wie sollte das auch gehen?« Ihr Kopf weiß, dass Vergebung ein großes Geschenk sein kann. Sich selbst zu vergeben, hat ihr Herz nie geschafft. Die Kugel steckt fest und schmerzt.

Eine ihrer Stadtführungen beginnt an den spärlichen Überresten der von der DDR gesprengten Jakobikirche. Ein Fragment im Freien, mehr nicht. Ruinen, sagt sie, sind ehrlich.

Andreas Roth

Theologie als Spielball des Zeitgeistes

4. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Kirche und Theologie gehen viel zu beliebig mit der Bibel um – meint Udo Schnelle, einer der renommiertesten Theologieprofessoren Deutschlands. Im Gespräch mit Andreas Roth spricht er über die Grenzen der historisch-kritischen Theologie, zu viele Moralpredigten und die Wahrheit der Weihnachtsgeschichte.

Herr Professor Schnelle, Sie sind als Theologe Experte darin, biblische Texte auseinanderzunehmen – aber Sie waren auch einmal Pfarrer und mussten trösten und verkündigen. Hat Ihnen das die historisch-kritische Theologie schwer gemacht?
Schnelle: Sie hat mir eher geholfen. Gott der Schöpfer hat mir Vernunft gegeben, und wenn sich durch die biblischen Texte historische Fragen stellen, dann muss ich sie beantworten. Bei der zentralen Glaubensentscheidung, der Auferstehung Jesu Christi von den Toten, kommt die Vernunft an ein Ende – aber davor darf ich fragen, etwa, ob Jesus ein bestimmtes Wort gesagt hat oder nicht.

Jesu Geburt anno 2016? Eine Menge hat sich geändert, heißt es dazu lapidar auf der Internetseite eines amerikanischen Anbieters dieses »Hipster Nativity Sets« … – Foto: modernnativity.com

Jesu Geburt anno 2016? Eine Menge hat sich geändert, heißt es dazu lapidar auf der Internetseite eines amerikanischen Anbieters dieses »Hipster Nativity Sets« … – Foto: modernnativity.com

Das ist gut protestantisch. Doch Sie werfen der evangelischen Kirche und Theologie Beliebigkeit gegenüber der Bibel vor – warum?
Schnelle: Sie haben natürlich nicht die Bibel verworfen, aber sie haben im Sinne der Postmoderne wesentliche Inhalte für nicht mehr aktuell erklärt. Das Zweite ist: Es werden ständig ethische Fragen in Kirche und Theologie behandelt, aber die eigentlichen Glaubensfragen treten permanent zurück. Der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm betreibt eine Intensiv-Ethik, in der das Christentum rein moralisch gefasst wird. Das halte ich für grundfalsch. Denn der Kern des Christentums ist das Verhältnis des einzelnen Menschen zu Gott und Jesus ­Christus – das ist in den letzten Jahrzehnten immer undeutlicher geworden in der evangelischen Kirche.

Machen wir es konkret: Um welche Themen drückt sich denn die Kirche?
Schnelle: Zum Beispiel das Gericht Gottes. Landauf, landab wird der liebe Gott verkündet. Das ist natürlich nicht falsch, aber da haben wir eine Art Schmusegott, der im Grunde genommen nichts anderes tut als das, was wir selbst wollen. Dabei steht im Neuen Testament klar, dass mein Handeln und Nicht-Handeln Folgen haben wird im Gericht Gottes. Das Nächste ist die Auffassung von der Ehe. Sowohl der historische Jesus als auch Paulus sind gegen das Scheitern und Scheiden von Ehen. Die evangelische Kirche aber passt sich ständig der politischen Mehrheitsmeinung an.

Kann man in manchem Zeitgeist nicht auch den Heiligen Geist entdecken? Die zentrale Botschaft Jesu ist doch, dass der Wille Gottes Liebe und Erbarmen ist.
Schnelle: Ich will gar nicht bestreiten, dass das Zentrum des Evangeliums die Liebe und Barmherzigkeit Gottes ist. Aber ich kritisiere eine einseitige Fokussierung darauf.

Ist das so schlimm?
Schnelle: Der evangelische Verzicht auf Glaubensinhalte führt dazu, dass die wenigen, die noch zur Kirche halten, enttäuscht sind. Das erklärt den anhaltenden kirchlichen Abwärtstrend, denn für Frieden, Gerechtigkeit und die Erhaltung der Schöpfung sind heute alle Parteien. Dafür brauche ich keine Kirche mehr.

