Drei Damen vom Gerüst

In der Liboriuskapelle Creuzburg wird die Wandmalerei restauratorisch untersucht.

Die Restauratorinnen Elodie Rossel, Antje Möller und ­Nicole Knobloch (v. li.) legen derzeit in der ­Liboriuskapelle Creuzburg eine Musterachse an, um ein restauratorisches ­Konzept erstellen zu können. (Foto: Norman Meißner)

Die Restauratorinnen Elodie Rossel, Antje Möller und ­Nicole Knobloch (v. li.) legen derzeit in der ­Liboriuskapelle Creuzburg eine Musterachse an, um ein restauratorisches ­Konzept erstellen zu können. (Foto: Norman Meißner)

Elodie Rossel, Nicole Knobloch und Antje Möller kommen kaum zum Arbeiten. Durch das Portal der Liboriuskapelle an der historischen Sandsteinbrücke am Ufer der Werra stecken jeden Tag bis zu 100 Neugierige ihre Köpfe. Haben sie einen ersten Blick erhascht, ist das Interesse vollends entbrannt. Immer und immer wieder erklären die drei Damen vom Gerüst den Zweck ihrer Tätigkeit, aber auch Interessantes zur Geschichte der Kapelle in Creuzburg (Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen).
Die drei Diplomrestauratorinnen stehen seit Anfang Juli dicht gedrängt auf einem Baugerüst im Altarraum, um an der Bemalung der linken Wand eine Musterachse anzulegen. »Sie wurde mit ölhaltiger Tempera in Secco-Technik, also auf bereits getrockneten Putz, aufgebracht«, erläutert Antje Möller. An der Wand, an der gegenwärtig gearbeitet wird, sind Szenen aus dem Leidensweg Christi zu sehen. Der rechten Wand sind Szenen aus dem Leben der heiligen Elisabeth vorbehalten. Über der Tür prangt kaum noch sichtbar die Darstellung des Jüngsten Gerichts. »Unsere Musterachse ist notwendig, damit ein ­konservatorisches und restauratorisches Konzept erstellt werden kann«, so Elodie Rossel. Dies sei dann Grundlage für alle weiteren restauratorischen Arbeiten.
Die Malereien, die höchstwahrscheinlich aus dem Jahr 1520 stammen, erscheinen dem Betrachter heute äußerst blass. Das liegt an dem Auftrag verschiedener Schutzschichten bei vorangegangenen Sicherungsmaßnahmen in den 30er, 50er und 70er Jahren. Nun haben die drei Damen eine Lösung gefunden, den alten Dammarharzfirnis, der einst aus ­malaiisch-indischen Laubbäumen gewonnen wurde, schonend von der Wand der Musterachse zu entfernen. Zurück bleibe nur das Original, sagt Rossel.
»Die Malerei wird im Wesentlichen nur gereinigt. Fehlende Teile, die sich aus dem Bildzusammenhang eindeutig rekonstruieren lassen, werden entsprechend punktuell ergänzt«, fährt die junge Französin fort. Große Fehlstellen würden nicht ergänzt und die Formen nicht nachgemalt, um ungewollte Fehlinterpretationen zu vermeiden. Mit Pinsel, Skalpell sowie Injektionsspritze arbeiten sich die drei Damen Zentimeter für Zentimeter vorwärts. Mit der Kanüle und speziellem Kalkinjektionsmörtel werden Hohlstellen hinter dem Putz verfüllt. Jüngere Gipsputze bereiten den Restauratorinnen Probleme. Sie müssen abgenommen und mit Kalkmörtel ergänzt werden.
Der untere Bereich der bis zur Decke reichenden Fläche ist bereits aus konservatorischer Sicht abgeschlossen. Im Mittelteil tritt nun die Malerei deutlicher hervor. Dort sind die drei Damen mit der Retusche weit vorangekommen. Nur die Putzfehlstellen sind noch passend einzufärben. Auch in den nächsten Wochen muss das charmante Trio noch weiter das Gerüst hinaufklettern. Sind sie mit der Musterachse fertig, beginnt der dritte Sanierungsabschnitt (Fußboden und Sockelbereich) mit einem Finanzvolumen von 110000 Euro. Neben der Kirchengemeinde wird diese Summe vor allem durch Städtebaufördermittel und den Förderverein Liboriuskapelle Creuzburg aufgebracht.
Norman Meißner