Ist an dieser Entwicklung die historisch-kritische Theologie schuld? Sie selbst haben namhafte Lehrbücher über sie geschrieben.
Schnelle: Sie ist teilweise mitschuldig. Die Entwicklung setzte in den 1950er-Jahren ein, mit dem Theologen Rudolf Bultmann und anderen. Sie vertraten eine radikale Theologie: Alles, was als rückständig, überholt und mythologisch angesehen wurde, das müsse man nicht mehr glauben. Die Auferstehung Jesu wurde verflüchtigt zu einem bloßen Symbol – sie ist dann kein reales Geschehen mehr, und vom historischen Jesus blieb fast nichts mehr übrig. Das ändert sich in den letzten Jahrzehnten langsam wieder, Gott sei Dank.

Wenn die historisch-kritische Theologie mitschuldig ist – sollte man sie dann nicht besser abschaffen?
Schnelle: Sie ist notwendig, weil die Texte des Alten und Neuen Testaments historische Texte sind. Sie sind eben nicht vom Himmel gefallen. Sondern sie sind von Menschen geschrieben worden und gewachsen – und diese historische Dimension muss untersucht werden. Aber diese historischen Untersuchungen dürfen nicht an die Stelle des Glaubens treten, sondern sie müssen ein Schritt hin zum Glauben sein. Der Glaube weiß, dass die Bibel mehr als Menschenwort ist.

Wenn Konfirmanden oder Schüler fragen, ob Jesus nun Wunder vollbracht hat oder nicht – was sagen Sie dann?
Schnelle: Es gibt Wundergeschichten wie die Speisung der 5 000, die deutlich vom Alten Testament beeinflusst sind – ob die historisch sind, kann man bezweifeln. Dann gibt es aber wieder andere Wundergeschichten wie die Heilung der Schwiegermutter des Petrus, wo es keinen vernünftigen Grund gibt, sie dem historischen Jesus abzusprechen.

Ich bin nicht für eine Schwarz-Weiß-Malerei. Wir Theologen behandeln die Bibel kritischer und skeptischer als die Geschichtswissenschaftler jedes andere Buch der Antike. Aber es muss ein Grundvertrauen in die historische Zuverlässigkeit der biblischen Berichte geben – und das ist gerechtfertigt, weil wir über keine Gestalt der Antike so genau Bescheid wissen wie über Jesus von Nazareth.

Darf ein Pfarrer Weihnachten sagen, dass die Weihnachtsgeschichte historisch so wahrscheinlich gar nicht geschehen ist?
Schnelle: Ja, das darf er sagen, wenn er klar macht, was die Weihnachtsgeschichte dennoch theologisch aussagt: Nämlich, dass Gott in dem Menschen Jesus von Nazareth zu uns gekommen ist. Insofern ist die Weihnachtsgeschichte auch wahr.

Muss das die Menschen in den Kirchgemeinden nicht verwirren?
Schnelle: Man muss sicher über den Ort nachdenken, wo man historisch-kritische Fragen erörtert. Bei Gemeindeabenden, in der Erwachsenen- und Jugendarbeit kann man sich biblischen Texten sehr wohl so nähern – und zwar, indem die Teilnehmer selbst entdecken, welche Spannungen, Doppelungen und Widersprüche es teilweise in der Bibel gibt.

Ist ein Grund für innerkirchliche Zerreißproben wie die Diskussion um Homosexualität, dass ein Brückenschlag zwischen akademischer Theologie und Gemeinde oft nicht gelingt?
Schnelle: Ja, das sehe ich so. Im Theologiestudium geht es viel um die rein historischen Fragen – aber wie ich das theologisch einzuordnen und zu verstehen habe, das kommt nur selten vor. Es gibt eine Unfähigkeit der akademischen Theologie, Glaubensfragen ernsthaft im Studium zu verankern.

Viele Pfarrer kommen nach ihrem Studium in eine Gemeinde und haben das Gefühl: Das, was ich gelernt habe, kann ich hier gar nicht sagen. Ich sehe, dass viele von ihnen innerlich und intellektuell vereinsamt sind. Das ist seelisch auf Dauer ungesund.

Gibt es eine Medizin dagegen?
Schnelle: Ich rate sehr dazu, die Probleme nicht auszuklammern und die kritischen historischen und theologischen Fragen in die Gemeindearbeit einzubinden. Und die Pfarrer sollten untereinander das theologische Gespräch suchen, zum Beispiel in den Konventen. Ihr Glaubenspaket, das sie mitbekommen haben, schmilzt im Laufe der Jahre, und es gibt nur wenige Ladestationen, wo der eigene Glaube geistlich und intellektuell wieder aufgeladen wird.

Müssen dafür Theologie und Kirche wieder mehr Ernst machen mit dem Evangelium?
Schnelle: Ja, man müsste mit ihm mehr Ernst machen – und es auch ernster nehmen.

Udo Schnelle (64) ist Professor für Neues Testament an der Fakultät für evangelische Theologie der Marin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und hat einige der derzeit verbreitetsten Lehrbücher zur Entstehung und Auslegung des Neuen Testaments geschrieben.

Könnt ihr für uns beten?

23. September 2016 von redaktionguh  
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Syrien: Der Krieg wird immer schlimmer. Von Demokratie redet kaum noch jemand. Der evangelische Pfarrer von Aleppo hat nur noch eine Hoffnung. Und eine Bitte.

Am letzten Donnerstag im August gegen 11.45 Uhr erlebte Pfarrer Haroutune Selimian ein Wunder. Wieder eines. Mit Gas­flaschen gefüllte Raketen schlugen in der Nähe seiner armenisch-evangelischen Bethel-Kirche und ihrer Schule ein. Sechs Einwohner in der Nachbarschaft töteten sie. Aber in der evangelischen Kirche gingen nur farbige Fenster zu Bruch und die Schulbüros wurden verwüstet.

Unsagbares Leid. Nach einem Bombenangriff wird ein verletzter Junge aus einem eingestürzten Gebäude in Aleppo geborgen (Foto). In Aleppo sind 275 000 Menschen von der Versorgung abgeschnitten. Hilfslieferungen hängen an der türkisch-syrischen Grenze fest. Foto: picture alliance/abaca

Unsagbares Leid. Nach einem Bombenangriff wird ein verletzter Junge aus einem eingestürzten Gebäude in Aleppo geborgen (Foto). In Aleppo sind 275 000 Menschen von der Versorgung abgeschnitten. Hilfslieferungen hängen an der türkisch-syrischen Grenze fest. Foto: picture alliance/abaca

»Gott beschützte sein Haus«, schreibt Pfarrer Selimian danach. »Aber Sie können sich vorstellen, wie sich die Lehrer, Mitarbeiter und Schüler gefühlt haben, als sie die Raketen in ihre Richtung fliegen sahen und nicht wussten, wohin sie rennen sollten.« Es war das sechste Mal in diesem syrischen Bürgerkrieg, dass die in einem von Assad-Truppen gehaltenen Stadtviertel liegende evangelische Schule von Aleppo beschädigt wurde.

Fast jeden Tag Beschuss, viele Monate ohne Strom, Wasser, Telefon, Internet, und dazu ein schier unglaublicher Mangel an Öl, Benzin und Essen – so beschreibt Pfarrer Haroutune Selimian die Situation seiner Gemeinde im umkämpften Aleppo. Er kann jeden verstehen, der flieht. Trotzdem sagt er unablässig: »Die Kirche ist hier, um zu bleiben. Das ist der Ort, wo Gott uns haben will genau in dieser Zeit.«

Der Pfarrer ruft alle syrischen Autoritäten auf, endlich für Sicherheit zu sorgen. Doch es scheint ihm, als würde die schreckliche Lage nur noch immer schlimmer. Syrische Regierungstruppen schließen mit Unterstützung russischer Bomben den Belagerungsring um den Ostteil Aleppos, die zu großen Teilen islamistischen Rebellen schießen von dort zurück. Und die Christen fürchten die Islamisten. Der letzte Rest der demokratischen Bewegung, die am Anfang der syrischen Revolution gestanden hatte, wird zwischen diesen Fronten zermalmt.

Aber es gibt sie noch. Abdallah al-Khateeb (27) zum Beispiel, ein demokratischer Aktivist aus Yarmouk, einem Vorort von Damaskus. Der wird seit dem Frühjahr vom IS besetzt – und seit drei Jahren von Regierungstruppen belagert. »Sowohl das Regime als auch die Islamisten zielen ständig auf uns«, sagt Abdallah al-Khateeb gegenüber der Leipziger Organisation »Adopt a Revolution«, die Demokraten in Syrien unterstützt. Ende Juni traf ihn nachts auf offener Straße eine Kugel von IS-Terroristen. Ein gezielter Mordanschlag, sagt er. Der Grund: Al-Khateeb betreibt mit anderen Aktivisten freie Schulen, sie organisieren zivilen Widerstand und dokumentieren in Medien die Verbrechen beider Seiten.

Woher soll in all dem Grauen des syrischen Krieges noch Hoffnung kommen? »Ja, wir haben oft die Hoffnung auf den Menschen verloren«, gibt Pfarrer Selimian aus Aleppo zu. »Aber unsere Hoffnung auf Gott ist größer denn je. Wir haben gesehen, dass wir niemanden anderes haben.«

Hoffnung macht Haroutune Selimian, dass die Leiden der Syrer nicht vergessen sind. Gerade hat das evangelische Gustav-Adolf-Werk von Leipzig aus Spenden nach Aleppo überwiesen, Schule und Kirche sind wieder repariert. Hoffnung gibt ihm auch ein Blick zurück zu seinen armenischen Vorfahren. Nur wenige Alte und Waisen fanden nach dem Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren Zuflucht in Aleppo – und bauten doch in der Stadt etwas Großes auf. Auch die heutige Tragödie werde eines Tages überwunden sein, hofft der Pfarrer.

»Ich schreibe dies mit Tränen in meinen Augen«, so schickt Haroutune Selimian seine Nachricht von Aleppo auch nach Mitteldeutschland. »Könnt ihr für uns beten? Ohne euch und die Kirche in aller Welt sind wir verloren wie die Armenier, die durch den Völkermord gingen und von denen nur sehr wenige überlebten.«

Andreas Roth

Der Autor ist Redaktionsleiter der Kirchenzeitung »Der Sonntag« in Sachsen.

Grenzen der Nächstenliebe?

22. September 2015 von redaktionguh  
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Flüchtlinge: Der Ansturm auf Europa und vor allem Deutschland fordert das »christliche Abendland« heraus

Mehr als 800 000 Menschen werden in diesem Jahr in Deutschland um Asyl bitten, vielleicht auch noch mehr. Gibt es ein Zuviel an Zuwanderung? Die Kirche muss Antworten finden.

Wenn es eine menschliche Welle gibt in Deutschland, dann ist es eine Welle des guten Willens. Flüchtlingshelfer arbeiten, um Abertausende Flüchtlinge aufzunehmen. Ehrenamtliche, Beamte, Christen und Nicht-Christen. Bis zur Erschöpfung. Gibt es eine Grenze?

Bundesinnenminister Thomas de Mazière (CDU), Protestant aus Sachsen, hat sie unlängst so definiert: Das Grundrecht auf Asyl habe keine Obergrenze – aber 800 000 Flüchtlinge pro Jahr wie derzeit »sind auf Dauer zu viel« für Deutschland. Am Wochenende hat er wieder Kontrollen an Deutschlands Grenzen eingeführt. Auch de Mazières früherer Landesbischof, der Ende August aus dem Amt geschiedene Jochen Bohl, mahnte eine Unterscheidung zwischen Asylbewerbern aus Syrien und den Balkanländern an: »Einwanderung ist etwas anderes als Flucht.« Die Probleme in Montenegro, Serbien und Bosnien-Herzegowina könnten nicht dadurch gelöst werden, dass ihre Bewohner nach Deutschland kommen, sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

Die Große Koalition sieht das ähnlich wie die EU. Die grüne und linke Opposition ist mehr oder weniger dagegen. An realen und virtuellen Stammtischen wird heftig gestritten.
Es gibt nur die Wahl zwischen einem großen Übel und einem noch größeren: Notleidende abzuweisen, um noch Notleidendere aufnehmen zu können. Zwischen Schuld und größerer Schuld. Denn die Fakten sind: Auch ohne Krieg ist das Elend groß auf dem Balkan oder in Afrika. Die Staatswesen im Kosovo, in Albanien und Montenegro sind von Korruption und organisierter Kriminalität verseucht, Minderheiten wie die Roma werden diskriminiert. Fast die Hälfte der Kosovaren lebt nach UN-Angaben von weniger als 1,42 Euro am Tag, schätzungsweise 70 Prozent der Jugendlichen sind ohne Arbeit und Perspektive. Kein Grund, das Weite zu suchen?

Noch einige Hundert Meter bis zur griechischen Insel Lesbos: Ein syrischer Flüchtling schwimmt am 13. September mit seinem Baby nach dem Untergang ihres Bootes zum rettenden Land. Foto: REUTERS/Alkis Konstantinidis

Noch einige Hundert Meter bis zur griechischen Insel Lesbos: Ein syrischer Flüchtling schwimmt am 13. September mit seinem Baby nach dem Untergang ihres Bootes zum rettenden Land. Foto: REUTERS/Alkis Konstantinidis

»Ich finde die Unterscheidung zwischen richtigen und falschen Flüchtlingen problematisch«, sagt Ulf Liedke, Ethik-Professor an der Evangelischen Hochschule Dresden. »Hinter dem Reden von Grenzen der Aufnahmebereitschaft in Deutschland steht ganz häufig die Angst vor Einschränkungen und das Gefühl, zu kurz zu kommen. Objektiv verdient wegen der Flüchtlinge niemand weniger – die Ressourcen für ihre Aufnahme stehen unserem reichen Land zur Verfügung.«

Doch schon bringt ein Finanzexperte des renommierten Ifo-Instituts die Rücknahme der Rente mit 63 ins Gespräch, um die Milliardenkosten für Flüchtlinge zu bezahlen. Es wäre ein erster Test, wie teuer vielen ihre Nächstenliebe ist. Doch da gibt es noch die andere Rechnung: Wie viel Gewinn Flüchtlinge für Deutschland sein könnten. Menschlich – aber auch in der Wirtschaft. So wie der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm plädiert der Berliner Bischof Markus Dröge für ein Einwanderungsgesetz: »Auch wer politisch nicht verfolgt ist, muss eine faire Chance haben, einwandern zu können«, sagte Dröge auf einer Friedenskonferenz in der albanischen Hauptstadt Tirana.

Gibt es ein Zuviel? Was es mit Sicherheit gibt, ist ein Zuviel an Ungerechtigkeit weltweit – viel Armut dort, viel Reichtum hier. Beides oft unverdient. Und mitunter hängt beides zusammen. Gibt es auch ein Zuviel an Nächstenliebe?

Heinrich Bedford-Strohm machte sich gemeinsam mit Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin der Diakonie-Katastrophenhilfe, am Montag in Ungarn und Serbien selbst ein Bild der dortigen Lage. Abschottung, egal ob in Ungarn oder in Deutschland, halten beide für das falsche Mittel in der Flüchtlingspolitik. Grenzkontrollen dürften nur eine Notmaßnahme, eine Atempause in einer Krisensituation sein, mahnt Bedford-Strohm. »Aber es kann nie und nimmer dazu führen, dass sich Deutschland seiner Pflicht entzieht, mitzuhelfen, Flüchtlinge würdig zu empfangen.« Das Selbstverständnis der EU würde mit Füßen getreten, wenn sich Europa wie eine Festung gegenüber anderen abschottet. »Wer verzweifelt ist, findet seinen Weg. Wenn man in Ungarn diesen Zaun baut, dann werden die Menschen sich andere Routen nach Europa suchen.«

»Wir haben kein harmloses Evangelium, das uns nur in dem bestärkt, was wir sind. Die Liebe Gottes fließt zu uns und muss aus uns weiterfließen«, sagt der Dresdner Ethik-Professor Ulf Liedke – und er sieht, wie es im tausendfachen Engagement geschieht. »Aber manchmal erlebe ich uns so wie die Jünger in Jesu Heilungsgeschichten, wenn einer am Wegesrand um Erbarmen ruft – und sie zu ihm sagten: Bleib still!«

Andreas Roth

Dein Gott, mein Gott

20. Juni 2015 von redaktionguh  
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Muslimische Eltern mögen evangelische Kindergärten. Weil dort noch von Gott gesprochen wird. Der weithin gottvergessene Osten Deutschlands muss für sie wie eine Glaubenswüste sein – in ihr finden sich Muslime und Christen plötzlich auf derselben Seite wieder: als Glaubende. Aber glauben sie auch an denselben Gott?

Die Frage ist in Zeiten wachsender Zuwanderung und Flüchtlingszahlen unausweichlich. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat nun in einem Grundlagentext mit dem Titel »Christlicher Glaube und religiöse Vielfalt in evangelischer Perspektive« nach Antworten gesucht. Sie lauten in Kürzestform: Ja – aber.

Christen und Muslime glauben wie Juden an denselben Gott, weil es aus allen drei Sichten nur einen einzigen Gott gibt, den Schöpfer aller Menschen und allen Seins. Sie glauben an die Offenbarung dieses Gottes. Doch dann kommt das Aber: Christen erkennen Gott darin, wie er sich in Jesus Christus zeigt und im Wirken des Heiligen Geistes. Für Muslime geht das gefährlich in Richtung Drei-Götter-Lehre. Hier noch von einem Glauben an denselben Gott zu sprechen, ist für die EKD deshalb zurecht nur eine »leere Abstraktion«. Und die helfe nicht weiter. Nur guter Wille übrigens auch nicht.

Denn das nimmt nicht ernst, worin Christen und Muslime übereinstimmen – und was verschieden bleibt. Es geht um Respekt für den anderen Glauben, auch um Respekt für die Gläubigen.

Gut gemeinte Gleichmacherei übersieht noch etwas: dass die letzte Wahrheit über Gott kein Mensch weiß. Dass sie immer ein Bruchstück bleibt. Dieses kann anstößig und spitz sein. Oder es kann zum Staunen einladen über die Spuren Gottes bei verschiedenen Menschen aus verschiedenen Ländern. Man kann dieses Staunen von Kindern lernen – muslimischen und christlichen gleichermaßen.

Andreas Roth

Das neue Gesicht der EKD

18. November 2014 von redaktionguh  
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EKD-Synode: Der neue Ratsvorsitzende wurde mit großer Mehrheit von den Synodalen gewählt

Mit dem bayerischen Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm hat die EKD einen Professor an ihrer Spitze, der mit Flüchtlingen Weihnachten feiert.

Die Wahl schien schon gelaufen, bevor sie begonnen hatte. »Da kommen aufregende Zeiten auf Sie zu«, flüsterte Günther Beckstein, Vize-Präses der EKD-Synode, Deborah Bedford zu. Da wusste die Frau des bayerischen Landesbischofs schon in der Pause vor dem Wahlgang der EKD-Synode in Dresden, dass sich ihr Familienleben demnächst gewaltig ändern wird.

Als dann noch der sächsische Landesbischof Jochen Bohl ans Rednerpult trat, um den Wahlvorschlag des EKD-Rates zu präsentieren, war auch klar: Es gibt keinen Plan B, für den der Sachse als Übergangskandidat gehandelt wurde. »Wir sind uns im Rat sehr schnell einig geworden«, verkündete Bohl. »Es wird Sie nicht völlig überraschen, wenn wir Ihnen Professor Doktor Heinrich Bedford-Strohm vorschlagen.«

Heinrich Bedford-Strohm betritt die EKD-Bühne. Sehr aufrecht, sehr freundlich, sehr klar, sehr um Demut bemüht. Er wolle bis zur nächsten Wahl im Herbst 2015 das zu Ende bringen, was sein Vorgänger Nikolaus Schneider angefangen habe, sagt er den EKD-Synodalen: »Unabhängig davon, wen die nächste Synode wählen wird.«

Die Synodalen ihrerseits zeigten ihm mit ihren Stimmen, dass sie gar niemanden anderes wollen: 106 von 125 Anwesenden stimmten für ihn. Großer Applaus, Landesbischof Bohl umarmt den neuen EKD-Ratsvorsitzenden als Erster. Er scheint erleichtert, die meisten Synodalen scheinen erleichtert. Drei Ratsvorsitzende haben sie in nur einer Amtszeit gewählt.

Heinrich Bedford-Strohm folgt Nikolaus Schneider im Amt des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Foto: Steffen Giersch

Heinrich Bedford-Strohm folgt Nikolaus Schneider im Amt des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Foto: Steffen Giersch

Wer wissen will, welche Hoffnungen dieser 54-Jährige mit der rot-braunen Hornbrille weckt, der erst seit drei Jahren bayerischer Landesbischof ist, muss nur ins Internet sehen. Ein Youtube-Video zeigt ihn, wie er den Heiligen Abend in einem Münchener Flüchtlingsheim feiert. »Hast du das Gefühl, hier gut aufgehoben zu sein?«, fragt er dort eine Afghanin. Ganz vertraut, es ist echtes, menschliches Interesse. Bedford-Strohm flirtet durchaus mit der Kamera, aber er versteht es genauso, mitten in diesem quirligen Weihnachtsabend im Asylbewerberheim aus dem Stegreif zu predigen. »Joseph und Maria und ihr kleines Kind mussten auch fliehen, und sie wurden an der Grenze von Ägypten glücklicherweise nicht abgewiesen«, sagt er – und appelliert bei der Gelegenheit gleich an die Behörden, Flüchtlinge willkommen zu heißen.

Heinrich Bedford-Strohm ist ein Theologe reinsten Wassers, er lehrte in den USA, Süfafrika und in Bamberg, ein Schüler und Freund des früheren EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber. In den großen Themen unserer Zeit ist der Franke ohnehin zu Hause: Sterbehilfe-Debatte: Er schreibt gerade ein Buch übers Sterben. Gerechtigkeit: Bedford-Strohms Doktorarbeit trägt den Titel »Vorrang für die Armen«. Waffenlieferungen an die Kurden: Bedford-Strohm ist dafür. Nicht weil er es sich am Schreibtisch überlegt hätte, sondern weil er im September selbst bis an die allervorderste Front des Kampfes gegen den IS-Terror im Irak gegangen war und die veralteten Waffen der Peschmerga mit eigenen Augen sah. Bei Facebook kommuniziert der neue Ratsvorsitzende sowieso, auf der EKD-Synode freute er sich über die 3 000. »Gefällt mir«-Angabe auf seiner Seite.

»Wir wollen uns in die öffentlichen Diskussionen einmischen«, kündigte Heinrich Bedford-Strohm vor der Synode an. »Aber nicht, indem wir uns als die besseren politischen Kommentatoren aufspielen, sondern geistlich.«

Dann tritt er vom Rednerpult, will gehen – und vergisst für einen Moment, dass da noch das Synodenpräsidium mit Blumenstrauß zur Gratulation ansteht. Heinrich Bedford-Strohm ist schon auf Betriebstemperatur. Als hätte er nie etwas anderes gemacht.

Andreas Roth

Nichts ist gut in Syrien

14. September 2013 von redaktionguh  
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Es wirkt wie ein kleines Wunder. Ein amerikanischer Angriff auf Syrien  galt bereits als unvermeidlich, die Uhren liefen bereits rückwärts. Und dann war es eine scheinbar kleine rhetorische Lässigkeit des US-Außenministers – und alles drehte. Herausgabe aller chemischen Waffen gegen Frieden, das ist das Angebot. Russland stieg ein, und Damaskus zeigte sich plötzlich offen.

Sollte da mehr als Zufall im Spiel sein, vielleicht gar ein guter Geist in der Geschichte? Vielleicht. Aber wenn dem so ist, wäre es ein Geist, der zuerst ein paar ­Wahr­heiten aufdeckt. Ein paar widersprüchliche Wahrheiten. Zuerst die, dass noch ganz unklar ist, was wirklich hinter den Giftgasmorden von Damaskus steckt. Dann, dass Russland, wenn es nur will, Assads Regierung zum Einlenken zwingen kann. Dass US-Präsident Obama entgegen aller berechtigten Kritik an Amerika froh wäre, nicht angreifen zu müssen. Und schließlich: dass es so aussieht, als wäre es erst die Androhung von Gewalt gewesen, die nun zu der längst geforderten Auslieferung oder mindestens Überwachung von Chemiewaffen führen könnte.

Ach so, und eine letzte Wahrheit deckt die jüngste Wende im Syrien-Konflikt möglicherweise auch auf: eine Wahrheit über uns. Würden wir westlichen, den Frieden liebenden Beobachter uns jetzt erleichtert zurücklehnen und denken, Frieden ist also doch möglich – wir hätten nicht mehr bewiesen, als dass es uns nur um das Sauberhalten unseres moralischen Vorgärtchens ginge. Das Morden und Foltern und Vertreiben im Lande Assads geht weiter. Nichts ist gut in Syrien.

Wie der Frieden dahin zurückkommen kann – das scheint jenseits jeder menschlichen Vorstellungskraft zu liegen. Immer öfter auch jenseits jeder Hoffnung. Das  große Wunder steht noch aus.

Andreas Roth

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